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Der arme Heinrich.

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Der arme Heinrich

von Gerhart Hauptmann Eine deutſche Sage

Mit Buchſchmuck

von

Heinrich Vogeler

11. Vierzehntes bis dreiund⸗ 25 zwanzigſtes Tauſend

S. Fiſcher, Verlag Berlin 1902

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Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuffript gedruckt. Auffuͤhrungs⸗ und uͤberſetzungsrecht vorbehalten.

Copyright 1902 by S. Fiſcher, Verlag, Berlin.

Dem Andenken meines Bruders Georg Hauptmann gewidmet

Heinrich von Aue Hartmann von der Aue Pachter Gottfried

Brigitte

Ottegebe

Pater Benedikt

Ottacker

Ritter und Schloßbedienſtete

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Erſter Akt

Das Hausgärthen des Meiers Gottfried. Der Giebel des Wohnhauſes mit Eingangsthuͤr und den hinanfuͤhrenden Stufen links. Davon nicht weit eine alte Ulme, darunter ein Steintiſch mit einer Naſenbank. Unter der Ulme fort uͤberſieht der Blick weite, gruͤne Hochflaͤchen. Vorne abgeerntete Felder und am Horizont bewaldete Hügelungen. Gruppen von Tannen hie und da vereinzelt.

Erſte Scene.

Der Meier Gottfried kehrt mit einem Beſen das Laub von dem Steintiſch.

Ottacker, ein gewappneter Knecht, etwa vierzig Jahre alt, fertig aufs

Pferd zu ſteigen, kommt, ſorgfaͤltig bemuͤht mit Sporen und Harniſch

nicht laut zu werden, durch den Garten geſchlichen; er ſtutzt, wie er

Gottfried gewahrt, und ſein ſchwarzbaͤrtiges, bleiches Geſicht wechſelt die Farbe in Betretenheit.

SIERT Gottfried. KEN elobt fei Jeſus Chriſt! RE

Ottacker.

In Ewigkeit.

Gottfried. Wo wollt Ihr hin in dieſer fruͤhen Stunde?

Ottacker.

Ei, beizen, reiten, pirſchen, was weiß ich

Gottfried. Wird Euch der Herr nicht miſſen?

EN N ER Ottacker

kraut ſich verlegen:

Schwerlich! ja vielleicht! ein Auftrag, Meiſter. Denkt doch an ... Das heißt, ſo Gott will und ſich alles wendet, und auch wohl, wenn es ſich ganz ſchlimm erweiſt, kehr' ich zuruͤck doch..

Gottfried. Ich verſteh' Euch nicht: iſt irgend von den Euren wem daheim ein Ungluͤck zugeſtoßen?

Ottacker. Pſt. Gewiß! Still! ja doch! ich muß fort die Mutter auch die Schweſter heikle Dinge! Ihr verſteht. Sonſt, ſeht Ihr, will ich mit dem Satan fechten! und lebten die noch, die ich uͤberrannt im Heidenlande, koͤnnten ſie's beſtaͤtigen.

Gottfried. Was iſt Euch? ſeid Ihr krank?

Ottacker. Nein! Gott behuͤte uns vor den ſchlimmen Suͤchten, boͤſen Fluͤſſen und aller Suͤndenſchuld und Peſtilenz.

5

Noch bin ich ſtandfeſt, heil und rein im Blut, und heil und ſtandfeſt hoff' ich auch zu bleiben. Die Welt iſt ſchlimm und voller Teufel, doch: Chriſt iſt mein Hort. Mit manches Tuͤrken Blut kauft' ich mir Ablaß manches Plunderſtuͤck ſchenkt' ich den Pfaffen, und ein Span vom Kreuz aus dem gelobten Land feit meine Bruſt: allein mich ſchauert's, ich muß fort, mir traͤumte ein Ding von uͤbler Vorbedeutung und was ſterblich iſt, das wehrt ſich ſeiner Haut! Ottacker ab.

Gottfried, Ottacker nachblickend: Bei Gott, er zerrt den Schecken aus dem Stall klirrt in den Sattel und ſpornſtreichs davon!

Fweite Scene. Aus dem Hauſe kommen Brigitte und hinter ihr Ottegebe. Brigitte iſt eine ehrwuͤrdige, nicht ſehr baͤuriſch ausſehende Matrone Ottegebe ein bleichſuͤchtiges Kind an der Grenze der Jungfraͤulichkeit, ihre Augen ſind groß und dunkel, ihr Haar aſchblond, mit rotgoldnen und gelbgoldnen Glanzfaͤden untermengt. Mutter und Tochter tragen Linnenzeug und Tiſchgeraͤt.

Brigitte. Wo deck' ich unſerm gnaͤdigen Herrn den Tiſch? Gottfried! He, Gottfried...

n

Gottfried,

aus der Verbluͤffung erwachend: Was denn? Riefſt du mich?

Brigitte. Ja freilich, denn mein Warmbier iſt bereit, der Fiſch geſotten und der Rahm geſchlagen. Wo, meinſt du, deck' ich unſerm Herrn den Tiſch?

Gottfried, auf den Steintiſch weiſend: Komm nur. Dies iſt von alten Zeiten her ſein Platz. Gelt, Kind, hier ſaß er immer gern?

Ottegebe

nickt eifrig: Ja, Vater! Friſchen Honig, Vater, noch ...! Du ſagteſt doch, du wollteſt welchen zeideln!?

Gottfried, befremdet: Wer band dir denn die Schleife ſo ins Haar? Ottegebe Die Schleife? Gottfried

Ja, die rote Schleife, Kind!

SR:

Ottegebe, purpurrot, verlegen: Wo denn?

Gottfried, ungeduldig: In deinem Haar

Ottegebe bleibt ſprachlos.

Brigitte.

Sagt' ich dir's nicht, der Vater ſchilt dich aus, wenn er dich ſieht!? Ottegebe wird wieder blaß, kaͤmpft mit dem Weinen, reißt die Schleife

aus dem Haar, ſchleudert ſie zu Boden und laͤuft fort.

Dritte Scene.

Brigitte. Es war zu Ehren unſeres gnaͤdigen Herrn. Nun ſchaͤmt ſie ſich.

Gottfried. Acht' auf das Kind, Brigitte, daß es zudringlich nicht den Herrn erzuͤrnt. Er iſt kein Knabe mehr, wie dazumal vor Jahren, als ſie noch am Bande ging, und er nach Knabenweiſ' ſich mit ihr neckte.

1

Brigitte. Mir ſcheint, er iſt nicht froͤhlichen Gemuͤts.

Gottfried. Ich weiß es nicht. Wer geſtern Morgen ihn ſah, unter den Reitern, auf der Jaͤgersmatte, als er lachenden Auges unſern Hof im Moos mit ſeinem Schwertknauf ihnen zeigte und froͤhlich gruͤßend dann von ihnen ſchied, der mochte freilich bei ſich ſelber denken, wie dieſen edelſtolzen jungen Mann des Kummers Schatten niemals doch geſtreift. Heut ſah ich einen Mann, den ich nicht kannte.

Brigitte. Mich wundert's, daß er itzt um dieſe Zeit weil es doch hieß, er werde Hochzeit halten! zu uns kommt, in das weltentlegene Moos.

Gottfried. Die Großen haben ſonderbare Launen. Was geht's uns an!

Brigitte.

Gewiß! Allein der Knecht hat unter dem Geſinde geſtern Nacht, nachdem er ſich am Sauſer uͤbernommen, mit dunklen Worten wunderlich geſcherzt

a 7

und vom mofaifchen Geſetz geſprochen, wonach man kranke Haͤuſermauern waͤſcht, um ſie von Gift und Ausſatz heil zu machen.

Gottfried. Wer ſagt das? Brigitte. Ottegebe, unſer Kind. Gottfried.

Hoͤre, Brigitte, ſchließe deine Ohren

vor allem uͤblen Leumund. Unſer Herr

ſteht hoch in Glanz und Gunſt, iſt kaiſerlich und alſo bei Sankt Petri Schluͤſſelhalter

nicht wohl beliebt —: die Bettelmoͤnche treiben Luͤgen ins Volk und keine iſt ſo plump,

daß ſie nicht in der Menge Glaͤubige faͤnde.

Brigitte.

Mir ſcheint, er kommt den Erlenweg herauf.

Gottfried. Er iſt's. Brigitte. Er geht gebeugt, nicht ſtrack, wie ſonſt.

Gottfried. Wenn du ſo gaffſt, das wird den Herrn verdrießen!

ANAND WI

Brigitte.

Sieh wie er ſtarrt gebannt ins Morgenrot.

Gottfried. Er iſt's ich gehe nun, und du, Brigitte, bitt' ihn zu Tiſch, gezogentlich, doch kurz, hernach nimm Urlaub und entferne dich.

Brigitte. Sei ohne Sorgen, Alter.

Vierte Scene.

Heinrich von Aue kommt langſam und nachdenklich; ſeine Er⸗

ſcheinung iſt ſchlank und ritterlich ... freies Gelock, roͤtlicher, wohl⸗

gepflegter Spitzbart ... große, blaue, unruhige Augen ſtehen in. ſeinem ein wenig fahlen Geſicht.

Brigitte. Gruͤß Euch Gott!

Heinrich

blickt auf, ſcheint fie erſt jetzt zu bemerken und ſagt haſtig und leichthin:

Gott gruͤß' dich, Mutter!

Brigitte. Das iſt Euer Tiſch; ſo wenig und ſo viel ſteht juſt darauf, als ein entlegener Meierhof kann bieten.

3

Heinrich. Mich duͤnkt, ich hoͤrte geſtern Abend noch Maultiere klingeln in den Hof, Brigitte.

Brigitte.

Heinrich. Nicht? Etwa gegen Mitternacht? Brigitte ſchuͤttelt den Kopf Heinrich. 's iſt ſchade, mich verlangt nach meinen Buͤchern. Brigitte. Habt Ihr noch irgend einen Wunſch?

Heinrich. Brigitte.

Ich meine einen, den ich kann erfuͤllen.

Heinrich. Den du erfuͤllen kannſt, Brigitte? nein! vielleicht wir wollen ſehn jetzt nicht vielleicht. Schon gut, ich danke dir.

Brigitte. Bekomm's Euch wohl. Ab.

Nein, Herr.

Ja viele!

e Fuͤnfte Scene. Heinrich,

allein, legt ſeine flache Hand an den Ulmenſtamm, blickt hinauf und ſagt fuͤr ſich mit verhaltener Bewegung:

Noch ganz in Blaͤttern ſteht die Ulme und

gleich wie aus Erz erhebt ſie regungslos

ſich in des klaren Morgens kalte Luft:

des nahen Froſtes ſcharfer Silberhauch,

vielleicht ſchon morgen, macht ſie nackt und bloß —:

ſie regt ſich nicht! Ringsum iſt gottergeben,

worauf das Auge faͤllt, nur nicht der Menſch,

nur ich nicht Friede! kehre her zu mir!

Du biſt mir nah: auf ſtillen Wieſenflaͤchen

ruhſt du ... du weh'ſt vom dunklen Vließ der Tannen

der alten Schwarzwaldtannen meiner Kindheit!

mir um mein Haupt. Ja, zwiſchen dieſen Bergen

in meiner Heimat biſt auch du daheim:

ſo werde mir ein Bruder und ein Freund.

Sechſte Scene. Gottfried

tritt in die Hausthuͤr: Gott gruͤß' Euch, Herr!

Heinrich.

Hab' guten Morgen, Alter.

e

Gottfried. Ich habe einen beſſeren nicht geſehn Zeit meines Lebens, Herr, als dieſer iſt: erblick' ich doch beim erſten Schritt ins Freie den liebſten Gaſt und meinen edlen Herrn; doch Ihr beſchaͤmt uns und vor allem mich! ich bin ein Siebenſchlaͤfer, gegen Euch gehalten, und dazu ein ſchlechter Wirt.

Heinrich

beginnt die Mahlzeit:

Freund, ſorge nicht um mich. Einſt ſchlief ich wohl im wildeſten Getuͤmmel eines Lagers, an manches Fuͤrſten Hof, wo Tag und Nacht der Thore Flügel in den Angeln knarrten ... beim Roſſeſtampfen, beim Geſchrei der Knechte: lag wie ein Klotz und ſchlief. Hier iſt es ſtill, doch in der Stille wird mein Inneres laut, und waͤhrend draußen uͤber Moor und Wieſen der Mond ſein totes Licht ergießt und etwa am Feldrain eine Grille mit ihm wacht, giebt's ein Getoͤſe hier in meinem Haupt von Reigentaͤnzen, ritterlichen Spielen, Schlachtrufen, fremden Sprachen, Flüfterftimmen, die ich nicht kann beſchwichtigen.

Gottfried. Ihr habt nicht gut geruht die Nacht?

BEN

Heinrich. Schlaf iſt ein Obdach. Wehe dem Obdachloſen! Meinſt du nicht?

Gottfried. Heinrich.

Im Ernſt: Gewohnheit peitſcht ſeit vielen Jahren mich vom Lager auf, meiſt vor der Sonne, oft ſchon Mitternachts. Und wenn ihr dies erfahrt, ſo bitt' ich euch, laßt mich gewaͤhren, es befremd' euch nicht.

Ja, gnaͤdiger Herr.

Gottfried Herr, Euer iſt das Haus, darin wir wohnen, und Euer auch der Grund, auf dem es ſteht wie moͤgt Ihr ſagen: laſſet mich gewaͤhren? Nur weckt uns, wenn's zu wachen Euch beliebt ...

Heinrich. Schlaft, ſchlummert friedlich! die ihr Ruhe euch durch arme, ſchwere Tagesmuͤh'n verdient: was frommt mir euer Wachen? Habe Dank! Dankbar erkenn' ich wieder, was ich laͤngſt gekannt in dir als Knabe ſchon dein Herz! Doch nicht dein Herz zu ſtehlen komm' ich her, noch auszurauben ſeinen goldenen Hort:

ae eh

nur bittend, Alter, daß du mir nicht wehrſt, an deinem Herd mit mir allein zu ſein.

Gottfried, nach einigem Stillſchweigen: Wollt Ihr mir Urlaub geben?

Heinrich.

Setze dich! Falſch deuteſt du, was ich dir ſagte: komm! Es thut mir wohl, dein weißes Haupt zu ſehn, und deine liebe, vaͤterliche Stimme nach ſo viel Jahren wiederum zu hoͤren. Laß dich's nicht kuͤmmern, wenn ich fremd dir ſcheine auf dieſem kargen Grunde, den du bau'ſt, ich bin verwaͤlſcht und ſeltſam freilich, doch, ſo hoff' ich, wird noch eine deutſche Hand wenn deine Hand ſie druͤckt den Druck erwidern.

Gottfried

will knieend mit beiden Händen die nicht dargebotene Rechte Heinrichs

erfaſſen, dieſer zieht ſie heftig zuruͤck. Ihr, Herr, verwaͤlſcht? Verhuͤt's der ſuͤße Chriſt! Wenn Ihr nicht deutſcher Sitte Meiſter ſeid und deutſcher Rittertugend Spiegelglas, wo ſollt' ich Mildigkeit und hohen Mut, Treu' ohne Wank in deutſchen Landen ſuchen? Euch nenn' ich deutſch, wie dieſe Tanne, rein aus deutſchem Blut entſprungen, rein bewahrt.

2

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Des Vogts von Rome blaue Augenſterne funkeln nicht heller, und der Waiſe ſtuͤnde ob Eures Scheitels Flachsgeſpinſte wohl

ſo ſtolz, als uͤber ſeinem!

Heinrich, verfinſtert: Hm, mag ſein! Auch bleibt der Demant freilich, wie du ſagſt, ein Demant, traͤgt ein armer Lazarus die Spange auch ums Haupt, darin er brennt. Schnell ablenkend:

Doch nun dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt! Genug davon! Sitz' und erzaͤhle mir von anderen Dingen. Was der Haushahn ſchwatzt mit ſeinen Hennen zwiſchen Stall und Scheuer, duͤnkt meinen Ohren jetzt ein beſſrer Schmaus, als ſelbſt des Vogelweiders Koͤnigsweiſe. Wie viele Pferde haſt du? Wieviel Kuͤhe? Lohnt dir der Acker Schweiß und Muͤhe, wie? Wie war die Ernte, Obſt und Korn und Wein? Das iſt die Zeitung, ſieh, wonach mich duͤrſtet. Von Tuͤrk und Chriſt, von Ghibellin und Guelf und von dem Vogt von Rome ſprich mir nicht.

Gottfried. Herr, ungezogenlich iſt meine Weiſe, ich merk' es wohl. Doch wenn ſie Euch verdrießt,

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erwäget doch in Gnaden, bitt' ich Euch, ob ich im Zirkel meines Tagewerks hoͤfiſcher Sitte mich befleißen kann.

Heinrich. Das oberſte Gelaͤnde hoch am Berge, wo Ackerland und Wald zuſammenſtoßen: iſt's nicht ein Wickenfeld?

Gottfried. Ja, gnaͤdiger Herr!

Heinrich. Als wir am Abend geſtern, nah dabei ich und mein Roͤßlein ſorgſam abwaͤrts ſtiegen, hört’ ich im Chor von leiſen Kinderſtimmen ein Ave Maria ſingen, und zugleich ſah ich, nicht weit von mir, am Rand des Steigs, im Steinwall flackern eine kleine Brunſt. Ich ließ mein Roͤßlein ſtehn und pirſchte mich behutſam naͤher; ſo gewahrt' ich dann Maͤgdlein und Knaben, die ums Feuer ſchafften, juſt ſchien mir's wie ein Spuk und Schattenſpiel. Da ſagt' ich: kleine Hexlein, gruͤß' euch Gott! Was braut und backt und kocht ihr hier im Dunklen? Doch kaum geſagt hui! ſtob der Schwarm davon Einzig ein Maͤgdlein blieb am Feuer ſtehn, aufrecht und zoͤgernd, ſchwieg und ſah mich an. Haſt du geſungen, fragt' ich? Doch ſie ſchwieg.

Gottfried. Vergebt's dem Kinde, lieber, gnaͤdiger Herr, denn Ottegebe war es, meine Tochter, ein ſeltſamliches Ding, das ihrer Mutter und mir ſchlafloſe Naͤchte ſchon gemacht.

Heinrich.

Ein ſeltſamliches Ding! da haft du recht! ...

Gottfried. Und Herr, Ihr kanntet ſie, nahmt ſie zu Euch aufs Roß, ſo manchesmal, in alter Zeit. Denn war ſie ſcheuer auch ſchon dazumal, wie eine Wachtel, die im Kornfeld niſtet: Ihr locktet ſie hervor, Euch ward ſie kirr.

Heinrich. Ja, damals! damals! wohl erinnr' ich mich Wenn ich von froͤhlicher Pirſch in Klamm und Kluft heimkehrte abends, muͤd', doch frohgemut, da faßt' ich oft zuerſt das Kind ins Auge und gruͤßt' es luſtig, als mein klein Gemahl. Ja, damals, damals! wie das Herz mir ſchwoll, und tolle Muͤcken mir im Haupte tanzten, ich weiß, ich weiß! Nun ſieh, ich bin ſo weit entruͤckt aus jener goldenen Fruͤhezeit, daß Ottegebe mir, mein klein Gemahl, nun ich ſie wieder ſah, ſo fremd erſchien,

RE

als hätte nie Diana, meine Hündin,

ihr ungeſtuͤm Geſicht und Hand geleckt,

als haͤtt' ich uͤbers Haar ihr nie geſtreichelt, noch ihr zur Kurzweil manche Jaͤgerweiſe geblaſen auf dem Hoͤrnlein, das ich trug, wie ich doch oftmals that.

Sechſte Scene. Ottegebe

bringt Honigwaben in einem Schuͤſſelchen. Gottfried.

Dort kommt ſie, Herr.

Heinrich.

Was bringſt du mir? Ottegebe,

atemlos:

Ganz friſchen Honig, Herr. Heinrich. Sieh doch nur an, du ſprichſt und biſt nicht ſtumm! Das iſt mir lieb, und wo ich dies nun weiß, mein Kind, ſo mußt du dort auf jene Bank dich ſetzen und mir Red' und Antwort ſtehn. Bedenkſt du dich? Haſt du denn Furcht vor mir? O! ich bin zahm! fo zahm ... du glaubſt es kaum, wie zahm ich bin! Wohlan, wie geht's dir?

Ottegebe windet ſich in Schüchternheit:

Heinrich.

Gut

Wie? Immer gut?

Ottegebe, faſt vergehend vor Schuͤchternheit: Ja, Herr.

Heinrich.

Dir geht es gut und Kaiſer Friedrich mit der goldenen Krone kennt Drangſal nur und Kampf und ewige Not! Da biſt du reicher ja, als er, mein Kind, von mir ganz zu geſchweigen. Wird dir nun auch nie hier oben Zeit und Weile lang?

Ottegebe ſchuͤttelt verneinend den Kopf.

Heinrich.

Was thuſt du, dir die Grillen zu vertreiben?

Ottegebe, ohne zu antworten, windet ſich in ſehr großer Verlegenheit, ſchließlich ſagt ſie: Ich bete.

——

Heinrich. Beten iſt ein gutes Ding! Zu welcher Heiligen beteſt du am liebſten?

Ottegebe,

wie oben: Die Jungfrau hat mich ſchon geheilt einmal.

Heinrich. So?! Hat fie dich geheilt! Mir ſchlug fie Wunden! Sie kann auch Wunden ſchlagen, glaube mir.

Ottegebe Nein, Herr. Heinrich. Wie? Nicht? Was meinſt du? Meinſt du

nicht? Willſt du mich unterweiſen und belehren, ſo unterweiſe und belehre mich.

Ottegebe

ſchuͤttelt heftig verneinend den Kopf.

Gottfried. Habt Nachſicht mit ihr. Denket, gnaͤdiger Herr, fie iſt vom Siechbett unlaͤngſt erſt erſtanden ...

Heinrich.

Warum verbirgt ſie ihre rechte Hand?

Gottfried. Wie, Herr? Heinrich.

Warum verſteckſt du ſie?

Gottfried. Zeig' her! Ottegebe. Nein, Vater! Gottfried. Ei, du Jungfer Eigenſinn, der Herr befiehlt! So weiſe deine Rechte.

Brigitte,

hinter der Scene:

Ottegebe. Die Mutter ruft! a Sie will fort.

Brigitte, hinter der Scene: Gottfried! Gottfried. Heinrich.

Gottfried ab.

Gottfried!

Verzeiht. Hab' Urlaub.

a ae Siebente Scene,

Heinrich. Sag' mir nun in Eile noch: kennſt du mich denn?

Ottegebe

nickt uͤbertrieben.

Heinrich. Wer bin ich?

Ottegebe. N

Unſer Herr. Heinrich.

Die Otter hat ihr Loch, ſein Neſt der Vogel, die Fuͤchſe haben Gruben, doch der Mann, den du fuͤr einen Herren laͤſſeſt gelten, iſt ohne Zuflucht ſieh', ihn brennt die Erde, wohin er auch die Sohlen immer ſetzt, wie Feuer der Hoͤlle. Warum lachſt du?

Ottegebe,

die in ein kurzes, krankhaft freudiges Lachen ausgebrochen war, be⸗ zwingt ſich und blickt nun wieder bleich, ſcheu und mit furchtſamen

Augen: Ich?

Heinrich. Wie heiß' ich?

.

Ottegebe, bebend:

Heinrich. Heinrich.

Heinrich gut wie noch?

Ottegebe, bebend: Du heißeſt Heinrich Graf von Aue, Herr.

Heinrich. Gott weiß es ja ſo heiß' ich. Und ſeit wann kennſt du mich Kind?

Ottegebe, bebend: Seit wann?

Heinrich. Ottegebe,

bebend: Seit ... ſeit zwei Jahren.

Heinrich. Seit zwei Jahren? wie? Mir ſcheint, da irrſt du! denn zum letzten Mal, auf Ritterwort, war ich in dieſem Hauſe vor gut neun Jahren ſeit der Zeit nicht mehr.

Wie lange ſchon?

3

Ottegebe, in hoͤchſter Verlegenheit: Ich war noch klein!

Heinrich. Ach ſo du warſt noch klein!

Dann nimmſt du's mit der Zahl der Jahre wohl nicht ſo genau. Vor zween Jahren Kind lag dieſer arme Gaſt, den du hier ſiehſt am magren Ranft hausbacknen Brotes zehren, in Marmorhallen, wo die Brunnen klangen, wo goldene Fiſche in den Becken floſſen, und wenn er ſchweifen ließ den trunknen Blick, ſo war's dorthin, woher der Weihrauch quoll, war's in die Zaubergaͤrten Azzahras. O, liebes Kind, von ſolchen Paradieſen haſt du wohl nie getraͤumt! wo ſuͤß und ſchwer Pracht auf uns laſtet, Wonne uns bedruͤckt ... der Bambus zittert am verſchwiegenen Platz, von Cedern uͤberdacht und uͤberdunkelt, die Azaleenbuͤſche breiten ſich, wie bluͤhende Kiſſen. Blaues Bluͤtenblut ſcheint dir das Meer, das Marmorſtufen leckt und Gondeln ſchaukelt, die von Edelſteinen und Gold und Purpur blitzen Und du hoͤrſt Geſang. Die Sklavin ſingt: ſchwermuͤtiges Bluͤh'n

ADB

auch hier! fie neigt ſich zum Cypreſſenborn

und ſchoͤpft in Silbereimern . fremde Worte, in heißer Flut der Seele aufgeloͤſt,

umwehen dich. Du trinkſt fie in dich ein

mit allen Duͤften, die der ſanfte Weſt

dir zutraͤgt, immer liebreich dich bedraͤngend. Doch dies beiſeite! jetzund bin ich hier,

bin zu Palermo, zu Granada nicht

und bitte dich, mir weiter zu erzaͤhlen,

was du nach einer gar ſo langen Friſt,

die dich ſo kurz beduͤnkt, noch von mir weißt.

Ottegebe, beſtuͤrzt: Nichts, Herr! ſonſt nichts!

Heinrich.

Das glaub' ich nimmermehr ſonſt nichts, als nichts? Wie wenig waͤre das! zu wenig faſt fuͤr deine klugen Augen. Jetzt aber frag' ich aufs Gewiſſen dich, klein Ottegeb! Sankt Ottegebe du, mit deinem Heiligenſchein aus Flachs und Seide: wie nannt' ich dich in jener fruͤhen Zeit? Wie? ſprich, wie nannt' ich dich? nun? Dazumal, wo du mir anhingſt, traun, mehr als der Mutter, wie pflegt' ich dich zu nennen? Sag' es mir!

Ottegebe

ſteht in hoͤchſter Verlegenheit von ihm abgekehrt, windet ſich, kaut

an Schuͤrze oder Tuch und bricht mehrmals in Lachen aus, das ſie

aber ſogleich erſchrocken und aͤngſtlich unterdruͤckt. Dabei knickt fie

ein und bringt erſt nach erneuten Ermunterungen muͤhſam, ſtockend und leiſe, hervor:

Mein klein Gemahl —!

Heinrich.

So recht! Mein klein Gemahll Bald wird ein wackrer Landmann nun dich nennen im Ernſt, wie ich im Scherz dich damals nannte.

Ottegebe

erſchrickt, wird totenblaß und läuft davon,

Heinrich. Wo willſt du hin? Ottegebe ſteht ſtill, zittert: Mir ſchien's, der Vater rief.

Heinrich. Bleib' nur und ſetze dich. Es waͤre denn, daß ich mir irgend deine Gunſt verſcherzte. Wie? that ich das vielleicht? Es waͤr' mir leid.

TE Achte Scene.

Ottegebe ab, Gottfried kommt wieder.

Gottfried, ſeufzend:

Es iſt nicht klug zu werden aus dem Kinde! Denkt, was ſie eben wieder hat vollbracht: die Mutter trifft ſie, wie ſie Waben ſchneidet und ſelbſt den Imker macht am Bienenſtock. Zerſtochen ſind ihr Arme, Bruſt und Haͤnde. Und dieſen tollen Streich hat ſie veruͤbt, weil ich vergaß fuͤr Euren Tiſch zu raͤumen, womit ſie mir ſchon anlag heute Nacht.

Heinrich,

zugleich erſtaunt, verdutzt und beluſtigt: Wie? Um ein wenig Suͤßigkeit fuͤr mich laͤßt ſie den Leib von Immen ſich zerſtechen? Er lacht laut heraus. So geh' denn, Gottfried, ruf' mir meinen Knecht! Ottacker ſoll aus meiner Satteltaſche das Kettlein greifen mit dem guͤldnen Mond, ich will es meinem klein Gemahl verehren. Im Ernſt! Was ſtehſt du noch?

Gottfried, zoͤgernd: Der Knecht iſt fort.

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Heinrich.

Was? wer iſt fort?

Gottfried. Ottacker, Euer Knappe.

Heinrich.

Was heißt das, fort? Wer hat ihn fortgeſchickt?

Gottfried. Ich meinte, Herr, daß Ihr das wuͤrdet wiſſen.

Heinrich,

nachdem er ſich geſammelt, tief heraus: Ich ſollt' es wiſſen, doch ich wußt' es nicht. Er ſteht auf und geht langſam und bleich, eine ſtarke Erregung

beſchwichtigend, auf und nieder.

Geduld! und hab' auch du Geduld mit mir! Hoͤr' zu! Warum ich wiederkehrte, Gottfried, in euer gruͤnes, tannenduftiges Grab, du mußt's erfahren einſtmals, noch nicht heut. Um Gotteswillen nimm mich auf indes, als waͤr' ich Heinrich von der Aue nicht vielmehr ein Pilgrim, der um Obdach fleht, um Obdach und um Frieden.

Gottfried. Gnaͤdiger Herr..

.

Heinrich. Kaͤm' ich als Herr, ſo waͤr' ich nicht gekommen Verlaͤßt den Herrn ein ſtets getreuer Knecht . . .? Ich kann ihn nicht erwuͤrgen drob, noch ſchelten! Nein: was du mir gewaͤhrſt, muß Gnade ſein. Nicht Guͤlt und Zehnten komm' ich zu erpreſſen: Almoſen heiſch' ich, Gottfried, freie Gaben, Barmherzigkeit!

Gottfried.

Mein Ohr betruͤgt mich, Herr!

Der reiche Heinrich von der Aue bittet mich ſchlechten Bauersmann und armen Diener um Gnaden, Gaben und Barmherzigkeit?

Heinrich. Der reiche Heinrich von der Aue iſt ein armer Heinrich von der Aue worden: dies, Gottfried, ſei fuͤrs erſte dir genug. Es kommen Tage, Stunden Stunden Tage ach, lange Tage wohl und lange Stunden! da werd' ich dir aus gleichem Tone harfen endlos! ein Lied: es wird dir zum Verdruß und ach! zum uͤberdruſſe Antwort geben auf alles, was dein Blick und Wort mich fragt. Ich bleibe bei euch Wochen! Monde! Jahre! Und geh' ich von euch einſt ... doch davon ſtill. Nichts iſt ſo dunkel, einſt wird's offenbar.

5

Beſcheide dich. Geduld! Friedloſes Herz muß raſtlos Frieden ſuchen. Gieb mir das, was auf der Stirne, biederer Mann, dir liegt! Beſchenke mich aus deinem Friedensſchatz: denn danach duͤrſtet meine Seele mehr, als nach den Schaͤtzen weiland Saladins.

Er geht langſam ab.

Gottfried

hat tief betroffen dem Davongehenden nachgeſchaut. Brigitte kommt.

Brigitte. Der Herr ging eben fort?

Gottfried. Verſtehſt du das?

Brigitte. Nein, Gottfried, ihn nicht und auch nicht das Kind! Sie liegt, weint, ſchwoͤrt: ſie muͤſſe ihn erloͤſen.

Gottfried.

Von was?

Brigitte. Sie ſpricht: fragt Pater Benedikt!

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Zweiter Akt

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Der Kuͤchenraum im Haufe des Meiers Gottfried. Großer, eingerußter Herd mit NRauchfang in der Mitte. Blanke Kuͤchengeraͤtſchaften aus Metall und Thon an den Wänden, auch mehrere Nuͤſtungsſtuͤcke und Schwerter. Ein Herrgottswinkel mit Kruzifir ꝛc. Langer, roher Leutetiſch mit Baͤnken. Nechts unweit des Herdes ein alter Lederſtuhl, davor ein Hirſchfell. uͤber dem Herd und an der Linkswand Hirſchgeweihe, ein Auerochſengehoͤrn, auch Arm⸗ bruͤſte. Winterszeit.

8 SION N

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en Scene.

Brigitte, die Armel aufgeſtreift, fuͤllt dem Bruder Benedikt das dargebotene Saͤckchen mit Brot, Kaͤſe zc. Der Bruder Benedikt iſt noch nicht fuͤnfzig Jahre alt; ſein energiſches, verwittertes Geſicht iſt ehrwürdig, von ſchlohweißem Haar umrahmt; er traͤgt eine arg

zerſchliſſene Kutte.

an Benedikt. Sch weiß nicht! Fragt mich nicht. Sein N, Vater war * IR ein echter Templer. Als mein Vater ftarb, reich und geehrt, obgleich ein Bauer nur,

mahnt' er zuletzt noch mich: ſei treu dem Herrn. Nicht nur dem Herrn im Himmel, wollt' er ſagen, ſondern dem lieben irdiſchen, der ihm

die Habe mehren half durch manches Jahr, Wein mit ihm trank und hinter ſeinem Sarge hernach barhaͤuptig als ein Pilgrim ſchritt.

Brigitte.

Sagt mir nur eins: ob er im Bann iſt.

Benedikt. Nein,

nichts, nichts will ich Euch ſagen, denn auch Ihr habt Urſach' .. . Grund und Urſach' habt auch Ihr

zur Dankbarkeit. Ihr wißt nichts! Seht, wir leben nicht in der Welt hier oben. Niemand fragt nach uns: ſo laßt uns taub in Treuen ſein.

Brigitte. Wann ſoll ich Euch das Kind wohl wieder ſchicken?

Benedikt. In Gottes Namen! und ſo oft Ihr wollt. Kommt ſie, wird meine dumpfe Klauſe helle, mein enges Waldkapellchen weit und groß, der Heiland atmet und Maria lacht, und ich, von meiner Suͤnden uͤberlaſt ſonſt faſt erdruͤckt, kann mich vom Boden heben und Gott, entſuͤhnt, ins guͤtige Antlitz ſehn.

Brigitte, kopfſchuͤttelnd: Ach, Pater, wahrlich: gerne hoͤr' ich das! Allein ich weiß nicht ... kann mir nicht erflären, was Ihr da ſagt. Verwandelt iſt das Kind: ein ſeltſam fremder Geiſt haͤlt ſie gefangen auch hier, daheim bei uns, in letzter Zeit doch nicht der fromme Geiſt, von dem Ihr redet.

Benedikt. Dies mag wohl ſein. Hat erſt des Rufers Stimme aus unſrem Suͤndenſchlaf uns aufgeweckt, bleibt auch der Fuͤrſt der Finſternis nicht muͤßig,

glaubt mir: und fo bedrängt er auch das Kind. Doch ſie iſt wach, nicht mehr vom Schlaf befangen! Darum gebt ihr den Lauf zum Heiligtume,

den Weg zu Schutz und Gnade, hoͤrt Ihr, frei und kreuzt ihn nicht. Es iſt mit einem Mal, als zoͤgen dieſes ungeberdige Kind

zahlloſe, unſichtbare Engelshaͤnde

zum Altar: und wenn ſie dann ſo verzuͤckt ruht, im Geheimnis ihrer tiefſten Seele

eins mit dem Hoͤchſten, wie ich fuͤhle, dann erkenn' ich, daß ſich hier ein Wunder wirkt von jenen, die ins wahre Leben leiten.

Brigitte. Walt's Gott! Walt's Gott! Amen. So ſoll es ſein. Waͤr' ſie nur auch bei uns hier mehr die Heilige! Hier iſt ſie unhold oft und arg verſtoͤrt im Geiſt, daß ich mit Bangen manchmal denke, ob Gott mich ſtrafen will in dieſem Kind? Ach, Pater! Reue kann ich nimmer finden ... kann, weil ich ſie ſo liebe, nichts bereuen: Verſtockung iſt Suͤnde. Mag mich Gott beſtrafen: mich, mich mag er beſtrafen! Nicht das Kind.

Benedikt,

ein wenig aus der Faſſung. Wohl! Wir ſind Suͤnder! Suͤndhaft ſind wir und verderbt von Mutterleib. Allein Gott fuͤhrt

ER N LINDEN

wenn er nur will zu feiner Ehre alles

herrlich hinaus und fei es noch fo ſehr

in Schwachheit gezeuget und in Suͤnden empfangen: und dieſes Kindes reiner Sinn und Mund

ſoll vor dem Throne des barmherzigen Gottes

uns kein Anklaͤger, nur ein Mittler ſein. Beide ab.

Zweite Scene.

Ottegebe tritt ein, blaß und ſtill. Tannenreiſer, die fie mitgebracht,

legt ſie auf den Tiſch; einige kleinere Zweige trennt ſie davon ab,

begiebt ſich ans Kruzifir, kuͤßt die Fuͤße des Holzbildes und ſchmuͤckt

es mit Nadelgruͤn. Nun tritt Brigitte wieder ein, gewahrt und

betrachtet Ottegebe, horcht, als draußen voruͤbergehend ein Laͤrm entſteht, und ſagt:

Brigitte. Was kreiſchen unſere Maͤgde auf der Tenne?

Ottegebe, nachdenklich, leiſe, mit innerer Bewegung: Ein armer Siecher bettelt auf dem Hof.

Brigitte. Wer bettelt? Rede deutlich! Hoͤrſt du nicht?

Ottegebe. Ja, Mutter. Einer von den Gottesleuten. Man hoͤrt den knoͤchernen Ton einer Klapper.

d

Brigitte. Iſt das nicht ſeine Klapper, was man hoͤrt? Jagt ihn! Daß nicht Herr Heinrich ihm begegne.

Ottegebe. Warum denn, Mutter? Brigitte. Was? Was meinſt du? Ottegebe. Nichts. Weshalb ſoll unſer Herr ihm nicht begegnen? Brigitte. Deshalb und darum. Schweig' und frage nicht. Ottegebe. Herr Heinrich, Mutter, ſchreibt in ſeiner Kammer Stille.

Der Pater meint: wo nicht die Menſchen ſich auflehnten gegen Gott, nicht ſeine Gnade und Liebe von ſich ſtießen wenn ſie nicht durch Ungehorſam und durch Laͤſterung

des Allerbarmers Guͤte bitterlich

verhoͤhnten, waͤre auch dies Übel nicht

uͤber die Welt verhaͤngt.

ee e

Brigitte ſchafft wacker mit Schuͤſſeln und Toͤpfen, richtet dabei pruͤfende Blicke verſtohlen auf Ottegebe. Die Zeiten ſind ſchlimm. Treu und Glauben ſind verſchwunden. Ja, da hat er recht.

Ottegebe.

Die ganze Chriſtenheit, ſagt er, ſei von des Teufels Gift zerfreſſen, Mutter: das wolle Gott im Bilde uns weiſen. Und jedes Miſelſuͤchtigen Leib, Mutter, ſagt er, iſt ſolch ein Spiegelbild.

Brigitte. Mag ſein. Ottegebe.

Und manchmal weint der Pater, geißelt den Ruͤcken ſich und ſpricht: ihm ſei zu Mute, als habe Gott von der verſtockten Welt ſich zornig und auf immer abgewandt.

Brigitte bekreuzt ſich: Gelobt ſei Jeſus Chriſtus unſer Heiland. Stille.

BE N: ya

Ottegebe,

unruhiger: Der Pater ſagt: der juͤngſte Tag ſei nahe die Stunde des Gerichts ſei vor der Thuͤr. Iſt dir nicht bange, Mutter?

Brigitte. Furcht und Bangen iſt hier auf Erden unſer aller Teil.

Ottegebe. Die Brunnen des Abgrunds ſpeien Glut und Rauch, erſtickende Duͤnſte, Krieg und Peſtilenz, ſagt Pater Benedikt. Wuͤrgengel ſchreiten durch aller Menſchen Staͤdte. Es entgeht kein Sünder, ſagt er, ihrem Racheſchwert.

Brigitte. Kommt die Vergeltung, kommt ſie fruͤh genug: was hilft's, ſich heute ſchon deshalb beaͤngſtigen! Stille.

Ottegebe. Der ſchwarze Tod verfchont auch Fuͤrſten nicht.

Brigitte.

Nein.

e

Ottegebe. Keines Schloſſes Turm und Mauer ſchuͤtzt vor Ausſatz.

Brigitte. Nein.

Ottegebe.

Es war einmal ein Graf, Mutter! Der tanzte mit des Kaiſers Tochter im Saal. Sie war ſchon heimlich ſeine Braut! Da rief des Kaiſers Leibarzt ihn ganz leiſe bei Namen und hieß den Juͤngling mit ihm gehn: ſelbander ſtiegen ſie in ein Gezimmer. Dort ſprach der Arzt ... ſprach: Zeig' mir deine Hand! Und als der Herr und Fuͤrſt die Hand ihm zeigte, wies ihm der Meiſter ein vertieftes Mal in ſeiner weißen Haut und ſagte das: Herr, deine ſchwerſte Stunde iſt gekommen, ſei ſtandhaft! Du biſt unrein.

Brigitte. Was fuͤr Maͤrchen erzaͤhlſt du? Traͤumſt du?

Ottegebe.

Nein! Schalmeien und Flöten hört er da nicht mehr ..

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Brigitte, heftig: Kind, Kind, faſele nicht! Ein langes Kuͤchenmeſſer ſchiebt Brigitte unverſehens vom Tiſch,

auf dem fie hantiert. Ottegebe erſchrickt fo ſehr, daß fie zuſammen⸗ faͤhrt, unterdruͤckt aufſchreit und zittert.

Was iſt? Was haſt du?

Ottegebe Nichts . .. nichts, Mutter.

Brigitte. Gieb! Heb' auf das Meſſer.

Ottegebe beugt ſich, thut froſtgeſchuͤttelt und zaͤhneklappernd, wie ihr geheißen worden iſt, und legt, tief aufſeufzend, das Meſſer wieder auf den Tiſch.

Brigitte. Biſt du unpaß, Kind?

Ottegebe ſchuͤttelt, wie abweſend, den Kopf. Mutter, glaubſt du ...? Hat Iſaak gewußt, damals, als ihn ſein Vater ſchlachten wollte, was Abraham mit ihm im Sinne trug?

Brigitte. Nein. Doch was ſoll dies alles? Warum wuͤhlt dein Geiſt in ſolchen graͤßlichen Geſchichten? Danke dem Schöpfer, daß er heute nicht, wie eh'mals, blutige Opfer von uns fordert.

Ottegebe. Jeſus!? Gab Gott nicht ſelber ſeinen Sohn, zur Suͤhne, an das Kreuz fuͤr unſere Suͤnden und ließ ihn ſeinen Weg nach Golgatha ſehenden Auges thun?

Mutter: wem Gott die Kraft giebt, bis ans Ende auszudulden die bitteren Schmerzen fuͤr des Naͤchſten Heil, der, ſagt der Pater, iſt vor Tauſenden erwaͤhlet und begluͤckt. Und Kraft des Bluts, unſchuldig und freiwillig hingegeben, iſt wie ein lauterer Brunn des ewigen Heils und ſchon auf Erden hier fo wunderkraͤftig, daß ſelbſt ausſaͤtzige Haut, damit beſprengt, rein wird und fleckenlos.

Brigitte. Kann ſein, mag ſein!

Ottegebe.

Mutter, weißt du, was unſere Knechte ſagen?

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Brigitte. Nein. Ottegebe. Wenn es redlich ginge in der Welt, ſo muͤßt' er laͤngſt mit Stang’ und Klapper betteln ...

Brigitte. Wer? Ottegebe. . . . wie im Hof der Sieche, und im Feld der Ausgeſtoßenen ſeine Huͤtte bau'n.

Brigitte. Der Aberwitz treibt wunderliche Bluͤten! Kind, geh' und ſorge fuͤr das Veſperbrot. Der Herr iſt krank, doch einzig im Gemuͤt. Und laͤg' auf ihm der grauſenvolle Schnee der Miſelſucht, wer koͤnnte dann ihn retten? Kein Arzt, kein Prieſter und kein Opferblut.

Ottegebe, faſt weinend vor Erregung: Doch, Mutter! Und in Welſchland, in Salerne lebt fo ein Meiſter, der mit Blute heilt ...

Brigitte. Wer ſagt das?

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Ottegebe. Ottacker! Das ſchwur er mir, und Bruder Benedikt hat mir's beſtaͤtigt.

Brigitte. Gut. Alſo mag es ſein. Und nun genug und weiter nichts ... nein, garnichts will ich hören! und du wirſt ſchweigſam an die Arbeit gehn. Niemand iſt krank, kein Opfer thut uns not. Was auch der tolle, ausgelaufene Knecht, leichtglaͤubiger Kindskopf, dir ſonſt aufgebunden: bald wird der Herr geſund von hinnen ziehn.

Ottegebe,

plotzlich in verzweifeltes Weinen ausbrechend: Ach, Mutter! Mutter! Wenn er uns verlaͤßt ...

Brigitte. Herr Heinrich? Geb' es Gott! Was weinſt du da? Meinſt du, in unſerer Bretterhuͤtte ſei ... in unſerm Entenpfuhl und Kuͤchengarten fuͤr einen koͤniglichen Mann, gleich ihm, der rechte Tummelplatz? ...

Ottegebe, ſchluchzend: Ich will .. . ich will, ich will ins Kloſter gehn! Denkſt du, ich koͤnnte,

1

RO.

wenn's etwa euch geftele, einem Bauern mich zu verloben

Brigitte.

I, kommt Zeit, kommt Rat! Was Gott will, wird geſchehen, und ſolche Hoffart ſchlaͤgt er wohl auch noch mit den Jahren nieder. Ich aber ſage dir: wenn je dereinſt ein Burſch kommt, dich vom Vater zu begehren, ein braver Sohn aus ſchlichtem Bauernblut, ſo ſollſt du Gott dafuͤr im Staube danken.

Dritte Scene.

Der Meier Gottfried fuͤhrt Hartmann von der Aue herein.

Dieſer iſt ein ſchlichter Edelmann, einige Jahre älter als Heinrich,

mit ſchon ergrautem Bart. Er traͤgt einen leichten Harniſch, Helm, Schwert, Sporen und einen langen Pelzmantel uͤberm Arm.

Gottfried. Herr Ritter, tretet ein! Waͤrmt Euch, Herr Ritter! Hier brennt ein luſtig Feuer, das ſich lohnt, und Waͤrme thut Euch not. Zu Brigitte: Wo iſt der Herr?

Mutter, dies iſt Herr Hartmann von der Aue, 4

Herrn Heinrichs Dienſtmann und getreuer Freund. Ein wackrer Ritt hierher vom Schloß zu Aue bei ſolcher Jahreszeit! Setzt Euch.

Hartmann. Habt Dank!

Die Luft geht ſcharf und kam aus Mitternacht

mir leider Gotts entgegen, doch mein Falbe

hat wacker ſich gehalten durch die Berge,

und ſtunden wir auch manchmal im Gewoͤlk

und fanden, dicht umhuͤllt von Schnees Wirbeln,

Wegzeichen nicht, noch Spur, wir drangen durch

und ſchrittweiſ' ſtetig vorwaͤrts. Auf dem Klepper

ſinnierend haͤngen in der Winterſtille

und langſam aufwaͤrts dringen ins Gebirg

durch Wettertannicht, hoch verſchneit und dick

beſchwert und uͤberglaſt die Aſte, wo

es je zuweilen ſproͤde klirrt und klingelt

und ſonſt kein Laut ſich ruͤhrt, iſt meine Luſt. Freundlich gegen Ottegebe:

Und ſind die kleinen Voͤglein auch verſtummt:

es zwitſchert unterm Roſſeshuf der Schnee

bei jedem Tritt, ſo daß ich lauſch' und ſpitze

und horch' und mich verſinn' und faſt verliere,

wie Petrus Forſchegrund, als ihm das Voͤglein

des Paradieſes ſang und tauſend Jahre

gleich einer fluͤchtigen Stunde ihm verrannen.

A N Brigitte. Nehmt Platz, Herr Ritter!

Hartmann. Dieſe junge Magd

Brigitte.

Unſere einzige, Herr.

iſt Eure Tochter?

Hartmann. Und hab' ich recht? Herrn Heinrichs klein Gemahl.

Brigitte. In alten Zeiten, wo ſie noch vielmehr ein Kind, als heute, war, Herr Ritter, und der gnaͤdige Herr ein Knabe, aufgelegt zu Scherz und Kurzweil, hat er wohl zuweilen ſie luſtigerweiſe ſo genannt.

Gottfried. Ei, Mutter, er thut es immer noch. Und geſtern erſt, hier am Kamin, als Ottegebe ihm den Schemel unter ſeine Fuͤße ſchob, hoͤrt' ich ihn ſprechen: Dank' dir, Ottegebe, mein klein Gemahl. Hab' ich nicht recht?

Ottegebe. Ja, Vater. 4*

a N

Hartmann. Gewißlich habt Ihr recht! Und du, mein Kind, laß dieſen Ehrennamen dir nicht rauben: er kommt dir zu. Nicht uͤbermuͤtiger Weiſe, wie Ihr es, gute Frau, zu glauben ſcheint, nennt unſer Herr das Maͤgdlein ſein Gemahl, vielmehr hoͤchſt ernſthaft, hier, in dieſen Briefen, wo er voll hohen Lobes fuͤr ſie iſt und ihre wackre Pflege treulich ruͤhmt.

Ottegebe

Hält die Hand der Mutter und druͤckt fie in übergroßer Verlegenheit und Beftürzung fo ſtark, daß Brigitte faſt aufſchreit.

Brigitte. Kind!!! was denn!!? ſeh' doch einer an! Sie druͤckt die Hand mir lahm.

Ottegebe

lacht, hebt den Arm vor die Augen und läuft davon, ab.

Gottfried.

Nun ja, das muß ich ſagen, ſie hat ein ſchlichtes Lob ſich wohl verdient. Springende Launen waren ſonſt ihr Teil ...

Brigitte. Gieß Waſſer in den Wein, ich bitt' dich, Gottfried! Du weißt, wie jach es ihr zu Kopfe ſteigt.

Brigitte ab.

Vierte Scene.

Hartmann. Vor allen Dingen ſagt: wie geht es ihm?

Gottfried

betrachtet Hartmann, ſeufzt und ſagt: Wie es ihm geht? Ja, Herr, da fragt Ihr viel! und ſchwerer, als Ihr meint, iſt Antwort geben. Im Grunde weiß ich nicht: er ſcheint mitunter ſo friſch, wie irgend je in guten Tagen, dann wieder kommt mir's vor, als ſei er krank, viel kraͤnker, als wir meinen. Manchmal denk' ich, 's iſt ein geheimer Gram, der an ihm frißt, wo Ihr vielleicht die Auskunft geben koͤnntet. Auf einmal wieder, wenn ſein Blick mich etwa mit kranker Glut von ungefaͤhr getroffen, ſo ſchnuͤrt ſich mir Kehle und Bruſt zuſammen, und eine Stimme hier inwendig will mich glauben machen, daß Gott dieſen Mann mit ſeinen ſchlimmſten Strafen heimgeſucht.

N EN

Hartmann. Ihr wißt, daß unſer Herr mich her berief?

Gottfried. Nein, Herr!

Hartmann.

Nun, unſer Herr berief mich her. Und hat er ſonſt Euch nichts eroͤffnet, Gottfried?

Gottfried.

Nein! Nichts, Herr Hartmann. Seht, Ihr muͤßt bedenken: einſiedleriſcher, als ein Moͤnch im Kloſter

von ſtrengſter Obſervanz lebt unſer Herr.

Zwei Worte, wenn ſie ihm die Mahlzeit bringt,

zu Ottegebe ſind das einzige oft,

was er des Tages ſpricht. Er lieſt in Buͤchern, wacht viel des Nachts und ſchlaͤft dafuͤr am Tage. Und treff' ich ihn auf ſeinen Streifereien

von ungefaͤhr, am Feldrain oder ſonſt,

und zieh' den Hut, ſo dankt er nur von ferne

auf meinen Gruß und weicht gefliſſentlich

mir aus. So ging es waͤhrend ganzer Wochen, daß weder ich ihn ſprach, noch auch Brigitte,

nur einzig Ottegebe: und auch ſie

ſcheucht oft ein barſches Wort von ihm zuruͤck.

Hartmann. Es ſcheint nun, im Vertrauen ſag' ich's Euch... ich wenigſtens entnehm' es ſeinen Briefen: die Tage ſind gezaͤhlt, die unſer Herr noch unter Eurem Dach verweilen wird.

Gottfried. Ich merkt' es wohl, daß was im Werke ſtund, wir alle fuͤhlten's. Und noch geſtern Abend hier auf dem Lehnſtuhl ſaß der liebe Herr ſprach er ſo ſeltſam ploͤtzlich und ſo truͤb, nach langem Fremdfein wieder ſo vertraulich, daß uns die Thraͤnen nahe waren, juſt, als waͤr's ein Abſchied. Und ſo ſoll ſich's wirklich erfuͤllen, was wir dunkel vorgeahnt. In welchem ſeiner Schloͤſſer wird er wohnen?

Hartmann. Wohin er ſich will wenden, weiß ich nicht. Doch daß er ruͤckkehrt in die Welt zuvoͤrderſt, ſich ſeinem Lehne zeigt im Schloß zu Aue, thut not denn ein Verſchollner iſt er faſt. Man fragt, man munkelt, und ſein Vetter Conrad fuͤhrt laute Reden, reckt den Kopf gewaltig, flirrt mit den Sporen unterm Thor zu Aue und thut, als ſtuͤnde Heinrichs Name laͤngſt im Kreuzgang, neben Grave Wilhelms Gruft.

.

Gottfried. Herr, wir verlieren viel, wenn er nun geht und, glaubt es mir, er geht. Seht, unfer Dafein... ein ewiges Einerlei im engſten Kreis; getrennt von aller Welt, in dieſes Waldthal hineingezwaͤngt, das durch Herrn Heinrichs Guͤte uns niemand ſtreitig macht, leben wir immer den gleichen Tag, hoͤren die gleichen Stimmen, und wenn die Seele, eingeſperrt im Gruͤnen, nach einem Menſchen ruft, ſo ſchallt als Antwort das Echo aus den Nadelwaͤldern wieder. Seltſam und dennoch wahr iſt, was ich ſage: der kranke Mann und oft ſo truͤbe Gaſt erfuͤllt mir das Gemach mit Feſtesglanz, ſo lang' er bei uns weilt. Und nun von fern winkt gaͤhnend das Geſpenſt des Alltags wieder im ſpinnwebgrauen, ſchleppenden Gewand. Mit allen Sorgen, Muͤh'n und Kuͤmmerniſſen war's eine hohe Zeit fuͤr unſer Thal, die nun zu Ende geht.

Hartmann. Wem ſagt Ihr das? Mir? Seinem Freunde, ſeinem Zeltgenoſſen? der uͤbers Meer ihm folgte und durch Jahre von ſeiner Seite nicht gewichen iſt? Ihr habt ihn nie geſehn in ſeinem Glanz,

BEN

beftrahlt von Friedrichs kaiſerlicher Gunſt,

den ſuͤßen, ſtolzen Mann! Als ſich die Frauen in ſeines blauen Auges lachenden Blitz,

faſt toll vor Liebe, draͤngten, Herzoginnen

um ſeine Pfaͤnder: Handſchuh, Borte, Tuch ſich ſo erzuͤrnten, daß drei Liebeshoͤfe

ſie wiederum zu einen nicht vermochten.

Er glich dem Stern ob Friedrichs Haupte, klar und goͤttlich es umlichtend, und wir alle genoſſen von dem Glanze ſeiner Gaben.

Faſt drehte ſich im kaiſerlichen Lager

um Heinrich, Heinrichs Worte, Heinrichs Liede, um Heinrichs Jaͤger, Arzt, Roß, Hund und Federſpiel mehr das Geſpraͤch, als um die Majeſtaͤt

des Kaiſers ſelbſt, die nie zur Tafel ging, Heinrich von Aue ſchritt ihr denn zur Seite.

Gottfried, ſchon vorher unruhig Ich hör? ihn kommen.

Fuͤnfte Scene. Heinrich

iſt ſchnell und überraſchend eingetreten. Er iſt vernachlaͤſſigt, verftört, blaß.

Hartmann, der ſich geſetzt hatte, ſpringt erſchrocken und von Heinrichs Aus⸗ ſehen betroffen auf die Fuͤße. Liebſter, gnaͤdiger Herr! Heinrich macht eine unwillkürlich abweiſende Geſte und verzieht das Geſicht,

wie wenn ihm das laute Weſen Hartmanns phyſiſchen Schmerz verurſacht haͤtte. Dann ſagt er mit erzwungener Kaͤlte leichthin:

Biſt du fchon hier?

Hartmann. Ja, Herr!

Heinrich.

Das wußt' ich nicht.

Hartmann, feine Erſchuͤtterung ſchlecht verhehlend: Mein gnaͤdiger, lieber Herr, wie geht es Euch?

Heinrich, kurz: Ich dank' dir! Gottfried, wo iſt Ottegebe? Gottfried. Ich will ſie ſuchen gehn. Heinrich.

Ja, thue das. Gottfried ab.

0 Sechſte Scene. Heinrich

nimmt auf dem Lehnſtuhl Platz, wendet den Blick halb zurück, ſtreift den mit ſeiner Bewegung ringenden Hartmann und ſagt, mit einer belegten, von langem Schweigen gleichſam verroſteten Stimme, erzwungen ruhig: Was ſtehſt du, Freund? Nimm Platz! Wie lebſt du, Hartmann? Was haſt du, Freund?

Hartmann. Ach, liebſter, gnaͤdiger Herr ..

Heinrich,

mit einer hohlen, tiefen, leiſen und bebenden Stimme, die in gewalt⸗

ſam beherrſchter Erregung zuweilen ausſetzt: Ja liebſter, gnaͤdiger Herr? was ſoll mir das?! Meinſt du, ich habe dazu dich berufen, daß du die Haͤnde in einander ringeſt und liebſter, gnaͤdiger Herr mich nenneſt? Wie? Komm, wenn du eine Stunde uͤbrig haſt für mich, da! ruͤck' den Schemel dir ans Feuer, daß wir, wie Maͤnner, mit einander reden.

Hartmann ruckt den Schemel heran und laͤßt ſich, bevor er nieder⸗ figt, auf ein Knie herab, um Heinrichs Hand zu kuͤſſen.

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Heinrich, die Hand heftig zuruͤckziehend: Laß! Dies ſind Narrenspoſſen. Setze dich.

Hartmann ſteht auf, wendet ſich halb ab, ſich verſtohlen die Augen tupfend.

Heinrich.

So biſt du doch gekommen, guter Freund, da mich doch andere ſchon ſeit Monden flohen. Biſt du nicht bange? Fuͤrchteſt du dich nicht? ?

Übergleitet Hartmann mit einem ſchnellen Blick: Was haſt du wohl gedacht, als ich dir ſchrieb, mein wackrer Hartmann? Waͤhnteſt du vielleicht, du ſollteſt neue Lied' von mir empfangen und etwa meiner Sehnſucht Bote ſein zu einer reinen Frauen? Nein, mein Freund! Fuͤrwahr, ich litt von Minne oftmals Not! Nun aber nicht mehr. Dieſe Not ertrank in einer andern, ja, was irgend mich vordem bedraͤngt an Noͤten, was an Schmerzen mich feindlich heimgeſucht, ertrank in ihr, daß ich an das ertrunkene Weh muß denken, wie an verlorenen Reichtum. Doch genug! Es geht mir leidlich wohl! Was ſagen nun die guten Vettern draußen in der Welt? die liebe Magſchaft? daß ich ſchon ſeit Monden im tiefen Schwarzwald meine Tage lebe,

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verſteckt, gleich wie der Dachs in ſeinem Bau. Was ſagen ſie? Was meinen ſie dazu? In welchem Lichte ſehen ſie's?

Hartmann.

Herr Heinrich, wenn's irgend ſein kann, ſo erſpart es mir, erſpart es Euch, Geruͤchte mancherlei, teils gut teils boͤs geartet, aufzuzaͤhlen, die ſich erzeugen mußten, wie die Welt nun einmal iſt, ſeit Ihr ſo unvermutet den Ruͤcken ihr gekehrt.

Heinrich. Sie ſagen wohl: weil ich im Bann ſei, als des Kaiſers Freund, ſo waͤre Gottes Fluch auf mich gefallen?

Hartmann.

Heinrich.

Sprich du nur dreiſt heraus! Die Luͤge reicht zur Wahrheit nicht hinan mit allen ihren giftgetraͤnkten Pfeilen, drum darf ich ihrer ſpotten, glaub' es mir! Doch du verſtehſt mich nicht!

Ottegebe tritt ein. Wenn einer ſagt:

Heinrich, der Herr, er trug ſich wie ein Tuͤrk,

Erlaßt es mir!

e

der ſeidene Turban ſaß auf ſeinem Haupt, Araberblut war ſein milchweißer Hengſt,

und klingelnd unterm Zeichen des Propheten, umhuͤpft von guͤldnen Monden, ſchritt das Tier: ihm hat dafuͤr der Gott der Chriſtenheit

das Zeichen von Aleppo angeheftet:

ſieh', wer ſo ſpraͤche loͤge nicht genug.

Hartmann. Was iſt das Zeichen von Aleppo, Herr?

Heinrich. Nichts! Nichts! Es ſteht in Buͤchern, lies es nach! Genug davon. Zu Ottegebe: Tritt naͤher, Ottegebe. Begieb dich eilends, Kind, in mein Gemach. Auf meinem Tiſche find'ſt du Pergamente, von mir beſchrieben und mit meinen Siegeln, die bringe mir. Ottegebe. Ja, Herr. Ottegebe ab.

Heinrich. Sieh'! dieſes Kind iſt mir ein unerkauft freiwilliger Sklave, und all mein niedres Ingeſinde, alle

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Verſchnittenen, die ich hielt, mein ganzer Troß von Dienern konnte mehr nicht thun fuͤr mich, als ſie allein. Und wenn ich hundert Wuͤnſche, ja, ihrer tauſend haͤtte jeden Tag:

für ihren Eifer iſt's ein Spiel, er würde

doch immer ungeſaͤttigt zu mir flehen

mit einem huͤndiſchen Bettlerblick der Treue. Nun alſo, was entbehre ich? Daß mein Bart ein wenig wild ins Kraut ſchießt, wie man ſagt, daß ich nach Ambra nicht und Moſchus dufte, wie an des Kaiſers Pfalz nun, um ſo beſſer iſt mein Geruch vor Gott vielleicht geworden,

der, wie es ſcheint, Arabiens Wohlgeruͤche

nicht liebt. Und aͤhn' ich ſo dem Tiere mehr wohlan! ſo haͤut' ich mich vielleicht einmal,

und es entpuppt, wie's ja zuweilen ſchon geſchehen iſt, ſich aus dem Tier der Heilige.

Hartmann.

Mein Herr und Freund! mein lieber, guͤtiger Herr! laßt Euch erbitten und erklaͤrt Euch frei.

Ich bitt' Euch! wenn ein unbekannter Gram heimlicher Weiſe Euch am Herzen frißt,

macht doch ein Ende, gnaͤdiger, beſter Herr,

mit Heimlichkeiten, daß ich mich mit Euch

kann wappnen wider den geheimen Feind.

Was traf Euch ſo? Was iſt Euch ...

.

Heinrich, mit ablehnender und beſchwichtigender Geſte, muͤhſam: Nichts, mein Freund. Nichts traf mich. Sage mir: war nicht Gehaſes ein Diener des Eliſa?

Hartmann. Gnaͤdiger Herr

Heinrich.

Weißt du, aus was fuͤr Urſach' ich ſo frage?

Hartmann. Nein, Herr, ich bin zu wenig ſchriftgelehrt.

Heinrich. Nun bis Mariae Lichtmeß wirſt du's wiſſen. Stille. Hab' nur Geduld mit mir, du tapferer Mann! Ein Beichtiger braucht Geduld. Laß dir's genuͤgen zu wiſſen, daß ich eine Wallfahrt thue, eilenden Schritts, dem Mekkapilger gleich. und frage nicht, nach welchem Ziel.

Hartmann. Herr Heinrich, Ihr ſprecht nicht, wie der Freund zum Freunde ſoll. Mir aber liegt es ob, in Euch zu dringen,

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nicht abzulaffen und in keinem Weg

und nimmermehr zu ruhn, bis daß ich weiß, was Euch am beiten Marke heimlich zehrt. Was traf Euch fo? was iſt geſchehn? was ſtieß aus Eurer Bahn Euch alſo jaͤh? Ihr ſtundet doch herrlich da im triumphierenden Licht

der Freude. Euer Fuß beruͤhrte kaum

das Erdreich, wo Ihr ſchrittet, und es hielt

ein Engel, ſchien es, uͤber Euch den Schild

in Tjoſt und Schlacht, bei allem, was Ihr thatet. Von einer Fahrt, zu Gottes Ehr' gethan, kommt Ihr, bedeckt mit Ehren ſelber, heim. Euch flog der Ruhm voraus. Statt nun zu ernten, was Eure frohe Thatenkraft geſaͤet,

laßt Ihr den goldnen Halm im Felde faulen. War nicht des Kaiſers Hand Euch aufgethan in Gnaden? dankbar uͤberwallend nicht

ſein Herz? Hat ſeine Mildigkeit Euch nicht den ſchoͤnſten Lohn erleſen allbereits:

ein ſtaufiſch Fuͤrſtenkind? Nun ſagt mir doch: warum, in Gottesnamen, fluͤchtet Ihr

in dieſe Odenei vor Eurem Gluͤck

und laßt dahinten, was nie wiederkehrt?

Heinrich wendet ſich um und ſieht ihn lange, groß und weh an. Als er mit Sprechen beginnen will, iſt ihm die Stimme verroſtet, er muß huſten und aufs neue anſetzen: 5

Das Leben iſt zerbrechliches Geraͤte,

mein Freund, ſagt der Koran, und ſieh, das iſt's.

Und dies hab' ich erkannt! Ich mag nicht wohnen

in eines ausgeblaſenen Eies Schale.

Und willſt du Ruͤhmens viel vom Menſchen machen?

wohl gar ihn Ebenbild der Gottheit nennen?

Ritz' ihn mit eines Schneiders Scher'! er blutet.

Stich eines Schuſters Pfriem' ihm haarestief

hier in den Puls, da oder da, auch dort,

auch hier, auch hier und unaufhaltſam ſtroͤmt,

nicht anders, wie das Bruͤnnlein aus dem Rohr:

dein Stolz, dein Gluͤck, dein adliges Gemuͤt,

dein goͤttlich Waͤhnen, deine Lieb', dein Haß,

dein Reichtum, deiner Thaten Luſt und Lohn,

kurz alles, was, thoͤrichten Irrtums Knecht,

du dein genannt! Sei Kaiſer, Sultan, Papſt! In Grabeslinnen

gewickelt biſt du und ein nackter Leib,

heut oder morgen mußt du drinn' erkalten.

Hartmann. So ſpricht der truͤbſte Mut.

Heinrich. Einſt war er leicht! Ach! Ich vergaß vor lauter Tanz das Gehn vor lauter Lobgeſängen hatt? ich faſt

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verlernt zu ſprechen, und mein Wandel war mit aufgehobenen Haͤnden, voll Vertrauen: ein Gluͤck und ein Gebet und ehrfurchtsvoll. Doch wie ich heimzog, heim, in eitlem Waͤhnen der Gottesnaͤhe, faſt ſeraphiſch klingend vor innerem Jubel ob der frommen That im Ruͤcken ... heim mit dem geweihten Schwert: da lagen ferne ſchon auf meiner Spur die ſchmutzigen Hunde meines Schickſals, winſelnd und hackend in die Luft vor Gier nach Blut. Wo iſt der Jaͤger, der mir das gethan, daß ich ihn koͤnnte ſtellen?!

Er iſt aufgeſtanden und geht umher.

Ottegebe

bringt die Pergamente, wartet ſtumm.

Heinrich nimmt Ottegebe die Pergamentrollen aus der Hand: Hoͤre zu! Hartmann.

Herr, Herr, ich bin kein Pfaff', noch Pfaffenknecht, Ihr wißt es. Doch in meine Seele ſchlagen die Worte fremd und furchtbar, die Ihr ſagt. Was immer Euch betroffen hat... was auch der ewige Richter uͤber Euch verhaͤngte —:

beugt Euch in Demut! Beugt Euch unters Kreuz! 5*

es

Heinrich. Ich bin des Kaiſers Lehnsmann, und ich nahm dereinſt vom Kardinal von Oſtia mit ihm zugleich das Kreuz. Es blieb mir treu. Einſt war's ein Kreuz auf meinen Rock genaͤht, nun wuchs es tief mir ein in Mark und Blut, und nur der Tod dereinſt was willſt du mehr? wird mich von meinem Kreuze ſcheiden. Freund! Laß alle Litanein, ſie ſind an mir verloren dieſer Zeit.

Zu Ottegebe:

Geh', klein Gemahl! ich danke dir, doch hebe dich hinweg. Willſt du mir weiße Haͤnd' aus Wolle ſtricken, beeile dich! ſie kommen leicht zu ſpaͤt. Geh'! Was ich jetzt dem Ritter muß eröffnen, iſt nur fuͤr ſeine Ohren, nicht fuͤr dich.

Ottegebe ab. N Wohlan! das Pergament von meinem Tiſch enthaͤlt, was etwa Heinrich von der Aue noch wuͤnſchen mag in eurer Welt ... ſchweig' ſtill, Freund! unterbrich mich nicht und ſei bedacht, daß du auf alles achteſt, was ich ſage. Du ſollſt mein Bote ſein, ſollſt dieſe Schrift in Bernhards, meines Oheims, Haͤnde legen. Es iſt mein letzter Wille ſtill, mein Freund! Voreilig iſt der Menſch, ſagt der Koran.

n

Was mich getroffen hat... was ich erfuhr ... kurz, forſchet nicht danach! Denkt, ich ward weiſe und ſehend, aber forſcht nicht, was ich ſah,

und wie ich ſehend wurde. Gruͤble nicht! Denn ſo ins Wuͤſte traͤgt dein frommer Geiſt

dich nicht, daß du's ergruͤnden ſollteſt, Hartmann. Laß ab! und wer mich liebt, der forſche nicht. Was euch zu wiſſen frommt, das ſteht verzeichnet. Laßt mir, was mein iſt, und ſo ſei's genug.

Ich aber will nun wandern wiederum freiwillig, Freund, den mir beſtimmten Weg

und ohne Zaudern, ſtrack! Denn daß ich ſollte, wie andere Kruͤppel thun, die Straße ſaͤumen,

als armer Lazarus im Schlamme wuͤhlen,

mit meiner Schande, meinen Schwaͤren prunken, nach Hunden kraͤchzen, die ſie lecken ſollen,

iſt in dem Buch des Schickſals nicht verzeichnet. Und ſtuͤnd' es ſo, bei Gott! ich loͤſcht' es aus! Leb' wohl! Und iſt ein Jahr ins Land gegangen, ſo iſt mein Leiden juſt ſo lange tot,

und uͤber meines Jammers Grube ſind,

ach, wieviel milde Balſamregenſchauer

bereits herabgerauſcht. Ade! Ade!

Nach kurzer, unheimlicher Pauſe, außer ſich, losbrechend:

Jetzt aber raffe dir dein reines Kleid zuſammen, Freund, und flieh’! flieh'! ſag' ich, flieh'! Schuͤttle den Staub von deinen Schuhen, flieh'!

N

Und wenn dich jemand am Gewand will halten, ſo laſſe dein Gewand in ſeiner Hand und fliehe! fliehe! Hartmann, beſtuͤrzt: Herr, was redet Ihr ..

Heinrich. Ich ſage, flieh'! ſieh dich nicht um und flieh'! Ruͤhr' mich nicht an und flieh'! Ruͤhr' mich nicht an! Denn ich bin ſo begluͤckt vom Himmel worden, daß ich Verderben ſpeien muß um mich her! Ich bin ein ſolcher Held, daß Helden laufen vor meiner unbewehrten Hand: Beruͤhrung von ihr bringt Schlimmeres als der Tod. Die Magd, fluͤchtig von meines Auges Strahl getroffen, fie ſtirbt vor Ekel, wenn fie mein gewahrt ...

Ottegebe iſt eingetreten. Blutlos, wie ein Wachsbild, verfolgt ſie mit zitternden Lippen und ſtarren Augen den Tobenden.

Hartmann. Kommt zur Beſinnung, Herr, Ihr raſt, Ihr tobt! Heinrich. So pack' ein Scheit, dein umgekehrtes Schwert, was dir zur Hand iſt, nimm und ſchlag' mich nieder!

erloͤſet mich und euch von mir zugleich. Was thut ihr doch, wenn ein tollwuͤt'ger Bracke

n

am hellen Tage dringt in euren Hof?!

Was zaudert ihr? macht's kurz! faßt euch ein Herz! Gottfried und Brigitte find hereingeſtuͤrzt.

Ihr alle, alle, kommt herbei und ſeht:

Heinrich von Aue, der dreimal des Tags

den Leib ſich wuſch, der jedes Staͤubchen blies

von ſeinem Armel, dieſer Fuͤrſt und Herr

und Mann und Geck iſt nun mit Hiobs Schwaͤren

begluͤckt von der Fußſohle bis zum Scheitel!

Er ward, lebendigen Leibs, ein Brocken Aas,

geſchleudert auf den Aſchenkehricht-Haufen,

wo er ſich eine Scherbe leſen darf,

um ſeinen Grind zu ſchaben.

In Ottegebes Geſicht iſt von innen her nach und nach eine ſeltſame,

freudige, faſt felige Verzuͤckung aufgeſtiegen. Als Heinrich zuſammen⸗

bricht, entringt ſich ihrer Seele ein Aufjauchzen ſeliger Befreiung, ſie

ftürzt zu Heinrichs Fuͤßen und uͤberdeckt feine Hände mit rafenden

Kuͤſſen.

Ottegebe. Liebſter Herr! Herr! lieber Herr! denkt an das Gotteslamm! Ich weiß ... ich will .. . ich kann die Sünden tragen. Ich hab's gelobt! Du mußt verſuͤhnet ſein.

Dritter Akt

Felſige Wildnis, mächtige Nadelbaͤume und herbſtlich gefärbte Laubbaͤume. Im Hintergrund, über einen Wieſenplan hin erreichbar, eine Höhle. Der Eingang ift durch ein roh gezimmertes Geftänge umrahmt. Unter dem Geſtaͤnge trockenes Laub, Kochgeraͤt⸗ ſchaften, eine Art, eine Armbruſt ꝛc. Herbſtabend.

Erſte Scene.

Heinrich, verwahrloſt und verwildert, mit ungeſchorenem Haupthaar und Bart, graͤbt auf der Wieſe mit Hacke und Spaten eine tiefe Grube. Seine linke Hand iſt verbunden. Ottacker, gewappnet, wie er vom Pferd geſtiegen iſt, erſcheint auf einem Felsvorſprung, ſich forgfältig in großem Abſtand von Heinrich haltend.

Ottacker

ruft heruͤber:

Ne! du da! heda! holla! holla! du!

Heinrich horcht auf, knirſcht in ſich: He! du da! holla! he! laß mich in Frieden.

Ottacker. Du! heda! Zeidelbaͤr! was treibſt du dort?

Heinrich, wie vorher: Zur ewigen Seligkeit mir einen Stollen.

Ottacker. Suchſt du nach Waſſer? Graͤbſt du einen Schatz?

N

Heinrich,

für ſich: Ja einen reicheren hab' ich nie gegraben. Laut: Komm' her und ſieh, wenn du Courage haſt. Ottacker,

nach unſchluͤſſigem Zoͤgern: Biſt du nicht einer von den Gottesleuten? He! du da! Eichelnfreſſer, ripple dich.

Heinrich ſpringt nach der Armbruſt, ſchlaͤgt auf Ottacker an: Ich will mich rippeln, und du ſollſt dran denken!

Ottacker

hält den gepanzerten Arm vor das Geſicht:

Schorfkroͤte! Heinrich. Lahmer Schneider!

Ottacker.

Graue Laus! Giftſpinne du, verfluchte, willſt du ſtechen? Schieß', wenn du quitt mit deinem Leben biſt.

Heinrich.

Mit Leben und Tod, Kerl, und ſo will ich ſchießen.

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Ottacker. Halt! noch ein Wort! halt noch, du haariger Wicht: biſt du erſt tot, mag dich der Teufel fragen. Hauſt wohl der arme Heinrich hier im Forſt?

Heinrich. Was fuͤr ein Wild?

Ottacker.

Ein Wild mit raͤudigem Felle! ſonſt aber war's dem Aar und Leu verwandt.

Heinrich.

Ottacker. Wer, thut nichts zur Sache, Freund! Ein Reitersmann, in Sturm und Krieg beſtanden.

Wer biſt du?

Heinrich. Und doch die feigſte Memm' am Sonnenlicht. Ottacker. Was? Heinrich. Das! Ottacker.

Was ſagſt du? Bet' ein Vaterunſer. Er thut, als wollte er auf Heinrich losſtuͤrmen.

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Heinrich.

Zwei Vaterunſer! Warum kommſt du nicht?

Ottacker. Schlecht ſtuͤnd' mir's an, dich armen Hund zu metzgen. Lauf! Sag' mir nur, ob hier nicht irgendwo, feldſiech, der einſtige Graf von Aue niſtet, der juͤngſt aus ſeinem Meierhof entſprang.

Heinrich. Entſprungener Graf? aus einem Meierhof? Wie das? Hat die Tarantel dich geſtochen?

Ottacker

lacht wild und übertrieben heraus, wobei merkbar wird, daß er leicht angetrunken iſt:

Toll bin ich! Laͤg' ich ſonſt auf feiner Spur?

Heinrich.

Ottacker Beſſer nicht!

Heinrich. Komm' habe Frieden: ehrlich geſprochen, ohne Hinterliſt. Ein raͤudiger Graf das mußt du mir berichten!

Komm' naͤher.

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Ottacker

ſetzt ſich auf einen Felsſtein. Gut. Friede, Eintracht. Hundert Schritt vom Leib! Alſo gieb acht: es liegt ein Meierhof wohl ſieben Stunden Wegs von hier im Mooſe, frohnpflichtig meinem miſelſuͤchtigen Herrn, dem ich, weiß Gott, in Ehren Treue halte. Ja, glotze nicht! Ich fuhr mit ihm zum Streit ins Mohrenland. Ich ſchlug an ſeiner Seite Feuer aus manches Heiden Helm und ſtach vom Pferde manchen Turban. Manchen Stahl prellt' ich beiſeite, daß er Luft zerſchnitt, ſtatt meines Herrleins Hals. So iſt's! Zuletzt befiel ihn dann die widerliche Seuche. Warum? Er hoͤhnte mir mein Amulett, hielt nichts von Mitteln! lachte aller Spruͤche! Doch davon ſtill. Ich blieb ihm treu, verkroch mich mit ihm eben in den Bauernhof, bis er entlief, floh, in die Berge rannte.

Heinrich.

Du ſuchſt iyn, und was willſt du nun von ihm?

Ottacker. Jeſus Maria Joſeph! Dummkopf! Nichts. Bewahr' mich Gott vor allen ſeinen Giften!

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Er mag getroſt behalten, was er hat. Ich bring' ihm Botſchaft. Er wirft ihm Geld zu: Hier, gemuͤnztes Gold! Du ſollſt, wo du ihn triffſt, ihm was berichten. Geſindel haͤlt zuſammen, findet ſich.

Heinrich. Behalt' den Bettel. Du getrauſt dich nicht! und zitterſt, Waſchweib, den du ſuchſt, zu finden. Ich ſoll nun fuͤr drei Batzen Boten geh'n.

Ottacker,

nachdem er einen tiefen Zug aus einer Lederflaſche gethan: Was? fürchten? ich, Ottacker? Sieh doch an! Vorgeſtern war's, als uns Herr Hartmann ſagte ein Ritter ohne Furcht und Tadel, itzt zu Aue der Statthalter unſeres Herrn. Er ſagte: wer von euch iſt Mann's genug, den Baͤren in ſeiner Hoͤhle aufzuſuchen? Da trat ich aus dem Ring und lachte: ich... ich, ich! bin Mann's genug und will es thun.

Heinrich,

leiſe und mit finſterer Ironie: Getreuer Knappe, komm an meine Bruſt.

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Ottacker,

da Heinrich einige Schritte auf ihn zu gethan hat, ſpringt auf und weicht zuruck:

Hoͤlle und Teufel, wer biſt du?

Heinrich. Fuͤrchte dich nicht!

Ich bin es, bin dein raͤudiger Herr von Aue.

Ottacker

ſtarrt ihn an, erkennt ihn, kniet und ringt ſeine Haͤnde zugleich

flehend und abweiſend: Herr, Gnade! Geht mit mir nicht ins Gericht! Ich war Euch treu ſeither zu allen Stunden, nur nicht in jener, als ich von Euch ritt. Wir halten Euer feſtes Schloß zu Aue! Ich lag vor Eurem Zelt, Herr, manche Nacht dereinſt, Ihr wißt's, die Hand ans Schwert gefroren, damit Ihr ſicher ſchlieft, und wich doch nicht. Vergebt dem reuigen Suͤnder ſeine Suͤnde! Ihr ſeid im Bann, doch Ritter Hartmann ſagt: kein Prieſter kann die Hand der Gnade binden. Krank ſeid Ihr, und da meint der Ritter dies: wenn Gott es will, ſo werdet Ihr geſund. Verſchollen ſeid Ihr. Euch erklaͤrt fuͤr tot die Welt und Euer Blutsverwandter, Conrad, doch haben wir, zwoͤlfhundert, uns gelobt,

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uns und der allerſeligſten Gottesmutter, die Schanze Euch zu halten, weil Ihr lebt.

Heinrich,

mit gemachter Herzlichkeit: Vergeben und vergeſſen! Herrlich! Brav! Nichts mehr davon! Vergeben und vergeſſen. Treu warſt du, und treu biſt du. Komm'! genug! Du Wackrer! Ja, ich kenne deinen Mut! Ich ſah dich, wolfsgleich, deinen Feind zerfetzen; du zitterteſt nicht! Komm' hier an meinen Herd, ich will mit Stahl und Stein das Reiſig zuͤnden und diesmal dir, ſtatt Herr, ein Diener ſein.

Ottacker, nach heftigem, ans Laͤcherliche ſtreifendem Kampf: Teufel, ich kann nicht. Heinrich,

als ob er nichts bemerke:

Was?

Ottacker. Herr, ich muß fort.

Heinrich,

wie vorher: Warum?

. Ottacker.

Der Ritter Hartmann.. Heinrich. Iſt mein Diener! und wenn ich dir befehle, bleibe hier ...

Ottacker, wieder nach heftigem Kampf: Bei Gott, ich kann nicht! Nehmt die Armbruſt dort und jagt mir einen Bolzen durch die Schlaͤfe.

Heinrich. Was, Bolzen? Schurke! Windelwaͤſcher! Schuft! Ein Hader, Riemen, Pferdekotzen iſt

zu gut als eine Waffe gegen dich! Er ſtreckt ſeine beiden Haͤnde in die Luft: Da: eins, zwei! packe dich! drei, vier! hinweg!

Ottacker, f ſchon weichend: Herr, fangt Euch ... ſucht Euch ... heilt Euch, wie die andern: taucht Eure Haͤnd' in eines Kindes Blut. Vollbringt's mit Mannheit ...

Heinrich. N Fuͤnf und ſechs! Genug! Held! Großmaul! nun gieb acht, wie du kannſt laufen! Er rennt mit aufgehobenen Händen gegen Ottacker an, der in ſinn⸗

loſer Angſt davonläuft. 6*

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Sweite Scene.

Heinrich, allein bricht in ein wildes Gelächter aus, fein Lachen will einen mehr ſchmerzlichen, faſt ſchluchzenden Charakter annehmen, da rafft er ſich zuſammen, ſchweigt und ſagt dann:

So. Stille. Gut. Mein Reich. Ich bin

bewehrt mit einem wackren Panzer. Meine Welt geht wieder auf um mich: um mich allein. Ich bin nicht einfam Nein! Die Einſamkeit erſchlaͤgt mein Herz nicht! Kein Erſticken nein! begraben im harten Eiskryſtall des Raums! Ich bin nicht einſam. Schweigen: rein. Kein Laut! Kein Scherbenraſſeln! Keine klappernde Schelle! Weltmeer: frei! Alle Hoͤh'n und Tiefen rein, weit, ſtumm im Glanz! Was fehlt mir? Nun ans Werk! Faͤhrt fort, ſein Grab zu graben: Aus Moder warſt du, mußt zu Moder werden. O, Schlaf des Lebens! tiefrer Schlaf des Tods: Bettler und Koͤnig! Tiefſter Schweiger: Tod! in deinem braunen Kleid wimmelnder Schollen, was weißt du? Werden wir ins Leben nicht blindlings mit furchtbarem Henkersgriff geſtoßen, nachdem uns Wolluſtraſerei gezeugt erbarmungslos?! Und lockt ins Netz der Luft

.

zu ahnungsloſer Buhlſchaft Nacht fuͤr Nacht

der Suͤnde Girren nicht unzählige Thoren?

Iſt Leben Kerkerhaft? Sind wir im Frohn?

Und biſt du, Tod, der drohende Kerkermeiſter

und Schließer, der den Ausgang nur verſtellt?

Lallen! Stumm ſind wir alle: ſtumm geboren,

ſtumm auf dem Kriegspfad. Stumm vor Menſch und .. . oder

die Steine reden: —? Ja, die Steine ſchrein!!

Bruͤder! Ich bin nicht nichts in meinem Leid

allein! Ein Schmerzenswallen und ein Gluͤck.

Dritte Scene. Pater Benedikt erſcheint am Rande der Lichtung.

Benedikt, unfchlüffig heruͤberrufend: Gott gruͤß' Euch! Gott zum Gruße, armer Heinrich!

Heinrich horcht auf, für fi: Plappernde Schelle! Scherben! Menfchenlaut!

Benedikt

kommt langſam über die Lichtung und legt Heinrich, der ruhig weiter graͤbt, von rückwärts die Hand auf die Schulter:

Gut Freund!

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Heinrich. Wer da? Benedikt. Was ſchaffſt du hier? Heinrich. Mein Grab. Was willſt du hier? Benedikt.

Das Gute thun. Hier iſt Wein, Mehl und Obſt und friſches Weizenbrot.

Heinrich. Geh! Hebe dich! Sonſt, Moͤnchlein, nagl' ich dich wie einen Uhu uͤber meine Huͤtte. Ins Kloſter pack' dich! Fahr' ins Mauſeloch, wie eine braune Natter!

Benedikt. Gnaͤdiger Herr. .

Heinrich. Recht ſo! Ich ſage dir, mach' dich zu Luft, daß ich dich nicht mehr ſehe ... oder du mach' mich zu Luft und ſieh mich nicht. Ich bin nicht dies, nicht das, nicht Herr, nicht Knecht fuͤr dich, geſund nicht und nicht krank. Ich bin nicht nackt

LER, a

und nicht zerlumpt für dich, beichoren nicht, noch unbeſchoren, du Beſchorener! dir; verſtehſt du mich: bin nichts! Verſtehſt du? nichts!

Benedikt.

Was ein Verirrter mag auch von ſich meinen, er bleibt doch Gottes Kind.

Heinrich, plotzlich aufſpringend, legt den Spaten weg:

Was ſagſt du, ei! Potz Kuͤren, Moͤnchlein! Komm' und ſetze dich, ſofern du Unrat liebſt und Schorf und Schwaͤren ... Wer itzt mich lachen macht, der iſt mein Mann. Sei mir willkommen! Gottes Kind? ei, wie? wer ſagt dir das? erklaͤr' es mir genau! Ich bin ein Kind und dies iſt meine Wiege .. Ich will das ſetzen auf mein Pergament.

Benedikt. Ihr ſeid, ich weiß es, werter, armer Mann, in ſchwerer Truͤbſal, bittren Heimſuchungen ...

Heinrich. Nennſt du mich arm? Wie, Moͤnchlein, wer iſt arm? Tritt hier her, an den Hageroſenbuſch, hier in die Neſſeln, in die Schafgarb', hier und nun ſperr' auf dein Auge! Was du ſiehſt ... ſo weit du ſiehſt, du Bettler! das iſt mein.

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Vom Hozzenwald bis zum Raumuͤnzachthal,

vom Kaiſerſtuhle bis zum ſchwaͤbiſchen Meere,

der Berge Forſten und der Thaͤler Saaten!

Und ſind ſie leer und abgeerntet itzt,

ſo ſtrotzt die Frucht, gehaͤuft, in meinen Scheuern. Mein iſt das Wild, das Gras, der Fiſch im Bach, am Baum die Nadel und das Blatt. Im Blatt die Ripp' und Faſer. Die Herbſtfaͤden wob

an deine Kutte meine Dienerin Spinne.

Der Muͤcke Stachel, die mich ſticht, iſt mein, erborgt aus meinen Kammern.

Benedikt. Wohl! Allein.

Heinrich. Da liegt's! Dies iſt der Punkt! Ich war es muͤd', den Herrn zu machen: ſteif und abgetrennt in ſeidene Waͤmſer und in enge Schuh', als Sklave meiner Diener, Schranzen, Freunde, und nie den Topf zu ſehn, aus dem ich aß. Ich war es muͤd', auf einem Berg zu ſtehen und mich zu neigen, wenn ich ſprechen wollte, und, blind, den nicht zu ſehn, mit dem ich ſprach. Nach oben draͤngt der arme, hoͤrige Knecht zur Freiheit, in die Welt: doch wenn ein Herr

ER N:

der Freiheit will ... der Welt teilhaftig werden, ſo muß er tauchen tief in ihren Grund

ſieh, ſo wie ich.

Er ſpringt in das Grab.

Benedikt. Erhebt Euch, Herr! Wo nicht, ſo laßt mich mit Euch knieen und laßt uns beide zu dem die Herzen heben, der da war und iſt und ewig ſein wird.

Heinrich ſpringt aus dem Grabe: Er erhebt!

Nicht du! nicht ich! Nach Laune thut er's, nicht um Winſelns willen, nicht nach deinem Kopf! Thaͤt' er's um anderes, ruͤhrten Haͤnde ihn, die, ringend, ihm geſpaltene Nägel zeigen zerfreſſene Angeſichter, lippenlos, die ihn aus leeren Augenhoͤhlen ſuchen lallende Zungen, die vergeblich ſich bemuͤhen, das Wort zu formen, das ihn nennt —: Moͤnchlein, ſo waͤr' ein Eden dieſe Erde, wir waͤren Goͤtter, oder Gott der Herr waͤr' nicht einmal nur aus Leid geſtorben nein! zehnmal! hundertmal! und laͤge tot in dem vergeſſenen Sarge dieſer Welt. Verſtehſt du das?

BEN;

Benedikt. Gott lebt, Herr! Glaubet mir. Und wo Ihr nur ihn wolltet wahrhaft ſuchen ...

Heinrich.

Du kommſt, um mir zu ſagen, daß er lebt? Gut. Habe Dank und geh': denn was du ſagſt, ſieh, hier im Stillen hab' ich es ergruͤndet, allein fuͤr mich. Ich weiß, weiß, daß er lebt! Und wahrlich, er war bei mir, eh' ein Moͤnch kam und ihn hier vertrieb. Ja, ja, ſo iſt's! obgleich du deinen Kopf unglaͤubig ſchuͤttelſt: Gott war und iſt bei mir. Doch dieſer Gott zerſtoͤrt das Auge, das ihn ſieht, zerreißt das Herz, das ihn will lieben, und zerknickt die Kindesarme, die ſich nach ihm ſtrecken, und was der hoͤrt, wo er voruͤberſchritt, manchmal, wer Ohren hat iſt Hohngelaͤchter!

Mit wildem Lachen: Gott lacht! Gott lacht!

Veraͤndert, geſammelt, barſch: Was ſuchſt du hier?

Benedikt. Herr, dich! Dein mildes Herz von eh'mals! deinen Rat... ein wenig Duldung ...

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Heinrich. Nun, ſo mach' es kurz: denn bald iſt's Zeit, daß ich mein Kaͤuzlein aͤſe und Frau Kreuzſpinne, die ſo fleißig ſpinnt.

Fang' an denn. Benedikt. Ein Geſandter bin ich, Herr, durch nichts beglaubigt, als durch meine Kutte und Pachter Gottfried ...

Heinrich ſpringt auf und ſchleudert einen Stein gegen das Gebuͤſch: Pack' dich fort! Was haſt du an des armen Heinrichs Hof zu ſuchen? He! Jaͤger! Thorwart! ho! die Hunde los! Ich will dich lehren horchen!

Vierte Scene. Pachter Gottfried, ertappt, tritt aus den Buͤſchen, hinter denen er ſich verſteckt hielt.

Gottfried. Ich bin's, der Pachter Gottfried. Benedikt.

Beſter Herr.

Wahrlich, ja! er iſt's. Und nicht der Fuͤrwitz treibt uns her, ſondern die Sorge und die bittre Not.

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Heinrich

hat ihn lange und ſtarr angeſehen, danach ruhig: Steh' auf! Was giebt's mit ihm? Steh' auf. Komm! Wer iſt dir geſtorben? Welcher ſcheele Stern hat endlich dein beſcheidenes Neſt durchſengt mit ſeinem giftigen Licht?

Gottfried, ſtockend, faſt weinend: Herr, meine Tochter ..

Heinrich.

Der Rauch beizt mir die Augen iſt ſie tot? Gottfried.

Nein. Benedikt.

Gottfried, laßt! Ich will den Dolmetſch machen und alles kurz berichten. War ich doch des Kindes Beichtiger auch in dieſer Zeit! Wohl lebt ſie. Ja, ſie lebt. Sie lebt, allein, ſeit Ihr den ſtillen Meierhof verlaſſen, ein ſeltſamliches Leben ſonderbar verwandelt nicht, wie ſonſt. Ein Leben iſt's, wie außerhalb der Welt, in der wir atmen,

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ein unbegreiflich' Dafein, das von nichts ſich naͤhrt, es ſei denn von der inneren Flamme, die ihren Koͤrper aushoͤhlt.

Gottfried. Gnaͤdiger Herr, ſie ißt nicht, weigert jede Speiſe, liegt und ſtarrt mit glaſigem Blick den Himmel an, nur immer auf dem einen feſt verharrend ..

Benedikt,

Gottfried zuruͤckdrängend: Geduld! Ja, Herr, ſo iſt's. Indes wir hier, gedraͤngt durch ihren Starrſinn, vor Euch treten, liegt ſie auf ihrem Lager, das ſie ſelbſt bis auf das Stroh von jedem Pfuͤhl entbloͤßt, ſteif, wie das Holz der Bettſtatt, regungslos und ohne Speiſ' und Trank, ſeit fuͤnfzig Stunden.

Heinrich nimmt Platz und beginnt Mohrruͤben zu ſchaben:

Sprecht deutlich! Iſt ſie krank, ſo holt den Arzt. Waͤr' ich ein Arzt, ich heilte mich wohl ſelber. Was, Bruder Kahlkopf, kommt Ihr denn zu mir? Nehmt Zitwerſamen, Wurmkraut; Kinderleiden, ſo groß ſie ſcheinen, ſind in Wahrheit oft

ſehr laͤcherlichen Urſprungs. Iſt ſie mehr,

als nur ein Kind? Eilt, legt ihr das zur Seite,

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was aus den kranken Jungfern Weiber macht, die in Geſundheit ſtrotzen.

Benedikt. Liebſter Herr, ich kenne fie, ich habe fie gepflegt ...

Gottfried.

Ich aber, Pater, kenne fie noch beſſer . .. Benedikt.

Sie kommt zu mir mit allem, was ſie druͤckt. Gottfried.

Und iſt bei mir tagaus, tagein geweſen, ſeit ſie den erſten Atemzug gethan.

Benedikt. So ſprecht denn Ihr!

Gottfried.

Wahrlich, der Herr hat recht. Die Jahre ſind's. Sie machen ihr zu ſchaffen, und alles waͤre laͤngſt ins Gleis gebracht. Und waͤret Ihr nicht, Pater, und Brigitte...

Benedikt. Gottfried, gedenket, was Ihr juͤngſt gethan, und wie iſt der Verſuch Euch ausgeſchlagen?

.

Gottfried. Gott ſei's geklagt! das weiß ich wohl. Allein, waͤr' mir das Kind als Bauernmagd gewoͤhnt, ſie waͤre nicht zur Erde hingeſchlagen, als ich den Freiersmann ihr zugefuͤhrt. Herr, warum gingt Ihr von uns? An dem Morgen, wo ſie, wie ſonſt, an Euer Bette trat, den Krug voll friſcher Milch, und Euch nicht fand, begann das Übel ganzer Macht zu wuͤten. Und wenn Ihr heut mit uns nicht wiederkehrt, verſchmachtet ſie und ſtirbt.

Benedikt.

Ihr koͤnnt im Wald des Winters nicht gewarten. Seht, ſelbſt ich, gewohnt an Unbill, beſſer doch verwahrt in Klauſ' und Gotteshaus, ich muß zuweilen den warmen Herd von guten Menſchen ſuchen, ſturmfeſte Mauern und ein ſichres Dach.

Heinrich. Du Narr! Glatzkoͤpfiger Kuppler! Und auch du, Graukopf und Dummkopf! Geht! Was ſucht ihr hier? Wein von den Dornen? Feigen von den Diſteln? Wer bin ich? Was? Wo iſt mein Überfluß? daß Bettler kommen, ihn mit mir zu teilen. Du ſuchſt mich, Narr? Ich lache! Schlichſt du nicht, gedruͤckt von moͤrderiſcher Pein, umher,

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als du mich haufteft unter deinem Dache? Und lebteſt du in bangen Angſten nicht

vor deinem Ingeſinde? Wie? Verriet

dein Blick und deines Weibes Blick mir nicht das Grauſen und die Wuͤnſche eurer Herzen? Flehte es nicht, ſo ſehr ihr's auch verbargt, aus euch: geh', daß wir wieder atmen?

Gottfried. Bei Gott, da irrt Ihr, Herr!

Heinrich. Kein Irrtum, nein!

Wohlfeiler Worte, Lug, Geplaͤrr genug, die feige Schmach damit zu uͤberliſten, warf euer Mitleid mir in meinen Trog. Gut ſchien die Koſt mir eine kurze Weile, doch ferner nicht. Da floh ich, ftahl ich mich. Ich nahm den Reſt, ich raffte mir zuſammen, was mir von mir geblieben war, und lief vor mir davon. Es lief ein Fuͤrſt! und der ihm folgte in der fuͤrchterlichen Hatz, war der zertretne Knecht, der annoch lebt. Er ſchrie nach mir! Er winſelte! Er bot mir junge Kindesleiber an zum Kauf. ich rede klar. Begreift ihr, was ich ſage?

Geht! packt euch! denn ich rede klar! Ihr kommt ..

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kommt .. . kommt ... wie fag’ ich? weſſen Helfers— helfer?

Was ſteht ihr? Hoͤrt ſie war bei mir, war hier

am dritten Tag. Sie fand mich, denn ſie iſt

ſpuͤrſam wie eine Huͤndin. Ja, ſie kam.

Ich ſah ſie und, ihr Maͤnner, bei dem Gott,

der mich nicht kennt und meiner Qual nicht achtet:

das war des Teufels ſchlimmſtes Bubenſtuͤck.

Die Liſt mißlang ihm. Denn ich lachte, pfiff,

als waͤre ſie ein Baum am Waldrand dorten;

trieb alles fo, als ſei ich nicht belaufcht,

jedwede Notdurft ihr vor Augen, tobte

und hielt ſie mit Steinwuͤrfen mir vom Leib.

Benedikt. Sie will Euch retten, Herr! das iſt die Urſach', um derentwillen ſie Euch hier beſuchte. Und ein Geruͤcht drang zu ihr Euer Knecht Ottacker war's, der es zuerſt ihr brachte! daß Eure Sucht durch eine blutige Kur zu heilen ſei. Ein Meiſter zu Salerne vermißt ſich, Euer uͤbel auszurotten, wenn ſich ein Maͤgdlein, eine Jungfrau ſich freiwillig, glaͤubig, ihm ans Meſſer giebt.

Heinrich. Wollt ihr das glauben?

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Gottfried. Nein, Herr, nicht ich nicht! Doch ſtarr, und nicht um Haaresbreite weichend, haͤlt unſer Kind an dieſem Irrwahn feſt. Helft uns! helft uns, dem Satan ſie entreißen.

Benedikt. Ihr ſeid zu raſch! Wer will entſcheiden, was durch Gottes Macht, was durch des Teufels Liſten geſchieht? In ihrer Bruſt iſt heiliger Streit. Es draͤngt in ihr aus unſerem engen Leben zum Opfertod: durch's Thor ins ewige Licht geheimnisvoll! Wer weiß, zu weſſen Heil?

Gottfried. Zu keines Menſchen ... zu niemandes Heil! und auch ihr ſelber, Pater, zum Verderben.

Benedikt. Nein: Gott verlaͤßt die, ſo ihn ſuchen, nicht! Und die erloͤſungsdurſtige Suͤnderin, und laͤge ſie auch in des Teufels Krallen, erreicht im Abgrund noch ſein Vaterblick. Vertrauet! Laßt Euch Kleinmut nicht bewaͤltigen! Gewiß iſt, daß ſie trotzt gleichſam mit Gott ringt, ihm die Maͤrtrerkrone abzuzwingen. Sonſt aber —: gratia praeveniens! Wer kann ihr, was Geſichte ihr beſtaͤtigen,

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.

rundweg ableugnen? Der Leviticus ſagt: Blut iſt die Verſuͤhnung fuͤr das Leben. Das gleiche iſt's, was ihr im Innern ſpricht.

Heinrich.

Hm! ſo! und dies iſt deine Meinung, ſo!? Sie traͤumt. Sie hat Geſichte. Und ſie meint, Gott liebe Blutdunſt. Laſſe ſich durch Blut abmarkten von dem Zins der Wucherſchuld, die in uns ſchwaͤrt. Ihr ſeid im Irrtum, geht! Sie iſt im Irrtum, hört ihr?! Außerdem: aus Zeiten, wo ich noch in Buͤchern irrte und meiner Seele ſtumme Weisheit nicht beſaß, wie jetzt, weiß ich, daß jene Kur nichts iſt als Narretei.

Geht, ſagt ihr das. Ich weiß es! Seht, ich bin ganz ruhig, und im Abgrundhauch des Unſinns ward ich kuͤhl und kalt ſeltſam genug! mit einem Schlag - - und was ich itzund rede, iſt geſund und kalt, als haͤtt' es dort im Bach gelegen und ſtammte nicht aus dieſer heißen Bruſt —: ich bin ganz ſuͤndlos. Sagt ihr, daß ich frei von Suͤnde, makellos und lauter bin, und daß die Peſtilenz in meinem Blut das Kleid der Seele mir noch nicht befleckte bis dieſen Augenblick. Sagt ihr, man kann

ein reines Linnen nicht mit Blute waſchen,

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und wer es dennoch thun will, ſagt ihr, dient der alten Schlange: Irrtum! und nicht Gott.

Benedikt

wehrt ab, ſchuͤttelt verneinend den Kopf: Herr, ihr das ſagen, heißt zu dem ſie ſtacheln, wonach ſie ringt mit leidbegieriger Luſt, denn ihr, wie mir, wird nach der Wahrheit ſcheinen, daß Ihr mit ſolchen Worten Eure Schuld nur mehrt, weil doch Zerknirſchung nur den Weg und Demut Euch kann zur Verſuͤhnung leiten.

Heinrich. Mißtrauet eurer Demut! denn ihr ſeid noch viel zu hochgemut! Die Hoffart reitet auf deinem Nacken wie ein freches Weib, wenn du dich beugſt und dich im Staube windeſt vor Gott. Was biſt du, daß er dein gedenkt!? und deiner laͤcherlichen Schuld, mein Freund!? und deiner laͤcherlichen Reue !? Meineſt du, du habeſt etwas ohne ihn vollbracht!? Sieh' hier, auf dieſem Felſen ſteh' ich oft und laͤſtere, und das Echo laͤſtert wieder mit Fluch und Hohn: wir beide uͤberſchreien der Voͤgel Stimmen und der Blaͤtter Rauſchen, das Toſen des Waſſers oft und doch und doch wie tief noch ſind wir unter das geſtellt, was Suͤnde heißen koͤnnte wider Gott!

AOL.

Gottfried. Herr, redet ſelber ... Redet Ihr mit ihr! Ein Laut von Euch kann ſie wie Brot erquicken, wie Waſſer den Verdurſtenden erquickt. Ich weiß nicht, wer Euch ſolchen Zaubers Kraͤfte verlieh, wer dieſes Herz fo an Euch band .. Genug: ſie kuͤßt die Stapfen Eurer Fuͤße im Feldweg, den Ihr etwa einſam gingt. In Eurer Kammer ſchlaͤft ſie, Euer Name allein loͤſt ihrer ſtarren Glieder Krampf. Und wenn Ihr des verfluchten Meiſters Kur verflucht, wie ich, ſo kommt: ſchenkt ihr das Leben! Erklaͤrt ihr, daß der Arzt ein Luͤgner iſt, daß keine Wiſſenſchaft in aller Welt And Heinrich, heftig fortfahrend:

...keine Macht der Welt mich rein kann waſchen! und daß der ſarazeniſche Arzt ein Wicht, ein Heide, nur nach meinem Golde langt, ſonſt nichts .. . daß alles Lug iſt! ... Daß ich krank, doch noch kein feiger Dummkopf ſei geworden, der jedem Dummkopf in die Schlinge rennt und eines Kindes blutigen Irrwahn ſich zu nutze macht. Ja! ja! ich weiß! ich weiß! dies und noch mehr. Ich habe dies geſagt und noch viel mehr. Ja! ſtarrt mich an, ſo iſt's:

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denn fie war bei mir, hier, zum anderen Mal. Ja! und ich ſah ſie. Und ich wußte nicht,

wie ich die Hoͤlle ſollte von mir halten

ſo that ich wild, warf Steine, ſpie nach ihr und reckte meine kruſtigen Haͤnde aus,

drohend mit Grauſen, insgeheim entſetzt,

daß ich nicht lange moͤchte an mich halten

und ſie beruͤhren, ſie ergreifen, ſie

beſudeln: ihre Schultern! ihren Hals,

daran das Puͤlslein ſchlug ... Geht, ſag' ich! geht. Es iſt vorbei! iſt aus! Seht, als fie rief... mit einer Stimme, die mich winſeln machte: Ich will dich retten, armer Heinrich! da ſchrie ich: Ausſaͤtzig bin ich! bleib' mir fern! fiel aber, ſtolperte und lag geſtreckt

wie lange, weiß ich nicht. Und als ich dann erwachte, war ſie da, ganz nah', ſo! Hier

hat ſie geſeſſen, hier geſtanden, dort

und mir erzählt: es ſei ein Arzt ... ein Arzt. Es ſei .. . Herr Jeſus! .. . und das Opfer fei

im Himmel wohlgefaͤllig .. . dies und das!

und ihres Bleibens ſei nicht in der Welt.

Sie wolle ſterben, und ich möge nicht...

ich möge nicht den Himmel ihr verſchließen ... und mit ihr flugs auf gen Salerne zieh'n. Und als fie ihre Seele ausgeſchuͤttet

und den verruchten Unſinn jener Kur,

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einfaͤltigen Sinnes, lang und breit erklaͤrt —:

da wußt' ich nichts zu thun. Ich ſprang empor dort: uͤber die Wurzeln, uͤbern Bach und lief und floh, bis mir der Atem ſtockte und

ich meilenfern von ihr zuſammenſank

Und das war gut! Bedenkt, ihr Herren, und erwägt, was ich gethan, da ich davon lief!

Bin ich nicht von dem aͤrgſten Fluch verſehrt, gefeit vor jedem ſchwaͤcheren? ausgeſtoßen

von eurer Welt, auch von der Satzung frei,

die alles in ihr, ſelbſt den Fuͤrſten, bindet:

mehr wie ein Fuͤrſt!? Bedenkt: fie kam zu mir, ganz einſam .. und in meinem Innern ſchlaͤgt

ein ausgeſtoßenes Herz: verfluchter Engel,

der ritterlich der Bloͤße Gottes ſchont!

Was wollt ihr mehr? Gut! Packt euch! Denn ich bin zu Ende. Meine Litanei iſt aus.

Mich hungert, und ich muß den Leichnam fuͤttern, den meine feige Seele ſchleppen muß:

Gott weiß, wozu?! Gott weiß, wohin?! Genug!

Benedikt, erſchuͤttert und nach langem Stillſchweigen: Lebt wohl, Herr! Sucht ein Obdach! Leiſe und mitleidig: Herr, es wird

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ein harter Winter! Sucht ein Obdach! Zu Gottfried: Kommt, kommt, Gottfried.

Gottfried. Sucht ein Obdach!

Fuͤnfte Scene. Heinrich,

allein: Sie ſind fort

Verwirrung! Aufgeregte Ringe! Nichts. Ein Kind! Welt, Helden: alles dorrt zuſammen, und auf der Schaͤdelwuͤſte ſteht ein Kind. Es winkt! Wo winkſt du hin .. auf deiner Halde von beinernem Geroͤlle? Nichts! Ich will aufrecht dem Streiche ſtehn! —-Mein Spaten. - Traum! Dort lag einſt etwas!! Auch gen Mittag, dort... Ich weiß nicht! Welt? Was? winkſt du mir?

Gott? Was?

Er faͤngt an zu graben:

Ich weiß nicht. Sucht ein Obdach! Sucht ein Obdach!

Vierter Akt

S ll a ee ji

Das Innere der Waldkapelle Benedikts. Links Altar und ewige Lampe, rechts die Eingangspforte. Der Hintergrund ſtellt eine Seitenwand der Kapelle dar und hat, nicht weit vom Altar, ein niedriges Thuͤrchen, das in die angebaute Wohnklauſe des Paters fuͤhrt. Die Waͤnde ſind mit Bildchen uͤberdeckt, darunter viele Fuͤßchen, Haͤndchen von Wachs ꝛTc. Altar und Kruzifir find mit Herbſt⸗ blumen einfaͤltig bekraͤnzt.

Erſte Scene.

Brigitte und Benedikt ſtehen, unweit der Hauptthuͤr, in halb: lautem Geſpraͤch. Brigitte iſt im Begriff zu gehen, ſie traͤgt ein

Kopftuch und am Arm einen Korb.

f Benedikt. ie luͤgen, luͤgen viel, Brigitte, und 5 wer weiß, was daran Wahres iſt.

Brigitte.

Man muß es glauben, Benedikt. Der alte Knecht, der niemals luͤgt ... kaum überhaupt je ſpricht, ſah ihn mit eignen Augen, iſt bereit, dafuͤr die Hand aufs Kreuz zu legen.

Benedikt. Hm, hoͤchſt ſonderbar! Im Graben ſchlich er? Brigitte.

Nein, der Alte ſah ihn platt ins Gras gedruͤckt liegen, dicht hinterm Garten, auf der Lauer. Der ihn im Graben kriechen ſah, das war der Kunz, der Ziegenhirt.

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Benedikt. Der Alte ſagt, daß er emporſprang?

Brigitte. Ja, als er ihn anrief, ſprang er empor und lief feldein davon.

Benedikt. Ich kann dies noch nicht glauben ... kann's nicht faſſen Zudem: was kann er wollen habt ihr doch niemals ihm euer Haus verſchloſſen! wenn er jetzund wolfsgleich das Gehoͤft umkreiſt?

Brigitte. Das weiß ich nicht. Und das kann keiner wiſſen. Er iſt verwildert, heißt es, faſt zum Tier entartet, ſagen ſie, und uͤberdas verzweifelt und zum Außerften gebracht.

Benedikt. Unmoͤglich! uͤberlege: ſoll ein Mann fo ſich verlieren ... eines Kaiſers Freund und Waffenbruder, den ich juͤngſt noch traf: in Lumpen zwar, doch ſtolz, wie je zuvor —? Sie ſehen itzt den Armen uͤberall, wittern in allem des Verfemten Naͤhe.

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Brigitte, eifrig:

Pater, du kennſt den gelben Kettenhund. Als geſtern ſich die Knechte auf die Lauer mit ihm gelegt, kam kurz nach Mitternacht der Menſch und ruͤttelte am großen Thor. Die Maͤnner ließen nun die Dogge los: die aber, ſtatt ihn anzufallen, lief vor Freude heulend, nicht vor Wut zu ihm und ſchmiegte ſich dem Fremden vor die Fuͤße.

Benedikt. Sei es dahingeſtellt! Das Kind iſt hier bei mir in Gottes Hut: in meiner Klauſe. Und fo iſt's gut vorerſt! Zwar glaub' ich nicht ... noch immer nicht, was du mir ſagſt, Brigitte mag auch des armen Heinrichs Sache ſchlecht ſtehn draußen in der Welt ...

Brigitte. Es heißt ſogar, ſie haben ihn zu Konſtanz mit Gepraͤnge bereits in ſeiner Vaͤter Gruft verſenkt.

Benedikt. Mag ſeine Sache ſchlecht ſtehn, ſag' ich, mag ſein Name aus der Reihe der Lebendigen getilgt fein ... dieſes Mannes Seele iſt

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bewehrt, wie eines ſtarken Daͤmons Schulter, mit zween Paaren Fluͤgeln und mit mehr: laͤhmt ihm die weißen, die zur Hoͤhe tragen, ſo ruht er auf den dunklen, und ich ſah

ihn furchtlos noch am Rande einer Welt, wo die Abgruͤnde jeden ſchwindeln machen, den irdiſcher Mut nur traͤgt.

Er grub ſein Grab! und wird, glaub' mir, in dieſes Grab ſich legen, eh' daß er diebsgleich um die Hütten fchleicht. Allein es ſteht zu fuͤrchten, wenn das Kind bei euch iſt, angeſteckt von den Gerüchten ... und wenn ſie von dem ſeltſamen Beſuch, der euren Hof unſicher macht, erfaͤhrt, ſie einem Schnapphahn in die Faͤnge laͤuft.

Brigitte. Nun, ich will gehn! Gelobt ſei Jeſus Chriſt! Es dunkelt ſchon. Der Weg iſt weit. Gottfried erwartet mich. Ich habe ſchon zu lange mich hier verweilt. Ich darf ihm alſo ſagen, daß fie ſich hier bei Euch viel wackrer hält...

Benedikt. Still! ja! ſprich leiſe, daß fie uns nicht hoͤrt ... Du ſahſt es ſelbſt: es geht ihr gut ſoweit, nur meint ſie immer noch, er werde kommen, und harrt, der klugen Jungfrau gleich, ein Laͤmpchen

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mit Ol ſorgſam gefuͤllt und ſtets zur Hand,

ſeiner als wie der Zu-Kunft unſres Heilands!

Der Wahn erhaͤlt ſie: und ſo muß ich ihn

noch immer ſtuͤtzen und mit Luͤgen fuͤttern

ſeit damals, wo ich ihren Fieber-Krampf

mit meinem frommen Trug zuerſt beſchwor.

Kommt Zeit, kommt Rat! laßt Zeit ... viel Zeit vergehn, allmaͤhlich wird der Aufruhr ihrer Bruſt

ſich doch noch legen: wenn ſie auch vielleicht hernach den Schleier nimmt, als Himmelsbraut.

Brigitte. Das mag geſchehn nach Gottes Ratſchluß! Sie weint: Ach, waͤr' unſer Herr doch tot! Sie kuͤßt dem Pater inbruͤnſtig die Hand.

Benedikt,

warm bewegt: Geh! Tröfte dich!

was ſoll ich weiter dir zum Troſte ſagen? vielleicht: daß mir im Innern etwas lebt, aus einer Zeit der tiefſten Heimlichkeit, wo ſich im brennenden Buſch der Herr uns zeigte ... ich ſage, daß ein Wiſſen in mir lebt ... ein ſtarker Glaube mindeſtens ... ein Geſicht,

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das mir dies Kind als einen Horebsbuſch

erſcheinen laͤßt, der brennt, doch nicht verbrennt.

Man hört klatſchende Geraͤuſche hinter den kleinen Thuͤren her⸗ vordringen.

Brigitte,

erſchrocken:

Benedikt draͤngt ſie hinaus: Nichts! geh! nichts, nichts! tummle dich! Brigitte ab.

Was iſt das?

Fweite Scene. Pater Benedikt, allein, lauſcht, bis er die ſich entfernenden Schritte Brigittes nicht mehr hoͤrt. Alsdann horcht er auf die aus der Klauſe hervordringenden ſeltſamen Geraͤuſche, ſchuͤttelt mißbilligend den Kopf, geht an das Thuͤrchen und klopft daran.

Benedikt. Kind! Ottegebe! Ottegebe, von innen: Ja, ich komme, Pater. Sie tritt, eine brennende Lampe in der Hand, durch die Thür; es iſt inzwiſchen faſt ganz dunkel geworden.

Benedikt,

ihr die Lampe abnehmend: Was treibſt du wieder? gegen mein Gebot.

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Ottegebe, mit einem verzuͤckten Ausdruck im waͤchſernen, vergeiſtigten Ge⸗ ſicht, leiſe: Jeſus! Maria! Joſeph! meine Seele ſchenk' ich euch und mein Herz. Jeſus, Maria und Joſeph, ſteht mir bei im letzten Streit! Jeſus! Maria! Joſeph ...

Benedikt. Hoͤre, Kind, ſei folgſam, ſei gehorſam, denn du biſt mir anvertraut, und ich muß ſtehn fuͤr dich vor Gott und deinen Eltern. Warum ſchwingſt du heute die Geißel ſchon zum zweiten Mal?

Ottegebe

kuͤßt zitternd den Saum feines Armels: Ich weiß nicht, Pater.

Benedikt. Wie? du weißt es nicht? und ſchlaͤgſt dir ſinnlos neue, blutige Striemen?

Ottegebe. Weil es mir wohl thut, Pater.

Benedikt. Was?

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Ottegebe. unter den Schlaͤgen atmen, Pater. Benedikt.

Ich kann

Wie? Kannſt du denn ſo nicht atmen, Jungfrau?

Ottegebe, ſeufzend:

Benedikt. Nun laß die zween Opferkerzen uns anzuͤnden, die uns deine Mutter hat im Koͤrbchen mitgebracht, und danach wollen wir beten miteinander und mit Dank hinnehmen, was uns Gott zum Nachtmahl ſchickte im gleichen Koͤrbchen, durch der Mutter Hand. Komm!

Schwer!

Ottegebe ſteht ruhig, die großen, feuchten Augen an das Kruzifir geheftet: Pater. Benedikt. Was? Ottegebe. Ich bin nun ganz bereit! Benedikt.

Wozu bereit?

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Ottegebe. Zu leiden und zu ſterben.

Benedikt. Laß das jetzt. Lenke deine Seele jetzt auf andere, meinetwegen irdiſche Dinge, es thut dir not. Du mußt doch leben, gelt? wenn du Gott dienen willſt. Mußt dir dein Leben erhalten, wenn du es für ihn willſt laſſen zu ſeiner Zeit. Ottegebe.

Ja, Pater.

Benedikt. Alſo nimm! Komm, nimm und iß, und trink' auch hier ein wenig von deines Vaters Wein.

Ottegebe hat ſich auf den Altarſtufen niedergelaſſen, blickt gegen die Decke. Meinſt du nicht auch, Pater, daß er nun bald wird kommen?

Benedikt. Ja! Doch iſt er nicht mehr an der alten Staͤtte. Ottegebe.

Wo ihr ihn traft und er ſein Grab ſich grub?

s*

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Benedikt. Dort iſt er nicht mehr. Nein! Die Leute ſagen, er habe wollen einmal noch die Welt und aller ſeiner Suͤnden Tummelplaͤtze vor ſeinem Ende wiederſehn.

Ottegebe.

Doch hat er euch geſagt ... doch hat er euch verſprochen, daß er wird kommen, feſt?!

Benedikt. Jawohl, gewiß!

das heißt: wie ſo ein Edelmann verſpricht. Du liebes, banges, uͤberwaches Ding:

Geduld! gemach! Du haſt mit Faſten, Beten und Wachen wahrlich dich genug kaſteit faſt leuchtet ja dein zarter Leib im Finſtern! Bitte du nur den Himmel um Geduld

und Frieden, der mit Sanftmut harren macht.

Ottegebe.

Pater, heut wird er kommen!

Benedikt. Meinſt du?

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Ottegebe.

Benedikt. Und weshalb glaubſt du das?

Ottegebe. Weil ich im Wachen naͤchten und zweimal heute unter Tags ... wie eines Miſelſuͤchtigen Klapper hoͤrte. Horch! da! ſchon wieder.

Benedikt. Was? ich hoͤre nichts. Nein, Kind, wenn du nicht triftigere Gruͤnde und deutlichere Zeichen dafuͤr haſt, als daß der Wind an loſen Schindeln ruͤttelt, e traue

Ottegebe. Er wird kommen! heut! gewiß! Ich weiß es. Sieh, geſtern um Mitternacht erwacht? ich wie von einem lauten Rufen, das rief... das ſagte: Wachet, euer Herr iſt nahe! Da bekraͤnzt' ich meine Lampe,

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that Oel darein und ging hinaus ja, Vater! und harrte auf der Schwelle vor der Thuͤr.

Und wie ich da ſo ſtille ſaß, in mich

gekehrt, des Sturms nicht achtend um mich her, da ploͤtzlich . . . jaͤhlings brach ein Schrecken los, ſo grauſig, wie ich niemals ihn erlebte. Verſuchung! dacht' ich. Doch vergingen mir

die Sinne vor Entſetzen faſt. Die Luft

ward mit Geſchrei erfuͤllt, Gekreiſch, Gelaͤchter, Gebell; des Windes wilder Atem ſchien

von Woͤlfen, heiß und ekel, ausgeſtoßen!

Und dann ... ich wollte fliehn, mich retten, mich an deine Bruſt, an dieſen Altar klammern:

da .. . dann ... Die Hände preßt ich mir

vor beide Augen: ſo! und dennoch ſah

ich alles hell und klar, wie ich dich ſehe.

Mich ſelber ſah ich: meinen Leichnam, nackt, mit ſcheußlichem Triumph dahingefuͤhrt

im Sturme von hundskoͤpfigen Daͤmonen:

ein langes Meſſer ſtak mir in der Bruſt. Vater, gieb mir die Hand, mich ſchwindelt's: mich... mich ſelbſt .. . begann die Hölle nun zu packen! Suͤndhaftes Regen hub ſich in mir an:

als ſollt' ich ſpringen, in den Wirbel mich werfen, und ſchamlos, wie die Hoͤlle, ſein.

Nun aber... nun geſchah's! In allem Streit und Aufruhr hielt mein reiner Wille ſich

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ſtandhaft, und Gott erkannte ihn und gab Gewaͤhrung: und er blies den Spuk der Nacht mit einem Hauch der Gnade von der Erde. Und lautlos, in der mitternaͤchtigen Stunde, von Morgen und von Abend drang es auf, klar, wie aus Brunnen, quoll ein maͤchtiges Leuchten, und aus dem Leuchten hoben gleicher Zeit, langſam, zween ſtumme, fremde Sonnen ſich, die maͤhlich, Vater, immer hoͤher ruͤckten,

bis ſie verſchmolzen hoch am Himmelsdach.

Und jetzt ward eine Reinheit uͤberall:

in mir, um mich, im Himmel und auf Erden. Und aus den zween Geſtirnen uͤber mir

gebar der eine, ſuͤße Heiland ſich!

Ein Brauſen fing ſich an. Aus tauſend Choͤren hoͤrt' ich ein Wort, wie Sursum corda! oder wie: Gloria in excelsis deo! und

von einer großen Stimme klang es laut: Amen! Was du erbitteſt, ſoll geſchehn!

Des Richterſpruches Haͤrte iſt gebrochen!

Benedikt.

Hm! ja! Ich bin unwiſſend und gebunden

im Irdiſchen, aus meinem Kerker oͤffnen

ſich keine Fenſter in das ewige Licht.

Ich ſchmachte im Dunkeln. Lehr' du mich! ſein Lob richtet er zu in der Unmuͤndigen Mund.

,

Ottegebe, lachend, wie aus innerer Seligkeit: Als er mich manchmal kleine Heilige nannte: meinſt du, er haͤtte damals das gedacht?

Benedikt. Wohl ſchwerlich, Kind. Doch ſtill. Wir muͤſſen nicht mit uͤberheblichen Gedanken ſpielen und wollen nicht die Krone, die uns winkt vielleicht, mit eignen frevlen Haͤnden uns druͤcken auf unſer Haupt. Nimm an, du biſt von Gott berufen und auf gutem Weg, ſo mußt du, eingedenk der ſuͤndigen Art, die uns von Adams Fall her immer eignet, zwiefach behutſam und demuͤtig ſein. Vor Jahren hab' ich deiner Mutter einſt von einem eitlen Reitersmann geſprochen: der war von Menſchenliebe fo bethoͤrt ... das heißt, er hatte ſeine arme Seele an einen Menſchen, ſtatt an Gott gehaͤngt: ein Weib war's! eine Maͤnnin und ſo kam's: als ſich die ſtolze Fraue von ihm wandte, brach er zuſammen, und die ganze Welt ward ihm vergaͤllt. Sieh, ſolch ein Eigenſinn ruht auch in dir: der gleiche! und mir iſt bange, daß du von Gott dich moͤchteſt wenden, wie ich mich damals von der Welt gewandt,

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wenn er dir das verſagt, worauf du ſtarr die Augen hefteſt das dir nicht gewaͤhrt, woran dein Sehnen ſich und Wuͤnſchen haͤngt.

Ottegebe.

Nein, Vater, nein, ich weiß es ganz gewiß ...

Benedikt. Kannſt du in Gottes Plaͤne einzudringen dich unterfangen? Wer mag wiſſen, ob der Mann, den er vom Throne hat geſtoßen, ihm wert der Gnade ſcheint? Sie haben ihn im Keſſeltreiben Grave Conrads Knechte! umſtellt wie einen Baͤren oder Ur. Gott ließ es zu! Und der Salerner Arzt: er ſteht vielleicht mit Satanas im Bunde und iſt ein Seelenfaͤnger, ein Pirat des Hoͤllenmeeres! und die blutige Kur iſt nichts, denn ein verruchtes Bubenſtuͤck? Vielleicht auch iſt der Herr ſchon weit entwichen ... Ottogebe wird ohnmaͤchtig. Vielleicht . .. vielleicht! doch iſt es nicht gewiß Was ift dir? frierſt du? Komm! zuviel! Sie blutet. Du Heilige, kommſt du einſtmals in dein Reich, vergiß mich nicht. Sie mehr tragend als führend, bringt er Ottegebe in die Klauſe zuruck.

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Dritte Scene.

Die Kapelle iſt leer, die ewige Lampe und einige Opferkerzen brennen.

Da hoͤrt man erſt einmal kurz den Laut einer Klapper, hernach tritt,

ſcheu wie ein Verbrecher, unkenntlich in Kapuze und Kutte ver-

mummt, Heinrich ein. Er traͤgt Klapper, Stange und Beutelchen daran.

Heinrich ſchleppt ſich bis an die Stufen des Altars und ſtuͤrzt darauf, wie ein Schutzflehender, nieder. Aus ſeinem Innern ringen ſich keuchend abgeriſſene, verzweifelte Worte.

Beten! ich kann nicht! Gott, gieb mir doch Worte! warum giebſt du mir nicht deine Worte, daß ich beten kann? Thraͤnen! gieb mir doch Thraͤnen! gieb mir Waſſer, daß ich die giftig ſtechenden Flammenzungen im Schutt der ausgebrannten Truͤmmerſtaͤtte ausloͤſchen kann! Toͤte mich! toͤte mich! Du haſt mich hinterliſtig fortgelockt ein boshaft ſchlauer Jaͤger von dem Rande des ſtillen, weiten, tiefen, kuͤhlen Sees, da ich mich eben, einem Biber gleich, anſchickte, in den kalten Grund zu tauchen, wo nichts mehr brennt. Loͤſche mich! loͤſche mich aus! loͤſch' alle Qual des Lichts im ſchwarzen Schoß der Finſternis. Wecke mich nie mehr! denn die Sonne martert mich mit giftigen Pfeilen.

ae =

Schlaf! gieb mir Schlaf! mein Bett ift nicht ein Bett, die Schlangen der Sonne raſen mir im Haupt nachts: rette mich vor dem furchtbaren Lichte! Was ſaͤeſt du Haß? Was haſt du Blindgeborene wie Hagel auf das Erdreich ausgeſchuͤttet,

die ſich zerfleiſchen muͤſſen? Warum naͤhrſt

du mit der Milch des Grams uns? Warum leiden wir in dieſen Sonnenflammen klaͤglich Pein,

ohn' einen Tropfen Kühlung? Gott, vergiß ... vergiß mich wahrhaft! Denk': ich ſei nichts wert: kein Bauſtein deines blutgetuͤnchten Baus!

Auf blutigem Grunde und mit blutigem Moͤrtel gebunden, dehnt er qualvoll ſich empor

voll grauſigen Lebens, das mich ſchaudern macht. Vergiß mich, ungeheurer Bauherr! Was verſchlaͤgt's, wenn dir ein Staubkorn mangelt? wenn du mich von Qual und von Erloͤſung frei giebſt, mich entlaͤßt, verſtoͤßt vom Werk: aus Frohn und Lohn?!

Vierte Scene. Benedikt,

das Laternchen tragend, tritt wieder ein, ſieht den Vermummten am Altar, erſchrickt und fragt:

Was ſuchſt du hier? Wer biſt du? Heinrich.

Frage nicht.

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Benedikt. Was ſuchſt du hier in dieſer fpäten Stunde?

Heinrich. Das ... was ich eben dachte, ſuch' ich. Benedikt. Wie? was heißt das? Heinrich.

Daß der Menſch ein Sieb iſt, Moͤnch, der, was er faßt, nicht faßt.

Benedikt. Wer biſt du? Heinrich. Rate! Benedikt.

Ich bitte dich, du raͤtſelhafter Mann!

du biſt auf einer gottgeweihten Staͤtte

und wo du des Erbarmers Gnade ſuchſt: willkommen! doch vertrau' mir, wer du biſt?

Heinrich. Da ſiehe du zu, Moͤnch, ich weiß es nicht.

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Benedikt. Biſt du nicht einer von den Gottesleuten?

Heinrich.

Ich bin von den Begrabenen.

Benedikt, ſich bekreuzend: Schenke Gott den ſchlummerloſen Geiſtern ſeinen Frieden: doch du erſcheinſt ein Menſch von Fleiſch und Bein.

Heinrich. Rette mich, Vater! Vater, rette mich! rede mit Gott dem Vater, deinem Herrn, daß er mich rettet aus der Wut der Menſchen! Du biſt ſein Diener. Sag' ihm, daß er nun der grauſenvollen Menſchenmeute pfeife, die, raſend vor Jagdluſt und vor Blutdurſt toll, auf meiner Faͤhrte liegt. Wann hab' ich Brunnen vergiftet? aus dem Unrat meines Blutes und Kroͤtenlaich Kuͤglein gemacht und ſie in Quellen verſenkt, daraus die Leute trinken? Wann that ich das? Hilf mir! verſtecke mich, verbirg mich! denn ſie ſind auf meinen Ferſen. Die Scheiterhaufen rauchen rings im Land: verbirg, verſteck' mich, denn ſonſt muß ich brennen.

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Verſchließ' die Thuͤr! ich bin unſchuldig! nein!

nicht oͤffnen! hilf mir! hilf mir! rette mich!

ſie haſſen mich alle! Ja, ich that's, ich ſchlich

mich ſo, mit Kutt' und Klapper, in die Welt,

auf Meſſern ſchreitend, und bei jedem Schritt

traf mich ein Peitſchenhieb ins Angeſicht.

Ich will geneſen, Moͤnch! ich will geneſen!

Mach' mich geſund! Schaff' mir aus meinem Blut

den fuͤrchterlichen Fluch: ich will dich ſtellen

in Haufen Goldes bis hoch an den Hals

reich bin ich: mach' mich rein! Bring' ſie zum Schweigen,

die Stimme, die da unrein! unrein! heult

mir Tag und Nacht ins Ohr: ſo werf ich dir

all meinen Reichtum, alle meine Burgen

und Staͤdte hin wie eine Handvoll Sand.

Rede mit Gott dem Vater, deinem Herrn!

Sag' ihm, er habe mich genug geſchlagen,

erniedrigt und zerquaͤlt: er habe mich

genugſam fuͤhlen laſſen, wer er ſei

es ſei in mir nichts weiter zu vernichten.

Sag' ihm das, Moͤnch! Sag' ihm: ich ſei zerriſſen,

zerſtoͤrt, verdorben iſt mein Balg, ich bin

zu ſchlecht fuͤr eines Hundes Mahlzeit und ...

Gott unſer Herr iſt groß! gewaltig! groß!

Ich lob' ihn! lob' ihn! Außer ihm iſt nichts,

und ich bin nichts doch ich will leben!! leben!!! Er liegt roͤchelnd zu den Fuͤßen des Moͤnchs.

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Benedikt. Ihr ſeid Herr Heinrich von der Aue?

Heinrich. Nein,

der bin ich nicht! Den haben ſie begraben.

Da ſieh! Urteile ſelbſt: ob er noch lebt.

Er reißt die Kapuze herunter, und man ſieht das blaſſe, verhungerte, zerſtoͤrte Geſicht.

Benedikt weicht entſetzt zuruͤck:

Herr, Herr, Ihr ſeid es wirklich.

Heinrich.

Sag' mir das! Faſſ' mich ins Auge, forſche, ob ich's bin. Denn ob ich gleich nichts bin als irgend was, das, umgetrieben, raſtlos Qualen duldet, ſo ſchwatzt im Grunde meines Wahnſinns was, das ſtoͤrriſch prahlt: ich ſei ein Fuͤrſt geweſen und einer von den Großen dieſer Welt. Wer bin ich? Sag' mir das! Ich bin begraben zu Konſtanz, juͤngſt, in meiner Vaͤter Gruft und lebe: oder traͤum' ich dies im Grab? Was meinſt du? Traͤum' ich? Leb' ich? Iſt es Traum, daß ich begraben ward mit Glockenlaͤuten und ſelbſt dabei ſtund, als ſie meinen Sarg mit den Inſignien der Fuͤrſtenmacht

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voruͤbertrugen? Iſt es Traum geweſen,

daß von der Fackel eines Fackeltraͤgers

ein Floͤcklein Feuers mir den Fuß verſengt'?

und ich den Vetter Conrad ſagen hoͤrte,

als er hohngrinſend aus der Kirche ſchritt:

Laßt ſehn, ob ſolch ein Schwein die Gruft kann ſprengen?

Sagt mir, ob dies der gleiche Conrad iſt,

der erſtens, der mir Sarg und Gruft beſorgte:

und jener, den ich unten in Maroch

mit Barren Goldes einſtmals losgekauft?

Und bin ich jener, wie, der das gethan?

oder der bettelarme Lumpenhund,

der, wenn ein Kohlkopf auftaucht in den Feldern,

der eines Menſchen Bildung nachaͤfft, gleich

erſchrickt, zu ſchlottern anfaͤngt, ſieben Huben

umkriecht vor Angſt, durch Graͤben, Dorn und Pfuͤtze,

um nur der Gorgo nicht ins Aug’ zu ſeh'n?!

Benedikt. Ihr ſagtet einſt zu mir in einer Stunde, wo ein gelaſſ'ner Geiſt Euch ganz durchdrang ... Weltweisheit, ſagtet Ihr, und Religion hat einen tiefen Sinn gemeinſam: den, mit Gleichmut uns zu wappnen; eine Lehre: die, ſich in Gottes Willen zu verſenken, ganz willenlos.

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Heinrich, jaͤh verwandelt: Nein! nein! das will ich nicht!!! Wo iſt das Kind? Benedikt,

erſchrocken: Was fuͤr ein Kind?

Heinrich. Die Magd! Das Kind! Die Naͤrrin! Pachter Gottfrieds Tochter!

Benedikt. Warum? Was iſt's? Was wollt Ihr mit dem Kind?

Heinrich. Wie? Was ich will? Was willſt du mit der Frage?

Benedikt.

Ergruͤnden, was ein Chriſt im Sinne traͤgt.

Heinrich,

wild: Iſt Gott barmherzig?

Benedikt.

Ja.

Heinrich. Kann er mich retten? 9

son Benedikt. Heinrich.

Kann er mich erretten durch ein Kind? Und kurz und gut: wo iſt ſie?

Benedikt. Wer? Ihr ſeid

Ja.

ein Edelmann, Herr!

Heinrich. Und du biſt ein Schurke.

Benedikt. Meint Ihr das arme, ungluͤckſelige Ding,

das ſeinen Weg zu Gott im Dunkel ſuchte und furchtbar, hart am Abgrund, irre ging?

Heinrich.

Irr' oder nicht: ſie iſt bei dir!

Benedikt. Nein.

Heinrich. Nicht? Hoͤr' mich, Moͤnch! Moͤnchlein, ſieh mir ins Geſicht

genau, auf daß du jedes deiner Worte erſt waͤgen kannſt, bevor du eines ſprichſt.

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Und ſollteſt du die Warnung, eingegraben

von gluͤhenden Dornen in blutruͤnſtiger Schrift hier! nicht verſtehn .. . auf meinem Angeſicht: ... ſo waͤre deine Sanduhr abgelaufen,

du muͤßteſt koͤpflings ins Verderben gehn!

Benedikt. Herr, Eure wilde Drohung ſchreckt mich nicht. Zwar ſeid Ihr fremd und furchtbar, und die Blitze des Abgrunds zucken durch den heiligen Raum. Doch feine Kinder wird der Vater ſchuͤtzen ...

Heinrich. Nichts wird dich ſchuͤtzen, niemand! wenn du luͤgſt. Wo iſt ſie? Sie iſt hier! Ich bin geſchlichen zwei Naͤchte lang um Pachter Gottfrieds Haus und habe das Gemahl nicht koͤnnen finden, obgleich ich doch an jedem Spalt gelauſcht und ſpaͤhend auf der Lauer bin gekrochen durch Zaun und Hecke, wie ein Edelmann! Sie iſt bei dir, ein Knecht verriet's im Stall, er ſagte, ſeiner Stute Weichen klatſchend: Sei folgſam! Nicht wie unſeres Meiers Kind! Sonſt mußt du mit dem Kappelmoͤnch zur Freite.

Benedikt. Was aber, Herr ... ſagt mir jetzt lieber dies: warum Ihr diebsgleich Gottfrieds Haus umſchlichet? Was wolltet Ihr mit Ottegebe thun? 9 *

132

Heinrich. Maulaffen fangen! An des Kaiſers Hof: und fuͤr drei rote Heller ſie verhandeln. Ja, Moͤnch, das wollt' ich. Nichts was geht's

N dich an. Benedikt.

Herr habt Ihr uns nicht damals ſelbſt belehrt... Heinrich.

Wer bin ich, daß ich jemals wen belehrte? Zum Dank belehr' nun du mich, wo ſie iſt.

Benedikt. Nicht hier! nicht bei mir!

Heinrich. Nicht? Wo iſt ſie denn?

Benedikt. Heinrich. Wo waͤre ſie?

Benedikt. In Gottes Haͤnden.

Heinrich.

Sie iſt bei Gott. Was heißt das? wirklich tot?

Bei Gott.

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Benedikt. Nein: wer bei Gott iſt, lebt.

Heinrich. Sie iſt geſtorben?

Benedikt. Nur fuͤr die Welt und als des Himmels Braut.

Heinrich.

Gut, Moͤnch. Ich weiß es, haͤtt' es ſollen wiſſen. Zieh' feſt die Schlinge zu! es iſt genug.

Erſchoͤpft und gebrochen: Zum letzten Male denn: Moͤnch, dieſer Tag hat mich gelehrt: ſo arm iſt keiner, Gott kann ihn noch aͤrmer machen. Denn wo nahm ein Raͤuber je dem alles, der nichts hat!? Wohl, wohl, das Kind iſt tot! ſie iſt geſtorben, iſt hin. Als mir ein weißer Lazarus die Maͤr', wie ſie geſtorben iſt, erzaͤhlte daß ihr das Herz brach um den ſiechen Herrn! da ſtieß ich mit der Macht des Wahnſinns nieder den fuͤrchterlichen Schrei, der in mir rang, und ſchwieg und glaubt' es nicht. Dann aber flogen die Fuͤße mir! Wohin? ich wußt' es nicht: durch Felder, durch Geſtruͤpp, bergauf, thalunter, durchs Rinnſal wild geſchwollener Baͤche, bis ich hier an dieſer letzten Schwelle ſtand.

134

Warum denn lief ich? welcher goldene Preis ließ mich ſo ſpringen, einem Laͤufer gleich?

Was dacht' ich hier zu finden? War es nicht,

als riß ein Feuerwirbel jaͤh mich fort?

als waͤr' ich ſelbſt ein Brand, ein wilder Haͤher, der ſchreiend und brennend durch die Waͤlder faͤhrt? Mir war... rings klang die Luft: fie iſt nicht tot! ſie lebt! Dein klein Gemahl iſt nicht geſtorben! Und dennoch ... dennoch ſtarb fie,

Fuͤnfte Scene. Ottegebe

erſcheint in dem Thuͤrchen zur Klauſe; hauchend, kaum hoͤrbar:

Nein! ſie lebt. Heinrich,

ohne ſie zu ſehen, noch zu erkennen; ebenſo: Wer ſprach das? Ottegebe. Ich!

Heinrich. Wer?

Benedikt, leiſe, heftig: Geh! was willſt du hier?

135

Heinrich. Wer ſprach das, Moͤnch?

Benedikt.

Ich hoͤrte niemand.

Ottegebe. Ich!

Heinrich.

Du? wer? Noch einmal! wer? wer hat geſprochen?

Ottegebe. Ich! Ottegebe, Euer klein Gemahl.

Heinrich,

eine Weile in unfäglicher Beftürzung ſtumm, hernach: Wer? Unrein! unrein! nein, bleib! rede nicht Zwar denk' ich, daß du nur ein Schatten biſt, und weiß es doch kein Sterblicher kann wiſſen, ob das abgruͤndiſche Gift in meinem Blut der ſeligen Geiſter ſchont. Komm mir nicht näher! nein, bleib! ich weiß, daß du nicht ſterblich biſt: doch mir... mir kannſt du ſterben! und ich will, daß du in meines brechenden Auges Grund als letzter Funke lebſt. Nein, nein, du biſt nicht Ottegebe! Deine Stirne iſt

136

wohl rein und hoch und weiß, wie ihre, doch

du biſt nicht Staub. Aus deiner Stimme klingt wohl etwas ... was? Es iſt mir mehr vertraut, wie meiner toten Mutter Wiegenlieder.

Und dennoch biſt du nicht das Pachters-Kind

biſt nicht mein klein Gemahl, haſt nicht geſeſſen

zu meinen Fuͤßen und mit deinem Haar

die Wunden mir getrocknet: ſag' mir das! Waͤrſt du . .. du biſt es nicht! ... waͤrſt du es doch: dann ... dann . . . wie ſollt' ich dann das Licht erfaſſen, das meines ſeligen Kerkers Wand durchbricht? Dann war ich blind Zeit meines Lebens, und

erſt tief im Abgrund fand ich das Geſicht!

Dann, ſtatt zu fluchen, muͤßt' ich ſegnen! danken, ſtatt anzuklagen, dem, der mich gefuͤhrt:

und von des Thrones Hoͤhe muͤßt' ich mir ſtuͤnd' ich noch einmal dort die Stufen graben mit Naͤgeln und Zaͤhnen bis in dieſe Gruft,

darein das Nichtallmaͤchtige mich verſtoßen

mit erzbarmherziger Fauſt. Du biſt es nicht Salve regina! Sei mir Gott gnaͤdig!

Er bricht zuſammen. Sein RNoͤcheln loͤſt ſich in Schluchzen, und ſeine Seele befreit ſich in Thraͤnen.

Ottegebe erſcheint in der ſeltſamen Beleuchtung der Kapelle faſt unkoͤrperlich und wie von einer Glorie umſtrahlt. Sie tritt zu dem Hingeſunkenen, ſtützt ſich auf ein Knie, hebt ſein Haupt mit beiden Haͤnden empor

137

und kuͤßt ihn auf die Stirn. Er ſtarrt ſie an, gehorſam wie ein Kind, als ſei ſie eine Himmelserſcheinung, und auch der Pater iſt außer Faſſung in die Kniee geſunken:

Komm, es iſt ſpaͤt geworden, armer Heinrich. Heinrich. Ottegebe.

Komm!

Benedikt. Wo willſt du hin?

Salve regina!

Ottegebe.

Gehn, meinen himmliſchen Geburtstag feiern.

Benedikt. Unter dem Meſſer des Salerner Arztes?

Ottegebe. Dank, Pater Benedikt! Gedenke mein!

Benedikt. Was ſoll ich deinem armen Vater ſagen?

Ottegebe. Im Himmel iſt mein Vater, und ich will eher als du bei meinem Vater fein...

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Benedikt, zu Heinrich:

Heinrich. Frag' ſie: ich weiß es nicht.

Wo wollt ihr hin?

Ottegebe. Komm, armer Heinrich, komm! verziehe nicht! Willſt du mich, Pater, an die Erde binden mit Stricken? Soll das Scherflein meines Bluts mir noch zuletzt durch dich entwendet ſein, fuͤr das ich kann die Himmelskron' erkaufen?

Heinrich.

Jungfrau, du biſt mein...

Ottegebe.

Gottes bin ich. Nein. O, weh' mir! Komm! Was ſprichſt du?

Heinrich. . . . denn mir iſt

nur eben ſo viel Leben zugemeſſen, als deine heilige Hand mir ſchoͤpfen kann!

Ottegebe. Ich will dir ſchoͤpfen aus dem Brunn des Heils.

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Doch nicht in eurer Welt. Komm! komm! Es iſt beſtimmt im Rat. Ich muß! ich will! ich muß! und Menſchenworte ſollen mich nicht hindern.

Die heilige Agnes ...

Benedikt.

Biſt du Gottes Braut, ſo will ich, Kind, dich, wie ich geh' und ſtehe, ins Kloſter bringen: gleich, im Augenblick

Ottegebe.

Nein, Vater!

Heinrich. Jungfrau, wohl, ſo folg' ich dir. Fuͤhr' mich ins Leben! Fuͤhr' mich in den Tod! zum Roſt des heiligen Laurentius, zum Scheiterhaufen Polykarps: ich will jedweden Henkers lachen, dir zur Seite, wie du, und deines Worts Blutzeuge ſein.

TER) 2 |

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Fünfter Akt

Ein Saal im Schloß zu Aue. Durch eine Thür im Hintergrund blickt man in eine anſtoßende Kapelle mit Altar ꝛc. Aueſche Fahnen, Kreuzpaniere und ſonſtige Reliquien find darin aufgehängt. Rechts von der Kapelle, in gleicher Flucht, eine romaniſche Loggia. Auf der linken Seite des Saales ein reich behangener Thronſeſſel mit Stufen unter einem Baldachin. Es iſt ein ſtrahlender Spaͤtfruͤhlings⸗ morgen.

Erſte Scene.

Hartmann von der Aue in reicher Kleidung, Pater Benedikt und Ottacker, der wie fruͤher gewappnet iſt.

Benedikt, mit Hartmann in engem Geſpraͤch, während Ottacker reſpektvoll = abſeits ſteht: iss heißt, daß er zu Aachen im Turnier, 2 von einem Ritter durch den Helm ge—

ſtochen,

Reli...

Ottacker. Und ins Gras biß!

Hartmann. Waͤr' es wirklich, wie

Ihr ſagt und faſt die gleiche Kunde, Pater, drang ſchon zu mir von Grave Conrads Fall ſo ſind, ein frommer Dienſtmann darf es ſagen, die Wege Gottes doppelt wunderlich: denn jetzt Ihr wißt, daß ich mit knapper Not dies feſte Schloß dem alten Herrn erhalten! jetzt eben hat der Wind mir zugeweht dies Brieflein ſeiner feſten Manneshand.

N VA ag

Benedikt. Aus Welſchland? Ottacker. Nein, ich kenn' ihn, der es brachte: es iſt ein Koͤhler aus dem Zaſtlerthal.

Hartmann. Nun? Und du haſt ihn ausgefragt?

Ottacker. Potz! Ja! Ich hab' ihn ins Gebet genommen, freilich, doch dieſer eigenſinnige Racker iſt ſo ſtumm und maulfaul wie ſein Koͤhlerbaum.

Benedikt. Meint Ihr, er ſei im Zaſtlerthal bereits?

Ottacker. Streckt mich, wo unſer Herr nicht dort iſt!

Hartmann. Ja. Wo ſonſt? Wer haͤtte ſonſt den Brief geſchrieben? der leſt! zwar vieles Dunkle noch enthaͤlt, doch ziemlich ſicher laͤßt ſo viel erraten, daß er vielleicht ſchon heut wird bei uns ſein.

145

Benedikt. Hier ſeht mein Brief, lateiniſch abgefaßt, ſtammt aus Venedig ...

Ottacker. Bei Sankt Annen! Mir, ſo ſcheint es, hat er keinen Brief geſchrieben.

Hartmann. Und was enthaͤlt er?

Benedikt.

Wenige klare Worte: zwar haͤtt' ich faſt ihn damals arg erzuͤrnt, allein, er wolle chriſtlich mir vergeben ...

Ottacker. Gott geb' uns allen Abſolution!

Benedikt. .. nur ſoll ich jetzt gehorſam mich erzeigen und früh am Morgen zu Johannis Tag in Aue ihm die Schloßkapelle richten.

Hartmann, mit ahnungsvoller Heiterkeit: So ſeid Ihr alſo hier und koͤnnt es thun. Nehmt dieſen Schluͤſſel denn dem Himmel Dank und meinen dreizehnhundert Rittern und Knechten, 10

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daß ich ihn halten konnte hier am Ring! dank ihm erhielt ich wiederum die Knechte .. Nehmt ihn und ſteigt hinab ins Schatzgewoͤlb' glaubt mir, dem Grafen Conrad waͤſſerte

der Mund gewaltig, das zu thun! und holt das ſchwere, goldene Meßgeſchirr herauf

aus Kaiſer Karols Zeit.

Benedikt

nimmt den Schluͤſſel:

Wie Ihr befehlt. Was denkt Ihr wohl: meint Ihr, er ſei geneſen?

Hartmann, achſelzuckend: Ja, Pater Benedikt, das weiß ich nicht.

Benedikt. Iſt das Geruͤcht auch bis zu Euch gedrungen, wonach die Wunderkur des Arzts gelang?

Hartmann. Ja, dies Geruͤcht und andere. Zwanzigmal hieß es: er ſei geſtorben zu Florenz, zu Padua, zu Ravenna ... liege tot zu Monte Caſſino, ſei ertrunken, ſei erſtochen, ſtuͤrzte in den Atna ſich! Und andere hundert Male hieß es dann:

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ein Engel habe ihn geſund gekuͤßt, das Bad zu Pozzuoli ihn gereinigt, der Meiſter zu Salerne ihn geheilt.

Benedikt, ſeufzend: Was ſoll man glauben und was ſoll man thun?

Hartmann. Denkt Ihr wie ich: von feſter Treue ſein!

Benedikt. Und Ottegebe?

Hartmann. Pater Benedikt —! Iſt unſer Herr geſund, ſo will ich ſagen, der Himmel habe dieſe Heilige ihm erweckt, auf daß er lebe, und ihr Tod mag Gottes Fuͤgung ſein.

Benedikt. Wohl! Immerhin, es bleibt ein bittres Amt, ihn zu empfangen: denn was ich ſah, Herr Ritter, mittlerzeit und durchgemacht, ſeitdem das Kind entwichen wir haben ſie geſucht: Gottfried, Brigitte und ich, von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt,

in Hoſpitaͤlern, in den Laſterkellern 10*

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des Elends nein, Herr, das vergißt ſich nicht. Und außerdem ... wär’ ich von Mitſchuld frei! Jedoch es niſtet hier in meiner Bruſt

ein grimmer Vorwurf, der nicht ſchweigen will.

Hartmann. Ihr habt die Magd gekannt von Jugend an?

Benedikt. Wie meine Tochter, wie mein eigenes Kind! Und haͤtt' ich ganz als eigen ſie erachtet, haͤtt' ich ihr koͤnnen ganz ein Vater ſein. So war ich nur ein Mietling und kein Hirte.

Hartmann. Soll ich Euch ſagen, was mich will beduͤnken? Frau Venus hat's der Dorfmaid angethan!

Benedikt. Irdiſche Minne war's: Herr, Ihr habt recht. Die hoffnungsloſe Minne iſt's geweſen, die alles hoffen, alles dulden muß. Den gleichen Irrweg bin ich einſt getreten und doch, vom Schein des Himmliſchen bethoͤrt, konnt' ich ihn, blind, auch diesmal nicht erkennen.

Hartmann. Ich denke nicht ſo, Pater Benedikt. Mir iſt das Kind auch heute noch die Heilige!

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Was himmliſch ſchien, iſt himmliſch, und die Liebe bleibt himmliſch, irdiſch immer eine nur.

Benedikt. Weltliche Weisheit! Nun: haͤtt' ich davon in harten Pruͤfungsſtunden mehr beſeſſen!

Hartmann. Es trieb ſie fuͤr Herrn Heinrich in den Tod. Warum? der Sache hab' ich nachgehangen. Im Tod hat ihre Liebe triumphiert: er war ihr lieberzwingendes Bekenntnis!

Benedikt. Haͤtte das Kind ſein Leben ſo gelaſſen, ſo waͤr's ein Liebeswunder, ſtaunenswert! Wahrlich, man moͤchte drum getroͤſtet ſein. Doch glaub' ich's nicht mehr nein: die Perle iſt gefallen und erloſchen in der Pfuͤtze. Gott mag's dem Herrn... mir ſoll er nie verzeih'n!

Hartmann, zu Ottacker, der Miene macht, hinauszugehen: Wo willſt du hin, Ottacker? Ottacker macht eine abwehrende Bewegung, ſteht widerwillig: Nun? Was iſt? Zu Benedikt: Kennt Ihr wohl dieſen wackren Reitersmann?

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Benedikt. Nein. Hartmann.

Nicht? Er ſteckt voll putziger Geſchichten, die er nicht nur bei Knecht und Magd im Stall, ſondern auch oftmals in der Kindlein Stuben zum beſten giebt.

Ottacker.

Daß mich der Donner! ... Herr, was Ihr damit wollt meinen, weiß ich nicht!

Hartmann. | Er flucht, daß ſich der Himmel möchte buͤcken, ſchwoͤrt, daß die Kroͤten huͤpfen oder nicht? er habe nie dem armen Pachterskinde die Maͤr' von dem Salerner Arzt erzaͤhlt.

Benedikt. Seid Ihr der Mann?

Ottacker.

Wer ſoll ich ſein? Wie? Was? Fahre der Teufel! ... Herr, ich will nicht fluchen... Laßt mich getroft auf meine Schanze gehn.

Ottacker ab.

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Zweite Scene.

Hartmann. Jawohl! Der iſt es. Benedikt. Der den Herrn verließ? Hartmann.

Und in den Kindskopf boͤſe Raupen ſetzte!

Sein Schaͤdel iſt ein Neſt voll Schlangeneier, wovon die fliegende Hitze ſeines Leibes

faſt ſtuͤndlich eins auskriechen macht. Er ſchleppt Euch Holz, voll Andacht, zu den Scheiterhaufen Ausſaͤtziger und Juden, iſt geſpickt

mit Amuletten, glaubt an Leichenvoͤgel, Diebsfinger, traͤgt ein Flaͤſchlein Menſchenbluts allzeit im Sack und ſchwoͤrt auf alle Dinge,

die aͤngſtlich, fremd und unbegreiflich ſind.

Benedikt. Die Welt ift voll Dämonen. Immerhin! Doch Untreu' ſchaͤndet.

Hartmann.

Seht: und dieſer Mann, der feiger Weiſe einſt den Herrn verließ, warf ſich noch juͤngſt, von dieſer Burg herab, den Feinden dieſes gleichen Herrn entgegen: ein ſchaͤumender Keiler voller Todesmut.

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Dritte Scene. Ottacker

kommt ungeſtuͤm wieder hereingeſtuͤrzt: Der Teufel fahr' in meinen Mund, Herr! aber nun gebt mir Urlaub.

Hartmann. Wohin willſt du?

Ottacker. Fort!

Unten im Hofe ſteht ein alter Mann und, Gott verzeih' mir's, eine alte Vettel .. zum Teufel! lieber doch ins Mohrenland.

Hartmann, vom Fenſter in den Hof blickend: Gottfried! Brigitte! Pater, meiner Treu, die beiden Alten ſind's vom Wehrawalde! Ottacker ab.

Vierte Scene.

Benedikt. Verſteht Ihr das? Hartmann. Nicht ganz. Allein mir iſt, als hab' es uns nichts Übles zu bedeuten. Denkt Eures Altars! Alle Zeichen ſprechen,

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und dieſes neue hier zu allermeift,

daß unſer alter Herr in alter Weiſe

und planvoll wiederum das Steuer fuͤhrt. Ein guter Heiliger begann den Tag,

ihm denk' ich mich, naͤchſt Gott, zu uͤberlaſſen.

Fuͤnfte Scene.

Ein Moͤnch, die Kapuze vor dem Geſicht mit der Linken zuhaltend, in der Nechten den Pilgerſtab, erſcheint und geht haſtig quer durch den Raum.

Hartmann erſchrickt und ſtellt den Moͤnch: Wo willſt du hin? Wie kamſt du durch die Wachen? Der Mönch deutet durch Zeichen an, daß er mit ihm allein fein wolle. Geht! Nachricht bringt er, ſcheint's, fuͤr mich allein. Benedikt ab.

Hartmann, das Schwert ziehend:

Der fremde Moͤnch.

Hartmann!

Jetzt rede!

Hartmann. Heinrich!!! Gnaͤdiger Gott!

Heinrich und Hartmann liegen einander ſtumm in den Armen.

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Heinrich. Gott ſprach zu mir: Geh, zeige dich den Prieſtern.

Hartmann. Geneſen? Und . .. 2

Heinrich. Das Kind? ſchick' in den Wald und heiß dir das Gemahl ſelbſt Antwort geben.

Hartmann. Nun beim lebendigen Gott! ſo lebt das Kind?

Heinrich.

Meinſt du, ich ſtuͤnde hier, waͤr' ſie geſtorben?

Hartmann, feſt:

Heinrich, ebenſo: Nein, Hartmann. Erneuen die Umarmung. Sich loͤſend: Wohl! vorerſt genug! Wie mittlerweile alles ſich gefuͤgt bis hierher, wo ich mit geſunden Fuͤßen nun wieder trete dieſen alten Stein und braven Felſen meiner Stammburg ... ſtill!

Nein, Herr.

=

155

Von allem, was ich weiß, erfuhr, erlebte, ergruͤndete, erlitt: von allem ſtill

bis auf gelegene Zeit. O, guter Hartmann ...! Geduld!

Hartmann. Wißt Ihr, daß Euer Vetter Conrad zu Aachen, ſchwer verwundet beim Turnier, darniederliegt?

Heinrich. Er fiel vom Pferd, ich weiß, von niemand, als dem eignen Gaul geworfen, und ſtarb unruͤhmlich! Ja, die Englein ſchwingen den Wuͤrfelbecher! Still davon, mein Freund, und zu des Tages dringenden Geſchaͤften. Wo iſt der tapfere Pater Benedikt?

Hartmann. Den Altarſchmuck zu holen im Gewoͤlbe.

Heinrich. So ſag' ihm, daß er ſich damit beeil', und pluͤndert mir die Myrten, guter Freund, im Kreuzgang, ja! denn ich will Hochzeit halten heut, ohne Zoͤgern, und der Thorwart ſoll ein ſchlichtes Kraͤnzlein binden, groß genug fuͤr eines jungen Pachterkindes Haupt.

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Hartmann. Was fagt Ihr? Heinrich. Nichts, Freund, als juſt eben das! Und ferne ſei mir, was ich feſt beſchloſſen, vor Menſchen zu verteidigen. Es iſt ſo, wie es iſt! Und damit ſei's genug.

Als mich der erſte Strahl der Gnade ſtreifte und eine Heilige zu mir niederſtieg, ward ich gereinigt: das Gemeine ſtob aus der verdumpften und verruchten Bruſt, der moͤrderiſche Dunſt der kalten Seele entwich, der Haß, der Rachedurſt, die Wut, die Angſt die Raſerei, mich aufzuzwingen den Menſchen, ſei's auch durch gemeinen Mord, erſtarb. Doch ich blieb hilflos! Angeklammert hing ich betaͤubt an meiner Mittlerin und folgte blindlings allen ihren Schritten. In ihre Aureole eingedraͤngt ... in ihrem Dunſtkreis konnt' ich wieder atmen, und Schlaf, der mich gemieden hatte, ſchloß, wenn ſie die Hand mir auf die Stirne legte, mein Herz vor den Daͤmonen wieder zu!

Pater Benedikt erſcheint. Dich ſuch' ich! Dich vor allem, Pater, komm! Hilf mir! Ich bin geſund! Ich bin geneſen!

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Am Ziel und doch auch, Pater, weit vom Ziel. Sprich nichts! Sag' nichts! Hör’ weiter meine Beichte! Da traf der andere Strahl der Gnade mich.

Was ſoll ich ſagen? An dem neuen Strahl,

der aus des Kindes ſchweren Wimpern zuckte ... ſie lebt! ſchau' nicht ſo wachsbleich, alter Mann! gebar aufs neue meine Liebe ſich

in die erſtorbene, finſter drohende Welt.

Und in der Flut des lichten Elements

entzuͤndeten die Huͤgel ſich zur Freude,

die Meere zur Wonne und die Himmelsweiten

zum Gluͤcke wiederum und mir im Blut

begann ein ſeliges Draͤngen und ein Gaͤren erſtandener Kraͤfte: die erregten ſich

zu einem ſtarken Willen, einer Macht

in mich! faſt fuͤhlbar gen mein Siechtum ſtreitend. So rang's in mir! Noch ward ich nicht geſund, doch fuͤhlt' ich eins: daß ich es mußte werden oder mit ihr den gleichen Tod beſtehn.

Ihr Herrn, ſie zog mich bis Salerne fort, gegen mein Reden, gegen meine Bitten. Ich wollte ihr Geluͤbde brechen, und

es uͤberwand mich. Zwar: das Paradies des Suͤdens hemmte oftmals ihren Schritt. Im blumigen Smaragd des Apennins

ftand fie wohl ſtarr und von der Pracht betroffen ... oder am Strand, ſtill: bleich vor Schmerz und Gluͤck doch dann . .. In ſolchen Augenblicken ſchien fie mir groß! ſchien zum Seraph mir emporgewachſen! ... doch, ſagt' ich, dann verſchloß ſie ſich der Welt, und wie vom Hunger nach dem Tod ergriffen, zwiefach, zog ſie mich dann gen Suͤden fort.

Wir ſtunden vor dem Arzt trotz allem, ja,

wie ich euch ſagte: unten in Salerne.

Er ſprach zu ihr. Er fragte, was fie wolle? Sterben fuͤr mich. Er ſtaunte, zeigte ihr

die Meſſer, das Geraͤt, die Folterbank,

riet zehnmal ab ... doch alle feine Worte

beirrten ſie nicht einen Augenblick:

da ſchloß er ſich mit ihr in feine Kammer. Ich aber . .. nun, ich weiß nicht, was geſchah ... ich hoͤrte ein Brauſen, Glanz umzuckte mich

und ſchnitt mit Brand und Marter in mein Herze. Ich ſah nichts! Einer Thuͤre Splitter flogen, Blut troff von meinen beiden Faͤuſten, und

ich ſchritt mir ſchien es mitten durch die Wand! Und nun, ihr Maͤnner, lag ſie vor mir, lag,

wie Eva, nackt ... lag feſt ans Holz gebunden! Da traf der dritte Strahl der Gnade mich:

das Wunder war vollbracht, ich war geneſen! Hartmann, gleichwie ein Koͤrper ohne Herz,

ein Golem, eines Zauberers Gebilde

ol.

doch keines Gottes thönern oder auch

aus Stein... oder aus Erz, bift du, ſolange nicht der reine, grade, ungebrochene Strom

der Gottheit eine Bahn ſich hat gebrochen

in die geheimnisvolle Kapſel, die

das echte Schoͤpfungs-Wunder uns verſchließt: dann erſt durchdringt dich Leben. Schrankenlos dehnt ſich das Himmliſche aus deiner Bruſt,

mit Glanz durchſchlagend deines Kerkers Waͤnde, erloͤſend und aufloͤſend —: dich! die Welt!

in das urewige Liebes-Element.

Geh, leite ſie herauf.

Hartmann ab.

Pater, ſie iſt hier. Doch du wirſt das Maͤgdlein nicht mehr finden, wie du's gekannt haſt. Noch in jener Stunde, da ich ſie losband von des Meiſters Tiſch und mir das zitternde Geſchenk des Himmels davontrug, brach ſie in ſich ſelbſt zuſammen. Erſt lag ſie da, in Fiebern, wochenlang, und als ſie ſich erhob vom Krankenbette, war ſie verwandelt. Ob die Fuͤße kaum ſie auch ertrugen, doch beſtieg ſie nicht den Zelter, den ich ihr zur Reiſe dang. Mit Gliedern, ſchwer wie Blei, an meiner Seite muͤhſelig laufend, ſchien ſie mich zu fliehn, und ſchaudernd nur ertraͤgt ſie meine Naͤhe.

160

Benedikt. Wo iſt ſie? Bringt mich zu ihr. Herr, vergebt: mir iſt die Zunge ſchwer in dieſer Stunde der Dankbarkeit. Sie kommt! Laßt uns allein. Heinrich zieht ſich in die Kapelle zuruͤck.

Siebente Scene.

Ottegebe wird von Hartmann hereingefuͤhrt. Sie erſcheint bleich und uͤbermuͤdet, iſt barfuß und wie eine Pilgerin gekleidet und geht am Stabe.

Ottegebe, mit unſaͤglichem Staunen um ſich blickend: Wo bin ich, Herr? Hartmann. Im Schloß zu Aue

Ottegebe. Wo? Hartmann. Im Schloß zu Aue!

Ottegebe.

Wo? in welchem Lande?

Hartmann. Im Schwarzwald, Herrin, und auf heimiſchem Grund!

161

Benedikt.

Sieh' mich doch an: willſt du mich nicht mehr kennen?

Ottegebe, hartnaͤckig gruͤbelnd: Verzieh' ein wenig! ? Mit angſtvollem Jubel ſich an ſeine Bruſt werfend:

Pater Benedikt! Sag' niemand .. niemand, Vater! wer ich bin. Hilf mir! Sei treu! Sei gut! Sei mir barmherzig, daß bodenloſe Scham mich nicht verbrennt.

Benedikt.

Nun ... nun .. gemach! Ich will dich wohl verbergen, wenn anders du nicht wohl geborgen biſt . ..

Ottegebe.

Ja, hier bei dir ... in deiner ſtillen Klauſe ... Benedikt.

Wie? Ottegebe.

Hier bei dir, geborgen, tief im Wald ...!

Benedikt.

Komm doch zu Sinnen, wegemuͤdes Kind! Du irrſt: die Voͤgel ſpielen in den Gruͤnden, 11

Naben

und davon ſchallt Gezimmer nur und Saal im Schloß. Wir ſind hier nicht in meinem Walde.

Ottegebe. Ich kann mich nicht beſinnen, wo wir find! —? Komm tiefer ... tiefer, Vater, in die Berge! Hoͤr' mich.. nein! ſpaͤter. Komm! Nein, noch nicht hier. Ich log! Ich bin verdammt! Ich bin verworfen!

Benedikt. Nein, Jungfrau, gegen dich zeugt deine That. Du warſt bereit, dein Leben hinzugeben zur Suͤhne fuͤr des armen Heinrichs Not. Gott aber that dir, wie dem Iſaak: er nahm das Opfer liebreich vom Altare!

Ottegebe.

Ich ſtarb ſtarb auf dem Altar! ward verzehrt von einem harten, wilden, fremden Feuer,

davon ich loderte im tiefſten Mark.

Ich wollte ſchreien: Hoͤlle, laß mich los!

Der Laut gerann auf meinen gierigen Lippen. Stoß' zu, eh' ich verderbe, ſchlechter Arzt!

aͤchzt' ich. Umſonſt! Die durſtigen Glieder fogen des Feindes Gift ſchon lechzend in ſich ein.

Und eh' die Englein Hoſianna ſangen,

ſtarb mein Verlangen an des Satans Bruſt!

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Benedikt, fie während des Nachfolgenden ſtuͤtzend und gegen den Thronſeſſel geleitend.

Was ſoll man zu dem allen ſagen? Sieh':

du kennſt mich, weißt, daß auf der weiten Erde mir nichts ſo nah' am Herzen ruht als du. Beherzige denn des alten Beichtigers Worte! Der Arzt, der Meiſter, mag ein Teufel ſein: doch gerade darum ward der Herr erreget

zur Rettung juſt im letzten Augenblick.

Und ſo lagſt du nicht in des Teufels Arm, ſondern an deſſen Bruſt, um deſſen Seele

du rangeſt und der nun um deine rang.

Ottegebe, in tiefer Erſchoͤpfung auf den Thronſeſſel ſinkend: Ich log! ich rang um ſeine Seele nicht! und darum ſtellte Gott mich an den Pranger. Sie ſchlaͤgt die Hände vor's Geſicht.

Heinrich,

leiſe aus der Kapelle, kniet vor ihr nieder: Blick' um dich! zittere nicht! Du biſt die Taube im Kaͤfig nicht ich bin die Schlange nicht, daß du vor meinem Blicke brauchteſt beben. Doch biſt du mein: des Mannes, der ich bin: der dein iſt. Kein Verſucher bin ich, nein! bin ein Verſuchter bin, wie du, verſucht.

11*

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Und ob du freier ſchon von Schlacken biſt, ſo hat auch mich das Feuer ſo geadelt, daß ich, als Ring gelaͤuterten Metalls,

den Demant reinen Waſſers weiß zu faſſen, der deine unbefleckte Seele iſt.

Und alſo, klein Gemahl, ſag' mir ein Wort, ganz leiſe nur, auf meine leiſe Frage;

dann magſt du von den uͤberſchweren Muͤhn des langen Morgens, der ſich uns nun endet in einen klaren Tag, dich ausruhn. Wollteſt du mir nicht mein Leben wiederſchenken und deins dafuͤr geben? Gieb mir deines denn: es iſt, es war von Ewigkeiten mein!

Du meine todgetreue Dienerin:

laß mein Gebot dich heute wiederum,

zum allerletzten Mal, gehorfam finden

es lautet: ſei fortan mir Herrin! ſei mein Weib!

Ottegebe

hat die Augen weit und verzuͤckt aufgethan und hernach, wie von einer ungeheuren Lichterſcheinung betaͤubt, langſam zugeſchloſſen

Benedikt.

Sie iſt im Sturm des Lichts entſchlafen und doch hat ſie die Glorie noch geſehn.

165

Heinrich, aufſpringend, mit Entſchloſſenheit: Irdiſche Hochzeit oder ewiger Tod!!!

Weunte Scene.

Ottacker iſt in die Thür getreten. Er erkennt Heinrich, thut einige Schritte auf ihn zu und bricht vor ihm zuſammen.

Heinrich.

Ottacker! Du getreuer Ungetreuer! ſteh' auf, uns allen ſoll vergeben ſein. Du rangſt! Dein Ringen hab' ich wohl erkannt. Die Ringenden ſind die Lebendigen, und die in der Irre raſtlos ſtreben, ſind auf gutem Weg. Und nun zum Zeichen, Freund, daß ich der Deine bin, wie ehemals, ſollſt du, indes ich mich in Purpur kleide, Gralswaͤchter mir an meinem Throne ſein.

Er und Hartmann ab.

Zehnte Scene. Benedikt.

Ottacker,

zur Seite des Throns aufgepflanzt.

Und ſchliefe fie hier tauſend Jahr', Moͤnchlein, und wich' ich je von dieſer Stelle: ſei's auch, es uͤberwaͤnde mich der Tod, ſo ſtoßt mich in die ewige Verdammnis!

Ruh'! ruh'!

BEL eee

Elfte Scene.

Der Pater iſt in die Kapelle gegangen, wo man ihn am Altar hantieren ſieht. Nun fuͤllt ſich der Saal nach und nach mit Rittern, geharniſchten und ungeharniſchten.

Erſter Ritter. Wie? Zweiter Ritter. Dort!

Erſter Ritter. Wo, Ritter?

Zweiter Ritter. Auf dem Throne dort.

Ottacker. Leiſe, ihr Herren! Erſter Ritter. Was iſt's mit dieſem Bilde?

Dritter Ritter. Ihr Herren, es iſt dieſelbe, meiner Treu, die ich vom Pallasfenſter aus noch eben ſah, unten am Mauerboͤrnlein vor dem Thor, ſich neigen und aus hohlen Haͤnden trinken.

Erſter Ritter.

Iſt es Frau Aventiure?

167

Ottacker. Herr, ſeid ſtill! Heilig iſt einer Heiligen Schlummer, und ſie iſt zudem noch unſre Herrin.

Vierter Ritter. Wie? Allgemeines herzliches Lachen der Ritter.

Fuͤnfter Ritter. Was ſagt der Querkopf und Geſpenſterſeher? 's iſt ein landfahrend Maͤgdlein, weiter nichts.

Ottacker. Daß Euch die Maden! Daß die Augen Euch verglafen, Herr ...

Sie lebt! Gottlob, ſie lebt!

Erſter Ritter. Ei, freilich lebt ſie. Sie bewegt die Lippen.

Ottegebe.

Solch einen Sturm von Liedern hört ich nie ...

Zweiter Ritter. Sie traͤumt.

Ottegebe. Ach, Vater, kannſt du das nicht hoͤren?

168

Erſter Ritter. Was ſpricht ſie? Ottegebe. Mutter, Mutter! ſiehſt du nicht ... 2

Erſter Ritter.

Ottegebe. Eine Krone ſenkt ſich nieder ... ach, viele, viele Haͤnde tragen ſie!

Dritter Ritter. Maͤgdlein, wer biſt du?

Ottegebe, im Schlaf: Eure Herrin nun!

Erſter Ritter. Mein liebes Kind, wer du auch ſein magſt immer: vor deinem Liebreiz beug' ich gern mein Knie. Doch unſer armer Graf von Aue iſt fern in die Welt verſprengt und unbeweibt. Staunen und ſteigende Erregung unter den Rittern.

Benedikt, aus der Kapelle wieder eintretend, geheimnisvoll: Still! Friede, ihr Herren! Hoͤrt: dies Wunder iſt von einer ſolchen Hand hierher geleitet,

Was will ſie?

169

der Menſchenwille nicht kann widerſtehn;

und dieſes Thrones Baldachin hat nie

ein Weib von reinerem Adel uͤberſchattet. Beugt euch! Sie iſt die Herrin, muß es ſein. Und der verſchollne Fuͤrſt, Heinrich von Aue, iſt kein Verſchollner mehr, weilt unter uns und wird, geſund und bis ins Mark geneſen, bald dieſes Saales ſtolzer Pfeiler ſein.

Zwoͤlfte Scene.

Die Ritter brechen in ein ungeheures Jubelgeſchrei aus: Heil! Heil! Her! Her! Denn Heinrich, mit Purpurmantel und Schwert an— gethan, unter Vorantritt von drei Pagen, von denen der erſte auf einem Kiſſen zwei Kronen traͤgt, iſt an der Seite Hartmanns

eingetreten.

Heinrich. Habt Dank! Ich gruͤß' euch aus erneuter Seele mit alter Liebe! Unter dieſem Kleide

aus Purpur berg' ich Narben. Narben ſind koſtbarer als der Purpur! Ja, ich griff

die Wahrheit tauſendfach, und was ich packte, ſchnitt Runen mir ins Fleiſch. Was unten gaͤrt an Angſten, giftigen Kraͤmpfen, blutigem Schaum: ich kenn's. Ich ſah!! Ich waͤlzte ſelber mich verzweifelt in den Bulgen der Verdammten,

bis daß die Liebe, die uns alle ſucht,

mich fand.

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Zu Ottegebe gewandt: Sankt Ottegebe, Taube ſonder Gallen! Tretet zuruͤck! Wach' auf, Gemahl! Gebt mir die Krone, Knaben! Er nimmt eine Krone und haͤlt ſie uͤber Ottegebes Haupt: Dieſe Jungfrau war mein Mittler wahrhaft! Ohne Mittler kann Gott nicht erloͤſen. Sei euch dies genug. Er kroͤnt ſie: Und ſomit frag' ich euch ... Im Schlummer kroͤnt Gott ſeine Auserwaͤhlten! wollt ihr ſie als eure Herrin ehren, mehr wie mich, und unter ihrem milden Scepter ſtehn? und wollt ihr uns die Hochzeitsglocken laͤuten?

Hartmann. Herr! Herr! Was ſagt Ihr? Nicht die Glocken nur, wir wollen an die erzenen Schilde ſchlagen, und dieſes alten Schloſſes Fenſter ſollen, wie Munde, Freude uͤber die Thaͤler ſchrein! Erneutes, maͤchtiges Jubelgeſchrei der Ritter.

Heinrich, flüchtig verfinſtert: Still, kein Tumult! Nicht dieſe grelle Luſt, die nur betaͤubt, nicht weckt ... die mehr ein Feſt entweiht, ja, ſeine Seele niederſchlaͤgt. Feigheit

171

horcht nach dem wilden Schall der ſchmetternden Trompeten. Doch wir ſind nicht feig: wir ſind Maͤnner und Wiſſende allezeit. Es iſt

ein ſtolzes Ding, die Luſt verſtehn und Herr

der Freude ſein! Des Abgrunds Tiefen ruhn unter des Schiffes Kiel, auf dem wir gleiten, und iſt ein Taucher dort hinabgetaucht

und heil zuruͤckgekehrt zur Oberflaͤche,

ſo iſt ſein Lachen, wenn er wieder lacht,

Laſten von Golde wert.

Ottegebe erwacht: Was iſt mit mir?

Benedikt. Fuͤge dich! Beuge dich! Heinrich. Nein! ſtatt dich zu beugen, richte dich ſtolz auf! Hebe dich empor.

Ottegebe erhebt ſich in zitternder Seligkeit: Wie du befiehlſt, Herr! Heinrich, zu Benedikt: Thue nun dein Werk!

Pater Benedikt wechſelt die Ninge. Dabei beginnen die Glocken leiſe zu tönen,

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Ottegebe. Ach, du haſt viel gelitten, armer Heinrich.

Heinrich. Du mehr, als ich! Doch davon ſtill, Gemahl. Es ſteht im heiligen Koran geſchrieben: daß nach dem Schweren auch das Leichte kommt!

Ottegebe. Geſchehe, was du willſt.

Benedikt. Es iſt geſchehen! Heinrich zieht Ottegebe an ſich, und ſie finden ſich in einem langen Kuß.

Ottegebe. Heinrich! Nun ſterb' ich doch den ſuͤßen Tod!

Heinrich, ſich die zweite Krone aufſetzend: Und ſo ergreif' ich wiederum Beſitz von meinem Grund. Geſtorben! Auferſtanden! Die zween Schläge ſchlaͤgt der Glockenſchwengel der Ewigkeit. Los bin ich von dem Bann! Laßt meine Falken, meine Adler wieder ſteigen!

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Von Gerhart Hauptmann erſchienen im gleichen Verlage:

Bahnwaͤrter Thiel. Der Apoſtel. Noseltiftifche Studien.

6. Auflage. Vor Sonnenaufgang. Soziales Drama. 9. Auflage. Das Friedensfeſt. Eine Familienkataſtrophe. 5. Auflage. Einſame Menſchen. Drama. 16. Auflage. De Waber. Schauſpiel aus den 40er Jahren. Originalausgabe. 2. Auflage. Die Weber. Schauſpiel aus den 40er Jahren. uͤbertragung. 29.— 30. Auflage. College Crampton. Komddie. 6. Auflage Der Biberpelz. Eine Diebskomoͤdie. 10. Auflage

Hannele. Eine Traumdichtung. Illuſtriert (vergriffen). Hanneles Himmelfahrt. Eine Traumdichtung. 12. Auflage. Florian Geyer. 6. Auflage.

Die verſunkene Glocke. Ein deutſches Maͤrchendrama. 55.— 56. Auflage.

Fuhrmann Henſchel. Schauſpiel. Originalausgabe. 16. Auflage.

Fuhrmann Henſchel. Schaufpiel. Übertragung. 12. Auflage.

Schluck und Jau. Spiel zu Scherz und Schimpf. 5.—10. Auflage.

Michael Kramer. Drama. 9.—10. Auflage. Der rote Hahn. Tragikomoͤdie. 5.—8. Auflage.

Der arme Heinrich. Eine deutſche Sage. 14.—23. Auflage. Herssfe & Ziemſen, Wittenberg 1902

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