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ZWEITE. VERMEHRTE UND VERBESSERTE AUFLAGE.

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DR ALBRECHT GRAF VON DER SCHULENBURG,

PEIVATDOCENT ^ÜB OBTABIATfSt'HB SPRACHEN AN DER UNIVEBSITIT MtFNCaBN.

LEIPZIG,

CHR HERM. TAOCHNITZ.

1901.

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307874:

ASTOR, ' tNOX ANÜ R 190b _ ^_

Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen ist vorbehalten.

Die Verlagshandlung.

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Vorwort zur ersten Auflage.

Dies Buch verdankt seine Entstehung sehr verschiedenartigen Anregungen. Neigimg und Beruf haben mich seit Jahren genöthigt, mich mit Sprachen der mannigfaltigsten Bauformen zu beschäftigen, manche von ihnen familienweise zu vergleichen, andere lehrend oder schildernd darzustellen. Kathedererfahrungen und häufiger Gedankenaustausch mit befreundeten Fachgenossen über allge- meinere Fragen kamen hinzu; in der einschlägigen Literatur, soweit ich sie kennen lernte, fand ich nur Theile dessen, was ich suchte. Vieles, was mir nicht einleuchtete. Und so wurde es mir zugleich Bedürfniss und Pflicht, mir und Anderen über meinen Standpunkt Rechenschaft zu geben. Schon die Lehr- vorträge über vier uns so fremdartige und untereinander so verschiedene Sprachen, wie Chinesisch, Japanisch, Mandschu und Malaisch, nöthigten mich immer wieder, in's sprachphilosophische Gebiet hinüberzuschweifen. Dabei konnte ich beobachten, wie schwer sich oft die besten Köpfe von den mutter- sprachlichen Vorurtheilen losringen, wie aber dann, wenn dies gelungen, aus den entlegensten Gebieten herüber auf heimische Spracherscheinungen Licht fallen kann. Darin beruht ja der Werth der Analogie im Organen der induc- tiven Wissenschaften, dass so oft an weit entfernten Punkten die Thatsachen, ihre Gründe und Wirkungen die nämlichen sind, dass sie aber das eine Mal klarer zu Tage liegen, als das andere. Und gerade die Sprachen unserer Familie leisten in der Verhüllung Erstaunliches, strengen den Fleiss des geschichtlichen Forschers, den Scharfsinn des Denkers da an, wo andere ihren Mechanismus und ihre Geschichte offen zur Schau tragen.

In erster Reihe ist dies Buch für Jene bestimmt, die wir dereinst als unsere Mitarbeiter und Nachfolger zu sehen hoffen. Das möge es entschuldigen, wenn ich den hodegetischen Fragen mehr Raum gegönnt habe, als dies sonst wohl in Werken verwandten Inhalts üblich ist. Auch das Äusserlichste der Methodik lässt sich ja von Innen heraus erklären. Dagegen habe ich im Inter- esse der Kürze Manches weggelassen, was man in einem wirklichen Lehr- und Handbuche suchen dürfte: einen Abriss der Phonetik, eine Sammlung von

IV Vorwort.

Definitionen grammatischer Ausdrücke, eine familienweise tbersicht der Sprachen und wohl noch manches Andere.

Unsere Wissenschaft selbst ist noch jung: viele ihrer Gebiete sind kaum erst von Forschem berührt, manche bieten noch den Reiz und die Gefahren eines jungfräulichen Bodens. Dem musste ich vor Allem Rechnung tragen. Der Leser soll sehen, wie schnell ein zielbewusst beharrliches Schaffen tüchtige Früchte gezeitigt hat, und soll an diesen Früchten seinen Theil Mitgenuss haben. Er soll sich aber um Alles nicht einbilden, wir wären schon weiter, als wir sind. Die höchsten und letzten Ziele möge er vor Augen haben. Soweit ich sie zu erkennen glaubte, habe ich auf sie hingewiesen; umschrieben habe ich das ganze Gebiet, soweit ich es ermass, und von dem Rechte des Kartographen, sein Gradnetz auch durch die Terra incognita zu ziehen, habe ich ausgiebigen Gebrauch gemacht. So gut es ging, tastete ich das Reich der Möglichkeiten aus, verfuhr dabei oft apriorisch, suchte aber dann, wenn es meine Erfahrungen erlaubten, an Beispielen das Mögliche als thatsächlicj;i zu erweisen.

Hierin war ich nun besonders schlimm daran. Meine eigenen Erfahrungen und die allgemeineren Schlüsse, die ich daraus zog, habe ich natürlich zumeist in sehr abgelegenen Sprachgebieten geschöpft Beispiele aber sollen erläutern und müssen möglichst einleuchten, darum möglichst nahe liegen. So musste ich wohl oder übel die meinigen da entnehmen, wo ich von Berufswegen am Wenigsten zu suchen habe: aus der Muttersprache, den bekanntesten Sprachen Europas und der Indogermanistik. Manchmal ging es mir, wie einem Ausländer, der lieber die Landesmütze thaler- und nickelweise borgt, als sein mitgebrachtos Geld mit Coursverlust ausgiebt; und das unbehagliche Gefühl, das man mit sich schleppt, wenn man bei den Nachbarn wissenschaftiiche Anleihen macht, habe ich gründlich kennen gelernt. Da kann ich nun jene Besserberechtigten, deren etwaigen Tadel ich erwarte, nur um freundlichere Nachhülfe bitten, für den Fall, dass mein Werk eine zweite Auflage erleben sollte. Dies gilt be- sonders vom dritten Buche.

Wo es sich dagegen um die Äusserungen der lebendigen Muttersprache handelte, da habe ich geglaubt, meinem Gefühle und Urtheile ebensoviel zu- trauen zu dürfen, wie dem Anderer. Umfrage habe ich dann wohl gehalten^ um mich zu vergewissem, aber nicht immer bei denen, die gewohnt sind in den Sprachen mit dem Auge des Palimpsestenforschers Doppeltexte zu lesen. Man wird nicht missverstehen, wenn ich die Gesichtspunkte der einzelsprach- lichen und der sprachgeschichtlichen Forechung einander recht schroff entgegen- setzte. Die Gleichberechtigung Beider erkenne ich ja an, und ich suche zu zeigen, wie die Beiden sich am Ende ineinander verweben müssen. Eben darum aber sehe ich vorerst die Fäden lieber scharf aneinandergehalten, alsv durcheinander gefitzt.

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Vomort. V

Mein Buch ist in einer längeren Reihe >on Jahren mit grossen Unter- brechungen entstanden, und seine Theüe sind keineswegs in der Reihenfolge verfasst, in der sie nun vorliegen. Was mich eben beschäftigte, wurde, sobald es mir reif schien, als Aufsatz niedergeschrieben; mit der Zeit entstand der Plan zum Ganzen, ich hielt Vorlesungen über allgemeine Sprachwissenschaft und füllte je länger je mehr die Lücken meines Manuscriptes aus. Die Spuren einer solchen Entstehung lassen sich kaum verwischen, und ich hoffe, man werde dies entschuldigen. Ein Lehrbuch zu schreiben, etwa ein System, wie es Heysb unternommen, konnte ich nicht wagen. Besser schien es mir, den Leser schildernd und erörternd durch unsere Werkstatt zu führen und natürlich da am Längsten zu verweilen, wo ich selbst mit Vorliebe arbeite. Ich habe hier wenige Genossen, besonders auch unter meinen Landsleuten; und eben dies mag es rechtfertigen, dass ich meinen Standpunkt zur Geltung bringe, nach- dem so manche unserer hervorragendsten Indogermanisten ihrerseits das Gleiche gethan. Ich suche Verständigung und thue mein Bestes, um sie zu finden; ich verlange nichts Besseres, als gegenseitige Anerkennung.

Mit Citaten habe ich einigermassen gekargt. Erstens woUte ich den um- fang des Buches möglichst einschränken, und zweitens mochte ich keinen An- lass zu Prioritätsstreitigkeiten geben, gegen die ich eine gewisse Abneigmig hege. In der Geschichte der Wissenschaft kommt es wohl vor, dass Einer so nebenher einen wichtigen, folgenreichen Gedanken ausspricht, den erst viel später ein Anderer ausbeutet Und dieser Andere kann ebensogut selbständiger Entdecker, als von Jenem angeregt gewesen sein. Erschöpfende Belesenheit masse ich mir nicht an, und sie ist bei dem Umfange unserer Literatur kaum zu verlangen. Manches, was ich für mein Eigenstes halte, mag sich schon längst in den Werken Anderer vorfinden; und wenn ich es wirklich zum ersten Male zu Papier gebracht habe, so kann, ohjie dass ich es mich entsinne, mein verengter Vater der Urheber gewesen sein.

Auch die Polemik habe ich thunlichst vermieden. Nur wenige Male schien es mir geboten, mich ausdrücklich vor meinen Vorgängern zu verantworten; sonst habe ich mich damit begnügt, meine Meinungen, so gut es anging, für sich reden zu lassen. Manchmal auch mögen mir die abweichenden Ansichten Anderer überhaupt unbekannt geblieben sein. In Wettbewerb da zu treten, wo ich schon von Früheren das Beste geleistet sah, lag am wenigsten in meiner Absicht Ich hätte aber auf den Zusammenhang des Ganzen und auf die rela- tive Vollständigkeit meines Werkes verzichten, hätte, mit anderen Worten, eine Reihe von Abhandlungen statt eines Buches schreiben müssen, wenn ich in solchen Fällen ganz geschwiegen hätte.

Man wii'd bemerken, vielleicht missfällig bemerken, dass ich es liebe, meine Sätze auf die Spitze zu treiben. Aus Gefallen am Paradoxen geschieht dies

VI Vorwort

wahrhaftig nicht Ich mag nur lieber mir das Argumentum ad absurdum selbst einhalten, als es mir von Anderen entgegenstellen lassen; und am Liebsten möchte ich zeigen, dass meine Gedanken auch bis in ihre letzten Schlussfolgerungen die Probe bestehen. Wo es sich vollends um die Aufstellung von Idealen handelt, da mag ich die AUerweltsweisheit, dass diese doch uneiTcichbar seien, gar nicht hören. Es gilt ja auch nicht, sie zu erreichen, sondern ihnen näher und immer näher zu kommen. Genug, wenn wir das Endziel und die nächste Wegesstrecke vor ims sehen und die Klüfte kennen, in die uns ein überhastetes Streben stürzen kann.

Nach Kräften habe ich den Bedürfnissen der Philologen und Sprachlehier Rechnung getragen. Eine verfehlte Unterrichtsmethode kann dem Schüler den Lehrgegenstand für Lebenszeit verleiden; und verfehlt scheint es mir allemal zu sein, wenn bei jungen Köpfen mehr darauf abgezielt, ihnen ein Wissen und Können beizubringen, als die Sehnsucht nach Wissen und Können zu wecken. Denn das Gelernte wird wieder verlernt, das gewonnene Interesse aber wächst und wirkt fort. Meine Klagen über Missgriffe im Sprachunterrichte waren schon gedruckt, ehe die Schulreform für Preussen in Angriff genommen war. Sind sie veraltet oder verspätet, dann um so besser. Jene Widersacher unserer classischen Bildung, die sich darauf stützen, wie wenig anregend oft die Gym- nasien gerade in ihren Hauptfächern wirken, haben leider bisher einen Schein Rechtens für sich. Der muss ihnen genommen werden; der Beweis muss ge- führt werden, dass die scheinbar trockenste Wissenschaft in Wahrheit eine der lebensvollsten und anregendsten- ist. Was das griechisch-römische Altertlium für unsere wissenschaftliche, künstlerische imd staatliche Gesittung gewesen, davon können hundert Reformer nicht einen Deut abhandeln. An den Philo- logen ist es, sie vollends zum Schweigen zu bringen. Gelingt es ihnen, den Sprachunterricht zu einer Schule des Verstandes und Geschmackes zu gestalten, so werden sie auch Geschmack und Verständniss für die Sprachstudien erwecken. Wir leben in einer Zeit der Monographien. Der Einzelne vergräbt sich zu gern in's Einzelne, verliert den Zusammenhang mit dem Ganzen und klagt daim, wenn er sich vereinsamt sieht Es ist entweder beschränkter Dünkel oder zimpfer- liche Scheu vor Dilettanterei, wenn man den Verkehr mit den Nachbarwissen- schaften ablehnt und nicht da mitgeniessen will, wo man nicht mitschaffen kaim.

Indem ich während des Druckes das Register anfertige, entdecke ich, dass ich mich doch öfter wiederholt habe, als mir lieb ist Die Art, wie das Buch zu Stande gekommen, möge dies einigermassen entschuldigen. Oft musste ja schon um der Sache willen derselbe Gedanke an verschiedenen Stellen wieder- kehren; und dann geschah es wohl, dass mir auch wieder derselbe Ausdruck oder dasselbe Beispiel als besonders bezeichnend vorschwebte und in die Feder floss.

Berlin, im Februar 1891.

Vorwort zur zweiten Auflage.

Hiermit übergebe ich die „Sprachwissenschaft" meines verewigten Oheims Geobg von der Gabelentz in yermehrter und verbesserter Gestalt den philolo- gischen Fachkreisen und bitte dieselben, dieses Vermächtnis des allzufrüh heim- gegangenen Gelehrten in wohlwollender Weise aufnehmen zu wollen. Leider war es ihm nicht mehr vergönnt, den weiteren Ausbau dieses grossartig ange- legten Werkes mit eigener Hand zu unternehmen. Er, der unserer jungen Wissenschaft so wunderbare Wege gezeigt und führend vorgegangen ist, musste gerade auf der Höhe seines Schaffens, im Vollbesitz des gewaltigen Materials auf sprachlichem Gebiet, den Schauplatz seines Wirkens nur zu bald verlassen. Dem Ueberlebenden erübrigte es, mit schonender Hand das Geschaffene, so- weit es irgend anging, zu erhalten, und nur da, wo der Fortschritt der Wissen- schaft es dringend verlangte, Änderungen und Erweiterungen vorzunehmen.

Wildenroth bei München, Mai 1901.

Dr. Graf Schulenburg.

Inhalts -Yerzeichniss.

Erstes Buch. Allgemeiner Tlieil.

Seite I. Capitel. Begriff der Sprachwissenschaft.

§. 1. Nothwendigkeit der Definition , . . . . 1

§. 2. Begriff der menschlichen Sprache: Deutharkeit, Eindeutigkeit, Absichtlich- keit Geberdensprache: Hörbarkeit. Sprachen der stimmbegabten Thiere:

Gliederung 2

§. 3. Lautsprache, Articulation (Techmeb) 4

§. 4. Der Gedanke, Begriff des Denkens (Steinthal, IjOtze) 6

n. Gapitel. Aufgaben der Sprachwissenschaft.

§. 1. Spracherlemung. Sprachwissenschaft 7

§. 2. A. Die Einzelsprachen 8

§ 3. B. Sprachgeschichte, Sprachstämme 9

§. 4. C. Das Sprachvermögen; die allgemeine Sprachwissenschaft 10

Rückblick 12

ni. Capitel. Stellung der Sprachwissenschaft.

Anthropologie. Ethnographie. Geschichte. Naturwissenschaft. Psychologie; Logik und Metaphysik. Gegen die Einreihung der Sprachwissenschaft in die Natur- wissenschaften 13

IV. Capitel. Anregungen zur Sprachwissenschaft.

Yerwunderung: Frage nach den Gründen. Zweck des Lernens und Forschens 17

Die Ägypter: Zerlegung der Sprache in Laute, Buchstaben 18

Die Assyrer: Assyrisch -sumerische Grammatiken und Wörterverzeichnisse ... 18

Die Chinesen: Bücherverbrennung und philologische Restauration. Sprachphilosophie 19

Griechen und Römer: Geringschätzung der Barbaren. Sprachphilosophie . . . . 2()

Ihre Epigonen: Alexandria, Byzanz 20

Das Christenthum 21

Der Isl&m Antheil der Perser 21

Die Juden: Massoreten und Punctatoren 22

Die P&rsl 22

Die Inder: Begabung und Anregungen. Panini's Grammatik 23

Die Japaner: Anregungen von Aussen; schnelle Wandelungen in der eigenen

Sprache. Grammatik 24

Rückblick: Sprachphilosophie, einzelsprachliche Forschung, vorzugsweise in der

Muttersprache. Verfall der Sprache und Classicität 24

X Inhalt.

Seite Neuere Zeit: Humanismus. Missionare und Reisende. Wissenschaftliche Ahnungen,

Sasbbtti^Vabo, Mabbmhan, Pbbmabe, Wesdin, Relan»U8, Sajnovicb, Gtabm atht 25 Die Sanskritstudien: Enoländeb, Schlegel, Bopp, Rask, J. Gbimm, Pott ... 26 Die Polyglotten: Dübbt, Lbibniz, das Vocabularium Catharinae, Hebvas, Adelünq

und Vatbb (Mithridates). Fb. Müllbb 27

Entzifferung der Keilschriften und Hieroglyphen .28

Wilh. V. Humboldt 28

Die Indogermanistik 29

Verzweigungen und Annäherungen . 30

y. Capitel. Schulung des Sprachforschers.

§. 1. Verschiedene Ausgangspunkte und Richtungen 31

§. 2. a) Phonetische Schulung. Werth der Phonetik, Stellung derselben zur Sprachwissenschaft. Laütunterscheidung, Articulation. Übung des Sprach-

und Gehörsorgan. Phonetische Schriftsysteme 32

Zusatz: Schreibung fremder Sprachen 38

§.3. b) Psychologische Schulung. Denken und Sprechen. Die Sprachen als Weltanschauungen. Wortschöpfungen und Übertragungen. Arten derselben. Beobachtungen an der Muttersprache. Sprachfehler. Einfluss des Volks - thums, der Berufsart. Jede Neuerung ursprünglich ein Fehler; was bedingt ihre Annahme oder Ablehnung? Sprache des gemeinen Mannes. Erhaltende

Kräfte. Selbstbeobachtung 39

§. 4. c) Logische Schulung, praktische und theoretische. Wichtigkeit für den

Sprachforscher 47

§. 5. d) Allgemein sprachwissenschaftliche Schulung. Sprachtalent. Erlernung fremder Sprachen. Anregungen vom Entlegensten her. Wahl der Sprachen. Nothwendigkeit der Praxis. * Wichtigkeit der Indogermanistik. Leetüre

allgemein sprachwissenschaftlicher Werke 48

Zusatz: Phantasie und Menschenkenntniss. Geschichte, Völkerkuude: Philosophie, Naturwissenschaften als Nebenstudien 52

Zweites Buch. Die einzelsprachliche Forschung.

L Capitel. Umfang der Einzelsprache. Sprache, Dialekte, Unterdialekte. Wieviele Sprachen giebt es auf der Erde? Schwankende Terminologie, fliessende Grenzen. Doppelte Eintheilungsgründe : a) politisch -social, b) nach dem gegen- seitigen Verständnisse. Individual- und Volkssprachen. Sprachgemeinschaft: a) mit den Mitlebenden, b) mit den Vorfahren. Merkmale der Verschiedenheit

von Sprachen, Haupt- und Unterdialekten 54

IL Capitel. Die besondere Aufgabe der einzelsprachlichen Forschung.

Veränderungen der Sprachen, dialektische Spaltungen. Die Vorgeschichte und das jeweilige Sprachgefühl: Verschiebungen, Lösung alter, Anknüpfung neuer Ver- bindungen. Die s. g. isolirten Sprachen .... 58

IIL Capitel. Sprachkenntniss.

1. Jede Sprache will erlernt sein 61

2. Fehlerlose Handhabung der Muttersprache .... 62

3. Diese geschieht unbedacht 63

Inhalt. XI

Seite

4. Aber nach Gesetzen, die unter sich ein organisches System bilden. Stoff und

Form, innere Sprachform 63

5. Gedächtnisserwerb und unbewusste Abstraction 63

rV. Capitel. Spracherlernung.

§.1. A. Durch mündlichen Umgang. Erlernung der Muttersprache. Frei ge- bildete Eindersprachen. Einwirkung der Erwachsenen, Aneignung der Regeln. Verschiedensprachige Menschen: stumme Verständigung; Ab- lauschen der fremden Sprache; rasche Auffassung und Verständigung bei Ungebildeten. Missionare; Reisende. Gefahr der Missverständnisse. Methode. Zwei- und mehrsprachige Erziehung 65

§.2. B. Durch methodischen Unterricht. Lehrer und Lehrbücher. Welche Methode

ist die beste? Gefahr des Übersetzungswesens. Neuere Verbesserungen 71

§. 3. C. Aus Texten. Bekannte und unbekannte Grössen, Grade der Schwierig- keit. Methode: Naives Verhalten GoUectaneen 73

V. Capitel. Erforschung der Eirizelsprache.

§. 1. Die Erkenntniss als Ziel. Was soll erkannt werden? 75

§. 2. A. Anlegung und Führung der GoUectaneen. Abwechselndes cursorisches

Lesen. Form der GoUectaneen; verschiedene Methoden 77

§. 3. B. Prüfung und Ordnung der GoUectaneen. Neue Sichtung, Umordnung . 79

VI. Capitel. Die Darstellung der Einzelsprache. A. Die Grammatik.

§. 1. Innere und äussere Sprachform. Sprachbau, Satzbau, Vollständigkeit und

Richtigkeit der Grammatik. Das System ; Fehler dagegen. Selbstschilderung 81

§.2. a) Zeitpunkt zur Selbstprüfung. Selbstbeobachtung bei der Erlernung einer

fremden Sprache. Naives Verhalten, Gongenialität 83

§. 3. b) Bestandtheile des grammatischen Wissens; die beiden Systeme. Die Sprache als zu deutende Erscheinung und als anzuwendende» Mittel. Beides im Geiste durchwoben, in der Darstellung auseinanderzuhalten 84

§. 4. c) Die Prolegomena. a) Laut- und Accentlehre. h) Grundgesetze des

Sprachbaues. Die Sprache des Grammatikers und der Leser gleichgültig . 86

§. 5. d) Das analytische System. Die Entdeckung der Regeln; die Grammatik in entdeckender Methode. Der analytische Weg: vom Weiteren zum Engeren, und zwar in Rücksicht sowohl auf den Stoff wie auf die Gesetze und Regeln. Kein gemeingültiges Schema möglich. Gleichartiges gehört zusammen. Was ist gleichartig? Beispiel eines analytischen Systems. Gemischte Systeme.

Nothwendigkeit, Alles zu beweisen 88

Zusatz: Beispiel am Arabischen 92

§.6. e) Das synthetische System. Seine Aufgabe. Unterschied vom analytischen Systeme. Weg von den Theilen zum Ganzen. Andere Gesichtspunkte. Grammatische Synonymik. Beispiele: Was stellt der Sprache ihre Aufgaben? Die psychologische Modalität. Werth des synthetischen Systems: praktischer und theoretischer. Wissenschaftliche Berechtigung dieses Systems. Indi- viduelles Verhalten der Synonymik gegenüber, verwaschene Grenzen und hieraus entstehende Schwierigkeiten. Grundsätze für die Forschung. Ein- theilung des synthetischen Systems 93

§. 7. Zusatz I. Stilistik und Grammatik. Individueller und nationaler Stil . . 104

§. 8. Zusatz IL Die Appendices 106

XII Inhalt.

Seite

§. 9. Allgemeines über die Schreibweise und äussere Ausstattung. Berechtigte

Klagen. Erleichterungen 107

§. 10. Arten der Grammatiken: a) Systematische methodische, b) Vollständige Grammatiken Elementarbücher; grammatische Vorschulen, c) Kritische

und didaktische Grammatiken 109

§. 11. Die grammatische Terminologie 114

§. 12. Die Beispiele . 116

§. 13. Paradigmen und Formeln. Die Anubandhas der Inder 116

§. 14. Übungsstücke 119

§. 15. Die Sprache des Grammatikers und die darzustellende Sprache .... 120 §. 16. B. Das Wörterbuch.

Als Nachschlagebuch dem Bequemlichkeitszwecke dienend. Möglichkeit eines wissenschaftlichen Wörterbuchs. Volksthum und Wortschatz. Grenze zwischen Grammatik und Wörterbuch praktisch geboten und wissenschaft- lich gerechtfertigt Idee eines wissenschaftlichen einzelsprachlichen Wörter- buchs: I. Wortschatz als Erscheinung: a) etymologisch; b) morphologisch. II. Wortschatz als Ausdrucksmittel: encyklopädische Synonymik. Wieviel

ist davon erreichbar und zweckmässig? 121

§. 17. C. Berücksichtigung zeitlicher und örtlicher Besonderheiten in Grammatik und Wörterbuch.

Wahrung des einzelsprachlichen Standpunktes. Grenzen des Zulässigen. Die Mode in der Sprache. Akademien zur Regelung der Sprachen.

Bühnenmässige Sprache 125

§. 18. D. Sprache und Schrift.

Vorläufer und Ursprung der Schrift. Trieb zu bildnerischem Schaffen, zur Selbstverewigung. Gedächtnisshülfen. Gonventionelle Zeichen , Bilder und Symbole. Grenze zwischen der Schrift und ihren Vorläufern: Lesbar- keit, — die Schrift stellt Sprache dar. Stilisirung. Wechselwirkung zwischen Sprache und Schrift. Kunstschriften. Eintheilung der Schriften in Wort-, Sylben- und Buchstabenschriften. Zwischenstufen. Die Ortho- graphie: historische und phonetische. Neuerungsversuche und ihre Schwierig- keit. Werth der historischen Orthographien für die Sprachwissenschaft. Transscriptionen 127

Drittes Buch. Die genealogisch -historische Sprachforschung.

Einleitung.

Nächste Aufgaben. Aus der Geschichte der vergleichenden Indogermanistik. Nähere Fassung der Aufgabe: im Grunde überall Geschichte einer ein- zigen Sprache. Unterschied von der einzelsprachlichen Auffassung: nicht räumlich, auch nicht zeitlich, sondern artlich. Einseitigkeit des historischen Standpunktes. Ursprachen und Urdialekte. Zufälligkeiten in den Stand- punkten und Masstäben. Aeussere und innere Geschichte 13G

Erster Theil. Die äussere Sprachgeschichte. Der Verwandtschaftsnachweis.

§. 1. Aufgaben der Sprachengenealogie. Jetziger Stand unseres Wissens von

den Sprachfamilien. Deren Menge. Ob noch grössere Einheiten, ob Ur-

Inhalt. XIII

Seite einheit aller Sprachen anzunehmen? Möglichkeiten und Übereilungen.

Methode, Zufall und Einfall. Bestimmung der Verwandtschaftsgrade . . 142 §. 2. Entdeckung und Erweiterung der Sprachstämme 145

A. Das Aufsuchen von Anzeichen 145

a) Geographische Momente 146

b) Anthropologische Momente 147

c) Ethnographische und culturgeschichtliche Momente 148

d) Sprachlicae Momente 148

a) Ähnlichkeiten im Lautwesen 148

ß) Im Sprachbaue 149

y) In der inneren Sprachform 150

rf) In Wörtern und Lautformen 151

B. Zur Methodik der Sprachenvergleichung. Voreiligkeiten. Die „turani- nischen Sprachen^S Beweis der Verwandtschaft 154

1. Aufsuchen der ältesten Lautformen 156

a) Die vollere Lautgestalt 156

b) Spätere Zuwüchse 157

c) Ursprüngliche Bedeutungen ' . . 157

2. Prärogativinstanzen 157

3. Inductive Probe 158

§. 3. Arten und Grade der Verwandtschaft. Voll- und halbbürtige Verwandt- schaft, Mischsprachen. Nähe und Ferne: Ähnlichkeit, zumal lexikalische

Übereinstimmungen und gemeinsame Neubildungen * . 158

§. 4. Zusatz I. Zur Anwendung der obigen Lehren 160

I. Die hamito-semitische Sprachfamilie 160

II. Verwandtschaft des Nahuatl mit den Algonkin - Sprachen 162

§. 5. Zusatz IL Stammbaum- und Wellenthorie. Schleicher, Johannes Schmidt 163

§. 6. Zusatz III. Die Sprachen von Kabakada und Neulauenburg, ein Ausnahmefall 165 §. 7. Zur Technik. Gollectaneen zum Verwandtschaftsnachweise. Encyklopädisches

Wörterbuch. Regelmässige Lautvertretungen. Grammatische Vergleich ung 166 Zweiter Theil. Die innere Sprachgeschichte.

Erstes Hauptstück. Allgemeines.

§1. Ihre Aufgaben. Ideale Ziele und bisherige Bestrebungen. Die Indo- germanistik und die drei vergleichenden Grammatiken von Bopp, Schlsichbb

und Bbüomann. Die indogermanische Ursprache 168

Zusatz: Delbrück über Bopp und Schlei chbb 171

§. 2. Alte und neuere Sprachen. Aus der Geschichte der Indogermanistik. Die „Ursprache** des Stammes. Ihr Werth vorläufig der einer Formel. Die Gesetze des sprachlichen Werdens als Problem : Werth der lebenden Sprachen neben den todten 172

§. 3. Die vereinzelte Sprache. Ausschluss fremder Einflüsse. Isolirte Völker.

Die einheimischen Mächte in der Regel stärker als die fremden .... 176

§, 4. Die Etymologie. Analytische Methode. Etymologische Wörterbücher. Begriff der Etymologie. Herkunft der Wörter und grammatischen Formen; Wurzeln. Weitgehende Bestrebungen und Skepticismus. Wichtigkeit der Etymologie 179 Zweites Hauptstück. Die sprachgeschichtlichen Mächte.

§. 1. Deutlichkeit und Bequemlichkeit Voraussetzung der Deutlichkeit. Be-

XIV Inhalt.

Seite

quemlichkeit des Gewohnten ; Streben nach weiterer Krafterspamiss, körper- licher und geistiger. Erhaltung, Zerstörung , Neuschöpfung. Anstrengung zum Zwecke der Deutlichkeit, Einfluss auf das Lautwesen. Anschaulich- keit und Eindringlichkeit 181

§. 2. Der Lautwandel. Aus der Geschichte der Indogermanistik. Gesetzlich- keit und Gründe der Unregelmässigkeiten 185

a) Irrige Vergleichungen 186

b) Verschiedene Laute in der Ursprache 186

c) Verschiedene Voraussetzungen der Lautentwickelung 186

d) Falsche Analogie 186

e) Entlehnungen 186

Das Axiom von der Unverbrüchlichkeit der Lautgesetze. Seine Voi-aus-

setzungen. Wieweit berechtigt? Hodegetischer Werth. Unerklärliches 186

Zusatz: Beispiele zur Lehre von der Articulation und der Lautverschie- bung. 1. Samoanisch. 2. Batta, Dajak, Malaisch. 3. Australische Sprachen. 4. Amerikanische Sprachen: Pirna, Hidatsa, Chilenisch 193

§. 3 a. Die Euphonik (Sandhi). Zweck oder Ursache? Lautliche Neigungen der Einzelsprachen und Sprachfamilien. Bequemlichkeit. 1. Richtungen der Beeinflussung. 2. Was wirkt, und was wird beeinflusst? 3. Innerer und äusserer Sandhi. 4. Ergebniss. Physiologisches und psychologisches Moment. Verschiedenes Verhalten der Sprachen. Zetacismus. Unorganische

Dentale. Erhaltende Mächte 196

§. 3 b. Bevorzugung und Verwahrlosung in der Articulation. Nachdruck und Flüchtigkeit. W^as verflüchtigt sich? Entähnlichungen lautlicher Neben- formen. Geschäftliche Kürzungen, Zahlwörter, Rufhamen. Sprachen mit raschem Lautverschliff 205

§. 4. Naturlaute als Ausnahmen von den Lautgesetzen. Onomatopöien, Kinder- laute, Inteijectionen 208

§. 5. Die Analogie. Gemeingültigkeit, Vieldeutigkeit und Gefährlichkeit der Sache. Die Analogie bei der Spracherlemung. Verhalten der Indo- germanistik. Was verleiht der Analogie Wirkung und Anklang? Warum nicht überall Analogie? Die einzelnen Fälle der Analogiewirkungen . 209

§. 6. Die falsche Congruenz. Umladung der Formative von einem Redetheile

auf den anderen 214

§. 7. Das etymologische Bedürfniss. Aufbauen und Zerlegen. Falsche Zer- legungen ; Volksetymologien ; Übertritt der Wörter aus einer etymologischen Familie in die andere 215

§. 8. Das lautsymbolische Gefühl. Naives Verhalten zur Muttersprache. Wo ähnliche Klänge und ähnliche Vorstellungen zusammentreffen, da verbinden sie sich im Sprachgefühle. Erklärung des Herganges aus der Sprach- erlernung der Kinder. Wirkungen des lautsymbolischen Gefühles; Zu- sammensetzungen und Redensarten; Bedeutungswandel; Neubildungen; un- organischer Lautwandel; Einfluss auf Formenbildung und Syntax? . . . 218

§. 9. Gebundene Rede. Mechanik bei längerem Sprechen, Pause und neuer Anlauf. Rhythmik. Erhaltung des Veraltenden, Zerstörungen im Laut- und Formenwesen. Betonung der Antithesen 225

Inhalt. XV

Seite Bedeutungswandel, Verluste und Neuschöpfungen.

§. 10. Einleitung. Schwierigkeiten 227

§.11. Classification der einschlägigen Thatsachen. Die Begriffe und ihre Grenzen. Grenzverschiebungen. Zusammenfliessen und Spaltung. Abschaffung, Ver- engung, Erhöhung oder Erniedrigung. Neuschöpfungen, Übertragungen,

Entlehnungen. Wirkungen des Culturerwerbes und Verkehrs 229

§. 12. Die bewegenden Mächte 232

1. Ähnlichkeit der Vorstellungen, auch der Laute 232

2. Composition und Construction 234

a) Das Gleichniss * 234

b) Phraseologische Verbindungen; achtungsvolle und geringschätzige Ausdrücke 234

c) Eigentliche Composita 236

d) Kürzungen derselben '. . 236

3. Entähnlichung der Bedeutung bei Doubletten 238

4. Verdeutlichungen und Verstärkungen. Periphrastische Formen, Dimi- nutiva, Übertreibungen. Composita 239

ö. Ironie und rhetorische Frage 244

6. Sitte und Satzung. Ge- und verbotene Ausdrücke; Tabuwesen. Ein- fluss der sozialen Stellung. Keuschheit und Zote. Männer- und Weibersprachen. Die Karaiben, die Kolarier. Aristokratie der Sprache;

Entwerthung des Vornehmen 245

§. 13 a. Nach- und Neuschöpfungen von Wurzeln nnd Wortstämmen 250

§. 13b. Schwund alter und Entstehen neuer grammatischer Kategorien. Neue Tempora. Verlust gewisser Tempora und Casus, des Duals. Doppelte Pluralformen. Das Neutrum bei den Neuromanen. Die Kategorie des Be- lebten im Slavischen 253

Rückblick.

§. 14. Der Spirallauf der Sprachgeschichte, die Agglutinationstheorie. Älteste Wörter nicht nothwendig einsylbig, nicht nothwendig unveränderlich. Die Afformativa ursprünglich selbständige Wörter. Abnutzung der Laute, Deutlichkeitstrieb, daher neuer Ersatz für das Schwindende. Die indo- germanischen Sprachen; die indochinesischen: tertiäre Isolation. Der

Polysjrnthetismus 255

§. 15. Hemmende und beschleunigende Kräfte. Verkehr der verschiedenen

Altersstufen untereinander 258

Einfluss des Verkehres, Sprachmischung.

§. 16. Einleitung. Verständlichkeit; was sie erfordern und erlauben kann Ver- ständigung mit verschiedensprachigen Menschen. Gemischte Bevölkerungen 259 §. 17. Aussterben der Sprachen. Recht des Stärkeren: Lebenskraft der Völker;

Vergewaltigungen. Auiswanderer 261

§. 18. Entlehnungen. Internationaler Verkehr mit Waaren und Begriffen. Fremdwörter und Nachbildungen. Wanderung von Wörtern. Was wird ent- lehnt? Lehnwörter als Überbleibsel verklungener Sprachen. Merkmale der Fremdlinge. Einbürgerung und Angleichung. Finnisch und Germanisch.

Dialektische Doubletten. Namen der Culturpflanzen 262

§. 19. Beeinflussung des Lautwesens durch Nachbar- Sprachen und -Dialekte . . 269

XVI Inhalt.

Seite §. 20. Entlehnte Redensarten, Einführung fremder grammatischer und stilistischer

Formen. Annahme fremdsprachlicher Gewohnheiten. Einfluss fremder Litteraturen : der chinesischen, der indischen, der arabischen. Die griechisch- römische Prosa, die französische. Kopten, Äthiopier, Syrjänen ... 270

§. 21. Sprachmischung innerhalb der Muttersprache. Die kleinsten Kräfte und Wirkungen. Neuerwerb, Auffrischen, Vergessen. Selbststeigerung der eigenen Gewohnheiten, Annahme fremder. Wirkung mächtiger Individuali- täten. Nachwirkung sprachlicher Eindrücke im Traumleben. Abstumpfung des sprachlichen Gewissens 27S

§. 22. Einiluss der Kindersprache. Deren Eigenthümlichkeiten. Nachahmung

seitens Erwachsener; Nachwirkungen: Diminutiva, Koseformen der Rufnamen 277

§. 23. Eigentliche Mischsprachen. Unzählige Menge der Möglichkeiten. Creolen- sprachen. Die Melanesier, Australier und Kolarier. Lbfsius' Theorie von den Sprachen Afrikas 278

§. 24. Dialektforschung. Mikroskopische Arbeit der historischen Sprach- forschung. Kleinste Wandelungen. Schärfe des Unterscheidungsvermögens bei engem Gesichtskreis. Doppelformen in Dialekten. Rückschluss auf die Vorzeit. Wissenschaftlicher Werth der Dialektforschung 283

§. 25. Ständesprachen. Spaltung der Volksclassen, Zuzug von Aussen. Beruf, Denk- und Sprachgewohnheiten. Slangy argot u. s. w., Herkunft der Aus- drücke, Aufnahme derselben in den nationalen Sprachschatz 288

§. 26. Zusatz I. Anregungen zu sprachgeschichtlichen Untersuchungen. Irrlichter. 1. Japanisch und Mandschu. 2. Chinesisch, Koreanisch, Mandschu. 3. u. 4. Scheinbare Lautvertretungen; Bedenken. 5. Irrlichter auf indo- germanisciiem Gebiete 289

§. 27. Zusatz II. Sprachvergleichung und Urgeschichte Probleme. Sprache und Volkstypus. Der gemeinsame Wortschatz als Zeuge vom wirthschaft- liehen und geistigen Inventare der Vorfahren 293

§. 28. Zusatz III, Die Wurzeln. Begriff der Wurzel. Wurzeln im einzel- sprachlichen Sinne, im Sinne der Stammes - Ursprache. Apriorische und aposteriorische Wurzeln. Das Problem der Ursprache. Übergang zur all- gemeinen Sprachwissenschaft 295

§. 29. Zusatz IV. Laut- und Sachvorstellung 297

Viertes Buch. Die allgemeine Sprachwissenschaft.

I. Capitel. Ihre Aufgaben.

Grundlagen des Sprachvermögens; Verschiedenheit seiner Entfaltungen; Werth-

schätzung der Sprache. Urzustand der menschlichen Rede 30L

II. Capitel. Die Grundlagen des menschlichen Sprachvermögens.

§. 1. Allgemeines 303

§. 2. Physische Grundlagen. Sprechende Thiere. Die Hand. Die Nahrung. Keine periodisch wiederkehrenden Paarungszeiten. Hülfsbedürftigkeit der

Kinder, Familienleben 304

§. 3. Psychische Grundlagen. Familienleben und Liebe. Horden; Gemeinsinn und Neid. Spiel trieb. Nachahmungstrieb. Sanguinisches Temperament.

Inhalt. XVII

Seit« Eitelkeit. Neugier und Geschwätzigkeit. Gemeinsame Arbeit. Die Laute

als ständige Synxbole. Neugier und Frage: Analyse. Zank und Lüge. Spi-achspielerei. Verschiedenheit der Stimme nach Alter und Geschlecht:

conventioneile Laute. Vorzüge der akustischen Mittel vor den optischen 307 §. 4. Laute und Töne in der Ursprache. Mannigfaltigkeit. Auch Mehrsylbler.

Stilisirung 313

§. 5. Die Personificirung, Beseelung und Belebung. Übertragung des Willens auf Willenloses. Das Widerstrebende. Übertragungen im Ausdrucke.

Woher die Vergleiche? Die Etymologie 315

III. Gapitel. Inhalt und Form der Rede.

I. Die Rede.

Logische Verknüpfungen. Das Ich und das Du 317

1. Mittheilende Rede im engeren Sinne 318

2. Fragende Rede 318

3. Gebietende u. s. w. Rede 319

4. Ausrufende Rede 319

Prüfung dieser Eintheilung. Mittelstufen. Schema. Arten der ausrufenden

Rede 319

A. Voller Satz 319

B. Ellipse 319

C. Vocative u. dgl 319

D. Reine Interjectionen . . 321

a) Nachahmende 321

b) Subjective 321

Eintheilung der Rede in Rücksicht auf die Formung: Schema. Schema nach

Art und Grund der Erregung. Zwitterfonnen 322

II. Eintheilung der Rede in Stoff und Form. §.1. A. Der Stoff. Worin besteht er? Seine Gliederung und Zerlegung.

Geistiger Standpunkt der Völker: Perspective nnd Horizont; geistiges Auge.

Die Beziehungen (Bindemittel) als Stoff, als Form 324

%. 2. B. Die Form 327

§.3. 1. Die innere Fonu. Humboldt, Pott, Steinthal, Mistbli, Fb. Müllbb.

Beurtheilung. Werth der Etymologie. Genetische Erklärung .... 327

§. 4. Die äussere Sprachform. Die morphologische Classification 345

1. üngeformte Satzwörter 345

2. Häufung derselben 345

3. Isolirung 346

4. Gomposition 346

6. Hülfswörter 346

6. Agglutination, Prä-, Sub- und Iniixe 347

7. Fliessende Grenzen: was befördert die Agglutination? 348

8. Unterabtheilungen der Agglutination 349

a) Sub- und Präfixe 349

b) Umfang der Agglutination . , 349

c) Innigkeit der Verbindungen von Form und Stoffelementen . . . 350

d) Grammatische Funktionen 351

9. Anbildung und Agglutination. Defektivsystem 351

B

XVIII Inhalt.

Seite

10. Symbolißation 352

11. Fliessende Grenzen 353

12. Die angeblich flectirende Classe 354

13. Einverleibung, Polysynthetismus. Humboldt. Arten d. Einverleibung 354

14. Die syntaktischen Composita 359

15. Die Erscheinungen der Wortstellung 359

§. 6. C. Der Formungstrieb. Scheinbarer und wirklicher Überfluss im sprach- lichen Ausdrucke; dessen Ursprung und Abschaffung. Der Zweck der Sprache nicht nur geschäftlich. Synonymformen. Das zu Grunde liegende

Bedürfniss. Formungstrieb überall 360

III. Die Wortstellung.

Psychologisches Subject und Prädicat. Die Agglutinationen als Zeugen vor- geschichtlicher Stellungsgesetze. Die ungegliederte Rede. Rede und Ant- wort. Die Ellipse. Häufung einwertiger Äusserungen; logisches Band zwischen solchen. Anfänge zusammenhängender Rede. Unbestimmtheit des Zusammenhanges zwischen den Redegliedem. Die Ordnung frei, aber be- deutsam, zunächst vom Standpunkte des Hörenden, dann aber auch von dem des Redenden aus. Inductiver Beweis; Grundsätze für die Wahl der Bei- spiele. Isolirung des psychologischen Snbjectes. Das Verbum vor dem Subjecte. Das psychologische Subject als grammatische Kategorie. . . 365

IV. Die Betonung.

Herkömmliche Erklärung der Stellungserscheinungen. Wann und was betont man? Lautes Reden. Betonung bestimmter Theile der Rede, immer pole- misch^ gegensätzlich. Warum so oft das erste Satzglied betont? Bedeut- samkeit der Betonung 373

y. Ausspracheweise oder Stimmungsmimik.

Einwirkung der Stimmung des Redenden auf Laut- und Tonbildung. Ver- wendung der Modulationen zu Form- und Wortbildung 376

VI. Zusammenwirken des Stellungsgesetzes und der Stim- mungsmimik.

Beide schon der Ursprache eigen, dieser verhältnissmässige Frische und Mannichfaltigkeit verleihend. Möglichkeit zu fester Gestaltung. Gegensinn (C. Abel), ironische Redeweise. Rohe Sprachen 380

VII. Classification der Wörter nach Begriffskategorien, grammatische Redetheile.

Das Prädicat als Name des Subjectes. Verschiedene Subjecte mit gleichen Prädicaten. Gleiche oder ähnliche Subjecte mit entgegengesetzten Prädi- caten. Unterschied zwischen Ding, Eigenschaft und Thätigkeit durch die Betrachtung der Welt gegeben. Denkgewohnheiten. Das Gewohnte wird zur Regel. Verschiedenes Verhalten der Sprachen, wie möglich? Hybride Fälle. Verschiedene Auffassungsweisen. Das verbale Prädicat im Gegen- satz zum nominalen. Die ursprünglichen Kategorien , 381

VIIL Möglichkeit Regel Gesetz.

Rückblick: Ursprünglich schrankenlose Mannigfaltigkeit. Ob schon gramma- tisches System? Antriebe zu weiterem grammatischen Ausbaue der Sprache: gesteigertes Geistesleben, das Gewöhnliche gewinnt die Alleinherrschaft. Die s. g. Naturvölker. Wechselwirkung zwischen Sprache und Volksgeist 385

Inhalt. XIX

Seite IV. Gapitel. Sprachwürderung. Gesichtspunkte für die Werthbestiramung

der Sprachen.

1. Einleitung. Wechselwirkung zwischen Sprache und Volksgeist . . 387

2. Grundlagen der Induction. Culturwerth der Völker. Dualismus zwischen Formsprachen und formlosen Sprachen oder Gradunterschiede V

Die Grundlagen der Induction verschoben 388

3. Massstab auf Seiten der Sprachen. Verschiedenheit der Organe und Functionen. Angebliche Vorzüge auch bei Sprachen niedrig stehender Völker: Congruenz, grammatisches Geschlecht, innerer Lautwandel, prä- dicative Conjugation, die dritte Person in der Coi^jugation, der Nomi- nativ, Durchdringung von Stoff und Form. Ergebniss 389

4. Geschichtliche Einflüsse 395

5. Werth der Etymologie Gefahr ungerechter Beurtheilung .... 395

6. Wesen der indogermanischen Flexion. Das Defectivsystem und die geistige Anlage der Rasse 398

7. Lautgesetze, Sandhi u. s. w. Anticipationen und Nachwirkungen. Die indogermanischen und die uralaltaischen Sprachen 401

8. Agglutination. Bedenklichkeit der Etymologien. Stoffliches kann formal werden 4ö3

9. Das etymologische Bewusstsein. Logische Klarheit 404

10. Missgriffe bei der Analyse und Beurtheilung; störende Factoren. Die zwischenzeiligen Übersetzungen. Die Terminologie. Fehler der Gram- matiken. Gefahr voreiliger Geringschätzung. Mischsprachen .... 405

1 1. Die semitischen Sprachen. Vocalwandel. Ähnliches in anderen Sprachen 408

12. Malaien und Semiten. Ähnlichkeiten in der Syntax. Vergleichung der Völkerstämme. Schlussfolgerungen. Die semitische Wortstammbildung 411

13. Malaien und üralaltaier. Gegensätze im Sprachbaue. Vergleichung

dor Rassenanlagen 415

14. Die Bantuvölker. Sprachbau und Volkscharakter 420

15. Indianersprachen Amerikas. Der incorporirend polysynthetische Bau der Sprachen und das Geistesleben der Rasse. Verbale und nominale Auffassungsweise 423

16. Andere Völker und Sprachen. Die Australier. Die Indochinesen.

Die Kaukasusvölker 425

17. Btrnb's Principles of the Structure of Language. Uumboldtt, Stbinthal und Byrne 426

18. Einzelerscheinungen und Einzelsprachen. Weiterbildungen und Ab- änderungen. Verhalten den Neuerungen gegenüber. Zähigkeit und Trägheit, Empfänglichkeit und Geschmeidigkeit. Gesichtspunkte zur Beurtheilung. Sprach- und Volksgeschichte. Erziehung und Verwahr- losung der Sprachen; Neuschöpfungen und Einbussen 427

Einzelne Factoren:

A. Das Lautwesen 431

B. Innere Articulation. Begriff, Flüchtigkeiten und Kürzungen; be- sonders scharfe Articulation. Anwendung auf die Beurtheilung der sprachlichen Formen. Einfluss auf die Sprachgeschichte. Rückschluss

auf den Volksgeist 432

XX Inhalt.

Seite C. Der Sprachbau oder der grammatische Gesichtspunkt Die Gram- matik und die nationalen Denkgewohnheiten. Objective und sub- jective Momente 437

I. Die Objectivität.

a) In der formellen Eintheilung des Wortschatzes. Werth der classificirenden Merkmale. Nominale und verbale Prädicate. Schwund der Unterscheidungsmerkmale. Was und wie wird classificirt? (Mafoor^ Süd - Andamanisch) 438

b) Wortformen von absoluter Bedeutung. Im Mafoor. Vergrössemde oder verkleinernde, lebende und tadelnde Formen (Italienisch, Spanisch). Zahl, Zeit, Ort. Besonderes und Allgemeines . . 443

c) Ausdrücke für die Beziehungen der Satzglieder und Sätze unter- einander und des Sprechenden zur Rede 448

a) Im Allgemeinen. Grammatik und Logik. Mannigfaltigkeit

des Ausdruckes. Analyse eines Beispieles. Schwierigkeiten

und Voraussetzungen der Beurtheilnng 448

ß) Prädicat und Attribut, Satz und Satztheil. Die Wortfolge.

Einseitig pr&dicativer und einseitig attributiver Sprachbau.

Zwischenstufen und Entwegungen 451

y) Prädicativattribute, Zwischenprädicate. Relativs&tze. Stellung

des Attributes hinter seinem Träger 456

6) Attributivprädicate, Pr&dicatsprädicate und secundäre Pr&dicate.

Fälle im Chinesischen 458

e) Active und passive Redeweise, Incorporation. Einverleibende

Form des Satzbaues 459

^) Kominales und verbales Prädicat, prädicative und possessive

Conjugation 460

»;) Casus, Prä- und Postpositionen. Die möglichen Beziehungen substantivischer Satztheile zu anderen. Der Objectivcasus als Unterart der adverbialen. Der Anschaulichkeitszweck. Einzelnes: I. Objectcasus im Chinesischen. II. HülfswOrter für die Attri- butiwerhältnisse ebenda. III. Adnominale und adverbiale Attribute. IV. Bevorzugung der letzteren. V. Welcher Art adverbiale Beziehungen in den einzelnen Sprachen? VI. Die beiden Genetive bei den Polynesiem 461

S) Verwandlung der Sätze in Satztheile. Die Aufgabe, ihre Wichtigkeit und Schwierigkeit. I. Unvermitteltes Aneinander- reihen kurzer Sätze. II. Eintönige Coi^junctionen. III. Parti- cipial- und Gerundialconstructionen. IV. Planmässigeres Ver- fahren : a) Zeiten und Modi einander bedingend, b) Satzwörter und Quasiwörter: ee) Zusammengesetzte Verbalnomina, ß) Quasi- Substantiva, syntaktisch erzeugt, y) Kennzeichnung durch veränderte Wortstellung 463

i) Logische Modalität. Schwierigkeit der Beurtheilnng. Bei- spiel aus dem Chinesischen 470

Inhalt. XXI

Seite

IL Die Subjectivität

s) Psychologische Modalität. Mittheilsamkeit, ihre Yoraiissetzungen

und Richtungen 472

b) Die soziale Modalität Rückschlüsse auf das gesellschaftliche

und staatliche Leben 474

IIL Der Stil 475

V. Capitel. Die Sprachschilderung.

Bedürfniss derselben. Voraussetzungen und Aufgaben 476

VI. Capitel. Die allgemeine Grammatik.

Allgemeine Gesichtspunkte. Das Lautwesen. Der Sprachbau. Die gramma- tischen Erscheinungen der Sprachen, ihre Bedeutung, ihre Regelmässigkeit, ihre Geschichte. Das synthetische System und die Monographien . . . 479 Vn. Capitel. Die allgemeine Wortschatzkunde.

Ihre Voraussetzungen und Aufgaben. Welt der Vorstellungen. Etymologie.

Phraseologie 482

Vin. Capitel. Schluss.

Rückblick auf die Aufgaben der einzelsprachlichen und sprachgoschichüiche^ Forschung. Erhaltende und gestaltende Kräfte. Sprach- und Volksleben.

Letzte Ziele der allgemeinen Sprachwissenschaft 485

Register 487

Erstes Buch.

Allgemeiner Theil

I. Capitel. Begriff der Sprachwissenschaft.

§. 1.

Wenn eine Wissenschaft damit beginnt, dass sie sich selbst definii't, so unternimmt sie eine vorläufige Rechtfertigung ihres Bestehens, die unmittelbar die Erhebung gewisser Ansprüche bedeutet. Dies, erklärt sie, ist mein Gebiet; kein Anderer hat es bisher in Besitz genommen, kein Anderer soll es künftig beanspruchen. So verlangt sie nicht Duldung, sondern Anerkennung imd übt mit dem Augenblicke, wo sie ihrer selbst bewusst wird, ihren Nachbarinnen gegenüber ein Recht der Ausschliessung. Fin solches Recht setzt eine feste Grenzbestinmiung voraus; imd diese soll mm unternommen werden mit aller Pedanterie und Umständlichkeit. Wemi irgendwo, so ist hier die Wissenschaft zugleich befugt und genöthigt einen grossen Theil des Publicums rücksichtslos zu langweilen; den Theil des Publicums meine ich, der bei Begriffsbestimmungen den Ruf zur Sache erhebt, weil er nicht begreift, dass Begriffsbestimmmigen zur Sache gehören.

„Sprachwissenschaft ist die Wissenschaft von der Sprache", so erklärt die grammatische Definition, die keine sachliche ist noch sein will. Was ist Sprache? das ist die Frage, welche die Sprachwissenschaft zweimal zu beantworten hat: zum ersten Male vorläufig, in der Absicht ihr Gebiet zu umschreiben, zu zeigen, wie dies Gebiet sich gegen andere abgrenze: das ist die Wortdefinition, die einem Umrisse gleicht Die zweite Definition wird sie in ihrem ganzen V^er- laufe und Wirken zu liefern haben: den Begriff der Sache, der die Sache er- schöpfen soll. Das ist die Sachdefinition, die sich mit dem ausgeführten Bilde vergleichen lässt Wir haben es vorerst mit der Wortdefinition zu thun. Diese wäre mit wenigen Worten als etwas Feststehendes auszusprechen wie ein Ge- setzesparagraph. Wir aber wollen sie von weiteren zu immer engeren Kreisen fortschreitend finden; der Erfolg wird zeigen, ob wir recht daran thuen.

T. d. Oabelentz, Die SprachwissenBch^t. 2. Aufl. $ 1

I, I. Begriff der Sprachwissenschaft.

S 2

Begriff der menschlichen Sprache.

Gleich beim Beginn unserer Erörterungen zeigt uns die menschliche Spraclio eine Eigenschaft, die uns fernerhin noch öfter beschäftigen wird; sie anthropo- morphisirt, d. h. sie überträgt menschliches Sein und Thun auf die ausser- menschliche Welt. Ich rede, der Andere hört und vorsteht mich; also ist für ihn die Rede eine Simies Wahrnehmung, die er versteht; und was er vei*steht, ist nicht die Wahrnehmung allein, sondern der in ihr enthaltene Siim. Einen Sinn in einer Wahrnehmung finden heisst sie deuten. Nun sucht der denkende Geist jede Wahrnehmung zu deuten, und so redet Alles zu ihm, es mag wollen oder nicht. In diesem Verstände redet man von der Sprache der Natur und lässt die Steine eines alten Gemäuers Geschichte erzählen.

Allein anders wird die Sprache der Natur vom Naturforscher gedeutet, anders vom Naturmenschen; und anders deutet der Alterthumsforecher die Sprache der Steine, anders der Maurer, der sie wegbricht. Und doch haben in beiden Fällen die Zwei genau dasselbe vor Augen gehabt, und beide haben richtig gedeutet. Daraus folgt, dass diese Sprachen mehrdeutig sind. Sprache soll aber ein- deutig sein, denn nur das Eindeutige ist verständlich. Und sie muss nicht nur Verständnissgrund des Einen, sondern auch A^erständnissmittel des Anderen sein, mithin freiwillige Aeusserung, denn nur wo ein Wille ist, kann von einem Mittel die Rede sein. Mit anderen Worten: Sprache verlangt erst ein Ich und dann ein Du. Da hätten wir zwei Gründe, warum eine Sprache unbe^eelter Dinge nur im uneigentlichen Sinne möglich ist; der Vergleich hinkt und zwar nicht bloss auf einem Beine.

Besser, so scheint es, steht es mit der sogenannten Geberdensprache; der Eine macht dem Anderen ein sichtbares Zeichen, das dieser so versteht und nur so verstehen kann, wie es von Jenem gemeint ist. Hier haben wir also die zwei Merkmale der Absichtlichkeit und der Eindeutigkeit; aber ein drittes fehlt, das zur Sprache im eigentlichen Sinne nicht minder wesentlich ist: die Stimme, die das Zeichen giebt, das Gehörorgan, das es aufnimmt Vorhin redeten wir vom Ich und Du, jetzt reden wir von meinem Munde und deinem Ohre. Eins aber haben jene sichtbaren Zeichen doch mit der hörbaren Sprache gemein, und insofern vor der Sprache der Natur und der Culturdenkmäler voraus, nämlich die Vergänglichkeit: sie dienen dem Augenblicke und sind nicht mehr, sobald sie gedient haben.

•Mit noch mehr Scheine Rechtens redet man von Sprachen der stimm- begabten Thiere. Hier treffen in der That alle bisher aufgestellten Erforder- nisse zu. Das Thier bedient sich seiner Stimme, imi sich verständlich zu machen,

§. 2. Menschliche Sprache. 3

imd es wird veretanden, nicht nur von Seinesgleichen, sondern auch von dem beobachtenden Tlüerfrennde. Käme es nur auf die Lebhaftigkeit des Aus- imd Eindruckes an, so wüsste ich nicht, was an den Sprachen des Hundes und der Singvögel zu vermissen wäre: ihre rhetorische Leistungsfähigkeit ist erstaunlich. (»erade diese aber haben sie mit den Gesten und Mienen gemeinsam, deren Be- fieutsamkeit und tiefe Wirkung auf das Gemüth wir an den Meistern der Schau- .spielkiinst bewundem. Soweit man aber die Thiersprachen bisher erforscht hat, «rleichen sie den Gesten noch in einem anderen, weniger vortheilhaften Stücke: was sie ausdrücken sind Empfindungen oder höchstens Gesammtvoi'stellungen, nicht in ihre Glieder zerlegte Gedanken. Ein Thier, das Schmerz empfindet, mag in seiner Sprache rufen: Au! aber ein Gebilde wie unsem Satz: Ich empfinde Schmerz, oder wie das lateinische „doleo'^ vermag es nicht zu schaffen; es mag wohl auch in seiner Sprache sagen: Burr! oder Plautz! aber es sagt nicht: Wir wollen auffliegen, oder: Da fällt etwas. Hier haben wir eine Fähigkeit, die bis- her nur an mensclüicher Rede, aber auch an aller menschlichen Rede beobachtet worden ist: die Zerlegung der Vorstellung (Analyse), der der gegliederte Aus- druck des Gedankens entspricht. Jeder gegliederte Gedankenausdruck ist selbstverständlich ein gewollter und in der Regel eindeutiger. Daher bedürfen wir dieser zwei Merkmale nun nicht länger und fassen unsere Definition dahin zusammen: Menschliche Sprache ist der gegliederte Ausdruck des Ge- dankens durch Laute.

Es sei schon hier bemerkt, dass diese Definition ein Mehreres in sich fasst Zunächst gilt die Sprache als Erscheinung, als jeweiliges Ausdrucksmittel für <len jeweiligen Gedanken, d. h. als Rede. Zweitens gut die Sprache als eine einheitliche Gesammtheit solcher Ausdrucksmittel für jeden beliebigen Gedanken. In diesem Sinne reden wir von der Sprache eines Volkes, einer Berufsklasse, eines Schriftstellers u. s. w. Sprache in diesem Sinne ist nicht sowohl die Ge- sammtheit aller Reden des Volkes, der Classe oder des Einzelnen, als viel- mehr die Gesammtheit derjenigen Fähigkeiten und Neigungen, welche die Form, derjenigen sachlichen Vorstellungen, welche den Stoff der Rede bestimmen. End- lich, drittens, nennt man die Sprache, ebenso wie das Recht und die Religion, ein Gemeingut der Menschen. Gemeint ist damit das Sprachvermögen, d. h. die allen Völkern innewohnende Gabe des Gedankenausdruckes durch Sprache.

Nur mit der menschlichen Sprache hat es unsere Wissenschaft zu thun, und zwar vorwiegend mit der specifisch menschlichen, d. h. mit der gegliederten, nur nebenher mit denjenigen Lautäusserungen, die dem Menschen mit dem Thiere gemein sind.

Wie nun, wenn es gelänge, auch bei dieser oder jener Thierart eine der raenchlichen älmliche, gegliederte Sprache zu entdecken? Der Gedanke scheint vielleicht paradoxer, als er ist. Die Sprache ist ein Erzeugniss der Gesellschaft,

4 I, I. Begriff der Sprachwissenschaft.

und gewisse Thiere haben die Gesellschaft höher entwickelt, als viele Menschen- völker. Die Ameisen bauen wunderbar planmässige Ansiedelungen, scheiden sich in Berufsstände; manche von ihnen treiben Viehzucht und Landwirthschaft zur Emälirung ihres Milchviehes. Da redet man von Instinct, setzt ein y für ein X. Dies eine Mal soll die gleiche Wirkung nicht der gleichen Ursache ent- springen, das zweckmässige vielseitige Zusammenwirken einer grossen gegliederten Gesellschaft nicht auf einem entsprechenden Geistesverkehre beruhen. .Seltsam, die uns körperlich verwandtesten Thiere sind mit Nichten die sprachbegabtesten. Wie nun, wenn jene Ameisen sieh zu ihren Verwandten auch im Punkte der Sprache ähnlich verhielten, wie der Mensch zu den anthropoiden Affen? Der Gedanke ist meines Wissens von einem Naturfoi*scher ausgesprochen worden, und die Naturforscher mögen über seine Aimehmbarkeit entscheiden. Gesetzt aber, er fände seine Bestätigung: wem fiele diese Sprache als Untersuchungsobject zu? Ich meine, nicht dem Sprachforscher, weU es eben keine menschliche Sprache ist, d. h. keine Menschensprache.

Auf diesen Punkt wollte ich kommen, auf die Gefahr hin, den Weg durch eine Utopie zu nehmen, mit dem vollen Bewusstsein, dass er praktisch noch unerheblich ist vielleicht nie erheblich wird. In der That ist er für die Stellung der Sprachwissenschaft mit entscheidend. Sprache ist eine Funktion , ihr Ver- mögen eine Kraft des Menschen. Was soll nun entscheiden: die Art der Kraft und ihrer Wirkimgen, wie in der Physik, oder des Subject,wie in der Geschichte? Im ersteren Falle wäre die Sprachwissenschaft ich weiss nicht welches Gemisch von vergleichender Physiologie und Psychologie, im zweiten Falle ist sie ein Theil der grossen Wissenschaft vom Menschen. So eröffne! sich uns an diesei* Stelle eme erste Aussicht auf eine viel behandelte Streitfrage.

Wir kehren nun zu unserer Definition der menschlichen Sprache zurück, um zwei in sie aufgenommene Begriffe zu untersuchen, den der Lautsprache und den des Gedankens.

§. 3. Lautsprache, Articulation.

Soviel mir bekannt, pflegte man bisher in die Definition der menschlichen Sprache einen Begriff aufzunehmen, der scheinbar in meiner Definition nicht mit enthalten ist: den des articulirten Lautes. Es fragt sich: Was ist Laut? was ist Articulation?

Tkchmer geht bei seiner Definition von Letzterer aus: ,,Articulation sei die schallbildende Abweichung der Sprachorgane vcm der natürlichen Gleichgewichts- lage. Die simultanen Articulationen, die tivibenden und hemmenden Kräfte, seien im Kani])fe.'' Den Laut definirt er genetisch als „resultirend aus dem

§.3. Lautsprache, Articulation. 5

labilen Gleichgewichte der gleichzeitig wirkenden articuJatorischen Kräfte im Kainpfe" (Internationale Ztschr. f. allgem. Sprach w. I. S. 109).

Hiemach würde Articolation in den Begriff des Lautes gehC^reii: articulirter Laut wäre ein Pleonasmus, und unarticulirter Laut eine contradictio in adjecto.

Zuvor hatte Techmer die Laute in Schall- und Geräuschlaute getheilt und beide (lefinirt als „solche, kürzere oder längere Zeit sich gleic.'hbleibende Schwingungs- weisen in der Aufeinanderfolge der sprachlichen Schallbewegimgen, welche vorwiegend resp. Klang- oder Geräuschcharakter zeigen" (das. S. 73).

Damach würde Sprache ein Moment im Begriffe des Lautes und folglich auch im Begriffe der Articulation sein. Und folglich dürfte in die Definition der Sprache nicht das Merkmal der articulirten Laute aufgenommen werden. Doch dieses Hindemiss wäre wohl zu beseitigen, wenn man, statt von sprach- lichen, etwa von solchen Schallbewegungen redete, welche durch die und die Organe hervorgebracht werden und Mischungen von Klängen und Geräuschen «larsteilen.

Jedenfalls ist somit der Ausdruck Articulation von der Lautphysiologie in Anspruch genommen worden; ihre Berechtigimg hierzu brauchen wij- nicht zu bestreiten, nicht einmal zu prüfen. Das aber interessirt auch ims, dass nach diesen Definitionen der articulirte Laut nicht mehr als ausschliessliche Eigenschaft der menschUchen Rede gelten darf. Die Lautphysiologie ist ein Theil der Phy- siologie: sie handelt von gewissen Functionen gewisser Organe des thierischen Körpers. Was die Laute ausdrücken, ob menschliche Gedanken oder thierische ( ref ühlsregungen, geht den Lautphysiologen als solchen schlechterdings nichts an. Auch kann der Physiolog von seinem Standpunkte aus keinen Unterschied zwischen Mensehen und Thier anerkennen, weil er ilm mit seinen Mitteln nicht nach- weisen kann; er hat es nur mit dem Körper zu tiiun, und als körperliches Wesen ist der Mensch eben ein Thier; imd wenn das Thier mit den gleichen Organen gleiche akustische Wirkungen erzielt, wie der Mensch, so hat sich der Lautphysiolog dabei zu beruhigen. Ich weiss nicht, ob ein Schaf sein Mää genau mit denselben Stimmorganen hervorbringt, mit denen der Mensch es nachahmt (besetzt, dies wäre der Fall, so wüsste ich nicht, warum jenes Mää für weniger articulirt gelten sollte, als etwa unser „mähe" oder das französische „mais". Und dasselbe gilt erst recht von mehrsylbigen Rufen der Thiere, wie dem Schreie des Kukuks, dem Kikeriki des Hahnes.

Articulation ist Gliedenuig, das besagt der Name. Soll sie aber zu den entscheidenden Merkmalen der menschlichen Sprache gehören, so kann ilu: Wesen nicht, oder doch nicht allein in der Art ilu-er mechanisclien (physiologischen) Hervorbringung und in ihrer akustischen Wirkung bestehen, sondern die Gliede- rung muss in Rücksicht auf einen Zweck gedacht werden, durcli den sie zur

6 I, I. Begriff der Sprachwissenschaft.

menschlichen Articulation gestempelt wird. Und diesen Zweck hatten auch Frühere in den Begriff der Articulation aufgenommen (Ygl. Techmer a. a. Q.H. 107 108). Der Zweck der Sprache ist der Ausdruck des Gedankens. Der Gedanke und seine Theile müssen mit einem ausreichenden Grade von Energie in's Be- wusstsein treten, um zum sprachlichen Ausdrucke zu drängen. Energie heisst in diesem Falle soviel als Klarheit. Sich einen Gedanken klar machen heisst ihn zergliedern. Dem Ergebnisse dieser Zergliederung soll der sprachliche Aus- druck entsprechen, mithin muss er selbst gegliedert, d. h. articuliit sein. Ich habe mich in meiner Definition des deutschen Ausdruckes bedient, um den la- teinischen den Lautphysiologen unbestritten zu überlassen; und ich habe von einem gegliederten Ausdrucke durch Laute, nicht von einem Ausdrucke durch ge- gliederte Laute geredet, um anzudeuten, dass die Gliederung eine für den Zweck des sprachlidien Ausdruckes gewollte, nicht blos eine physiologische, nicht die im Wesen des Lautes allein liegende sei.

Der Gedanke.

Steinthal sagt in seiner Charakteristik der hauptsächlichsten Typen des Sprachbaues S. 93: „Man sprach unter Menschen von jeher und allüberall; man denkt aber nur seit Sokrates, und nur in dem engen Kreise der Wissenschaft im strengen Sinn des Denkens.^' Was dieser „strenge Sinn des Denkens" sei, hat er zuvor durch ein Citat aus LoTzfi gezeigt, und zwar engt er auch dessen Definition noch ein ; denn Lotze kennt neben dem logischen Denken noch einen „psychologischen Gedankenlauf oder ein Denken, welches noch nicht von dem Geiste, dem Logos der Vernunft durchdrungen ist", während das logische Denken „in einer fortwährend ausgeübten Kritik besteht, die . . . der vernünftige Geist dem Yorstellungsmateriale angedeihen lässt". Steinthal nennt nur dies ein Denken im strengen Sinne des Denkens. Dass er ein solches u. A. dem Pythagoras, den ägyptischen, chaldäischen und chinesischen Astronomen abzusprechen scheint, geht uns hier nichts an. Unter dem ,,Denken im strengen Sinne des Denkens'* versteht er nun aber wohl nichts Anderes, als Denken im strengen Sinne des Wortes, m. a. W. er sagt: die Wissenschaft dürfe den Ausdruck nur vom bewusst logischen, kritischen Denken gebrauchen. Wenn er gelegentlich vom „Denken in der Sprache" redet, das „noch kein echt und rein logisches Denken" sei, so ist das eben ein Zugeständniss, das er dem gemeinen Sprachgebrauche macht. Anderwärts redet er vom „gewöhnlichen Denken, welches am Faden des psyclio- logischen Meclianismus abläuft. Da", sagt er, ,,haben nicht wir gedacht, sondern es ist in uns gedacht worden; unsre Seele war Schauplatz des Denkens. Beim Denken in logischen Formen dagegen waltot eine Thätigkeit des Geistes, die als

I, 11. Aufgaben der Sprachwissenschaft. 7

eine wahrhaft subjektive That sich über jenes Schauspiel der Ideeuassociation erhebt*^

Natürlich habe ich in meiner Definition das von Steixtual so genannte „gewöhnliche Denken'" gemeint Dass ich es aber niclit ausdrücklich so be- zeichnet habe, bedarf keiner Rechtfertigung. Denn der Philisoph kann und soll mir wohl erklären, was Denken ist, aber er kann mir nicht vorschreiben, dass ich das Wort gegen den allgemeinen Sprachgebrauch nur in einem beliebig ein- geengten Sinne anwende. Die Wissenschaft hat wohl ein Interesse daran, die Wörter genau zu definiren: aber sie hat kein Interesse daran, sich in Unver- ständlichkeit zu hüllen, indem sie die Begriffe wider den Sprachgebrauch begrenzt; und die Sprachwissenschaft ist die letzte, die solchen Willkürlichkeiten nach- geben darf.

Soviel zur Wortdefinition, die festzustellen hat, was unter den Begriff der menschlichen Sprache falle, und was nicht. Ob die Sprache eine göttliche oder eine menschliche Schöpfimg, ob sie ein Werk oder eine Bethätigung (tQyov oder ivtQyeia), ob und in welchem Sinne sie ein Organismus sei, imd alles Andere gehört nicht in die Wort-, sondern in die Sachdefinition.

II. Capitel. Aufgaben der Sprachwissenschaft.

S. 1.

Man kann sich mit fremden Sprachen beschäftigen, um sie praktisch zu vorwerthen, sich in ihnen zu imterhalten, in ihnen zu lesen oder zu schreiben. Wir erlernen da die fremde Sprache ähnlich wie wir als Kinder unsere Mutter- sprache erlernt haben, nur vielleicht auf anderem Wege. So werden uns in imserer Jugend die altclassischen Sprachen, vielleicht auch durch Lehrer oder Bonnen das Französiche oder Englische beigebracht. Die Methode des Unter- richts mag rein praktisch, oder mehr wissenschaftlich, ilu* Erfolg mag eine massige Fertigkeit oder völlige Meisterschaft in der fremden Sprache sein: einerlei, .«jolche Spracherlemung ist noch keine sprachwissenschaftliche That. Denn nicht die Methode, auch nicht der erzielte Wissensgewinn, sondern die Betrachtungs- weise, der Zweck macht die Wissenschaft Betrachte ich den Lehrgegenstand als Mittel zu einem ausserhalb seiner liegenden Zwecke, so betrachte ich ilm nicht wissenschaftlich, sondern praktisch; dann hat die Sache und ihre Erkennt- niss für mich nur insoweit Werth, als Beide jenem Zwecke zu Statten kommen.

Die Sprachwissenschaft bezweckt Erkenntniss der Sprache um ihrer selbst willen. Ihr Gegenstand ist alle menschliche Sprache, sind also alle menschlichen

8 I, II. Aufgaben der Sprachwissenschaft.

Sprachen, die der Wilden sowohl wie die der gesitteten Völker, die neuen so gut wie die alten, die kleinsten Dialekte nicht weniger, als die grossen Sprach- familien. Und sie will diesen ihjen Gegenstand allseitig begreifen, darum hat sie vor Allem zu fragen, w^elche Seiten er biete? Soviele Seiten, soviele Stand- punkte der Betrachtimg, soviele Aufgaben der Wissenschaft.

§ 2. A. Die EinzeUprachen.

Jede Sprache ist Gemeingut einer grösseren oder kleineren Anzahl Menschen, die wir vorläufig ein Volk nennen wollen, weil in der Regel Sprachgemeinschaft und nationale Gemeinschaft zusammenfallen. Dass diese Regel viele Ausnahmen erleidet^ ist bekannt; darum wird der Ausdruck, soweit er unzutreffend ist, keine Missverständnisse verschulden. Passender wäre etwa der Ausdruck Sprachgemeinde, welche naturgemäss auch alle Ausländer in sich begreift, die zu ims in imserer Muttersprache reden. Zu einer solchen Sprachgemeinde ge- hören nun alle Mitredenden, aber auch nur die Mitredenden, und zu diesen ge- hören auch Todte. Jedes Volk hat überlieferte Sprichwörter, wohl auch Lieder oder Sagen, die sich in gefestigter Fonn von Geschlechte zu Geschlechte ver- erben. Wir lesekundigen und leselustigen Völker stehen überdies durch schrift- liche Literaturen unter steter sprachlicher Einwirkung unserer Altvordern. Jetzt dürfte der Ausspruch, dass die ganze Sprache in jedem Augenblicke lebt, weder überflüssig noch misszuverstehen sein. Was nicht mehr in der Sprache lebt, gehört nicht mehr zu ihr, so wenig wie der ausgefallene Zahn oder das amputirte Bein noch zum Menschen gehört. Dies besagt, der Satz in negativer Richtung. In positiver behauptet er aber, dass jede lebende Sprache in jedem Augenblicke etwas Ganzes ist, und dass nur das im Augenblicke Lebende in ihr wirkt.

Es scheint, man könne nicht leicht einen faderen Gemeinplatz aussprechen und doch handelt es sich hier um eine Thatsache, die man oft und leicht ver- kennt. Man bildet sich nur zu gern ein, man wisse, warum etwas jetzt ist, Avenn man weiss, wie es früher gewesen ist, und die einschlagenden Gesetze des Lautwandels kennt. Das ist aber nur insoweit richtig, als diese Gesetze allein die Schicksale der Wörter und Wortformen bestimmen. Weiss ich z. B., dass lateinisches f im Spanischen zu h, li vor Vocalen zu j (sprich ;f), und die Endung der zweiten Declination im Singular o, im Plural os gew^orden ist: so ist es mir erklärlich, wie filius zu hijo werden mussto. (iesetzt nun, jedes Wort und jede Form der spanischen Sprache wäre auf diese Weise genetisch abgeleitet: wäre damit die spanische Sprache erklärt? Sicherlich nicht. Denn die Sprache ist ebensowenig eine Sammlung von Wraiem und Formen, wie der

§. 3. B. Sprachgeschichte, Sprachstämme. 9

»»rganische Körper eine Sammlung von Gliedern und Organen ist. Beide sind in jeder Phase ihres Lebens (relativ) vollkommene Systeme, nur von sich selbst abhängig; alle ihre Theile stehen in Wechselwirkung tmd jede ihrer Lebens- äusserungen entspringt aus dieser Wechselwirkung. Die Lebensäusserung einer Sprache, richtiger die Sprache selbst, die ja nur eine Lebensäussenmg ist, ist die Eede, die unmittelbar aus der Seele des Menschen fliesst. Wollte man nun sagen: der Spanier spricht so, weil der Römer so gesprochen hat: so hätte das höchstens dann einen Sinn, wenn etwa der Spanier aus dem Lateinischen über- setzte. Nicht Ei, Raupe und Puppe erklären den Flug des Schmetterlings, sondern der Körper des Schmetterlings selbst. Nicht die früheren Phasen einer Sprache erklären die lebendige Rede, sondern die jeweilig im Geiste des Volkes lebende Sprache selbst, mit anderen Worten der Sprachgeist Dieser ist recht eigentlich das erete Object der einzelsprachlichen Forschung, und soweit die J^hilologen ihm nachspüren, sind sie Linguisten, so gut wie die historischen Sprachvergleicher. Inwieweit der Sprachschatz der ausschliesslich einzel- sprachlichen Bearbeitimg unterliege, mag später festgestellt werden.

B. Sprachgeschichte, Sprachstämme.

Leben ist ununterbrochenes Werden, d. h. Sichveräudera. Heute sind wir nicht mehr wie wir gestern waren, und morgen wird unsere Muttersprache anders sein, als sie heute ist. Diese Veränderungen zu verfolgen, ihre Gesetze zu entdecken ist Aufgabe der Sprachgeschichte.

Die Völker, wenn sie nicht in ihrer Entwickelung gehindert werden, wachsen an Kopfzahl und breiten sich über weitere Gebiete der Erde aus. Die Nach- kommen derselben Vorfahren werden, räumlich getrennt, einander fremd, die Sprachen spalten sich in Dialekte, die Völker in Stämme. Geschichtliche Mächte können dieser Spaltung Einhalt gebieten; thuen sie es nicht, so erweitem sich die Abstände je länger je mehr, aus den Stämmen eines Volkes werden ver- schiedene Völker, und aus den Dialekten einer Sprache verschiedene Sprachen. So reden wir von Sprachfamilien und Sprachstämmen, von Tochter- und Schwestersprachen, kui'z von verschiedengradigen Verwandtschaften. Diese Ausdrücke sind längst in der Wissenschaft eingebürgert und völlig un- verfänglich; deim Niemand wird vergessen, dass die Genealogie der Sprachen nicht Reihen verschiedener Individuen dai-stellt sondern verschiedene Entwick- lungsphasen desselben Individuums.

Es gilt, diese Genealogie und die Veränderimgsprozesse festzustellen, d. h. nachzuweisen, welche Sprachen untereinander verwandt sind, und wie sie sich verwandtschaftlich zu einander verhalten und im Laufe der Zeit gestaltet haben.

10 I, II. Aufgaben der Sprachwissenschaft

Dies kann nur durch eine wissenschaftliche Vergleichimg geschehen; danini wird die genealogisch-historische Sprachwissenschaft die vergleichende xar^ l^oxrjv genannt, während doch in der That alle Linguistik Erfahrungswissenschaft, alle Erfahrungswissenschaft überwiegend inductiA', und alle Induction über- wiegend vergleichend ist.

Die sprachgeschtliche Forschung hat auf dem Gebiete der indogermanischen Sprachfamilie zwar nicht ihre ersten, aber jedenfalls ihre bedeutendsten Triumphe gefeiert, und gerade in Deutschland widmet sich noch jetzt die Mehrzahl der historischen Sprachforscher mehr oder minder einseitig dem Studium des eigenen Sprachstammes. Es ist das erklärlich und doch zu beklagen. Ander- wärts gibt es noch so viel thun, und die Arbeit ist wahrhaftig nicht weniger lohnend. Neue Aufgaben und neue Erkenntnisse würden sich bieten, und man würde nicht immer und immer wieder die halb abgegraste Flur abweiden, während rings umher ein jmigfräulicher Boden grünt. Doch das ist das Wenigste; es ist Sache der Liebhaberei, und der Wissenschaft kommt es zu Gute, w^enn erst einmal ein kleines Theilgebiet bis in's Kleinste durchgearbeitet wird. Nur soll man den Theil nicht für das Ganze ausgeben, soll nicht wähnen, es sei mit der geschichtlichen Vergleichung indogennanischer Laute, Wörter und Woiiformen das Ganze oder auch nur das Beste der sprachwissenschaft- lichen Arbeit gethan. Unter den drei Betrachtungsweisen, die unsere Wissen- schaft verlangt, ist die historische nur eine. Unter den Dingen, die es an einer Sprache zu betrachten gilt, mögen Laut-, Wort- und Formenlehre knapp die Hälfte ausmachen. Und von den Sprachen unserer Erde stellen die indo- germanischen nur einen kleinen Bruchtheil dar, von den Formen des mensch- lichen Sprachbaues vielleicht einen noch kleineren. Glaubt man an ihnen allein ermessen zu können, was in der Sprachenwelt möglich, was unmöglich oder nothwendig sei, so kann man zu Fehlschlüssen kommen, die um nichts vorständiger sind, als der: der Fisch hat keine Lunge, folglich kann er nicht athmen. Die Zoologie darf nicht beim Kaninchen des Physiologen Halt machen, imd die Linguistik nicht bei der indogermanischen Sprachfamilie; Beide haben nach Allgemeinheit zu streben, vor verfiiihten Verallgemeinerungen sich zu hüten.

C. Das Sprachvermögen; die allgemeine Sprach wiscenschaft.

Eben jenes, dass alle Sprachwissenschaft Erfahrungswissenschaft ist, hat mau zuweilen erkannt. Ausgelastet mit einem unzureichenden Yorrathe tliatsächlicher Kenjitnisse, hat man sich eingebildet deductiv, aus dem Wesen der Sache, sclilussfolgem zu können, was Alles für die menschliche Sprache nothwendig, was in ihr möglich sei. So entstanden die s. g. allgemeinen oder philoso-

§. 4. C. Sprach vermögen. 11

phischen Grammatiken, meist Kinder unseres philosophischen Zeitalters, schöne Kinder zum Theil, aber nicht lebensfähige. Heute düi'fen wir sie zu den Todten rechnen, brauchen also nicht mehr gegen sie zu kämpfen. Ihre Mittel und Wege waren verfehlt, aber ihre Ziele waren und bleiben berechtigt imd ver- dienen gerade in unserer Zeit vertheidigt zu werden. Wir leben in einem Zeit- alter der Entdeckungen, und wer an den neuen EiTungenschaften seiner Wissen- schaft theihiehmen will und kann, sitzt stets vor wohlbesetzter Tafel; die Be- dienung ist fast zu prompt: noch hat er den Fisch auf der Gabel, da wird auch schon der Braten aufgeti'agen ! Nicht Hunger hat er zu fürchten, sondern Übersättigung. Solche Zeiten sind für die Gewinnung allgemeiner Anschau- ungen nicht günstig: man fragt einander öfter: Hast Du davon erfahren? als man fragt: Was denkst Du darüber, wie fügst Du es in's Ganze ein?

Dazu kommt ein Zweites: Wir Linguisten waren nachgerade drauf und dran, den Satz: „Denominatio fit a potiori" umzukehren. Die Meisten von uns haben ilire Arbeit auf die Erforschimg der einen oder anderen Sprachfamilie beschränkt, und die genealogisch-historische Schule hat so glänzende Fortschritte zu veraeichnen, dass ihr eine gewisse Selbstgenügsamkeit nicht zu verdenken ist- Nichts lag näher, als zu sagen: Der Fortschritt der Sprachwissenschaft ist ganz und ausschliesslich bei dieser Schule; die draussen mögen sich Philologen, Sprachphilosophen, wohl auch Sprachkundige, Polyglotten nennen, oder wie es ihnen sonst beliebt, sie sollen nur nicht sich für Linguisten, nicht ihre Sache für Sprachwissenschaft ausgeben. Wer so spricht, der verwechselt den kleinen Acker, den er pflügt, mit der Flur einer gi-ossen Gemeinde und urtheilt, um mich eines chinesichen Yergleiches zu bedienen, wie einer, der im Brunnen sitzt und behauptet, der Hinmiel sei klein. Die Wissenschaft kann nur zu viel erzählen von Meistern in der Beschränkiuig, die am Ende Meister wurden in der Beschränktheit, fleissigen Mäimeni, die vor lauter Fleisso nie zu den Fenstern ilirer Werkstätten hmausschauten.

Will man die allgemeine Sprachwissenschaft als Spmchphilosophie bezeichnen,

so kommt es darauf an, was man sich unter Philosophie denkt. Hiesse philosophiren

soviel, wie: die Welt der Thatsachen durch apriorische Speculationen aufbauen wollen, so stünden wir wieder auf dem alten Flecke, und ich wüsste dann nicht, wass wir den Verfassern der „allgemeinen Grammatiken'' vorzuwerfen hätten. Sagt man gleichungsweise: Die Philosophie verliält sich zu den Einzelwissenschaften so, wie diese sich zu ihren Forschungsgebieten verhalten: so liefe die Sache auf Methodologie und allenfalls auf eine Gescliichte der Sprachwissenschaft hinaus, imd am Ende hätte der Sprachphilosoph mit den Sprachforschem so viel zu thun, dass ihm keine Zeit mehr übrig bliebe, sich mit den Sprachen selbst zu beschäftigen. Weist man drittens der Philosophie die Aufgabe zu, in der Mannigfaltigkeit der Erfahrungswelt die Einheit der obei-sten Prinzipien

12 I, III. Stellung der Sprachwissenschaft.

darziithun, so scheint es, als würde dem Sprachphilosophen allein das Un- mögliche zugemutliet, die gesammte Sprachwissenschaft zu beherrschen, oder als wäre ihm ein Freibrief zur leichtfertigsten Halbwisserei ausgestellt Mit anderen Worten: nach der ersten Auffassung wäre die Aufgabe unsinnig, nach der zAveiten sehr uneix^uicklich, nach der diitten entweder undurchführbar oder geradezu unverantwortlich.

So schlimm stehen die Dinge nun doch nicht. Aprioristisch denken muss Jeder, der es unternimmt, der Wissenschaft ideale Ziele zu setzen. Jeder, der nicht die Arbeiten seiner Vorgänger von vorn an wiederholen will, muss aus der Vorgeschichte seiner Wissenschaft die ihm nöthigen Lehren ziehen. Und dass ein flüchtig dilettantisches Herumsclmüffeki und Nippen da nichts gilt, wo den Thatsachen ihr Höchstes und Tiefstes abgewonnen werden soll, das wird jeder vorlaute Prinzipienentdecker über kurz oder lang zu seinem Schaden an sich selbst erfahren. Der vSprachphilosoph sei vor Allem Sprachforscher und Sprachenkenner, und das in so w^eitem Umfange und mit so tiefgehender Gründlichkeit, wie nur immer möglich. Alle Sprachfamilien, alle Sprachen kann er nicht mit seinem Wissen beherrschen. Dafür wird er sich möglichst viele und möglichst weit voneinander verschiedene Typen anzueignen suchen, um sich eine Vorstellung zu bilden von der vielgestaltigen Welt, der er ihre Ge- setze abfragen soll. Und tüchtig mitgearbeitet muss er haben, ehe er sich über seine Vor- und Mitarbeiter ein Urtheil zutrauen darf.

Sind die einzelnen Sprachen luid Sprachfamilien nothwendige Objekte unsrer Wissenschaft, so ist es nicht minder das menschliche Sprachvermögen, das ihnen allen zu Grunde liegt und nur in der wunderbaren Vielgestaltigkeit seiner Entfaltungen völlig begriffen werden kann.

Rückblick.

Halten w'ir uns an die drei Bedeutungen des Wortes Sprache, S. 3 4, so dürfen wir nunmehr sagen: Die einzelsprachliche Forschung erklärt die Rede aus dem Wesen der Einzelsprache. Die genealogisch historische Forschung erklärt die Einzelsprache, wie sie sich nach Raum imd Zeit ge- spalten und gewandelt hat. Die allgemeine Sprachwissenschaft endlich will die vielen Sprachen als ebensoviele Erscheinungsformen des einen gemein menschlichen Vermögens, und somit dieses Vermögen selbst erkläi*en. So- lange nun die Sprachgeschichte mehr den Körper der Sprachen, als ihren Geist zum Gegenstande hat, steht sie der allgemeinen Sprachwissenschaft kaum so nahe, wie die Arbeit dessen, der möglichst viele und verschiedene Einzelsprachen zu verstehen trachtet. Jedenfalls hat Keiner mehr Anlass als er, über die ver- schiedensten und allgemeinsten Probleme der menschlichen Sprache nachzu-

Anthropologie, Völkerkunde, Geschichte. 13

denken, und Keinem flie^sen die fruchtbaren Anregungen reichlicher zu. Dafür wird er^ je mehr er das bunte Reich der Thatsachen durchmessen hat, desto schwerer behaupten, dass hier etwas schlechthin nothwendig oder unmöglich sei.

IIL Capitel. Stellung der Sprachwissenschaft.

Eine Wissenschaft ist berechtigt als eine besondere innerhalb der übrigen aufeutreten, wenn ihr Gegenstand ihr allein eigen ist. Diesem Erfordernisse genügt die Linguistik vollkommen: weder macht sie anderen Wissenschaften ihre Gebiete streitig, noch braucht sie vor etwaigen Annexionsgelüsten ihrer Naehbarinnen sonderlich auf der Hut zu sein. Darum darf luid soll sie aber nicht minder innig mit diesen verkehren, hier entlehnend, dort ausleihend. In der That will und soll ja alle Wissenschaft einem Endzwecke dienen: der Er- kenntniss des Alls; und dies All muss als Eines gedacht werden, damit es er- kennbar sei. Erkennen im wissenschaftlichen Sinne heisst auf Gesetze zurück- füliren; darum muss das All gedacht werden als von einheitlichen, widerspruchs- losen Gesetzen beherrscht, damit es erkennbar, d. h. begreiflich sei. Jede Wissenschaft will und soll Gesetze entdecken, und jede dieser Entdeckmigen geht mindestens mittelbar der Gesanmatheit aller Wissenschaften zugute. Das hat der denkende Menschengeist wohl von jeher gealmt und imzählige Male voreilig auszunutzen gesucht. Jene „curiösen Wissenschaften^^ früherer Jahr- hunderte, alle die verschiedenen Arten der Wahrsagekunst beruhten, aus- gesprochener- oder Unausgesprochenermassen, auf dem wahren Satze, dass in der Welt Alles mit Allem in nothwendigem Zusammenhange steht. Und wo immer die Philosophie sich angemasst hat, die Welt der Thatsachen aus aprio- rischen Himgespinnsten aufzubauen, lag allen diesen A^ersuchen dieselbe falsche Yerwerthung derselben richtigen Erkenntniss zu Gnmde. Die Einzehvissen- schaften sollten hierin weiser sein, als die Weltweisheit. Fest steht nur, wer seinen Schwei^punkt in sich hat; wer sich an einen anderen lehnen will, der warte ab, bis er ihm nahe genug gerückt ist, und er sehe zu, ob der Andere fest genug steht, dass man sich auf ihn stützen könne. Dagegen hat auch die Sprachwissenschaft zuweilen gefehlt, zu ihrem und Anderer Schaden. Sie muss sich ihres Standpunktes genau bewusst werden, die Richtungen bestimmen, die Entfernungen abmessen gegenüber ihren Genossinnen.

Die Sprache ist Gemeingut des Menschen; nur als solche, d. h. nur die menschliche Sprache ist Gegenstand der Linguistik. Mithin ist diese letztere ein Bestandtheil der Wissenschaft vom Menschen, also der Anthropologie im weiteren Sinne des Wortes. .

14 I. III. Stellung der Sprachwissenschaft.

Jede Sprache ist Eigeuthum eines Volkes, und wo wir von verwandten Sprachen reden, da reden wir nothwendigerweise von sprachverwandten Völkern. Somit berührt sich die Sprachwissenschaft mit der Ethnographie, olme doch in ilu" aufzugehen.

Die Sprache eines Volkes ist der unmittelbarste Ausdruck seines Geistes- lebens, mithin von diesem, mithin auch von seiner Entwicklung abhängig. Somit ist sie ein Stück der Volksgeschichte, und die Linguistik, sofern sie die Einzelsprachen und ilire Schicksale zum Gegenstande hat, ist eine historische Wissenschaft.

In Wahrheit würde sie nichts weiter als eine liistorische Wissenschaft sein, wenn sie ihren Gegenstand nicht weiter und tiefer fassen wollte. Nur würde sie damit aufhören eine Wis.senschaft zu sein; es gäbe dann nur noch eine Indogermanistik, eine Altaistik, eine Hamito-Semitistik u. s. w., nur Linguistiken, keine Linguistik. Nim aber ist die gemeinsame Grundlage aller menschlichen Sprachen das menschliche Sprachvermögen, und dieses fällt von selbst in das üntersuchungsgebiet des Sprachforschers. Handelt es sich um die Fähigkeit des Menschen zur Hervorbringung der Sprachlaute, so ist dies die Aufgabe der Lautphysiologie, die ein Zweig der Naturwissenschaft ist Handelt es sich um das Vermögen des Menschen, seine Gedanken zu gliedern, so ist die Untersuchung psychologisch. Handelt es sich um die Aufgaben, welche der Sprache gestellt werden als einem Ausdrucke der Begriffs- und Gedankenver- bindungen, so liefern Logik und Metaphysik die Antwort; und somit liegen die wichtigsten Bestandtheile des Sprachvermögens im Gebiete der Philosophie. Aber wohl gemerkt: nur die Aufgaben sind a priori gestellt, nicht die Lösungen gegeben, nur die Denkformen enthält die Logik, nicht auch die möglichen Aus- drucksformen. Auch jenen Denkformen gegenüber verhalten sich die Sprachen unendlich verschieden, zuweilen recht unzureichend, fast immer phantastisch, Sinnliches hineinmengend. Und zweitens: Logik und Metaphysik sind es nicht allein, die den Sprachen ihre Aufgaben stellen, sondern das ganze leibliche und seelische Leben des Menschen liefert das Thema, das die Sprache zu bearbeiten hat. Die Sprache ist eine geistleibliche Function des Menschen, wie das Denken eine geistige, das Atlimen eine leibliche Function ist Die Voraussetzungen unseres geistleiblichen Lebens, die inneren Vorgänge, vermöge deren dies Leben sich äussert, gehören nicht zu den Dingen, die die Geschichtswissenschaft zu bearbeiten hat: nicht das sich Gleichbleibende, sondern das sich Verändernde ist ihr Gegenstand. Wer ihr die gesammte Sprachwissenschaft einbezirken will, müsste ihr folgerecht auch gleich die Physiologie und Psychologie mit bei- packen. Die hohe oder geringe Begabung, die Erkrankimg eines Herrschers sind gewiss oft mächtige Factoren in der Geschichte. Der Historiker aber hat nicht ihre Herkunft, sondern nui' ihre Wirkimgen zu erklären.

Philosophie, Naturwissenschaft. 15

Eine seltsame Einseitigkeit war es, die Sprachwissenschaft den Natur- wissenschaften einreihen zu wollen. Einem platten Materialismus, wie er noch vor wenigen Jahrzehnten unreife Köpfe verwirrte, ist freilich nicht einzureden, dass nicht alle Wissenschaft Naturwissenschaft sei ; und als nun vollends Cha.blks Dakwix mit seiner epochemachenden Theorie hervortrat, da streckte ihm selbst ein ernsthafter Linguist wie August Schleicher die Bruderhand entgegen. Es ist ja wahr, die inductive Methode des Sprachforschers ist mit der des Natur- forschers völlig gleich. Aber man nennt den wissenschaftlichen Arbeiter nicht nach dem Werkzeuge, das er fülirt, sondern nach dem Stoffe, den er bearbeitet, und der ist wahrlich verschieden genug. Mit den Begriffen der Entwickcl- ung, der Artentheilung u. s. w. haben wir Sprachforscher hantiert, lange elie man etwas von Darwin wusste, und Ubergangsformen wussten wir zu Tausenden autzuweisen, lange vor der Entdeckung des fossilen Hipparion und des Archae- opteryx. Bei den Naturforschem brauchen wir also vorläufig nicht zu Tische zu gehen, und ob sie uns je ein Und, ein Oder, einen Conjunctivus Plus- i|uamperfecti oder Ähnliches nachweisen in der Körperwelt, die ihr alleiniges Dominium ist, das wollen wir erst noch abwarten. Wer freilich in der Sprache nichts Besseres sieht, als todte Lautgebilde, Cadaver, die man auf dem Seciertische zerlegt und zerstückelt, der muss sich wohl znm Anatomen ver- wandtschaftlich hingezogen fühlen. Aber man kann Jahre im anatomischen Museum und im Seciersaale verbringen, ohne zum Menschenkenner zu werden, und man kann jahrelang Wörter und Wortformen zerlegen, ohne vom Wesen der Sprache eine Ahnung zu erlangen. Die Sprache lebt, und nur im Leben lernt man Lebendes verstehen.

Doch wir müssen gerecht sein. Jener Materialismus war nicht nur nach den Umständen erklärlich und entschuldbar, sondern er hat auch, wie jede redliche Einseitigkeit, gute Früchte getragen.

Erklärlich und entschuldbar war er; er lag, so zu sagen, in der Luft. Vor mehr als zwei Jahrhunderten hatte Francis Bacox die Männer der Wissenschaft ermalmt, sich von den speculativen Himgespinnsten abzuwenden, den Erfahrungs- thatsachen ihre Gesetze abzulauschen. Es war, als hätte er in den Wind geredet. Jetzt endlich kam sein Programm zur Ausführung, imd wie häuften sich nun die Entdeckungen und Erfindungen ! Während aber die Naturforscher mit Messer imd Mikroskop, mit Tigel und Retorte die Körper untersuchten, während die Historiker im Staube der Archive wühlten, baute Schelling das System der Natur, Hegel die Geschichte der Menschheit aus reinen Begriffen auf, und es waren nicht immer die Schlechtesten, die ihnen den lautesten Beifall zuklatschten. Auch UDsere Wissenschaft hatte der psilosophischen Speculation einen willkommenen Spielplatz geboten. J. Harris, Lord Moüboddo, der grosse Arabist Syi.v. de Sacy, J. S. Vater, A. P. Berxhardi, K. F. Becker und viele Andere prangton in den

16 I, III. Stellung der Sprachwissenschaft.

Bibliotheken mit philosophischen Sprachlehren. Daneben dicke Polyglotten, un- geordnete Anhäufungen, vor denen Einem die Augen übergingen, so recht „non multum, sed multa". Und als nun Humboldt Ernst damit machte, die Polyglottik philosophisch zu vertiefen und systematisch zu gestalten, die Sprachphilosophie auf polyglotter Basis neu zu begründen: da wollte es das Yerhängniss, dass ihm zum Reformator das Äusserlichste fehlte, die Lust und Fähigkeit zu gemein- verständlicher Darstellung. Er sagt einmal: „Habe ich mir eine Idee ent^'ickelt so ekelt es mich an, sie nun auch einem Andern auszuknäueln". Wer diesen Ekel nicht überwindet, der taugt freilich nicht zum Werber. Auch setzte das, was er erstrebte, ganz andere Neigungen und Fähigkeiten voraus, als jene scharf- sinnigen Yergleichungen von Wörtern, Wortformen und Lauten. Nicht Jeder hat Lust, und die Wenigsten hatten damals die äusseren Mittel, sieh literatiir- lose Sprachen von Menschen aller Zonen und Farben anzueignen. Doch nur. wer sich darin versucht,, kann empfinden, was es mit der „Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues'' auf sich hat. Wer sich hingegen der Indogermanistik widmet der bringt gleich von der Schule her die Kenntniss einiger stammver- wandter Sprachen mit imd wenn ihn bis dahin die trockenen Regelsammlungen altmodischer Schulgrammatiken wie eine sinnlose Quälerei verdrossen hatten, so ist ihm jetzt, wo er anfängt hinter den Regeln die Gesetze zu entdecken, so frei zu Muthe, als wäre er selber der Gesetzgeber. Nun hat er etwas Greif- bares in Händen: die Thatsachen selbst müssen ihm Rede stehen, mid sie werden seine Fragen beantworten.

Eben hierin liegt nun das Zweite, die Fruchtbarkeit und verhältnissmässige Sicherheit dieser Foi-schungsart In die Philologie spielt doch scheinbar zuviel des Subjektiven liinein. Ich muss mich in meinen Schriftstoller versenken, mich mit ihm eins fühlen, wenn ich die Eigenart seiner Rede erklären will. Und ebenso ist es in der allgemeinen Sprachwissenschjift mit der Geistesart ver- schiedener Völker, die sich in ihren Sprachen ausprägen soll. Wer in solchen Dingen nicht selbst die Gabe der Congenialität hat traut sie auch Anderen niclit so leicht zu. Wie fassbar und Allen zugänglich scheint dagegen der Lautkörper, wie klar und unumstösslich das Gesetz, das man seiner Beobachtung abgewonnen hat Dass die Untersuchung sieh inuner mehr verfeinerte, dass man mit der Zeit anzweifeln lernte, was anfangs als unbestreitbar galt: das wurde mit Recht als ein Fortschritt begrüsst Demi der Stoff war doch zäher, als man erst ge- meint hatte; und an ilun schärfte sich nun die Methode. Diese, wie sie von den Indogermanisten ausgebildet worden, hat sich bisher überall bewährt, wo es galt, Sprachen einer Familie untereinander zu vergleichen. Und wie gesagt soweit nach ihr körperliche Ersciieinungen aus körperlichen Gesetzen hergeleitet werden, gleicht sie der natunvissenschaftlichen auf's Haar.

Die Verwandtschaft der Linguistik mit den Naturwissenschaften liegt aber

rhilosophie« Naturwissenschaft. 17

auch sonst im Wesen der Sache. Nichts gleicht einem Organismus mehr, als die menschliche Sprache. Alles in ihr steht in ursächlichem und zwecklichem Zusammenhange: sie hat ihr Formprinzip, darum reden wir von ihrer Morpho- logie; sie entwickelt sich nach inneren Gesetzen, zuweilen auch nach äusseren Einwirkungen, krankt, altert, stirbt wohl auch: dariun dürfen wir von Physiologie, Biologie, Pathologie der Sprache reden; den Kampf um's Dasein hat auch sie gelegentlich zu bestehen, jedenfalls bleibt er keinem ihrer Theile erspart , und wer weiss, ob ihr nicht noch natürliche Zuclitwahl, Mimicry und mehr dergleichen zugesprochen wird? Dagegen giebt es eine Macht, die der Xatiu*- forscher als solcher nie begreift, mit der niu: der Historiker zu rechnen versteht: die Macht des Individuums. Der Naturforscher mag die Biologie erforschen: eine Biographie zu schaffen ist nicht seines Amtes; er mag seinen Arm aus- strecken, ob er die Psychologie in sein Bereich herüberziehen könne: das Geistesleben eines Memjchen, eines Volkes, eines Zeitalters bleibt ihm imer- fassbar, unerreichbar.

Man redet vom Organismus der Sprache mit vollem Rechte, mindestens ohne Schaden, solange man im Smne behält, dass die Sprache nicht ein eigenlebiges Wesen, sondern eine Fähigkeit mid Function ist der geistleiblichen Natur des Menschen. Erkennt man dies, so werden ganz andere Verwandtschaften auf- tauchen, ächte, genetisch begründete, nicht blosse Analogien. Die Religionen, das Recht, die Sitten, kurz das ganze Culturleben der Völker ist von denselben Mächten bestimmt, wie ihre Sprachen, sie können von keinen anderen Mächten bestimmt sein. Damit erwachsen ganz andere Räthsel und wir schauen in Tiefen, die lange noch der Ergi'ündung harren werden. Einzelne matte Lichtstiuhlen meint man wohl schon jetzt wahrzunehmen, und es dünkt mir wahrscheinlicher, dass man dereinst begi'eifen lerne, wie aus derselben Wurzel das römische Recht und die lateinische Sprache emporgewachsen ist, als dass der gi'össte Anatom in dem Hirne des besten Lateiners einen Accusativus cum infinitivo entdecke.

IV. Capitel. Anregungen zur Sprachwissenschaft.

Gilt es den Ursprung jedes wissenschaftlichen Strebens in einem Worte zu begreifen, so wähle ich das Wort Verwunderung. Zwei Dinge sind nöthig, damit wir uns wimdern: eine Wahrnehmung, deren Gründe mis nicht einleuchten, und ein Sinn, der nach diesen Gründen fragt. Diese Fi'age mag blosser Neugier entspringen, und sie entspringt in der That nur dieser, wenn sie nur für etwas Vereinzeltes die Erklärung sucht. Anders jene höhere Neugier, die ims nadi den inneren Zusammenhängen unserer Erfahrimgswelt forschen lässt. Jeder

T. d. Gabelentz, Die Sprachwissenschaft. 2. Aufl. 2

18 I, IV. Anregungen zur Sprachwissenschaft.

Versuch, die Dinge von einheitlichen (xründen herzuleiten, ist im eigentlichen 8inne wissenschaftlich, er sei noch so verfehlt, noch so roh, noch so „unwissen- schaftlich", wie man zu sagen pflegt; jedes Fragen nach allgemeinen Gründen ist eine Äusserung wissenschaftlichen Interesses. In diesem Verstände bilden auch die Beobachtungen des Jägers über die Lebensgewohnheiten der Thiere und ihre Fährten, die Stern- und Wetterkunde des Schiffers, die Heilkiuist des Schäfers oder Hufschmieds niedere Arten der Wissenschaft. Niedere Arten sind es aber, weil das Wissen dabei nur als Mittel gilt, nicht als Zweck. Solange der Mensch unter dem Drucke der Lebenssorgen steht, können seine Interessen keinen höheren Flug nehmen, müssen sie sich auf das beschränken, was zum Lebensunterhalte und leiblichen Genüsse dient Auch die Sprache kann in diesen Bereich fallen. Wo ein Verkehr von Volke zu Volke stattfindet, ist gegenseitige Verständigung nöthig, daher in der Regel Spracherlemung. Ich sage: in der Regel; denn es ist bekannt, welche Dienste die Zeichensprache gerade den be- scheidenen Bedürfnissen des internationalen Gedankenaustausches zu leisten vermag.

Aber nicht jedes Lernen ist eine wissenschaftliche Arbeit, und die Sprach- erlemung ist in den weitaus meisten Fällen nichts weiter als die Aneignung einer Fertigkeit durch Übung. Sie kann wissenschaftlich anregen, sie thut es aber erfahrungsmässig nur bei den Wenigsten. Den Meisten ist mid bleibt die Sprache, auch die fremde, ein Werkzeug, dessen Gebrauch man sich einübt, das man gebraucht, wenn man seiner bedarf, um es dann beiseite zu legen, nicht ein Gegenstand, bei dem man betrachtend verweilt, nicht ein Rätsel, das man zu lösen versucht. An dieser Stelle ist es lehrreich, einen Blick auf die Vorgeschichte unserer Wissenschaft zu werfen. Dabei sehen wir jetzt von den Mythen über den Ursprung der Sprache ab.

Dem ältesten Culturvolke gebührt auch das Verdienst der ersten, elemen- tarsten sprachwissenschaftlichen That Die Zerlegimg der Sprache in ihre Einzel- laute und die Erfindung von Buchstaben, die diese Laute aasdrücken, verdankt die Welt den Aegyptern.

Den ei'sten eigentlich grammatischen Versuchen aber begegnen wir bei den Assyrern, einem Volke semitischer Zunge. Tausende von Ziegeln mit Keil- schrift bedeckt, jetzt grösstentheils Eigenthum des British Museum, sind die Überbleibsel ihrer Literatur, deren Entzifferung eine ansehnliche Zahl begeisterter Forscher beschäftigt. Vieles ist noch streitig; Eins aber darf wohl als sicher gelten: die Semiten fanden in Assyrien ein älteres Colturvolk nichtsemitischen Stammes vor, dem sie ihre Schrift, und wohl auch einen grossen Theil ihrer sonstigen Gesittung entlehnten. Auch in der Sprache dieses älteren Volkes, der Akkader oder Sumerier, sind schriftliche Denkmäler erhalten, imd die Assyrer haben Sorge getragen, Schlüssel zum Verständnisse dieser fremden Sprache zu

Aegypter, Assyrer, Chinesen. 19

schaffen: Syllabare, Vocabülare und grammatische Paradigmen mit assyrischen (Übersetzungen, die wenigstens eine Art wissenschaftlicher Analyse voraussetzen, aber sichtlich nur dem praktischen Zwecke des Sprachunterrichtes dienten.

Die Chinesen besitzen eine Literatur, deren älteste Denkmäler bis in die letzten Jahrhunderte des dritten Jahrtausends vor unsrer Zeitrechnimg hinein- ragen dürften. Von den Wandelungen des Lautwesens zeugt die Wortschrift dieses Volkes nur mittelbar, deutlicher das Reimwesen seiner alten Lieder. Grammatische Anregungen, wenigstens mächtige, sind von eiuer Sprache mit miveränderlichen Wörtern nicht zu erwarten. Wohl aber zeigten diese Wörter Veränderungen in der Bedeutung imd Anwendung, die dem auf alles Geschicht- liche gerichteten chinesischen Geiste zu denken gaben: so war denn hier die erste Arbeit die lexikalische, deren Anfänge in die Zeit um 1000 v. Chr. Geb. fallen mögen. Im Jahre 213 v. u. Z. erliess der Kaiser Schl-hoäng-ti der Ts'in- Draastie das berüchtigte Edikt, wonach alle alten Bücher, ausser den wahr- sagerischen, verbrannt werden sollten. Der Befehl Avurde sehr streng gehandhabt, und unahnbai'e Schätze der Literatur mögen damals für immer zu Grunde ge- gangen sein. Zum Glücke dauerte die Barbarei nicht lange, und als nach kaum zwanzig Jahren eine neue Dynastie einsammeln Hess, was von den Werken der Vorfahren noch erhalten war, da stellte sich heraus, dass der Ts'in-Herrscher niit all seinem Wüthen doch lange nicht sein Ziel erreicht hatte. Die kaiser- liche Bibliotliek wuchs rasch an, imd Gelehrte wurden angestellt, sie zu ordnen, die Texte zu prüfen, zu säubern, wo nöthig zu ergänzen und auszulegen. Da- raals begann also die grossartige philologische Arbeit, die bis auf den heutigen Tag eine Menge der besten Köpfe im Mittehreiche beschäftigt. Nächst der Text- kritik richtet sie sich auf die Paläographie, den Wort- und Phrasenschatz, die Stilistik und Poetik. Indischem Einflüsse war es zu verdanken, dass man später auch den Lautbestand der Sprache untersuchte und systematisch ordnete. Gramma- tiken haben die Chinesen erst geschaffen, als ihre Beamten die Sprachen fremder Herrschervölker, der Mongolen und der Mandschu, erlernen mussten; für ihre eigene Spi-ache aber haben sie mit richtigem Verständnisse die Eintheilung in Stoff- uud Formwörter, in Verba und Nomina und gewisse syntaktische Kategorien dui'chgeführt. Ihre sprachphilosophischen Arbeiten sind uns nur in kleineren Bruchstücken bekannt; sie behandeln die Frage nach dem Ursprünge der Sprache, zum Theile in recht fein- und tiefsinniger Weise. Hän-iü (768 824 n. Chr.) z. B. erklärt die Töne in der Natur aus einer Störung des Gleichgewichts, wendet dies auf die Menschen an, auf ihren Gesang, ihr Weinen und ihre Sprache: der llensch rede, singe, weine, wenn sein Gemüth „nicht sein Gleichgewicht erlange",

und nun zieht er eine hübsche Parallele zwisclien der Instrumentation in der

«

Musik und der Stilistik in der Sprache. (Vgl. meine Anfangsgründe der chines.

Grammatik S. 115 fg.)

2*

20 I, IV. Anregungen zur Sprachwissenschaft.

Die Griechen und Römer waren von Hause aus und im ganzen Verlaufe ihrer Geschichte auf den Verkehr mit Nachbarvölkern hingewiesen ; es hätte ihnen also wohl nicht an Anregung gefehlt, sich mit fremden Sprachen zu beschäftigen. Wieviele Griechen mussten Persisch und diese oder jene kleinasiatische Sprache, wieviele Römer Griechisch und dann die dem Latein nächstverwandten italischen Sprachen, wohl auch einen keltischen oder germanischen Dialekt lernen. Xenophon war Feldherr im Dienste des jlingeren Cyrus, schätzte diesen aufrichtig hoch, wälilte den älteren Cynis zum Helden seines Erziehungsromans : er musste Persisch verstehen, die Ähnlichkeit vieler Wörter und der ganzen Conjugation zwischen dieser Sprache und dem Griechischen konnte ihm gar nicht entgehen, aber darauf auch nur hinzudeuten fällt ihm nicht ein. Den Tod seines Kriegsherrn er- zählt er so lebhaft, wie es sein trockener Stil erlaubt, aber dessen letzte Worte, die doch wohl persisch gesprochen waren, theilt er griechisch mit: rov avdga oQ(D, . Herödot hat Vorderasien bereist, als Ethnograph bereist, gewiss ähnliche und wohlumfassendere spracliliche Kenntnisse erworben und Beobachtungen ge- macht, wie Xenophon: aber davon zeichnet er nichts auf. Tacitus stellt seinen überfeinerten Landsleuten unsre halbwilden Vorfahren als Sittenmuster hin, aber von ihrer Sprache theilt er nur so nebenher ein paar Vocabeln mit Man möge einwenden: in allen diesen Fällen habe es sich um Barbaren gehandelt, im Sinne des griechisch-römischen Eigendünkels. Allein die Römer wussten wohl, was sie der griechischen und etniskischen Gesittung zu verdanken hatten; Griechisch wurde von den Gebildeten Roms gelernt; aber dass sie vei'sucht hätten, aucli nur die Aneignung dieser Sprache durch ein Lehrbuch zu erleichtern, davon ist nichts bekannt.

Die Griechen, nach Anlage imd Neigung mehr Denker und Schöpfer als Sammler und Forscher, begannen bei der Spracbphilosophie: worin und worauf beruht die Richtigkeit des sprachlichen Ausdruckes? wie verhalten sich die Wörter zu den Begriffen, ist die Verbindung Beider durch die Natur, g>voei, oder durch Übereinkunft, d-iaei, gegründet? Schon Protagoras hatte die drei Geschlechter der Hauptwörter, die Zeiten der Verba und die Arten der Sätze unterschieden. Aristoteles, von der Logik ausgehend, that weitere, immer noch unsichere Schritte zur Entdeckung der Redetheile. Erst die Stoiker kamen hierin der Wirklichkeit näher und scliritten weiter zur Entdeckung der gramma- tischen Functionen. In der etymologischen Wortanalyse, wo man sie versuchte, machte man die tollsten Missgriffe; glücklicher war man in der Analyse des Satzes. Logik, Rhetorik, Stilistik und Poetik hatten die Grammatik in ihren Dienst genommen. Die Dialekte waren anfangs in der Literatur gleichberechtigt, das Übergewicht des Attischen war nur tliatsächlich durch die geistige Über- macht Athens begründet. Allerwärts jedoch verstand man ohne Schwierigkeit die ionischen und äolischen Dichtungen; ilire Sprache ahmte man gelegentlich

Griechen und Römer, Christenthum, Islftm. 21

nach, machte sie aber nicht zum Gegenstande wissenschaftlicher Untersuchung. Erst als die xoim) ÖiäXsxrog die anderen Dialekte in eine gewisse Feme rückte, wurden auch diese in den Bereich philologischer Forschung gezogen.

Die Philologie ist recht eigentlich die Wissenschaft der Epigonen, die mit wehmüthiger Bewimderung durch die Grabstätten einer erstorbenen Cultur wandern. Sie wollen bei den grossen Ahnen lernen, ihre Werke gemessen, daher müssen sie die Werke sammeln und untersuchen. So verhielten sich die Alexan- driner zu ihren Vorfahren in Hellas und Kleinasien, die Begründer der grössten Bibliothek des occidentalischen Alterthums.

Die Römer hatten, angeregt von den Stoikern, begonnen ihre Sprache grammatisch zu bearbeiten, Yarro hatte selbst das Altlateinische und die ver- wandten italischen Dialekte in den Kreis seiner Untersuchungen gezogen. Was aber für das Griechische Alexandrien, das wurde für das Latein Byzanz: was dort Apollonios Dyskolos und sein Sohn Aelius Herodianus, das leistete hier Priscianus, dessen Institutiones grammaticae Jahrhunderte lang in den Schulen eine unbestrittene Herrschaft geübt haben. Fast ist es, als lernten in der Schule der Verbannung auch die Sprachen Selbsteinkehr zu halten.

Das. Christenthum hatte für die Wissenschaft zunächst den negativen Vortiieil, dass es mit dem Begriffe der Barbaren aufräumte. Wenn es statt dessen den Christen und Juden die Heiden gegenüberstellte, so betrachtete es doch diese mit Theilnahme als zu Bekehrende. Und vorzugsweise den Armen predigten seine Sendlinge die Heilsbotschaft, den Armen, das heisst den Un- gebildeten, Leuten der verschiedensten Zungen, die alle in ihren Muttersprachen belehrt sein wollten. Viele wichtige Texte verdanken wir den ersten Jahrhunderten unserer Beligion, die ältesten imd umfassendsten, wohl auch die einzigen Quellen zur Erforschung so mancher alten Sprache, zunächst aber auch nicht mehr. Was die Christen jener Zeit an philologischer Arbeit geliefert, war entweder Fortsetzung der griechisch-römischen Wissenschaft, oder Bibelforschung. Wich- tiger für unsere Wissenschaft war es wohl, dass nunmehr eine Menge Völker der Schreibkunst theilhaftig und in einen gewissen geistigen Verkehr mit Rom gezogen wurden. Das Latein wurde im Westen Kirehensprache, musste erlernt und gelehrt werden, und diesem Umstände verdanken wir einige germanische und keltische Grammatiken und Wörterbücher.

Anders als das Christenthum wirkte der Islam. Sein heiliges Buch in andere Sprachen zu übersetzen verbot er geradezu, der Koran muss in der Ur- sprache gelesen werden. So wurde die Erlemimg des Arabischen für viele zur religiösen Pflicht. Gleichzeitig aber erlitt diese reiche und schöne Sprache in dem Masse, wie sie sich über die Völker verbreitete, vielerlei dialektischen Verderb, der zu wissenschaftlicher Reaction, d. h. zur grammatischen Feststellung der ächten, rechten Sprache des Propheten herausforderte. Wieviel dabei etwa

22 I, IV. Anregungen zur Sprachwissenschaft.

griechischer Anregung zu danken sei, wissen wir nicht; sicher ist dass wenige Sprachen des Ostens eine sorgfältigere Beliandlung erfahren haben als diese. Diese Arbeit begann sehr frühe, schon in den ersten Jahrhunderten nach der Hedschra, und es ist merkwürdig, dass der rühmlichste Antheil dabei den Persern zukommen soll. Nirgends sonst im Orient ist die Syntax so sorgfältig bearbeitet worden, wie hier.

Die Juden scheinen eret nach der Zerstörung ihrer Hauptstadt auf eine philologische Untersuchung ihrer heiligen Schriften verfallen zu sein. Diese Bücher sind bekanntlich in einer vocallusen Schrift verfasst, und ihre richtige Lesung war Sache der Tradition, die nach der Auseinandersprengung des Volkes gefährdet war. Mit den Lauten wäre aber der Sinn verloren gegangen oder entstellt worden, imd dem musste vorgebeugt werden. So begann, angeblich um das zweite Jahrhundert unsrer Zeiti-echnung, die Thätigkeit der Massoreten und Punctatoren, denen kritischer Feinsinn nachgerühmt wird. Die systematische Arbeit der hebräischen Grammatiker scheint aber erst arabischem Einflüsse ihren Ursprung zu verdanken.

Die Pärsi waren durch die alten Sprachen ihrer heiligen Schriften, Alt- baktrisch und Pehlewi, auf philologische Untersuchungen hingewiesen; was sie darin etwa geleistet, ist aber wohl erst zum kleinsten Theile bekannt.

Geradezu unvergleichlich sind die grammatischen Leistungen der Inder. Kein Volk des Alterthiuns mochte zu diesem Zweige des Forschens zugleich glänzender befähigt mid mächtiger angeregt sein, als dieses. In seinen Veden besass es einen reichen Schatz von Hymnen, in alter Sprache verfasst, noch immer dem religiösen Cultus dienend, und welch vielgestaltigem, schwierigem Cidtus! Dem Worte des Gebetes wurde eine magische Kraft beigelegt, Unheil drohend dem, der es falsch gebrauchte, es auch nur unrichtig aussprach. Und ferner welche Sprache! In der Fonnen- und Wortbildungslehre zugleich reicher und diu'chsichtiger entwickelt, als irgendeine ihrer Verwandten, wohllautend wie wenige, für sich schon dem ästhetischen Wertlie nach ein Kunstwerk, zu künstlerischer Ven^^erthung und Gestaltimg einladend, in einer reichen po- etischen, theologischen und philosophischen Literatur entfaltet und bewähil Endlich ein Volk, das an Vielseitigkeit, Feinheit, Tiefe und freier Voraussetzungs- losigkeit des Denkens dem giiechischen nahe kommt und nun mit seiner For- schung an eine solche Sprache herantritt. Die Vorgeschichte der indischen Grammatik ist noch lange nicht voUkonunen aufgehellt vielleicht zum Theile auf ewig verdunkelt durch Panixi's Wundei'werk. Es ist dies die einzige wahr- haft vollständige Grammatik, die eine Sprache aufzuweisen hat^ eine der reichsten Sprachen zudem: und sehen wir von den Elementarbüchern ab, so dürfte sie zu gleicher Zeit die kürzeste aller Grammatiken sein; denn man hat ausgerechnet, dass sie in fortlaufendem gewöhnlichem Drucke, in lateinische Buchstaben

Inder, Juden, Pari. 23

transscribirt, kaum hundert Octavseiten füllen würde. 8ie fasst ihren Stoff in etwa Tiertausend kurzen Kegeln zusammen, die in acht Haupttheile geordnet sind. Die Reihenfolge und Vertheilung der Lehrsätze ist aber nicht organisch in unserem Sinne, das Zusammengehörige, z. B. verschiedene Formen desselben Wortes, muss man oft an den verschiedensten Stellen zusammensuchen, und es kommt vor, dass eine einzige Form durch eine lange Reihe von Regeln und Ausnahmen hindurch Spiessruthen laufen muss, ehe sie endlich für den Lernenden feststeht Was diesem dabei zugemuthet wird, will ich wenigstens annähernd an einem Beispiele aus der deutschen Grammatik veranschaulichen. Bei §. 80 bildet er sich ein, es müsse nach der Analogie von flehte, wehte auch heissen: gehte, stehte, sehte; bei §. 100 nach sah, geschah, auch: gah, stah; bei §. 140 nach stand auch gand, bis er endlich in §. 200 die Form ging lernt. Das sind vier Stadien, man hat aber bei Pänini in einzelnen Fällen mehr als doppelt soviele gezählt Sein Buch kann nur der gebrauchen, der in jedem Augenblicke alle Lehrsätze im Geiste gegenwärtig hat; kern Wunder, dass es allein an die sechs Jahre fleissigsten Lernens erfordern soll. Ich weiss nicht ob man in der gleichen Zeit bei gleichem Fleisse mit unseren Hülfs- niitteln auch nur im Latein die gleiche Vollkommenheit erreichen würde, wie der Brähmane unter Pänini's Leitung im Sanskrit

Ein Lehrbuch dieser Art ist zunächst ein Kunstwerk, um nicht zu sagen ein Kunststück; aber die wissenschaftliche Arbeit liegt ihm zu Grunde, und auf sie kommt es hier allein an. In der That ist das Gelingen eines solchen Wunder- werkes an mehr als eine Voraussetzung geknüpft: erstens an die vollständige Beherrschung eines ganzen Sprachstoffes, an einen Geist, dem in jedem Augen- blicke jede Einzelheit der Sprache gegenwärtig ist, mid wo fände sich ein solclier Geist wieder? Zweitens an die schärfete Analyse dieses Stoffes, zumal auch an die genaueste Feststellung aller seiner Lautgesetze. Man sieht, die unvergleichliche Verdichtungs- und Gestaltungsgabe des grossen Inders kommt erst in dritter Reihe. Sie ist das Künstlerische an ihm, aber auch das, was keinem Gelehrten fehlen sollte, der nicht nur Steinbrecher sein will, sondern auch Baumeister. Pänini's Baustil freilich war so ungefähr der des Reisenecessaires, das in möglichst engem Räume möglichst Vieles vereinigen soll, und das Ziel, das er sich gesteckt hatte, war nicht das wissenschaftliche, die Dinge zu er- klären, sondern das praktische, vorzuschreiben, wie man die Sprache richtig an- wenden solle. Unser Ideal ist ein anderes, und wenn wir den indischen Meister nicht im Punkte der Vollständigkeit erreichen, so können wir ihn dafür in der organischen Auffassung mid Anordnung des Stoffes übertreffen. Füi- die Unbequem- liehkeiteu der Pänini 'sehen Methode waren übrigens auch die Inder nicht miem- pfindlich, und manche ihrer jüngeren Lehrbücher sind, anscheinend völlig unab- liängig von europäischem Einflüsse, iiacli einem uns genehmeren Schema gearbeitet

24 I, IV. Anregungen zur Sprachwissenschaft.

Die Japaner haben vielleicht auf keinem Gebiete selbständigen geistigen Schaffens glänzendere Erfolge aufzuweisen, als in der Sprachforschung. Fast seit anderthalb Jahrtausenden bildet das Chinesische die Grundlage ihrer humanistischen Bildung. Zu granmiatischer Behandlung hat es auch sie nicht angeregt, man müsste denn hierher gewisse Arbeiten über die chinesischen Hülfswörter rechnen ; dafür sind die lexikalischen und schriftkundlichen Arbeiten um so bedeutender. Des Confucius Lehre, zu der sich bald die Gebildeten be- kannten, schont nicht nur die Pietät, sondern fördert sie sogar; in Japan fand sie eine alte, ihr fremde Cultur vor, deren ehrwürdige Denkmäler, alte mündlich fortgepflanzte Sagen, lieder und Gebete, zunächst in Schriften niedergelegt und dann bis auf den heutigen Tag geschätzt und durchforscht wurden. Die ein- heimische Sprache veränderte sich aber fast ebenso rasch, wie das Sächsische in England oder das Altnordische in Dänemark; in der Yergleichung ihrer grossen Vergangenheit mit ihrem jetzigen Zustande, einem wahren Verfalle , lag auch hier die stärkste Anregung zur Untersuchung. Andrerseits führte der Buddhismus dem Lande indische Einflüsse zu, deren Tragweite wir noch nicht voll ermessen können. Ihnen schreibe ich u. A. die rationellere Anordnung des japanischen Syllabares zu, die, wenn man s als Stellvertreter der Palatalen aimimmt, der indischen folgt: a, i, u, e, o, k, s, t, n, f, m, y, r, w. Es soll eine Sanskrit-Grammatik in japanischer Sprache geben, und so mag denn der erste Anstoss zui- systematischen Bearbeitung der eigenen Sprache von fremdher gekommen sein. Immerhin ist dabei nichts von sklavischer Nachahmung zu spüren. Denkt man daran, wie gewaltsam wir Europäer lange Zeit die fremd- artigsten Sprachen in das Prokrustesbett der lateinischen Grammatik hinein- gezwängt haben, so müssen wir die Grammatiker des östlichen Inselreiches um ihres wissenschaftlichen Taktes willen bewundern. In der Etymologie haben sie nur ein wenig toller gehaust als unsere Vorfahren; in der voraussetzungslos sachgemässen Behandlung der Formenlehre und Syntax aber kommen sie dem Ideale sehr nahe. Ei-st in diesem Jahrhunderte haben ein paar japanische Ge- lehrte verunglückte Versuche gemacht, ihre Grammatik über den europäischen Leisten zu spannen: sie haben heftigen Widerspruch hervorgerufen, und es müsste eine Freude sein, dem Kampfe beizuwohnen.

Jetzt mag es an der Zeit sein, einen Rückblick zu thun. Die sprach- philosophischen Versuche, auf sehr beschränkten sachlichen Kenntnissen beruhend, sind nur für die Geschichte des menschlichen Denkens von bleibendem Werthe. Uns aber interessirte, was in positiver Sprachforschung geleistet worden, und da ergab sich nun folgende Beobachtung: Bei allen Völkern, die einzigen Assyrer ausgenommen, begann die Arbeit bei der eigenen Muttersprache; aber auch diese wurde erst dann untersucht, als sie oder ihre Literatur in Verfall gerathen war. Nun diente die Forschung nicht theoretischen, sondern praktischen.

Rückblick; die neuere Zeit. 25

reglementären Zwecken: das Alte ist classisch, das Neue ist anders, folglich ist OS unclassisch, folglich unrichtig oder unschön. Wie muss man es anfangen, wenn man sich schön und richtig ausdrücken will? Dazwischen zeigt sich wolil hie und dort etwas von der Raritätensucht des Alterthümlers. Die Etymologie und die Sprachvergleichung, wo sie versucht wurden, entbehrten der wissen- schaftlichen Grundsätze; Dauerndes wurde nur auf einzelsprachlichem Gebiete geschaffen, und eine Erweiterung unseres einzelsprachlichen Wissens war nöthig, ehe mit Erfolg an eine genealogisch-geschichtliche und an eine allgemeine Sprachwissenschaft gegangen werden konnte. Bisher hatte die Forschung da die reifeten Fi'üchte gezeitigt, wo sie sich auf das Nächstliegende beschränkte; die Zeit sollte kommen, wo die entferntesten Sprachen auf einander Licht warfen. Unter den geistigen Erzeugnissen der neuen Zeit ist die vergleichende und allgemeine Sprachwissenschaft eines der jüngsten; unbewusst aber hat man schon seit der Zeit des Humanismus, der grossen Entdeckungen und der kirch- lichen Reformation auf sie vorgearbeitet. Das Lateinische wurde gründlicher getrieben mit der Absicht, es in classischer Form zu beherrschen. Das Studium des Griechischen, zunächst durch vertriebene byzantinische Gelehrte den Occi- dentalen eröffnet, gelangte bald zu allgemeinem Ansehen. Die Bibelforschung zog sclinell das Hebräische in ihren Bereich. Christliche Sendboten, anfangs meist katholische, zogen in die neu erschlossenen Länder, lernten ihre Sprachen, schrieben in ihnen und über sie; manche ilirer Bücher sind in unseren Tagen mehr als doppelt mit Golde aufgewogen worden. An Anregungen zum Ver- gleichen der Sprachen mangelte es den frommen Männern nicht: sie waren aber zumeist allzu befangen in jüdischen Überlieferungen, als dass sie der Sache mit wissenschaftlicher Frische hätten zu Leibe gehen können, und, irre ich nicht, so wurde ihnen schliesslich diese Bescliäftigung von der Curie untersagt. Liest man ihre Bücher, so wundert man sich wolil zuweilen, wie pedantiscli sie den fremdartigen Stoff den Formen der lateinischen Grammatik anzupassen suchen; dann aber ist man auch nicht selten freudig überrascht über acht wissenschaftliche Ahnungen. Der Italiener Fil. Sassetti war der erste, der es bekannt machte, dass die indische Sprache „viele Dinge mit der italienischen gemein habe''; das war im sechszehnten Jahrhunderte! Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts sprach der spanische Dominicaner Fraxc. Vabo, der erste, von dem man eine gedruckte chinesische Grammatik besitzt, den Satz aus: auf drei Dinge komme es im Chinesischen an, auf die Betonung, die Wortstellung und die Phraseologie. Das war weniger schneidig aber erschöpfender als das hundert Jahre später vom Engländer Marshm.vn niedergeschriebene Wort: The whole of Chinese grammar depends on position. Der französische Jesuit P. Primäre, wenig jünger als Varo, eiferte schon gegen die Einführung der lateinischen Terminologie in die chinesische Sprachlehre und verlangte unmittelbare Ein-

26 I, IV. Anregungen zur Sprachwissenschaft.

fülirung des Schülers in den Sprachgeist, -- ad legitimum germanmnque sinicae loquelae iisura et exercitationem. Manche dieser Geistlichen quälen wohl erst sich und ihren Stoff durch alle Kapitel der lateinischen Grammatik hindiuch, th eilen aber dann in Form eines Anhanges mit, was eigentlich den Geist der Sprache ausmacht. Im Jahre 1798 erschien des österreichischen Carmeliters Johann Philipp Wesdin (Paulinus a. S. Bartholomaeo) Abhandlung De antiquitate et affinitate linguae Zendicae, Samscrdamicae et Germanicae.

Der erste mir bekannte Sprachvergleicher im heutigen Sinne des Wortes ist der gelehrte Holländer Hadr. Relanüus, der in seinen Dissertationes mis- cellaneae, Utrecht 1706—1708, die weite Verbreitung des malaischen Sprach- stammes, sogar Lautvertretungsgesetze zwischen Malaisch und Madegassisch nachweist Im Jahre 1770 erschien des Ungarn J. Sajxovics Buch: Demonsü'atiu idioma Hungarorum et Lapponum idem esse, ebenfalls mit Lautvergloichungeii und in derThat den Verwandtschaf tsnach weis führend. Der Vater der grammati- schen Sprachvergleichung ist ein anderer Ungar, S. Gyarmathy, der, wie er sich ausdrückt, die Verwandtschaft seiner Muttersprache mit den Sprachen finnischen Ursprunges grammatisch, durch eine Formenvergleichung, erweist.

Uns Westeuropäern musste die Sache der vergleichenden Spraclnvissenschaft näher gerückt werden, ehe sie eine bleibende Heimstätte bei uns finden konnte. Sprachvergleicluing verlangt etymologische Analyse, und diese will zuerst an einem leicht zerlegbaren Stoffe geübt sein. Ein solcher sind aber misre west- ländischen Sprachen keineswegs. An dieser Stelle erklärt sich die leitende Rolle, die dem Sanskrit in unsrer Wissenschaft zufallen sollte, dem Sanskrit und der grammatischen Kunst der Inder. Ein Deutscher, der Jesuit Hanxleden, war der Erste, der eine Sanskritgrammatik für Europäer verfasste, ein anderer, der schon genannte Wesdin, der erste, der eine solche herausgab (1790): leider verdunkelte er dabei das Lautwesen der Sprache durch seine unglückliche Ti'ansscription, die der tamulischen Aussprache folgte. Dem halfen die Arbeiten der Engländer Golebrooke, Carey, Wilkixs und Forster (1805 1810) ab. Werke der indischen Literatur wurden nacli Europa gebracht^ gedruckt, über- setzt, und die Zeit war da, wo man sie zu geniessen verstand. Es \var die Zeit der Romantiker, und ein Romantiker war der Ei'ste, der uns Deutsche m da^ jüngst erschlossene Zauberland einführen sollte. Im Jahre 1808 erschien Friedkuh Schlegel's Buch: Über die Sprache und Weisheit der Inder, das durch seine Classification der Sprachen epochemachend wurde. Zu den Fi^eunden der in- dianistischen Studien gehörte nun auch Franz Bopp, der mit 25 Jahren, 1816, das Conjugationssystem der indogermanischen Sprachen (noch mit Ausschluss der slavo-litauischen, keltischen und des Armenischen) veröffentlichte, den würdigen Vorlaufet seiner grossartigen Vergleichenden Grammatik (1833 flg.). Gleichzeitig mit ihm hatte der Däne Rasmus Christian Rask, einer der bedeutendsten Sprach-

Das Sanskrit. Die Polyglotten. 27

fureclier seiner Zeit, von der skandinavischen Familie ausgelieud, seine Unter- suchungen weiterhin über den indogennanisclien Stamm ausgedehnt; in einer 1818 erschienenen Preisschrift entwickelt er zuerst in allen wesentliclien Punkten das nachmals an Jacob Grimmas Namen geknüpfte Lautverechiebungsgesetz. Gkimm solbst hat dieses Gesetz in der ersten Auflage seiner Grammatik 1819 noch nicht erwähnt, in der zweiten, 1822, aber es mustergiltig dargestellt. Im Grunde hatte man es doch den Indern zu danken, dass man von nun an in der (jrammatik den lautlichen Erscheinungen ganz anders Rechnung tragen lernte, als vorher.

Xicht immer gilt der Satz, dass ein grosses Buch ein grosses Unglück sei. Zwei vierbändige Werke, Jacob Grfmm's Deutsche Grammatik und Franz Bopp's Vergleichende Grammatik, sowie A. F. Pott 's fast gleichzeitig erschienene Etymologische Forsclnmgen, 2 Bände, 1833, 1836, sind für die gesammte ge- nealogisch-historisch vergleichende Linguistik grundlegend geworden. Von Bopp wurde zum ersten und bisher einzigen Male die ungeheure Arbeit unternommen, das ganze Material einer Sprachfamilie grammatisch zu ordnen und zu beurtheilen; bei Grimm war es ein grosser Sprachstamm, der unsrige, dessen Zweige in ihren Ü))ereinstimmungen und Verschiedenheiten einander gegenseitig erklärten und er^nzten. Der Jüngste der Drei aber fügte den grammatischen Arbeiten seiner Vorganger ein gross angelegtes lexicalisch vergleichendes Werk hinzu. Die tjereehtigkeit gebot, dass wir auch Jener gedachten, die zuerst den Weg ge- wiesen haben, der Pfadfinder, die den Strassenbauern vorausgehen mussten.

Seltsame Dinge aus fernen Ländern, von Reisenden heimgebracht, sind zuerst nur Gegenstände neugierigen Ergötzens; erst später werden sie zu wissen- s^chafthchor Forschung gesammelt. Bäi*enzwingor und Menagerien waren die Vorläufer unsrer zoologischen Gärten; Waffen imdZiergeräthe der Wilden wanderten in Prunksäle und Raritätencabinets, ehe sie sich in ethnographischen Museen zusammenfanden. Und mit den Sprachen war es ähnlich: polyglotte Vaterunser- sammlungen eröffneten den Reigen: Gl. Düret's Trösor doThistoire des langues de test univers, 2. Aufl. Yverdon 1619, ein stattlicher Quartant, war doch niu' ein werthloses Sammelsurium. Des grossen LEmxiz allseitiger Geist ridhtete sich auch auf flie Probleme der menschlichen Sprachen: die europäischen suchte er verwandt- schaftlich zu ordnen, wobei ihm u. A. die Verwandtschaft des Magyarischen mit dem Suomi, des Türkischen mit dem Mongolischen und Mandschu auffiel: den Ursprung der Sprache, den Werth ihrer Ausdrücke für allgemeine und be- sondere Begriffe zog er in Betrachtung und verlangte synoptische Wörtersamm- luugen aus allen Sprachen der Erde. Das sogenannte Vocubalraium Cathariuae, 1786 89, ist wohl mit auf seine Anregung entstanden, jedenfalls war es die Verwirklichung eines Leibniz'schen Gedankens. Ein ausserordentlich begabter und thätiger Linguist war der Spanier Lorexzo Hebvas. Als Missionar in dem vielsprachigen Amerika mochte er sein Interesse für die Mannichfaltigkeit der

28 I, IV. Anregungen zur Sprachwissenschaft.

menschlichen Zungen gewonnen haben, und dies Interesse fand später, als er in Rom mit Aratsbrüdem aus allen Erdtheilen zusammentraf, reichliche Nahrung. Sein Hauptwerk, der dreibändige Catälogo de las lenguas, 1800 1802, ist wie der weitere Titel besagt ein in vieler Hinsicht gelungener Versuch, die Völker nach der Verwandtschaft ihrer Sprachen zu classifiziren. Weniger selbständig aber reichhaltiger ist Johann Christoph Adelung's bekannter Mithridates, fort- gesetzt von JouANX Sevurin Vater, 4 Bände, 1806 17, mit grammatischen Abrissen und Vaterunseni, ein Buch, trotz aller Mängel einzig in seiner Art das als Mittel zur raschen Orientirung erst in neuerer Zeit durch Friedrich MtLLER's noch weit umfänglicheren ,,ürimdriss der Sprachwissenschaft" (Wien 1876 flg.) verdunkelt und mehr als ersetzt worden ist

Auch der Entzifferungen müssen wir hier gedenken. Denn die schweigenden Zeugen einer fernen Vergangenheit, die Urkunden der ältesten Culturstaaten, reizten mit Zaubermacht die Neugier, wohl auch den Ehrgeiz, und übten den Scharfsinn. Im Jahre 1814 that G. Fr. Grotefend die ersten erfolgreichen Schritte zur Enträthselung der persepolitanischen Keilschriften. Nach imd nach wurden auch mit Hülfe zwei- imd mehrsprachiger Inschriften die anderen Keilschrift- gattungen und die in ihnen vertretenen Sprachen in den Bereich der Unter- suchung gezogen (Lassen, Bürnouf, Hincks, Rawlinson, J. Oppert u. A.). J. Fr. Champollion-Fiünac (1824 flg.) aber gebührt der unsterbliche Ruhm, die Hieroglyphen der Aegypter zum Reden gebracht zu haben. So wurden der Philo- logie neue Bahnen eröffnet, der Sprachforschung neue Quellen zugeführt

Das philosophische Zeitalter hat seine Neigung zu apriorischen Constructionen auch auf die menschliche Sprache ausgedehnt, aber die hierher gehörigen Ver- suche, so geistvoll manche von ihnen sind, dürfen wir übergehen. Wilhelm VON HujinoLDT war der Ei-ste, der umfassende Kennerschaft mit philosophischem Tiefsinne in sich vereinigte, zudem ein sehr fruchtbarer Schriftsteller. Die Frage nach der Wechselbeziehung zwischen Sprechen und Denken, nach dem Werthe der Sprachen als Werkzeugen der Cultur imd Zeugen der Culturbegabung ist von ihm zuerst aufgeworfen und in umfassender Weise erörtert worden. Seine Werke sind so zu sagen der classische Text der allgemeinen Sprachwissen- schaft bis auf den heutigen Tag; sie sind meist weniger klar als tief, beurtheilen mehr, als sie lehren, und setzen Kenntnisse voraus, die schon aus äusseren Gründen den Wenigsten erreichbar sind. Es ist erstaunlich, wüe allseitig dieser Riesengeist seinen Stoff durchdacht hat allerwärts hin anregend und Wege weisend. Selten sind reiches Wissen und tiefes Denken, Scharfblick für das scheinbar Kleinste imd die Fähigkeit selbst das scheinbar Entlegenste sicher zu combiniren, glücklicher gepaart gewesen. Wer es liebt in den Grundanschau- ungen unserer Wissenschaft den Prioritätsansprüchen nachzufoi^schen, der ver- säume nicht auch bei diesem gedankenreichsten unter den Sprachforschem an-

W. V. Humboldt; die Gegenwart. 29

ziifragen. Es ist wohl nicht allemal leicht zu sagen, dass er gerade den gesuchten (ledanken gehabt habe; es ist noch viel schwerer zu sagen, dass er einen rii-htigen Gedanken nicht gehabt habe. Sehr oft aber wird man finden, dass was vor seinen Prophetenaugen in voller Klarheit stand, erst lange hernach mühsam wieder entdeckt worden ist Wenige Schriftsteller verlangen so an- irestrengtes, beharrliches Sudium, wie dieser; wenige aber lohnen es auch in gleichem Masse; und es ist unter Stedcthal's Verdiensten nicht das kleinste, dass er immer und immer wieder das Andenken des Halbvergessenen aufgefrischt hat Humboldt verehren, bewundem wird Jeder, der seine Schriften liest^ Mancher bewundert ihn auch ohnedem; ihm nachstreben werden immer nur Wenige, eine Schule aber nach Art der Bopp'schen imd Grimmischen wird sich wohl nie um ihn schaaren. Von ihm wie von Pott gilt es, dass sich Universalität und Genialität nicht schulmässig züchten lassen.

Fast von Anfang an bildeten die Indogermanisten mit ihren Unterabthei- luügen: Germanisten, Romanisten, Slavisten u. s. w., eine gesonderte Gemeinde für sich, die rasch zu der zahlreichsten anwuclis. Es war dies kein Wunder. Cnsem Vorfahren und Seitenverwandten gebührt unser nächstes Interesse; die Frage: wie hat unsre Sprache vor Jahrhunderten, vor Jalirtausenden geklungen, die archäologische Frage, übt auf jeden Denkenden ihren Zauber, sie liegt dem <iemütlie, der pietätsvollen, patriotischen Gesinnung, fast ebenso nahe, wie dem forschenden Verstände. Und wie reichlich fliessen gerade uns Indogennanen die Quellen der Voi-zeit! Dazu mochte noch Eins kommen: Wörter, Laute und grammatische Formen verschiedener Sprachen kami man vergleichen, olme der ^^praehen selbst mächtig zu sein, man arbeitet eben am todten Körper, hat es, streng genommen, nicht mit der Sprache, sondern mit ihren losgerissenen Theilen zii thun. Dazu bedarf es keines Sprachtalentes, dem ersten Anscheine nach aueh keines philologischen Eindringens in fremde Literaturen, am allerwenigsten der philosophischen Vertiefung. In der That schien hier eine Wissenschaft er- standen zu sein, die weder Kennerschaft noch tiefsinnige Spekulation erforderte, sondern nur fleissiges Sanuneln und saubere Analyse. Der Verfasser eines, wie ^s s<»heint, viel gelesenen Buches über Sprachwissenschaft erklärt getrosten Muthes: ,,Le linguiste n'a que faire d'etre polyglotte, ou, du moins, il n'est point n6oessaire qu'il le soit." Zum Beweise schreibt er ein Werk in Taschenformat, das hintereinander die isolirenden, agglutinirenden und flectirenden Sprachen der Erde schildert imd durch eine Reihe der wunderlichsten Miss Verständnisse den Verfasser vom Verdaclite der Vielsprachigkeit reinigt. Ein anderer liervor- nif^ender Sprachforscher hat ein Werk ähnlich mnfassenden Inhalts geliefert, ^'orin z. B. gelehrt wird, die malaisclien Sprachen hätten nur vocalisch aus- lautende Wörter, die dravidischen seien ausschliesslich präfigirond. Die Wahr- iH'it ist, dass die meisten malaischen Spraclien, wie schon ein Blick auf die

30 I, IV. Anregungen zur Sprachwissenschaft.

Landkarte lehrt, auch consonantische Auslaute haben, und dass die drävidischeji rein suffigirend sind. Wieder ein Anderer legt gleiclifalls feierlich „Protest ein gegen die Voraussetzung, als ob der, welcher die Sprache studirt^ ein grosser Sprachkundiger sein müsse", und behauptet wirklich, noch im Jahre 1890, Dinge wie die, dass es im Chinesischen keinen lautlichen Verfall gebe; dass die Sprache des Ulfilas in die Karls des Grossen umgewandelt worden; dass Sprachen sich niemals vermischen; dass ginta im lateinischen triginta eine Ableitung und Abkürzung von sanskrit (!) daya oder dayat, zehn, ist*); dass arische und semi- tische die einzigen Spraclifamilien sind, welche diesen Namen vollkommen ver- dienen. Le linguiste n'a que faire d'etre polyglotte! Der dies geflügelte Wort gesprochen, kennt aucli eine „gemeinsame Gramatik aller isolirenden, und eine ebensolche aller agglutinirenden Sprachen." Ich kenne in der That zwei Mittel, sich diese „gemeinschaftlichen Grammatiken" ganzer Sprachenclassen anzueignen : entweder man lerne von jeder dieser Classen nur eine Sprache, oder, nocli einfacher , man lerne gar keine!

Wir tlieilten vorhin die Sprachwissenschaft organisch in einzelsprachliche, historisch -genealogische und allgemeine. Eine andere Dreitheilung hatte sich thatsächlich herausgebildet: erstens die Indogermanistik, in sich geschlossen, wenn auch nicht immer unter sich einig, dann die classische Philologie, und endlich, in loseren Gruppen, alle Übrigen: die orientalischen Philologen und die, welche sich auch mit literaturlosen Sprachen beschäftigten. Ganz durchgreifend war natürlich die Scheidung schon von Hause aus nicht: Brücken führten über die Klüfte, die sich allen Anzeichen nach bald von selbst schliessen werden, so sehr die Masse des Stoffes :iur Arbeitstheilung nöthigt. Bis zu seinem Tode, 1887, war der Altmeister unter den Indogermanisten August Friedrich Pott in Halle. Der konnte nachgerade von seinen Sprachstudien sagen, sie haben die Reise um die Erde gemacht; seine meisten Gefährten und Nachfolger waren zugleich Sanskritphilologen. Mein Vater war nicht minder vielseitg. Oft ver- band sich bei ihm das philologische Interesse an fremden Literaturen mit dem allgemein sprachwissenschaftlichen. Am Liebsten wandelte er auf unbetretenen Pfaden, führte der Sprachenkunde neuen Stoff zu; und dabei hat er auch an der Entdeckung und Feststellung mehrerer Sprachstämme unter den ersten Pio- nieren mitgearbeitet. Gkorg Curtius gebührt das hohe Verdienst, die claSv«^ische Philologie mit der Indogermanistik vermählt zu haben. Es war kein leichtes Werk. Lange ist es der älteren Schwester hart angekommen, sich von der jüngeren in die Schule nehmen zu lassen. Jene, die sich der Vergleichung fremder Sprachstämme zuwandten, waren von selbst auf das Vorbild der Indogermanisten hingewiesen. Bei diesen musste sich zudem die Forschung

*) Erst an viel späteroren Stellen zeipjt der Verfasser, dass auch er nicht daran denkt, das Althoclideutsche vom Gotischen, das Lateinische vom Sanskrit herzuleiten.

I, V. Schulung des Sprachforschers. 31

der altbaktiischen Religionsurkunden und der persichen Keilschriften Raths er- holen. So waren die Indogermanisten die vielseitig umworbenen ; kein Wunder, (iass sie die Macht ihrer Stellung fülüten, wohl auch fühlen Hessen. Freilich lag ihre Stärke zum guten Theil in der Einseitigkeit, und eben dieser sind sie sich zu ihrem und Aller Vortheile nun auch bewusst geworden. Schärfer als je zuvor betonen und untersuchen sie jetzt auch die seelischen Kräfte, von denen die Entwickelung der Sprachen abhängt. Dass die Sprache mehr ist, als ein Aggregat von Wiu^eln, Stänmien und Formen, dass sie im Satze ihre Einheit hat begreifen sie jetzt, ziehen die Syntax in den Bereich ihrer vergleichenden Untersuchiingen und fragen gelegentlich, um zur Erklärimg räthselhafter Er- scheinungen zu gelangen, bei Sprachen fremdartigen Baues an; die Zeit der gegen- seitigen Verständigung ist gekommen.

Anmerkung. Vgl. Tb. Benfey, Geschichte der Sprachwissenschaft und orientalischen Philologie in Deutschland. München lti69.

V. Capitel.

Schulung des Sprachforschers.

S. 1.

Die Linguistik war bis in die neuere Zeit keine Berufswissenschaft, der maji :^ich widmen konnte um von ihr zu leben, die man auf Hochschulen studirte^ und in der man Examina bestand. Sie glich einer Colonie, deren erste Bebauer aus verschiedenen Gebieten zugewandert waren, und noch heute gereicht ihr solcher Zuzug oft zum Gewinne. Vielleicht heute erst recht; denn wo immer >ich Schulen bilden, da liegt auch die Gefahr zünftlerischen Schlendrians und unduldsamer Yereinseitigung nahe. Da ist es denn nur heilsam, wenn fremde» von Traditionen freie Elemente sich als Mitarbeiter unter die Fachleute mischen, Männer, die weiter nichts mitbringen, als positive Sachkenntniss, ich meine Sprachkenntniss , einen in scharfer Logik geschulten Verstand und die Gewohnheit um- und vorsichtiger inductiver Methode. Demnächstgelegenen Fache, der Philologie und Orientalistik, gehörten z. B. die beiden Scm^GEi^ Adfxüno, Vater, Bopp, Klapkoth an; der berühmte Finne Alexander Castr6n sowie, wenn ich nicht irre, Wiijielm Schott waren von Hause aus Theologen; Wilhelm von Humboldt, Jacob Grlmm, Sylvestre de Sacy, Eugen Burnouf und mein verewigter Vater hatten die Rechte studirt, ebenso von neueren z. B. der vielseitige und scharfsinnige Lucien Adam und sein College Raoul de la (i RASSERIE, Abel Re3iusat, der grosse Indianist Wii^on und der verdiente Americanist Otto Stoll Medizin. Auch Offiziere in den Colonialdiensten der

32 I, V. Schulung des Sprachforschers.

verschiedenen Staaten haben sich um unsere Wissenschaft hohe Verdienste er- worben, nicht nur als Sammler, sondern auch als tüchtige Forscher. Ich will nur einen nennen, den General Faidhkbbe. Der Zuzug von Auswärts hat fort- gedauert bis auf den heutigen Tag, der jungen Wissenschaft war und ist er willkommen, sie ist bisher eine freie Wissenschaft geblieben, so frei, dass ihr kaum ein allgemeiner Studienplan vorgezeichnet werden kann: Jeder hat es selbst zu erproben, welche Richtung des Forschens seiner Anlage und Neigung am besten entspricht. Er kann sein Genügen darin finden, eine oder einige Sprachen möglichst allseitig gründlich zu beherrschen: das ist zimiaJ das Ziel der Philologen. Oder er kann eine ganze Sprachfamilie in Rücksicht auf den einen oder anderen Theil ihrer Erscheinungen durch alle Phasen ihrer Entwickelung durch ver- folgen, wie es die Indogermanisten, Altaisten u. s. w. thuen. Oder endlich mag er sich als Problem das menschliche Sprachvermögen selbst, die Ursachen seiner vielgestaltigen Entfaltung gesetzt- haben und zu dem Ende polyglottes Wissen erstreben. Man sieht, die Aufgaben sind verschieden genug. Allein gewisse Kräfte und Fertigkeiten sind doch gemeinsame Voraussetzung einer jeden Art sprachwissenschaftlicher Arbeit, und von diesen soll hier die Rede sein.

Man redet vom geistigen Auge; man sagt, mit anderen Augen dui-chwandere der Botaniker, mit anderen der Mineralog die Fluren, mit anderen etwa der Jäger oder der Landgensdarm. Sie alle haben dieselben Dinge vor Augen und doch andere Dinge im Auge. Sie Alle suchen, und das Suchen bedingt und befördert zugleich eine gewisse Vereinseitigung, es schärft und richtet den Blick nach einer einzelnen Art von Gegenständen. Jetzt dürfen wir auch von dem Auge des Sprachforschers reden, vom sprachwissenschaftlichen Blicke; und auch dieser kann bis zu einem gewissen Grade anerzogen werden.

Eine recht missliche Seite hat es nun freilich, eine solche Hodegetik zu veröffentlichen. Es kann ja nicht anders sein: der Verfasser empfiehlt vor Allem das, dessen Nutzen er selbst erprobt zu haben meint, oder dessen Mangel ihm bei Anderen besonders störend aufgefallen ist So scheint er sich still- schweigend in aller Naivität selbst als Muster eines Sprachforschers hinzustellen. Die Sache ist aber einfach die, dass Jeder das erstrebt was er für das Richtigste hält, und folglich auch als das Richtigste das bezeichnet, was er selbst erstrebt und nach Kräften verwirklichen möchte.

a. Phonetische Schulung.

Dass der Sprachforscher nielit auch Sprachkünstler zu sein braucht, dass ein Sprachkünstler darum noch lange kein Sprachforscher sein muss, versteht sich von selbst Und unter den Kunststücken des Spraehkimstlei-s ist wieder

§2. a. Phonetische Schulung. 33

das Nachmachen fremder Laute vom linguistischen Standpunkte aus das werth- loseste. Es scheint, als wäre von Hause aus jedes normale menschliche Sprach- organ zur Hervorbringung aller möglichen Sprachlaute geschickt: erst fortgesetzte einseitige Übung erschwert uns die Bildung fremder Laute. Insofern verhält es sich mit der Phonetik genau, wie mit dem Geiste einer beliebigen Sprache, der am leichtesten da aufgenommen wird, wo er Tabula rasa vorfindet.

Die Erfahrung hat nun bewiesen, dass man Sprachen von Grund aus gram- matisch verstehen und sehr richtig beurtheilen kann, ohne von ihren Lauten mehr zu wissen, als dass sie deren ungefähr so und soviele besitze, die sich ungefähr so und so zu einander verhalten. Für die alten Cultursprachen hat rnsn in den verschiedenen Ländern conventioneile Ausspracheweisen eingeführt, wohl wissend, dass man sich damit weit vom ursprünglichen Klange entfernte, und doch ohne Nachtheil für die Praxis, wie für die Theorie. Und gesetzt, es gelänge uns, etwa Griechisch genau in den Lauten und dem Tonfalle der Athener perikleischer Zeit auszusprechen: was wäre gross damit gewonnen? Ein Jahrhundert früher oder später hat man in Athen schon etwas anders ge- sprochen, und ein paar Meilen von Athen wieder anders. Dem Historiker, auch dem Biographen, muthet man nicht zu, dass er uns einen grossen Mann vor- führe, „wie er sich räuspert und wie er sich spuckt"; und Ähnliches gilt in der Regel von dem Sprachforscher und den kleinen Absonderlichkeiten der Laut- erzeugung. Winteler's vielgerühmtes Werk über die Kerenzer Mundart gilt als Muster sorgsamer Lautbeobachtung; sein wissenschaftlicher Werth beruht aber nicht sowohl in der untersuchten Mundart, als in der Art der Untersuchung und den gewonnenen Ergebnissen; jene Mundart war eben das Kaninchen des Physiologen.

Man irrt, wenn man die Lautphysiologie oder Phonetik, wie man sie heut- zutage nennt, als einen Theil der Sprachwissenschaft bezeichnet. Letztere hat es mit den Schallerzeugnissen der menschlichen Sprachorgane nur insoweit zu thun, als sie in den Sprachen thatsächlich Verwendung finden; die Phonetik da- gegen hat alle überhaupt möglichen Schalläusserungen jener Organe zu unter- suchen, folgerichtig auch die krankhaften und die auf individuellen Fehlem be- ruhenden, z. B. die Wirkimgen eines Stockschnupfens oder eines fehlenden Zahnes auf die Hervorbringung der Laute. Und dies ist nicht der einzige Unter- schied. Die Lautphysiologie hat es mit dem Laute zu thun, wie er jeweilig von und in den Sprachwerkzeugen gebildet und vom Ohr vernommen wird; in ihrem Sinne bringt also die geringste Änderung in der Stellung und Bewe- gung der Sprachorgane einen anderen Laut hervor. Das ist von ihrem Stand- punkte aus berechtigt und nothwendig. Die Sprache aber, und wäre es die kleinste Mundart, unterscheidet nur eine bestimmte Anzahl von Lauten, die sich ZM den lautlichen Einzelerscheinungen verhalten wie Arten zu Individuen, wie

T. d. Gabelentz, Die SprachwIsseDBcbaft. 2. Aufl. 3

34 I, Y. Schulung des Sprachforschers.

Kreise zu Punkten; sie zieht die Grenzen weiter oder enger, immer aber duldet sie einen gewissen Spielraum. Nicht Alle, die die Mundart richtig sprechen, sprechen den nämlichen Laut genau auf dieselbe Weise aus, ja man darf zweifeln, ob es der Einzelne immer thue. Es handle sich um das Wort „Thee". Der Leser frage sich, ob er, so oft er es ausspricht, allemaJ das Vorderende der Zunge gleich spitz oder breit macht, ob er es allemal genau an der nämlichen Stelle der Zähne oder des Gaumens anlegt, ob er allemal genau einen gleichstarken Luftstrom verwendet u. s. w. Hat er gelernt, in solchen Dingen scharf zu be- obachten, so wird er wahrscheinlich kleine Schwankungen wahrnehmen. Nun aber weiss er, und bestätigt ihm der Sprachforscher, dass er immer dasselbe Wort, und dass er es immer richtig ausgesprochen hat; der Phonetiker hingegen wird ihm nachweisen, dass es im physiologischen Sinne verschiedene Einzel- laute waren. Natürlich gilt dies erst recht, wenn dasselbe Wort von verschie- denen Leuten ausgesprochen wird, seien es auch Angehörige derselben Land- schaft oder Gemeinde. Das Sprachgefühl, das für uns massgebend ist, macht da keinen Unterschied, es erkennt jede Art der heimischen Lautbildung für gleich richtig an, weiss aber recht wohl die in seinem Sinne fi-emdartige Aussprache zu erkennen.

Bekanntlich verhalten sich die Sprachen in Rücksicht auf die Lautiuiter- scheidung und die Schärfe der Articulation sehr mannichfaltig. Die Polynesier besitzen ausser den fünf Vocalen a, c, i, o, u nur acht bis zehn unterschiedene Conso- nanten; die alten Inder erkannten im Sanskrit deren 35 oder (mit jihvamüllt/a und tipad^maniyä) 37 ; die Abchasen im Kaukasus kennen deren 49. Und doch sind diese Zahlen, so vielsagend sie scheinen mögen, noch immer das Äusserlichste. Welche Laute besitzt die Mundart? Ich erinnere an die Gutturale, Aspiraten und Fricativen der Semiten, der Kaukasier und vieler amerikanischer Indianerstämme, an die Zischlaute und Jodirungen der Slaven, an die Schnalzer der Hottentotten, Busch- männer und ihrer kaffrischen Nachbarn. Wie häufig oder selten kommen die einzelnen Laute vor? Man denke an die e und n, die im Deutschen, an die i und s, die im Lateinischen vorherrschen, an die statistischen Nachweise in WmTNEY^s Sanskrit-Grammatik. Ferner: welche Gesetze und Neigungen ergeben sich in Rücksicht auf die Lautvertheihmg im Worte? Man denke an die Hiaten in den polynesischen Sprachen, an die Sandhigesetze im Sanskrit, an die Con- sonantenhäuf ungen im Alttibetischen, im Georgischen, im Selish (Kallispel) u. s. w., an die gefällige Yertlieilung der Yocale und Consonanten im Italienischen, im Hausa und in vielen malaischen und kongo-kaffrischen Sprachen, an Sprachen, die nur vocalischen Auslaut dulden, wie das Altslavische und Altjapanische, oder die daneben noch Nasale gestatten, wie die kongo-kaffrischen Sprachen und das Mandschu, dann wieder an die seltsame Vorliebe der melanesischen Annatom-(Aneiteum-)Insulancr, ja auch der Basken und der Berbervölker, für

§.2. a. Phonetische Schulung?. 35

voealisohen Anlaut. Und wie vielerlei bedingt sonst noch den Elangcharakter einer Sprache oder Mundart! Die ruhige Lippenhaltung des Engländers, die gutturale Lautbildung des Holländers und Schweizers, die Betonung der vorletzten Silbe im Polnischen, Malaischen u. s. w., die der ersten im Czechischen und den finnischen Sprachen, die der letzten im Türkischen und Mongolischen, der hüpfende Tonfall der baltischen Deutschen, das „Singen" der Thüringer, kurz so und so- viele Dinge, die wir unter dem französischen Namen accent zusammenzufassen pflegen.

Eine gewisse Ausbildung des Sprach- und Gehörorganes ist wohl für jeden erreichbar und auf alle Fälle jedem Sprachforscher zu empfehlen.

Erstens nämlich hat er es mit fremden Lauten zu thun, die er sich am l>esten merkt, wenn er sie sich vorstellen und selbst hervorbringen kann. Je mehr Sinne zusammenwirken, desto leichter verrichtet das Gedächtniss seinen Dienst. Die Buchstaben eines fremden Alphabetes, die Häkchen, Pünktchen und Strichelchen unsrer phonetischen Schriftsysteme verwechselt man nur zu leicht, wenn man nicht scharf unterscliiedene Gehörvorstelhmgen mit ihnen verbindet.

Zweitens kann man die mechanischen Vorgänge beim Lautwandel nicht bovsser verstehen, als wenn man sie selbst darstellen und somit an sich selber erleben kann. Was die Münder unzähliger Generationen zu Wege gebracht haben, das kann sich, wenn wir verständnissvoll experimentiren, rasch in unseren eigenen Sprachorganen vollziehen; und wo uns die Urkunden gewisse Haupt- stationen, oder auch nur die Anfangs- und Endpunkte lautlicher Entwickelungen bezeugen, da tritt uns nun der Hergang in seiner ununterbrochenen Allmählich- keit vor die Sinne.

Endlich drittens wird das systematische Studiuni lautphysiologischer Werke dem am leichtesten, der mit einem Vorrathe eigener Erfahrungen an dasselbe herantritt

Man bildet sich nur zu leicht ein, zu einer Sprache gehöre nicht viel mehr, als was man schwarz auf weiss auf dem Papiere findet. Nein, Alles ge- hört zu ihr, was bei der Eede in und mit den Sprach Werkzeugen geschieht: Rhythmus und Tonfall {Singen, Eintönigkeit Breite oder Schärfe) des Vorti-ages, aber auch die Haltung des Mundes, breit oder spitz gezogene Lippen, vor- geschobener Unterkiefer, schlaffes, verschnupftes Gaumensegel u. s. w. Das mag individuell und beim Individuum nur vorübergehend sein, es kann aber auch zur Eigenthümlichkeit der Gaumundart, der Sprache eines ganzen Volkes ge- hören, und dann gehört es zur Sprachkunst, zur Sprachkunde, zur Sprachlehre.

Es soll an dieser Stelle nicht eine Theorie der Phonetik vorgetragen, sondern

nur angedeutet werden, wie jene praktische Aus- und Vorbildung zu erreichen

sei. Es handelt sich um eine Gymnastik der Sprachorgane, die mit einer

Schärfung des Gefühls- und Gehörsinnes Hand in Hand gehen wird: wir er-

3*

36 I, V. Schulung des Sprachforschers.

zeugen Laute und beobachten dabei, wie wir die einzelnen Sprachorgane be- wegen, was wir dabei in ihnen empfinden, und was die Wirkung auf das Gehör ist. Dabei lernen wir allmählich unterscheiden, was uns anfangs ganz gleich vorkam.

Die Gabe der Nachahmung ist für solche Zwecke recht schätzenswerth, und man sollte sie pflegen, soweit es die gute Sitte erlaubt Alles was in unsrer Muttersprache als fehlerhaft erscheint, kann in einer anderen nothwendig sein: lispelndes Anstossen mit der Zunge, Näseln, Nuscheln, wie es Leute thuen, die mit der dicken Zunge an die Backenzähne anstossen, Muffeln, wie Einer, der redet, während er den Bissen im Munde hat, verschnupfte LautbUdung u. s. w. Leute, die einen andern Dialekt reden, Ausländer, die sich vergebens anstrengen die deutschen Laute hervorzubringen, sind gleichfalls gute Modelle. Man lernt bald genug diesen Modellen auf den Mund zu sehen und ahmt dann unwillkürlich ihre Haltimg der Lippen und des Unterkiefers nach. Damit ist schon oft viel gewonnen, z. B. für die Aussprache des Englischen und mancher deutschen Dialekte. Auch die Stellung der Zähne und die Bewegungen der Zunge muss man zu beobachten imd nachzumachen suchen, z. B. bei den beiden th der Engländer imd den verschiedenen r und Zischlauten. Jedenfalls werden durch die Spielerei die Sprachwerkzeuge geschmeidig, und die Beobachtungsgabe ge- steigert. Es kommt ganz von selbst, dass man auch bezeichnende Redewend- ungen und Gedankenverknüpfungen seines Vorbildes mit nachbildet, und alles das kommt der sprachwissenschaftlichen Befähigung zugute. In keiner Wissen- schaft spielt die Reproduction eine wichtigere Rolle, als in der unseren.

Näher schon der eigentlich lautwissenschaftiichen Arbeit liegen freie Ver- suche, deren einige ich hier beschreiben will.

1. Man versuche denselben Laut mit verschiedener Stellung der Sprach- werkzeuge hervorzubringen: o und u mit mehr oder minder gerundeten Lippen, die Gutturale Ä, g^ ch (in „machen"), n (= ng in „Ding") soweit hinten in der Kehle als möglich, und allmählich möglichst weit vorwärts weiterschreitend; ebenso die Dentale t, d, n und die Zischlaute 5, e (= weich s), s (= seh), i (= französich j\ ts^ di, sowie Z, in zwei Reihen, erstens die Zungenspitze nach dem weichen Gaumen zurückbiegend und dann schrittweise vorwärts bis zwischen die Vorderzähne rücken lassend, zweitens die Zungenspitze möglichst weit hinten an die Backenzähne anlegend und dann allmählich auf dem seit- lichen Wege vorwärtsschiebend; dasselbe wiederhole man mit mehr oder minder zugespitzter oder breiter Zunge; f und w erst mit beiden Lippen (bilabial), dann durch Berührung der Unterlippe und der Oberzähne (labiodental). Lässt man beim l die Zungenspitze den Gaumen etwas weiter liinten berühren und die Luft zu beiden Seiten der Zunge durchströmen, so gewinnt man einen Laut, der dem chl in „weichlich", dem Ich in, ,welcher^^ einigermassen ähnelt, das welsche IL

§. 2. a. Phonetische Schulung. 37

2. Man spreche die Yocalreihen a, ä, e, i, - a, a, o, m, a, ö, w, i nhne Absatz wie eine Art langer Diphthongen und beobachte, wie sich dabei die Mundstellung allmählich verändert und wie das Ohr dabei eine Reihe un- zähliger, winzig verschiedener Klänge vernimmt. Was man Lautverschieb- ungen nennt, sind ursprünglich nichts weiter, als solche Verschiebungen in der Stellung der Sprachorgane, die natürlich die akustischen Wirkungen beeinflussen. In der Sprachgeschichte mögen sie Jahrhunderte gebrauchen, ehe sie walimehm- bar werden; mittels des Experimentes kann man sie sich in wenigen Minuten vollziehen sehn.

3. Man bringe die Sprachwerkzeuge in die Lage, die für einen bestimmten I^ut passt, und nun bemühe man sich einen beliebigen anderen Laut hervor- zubringen, thue z. B., als ob man u sprechen wollte, und versuche dann ein i auszusprechen oder umgekehrt, forme die Lippen zum w oder f und strenge sich dann an, etwas wie ein s, § oder 7* herauszubringen u. s. w. Die verschiedenen r sind vielleicht auf diese Weise am leichtesten zu erlernen. Benachbarte Laute, d. h. solche mit ven^'andter Mundstellung, gehen vermöge der Lautverschiebung leicht ineinander über. Auf neue, seltsame Laute muss man inuner gefasst sein. Ein Labiodental, eine Art tj) oder pt^ wobei die Zunge zwischen den Zähnen hindurch die Oberlippe berührt, findet sich in der Tangoa-Sprache von Espiritu Santo, einer Insel der Neuen Hebriden. Bei homerischem jiroXig, jcroXefiog statt xoXig, jtoXsfiog möchte man an etwas Ähnliches denken. (S. H. Kay in Bydr. tot de Taal-, L- en Yolkenk. van Xederl. Indie, V. Volgr. YII. D. pg. 708.)

4. Man spreche oft und schnell hintereinander einen Consonanten zwischen zwei i oder zwei u und beobachte, wie der Consonant dabei etv^as von der Eigenart jener Yocale annimmt und wohl schliesslich auch für das ungeübte Ohr ein ganz anderer wird. XM zu ii§^^ U% zu ttsi oder T/sT, ükii zu ükfü oder Ähnlichem. Eine andere, doch verwandte Beobachtung kann man machen, wenn man a und i mit einem dazwischen gefügten Doppelconsonanten rasch hintereinander ausspricht: aZK, anni werden dann wohl zu aZ/yi, annyi und schliesslich zu cdliyiy ainnyi^ aiyi^ ai^ ammu etwa zu ommu. Ähnlich mit a oder i zwischen zwei Labialen: wap^ ham^ ivip^ bim werden sich bald in etwas wie taop^ 6om, tvüp^ büm verwandeln. Alles dies erreicht man natürlich nur, wenn man sich gehen lässt, das heisst der Bequemlichkeit nachgiebt Diese übt aber in den Sprachen eine grosse Macht.

5. Man halte beide Ohren zu, spreche verschiedene Laute und beobachte, bei welchen Lauten die Ohren dröhnen und bei welchen nicht.

6. Lehrreich in ihrer Art sind auch zimgenbrechende Sätze wie: „Fischer 's Fritz frisst frische Fische", „sechs imd seehszig Schock sächsische Schuh- zwecken", — „wenn der Kottbuser Postkutscher mit der Kottbuser Postkutsche nach Putbus fährt, fährt der Putbuser Postkutscher mit der Putbuser Post-

38 I, V. Schulung des Sprachforschers.

kutsche nach Kottbus", „in Ulm, um Ulm und um Ulm herum", „keine kleinen Kinder können keine kleinen Kirsclikerae knacken" u. s .w. Die Feliler, die man dabei im raschen Nachsprechen macht, sind vorbildlich für manche Erscheinungen des geschichtlichen Lautwandels. In der Übereilung vertauscht die Zunge die Laute, und der Feliler, wenn er bequem ist, kann zur Regel werdet. So spanisch olvidar, vergessen, = oblitare, milagro = miraculum, peligro = periculum.

7. Ähnliche Beobachtungen mechanischer Lautverschiebungen kann man machen, wenn man Wörter mit harten Consonantenverbindungen oder mit Hiaten rasch und wiederholt ausspricht: Aussclmitt wird Anschnitt, entfernt: empfemt*), etwas: eppas, eppes, haben wir: hammir u. s. w. Femer: zuerst: zuwerst, zwerst, beiordnen: beijomn u. s. w. Unsere Volksmundarten bieten dessen Beispiele die Hülle imd Fülle. Es sind das Fälle der sogenannten Eupüonik, thatsächlich Äussenmgen der Trägheit und Flüchtigkeit; dem Munde wird Arbeit erspart, aber die Lautbilder werden ven^ischt.

8. So, durch eine Art Zimmergymnastik vorbereitet, mag man an das Studium eines lautphysiologischen Werkes gehen; man wird es um so leichter ver- stehen, je mehr Selbsterlebtem man darin begegnet,**)

Mit der Ausbildung der Lautphysiologie ging die Aufstellung verschiedener phonetischer Schriftsysteme Hand m Hand. Unter diesen hat Lepsius' s. g. Standard -Alphabet die weiteste Verbreitung gefunden und darum für den Sprachforscher besonderen praktischen Werth. Die Menge seiner diakritischen Zeichen über und unter der Linie ist beim Lesen und Schreiben einigermassen störend, und in systematischer Hinsicht ist es durch neuere Versuche weit über- holt. Seine Lücken lassen sich aber nach Bedarf durch Hinzufügung neuer Unterscheidungszeichen oder Zeichencombinationen ausfüllen, imd so wird maji einstweilen gut thun, es für sprachwissenschaftliche Zwecke, wozu eben die lautphysiologischen nicht gehören , beizubehalten. F. Tkchmer, Phonetik, 2 Bde., Leipzig 1880, hat ein nachmals noch verbessertes Zeichensystem aufge- stellt^ dessen Avissonschaftliche Vorzüge in Fachkreisen wohl anerkannt werden. Die von ihm redigirte Internationale Zeitschrift für allgemeine Sprachwissen- schaft bedient sich dieser Schrift, die somit vielleicht bestimmt ist, mit der Zeit die Lepsius'sche zu verdrängen. Wenig bequem zu schreiben ist fi^eilich auch sie, aber reichhaltig, nicht allzuschwer erlenibar und wohl in jeder Druckerei ohne Beschaffung neuer Typen darzustellen.

Zusatz. Es wäre Pedanterie, jede alphabetlose Sprache ein- für allemal mit irgend einem phonetischen Alphabete schreiben zu wollen. Ein solches dient

*) Vgl. empfinden, empfehlen, empfangen. Woher aber die Inconsequenz ? **) Als erstes Lehrmittel dieser Art dürfte Sievkrs' Phonetik zu empfehlen sein wegen der schonenden, allmählichen Art, wie es den Anfänger in die neuen Vorstellungen einführt.

§. 3. b. Psychologische Schulung. 39

einestlieils als eine Art Generahaenner, mit Hülfe dessen sich die Lautwesen verschiedener Sprachen oder Mundarten bequem vergleichen, andemtheils als Mittel, um die Laute einer noch unbekannten Sprache aus dem Munde der Eingeborenen aufzuzeichnen. Handelt es sich um einzelne Sprachen, so vertheilt man die Buchstaben des Alphabetes so, dass sie den Lautwerth möglichst an- nähernd anzeigen, und vermehrt sie nach Bedüi-fniss durch Hinzufügung dia- kritischer Zeichen. Bei Sprachen mit eigener Lautschrift substituirt man in gleicher Weise den einheimischen Buchstaben lateinische, mit oder ohne dia- kritische Zuthaten, sodass die Rückumschreibung ohne weiteres möglich ist. Han- delt es sich aber um eine Mundart, die von der einheimischen Eechtschreibung abweicht, so liegt natürlich die Sache so, als wenn keine einheimische Lautschrift vf^rhanden wäre. Wo endlich schon von Anderen leidlich brauchbare Schreib- weisen eingeführt sind, da halte man sich möglichst an diese. Das gilt nament- lich oft von den Arbeiten der Missionare.

§. 3.

b. Psychologische Schulung.

Viel wichtiger, mächtiger als das physische Moment ist das psychische. Ja, thatsächlich hatten wir es schon vorhin, als wir von jenen Nachlässigkeiten in der Lautbildung sprachen, mit Dingen zu timn, die zur Hälfte seelischen Ur- sprungs waren. Warum etwas bequem ist, erklärte die Mechanik; warum man aber dieser Bequemlichkeit jetzt nachgiebt, jetzt entsagt, darüber kann nur die Psychologie Aufschluss geben. Ich weiss nicht, ob ich es den angehenden Sprachfoi-schem empfehlen soll, sich lange beim systematischen Studium dieser Wissenschaft aufzuhalten. Ich für meinen Theil bedauere, dass ich für diesen Theil der Philosophie nie viel Ausdauer gehabt imd meinen Bedarf an Seelen- tunde mehr aus der Praxis des Lebens und aus feinsinnigen Charakterschil- derungen bezogen habe, als aus den Theorien fachgelehrter Psychologen. Doch (las mag individuell sein; Andere haben meines Wissens solchen Studien mehr Genuss und Gewinn zu verdanken gehabt.

Die Sprache ist unmittelbarster Ausfluss der Seele, ihre wichtigsten Er- scheinungen können nur aus seelischen Vorgängen erklärt werden. Und wie wunderlich sind oft diese Vorgänge! Unsere anerzogene Schullogik steht ihnen rathlos gegenüber; erklären kann sie die Sprünge des naiven Geistes nicht, höchstens sie beobachten, tadeln und bändigen. Dieser naive Geist nun hat an der Sprachbildung weit mehr Antheil, als der logisch geschulte. Ganz unge- schult, ganz zuchtlos bleibt aber auch er nicht; im fortw^ährenden Verkehre mit Seinesgleichen hat er gewisse Gewohnheiten angenommen, gewisse Absonderlich- keiten abgestreift: der Geist des Einzelnen musste sich dem Volksgeiste fügen,

40 I, ▼. Schulung des Sprachforschers.

um sich mit ihm zu Terständigen. Noch am Freiesten mögen sich Gedanke und Rede bei begabten Kindern gestalten, und der Genialität mag es gelingen, etwas von jener Freilieit zu behaupten oder zurückzuerobern; die grosse Masse aber schlendert auf dem Wege der Gewohnheit fort. Man kann diesen Weg glatt und fest treten, das thuen wir Alle. Man kann ihn vorengen oder verbreitem, verlassen aber kann man ihn nicht Es ist mit ihm wie mit jenen Richtsteigen, jenen wilden Wegen, die quer durch die Wiesen und Wälder führen: seit Jahrhunderten sind sie begangen worden, jeder Fussgänger glaubte in die Stapfen seines Vorgängers zu treten, und doch wich Jeder ein wenig ab, frühere Pussspuren verrasen, neue werden breitgetreten, der Pfad ist nie ver- lassen worden, allein er ist heute ganz anders, als er vor Jahrhunderten war.

Wir haben da einen Blick gethan hinüber nach der Sprachgeschichte. Und doch sind wir unsrer Sache näher als es scheint: denn die Gewohnheit beherrscht die Seele, wie sie von der Seele erzeugt ist. Das Interessante liegt eben darin, dass sie in den verschiedenen Sprachen so verschiedene Wege ein- geschlagen hat, scheinbar launenhaft, zufällig, denn die Gründe, warum sie ge- rade hier so, dort anders verfahren ist, werden meist unenthüllt bleiben. Genug vorerst, wenn wir ihren Launen vorständnissvoll entgegenkommen.

Man sagt, jede Sprache, die wir uns aneignen, eröf&ie uns eine neue Welt In der That ist es immer die alte Welt, die wir sehen: aber wir erblicken sie mit anderen Augen, in anderer Beleuchtung. Darum fallen uns jetzt Dinge auf, die wir vorher nicht sahen, entschwinden andere, die wir zu sehen gewohnt waren, unsern Blicken, und die Dinge scheinen sich nach anderen Gesetzen, mit anderen Banden zu verknüpfen, als vordem. Darum scheint uns nun die Welt neu. Ein Geograph hat gesagt: Terram mente peragro; der Sprachforscher aber darf von sich sagen: Mentes mente peragro. Wem es gegeben ist, sich in Anderer Seelen hinein zu versenken, der mag ähnlich wechselreicher Schau- spiele geniessen wne die Erdumsegler; denn jede Seele baut sich ihre eigene Welt auf, eine Welt weit oder eng, geordnet oder wüst, bunt und belebt oder fahl und starr.

Schon das ist interessant, wie der sprachschaffende Geist sich beholfen hat, um den Dingen Namen zu geben. Jede neue Vorstellung setzt ihm eine neue Aufgabe: wie wird er sie lösen? Nur beispielsweise sollen hier einige der sich bietenden Mittel aufgeführt werden.

1. Das Naivste ist es gewiss, wenn das Ding schlechtweg nach einem anderen, ihm ähnlichen benannt wird, die Ähnlichkeit mag dem gebildeten Geiste schwer genug einleuchten. Der Fleischer nennt den blätterfönnigen Magen der Wiederkäuer den Kalender. Der Vergleich mit einem Buche ist recht treffend, aber es muss nun gerade das Buch sein, worin der gemeine Mann am meisten liest Schwerer wird es einleuchten, warum die Bergleute

g. 3. b. Psychologische Schulung:. 41

eine Art Karren den Hund, die Fuhrleute eine gewisse Vorrichtung an den Lastwagen den Hasen, Maurer und Zimmerer die vierbeinigen Gestelle Böcke genannt haben. Kaum besser ist es, wenn die Zeichner ihren Pantographen mit dem Storchschnabel vergleichen; die Franzosen nennen ihn, den beweg- lichen, nachbildenden, mit doppelsmnigem Witze den Affen, le singe. Schul- meistern, Censuren ertheilen soll man aber hier sowenig wie anderwärts, wo es >ich um freie Erzeugnisse des Mutterwitzes handelt. Das jedoch mag hervor- gehoben werden, wie gern wir imsre Vergleiche der Thierwelt entlehnen. Von den Schimpf- und Kosenamen will ich schweigen; Erwähnung verdienen aber noch aiis der Schaar der Geräthe der Fuchsschwanz des Tischlers, der Rattenschwanz des Schlossers, der Schwanenhals des Fuchsfängers, das Kuhbein des Soldaten, der Fliegenkopf imd die Gänsefüsschen des Setzers, der Hahn am Gewehre, die Eselsohren in den Büchern, die Ochsenaugen, ytmx de boeuf^ an der Laterne, und der Esel, auf dem der Schreiber vor seinem Pulte reitet Den Leichdom nemien wir auch Hühnerauge, ebenso die Magvaren: tyükszeni, der Holländer Elsterauge, eksteroog^ der Mandschu Fisch- auge, nimaha yasa, ebenso der Japaner: iwo-no-me, dagegen der Lette: Frosch- auge, toardazs. Theile des menschlichen oder thierischen Körpers werden gern auf Theile anderer Gegenstände übertragen: der Berg hat Fuss und Kücken, in Spanien, wo Glimmerschieferfelsen die Höhen krönen, auch Backenzähne, mudas; der Hobel hat Nase und Mund, der Topf Bauch und Schnauze, der Hebel Arme, die "Waage eine Zunge. Augen zählt man im Kartenspiele; «ler Japaner zählt sie in seinem Brettspiele Go: da sind es die erobejlen freien Punkte. Der Türke nennt den feinsten Tabak, der in die Mitte der Kiste ver- packt zu sein pflegt, gyöbek^ den Nabel, daher angeblich Duhec. Hier über- all zeigt sich eine vorwiegend phantastische Richtung des (ieistes, der sicli bei der Benennung der Dinge lieber an noch so entfernte Ähnlichkeiten, lieber an den Schein hält, als an das "Wesen, und der dann wohl wieder, Mythen schaffend, dem Scheine ein Wesen, dem Namen eine Geschichte andichtet.

2. In den bisherigen Beispielen wurde olme Weiteres eine Vorstellung auf die andere übertragen. Bedächtiger ist man da verfahren, wo man sich eines unterscheidenden Zusatzes bedient hat. Als die Römer den Elephanten kennen lernten, nannten sie ihn den libyschen Ochsen, hos libycus. Die Algonkin- völker haben das Pferd den grossen Hund, mistatim^ getauft, die Chinesen der Hafenplätze in ihrem Pitchen-Englisch das Klavier: den Singsangkasten, singsong- box. Deutsche Wörter wie Meerschwein, Heupferd, Seehund, Hirschkäfer, Blumen- kelch, Bierhobel, Kielschwein, Kehreule, Wetterhahn, Windhose u. s. w. gehören hierher, so verschieden sich sonst die Glieder der Zusammensetzung zu einander verhalten.

Die Namen für nahe Verwaiidtschaftsgi-adc und für dienstliche Verhältnisse

42 I, V. Schulung des Sprachforschers.

werden von manchen Völkern gern auch auf Unbelebtes übertragen. Wir selbst haben Wörter gebildet wie Vater- und Mutterschraube, Schwesterstadt, Stiefel- knecht; den Tisch neben dem Bette nennen wir wohl den Kammerdiener, wie der Tischler das Stützgestell neben der Hobelbank den Gehülfen nennt Änaq panah^ Kind des Bogens, hcisst bei den Malaien der Pfeil, anaq lldah. Band der Zunge, das Zäpfchen. Auch die Siamesen bezeichnen den Pfeil als Kind des Bogens, luk sör; ihren Hauptstrom nennen sie: Mutter des Wassers, nie ml (Menam). In neuchinesischen Zusammensetzungen bedeutet tsi^ Sohn, Kind: das Kleine; es ist eine Art Diminutivsuffix, das oft die einfachen, einsylbigen Sub- stantive verdrängt hat und so selbst nachgerade als blosses Substantivzeichen dient: statt tsuäng, Säule, sagt man tsuang-tst, Säulenkind, Säulchen = Säule. Sinnig nennen die Chinesen den grämlichen, kopfschüttelnden Bären san-lak den Bergalten, imd die neckische, geschwätzige Schwalbe, das Himmelsmädchen, fien-niü. So eng verwandt sind Witz und Poesie der Wortschöpfung, ein fi'uchtbares Eltempaar!

Auch hier spielen natürlich die Köi-pertheile eine wichtige Rolle. Der Berp hat Rücken, Fuss, wohl auch Hörner und Nasen. Was wir Mündung, münde eines Flusses nennen, heisst bei den Romanen kurzweg der Mund. Weit ver- breitet ist es, die Quelle als Auge des Wasses zu beschreiben. So thuen es die Semiten, so die Siamesen: ta nam^ so die Tibeter: cu-mig, so die Malaien:

m

mala äyer, die Fidschiinsulaner: mata ni wai, und dann wieder in Afrika die Saho: lai-t inti, die Nubier: essi-nmissi. die Japaner: ra-forram^antr u. s. w. Der Vergleich muss doch dem naiven Geist recht nahe liegen. Schön ist der malaische Name der Sonne: mata hari^ Auge des Tages.

3. Daran reihen sich nun vergleichende Redensarten und redensartliche Vor- gleiche: stumm wie ein Fisch, arm wie eine Kirchenmaus, reissen wie Schaf- leder, ein Gesicht wie acht Tage Regenwetter, oder als hätten Einem die Hühner die Butter vom Brode weggefressen. Bekanntiich sind viele dieser Vergleiche zu festen Zusammensetzungen gCAvorden: blitzblau, kohlraben-pechschwarz, brett- nageldumm, Affenliebe, und ein Wetter, „bei dem man keinen Hund auf die Strasse jagen mag", hat man ein Hundewetter genannt: doch mag hier der Zu- satz Hund blos schimpfende Bedeutung haben, wie ein anderer Thiername in einer noch derberen Bezeichnung schlechten Wetters.

Gebilde' wie die eben aufgeführten liegen so zu sagen auf der Oberfläche. Sie sind völlig frei, werden täglich gemacht und nicht allemal ist es leicht einzusehen, wie sich „Verdienst imd Glück verkettet*^ haben, um einzelne dieser Schöpfungen in allgemeine Aufnahme zu bringen. Was uns aber hier vor Allem interessirt, ist dies: weil sie frei sind, darum fallen die in ihnen enthaltenen Vergleiche ohne Weiteres auf, sie liegen eben zu Tage.

4. Jetzt steigen wir eine Schicht tiefer. Die grosse Mehrzahl imsrer Wörter

§. 3. b. Psychologische Schulung. 43

für mehr geistige Vorstellungen und Begriffe ist durch Übertragung von Körper- lichem gebildet Im Geiste stelle ich etvas vor mich hin, dass ich es betrachten kann, ich stelle es mir vor. Es steht mir, dem Betrachtenden gegenüber, es ist mein Gegenstand. Im Geiste erfasse, beherrsche iph diesen Gegen- stand, — ich begreife ihn. Gar nichts Ungewöhnliches sind Sätze wie die folgenden: ,,A. fuhr auf, machte dem B. die bittersten Vorwürfe, wider- legte seine Einwendungen mit den gewichtigsten Gründen" u. s. w^ Wenn man, z. B. in einem Zeitungsartikel, alle bildlichen Ausdrücke dieser Ali: unterstreicht, so wird man über das Ergebniss erstaunen; denn in der Regel fällt uns hier das Bildliche gar nicht mehr auf: es liegt unter der Oberfläche.

Und nun beachte man, woher Alles die Bilder entlehnt sind. Es handle sich um Gemüthszustände: da leiht die Musik die Stimmung, das Wetter AVärme, Kälte, Wetterwendigkeit, Schwüle, Trockenheit, das Licht Klarheit, Rosenfarbe, Betrübniss, der Stoff Festigkeit, Härte, Schwere und ihr Gegen- theil, das Kochen, Gähren, Aufbrausen u. s. w., der Geschmack Bitterkeit, Säure, Herbheit. Seltsam auch, wie die verschiedenartigsten, im Grunde wider- sprechendsten Prädicate zusammen an eine Deichsel gespannt werden können. Erzählte Jemand, ein Vortrag sei trocken, recht wässerig, dabei durchaus nicht fliessend gewesen: so würde sich Mancher besinnen, ob hier Witz oder Dumm- heit die Worte zusammengereiht habe, und Mancher würde wohl gar nichts Auffälliges dabei bemerken.

Vom Sprachforscher ist es nun aber zu verlangen, dass er auf alle solche Erscheinungen seine Sinne schärfe, und dazu bietet ihm die Muttersprache und der tägliche Verkehr Gelegenheit die Hülle und Fülle. Auch geht ihn keines- wegs nur das Richtige, Erlaubte an, sondern auch das Fehlerhafte ist für ihn wichtig, die lapsus linguac, calami, mentis, besser: die Denkfehler, auf denen die Rede- und Schreibfehler berulien.

Im Verhältniss zur Rede geht das Denken so schnell von statten, dass der Ge- danke den Worten nicht Schritt auf Scliritt folgen mag, sondern im besten Falle imi sie herum schweift, wie ein flinker Hund um seinen Herrn: jetzt eine Strecke voraus, jetzt ein Stück zurück, jetzt links oder rechts querfeldein. Nur eben ist die Rede nicht Herrin sondern Dienerin, und es kann ihr geschehen, dass sie durch die Kreuz- imd Quersprünge des Gedankens vom Wege abgelenkt wird. So ge- schieht es denn, dass man aus der Construction fällt, sich verfitzt, vom Gegen- stande abkommt, sich wiederholt oder vorgreift. Von Anfang an war der Rede Ziel und Marschroute vorgezeichnet: der Geist aber, der sie umschwärmt, lässt sich nur zu gern in seinem Laufe von Ursachen leiten, statt von Zwecken. Jene Ursachen 6ind Ideenassociationen : eine Vorstellimg führt zur anderen, und man geräth „vom Hundertsten aufs Tausendste'', (ierade hierin äussert sich die geistige Eigenart imd die jeweilige Stinmiung der Menschen. Unsre Seele gleicht

44 I, T. Schulung des Sprachforschers.

nicht ganz dem mnsikalischen Instrumente, bei dem jede Saite gleichstark mit- hallt, wenn ein verwandter Ton angeschlagen wird: das Eine findet bei ihr leb- hafteren, das Andere matteren Anklang, Manches lässt sie ganz gleichgültig; dort genügt die leiseste Hindeutung, eine zufällige Berührung, xmi sie zu erregen, hier verhält sie sich wie ein Tauber, dem man umsonst in die Ohren schreien mag. Es giebt Anziehungskräfte, denen der sich selbst überlassene Geist, sobald er in ihren Bereich kommt, folgen muss, wie der schwimmende Magnet dem Eisen. Auch in der Verkettung der Vorstellungen und Gedanken waltet Sym- pathie, Apathie, vielleicht auch Antipathie.

Was nun von den einzelnen Menschen, das gilt auch von den Völkern, was von den einzelnen Reden, das gilt auch von den Sprachen: hier sind diese, dort jene Associationen bevorzugt; andere Ideen verknüpft der mythenbildende Arier mit den Erscheinungen der Natur, andere der nüchtern verständige Chinese. Und weiter: was von den Dingen, den Vorstellungen und Begriffen gilt, das gilt auch von ihren sprachlichen Ausdrücken, den Wörtern und Formen.

Auch dem Vergleichbares finden wir in nächster Nähe. Geschlecht, Alter, Beruf des Menschen, die Umgebung, in die er gestellt ist, beeinflussen seine Denkgewohnheiten. Wo der Volkshumor die Berufsarten zur Zielscheibe wählt, da hält er sich mit Vorliebe an ihre geistigen Einseitigkeiten imd deren lächer- liche Wirkungen. Auf niederer Culturstufe aber vertheilen sich die Berufsarten völkerweise: wir haben Jäger-, Fischer-, Hirtenvölker u. s. w. genug bei ihnen, wenn Priester und Zauberer und allenfalls noch Schmiede oder Töpfer besondere Classen bilden. Bei uns mildern sich doch die Einseitigkeiten durch den Verkehr der verschiedenen Stände nnd durch die Schulbildung; das fehlt aber dort, und so begreifen wir es, wenn ihre Sprachen den bevorzugten Denk- richtungen, gefolgt, das heisst mehr oder weniger einseitig ausgebildet sind.

Ich erwähnte vorhin die Sprachfehler, die wir selbst oft genug in der Über- eilung machen, und die wir in den Reden der Kinder imd Ungebildeten hören: falsche Constructionen, falsche Formbildungen u. s. w. Der Norddeutsche ver- wechselt Dativ und Accusativ, in Österreich hört man: gefurchten, gewunschen, statt gefürchtet, gewünscht, in Schwaben: gedenkt, statt gedacht, in Hannover gelegentlich: verstochen, statt versteckt; bei Kindern geschieht der- gleichen allerwärts, und überall reden wir von grammatischen Fehlem. Allein jene grammatischen Veränderungen, die keiner Sprache erspart bleiben, was waren sie ursprünglich anderes, als grammatische Fehler? Unsere Altvordern unterschieden noch scharf zwischen transitiven und intransitiven Verben; wie „gesetzt' nnd „gesessen", so standen bei ihnen einander gegenüber: „gebrannt*' imd „gebronnen", „verderbt" und „verdorben". Heute sagt und schreibt man unbedenklich: „er frug", statt: er fragte. Der aber zuerst so gesagt hat, der hat falsch gesprochen, gerade so falsch, wie ein Kind, das etwa sagt: Ich habe

§. 3. b. Psychologische Schulung. 45

die Tasse ausgetrinkt Man versteht, wie das Kind dazu kommt, die leicht bUdbare Fonn der schwachen Verba über Gebühr auszudehnen; und wiederum versteht man es, warum etwa ein ungebildeter Norddeutscher sagt „gewunken" statt „gewinkt^'. In beiden Fällen hat die Analogie gewirkt. Schwerer begreift man, warum ein Theil der Fehler nachträglich durch den allgemeinen Gebrauch geheiligt wird, der andere nicht Und doch bietet auch hierfür eine Jedem zu- gängliche Erfahrung Anhalt Ich erinnere an den Ausdruck „bei Muttern", der sich während der Kriegsjahre 1870 1871 durch unser Heer und dann weiter durch Deutschland verbreitete. Bismarck's „Wurschtigkeit" ist auf dem besten Wege, in den Wortschatz der Sprache aufgenommen zu werden; man liest es immer wieder in den Zeitungen, wer weiss, wie bald es hier die ent- schuldigenden Anführungsstriche ablegen wird? Dort war es eine grosse Zeit, hier war es ein grosser Mann, der das Gassenmässige salonfähig machte. Die Geschichte der geflügelten Worte ist für unsre Wissenschaft gar bedeutsam; ihr Motto könnte das Sprichwort sein: Kleine Ursachen, grosse Wirkungen. Es sind von grossen Männern grosse Worte gesprochen worden, die nur bei Wenigen Wiederklang gefunden haben; und Plattheiten, Alltäglichkeiten konnten zur Ver- ewigung gelangen.

Je enger, geschlossener ein Kreis ist, desto leichter wird in ihm der Einfall eines Einzelnen zum sprachlichen Gemeingute werden. Familien und Clubs haben ihre stehenden Eedensarten und Witze, die Studenten und die verschiedenen Classen der fahrenden Leute, von den Schauspielern, Handlungsreisenden und Hand Werksburschen bis hinab zu den Gaunern haben ihre Standessprachen, ihren slang oder argot. Grosse Städte sind fruchtbare Brutstätten neuer Aus- drücke; denn je dichter die Menschen beisammenwohnen, desto mächtiger und schneller wirkt die Ansteckung, auch die geistige.

Das Schaffen führt naturgemäss zum Abschaffen: der neue Ausdruck, wenn er nicht auch einem neuen Begriffe dient, kann den früher üblichen verdrängen. Daneben giebt es aber noch ein wirklich conventionelles Abschaffen ganz anderer Art: ein harmloses Wort wird euphemistisch oder scherzw^eise statt eines an- stössigen gebraucht; alle Welt kennt diesen Gebrauch, und nun gilt auch jenes Wort in der gesitteten Sprache für verpönt Die englische Zimpferlichkeit hat einen wahren index verborum prohibitorum aufgestellt Nicht viel anders ist es, wenn bei den Polynesien! der Machtspruch eines Häuptlings oder Priesters ein beliebiges Wort ausser Umlauf setzen, und statt dessen ein anderes ein- führen kann.

Besondere Beachtung verdient die ungekünstelte Sprache des gemeinen Mannes, die, gerade weil sie so unbewusst natürlich aus der Seele hervorbricht, dem Beobachter eine Menge Geheimnisse verräth. Warum drückt sich der Mann jetzt so aus, jetzt anders? Warum sagt er jetzt: ein Haus bewohnen, ein Zimmer

46 I, V. Schulung des Sprachforschers.

betreten, einen Baiun erklettern, und jetzt wieder: in einem Hause wohnen, in ein Zimmer treten, auf einen Baum klettern? Was sollen jene eingeschaltenen Hülfswörter imd Redensarten, die seiner Sprache den Eindruck breiter Gemüthlicli- keit, wohl auch träger Unschlüssigkeit verleihen? Wo die Wortstellung Frei- heiten gestattet, was bestimmt ilmin seiner Wahl? Das Natürliche ist immer feiner als das Gemachte, die gewachsene Blume auf der Wiese ist feiner als die wächserne im Ladenfenster; und wer seine Muttersprache verständnissvoll hand- haben will, der nehme auch einen Lehrkursus beim Kleinbürger, beim Bauern und Tagelöhner. Luther und Lessing sind des Zeugen. Der Sprachforscher aber muss sich darin üben, jene Feinheiten zu erklären, das beisst ihre Unterschiede in Worten ausdrücken und wo möglich den Zusammenhang zwischen den Aus- drücken und ihren Bedeutungen nachzuweisen. Offenbar fängt er hier mit am Besten bei den Erscheinungen seiner Muttersprache an, die er ja am Genauesten kennen und am Richtigsten beurtheilen wird.

Bei uns Culturmenschen wirken jeder sprachlichen Neuerung so und soviele erhaltene Kräfte entgegen: die Literatui*, die uns an das Altberechtigte erinnert, Schule, Kirche, Behörden, die gewissen classischen Sprachmustern folgen, endlich ein grosser Theil unsrer Landsleute selbst, der nicht so gutwillig das Altgewohnte für ein Neues hergiebt. Nun denke man sich aber einen kleinen, vereinzelten Stamm Wilder, man sollte meinen, da müsste die Sprache sich unglaublich schnell verändern. Das mag stellenweise der Fall sein, ist es aber gewiss nicht überall, denn hier widerstrebt wohl den Neuerungen ein sehr starkes Beharrungs- vermögen, eine vis inertiae.

Auch in unserer Wissenschaft gilt das bewährte Wort: Yerstehe dich selbst, so verstehst du Andere, Die Erfahrung lehrt aber, dass nichts lebhafter ziu- Selbstprüfung anregt, als der Umgang mit vielerlei Menschen. Wir beobachten, wie verschieden sie sich unter den gleichen Umständen, verhalten, und nun versenken wir uns in ihi-e Charaktere, versetzen uns in ihre Lagen, lernen do- ductiv zu beurtheilan, wie ein Jeder behandelt sein will, und inductiv aus seinen Äusserungen auf sein Wesen zu sehli essen; indem wir ihn an uns messen, messen wir ims an ihm. Zu Anfang dieses Capitels habe ich an Beispielen ge- zeigt, aus wie verschiedenen Kreisen wissenschaftlichen Berufes unsere nam- haftesten Meister hervorgegangen sind. Wie billig, lieferten dabei die Philologen einige der besten Namen. Einen anderen Theil aber stellen Jene, die von Be- rufswegen praktische Menschenkenner sind, und es möchte schon der Mühe lohnen, diese Berufe mit den Richtungen der Sprachwissenschaft zu vergleichen, in denen sie sich besonders hervorgethan. Wissenschaftlicher Psycholog von Fach ist, dass ich wüsste, nur Einer, Hajim Steixthal.

Anmerkung. Empfehlung verdient das feinsinnige Buch von Ph. Wegen er: Unter- suchungen über die Grundfragen des Sprachlebens. Halle 1885.

§. ^. c. Logische Schulung. 47

§.4. c. Logische Schulung.

Dass unsere Wissenschaft wie jede andere einen logisch geübten Geist voraussetzt, braucht kaum erst erwähnt zu werden. Es ist aber doch ein Unter- schied zwischen der theoretischen Beschäftigung mit der Logik und ihrer prak- tischen Verwerthung. Bekanntlich gehören an vielen Hochschulen die Vorlesungen über diese Wissenschaft zu denen, welche mehr belegt als besucht werden; und ein Gelehrter, wenn er nicht gerade seines Zeichens Philosoph ist, mag in seinem Fache sehr Hervorragendes leisten, ohne je ein logisches Colleg gehört oder ein logisches Lehrbuch in der Hand gehabt zu haben. Logisch denkt er darum flnch: das beweisen eben seine Leistungen.

Die Sache ist die, dass uns jede Wissenschaft, ja eigeijüich das ganze Leben logisch schult, nur freilich meist mehr oder minder einseitig. Der Arzt fragt nach den Ursachen der Störungen und dann nach den Mitteln zub Heilung; ^li^r Politiker und Yerwaltungsmann operirt so ziemlich nach den gleichen Denk- gesetzen. Der Jurist legt das Gesetz nach sprachlichen und logischen Grund- sätzen aus und subsumirt ihm die Thatsachen. Anders wieder der Mathematiker, Chemiker, Mechaniker oder Physiolog. Wie verhält es sich mit dem Sprach- forscher?

Seine Wissenschaft ist überaus vielseitig, auch in Rücksicht auf die lo- gischen Operationen, die in ihr vorherrschen, und eine gewisse Arbeitstheilung ist daher gerade in ihr wohl berechtigt. Der scharfsinnige Etymolog, der Meister im Vergleichen von Lauten und Formen mag ein sehr schlechter Syntaktiker j^ein; und jener, der es versteht, dem Sprachgebrauche seine letzten Feinheiten abzulauschen, ist darum noch nicht ohne Weiteres befähigt, das Ganze zu einem wissenschaftlichen grammatischen Systeme aufzubauen.

Wir können und dürfen nicht ein Jeder Alles treiben, aber wir müssen streben einander zu verstehen. Darum müssen wir uns gegenseitig in unseren Werkstätten besuchen, die Arbeit des Nachbars beobachten, uns den Mitgenuss an ihren Erzeugnissen sichern. Offenbar setzt dies eine möglichst allseitige lo- (rische Bildung voraus, und offenbar ist eine solche am sichersten durch syste- matisches Studium zu gewinnen.

Man bedenke auch dies: Jedes Wort und jede Form einer Sprache deckt einen bestimmten Vorstellungskreis, der wissenschaftlich beschrieben, dessen Mittelpunkt festgestellt werden will. Wird statt dessen weiter nichts geboten, als eine Reihe möglicher Übersetzungen, so mag dies zwar für den Schriftsteller und für den Leser recht bequem sein, ist aber doch nur ein unwissenschaftlicher Nothbehelf. Der Aufgabe einer zugleich zutreffenden imd verständlichen De- finition vermag nur ein logisch geschulter Geist gerecht zu werden.

48 I, V. Scliulung des Sprachforschers.

Wäre das Alles, so wäre es schon Gewinnes genug. Allein es ist nur das Wenigste. In der That stellt die Logik Anforderungen nicht nur an den Spracli- forscher, sondern auch an die Sprache selbst. So verschieden die Sprachen sind, so giebt es doch allgemeine Denkkategorien, die sie alle ausdrücken müssen, wenn sich auch der Ausdruck zu ihnen verhalten mag, wie etwa die Formen der organischen Natur in ihrer unendlichen Mannichfaltigkeit zu jenen geometrischen Figuren, mit denen wir sie vergleichend beschreiben. Hier ist fachlich logische Schulung nöthig, wäre es auch nur imi die Vorurtheile zu überwinden, die wir von der lateinischen Grammatik her an andere geartete Sprachen zu bringen pflegen.

Die logische Arbeit des Sprachforschers ist vorwiegend inductiv. Es gilt den Erscheinungen ihre Gesetze abzulauschen; darum gilt es, die Erscheinungen als Beispiele zu sammeln, die gesammelten zu sichten, das ihnen Gemeinsame zu erkennen, die erlangte Erkenn tniss in scharf und klar ausgesprochenen Lehr- sätzen zu» formuliren, endlich die Lehrsätze zu einem wohlgefügten Lehrgebäuilc» organisch zu vereinigen. Alles dies verlangt einen logisch gebildeten, das Letzt- erwähnte sogar einen philosophisch beanlagten Kopf. Das Sichten und Wählen der Beispiele aber setzt besonderen Takt^ und dieser wieder einige Übung vor- aus. Denn das Erfahrüngsmaterial ist nicht gleich werthig an Beweiski'aft Ein Gesetz kann die Wirkimg des anderen einschränken, verdunkeln, aufheben. Darum sind diejenigen Beispiele vorzuziehen, wo das zu erweisende Gesetz sich am Unzweifelhaftesten äussert, d. h. wo es sich am Ungestörtesten äussern konnto, am Klarsten äussern musste. Hier zeigt sich der Werth der Antithese. In zwei Fällen, Ä und B, stimmt Alles überein bis auf die zwei Punkte a imd b. Worin besteht also der Unterschied? Worin zeigt sich die Übereinstimmung von A mit C, D, J5, die alle auch a aufweisen, und von B mit F^ ff, J3, /, die alle b enthalten? Die Theorie ist so einfach wie nur möglich, aber die praktische Geschicklichkeit will erworben sein.

§ 5.

d. Allgemein sprachwissenschaftliche Schulung.

Sprachtalent und Sprachwissenschaft sind sehr verechiedene Dinge. Das Talent, das heisst die Fähigkeit zu rascher und sicherer Erlernung, kann mit dem Triebe und der Fähigkeit zum wissenschaftlichen Begreifen gepaart sein, aber es ist es nicht immer. Wir wissen von Männern, die in Dutzenden von Sprachen mit Leichtigkeit lasen, gew^andt componirten, wohl auch. Dank einem feinen Ohre und beweglichen Sprachorganen, meisterlich plauderten, und die doch über alles das, was sie übten, weder sich noch Anderen Rechenschaft zu geben wussten. Der berühmte Cardinal Mezzofanti war ein solcher Yirtuos. Er soll

§.6. d. Allgemein sprachwissenschaftliche Schulung. 49

schliesslich nahe an sechszig Sprachen geläufig gesprochen haben, war aber doch bescheiden genug, Zumpt um seine lateinische Grammatik zu beneiden: zu der- gleichen reichte sein Verstand nicht aus, das fühlte er. Und umgekehrt hören wir von verdienten Sprachforschem, deren Wissen sieh auf ein sehr enges Ge- biet beschränkte. Es waren Specialisten, vielleicht Meister in ihrer Specialität; wo sie sich aber aus ihrer Sphäre heraus auf das weite Gebiet der allgemeinen Sprachwissenschaft gewagt haben, da wurden sie im günstigsten Falle Dogmatiker und Schematiker nach Art jener älteren Sprachphilosophen, wohl auch Essayisten, die allerhand Lesefrüchte aus zweiter und dritter Hand mehr oder minder ge- schickt zur Schau ausstellten. Von ihren Büchern gilt, was mir mein verewigter Vater einmal sagte: „Während Du ein solches liesest, kannst Du eine neue Sprache hinzulernen, und davon hast Du mehr!" Er konnte sich in solchen Dingen wohl ein ürtheil zutrauen. Er hatte in die achtzig Sprachen getrieben, und das hiess bei ihm, wo immer es möglich war, soviel wie erlebt. Daneben war er in jener Literatur wohl belesen und wusste, wohin es führt, w^enn man ver- allgemeinernd von der Sprache redet, ehe man sich in der weiten Sprachen- welt umgeschaut hat

In der That müsste es seltsam um unsre Wissenschaft stehen, weim sie nicht gleich den übrigen in erster Reihe Sachkenntniss voraussetzte. Das wird auch wolil allgemein anerkannt; nur über den Umfang des erforderlichen positiven Wissens bestehen Zweifel. Man verlangt wohl die genauesten Kenntnisse im Bereiche des eigenen engeren Faches, meint aber im Übrigen mit einem flüchtig orientirenden Überblicke genug zu thun, und nun hält man sich gutgläubig an Führer, die wohl mehr flüchtig als orientirend sind. Was man da lernen kann, davon habe ich früher einige Beispiele mitgetheilt (S. 29), die meines Vaters UrtheU bestätigen dürften. Ich habe mich gleichwohl seitdem etwas weiter in diesem Zweige unserer Literatur umgesehen und viel Geistreiches, An- ri'o^ndes darin gefunden, neben Vielem, was geringeres Lob verdient*). Weit- tragende, fruchtbare Gedanken erwachsen oft auf einem sehr engen Beobachtungs- ^ebiete. Sich als gemeingültig erweisen können sie aber nur auf einem sehr weiten. Was vor zwei bis drei Menschenaltem die Sprachphilosophen gefehlt haben, sollte uns noch heute als warnendes Beispiel dienen. JS'aclf allgemeinen Grundsätzen haben wir zu streben nach wie vor, und auch dies Buch will für seinen Theil dahin wirken. Aber mehr als je haben wir uns vor verfrühten Ver- allgemeinerungen zu hüten. Respect vor den Thatsachen, Skepsis den Theorien gegenüber: das scheint mir der beste Wahlspruch einer jungen Wissenschaft

*) Beiderlei allgemeinen Betrachtungen, zuweilen solchen, die man für Errungenschaften

<lcr jüngsten Zeit zu halten gewohnt war, kann man auch in viel älteren Büchern begegnen.

£ine Sammlung solcher Ausspräche würde manchen Prioritätszweifel wo nicht lösen, so doch

beruhigen.

▼•d. Gabelentz, Die Sprachwissenschaft. 2. Aufl. 4

50 I, V. Schulang des Sprachforschers.

Dass in Sachen der allgemeinen Sprachwissenschaft nur der zu urtheilen \ermag, der in möglichst vielerlei Formen des menschlichen Sprachbaues einen tieferen Einblick gethan hat, leuchtet ohne Weiteres ein. Erlebt aber will es werden, wie gar oft die entlegensten Sprachen aufeinander ein unerwartetes Licht werfen. Hier, in der einen, scheint eine wunderliche Ideenassociation zu herrschen. Die ist aber gar zu wunderlich, und der etymologische Thatbestaiid ist doch nicht sicher genug, um ohne Weiteres zu überzeugen. Nun findet sieh Älmliches in einem anderen Erdtheile, nur liegt es da ganz z^veifellos zu Tage; was uns dort ein tollkühner Sprung schien, ist hier ein ganz einfacher Schritt: soUte es für unsere Altvordern mehr gewesen sein? Oder umgekehrt: je aus- schliesslicher sich unser Forschen in einem eng begrenzten Gebiete bewegt, desto selbstverständlicher erscheint uns Alles, was da gewöhnlich ist Für selbst- verständlich halten heisst aber, auf die Frage nach den Gründen verzichten. Jetzt wagen wir uns in ein fernes Gelände, erfaliren, wie dort Alles so ganz anders hergeht, und lernen nun erst das Heimische nach seiner Berechtigung fragen. Ich meinestheils habe auch wohl das erlebt, dass ich voreilig nach Analogien aus fremdartigen Sprachen urtheilte, bis mich weiteres Forschen und Nachdenken belehrte, wie verschieden hüben und drüben die Voraussetzungen lagen. Aber in seiner Art war doch auch dies ein Gewinn, statt einer Wahr- heit hatte ich deren zwei gefunden: xliejenige, die ich anfänglich suchte, und den Grund meines Irrtliums. Alles läuft aber doch schliesslich darauf hinaas, dass unser Gesichtskreis erweitert, unser Blick geschärft wird, und das winl jederlei Sprachforschung, auch der beschränktesten, zu Nutze gereichen. Ich muss immer wieder an den Maler erinnern, wie er von Zeit zu Zeit von seinem Bilde ein Stück zurücktritt, um zu sehen, wie es „femf', und wie sicher er dann die berichtigenden Striche einträgt

Eine oder womöglich mehrere Sprachen verschiedenen Baues sollte also jeder Sprachforscher im eigenen Interesse treiben. Wie leicht heutzutage die nöthig^n Hilfsmittel erlangbar sind, lehrt jeder linguistische Katalog. Nun kann man aber den Einwand hören: Es fehlt mir an Sprachtalent Als ob es sich mit dieser Begabung verhielte, wie etwa mit jener zur Mathematik, zur Musik oder zur Malerei.» Nicht Jeder musicirt oder malt, und es giebt Völker, die nicht die Finger an ihren Händen zu zälilen verstehen. Die spracliliche Befähigung dagegen hat Jeder mindestens einmal, an seiner Muttersprache, bewiesen, und wer bei Zeiten dazu angehalten wird, der lernt auch fremde Sprachen hinzu. In diesem weitesten Sinne, der zugleich der zutreffendste sein möchte, besitzt also Jeder Sprachtalent in höherem oder niederem Grade. Ein einmal vorhan- denes Talent ist aber immer durch Übung zu steigern: Crescit eundo. Mit jeder neuen Sprache, die ich mir aneigne, erleichtere imd beschleunige ich mir jede spätere Spracherlemung.

§. 5. d. Allgemein sprachwissenschaftliche Schulung. 51

Am meisten graut uns wohl vor dem Gedächtnisswerke; die indogermanischen und semitischen Paradigmen, die Unregelmässigkeiten in Declination und Conju- gation sind uns noch in schmerzlicher Erinnerung. Uns hat der sprachliche Schulunterricht durch so dichtes Domengestrüpp geführt, dass Manche die Rosen gar nicht bemerkt haben. Solche Rosen, aber auch solche Domen gehören nun in der übrigen Sprachenwelt zu den Ausnahmen; wer will, mag sie meiden, es bleibt ihm noch immer Auswahl genug. Friedrich Müller's hochverdienst- licher Grundriss wird sich auch hier als Mittel zur ersten Orientirung bewähren. Man bedenke aber, dass dies Buch auch den reicheren und schwierigeren Sprachen selten mehr als zwanzig, meist weniger als zehn Seiten widmen konnte, und dass seine granmiatischen Skizzen bei aller Knappheit der Darstelhmg weder bestimmt noch geeignet sind, ein einzelsprachliches Lehrbuch zu ersetzen. Mit einem Umhemippen an verschiedenen Sprachen ist es aber nicht gethan; erst muss man sich die eine oder andere recht gründlich, theoretisch und praktisch, aneignen. Sprachen lassen sich nicht platonisch lieben, man muss mit und in ihnen gelebt haben, ehe man wagen darf sie zu beurtheilen. Nur wo man nahe verwandte Typen genau kennt, mag man sich mit dem Studium eines tüchtigen Lehrbuches begnügen und es einer sicher ahnenden Phantasie überlassen, die Paragraphen zu beleben. Doch müssen dann jene Typen gut gewählt sein: nicht die schwächsten und ärmsten ihrer Art, noch weniger solche, die fremder, sei es auch veredelnder, Beeinflussung verdächtig sind. Handelte es sich um die uralaltaischen Sprachen, so würde ich dem einfachen, fast dürftigen Man- dschu noch immer vor dem in indogermanischer Schule erzogenen Suomi (Fin- nischen) den Vorzug geben, vor Beiden aber z. B. dem Jakutischen, weil es reicher als das Mandschu und imverfälschter als das Suomi ist

Man halte sich also an solche Sprachen, in denen man auch Texte, und wären es nur Stücke der Bibelübersetzung, erlangen kann, und suche recht schnell durch die Theorie hindurch zur Praxis vorzudringen. Greift man zu einer leichteren Sprache, etwa zur malaischen oder auch einer ihrer formen- reicheren Schwestern, so wird man erstaunen, wie schnell man sich in einer so neuen "Welt einbürgern kann; man geniesst den leicht erworbenen Besitz und strebt bald nach weiterem. Da muss * ich nun aber aus eigener Erfahrung Tor einem nahe liegenden Fehler gegen die geistige Diät warnen. Man möchte am Uebsten gleich mehrere Sprachen neben imd durcheinander treiben. Dadurch erschwert und verzögert man sich die Arbeit, steckt sich beim Fortschreiten selber den Stock zwischen die Beine. Denn jede dritte Sprache, mit der man sich beschäftigt, verlangsamt die Erlernung der anderen; wende ich hinter- einander an zwei Sprachen je ein halbes Jahr, so habe ich weit mehr Wissens- ^ewinn davon, als wenn ich mich ein Jahr lang abwechselnd bald der einen,

bald der anderen gewidmet hätte.

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52 I, V, Schulung des Sprachforschers.

Lehrreich ist es nun aber auch, zu beobachten, wie die Grammatiker mit mehr oder minderem Glück sehr oft mit minderem gerungen haben, den fremdartigen Stoff in die Form einer Sprachlehre zu bringen. Es ist eine lange Scala zwischen jenen verzweifelten Versuchen, die Sprache eines Indianer- oder eines Bantuvolkes in das Prokrustesbett der lateinischen Grammatik zu spannen, und etwa Böhtlixgk's Darstellung des Jakutischen, Stoll's Arbeiten über die Sprachen der Maya-Familie, Lucien Adam's meisterhaften grammatischen Extracten oder auch Schlegbl's bescheidenem Buche über die Ewe-Sprache. Dem ge- schichtlichen Studium der chinesischen Grammatiken glaube ich reichlich soviel an sprachphilosophischen Anregungen wie an einzelsprachlichem Wissen zu verdanken.

Möglichste Bekanntschaft mit der Methode und den hauptsächlichsten Er- gebnissen und Streitpunkten der vergleichenden Indogermanistik darf man wohl von jedem Sprachforscher erwarten. Sie ist doppelt nothwendig für den, der selber Sprachvergleichung treiben will wäre es auch auf noch so entlegenen Ge- bieten. Wer diese Richtung unserer Wissenschaft bevorzugt, der findet unüber- sehbaren Stoff zum Arbeiten, weite Strecken, die noch der Urbarmachung harren.

Der überreichen Literatur über allgemeine Sprachwissenschaft Schritt für Schritt zu folgen, ist, wie angedeutet. Niemandem zuzumuthen, am wenigsten vielleicht dem Fachmanne, der zu eigenem Schaffen Zeit und Sammlung braucht. Ich meinestheils habe die namhafteren Werke dieser Art, soweit sie zu meiner Kenntniss kamen, gelesen und werde diejenigen unter ihnen, die mir empfehlens- werth scheinen, ihres Ortes aufführen. Eine vorzugsweise Aufmerksamkeit habe ich allerdings diesem Zweige der Literatur nicht zugewandt, manche, zumal neuere Erscheinungen mögen mir entgangen sein, und so deute man denn mein etwaiges Schweigen nicht ohne Weiteres als ein abfälliges Urtheil.*) Vorschläge ziu: Anlage einer linguistischen Privatbibliothek werde ich nicht machen. Eine rechte Bücherei trägt immer das Gepräge ihres Schöpfers.

Zusatz.

Dem Philologen, der die Literaturdenkmäler der Sprachen auslegen, ihnen ihre sprachlichen Feinheiten abgewinnen soll, muss nothwendigerweise eine Gabe zur Verfügung stehen, die ich dramatischen Instinkt nennen möchte: Phantasie und Menschenkenntniss, die sich in die Situationen und die Stimmungen der

*) Manche Bücher dieser Art, denen ich Genuss und Anregung verdanke, habe ich vor Jahren gelesen, ehe ich noch allgemein sprachwissenschaftliche Collectaneen führte. Vor Allen erwähne ich die von A. IL Sayce: Principles of Comparative Philology und Introduction to the Science of Language. Auch der allverbreiteten Vorlesungen von Max Müllbr und Whitney muss ich an dieser Stelle gedenken. Noch andere werden später Erwähnung finden.

Zusatz. 53

Leute zu versetzen, aus ihnen die Eigenheiten ihrer Rede zu erkläi-en und aus diesen wieder jene zu erschliessen weiss. Das ist eine künstlerische Begabung, (lie wohl zum Theile angeboren sein muss, zum Theile aber auch sicherlich durch ilstlietische Bildung und Umgang mit Menschen, dann auch durch feinsinnige Commentare entwickelt werden kann. Man thut wolil, sie zu pflegen; das ilsthetische Feingefühl, die Schauungskraft der Phantasie, die Vertrautheit mit der Menschennatur und den geschichtlichen, sittlichen und gesellschaftlichen Mächten haben viel Antheü an der richtigen Erklärung sprachlicher Vorgänge. In unserer Wissenschaft, und vermuthlich in jeder anderen gilt dies, dass man sich nicht ungestraft vereinseitigt, und dass kein Ab- und Umweg ungelohnt bleibt Geschichtlichen, länder- und völkerkundlichen, philosophischen, ästhetischen, auch wohl naturwissenschaftlichen Interessen gebe man getrost ihr Recht: man wird erstaunen, wie oft auch hierbei aus den entlegensten Gegenden befruchtende Strahlen in das eigene Forschungsgebiet fallen. Nur wen das Vielerlei zu leicht- fertiger Oberflächlichkeit verführt, nur der hat das Recht und die Pflicht, sich ganz in sein Einzelfach zu vergraben.

Wenn im Folgenden erst von der einzelsprachlichen, dann von der sprach- jreschichtlichen Forschung gehandelt wird, so heisst das natürlich nicht, dass ich nur die oder jene Einzelsprache, dies oder jenes Stück Sprachgeschichte be- arbeiten will, sondern es ist mir um die Prinzipien dieser Zweige unserer Wissen- schaft zu thun, wie sie sich aus der Natur der Sprache an sich zu ergeben scheinen. Diese Prinzipien gehören der allgemeinen Sprachwissenschaft an, können nur ihr angehören, aber sie sind da zu entwickeln, wo sie Anwendung erleiden. Hieraus erklärt sich die scheinbare Inconsequenz in der Anlage meines Buches, auf die einige meiner Recensenten aufmerksam gemacht haben. Ein .System der Sprachwissenschaft" vorzulegen, wie es wohl auch von mir verlangt worden ist^ masse ich mir nicht an; ich meine, unsere Wissenschaft ist hierzu noch zu jung, und doch schon zu alt.

Zweites Buch.

Die einzelsprachliche Forschung.

I. Capitel. Umfang der Einzelsprache.

Sprache, Dialekte, Unterdialekte.

Es wird zuweilen gefragt: Wie viele Sprachen giebt es auf der Erde? Und dann lautet die Antwort: Ungefähr tausend, oder ungefähr zwölf hundert, oder fünfzehnhundert, oder ungefähr zweitausend, höhere Zahlen entsinne ich mich nicht gelesen zu haben. In dem Sinne wie die Erage gemeint ist, sind die Antworten richtig, und zwar alle vier gleich richtig; sie werden auch schwerlich durch eine genauere und richtigere ersetzt werden, weim man dereinst alle Völker und ihre Sprachen kennt. Im Königreiche Sachsen zählen wir ohne "Weiteres Hochdeutsch und Wendisch auf, und auf der pyrenäischen Halbinsel Spanisch, Catalonisch, Portugiesisch, Baskisch und allenfalls noch Zigeunerisch, in Belgien Französich, Wallonisch und Vlämisch u. s. w. Schwieriger wird die Sache anderwärts; immer und immer wieder fragt man, ob Sprache oder Dialekt, ob Haupt- oder Unterdialekt?

Diese Ausdrücke sind allgemein üblich und für die Wissenschaft unent- behrlich. Die Bewohnerschaften zweier Ländergebiete reden einander ähnlich, aber nicht gleich; es gilt mit einem Worte anzugeben, wie weit die Ähnlichkeit wie weit die Yerschiedenheit gehe, und nun sagt man kurzweg: Es sind verschiedene Sprachen, oder: Es sind verscliiedene Dialekte derselben Sprache, oder: Es sind verschiedene Abschattungen (Mundarten) desselben Dialektes, also Uiiterdialekte. Oft lauten auch die Antworten ungleich: der Eine erkennt nur eine Mehrheit von Dialekten, wo der Andere von ebenso vielen Sprachen redet So bei den slavischen, semitischen, polynesischen und noch vielen anderen Sprachengruppen: Die Thatsachen, welche im einzelnen Falle die Yerwandtschafts- nähe bestimmen, sind bekannt, nur die Benennungen sind streitig. Folglich ist die Terminologie unsicher, es giebt noch keine gemeingültigen Definitionen der Begriffe.

Sprache, Dialekte, Ünterdialekte. 55

Die Wörter selbst aber, und also auch gewisse damit verbundene Anschau- ungen sind tief in den Sprachgebrauch, ja zum Theil in das Volksleben eingedrungen. Unter einer Sprache denkt man sich das Gemeingut eines Volkes, unter einem Dialekte oder einer Mundart das Gemeingut einer Landschaft, dies dürfte so etwa der Allerweltsauffassung entsprechen. Schriftdeutsch wird im ganzen Vater- Jande geschrieben und gelesen, von den Kanzeln gepredigt, in den Schulen ge- lehrt: mithin ist es Sprache. Bairisch, Schwäbisch, Pfälzisch u. s. w. dagegen sind Dialekte. Diesem Standpunkte wird es schwer zu begreifen, dass Platt- deutsch nicht auch blos ein Dialekt ist; Zeitungen, Behörden, Geistliche und Lehrer, in vielen Städten die meisten Bürger reden ja auch in Niederdeutsch- land hochdeutsch. Dagegen begreift man ziemlich leicht, da.ss das Holländische als Sprache dem Hochdeutschen nebengeordnet ist Dialekt spricht der Mann im Kittel; die Gebildeten, vom Kellner aufwärts, bemühen sich „dialektfrei" zu sprechen. Im Lilande gesteht man nur den Leuten, deren Rede man gar nicht versteht, eine besondere Sprache zu, so z. B. unsem Lausitzer Wenden. Diese Art die Dinge zu beurtheilen ist äusserlich, oberflächlich, und muss zu Incon- sequenzen führen. Die Geschichte unserer Tage hat aber bewiesen, dass solche Ansichten auch zu recht ärgerlichen Consequenzen führen können: Weil die Sprache Gemeingut des Volkes ist, so begründet Sprachgemeinschaft das Recht zur politischen Vereinigung, Sprachverschiedenheit das Recht zur Losreissung, so urtheilt das moderne Nationalitätsprinzip nach dem Wahlspruche: „soweit die x'sche Zunge klingt"

Es giebt noch eine andere Betrachtungsweise, die noch naiver, noch volks- thümlicher, und doch im Grunde die einzig richtige ist: Wen ich verstehe, der redet meine Sprache; wen ich nicht verstehe, der redet eine mir fremde Sprache. So urtheilte jener Tyroler, der vom Berliner sagte: „Der Mann versteht kein Deatsch!^' Hätte er statt dessen gesagt: „Der Maim redet eine andere Sprache als ich," so wüsste ich nicht, was die Wissenschaft dagegen einwenden wollte,

Sprache ist Verständigungsmittel, Mittel des Gedankenverkehrs. Ein Ver- kehrsmittel begründet eine Gemeinschaft Aller, die sich seiner bedienen. Man nennt die Sprache die Münze des Gedankenaustausches, und in diesem Sinne mag man die Sprachgemeinschaften mit unsern sogenannten Münzverbänden ver- gleichen. Nur freilich wird in imserm Falle nicht die Gemeinschaft des Ge- brauches durch die Einheit der Münze von vom herein bestimmt, sondern es wird umgekehrt aus der Gemeinschaft des Gebrauches auf die Einheit der Münze geschlossen.

Es ist in der Wissenschaft nothwendig, die Gedanken auf die Spitze zu treiben, unbeirrt die letzten Folgerungen aus ihnen zu ziehen, selbst wenn diese Folgerungen dem gemeinen Menschenverstände und den überkommenen Meinungen zuwiderlaufen sollten. Setzen wir also folgenden Fall: Zwei Nachbarn desselben

56 II) I. Umfang der Einzelspracbe.

Ortes, A und 5, haben bisher nur ihre Muttersprache in der heimischen Mund- art gehört und gelernt Nun kommt ein Fremder, C, zu ihnen; A versteht ihn nicht^ B aber, der rascheren Verstand und schärferes Gehör hat, versteht ihn und redet mit ihm. In diesem Falle ist zu entscheiden: Es besteht Sprach- gemeinschaft zwischen A und B und zwischen B und C, aber nicht zwischen A und C Nun weiter: C verstehe den -4, von dem er nicht verstanden wird: so fällt A in die Sprachgemeinschaft des C, aber C nicht in die Sprachgemein- schaft des A, So zieht sich \\m jeden Einzelnen ein weiterer oder engerer Kreis der Sprachgemeinschaft, und in diesem Verstände mag es fast ebensoviele Grenzlinien der Sprachgemeinschaft geben, wie es sprechende Menschen giebt.

Ähnlich wie zu den Mitlebenden aus verschiedenen Gegenden verhalten wir uns auch zu den Vorfahren ans verschiedenen Zeiten. Man gebe einigen Kindern Wackemagers deutsches Lesebuch in die Hand und beobachte, wie ein Jedes anfängt die Texte ohne sonderliches Besinnen zu verstehen: oder sie zu verstehen, wenn man sie ihm vorliest. Dieses Verständniss wird bei den verschiedenen Kindern an sehr verschiedenen Stellen anfangen, und diese Stellen bezeichnen die Grenze ihrer Sprachgemeinschaft mit den Altvordern. Einzelne imverständliche Wörter und Redewendungen kommen hier ebensowenig in Be- tracht, wie im vorigen Beispiele die etwaigen fremden Provinzialismen; wir sagen uns doch: der Alte oder der Fremde redet dieselbe- Sprache wie wir, er redet sie nur ein wenig anders als wir.

Soviel von den individuellen Sprachgemeinschaften. Das Ergebniss ist ähnlich, wenn man statt der einzelnen Menschen ganze Landschaften und den Durch- schnitt ihrer jeweiligen Bew^ohner setzt: um jeden Mittelpunkt ein Kreis, und diese Kreise greifen ineinander, überragen einander. So würde man zu einer Zeichnung gelangen, die etwa an das Guillochis auf dem Rücken einer Taschen- uhr gemahnte, zu einem unruhigen Bilde, das sich die Wissenschaft zwar vor- stellen muss, bei dem sie aber nicht stehen bleiben darf. Wo uns die Augen übergehen, da hat das wissenschaftliche Beobachten ein Ende; nur das Feste, Greifl)are ist unsrer Einsicht zugänglich, das Flüssige verlangt ein Gefäss, das heisst eine Grenze, die man ihm setzt. Hier, wie so oft, müssen wir unsre Zuflucht zu dem Satze nehmen: Denominatio fit a potiori.

Wollten wir die Grenzen der einzelnen Sprachgemeinschaften umschreiben, so würde die Zeichnung sehr unregelmässig ausfallen: ein Gebiet, in Deutschland das mittlere, würde den meisten Bezirken gemeinsam sein; dann, weiter nord- und südwärts, würden die Linien sich vielfältig kreuzen, noch weiterhin würden sie an Dichtigkeit abnehmen, stellenweise würden sie zusammenfliessen, andere Kreise, z. B. die slavischen, ausschli essen; oder sie würden nur schmale neutrale Gebiete aufweisen, z. B. an der niederdeutschen und an der holländischen Grenze. Eine solche Zeichnung müsste den Umfang des hochdeutschen Sprachgebietes aus

Sprache, Dialekte, Unterdialekte. 57

dem Begriffe der Einzelsprache selbst erweisen, und nun erst wäre zu fragen, kraft wolclier Eigenthümlichkeiten das Plattdeutsehe und Holländische dem Hochdeut- schen gegenüber fremde Spracheinheiten bilden, warum z. B. der Meissner nicht Plattdeutsch versteht? Der Gnind würde nurzuniTheile in den lautlichen, gramma- tisohen und lexikalischen Verschiedenheiten der Sprachen zu finden sein; zum anderen Tlieile wäre er im grösseren oder geringeren Sprachtalente des Meissners zu suchen. Und so tommt auch hier wieder die Subjectivität diesmal aber die nationale, zu dem Rechte, das ihr nun eiiunal nicht versagt werden kann.

Die Sprachwissenschaft hat es zunächst mit den einfachsten Objecten zu thim, hier also mit den Menschen, wie sie von Haus aus sind, nicht wie sie sieh durch Schulunterricht, Reisen, Fremdenverkehr, Militärdienst u. s. w. ge- bildet haben mögen, mit den Leuten, die nur ihre Muttersprache im heim- ischen Dialekte reden, und wieder hier nur mit dem Durchschnittsmenschen. Einen solchen werden wir nun weiter den Massstab seines Verständnisses an- legen lassen. Jemand aus einer anderen Gegend redet mit ihm; die Beiden verständigen sich miteinander, aber nur mühsam, und wo sie sich einmal nicht verstehen, da fühlen sie doch wenigstens die Sprachgemeinschaft durch. Der Sachse sagt Meerrettig, der Österreicher Kran, Jener sagt Bindfaden, dieser Spagat, Keiner weiss, was der Andere meint, aber Jeder fühlt und weiss, dass tier Andere deutsch spricht. Wo nun zwischen Sprachgenossen die Arbeit der Verständigung als eine mühsame empfunden wird, da möchte ich von ver- schiedenen (Haupt-)Dialekten reden.

Dialektsgenossen sind also solche, die sich leicht miteinander verständigen. Ortliche Verschiedenheiten in ihrer Rede nenne ich Unterdialekto oder Mund- arten im engeren Sinne. Recht concret gesprochen: wer einen anderen Unter- dialekt redet, dem merkt man eben an seiner Sprache nur an, dass ,,er nicht von hier ist*', aber man versteht ihn ohne Mühe.

Der Massstab, den ich hier überall angelegt habe, erinnert freilich an das volksthümliche Schrittmass für Wegelängen, das sich nach der Länge der Beine richtet. Allein man zeige mir einen besseren, gemeingültigeren. Lautverschie- bungen, grammatische und lexikalische Verschiedenheiten finden sich schon zwischen nah verwandten Mundarten: ihr Mehr oder Weniger begründet die Unmöglichkeit, die grössere oder geringere Schwierigkeit des gegenseitigen Ver- ständnisses. Einen springenden Punkt, wie etwa die Gefiier- und Siedepunkte des Thermometers, wird man auf dieser Skala nirgends entdecken. Alles ist hier Sache des Gefühles; zwischen dem Gefühle des ganz Fremden und des ganz Heimischen liegt eine Reihe unzähliger Möglichkeiten; das vorwiegende Gefühl hat zu entscheiden. Und wo nun ferner die Frage, ob Dialekt oder Sprache, ob Haupt- oder Unterdialekt, Schwierigkeiten macht, da ist sie auch unerheblich. Denn Unterscheidungen wie diese sind nur zur Bequemlichkeit da

58 II, II. Aufgabe der einzelsprachl. Forschung.

und keiner Ereiferung werth. Hier kommt es darauf an, sie auf ihre Bedeutung zu prüfen und ihnen den Ttieil wissenschaftlichen Werthe8zuzumessen,derilmengebührt-

Gerade die Culturvölker nehmen es mit der Verschiedensprachigkeit nicht immer genau; das Gefühl der nationalen Zusanunengehörigkeit findet genügen- den Anhalt in der fremden Sprache, wenn diese nur der eigenen nahe verwandt, und die Verständigung nach kurzem Verkehre möglich ist Den oberdeutschen Bauern verbindet mit dem plattdeutschen die gemeinsame Schriftsprache, und dieser gegenüber rücken die heimischen Idiome ohne Weiteres hinab auf die Stufe der Patois. Noch tiefer eingewurzelt mag dies Gefühl sprachlicher Zu- sammengehörigkeit mit allen Bürgern seines grossen Vaterlandes beim Chinesen sein. Er hat vielleicht nur wenige Meilen weit zu reisen, um unter Menschen zu kommen, deren Gespräch er nicht versteht Aber er fühlt sich in ihrer Mitte unter Landsleuten, und wenn er zum Pinsel greift, um sich verständlich zu machen, so lesen sie seine Schrift in ihrer Aussprache. Nun merkt er, dass es sich eben nur um die Aussprache handelt, nicht um die Sprache selbst Stellt sich die Wissenschaft auf seinen Standpunkt, so muss sie auch hier von Dialekten reden, wie sie es bisher gethan, und wie es der Chinese selber thut

Man hat den Satz: „universalia sunt nomina" auf die Einzelsprachen aus- gedehnt und gesagt, diese selbst seien keine Realitäten, sondern nur entweder Aggregate oder mittlere Durchschnitte der Individualsprachen, deren es so viele gebe wie Individuen. Der alte Streit zwischen Realisten und Nominalisten ist meines Wissens noch nicht zum Austrage gelangt, und jedenfalls sind es nicht die Sprachforscher, die ihn zu entscheiden haben. Dass die Sprachgrenzen in- dividuell verschieden sind, haben wir gesehen; dass die Handhabung der Sprache auch unter den Sprachgenossen nicht völlig gleich ist, werden wir weiter sehen. Als gemeinsames Verständigimgsmittel aber ist die Einzelsprache wirksam und also doch auch wirklich. Als Äusserung, als Rede, gehört sie dem Einzelnen, als Fähigkeit muss sie Gemeingut sein, sonst taugte sie nicht zum Verkehrs- mittel. Dass die Sprache ihrerseits ein Erzeugniss des Verkehrs ist, darauf brauche ich an dieser Stelle nicht weiter einzugehen.

II. Capital. Die besondere Aufgabe der einzelprachlichen Forschung.

Jede Sprache ist in fortwährendem Werden begriffen; ihre Laute, Wörter, Formen und die Bedeutungen dieser Wörter und Formen verändern sich mit der Zeit, und diese Verändermigen bilden den Inhalt der Sprachgeschichte. Aber nur da, wo eine Literatur vorhanden, ist diese Geschichte unmittelbar zu-

Wandelung und St&tigkeit. 59

gänglich; wo schriftliche Urkunden oder wörtlich zuverlässige mündliche Über- lieferungen alter Sprachdenkmäler fehlen, da muss sie soweit möglich auf Um- wegen ermittelt werden. Nun sind die meisten Sprachen in Dialekte gespalten oder haben Seitenverwandte, wir wissen, dass Beides dem Wesen nach gleich und nur dem Orade nach verschieden ist: Beides, Dialekte und Schwester- sprachen sind die Enden längerer oder kürzerer, stärkerer oder schwächerer Zweige, von denen aus wir durch Rückschlüsse dem gemeinsamen Stamme zu- streben dürfen.

Der Gegenstand der einzelsprachlichen Forschung, die Erscheinimg, die sie erklären ^vill, ist, dies sei nochmals hervorgehoben, die Sprache als Äusse- rung, das heisst die Bede. Wie kommt in der zu bearbeitenden Einzelsprache die Rede zustande, und warum gestaltet sie sich gerade so? Eine Äusserung erklären heisst, die ihr zu Grunde liegenden Kräfte nachweisen. Die Rede ist eine Äusserung des einzelnen Menschen, die sie erzeugende Kraft gehört also zunächst dem Einzelnen an. Aber die Rede will verstanden sein, und sie kann nur verstanden werden, wenn die Kraft, der sie entströmt, auch in dem Hörer wirkt Diese Kraft, ein Apparat von Stoffen und Formen, ist eben die Einzelsprache. Sie richtig beschreiben, heisst ihre Äusserungen erklären. Mehr soD und wiU die einzelsprachliche Forschung als solche nicht Man sieht, kein Vorwurf wäre leichtfertiger und gedankenloser, als der: also sei es doch nur eine beschreibende Wissenschaft, also gar keine Wissenschaft, blosse Sprachen- kunde, um nichts besser oder schlechter als die Pflanzenkunde des Schülers, der mit der Botanisirtrommel und einem Duodezführer nach Linnö'scher Me- thode die Feldraine abgrast Ich würde den Einwand nicht erwähnt haben, wenn ich ihn nicht gehört und gelesen hätte; nun muss ich ihn auch beant- worten. Beides, jene Sprachenkunde und diese Pflanzenkunde, ist doch sehr verschieden. Was wir auf unseren Fluren pflücken, sind nicht Sprachen, son- dern Sprachäusserungen; und was dem „Bestimmen*' der Pflanze entspricht, ist in uttserm Falle mit der Übersetzung gethan. Wo aber der Pflanzensammler stillvergnügt seine Beute in die Trockenpresse spannt, da fängt erst unsre beste Arbeit an: da bereiten wir den Boden imd streuen den Samen, woraus eine neue, lebendige Flora erwachsen soll. Denn wissenschaftlich beschreiben heisst aufbauen, nachsehaffen. Wir lernen und lehren die Rede aufbauen aus ihren Stoffen und nach ihren Gesetzen, nachdem wir diese Stoffe und Gesetze inductiv, aus der Rede, ermittelt haben. Dies ist die Grenze, die wir erreichen müssen, die wir aber nicht überschreiten können, ohne in ein anderes Forschungsgebiet überzutreten.

Die Erkenntniss der Einzelsprache wird nie vollkommen sein ohne die Kenntniss ihrer Vorgeschichte. In Deutschland hat z. B. die volksthümliche Sprache vieler Gegenden eine seltsame Form zum Ausdrucke annähernder Mass-

60 II, II. Aufgabe der einzelsprachl. Forschung.

angaben: ein Groschener achte, ein Tager vierzehn, ein Stücker zwanzig, ein Schocker drei, ein Wochener (oder Wocher) fünfe u. s. w. Woher dies Suffix er? Man könnte fast an eine Art pronominalen Genitivus Pluralis denken. Bei Schriftstellern aus der Reformationszeit findet sich aber: ein Jahr oder drei, ein Gülden oder zwanzig und Ähnliches. Fehlten uns diese Quellen, so würde uns ein deutscher Dialekt, der etwa das oder in solchen Fällen noch volllautig erhalten hätte, den gleichen Dienst leisten; und in Ermangelung eines solchen böte noch immer das Holländische mit seinem: een dag of (== oder) veertkn einen guten Fingerzeig.

Nun frage man aber die Leute, was sie sich bei dem er denken, wie sie ein Tager vierzehn auf gut Deutsch schreiben würden? Den Wenigsten würde eine Antwort einfallen. Keinem vermuthlich der Gedanke an ein ab- gekürztes „oder" kommen. Man versuche dann ihnen zu Hülfe zu kommen, erinnere sie an „ihrer drei, imsrer vier^', dann an die doppelten Pluralformen: Orte, Örter, Worte, Wörter, Lande, Länder, endlich an die Conjunction oder: so wird wohl kaum Einer das Richtige wählen. Der Zusammenhang dieser Form mit ihrem Ursprünge wäre also dem Sprachbewusstsein des Volkes ent- schwunden, in diesem Bewusstsein stände entweder die Form vereinzelt da, oder sie hätte einen neuen Verwandtschaftsbund eingegangen, und das ist der Punkt auf den ich den Leser führen wollte.

Die einzelsprachliche Forschung als solche hat die Sprache nur so, aber auch ganz so zu erklären, wie sie sich jeweilig im Volks- geiste darstellt. Zieht sie die Vorgeschichte, die Dialekte und stammverwandten Sprachen zu Rathe, so tritt sie auf das genealogisch-historische Gebiet über. Ich wiederhole es: sie muss dies thun, wo immer es möglich ist; aber sie darf nicht vergessen, dass zuweilen das Sprachbewusstsein eines Volkes alte Verbindungen löst, um neue anzuknüpfen, und dass diese neuen Verbindungen fortan die allein rechtskräftigen, wirksamen sind.

Darin liegt nun der besondere Reiz der einzelsprachlichen Forschung, dass sie es immer, auch in ihren scheinbar kleinlichsten Spezialuntersuchungen, mit einem lebendigen, durchgeistigten Ganzen zu thun hat Die geschichtliche Sprachvergleichung beschäftigt sich ihrem Wesen nach mit mehreren solcher Ganzen auf eüimal. Um sie zu vergleichen, muss sie sie zerpflücken, sich an die Theile halten und imter diesen wieder die fassbarsten bevorzugen, die nicht immer die vorzugsweise geistigen sind. Sie muss sich auch an die Sprachen einer einzigen Familie halten und dabei gewärtig sein, immer und überall den- selben Gestalten imd Charakteren, nur in verschiedenem lautlichen Gewände, viel- leicht mit dem einen oder anderen absonderlichen Geräthe ausgerüstet zu be- gegnen. Dem Einzelsprachforscher dagegen steht die ganze bimte Sprachenwelt offen; er darf sein Zelt überall aufschlagen, wo es ihm gefällt Halten sich aber

Die Muttersprache. 61

Wissens- und Wanderlust bei ihm die Waage, so wird er sein Zelt gerade dann abbrechen und weiterrücken, wenn er sich am Orte recht heimisch fühlt; und dann braucht sich nur der Denker zum Kenner zu gesellen, so wird die Poly- grlottik in die allgemeine Sprachwissenschaft einmünden.

Unter den literaturlosen Sprachen unsrer Erde giebt es viele, die man isolirte nennt weil sie noch keiner bekannten Familie eingereiht sind, und manche von ihnen haben ein so begrenztes Verbreitungsgebiet, dass von eigent- licher dialektischer Spaltung nicht die Rede sein kann, vielleicht ist auch von ihren Dialekten nur einer der Forschimg zugänglich, was für die Foi'schung auf dasselbe hinauskommt. Dieser ist somit jede Möglichkeit genealogisch- historischer Vergleichung von vorn herein abgeschnitten, sie ist einzelsprachlich im ausschliesslichen Sinne des Wortes. Vergleichend ist sie aber doch auch; es werden eben innerhalb der Einzelperiode einer Einzelsprache die Thatsachen untereinander verglichen, um zu ermitteln, aus welchen Stoffen imd nach welchen Gesetzen sich die Rede aufbaut. Die Thatsachen, die sie vergleicht, sind eben gleichzeitig und gleichsprachlich, im Gegensatze zu jenen, mit denen es die historisch-genealogische Foi'schung zu thim hat, und die entweder zu verschiedenen Zeiten aufeinanderfolgen oder, gleichviel ob neben- oder nacheinander, an ver- schiedenen Orten auftreten. Aber die einzelsprachliche Forschungsart muss für ihren Zweck auch auf alle anderen Sprachen angewendet werden, und ihre Methode bildet den nächsten Gegenstand der folgenden Erörtenuigen.

III. Capitel. Sprachkenntnlss.

Die Aufgabe ist, eine Sprache lediglich so zu begreifen, wie sie im Geiste des sie redenden Volkes lebt. Dies Volk handhabt seine Sprache ohne rück- wärts, auf ihre Vorgeschichte, oder seitwärts, auf ihre Dialekte und auswärtigen Verwandten zu schauen; alle Faktoren, welche die richtige Handhabung der Sprache bestimmen, liegen lediglich in dieser Sprache selbst, in unbewusst wirkenden Gesetzen (Analogien), oder in unmittelbar durch Überlieferung Gegebenem. Sie so zu begreifen ist aber nur der fähig, der, wie man zu sagen pflegt, die Sprache kann oder beherrscht. Ehe wir untersuchen, wie dies möglich ist, müssen wir uns einige Thatsachen zum Bewusstsein bringen.

1. Jede Sprache will erlernt sein, keine ist uns angeboren, auch nicht imsre Muttersprache. Höchstens mag man vennuthen, dass gleich anderen Geistesanlagen auch die zu einer gewissen Sprachform vererblich ist, dass etwa ein irokesisches Kind, das nach der Geburt zu französischen Pflegeeltern konmit.

62 11, ni. Sprachkenntniss.

schwerer Französisch lernt, als es bei seinen leiblichen Eltern Irokesich gelernt haben würde.

2. Jeder normal entwickelte Mensch, der die Zeit der Sprach- erlernung hinter sich hat, handhabt seine Muttersprache fehlerlos, solange sie ihm nicht durch fremde Einflüsse verdorben wird. Wir müssen hier von unsem cultursprachlichen Vorurtheilen gänzlich absehen. Wir pflegen unsre Schriftsprache wie eine Taxuswand: was darüber hinausschiesst, wird mit der Heckenscheere des Schullehrers, des Redacteurs oder des Kritikers er- barmungslos abgeschnitten; imd das von Rechtswegen, mag auch der Sprach- forscher darüber jammern. Die Einheit der Nation verlangt Einheit der Sprache und erlangt sie auch soweit nöthig. Ganz ist aber auch die Schriftsprache nicht mit dem Uniformiren fertig geworden. Die Berliner Localnachrichten sind mit Berlinismen gewürzt, weiter nordwärts und westwärts fliessen platt- deutsche Ausdrücke in die ZeUen, die bairischen Zeitungscorrespondenten erkennt man an ihrem „dahier", und in Wiener Blättern empfiehlt sich „weiters" dem ,,p. t.- Publicum der unterfertigte bürgerliche Handschuherzeuger'. Die Um- gangssprache der meisten Gebildeten, also die Muttersprache ihrer Kinder, ist kein reines Schriftdeutsch, sondern ein Compromiss zwischen diesem und dem heimischen Dialekte. Der Braunschweiger geht „nach dem Kruge*', statt in die Schänke, der Süddeutsche gewöhnt sich schwer an das erzählende Imperfectum; in Tonfall und Lautbildung zeigen sich natürlich die heimischen Eigenthümlich- keiten erst recht. Den Sprachforscher nun darf die Mundart irgendwelcher Bauernschaft nicht weniger aber auch nicht mehr interessiren, als die sogenannte allgemeine Sprache der Gebildeten und ihre mannigfachen Abschattirungen. Nun gilt es nur noch, den Ausdruck Muttersprache richtig zu verstehen. Es ist die Sprache imd Mundart, die wir als Kinder von den Erwachsenen, die uns umgeben, gehört haben. In den meisten Fällen wird dies nur eine Mund- art einer Sprache sein, und diese, sage ich, handhaben wir richtig. Wo die Dienstboten anders reden als die Eltern, wo diese oder die Erzieher dem Kinde eine „gebildete'* Sprache ankünsteln, da liegen eben die Verhältnisse nicht glatt und einfach, die Spracherlemung wird erschwert, verzögert, aber am Ende bildet sich doch eine fehlerlos richtige Sprache heraus. Fehlerlos richtig meine ich aber im Sinne des Sprachforschers, der in diesem Falle nicht den Massstab des Sprachlehrers anlegt. Mein verewigter Vater pflegte wohl scherzweise zu sagen: „Richtig spricht, wer redet wie ihm der Schnabel gewachsen ist." Schlimmer steht es allerdings, wenn fremde Beimischungen die Muttersprache trüben, mid das ist freilich in unsem Culturstaaten fast das Regelmässige. Der Aufenthalt in der Fremde, der Verkehr Ungebildeter mit ihren Vorgesetzten erzeugt un- zählige sprachliche Blendlinge, pathologische Erscheinungen, die auch ihr In- teresse haben.

Allgemeine Grundsätze. 63

3. Die richtige Handhabung der Muttersprache geschieht un- bedacht, ohne dass der Redende sich von den Sprachgesetzen, die seine Rede bestimmen, Rechenschaft giebt

4. Die Sprachgesetze bilden unter sich ein organisches System, das wir den Sprachgeist nennen. Der Sprachgeist bestimmt die Art und Weise, wie der Sprachstbff gestaltet wird, die Wort-, Form- und Satzbildung ; insofern ist er Bildungsprinzip oder innere Sprachform.

5. Beide, der Stoff und die Form der Sprache, werden durch das Gedächtniss erworben, derStoff unmittelbar, die Form(derSprachgeist) als unbewusste Abstraction aus vielfacher Erfahrung und Übung. Die Wirkung dieser unbewussten Abstraction nennen wir Analogie. Li den indo- germanischen Sprachen mit ihren zahllosen Unregelmässigkeiten wirkt das Ana- logiebedürfniss oft störend, missleitend; und so hat bei uns das Wort Analogie fast einen revolutionären Klang. Den verdient es aber nicht. Weitaus die meisten Sprachen sind regelmässiger als die unsrigen, und wer in ihnen der Analogie folgt, wird selten fehlgehen.

Durch welche geistigen Thätigkeiten die Abstractionen und nach ihnen die analogen Wort-, Form- und .Satzgebilde zu Stande kommen, das zu erklären liegt nicht dem Sprachforscher ob, sondern dem Psychologen. Genug, die Thatsache ist da, unbestreitbar und doch schwer begreiflich. Jeder Ausländer wird uns bestätigen, wie schwer es ihm wird, sich an unsre Wortstellung, zumal an die der verbalen Satztheile, zu gewöhnen, und ich habe bisher vergeblich nach einem Lehrbuche gesucht, das sie hinlänglich darstellte. Das Verbum finitum im mittheilenden Satze an zweiter, im Fragesatze und dem ihm nachgebildeten Bedingungssatze an erster, sonst im Nebensatze an letzter Stelle; das ergänzende Hauptverbum (Infinitiv oder Participium) im Hauptsatze an letzter Stelle, mit dem Hülfe\'erbum alle übrigen Theile des Prädicates umklaftemd: das sind im \\'esentiichen die Gesetze, die bei uns jedes Kind handhaben lernt.*) Es würde sie nicht handhaben können, wenn nicht sein Geist durch Übung unbewusst alle die Abstractionen gemacht hätte, deren ich mich eben bedienen musste. Mit Ausdrücken wie Angewöhnung, anerzogene Disposition und dergl. ist hier \venig gethan: sie erklären höchstens das Wie, nicht das Was. Und dieses Was sind eben Kategorien, an deren Erkenntniss sich eine Menge scharfeinniger Forscher abgemüht haben. Dafür ist aber auch dem Genialen nichts verwandter als das Naive. Versucht man es, sich den Sinn einer grammatischen Form o<ler eines Formwortes klar zu machen, so mag man sich wohl wundem, zu welch abstracten Begriffen man gelangt, und sich dann verdutzt fragen: Ist denn das wirklich auch im Hirne jedes schwatzenden Kindes vorhanden? Da-

Das Nähere sehe man in meinem Aufsätze: Weiteres zur vergleichenden Syntax (Ztschr. f. Völkerpsychologie und Sprach wissensch. VIII S. 144—150).

64 II) 111. Sprachkenntniss.

rauf kaun man nur mit einem entschiedenen Ja antworten. Die Erfahrung i^^t unanfechtbar, irnd mit der haben wir es allein zu thun; die Erklärimg der Thatsache mag schwierig, vielleicht unmöglich sein, jedenfalls ist sie ein Problem nicht der Sprachwissenschaft sondern der Psychologie. Reines Ge- dächtnisswerk ist die Aneignung

a) der Lauikörper, d. h. der Wörter und der etwaigen Formenelemente, und

b) der imregelmässigen Formen, das heisst derer, die sich nicht in die dem Lernenden zugänglichen Analogien hineinfügen. Die Geistesanlage des Einzelnen spielt gewiss hierbei eine bedeutende Rolle: der Eine bewältigt gruppenweise durch Analogie den Stoff, den sich ein Anderer Stück für Stück anlernen niuss. Dass sich nachgehends die Association mit etwaigem Verwandten das Ana- logiegefühl — einstellen werde, ist wohl psychologisch wahrscheinlich, und sc» wird das Sprachgefühl aller einzelnen Sprachgenossen im Wesentlichen das gleiche sein. In diesem Sinne dürfen wir den Sprachgeist einen Bestandtheil des Volksgeistes nennen. Wo nun dem Sprachgeiste Einzelnes als vereinzelt gilt, da hat auch die Einzelsprachforschung von Ausnahmen oder sporadischen Erscheinungen zu reden; denn so lange sie sich in ihren Grenzen hält, kann und will und soll sie die Dinge nur insoweit und so erklären, wie sie sich im Sprachgeiste darstellen. Was für diesen ausserhalb der Analogie steht, kann sie mit ihren Mitteln gar nicht erklären, und wenn sie nun doch der Sprachge- schichte die Erklärung entleiht^ so darf sie nicht vergessen, dass sie eben mit fremden Mitteln arbeitet und der Sprache fremde, ich meine ihr fremd gewor- dene Stoffe beimischt, die ausgeschieden sein wollen, sobald sie ihren Aushülfe- dienst versehen haben. Es ist sehr wichtig, jene zweierlei Bestandtheile scharf zu sondern: diejenigen, die nur in unmittelbarer Erinnerung wurzeln, und jene, die sich zum grossen Systeme der Analogien zusammenschliessen und aus diesem heraus jederaeit neu erzeugt werden können. Solche Erzeugnisse sind völlig zureichend erklärt, wenn ihnen ihre Stellung in jenem Systeme nachgewiesen ist und diesen Nachweis kami von ihrem Standpunkte aus nicht die sprachgeschicht- liche, sondern nur die einzelspraclüiche Forschung führen. Darin eben liegt ihre selbständige Berechtigung, die man nur zu leicht verkennt, weil man sich einbildet zu wissen, warum etwas ist, wenn man weiss, wie es früher war und nach welchen Formeln es sich verändert hat. Erklären und darstellen aber kann ich nur das, was sich in meinem eigenen Geiste vorfindet. Daher setzt die Lösung der einzelsprachlichen Aufgabe voraus, dass der Geist der Sprache ein Bestandtheil unseres Geistes geworden sei, und dies ist nur durch Spracherlemmig zu erreichen. Ich werde diesem Gegenstände mehr Raum widmen, als es sonst in Werken über allgemeine Sprachwissenschaft üblich ist. Der Leser wolle sich erinnern, dass ich der Sprachkenntniss und der Sprachenkenntniss melir Wertli beimesse, als einige meiner Vorgänger. (8. 29 30.)

§. 1. A. Durch mündlichen Umgang. 65

IV. Capitel. Spracherlernung.

A. Durch mündlichen Umgang.

Es ist höchst lelirreich, Kinder im Alter der Spracherlernung zu beob- achten. Sie stellen sich dabei sehr verschieden an: manclie brauchen Jahre, ehe sie die Schwierigkeiten der Aussprache und der Grammatik übenvinden, und für andere sclieinen diese Schwierigkeiten kaum vorhanden zu sein. Ich wüsste deutsche Kinder zu nennen, die von Beginn ihrer Redeübungen an die Uutturale, die Consonautenhäufimgen ihrer Muttersprache, selbst fremdsprachliche Wörter, die sie hörten, leicht und fehlerfrei nachsprachen, gegen unsre Genus- regeln, die Unregelmässigkeiten in der Pluralbildung und in der Conjugation kaum je verstiessen. Andere bauten sich ganz selbständig eine eigene Sprache mit seltsamen Gesetzen auf; so ein Knabe, der nach Art der Semiten die Con- sonanten als das Feste, Beständige behandelte imd die Vocale um so tiefer wählte, je grösser ihm die Gegenstände erschienen. Einen gewöhnlichen Stuhl nannte er LakeU, einen Grossvaterstuhl Lukul, ein Puppenstühlchen Likill; für alles Bunde hatte er die Wurzel m-m. Der Mond oder ein Teller liiess Mem, eine grosse runde Schüssel Mom oder Mum, die Sterne aber mit symbolischer Wiederholung Mim-mim-mim-mim-mim. Als sein Vater im grossen Beise- pelze vor ilim stand, sagte er nicht Papa, sondern Pupu. Hier war also der kindliche Geist, völlig frei schaffend, auf eine innere Wurzelbeugung verfallen, imd damit scheint mir bewiesen zu sein, dass innere Yeränderungen der Wur- zeln nicht immer durch mechanische Prozesse entstanden sein müssen. Spuren einer ähnlichen Lautmalerei finden sich u. A. im Malaischen und sonst vieler Orten.

Jetzt aber handelt es sich weniger darum, wie Kinder ihre eigenen Sprachen bilden, als darum, wie sie sich die Muttersprache aneignen, und auch hierbei sind sie in gewisser Weise mitschaffend. In einem gewissen Alter beginnt das Kind sich in der Bildung verschiedener Laute zu üben; zu einem kleinen Vor- rathe von Vocaleu meist wohl <?, ä, ö, ä und a finden sich nach und nach consonantische Laute ein: die Nasalen m, ng^ n, ferner jp, h und wohl auch eine Art labiales r, sowie ?, t u. s. w. Die Beihenfolge mag individuell stark schwanken. Es ist nicht anzunehmen und jedenfalls nicht wahrzunehmen, dass das Kind mit diesen Lauten bestimmte Vorstellungen verbinde, die werden erst von den Eltern hineingelegt. Diese gehen auf das kindliche Lallen ein, wo immer es einem brauchbaren Worte ähnelt, wiederholen es, imwillkürlich naohbessenid, reagiren darauf und gewöhnen so den erwachenden Geist, die

V. d. Gabelentz, Die Sprachwissenschaft. 2. Aufl. 5

66 II, IV. Spracherlenuing.

Bewegung der Lauterzeugimg, ilire hörbare Wirkung und das darauf Erfolgende zu einander in Beziehung zu setzen. Das Kind sagt mm-mm^ die Eltern sagen matna^ mama^ und nun nimmt die Mutter das Kind auf den Arm; oder es greift nach etwas und ruft zufällig dabei ham! da antworten die Eltern: haben! und geben ihm den Gegenstand, den es zu begehren schien. Bei Alle- dem sind Zweckmässigkeit und Absichtslosigkeit auf beiden Seiten fast gleich: das Kind wollte nicht lernen, die Eltern wollten auch neunmal unter zehnen gar nicht lehren, hüben und drüben war es ein Spiel, und doch gedieh es zum Unterrichte. Hinfort wächst der Wortschatz des Kleinen stätig, zuweilen erstaunlich rasch, imd von selbst stellen sich grammatische Anregungen ein. Denn die Eltern bedienen sich, indem sie zum Kinde oder in seiner Gegenwart von ihm reden, unzählige Male- derselben stereotypen Sätze, von denen das Kind sich sein Theil aneignet. Dem Kinde wird Allerlei gezeigt und benannt, es spricht nach und gewöhnt sich je länger je* mehr daran, Sinn mit den Sprachlauten zu verbinden. Zunächst erfasst es natürlich nur das Stoffliche: kennt es aber den stofflichen Inhalt der wichtigsten Satztheile, so gewöhnt es sich auch an die Wortfolge, d. h. an eine mehr oder minder unveränderliche Ordnung der Vorstellungen. So keimen die Kategorien des Subjecfcs, Prädicats, Objects, Adjec- tivums u. s. w., je nach der Eigenart der betreffenden Sprache: das erste wesent- liche Merkmal der menschlichen Rede ist da: die Gliederung. Diese Sprache hat aber auch lautliche Formenelemente, es seien dies Wortformen oder Fonnwörter. Wählen wir den schwierigen Fall, den einer Sprache mit reich entwickelter Formenlehre. Das Kind gewöhnt sich daran, dasselbe Wort in ver- schiedenen Formen und dieselbe Form an verschiedenen Wörtern wieder zu er- kennen. Die Sprache sei eine semitische, so gewöhnt sich das Kind daran, die Affixe gesondert aufzufassen und in den Wortstämmen die Consonanten als Träger der materiellen Vorstellungen von den formanzeigenden Vocalen zu unter- scheiden: der Triconsonantismus wird im Sprachgefühle wirksam. Weiter: unsre flectirenden Sprachen sind so zu sagen defectiv; kein Wort nimmt alle Formen an, und keine Form ist allen Wörtern gemein, sondern die Formen vertreten sich gegenseitig zum Ausdrucke der nämlichen grammatischen Kategorie. Wir sagen: wehen, wehte, geweht, aber: sehen, sah, gesehen, gehen, ging, gegangen. Und nun denke man gar weiter an die vielerlei Bedeutungen der Endungen, 0, am^ um^ is im Lateinischen, an unsere launenhaften Genusregeln u. s. w. Es ist eine Kiesenarbeit, dies Alles zu bewältigen, und wohl die meisten Kinder brauchen lange Zeit, ehe sie sich in diesem Wirrsale zurechtfinden. Und doch gelingt manchen auch dies oft unglaublich rasch. Ich habe es selbst erlebt, wie ein noch nicht zweijähriger Knabe seinen Vater fragte: ,,Papa, hast du mir was mit- gebringt? — gebrungen gebracht!" So schnell, fast in einem Athemzuge legte dasKindden Weg durch zweifalsche Analogiebildungen bis zur richtigen Form zurück.

§ 1. A. Durch mündlichen Umgang. 67

Es wäre sicher der Mühe werth, recht reichliches Material zur Kenntniss «ler Kindersprachen zusammenzuti-a^en. Man sollte meinen, wenn irgend etwas, so müssten jene freien Wort- nnd Fonnschöpfungen einen Rückschluss auf den Urzustand der menschlichen Sprachen gewähren, und was der unbeeinflussten Thätigkeit des Kindes erreichbar sei, das müsse es auch den Urmenschen ge- wesen sein. Nun sind aber diese kindlichen Ui-schöpfungen so mannigfaltig, dass man scliier daran verzweifeln muss, sich darnach allein eine annähernd richtige Yorstellung von den Sprachanfängen der Menscliheit zu machen. Ter- suche in dieser Richtung tauchen immer und immer wieder in der Litei-atur anf: sie haben günstigsten Falles den Werth des Romanes, einer Dichtung, die wir wahr nennen, wenn sie Menschenmögliches erzählt

Anders verhält es sich mit der kindlichen Sprachaneignung, die mir gerade- zu als vorbildlich gilt für jedes wahre Erlemen eines fremden Idiomes. Zwischen verechiedensprachigen Menschen pflegt es schnell zu einer Art stummen Ver- ständigung zu kommen; genug schon, wenn man die Aufmerksamkeit des Fremden durch ein Geräusch auf sich gelenkt hat, mehr erzielt zunächst das Schreien des Kindes auch nicht. Was nun der Ändere will, das merkt man in der Regel leicht nicht seine Worte versteht man, sondern die Mienen und (resten, die sie begleiten. Dass man iim richtig veretanden habe, beweist der Erfolg. Je enger der Gedankenkreis ist innerhalb dessen man zu suchen hat, je lebhafter Mienen- und Geberdenspiel, je flinker das eigene Auffassungsver- mögen, desto besser geht diese Art der Unterhaltimg von statten. Dabei fasst denn mit der Zeit der Eine auch Brocken von der Sprache des Anderen auf, die er nun seinerseits gelegentlich verwerthet der erste Schritt zur Sprach- erlemung. Die weiteren* Fortschritte geschehen in geometrischer Progression; denn je mehr man schon weiss, desto leichter leint man hinzu, desto lieber steigert man Kenntniss und Fertigkeit durch fleissiges Reden.

Nun ist es einleuchtend, warum gerade Ungebildete und unter diesen wieder Fmuen und Kinder oft am schnellsten in der fremden Sprache heimisch werden. Wie sie sich vom ersten Augenblicke an zu verständigen wissen, ist oft gerade- zu räthselhaft. Folgendes habe ich selbst erlebt: Eine deutsche Dame brachte bei ihrer Rückkehr in die Heimath eine chinesische Dienerin mit, die nur ihre Muttersprache im Dialekte von Canton und ausserdem das s. g. Pitchen-Englisch, die chinesisch-englische Mischsprache verstand. Zu Hause fand die Dame eine für sie gemiethete deutsche Kammerjungfer vor, die nur ihre Muttersprache, kein Wort Englisch, geschweige denn Chinesisch kannte. Seit wenigen Stunden war die Chinesin eingetroffen, da sah ich sie mit ihrer neuen Collegin bei- sammensitzeu, scheinbar im Gespräche begi'iffen. Hinterdrein fragte ich die Deutsche, ob sie sich denn schon mit der Chinesin unterhalten hätte? „Ja

wohl", war die Antwort, „die hat mir schon ihre ganze Lebensgeschichte erzählt

5*

68 II, IV. Spracherlemung.

Nachher wollte icli ihr ehvas vorlesen; aber da passte sie nicht auf, da san^ sie immer!'' und nun folgte eine lange Erzählung von den wechselvollen Schick- salen der Asiatin, wie sie geheirathet, ihr Mami sich den Trunk angewölmt und sie geprügelt, wie sie ihn dami verlassen, erst bei einer amerikanischen Familie, dann bei der deutschen HeiTSchaft Dienste genommen, wo sie schon alles ge- wesen, wieviele Kinder sie habe u. s. w. Darüber befragte ich die Heiiin der Beiden,* und diese bestätigte die Geschichte Pmikt für Punkt, eine Geschichte, die ausser der A-ma nur ihr bekannt sein konnte. Das hatten also lebhaft»* Gesten auf der einen Seite, und lebhafte, sicher combinirende Phantasie auf der anderen Seite zu Wege gebracht.

Missionare, die sich zuerst unter einem wilden Volksstamme ansiedeln, mögen oft älmlieh daran sein; denn nicht allemal stehen ihnen für den ersten Verkehr mit den Eingebomen Dolmetscher zui* Verfügung, mid nur in gewissen Gebieten, z. B. dem malaio-polynesischen, dem kongo-kaffrischen, können sie si(4i durch vorherige Aneignung einer nahe verwandten Sprache auf die neue Auf- gabe vorbereiten. Mit welchen Schwierigkeiten sie manchmal gerade in sprach- licher Eichtung zu kämpfen haben, davon zeugen ihre Berichte: hier scheinen die Laute für eine europäische Zunge unnachahmbar, dort sind ihre Unterschiede so fein, dass jeden Augenblick die garetigsten Missverständnisse entstehen: hier ist die Formenlehre so reich und unregelmässig, dass das beste Gedächtniss sie kaum fassen möchte, dorf ist die Sprache so arm imd eng, dass man glaubt, sie erst für die Zwecke der christlichen Lehre zurecht modeln zu müssen, ein gefährliches Experiment! überwunden wird aber das Alles imd noch vieles Andere, hat doch der Sendbote Jahre und Jahi-zehnte lang Zeit zum Lernen und üben.

Reisende, die von Volke zu Volke wandernd Vocabulare zusammenraffen, sind oft in sehr misslicher Lage. Es kostet oft Zeit und Mühe, den Wilden nur dahin zu bringen, dass er die Namen der Dinge nennt, die man ihm zeigt. Man deutet auf die Waffe, die er bei sich führt, imd er sagt: die ist gross oder ist neu, die ist mein, oder die gebe ich Dir nicht; man hält ihm die Hand hin, und er sagt: die ist weiss, oder, schon besser: Deine rechte Hand, Deine Hand- fläche, Deine Finger u. s. w. Das fasst dann der arglose Reisende lautlich auf, so gut er es versteht, und trägt es ein sub rubro Bogen, Messer oder Streitaxt, und Hand. Vor mehreren Jahren versuchte ich es, einen Melanesier von Pcnta- costa über seine Sprache abzuhören. Um auch im grammatischen Sinne eine dritte Person imd einen Trialis zu haben, zog ich einen Bekannten hinzu. Was „ich" und „du", „mein" imd „dein" hiess, war leicht ermittelt. Kam aber der Dritte in Frage, wies ich auf seine Hände, seine Augen, Hess ich ihn singen u. s. w., so kehrte immer das Wort Jcöpman wieder, und ich weiss heute noch nicht, ob dies das Pronomen der dritten Person sein sollte, oder ob es das holländische Äoojpwaw = Kauf mann, imd dann weiter eine allgemeine Bezeichnung für jeden

§.1. A. Durch mündlichen Umgang. 69

europäischen Herrn war. Dazu kommt min die ganze Schaar derjenigen Miss- verständnisse, die auf der verschiedenen Natur der beiden Sprachen beruhen. Man vei'suche nur, gut aus einer europäischen Sprache in die andere zu über- setzen, so winl man gewahr werden, wie wenig sich selbst da die Begriffe flecken: und nun stelle man sich vor, man hätte es mit einer Sprache zu thiui, die einem ganz anderen Ideenki'eise entsprossen ist. Vocabulare, wie wir sie am Schlüsse von Reisewerken finden, nehmen sich oft recht stattlich aus; aber was bürgt für ihre Richtigkeit? Man muss solche Sammlimgen sehr dankbar hin- nehmen, deim sie sind bahnbrechend, aber auch sehr voi-sichtig, denn die Bahn, die sie eröffnen, ist eine sciüüpfrige. Irrthümer, wie ich sie vorhin anführte, finden sich in ihnen oft genug. Die Kunst des Inquirirens will durch tTbimg erworben sein, ich wenigstens wüsste nur wenige Rathschläge zu geben.

Tor Allem sehe man den Leuten scharf auf den Mund, wie sie Lippen, Zunge und Zähne stellen, und bilde ihnen die gehörten Laute so gut es gelien will nach.