PSYCHE:
SEELENCULT UND UNSTERBLICHKEITS GLAUBE DER GRIECHEN
Erwin Rohde
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PSYCHE
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PSYCHE
Seeleiicult und Unsterbliclikeitsglaube
der
Grieclien.
Von
Erwin Bolide«
Dritte Auflage. Erster Band.
Tübingen md Leipsig
Verlag von J. a B. Mohr (Paiü Siebeok)
1908.
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Da» SedU der Uebenetnmg m frmäe Bpraehm behäU »kh die VtrlagäMihtmdhm§ vor.
C. A. VacMT^ ünivmttitoiBaeUradncei Im VttSbmg U B.
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Yorbemerknngeii znr dritten Auflage.
Dip iSIittheiliin«,' der verehrten VerlagsbiiclilKiiullung, dass die Exemplare der zweiten Auflage von Rohdes Psyche nahezu Tcrgriffen seien, war eine hocherfireuliche, sofern sie einen neuen Beweis liefert für die andauernde Wirkung dieses monumentalen Werkes, ja für die — trotz allen Banausen- thums und trotz aller FeWer intra und extra ntwot — unaus- löscliliclic Kraft walirhaft classischer Philologie; zugleich aber musste diese Thateache aufs Neue den Schmerz erwecken, dass der Verfasser selbst nicht mehr Zeuge dieses grossen Erfolges sein sollte, nicht mehr selbst, wie bei der zweiten Auflage, zu Nachträgen und Nachbesserungen die Hand an sein Werk legen konnte.
Der Aufforderung, die dritte Ausgabe zu besorgen, war der Unterzeichnete aus nudir als einem (4run<b' nicht im Stande, Folge zu leisten. £r trat aber alsbald mit nahe- stehenden FachgenoBsen, vor Allem wieder mit den GoUegen O. Crusius in Heidelberg und W. Schmid in Tübingen, in Berathung darüber, wie am besten die Herausgabe erfolgen solle. Darüber war er freilich mit sich und mit Anderen von vornherein im Keinen, dass das Buch im Ganzen und Wesent- lichen Töllig unverändert so bleiben müsse, wie es die — im eigentlichsten Sinne — letzte Hand seines Schöpfers dar- geboten hatte. Auch die bereits öffentlich ausgesprochene Aufforderung, es möchte die Gelegenheit einer neuen Be- arbeitung zu einer stärkeren Heranziehung des archäologischen
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Materiulps benutzt werden, Jils der von Robde beliebten, machte ihm nicht aUzu schwere Sorgen: denn Mass und Art der Berücksichtigung archäologischer Quellen und Forschungen -war eine wohlbedachte und woblbewusste, gleichfalls zum Cha- rakter des Oanzen gehörig, den es unter allen Umständen zu wahren galt. Wohl aber mochte es angezeigt erscheinen, das Material überhaupt in ähiilicb autnierksanier und umsichtiger Weise nach dem heutigen »Stand zu vervollständigen, wie dies Bohde selbst in der zweiten Auflage gegenüber der ersten gethan hatte« und dabei natürlich auch inzwischen erschienene» Bohdes Aufstellungen theils ergänzende, theils aucb be- kämpfende Arbeiten — wie die Wolfgang Helbigs und Anderer — gebührend in Ansclilaj; zu bringen. Allerdinjis wäre selbst eine derartig bescbeideue, auf das ^s'othwendigste sich beschränkende Ueherarbeitung, die Hinzufugung von Nachträgen und gelegentlichen Beigaben in knappster Form, eine Aufgabe, die nicht nur umfassende Gelehrsamkeit, feinen Takt und formales Greschick erfordert hätte, sondern auch einen nicht geringen Aufwand von Zeit. Es war daher eine Erleichterung der Frage wenigstens für den Augenblick, dass nach, der Versicherung des Herrn Verlegers durchaus keine Zeit zu verlieren war und das Werk, wie es war, nicht lange auf dem Markte fehlen durfte.
Allein schon dieser Umstand entschied dafür, diesmal wenigstens nur einen nKif^liclist curn'cten Neudruck der zweiten Auflage zu veranstalten und die erwähnten Ergänzungen für eine spätere Gelegenheit zu verschieben.
Der Aufgabe, die genaue Bevision des Druckes zu Uber- wachen, hat sich auf unsere Aufforderung ein dankbarer Schüler und einsichtsvoller Verehrer Rohdes, Professor Dr. Wil- helm Nestle in Sebwäbisch-Hall, mit t'n'udigster Bereitwillig- keit und mit bewährter Sorgfalt unterzogen.
Die Anfangs geäusserte Absicht unseres Herrn Gorreo- tors, eine grössere Einheitlichkeit in der Schreibung der Namen, und zwar mit den griechischen Lauten und Endungen,
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darc^utüliren, konnte ich nicht gutheisseu. Denn Hohde hat bis zuletzt die Ansicht festgehalten, die er in den eben er- scheinenden Briefen an Nietzsche^ auf eine gleiche Absicht und Anfrage des Verfassers der ^G^burt der Tragödie* bei
G^elefrenheit der zweiten Auflage dieser Schrift äusserte, so wenig er diese Ansicht — oder sonst irgend etwas — pedantisch durchführte. Dagegen ärgerte er sich oft und mit Recht über die Pedanterie, die mit griechisch geschriebenem — und dodi dann meist lateinisch betontem — „Aischylos** u. 8. w. strengere Philologie asu Tertreten wfthnt — und dafür um so geringere literarische Bildung, seihst in einer solchen Kleinigkeit und Aeusserlichkeit, verräth — , und die ühohüh mit ihrem „Vergil" denjenigen Anstoss gibt, die sich noch ausserhalb der Philologie für „ Virgil" und seines Gleichen ein Hens und offiien Sinn bewahrt haben; lächelnd billigte er mein Verlangen an solche Pedanten, nun doch auch „Horaz, Lucrez, Proj)erz" u. ä. zu vermeiden und dafür wo- möghch „Horaf' u. s. w. zu schreiben und zu sprechen: denn es steht doch nach Zeit und Art das c (js) für t (k) auf der gleichen Stufe, wie jenes t für e — oder rielmehr ^Virgil, Horaz" u, s. w. smd die für uns Deutsche historisch berech- tigten und allein erträglichen Formen, so gut wie yergüius, Huratins u. s. w. für die Kömer, Virgilct Horace für die Franzosen u. a. m.
Dagegen glaubte ich zwei kleine, gleichfalls äusserUche Neuerungen yeranlassen zu sollen. Einmal wurden die Seiten- zahlen der ersten Ausgabe an den Band gedruckt, da bei der im ersten Theil etwas Terschobenen, im zweiten ganz yer- änderten Paginirung der zweiten Auflage — mit der diese neue natürlicli Seite für Seite übereinstinnnt — das Aufsnclion der so häutigen Citate nach dem ersten Druck immer einigen Zeitrerlust mit sich brachte. Sodann aber schien einige £r-
^ Fricrlricli Xiotz-^clM s liriffwccliscl mit Erwin Rohde, heran s^rf^jobon von Klisabcth FiirstiT-Nii'tzsche und Fritz ScIk'iII (Z^voitor V>:\\n\ der XieUäche-Briefe;, Berliu uud Leipzig, Schuster und LoeÜler 1902, ts. 386 f.
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Weiterung und Vervollständigung des Registers, wie bei der neuen Bearbeitung des lyGriechischen Bomans"» so auch hier wohl angebracht Herr Professor Nestle hat sich auch dieser Mühe unterzogen, und CoUege Orusius hatte die Freundlich- keit, ihn dabei noch etwas zu unterstützen.
Endlich schien es wiinschenswerth und wohlbeiechtigt, das erste Vorwort, das Rohde selbst freilich bei der zweiten Auflage weggelassen hatte, wieder einzusetzen.
Das sind nun so rechte „Revisorbemerkungen** an der Spitze eines Buches, das nicht nur zu den Grundwerken und Hauptwerken der Altertliumswissenschaft gehört und allezeit gehören wird, sondern einen Ehrenplatz in unserer wissen- schaftlichen und selbst schöngeistigen Literatur überhaupt, nach Inhalt und Form, beanspruchen darf. Indessen nur zu solchen bietet eben diese, lediglich „rcTidirte**, Neuausgabe Anlass. Es würde Niemanden mehr als den Unterzeichneten freuen, wenn in absehbarer Zeit ein dazu ln^rufener und aus- en^'ählter Jk'arbeiter, unter pietätvoller Wahning des Rohde- schen Eigenthums, mehr als derartige Aeusseriichkeiten bei einer abermaligen Neuauflage zu bemerken und beizufl^n hätte.
Heidelberg, Oktober 1902.
Frite SehlUL
Vorwort zur ersteu Auflage.
Dieses Buch wiU, indem es die Meinungen der Griechen ▼on dem Leben der menschlichen Seele nach dem Tode darlegt, einen Beitrag zu einer (beschichte griechischer Religion geben. Ein solches Unternehmen hat in besonderem Maasse mit den
Si liwieripjkeiten zu kämpfen, die einer jeden l'ntersuchung des religiösen Gedankeniebeus der Griechen sich entgegenstellen.
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Die griechische Religion, als eine gewordene, nicht gestiftete Beligion, hat den Gedanken nnd Gefühlen, die sie von innen bestimmen nnd nach aussen gestalten, niemals begrifflichen Ansdiiidc gegeben. In religiösen Handlungen allein stellte sie
sich dar; sie hat keine Religionsl)ücher, ans denen der tiefste ' Sinn und der Zusammenhang der Gedanken, in denen der Grieche zu den göttliclien Mächten, die sein Glaube ihm schuf, in Besiehnng trat, sich ablesen liesse. Gedanken und Fhan- tuie griechischer Dichter umspielen den, trotz des Mangels begrifflicher Entwicklung, oderyielleicht eben deswegen, wunder- har sicher hei seiner ursprünglichen Ai*t verharrenden Kern griechischer Volksreügion. Dichter und Philosoplien bieten in dem, was Ton ihren Schriften auf unsere Zeit gekommen ist, die einsigen Urinmden griediischen religittsen Gedankenlebens dar. Sie mussten auch bei der hier unternommenen Forschung auf lange Strecken die Führer sein. Aber wenn auch, in griechischen Lehensverhältnissen, die rclijunösen Anschauungen der Dichter und Philosophon schon an und für sich einen wichtigen Theü griechischer Religion überhaupt darstellen, so lassen sie doch immer nur die Stellung eikennen, die der Ein- sehne, in ToUer Freiheit der Entscheidung, su der Beligion der VSter sich gab. Wohl konnte dieser, soweit es der Gang seiner eigenen Gedanken zuliess, mit (h'r sclilichten Empfindung, die den Volksglauben und die Uaudlungen volksthümlicher eöosßsia gestaltet hatte und bestimmte, sich durchdringen. Und in der That, wie wenig wüssten wir yon den religiösen Gedanken, die dem ^äubigen Griechen das Herz bewegten, ohne die Aussagen der Philosophen nnd Dichter (dazu noch einiger attischer Re(hier), in (h'iieii diese sonst in stummem ({«»fühl verschlossenen Gedanken Stimme gevrinncm. Aber der würde ja stark im Irrthum sein und zu wunderlichen Ergebnissen kommen, der aus dem, was in griechischer Literatur an reli- giösen GManken hervortritt, ohne Umstände eine „Theologie des gi'iechischen Volksglau))ens" herausziehen zu können ver- meinte. Wo literaiiäche Aussagen und Andeutungen uns im
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Stich lassen, stehen wir der griechischen E^ligion und ihren innersten Moti?en nur ahnend gegenüber. Es fehlt ja nicht an Solchen, die ans dem eigenen wackeren Hensen und dienst- williger Phantasie uns allen gewünschten Auischluss herauf- * holen SU können sieher sind; oder die dem alten Gdttorgiauben zu rechter Verdeuthchung die Kefiiingen christlicher Fiüimaig- keit mehr oder weniger harmlos unterschieben. Hiebei wird beiden KeUgioiisweisen Unrecht gethan, und ein Erfassen des inneren Sinnes griechischer Gläubigkeit nach seiner selbst- ständigen Art vollends unmöglich gemacht. Besonders an dem, mehr seihst als er verdiente von der Aufmerksamkeit der Religionstorschung hevorzugten Punkte einer Verschmelzung der Götterverehrung und des Seeleuglaubens, den Eleusinischen Mysterien, hat sich die vollkommene Unerspriesslichkeit der Unterschiebung wechselnder Gedanken oder Stimmungen mo- demer Welt und Oultur für die Aufhellung des inneren Lebens- triebes dieser bedeutungsvollen Culthandlungen wicdtr und wieder gezeigt. Besonders an diesem Punkte hat die gegen- wärtige Darstellung darauf verzichtet, durch Hineinstellung eines selbstgegossenen lichtleins über das ehrwUrdige Dunkel einen zweideutigen Flackerglanz zu verbreiten. Es wird nicht geleugnet, dass es hier, und so in antiker ß^oSßei« an vielen Stellen, ein Tiefstes und licstes gal), das unserer Krkcnntniss sich entzieht Aber das aufklärende Wort, niemals aufgezeich- net, ist uns verloren. Besser als in modernen Schlagworten ein SuiTOgat zu suchen, ist die schlichte Hinstellung der uns be- kannten äusseren Erscheinungen griechischer Frömmigkeit in der scheinhareii Kälte ihrer Tliatsächlichkeit. Es wird liiehei au Anregung zu eigenen Gedanken und Vermuthungeii, die nicht immer sich hervorzudrängen brauchen, nicht fehlen. Die That- sachen des griechischen Seelencultes und des auch nur theilweise seinen innersten Impulsen nach unserem nachempfindenden Ver- ständniss zugänglichen T'nsterblicljkeitsglaubens deutlich heraus- zustellen, nach Urs])rung und Entwicklung, Wandlung und Ver- schwisteniug mit ver\k audten Gedankeurichtungen zu bestimmter
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Anschauung zü brmgen, war die eigentliche Aufgabe. Die ein- nlnen Fäden sehr verschiedener CMankenläufe aus der wirren Yeriieddenmg, in der sie in mancher YorBtellang (und Dar- stellnng) sich indnander verwickeln, herauszulösen und reinlich
nebeneinander laufen zu lassen, schien besonders erforderlich. "Warum diesen AutV:»l»en nicht überall mit gleichen Mitteln, bald in kna])]»erer Ziisauuueni'assung des Wesentlichen, bald in ausführlicher Darlegung und weiter ausgedehnter, bisweilen scheinbar selbst fernhin abschweifender Verfolgung aller Zu- sammenhänge nachgegangen worden ist, wild Kennern des Ge^nstandes leicht verstündlich sein. Wo einmal tiefer in die übertiiessende Fülle der Einzelthatsachen eingegangen worden war, bot sich in den „Nachträgen'* (S. 692 ff.) Gelegenheit, die (freilich immer nur relative) Vollständigkeit der Darstellung sra erganzen. Hiera gab die lange Frist, die zwischen der Ver- öffentlichung der zwei Abtheilungen dieses Buches lag, die Möglichkeit. Die erste Hälfte (bis 8. 294) ist schon im Früh- jahr 189(> ausgegeben worden, die Vollendung des Lebrigen hat sich unter ungünstigen Umständen bis heute hinausgezogen. Die bdden Theile Hessen sich, so wie geschehen, gesondert halten: ihre Themen gehen in der Hauptsache nach den zwei, im Titel des Buches bezeichneten Seiten des ..Seelencultes'* und des „Unsterblichkcitsglaubrns'" auseinander. iSeelencult und Unsterblichkeitsglaube verschlingen sich wohl zuletzt an einzelnen Stellen; aber sie nehmen ihren Ausgang yon yer- schiedenen Punkten und gehen zumeist gesonderte Wege. Der ünsterblichkeitsgedanke insbesondere geht aus von einer be- geisterten Anschauung, der die Seele des Menschen als den ewigen (iüttvni verwandtschaftlicli nahesteliend, ja wesens- gleich sich offenbart, und gleichzeitig die Götter als der Seele gleich, d. h. als freie, des Körperlichen und Sichtbaren nicht bedürftige Greister (diese Veigeistigung des Götterglaubens, nicht eigentlich, wie Aristoteles in jenen merkwürdigen Aus- fidirungen bei Sext. Empir. «-/(/f. /^/^//A. III 2n ff. iinniinmt, der Göttergiaube überhaupt, hat seinen Ursprung in dem, was die
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Seele xaö-' iaonjv, frei geworden vom Leihe, in evdoo(3iot'3|i,o{ und (lavTstat von ihrer Gottnatur selbst erfahrt). Das führt weit ab Ton den Vorstellungen, die dem Seelencult zu Grunde liegen.
Einen Uebelstand, den ich die gUnstigen Leser (deren die erste Hälfte des Buches, wie ich dankbar anzuerkennen habe, eine grosse Zahl gefunden hat ) entsehuldigend liinzunelinien l)itte, hat die Ausgabe des Buciies in zwei Hälften nach sich gezogen. Die sechzehn Excurse des Anhangs, die in der ersten Hälfte angekündigt sind, haben, als in der zweiten Hälfte der Um- fang des Buches über Vermuthen angewachsen war und das jiitpov aßrapxsc fast schon tiberschritten hatte, nicht mehr aus- geführt werden können. Das Bueli vertrug keine wt-itere Belastung. Die Excurse werden, soweit sie noch ein selb- ständiges Interesse darbieten, an anderer Stelle eine Unter- kunft finden. Das VerstSndniss des Buches selbst wird durch das Fehlen dieser, als wahre Abschweifungen gedachten Aus- führungen nirgends beeinträchtigt
Heidelberg, 1. Nor. 1893.
Erwin Bohdo.
Vorwort zar zweiten Auflage.
Die zweite Auflage dieses Buches hat mir willkommenen Anlass geboten, an vielen Stellen die Darstellung genauer und treffender zu fassen, f^her üebersehenes oder Uebergangenes
einzufügen, manche ahweieliende Ansichten, die sicli mittler- weile geltend gemacht hatten, zustinnuend oder abwehrend zu berücksichtigen. Die Polemik ist jedoch in engen Grenzen gehalten und auf Punkte von geringerer Bedeutung (und dort auf Einwendungen von grösserer Erheblichkeit) eingeschrSnkt geblieben. Die Anlage und — wenn ich so sagen darf —
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der Styl des ganzen Bachee forderte im Weeentlichen ttberaU, und in den grossen Hanptlinien der DarsteUnng am meisten, eine rein positiTe Hinstellung meiner Erkenntnisse und An-
sichU'n. Dieser Hinstellunj; ging Vx'greifliclier Weise im (tI eiste des Autors eine polemische Auseinandersetzung mit den vielen und maonichfachen über die hier behandelten Qegenstände ?on Anderen Torgebrachten Meinungen und Lehren voraus, die er sdneraelts ablehnen musste. Solche Polemik liegt durchweg dem Buche zu Grunde, allermeist freilich nur in latentem Zu- stande, l'nd hiebei habe icli es aucli in dieser neuen Bearbei- tung des Buches bewenden lassen wollen. Da weder eigene Ueberlegungen noch fremde Einwendungen midi an der Ueber- aeugnng Ton der Haltbarkeit meiner nicht ohne Arbeit und vieles Hinundherdenken aufgestellten und zu gegenseitiger Be- festigung und der entlliclien EiTirbtinig eines (lanzen fest in- einandergreifenden ^leinungen irre gciiiac Iii haben: — so durfte ich an allen Hauptpunkten meine Darstellung unverändert be- stehen lassen. Ich vertraue darauf, dass sie, auch ohne weitere Vertheidigungswerke von meiner Hand, ihre Rechtfertigung und ihren Schutz in sich selber trage.
Auch in der Anlage un»l Ausführung des (ianzen und seiner Tlu ile ist nichts geändert worden, und nichts entfernt: för den Plan, dem ich au folgen mir vorge^Betit hatte, ist nichts Entbehrliches in dem Buche enthalten. Dieser Plan ging nun freilich ersichtlich nicht dahin, in einer compendiösen Zusammen- packung eilig Vorül)erstreieiieii(b'n das Xotlidürftigste über Seeleucult und Unsterblicbkeitsghiul^en der Griechen darzu- reichen. Ein solcher Eilfertiger, der sich selbst zum Becen- senten meines Buches — wer weiss, warum — besonders geschickt erschien, hat mir in aller Treuherzigkeit angesonnen, von dem ihm nicht weiter dienlichen üeberfluss bei einer gütigst in Aussicht gestellten zweiten Auflage das Meiste über Bord zu werfen. Diesen Gefallen habe ich ihm nicht tbun können. Ich habe mein Buch für gereiftere, der Schule und den Handbüchern entwachsene Leser geschrieben, die den
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Plan und äinn, ans denen ich weite Gebiete der Literatur* gesdiid&te und der CultnrgeBchichte in meine Betrachtung zu ziehen mich bestimmt sah, zu fassen und zu würdigen yer-
stünden. Solchor Leser hat die erste Auflage eine grosse Zahl gefunden; ich (hirf das Gleiche dem nun emeueten Buche wün- schen und erhoffen.
In der neuen Bearbeitung ist das Werk, leichterer Be- nutzung zuliebe, in zwei Bände (die den zwei Abtheilungen, in denen es ehemals- ausgegeben war, entsprechen) getheilt worden. — Es war mir naliefjelofrt worden, von dem Text die unter ihm stehenden Anmerkungen zu trennen und diese in einem he- sonderen Anhang zu yereinigen. Ich habe mich aber nicht eotschliessen können, dieser modischen Einrichtung, die mir fiberall, wo sie mir in Büchern der letzten Jahre begegnet ist, überaus unzweckmässitj und der ungestörten Aufnahme des Textes, der sie dienen will, gerade hesonders hinderlich er- scheinen wollte, bei mir Raum zu geben. Selbständig luit- arbeitende Leser werden ohnehin eine Trennung des Beweis- materials Ton den Behauptungen des Autors nicht wünschens* Werth finden. Es hat sich aber, zu meiner besonderen Freude, auch die Theilnahme zahlreicher Jjeser aus nicht zünftig j)hilo- logischen Kreisen dem Buche zugewandt, die doch durch die stellenweis etwas abenteuerlich pedantische Breits])urigkeit der unten munkelnden „Anmerinmgen** nicht weiter sich in der Aufineriraamkeit auf die helleren Töne des oberen Textes müssen gestört gesehen haben. So habe ich nur eine kleinere Anzahl zu besonderer Helbständigkeit ausgewachsener Anmerkungen in den „Anhangt jedes der zwei Bände verwiesen.
Heidelberg, 27. November 1897.
Erwin Bolide.
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Inhalt 1. 11 11 U X II* |
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Seite V |
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Seelensrlaube und Seclencult in deu iaomerischen Gedichten . . . . |
XII 1 |
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fi8 |
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Iii |
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14« |
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Der Seek'ucult |
2fX) |
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204 |
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IT. Pflege und Veifliiuiif,' der Todtcii |
216 |
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TTT. Klom^nt/i Hm Slf>Ali>nr>iilti>N in d«r Hliit,rAf>h(> und MorilKÜhiiP |
259 |
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279 |
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VorsU'lliiiif^cu von dem Leben in» Jenseits |
301 |
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320 |
(Heiligling der durch Blitz Getödteten 320. — nay/aXta^iög 322. — a^'jfj'co'.^ &Y«}i.ot, Danaiden in der Unterwelt 326—329.)
1
Seelenglaube und Seelenenlt in den homerischen Gedichten.
L
Der unmittelbaren Empfindung des Menschen scheint nichts i
so wenip einer Erklärung oder eines Beweises l)e(lürfti^, nichts so sfll)stverstiliHllich wie die Krsclu'iinui^' ilo Lelirns, dir That- sacLe seines eigenen Lehens. Dagegen das Autiiüren dieses so selbstTerständlichen Daseins erregt, wo immer es ihm vor Angen tritt, immer aufs Neue sein Erstaunen. Es giebt Völker- stämme, denen jeder Todesfall als eine willkürliche Verkürzung des Trebens erscheint, wenn nicht (hu'cli otl'ene (iewalt, sc» (hu'cli vrrstecktf Zau])enna( ht hj-rhei-^cfülii-t. So unfasshar l)h'iht ilmen, dass dieser Znstimd des Lebens und Helbstbewusstseius von selbst aufhören könne.
Ist einmal dam Nachdenken über so bedenkliche Dinge erwacht, so findet es bald das Leben/ eben weil es schon an der Schwelle aUer KnipfiiHhin«; luid Krl'alirun^ steht, nicht weniger räthseliiat't als den Tod, his in dessen Bereicli keine Erfahnnig führt. Es kann l>egegnen, dass bei allzu langem Hinblicken Licht imd Dunkel ihre Stellen zu tauschen scheinen. Ein griechischer Dichter war es, dem die Frage aufstieg:
WfT wt'i.Ns (It'iiii, ol) tias L«'ltoii ui' lit l iii S(('iIm ii ist, und, was wir .Sterben nciuieu, drunten Leljeu lieisst? — Bobde, Peyche I. 8. Anfl. 2
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2 —
Von >ol( liei- iiiü<l('ii \\'<'i>lM'it und ilirt ii Zweifeln fin«len wir das Griocheiitüuni nocli weit entternt da, wo es zuei*i>t, aber schon auf einem der Höliepuncte seiner Entwicklung, zu uns • redet: in den homerischen Gedichten. Mit Lebhaftigkeit redet der Dichter, reden seine Helden von den Schmerzen und Sorgen 2 lies Tj<'l)ens in seinen einzelnen Wei'liselt'ällen, ja nach seinei" gesannnten Anlaize; denn so haben es ja die (TÖtter beselueden den armen Menschen, in Mühsal und I^eid v.n leben, sie selber aber sind frei von Kummer. Aber von dem Leben im Ganzen sich abeuwenden, kommt keinem homerischen Menschen in den Sinn. Von dem Glück und der Freudigkeit des Lebens wird nur darum nicht ausdriu klieli jjjeredet, weil sieh das vf)n sen)st verstellt bei einem rüstigen, in aufwärts steigender Bewegung begriffenen Volke, in wenig \erschlungenen VerhültnisHen, in denen die Bedingungen des Glückes in Thätigkeit und Genuss dem Starken leicht zufallen. Und freilich, nur für die Starken, Klufien und Mächtigen ist diese homerische Welt eingerichtet. Jjeben und Dasein auf dieser Krde ist ihnen so gewiss ein Gut, als es zur Erreichung aller ein/einen (iüt<'r unenti)ehrliche Bedingung ist Denn der Tod, der Zustand, der nach dem Leben folgen mag — , es ist keine Gefahr, dass man ihn mit dem Leben verweclisle. Wolle mir doch den Tod nicht weg- reden'*, so würde, wie A( hill im Hades dem Odysseus, der home- rische Mensch jenem grid)elnth'n Dichter antworten, wenn er ihm den Zustand nach Ablauf des Erdenlebens als das wahre Leben vorspiegeln wollte. Nichts ist dem Menschen so ver- hasst wie der Tod und die Thore des Hades. Denn eben das Leben, dieses liebe Leben im Sonnenlichte, ist sicher dahin mit dem Tode, mag nun folgen was will.
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Aber was folgt nun? Was geschieht, wenn das Leben
für immer aus dem entseelten Leil)e entweieht?
Befremdlich ist es, dass neuerdings hat behauptet werden
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können \ es zeige sich auf irgend einer Stufe der Entwicklung homerischer Dichtung der Glaube, dass mit dem Augenblick des Todes Alles zu Ende sei, nichts den Tod ttberdaure. Keine
Aussafxc in lU'ii beiden honierisehun ( ic» Hellten (etwa in deren ältesten Theilen, wie man meint), ancli nicht ein beredtes Still- schweigen l)erechti«it uns, dem Dichter und seinem Zeitalters eine solche Vorstellung zuzuschreiben. Immer wieder wird ja, wo Ton eingetretenem Tode berichtet worden ist, erzählt, wie der noch immer mit seinem Namen bezeichnete Todte, oder wie dessen ^Psyche" enteile in das Haus des Aides, in (bis Keieb des Aides und der ;<:rau8en Persephoueia, in die unter- irdische Finstemiss, den Erebos, eingehe, oder, unbestimmter, in die Erde versinke. Ein Nichts ist es jedenfalls nicht, was in die finstere Tiefe eingehen kann, Uber ein Nichts kann, sollte man denken, das Götterjiaar dninten nicht herrschen.
Aber wie bat man sieli (bese I*s vc Ii e*" zu «lenken, die, bei Leibosleben unbemerkt geblieben, nun i-rst, wenn sie „ge- löst*" ist, kenntlich geworden, zu unzähligen ihresgleichen ver- sammelt im dumpfigen Reiche des „Unsichtbaren" (Al[des) schwebt? Ihr Name bezeichnet sie, wie in den Sprachen vieler anderer Völker die Benennungen der „Seele", als ein Luft- artiges, Haucliartij;es, im Atbem des li<'bemh'n sicli Kund- gel)endes. Sie entweicht aus dem Munde, auch wohl aus der klafi'enden Wunde des Sterbenden — und nun wird sie, frei geworden, auch wohl genannt „Abbild'* (ttStoXov). Am Rande des Hades sieht Odysseus schweben „die Abbilder derer, die sich (im Leben) «^emiUit haben'*. Diese Abbilder, körperlos, den» (iriti'e <b's Lebenden sicli entzieliend, ww » in Kaucli (II. 23, ino), wie ein Schatten (Od. 11, 207. K), 41*5), müssen w(»hl die Umrisse des einst Lebenden kenntlich wiedergeben: ohne Weiteres erkennt Odysseus in solchen Schattenbildern seine Mutter Antikleia, den jüngst verstorbenen Elpenor, die voran- gegangenen Geführten aus dem troischen Jvriey;e wieder. Die
* B. Ksmmer, Ihe EinheU dar Odystee, S. 510 ff.
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Psych« des Patroklos, dem Achilleus nächtlich erscheineudy gleicht dem Verstorbenen völlig an Grosse und Grestalt und am Blicke der Augen. Die Art dieses schattenhaften Eben- bildes des Menschen, das im Tode sich von diesem ablöst und schwehend enteilt, wird man am ersten verstellen, wenn mau sicli khir macht, welche Ei^enschaft^'n ihm nicht zukommen. Die Psyche nach homerischer Vorstellung ist nichts, was dem 4 irgendwie ähnlich wäre, was wir, im Gegensatz zum Köiper» Geist" zu nennen pHepen. Alle Functionen de« menschlichen ^(M'iste>" im weitest«'n Sinne, für die es dem Ditiiter an mannicht'achen Beneuuungen nicht fehlt, sind in Thäti^'keit, ja sind möglich, nur so lange der Mensch im liehen steht. Tritt der Tod ein, so ist der volle Mensch nicht länger bei- sammen: der Leib, d. i. der Tjeiclinam, nun „unempfindliche Erde" geworden, zerfallt, die Psyche bleibt unversehrt. Aber sie ist nun nic iit etwa Ber^'erin (l<'s „(Jeistes" und seiner Kräfte, nicht mehr als der Leichnam. Sie heisst hesinnunjzslos, vom Ueist und seinen Organen verlassen; alle Kräfte des Wollens, Em- pfindens, Denkens sind verschwunden mit der Auflösung des Menschen in seine Bestandtheile. Man kann so wenip der Psyche die Kitienschaften des .,(Teistes" zuschreil)en , dass man viel eher von einem Gef^ensatz zwischen Geist und Psyche des Menschen n*den könnte. Der Mensch ist lehendiir, seiner selbst bewussty geistig thätig nur so lange die Psyche in ihm ver- weilt, aber nicht sie ist es, die durch Mittheilung ihrer eigenen Kräfte dem Menseben Leben, Bewti8st«Jein , Willen, Erkennt- nissvfnnr»<,M'n verleiht, sondern während dt-r \'ereini<;unf^ des lebendigen l.riln's mit seiner Psyche liefen alle Kräfte des Lebens und der Thätigkeit im Bereiche des Leibes, dessen Functionen sie sind. Nicht ohne Anwesenheit der Psyche kann der Leib wahrnehmen, empfinden und wollen, aber er übt diese und alle seine Thiitijjkeiten nicht aus durch die oder ver- mittelst der Psvclie. Nirgends schreiljt Homer der Psvche s(dche Thätigkeit im lebendi^'en Menschen zu; sie wird überhaupt erst genannt, wenn ihre Scheidung vom lebendigen Menschen bevor-
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steht Oller geschelien ist: als sein Scliattenbild überdauert sie ihn und alle seine Lebenskräfte.
Fragt man nun (wie es bei unseren homerischen Psycho- logen üblich ist), welche», bei dieser räthselhaften Vereinigung
eines lebendigen Leibes un<l seines Al)l)il(les, der Psyelie, der „eigentliche Mensch" sei, so gieht Homer freilich wid<'i>ijiruchs- volle Antworten. Nicht selten (und gleich in den ersten \'ersen der Ilias) wird die sichtbare Leiblichkeit des Menschen als «Er 6 selbst** der Psyche (welche darnach jedenfalls kein Organ, kein Theil dieser Leiblichkeit sein kann) entgegengesetzt'. Anderer^ seits wird auch wohl das im Tode zum Reiche des Hades Forteilende mit dem Eigennamen des Lehenilen, als „er selbst", bezeichnet ^, dem Schattenbild der Psyche also — denn dieses allein geht doch in den Hades ein — Name und Werth der vollen Persönlichkeit! des „Selbst** des Menschen zugestanden. Wenn man aber aus solchen Bezeichnungen geschlossen hat,
entwe<ler dass „der Leib", oder dass vielmehr die Psvche der „eigentliclu' ^Mensch" sei', so hat man in jedem Falle (he eine Hälfte der Aussagen unbeachtet oder unerklärt gelassen. Unbefangen angehört, lehren jene, einander scheinbar wider- sprechenden Ausdrucksweisen, dass sowohl der sichtbare Mensch (der Leib und die in ihm wirksamen Lebenskräfte) als die diesem innewohnende Psyche als das ^Selbst** des ^lenschen be- zeichnet werden köunen. Der Mensch ist nach houien»cher
* Bei»piel»wei!<»' II. 1, 3: roX/.öt; vi^'iko'ji -^oya^ (xB^aXd{, nach II. 11, 55, Vfirschnt'll A]»ol|ouius Hlmd.) "A:?-. rroola'vsv Y^otuiov a'jto'j? -t'uity.'x TsO/E xr/»5-'.. II. 23, lo5: rawi/ir^ y'^? H'/tpoxAt^O^ 8t'./.OiO •J>oj^Tj i'ft'STr^v.t:, — i'y.Tio O-s^xs/.ov a'jttü (vgl. HH).
■ Bei»pielb weise Ii. 11, 2H2: fvfr* *Avrf,vopo? oU^ du' 'Atpii^ig ,Vz3i*/.-r|'. «4t|iov ftvaiicX'V}3«VTt( fSov ^6|j.ov "AlZoi tlsto. Die 4* ^ '/. Elpenor, dann des Tiresias, seiner Mutter, des Agamemnon n. s. w. redet in der Xekyta Odyssens ohne Weiteres an als: *EXr9jvop, Tttptatt), ^^»p •^•^i n. 8. w. Weiter yg^ Wendungen, wie II. 98, 244: S »sv «&t&{ rftS*
xt'i^M'xfi'., II. 16, 951 y.'/l :y<"T' •tpdfLiqv v«xo«c *^ 8d»|i' *Atdao ^Iftot*. x4>i' il-.-i^'f. — , auch II. 14, 466 £. u. ». w.
' I>ie erste Meinung ist diejenige Nügeisbachs, die andere vertritt (irüleineyer.
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Anffjisjsung zweimal da, in seiiuT walirnelinibareii Erscbeiiuuig und in seinem unsiclitbaren Abbild, welches frei \vird erst im Tode. Dies und nichts Anderes ist seine Psyche.
Eine solche Vorstellung» nach der in dem lebendigen, toU beseelten Menschen , wie ein iremder Gast, ein schwächerer l)()j)j)elgänger, sein anderes Ich, als seine ..Psyche" wohnt, will uns freili('l) sehr Iremdartig ei*scheinen. Aber genau dieses 6 ist der Glaube der sogenannten „Naturvölker** der ganzen Erde', wie ihn mit eindringlicher Schärfe namentlich Herbert Spencer ergründet hat Es hat nichts Auffallendes, auch die Griechen eine Vorstelhingsart. theilen zu sehen, die dem Rinne uranfang- licher ^fenschhcit so naln' liegt. Die Beohaclitungen , die auf dem Wege einer ])hantastischen Logik zu der Annahme des Doppellebens im Menschen führten, können der Vorzeit, die den Griechen Homers ihren Glauben fiberlieferte, nicht femer gelegen haben als anderen Völkern. Nicht aus den Er- schrinnn^^en dvs KiiijdiiKicns, Wollcns, Walirnchnirns und Denkens im wachen und liewussten Menschen, sondern aus den Erfahrungen eines scheinbaren Doppellebens im Traum, in der Ohnmacht und Ekstase ist der Schluss auf das Dasein eines zwiefachen Ijebendigen im Menschen, auf die Existenz eines selbständig ablösbaren .,Zweiten Ich" in dem Innern des täg- licli sichtbaren Ich gewonnen worden. Man Inire nur die Worte eines griechischen Zeugen, der, in viel s])äterer Zeit, klarer als Homer irgendwo, das Wesen der Psyche ausspricht und zu* gleich die Herkunft des Glaubens an solches Wesen erkennen lässt Pindar (fr. 131) lehrt: der Leib folgt dem Tode, dem allgewaltigen. Lebendig aber bleibt das Abbild des Lelxnulen ( ..denn dieses allein stammt von den ( iottcni" : das ist freilich nicht homerischer Cxlaube), es schläft aber (dieses Eidolon), wenn die Glieder thätig sind, aber dem Schlafenden oft im
' Auch der civilisirten Vrilker alter Zeit. Nichts anderes als ein s<»lches, (las sichtbare Ich «les Menschen wiederholendes tioojXov und zweites Ich ist, in seiner ur8))rüuirH< li«>n Bedeutung, der genias der Römer, die Fravaschi der Perser, das Ksl der Aegypten
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Traume zeigt es Zukünfti^rcs. — Deutlicher kann nicht gesagt werden, dass an der Thätigkeit des wachen und vollbewussten Menschen sein Seelenabbild keinen Theil hat Dessen Beich ist die Traumwelt; wenn das andere Ich, seiner selbst unbewusst,
im Schlatt' lic^'t, warlit iiii<l wirkt der Doitpi'IjjiiuL'fi-. In dt^r Tliat, während der Leib des SehUil'eudeii unhewi'ghch vi rliarrt, sieht und erlebt Er selbst, im Traume, Vieles und Seltsames — Er selbst (daran kann er nicht zweifeln) und doch nicht sein, 7 ihm und Anderen wohlbekanntes sichtbares Ich, denn dieses lag ja wie todt, allen Eindrücken unzupänjjlich. Es lebt also in ihm »'in z\v('it«'s Icli, das im Traunir thätiü: ist. Dass die Traunierlebnisse thatsäcldiche Vorgiluge sind, nicht leere Ein- bildungen, steht auch für Uomer noch fest. Nie lieisst es bei ihm, wie doch oft bei späteren Dichtem, dass der Träumende dies und jenes zu sehen „meinte": was er im Traume wahr- nimmt, sind wirkliche Gestalten, der Grötter selbst oder eines Tranmdämons , den sie al»send<'n, odn- eines tlücliti^^rn „Ab- bildes" (Eidolon), das sie für den Augenblick entstehen lassen; wie das Sehen des Träumenden ein realer Vorgang ist, so das, was er sieht, ein realer Gregenstand. So ist es auch ein AVirk- liches, was dem Träumenden erscheint als Gestalt eines jüngst Verstorbenen. Kann diese Gestalt dem Träumenden sich zeif?en, so ninss sie clx-ii aucli nocli vorhanden sein : sie überdauert also den Tod, aber freilich nur als ein luftartigcb Abbild, so wie wnr wohl unser eigenes Bild im Wasserspiepfel * «jeselien haben. Denn greifen und halten, wie einst das sichtbare Ich, lässt sich dieses Lnftwesen nicht, darum eben heisst es „Psyche**. Den uralten Schluss auf das Dasein solches Doiipcljränf^ers im Meiix lii'U wii'dcrliolt, als d»M- todt«' Fn-uml ihm im Traume erschieueu und wieder eutsch wunden ist, Achilleus (II. 23, lU3f.j:
* 6«ott^<« (seil. Homer) tot« 4**X^C tlScuXotc tolc iv toi; k«<c*
oö^s^lav v/t: ävtiÄY^'|tv xal ä^t^v. AppuUodor. r. O-tütv bei Stohaeut», Eel. 1, p. 420 W.
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ilir (iöttcr, so l)K'il»t (leim wirklich am-li nocli in des H.'i(le>i Beliaiisun;^ vinv PsvcIk^ und ein Schatteiiliild (des Menschen), doch es felilt iliin das Zwerchtell (und damit alle Kräfte, die den sichtbaren Menschen am Leben erhalten).
Der Träumende also und was er im Traume sieht, be- stäti^'t das Dasein eines für sich existirenden zweiten Ich*. 8 Der Mensch uiaclit al)er auch die Erfalirung, (hi>s sein Ticil) todesähnlicher Eistarrung verfallen kann, ohne dass Traum- erlebnisse das zweite Selbst beschäftigten. In solcher «Ohn- macht'' hat nach griechischer Vorstellung und homerischem Ausdruck „die Psyche den Leib verlassen***. Wo war sie? Man weiss es niclit. Aber sie kommt für dieses Mal noch wieder, und mit ihr wird ^der Geist in das Zwerchfell wieder versammelt'*. Wird sie einst, im Tode, sich für immer von dem sichtbaren Leibe trennen, so wird also diesem der „Greist** niemals wiederkehren; sie selbst', wie sie damals, zeitweise vom Leibe getrennt, nicht unterging, wird auch dann nicht in Isichts zeiHiesseu.
3.
Soweit gehen die Erfahrungen, aus denen eine Urwelt- logik überall die gleichen Folgerungen gewonnen hat Nun
aber: wohin entfliegt die frei gewordene Psyche? was wird
' <'i( <'n», de divin. I, § H3: iacet corpus dormieuiia ut moriuij
vigtt autcm et ca'it auiwus. ijuitd niullo rnnt/is fuciet post mortem, etii/j omnhio corpore e.rresserit. / i(S( ul. I, 1; ifM ; risis qtiilnisdtnii soepe rnnrc- hdutiir eif^tjue maxime uocturuis , ut ridrrt'Ktiir ei qui rita excesseratd vivere. Hier lindet luun durch imiumi iiniikeu Z»'uy;«'n das suljjektivo und das objectivc Kleincut des Traumes in seiuer Bedeutuug für die Ent- stehung des Seelenglaubens treffend bezeichnet
* t&v iUie» ^oY.'h «t^^ ^ffvuv9ii) IL 6, 6fN)f. rr^v Ik nat'
— irA o&v £)MevoTO «od <ppiva ^o^Jki iefi^^^ — . IL 23, 466ff. 476.
Sehr nirrkwürdijr II. 5, 696 ff. Od. 24, 348: ano-irj/ovra.
^ Villi dem suspirium (= /.s'.no'{<y/'a) redend, sagt Seneea, epint, 54,2: medici haue ,,medttntionem mortis" voeant. faciet enim aliqwmdo spirUus üUj quod saepe conatus ettt. ^
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9
mit ihr? Hier hej^inut the umUscorereU cmtntrii, uiul es kann scheinen, ab liefen an ihrem Eingang die Wege völlig anaeinander.
Die „Naturrölker'- i)H<',ir<*n den rom Leibe getrennten „See- leu" eine .uewalti};e, unsi( litl)ar zwar, alxT iiiii so schreckliclu-r wirkende JMacht zuzustlireibeii, ja sie leiten zum Tlieil alle unsiclitbare (nnvalt von den „Seelen** ah, und sind an^'stvoU bedacht) durch möglichst reiche Gaben das Wohlwollen dieser mächtigen Geisterwesen sich zu sichern. Homer dagegen kennt keine Wirkung? der Psychen auf das Reich des Sichtbaren,» daher aufli kaum irj^end einen ( 'ult derseliien. ^^'ie s<dlteu auch die Seelen (wie ieh nunmehr wohl, ohne Mibsvei'üUindniss zu befürchten, sagen darl) wirken? 8ie sind alle versamm^t im Beiche des A'ides, fem Ton den lebenden Menschen, Okeanos, Acheron trennt sie von ihnen, der Gott selbst, der unerbittliche, unhezwin^dielie Tliorhüter, hält sie fest. Katun dass «'inmal ein Marehenheld, wie Odysseus, lehend l>is an den Ein^^anj^ des ^.nan>igeu Keiclies gelangt; sie selbst, die Seelen, sobald sie den f luss überschritten haben, kommen nie mehr zurück: so versichert die Seele des Patroklos dem Freunde. Wie gelangen sie dahin? Die Voraussetzung scheint zu sein, dass dir Seide heim Verlassen des L»Ml)es, wiewohl unfern, ..ihr Geiichick bejammernd'*, doch ohne alle l'mstände zum Hades entschwebt, nach Vernichtung des Leibes durch Feuer für immer in den Tiefen des Erebos Terschwindet Ein später Dichter erst, der der Odyssee ihren letzten Abschluss gab, heduHte des Hermes, des „Seelengeleiters". Ob das eine Ei-tindung jenes JJichters oder (was viid wahrseheiidielier ist) nur eine Entlehnung aus altem Volksglauben einer einzelnen Gegend Griechenlands ist: gegenüber Homers festgeschlos- senem Vorstellungskreise ist es eine Neuerung, und eine be- deutungsvolle. Schon beginnt man, scheint es, an derNoth- wtndiirkeit des Hinabschwehcns aller Seelen in d.is Haus der Liisichtbarkeit zu zweileln, \vei.st ihnen einen gi»ttli(litn Geleitsmann an, der sie durch magisch zwingenden „Abruf'*
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(Od. 24, 1) und die Kraft seines Zauberstabes ihm zu folgen nöthigt^
10 Drunten, im duiiii)figen Höhlenbereich, schweben sie nun,
l>p\vusstl()s, oder liörlistt-ns in (liiiniiu'rndt'in HMll)lM'\vuNstsfiii, mit hiilber, zirj)en(ler Stimmt' he^^iht, sclnvuch, j,'leifh{?ültij?: natürlich, denn Fleisch, Knodien uiul Sehnen ^ das Zwerchfell, der Sitz aller Gastes- und Willenskräfte — alles dieses ist dahin; es war an den jetzt Temichteten, einst sichtbaren Doppel- pinper der Ps\ clic fr('l)iin(len. Von einem ^unsterblichen Leben** dieser Seelen zu reden, mit nlt«'n und neueren (Jelelirten, ist unrichtig. Sie lehen ja kaum mehr als das Bild des Lebenden im Spiegel; und dass sie ihr schattenhaftes Abbilddasein auch
' Kirn' <'i;:<Mitliiunli<*lu' Voi>t*'lluii<; schiiniiH-rt ilnrch in v'uwr AVen- dang wie Od. 14, 207: y,io: töv K-rjps^ s,Vzv &fxvüxo:o :pepoü3'»t 8t{
*AV6wo dojjiou;. \'gl. II. 2, 302. Die Kereu bringen sonst dem Menschen den Tod; hier geleiten sie (wie nach spftterer Dichtung Thanatos selbst) den Todten in das Reich des Hades. Sie sind Hadesdämonen, nach ur- sprünglicher Bedeutung selbst dem Leben entrissene „Seelen'* (s. unten); es ist eine wohlverstätulliche Voristcllung, dass solche Sedengeister, hcninischwebend, ausfalin>ni1e Seelen eben gestorbener Menschen mit sich fnrtraH'on 7.\\m Sooh-ineiclu'. AIkt bei HonuT ist von einer solclu ii Yor- stt lliui«: nur in einer fest^eprägtcn Redensart eine blasse Eriuneruug erhait<Mi.
* V«»n den T<>dt«n Od. 11, 2l}<: o') fti adpxa; ts xai oaxia Ivt? v/iooT,v. Die Worte lifs^en sich ja, rein der Ausdrucksf<»rm nach, auch dahin verstehen, dass den Todten zwar Sehnen, W«, blieben, aber keine Fleischtheile und Knochen, welche dundi die Sehnen ansammengehalten werden könnten. Wirklich f asst so die homerischen Worte Naock aal, M(L GHcorom. IV, p. 718. Aber eine Vorstellnng von solchen „Schatten**, dio >^war Sehnen, aber keinen aus Fleisch und Knochen gebildeten Leib tialx'n, wird sieh Niemand machon k(">nnen; um uns /n überzeugen, dass Aeschylus aus den honierisclien Worten eine so unfassbaro Vorstellung ^.'ewoniien lial"', «genügen die verdi iiit und au'-^erlialb ihres Z)isK!nnu'n- han}.'es iilieriieferfen "Worte des Fr!i>^ni. 'J'JU kt int nf alls. I)ass der l>i<'liter jenes Verses d<'r Nekyia nichts anderes sa^^en \V(dlte, als: Fleisch, Knoeheu und Sehnen, die diese zusammcuhalteu könnten — Alles int vernichtet, zeigt hinreichend die Fortsetzung: &aX& ta {ilv tt icupö; xpattpöv }x{vo<; •Mfl^iuvote tajiv^, iictl «t «pcbT« Xxwq Xtäx* hoxh. d'0)i6(, ^u/j^ ^j" -rj^x' ovtipo; '3(«o]CT«{ilvY) icsa6rr}Ta!. Wie sollte denn das Feuer die Sehnen nicht mit verzehrt haben?
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. 11 -
nur ewig forttuhren werden, wo stünde das bei Homer? Ueber- dauert die Psyche ihren sichtbaren Genossen, so ist sie doch kraftlos ohne ihn: kann man sieh vorstellen, das» ein sinnlich
eiiiI>tin(lrn(U*s \'<»lk sicli di»» »-wi^ gedacht hal^', denen, wvun eiiiiuiil die Ik'stattutig beendigt i»t, weiter keinerlei ab ruug (im Cultus oder sonst) zukommt und zukommen kann? —
So ist die homerische helle Welt befreit von Nacht- gespenstem (denn selbst im Traume zeigt sich die Psyche nach der Verbrennung? des Leibes nicht mehr), von jenen unbegreif- lich spukhaft wirkend» !! Se»'It'!!;;« i>t«'i'n, vor dcicn unlieiudieheni ll TreÜK'n der Aljerjilaulie aUer Zeiten zittert. \)vv Lebende hat Ruhe vor den Todten. Es herrschen in der Welt nur die Gotter, keine blassen Gespenster, sondern leibhaft fest gegründete Gestalten, durch alle Weiten wirkend, wohnhaft auf heiterer Herghöhe „lind ht ll hiut't driil)«'r (h-r (ihinz liin". Krine diinio- nische ^facht i^t in licn iljuen, ihnen zuwi<U'r, wirksam; aui ii die Naclit giebt tlie entHogenen Seelen der Verstorbenen nicht irei. Man erschrickt unwiUkfirlich und spürt schon die Witte- rung einer anderen Zeit, wenn man in einer von später Hand einjredichteten Partie des 20. Buches der Odyssee erzählt findet, wie kniv. vor den» Endf <ler FVeirr der hellsichtige W ahrsager in Halle und Vorhof s( hw» hen siebt in iScba.neii die Seelen-
*
gestalten (Eidola), die hinabstreben in das Dunkel unter der Erde; die ISonne erlischt am Himmel und schlimmes Dunkel schleicht herauf. Das Grauen einer tratschen Vorahnung hat
dieser S]).itliiii( sehr wirksam hervorzunifen verstanden, aber sol( ln's (Jrauen vor gespenstischem Geistertreiben ist nicht mehr homerisch.
4.
Waren <lie Griechen von jeher so frei von aller Beängsti- gung durch die Seelen der Verstoi*l>enen V Haben sie nie den abgeschiedenen Seelen einen Cultus gewidmet, wie ihn die „Naturvölker*" der ganzen Erde kennen, wie er aber auch den Urverwandten des Griechen volkes, den Indem, den Persem,
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Vioh\ vertraut wary Die Frage und ihre Beantwortung hat ein allgemeineres Interesse. In späterer Zeit, lange nach Homer, finden wir auch in Griechenland einen lebhaften Ahnencult, ein allgemeiner Seelencult ist in Hebung. Wenn sich beweisen liesse — wa<^ inaii meist oline Beweis anniiniiit - — , dass so Spät erst unter Grieclien eine u lij^iöse Verehrung der SeehMi sich zum ersten Mal entwickelt hahe, so könnte man hier eine starke Unterstützung der oft geäusserten Meinung, nach der Seelencult erst aus dem Verfall ursprünglichen Gröttercultes 12 entstehen soll, zu finden hoffen. Die Ethnographen pflegen dieser Meinung zu w i(h*rspreclien, den Seeh'ncult als eines (h-r ersten und iiitesten Elemente (wo nicht gar als das ursj)rinig- lich allein vorhandene) einer A'erehrung unsichtbarer Mächte zu betrachten. Aber die „Isatunrölker**, aus deren Zuständen und Vorstellungen sie ihre Ansichten herzuleiten pflegen, haben zwar eine Ihnf^e Verjijangenheit, aber keine Geschichte: es kann der reiueu \'eruiuthung oder theoretischen ( 'onstruetiou nieht verwehrt werden, entsprechend jener eben heridirten, vielen Keligionshistorikem fast zu einer Art von Ortluxloxie gewor- denen Voraussetzung, auch in die gänzlich dunklen Uranfänge der „Xaturrölker*' einen, später erst zum Seelencult entarteten Göttercultus zu verlegen. Dagegen können wir die Entwicklung <ler griec hiselien Religion von Homer an aut lange Strecken verfolgen; und da hleiht denn freilich die heachtenswerthe That- saclie bestellen, dass ein Seelencult, dem Homer unbekannt, erst bei weiterer lebhafter Fortbildung der religiösen Vor- stellungen sich herausbildet oder jedenfalls deutlicher hervor- tritt, wenn auch — was doch sehr zu beherzigen ist — nicht als Xiedei-schlag einer Zersetzung des ( iTitterglaubens und (T(itterdienstes, vielmehr als ^'ebenschiissling gerade der aufs Höchste entwickelten ^'erehrung der Götter.
Soll man also wirklich glauben, dass dem vorhomerischen Griechenthum ein Cult der abgeschiedenen Seelen fremd warV
Dies unbedingt anzunehmen, verbieten uns, bei genauerer Uetrachtung, die homerischen Geilichte selbst.
4
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£& ist wahr, die homerischen Gedichte bezeichnen für uns den frühesten, deutlicher Kunde erreichbaren Punkt grie- chischer Oultnrentwicklung. Aber sie stehen ja keineswegs
am ersten Hef^inn dieser Entwicklunjf ül)» rhaupt. Seihst am Anfang? griecliiscIuT Heldendiclitung, »oweit diese der Nach- weit bekannt geworden ist, stehen sie nur danun, weil sie zu- erst, wegen ihrer inneren Herrlichkeit und Yolksbeliebtheit, der dauernden Aufbewahrung durch die Schrift gewürdigt worden sind. Ihr Dasein schon und die Höhe ihrer künstlerischen Vollfiidunj; nfitliijrcii uns anzunehmen, dass ihnen eine lange 13 und lebhafte Entwicklung poetischer Sage und Sagendichtung Toranliege; die Zustände, die sie als bestehend darstellen und voraussetzen, zeigen den langen Weg Tom Wanderleben zur städtischen Ansiedelung, vom patriarchalischen Regiment zum ()rgani>nius der griecliischen Polis als V(illig «lurelunessen : und wie die Reife der äusseren Phitwicklung, so hewei>t die Reife und Milde der Bihlung, die Tiefe zugleich un<l Freiheit der WeltTorstellung, die Klarheit und Einfachheit der Gedanken- welt, die diese Gedichte widerspiegeln, dass vor Homer, um bis zu Homer zu gelangen, das Griechenthum viel gedacht und gelenit. mehr noch üht-rwuiiden und ahgethan hahen muss. Wie in der Kunst so in aller Cultur ist lias einfach Augemessene und wahrhaft Treffende nicht das Uranfangliche, sondern der Gewinn langer Mühe. Es ist von vorne herem undenkbar, dass auf dem langen Wege griechischer Entwicklung vor Homer einzig die Religion, das \'erhältniss des Menschen /u unsicht- baren (iewalten, stets auf Kim-uj Punkte heharrt sein sollte. Nicht aus Wrgleichung der Glaubensentwicklung bei stamm- verwandten Völkern, auch nicht aus der Beachtung uralter- thfimlich scheinender Vorstellungen und Gebrauche des religiösen Lebens griechischer Stämme, die uns in späterer Zeit he^'egnen, wollen wir Aufschlüsse iii»er die ( 'ultgel)r;iuclie jen«'r ältesten griechischen Vor/eit zu gewinnen suchen, in die eben Hornel"» Gedichte, sich mächtig vorschiebend, uns den Einblick ver- sperren. Solche Hilfsmittel, an sich unverächtlich, dürfen nur
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zur Unteratüizimg einer aus weniger leicht trügenden Betrach- tungen gewonnenen Einsicht verwendet werden. Für unb die einzige zuverlässige Quelle der Kenntniss des Torhomerischen
Griechenthiims ist Hoiiut selbst. Wir dürfen, ja wir müssen aut eine Wandhuif^ der A'orstellun^^en und Sitten sehliessen, wenn in der sonst so einheitlich abgeschlossenen homerischen Welt ein- zelne Vorgänge, Sitten, Bedewendungen uns begegnen, die ihre zureichende Erklärung nicht aus der im Homer sonst herr- schenden, sondern allein aus einer wesentlich anders ^arteten, 14 bei Homer sonst /ui iu k^'ednin^teii All^^niirinansii lit <;('\vinnen können. Es gilt nur, die Augen nicht, in vorgefasster Meinung, zu verschliessen vor diesen „Rudimenten" {survivatt nennen sie deutlicher englische Gelehrte) einer abgethanen Culturstufe mitten im Homer.
6.
Es fehlt in den homerischen (jredichten nicht an Rudi- menten eines einst sehr lebhaften Seelencultes. Vor Allem ist hier dessen zu gedenken, was die Ilias von der Behandlung der Leiche des Patroklos erzählt. Man ftihre sich nur die
Hauptzüpe dieser Kr/iililun^' vor das Gedächtniss. Am Abend des l^i'jc^. an dem Hektor erschlagen ist, stimmt Achill mit seinen jVljraüdonen die Todtenklage um den Freund an; drei- mal umfahren sie die Ijeiche, Achill, dem Patroklos die „mör- derischen Hände^ auf die Brust legend, ruft ihm zu: „Gruss dir, mein Patroklos, noch an des AYdes Wohnung*'; was ich dir zuvor gelobt, «bis wird jetzt Alles vollbracht. Hektor li^gt erschlagen als Beute der Hunde, und zwölf edle Troerjüng- linge werde ich an deinem Todtenfeuer enthaupten. Nach Ablegung der Waffen rüstet er den Seinen das Todtenmahl, Stiere, Schafe, Ziegen und Schweine werden geschlachtet, „und rings strömte, mit Bechern zu schripfen. das Blut um (U^i Leichnam'*. — In der iS'acüt erscheint dem Achill im Ti aume die Seele des l*atroklos, zu eiliger Bestattung mahnend. Am Morgen zieht das Myrmidonenheer in Waffen aus, die Leiche
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in der Mitte führend; die Krieger streuen ihr abgeschnittenes Hftapthaar auf die Leiche, zuletzt legt Achill sein eigenes Haar dem Freunde in die Hand: einst war es vom Vater dem Fluss-
jGfott 8i)erc-lR'ios iiclo))!, nun soll, da Heinikehr dem Achill doch niclit besclieert ist, es Patroklos mit sieh nehmen. Der Seheiter- haufen wird geschichtet, viele Schafe nnd Kinder ^esclilachtet, mit deren Fett wird der Leichnam umhüllt, ihre Leiber werden umher gelegt, Krüge toU Honig und Oel um die Leiche ge- stellt. Nun schlachtet man vier Pferde, zwei dem Patroklos geln'irifje Hunde, zuletzt zwölf von Achill zu diesem Zwi'cke lebendig gel'anijene troiseli«' Jünglinge; Alles wird mit dem 15 Tjeiehnam verbrannt; die ganze Nacht hindurch giesst Achill dunklen Wein auf die Erde, die Psyche des Patroklos herbei- rufend. Erst am Morgen löscht man mit Wein das Feuer, die Gebeine des Patroklos werden gesammelt, in einen goldenen Krug gelegt und im Hügel heigesetzt.
Hier hat man die Schilderung einer Fiirstenhestattung vor sich, die schon durch die Feierlichkeit und l'mstämlliclikeit ihrer mannichfachen Begehungen gegen <lie bei Homer sonst hervortretenden Vorstellungen von der Nichtigkeit der aus dem Leibe geschiedenen Seele seltsam absticht. Hier werden einer solclien Seele volle und reiche ()j)t"er daigchracht. I nverstänil- lich sin»l diese Darhringungen, wenn die Sct ir, nach ihrer Tren- nung vom Leibe, alshald hewusstlos, kraftlos imd ohnmächtig davon flattert, also auch keinen Genuss vom Opfer haben kann. Und 80 ist es ja begreiflich, dass eine den Homer möglichst isolirende und in dem deutlich bestimmten Kreise seiner Tor- stellungen t'esthaitcndc Hetrachtnngsweise sich zusträuitcii ptlegt, den Upfercharakter der hier dargebrachten Gaben anzuerkennen'.
' Den Opfercharakter der Begehungen am ivgus des Patroklos stellt wieder in Abrede v. Fritze, de libatume teterum Graeeorum (1893) 711 Zwar die Blatmnrieseliuig soll als Opfer gelten dürfen; die ander(>n Vor^ nahmen aber werden anders erklärt. ÜNIan könnte mit den ^loichcn Ar(rii- Tn*»nten jedem oXoxairtofia für yi%vtot, Heruen oder Todte den Opfercliaraktcr abdisputiren. Speiseopfer sind ja die völlig verbraunten Leiber der Schafe
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Man fragt aber vergeliens, was denn anders als ein Opfer, d. h. eine beabsichtigte Labimg des Gefeierten, hier der Psyche, sein könne das Umrieseln der Leiche mit Blnt^ das Abschlachten
und Verbmineii (l«'r Kinder und ScliatV, Pferde und Huntle und zuletzt der zwidt troisihen Gefangenen an und auf dem Scheiterhaufen? Von der Erweisung reiner Pietätsptiichten, wie man sonst wohl bei Erörterung mancher Gräuelbilder griechischen Opferrituals zu thun liebt, wird man uns hier ja nicht reden wollen. Homer kennt allerdin^js manche Begehungen reiner Pietät nn dei- Leiclie, aher die zeigen ein ganz anderes (tesieht. l nd niclit etwa allein zur Stillung der Jiachl)egier des Achill werden liier, das Grausigste, Menschen geschlachtet: zweimal ruft Achill der Seele des Patroklos zu, ihr bringe er dar, was er vordem ihr gelobt habe (H. 23, 20 ff. 180ff.)>.
iiud Rind^, Pferde und Hunde und Mensdim natfirlidi nicht, aber Opfer darum nicht minder, von der Classe der Sühnopfer, in denen nicht das Fletsch dem Dämon zum Genuas angeboten, sondern das Leben der Ge- opferten ihm dargebracht wird. Dass Achill die trotschen Gefangenen am
rugiis schlaclitet, xrot^evoio yoXuidtt^ (D. 93, 33), hebt doeh walirlich den Opfen-Iiiu'akti'r dieser Darbriugung an den (audi von Achill mit em- lifniKletieti) (iroll des Todten nicht auf. — Der ganze Vorgang triclit ein Bild des älti-^fcn 'IVidtenojtfpnitns. der von dein Rifii>« der ()]>fer für ^t'Ä /\\rjy.ft: noch in nichts \ ciscliicdcn ist. I)ies cvkciuit am-ii Stengel, Chtho' nischer und TodUncult [in der Festschrift für T,. Kriedländcrj 4H2 an, der im l einigen die Uutcrscliiede /.wiselieu beiden Cultweiseu, wie sie iui Laufe der Zeit sich allmählich ausbildeten, treffend beobachtet.
* Dass die Weinspende, die Achill in der Nadit ausgiesst und mi der er die Psyche des Patroklos ausdrücklich herbeiruft (D. 28, 218—232), ein Opfer ist, so gut wie alle ähnlichen voai, ist ja unleugbar. Der Wein, mit dem (v. 257) der Brand des Seheiterhaufens jjreh'.scht wird (vgl. 24, 791), nia;^ nur zu diesem Zweck dienen solhu. als Oi»fer nicht zu gelten haben. Aber die Krü^e mit Hotiijr und Oel, ilie Achill auf den Seheitcriianfcii stellen liisst fv. 170; v<_d. Od. 24. H7. HH». ktinnen nicht W'dd anders denn als ein ()j»fer betraelitet werden Unit Meryk, Ojtusc. FT, H75i; naeli Stenfjrel, Jahrb. /'. I'hiloliKj. 1H87, j). H49, dienen sie nur, ilie Fianinie anzufachen: aber H<»ni^ wenigstens wäre dafür ein seltsames Mittel. Für Opfersj»enden am rogas oder am Grabe sind ja Oel und Honig stets verwendet worden (s. Stengel selbst, a« a. 0. und PhücL 89, 378 ff.). — Nach Fritze, de Wtat 72, wären die Krüge mit Honig und Oel bestimmt, nicht als Spendeopfer, sondern für das „Todtenbad** (im
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Die {^^aiizf Ri'ilie dieser Opfer ist völlif< von der Art. «lie man I6 für die älteste Ali. (Um- ( »iil'eniiig halten dart, und die uns später in grieehischeni Ritual viell'ach im Cult der riiterirdischen begegnet Nur dem Dämon zu Ehren, nicht der Gremeinde, gleich anderen Opfern, zum G^nss, wird das Opferthier völlig verbrannt. Sieht man in solchen Holokausten für die chtho- nisclien und nianclie olympische (xottlieiten ( )])t'er^'ahen, so liat man kein Kecht, den Begehungen imi 8t'heiterhaut"en des Pa- troklos einen anderen Sinn unterzuRcliieben. Die Darbringungen von Wein, Oel und Honig sind ebenfalls späterem Opferritus gelaufig. Selbst das abgeschnittene Haar, dem Todten auf den Leib gestreut, in die stÄrre Hand gelegt, ist eine Opfer^ gäbe, liier so gut wie in spät*'reni griechischen Oultus und in dem Cultus vieler Völker'. Ja ganz besonders diese Gabe, als symbolische Vertretung wertlivolh>n Opfers durch einen an sich nutzlosen G^egenstand (bei dessen Darbringung einzig der gute Wille geschätzt sein will) lässt, wie alle solche symbolische Opfergaben, auf eine lan^e Daner und Entwicklung des Cultes, dem sie eingefügt ist, hier also des fcJeeleiicultes in vorhome- rischer Zeit scbliessen.
Der ganzen Erzählung liegt die Vorstellung zu Grunde, dass durch Ausgiessung fliessenden Blutes, durch Weinspenden 17 und Yerbrennung menschlicher und thierischer Leichen die Psyche eines jüngst Verstorbenen erquickt, ihr Groll besänftigt werden k<")nne. .leth'nt'alls wird sie hiebei als meiischlii hem Gebete noch eiTeichbar, als in der Sähe der Opfer verweilend gedacht Das widerspricht sonstiger homerischer Darstellung, und eben um eine solche, seinen Hörem schon nicht mehr ge- läufige Vorstellung sinnfällig und im einzelnen Falle annehm-
Jenseits, im homeriscbcn lladMl) m dienen. Honig dürfte freilich auch in Griechenland zum Bade nur Terwandt haben, wer unfreiwillig hinein- plumpste. wie (»laiikos.
' Veher ffrieciii>clie Haan»j»fer ^^. Wicsrlcr, Philol. f>, TlltV.. «Icr diese Opfer sielierlich mit Recht als stellvertretciule (lal)en statt süter Menschenopfer auffa»st. Ebenso erklären sich Haarupfer bei anderen Völkern : vgl. Tylor, J¥tmt(t«e tuU, S, 864.
Bob de, ^eha I. S. Aufl. g
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bar zu maclu-n, hat wolil — wuzu sonst durch tlen \'erhiuf der Erzälüung keine Veranlassung gegeben war ^ — der Dichter die Psyche des Patroklos Nachts dem Achilleus erscheinen lassen. So ruft denn auch bis zum Ende der ganzen Be- gehung Achill der Seele des Patroklos, wie einer anwesenden, sriiicn (iiiiss wuHlcrholt zu*. Es scheint frcihch in dvr Art, wie Homer diese, von seiner sonstigen Auffassung sicli ent- fernenden Handlungen durchführt, eine gewisse Unklarheit über die eigentlich zu Grunde liegenden, alterthümlich rohen Vor- stellungen durch, eine gewisse Zaghaftigkeit des Dichters lässt sich in der, sonstiger liomerisclier Art gar nicht entsi>rechen- den Kürze spüren, mit der das Grässlichste, die Hinscldacli- tiing der ^lenschen sammt den Pferden und Hunden, erzählt wird. Man merkt überall: er ist es wahrlich nicht, der so grausige Vorgänge zum ersten Mal aus seiner Phantasie er- zeugt; ttbemommen (woher auch immer'), nicht erfunden hat 18 Homer diese Bihh'r lieroiscljen Seelencultes. Sie müssen ilim dienen, um jene Reihe von »Scenen wihl aufgestaclielter Leiden- schaft, die mit dein tragischen Tode des Patroklos begann, mit dem Fall und der Schleifung des troischen Vorkämpfers
* Die Anffordatmg des Patroklos, Um sclileuuig zu bestatten (v. 69 ff.), giebt kein ausreichende« Motiv: denn Adiill hatte ja ohnehin f&r den nächsten Tag die Bestattung schon angeordnet, v. 49 ff. (vgl. 94 f.)*
' T. 19. 179. Xoch in der Nacht, welche auf die Erricbtong des
Scheiterhaufens ful^, ruft Achill, während die I^eiche im Brande liegt^ die Seele des Patrokhts : 'Suy+jv xtxXTjaxutv IloitpoxX'i^of SctXoio, v. 9SS. Die V<>rstellun<f ist offenbar, daj<s die (»erufene noch in «Icr Nähe verweile. Die Foimt l : /'/'ot— xal elv 'A-ooto ^öao-.^-.v ( l*t. 179) sjirieht nicht «lasfegen, V. IJI iiiiiulf^ttns kr»niu'ii diese AVorte imni<i>flu'li bedeuten: im Hades, denn nuch ist die Seele ja ausserhalb des Hades, wie sie v, Till', seil»-! mittheiit. Abu aar: am, vor dem Hause des Hades (so sv notap^i am Flusse u. s. w.). So bedeutet tU 'Attas tifiov oft nur: hin anm H. des Hades (Ameis zu k. 61d).
' Ob aus Schilderungen älterer Dichtung? oder hatte sich wenig- stens bei der Bestattung von Fürsten ihnlicher Brauch bis in die Zeit des Dichters erhalten? Besonders feierlich blieb z. B. die Bestattung der spartanischen Könige, wie es seheint auch der kretischen Könige (so lange es solche gab): vgl. Aristot. fr, 476, p. 15&6a, '67 S.
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endigte, in einem letzten Portissimo zum Schluss zu bringen. Nach so lipfti^'er f^iTegung aller Emptindungen sollten die über- spannten Kräfte nicht aut' einmal zustuumeusinken ; noch ein letzter Kest des übennenschlichen Pathos, mit dem Achill unter den Feinden gewüthet bat, lebt ücb in der Ausrichtung dieses gräuelrollen Opfermahles für die Seele des Freundes aus. Es ist, als ob uralte, längst gebändigte Rohheit ein letztes Mal ht'iv(»rl)rä(he. Nun erst, nachdem Alles vollendet ist, sinkt Achills 8eele zu wehuiüthiger Ergehung herab; in gleich- müthigerer Stimmung heisst er nun die Achäer weitem Binge** niedersitzen; es folgen Jene herrlichen Wettkämpfe, deren belebte Schilderung das Entzücken jedes eifahrenen Agonisten — und wer war das unter Griechen nicht? — er- regen musste. Gewiss stehen in dem h(mierischeii (iedichte diese Wettkämjjfe wesentlich um des /uLrleich künstlerischen und stofflichen Interesses, das ihre Darstellung gewährte; dass als Abschluss der Bestattungsfeier solche Eampfspiele vor- genommen werden, ist ^eichwohl nur yerständlich als Budi- ment eines alten lebhafteren Seelenciiltes. Solche Wettspiele zu Ehren jüngst verstorlx^ner Fürsten werden hei Homer noch mehniials erwähnt', ja Horner kennt als Gelegenheiten zu wett- eifernder Bemühung um ausgesetzte Preise nur Leichenspiele'. Die Sitte ist nie TöUig abgekonmuen, und es hat sich in nach- is homerischer Zeit die Sitte, Feste der Heroen, dann erst solche der Götter mit Wettspielen, die allmählich in ref?elmässi^er Wied« ! liolun^ «^eteicrt wurden, zu he^jehen, heiTorgeliildet ehen aus dem Uerkommen, mit Kampfspielen die Bestattungsfeier Tomehmer Männer zu beschliessen. Dass nun der Agon am Heroen- oder Grötterfest einen Theil des Cultus des Gottes oder
» Loichoüspiolp für Amarynkeus: II. 23, H30ff., für Achill: Od. 24, 8.Ttl'. -Ms i_'an7. ^'e\v('rli II liehe Sitte werden solche Spich« hozcichnet Od. 24, 87f. l»it' ^Ili^tere Dichtung ist reich an Scliüdenmgeu solcher ä^divt^ mtdf (ot der Herueuzeit,
« Nach Aristtrehs Beobaehtong. a Wmm. Mut, 86, 644f. — Anderer Art und die jedenfalls sehr alten Brautwettldbnpfe (Sagen von Pelops, Danaos, Xkarios n. a.).
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Heros ausmachte, ist wnbezweifelt; man sollt« vemiinftiper Weise es ebenso iinzweifclliatt tindeii, dass die nur t iiiiual liesxaiificnen Tit'iclit'iisjiiele bei der Bestattung eines fürstlichen Todten zum Oultus des Verstorbenen gehörten, und dass man solchen Cultus eingesetzt haben kann nur 2U einer Zeit, wo man der Seele, der die Feier galt, einen sinnlichen Mitgenuss an den Spielen zuscliriel). Xocli Homer liat das deutliche Bewusst- sein, dass nicht reiner Ergötzlichkeit der Leidenden, sondern dem Todten die Spiele, wie andere Darbriniriinireu auch, ge- weiht sind^; wir dürfen uns der Meinung des Varro' an- schliessen, dass Verstorbene, denen man Leichenspiele widmete, damit ursprünglich wenn nicht als göttlich doch als wirkende (leister gedacht he/eiclmet sind. Allerdings konnte dieser Theil des alten Seeleiicultes seines wahren Sinnes am leichtesten ent- kleidet werden: er gefiel auch ohne das Bewusstsein seines religiösen Ghrundes; ebendarum blieb er länger als andere Be- gehungen in allgemeiner Uebung.
Nun al)er, die ganze Reihe der zu Kliren der Seele des Patroklos voigenommenen Begehungen Uherhliikend, scldiesse man aus all (Uesen gewaltigen Anstalten zur Betriedigung der » abgeschiedenen Seele zurflck auf die Mächtigkeit der ursprüng- lichen Vorstellung von kraftig gebliebener Empfindung, Ton Macht und Pnrchtbarkeit der Psyche, der ein solcher Cult gewidnn t wurde. Für den Cult der Seele gilt, wiv l'ür allen Opfergebrauch, dass seine Ausübung sich nur aus der Hotinung, Schädigung Ton Seiten der Unsichtbaren abzuwenden, Eutzen
' Vgl. n. 23, 274: t\ jxiv vöv titl fiXXqi &t&Xiuoi{&tv \A-/atot. Also: XU Ehren des Patroklos. 646: o^v Ixalpov olHotot «t«ptiC>> xtipitCttv heisst, dem Todten seine xtipta, d. h. seine ehemaligen fiesitsthfimer (durch Verbrennung) mitgeben: die Leichenspiele werden also anf die gleiche Stufe gestellt wie die Verbrennung der einstigen Habe, an der die Srelo dos Verstorbenen auch ferner Genuss haben »oll.
- Au^ni^tin. Cic. Dei 8, 2ö: Varro dicit omnes mortuos existimari manes deos, et prolmf jttr en sacra, quae omnihux ffre wortuis cxhihrniur, übt et li(<l(>s rii))) iiifiHonit fiDiehres, iiDuiumn hör. sii inaximum diviniiuti^ indicium, ([uod non solcant ludi nüt uummtbiui celebruri.
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zn gewinnen, erklärt ^ Eine Zeit, die keinen Nutzen und Schaden mehr von der „Seele^ erwartete, konnte ans freier Pietät dem entseelten Leibe allerlei letzte Dienste erweisen, dem Verstorbenen gewisse herkömmliche „Ehren** bezeijfeii, luelir <len SclmuTZ der Hintt rlilirhcncn als t-inc XCn linin^ tlfs Abgeschiedenen l>ezeichnend*. Und so geschieht es hei Homer sameist. Nicht aus dem, was wir Pietät nennen, sondern au» Angst Tor einem, durch sein Abscheiden Tom Leibe mächtiger gewordenen „Greiste** eridären sich so überschwängliche lieichen- spenden, sie beim Be^iähniss des Patroklos aufj^ewendet werden. Aus der dem Homer sonst geliiutigen Vorstellun^s- art « rklären sie sich auf keine Weise. l)ass dieser Voi-stellung freilich die Angst vor den unsichtbaren Seelen völlig fremd geworden war, zeigt sich besonders noch daran, dass auch die Verehmng eines so hochgefeierten Todten wie PatroHofl auf
die «-iiiziu'»' (Gelegenheit seiner Hestattim;,' li< ^( lnünkt ist. Nach v(»llend» t» I- Verbrennung des Leibes, ho verkündigt die Psyche des Patroklos selbst dem Achill, wird diese Psyche in den Hades abscheiden, um nie wiederzukehren*. Man begreift wohl, dass zu einem fortgesetzten Cultus der Seele (wie ihn das sjiätere Griechenthum eifrig übte) auf diesem Standpunkte 9i alle Veranlassulli,' telilte. Man lieuiei-ke alxT auch, dass die überreiche Labung der Seele des Patroklus beim Lcic heu- begängniss keinen vollen Sinn mehr hat, wenn das Wohlwollen der Seele, das hiednrch gesichert werden soll, später gar keine (Gelegenheit, sich zu bethätigen, hat Aus der Incongruenz der
* Quae pieiiM ei debetur, a quo nihil acceperia? aut quid cmnino emm nullum meritum ftit, ei deberi potent? - fdei) quamohrem cnlendi »int non inteUrtjo uullo ufr nccpfifo nh eis tirr ain-riifn hmto. ("i<Tiii. de uat. deor. T. § IIH. y<^\. VlüXn. J\utlu/j)hr. So rcdft lluim r vr.ii ilcr äuo'.ßTj äf ixXitrr,; exatöiipr^;, Od. .'i, 58. 59 (ajictt^ö^ xu>v t^us'.iüv von Sfilt'U der Götter, Plato, Si/mp. 202 E).
' TOftti vo nal otov ilCopo^st ßpotolotv, itttpao9«u ti «ojLr^v,
ßdXitty e kiA e^po miptu&y. Od. 4, 197f. Vgl. 24, 168f., 2941.
' oh Y&p fc* (MOVji vbojicu t4 'AtSao, iief|V {m icop&( XtXÄj^tjTt. TL 28, 76f.
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homerischen Glaii])enswelt mit diesen eindrucksvollen Vorgängen ist mit Bcstiiniiitheit zu entnehmen, dass die lierkümmliche Meinung, n<ach welcher die Darstellung des Seelencidtes am Scheiterhaufen des Patroklos Ansätzen zu neuen und leben- digeren Vorstellangen Tom Leben der abgeschiedenen Seele entsprechen soll, unmöglich richtig sein kann. Wo neu henror^ dränj^ende Almun^eii, Wünsclic und Meinungen sich einen Ausdruck in äusseren Formen suchen, da pHegen die neuen Gedanken unToUständiger in den unfertigen äusseren Formen, klarer und bewusster, mit einem gewissen Ueberschuss, in den schneller Yoraneilenden Worten und Aeusserungen der Menschen sich darzustellen. Hier ist es umgekehrt: einem reich ent- ui( kellen Ceremoniell widersprechen alle Aussagen des Dichters üher die Verhältnisse, deren Ausdruck die Ceremouie sein müsste; nirgends — oder wo etwa? — tritt ein Zug nach der Bichtung des Glaubens hervor, den das Ceremoniell vertritt, die Tendenz ist eher eine entschieden und mit Bewusstsein entgegengesetzte. Es kann niclit der geringste Zweifel dariiher hestehen, dass in der Bestattungsh'icr für Patroklos nicht ein Keim neuer Bildungen, sondern ein „Rudiment'' des lebhafteren Seelencultes einer vergangenen Zeit zu erkennen ist, eines Oultns, der einst der voUig entsprechende Ausdruck für den Glauben an grosse und dauernde Macht der abgeschiedenen Seelen gewesen sein muss, nun aher in einer Zeit sich un- versehrt erhalten hat, die, aus andei*s gewordenem (Tilau])en heraus, den Sinn solcher Culthandlungen nur halb oder auch gar nicht mehr versteht So pflegt ja überall der Brauch die Stimmung und den Glauben, die ihn entstehen Hessen, zu über- leben.
6.
Die beiden Gedichte enthalten nichts, was als Rudiment alten Seelencultes den Scenen bei der Bestattung des Patroklos an Mächtigkeit verglichen werden könnte. Gänzlich fehlen
solche Kudimente auch unter den Vorgängen der gewöhnlichen
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Todtenbestattnng nicht Man schlieBst dem Verstorbenen Augen und Mund', bettet ihn, nachdem er, gewaschen und gesalbt,
in ein reines Leintucli gehüllt ist, auf dem Lager', und es
Od. 11, 42rt. Xiil Tl. 11, Od. 24, Di^s zu tl.iin, ist l'Hicht
dtT liKC'hstrii Aufrclmriimi, drr ^Iiitter, der (iatliii. I'as licdürfniss, das Mifkli)>e Auge, d»'n stummi'u Mund des (iestorhi-iicn zu .schliesseii, ver- steht man auch ohne jeden superstitiösen Nebengedanken leicht genug. Deniiodi tdummert ein solcher Nebengedanke dnrdi in einer Bede- wendung wie SejUP^i Stoo ^i^X*^^ 1***^ K''*}'^^ X^P*C ttXav &ic' Soootv, epigr. Kaib. 814, 34. Ward nrspranglich an eine iVeimachnng der «Seele** durch diese Vornahmen gedacht? Sitz der Seele in der xop-fj des Auges: <(oX«u tv of d«X|AO{(K x&¥ «XtoTwvTuiv. Babrioi 96, 35 (s. Crusiiu, üfcem* Jfuf. 4ß, 'HO) nitffurium non timendi mortem tn neffrituditte, quamdiu ocu- lorttm pupillae tmagm^m reddant. IMin. n. Ii. H4. \'nrl. (n innn, D. Mi/th. * p. 988. (Kann Einer sein ei^fctit s £:^(i)).ov im Sjiirjici niclit mehr st-lien, s« ist das ein Todeszeichen. Oidenberg, Relig. den Veda 527.) — Bei manchen Völkern geht der Glaube dahin, dass man die Augen des Todten schliessen mfiue, damit er Niemanden weiter sehen nnd plagen könne (Robinsohn, PtyduL d, Natufv. 44). — Freimadien der „Sede** bedeutet auch das Auffangen des letzten Hauches aus dem Mtmde des Sterbenden. (Sc Vor. 5, § 118 (von Grieclien spreeliend); Virgil, Äen, 4, 684f.: eztnmuB «t quis super kaiUus errat ore legam] muUebriter, tanquam possit animam Hororis exciprre et tn se transferre. Semus. Vtrl. Kail), ep. lap. ■^47 (/. Gr. lt. tt ^icil. W)7, c) v. 9. 10. Die 'l'y/-r\ entweiclit ja durcli tlen ]\Iund: 11. K, 4<W {„Amon/j the iSeminoles of Vlorida, when a uonKin died in childbirth, tlie infant was held ocer her face to rcct ire her parting $pirit, and thua aeguire strength and knowUdge for ita /uture usf . Tylor, prim, euH. 1, 891).
' Und «war &v& irp6dopov tttpofiftivec IL 19, 912, d. h. die Fiisse nach dem Ausgang zugekehrt Der Qrund dieser Sitte, die auch anders- wo bestand tind liesteht, ist schwerlich nur in dem rittis naturae (wie Plinius n. /».VII, §46 meint) /n suchen, der auf die Feststelhmg der Gebrauche hei den errossen und feierlielien An^'eUjretdieiten des Lehens wenitr Eintlu>s zu halirn pHcjj-t. Mit naiver Deutlichkeit s))rieht sich der Sinn »lif^»'-- Braiulu's aus in einem B«'ric]it über die Sitten der l'chu- eucheii m .Siidainenka, bei Pöppig, Heise in Chile, I'eru u. s. w. I, p. andi dort aciiaflt man den Verstorbenen mit den Füssen voran ans der Hütte, „denn wilrde der Lddmam in anderer Stellung hinausgetragen, so konnte sein irrendes Oespenst dahin zurückkehren**. Für den (in homerischer Zeit freilich wohl lingst nur mm Symbol gewordenen) griechischen Brauch nmss man die gleiche IHiroht yor Rückkehr der „Seele** als ursprünglich bestimmend voraussetzen. (Aus gleichem Grunde
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28 beginnt die Todtenklage In diesen Gebräuchen, wie in den auf die Verbrennung folgenden sehr einfachen BeisetzungB- sitten (die Gebeine werden in einen Krug oder einen Kasten
gesammelt und in einem Hiiprel verüben, den ein Mal als (Tral)lni,U('l Ix'zeifhnet -) wird man kaum riiien leisesten Nach- klang an ciiemals lebliatteren Cultus der Seele vei>ij)iiren können. Wenn aber mit dem Elpenor, wie dessen Seele den Odysseus geheissen hat (Od. 11, 74), seine Waffen verbrannt werden. (Od. 12, 13), wenn auch Achill mit dem erlegten Feinde zugleich dessen Watten auf dem Scheiterhaufen ver- brennt (11. 6, 41 H), so lässt sich wiederum das Rudiment alten Glaubens nicht verkennen, nach dem die Seele in irgend einer geheimnisYoUen Weise noch Gebrauch von dem gleich ihrer Leibeshülle Terbrannten Geräth machen kann. Niemand zweifelt daran, dass, wo gleiche Sitte bei anderen Völkern sich findet, eheu dies der (irund dei- Sitte sei; auch hei den Grie- chen hatte sie einst einen völlig zureichenden Gnuid, den sie freilich im homerischen Seelenglauben nicht mehr änden kann. Der Brauch, in diesen einzelnen Fällen genauer bezeichnet, stand übrigens in allgemeiner Uebung; mehrfach ist davon die Rede, wie zu einem vollständigen Begrä!)niss das Verbrennen 24 der Hahe des Todten gehöre ^. Wie weit die ursi)rünglich ohne
Shnliche Yonichtsmaaasregdn anderwirts bei der Bestettung. Oldenbeig, Bei d. Veda 678, 2. 678, 4 Robinsohn, Psychol. d. Natun. 461) Der Glaube an nicht völliges Abscheiden der „Seelen** aus unserer Welt hat auch diese Sitte vorgesehrieben.
' Zti^atntiKMigefasst sind die einaelnen Handlungen bis sur Klage, 11. 18, 343—355.
3 r'.ji<io? unrl aT-fi^Yj: II. IH. 457. H75; 17, 434: 11. :}71; Od. 12, 14. Kill aufij<"-i'liütt('ti's 'Tjua ah (iriilcitiif tc »Ins Kt'tion. im» \v»»l«'ln's die N vni]»ln ii riiiu'ii pHiiii/cti : II. H. 41!>H'. Kinc Spur der ancli s])ät»'r in l obuii}; ^'t'liliebeueu Sitte, Bäume, bisweilen ganze Haiue um das Grab zu pHauzeii.
* «tipt« «TtpttCtsv, in der Formel: ti ol yi&ot «ol htt xtspsa
KttpttCttv, Od. 1, 291; 2, 822. Hier folgt das «xtpttCstv erst nach der Aufschüttung des Grabhügels, vennuthlich sollen also die »tipt« auf oder an dem Grabhügel verbrannt werden. Fidsrli ist «rleieliwold die aus die- sen Stellen gewonnene Regel der Schol. B. II. T '6V2: itpobttdtoav, tlta
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Zweifel wörtlich genommene Veq>tlichtung, dem Todten seinen gesammten beweglichen Besitz mitzugeben', in homeiischer Zeit schon zu symbolischer Bedeutung (deren unterste Stufe die spÄter Übliche Mitpebunj? eine« Obols ^fllr den Todten-
laliiniami'* war) ln'ral»ir('iui)i(ltM-t war, wissen wir nicht. End- lich wird das Lciclu imialil, das nach luMMidigtem Hcjiräb- niss eines Fürsten (11. 24, Ö02. 665) oder auch vor der Ver- brennung der Leiche (IL 23, 39 ff.) dem leidtragenden Volke von dem König ausgerichtet wird, seinen vollen Sinn wohl nur aus alten Vorst^dlungen , die der Seele des also Geehrten einen Antlicil an dem Mahh» /.ns( In irlim , LM wonncn halx-n. An dem Mahl zu Patroklos' Kliren ninimt crsicliilich der Tudte, dessen Leib mit dem Blut der geschlachteten Thiere umrieselt wird (B. 23, 34), seinen Theil. Aehnüch den Leichenspielen scheint dieses Todtenmahl bestimmt zu sein, die Seele den Verstorbenen freundlich zu stimmen: daher selbst Orest, nach- dem vr den Acijistlios, seines N'ati is M«»rder, erschlagen hat, das Leichenmahl ausrichtet (Od. -i, 3(VJ), sicherlich doch nicht aus harmloser „Pietät''. Die Sitte solcher Volksspeisungen bei fürstlichen Begrabnissen begegnet in späterer Zeit nicht mehr; sie ist den spüter üblichen Leichenmahlen der Familie des Veristorbeneii {Zipi^nr^) weniger ähnlich als den, neben
nanov, «tttt ttoji^x^^v» ^^"^ iuTtpIlCov. Jene Stellen beziehen sich jft auf die Feier an einem leeren Grabe. Wo die Leiche zur Hand war, werden die Verwandten oder Freunde die «tfpe« gleich mit dem Leichnam verbrannt haben. So geschiclit es hei Eetion und bei Elpenor und so wird man mwh dif engre Verhinduiifr : «v icopl »tjattv xai t;:'t x-;to;a xTtpboi'.sv (II. 24, HH), o^^ ixapov dtticTo: xttl Ifft xtipia «Tiptsiity {iJd. 2Hf)) vorstellen müssen.
' die, ur^IU•üntrli(•ll wolil l»ei allen Viilkt-ni lifstclicii«!, siel» liri niiincln n lange in ungesehwächter Uebung erhalten liat. Alle Be^i^/thünle^ eines Terstoibenen Inka blieben pnberShrt sein EigenUmm (Prescott, &ob. r. Peru 1, S4); bei den Ahiponen wurden alle Besitzthfimer des Todten ▼eibnumt CKlemm, CuUurg, 2, 99); die Albanen im Kaukasus gaben dem Todten seinen ganzen Besitz mit, wt to&to irfvYjtt; Cwotv o2»Sftv fyovn{ «tttpijiov: Strahl) 11, 503 (alte Erbschaft ist al-n w-.li! <1(m aussehweifende Todtencult der im ehemalitren Albanien w«»luien<len .Miniri'Hlier: von dem Chardin, Voy, m Ferse (ed. Langles) 1 B2d/tf [298; ai4; a22J eraählt).
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den silieenUa in Rom vorkoinnKndcn f;rö>s»'n cenae ferales, zu denen Verwandte vornelniier Veit»torbener das ganze Volk luden Im Grunde ist die hiebei vorausgesetzte Betheiligung der Seele an dem Leichenmahle des Volkes nicht schwerer zu yerstehen als die vorausgesetzte Theilnahme des Gottes an einem grossen Opternuüile, das, von den ^lenselien ^'enossen, doch „das Mahl der Götter"* (Od. 3, 336) lieisst und sein soll. — 26 So weit reiclien die Kudimente alten Seeleucultes inmitten der homerischen Welt. Länger, ttber die Bestattung hinaus fort- gesetzte Sorge tun die Seelen der Verstorbenen schneidet die tief eingeprägte Vorstelhing ab, dass nach der Verbrennung des Leibes die Psyche autgenonmirn sei in eine iinerreieliljare Welt der Unsichtliarkeit, ans drr keine Kütkkelir ist. Für dieses völlige Abscheiden der Seele ist allerdings die Verbrennung des Leibes unerlässliche Voraussetzung. Wenn in Ilias oder Odyssee bisweilen gesagt wird, unmittelbar nachdem der Tod eingetreten und noch ehe der Leih verhrannt ist: „und die Psyciie ging zum Hades"*, so darf man hierin einen niclit ganz genauen Ausdruck erkennen: nach dem Hades zu ent- fliegt allerdings die Seele sofort, aber sie schwebt nun zwischen dem Beiche der Lebenden und dem der Todten, bis dieses sie zu endgiltigem Verschluss aufnimmt nach Verbrennung des Leibes. So sagt es die Psyclie des l^atroklos, als sie nächtens dem A( hill ersi lu int: sie lieht um schnelle Bestattung, damit sie durch das Thor des Hades eingehen könne; noch wehren die anderen Schattenbilder ihr den Eingang, den Uebergang
* Die licispiili' hei 0. Jahn, Persim, p. 21i> fxtr.
• '^o/Yj ix ^sO'äuv TTtafjLsvTj "Ai^osSe ßi,%Yjy.g'. , öv nötjiov foiiuza Xtico&a"' äv^porr^T« xai Tj^r,v, U. 16, 85«; 22, ,m\ xfil 20, 294; IM. 415. 4!>X->J 3' 'AlJooJ» natijXdtv Od. 10, 560; 11, 65. Das völlige Eingeheu in cUe Tiefe des Reidies des Hades beseichnen deotlicher Worte wie; ß«tiQv 8^|iov "AiUi tia», n. 24, 24», «tov 'AlÜ^ tiein 6, 422 u. S. So heisst es in der Odyssee 11, 160 von der Seele des TiresiM, die, mit Odyssens sich unterredend, doch andi im Hades im weiterra Sinne, ge- nauer aber uur an dessen Sossercin Karulo ^« \V(-~i n ist: ^oyji] ;iiv §ö(iov "Aldoc ito«»: mm erst g^t sie wieder in das Innere des Hades» bereiches.
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über den FIuss, unstät irrt» sie um das weitthorige Haus des Ais (IL 23, 7 IC). Nur dieses Enteilen nach dem Hades za bedeutete es also, wenn auch von Patroldos erzählt wurde: als er starb, entflog die Psyche aus den Gliedern zum Hause des
Hadt'-^ (11. Höf)). Ganz ebenso heisst es vt)n Kljienoi-, <leni Genossen des Odysseus, daüs seine Seele „zum Hacb's hinab- ging** (Od. 10, 560); sie begegnet aber nachher dem Freunde am Eingang des Schattenreiches, noch nicht ihres Bewusstseins, (^eich den Bewohnern des finstem Hauses seihst, heraubt, undss bedarf noch der Vernichtung ihres leiblichen Doj)pelj,'ängers, ehe sie im Hades Kühe tindeii kann. Erst dureh (his F«nier werden die Todten „ besänftigt (11. 7, 410); so lange die Psyche ein „Erdenrest** festhält, hat sie also noch eine Em- pfindung, ein Bewusstsein von den Vorgängen unter den Le- benden*.
Nun endlich ist der Leib Yemichtet im Feuer, die Psyche ist in den Hades ireliaiint, keine Hückkelir zur Oberwelt ist ihr gestattet, kern Hauch der Oberwelt dringt zu ihr; sie kann selbst nicht hinauf mit ihren Gedanken, sie denkt ja nicht mehr, sie weiss nichts mehr Tom Jenseits. Und der Lebende Yer- gisst die so völlig von ihm getrennte (B. 22, 389). Wie sollte er durch einen Cult im ferneren Le})en eine Verbindung mit ihr hei'btellen zu wollen sich vermessen?
7.
Vielleicht giebt eben die Sitte des Verbrennens der Leiche
ein letztes Zeugnis« dafür, dass einst die Vorstellung' eines dauernden Haftens der Seele am Keicbe der Lebenden, einer
* Aristonicus zu II. U' 104: 4] i'.Jt\r^ Zxi xä? nüv ctTci^ojv v i/'i; "OixT^po; fkt OfliCousa^ TYjv ypöwjstv uffOTiO-ixai. (Etwas zu syäteiauti»c)i I'orphyrius in Stob. Ecl. I p. 492ff. 486, 86ff. Wachsm.) Elpenor kommt. Od. 11, 62, «b Erster mr Opf ergrabe des Odysseiu: oh -j^dp mm txilkiicto. Seine 4tix<) i>t noch nieht in den Hades ftii|g;enoaimen (s. Bhein. Mus, 60, 616). Wenn Aehill den todten Hektor misahendelt, so setzt er vorans, dus der noch Vnbestattete dies empfinde; laemtri tum et mütre, mdb^ pti/M: Cicero, TusmL I § 106.
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Einwirkunp: derselben auf die Ueberle))enden unter den Griechen in Kraft stand. Horner weiss von keiner anderen Art der Be- stattung als der durch Feuer. Mit feierlichen Begehungen wird der todte König oder Fürst, mit wenip^er Umstöndlichkeit
die blasse der im Kriejje Geffillenen verlnainit; l)et;ral)('n wird Xionumd. Alan darf sieh wohl trjiijen: wulier staniiut dieser Gebrauch, welchen 8inn hatte er für die Griechen des home- rischen Zeitalters? Nicht Ton Tomeherein die nächstliegende ist diese Art, die Leiche zu beseitigen ; einfacher zu bewerkstel- ligen, weniger kostspielig? ist doch das Einprahen in die Krde. 27 Man hat veniiuthet, das Brennen, wie es Perser, (Germanen, Slaven u. a. Volksstänuue übten, st^inniie aus einer Zeit des Nomadenlebens. Die wandernde Horde hat keine bleibende Wohnstätte, in der oder bei der die Leiche des geliebten Todten eingegraben, seiner Seele dauernde Nahrung geboten werden k/innte; sollte nieht, nach der Art einiger Noniaden- stämiiie, der todte Leih den Lüften und Thieren preisgt gehen werden, so konnte man wohl darauf veifallen, ihn zu Asche zu Terbrennen und im leichten Krug die Reste auf die weitere Wanderung mitzunehmen ^ Ob solche Zweckmässigkeitsgründe gerade auf diesem Gebiet, das zumeist einer aller Zweck- mässigkeit s])(»ttriiden Pliantastik j)reisgegel)en ist, sonderlieh viel ausgerichtet habeu mögen, lasse ich uiierörtert. Wollte
* Aus der Gefahr, dass in Kriegen und Anfnihr die begrabenen Leiber wieder ihrer Ruhe entrissen werden konnten, leitet den Ueber- gaug vom Begraben tnm \''erbrennen des Leichnams bei den Bomem
Plinius ab, «. Ä. 7 § 187. Wer auf Reisen oder im Kriege (aI>.M iu einem v«»rül»ergeheuden Nomadenzustaiule) starb, iles^fii Leih verlirannte man, sc'liiiitt aber ein (iiied (Msweilen (b'ii Kopf) jil>. nin dii-^es nach Hnnso nutzuuelinu'ii iuhI dort zu befrraben, ad quod servatum Justa fierent (Pau- bis F.'sti !>. 14H, 11; Vurro L. L. o tj 23; Cic. Leff. 2 § ö5. § «Oi. Aeluilicli hielten es deutsche Stämme: s. AVeinhold, ÜitzuugsOer. d, Wiener Acad., phü. hiH, Cl, 29, 156; dO, 208. Selbst bei Negern aas Guinea, bei sttdamerikaiusohen Indianern bestand, bei TodeslBUen in der Fremde, im Kri^, eine der Geremonie des oa reteeium der Börner ver- wandte Sitte (vgl. Klemm, CuUurgetch, 8, 297 ; 2, 98f.). Allemal ist Beprrahen al» die altherkömmliche und ans religiösen GrQnden eigentlich erforderliche Bestationgsart vorausgesetzt.
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man unter Griechen die Sitte des Leichenbrandes aus ehe- maligem Nomadenleben ableiten, so wttrde man doch in allzu entlegene Zeitfemen zurflckgreifen mUssen, um eine Sitte zu
erklären, die, ehedem unter Griechen keineswegs ansschliesshch iH'iTsc'hend, uns, als allpin in rel)urip stf'ht'ml, in Zciti-ii län^?st befestigter Öessliattigkeit Ijt'f^cgnct. Die asiatischen Giiechen, die Jonier zumal, deren Volksglauben und Sitten, im zusammen* fassenden und Terallgemeineniden Bilde allerdings, Homers Ge- dichte widerspiegeln, waren aus einem sesshaften Leben auf- gebrochen, um sich in neuer Heimatli ein nicht minder sesshaftes Leben zu hef^ründen. l ud doch niuss die Sitti' des Lfichen- brandes ihnen so ausschhesslich geiäuüg gewesen sein , (hiss eine andere Weise der Bestottung ihnen gar nicht in den Sinn kam. In den homerischen Gedichten werden nicht nur die Griechen vor Troja, nicht nur Elpenor fem der Heimath, nach dem Tode verl)rannt; auch den f^tion bestattet in dessen Vaterstadt Achill durch Feuer (il. 6, 41«), auch Hektor wird ja mitten in Troja durch Feuer bestattet, auch die Troer über- haupt verbrennen ja, im eigenen Lande, ihre Todten (II. 7). Die Lade oder Ume, welche die verbrannten Gebeine enthält, wird im Hügel geborgen ; in der Fremde raht die Asche des Patro- klos, des Acliill, (b's Antiluchos, des Ajas (Od. loOtf.; 24, 76flV); Agamemnon denkt niclit daran, dass, wenn sein Bruder Menelaos vor Ilios sterbe, dessen Grab anderswo sein könne, als in Troja (II. 4, 174 ff.). £s besteht also nicht die Absicht, die Beste des Leichnams nach der Hehnath mitzunehmen',
* Ein ein/if^cs Mal «lavon die Rede, dass man die (Tolx'inc der Verbrannten mit nach Haus»' nohmen krmne: II. 7, SM f. Mit K<'» lit erkannte* Aristarcli hierin einen VeiTstoss >,'ej<fen üesinnunj^ und lliatsüch- liche Sitte im übrigen Homer und liielt die Venie für die Erfindung eines Nadbdiefaten (s. SdioL A D. H 834. A 174. Schol. E U il Odyss. f 109). Die Vene kdonten eingeschoben sein, am das Fehlen so enor- mer Leiehenhfigel, wie die Beisetsong der Asche beider Heere hätte hervorbringen müssen, in Troas zu erklären. — Denselben (Tinind, wie jene Verse, den AVunscli, die in der Fremde Verstorbenen irgendwie nach ihrer Heimath zurück/.ubringen, ^<'f/t als l'rsprunpr der Sitte des Leiirhen- brandes die exempliücatorische Cicsciiiclite von Herakles und Aigeios,
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nicht dies kann der Grund des Brennens sein. Man >\'ird sich nach einem anderen altei-thiunlicher Emj)hndunf;sweise näher als die Jlücksicht auf einfache Zweckmässigkeit liegenden Ghnnde umsehen müssen. Jakob Grimm' hat die Vennuthong ausgesprochen, dass der Brand der Leiche eine Opferung des Gestorhi nen für den (iutt bedeute. In ( irieclienhind könnte dies nur ein Opfer für die Unterirdischen sein; aber nichts weist in griechischem Glauben und Brauch auf eine so grausige Vorstellung hin*. Den wahren Zweck des Leichenverbrennens wird man nicht so weit zu suchen haben. Wenn als Folge der 29 Veniiclitung des Tieibes durcli Feuer die gänzliche Abtrennung der Seele vom Lande d<'r Lel)enilen gedaclit winP, so muss man doch annehmen, dass eben dieser Krfolg von den Ueber- lebenden, die ihn selbst herbeiführen, gewollt werde» dass also diese gänzliche Verbannung der Psyche in den Hades der Zweck, die Absicht, dies zu erreichen, der Entstehungsgrund des Tieiilu'nverl)reiin<'ns war. Vereinzelte Aussagen au> (h*r Mitte solcher \'ölker, die an Veilin nnun^' (h-r Leichen gewühnt waren, bezeichnen als die hiebei verfolgte Absicht geradezu die schnelle und völlige Scheidung der Seele vom Leibet Je nach dem Stande des Seelenglaubens färbt sich diese Absicht
dem Sohne des LiliTiiinioa, voraus, die (auf Andron xurttckgefOhrte) btopl« in Schol. n. A 68.
* Kleine Sdmftm H 216. 220.
» Naher läge sie röinisol.em Glauben. Vgl. Virgil, Aen. 4, 8»8. 689L AVtPi* auch das ist doch anders gemeint — Vgl. auch Oldenbeig, Bd, d. Veda 585, 2.
* S. namontlioli 11. 2.^. 75. 7H: 0.1. 11, 21H-2J2.
* St'i vius zur Aeu. 111 : Aegi/ptii roiulita diutim s> ri nnt cada- vern, si-ilirci iit (tmma tnultd tempore jierdurtt, et corpori sit obtuu ia, nec cito ad aliud transeat. Jiomani cantra fuciebant, comUurentes cadavera, ut statim amrna in geMraHOakm I. <. •» stum iiaiuram rMrtt (die pan- theiatische ¥Vri>ung darf man absidien). — Vgl. den Bericht des Ibn Foslan über die BegriObnisssitte der heidnischen Russen (nach FrShn an- gefahrt von J. Grimm, KL 8thr. 2, 292), wonach der Veibrennung die Vorstellung 7m Gmnde lajf, dass durch BepTraben des unversehrten Leibes weni|7er schnell als durch Zerstörung des Leibes im Feuer die Seele frei werde und ins Paradies eile.
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verschieden. Als die Inder von der Sitte des Begrabens zu der der Verbrennung des Leichnams übergingen, scheinen sie ▼on der Vorstellung geleitet worden zu sein, dass die Seele, Tom Leibe und dessen Mängeln schnell und völlig befreit, um so leichter zu der jenseitigen Welt der Froinnieii ut traigen werde*. Von einer ^reinigenden" Kraft des FeueiN, wie sie hier vorausgesetzt wird, weiss in Griechenland erst wieder s])äterer Glaube*; die Griechen des homerischen Zeitalters, denen ähn-80 liehe kathartische Gedanken sehr ferne lagen, denken nur an die Temichtende Gewalt des Elementes, dem sie den todten Tieih anvertrauen, an du- Wohltliat, die (U*r Seele des Todten erwiesen wird, indem man sie durc h Feuer frei von dem leb- losen lieibe macht, ihrem eigenen Streben, nun abzuscheiden, zn Hille kommt'. Schneller als Feuer kann nichts den sicht- baren Doppelgänger der Psyche verzehren: ist dies geschehen, und sind auch die liebsten Besitzthfimer des Verstorbenen im
' Vgl. in dem Hymnus des Rigvcila (10, IH), der zur Letchcnver- brennung zu sprechen ist, naniciitlicli Str. 2. 9 (hei Zimmer, Altind. Leben S. 402f.), s. au<'h Hury, 10. 14, K (Zimmer S. 409). — Wiederkehr ih r T<Hltt'ii in die W«'lt der l>e))fiid»'ii wnllrii hucIi die Imler verhüten. Man 1) ^1 dem Leiehnam eine Fuitsfeäüel an, damit er nicht wiederktmmieu könne (Zimmer S. 402).
* Er liegt zu Grande den Sagen von Demeter nnd Demophoon (oder Triptolemos), Thetis und Achill, nnd wie die Göttin, das sterbliche Kind ins Fener legend, diesem «tpi^t: x&c bn\tAQ odpxoc, i<p&tiptv Z a&t^ ♦v^itov, am es unsterblidi xn machen (vjjl. Preller, Demeter und Peneph.ll2), Auch dem Gplirauche, an jjewisscn Festen (der Hekati«? vgl. Berjfk. Poet. Lyr.* III HH2) Feuer auf der Strasse anEuzünden und mit den Kindern durch dif Fhiminrii zu >]iriiii;<'n : s, (trimm, J). Mi/th.* 'yJO. V<^1. Cieero. de dirin. Ii; 47: n praevlnrnm dixcrs^tum cum, ut Her etil i contnjif, iiiortdli corpore cremato in lucem (inituus ej cessit ! Ovid.. Met. U. 25<>tV. Ijn ian, HermtA.l Quint. Smym. 5, ö40 ff. (Später noch einiges von der „n inigen- den** Kraft des Feuers.)
* Nichte Anderes bedeuten doch die Worte, D. 7, 409. 410: o& ifdp <m fStSÄ vs«6«iv «atttfs1hni)d»Ti»v 'yc^m*, inst «t 4MviMt, irop^ |ittXt30^itv in»«. Sdmell sollen die Seelen „dudli Feuer besinfönft (in ihrem Verlangen befrifilirrf)" werden, indem man dif' Leiber vcrhrennt. Reinitruiifr von Sterblichem, Unreinem, das r)ii'h'rieh, Nekyia 1!*7. '^ liier aN Zwt i k der Verhrennuiijr angedeutet Hndet, sprechen die AVorte des Dichters als solchen ganz und gar nicht aus.
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F»'u»'i* veiiuchkt, 80 hält kein Haft die Seele mehr im Dies- Reit8 l'eHt.
So 801^ man durch Verbrenniing des Leibes für die Todten, die nun nicht mehr rastlos umherschweifen, mehr noch
für die Lebenden, denen die Seelen, in die Erdtiefe verbannt, nie iiielir l)e^('^m'n kr»iineii. Homers (irieclien, seit Laii*<em an die Tieichenverhrenniing gewöhnt, «iud alU*r Furcht vor „um- gehenden^ Geistern ledig. Aber als man sich zuerst der Feuer- bestattung zuwandte, da muss man das, was die Vernichtung des Leibes in Zukunft ?erhttten sollte, doch wohl gefürchtet hahen'. Die man so eifn^ nach (h'in iinsichthareii Jenseits alnlningte, die Seelen, nuiss man als unlieimliclie Mitl)ewohner der Oben^elt gefürchtet halien. Und somit enthält auch die Sitte des Xicichenbrandes (mag sie woher auch immer den Griechen zugekommen sein)', eine Bestätigung der Meinung, dass einst ein Glaube an Macht und Einwirkung der Seelen auf die Tjel)en(l('n — melir Kureht als ^'el•ell^ung — unter (J riechen leliendig gewesen sein muss, von dem in den homeri- schen Gedichten nur wenige Kudimente noch Zeugniss geben.
8.
81 T^nd Zeugnisse dieses alten Glanl)ens können wir jetzt mit Augen seilen und mit Händen greifen. Durch unscliät/bare Glücksfügungen ist es uns verstattet, in eine fenu; ^'orzeit des Griechenthums einen Blick zu thun, auf deren Hintergrund
' Wozu der T'fbonranfr vom Boi'si-tzrji <1»m- Loiclio zum Vf'rl)ronncn gut svin konnte, uiaa nmn sii-h Ix'iläulij; «luivh solch.- Ht ispicle crläutcn», wir «'ine i.slänilisrlic Sa^a eim-s iUifilicfert : ein .Mann wird auf seinen Wunsch vor der Tliür »eine» Wohnhauses iH'grahen, ^weil er über wu der- koinrot und viel Schaden anrichtet, gräbt man ihn aus, verbrennt ihn und «treat die Asche ina Meer' (Weinhold, AUnord. Leben S. 499). Oft liest man in alten Geachiditen, wie man den Leib eines als ^Vampyx' umgehenden Todten verbrannt habe« Dann ist seine Seele gebannt und kann nicht wiedericommen.
' I<(Mcht (h'tikt man ja an asiatische Einflüsse* Man hat künlioh auch Leichenbrandstätten in Babylonien gefunden.
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Homer, nun uicht.Aielir der früheste Zeuge von griechischem Lieben und Glauben, uns plötzlich viel näher als bisher, viel- leicht trttgerisch nahe gerückt erscheint Die letzten Jahr^ zehnte haben auf der Burg und in der Unterstadt Mykenae,
an anileren Orten des Peloponnes und bis in die Mitte der Halbinsel hinein, in Attika und bis nach Thessali«'n liinauf Gräber erschlossen. Schachtes Kammern und kunstreiche Ge- wölbe, die in der Zeit vor der dorischen Wanderung gebaut und zugemauert sind. Diese Gräber lehren uns, dass (worauf selbst in Homers Gedichten einzelne Spuren führen)* dem luMin'rischen ..Brennalter'* auch bei den (inerhen* eine Zeit voranging, in der, wie einst aucli l»ei Persern, Intleni, Deutschen, tlie Todten unversehrt begraben w urden. Begi aben sind die Fürsten und Frauen der goldreichen Mykene, nicht minder (in den Gräbern bei Nauplia, in Attika u. s. w.) geringeres Volk. Den Fürsten ist reicher Vorrath an kostbarem Geräth und Schmuck mitgegeben, iuiverl)rannt, wie ihre eigenen Leiclien nicht veri)rannt worden sind; sie ruhen auf Kieseln und sind mit einer Lehmschicht und Kiesellage bedeckt'; Spuren von Rauch, Beste Ton Asche und Kohlen weisen darauf hin, dass man die Körper gebettet hat auf die Brandstelle der Todten- opfer, die man in dem Grabraume vorher dargebracht hattet Dies mag uralter I^estattungsgebrauch sein. In ilen iiitesten unserer „Hünengräber", deren Schütze noch keinerlei INIetall zeigen, und die man danun für vorgermanisch halten will, hat man gleiche Anlage gefunden. Auf dem Boden, bisweilen auf einer gelegten Schicht Ton Feuersteinen ist der Opferbrand ent- zündet worden, und dann auf den verloschenen Brand der Opfer- 8g
> & Heibig, 2>. hmer, Epos a, d. Detikm, «rk p. 48f.
* DsM die TMIger der, wie stark immer dordi «lulitndisehe Einflüsse bestimmten, „mykenischen Gnltur'' Griechen waren, die Griechen der Heldenseit, von der homerisclio Dichtun<f prz'ahlt, darf jetzt als aus- geoMdit gelten. (vS. besonders £. Reisch, Verhandl. d. Wiener Philo- logoivers. p. 99 ff.)
« S. Schlicmann, Mykenae S. 181; 192; 247; 24S.
* S. Ht'lhitr, ]J. homer. Epos* p. 52;
Robde, Psyche I. S. Autl. 3
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stelle die Leiche gebettet und mit Sand, Lehm und Steinen zu-
gedeckt worden Reste von verbrannten Opferthieren (Schafen und Ziegen) sind auch in den (jlräbeni bei Nauj)lia und anders- wo gefunden worden^. £s entsprach aber dem verschiedenen Bestattungsgebrauch auch eine von der homerischen ver^ schiedene Yorstellnng von dem Wesen und Wirken der abge- schiedenen Seelen. Ein Todtenopfer bei der Bestattung, wie es l)ei Homer nur noch bei seltenster (Telegeiilieit nach veraltetem, unverstandenem Gebrauche vereinzelt tlargebraclit wird, tritt uns hier, in prunkvollen wie in armen Gräbern, als henscheude Sitte entgegen. Wie sollte aber ein Volk, das seinen Todten Opfer darbrachte, nicht an deren Macht geglaubt haben? Und wie sollte man Gold und Geschmeide und Kunstgeräthe aller Art, in erstaunlicher Menge den LebendcMi entzogen, den Todten mit ins Grab gegeben haben, wenn man nicht geglaubt hätte, dass an seinem alten Besitz noch in der Grabeshöhle der Todte sich freuen könne? Wo der Leib unaufgelöst ruht, dahin kann auch das zweite Ich wenigstens zeitweise wieder- kehren; dass es nicht auf der ()l)erwelt ungerut'en ersclH'ine, verhütet die Mitbeisetzung seiner besten Schatze in der Gruft'.
Kann aber die Seele zurückkehren, wohin es sie zieht, so wird man auch den Seeiencuit nicht auf die Begehungen bei der Bestattung beschränkt haben. Und wirklich, wovon wir bei asHomer bisher nicht einmal ein Budiment gefunden liaben, von
* Vgl. K. AN'i iuhold, Sitzungaber. d. Wkner Akad. r. JS5H, Phil kUt, Ch 29, S. 121. 125. 141. Die merkwürdige Uebereinstimmung Ewischen der mykenSiscben und dieser nordenropatscheii Bestattungsweise soheini noch nirgends besditet zu sein. (Der Orund dieser Iiagemng und Bedeckung mag in der Absicht zu suchen sein, den Leichnam ISnger vor Verfall, namentlich vor dem Einflnss der Feuchtigkeit zu bewHhren.)
' Auch iu dem Kuppelgrab bei Dimini: Müth. d, anh, Itut, Mu Athen XU 138.
' T)i(' S<»(»lf» (Ips Todti'ii. (li'iii ein Tiio))lingslM'^it/ vorcutlialten ist (i^li'i('livi«'l ol) »Irr L<*il» un<l so audi der Rositz dt'.N T<iiltcii v»'rl>raniit oder ••injjt'};ral»eu ist), kflut wieder. Vr.lliir don Vnlksjrlaidu'ii spricht die Geschichte l»ei Luciau, l'hilopa. 21 vuu der Frau des Eukrates aus (vgl. Herodot 6, 92f.).
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einem Seelencolt nach beendigter Bestattung, auch hievon
hat, wie mir scheint, das vorhoinerische Mykciiae uns eine Spur bewahrt, l'eher der Mitte des vierten der auf der Burg gefondenen Scliacht^äber hat sich ein Altar gefunden, der dort erst angerichtet sein kann, als das Grab zugeschttttet nnd geschlossen war'. Es ist ein runder Altar, hohl in der Mitte, auch im untersten Grunde nicht durch eine Platte ab- geschlossen. Also eine Art Röhre, direct auf der Erde auf- stehend. Lie8s man etwa das Blut des Opferthieres, die ge- mischte Flüssigkeit des Trankopfers in diese Röhre hineinfliessen, so rieselte das Nass direct in die Erde hinein, hinunter zu den Todten, die drunten gebettet waren. Dies ist kein Altar (^o){iö^) für die Götter, sondern ein Opferheerd (soyaf^a) für die Unterirdischen: j^enau entsi)richt «lies Hauwerk (h^i Be- schreibungen solcher Heerde, au denen mau die ,,Heroen'*, d. h. die verklärten Seelen, später su rerehren pflegtet Wir sehen hier also eine Einrichtung für dauernden und wieder- holten Seelencult Tor uns; denn nur solchem Dienste kann diese Stätte ])estimmt gewesen sein; das Todtenopfer bei der Bestattuni^ war ja bereits im Inneren des (irabes vollzogen. Und so scheint auch in den Kuppelgräbern der gewölbte Haupt- raum, neben dem die Leichen in kleinerer Kammer ruhten, zur Darbringung der Todtenopfer, und sicherlich nicht nur ein- maliger, bestimmt gewesen su sein*. Wenigstens dient anderswo
' Schlieniaiiii, Mykenae S. 246, 247. Abl)iUlung auf Plan F. — Ein ähnlicher Altar im Hofe de» Palastes za Tiryns : Schuchardt, SchliemanM Au$grob,* (1881) 134.
* iox^^ eigeotlich if * lotc ^pMoiv &KoMofuy. Pollnx I 8. Vgl. Neanthet bei Ammon, di/f, «Oft p. 84 Yalok. Eine solche tox^pa steht, ohne Stufpiiuntersatz, direct aaf dem Enlhodcn t/o-j-a Sir»-, iXX' liii 7Y^; t^f-ofiEvT,), sie ist nind (zz^^o-^-^fAofMfi) und hohl («otknj). 8. nrnment* lieh Haqx'cration p. H7. 15tT., Photius Lex. s. isyjapa (zwei (iloss^n), Ik'kker. anfcd. 2r>H. :t2: Etyin. M. Piff".: S.liol. 0.1. C Vi: Kiistath.
Od. ^ 71; Sc-hol. Eurip. Phoeniss. 2HI. pir Iz/ayi stellt otlViiliar von <i«'r Opferjg^rube des Todteucultes uieht weit al»; daher >ie auch wohl geradezu ^^poi; genannt wird: Scbol. Eurip. JPft. 274 (maxrf^ Steph. Byz. p. 191, 7 Mein.)
' Anden Stengel, ChUiommiher «. TodteneuU 427, 2.
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in Gräbern mit doppelter Kammer der Vorderratun solchem 84 Zwecke. Durch den Augenschein bestätigt sich also, was aus
Homers Getlichten nur niülisani erschlossen werden konnte: es gab eine Zeit, in der auch die Grieclien ^daubt^'U, (biss nach der Trennung vom Leibe die Psyche nicht gänzlich abscheide von allem Verkehr mit der Oberwelt, in der solcher Gli^ube anch bei ihnen einen Seelencult^ auch Über die Zeit der Bestattung des Leibes hinaus, herrorrief, der freilich in homerischer Zeit, bei veränderter (Thiubensansicht, sinnlos geworden war.
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n.
Die luuiierische Dichtimj^ mailit Ernst mit iler l'ehtT- zeiif^uii^ von dem Abscheiden der StM'lcn in fin ln wusstloses Halbleben im unerreichbaren Todtenlande. Ohne helles Be- wusstBein, daher auch ohne Streben und Wollen, ohne EinflusA auf das Leben der Oberwelt, daher auch der Verehrung der Lflten»l»'n nicht länger tlieilliattig, sind dit* TodttMi drv Anj^st wie der Liebe gleich lerne genickt. Es ;^Melit kein Mittel, sie herbei zu zwingen oder zu. lucken; Ton Todtenht>sc'hwörungen, TodtenorakelnS den späteren Griechen so wohl bekannt, ver- räth Homer keine Kenntniss. Auch in die Dichtung selbst, die Fiihning der i)oetischen Handhmj;, ^'eifen wohl die Götter ein, die Seeh'n (Ut Al)^'»'>c lii«'(leiien iiieinaK. ( ileich die nächsten Fortsetzer der lionieiischen Hehlendielitung halten es liierin ganz anders. Für Homer hat die Seele, einmal gebannt in den Hades, keine Bedeutung mehr.
Bedenkt man, wie es in Yorhomerischer Zeit anders ge- wesen sein niuss, wie es nacli Homer so iranz anders wnrde, sü wird man wenigstens der \'erwunderung Ansdnuk j,'el)en müssen, dass in dieser Frühzeit griechischer Bildung' eine 86 solche Freiheit Ton ängstlichem Wahn auf dem Gebiete, in dem
' Scliwprlif'h kennt Humer auch nur Trauniorakel (die dea Todteu- orakehi .sehr nah»- .st»'lH>n würden). Dass Tl. A 63 die rfxo?ur,3t? „vronijf- 8ten» angedeutet** wenle (wie Nügelhhaeh. Nachhom. Theol. 172 nteiut), ist nicht trau/ </t'\vi>(*. Der ovttpozö/.o? wird nifht -x in ein aloielitlicli zum inantischen Sclilaf sich hinlep«'nder l'ri^'ster, dt-r ^nsp ETspoi/ öviipo-j; öpä, «nndeiTi eher ein ovitpoxpirr^^f ein Ausleger fremder, ungesucht gekommener Traamgesiobte.
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der Walm seine festesten Wurzeln zu haben pflegt, erreicht werden konnte. Die Frage nach den Entstehnngsgründen so freier Ansichten wird man nur sehr Torsichtig berühren dfirfen; eine ausreichende Antwort ist ja nicht zu erwarten. Vor Allem
miiss man sich vorhalten, tlass uns in diesen Dichtungen zu- nächst und unmittelhar doch el)en nur der Dichter und seine Genossen entgegentreten. „Volksdichtung" ist das homerische Epos nur darum zu nennen, weil es so geartet ist, dass das Volk, das gesammte Volk griechischer Zunge es willig aufnahm und in sein Eigenthum verwandeln konnte, nicht, weil in irgend einer mystischen Weise das „Volk" hei seiner Hervorhringung betheiligt gewesen wäre. Viele Hände sind an den beiden Gedichten thätig gewesen, alle aber in der Richtung und dem Sinne, die ihnen angab nicht das „yolk** oder „die Sage**, wie man wohl yersichem hört, sondern die Gewalt des grSssten Dichterfzenius der Griechen und wohl der Menschheit, und die lleberlielerung des festen Verbandes von IVreisteni und Schülern, der sein Werk bewahrte, verbreitete, forttührte und nachahmte. Wenn nun, bei manchen Abirrungen im Einzelnen, im Ghtnzen doch Ein Büd von Göttern, Mensch und Welt, Leben und Tod aus beiden Dichtungen uns entgegenscheint, so ist dies das Bild, wie es sicli im (reiste Homers gestaltet, in seinem (ledichte ausgeprägt hatte und von den Hörnenden festgehalten wurde. Es versteht sich eigentlich von selbst, dass die Freiheit, fast Freigeistigkeit, mit der in diesen Dichtungen alle Dmge und Veihältnisse der Welt aufgefasst werden, nicht Eigenthum eines ganzen Volkes oder Volksstammes gewesen sein kann. Aber nicht nur der beseelende Geist, auch die äushere Ge- staltung der idealen Welt, die das Menschenwesen umschliesst und über ihm waltet, ist, wie sie in den Gedichten sich dar^ steUt, das Weik des Dichters. Keine Priesterlehre hatte ihm seine Theologie" vorgehildet, der Volksglaube, sich selbst üherlassen, muss daiiials, nachLandscliaften, Kantonen, Städten, 86 in widerspruchsvolle Emzelvorsstellungen sich noch mehr zer- splittert haben als später, wo einzelne allgemein hellenische
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Institute Vereini^niii|.'sj)uiicte ;il)gal)en. Nur des Dicliters Werk kann die Ausbildung und cousequente Durchführung des Bildes eines geordneten Götterotiuttes sein, aus einer beschränkten Anzahl scharf charakterisirter Gtötter gebildet, in fester 6rup- pimng aufgebaut, um Einen Überirdischen Wohnplatz Tersam- Hielt. Es ist, wenn man nur dem Homer vertrauen wollte, als ob die zaldloscu Localc ulti' Grieehenlands, mit ihren an einen engen Wohnplatz gebundenen Göttern, kaum existirt hätten; Homer ignoiirt sie fast völlig. Seine Grötter sind panhellenische, olympische. So hat er die eigentlich dichterische That, die Vereinfachung und Ausgleichung des Verworrenen und üeber- reichen, auf der aHer Ideabsmus der giiechischen Kunst be- nilit, am Bible der ( nittenvelt am Grossartigsten durehgeluhrt. L'nd in seinem Spiegel scheint Grieehenland einig und ein- heitlich im Götterglauben, wie im Dialekt, in Verfassongs- zuständen, in Sitte und Sittlichkeit In Wirklichkeit kann — das darf man kühn behaupten — diese Einheit nicht vorhan- den gewesen sein; die Grundzüge des panhelleniscben Wesens waren zweifeHos vorlianden, al)er gesammelt und verschmolzen zu einem nur vorgestellten Ganzen hat sie einzig der Genius des Dichters. Das Landschaftliche als solches kümmert ihn nicht Wenn er nun auf dem Gebiet, das unsere Betrachtung ins Auge fasst, nur Ein Reich der Unterwelt von Einem Götteipaar behenscht, als Sammelplatz aller Seelen, kennt und dieses Reich von den Menselien und ihren Städten so w v'it abrückt wie nach der anderen Seite die olympischen Wohnungen der Seligen — wer will bestimmen, wie weit er darin naivem Volksglauben folgt? Dort der Olymp als Versammlungsort aUer im Lichte waltenden Giitter', — hier das Reich des
' Selbst die sonst an ihi-on inlisdien AVnlinftlatj: gebnndeneti D'ä* monen, die ilussgötter und NNniphen, worilcn cl«)ch zur ifopä aller (iöttcr in 'IfMi Olymp mitheniffu : Tl. 20, 4H'. I)i<'so lUi «lern Local ihrer Veri'lirunj.' liafU'n {roViliobenon (Totthfiten sind, ('\u-n weil sie nicht mit zu der Idealhöhe d«'s ( )lynipos erholicn siiul, scliwächer als die dort oheii wohueuden Götter. Kalypso spricht das resigiiirt aus, Od. 5, 169f.: ai XI 4to( ^ IMXoiot, toi ebpay&v tüpüv l)^ou3tv, ol }isu ^ spxspoi tlot vo^al xt
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87 Hades, das alle unsichtbaren Geister, die aus dem Leben ge- schieden sind, umfasst: die Parallele ist zu sichtlich, als dass nicht eine gleiche ordnende und constituirende Thätigkeit hier
wie dort iingeiioiiiiiieii werden sollte.
2.
Man würde gleichwohl die Stellung der homerischen Dich- tung zum Volksglauben völlig missverstehen, wenn man sie sich
als einen Gegensatz dächte, wenn man auch nur annähme, dass sie der Stellung des Pindar oder der athenischen Tragiker zu den Volksmeinungen ihrer Zeit gleiche. Jene späteren Dichter lassen bewussten Gregensatz ihres geläuterten Denkens zu ver- breiteten Vorstellungen oft genug deutlich merken; Homer dagegen zeigt von Polemik so wenig eine Spur wie von Dog- uiatik. Wie vv seine V(»rst«'lhingen von (iott, Welt und Schick- sal nicht wie sein l>esondere8 Jüigeutiiuni gieht, so wird man auch glauben dürfen, dass in ihnen sein Publicum die eigenen An- sichten wiedererkannte. Nicht Alles, was das Volk glaubte, hat der Dichter sich angeeignet, aber was er vorbringt, muss auch zum Volksglauben gehört haben: die Auswahl, die Zu- saiunicntiigung zum ühtTtMiistiiiinicnden (innzen >vir(l des Dich- ters Werk sein. Wäi'e nicht der lionu-rische (ilauhe so ge- artet, dass er, in seinen wesentlichen Zügen, Volksglaube seiner Zeit war oder sein konnte, so wäre auch, trotz aller Schul- überlieferung, die Uebereinstimmung der vielen, an den zwei (redichten thätigen Diclitcr fast unerklärlich. In (li«'seni ein- geschränkten Sinne kann man sagen, dass Homers (ledichte un^ (h n V(dksglauhen wiedererkennen lassen, wie er zu der
88 Zeit der Gedichte sich gestaltet hatte — nicht überall im viel- gestaltigen Griechenland, aber doch gewiss in den ionischen
«pf^t Tt, Sie sind zu Gottheiten zweiten Raii<:o.» geworden; als unab- hingig für sich, frei neben dem Reidie des Zeus und der anderen Olym- pier, zu dem sie nur einen Anhung bilden, stehend, sind sie nirgends gedacht
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Städten der klfiiiasiutischtn Ivüstt' und Inselwelt, in deiuMi Dichter und Dichtung zu Hause sind. Älit ähnlidier Ein- schränkung darf man in den Bildern der äusseren Culturver- hältnisse, wie sie Uias und Odyssee zeigen, ein Abbild des da- maligen griechischen, speciell des ionischen Lebens ericennen. Dieses Leben muss sich in vielen Beziehungen von der „myke- näischen Cultur** unterschieden hal)en. Mun kann nicht im Zweifel darüber sein, dass die Gründe für diesen Unterschied SU suchen sind in den langanhaltenden Bewegungen der Jahr- hunderte, die Homer von jener mykenaischen Periode trennen, insbesondere der griechischen Völkerwanderung, in dem was sie zerstörte und was sie neu schuf. Der gewaltsame Einbruch nordgi-iechischer Stäninie in Mitt«'lgrieclienland und den Peh)- ponnes, die Zerstörung (h r alten Reiche und ihrer Cultur- bedingnngen, die Neubegründung dorischer Staaten auf Grund des Erobemngsrechtes, die grosse Auswanderung nach den asiatischen Kflsten und Begründung eines neuen Lebens auf fremdem Boden — diese Umwälzung aller Lebensverhiiltnisse musste den gesannnten Hildungszustand in heftiges Schwanken bringen. tSehen wir nun, dass der Seehncult und ohne Zweilei auch die diesen Cult bestimmenden Vorstellungen Tom Schick- sal der abgeschiedenen Seelen in den ionischen Ländern, deren Glauben die homerischen Gedichte wiederspiegeln, nicht mehr dieselben gehliehen sind, wie einst in der Blüthezeit der ^niyke- niiisclien f'uhur", so darf man wohl fragen, oli nic lit aucli zu dieser Verändening, wie zu den anderen, die Kämpfe und Wanderungen der Zwischenzeit einigen Anlass gegeben haben. Der freie, über die Grenzen des Götterkreises und Götter- cultes der Stadt, ja des Stammes weit hinaus dringende Blick des Homer wäre docli schwerlich (h'nkl)ar oline die freiere Be- wegung ausserhalh der alten Lan<h^sgrenzen , (he Heriihiinig mit Genossen anderer Stämme, die Erweiterung der Kinnt- niss fremder Zustände auf allen Gebieten, wie sie die Völker- Terschiebungen und Wanderungen mit sich gebracht haben müssen. Haben auch die lonier Kleinasiens nachweislich man- 8S
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chen (TÖtterdienst ihrer alten Heiiiiath in das neue Land ver- ]»f1anzt, so muss doch diese Auswanderung (die ja üherhaupt die Bande zwischen dem alten und dem neuen Lande keines- wegs so eng bestehen Hess, wie Colonieftthrungen späterer Zeit) viele locale Culte zugleich mit der Preisgebnng des Locals, an das sie gehunden waren, abgerissen haben. Ein Localcult, an die Gral)stätten der VoHaliren gehunden, war aber vor Allem der Ahnen cult Verptianzen Hess sich wohl das Andenken der Ahnen, aber nicht der religiöse Dienst, der nur an dem Orte ihnen gewidmet werden konnte, der ihre Leiber barg, und den man zurückgelassen hatte im Feindes- land. Die Tliaten der \^>rfaliren lehten im Gesänge weiter, aber sie sell)st vertielen nun eben der Poesie; die Phantasie schmückte ihr irdisches Leben, aber der Verehrung ihrer ab- geschiedenen Seelen entwöhnte sich eine Welt, die durch keuie regelmässig wiederholten Begehungen mehr an deren Macht erinnert wurde. Und wenn so die gesteigerte Art des Seelen- cultes, die Ahnenverehrung, ahstarh, so wird für die Erhaltung und kräftigere Ausbildung des allgemeinen Seelencultes , des Cultes der Seelen der drüben im neuen Lande gestorbenen und begrabenen Geschlechter, das stärkste Hindemiss in der Gewöhnung an die Verbrennung der Leichen gelegen haben. Wenn wahrscheinlich der Grund der Einführung dieser Art der Bestattung, wie ohen ausgeführt ist, in dem Wunsche lag, die Seelen völlig und schnell aus dem Bereiche der Lebenden abzudrängen, so ist ganz zweifellos die Folge dieser Sitte diese gewesen, dass der Glaube an die Nähe der abgeschiedenen Seelen, an die Verpflichtung zu deren religiöser Verehrung keinen Halt mehr fand und abwelkte.
3.
So lässt sich wenigstens ahnend verstehen, wie durch die
eigenen Erlebnisse, durch die veränderte Sitte der Bestattung dm» ionische Volk des houienscheu Zeitalters zu deijenigen
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Ansicht von Seelenwesen gelangen konnte, die wir aus den Gedichten seiner Sänger als die seinige herauslesen, und die 40 von dem alten Seelencult nur wenige Rudimente bewahren mochte. Den eigentlichen Grund der Veränderung in Glauben und Brauch würden wir dennoch erst erfassen können, wenn wir Kenntnis« und Verständniss von den geistigen Bewegungen liättfu, die zu der Ausliildung der homerischen WeltautTassung getührt haben, in deren Kalimen auch der Seelenglaube sich fugt Hier geziemt es sich, völlig su entsagen. Wir sehen einzig die Ergebnisse dieser Bewegungen Tor uns. Und da können wir so viel immerhin wahrnehmen, dass die religiöse Phantasie der Griechen, in deren Mitte Homer dichtet, eine Richtung i^cnonmien hatte, die dem (leister- und Seeleiifzlauben wenig Spielraum bot. Der Grieche Homers fUlilt im tiefsten Herzen seine Bedingtheit, seine Abhängigkeit von Mächten, die ausser ihm walten; sich dessen zu erinnern, sich zu be- scheiden in sein Loos, das ist seine Frömmigkeii Ueber ihm walten die Götter, mit Zaubers Kraft, oft nach unweisem (Tutdünken, a])er die Vorstellung einer allgemeinen Weltord- nung, einer Fügung der sich durchkreuzenden Ereignisse des Lebens der Einzelnen und der Gesa nimtheit nach zubemessenem Theile (|ioCpa) ist erwacht, die Willkür des einzelnen Dämons ist doch beschränkt, beschränkt auch durch den Willen des höchsten der GM^tter. Es kündigt sich der Glaube an, dass die Welt ein Kosmos sei, eine A\'ohIor(lnun^', wie sie die Staaten der Menschen einzurichten suchen. A'eben solchen Vorstellungen konnte der Glaube an wirres Gespenstertreiben nicht gedeihen, das, im Gegensatz zum ächten Götterwesen, stets daran kenntlich ist, dass es ausserhalb jeder zum Ganzen sich zusammenschliessenden Thätigkeit steht, dem Gelüste, der Bosheit des einzelnen unsicliti)aren Mächtigen allen Spielraum lässt. Das Irrationelle, Unerklärliche ist das Element des Seelen- und Geisterglaubens, hierauf beruht das eigenthümlich Schauerliche dieses Gebietes des Glaubens oder Wahns und auf dem unstät Schwankenden seiner Gestaltungen. Die home-
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rische Heligion lebt im Bationellen, ihre Götter sind völlig be- 41 greif lieh griechischem Sinn, in Gestalt und Gebahren röllig deutlich und hell erkennbar ^iechischer Phantasie. Je greif-
l)aivr sie sk-li gestalteten, um so mehr scliwaiiden die Seeleii- bilder zu leeren Schatten zuBainnieii. Es war auch Isiemand da, der ein Interesse an der Erhaltung und Vermehrung reli- giöser Wahnvorstellungen gehabt hätte; es fehlte völlig ein lehrender oder durch Alleinbesitz der Kenntniss ritualen Formel- wesens lind Geisterzwanges mächtiger Priesterstand. Wenn es einen Lehrstaiid gal), so war es, in diesem Zeitalter, in dem noch alle höchsten Geisteskräfte ihren gesannueiten Ausdruck in der Poesie fanden, der Stand der Dichter und Sänger. Und dieser zeigt eine durchaus MveltÜche** Bichtung, auch im Religiösen. Ja diese hellsten Köpfe desjenigen griechischen Stammes, der in späteren .Jahrhunderten die Xatunvissenschaft und Philosoj)liie „erfand" ( wie man hiereinmal sage» darf), lassen bereits eine Vorstellimgsart erkennen, die von Weitem eine Ge- fährdung der ganzen Welt plastischer Gestaltungen geistiger Ejräfte droht, welche das höhere Alterthum aufgebaut hatte.
Die ursprungliche Auffassung des „Naturmenschen** weiss die He^niniren des Willens, ( Jemiithes, Verstandes nur als Hand- lungen eines innerhalh des sielitharen Menschen Wollenden, den sie in irgend einem Organ des menschlichen Leil)es verkcii pert sieht oder verborgen denkt, zu verstehen. Auch die homerischen Gedichte benennen noch mit dem Namen des nZwerchfelles** (cppY^v. 'frji^nz) geradezu die Mehrzahl der Willens- und Gemttths- reguiigeii, aucli wohl die Verstandesthätigkeit ; das „Herz" (T^rop, xfjpj ist imcli der Xame der (iemülhsheweguiigeii, die man in ihm lücalisiit denkt, eigentlich mit ihm identititii-t. Aher schon wird diese Bezeichnung eine formelhafte, sie ist oft nicht eigentlich zu verstehen, die Worte des Dichters lassen erkennen, dass er in der That sich die, immer noch nach Körpertheilen benannten Triebe und Kegungen körperfrei dachte K Und so
» Die Beispiele bei Nägelshach, Homer TJieo!,* p. 887 f. (fpivi«) W. Schinder, Jahrb. f, PhiM* 1885 S. 1031. (i|Top).
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findet man iu*l>en (lein ^Zwerclit'ell'', mit ihm oft in en^'steiMa Vereinigung genannt, den dopiö«, dessen ^^ame, von keinem Körpertbeil bergenommen, schon eine rein gdbtige Function bezeichnet So bezeichnen mancherlei andere Worte (vtec« — voclv, vöir]|ia — ßooXrj, {livoc, (tt^^tc) Fähigkeiten und Thätigkeiten des Wollens, des Sinnes und Sinnens mit Xamen, die deren frei und kr)r]ierl(>s wirkende Art anerkennen. Der Dichter hängt noch mit Einem Faden an der Anschauungsweise und Ausdmcksweise der Vorzeit, aber schon ist er in das Reich rein geistiger Vorgänge entdeckend weit torgedningen. Wäh- rend bei geringer ausgerüsteten Völkern die Wahrnehmung der einzelnen Functionen des Wilh-ns und Intellects nur dazu fuhrt, diese Functionen in der \'ürsteilung zu eigenen kor])er- haften Wesen zu verdichten und so dem schattenhaften Doj)|>el- gänger des Menschen, seinem anderen Ich, noch weitere „Seelen** in Grestalt etwa des G^ewissens, des Willens zu gesellen*, be-
' J>er Glaube an melirorc S<'<'l» ii im oinzolnen MciiscIh'ii ist solir verbreitet. Vgl. .1. G. :^^üller. Atiienkan. I'rrel. H«. 207 f. Tvlur, Pri- mit. Cult. I 392 f. Im Gniiule knuuiit auch rlie l'nterNi lK'idini'r der fünf, im Meuscheu wuhueudeu suelischeu Kräfte im Avesta ^vgl. Geiger, OMrüm. CNftur 298ff.) suf dmelbe hinus. — Selbrt bd Homer findet Oomperz, Grieth, Deiüter^ 1, 2001., eine Shnliche „Zweiseelentheorie** aingeprigt. Neben der kenne Homer in dem 4h)fi6c (der von dem Dunpf des Irisdi veigoesenen, nodi keinen Blutes benannt sein soll) eine sweite Seelr, m lien der ^Athemseele^ der eine „Rauehseele". Aber
wenn unter „Seele" ein Etwas Terstanden wird — wie es docli in volkstliüm- licher Psyelmlnrrie verstanden werden tnuss — , da« zu ilcni T.»-!!»«' und seinen Kräften als ein Anderes solhständi^ hinzutritt, sieh im Lcilic sclb- ständi^f beliauptet, naeh dem Tudi- drs Leibes (mit dem »•> nirht unauf- löslich verknüpft war) sich selbständig abtrennt und entfernt, so lässt sidi der ^ofio; Homers nicht wohl eine „Seele**, eine Verdoitpelung der nennen. Allan oft und dentlioh wird doch der ^ofiAc als geistige Kraft des lebendigen Leibes, denkende wie wollende oder auch nur empfindende velo», dojji^ 9t!o«t, 7ir|IK)oit ^fi^, ixo^woftto ^(»4*, ^potp*
•ojiiv c^tuo-g u. ». w.), als din Sti lli' di^r Affeete ("[itvo; TiXa^t ä-oixov) be- leichnet, als dem Leil)e des T^rlirml. n augehörend, im lit-sruideren als in den «fifvii; verscldossen vorgr'stdlt . als «lass man ihn als etwas Antleres, denn als ein«' Kraft, eine Eigenseliaft eben dieses lelM-jidit^en i^eilies an- sehen könnte. Wenn einnml (H 181) der O-oiiö; als das (statt der '\'y/r^ in den Hades Eingehende genannt wird, so lässt sieh in diesem Aus-
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wegt sich die Auffassung der liouHTischen Sänger l)ereits in entgegengesetzter iüchtung: die Mythologie des inneren ^len- sehen schwindet laMmmen. Sie hätten nur wenig auf dem gleichen Wege weiter gehen dürfen, um auch die Psyche ent- behriich zu finden. Der Glaube an die Psyche war die älteste Urhypothese, durch die man die Erscheinungen des Traumes, der Olmmaoht, der ekstatisclien Vision vermittelst der AnuMhiiie eines besonderen körperhaften Acteurs in diesen dunklen Hand- lungen erklärte. Homer hat für das Ahnungsvolle und gar das Ekstatische wenig Interesse und gar keine eigene Neigung, er kann also die Beweise für das Dasein der Psyche im leben- digen Menschen sich nicht oft einleuchtend gem.u ht lia)>en. 43 Der letzte Beweis dafür, dass eine Psyclie im Lel)enden ge- haust liaben muss, ist der, dass sie im Tode Abschied nimmt Der Mensch stirbt, wenn er den letzten Athem Terhaucht: eben dieser Hauch, ein Luftwesen, nicht ein Nichts (so wenig wie etwa die Winde, seine Verwaudten), sondern ein gestalteter, wenn auch waclien Augen unsichtlmrer Körper ist die Psyche, deren Art, als Al»l>ild des Menschen, man ja aus dem Trauni- gesicht kennt Wer nun aber schon gewöhnt ist, körperfrei wirkende Kräfte im Inneren des Menschen anzuerkennen, der wird auch bei dieser letzten Gelegenheit, bei der Kräfte im ^fenschen sicli regen, leicht zu der Annahme geführt werden, dass, was den Tod des Menschen herbeiführe, nicht ein körper- druck nur pino Xaehlluisigkoit odor (Todnnkonlo«i{jkpit sohon (s. unten S. 4Sa Aum. der 1. Auti.). Der L«'ili - das ist linmerisrlu', l>ei (iriiM'hen, Bclbht sri ifcliiNcliou l*liilos(»plion , imiiuT wieder auftauchende VdrsteHuu«? — hat uilo sein«' lifheuskräfte, nicht nur d-Oftö^, sondeni ebenso |i-svo<;, v6o(;, }i.r^xli^ ^ooXv^, in sich selbst; Leben hat er dennoch erat, wenn die '^'j/j^ Iiinnatritt, die etwas von allen diesen Leibeskriffcen Töllig Verschie- dene« ist, ein selbständiges Wesen für sich, allein mit dem Namen der „Seele** an b^prSssen, der dem htffM so wenig wie etwa dem v6«« su* kommt Dass so den ursprfinglich allein beachteten Kräften des leben- digeu Leibes. >]* m (Vm;lö; u. s. w., die 4<*x^ i^ späterer Zeit in der Vorstellung der (i riechen hinzugretreten sei (wie G^unperz annimmt), ist doch gewiss ans Homer oder sonst aus griechischer Literatur nicht glaublich zu machen.
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liches Wesen sfi, das aus ilmi »'utw^'iche, soihIith eine Kratt, eine QiiiUität, die zu wirkeu aui'höre: keine andere als eben „das Lieben**. Einem nackten Begriff wie nLeben*" ein selb- ständiges Dasein nach der Anfldsung des Leibes snmschreiben, daran könnte er natttriich nicht denken. So weit ist nnn der lioiuerisclie Dicliter nicht vorgeschritten: allenaeist ist und hleibt ihm die Psvche ein reales Wesen, des iNfensc lien z\v»'ites Ich. Aber dass er den gefährlichen Weg, bei dessen Verfol- gung sich die Seele zu einer Abstraction, zum Lebensbegriff Terflüchtigt, doch schon angefangen hat zu beschreiten, das zeigt sich daran, dass er bisweilen ganz unverkennbar Psyche** sagt, wo wir ..Lelx'R" sagen würden*. Es ist im (rrnndr die gleiche Vorstellung^art, die ihn veranlasst hatte, liit r und da 44 „Zwerchfell** (^f»^vsc) zu sagen, wo er nicht mehr diis körper- hche Zwerchfell, sondern den abstracten Begriff des Wollens oder Denkens dachte. Wer statt „Leben** Psyche sagt, wird darum noch nicht sofort auch statt Psyche „Leben** saf^^^n (und <ler Dichter tliut es niclit), aber otf^nbai- ist ihm, auf dem Wege der Entkörperung der Begritlf. mucIi das einst so höchst inhaltrolle Gebilde der Psyche schon stark verblasst und Terfittchtigt. —
Die Trennung vom Lande der Vorfahren, die Gewöhnung an die Sitte des Tjeichenhrandes, dir Ki< litung der religiösen Vorstellungen, die Neigung, die einst körperlich vorgestellten
* irtpt ']"J/T,; ^iov II. 22. IHl; «tol 'J/'j/sojv sfi'iyovto ()<1. 22. 245; •I-'j/YjV r'zp'/^'x/./.öasvo; 11. 9. .'^22; tta|>iH}isvoi Od. M, 74; i». 25'»; 'Vj/y,?
'mz'tX'.'tu II. 401. XaiiH iitlich vgl. Od. 1». 523; ml oy, tt xa:
almvö; "e 0'jvzi}i.Y,v »ovtv «o'-Yj-sa^ T,\\v\ft'. ^öuov "Aioo; si^oj. I»fi" '^'j/Yj im eigentlichen Sinn beraubt kann Xienuuid in den Hades ein^cluMt, denn eben die ist es ja, die allein in den Hades eingeht ^'u/j^ Hteht also liier besonders deutlich = Leben, wie denn dies das erklärend hinzu- tretende ««l alcDVo; noch besonders bestätigt. Zweifelhafter ist schon, ob 4»ox^ SXtdjpoc IL 92, 895 hidier zu riehen ist, oder: ^^xtl* ÖXioavcK D. 18,768; 24, IHR. And- n- Strllen, die NäK^lsbach, Horn. Theol."* p. 381, und Schräder, Jahrb. /*. Fhil. 1H85 S. 167 nnführen. iHssen eine sinnlich«» Deutuiiir von ^ox^i za oder fordern sie (so II. 6, 696 ff.; 8, 123; Od. 18,91
O. 8. W.j
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Principien des inneren Lebens des Menschen in Abstmcta su verwandeln, Haben beigetragen, den Glanben an inbaltrolles,
machtvolles Lehen der ahgesehiedtnen Seelen, an ihre Ver- bindimg mit den Vorgängen der diesseitigen Welt zu .schwächen, den Seelencult zu beschränken. So viel, glaube ich, dürfen wir behaupten. Die innersten und stärksten Gründe für diese Ab- schwächung des Glaubens und des Oultus mögen sich unserer Kenntnisfi entziehen, wie es sich unserer Kenntniss entzieht, wie wvit im Kiii/.elnen die homerische Dichtung den (Jlauheu des Volkes, djLs ihr zuerst lauschte, darstellt, wo die freie Thäüg- keit des Dichters beginnt Dass die Zusammenordnung der einzelnen Elemente des Glaubens zu einem Ganzen, das man, wie- wohl es von dem Charakter eines streng geschlossenen Systems weit genug entfernt ist, niclit unpassend die homerische Theologie iiemit, des Dichters eigenes Werk ist, dai f man als sehr wahr- scheinlich ansehen. Seine Gesainmtansicht von göttlichen Dingen kann sich mit grosser Unbefangenheit darstellen, sie gerieth mit keiner Volksansicht in Streit, denn die Religion des Volkes, damals ohne Zweifel ebenso wie stets in Griechenland in der rechten Verehnmg der Landesgiitter, niclit im Dogma sich vollmdend, wird si hwerlich eine geordnete ( lesanuntvoi'stellung voll (Tiitteni und Göttlicliem ^it liitht hahen, mit der der Dichter sich hätte auseinandersetzen müssen oder können. Dass semer- 46 seits das Gresammtbild der unsichtbaren Welt, wie es die home- rische Dichtung aufgebaut hatte, der Vorstellung des Volkes sich tief einprägte, zeigt alle kommende Entxi'icklung griechischer Cuitur und Religion. AVenn sieh ahwciclH ude Vorstellungen da- neben erhielten, so zogen diese ihre Kraft nicht sowohl aus einer anders gestalteten Dogmatik als aus den Voraussetzungen des durch keine Dichterphantasie beeinflussten Cultus. Sie Tor- nehmlich konnten auch wohl einmal dahin wirken, dass inmitten der Dichtung das dichterische Bild vom Keiche und Lehen der ünnichtharen eine Trübung erluhr.
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HL
Eine Frohe auf ilie Geschlüsseiiheit und dauerhafte Zu- sammenfUgimg der in homerischer Dichtung ausgehihleten Vor- gtellungen von dem Wesen und den Zuständen der abgeschiedenen Seelen wird noch innerhalb des Rahmens dieser Dichtung ge- macht mit der Erzählun«r von der Hadesfahrt des OdysseuR. Eine gt'falirHche Prohf, sollte man denken. Wie mag sieh ))ei einer Schihlening des Verkehrs des lebenden Helden mit den Be- wohnern des Schattenreichs das Wesenlose, Traumartige der homerischen Seelenbilder festhaltenlassen, dassich entschlossener Berührung zu entziehen, jedes thätige Verhältniss zu Anderen auszuschli essen schien? Kaum verst^'ht man, wie es eint-n Dichter reizen konnte, mit (h'r Fackel der Phantasie in dieses Höhlenreich ohnmächtiger Schatten hineinzuleuchten. Man be- greift das leichter, wenn man sich deutlich macht, wie die Er- zählung entstanden, wie sie allmählich durch Zusätze von fremder Hand sich selber unähnlich geworden iai^,
1.
Es darf als eines der wenigen sicheren Ergebnisse einer kritischen Analyse der homerischen Gtedichte betrachtet werden,
dass die Erzähhing von (h-r Fahrt des Odysscus in die rntrr-46 weit im Zusammenhang der Odyssee ursprüuglicli niclit vor- handen war. Kirke heisst den Odysseus zum Hades fahren,
' Eil»».' jrniauore Ausführunir und Bf)irrün<lmi[r (h'r im Folp-cndcn jrt'^r«'J»Hiu'ii Aiialy><«' <l(*r Nckyia iu Odyss. *. i^t im Mhein, Mwi. 50 (1895) p. H<KitV. Vfi-ilrtViitlicht wi.rilfU.
Kobüe, Prycbe I. 3. Aufl. 4
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(laiiiit ihm dort Tiresias „den We«; und die Maasse der Kiu k- kehr weise, und wie er heimgelan^en köuue ül)er das lisch- reiche Meer" (Od. 10, 530 f.). Tiresias, im Schattenreiclie aufgesucht, erfüllt diese Bitte nur ganz unrollständig und oben* hin; dem Zurückgekehrten giebt dann Kirke selbst eine toU- ständigere und in dem Einen auch von Tiresias berührten Punkte doutlieliere Auskunft \\])vv (]ie (iefaliren, di«' auf" der Kückkelir ilim noch bevorstehen'. Die Fahrt ins Todtenreich war also unnöthig; es ist kein Zweifel, dass sie ursprünglich ganz fehlte. Es ist aber auch klar, dass der Dichter dieser Abenteuer sich der (überflüssigen) Erkundi«rung bei Tiresias nur als eines lockeren Vorwandf's l)edieute, um doeli irgend einen äusseren Anhiss zu hallen, seine Er/.iihliiiifi in (hts (ianze der Odyssee einzuhängen. Der walire Zweck des Dichten», die eigentliche Veranlassung der Dichtung muss anderswo gesucht werden als in der Weis- sagung des Tiresias, die denn auch auffallend kurz und nüch- tern abgemacht wird. Bs läue ja nahe, anzunehmen, dass die Absicht des Dichters gewesen sei, der Phantasie einm Ein- blick in die Wunder und »Schrecken des (hmklen lieiches, iu das alle Menschen eingehen müssen, zu eröffnen. Eine solche Absicht, wie bei mittelalterlichen, so bei griechischen HöUen- poeten s]>äterer Zeit (deren es eine erhebliche Zahl gab) sehr begreif Hell, wäre nur eben bei einem Dicliter honieriseiier Schule schwer verständlich: ihm konnte ja das Seelenreich und seine Bewohner kaum <'in Gegenstand irgend welcher Schilde- rung sein. Und in der That hat der Dichter der Hadesfahrt 47 des Odysseus einen ganz anderen Zweck verfolgt; er war nichts weniger als ein antiker Dante. Man erkennt die Absicht, die ihn bestimmte, sobald man seine Dichtung von den Zusätzen mancherlei Art säubert, mit denen spätere Zeiten sie umbaut
* Die auf Thrmakia und die Heerden des Helios besSglichen Mit- theiluDgen des Tiresias, 11, 107 ff. Schemen eben danun so kurz und
unjrenüj^cnd aiisirefülirt zu sein, weil der genauere Bericht der Kirke, 12, 127 ff. deui Dichter schon bekannt war und er diesen nicht voUstSndig wiederholen mochte.
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haben. Es bleibt dann als ui>»prünj?liclit'r Kt rn des Gedichtes nichts übrig als eine Keihe ▼on Gesprächen des Odysseus mit Seelen solcher Verstorbenen, zu denen er in enger persönlicher Beziehung gestanden hat; ausser mit Tiresias redet er mit
sf'ineni eben aus (h'iii Leben i;es( lii('(b'ncn Schiffsj^cnossen Elp«'- nur, mit »einer Mutter Antikh ia, mit A^Muiemuou und Achill, und ▼ersucht vergeblich mit dem grollenden Ajas ein versöhnendes Gespräch anzuknüpfen. Diese Unterredungen im Todtenreiche sind für die Bewegung und Bestimmung der Handlung des Bainnitgedichtes von Odysseus' Fahrt und Heiuikelir in keiner A\'eise iiotb\\«'iuliii, sie dienen aber aueb nur in ^anz ^rerintrem Alaasse und nur nebenbei einer Aulkläning über die Zustünde und Stimmungen im räthseihaften Jenseits; denn Fragen und Antworten beziehen sich durchweg auf Angelegenheiten der oberen Welt Sie bringen den Odysseus, der nun schon so lan^je fem von den Keielien der tbäti<ren Menseldieit einsam umirrt, in ^'eistij^e \'erbindun^' mit den Kreisen der W'irklicb- keit^ zu denen seine Gedanken streben, in denen er einst selbst wirksam gewesen ist und bald wieder kraftvoll thätig sein wird. Die Mutter berichtet ihm von den zerstörten Lebensverhält- nissen auf Ithaka, Agamemnon von der frevelhaften Tbat des Aegistli und (b'i- lieilnlfe tler Klytaemnestra, ( )dys^«'us sell)st kann dem Aebill Trüstliebes sa«^en von den Ueldentbaten des Sohnes, der noch droben im Lichte ist; den auch im Hades grollenden Ajas vermag er nicht zu versöhnen. So klingt das Thema des zweiten Theils der Odyssee bereits vor; von den grossen Tliaten des troiseben KiIclms. den Abcnteut'iii der Küekkehr, die damals aller S;ini:< r Sinne besebäftif^te , tönt ein Nachhall bis zu den Schatten hinunter. Die Ausfübnmg dieser, im Gespräch der betheiligten Personen mitgetheüten Erzählungen ist dem Dichter eigentlich die Hauptsache. Der lebhafte Trieb, den Sagenkreis, in dessen Mittel]>unkt die 48 Abenteuer dei- Ibas ia^jen, nacb allen Kiclitunfien ajiszutiibren und mit lUideren Sageidireisen zu \ erscblingen, hat sich spiiter in besonderen Dichtungen, den Heldengedichten des epischen
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Cyklus, genug gethaii. Als die Odyssee entstand, waren (bese Sagen bereits in strömend Tordringender Bewegung; noch hatten sie kein eigenes Bette gefunden, aber sie drangen in einzebien Ergiessungen in die ausgeführte Erz&hlung von der Heimkehr des zuletzt allein noch umirrenden Helden (der sie, ihren Gegen- ständen naeli, alle zeitlicli voran lafjen) ein. Ein Hau])tzwe< k der Erzählung von der Fahrt des Teleniaelios zu Nestor und Menelaos (im dritten und vierten Buch der Odyssee) ist ersicht- lich der, den Sohn in Berührung mit alten Kriegsgenossen des Vaters zu bringen und so zu mannichfachen Erzählungen 6e- legenln'it zu seh.itFen, in denen von den zwischen llias und Odyssee liegenden A])enteuem einzelne l)ereits dcutlicliere Ge- stalt gewinnen. Deniodokos, der Sänger bei den Phäaken, muss zwei Ereignisse des Feldzuges in Andeutungen TorfUhren. Auch wo solche Berichte nicht unmittelbar von den Thaten und der Sinnesart des Odysseus melden, dienen sie doch, an den grossen Hintergrund zu malmen , vor dem die Ahenteiier des zuletzt auf seinen Irrfahrten völlig vereinzelten Dulders stehen, diese in den idealen Zusammenhang zu rücken, in dem sie erst ihre rechte Bedeutung gewinnend Auch den Dichter der Hades- fahrt nun bewegt dieser queUende Sagenbüdungstrieb. Auch er sieht die Ahenteuer des Odysseus nicht vereinzelt, sondern im lehencUgen Zusammenhang aller von Troja ausgehenden Abenteuer; er fasste den Gedanken, den Helden in Rath und Kampf noch einmal, ein letztes Mal, zu Bede und Glegenrede zusammenzuführen mit dem mächtigsten Könige, dem hehrsten MHelden jener Kriegszüge, und dazu musste er ihn freilich in das Reicli der Schatten tiilnen, das jene längst umschloss, er durite einem Tun der Wehmuth nicht wehren, der aus diesen
' Eine letzte Fortsetning solcher, den Hinteignmd der Odyaaee •usmalendeii DanteUungen bietet das Zwiegespiüch des Achill und Aga- memnon in der „zweiten Nelqria**, Od. 24, 19fiL, deren Veifssser den Sinn und Zweck der ursprünglichen Xekyia im 11. Buche, der er nach- ahmt , ^aiiz richtig erfa«st hat und (freilich sehr ungeschickt) fortsetzend zn fördern versncht
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Gesprächen am Kande des Kciclu s der ^Dichtigkeit klingt, zu der alle Lust und Macht des Lebens zusammensinken muss. Die Befirftgung des Tiresias ist ihm, wie gesagt, nur ein Vor- wand, um diesen Verkehr des Odyssens mit der Mutter und
den alten (xenossen, auf d«'n es ihm einzig' aiik;iiii, lierhfi- zul'iüiren. \'it'lh'icht ist gerade diese Wendung ihm emi^cL^ohen worden durch Eiinnenmg an die Erzählung des Menelaos (Od. 4, 351 ff.), von seinem Verkehr mit Proteus dem Meer- greis': auch da wird ja die Befragung des der Zukunft Kun* di^en üher <lie Mittel zur Heimkehr nur als tlüclitifze Einleitung zu Berieht» !! ül)er Hfiink«'hrabenteuer des Ajas, des Agamemnon und Odjsseus ven^endet
2.
Gewiss kann die Ahsicht dieses Dichters nicht gewesen
sein, eine Darstrlliiii;^ der l iitj-rwelt um ihrer s»dhst willen zu geben. Selbst die ISceuerie dieser fremdartigen \' orgäuge, die am ersten noch seine Phantasie reizen mochte, wird nur in kurzen Andeutungen bezeichnet. Ueber den Okeanos fahrt das Schiff bis zu dem Volke der Kimmerier*, das nie die Sonne sieht, und gelangt bis zu der ..rauhen Küste** und dem Hain dvr P«'rs('|)li(»n«' aus S( h\var/j>aj)j)<'ln und Weitlcn. ( )dysseu8 mit zwei ( n fährten drinjjt vor his zum Eingang in den ^'rebos, woPyriphlegethon undKokytos, der StyxAbfluss, in denAcheron münden. Dort grabt er seine Opfergrube, zu der die Seelen aus des Erebos Tiefe über die Aspbodeloswiese heranschweben. Es ivt (la^sclhc l{»*i( ii der Krdtic'fc, das :iurh die Ilias als den 50 Auieiitlialt der Seelen voraussetzt, nur genauer vorgestellt und
' Od. 10. ö.iH 4<) Mii.l «•utli liiit ans 4. HS!* <M>. 470. An Xacli- afimun^ j»'n«T Seen»' ilr> 4. MucIh-^ in dtr Ni-kyia ilnikt. wie ich uacli- iragiicli iM-niorke, hclHm Khiiiiu«'!-, lunheit d. Od. p. 494 f.
* AoffaUend ist (und mag wohl auf tit^cne Art zu erklären sein), dan in der Anweianng der Kirke die Kinunerier nicht em^hnt werden. Tentändlicher, wsnun die f(enane Schildemnif des Oertlichen aus Kirkes Bericht, 10, 509 — 615, nachher nicht wiederholt, sondern mit kurzen Worten (11, Sl/22) nur wieder ins Gedicbtniss i^emfen wird.
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vercjogenwärtipct \ Die einzelnen Züge des Bildes werden so riüclitig bcrülirt, dass iium fast glauben nicM lite, auc h sie liai)e (ItT Dichter ])ereits in älterer Sagendichtung vorgefunden. Jeden- falls hat er ja die, auch der Bias wohlbekannte Styx Über- nommen and 80 Termuthlich auch die anderen flttsse, die vom Peuerbrande (der Leichen?*), von Wehklagen und Leid leicht vei-ständliclie Namen haben ^. Der Dieliter selbst, auf das Ktiiiselie allein sein Augenmerk richtend, ist dem Reiz des leer Phantastischen geradezu abgeneigt; er begnügt sich mit spar- samster Zeichnung. So giebt er denn auch von den Bewohnern des Erebos keine verweilende Schilderung; was er vofi ihnen sagt, hält sich völlig in den Grenzen des homerischen Glaubens. Die Seelen sind Schatten- und Traund)ildern gleicl», dem (niti' des Lebenden unfassbar^; sie nahen bewusstlos; einzig Elpenor, dessen Leib noch unverbrannt liegt, hat eben darum das Be- wusstsein bewahrt, ja er zeigt eine Art von erhöhetem Bewusst- sein , das der Prophetengabe nahekommt, nicht anders als 61 Patroklus und liektor im Augeidilick der Loslösung der Psyche
* Einen w«^itlichen Unterschied zwischen der Yorsteltung von der Lage des Todtenreiches, wie sie die Dias andeutet, und derjenigen, welche die Nekyia der Odyssee ausführt, kann ich nicht anerkennen. J. H. Voss und Nitzsch haben hier das Richtige getroffen. Auch was die zweite Nekyia (Od. 21) :m weiteren Einzelheiten hinzubringt, „contrastirt'* nicht eij:»>ntlirh (wie Teuffei, Stutl. ii. CharakL p. 43 meint) mit der .SchihUM tiii^' ch>r ontten Nekyia, es hält sich nur nicht ängstlich an diese, beruht al>er imf «rh'iehfn (J nni(hoi*Mtellungen.
' Sciiul. H. ()(l\>s. •/. 514: Ilop'.'fXr,'tftuiv, r^tot th rJyj "z'n ä^avi^ov TO züy/.'.-^'jv Ttöv ,-;j;oTO)v. A iioUudor. ~. J^stüv uj). Stol». Erl. T p. 420, 9: Ilupi'f /.s-,'ti)(uv EtpTjia'. Ü710 toO T^'jy. /.r,'S3i>a'. to'j^ tE/.t'jtiövta^.
' Auch der Acheron scheint als Fluss gedacht. Wenn die Seele des unbestatteten Patroklos, die doch schon &v* t2»pi>«oXk( *Al^c schwebt^ also über den Okeanos hinübergedrungen ist, die anderen Seelen nicht ^fiber den Fluss^ lassen (II. 28, 72f.), so wird man doch jedenfalls anter dem „Flusse" nicht den Okeanos verstehen, sondern e))en den Acheron (so auch Porphyrius hei Stoh. Eel. I p. 422 f. 424 W). Aus Od. lo, 515 folyt keineswegs, da-ss (U r Acheron nicht auch als Fluss gelte, stinderu als See, wie lierirk. 0j)usc. II 695 meint.
* Vgl. 11, 206 tr. 209, 39a ff. 475.
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▼om Leibe K Alles dieses wird auch ihn Terlassen, sobald sein Leib ?eniicfatet ist Tiresias allein, der Seher, den die Theba-
niRche Sajr«" bprülinit vor allen gemarlit hatte, hat BeiRiisst- Nfiii und su^'ar Sfliergalx* auch unter den Seliatten, durch Gna<le der Perse])h(uie, bewahrt; aber das ist eine Ausnahme, welche die Regel nur bestätigt Fast wie absichtliche Bekräf- tigung orthodox homerischer Ansicht nimmt sich aus, was Antildeia dem Sohne von der Kraft- und Wesenlosigkeit der Seelt- nach Verbrennunir des Leibes sa^f^. Alles in <ler Dar- stellung dieses Dicliters l)estäti^t die Walii iicit dieses (ilaulx-ns; und wenn die Ijebenden freilich Kulie haben vor den macht- los ins Dunkle gebannten Seelen, so tönt hier aus dem Erebos selbst in dumpfem Klange uns das Traurige dieser Vorstellung entjjegen, in der Klape des Achill, mit der er den Trost- zusprucli des Freundes abweist — Jeder kennt die unverj^ess- licheii W orte.
3.
Dennoch wagt der Dichter einen bedeutsamen Schritt über Homer hinaus zu thnn. Was er von dem Zuständlichen im
Reiche des Hades meiir andeutet als sa«;t, streitet ja in keinem Punkte mit der homeriscbeii Dai^stellung. Aber neu ist doch, dasü dieser Zustand, wenn auch nur auf eine kurze Weile, unter- brochen werden kann. Der Bluttrunk giebt den Seelen momen- tanes Bewusstsein zurück; es strömt das Andenken an die obere Welt ihnen wieder zu; ihr Bewusstsein ist also, müssen wir
' S. II. 1«. 851 ff. (Patroklos), 22, HÖHtV. (Ilcktor). 0.1. II, HUff. Zu (rniiuk» liej^t der alte (ilaul)«-, dass die Sti l.", im H.Lnirt' tni zu w»'rdi'ii, in cinfii Zu-^fand crlirdietcn TiclM-iis, au Siiiin-\viihnM liiiiuii<f iiielit t'<'lmn<lfiier Kik<niitiii>-tiihiL;k»Mt /.uiiickkt'hro {v\£\. ArttMimii in Schol. Ii. II 854, Aristot. fr. 12 H); sonst ist es (hei Hiuuei) nur der Gott, ja eigentlich nur Zeus, der Alles vorausaieht. Mit Bewnsstsein ist aber die DarsteUimg soweit herabgemindert, dass eine unbestimmte Mitte xwischen eigentlicher Ptophezeinng and blossem otox^C«9^ ehigehalten wird (vgl. Schol. B. V. n. X 859); hSchstens I). 22, 399 gebt darüber hinaas.
* 11, 318—224.
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6B^laul)pn, für fjcwöhnlich niclit todt, es sililiit't nur. Zwt'itclloR wollte der Dichter, der solche Fietioa für seine Dichtung nicht entbehren konnte, damit nicht ein neues Dogma aufgerichtet haben. Aber um seinen rein dichterischen Zweck zu erreichen, muss er in seine Erzählung einzelne Züge verflechten, die, ans seinem eigenen Glauheu nicht erklärlich, liiuiiher oder eigentlich zurück leiten in alten, ganz anilers gearteten (Ihiuhen und auf diesem errichteten Brauch. Er lässt den Odysseus, nach An- weisung der Kirke, am Eingang des Hades eine Grube graben, einen Weiheguss «für alle Todten" herumgiessen, zuerst eine Mischung von Milch und Honig, dann Wein, Wasser, darauf wird weisses MpIiI gfsticiit. Xai hher schlachtet er »'iuen WiddtT und ein schwarzes Mutterschaf, ihre Köpfe in die Gruhe drückend*; die Leiher der Tliiere werden verl>rannt, um das Blut versammeln sich die heranschwebenden Seelen, die des Odysseus Schwert fem zu halten vermag', bis Tiresias als erster getrunken hat. — Hier ist der Weiheguss ganz unzweifelhaft eine ( )])fergaltc, den Seelen zur Tjahung ausgegossen. Die Schlaciitung der Thiere will der Dichter allerdings nicht als Opfer angesehen wissen, der (4enuss des Blutes soll nur den Seelen das Bewusstsein (dem Tiresias, dessen Bewusstsein un- verletzt ist, die Gabe des vorausschauenden Seherblickes) wieder-
' o'v apvr.6v ^iCt'v, 'H>)v ts jis/.'/'.vav. et; "Kptßo« oxpi^iL^. 10, 667 f. Aus ilcni ]tEXatvav wirtl auch zu Siv fxp'/i:ö-^ die geimtu-r»' Bostimnuini» „scliwjir/** <trth xotvoS zu voristciHMi s«»in (oliciiso 572): strts ist der deu llntcrirtiiM-lieii ((iilttcru wir Seelen) zu n]>fenitle W idder schwarz. — tt? "Kpsßri^ aTj>S'I.ot;, d. h. nach unten (nicht nacli Wevten) liin den Kopf drehend (= jlö^pov 11, '66), wie Xitzfch richtig erklärt. Alles wie spater stets bei den Ivtofia für Untmdische (vgl. Stengel, Ztsch. f. Gym». Wesen 1880 p. 7481).
* xetVT} T(C *ttpa ftvdpinicotc totlv dniXf^^rtC Stc vtupol xal tai^t^ oittjp^ ^PofivTot. Schol. Q. X 48. EHrentlieh ging der Glaube <1ahiii, dass der Schall v«m Erz oder Ki>tn die (itspenstcr veijage: Lucian, Philops. lö (v{rl. 0. Jahn. AhergL d. häsen Blicks p. 79). Aber auch sdi'in ilif tiliiN>.(. Anwesenheit von Kisernetii wirkt >-ii. l'>-eii<l<iauj»-ustiii. homilid df .siicnlfffis (etwa aus saec. 7) i; 22: zu ilen saiiilcffi <^e\\i>r\ U.A., wer Fin<,M'r- dder Aiiiirin^r<^ aus Kiseii trii}:t . «j// iini in domo sua guaC" cunque de ferro, propttr ut daemom» timeunt, ponunt.
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geben. Aber man sieht wohl, dass dies eben nur eine Fiction des Dichters ist; was er darstellt, ist bis in alle Einzelheiten hinein ein Todtenopfer, wie es uns unverhohlen als solches in
Berichten spaterer Zeit oft genu«; be^e»(net. Die Wittemnj^ss des Bhites ziebt die Seelen an, die „liliitsiitti'iuii;;'* (a'.{i.ay.'-/)V-7 ) ist der eijrentlielie Zweck soleber Darbriiif^ungen, wie sie dem Dichter als Vorbild rorschweben. Erfunden hat er in dieser Darstellung nichts, aber auch nicht etwa, wie man wohl an- nimmt, neuen, zu der Annahme energischeren Lebens der ab- geschiedenen Seelen vorf^edningenen Vorstellungen seine Opfer- cerHinoiiieii anp'passt. Denn liier wif Ix'i cb^r Sebil(b'rinig drs üplercultes })ei der Bestattung des Patroklos ist ja die Vor- stellung des Dichters von dem Seelenleben durchaus nicht der Art, dass sie neuen kräftigeren Brauch begrOnden könnte, sie steht vielmehr mit den Resten eines Cultns, die sie vor- führt, im Widerspnicb. Audi bier also seben wir versteinei-te, sinnlos ^'('Wordene Hudinientc cint's rinstuials im (ilaulx-n voll begründeten Brauches vor uns, vom Dichter um dichterischer Zwecke willen hervorgezogen und nicht nach ihrem ursprüng- lichen Sinne verwendet Die Opferhandlung, durch die hier die Seelen herangelockt werden, gleicht auffallend den Ge- bräueben, mit denen man später an soleben Stellen, an denen man i*iiu'n Zugang zum »Set'lciupicbe im Inneren der Erde zu haben glaubte, Todtenbesebwörung übte. Ks ist an sieb duri baus nicht undenkbar, dass auch zu der Zeit des Dichters der Hades- fahrt in irgend einem Winkel Griechenlands solche Beschwö- rungen, als Beste alten Glaubens, sich erhalten hätten. Sollte aber aueb der Dicbter von solcbem localen Todteneult Kunde gehabt und bienacb seine Darstellung gebildet haben \ so
' Speciell an du Thesprotische vntoefiavctiov am Flusse Acheron als Vorbild der homerischen Darstellung d^t Pansanias 1, 17, 6 und mit ilun K. 0. Müller, Proleg, t. e. wimnaduifil. Mythol, 888 imd dann Tiele Andere. Im Grande hat man liiezu kaum mehr Veranlassuug als
zu riiipr Fixirtjn«; <1<'^ lionierisdu'n Ha(li"<<'iii<;ang8 liei Cumae, bei Hera- kl«a l'üiit. (vwl. Rhein. Mus. 3H, öööd".) «»(Iit an atKlcreii Stätten alten Todtendienste^t (z. B. bei Pylo»), au denen »ich dann auch die herkömm-
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64 wäre nur um so bemerkenswerther, wie er, den Ursprung seiner Schilderung: verwifichend , als con-ecter Homoriker jeden Gkt- (laukon an die Mr)«i:lic'likeit, di<^ Seel<^ii der Verstorbenen, als wären sie den Wohnungen (l»'r Lehenden noch nahe, herauf ans Idcht der Sonne zu locken, streng fem hält^ Er weiss nur von Einem allgemeinen Belebe der Todten, fem im dunklen Westen, jenseits der Meere und des Oceans, der Held des Märeliens kann wolil Iiis an seinen Kiiif;anj; drin«ren, aber eben nur dort kann er mit den Seelen in Verkehr treten, denn niemals flieht das Haus des Uades seine Bewohner frei.
Hiemit ist nun freilich unverträglich das Opfer, das der Dichter, man kann kaum anders sagen als gedankenlos, den Odysseus allen Todten und dem Tiresius im Besonderen f?e- lohen lässt, wenn er nacli Hause zuriiekfiekehrt sein werde (Od. 10, 521—52«; 11, 2'J~ iS). AVas soll den TodWu das Opfer einer unfruchtbaren Kuh^ und die Verbrennung von „Gutem** auf einem Scheiterhaufen, dem Tiresias die Schlach- tung eines schwarzen Schafes, fem in Ithaka, wenn sie doch in «len Erel)08 gebannt sind und d«'r (iennss des Opfers ihnen unmöglich ist? Hier haben wir das merk würdigst«' und be- deutendste aller Rudiniente alten Seelencultes vor uns, welches ganz unwidersprechlich beweist, dass in Torhomerischer Zeit der Glaube bestand, dass auch nach der Bestattung des Leibes die Seele nicht für ewig verbannt sei in ein unerreichbares Schatten*
lielu'M Namen des Aoheron, Kokytos, JVriphlejfetlniu leicht ^«'uug eiu- stelltt'u — aus Homer eutnounnen, wicht von dorther in den Homer eiu- gedruiigeu. Dass uns das Todtenorakel im Thesproterlande gerade hi Herodots hekanntem Berichte zuerst entgegentritt, beweist noch keines- wegs, dass dieses nun eben das ilteste solcher Orakel gewesen sei.
* So Hesse sich etwa Lobecks lieufnini^ jeder Kenntniss von Seelenbesc]iw(">nii)<; ii) den homerischen Gedichten (Agh 816) modificiren nnd modifieirt feslimlteii.
' Xaeli uraltem Opfeiltraucli. Dem Todteti werden weildiclu' (mler vt r»(liiiitten«') Tliiere darjrehnu-ht (s. Sten^'fl. Chtho». ii. Todtenmll 424), liier «'ine stiif.n (V^O;, ay^'^'t ir.:; fxyjw.z (Sciiol.): mi \viii<l«' in ludieii „den der Lel>eTi»<- und Zeu^un^'skraft Iteniuliten Man«'n" nicht ein Widder, Kuiidern ein Hammel geopfert (Oldenherjf, Mel. d. Veda 358).
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mcb, sondern dem 0])femden sich nahen, am Opfer sicli laben könne, so gat wie die Götter. E«ine einzige dunJcle Hindeutnng in der Blas' lässt uns erkennen, was hier viel deutlicher und 66 mit unbedachter Naivetät hervortritt, das« auch zu der Zeit
der Herrscliatt des liomensclnMi ( ilaultt ns an vrilli^t« NichtijJ- keit der für ewig abgeschiedenen Seelen die Uai'briugiuig von Todtenopfem lange nach der Bestattung (wenigstens ausser- ordentlicher, wenn auch nicht regelmassig wiederholter) nicht ganz in Vergessenheit gerathen war.
Zeii;t sich an den Inconsequenzen, /.n wt lclicn den Dicliter die Darstellung der Einleitung eines Verkehrs des Lebenden mit den Todten verleitet, dass sein Unternehmen für einen Homeriker strenger Observanz ein Wagniss war, so ist er doch in dem, was ihm die Hauptsache war, die SduMening der He^ejirnuiij»; des (Idysscus mit Mutter und (icnossen, kaum merklich von der homeriscli^n Tialin abgewiclien. Hier nun aber hatte er dichterisch begabten Ijesem oder Hörem seines Gedichts nicht genug gethan. Was ihm selbst, der auf den im Mittelpunkt stehenden lebenden Helden Alles bezog und nur sohdie Set^h-n herantreten Hess, di«' zu »Hesrni in innerli< li begründetem V'eriiiiltniss stehen, ■ih'icligiltig war, eine ^luste- rung des wirren Getümmels iler Unterirdischen in ihrer Masse, das eben meinten Spätere nicht entbehren zu können. 8ein Gedicht weiter ausführend, Hessen sie theils Todte jeden Alters
'11.24, o92fl'. Achill, <len todttiii I'af n.kl.is ann (Iciiii : ht^ uot,
u.'izu T.'i'.y. ii/.oj, inv. ry) äiixt'/. oo./.iv 'xno'.va. "'>• ^" f^üt v.w. Ttüv^' wA'/zzrj'Lu: ',zz^ Enior/.iv. iJi»- M<ttrlii lik» it, <li<'s'« ih-r Tuiltf im Hadfs noch venu'hiiit', was auf der ühcrwult }<t'>chielit, wird nur hypothcliseh ('/t xi) bingestellt, nicht so die Absiebt, dm Ventorbeneti von den Gaben des PrianuM etwas zmnitheflen (^t' tjctttttpiiov sl^ a(it6v a^utvcuv, meint ächol. B. y. zu öM). Eben du Un^wöhnliche solchen Versprechens scheint einen der Grande abgegeben su haben, aus denen Aristarch (jedenfalls mit Unrecht) t. 594 und 595 athetirte.
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heranschwehen, die Krieger darunter noch mit sirlitbarer A\'unde, in Mutiger Kiistung tlieils tiiliren sie, mehr hesiodisch aui'zälilend für die Erinnerung als homerisch tiir die Anschau- ung belebend, eine Schaar von Ueldenmüttem grosser Oe- se schlechter an Odysseus Torttber, die doch nicht mehr Recht als andere auf seine Theilnahme hjitten und die man aucli mit ilim in irgend rinen Znsammcnliang zu setzen nur scinvaehe Versuche machte^. Schien hiemit die Masse der Todten, in auserwählten Vertretern, besser vergegenwärtigt, so sollten nun auch die Zustände dort unten wenigstens in Beispielen dargestellt werden. Odysseus thut einen Blick in das Innere des Tudtt^iireiclies, was ilmi eigentHch l>ei seiner Stelhmg an (h-ssen iiusserstem Kiiigange unmögliili war, und erblickt da solche Heldengestalten, welche die Thätigkeit ihres einstigen Lebens, als rechte „Abbilder*" (elSStoXa) der Lebendigen, fortsetzen: Ikfinos richtend unter den Seelen, Orion jagend, Herakles inuner noch den Bog«'n in der Hand, den Pfeil auf der Sehne, einem „stets Absclinelleiiden iilmlich'*. Das ist nicht Herakles, der „Heros-Gott**, wie ihn die Sjmteren kennen; der Dichter weiss noch nichts von der Erhöhung des Zeussohnes über das Loos aller Sterblichen, so wenig wie der erste Dichter der Hades- fahrt von einer Entrückung des Achill aus dem Hades etwas weiss. Späteren Lesern musste freilich dies ein Versiiuniniss dünken. Solehe liahen denn auch mit kecker Hand drei Verse eingelegt, in denen berichtet wird, wie „er selbst", «ler w ahre Herakles, unter den Göttern wohne; was Odysseus im Hades sah, sei nur sein „Abbild**. Der dies schrieb, trieb Theologie
* V. 40, 41. Dit's nicht imlionuriscli: vjfl. imiiieutlich II. 14, 4ö6f. (So steht mau auf VasenbiUlern die Psyche eine« erschlagenen Kriegen nicht selten in voller Rüstung, wiewohl — die Unsichtbarkeit andcatend — in sehr kleiner Gestalt öber dem Leichnam schweben.)
* Eigentlich soll Odysseos mit den einzelnen Weibern in Zwie- gespi^h treten und eine jede ihr (reschick ihm licrichten: v. 231 — 234; es heisst denn auch noch hie uuA du: -^ü-^. JMn. »p-fj 287, to/eto 261, fftoxf 30«. Aber durchwcir hat das (ianzf di u t'liarakter einer einfachen Aufzählung; Odysseus steht uubetbcUigt daneben.
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auf »'itri ii»* Ilaud: von einem solchen (iej;ensatz /wischen einem TolUebeadigen, also Leib und Seele des Menschen vereinigt enthaltenden nSelbsf* und einem, in den Hades gebannten leeren ^Abbild**, welches aber nicht die Psyche sein kann, weiss Wf'der Homer etwas noch (his (Tiieclienthum späterer Zeit'. Es ist eine Verlefjenheitsauskuntt ältester Harmonintik. Den Herakles Hucht der Dichter mit Odyssena durch ein sprich in Verbindung zu setaen, in Nachahmung der Gespräche des Odysseus mit Agamemnon und Achill: man merkt aber bald, das« diese zwei einander nichts zu sagen haben (wie denn auch ( )(lysseus scliwciojt); es hesteht keine Hczirliunj^ zwisclicn ihnen, höchstens eine Analogie, insot'eni auch Herakles einst lebendig in den Hades eingedrungen ist Es scheint, dass einzig diese Analogie den Dichter veranlasst hat, den Herakles hier einzuschieben
Ks hleihen noch (zwisclien Miiios iiml Orion und Hi'iakles jtestellt und venuuthlich von derselben Hand gehihlet, die auch jene beiden gezeichnet hat) die jedem Leser unvergesslichen Gestalten der drei „Bttsser**, des Tityos, dessen Riesenleib zwei Geier zerhacken, des Tantalos, der mitten im Teich yer- Rchmachtet und die fiberh angenden Zweige der Obfjtbäume nicht erreichen kann, (U's Sisy])]ios. der den immer wieder ab- wärts rollenden Stein immer wieder in die Hölie wälzen niuss. In diesen Schilderungen ist die Grenze der homerischen Yor- stelltmgen, mit denen sich die Bilder des Minos, Orion und Herakles immer noch ausgleichen liessen, entschieden ttber^ schritten. Den Seelen dieser drei rnfrlücklichcn wird volles und (iauenides Bewusstsein zugetraut, ohne das ja die Strafe nicht empfunden werden könnte und also nicht ausgeübt werden
' Vgl. Jdmii. Mus. 5<J, H2.')tr. — Ih-r riit«'i>c-lK'i<liiii^ t-iur- t •.otu/.r.v Ton dem YolUebendigen aOtö? am ähnliclistm ist, was .Stesich(»io> und «ehon Heaiod (s. ParaphrM. tatiq. Lyco|)hr. H22, p. 71 Scheer; Tgl. Bergk P. Ijßr^ m p. S16) von Helena und ihrem tc^Xov enShlt hatten. Viel- leicht hat diese Fabel sa der Einsetmng der Verse X 608ff. die Anregung
* Vgl. V. easff.
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würde. Und wenn man die ausserordentlich sichere, knappe, den Orand der Strafe nnr bei TitvoR .indent<*nde , sonst ein-
facli als bekannt voraussct/j'iulo I )arst('llnnf^' hcai litct, wird man den Eindnick haben, als ob (Hese J^eispiele der Strafen im Jenseits nicht zum ersten Male von dem Dichter dieser Verse gebildet, den überraschten Hörem als kühne Neuerung dar- geboten, sondern mehr diesen nnr ins G^dächtniss zurück- gerufen, Tielleicbt aus einer grösseren Anzahl solcher Bilder gerade diese (h*<'i ausj^ewiililt seien. Hatten also l)ereits älter»' Dichter (die immer nui li jünger sein konnten als der Dichter 66 des ältesten Theils der Hadesfahrt) den Boden homerischen Seelenglaubens kühn Terlassen?
Gleichwohl dürfen wir dies festhalten, dass die Strafen der drei „Bflsser** nicht etwa die homerische Vorstellung von der iicuusstlosigkeit und Nichtigkeit <ler Schatten ülM-rliaupt unistossen sollten: sie stünden sonst ja auch nicht so Iried- lich inmitten des Gedichtes, das diese Vorstellungen zur Vor- aussetzung hat Sie lassen die Regel bestehen, da sie selbst nnr eine Ausnahme darstellen und darstellen wollen. Das k(">nnten sie iVeilicli nicht, wenn man i'iu Hecht hätte, die dieliterisehe Schilderung so auszulegen, dass <lie drei I nglück- lichen typische Vertreter einzelner Laster und (Massen von Lasterhaften sein sollten, etwa „zügelloser Begierde** (Tityos), unersättlicher Schwelgerei (Tantalos) und des Hochmuths des Verstandes (Sisyphos)«**. Dann wttrtle ja an ihnen eineVer- gcltuiit: nur exeiupliticirt, die man sich eigentlich auf die un- übersehbaren Schaaren der mit gleichen Tjastern betleckten Seelen ausgedehnt denken uiüsste. Nichts aber in den Schil- derungen selbst spricht für eine solche theologisirende Aus- legung, und von vomeherein etwa eine solche Forderung aus- gleichender Vergeltung im Jenseits, die dem Homer vollständig fremd ist und in irriccliischen (ilauiteii, soweit sie sich über- haupt jemals in ihn eingedrängt hat, ei*st von grübelnder Mystik
> S, Welcker, Gr, Gütttrl 1, 818 und darnach Andere.
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s\k[x liiinMnf;etra*ien ist, «ieraik' «lirstm DidittT aut'ziulräiiju't'ii, liahf n wir kein Kecht irnd k»Mnen Anlass. Allmacht der Gott- heit, das soll uns diese Sclüldenuig ofi'enbar sagen , kann in einzelnen Fällen dem Seelenbüd die Besinnung erhalten, wie dem Tiresias zum Lohne, so jenen drei den Göttern Verhassten, damit sie der Strafempfindnnpc ziif^äii^'lit h bleiben. Wan eigent- lich an ihnen Ix'stratt wird, liisst sich naili (h*r eigenen An- gabe des Dichters für Tityos leicht venuuthen: es ist ein be- sonderes Vergehen, das jeder YOn ihnen dereinst gegen Götter begangen hat Was dem Tantalos zur Last fallt, lässt sich nach sonstiger Ueberliefemng errathen; weniger bestimmt sind die Anj;ahen über <lie Vert'ehhm^, die an dem schhinen Sisyj)]u)s69 geulmdet wird*. Aut jeden Fall wird an allen Dreien Hache
' Als Gnmd der Strafe' des Sisyphos geben Apollod. hätl 1, 9, 3, 2; SchoL II. A 18() (p. 18 Ii, saff. Bekk.) an, dass er dem Asopos den Ranb scituT Tocht«T Ac^ina durch Zeiw verratlien hali»'. Atif reicherer Sageiiül't'rliiftrun>; Itfiuht die» nicht: t'iue andere Kr/älilun^ knüpft an jf'nen N'crratli «las ^lärclicn von «li-r ri'lit'ili->tuii<^"- des Todes, ilanii ilcs Hades sellist diiii-li Sisyplms uiiil iä^^t rlann ei>f ilni wieder ileni Hailes vertiiilenen Sisyplios mit dvr Aulgahe des fruelitlnx ii Strinwülzeii" l)e- »traft werden. Su Schul. II. Z 163 mit Berufimg aiii J'herekyde>, hies Mirchen von der swi^acben UelierUstung der Tndesmlchte ist (ho gut wie das entsprechende Märchen vom Spielhansel: Grimm, K* M, BS mit den Aiua. III p. 131 ff.) offenbar schendiaft gemeint (nndf wie es scheint, scherzhaft behandelt von Aeschylns in dem Satyrdrama SisDf o( ^p«icin)(): wenn hieran die Stcinwäl/nng angeknüpft wird, so snWto se)i<>n dies warnen, dieser einen allzu hitterlieh ernsthaften und erbaulichen Siim, mit Icker uml Aidiängern. an/udichten. l>ass Sisyplios seines h'stijren .Sinne> wigeu /.u Nutz inul Lehr der Schlauen wie (K-r Braven Ite^traft wenic, ist ein ganz, uuaiitiker (JecUmke. l>ass er II. H, lö.i y.zy.'.z-.'/i ftvJpÄv heisttt, ist ein Lüh. nicht eiu Tadel: wie Aristarch sehr ntiiiig, nad mit dentlicher iva^opd auf den Vers der Nekyia, feststellte (s. Schol. IL Z 168, K 44 [Lahrs, ArittJ p. 117] und Od. X 693); dass dies Bei- wort xh «««otpoRov des Sis. bezeichne, ist nur ein Missverstandniss des Porphyria», Schol. X 385. Wie wenig man, auch mit der homerischen Schilderung in« Ko])fe, den Sisyplios als einen Verworfenen daelite, zeigt der platonische Sokrate». <ler sieh f.l/"/. U V) darauf freut, int Hades u. A. iiucli den Sisyjihos an/.utretVi ii (vl'I. aueh Theognis TOiJft"). Kiner erwiH-khrljen Auslegung ch s Ahschnit t( > v->n ticii .^drei Hüsserii". an die der Dichter selbst gar nicht gcilaciit liat. macht Sisyphos die grösstcu Schwierigkeiten (s. auch Rhein. Mus. 50, U30).
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genoiuineii für Verletzungen dw GöiWr selbst, deren Menschen späterer Zeit gar nicht schuldig werden können; el)en darum haben ihre Thaten so gut wie ihre Strafen nichts Yorbildiiches nnd Typisches, beide stellen vielmehr völlig vereinzelte Aus- nahmen dar, gerade dadnrch sind sie dem Dichter merkwürdig.
\on irgend einer ganzen ( 'lasse von Tiasterliatten. die im Hades bestraft würden, weiss (Ue Dirhtiing von der Hades- fahrt des OdjTSseus nichts, aach nicht in ihren jüngsten Theüen. Sie hätte sich sogar noch an ächt homerische Andeutungen halten können, wenn sie wenigstens die nnterweltlichen Strafen der Meineidigen en^'ähnt hätte. Zweimal werden in der llias bei feierlichen Eidsehwüren neben (iötteni der Obenveit 60 auch die Ennyen angerufen, die unter der Erde diejenigen strafen, die einen Meineid schwören^. Nicht mit Unrecht hat man in diesen Stellen einen Beweis dafür gefunden, «dass die homerische Vorstellung von einem gespenstischen Scheinlehen der Seelen in der Unterwelt ohne Empfindung und Bewusstsein nicht allgemeiner X'olksglaube war"*. Man nniss aber W(»hl hinzusetzen, dass im (ilauben der liomerischen Zeit der Ge- danke einer Bestrafung den Meineidigen im Schattenreiche kaum noch recht lebendig gewesen sein kann, da er den Sieg jener, mit ihm unverträglichen Vorstellung von empfindungs- loser Nichtigkeit der abgeschiedenen Seelen nicht hat hindern können. In einer feierlichen Schwurfurniel hat sich (wie denn in Fonneln sich überall manches Alterthum, unlebendig, lange fortschleppt) eine Anspielung auf jenen, homerischer Zeit fremd gewordenen Glauben erhalten, auch ein Rudiment verschollener Vorstellungsweise. Selbst damals Übrigens, als man an eine Bestrafung des Meineids im Jenseits noch wirklich und wört- lich glaubte, uutg man wühl Bewusst^eiu allen Seelen im Hades
' II. 3, 279; Ift, 2«() (vgl. Rhnti. Mus, h(), 8). Vciyeblicli sucht Xitzsch, Anm. zur Odyssee III p. 18of., beide Stellen durch Kiinsti' der Erklänin^ imd Kritik nicht das aussagen zu laüsen, was sie doch deut- lich sagen.
* K. O. Müller, Aeschyl. Eumenid, p. 167.
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zugestanden haben, keinesfalls al)er hat man an eine V'«'rj^el- tung iniischer Verfelilun<i;t*ii im Hades j<anz im All^'emeinen geglaubt, von denen etwa der Meineid nur ein einzelnes Bei- spiel wäre. Denn an dem Meineidigen wird nicht etwa eine besonders aastössige sittliche Verfehlung bestraft — man darf zweifeln, ob die Ghriechen eine solche in dem Meineid über- haupt fanden und emj)t';in(l(*n — , sondern er, und nii lit irgend ein anderer Jjrevler, verfällt den unterirdischen Quälgeistern einfach darum, weil er im Schwur, um seinen Abscheu vor Trug aufis FOrchterlichste zu bekräftigen, sich das Grässlichste, die Peinigung im Reiche des Hades, aus dem kein Entrinnen ist, selber angewünscht hat, wenn er falsch schwöre*. Denen er >icli gelobt hat, den Hcillengeistern verfällt er, wt-nn erei Meineid schwört. Glaube an die bindende Zauberkraft solcher Verwünschungen', nicht absonderliche sittliche Hochhaltung der Wahrheit, die dem höheren Alterthum ganz fremd ist, gab dem Eid seine Furchtbarkeit
6.
Ein letztes Anzeichen der Zähigkeit, mit welcher die Sitte den sie begründenden Glauben überlebt, bieten die homerischen Gedichte in der Erzählung des Odysseus, wie er, von dem
Kikonenland fliehend, nicht eher abgefahren sei, als bis er die im Kampf mit den Kikoncn crscidagem'n (iefiilirten dreimal gerufen habe (Od. 9, Ö5, 6b). Der Sinn solcher Anrufung der Todten wird ans einzelnen Anspielungen auf die gleiche
* iMaii lit'denke auch, clai»s eine ^eset/.liche Strafe auf dem Meineid nicht itaaid, in Grieeheolaiid »o wenig wie in Rom. Sie war nieht nfiihig, da man anmittelbare Bestrafuiig durch die Gotthdt, welcher der Schwö- rende «ch selbst gelobt hatte, erwartete (lehrreich nnd die Worte des Agamemnon bei dem Trenbnudi der Troer, II. 4, 168fil), im Lebm, imd aach da vclton ilurch die Höllengeister, die Erinyen (Hesiod *K, 608ff.), oder nach »U*ni Tode.
' n<r Ei<l ••ine Scliul(lv<'rschrf ilninjf an die Ei<]yött«'r: Thcrijn>is
oif./.ojiEvov. Meineid wiin« st? «^«oü( ä{iaptäviiv ^ophocl. fr. 4<11. Kobde, Psyche I. a. Aafl. 5
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Sitte in späterer Literatur deutlich. Die Seele der in der Fremde GeiaUenen soll abgerufen werden'; richtig vollzogen zwingt sie der Bnf des Freundes , ihm zu folgen na^h der Heimath, wo ein „leeres Grabmal*^ sie erwartet, wie es auch bei Homer regelmässig den Freunden errichtet wird, deren Leichen zu richtiger Bestattung zu erreiclien unmöglich ist*. csAbrufung der Seele und Errichtung solches leeren Gehäuses — für wen anders als die Seele, die dann der Verehrung ihrer Angehdiigen erreichbar bleibt — hat einen Sinn für diejenigen, die an die Möglichkeit der Ansiedelung einer „Seele* in der Nähe der lebenden Freunde glauben, niclit aber für Anhänger des homerischen Glaubens. Wir sehen zum letzten Male ein bedeutsames Rudiment ältesten Giaubens in einem in veränderter Zeit noch nicht ganz abgestorbenen Brauche vor uns. Todt war auch hier der Glaube, der den Brauch einst hervorgerufen hatte. Fragt man den homerischen Dichter, zu welchem Zwecke dem Todten ein Grabbügel aul'gescbüttet, ein Merk- zeichen darauf errichtet werde, so antwortet er: damit sein Buhm unter den Menschen unvergänglich bleibe; damit auch künftige Geschlechter von ihm Kunde haben*. Das ist echt
* (rAxi/. richtig Eiutath. zu Od. 9, H5 j). 1614/5. Er eriuuert an Fhidar, I^h. 4, 159: xiXttat f&p istv '^u^üv xo/i'4at (I>pi4oc tXdevta^ icpö^ A^ta duk&^oi, XU welcher Stelle der Scholiaat wieder die hoanerttdie veii^eieht. In der That ist der vonuugesetKte Olaabe an beiden Stellen der gleidie: tAv knikaffJtm» iv ^ivy t&c ^X'^ *&X*^C imxaJk^vt» ÄicMcXlovii^ ol ffi'Ckot, tli x4|v extiviBV icatpiSa xotl tSoxouv xatdifttv a&to6^ Rpi? tou; olxstoo« (Sfhol. Od. 9, 65 f. Schol. H. zn 9, 62). Ganz vergeb- lich sträubt sich Nitzscli. Anm. III p. 17/18, in dieser Bcjrehunjr die Er- fülhmjr «Mnor r<'li>»'iö;*«'n I*Hi<'lit zu erkennen; Oilysscus fr<^nü^i* nur einem „K»'(liirfiii>.s (h's Herzens" u. s. w. So v(M>rl)läninit man durch „sittliche^ Ausdeutun); den eigentlichen Sinn ritualcr Handluuffen.
' Als allgemeine Sitte setzt die Errichtung eines Kenutaphs für in der Fremde gestorbme mid den Angeb9rig«i nnerreiehbare Verwandte vorans die* Mahnnng der Athene an Tdemach, Odi 1, 991. Menelaos errichtet d^ Agamemnon ein leeres Grab in A^;ypten, Od. 4, 684.
' Od. 4) 584: x*&' *AYtt|Aifftvoyi x&f^J^^ 5a'^$9tw aXioc tri). 11, 75f.:
{iivotot aodiadttu Dem Agamemnon wfinscht Achill, in der «weiten Nekyia,
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homerischer Klang. Mit dem Tode enttlielit tUe Seele in ein Keich dämmernden Tramnlehens, der Leih, der sichtbare Mensch, zerfällt; was lebendig bleibt, ist im Grande nichts als der grosse Name. Von ihm redet der Nachwelt noch das
ehrenvolle Denkzeichen auf dem Grabhügel — und das Tjied des Sängers. Es ist begreiflich, dass ein Dichter zu solchen Vorstellungen neigen konnte.
0(1, 24. 30 ff.: warfst du doch vor Troja jrefallen, dann hatten ilie Achäer dir ein Grahinal errichtet und xai nio za'.^l fiSY*» x/.jo;; Tjpa' öitio^o». (Und im (ietjensat/. hiezu v, 9HtT. Airaineninon zu Achill: ('iC Z') [iJv ooSe t^avojv
'AxtXXtd.) Wie das o^a iiil idittttf 'lOiXiioitivt«!! dazu dient, den Torbei- f ahrenden Schiffer ra erinnern: &vSp&c (liv t68t miAm wwubvtimt^ n.s.w.; und wie dies sein eindger Zweck so sein scheint, xeigen die Worte des Hdrtor B. 7, 84ft — Dea Gegensaftses wegen vg^. man, was von den
B» wohnern der Philippinen berichtet wird: „sie legten ihre vornehmen Todt«n in eiae Kiste und stellten sie auf einen erhabenoi Ort oder • iiuii Felsen am T^fer eines Flusses, damit sie VOn den Frommen Ter ehrt würden^ (Lippert, i>eeltncuU p. 22).
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Entrückong. Inseln der Seligen.
L
68 Die homerische Vorst^lhiTifr vom Schattenleben der ab- ^esciiiedenen Seelen ist das Werk der Kesipiatiun, nicht des Wunsches. Der Wunsch würde nicht diese Zustände sich als tfaatsächlich vorhanden Torgespiegelt haben, in denen es für den Menschen nach dem l^ode weder ein Fortwiricen giebt, noch ein Ausruhen Ton den Mtthen des Lebens, sondern ein uiiriihi<;«'s zwcckhiscs Flatteni und Sch\v('l)en, ein Dasein zwar, aber ohne jeden iuhalt, der es erst zum Leben machen könnte.
Hegte sich gar kein Wunsch nach tröstlicherer Gestaltung der jenseitigen Welt? verzehrte die starke Lebensenergie jener
Zeiten ^vnrklich ihr Feuer so völlifj im Reiche des Zeus, dass nicht einmal ein P'laiuinciisclii'iii der Hoffnung l)is in das Haus des Hades fiel? Wir müssten es glauben — wenn nicht ein einziger flüchtiger Ausblick uns von ferne ein seliges Wunsch- land zeigte, wie es das noch unter dem Banne des homerischen Weltbildes stehende Griechenthum sich erträumte.
Als Proteus, der in die Zukuutt scliauciidc Mrcr/^ott, dem Menclaos am Strande Aegyptens von den Hedingungen seiner Heimkehr ins Vaterland uud von den Schicksalen seiner liebsten Genossen berichtet hat, fügt er — so erzählt Mene-
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laos selbst im vierten Buche der Odyssee (t. 560 ff.) dem Tele- mach — die weissagenden Worte hinzu:
Xirlit ist Dir es l>cscliic(l»"i), t'rhalienfr Füi>t Meiielaos,
Im ro>s\v('i(lt'ii(|t'ii Art^ns ileii Tod und das Sc)iicksal zu duldeu;
Nein, fenialt zur Ely.sisohon Flur, zu d<'u (üviizcn der Erdt*,
Senden die Ciötter Dich einst, die unsterblichen; wo Rbadainanthys 64
Wohnet, der blonde, und leichtestes Leben den Menschen bescheert ist,
(Nie ist du Schnee, nie Wint«* und Stum noch strömender R^rcn»
Sondern et ISsat anfsteigeii des Wests leicht «thmenden Anhauch,
Immer Okeanos dort, dass er Kfihlung bringe den Menschen),
Weil Du Helena hast, und Eidam ihnen des Zeus bist.
Diese Verso hissen einen iili<k thiin in ein Keicli, von diin die homensclien Gedichte sonst keinerlei Kunde geben. Am £nde der Erde, am Okeanos liegt das „Eljsische Gre- filde**, ein Land unter ewig heiterem Himmel, gleich dem Götterlande*. Dort wohnt der Held Rhadamanthrs, nicht allein, darf man denken: es ist jji von ^fenschen in der Mehr- zahl die ßede (v. 565. 5(>8). JDortliiu werden <lereinst die Götter „senden" den Menelaos: er wird nicht sterben (v. 5f)2), d. h. er wird lebendig dorthin gelangen, auch dort den Tod nicht erleiden. Wohin er entsendet werden soU, das ist nicht etwa ein Theil des Reiches des Hades, sondern ein Land auf der (.)berflache der Erde, zum Aufentlialt l)estimmt niclit ab- geschiedenen Seelen, sondern Menst lien, deren Beelen sich von ihrem sichtbaren Ich nicht getrennt haben: denn nur so können sie eben Gefühl und Gennss des Lebens (y. 565) haben. Es ist das volle Gegentheil von einer seligen Unsterblichkeit der Seele in ihrem Sondcrdascin, was hier die Phantasie sich ausmalt; el)en weil eine solelie homerischen Sänf^ern völlig undenkbar blieb, sucht und findet der Wunsch einen Ausgang aus dem Reiche der Schatten, das alle Lebensenergie ver- schlingt Er ersieht sich ein Land am Ende der Welt, aber doch noch von dieser Welt, in das einzelne Günstlinge der
* Nicht umsonst erinnert, was von dem Klima, sozusagen, des Elysischen Landes gesagt wird, Od. 4, 666~-ö68 stark an die Schilderung des Oöttersitaes auf dem Olymp, Od. 6, 48—45.
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Gtötter entrückt werden, ohne dass ihre Psyche Tom Leibe sich trennte und dem Erebos verfiele.
Die Hiiideutung auf solclic \viiiHU>rbare Eiitruckuii^ steht in den homeriHchen Gedichten vereinzelt und scheint auch in die Odyssee erst von nachdichtender Hand einfrelef?t zu sein'. 65 Aber die Bedingungen für ein solches Wunder sind alle in homerischen Vorstellungen gegeben. Menelaos wird durch G5ttennacht entrafft und fiihrt fem von der Welt der Sterb- lielien ein ewi*;ps Ticlu^n. Dass ein (lott seinen sterblichen iSchützlillg den Blicken der Menschen i)lötzlich entziehen und ungesehen durch die Luft davon fUliren könne, ist ein Glaube, der in nicht wenigen Vorgängen der Schlachten der Ilias seine Anwendung findet*. Die Grdtter können aber auch einen Sterblichen auf lange Zeit „unsichtbar machen". Da Odysseus den Seinen so lange schon entschwunden ist, vennuthen sie,
* Die Verkündigung des EndschickualH des Menelaos hangt aller- dings über, sie ist weder durch die erste Bitte des Menelaos (468 ff.), noch durch dessen weitere Fragen (486 ff.; 661 ff.) nothwendig gemacht oder auch nur gerechtfertigt — Schon Hitasch hielt die Verse 061 — 668 fEbr eine spätere Einlage: Anm. zur Odyssee TÜL p. 862, ft^ch mit einer Begr&ndung, die ich nicht für beweiskrifUg halten kann. Daun Andere ebenso.
' rnsichf lianimclinntr («Imcli Vorliülliin}.' in ♦•iiitM- Wulk«') und Ent- riitVunj; («lio nielit ühcnill ausdrücklich lici \ or^fclidhcii wird, alicr wnhl iihcr- all liiiizii/ud«'nkt'n ist): des I'aris durch Ai>hrtMlitc, II. THW^ff.; des Aenca» durch ApoUo, E 344 f.; des Idaios, Suhnes des Jlciihaestospriestcrs Dareü, durch Hephaestos E 28; des Hehtor durch ApuUo, T 44df.; des Aeneas durch Poseidon T 326 ff.; des Antenor durch Apollo, ^ 696 ff. (diese letKte, wie es scheint, die Originalscene, die in den Schilderungen dieses selben Schhichttages in den vorher genannten Ausführungen des gleichen Motivs, T 325 ff.; 443 f. noch zweimal von späteren Dichtern nachfreahnit worden ist). Auffallend ist (weil sich kaum ein liesouderer (Jnind hiefür «lenken lässtl. dass alle die-.»- Hi'isj>i('le der Eiitrückun),' auf Helden <ler ti-oischeii Seite treften. Siiiist uocli. alui' imi- in AX'icdcr- jfahe eines län^'st veryaiij.'enen Ahenteuer^: Kiitrückunj^ der Aktorionen durch ihren Vater l*obeid<»n: A 7öOfl". Endlich könnte (was über die angeführten Fälle nur wenig hinausginge) Zeus seinen Sohn Sarpedon lebendig aus der Schlacht entraffen und nach seiner Heimath Lykien versetzen: B. 48601; er steht aber auf die Mahnungen der Here (440ff.) von solchem Vorsatz ab.
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dA88 die Götter ihn »unsichtbar gemacht'' haben (Od. 1, 2235 if.); er ist, meinen sie, nicht gestorben (t. 236), sondern »die Harpyien haben ihn entrafit**, und so ist er aller Kunde ent- * rfickt (Od. 1, 341 f.; 14, 371). Penelope in ihrem Jammer
wünsclit sich t'iit weder schnellen Tod durch die (jescliosse der Artemis, oder dass sie einporgerisseii ein Stuniiwind ent- führe auf dunklen Pfaden und sie hinwerl'e an den Mündungen SB des Okeanos, d. h. am Eingang ins Todtenreich (Od. SO, 61 — 65; 79ff.)'. Sie beruft sich zur Erläuterung dieses Wunsches auf ein Märchen, von der Art, wie sie wohl in den Weiber-
^eni;i( hern oft er/ählt werden mochten : von den T/uditeni ih^s Pandareos, die, nach dem p'waltsamen Tode der ültern von Aplirodite lieblich aufgenährt, von Uera, Artemis und Athene mit allen (jl-aben und Kunstfertigkeiten ausgestattet, einst, da Aphrodite in den Olymp gegangen war, um ihnen Ton Zeus einen Ehebund zu erbitten, von den Harpyien entra£ft und den
' Ausdrücklich winl der Wunsch, schuell zu sterben, ent^eg-en- Sresctzt dem AVunscln' . durch die Hai-])yicn entführt zu wcnh-n: KM •? tTTS'.T'x — .,odt'r fions^t'', <1. h. wenn mir schneller Tod niclit l)e- >tlit > iT i-t. (S. JRÄein. Mus. 50,2,2.) Xf.chnials 79.80: Ji; ai^-öt- 3siav 0/.t>jjLR:a ^uipittt' syovts^ r^i c<jj;Xöxa|XO{ ßctÄ.0'. "Af»«}!!.;. Die
Harpyien — (d'otXXa 63) bringen hier also nidit Tod, acmdani entmffm Lebende (avoptcdi^ffo« oTxotto 08f., fipiOMat ftvY^pti^favto 77 = aviXovto ^otXXoi 86 und tragen aie mk* t^tp^tvt« «IXtod« 64 m den tt^vyipoX itf^p- p6oD 'finavotö 65 fSosctv «mrf^otv *Epiy6otv &|iftKeX«Oftv 76). An der ^Einmündung des Okeano»'* (ins Meer) ist der Ein^an); ins Todtenreich: X 508 Ü*. /> ISft'. — Entführung durch die Sturmgeister, als Wunsch, qirich- wr»rtiicli: II. ."Uöt!*. ot; jjl' o'^tK^ Y'jiaT'. t«) 3x6 fit ^pm-rov tjxc !'-"'i'^P o:/£'3Ö'at spo'f Epo'jva ^axT^ ri-/iiio:o ti-os). ).a v.Q fjfio^ e'.? xOii-a Tto/.uf /.oi-j-io'.o ^at.ü'zzr^i (d. Ii. in die Einode. ()ri»li. hymn. H>. 1J>: HH. IH: 71, 11). Solche Entfiihi iin;.; tluicli ilie Luft wird aiicii sonst di'ui Tode ua«i Hiides- aufenthait entgegen^^e^et/t, ebenso wie in dem Wunsche der Penelope (den Roscher, Kynanikropie [Abh. d. sichs. Ges. d. Wiss. XVIl] p. 67 eigen* thfimlich, aber schwerlich richtig deutet): Soph. IVack. 96381, ÄL 1198ff. (JM. 1069 £?). Vgl Eurip. H^poL 1279ff., Jon. 6051, Suppl, 863—86. Eine tiefeingepiigte altrolksthümiiche Vorstelhmg \\c\:t idierall zu Orunde. — hwb KVE'juaTiov aovttplCQqtvta 5<pavTov -(Wx-. fridit Anlass zu Tt|Mil a&dvaTot noch in der nur halb r»tionalisirteu Erzählung von Hesperos bei Diodor a, 60, 3.
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verhassten Erinyen zum Dienste gegeben worden seien *. Diese
volksthüinliche Erzählung' lasst, deutlicher als sonst die ho- merische Kunstdichtung, den Glauhen erkennen, dass der Mensch, auch ohne zu sterben, dauernd dem Bereiche fl<-r lebenden Menschen entffihrt werden und an anderem Wohn- platze weiter leben könne. Denn lebendig werden die Töchter de« Pandareos entrückt — freilich in das "Reich derTodten, denn dorthin ^ndangen sie, wenn sie den Erinyen, den Hrdlen- geistem, dienen müssen*. Dorthin wünscht auch lVnelo|)e, 67 ohne doch zu sterben, entrückt zu werden aus dem Lande der Lebendigen, das ihr unleidlich geworden ist Die solche Ent- führung bewirken, sind die „Harpyien'* oder der ^ Sturmwind**, das ist dasselbe; denn nichts Anderes als Windgeister einer hesdiidcrs nnlieinilichen Art sind die Harpyien, der Teufels- l)raut oder „Windshraut" ver^ileichbar , die nach deutschem Volksglauben im Wirbelwind daherfährt, auch wohl Menschen mit sich entführt'. Die Harpyien und was hier von ihnen
* Man möchte mehr von diesem eigenthamlichen Märchen erfahren ; aber was uns sonst Ton Pandareos und seinen Töchtern berichtet wird (Schol. o 66. 67; % 618; Anton. Lib. 86) trägt zur Aufklining der homerischen Ersähhmg nichts bei und gehört wohl s. Th. in ganz andere Zusammenhänge. Pandaroos, Vat^r der Aedon (t 518 ff.), scheint ein an* derer zu seiu. Auch die eigenthümliche Darstpllimfr «ler zwei PandareON- töchter auf Poly<rn«)ts Unterweltgemälde (Paus. 10,30,2) bellt die Fabel nicht auf. (V>rl. Koseher, Ki/ttantliropie 4 ff. Höf.)
' I>i(' t'rinyen halien ilin-n «laucriKlen .\ufcntiiall im Knhos; wie naiiieiitlieli aus* II. 9, 571 f.: 19. 259 rrlicllt. Wenn sie freilich auch Vcr- gehuugen Einzelner gegen Familieurecht schon im Lehen bestrafen: z. B. IL, 9, 454; Od. 11, 278, so muss man sie — da eine Wirkung in die Feme nnglaubh'ch ist — sich wohl auch gelegentlich als auf £rden umgehend denken, wie bei Hesiod. W. u. T. 808f. — *Kpiv6«y «|kftKo- XtMtv (78) kann nichts Anderes als: den Erinyen dienen, ihnen zu &|iftcoX«i wenlen, bedeuten. ,,Iin GefoI<ire «ler H. herumscliweifen** (wie, nach Aideitung des Eustathius, Roscher, Kynanthr. H5, 188 vei>teht) — so die Worte zu deuten, verbietet der mit a. verbunclene eiufache Dativ 'Eptvost (d-8ai( ft}i.f.ro).(iiV So])h, 0. ('. HHO ist anflert«).
* „Wenn die Witid>l»raut daher fidirt. soll man sich auf den Botlen legen, wie ))eiui Muodisheeie (v^'l. hierüber (iniiiiii, J). M.* 789), weil sie sonst einen niiinininit." Biriiuger, Volksthüml. a. Schtcaben 1, 192.
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erzählt wird, gehören der bei Homer selten einmal durch- blickenden ^niederen MytholoKi«''* an, die von rielen Dingen
zwisclicn Himmel und Knie wisst^n mochte, von denen das Tomelmie £po8 keine Nutiz miiuut. Bei Homer tünd »ie nicht auB eigener Macht thätig; nur als Dienerinnen der Götter oder eines Gottes entraffen sie Sterbliehe dahin, wohin keine menschliche Kunde und Macht dringt*.
Nur ein weiteres Beispiel solcher Kntrückun^j diircli Willen und Macht tler (Götter ist auch ilie dem Menehms Toraiisverkündigte Knisendung nach dem elysischen Gefilde am Ende der £rde. Selbst dass ihm dauernder Aufenthalt in jenem, lebendigen Menschen sonst nnxug&nglichen Wunsch- Isnde zugesagt wird, unterscheidet sein Geschick noch nicht wesentlich von dem der Töcliter des Pandareos und dem iiiin- lichen, duä Peuelope sich selbst wünscht. Aber freilich niclit im Hades oder an dessen Eingang, sondern an einem be- sonderen Wohnplatze der Seli^eit wird dem Menelaos ewiges Leben Terheissen, wie in einem anderen Gütterreiche. Er soll es zum Gotte werden: denn wie den homerischen Dichtern ^Gott" und ^rnsterldicher** Wechselhegritle sind, so wird ihnen auch der Mensch, wenn ihm Unsterblichkeit verliehen ist (d. h. wenn seine Psyche von seinem sichtbaren Ich sich niemals trennt), nun Gotte.
Es ist homerischer Glaube, dass Götter auch Sterbliche in ihr Reich, zur l'nsterl)lichkeit er]iel)en können. Kalypso will den Udysseus, damit er ewig hei ilir hleilie, .,unsterl>lich imd unaltemd für alle Zeit" machen (Od. 5, 135 f., 209 f.; 23, 335 f.), d. h. zu einem Gotte, wie sie selbst göttlich ist Die Unsterblichkeit der Götter ist durch den Genuss der Zauberspeise, der Ambrosia und des Nektar, bedingt': auch
,Sie ist ihn Teufels! iranf* ihi»l. (üImt ilir .. \Viii(l>l»iaut'' vjrl. Grimm, D. Myth.* 1 S. 525 ff. III 179). Soh-h»- Wiiiilvreistt r .sfrlicn in »•iiicin iiiilH'iinlichen Zusainruenhaiiyr mit <lein wilden Heere, d. U. den Nachts durch <lie Luft fahremleii unnilii</en „Seelen**.
' Uel)»^r di«; Hurjtyien .s. lihein. Mus. 5<), 1 — 5.
* S. NigeUbach, Homer. Theol. p. 42. 43 und, gegen Bergkn Ein-
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den Menschen macht der dauernde Oennss der Götterspeise
zum ewif^en Gott. Was Odysseus, den Treue und Pflicht nach (Irr irdisclien Hcini.ith /iirückzicluMi , vcrsclnnülit, ist andpren Sterblichen zu Theil geworden. Die Iiomerischen Gedichte wissen von mehr als einer Erhebung eines Menschen zu un- sterblichem Leben zu berichten.
Mitten im tosenden Meere erscheint dem Odysseus als l^etteriii Ino Leukothea, einst des Kadmos Toeliter, „die vor- dem ein sterl)liehes Weil) war, jetzt al)er in der Meeresflnth Theil hat an der Ehre der Götter" (Od. 5, 338 ff.)'. Hat sie ein Gott des Meeres entrttckt und in sein Element ewig 69 gebannt? Es besteht der Glaube, dass auch wohl zu sterb- lichen Mftdchen ein Gott vom Himmel herabkommen und sie
für alle Zeit als seine (iattin sieh holen könne (Od. <>, 280 f.)*.
(lanymed, den schönsten der sterl)lic'lM'n ^fenschen, hahen die Götter in den Olymp entrückt^, damit er als Mundschenk des Zeus unter den Unsterblichen wohne (H. 20, 232 ff.). Er war ein Sprosse des alten troischen Königsgeschlechtes; eben diesem ^?ehört auch Titlionos an, den schon Ilias und Odyssee als den Gatteu der Eos kennen: von seiner Seite erhebt sich
wetuinngeii (Opusc. II ß«9), Roschor, Nektar und Ambrosia 8. 611^ (sehr be»timmt redet Aristoteles, Metapht/s. l<KK»a. 9—14).
' Es ist niclil miwnlirschoinlich, »iass dit»..' [nn Lcuknthea ursprunj?- licli eine (Tititiii war, (lir alter liemisirt (init di i TMclitt r des Kadinos auü einem »ins nieht melir erkerinl'aien (JnuHie nl- iitiflcirt) und nur natdi- träglieli wieder als G«)ttiu anerkannt wurde. Aber dein ln»nieri>chen Zeitalter ^It sie als eine ars])rünglieii Sterbliche, die zur Göttin erst gc- worden ist; aus demselben Grunde, eben weil sie als Beispiel solcher Yei^SUlicfanng Sterblicher galt, blieb sie den Späteren interessant (i^L ausser bekannten Stellen des Findar u. A., Cicero, Ttue, I § 28), und nur auf die thatsäohliche Yorstclhing des Volkes und seiner Diditer, nicht auf da.s, was sich als letzter Hinter^nind dieser Vorstellunpr allenfalls vermuthen lässt, k«imint es mir hier, und in vielen ähnlichen Fällen, an.
' Xnr zeitweilige Eutriickung (äv^ica^t) der Marpessa durch Apollo: 11. 9, 9t>4.
* Den (ianyiiiedes avY^psaas fM^rtti; öLtKK'x, hynin, Ven. 2f>H, sowie die d^yj/.Xa (= "Apauta) die Tüchter des Pandareos. Den Adler setzte erst spätere Dichtung ein.
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- 75 —
die Gdttm Morgens, um das licht des Tages Gtöttem und Menschen zn hrinf;;en'. Es scheint, dass sie den Geliebten
entrückt hat, niclit in ih-n Olymp, soiult^rn zu den f<*nu'n Wolmplätzeu am Okeaiios, von wo sie Morgens uuft'älu-t*. Eos auch war es, die einst den schönen Orion geraubt hatte, mid trotz des Neides der fibrigen Gtötter sich seiner Liebe erfreute, bis Artemis ihn ^Auf Ortygie** mit gelindem Gkschoss todtete (Od. 5, 122 flV), Alt^ St^msagen mögen .hier zu Griimle liegen , die ei«ientlieh Vorgänge am Morgeuhmunel mythuch wiederKpit'geln. Aber wie in solchen Sagen die Ele- mente, die Himmelserscheinungen belebt und nach mensch- licher Art beseelt gedacht waren, so sind, dem allgemeinen 70 Zuge der Sagenentwicldung folgend, dem homerischen Dichter die Stenigeister längst zu irdischen Hehh'U und Jünglingen herabgesunken: wenn die Göttin (hn Orion in ihr Reich erhebt, so kann, nach dem Glauben der Zeit (und hierauf allein kommt es hier an) dasselbe durch Gunst eines Gottes jedem Sterblichen begegnen. Schon eine einfache Nachbildung der gleichen Sage im rein und ursprünglich menschlichen Ge- biete ist (he Erzähhmg von Kh'itos, einem dünghng aus dem Geschlechte des Sehers Melamjius, den Eos entratit hat, uiu seiner Schönheit willen, damit er unter den Gröttem wohne (Od. 15, 249 f.).
' II. 11, 1. O.l. 5. 1.
?p*s©l3iv, II. 19, If.; vgl. 0«1. 28, 244 (h. :M( iiiir. lH4f.). So .ieiiu hymn. Ven. S26ff. von Tithonoa: Mio! t.pnöjjiivo^ -^^poso^povip 'yj^i-^tvii^g valt Kop* 'ttvMvoie ^« ticl svcpoot yxir^i, völlig homerisch. £• scheint, dsss das WnadereUttid Aiaia für den Wohnplatc der Bos (und des Tithonos) galt: Od. 19, 3: — v1|a6v t* Alabjv, €9t t* *Hoft4 'Sjpt^tvtnj^ o!«i« ««l X'^^ *''^ w. oiytoXal 'v^tXtoM. Wie man die ttchon im Altertham vielverhandelte Schwierigkeit lösen kiinni-. diesen Vera mit der, in der Odyssee xweifellos anj?enf»miiieTM*n westlichen Lape von Aiaia in Einklaiifr zu biinir«Mi. unter- sikIh« ich hier nicht: jr»'\viss ist nur, das« der «Tst«« IHchti-r (li»•^^'^ X't-rxcs Aiaia im Ostfii ><Mc!it»*-, nur mit s<'}dininist<Mi A n'-U-tr'rkünstm kann iiiiiii <ltn Ort d»*s „Aiif^'HMjfs di r Sonne'* und der „Wohnung der Morgen- in den Westen »eliiehen.
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- - 76 - 2.
AWnn also Menelaos l('l)tMHli<; fMitriukt wird nacli einem fernen Tiande an den Grenzeu der Ki df. um dort in ewifjer Selig- keit zu leben, so ist das zwar ein Wunder, aber ein solches, das in homerischem Glauben seine Rechtfertigung und seine Vorbilder findet. Neu ist nur, dass ihm ein Aufenthalt be5;timmt wird, nicht im ( iötterlande, d«'m recliten Keiehe der Kwitrkeit, Miicli nicht (wie dem Tithonos, nach KalypsoH Wunsch dem (Jdysseus) in der Umgebung eines Gcittes, sondern in einem besonderen Wolin- platz, eigens den Entrückten bestimmt, dem elysischen Gefilde. Auch dies scheint keine Erfindung des Dichters jener Zeilen zu sein. Das „Land der Hinf?e«;an«?enen'* * und dessen Lieb- 71 li< likeit erwähnt er nnr so kuiv.. dass nuin glauben muss, nicht er lialte zum ersten Male eine so lockende Vision gehabt'.
' l'ntfr alli'rlri iiiissluiiyfrru'n VcrMirliiii (l»'r Alten ila.» Wi»rt *HXuoiov etyiii<»l<tj,'i?*< h ah/,ul«'itt'ii (Sclml. Oil. o öH.'i, Kustath. il»itl. Hr>yeli. 8. V., u. s. w.; auch Celsuü ap. Orijr. a<h-. Cels. \T;I 28 p. 58 L.) doch auch die richtige: £t.H. 428, 86: icapä -H^v O.tusiv, Ivft« el tbzsjaii icapo- ^ivovtat. — Streitig scheint nnter Gmnmatikeni gewesen so «ein, ob Menelaos im Elysium emg leben werde. Dass er lebendig, ohne Tren- nung; der Psyche vom Ijeibe, dahin gelanire, galten alle zu, aber Teher» weise meintoi, dort werde dann eben auch (>r sterben, nur rla.sM er nicht in Ai-jjos sterben werde, sei ihm verkündijft , nicht daxs er ülierhaujtf nicht sterlxii s<ille: Hf» namentlich Etym. (tuil. 242, l ud ähnlich
ddcli wohl diejenigen, die *ll/,''>-'.'iv aMeiteteii ilavon, das» dni-t die 'l'r/ft: ). 4 /. 0 [LS vat xo>v 3Uj|i(iTmv v.a-,- ^ ^ Kii«-r;ifli. löuj*. 29. Etyni. M. et«'. Die Etyuiolojfie ist t-u dumm wie «lie Krkliininj? der Ver»e. Diese Itliel» doch auch im AJtertbum ein Curionum; vernünftige Leser Terütaudeii die Prophezeiung ganz richtig als eine Ankfindiguiig der EntrScknng au ewigem Lelien, ohne Trennung der 4'(>X'h Leibe: z. B. Porphyrius bei Stobaeus, Ed. I p. 422, 8 ff. Wachsm. Und so auch die, welche ihrer sachlich richtigen Auffassung AuMihiu-k gaben durch die freilich aucli nicht eben weise EtynuilnLMe. ^Wh'mov . j-'.ov. Sr. o'j o'.a).6ovta: äitö Tdiv ocMfiQcTuiv al liesyeh. (vgl. £tym. AL 420, 84/36; Schol. i
563; IVoelus zu Hesiod "Kfy-,'. IHU).
ropYiUa 'xv Tt? i'.xjiov. zyjZu-lüiLv^rj- fji rx'jxo-» jiovov &Tf 'xrav Yj^y^ ^i^oYjjisvo'j zo 'K/./.Y,v'xov, um ndch der Worte de» l'ausauias (10, 31, 4) in einem ähnlichen Falle zu heilienen.
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77
Er mag nur in Menelaos den Seligen einen neuen Genossen zugeftihrt haben. Dass Bhadamanthys, der Gerechte, dort wohne, muss ihm wohl als aus ftlterer Sage bekannt gelten, denn er will offenbar nur daran erinnern und hat eben nicht liir nöthi^ (gehalten, diese Auszeidinuii^ des Bruders des Minos ZU begrimdeu'. Mau könnte ghiuben, zu Gunsten des Khada- manthys sei von Dichtem älterer Zeit die Vorstellung eines sol- chen Wunschlandes erfunden und ausgeschmückt worden. Neu ist nur, dass diese Vorstellung nun auch in den Kreis homerischer Dichtung eingeführt, ein Hehl des troischen Kreises den nach 72 jenem Laude ewig ungetriibteu Glückes B^ntrückten gesellt wird. Die Verse sind, wie gesagt, in die Prophezeiung des Proteus später eingelegt, und man wird wohl glauben müssen, dass die ganze Vorstellung homerischen Sängern bis dahin 'fem lag: schwerlich wäre doch die Blttthe der Heldenschaft, selbst Achilleus, dem (ideu Schatteiireieli vei tiilh n. in dem wir sie, in der Nekyia der Odyssee, schweben sehen, wenn ein Aus- weg in ein Leben frei vom Tode der Phantasie sich gezeigt hätte schon damals, als die Sage von dem Ende der meisten Helden durch die Dichtung festgestellt wurde. Den Menelaos,
* Uns ist der Cirruud jener Begau« iung des Khadamauthyu so uu- bekaimt, wie er ei oflbabar den Griechen spKterer Zeit such war: was sie in gans allgemeinen AnsdrScken von der „Gereditigkeif* des Bhad. segen, beruht nur anf eigenen Annahmen und ersetat nicht die bestimmte Si^e, die seine Entrackong reehifertigen m&sste. Dass er ebist eine amigebildete Sage hattr. liis.st auch die Andeuttinr; Odyss. 7, 828ff. ahnen, die uiiN fn ilich ^anz <linik< l bleibt, .ledeiifalls fol^ aas ihr weder, dass Kha«l. h1> Bewohner «It s Ely.siunis Nachbar <ler Thäaken war, wie Weicker meint, noch volleniU, ihi.ss er von jeher im Elysium wohnhaft. nit;ht • lortliin er>t ver>etzt worden sei, wie PreUer annimmt. Bei jener St^'lle an PIlysium als Aufenthalt des Rhad. zu denken, veranlasst nichts; bei der anderen Erwähnung, Od. 4, 564, wird mau jedenfalls an Entrückong des Rhad. so gnt wie des Menelaos in das Elysinm denken mSssen (und so versteht den Dichter a. B. Pausanias 8, 68, 6: apettpev H Itt ToSd^ )M»^v ivcadlki 4j«stv. Undeutlich Aeschyl., fr, 9d, 13, 18). Es fehlt uns nur die Sage, die seine Entr&ckuu^' berichtete; »eine (ie.>*talt war isolirt geblieben, nicht in die )rrot<sen Sagenkreise verdochten und so auch ihre SagenumhiUlung bald abgefallen.
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fiber dessen Ende die Dichtung Tom troischen Khege und den Abenteuern der Heimkehr noch nicht verfügt hatte, konnte eben darum ein späterer Poet nach dem mittlerweile ^ent-
deckten'* Lande d«-r Hinkunft entrücken lassen. Es ist sehr Avahrscheinlich , dass selbst damals, als die Hadestahrt des Odysseufl gedichtet wurde, diese, für die Entwicklung des griechischen Unsterblichkeitsglaubens später so bedeutend ge- wordene Phantasie eines vefborgenen Aufentiialtes lebendig Eni* rlickter noch gar nicht ausgebildet war. Sie schliesst sich dem in den lionierisclien Gedichten lierrschenden ( ilauhen ohne Zwang an, aber sie wird durch diesen (41anl)en nicht nüt Nothwendig- keit gefordert. Man könnte daher wohl meinen, sie sei von aussen her in den Bereich homerischer Dichtung hineingetragen worden. Und wenn man sich der babylonischen Sage yon Hasi- 8a(ha, <U'r hebräischen von Henoc Ii erinnert, die, olme den Tod zu sclmiecken, in ein Reicli des ewi«;en Lel)ens, in den Himmel oder „an das Ende der Ströme"* zu den Göttern entrückt werden *, so könnte man wohl gar, einer gegenwartig hie und 78 da herrsdienden Neigung nachgebend, an Entlehnung dieser
' Hasisaiiras Entriiekunjj: s. ilii- rcborsetzimg dos l»al)yIoiiischen Berichts })<m Paul Haiii.t , Der keilin sehn ftl. Sintfluthltericht (L. 1881) 8. 17. IM. Di»' Aiisilrückt' ili>r ^I■it'(■hi^(•ll sclircihi'ii(U'ii Berichterstatter siiiil völlig; jfleieh den hei ircliiHchen Kiitrückung^.ssafren ühliclu-n : ^ivta- 9w. äf'xYT^ (töv Hitio'iii'f.ov) jisTcit xu»v o'XYjoovTa Berossu» bei iSynceli.
p. 65, H. 11. Dind.; ^itti {itv «4 ttv^pisRoiy a^aviC'jOstv Abydenus bei Synuell. p. 70, 18. Von Henoch: ohi t6f>t3Mto, 5tt fundnrjxtv «&tftv h
1. Mos. 6, 84 ((uttti^ Sino. 44, 16. Hebr. 11, ft); ^^tX-f^^dt} ««6 Sirac 40, 14; &vi/«»pT,ot icph^ t& Mov, Jos^h. mUiq, I 8, 4 (vob MoMs: ftf«»iCttttt Joseph. OMfig. lY 8, 48. — EntrOokung des Henoch, des Elia; 8. auch Schwally, D. Leben tuzch d. Tode nach d. Vorst, d. a, Iftrael [1892] p. 14(), Entrückiuijf LeljeiuhT in die Scheol öfter im A* T«: Schwally p. 62). — Auch Heuocli ist dem Schicksal Jiidit etit^anioren, von der vergleichenden Mytholojjfie tkh die Sf»nne ^Tdeutet zu wenlen. Sei's um Henoch, wenn die Orientalist«-n nidits dajre'xcii lialx-n; aber dass nur nicht, nach d«'iii l)ehehten Anah»frieveT-fahren, auch die nach ^riechi sch er Sage Eniriickten von Menclao» his zu Apolloniu.s von Tyana uns unt«r den Hinden in mythohigiiiche Sonnen (oder MurgenriUhen, feuchte Wiesen, Gewitterwolken u. dgl.) Yeraanbert werden!
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ältesten griechischen EntrUckungssagen aus semitischer Ueber- liefenmg glauben wollen. Grewonnen wäre mit einer solchen mechanischen Herleitnng wenig; es bliebe hier, wie in allen ähnHehen Fällen, die Hauptsache, der Grund, ans welchem der
griechische Genius die bestimmte Voi steUun^ zu einer bestiuiniteii Zeit den ll'remden entlehnen mochte, unaufgeklärt. Es s}>richt aber auch im vorliegenden Falle nichts dafür, dass der £nt- riickungsglaube von einem Volke dem anderen überliefert und nicht viefanehr bei den Toschiedenen Völkern aus gleichem Be- dürfniss frei und selbständig entstanden sei. Die Grundvoraus- setzungen, auf denen diese, den homeriscluMi Seeh'nglauben nicht aufhebende, sondern vielmehr vorausüetüende und banft ergänzende neue Vorstellung sich aufbaut, waren, wie wir ge- aehen haben, in einheinusch griechisefaem Glauben gegeben. Es bedurfte durchaus keiner Anregung aus der Fremde, damit aus diesen Elementen sicli die allerdings neue und eigenthüm- lich «inziehende Vorstellung l)ilde, von der die Weissagung des Proteus uns die erste Kunde bringt.
3.
Je wichtiger die neue Schöpfung für die spätere Entwick- lung griechischen Glaubens geworden ist, desto nothwendiger ist es, sich klar zu machen, was eigentlich hier neu geschaffen
ist. Ist es ein Paradies für Fromme und (Gerechte? eine Art griechischer Walhall llir die tapfersten Helden? oder soll eine Ausgleichung von Tugend imd Glück, wie sie das Leben nicht kennt, in einem Lande der Verheissnng derHoffiinng gezeigt 74 werden? Nichts Derartiges kündigen jene Verse an. Mene- laos, in keiner der Tugenden, die das homerische Zeitalter am höchsten schätzt, sonderlich ausgezeiclmet soll nur darum ins Elysium entrückt werden, weil er Helena zur Gattin hat imd des Zeus Eidam ist: so verkündigt Proteus es ihm. Warum Rhadamanthys an den Ort der Seligkeit gelangt ist, erfahren
* |iaA&aKÖ( alx|if}t^« U. 17, 588.
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wir nicht, auch nicht durch ein Beiwort, das ihn etwa, wie es bei späteren Dichtem fast ttblich ist, als den ^ Gerechten** be- zeichnete. Wir dürfen uns aber erinnern, dass er, als Hnider des ]\rinos, eiu »Solni des Zeus ist'. Nicht Tugend und \'er- dienst geben ein Anrecht auf die zukünftige Seligkeit; von einem Anrecht ist Überhaupt keine Spur: wie die Erhaltung der Psyche beim Leibe und damit die Abwendung des Todes nur durch ein Wunder, einen Zauber, also nur in einem Ans- naliniefall, geschehen kann, sn hleiht die Entrückung in das ^liund des Hingangs'* eiu Privilegium einzelner von der Gott- heit besonders Begnadeter, aus dem man durchaus keinen Glau- benssatz Yon aUgemeiner GMlltigkeit ableiten darf. Am ersten liesse die, Einzelnen gewährte wunderbare Erhaltung des Lebens im T.ande seliger Ruhe sich vergleichen mit der ehenso wunder- haren Erhaltung des Bewusstseins jener drei Götterteinde im Hades, von denen die Nekjia erzählt. Die Büsser im Erebos, die Seligen im Elysium entsprechen einander; beide stellen Ausnahmen dar, welche die Begel nicht aufheben, den homeri- schen Glauben im Ganzen nicht beeinträchtigen. Die Allmacht der Ciötter hat dort wie hier das Gesetz durchbrochen. Die aber, weiche besondere Göttergunst dem Tode enthebt und ins Elysium entrückt, sind nahe Verwandte der Götter; hierin allein scheint die Gnade ihren Grund zu haben*. Wenn irgend
• Ii. 14, H'JL 322.
' Mail könnt«' Hopar den Verdacht helfen, dass Monela(»s zu ewijafem Leben entrückt werde, nicht nur weil er Helena, des Zeus Tochter, zur Gattin hst: oßvtx* Ixt*.; 'F^iviQv» wie ihm Pkt>teoi sagt, sotideni «oeh erat in Nachslimaug einer in der Sage vorher achon fevtgestellten Ueber- liefemng, welche Helena entrückt nnd onsterblich gemacht werden lies«. Von Helenens Tode berichtet keine Ueberlieferung des Alter* thnms, ausser den albernen EHiudunpren de» PtoIcnmeuM rhennns (Fhot, MM. p. 148 a, 37; 43; 14» h, Iff.) und dvr nicht viel beiaeren ätiolo- gischen Sa^e bei Pausan. 3, 19, 10. Desto häufiger ist von ilirer Ver- pöttcrunff. Loben auf der In^el Lenke oilcr auch «1er Insel der Selifren die Kede. Die .Saj,'»' iikilt *\n> ilänuiniM lu stc ilcr WcHmt früh dvm gewöhnlichen Men.NclM'ul<><)>»' entn^ii'n halicii, Mciichtio wird vhvr ihr hierin gefolgt sein (wie Isokrate:«, JIden. § H2 gerailezu hcliauptet^ aU sie ihm.
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eine allgememe Begründung, über launenhafte Begünstigung 76 Einzelner durch einen Gh>tt hinaus, den Entrttckungen zukommt, 90 könnte es allenfalls der Glaube sein, dass ein naher Zu- sammenhang mit der Gottlieit, d. h. eben der hrjcliste Adel der Al)kiint't vor «ieiii Versinken in das all^n-iueiiu' Keicli der trostlosen Nichtigkeit nach der Tremiuug der Psvche vom Leibe schütze. So lässt der Glaube mancher „Naturvölker'* den ge- meinen Mann nach dem Tode, wenn er nicht etwa ganz yer- niehtet wird, in ein unerfreuliches Todtenreich, die Abkömm- linge der G(ittt'r und Könige, d. Ii. den Adel, in tili {{eich ewiger Lust cingi'lu'ii ^ Alier in der \ ei lu issung, die dem Menelaos zu Theil wird, sdieint ein ähnlicher AVahn doch höchstens ganz dunkel durch. Von einem allgemeinen Ge- setz, aus dem der einzelne Fall abzuleiten wäre, ist nicht die Bede. —
4.
Die Einzelnen nun, denen in dem elysischen Lande am Ende der Erde ein ewiges Leben geschenkt wird, sind von den Wohnplätzen der Sterblichen viel zu weit abgerückt, als dass man glauben könnte, dass ihnen irgend eine Einwirkung auf <lie Meiisclienwelt gestattet wäre*. Sie gleichen den (löttern nur in der auch ihnen verliehenen Ludlosigkeit bewussten Le- 76 bens; aber von göttlicher Macht ist ihnen nichts verliehen ^ ihnen nicht mehr als den Bewohnern des Erebos, deren Loos im Uebrigen von dem ihrigen so* verschieden ist. Man darf
• Virl. Tvlnr, Priuiitire CxHure 2, 78; .T. (!. :Mailer, Gesch. d, amerikan. UrrtL «bof.; Waitz, Antliropolofjie V 2, 144; VI 802: M)7.
* Die Er/.Uhlunir. dass RhadHiiumthys einst vnii den l'liäakt'ii uacli Kuijöa geleit<?t worden sei, tni'j^&nEvoi T:iuöv rat-rjiov oiöv (Od. 7, 3211]'.) dahin za exginzen, das« die« geschehen sei, als Rh. bereits im Elyaiam wohnte, haben wir keinen Grand nnd kein Recht. Denn dass die Phaaken als „FShrlente des Todes** mit Elydom in irgmd einer Verbindung ge- standen hätten, ist nichts als eine haltlose Phantasie.
' AVer äd^avasia hat, besitzt daram noch nicht nothwendig auch
iavautv l'SoO'iov ( Iv,,ki :itcs 10, 61).
Rohda, Psfobe 1. a. Aufl. 0
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daher auch nicht etwa jzhiuln ii, dass der (xiimd lur die Sajjen Yon Erhöhimg einzelner Helden über ihi-e Genossen durch die Versetzung in ein fernes Wonneland durch einen Oult gegeben worden sei, der diesen Einzelnen an ihren ehemaligen irdischen
WohTi]»liitzt'n ^'('widmet worden wäre. Jeder Oult ist die ^'er- ehruug eines Wirksanien; die als wirksam verehrten Landes- heroen hätte kein Volksglanhe, keine Dichter^ihantasie in un- erreichbarer Feme angesiedelt.
Es ist freie Dichterthätigkeit, die diese letzte Zufluchts- stätte menschlicher Hoffnun;^ auf der elysischen Flur fjeschaffen und aiis<;esclnniickt liat, und {»(»ctische, niclit n*]i<fi(isi> Bedürf- nisse sind es, denen diese Schöpfung zunächst genügen sollte.
Das jüngere der zwei homerischen Epen steht dem heroi- schen, nur in rastloser Bethätigung lebendiger Kraft sich ge- nügenden Sinne der Ilias schon femer. Anders mag die Stim- mung der Pa()])erer eines neuen Heimathhmdes au der asiati- sclu'u Küste gewesen sein, antlers die der zu ruhigem Besitze und ungestöilem Genüsse des Ermngenen Gelangten: es ist, als ob die Odyssee die Sinnesart und die Wünsche der ionischen Stadtbürger dieser 8[>äteren Zeit wieders])iegelte. Ein ruheseliger Geist zieht wie in einer ünterströmung durch das ganze (le- dicht und liat sieh InmitttMi der hewegteu Handlung überall seine Erholungsstätten geseliatien. AVo die Wünsche des J)ichtei*s rechte Gestalt gewinnen, d& zeigen sie uns Bilder idyllisch sich im Genuss der Gegenwart genügender Zustände, glänzender im Phäakenlande, froh beschränkter auf dem Hofe des Enmäos, Scenen lrie(lsauieii AusiuIhmis naeli den nur noeli in Iteliaglicher 77 Erinnerung lebenden Kämpfen der vergangenen Zeit, wie in Nestors Hause, im Palast des Menelaos und der wieder- gewonnenen Helena. Oder Schilderung einer freiwillig milden Natur, wie auf der Insel Syrie, der Jugendheimath des Eu- miios, aut" der in reichem besitze :in Heerdi'n, Wein und Koni ein Volk leht, frei von Noth und Krankheit bis zum hohen Alter, wo dann Apollo und Artemis mit sanften Geschossen, plötzlichen Tod bringen (Od. 15, 403 ff.). Fragst Du freiUch,
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wo diese glückliche Insel liege» so antwortet Dir der Dichter: sie liegt fiber Ortygie, dort wo die Sonne nicht wendet Aber
wo ist Ortygie * und wer kann die Stelle zeip^en, wo, fem im AVestcn, die S<uin(' sich zur Hiukt;ilirt wt-ndtty Das Land idyllischen Genügens liegt fast selion ausserhalb der Welt. Phönicische Händler wohl, die überall hinkommen, gelangen auch dorthin (t. 415 ff.), und ionische Schiffer mochten wohl, in dieser Zeit frühester griechischer OoloniefÜhnmgen, in welche die Odjssee noch hineinreicht, fem dranssen im Meere solche gedeihliche W'uhnstätten neuen Lebens linden zu können hoffen.
So gleicht auch Land und lieben der Phäaken dem Idealbilde einer ionischen Neugründung, fem Ton der Unruhe, dem aufregenden Wettbewerb, frei von aller Beschränkung der bekannten Griechenländer. Aber dieses Traumbild, sehatten-
l(>s, in ritcl Licht getaucht, ist in unerrcichliare Weite liinauN- gerückt; nur durch Zufall wird eiuiual ein frenuh's Sehitl" dort- hin Terschlagen, und alsbald tragen die beseelten Schiffe der 78 Fhäaken den Frepiden durch Nacht und Nebel in seine Heimath zurück. Zwar hat es keinen Grand, wenn man in den Phäaken ein Volk von Todtenschiffem, dem elysischen liande Ixuach- liart, gesehen hat; aber in der That steht wenigstens die dicli- tehäche Stimmung, die das Phäaken band geschaffen hat, der- jenigen nahe genug, aus der die Vorstellung eines elysischen
> ^Optotv*! Od. 16, 404 mit Delos und £oph) mit der Insel Syros
xn identifin'ren (mit den alt» ii Erklän ni und K. 0. Müller, Dorier 1, 381) ist unnui«flirli, schon wr};«'n lU-« Zusiitz»"*: 5^ tporal r^eXioto, «Ut die Insel Syrio w«'it fort iji di-n fahrlliafteii Wösten verweist, wfthiii allein auch solfht's \Vuii(U'rlainl i)assen will. Ortytrif i*<t (»ffon^ar iir<|inni};lirh ein rein iiiythisrh»'s Land, der Arti'iiiis ln'iüi;. nicht deiitlulier Hxiit als das diouysisclu' Ny.sa und eben dariini üliriall wii-derj^efunden, wo der Arteniis- cult besonders blühte, in Aetolieu, bei Syrakus, bei £phe.sus, auf Delos. Delos wird Ton Ortygie bestinunt aDterschieden, h. ApoU. 16; mit Orty- gie identifieirt erst naditraglich (Delos galt als der altere Name: 0. Sehneider, Nieanär,f p. 23 Anm.), seit Artemis mit Apollo in enf(ste («eiiM'iuHoliaft j^esi't/t wurdr. aher auch dann nicht allgemein: wie denn bei Homer Ortygie nirgends deutlich =b Delos steht.
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Grefildes jenseits der bewohnten Erde entsprungen ist Lässt sich ein Leben ungestörten Glückes nur denken im entlegensten Winkel der Erde, eifersüchtig behütet yor fremden Eindring- lingen, so führt ein einziger Scliritt wtitpr zu der Annahme, dass soh'hes Glück nur zu linden sei da, wohin keinen Mensclten weder Zulall noch eigener Entschluss tragen kann, femer ab- gelegen noch als die Phäaken, als das Land der gottgeliebten Aethiopier oder die Abier im Norden, von denen schon die Jlias weiss, — jenseits aller Wirklielikcit des Ticlx-ns. p^s ist ein idyllischer Wunsch, der sich in der Pliantasie des clysischcn Landes befriedigt. Das Glück der zu ewigem Lehen Entrückten schien nur dann völlig gesichert, wenn ihr Wohnplatz aller For- schung, aller vordringenden Erfahrung auf ewig entrückt war. Dieses Glück ist gedacht als ein Zustand des Genusses unter mildestem Himmel; mididos, leicht ist dort, sagt der Dichter, diis Lehen der Menschen, hierin dem ( lötterlehen ähnlich, aher freilich ohne Streben, ohne Thai. Es ist zweifelhaft, ob dem Dichter der Ilias solche Zukunft seiner Helden würdig, solches Glück als ein Glück erschienen wäre.
Wir mussten annehmen, dass der Dichter, der jene un- nachahmlich sanft fliessenden Verse in die Odyssee eingelegt hat, nicht der erste Erfinder oder Entdecker des elysischen
Wunschlandcs jenseits der Stci hliclikcit war. Aher folgte er auch anderen: dadurch dass er in dif homerischen (rcdichte eine Hindeutung auf den neuen Glauben einilocht, hat er erst dieser Vorstellung in griechischer Phantasie eine dauernde 79 Stelle gegeben. Andere Gedichte mochten verschwinden; was in Ilias und Odyssee stand, war ewigen» ( icdiiclitniss auNcrtraut, Von da an licss die Phantasie der griechischen Dichter und des griechischen Volkes «He schmeichelnde Vorstellung eines fernen Landes der Seligkeit, in das einzelne Sterbliche durch Göttergunst entrückt werden, nicht wieder los. Selbst die
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dürftigen Kotizen, die uns von dem Inhalt der Heldengedichte berichten I welche die zwei homerischen Epen, vorbereitend, weiterführend, verknüpfend in den vollen Kreis der thebanischen
und troischcii Ht'ltlt^nsn^c rinsililt)ss<'ii, lasson uns t-rkcnnfn, >vie diese Duclilioineri.se- In* Dichtung sich iu der AusfUlining weiterer Beispiele von £ntrUckangen gefiel.
Die Kypria zuerst erzählten» wie Agamemnon, als das Heer der Achäer zum zweiten Male in Anlis lag und durch vridrif;«' Winde, die Artemis schickte, festgehalten wurde, auf G«'heiss des Kalclias der Göttin die ei<jene Tocliter ii)hif^enia • opfern wollte. Arteniis über eutralite die Jungfrau und ent- rückte sie ins Land der Taurier und machte sie dort un- sterblich K
Die Aethiopis, die Ilias forisetzend, erzählte von der Hilfe,
die Prntlicsilca mit ihren Amazonen, nacli deren Tod Memnon, der Aethiopenfürst, ein i)ljantastiscln^r Vertreter der Köniji:s- iiiaeht östlicher Reiche im inneren Asien, den Troern brachte. Im Kampfe fällt AntUochos, nach Patroklos' Tode der neue Liebling des Achill; aber Achill erlegt den Menmon selbst: da erbittet Eos, die Mutter des Memnon (und als solche schon der Odyssee bekannt), (h'n Zens nnd gewährt dem Solme rnsterblichkeit^. Man darf anntdnnen, dass lU-r Dichter er- zäldte, was man auf Yasenbildern mehrfach dar*iestellt sieht: wie die Mutter durch die Luft den Leichnam des Sohnes ent- führte. Aber wenn, nach einer Erzählung der Bias, einstso Apollo durch Schlaf und Tod, die Zwillingsbrüder, den Leich- nam des von Achill erschlagenen Sarj)ed(>n, Solmes des Zeus, nach seiner lykisilien Heimuth tragen liess, nur damit er in der Heimath bestattet werde, so überbietet der Dichter der
* 'Apxsjitf 2s aüri^v tirtfiitiiaw tl( Taupou; {itTaxo{JLlCtt (rgl. das (irri^irpitv vMv h 4k6c von Henooh, 1. H<». 6, 24) x«l &IM(vatov wvtl, {Xofov )ft &vtI tr^i «opY^; napbTTjst ß(u|i^ Proclus (p. 19 Kink). AptA' kidor. MM. epU, 8, 92 Wagn.
• — toötip (t^ Miffcvoyt) 'Huic nap& lib^ altir)oapivir} idavastav St^oiotf tagt, allzu koR, Proclos (p. 89 K).
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A<'tliini)is jene eimlnicksvoUe Er/iihluug der Jlias, die ihm offenbar das Vorbild zu seiner Schüdenmg wurde \ indem er Eos den Todten, mit Zeus* Bewilligung, nicht nur nach der Heimath fem im Osten entrücken, sondern dort zu ewigem
Lehf'ii IH'U ♦Twrckcn Hess.
Bald nach Müiimous Tode ereilt auch den Achill das Ge- sdiick. Als aher sein nach harteui Kampfe Ton den Freunden gesicherter Leichnam auf dem Todtenbette ausgestellt ist, kommt Thetis, die Mutter des Helden, mit den Musen und den anderen Meer^öttinnen und stimmt die Leichenklage an. So liericlitet schon die Odyssee im letzten Buche (Od. 24, 47 ti'.). Aber während dort weiter erzählt wird, wie die Leiche ver- brannt, die Gebeine gesammelt und im Hügel beigesetzt worden seien, die Psyche des Achill aber in das Haus des Hades ein- gegangen ist — ihr selbst wird in der Unterwelt das Alles Ton Againeninons Psyche niitgetheilt wagte dw Dichter der bi Aethiupis, überhauj)t hi sonders külm in freier Weiterhildung der 8age, eine bedeutende Neuerung. Aus dem Scheiterhaufen, erzählte er, entrafft Thetis den Leichnam des Sohnes und bringt ihn nach Leuke*. Dass sie ihn dort neu belebt und
* I)a.ss (lif Krziililuii^f in IIukI. II von Sarpi <l<»iis Tod uinl Ent- raffuiijr .•meines Jiciclimim^. aurh wi-mi sie ( wa> mir k»'iii('>\V('j,'> uuNjiemaclit scheint) uiclit /m den Theileu der hUvii llias gehören sollte, «loch älter als die Aethiopis und Vori>fld für deren Ersihlang von MemnonB Ende ist, kann (trotx Meier, Afmali dOl* inst, anheol, 1888 p. 917 ff.) nicht be- jEweifelt werden (vgL auch Christ, Zur ChronoL d. äUgr» Ep08 p. 26). — Warum übrigens den Leichnam des Sbipedon Hypnos und Thanatos entführen (statt, wie in ihnlichen Fällen, die i*)-'jiXXa, StX/.a, "Ap-u:u, und aueh den Memnon die "Winde, nach Quint. 8ni. 2, 55011)? AVenn auf attischen Lekytheu diese zwei den lA'iehnani traj^en (s. Rodert, Tliana- tos UM, sf» soll vielleicht etwas Aehuliehes trö.stlich anjredentet werden, wie in ( tialicjti^^rainmen : '>nv'>- tyt; ^g, n<ix'/'y — y.al vtx-jc o*jx £-,evo'j. Der Ikmik rischc Dichter denkt schwerlich an etwas derjflciciicn. s<»n<lem improvitiirt zum Thauuto.s den uneiithehrlieheu zweiten Trä>^er hinzu, mit sinnreicher, aber auf keinem religiösen Chunde ruhender Erfindung. Hyp- nos als Bruder des Thanatos findet man auch in der Xth^ kftini II. 14, 931.
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unsterblich ie;emacht habe, sagt der vmn zufällig erhaltene dttrre
Aiiszu<r niclit; ohne Frage aber erzählte so der Dichter; alle späteren Berichte setzen das liinzu.
In deutlich erkennbarer Parallele sind die beiden Gegner, Memnon und Achill, durch ihre göttlichen Mütter dem Loose der Sterblichkeit enthoben; im wiederbeseelten Leibe leben sie weiter, niclit unter den Menschen, auch nicht im Reiche der «Itter, son<lern in einem fernen Wunderlande. Mciunon im Osten, Acin'll auf der „weissen Insel**, die der Dichter sich schwerlich schon im Fontos £ttxeinos liegend dachte, wo frei- lich später griechische Schiffer das eigentlich rein sagenhafte Local auffanden.
Der Entrückung des Menelaos tritt noch näher, was die Telegonie, das letzte und auch wolil jiui'rste der ( Jediehte (h's epischen Cyklus, von den Geschicken der Familie des Odysseus berichtete. Nachdem Telegonos, der Sohn des Odysseus und der Kirke, seinen Vater, ohne ihn zu erkennen, erschlagen hat, wird er seinen Irrthum gewahr; er bringt darauf den Leich-88 nam des Odysseus, sowie dit- I\'n»'l()|)e und den Telemaehos zu seiner Mutter Kirke. Diese maelit sie unsterhlieh, und es wohnt nun (auf der Insel Aeaea, fem im Meere, muss man
^taxo{i:Cst. Proclus (p. 34 K). — T)aiin ül)rijrt'iis wi'iter: ot os Tov T-i-f ov yiu'savTs; ä-iof^u v.^i'i'z;'^, Al.sn uiii iTrabhüjfcl wird errichtet, • iliwohl Leib «les A<liill t'iitriifkt ist. OftViiliar eine ('uiicessioii au »lie älter«', von der Knti iickuii'/ iiucli nichts wissende, aber den (iraliliiijj^el stark hervurheheude Kr/ähhiujr, Od. 24, 80 — 84. 1)hzu iiutchte der in Troa«, am Meeretufw gezeigte Tamuliu des Achill seine Erklärung for- dern; der Dichter ISsst also ein Kenotaph errichtet werden* Keno- taphe nicht nur solchen xa errichten, deren Leichname unerreichbar waren (s. oben S. 66), sondern aach Heroen, datem Leib entrückt war, galt nicht als widersinnig: so wird dem Herakles, als er iui Blitztode auf- wärts entrafft ist, wiew<»hl man keinen Knochen auf der nup« faml. ein /öijtrt errichtet: Hindor. 4. ."{H, 5; 'M. 1. fl)ie in Trna.s noch erhaUenen Tunmli sind freihch nicht, wie Schheinann, Tnija \]HH4\ j». 277. 2H4. 297 auuahni, leer {gewesen: es waren niclit Kenotaiihe, M/mlern eheniaU aus- gefüllte Hügelgräber nach Art tier in Phrygien vielfach auzutrctienden. 8. Sdmdiardt, StMiemanM Au8gr.* 109 ff., Kretschmer, EikL in d, Gt$€h. 4. grie^ Spra^ [1896] p. 176.)
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denken) Penelope als Gattin mit Telegonos, Kirke mit Tele-
machüs zusammen K
6.
Ueberrasclien kann, dass nirgends Ton Entrttckung nach einem allgemeinen Sammelpunkte der EntrUckten, wie die
elysische Flur einer zu sein schien, berichtet wird. Man mnss eben darum tl;ilnn^«'stt"llt sein lasst'ii, \\ i<» weit »gerade dir Vt*rse der Odyssee, die von Menelaos' Entrikkung ins Elysium er- zählen, auf die Ausbildung der EntrUckungssagen der nach- homerischen Epen eingeMrirkt haben mögen. Wahrscheinlich bleibt solche Einwirkung in hohem Maasse*; und jedenfalls ist diesella» Kiehtun^; der Pliantasie, die das Klysinu» ersehut". auch in diesen Erziililungen von der Entrückung einzelner Helden zu einsamem Weiterleben an verborgenen Wohnplätzen der Unsterblichkeit thätig. Nicht mehr zu den Göttern erhebt Eos den dem Hades entrissenen Sohn, wie doch einst den Kleitos und andere Lieblinge: Memnon tntt in ein eigenes Dasein ein, das ihn von den übrigen ^leiiselien so gut wie von den Göttern absondert; und ebenso Achill und die anderen Entrückten. So bereichert die Dichtung die Zahl der An- gehörigen eines eigenen Zwischenreiches sterblich Geborener
* Wa« wird aus Odysseus? Proelu« sap^ es uielit, uml wir k">iineii es nicht ornitlion. Nach Hyfrin. fab. 127 wird or auf Afuca l»i';fralt»Mi : ahcr wenn w»»itcr nichts mit mmjumh L<'ihe pcschi'hcn snlltc. warum winl er dann iUM'i-hauj)t nach Aoaoa L't'hraclit ? Xacli Schol. Jjyc<»|ilir. H05 winl er <hircli Kirke /u nt'uem IjcIh-h erweekt. Al)er was jfe>eliieht weiter mit ilim? (Nach ApoUodor bü>l. epit. 7, 37 scheint der tmlte Odysseus in Ithaka su bleiben [die ftberiieferteii Worte, mit Wag^ner, iiaeh Anletttmg der Telegonie tu indem, ist kein Gmnd, nimal da eine völlige Ueberein> gtimmnng mit diesem Cledicbt sich doch nicht erreichen Uisstj. — Tod und Begribniss des Od. in Tyrrhenien [Mttller, Etnulter* 9, 281 ge- hören in einen ganz anderen Zusammenlian-rJ
• Die Aet)no])is ist jüiiffpr als die Hatlesscene in Odyss. «>, also erst recht als «lie Nekyia in Od. X. Die Projthe/.eiung von der Ent- rückiui«: <1«'- Mrin lar»«* in o ist ebenfalls jünirer als die Nelcjriaf aber aller WaliTücheiuliclikeit nach älter als die Aethiupi»»
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und zur Unsterblichkeit, ausserhal)) des olyinpisclien Reiches, £rkorener. Immer bleiben es einzelne Begünstigte, die in dieses 88 Beich eingehen; es bleibt poetischer Wunsch, in dichterischer Freiheit schaltend, der eine immer grössere Zahl der Ucht-
gestjilten (Ut Sajje in der Verklärung ewi«ien Lebens festzuhalten trieb. Keligiüse ^'erehruug kann bei der Ausl)il(hing dieser Sagen nicht mehr EinÜuss gehabt haben als bei der Erzählung ▼on der Entrückung des Menelaos; wenn in späteren Zeiten z. B. dem Achill auf einer für Leuke erklärten Insel an den Donaumündungen eiii Cult dargebracht wurde, so war der Oult eben Folgt-, nielit Anhiss und rrsaelie der Dichtung. Iphi- geiiia allerdings war der Heiname einer Mondgöttin ; aber der Dichter, der Ton der Entrückung der gleichnamigen Tochter Agamemnons erzählte, ahnte jedenfalls nichts von deren Iden- tität mit einer Göttin — sonst würde er sie eben nicht für Agamemnons Tochter gehalten haben ^ und ist keinentalls durch einen irgendwo angetroticnen Cult der göttlichen lj)hi- giMii I veranlasst worden (wie man sich wohl (h'nkt), seine sterb- liche Iphigenia po§iUminii durch den Entrückungsapparat wieder unsterblich zu machen. Das gerade war ihm und seinen Zeitgenossen das Bedeutende, der eigentliche Kern seiner, sei es frei erfundenen oder aus vorhandenen Motiven zusammen- gefügten Erzählung, dass sie Kunde gab von der Erhebung eines sterblichen Mädchens, der Tochter sterblicher Eltern, zu unsterblichem Leben, — nicht zu religiöser Verehrung, die der ins ferne Tauiieiland Gebannten sich auf keine Weise hätte bemerklich machen können.
Wie weit übrigens die geschäftige Sagenauss|>innung der schliesslich in genealogische Poesie sich verhiul'euden Helden- dichtung das Motiv der Entrückung und Verklärung ausgenutzt haben mag, können wir, bei unseren ganz ungenttgenden Hilfs- mitteln, nicht mehr ermessen. Wenn schon so leere Gestalten wie Telegonos der Verewigung für würdig gehalten wurden, so sollte man meinen, dass in der Voi'stellung <ler Dichter allen Helden der iSage fast ein Anspruch auf diese Art von 84
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unsterblichem Weiterleben erwachsen war, der für die Be- deutenderen erst recht nicht unbefiriedigt bleiben konnte. Wenigstens für die niclit, Uber deren Ende die homerischen
(T<'(lichU* nicht selbst andere An^Mht ii /^ejiiuclit hatten. Das Gedicht von der Rückkehr der Heiden von Troja mochte vor anderen Kaum bieten zu manchen Entrückungssagen Man könnte z. B. fragen, ob nicht mindestens den Diomedes, von dessen Unsterblichkeit spätere Sagen oft berichten, bereits die an Homer angescldossene epische Dichtung? in <lie Zalil dei" ewi^ forth'benden Hehlen auf^renoiiinien hatte. Ein attisches volksthüniliches Lied des fünften .) ahrhuudertä weiss gerade von Diomedes zu sagen, dass er nicht gestorben sei, sondern anf den «Inseln der Seligen lebe. Und dass von den Hdden des troischen Krieges eine ^össere Schaar, als wir aus den znfällig uns erhaltenen Aiitjalien über den Inhalt der nach- homerisclien Epeu zusaunnenrechnen k/innen, auf sehgen £ilauden dranssen im Meere bereits durch die Heldendichtung homerischen Styles versammelt worden sein muss, haben wir zu schliessen aus Versen eines hesiodischen Gedichtes, die über ältesten jrriechischen Seelencnlt und Unsterblichkeits- glaul)en dit- merkwiirdi^'sten Aut'schliisse «ieben uiid dai'imi einer
genaueren Betrachtung zu unterziehen sind.
' T)«'r Auszujj der 'Sözxrj; liri T'nichis ist liesonders dürftiV utnl ^i<'}»t otrciiliiir Voll drm nach vielen l{ielitun<ren Hiiseiniinder uehemlen Jnlialt des (Tedirhts keine volle Vorsteliun^f: daher aiieli (be anderweit erhaltenen Nutizea über Einzelheiten !>eiueü luhalU (insbesondere über die Nekyia, die darin vorkam) sich in dem von Prödas gegebenen Rahmen nicht unterbringen lassen.
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n.
In dem ans mniiclit ilfi selbständigen Abscliiiittcn iM-lehrcu- den und erzählenden iniialto lose zusammengeschobenen hesiodi- schen Gedichte der „Werke und Tage** steht, nicht weit Tom Anfang, mit dem Vorausgehenden und Folgenden nur durch einen kaum sichtbaren Faden des GedankenzusannuenhangeR verbunden, (b-r Form nacli >:Hn7. tür sieb, die Erzählung vouSö den fünf Menscbengescblecbtern (v. lufi — 201).
Im Anfang, heisst es da, schufen die Götter des Olymps das goldene Geschlecht, dessen Angehörige wie die Qt>tter lebten, ohne 8or«?€% Krankheit und Altersmtthe, im G-enuss reichen Besitzes. Nach ihrem Tode, der ihnen nahete wie der Schlaf dem Müden, sin<l sie nach Zeus' Willen zu Dä- monen und Wächtern der Menschen geworden. Es folgte das sQbeme Geschlecht, viel geringer als das erste, diesem weder leiblich noch geistig gleich. Nach langer, hundert Jahre währenden Kindheit folgte bei den Menschen dieses (4eschlechts eine kurze Jugend, in der sie durch l ebermuth gegen einander und gegen die Götter sich viel Leiden schufen. Weil sie den Göttern die schuldige Verehrung versagten, vertilgte sie Zeus; nun sind sie unterirdische Dämonen, geehrt, wenn auch weniger als die Dämonen des goldenen Gefichlecht«. Zeus schuf ein drittes Geschlecht, das eherne, liarten Sinnes und von ge- waltiger Kraft; der Krieg war ihre Lust; durch ihre eigenen Hände bezwungen gingen sie unter, ruhmlos gelangten sie in das dampfige Haus des Hades. Danach erschuf Zeus ein rieites Geschlecht, das gerechter und hesser war, das Ge-
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sclilecht der Heroen, die da „Halbgötter'* genannt werden. Sie kämpften um Theben und Troja, einige starben, andere siedelte Zeus an den Enden der Erde, auf den Inseln der Seligen am Okeanos an, wo ihnen drei Mal im Jahre die Erde
Friu-lit ])nn«;t. „Möclitc uh dot li nicht ^»'liort'n ziiiii luut'ttii Geschlecht; wär<^ icli li«'l»er vorher gestorbi'ii oder si)äter erst geboren**, sagt der Dichter. „Denn jetzt ist das eiserne Zeit- alter**, wo Mühe und Sorge den Menschen nicht los lassen, Feindschaft Aller gegen Alle herrscht, Gewalt das Recht beugt, schadenfroher, übelredender, hässlich blickender Wettbewerb Alle antreiht. Nun ciitMliwchen Scham und die (iüttin d»'r Vt i ^'ritung, Aemesiä, zu den (Jött* rn, alle Uebel verbleiben den Menschen, und es giebt keine Abwehr des Unheils. —
Es sind die Ergebnisse trüben Nachsinnens über Werden 86 und Wachsen des Uebels in der Menschenwelt, die uns der Dichter vorlegt. "\'on der Hohe göttergleichen Glückes sieht er dii' Menschlu'it stutVnweisc zu tictstcni Elend und äusscrster Verworfenheit absteigen. Er folgt i)()|>ulären Vorstellungen. In die Vorzeit den Zustand irdischer Vollkommenheit zu ver- legen, ist allen Völkern natürlich, mindestens so lange nicht scharfe geschichtliche Erinnerung, sondern fireundliche Mär- chen und glänzende Träume der Dichter ihnen von jener Vorzeit l)enclit<*n und die Neigung der Phantasie, nur die angenehmen Züge der Vergangenheit dem Gediichtniss ein- zuprägen, unterstützen. Vom goldenen Zeitalter und wie all- mählich die Menschheit sich hievon immer weiter entfernt habe, wissen manche Völker zu sagen ; es ist nicht einmal ver- wundt rlicli, dass jilumtastiselie Speculation, von dem gleichen Ausgangsiiuncte in gh'icher Kichtung weitergeliend, l)ei mehr als einem Volke, ohne alle Eiiiwirkuui; irgendwelches geschicht- lichen Zusammenhanges, zu Ausdichtungen des durch mehrere Geschlechter abwärts steigenden Entwicklungsgangs zum Schlim- meren geführt worden ist, die unter einander und mit der hesiodisclien Dichtung von <lt ii fünf W'cltaltcrn die auffallendste Aehnlichkeit zeigen. Selbst den Humer überluUt wühl eiuiual
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eine Stimmung, wie sie solchen, die Vorzeit idealisirenden Dichtungen zu Qrunde liegt, wenn er mitten in der Schilderung des heroischen Lehens daran denkt, ^wie jetzt die Menschen
sind*^, und ..wie doch nur weni.Lrt' Sr»liiip den Vätern gleich sind au Tugend; scldininier die meisten. i:,inz wenige nur besser sind als der Vater" (Od. 2, 276t'.). Aber der epische Dichter hält sich in der Höhe der heroischen Vergangenheit und der dichterischen Phantasie gleichsam schwehend, nur flüchtig fUlt einmal sein Blick abwärts in die Niedeningen de« wirklichen Lebens. Der I)icht«'r der ..Werke und Tajje" l<*l)t mit mIIiii seinen ( iedanken in » licn diesen Niederuugeu der Wirklichkeit und der Gegenwart; der Blick, den er einmal aufwärts richtet auf die Gipfel gefabelter Vorzeit, ist der schmerzlichere.
Was er Ton dem Urzustände der Menschheit und dem Stut'engange der V'ei'schlimnierung zu erzählen weiss, giebt er 87 nicht als abstracte Darlegung dessen , was im nothAvendig«^! Verlauf der Dinge kommen niusste, sondern, wie er belbst es ohne Zweifel wahrzunehmen glaubte, als Ueberlieferung eines thatsächlich Gleschehenen, als Geschichte. Von geschichtlicher Ueberlieferung ist gleichwohl, wenn man von einzelnen un- sicheren Erinnerungen absieiit, nichts enthalten von «lein, was er von der Art un»l den Thaten der trüberen (reschlecht»'r sagt. Es bleibt ein Gedankenbild, was er uns giebt. Und eben darum hat die Entwicklung, wie er sie zeichnet, einen aus dem Ge- danken einer stufenweise absteigenden Verschlimmerung deut- lich bestimmten und danach geregelten Verlauf. Auf die stille Seligkeit des ersten Geschlechts, das keine Laster kennt und keine Tugend, folgt im zweiten (Geschlecht, nach langer Un- mündigkeit, üebenuuth und Vernachlässigung der Götter; im dritten, ehernen Geschlecht bricht active Untugend henror, mit Krieg und Mord; das letzte Geschlecht, in dessen Anfang sich der Dichter selbst zu stehen scheint, zeigt gänzliche Zer- rüttung aller sittlichen Bande. Das viei te ( Jeschlecht . dem die Heroen des thebanischeu und troiscben Krieges an- gehören, allein unter den übrigen nach keinem Metall benannt
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und geweiihet, steht fremd inmitten dieser Entwicklung; das Absteigen aum Schlimmen wird im Werten Geschlecht gehemmt, und doch geht es im fünften Greschlecht so weiter, als ob es
nirj^cnds unterbroc-lien wäre. Man sieht also niclit ein , zu welcheiu Zwecke es unterbrochen worden ist. £i*kenut mau aber (mit den meisten Auslegern) in der Erzählung vom vierten Geschlecht ein der Dichtung von den Weltaltem ursprunglich fremdes Stück, von Hesiod in diese Dichtung, die er ihrem wesentlichen Bestände nach älteren Diclitem entlehnen mochte, sj'lbständif< eingelegt, so iiinss man tVciliili fragen, was den Dichter zu einer solchen »St(irung und Zerstörung des klaren Verlaufs jener speculativen Dichtung bewegen konnte. Es würde nicht genügen, zu sagen, dass der Dichter, in homerischer 88 Poesie aufgenährt, es unmöglich fand, in einer Aufzählung der Ciesclilethter früherer Menschen die (J estalten der heroischen Diehtnng zu übergehen, die dnreli die Macht des Gesanges für die Phantasie der Griechen mehr Kealität angenommen hatten, als die Erscheinungen der derbsten Wirklichkeit; oder dass er einer finsteren Abbildung der heroischen Periode, wie sie in der Schilderung des ehernen Geschlechts von einem andtreu Stundpunkte, als dem des adelsfreundlichen Epos entworfen war, jenes verklärte Bild eben jener Periode an die Seite stellen wollte, wie es ihm vor der Seele schwebte. Bezieht sich wirk- lich die Schilderung des ehernen Zeitalters auf die Heroenzeit, gleichsam deren Kehrseite darstellend', so scheint -doch Hesiod (Ins niclit gemerkt zu haben. Er hat stärkere ( iriinde als die angeführten für ilie Einschiebung seiner Schilderung gehabt. Er kann nicht übersehen haben, dass er den folgerechten Gang der moralischen Entartung durch Einschiebung des heroischen Geschlechts unterbrach; wenn er diese Einschiebung doch für nothwendig oder zulässig hielt, so muss er mit seiner Erzählung
' Der (ifilaiike, tlus.s da.s eluTiu.' Zfitalter oigentlicli mit ilem heroi- schcn ideutiüch sei (so z. B. Steitz, Die W, und 1\ des Hesiod, p. 61;, fast etwM IVappirendes; man bemerkt aber bald, dass er sich bei ge- nauerer Betrachtung nicht festhalten und durchfahren lisst.
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noch emen anderen Zweck als die Darlegung der moralischen £ntartong Terfolgt haben, den er durch Einscbiebung dieses neaen Abschiuttes m fördern meinte. Diesen Zweck wird man
erkt'iiiuMi, wenn man zusielit, was cim iitlii Ii an dt in licroisrlicn Geschlechts* den Dicliter iutcressirt. f]s ist niilit seine, im Veriaufe der moralisdi immer tiefer absteigenden GescUlec-Iiter- folge nur störende höhere Moralitat: sonst wiirde er diese nicht mit zwei Worten, die eben nur zur äusserlichen Ein- füfnni^ dieses Berichtes in die momlische Gescliichtsentwickhnij; genUj^en, ah;;etlian lial)en. Es sind auch niclit (he Kiinipte und Tbaten um Theben und Troja, von deren Hen liclikeit er nichts sagt, während er gleich ankündigt, dass der schlimme Krieg und das grause GTetümmel die Helden Temichtete. Dies wiederum unterscheidet die Heroen nicht Ton den Menschens» des eliernen (lesddechts, die elx-ntalls (hin li ihre eigenen Hiiinh' bezwungen in den Hades eiugeheu niussten. Was das heroische Zeitalter vor den anderen auszeichnet, ist die Art, wie einige der Heroen, ohne zu sterben, aus dem Leben scheiden. Dies ist es, was den Dichter interessirt, und dies auch wird ihn hauptsäcldicli hewo^^en lial)en, (h*n Bericht von diesem vierten Geschlecht hier einzulegen. DeutJicii genug verbindet er mit dem Hauptzweck einer Darstellung des zunehmenden moralischen Verfalls der Menschheit die Nebenabsicht, zu berichten, was den Angehörigen der einander folgenden Geschlechter nach dem Tode geschehen sei; bei der Einlegung des heroischen Gesehleclits ist <liese Xeheiiahsicht zur Hauptahsiclit , ilire Ausführung zum rechtfertigenden (Jruude der sonst vielmehr störenden Einfügung geworden. Und eben um dieser Absicht willen ist für unsere gegenwärtige Betrachtung die Erzählung des Hesiod yrichtig.
Die Menschen des goldenen Geschlechts sind, nachdem sie wie Tom Schlafe bezwungen gestorben und in die Erde ge- legt sind, nach dem Willen des Zeus zu Dämonen geworden.
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und zwar zu Dämonen auf der Erde, zu Wächtern der Men- schen, die in Wolken gehüllt Uber die Erde wandeln, Recht und Unrecht beobachtend \ Reichthum spendend wie Könige.
Diese Menschen der ältesten Zeit sind also zu wirksamen, nic ht ins unenvichbarc .Inist'its ab^jesrhiedenen , soiKWni auf dvr Erde, in der Nähe der Menschen waltenden Wesen ^a'worden. Hesiod nennt sie in diesem erhöheten Zustande nl^ämonen**, er bezeichnet sie also mit dem Namen, der sonst bei ihm so 90 gut wie bei Homer die unsterblichen Götter bezeichnet. Der Name, so verwendet, soll an und für sich keineswegs eine be- sondere Gattung von Unsterblichen bezeichnen, etwa von Mittel- wesen zwischen Gott und Mensch, wie sie allerdings spätere Speculation mit dem Namen der ^ Dämonen^ zu benennen pflegt*. Jene Mittelwesen werden, ebenso wie die Götter, als AV^esen urspriin^dicli unsterbhcher Natur und als verweilend in einem Zwischenreich gedacht; diese hesiodischen Dämonen sind einst Menschen gewesen und zu unsichtbar' um die £rde schwebenden Unsterblichen erst nach ihrem Tode geworden. Wenn sie „Dämonen** genannt werden, so soll damit gewiss
' Es sdieint mir uicht unbedingt nothwendig, die \ene 124 f.
in^ al'/v) zu •itificlirn. .Sic wcnlfii wicdfrlidlt v. ^ätf., jihcr das ist eine paNseiitlo \\'i»'tlrrlMilun;r. Proclus (•(niiiin'ntii t sie niclit ; daniiis fnljrt inn-h niclit, tlass er >ii' iiit lit las; und J'liitaich dtf. ovtic 'iH ji. 4'il H scheint auf V. l2o iu »einem jjegcnwäiti^en Zusaninionlniui; au/.uspii'lcu.
* Solche Mittelwesen findet frletchwohl, mit haudgreifltchem Inilnim, in HeiiiodB Sotfioyt^ Flutarch, ärf. orae. 10 p. 415 er meint, Hesiod scheide vier Classen ttüv Xorftxinv, ^ol, 8«t{L0vt(, %«it(, £vdpiu«ot; in dieser platontsirenden Einthellung wärden vielmehr die 4^aitc das bedeuten, was Hesiod anter den J'z'.jtovs; dos ersten Geschledits versteht (Ans Phitarchs Hesiodcommentar wuhl wrutlich cTitnommen ist, wan Procliis. den Aus- fiUiniiifron jtMMT Stell»' des BucIjs de def. orac. sehr ähnlich, vorbrinjrt zu Hoiixl 121, I». KU (laisf.) Neuer«' hahen den Unterschied der he->ii»ilisclit'n Vii'iovrc von den jihitnjiisclicn oft verfehlt. Plato selbst biUt ileu I riterseliied s,.jir wohl fc^t {('rati/!. V.—.MH C).
• •'jEf'Oi issäjijvo: 125 ^vgl. 22.'i, 11. 14, 'JH2) ist ein naiver Ausdruck für „unsichtbar", wie Tzetces ganz richtig erklärt. So ist es auch hei Homer stets zu verstehen, wo von Umli&Ilen mit einer Wolke und dgl. geredet wird.
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nichts weiter ausgesagt werden, als eben dies, dass sie nun an dem unsichtbaren Walten und ewigen Leben der Götter Theil nehmen, insofern also selbst „Gtötter** genannt werden können,
Ro gilt wie etwa Ino Leukothea, die nach Homer aus einer Sterbliclien eine Göttin ijeworden ist, oder wie Pliactlidii, der nach der hesiodischen Theogonie von Aphrodite dem Rcidi der Sterblichen enthoben ist und nun „göttlicher Dämon'* heisst
(Theog. T. ^m. Zur deutlichen Unterscheidung indess von den i /
ewigen Göttern, welche die olympischen Wohnungen inne- haben", heissen diese imsterl)Iic li gewordenen ^lenschen „Dä- monen, die auf der Erde walten''*. Und wrnn sie auch mit dem ans Homer Jedermann geläuligen Namen „Dämonen'*, 91 d. i. Götter, genannt werden, so bilden sie doch eine Classe ▼on Wesen, die dem Homer gänzlich unbekannt ist Homer weiss Ton einzelnen Menschen, die, an Leib und Seele zugleich, zu unsterhHcheiü Le])en erlicihet oder entrückt sind, das s])ätere Epos aucli von solchen, die (wie Memnon, Achill), nach dem Tode neu belebt, nun weiterle})en in untrennbarer (iremeinschaft ▼on Leib und Seele. Dass die Seele, allein fUr sich, ausser- halb des Erebos ein bewusstes Leben weiterführen und auf die lebenden Menschen einwirken könne, daTon redet Homer nie. Eben dieses aber ist nacli der In^siodischen Dichtung geschehen. Die Menschen des goldenen Zeitalters sind gestorben und kd)en nun ausserhalb des Leibes weiter, unsichtbar, Göttern ähnlich, daher mit dem Göttemamen benannt; wie nach Homer die Gtötter selbst, mannichfache G^estalt annehmend, die Städte durchstreifen, der Menschen Frevel und Frömmigkeit beauf- sichtigend', ähnlich hier die 8eelen der Verstorbenen. Denn
' KiRj^&övtot heissen diese Dämouen zunächst im Gegensätze (uicht xa den 6iwxMvtoK v. 141, sondern) zu den iicoDpdvtot, wie Froolos zu 1S2 ricbtig bemerict. So ja i:cixO-6vtot bei Homer stets als Beiwort oder, alleinstdi^d, als Bezddmang der Mensdien im Gq^^att sii den Gotlenu Die 6fcex^vtot 141 bilden dann erst naohtriglich wieder dnen Gegensatz zu den tRixO^ov.ot.
' Odyss. 17, 48off. Alt sind daher die Sagen von Einkehr ein- zelner (TTitttT in mensrhlieben Wohnungen: vgl. meinen Grieek. Jtoman Ro b de, Psyche I. 3. Aufl. 7
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Seelen sind es ja, die hier, nach ihrer Trennung vom Leibe, zu „Dämonen** geworden sind, d. h. auf jeden Fall in ein höheres, mächtigeres Dasein eingetreten sind, als ne während ihrer Vereinigung mit dem Ijeibe hatten. Und dies ist eine Vorst(^lliing, die uns in den homerischen Gedichten nirgends entgegengetreten ist.
Nun ist es völlig undenkbar, dass diese merkwürdige Vor- stellung von dem höoüschen Dichter frei und für den Augen- bück erfunden wäre. Er kommt im weiteren Verlaufe seines G^edichtes noch einmal zurück auf denselben Glauben. Dreissig- tausend (d. h. unzalilige) unstiThliche Wächter der ster])li('hen saMensclien wandehi im Dienste des Zeus unsichtbar über die Erde, Recht und Frevel beachtend (W. u. T. 252ff.). Die Vorstellung ist ihm aus sittlichen Gründen wichtig; will er sich auf sie sttltzen, so darf er sie nicht selbst beliebig erdichtet haben; und in der That hat dieser emsthafte Poet nichts er- dichtet, was in (h'ii Bereich (h's Glaubens, des (^dtus, auch der niederen Superstition fällt. Die böotische Dichterschide, der er angehört, steht der erfindsamen Freiheit schweifender Phantasie, mit der die homerische Dichtung Lügen yor- znbringen weiss, so dass sie wie Wahrheit erscheinen** (Theog.27) fem, ja feindlich gegenüber. Wie sie nicht frei ergötzen, sondern in irgend einem Sinne stets l)ele]iren will, so erfindet sie seihst im Gebiete des rein Mythischen nichts, sondern sie ordnet und verbindet und registrirt auch nur, was sie als Ueberlieferung vorfindet Im Religiösen vollends liegt ihr alle Erfindung fem, wiewohl keineswegs selbständige Speculation Uber das Ueber- lieferte. Was also Hesiod von Menschen der Vorzeit erzählt, deren Seele nach dem Tode zu „Dämonen" geworden seien, ist ihm aus der Ueberlieferung zugekommen. Man könnte immer noch sagen: diese Vorstellung mag älter sein als Hesiod, sie kann aber darum dodt jünger als Homer und das Ergebniss nachhomerischer Speculation sein. Es ist nicht nöthig, die
p. 506 0'. lusbesundere Zeu« Philios koln-t gern bei Mensohen ein: l>iodor. com, *Ki(t«XY)po{, Mein« Com. fr. III p. 643 f. v. 7 ff.
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Gründe, die eine solche Annuhnie unluiltbar macUeUi zu entwickeln. Denn wir dürfen nach dem Verlauf unserer bis- herigen Befrachtung mit aller Bestimmtheit behaupten, dass in dem, was Hesiod hier berichtet, sich ein Stttck uralten, weit
über HdiiHTs (ifdichtr hinautVeiflH'iKlcii (jhiu))ens in dem welt- fernen l)öotisi hen Hauernlande erhalten hat. Wir haben ja aus Homers Gedichten selbst Kudimente des Seelencultes genug henrorgezogen, die uns anzunehmen zwangen, dass einst, in femer Vorzeit^ die Griechen, gleich den meisten anderen Völ- kern, an ein bewusstes, machtroll auf die Menschenwelt ein- wirkendes Weiterleben der vom Leibe getrennten Psyche ge- glaubt und aus diesem Glauben heraus den al>f<«'sthiedenen Seelen Verehnmg von mancherlei Art gewidmet haben. In Hesiods Bericht haben wir lediglich eine urkundliche Bestäti-se gong dessen, was aus Homers Gedichten mühsam zu erschliessen war. Hier begegnet uns noch lebendig der Glaube an die Er- hebung abgeschiedener Seelen zu hölierem Leben. Ks sind — und das ist genau zu beachten — die »Seelen längst dahin- geschiedener Geschlechter der Menschen, Ton denen dies ge- glaubt wird; schon lange also wird der Glaube an deren gott^ liebes Weiterleben bestehen, und noch besteht eine Verehrung dieser als mächtig Wirkenden gedachten. Denn wenn von den Seelen des zweiten Geschlechts gesagt wird: „Verehrung^ lolgt auch ihnen*" (v. 142), so liegt ja hierin ausgesprochen, dass den Dämonen des ersten, goldenen Geschlechts erst recht Verehrung zu Theü werde.
Die Menschen des silbernen Gkschlechts, wegen Unehr- erbietigkeit gegen die Olymjiier von Zeus in der Erde .^ge- borgen", werden nun genannt „unterirdische sterl)liche Selige, die zweiten im Kange, doch folgt auch ihnen Verehrung (v. 141.
* tt|i4) «al tofotv &in}M 142. im Sinne nicht einer einfadien
"WTerthscbätzunj^ , sondern als thätige Vorelinnig, wie bei Homor -so oft, z. B. in WenduugeQ wie: ttfi'r] xal %bioi irrr^ltl, P 251, ti}i.T,; änovt^voc cu Üf); tifiY^v Zt X»XoYX»8'.v IzoL O-iolr.v ). HOt-, t/it Ttji-fjV X 496 u« ft. W. £beQito ja v. 138: ouvsxa ti(ta( o(>x titdouv |xaxoipt30i dtol;.
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142). Der Dichter weiBS also Tm Seelen Verstorbener einer ebenfulls län^jst entscliwuiidenen Zeit, die im Inneni der Enle hausen, verehrt und also ohne Zweifel ebenfalls als mächtig fje- dacht werden. Die Art ihrer Einwirkung auf die Oberwelt hat der Dichter nicht genauer bezeichnet Zwar nennt er die Güster dieses zweiten Geschlechts nicht ausdrücklich „trefflich**, wie die des ersten (v. \22), er leitet sie ja auch her aus dem weniger vollkommenen silbernen Zeitalter und scheint ihnen einen geringeren Bang anzuweisen. Daraus fnl^t noch nicht, dass er, viel späterer Speculation vorgreifend, sich die Geister des zweiten G^chlechits als eine Classe böser und ihrer ^atnr nach Schlimmes wirkender Dämonen gedacht habe'. Nur zu 94 den olympischen (iötteni scheinen sie in einem loseren Verhält- niss, wenn nicht einer Art von Gegensatz zu stehen. Wie sie einst den Göttern keine fromme Verehrung bezeugten, so heissen sie jetzt nicht, gleich den Seelen des ersten G^chlechts, Dämonen, nach Zeus' Willen zu Wächtern der Menschen be- stellt. Der Dichter nennt sie mit einer autt'allenden Kezeieli- nuug: „st<^rl)liche Selige", d. h. sterhliclie (lötter. Diese ganz singulare Benennung, deren zwei Bestandtheile eigentlich ein- ander gegenseitig aufheben, lässt eine gewisse Verlegenheit er- kennen, diese dem Homer nicht bekannte Classe der Wesen mit einem dem homerischen Sprach vorrath, auf den sich der Dichter angewiesen sah, entlehnten Ausdruck treffend luid deut- lich zu bezeichnen^. Die «Seelengeister aus dem ersten Ge-
' Licht*' uikI finstere, d. i. ^rute und bi'ise lUinionen Hntlet in dou liolodiselien I'äiiioiK ii aus «lern «.'■nlclciien uiul silhenien (ie^ieliiechte unter- schieden K<»th, Myth. i\ d. WeltaUern (1860> S. 16. 17. Eine »olche Scheidung tritt aber hei Henod. nicht hervcv, anoh ist es ktmn glaublich, dasB Götter und Geeister des alten griechisdien Volksg^tiheiis, anf wdoha die Kategorien gut und böse überhaupt nicht recht anwendbar sind, m naiver Zeit nach eben diesen Kategorien in dassen getheilt worden seien. Jedenfalls fauden frriechische Leser bei Hosiod nichts dogleichen ans- gesprochen: die Annahme böser Dämonen wird stets nur ans Philosophen erlmrtet (/.. B. bei Plut. def. orac. 17). und. sie ist auch gewiss nicht alter als die älteste philo^ftphisehe Reflexion.
' V. 141: toi |Acv üitox^vioi (tici^d>övtoi austter einigen Hss. —
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schlecht hfttte er kurzweg «Dämonen*^ genannt. <