VORGESCHICHTLICHE GRÄBERFELD

VON

ABUSIR EL-MELEQ

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DIE ANTHROPOLOGISCHEN ERGEBNISSE

VON

FRIEDRICH W. MÜLLER

LEIPZIG

J. C. HINRICHS’sche BUCHHANDLUNG I9I5

Die arehäologisehm Ergebnisse bearb. von GEORG MÖLLER werden folgen.

DIE ANTHROPOLOGISCHEN ERGEBNISSE

DES

VORGESCHICHTLICHEN GRÄBERFELDES

VON

ABLJSIR EL-MELEQ

FRIEDRICH W. MÜLLER

AUSGRABUNGEN

DER

DEUTSCHEN ORIENT- GESELLSCHAFT

AUF DEM VORGESCHICHTLICHEN GRÄBERFELD

VON

ABUSIR EL-MELEQ

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DIE ANTHROPOLOGISCHEN ERGEBNISSE

VON

FRIEDRICH W. MÜLLER

LEIPZIG

J. C. HINRICHS’sche BUCHHANDLUNG J9r5

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DIE ANTHROPOLOGISCHEN ERGEBNISSE

DES

VORGESCHICHTLICHEN GRÄBERFELDES

VON

ABUSIR EL-MELEQ

FRIEDRICH W. MÜLLER

MIT 197 ABBILDUNGEN IM TEXT UND 13 LICHTDRUCKTAFELN

LEIPZIG

J. C. HINRICHS’sche BUCHHANDLUNG 1915

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27. WISSENSCHAFTLICHE

VERÖFFENTLICHUNG DER DEUTSCHEN ORIENT- GESELLSCHAFT

Druck von August Pries in Leipzig.

Vorwort.

Die Frage nach der anthropologischen Stellung der altägyptischen Bevölkerung hat seit mehr als einem halben Jahrhundert zahlreiche Forscher beschäftigt, und es ist ver¬ ständlich, daß der Anthropologie eines Volkes, dessen Geschichte fast durch fünf Jahrtausende verfolgt werden kann, besonderes Interesse von Seiten der Rassenforschung entgegengebracht wird. Das günstige Klima des Landes und die wunderbar konservierende Beschaffenheit des Bodens haben ein historisches und anthropologisches Material erhalten, wie es kein zweites Volk aufzuweisen hat.

Der Umstand, dass diese Schätze meist durch Grabräuber entdeckt wurden, denen es natürlich in erster Linie auf kostbare Beigaben ankam, brachte es mit sich, daß in der ersten Zeit hauptsächlich Begräbnisstätten aus der Blütezeit, oder doch aus den Zeiten nationalen Wohlstandes, ausgegraben und untersucht wurden. Aber auch schon verhältnismäßig früh wurde den menschlichen Überresten Beachtung geschenkt, weil sie sich in einer besonderen, für die Forschung bequemen Form vorfanden, als Mumien. Mumienskelete sind in großer Zahl in alle anthropologischen Sammlungen gekommen und lieferten lange Zeit das einzige Material für Untersuchungen.

Begräbnisstätten aus der früheren Zeit, in welcher die Mumifizierung der Leichen noch nicht gebräuchlich war, sind erst neuerdings aufgefunden worden; dieselben veranlaßten eine Revision der früheren Anschauungen über die Abstammung der alten Ägypter, ergaben aber kein endgiltiges Resultat, weil sich, wie auch bei den Skeletresten aus späterer Zeit, heraus¬ stellte, daß schon in den frühesten geschichtlichen Zeiten die ägyptische Bevölkerung sich mit anderen Völkern vermischt hat. Das fruchtbare Land lenkte die Völkerscharen, welche von Asien her nach Westen an der Nordküste Afrikas entlang vordrangen, immer wieder in das Nildelta und lockte von Osten und Süden die Nachbarvölker heran. Die Frage nach den Ureinwohnern Ägyptens blieb in der Schwebe, wenn auch auf Grund des historischen und linguistischen Materials einzelne Forscher sich Meinungen bildeten.

Eine neue Wendung trat ein, als im Jahre 1896 Flinders Petrie Untersuchungen über die Skeletreste eines alten Friedhofs bei Naqada veröffentlichte. Aus der Art und Weise der Bestattung, in Hockerstellung, und aus der Bauart der Skelete, besonders der Schädel, folgerte der Autor, daß er hier die Überreste eines ganz fremdartigen Volkes vor sich habe, das in den Zeiten vor der dynastischen Periode in Ägypten gelebt haben mußte. Die eigenartige Form der Schädel veranlaßte ihn zu der Annahme, daß diese Ureinwohner Ägyptens eine eigene, bis dahin nicht gekannte Rasse bildeten.

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Diese Ansicht hat sich nachher zwar als irrig erwiesen, aber die Aufmerksamkeit der Archäologen wurde in erhöhtem Maße auf die Bedeutung der anthropologischen Reste ge¬ lenkt, sodaß dieses weniger gut erhaltene, vielfach sogar halb zerfallene Material gemessen bzw. gesammelt wurde. Das war z. T. eine Frage der Technik, denn es hatte große Schwierigkeiten, die äußerst brüchigen Knochen so vorsichtig aus dem groben Sande heraus¬ zuarbeiten, daß man anthropologisch etwas damit anfangen konnte. Reisner hat als Erster sich der Mühe unterzogen, die eingeborenen Arbeiter anzulernen und soweit zu schulen, daß sie ganze, völlig in Splitterchen zerfallene Skelete aus dem Sande herauspinseln konnten, eine Arbeit, die sich lohnte, und von der wir bei der Grabung in Abusir el-Meleq den größten Nutzen hatten.

Im Jahre 1904 wurde nun durch Dr. Rubensohn, der bei Abusir el-Meleq auf Papyrussärge grub, eine Anzahl von Hockergräbern freigelegt, welche er als prähistorisch be- zeichnete. Daraufhin hat die Deutsche Orient-Gesellschaft im folgenden Jahre eine Aus¬ grabung dieses Begräbnisplatzes veranstaltet, deren Leiter Dr. Möller war.

Durch die Munifizenz der Deutschen Orient-Gesellschaft war es mir möglich, an dieser Unternehmung mich zu beteiligen und das anthropologische Material zu bergen. Es ist mir ein Bedürfnis, hierfür meinen verbindlichsten Dank auszusprechen.

Während der Bearbeitung des Materials in den folgenden Jahren erschienen nun zwei Arbeiten über prädynastische Skelete, welche wohl als grundlegend für die Frage nach der Abstammung der altägyptischen Bevölkerung anzusehen sind, nämlich die Publikationen über die Ausgrabungen bei Naga ed-Deir und bei Schellal, deren anthropologischer Teil von Elliot-Smith bearbeitet ist.

Dieser Autor hat bei seiner langjährigen Arbeit in Ägypten ein ungeheures Material von alt- und neuägyptischen Skeleten gesehen und bearbeitet, sodaß er wie kaum ein Zweiter berufen war, in diese verwickelte Frage Licht zu bringen. Seine Arbeiten sind mir von allergrößtem Nutzen gewesen. (S. die Besprechung im letzten Abschnitt dieser Ver¬ öffentlichung.)

F. W. Müller.

Inhaltsübersicht

Seite

Einleitung (Material und Methode) . . . i_i4

Der prähistorische Friedhof von Abusir el-Meleq: seine Ausdehnung,

Zahl der Gräber, Art der Bestattung . i

Messungen der Skelete in den Gräbern . 5

Konservierung . 6

Verarbeitung des Materials . 10

Beschreibung der Skeletfunde.

I. Teil: Hockergräber . 15 224

I. Gruppe. Kleine männliche Skelete. (Skelet 1^10 und Ia, Ib) .... 15

II. Kleine weibliche Skelete. (Skelet 11 17) ........ 5p

III. Große männliche Skelete. (Skelet 18 32 und lila, Illb) ... 88

IV. Große weibliche Skelete. (Skelet 33 39 und IVa) . 164

V. Skelete jugendlicher Individuen. (Skelet 40 43 und Va, Vb) . . 205

II. Teil: Skelete in Strecksteilung, vermutlich aus der Hyksoszeit . . 225 262

VI. Gruppe. Durch archäologische Funde datiertes Grab. (Skelet 44 46) . . 225

VII. Bestattung ohne Beigaben. (Skelet 47 50) . 244

Gesamtbetrachtung der Skeletfunde . 263—295

Sonderang in Gruppen, Geschlechtsbestimmung . 263

I. Kleine männliche Skelete aus Hockergräbern . 267

II. Kleine weibliche Skelete aus Hockergräbern . 270

III. Große männliche Skelete aus Hockergräbern . .273

IV. Große weibliche Skelete aus Hockergräbern . . 280

V. Skelete jugendlicher, unerwachsener Individuen aus Hockergräbern . .

VI. Wahrscheinlich Hyksos-Skelete in Strecksteilung .

VII. Skelete vermutlich aus der Zeit der Hyksos in Strecksteilung .

Vergleichung der Gruppen VI und VII .

Schlüsse auf die Zugehörigkeit zu den einzelnen Rassen.

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285 290 294

Literatur über die Herkunft der Ägypter .

Skelete aus Hockergräbern I. IV. Gruppe .

Skelete in Strecksteilung .

Tabelle der Messungsresultate an den Skeleten aus den Hockergräbern . . Literaturverzeichnis .

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312

Textabb. Tafel

2—41 i—3

42—66 3, 4

67—124 5—8

125— 152 8—10

153— 171 11

172—185 11, 12

186—197 i2, 13

Material und Methode.

Das gesamte Skeletmaterial, welches in dieser Arbeit behandelt wird, stammt aus einem zusammenhängenden Begräbnisplatze. Die Bestattungen waren fast durchweg Einzelbestat¬ tungen, doch fanden sich dazwischen ganz vereinzelt Gräber aus späterer Zeit, welche mehrere Skelete enthielten.

Die planmäßige Arbeit begann damit, daß durch Probeschürfungen zunächst festgestellt wurde, wie weit sich etwa der prähistorische Begräbnisplatz erstreckte. Diese Versuche zeigten, daß die Ausdehnung desselben keine besonders große war. Auf dem ermittelten Begräbnisplatze würden, um die Gräber orientieren zu können, Quadrate von io m Seiten¬ länge bestimmt, deren Seiten genau von Norden nach Süden, resp. von Osten nach Westen liefen. Diese großen Quadrate wurden mit fortlaufenden Zahlen bezeichnet und ihrerseits wieder in ioo Quadratmeter eingeteilt. Die Bezeichnung der letzteren erfolgte in derselben Weise, wie es auf Stadtplänen u. dgl. üblich ist, nämlich durch Buchstaben (a k) in der einen, und durch Zahlen (i xo) in der anderen Richtung. So war das einzelne Grab durch seine volle Bezeichnung (etwa 15. k. 10) auf den Quadratmeter genau bestimmt. Im Verlauf der Grabung wurden 62 Quadrate zu je 100 Quadratmeter durchgearbeitet und auf diese Weise etwa 700 Gräber untersucht. Die Verteilung der Bestattungen über die Fläche war außer¬ ordentlich ungleich; teilweise lagen sie so dicht, daß nur ein geringer Zwischenraum die einzelnen Gräber trennte, teilweise lagen sie mehr isoliert. Das erstere war hauptsächlich der Fall bei Bestattungen ohne oder mit nur wenigen Beigaben; Beisetzungen dagegen mit zahl¬ reichen Beigaben lagen häufig etwas abgesondert von den übrigen. So kommt es, daß die Zahl der Bestattungen in einzelnen (großen) Quadraten bis auf 43 steigt, in anderen viel geringer ist. In einigen Fällen fanden sich zwei Bestattungen in Hockerstellung dicht über¬ einander, woraus wohl geschlossen werden kann, daß die Stelle des Grabes bei der zweiten Beisetzung nicht mehr kenntlich war.

Da es nun wunderbar erscheint, daß aus so zahlreichen Gräbern nur die wenigen Skeletreste geborgen werden konnten, welche hier beschrieben sind, trotzdem alle Mittel an¬ gewandt wurden, um eine reiche Ausbeute zu erhalten, so muß ich hierfür zunächst Er¬ klärungen geben. Die Hauptursache, welche die Zerstörung des weitaus größten Teils der Skelete verschuldet hat, ist das Salz, welches in bestimmter Tiefe, meist etwa 30 60 cm unter der Oberfläche, in zusammenhängender Schicht gefunden wird. Diese Salzschicht (Seesalz) ist an manchen Stellen sehr stark, sodaß sie als mehrere Finger dicke Platte gehoben werden könnte. Alle Bestattungen lagen nun innerhalb oder unterhalb dieser Schicht; dieselbe mußte also in allen Fällen beim Graben der Grube zerstört werden, damit die Leiche in die ge¬ hörige Tiefe unter der Oberfläche kam. Steine oder dgl. wurden nicht auf die Leiche ge¬ worfen, sondern die Grube wurde mit dem ausgegrabenen Schutt angefülit. Nur bei den

Frdr. Müller, Antropologisches.

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Material und Methode.

reicheren Beisetzungen mit vielen Beigaben fand sich hin und wieder ein Abschluß gegen diesen Schutt durch Matten oder Bretter. Das Salz, welches dem Schutt beigemengt war, löste sich beim Zerfall der Leiche in der Leichenflüssigkeit und gelangte mit dieser in alle Hohl¬ räume der Knochen. Später, nach Beendigung der Leichenzersetzung, trocknete das um¬ gebende Erdreich wieder, und das in den Knochen enthaltene Salz kristallisierte aus; dabei wurde dann die Knochensubstanz in mehr oder minder feine Partikel zersprengt.

Am schlimmsten stand es um die Skelete, welche sehr dicht unter der Oberfläche im Bereich der Salzschicht und in dem der atmo¬ sphärischen Niederschläge lagen; hier wurde von Zeit zu Zeit bei größeren Regengüssen ein Teil des Salzes wieder gelöst und kristallisierte später, in der trockneren Zeit des Jahres, aus. Auf diese Weise war die Schädigung der Skeletteile eine viel inten¬ sivere als bei denjenigen Knochen, welche tiefer lagen und von den atmosphärischen Niederschlägen nicht erreicht wurden. Manche Skelete fanden sich

zersprengt und auf die Dicke von wenigen Zentimetern zusammen¬ gesunken in einer ebenso dicken zusammengesinterten Salzplatte. Die einzelnen Knochen waren vollkommen erkennbar, aber irgendwelche Verwertung, auch etwa nur durch Messungen, war ausgeschlossen.

Ein weiterer Umstand, welcher die Skeletausbeute verringerte, war der, daß unter dem Grabungspersonal anfangs nur ein Arbeiter war, welcher schon Übung in der Behandlung von Skeleten hatte; er war allerdings ein wahrer Künstler in seinem Fach, legte Skelete aus dem umgebenden Sand und Schutt in bewundernswürdiger Weise frei und konnte sogar einzelne Knochen und Knochenteile des Schädels von anderen, z. B. der Extremitäten oder der Wirbelsäule, unterscheiden, wobei allerdings mitunter Fehler vorkamen. Seine Kenntnisse hatte er bei früheren Grabungen unter Reisner erworben, wo die Skeletreste sorgfältig ge¬ sammelt worden waren.

Dagegen waren nun die meisten Arbeiter ganz ungeübt und merkten vielfach erst dann, daß sie in der richtigen Tiefe waren, wenn einige der großen Knochen angeschlagen und teilweise oder ganz zerstört waren, oder aber, wenn Beigaben erschienen. Die Stellen, an denen sich Gräber befanden, waren in manchen Fällen an einer kleinen, muldenartigen Ver¬ tiefung an der Oberfläche erkennbar, meistens aber nur im Laufe der Abtragung der ober¬ flächlichen Schicht an der oben erwähnten Durchbrechung der Salzschicht.

So kam es, daß in der ersten Zeit nur wenige, meist unbrauchbare Skeletteile ge¬ wonnen wurden, und erst später, als auch die übrigen Vorarbeiter eingelernt waren, die Ausbeute reicher wurde.

Nicht in allen Gräbern lagen nun die Skelete in derselben Stellung, wie man die Leiche ehedem beigesetzt hatte, sondern garnicht selten lag der Schädel abseits vom übrigen Skelet oder die Knochen lagen überhaupt zerstreut am Boden des Grabes; in einem Falle z. B. lag der eine Oberarmknochen so, daß er vom Unterkiefer bedeckt wurde. Man könnte wohl an Grabräuber denken, welche ja alle Begräbnisstätten auf ihre Art ausbeuten, und zweifellos sind sie an der Plünderung eines großen Teils der zerstörten Gräber schuld. Aber

in ihrer natürlichen Stellung in feinste Teilchen

Abb; i.

Stück von der Röhre eines Ober¬ schenkelknochens in einen Klum¬ pen von Salzkristallen eingebettet.

Material und Methode.

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in zahlreichen Fällen waren in solchen gestörten Gräbern eine Anzahl wertvoller Beigaben intakt erhalten, und ihre Anordnung ließ die ursprüngliche Lage des Skelets erkennen (z. B. 56. c. 7). Ich möchte annehmen, daß diese Störungen durch diejenigen Tiere verursacht worden sind, welche sich sonst als Aasfresser nützlich machen und auch heutigen Tags die Leichen¬ teile in den ägyptischen Friedhöfen zu erreichen wissen, nämlich die Schakale und die Ratten.

Dicht bei unserem Grabungsfeld ist ein ägyptischer Friedhof gelegen, welcher noch jetzt benutzt wird. Hier konnte man es direkt beobachten, wie die Schakale Gänge gruben, um an die Leichen zu gelangen; und daß sie diese selbst aufsuchten, ging daraus hervor, daß man dort zahlreiche rezente Menschenknochen herumliegen sah, welche vollkommen ohne Fleischreste, aber sonst stets unversehrt waren. Namentlich die frischen Gräber zeigten deutlich die Spuren dieser Tätigkeit der Schakale, welche in jeder Nacht in Massen an das Dorf Abusir el-meleq und den dazugehörigen Friedhof herankamen. Das wird in prä¬ historischer Zeit auch nicht anders gewesen sein und erklärt wohl zwanglos einen Teil des Verlustes an Skeleten. Leider habe ich keinen Knochen mit einwandsfreien Beweisen, also Zahneindrücken von Schakalen gesehen, aber bei der morschen Beschaffenheit der Skelete und der Einwirkung des Salzes hätte ich wohl nur durch Zufall die richtige Deutung gefunden. Außerdem sind die Gebisse der Schakale zu schwach, um die großen, öfters gut erhaltenen Extremitätenknochen nachdrücklich zu beschädigen. Dagegen habe ich an einem Schädel zweifelsfreie Spuren der Tätigkeit von Ratten gefunden (36. g. 3): die Umgebung des großen Hinterhauptsloches fehlt vollständig, und dieser Defekt grenzt sich nach außen durch eine ganz scharfe Kante ab, welche dicht nebeneinander liegende Eindrücke von feinen Zähnen aufweist; das kann kaum etwas anderes sein als Spuren von Rattenzähnen, zumal Ratten in ungezählter Menge das ganze Fruchtland bevölkern und von dort aus das umliegende Gelände erreichen.

In allen Fällen, in denen das Grab ungestört erhalten war, fand sich das Skelet, abgesehen von der Salzwirkung, intakt. Ich habe kein einziges Skelet angetroffen, dessen Zustand mir irgendeinen Anhaltspunkt dafür geboten hätte, daß die Sitte bestand, die Leiche in verschiedener Weise zu verstümmeln, wie es Flinders Petrie (9) auf Grund seiner Beobachtung annahm.

Da die Funde in Naqada und Ballas den Anschein erweckten, als ob aus ihnen auf eine allgemein verbreitete Begräbnissitte dieses Volkes in der betreffenden Zeit geschlossen werden könnte, so muß ich die wichtigsten Tatsachen genauer besprechen. Die Schlüsse, welche Petrie, aus den Beobachtungen zieht, gibt er zwar mit allem Vorbehalt wieder, aber sie sind doch die einzigen Erklärungen geblieben, welche bisher für die auffallenden Erscheinungen gegeben wurden.

Petrie glaubt: 1. daß der Kopf der Leiche oft mit Absicht vom Körper entfernt wurde, und schließt das aus folgenden Befunden: das Skelet war nicht immer in seinem natürlichen Zusammenhang, sondern der sicherlich vor der Bestattung abgetrennte Kopf, eventuell mit Teilen des Halses, lag in einer Ecke des Grabes oder in entgegengesetzter Richtung wie der Körper, oder war durch Beigaben, wie Krüge, Körbe mit Krügen u. dgl., vom übrigen Körper getrennt, oder aber es fehlte ein Stück der Wirbelsäule;

2. daß der Schädel besonders beigesetzt wurde, bisweilen erst nach dem Begräbnis des Körpers, vielleicht, um ihn besonders zu ehren; in manchen Fällen lag nämlich der Schädel an einer bevorzugten Stelle, auf besonderer Unterlage u. dgl.;

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Material und Methode.

3. daß Vorderarme und Hände bisweilen vor dem Begräbnis entfernt wurden, weil er intakte Gräber fand, in denen an der Stelle der Unterarme und Hände Beigaben sich be¬ fanden, oder in denen diese Körperteile in einer Ecke des Grabes, entfernt vom Körper, lagen;

4. daß bisweilen der Körper vor der Beisetzung in Stücke geschnitten wurde: es fanden sich Skelete, bei welchen die Rippen kurz abgeschnitten waren, oder bei sonst voll¬ ständiger Wirbelsäule das Kreuzbein fehlte, oder die Rippen auf einem Haufen abseits lagen;

5. daß der Körper bisweilen vor der Beisetzung zerstückelt wurde und seine Teile nachher wieder künstlich und willkürlich arrangiert wurden: in einem Falle waren die Ober¬ schenkelknochen von vier Leichen nebeneinander gelegt, die Beckenknochen lagen zerstreut herum; in einem anderen waren die Knochen auf einem Haufen in besonderer Weise auf¬ geschichtet;

6. daß die Leichen bisweilen zerschnitten und teilweise gegessen wurden. In einem Grabe lagen nämlich sechs Schädel in einer Reihe und ein großer Haufen anderer Knochen; von manchen der langen Röhrenknochen waren die Enden abgebrochen, die Spongiosa zerstört und die Markhöhle eröffnet, in der Art, wie es ein Tier nicht machen kann.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß man berechtigt ist, aus dem Zustand dieser Skelete darauf zu schließen, daß die betreffenden Leichen vor der Beisetzung in verschiedenartigster Weise zerstückelt worden waren. Eine andere Frage aber ist es, ob man sich mit der Deutung, die Flinders Petrie gibt, einverstanden erklären kann, ob man also zugibt, daß eine bewußte und gewollte Zerstückelung bzw. Verstümmelung der Leiche, als Teil des Toten¬ kultus, vorliegt.

Nach meinem Ermessen ist man, wenn andere Beweise fehlen, gezwungen, alle Mög¬ lichkeiten ins Auge zu fassen, welche zu einer der von Petrie beobachteten Veränderungen der Leiche fuhren können, und ist dann wohl imstande, eine ganze Reihe anderer Erklärungen für diese Erscheinungen zu finden.

G. Schweinfurth hat schon 1897, also kurze Zeit nach dem Erscheinen des Werkes von Flinders Petrie, die Annahme von Leichenzerstückelung und Kannibalismus zurück¬ gewiesen. Er erklärt die betreffenden für sekundäre Bestattungen, bei denen also während der ersten Phase der Beisetzung einzelne Teile des Skeletes verlorengegangen waren. Diese Art der Bestattung wurde nur bei wohlhabenden Leuten angewendet, während Arme in Hockerstellung beerdigt wurden. Die Gräber der letzteren Art waren am häufigsten und gehörten einer anthropologisch primitiveren Bevölkerungsklasse an als die ersteren.

Die Integrität eines Skelets schätzt Schweinfurth überhaupt gering ein und meint, daß es in Ägypten außer in den Mumiengräbern kein vollständiges Skelet gebe. Diese Ansicht stimmt aber nicht mit dem überein, was ich in Abusir el-meleq gesehen habe; dort. fanden sich die meisten Skelete vollständig und sicher ohne Zerstückelung vor.

Außer an sekundäre Bestattung hat man wohl bei Auffindung unvollständiger Skelete noch an folgende Möglichkeiten zu denken:

Zunächst kommen Zerstückelungen des Körpers bei Lebenden als Strafmethode in Betracht, also die Hinrichtung durch Enthaupten und Zerreißen, ferner das Abhauen einzelner Glieder. Die Köpfe Enthaupteter wurden häufig zur Schau gestellt und könnten dann nach¬ träglich von den Verwandten beigesetzt sein. Ebensolche Verletzungen des Körpers ergeben

Messungen der Skelete in den Gräbern.

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sich im Kriege oder bei räuberischen Überfällen; es ist sehr wohl denkbar, daß einzelne Teile so zerstückelter Leichen erst später gefunden und dann in demselben Grabe an besonderer Stelle bestattet wurden.

Die Leiche kann auf verschiedene Weise ohne Absicht der Bestattenden zerstückelt worden sein. Sehr häufig ist heute noch bei Naturvölkern die Verstümmelung getöteter Feinde, sei es im Kriege, sei es nach einem Morde; denn daß die dort bestatteten Leute friedliebend waren, gestattet nicht, anzunehmen, daß sie den Verfolgungen der Nachbarvölker nicht ausgesetzt waren; da wir. ja sehen, wie in der geschichtlichen Zeit der Besitz des frucht¬ baren Landes die Sehnsucht aller der Völker war, welche Ägypten kannten.

Durch die Skeletfunde, welche in Naga ed-der (Ober-Ägypten) gemacht und von Elliot Smith bearbeitet wurden, wissen wir übrigens, daß Knochenverletzungen in prähistori¬ scher Zeit in Ägypten nichts Besonderes waren, sondern daß sie im Gegenteil häufig vor¬ kamen. Die Bewohner müssen also doch öfters Kämpfe mit Nachbarn oder anderen Ein¬ dringlingen geführt haben.

Außerdem kommen Verletzungen durch Raubtiere in Betracht, welche freiliegende Leichen, z. B. von Verunglückten oder Getöteten, zerreißen und einzelne Teile verschleppen; die letzteren können dann erst später oder garnicht airfgefunden worden sein. So kann man es auch erklären, daß von mehreren Verunglückten durch die äasfressenden Raubvögel und Säugetiere nur wenige Reste, etwa die Köpfe und die stärksten Knochen, übriggelassen wurden, welche nach der Auffindung zusammen bestattet wurden. Von den Raubtieren ist es bekannt, daß sie die weichen Gelenkehden der Röhrenknochen zuerst zerbeißen, um zu dem Mark in den Gelenkenden oder in der Röhre zu gelangen; es läßt sich schwerlich aus dem Zustande derart beschädigter Knochen feststellen, ob ein Tier oder ein Mensch die Spongiosa zerstört hat, wenn nicht etwa Zahneindrücke den Beweis liefern sollten.

Meiner Meinung nach sind die gegebenen Erörterungen genügend, um die von Flinders Petrie beobachteten Tatsachen zu erklären, obwohl sich vielleicht noch andere Gründe finden ließen; und man braucht wohl kaum seine Zuflucht zu der Meinung zu nehmen daß durch den Totenkultus solche Verstümmelungen der Leiche vorgeschrieben waren. Erst dann, wenn alle die obengenannten Möglichkeiten der Veränderung der lebenden Körper oder der Leichen als undenkbar sich herausstellten, würde man berechtigt sein, eine be¬ absichtigte Verstümmelung der Leichen als Sitte anzunehmen. Ich muß dem vor allem ent¬ gegenhalten, daß bei Abusir el-meleq auf einer Begräbnisstätte einer etwas früheren Zeit keine Spuren eines solchen Brauches gefunden wurden.

Messungen der Skelete in den Gräbern. Nach einigen Versuchen habe ich von der Messung der Schädel, solange sie innerhalb der Gräber lagen, vollständig abgesehen, weil ich bald merkte, daß auf diese Weise irgendwie brauchbare Zahlen nicht zu erhalten waren; denn die Schädel waren entweder gedrückt oder teilweise zertrümmert, und außerdem konnten diese Maße keinerlei Vorteil gegenüber denen besitzen, die später nach der Zusammen¬ setzung der Schädel gewonnen wurden.

Ich habe mich deswegen darauf beschränkt, eine Anzahl von Längenmessungen vor¬ zunehmen, welche aber wegen der Splitterung fast aller Skelete nur wenig zahlreich sein konnten. Das Maß wurde in der Weise genommen, daß mit einem langen Schiebezirkel drei

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Material und Methode.

Entfernungen bestimmt wurden: i. vom Scheitel bis zum Hüftgelenk, 2. vom Hüftgelenk bis zum distalen Ende des Femur, 3. vom proximalen Ende der Tibia bis zum Tuber calcanei.

Daß diese Messungen nicht die genaue Länge des Skelets, die es im Leben hatte, angeben können, ist klar. Die Fehlerquellen sind im wesentlichen folgende: Mit dem Tode tritt eine Verlängerung der Wirbelsäule ein, da die Belastung fehlt. Ferner ist die Krümmung der Wirbelsäule durch die Hockerstellung modifiziert und zwar bei den einzelnen Leichen in verschiedener Weise, da die Biegung des Rumpfes, wie aus den beigegebenen Zeichnungen hervorgeht, bald stärker, bald schwächer ist (vgl. Abb. 57 mit Abb. 17).

So können also die Maße nach beiden Seiten hin abweichen, entweder zu groß oder zu klein sein. Dasselbe gilt aber auch für die Messungen anderer Autoren, sodaß große Differenzen jedenfalls ausschlaggebend sind.

Waren nun die Gräber ausgeräumt, die Skelete und Beigaben freigelegt, so hätte man wünschen müssen, daß nun auch der Inhalt des Grabes sogleich geborgen worden wäre. Das ging aber deshalb nicht ah, weil erst noch die photographischen Aufnahmen der Be¬ stattungen gemacht werden mußten, was am besten Mittags um 12 Uhr geschah, weil die Gräber von Süden nach Norden orientiert waren. Später wurden die Beigaben herausgenommen und notiert, und dann konnte ich an das Bergen der Skeletteile gehen.

Während der Zeit, welche vom Freilegen der Skelete bis zu ihrer Bergung verging, waren dieselben natürlich allen Schädigungen von außen her ausgesetzt. Die Sonne erhitzte sie ganz außerordentlich, sodaß man das Springen der Knochen direkt beobachten konnte. Die Sonnenwirkung war so intensiv, daß sie die Knochen von einem zum anderen Tage deutlich sichtbar ausbleichte. Mußten die Skeletteile, weil sie Nachmittags freigelegt waren, über Nacht liegen bleiben, so nahmen sie die Morgenfeuchtigkeit, so gering sie war, begierig auf und zerfielen dann beim Austrocknen durch die Sonne umso sicherer; die Knochen waren durch den Verlust der organischen Substanz so hygroskopisch, daß sie an der Zunge klebten.

Um die Mittagszeit war die Gefahr der Zerstörung der freigelegten Knochen am größten; denn um diese Zeit wehte fast immer ein starker Wind von Norden her, der von häufigen Sandhosen begleitet war. Diese Wirbelwinde schleuderten Sand und große Kiesel¬ steine in die Höhe und bewegten sich fast täglich in größerer Zahl über das Grabungsfeld hinweg. Bei tiefer angelegten Gräbern gewannen nun, wie erklärlich, die Steine eine solche Wucht, daß sie freiliegende Schädel und selbst Oberschenkelknochen, wenn sie nicht zu fest waren, zerschlugen. Ich war manches Mal wirklich verzweifelt, wenn ich sehen mußte, wie Knochen, die Vormittags sehr gut ausgesehen hatten, inzwischen verändert waren.

Nach alledem mußte man es überhaupt als ein Wunder betrachten, wenn Skeletteile bis zur Hebung unversehrt blieben, und es war eben nur dann möglich, wenn die Knochen tief gelegen hatten, und vor allem, wenn sie schnell geborgen werden konnten. Die weitaus größte Zahl der Knochen war zerbrochen und mußte zusammengesetzt werden, hauptsächlich die Schädel, welche natürlich durch die Hohlräume im Innern am meisten gefährdet waren.

Konservierung. Es galt nun, die Skeletteile in einen Zustand zu bringen, in dem sie den Transport nach Europa mit der langen Seereise ohne Schaden überstehen konnten, und ich glaubte, diesen Zweck am besten erreichen zu können, wenn ich die Schädel an Ort und Stelle zusammensetzte. Von denjenigen Methoden, welche bisher zur Konservierung von

Messungen der Skelete in den Gräbern Konservierung.

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brüchigen Knochen empfohlen sind, schien mir keine völlig brauchbar, weil die Imprägnierung den Knochen nicht die erwünschte Stoßfestigkeit verleiht, namentlich, wenn es sich um defekte, dünne Schädeldächer handelt. Die Versuche, welche ich vor meiner Abreise nach dieser Richtung hin machte, ergaben mir eine einfache und, wie sich später herausstellte, außer¬ ordentlich brauchbare Methode, welche so sehr der Modifikationen fähig ist, daß sie sich für viele Zwecke eignet.

Ich ging davon aus, daß es sich bei brüchigen Knochen ganz allgemein um eine Ver¬ stärkung der Oberflächenschicht handeln muß, und versuchte es zunächst mit einer dünnen, zusammenhängenden Schicht von Leim oder Syndetikon. Es stellte sich aber heraus, daß die Schicht zu wenig Festigkeit gab und beim Trocknen brüchig wurde. Da versuchte ich es mit einer Einlage von Verbandgaze, welche sich jeder Oberfläche anpassen läßt und nur wenig aufträgt; ich brachte zu diesem Zweck zunächst auf den Knochen eine dünne Schicht Syndetikon, drückte dann in diese die Gaze ein, strich noch einmal dünn Syndetikon darüber und ließ trocknen. Das Ergebnis war ein ausgezeichnetes; die Festigkeit wurde sehr groß, sodaß ein auf der Außen- und Innenseite derartig behandeltes Schädeldach sogar einen mäßigen Fall erleiden kann, ohne zu zerbrechen. Ist eine Lücke im Schädeldach vor¬ handen, so kann man diese dadurch schließen, daß man die geleimte Gaze über sie hinweg laufen läßt, wodurch die Festigkeit des Knochens wesentlich erhöht wird.

Mit dieser Methode ausgerüstet begann ich in Abusir die Zusammensetzung der ge¬ borgenen Skeletstücke. Namentlich in der ersten Zeit hatte ich, wie oben gezeigt, reichlich Muße und konnte alles richtig ausprobieren. Zunächst galt es, die Knochen zu reinigen und vom Salz zu befreien; denn ein größerer Salzgehalt mußte das Festbleiben des Leims in feuchterer Atmosphäre hindern, und die Knochen enthielten teilweise so viel Salz, daß die Kristalle eine dichte Schicht auf der Oberfläche bildeten. Da wir nun nur das filtrierte brackige Wasser der Brunnen von Abusir zur Verfügung hatten, ist mir dort eine völlige Entsalzung nicht gelungen. Das zeigte sich, als die Skelete hier in Tübingen ankamen, dadurch, daß sich manche Klebstellen erweicht hatten und kleinere Stückchen abgefallen waren.

Nach dem Entsalzen wurden die Knochenstücke an der Sonne getrocknet, dann mit einer Lösung von Syndetikon durchtränkt, wieder gut getrocknet und dann mit Syndetikon zusammengesetzt. Bei den Schädeldächern wurde stets eine innere, bisweilen auch eine äußere Gazekappe angelegt, wodurch ich erreichte, daß dieselben hier in tadelloser Ver¬ fassung ankamen.

Syndetikon benutzte ich statt des sonst gebräuchlichen Tischlerleims, weil es kaum möglich gewesen wäre, Leim immer in der gewünschten Konsistenz bereit zu halten; bei der späteren Zusammensetzung habe ich Tischlerleim zum Durchtränken und Syndetikon nur zum Zusammenkleben der Stücke verwendet.

Wenn nun auch in keinem Falle die Zusammensetzung eine endgiltige war, weil alle Knochen noch Salz enthielten, so verdanke ich doch der dort geleisteten Arbeit, die bei der herrschenden Hitze keine angenehme war, daß die Schädel vollständig waren und sich später richtig zusammensetzen ließen. Denn wenn die Stücke eines Schädels, der graubraun gefärbt ist, in einem Schutt teilweise eingebettet liegen, der ziemlich dieselbe Farbe hat, so ist es schwer, alle die kleinen Stückchen zu finden, welche z. B. dem Gesichtsschädel seine Voll-

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Material und Methode.

ständigkeit geben, wie der Jochfortsatz des Stirnbeins und des Schläfenbeins, ferner der Stirn¬ fortsatz des Jochbeins und des Oberkiefers u. dgl. Setzt man aber den Schädel an Ort und Stelle zusammen, so fehlen natürlich zunächst einige dieser Partikel und man kann in dem betreffenden Grabe suchen, ob man sie herausfindet. Deshalb habe ich auch die Heraus¬ nahme aus den Gräbern selbst besorgt, denn von den Arbeitern kann man eine solche Kenntnis nicht verlangen.

Außer den Schädeln wurden auch die übrigen Skeletteile in dieser Weise behandelt, was sich sehr bewährt hat. Ich würde es bei analogen Fällen stets empfehlen, in derselben Weise vorzugehen, denn die spätere endgiltige Zusammensetzung ist eine so ungeheure Arbeit, daß man sie eigentlich nur verantworten kann, wenn man die Gewähr hat, daß alle wichtigen Teile erhalten sind; mag sonst von nebensächlicheren Stücken fehlen, was will. Wie aus¬ sichtslos ohne diese Vorarbeiten ein späterer Aufbau der Skeletteile aus ihren Fragmenten ist, hat sich leider ein Jahr später gezeigt, in dem die Grabung in Abusir el-meleq fort¬ gesetzt wurde. Aus dem Bericht H. Virchows im Jahre 1907 über die Ausbeute geht so recht hervor, wie wenig mit solchen Skeletteilen nachher anzufangen ist, welche nicht in sachverständiger und sorgfältigster Weise geborgen worden sind. Bei derartigem Material ist man in ähnlicher Lage, wie die Paläontologen; denn der mühselige Wiederaufbau der Fundstücke ist die Vorbedingung für eine spätere Bearbeitung und erfordert bei weitem die größte Aufopferung von seiten des Untersuchers.

In den späteren Wochen der Grabung wurden die Funde besser erhaltener Skelete häufiger, und es blieb mir nicht mehr genügend Zeit, die Stücke zusammenzusetzen; denn ein Schädel beanspruchte, wenn alle wesentlichen Teile vorhanden waren, im günstigsten Falle einen und einen halben Tag. Da begnügte ich mich denn damit, die Bruchstücke aneinander zu legen, etwa fehlende Partikel noch heranzuholen und sie dann zusammenzupacken. Die Stückchen wurden in Seidenpapier (von bestimmter Farbe für jedes Objekt) gewickelt und mittels Rohbaumwolle in Blechschachteln verpackt. Sie haben dann ebenso wie die zusammen¬ gesetzten Skeletstücke die Reise gut überstanden.

Eine wichtige Sache ist bei der Bergung von Skeleten die Bezeichnung, und ich glaube, daß die von uns geübte Methode, Aufschrift mit Bleistift in möglichst großen Ziffern und Buchstaben, eine zweckmäßige ist. Nur einmal ließ sie im Stich, nämlich bei einem Schädel, der sich nach der Herausnahme aus dem Grab, wo die Aufschrift gemacht war, dicht mit feinsten Salzkristallen bedeckte; letztere hoben dann die Graphitteilchen vom Knochen ab. Ich war aber in diesem Falle durch meine Notizen und die Photographie des Grabes in der Lage, die Identität des Schädels sicherstellen zu können.

Nach der Ankunft des Materials in Tübingen wurden sämtliche Skeletstücke, ob zusammengesetzt oder nicht, zunächst sorgfältig entsalzt. Dabei machte ich die unangenehme Erfahrung, daß in der ersten Zeit einige Stücke wieder Salzkristalle nach dem Trocknen zeigten, offenbar, weil das Wasser nicht heiß genug war und nicht oft genug gewechselt wurde. Erst als ich die Knochen in fließendem Wasser von 40 50 0 C. mehrere Stunden lang beließ, war alles Salz in Lösung gegangen. Das erscheint auf den ersten Blick als eine starke Zumutung für ein so außerordentlich brüchiges Material, aber die Befürchtungen, daß die Knochen weich und mürbe werden würden oder aber sich verbiegen könnten, haben sich als

Konservierung.

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unnötig erwiesen. Wenn die Masse sich im Wasser nicht sofort auf löst und zerfällt, hält sie auch ein längeres Liegen darin ohne Schaden aus; und Verbiegungen gehen wohl meist von der organischen Masse aus, welche bei diesem Material nicht mehr nachweisbar ist, da die Kno¬ chenstücke sich in Salzsäurelösung vollkommen auflösen. Immerhin ist es klar, daß diese Pro¬ zedur volle Aufmerksamkeit erforderte, weil die einzelnen Stücke sich sehr verschieden verhielten.

Nach dem Entsalzen und Säubern wurden die Skeletteile im Wärmofen schnell ge¬ trocknet, weil das Trocknen an der Luft zu lange dauert, bei dicken Stücken oft mehrere Tage erfordert, und weil die Knochen, solange sie naß sind, außerordentlich empfindlich sind und bei zu lange währender Durchnässung sich durch ihre Schwere verändern können. Der Trockenofen ist von einfachster Konstruktion; die Verbrennungsgase eines Mikrobrenners gehen durch eine mit Blech ausgeschlagene Kiste, in der einige Querroste aus Drahtgaze übereinander angebracht sind. Die Gase ziehen oben durch einen Schornstein mit Regulier¬ klappe ab. Die Einrichtung hat sich sehr bewährt, ja man kann sagen, daß die ganze Arbeit des Zusammensetzens unmöglich geworden wäre ohne dieselbe. So dauert z. B. das Trocknen der Stücke eines Schädels oder eines Beckens im Sommer bei trocknem Wetter mindestens 24 Stunden, im Wärmofen dagegen nur eine halbe bis eine ganze Stunde; im Winter müßte die Arbeit, wenn man keinen Wärmofen verwendet, ruhen.

Aus dem Trockenofen, welcher jedesmal nach der Beschickung mit Material von ca. 30 0 auf 50 0 erwärmt wurde, kamen die Knochenstücke in ein Sieb und wurden mit diesem in eine heiße Lösung von Tischlerleim, die allmählich auf 80 0 erhitzt wurde, gebracht, wo sie so lange blieben, bis keine Luftbläschen mehr aufstiegen. Dann wurden die Stückchen, auch wenn sie noch so kleine Splitter waren, einzeln auf einen Drahtgazerost gelegt und im Wärmofen getrocknet. In einigen Stunden konnten die Knochen absolut trocken aus dem Ofen genommen werden und waren nun zum Zusammensetzen fertig.

Bei der Rekonstruktion machte ich es mir zum Prinzip, keine fehlenden Teile in der Weise zu ergänzen, wie es leider häufig geschieht, durch plastische Massen. Kein Mensch kann bei der großen Variationsbreite an allen Teilen des Körpers wissen, wie ein fehlender Skeletteil ausgesehen hat, und eine Ergänzung, selbst von einem Sachverständigen, ist meistens wertlos. Fehlt ein Teil eines Knochens, so muß man eben auf ihn verzichten und kann ihn für Messungen nicht verwerten.

Ganz anders liegt der Fall, wenn zwischen einem geschlossenen Kranz von Knochen¬ stücken eine Lücke übrigbleibt, welche die umliegenden Teile leichter verletzlich macht, z. B. an den dünnen Knochen des Gesichtsschädels, an der Darmbeinschaufel usw.; hier muß man im Interesse der Festigkeit die dünnen Bruchränder des Knochens stützen, aber die Stütz¬ masse muß auf den ersten Blick als solche kenntlich sein. Ich benutzte zu diesem Zwecke die geleimte Gaze, welche die Stücke fest verbindet, dabei auch einen gewissen Grad von Elastizität beibehält und sofort als fremder Teil erkannt werden kann.

Die Zusammensetzung begann damit, daß die einzelnen Knochensplitter durch Syn¬ detikon aneinander geleimt wurden. Die Ränder wurden reichlich bestrichen und dann die beiden Stücke fest gegeneinander gepreßt, um allen überschüssigen Leim zu entfernen; dabei ist zu beachten, daß das Syndetikon stets dünnflüssig gehalten wird, weil sonst die Kleb¬ schicht zu dick wird und später bricht. Die Reihenfolge, in welcher man die Knochenstücke

Frdr. W. Müller, Anthropologisches.

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Material und Methode.

zusammensetzen soll, läßt sich nicht ein für alle Male bestimmen, weil das wesentlich von der Beschaffenheit des Schädels und von der Form der Bruchstücke abhängt.

Ich begann meistens mit den Knochen des Schädeldaches, machte den vorderen und hinteren Abschnitt desselben für sich fertig und verband beide miteinander, indem ich gleich¬ zeitig die Schläfenbeine und das Os basilare einsetzte. War der Hirnschädel soweit tadellos passend zusammengesetzt, so machte der Aufbau des Gesichtsschädels meist keine besonderen Schwierig¬ keiten. Ich möchte hinzufügen, daß die Form eines Skeletteiles immer nur von den aneinander¬ gepaßten Knochen bestimmt wurde, niemals aber von dem Gazeüberzug, welcher stets erst später an den fertigen Teil appliziert wurde, lediglich um eine größere Festigkeit zu erzielen.

Die Rekonstruktion gelang nun leider nicht in allen Fällen auf das erste Mal in be¬ friedigender Weise. Das kam hauptsächlich daher, daß irgendein Knochen durch den Erd¬ druck im Grabe verbogen war. Nun war es unmöglich, vorherzusagen, welcher von den Knochen verändert sein könnte, sondern das mußte durch immer wiederholtes Probieren erst festgestellt werden. In vielen Fällen war es das linke Scheitelbein, welches ja den Haupt¬ druck erfahren hatte und deshalb in seinem unteren Abschnitte eingebogen war. Diese ver¬ änderten Knochenstücke ließ ich dann fort und bekam so ein befriedigendes Resultat.

Diese Schwierigkeiten waren so groß, daß ich gezwungen war, einzelne Schädel mehrere Male, ja Nr. 43 und 23 viermal in Leimlösung auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen. Die Resultate dieser Geduldsprobe sind aus den Abbildungen Nr. 93 und 167 ersichtlich, wobei ich bemerken möchte, daß bei beiden Schädeln der Gazeüberzug nur an einigen kleinen Stellen zur Anwendung kam, und z. B. Nr. 43 aus über 120 Stücken rekonstruiert wurde.

Wie aus den photographischen Wiedergaben der Schädel hervorgeht, sind die Zahn¬ reihen in den meisten Fällen vorzüglich erhalten; aber nur sehr wenige Zähne waren un- zerbrochen, meistens sind die Kronen sowohl wie die Wurzeln aus kleinen Splitterchen zu¬ sammengesetzt.

So wird es erklärlich, daß vier Jahre Arbeitszeit dazu gehörten, die vorliegenden Skeletreste für eine Untersuchung tauglich zu machen, und ich kann sagen, daß mir noch niemals ein Material vorgekommen ist, welches so gewaltige Ansprüche an Zeit und Geduld erfordert hat. Dabei mußte ich mir von Anfang an sagen, daß ein glänzendes, überraschendes Resultat der Untersuchung nicht zu erwarten sein würde; aber die Tatsache, daß diese Skelet¬ funde an und für sich etwas Besonderes bedeuten, da sie die einzige verwertbare Ausbeute des prähistorischen Begräbnisplatzes von Abusir el-meleq repräsentieren, gab mir den Mut, diese Arbeit auf mich zu nehmen.

Verarbeitung des Materials. Zum Zwecke der Untersuchung wurden zunächst an jedem Schädel, wo es durch die Erhaltung der bestimmenden Knochenteile möglich war, zwei Orientierungsebenen bezeichnet, nämlich die Deutsche Horizontale und die Medianebene. Dabei verstehe ich unter Medianebene diejenige, welche senkrecht zur Horizontalen durch das Nasion und die median gelegenen Teile des Hinterhauptbeins gezogen ist. Bei Schädeln, welche annähernd symmetrisch sind, geht diese Medianebene der Länge nach durch die Sagittal- naht und durch die mittlere Gaumennaht; bei unsymmetrischen Schädeln aber, bei welchen das Schädeldach und der Gesichtsschädel gegen die Basis nach der einen oder der anderen

Konservierung Verarbeitung des Materials.

I I

Seite verschoben ist, läuft die Ebene seitlich neben der Sagittal-, bzw. Gaumennaht. So erkennt man auf den ersten Blick eine Ungleichheit beider Schädelseiten und hat eine Orientierungs¬ ebene, welche vergleichbare Bilder der wichtigeren basalen Teile des Schädels möglich macht.

Mit Hilfe dieser beiden Ebenen wurde jeder Schädel in diejenigen Stellungen gebracht, welche für das Zeichnen der sechs Normalansichten nötig sind. Die Wiedergabe dieser An¬ sichten erfolgte mittels des Lucaeschen Zeichenapparates in orthogonaler Projektion, und zwar bei künstlicher, scharfer Beleuchtung durch Reflektorlampen. Die Zeichnungen wurden in natürlicher Größe angefertigt und nach dem Objekt in allen Einzelheiten kontrolliert. Die Ansichten der Becken wurden durch den Lucaeschen Apparat in verkleinertem Ma߬ stabe (Va) aufgenommen.

Es folgten dann die Messungen, welche unter Zugrundelegung der bekannten Vor¬ schriften (E. Schmidt) vorgenommen wurden. Große, z. T. unüberwindliche Schwierigkeiten standen bei den meisten Schädeln der Volumenmessung entgegen, und ich muß leider bekennen, daß vielt, der angegebenen Zahlen sich an Genauigkeit nicht mit denen vergleichen können, welche an rezentem Material mit Hilfe der Schrotmethode gewonnen worden sind. Die Schädel sind so brüchig, daß man schon bei der Füllung mit Erbsen größte Vorsicht be¬ obachten muß, um sie nicht auseinander zu treiben oder wichtige Stücke wegzubrechen. Alle einigermaßen intakten Hirnschädel wurden mit Erbsen gemessen, wobei ich kleinere De¬ fekte von außen schloß; die Kapazität aller stärker beschädigten Objekte wurde durch Rech¬ nung bestimmt, und zwar nach Beddoe und Froriep.

Es handelte sich nun weiter um die Gewinnung von Ansichten der Hohlräume der Schädel, welche ja am vollkommensten durch Ausgüsse zur Anschauung gebracht werden können. Bei dem vielfach defekten und heiklen Material verbot sich eine allgemeine Durch¬ führung der Ausgußmethode von selbst, vor allem verzichtete ich in denjenigen Fällen darauf, wo eine innere Gazekappe angewendet werden mußte; denn wenn die Gazeschicht auch sehr dünn ist, so nimmt sie doch manche Feinheiten, deckt z. B. die Nähte und würde außerdem dem Ausguß eine rauhe Oberfläche geben. Dazu kommt, daß die aus der Ausgußmasse stammende Feuchtigkeit trotz Lackierung und Ölung der inneren Schädeloberfläche imstande sein könnte, durchzuschlagen und Veränderungen zu bewirken. So kommt es, daß von dem ganzen Material nur sechs Schädel ausgegossen wurden, und zwar diejenige Seite, welche sich hierzu am besten zu eignen schien.

Um die Hohlräume der Schädel zugänglich zu machen, wurde jedesmal der Median¬ schnitt angewendet, der deswegen vorteilhaft war, weil die Schädel meistens auf der einen Seite besser erhalten waren als auf der anderen; diejenige Seite, welche bei der Ausgrabung zuerst freigelegt wurde, also fast stets die rechte, war häufig durch die obengeschilderten ungünstigen Einflüsse schlechter erhalten, als die, welche bei der Hebung des Skelets frisch aus der Erde genommen wurde.

Die Durchschneidung gestaltete sich wegen des physikalischen Verhaltens der Skelet¬ teile außerordentlich schwierig. Mit einer sehr stabilen, i mm dicken Blattsäge versuchte ich es zunächst bei einigen festeren Objekten, mußte dieses Verfahren aber bald aufgeben, weil die Gewalt, welcher der Schädel bei dem Hin- und Herziehen dabei ausgesetzt ist, viel zu groß ist. Es brachen viele kleine Splitter an der Schnittlinie heraus, wenn die Säge erst

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Material und Methode.

einmal tiefer in den Knochen eingedrungen war; denn der Schädel konnte nicht fest ein¬ gespannt werden, sondern mußte mit den Händen fixiert werden, sodaß kleine seitliche Drehungen nicht zu vermeiden waren. Nach mannigfachen Versuchen entschied ich mich für eine kleine Kreissäge mit feinen Zähnen von 0,4 mm Dicke, welche auf die Drehbank montiert wurde. Ich nahm nun den Schädel fest in beide Hände, spreizte dabei die Finger, um jede Seite mit einer Hand möglichst zu umfassen, brachte sie auf einen Objekttisch vor die ro¬ tierende Säge, visierte die Medianebene auf die Sägekante ein und drückte den Schädel vor¬ sichtig, aber mit festem Griff, gegen die Säge.

In dieser Weise ist mir die Durchschneidung aller Schädel, bei welchen sie versucht wurde, gelungen, allerdings mit großer Mühe und unter steter Sorge um die Erhaltung der Skeletstücke und der eigenen Hände. Denn bei einer schnell rotierenden Säge ist die Gefahr groß, daß sich die Sägezähne verfangen und das Objekt vollständig zertrümmert oder fort¬ geschleudert wird. Bis auf unwesentliche Brüche, die wieder repariert werden konnten, ist aber schließlich die Durchsägung gut gelungen.

Auf die Durchschneidung wurde nur in denjenigen Fällen (z. B. 16 und 46) verzichtet, in welchen dieselbe, etwa wegen mangelhafter Erhaltung des Schädels, keinen Vorteil ergeben hätte, oder in welchen die eine Hälfte wegen Fehlens wichtiger Knochenteile wertlos ge¬ worden wäre.

Was zunächst die Schädelausgüsse betrifft, so kam es mir darauf an, den Ausguß auf die äußere Oberfläche des Schädels orientieren zu können. Zu diesem Zwecke wurden erstens zwei Bohrlöcher senkrecht zur Medianebene, meist am Tuber parietale und am Stirn¬ bein unterhalb der Linea temporalis, durch den Knochen geführt und zweitens je eine Kerbe auf der inneren Oberfläche der Schädelhöhle vorn und hinten in genau gleicher Höhe über der Horizoritalebene angebracht. Mit Hilfe dieser Marken war ich imstande, genaue Kombinationen photographischer Ansichten von der Lage des Ausgusses im Schädel in jeder beliebigen Stellung des letzteren herzustellen, was meines Wissens noch nicht in exakter Weise erreicht werden konnte.

Die Schwierigkeit der Herstellung solcher Bilder, wie sie z. B. in Tafel I, Abb. 3 und 4 wiedergegeben sind, beruht eben darauf, daß Schädel und Ausguß nacheinander so auf¬ genommen werden müssen, daß beide von demselben Standpunkt aus gesehen sind, und ihre relative Lage zueinander genau berücksichtigt ist.

Bei den Seitenansichten sind diese Forderungen leichter zu erfüllen, da nur die Median¬ ebene des Schädels und die entsprechende Begrenzungsebene des Ausgusses in gleicher Ent¬ fernung vom Objektiv des Aufnahmeapparates sich befinden und senkrecht zur optischen Achse stehen müssen; denn durch die Bohrlöcher am Schädel und die entsprechenden Zapfen am Ausguß wird eine Verschiebung der Bilder im Sinne einer Drehung um eine quere Achse verhindert.

Viel schwieriger ist die Herstellung der Frontalansichten. Zunächst wurde der unter Berücksichtigung der Dicke des Sägeschnittes wieder zusammengesetzte und nach der Deut¬ schen Horizontalebene orientierte Schädel so auf dem Objekttisch aufgestellt, daß seine Medianebene in der Richtung der optischen Achse lag; dann wurde die Stellung des vorderen Bohrloches durch einen feststellbaren Zeiger markiert, die Lage des Zeigers auf der Matt-

Verarbeitung des Materials.

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scheibe angezeichnet und die photographische Aufnahme gemacht. Am Ausguß wurden die kleinen Leisten, welche den obenerwähnten Kerben an der Schädelinnenfläche entsprechen, durch eine über die Medianebene gezogene Linie verbunden; dann wurde der Ausguß an eine Spiegelglasplatte angeschraubt und in diejenige Stellung gebracht, bei welcher diese Platte in der Richtung der optischen Achse lag und genau senkrecht stand, ferner die zur Horizontalen parallel gezogene, obenerwähnte Linie am Ausguß horizontal lag und der Aus¬ gußzapfen des vorderen Bohrloches der Stellung des Zeigers entsprach.

Um nun eine Aufnahme von dem entsprechenden Punkte aus wie bei der des Schädels zu bekommen, wurde der Objekttisch soweit gesenkt, daß das Bild des Zeigers wieder auf die an der Mattscheibe bezeichnete Stelle kam. Aus den Aufnahmen gingen nun die Bilder in der Weise hervor, daß bei den Seitenaufnahmen die Konturen des Schädels über das Bild des Ausgusses unter Kontrolle des Negativs mit Tusche herübergezeichnet wurden.

Bei den Frontalansichten wurde erst der Schädelausguß, dann die entgegengesetzte Seite des Schädels in genauer Entfernung voneinander (Schnittdicke) kopiert, wobei die rich¬ tige Stellung mit Hilfe der Pausen der Negative unter Eindeckung des Markierzeigers er¬ reicht wurde. Die Konturlinien der nicht kopierten Schädelhälfte wurden dann über das Bild des Ausgusses gezogen.

Als Objektiv für die Aufnahmen diente Vogtländers Euryskop Nr. VII, welches einen verhältnismäßig großen Objektabstand gestattet.

Wie aus dem Vorstehenden sich erkennen läßt, sind die Anforderungen an die Exakt¬ heit der Aufstellung und Bewegung des Objekts bei diesen photographisehen Aufnahmen mit den gewöhnlich zur Verfügung stehenden Apparaten nicht zu erfüllen. Ich habe deshalb voi einigen Jahren, als ich schwierige makroskopische Aufnahmen zu machen hatte, einen Objekt¬ tisch für große Objekte konstruiert, dessen Beschreibung gleichzeitig mit dieser Arbeit ver¬ öffentlicht werden wird. Durch diesen Apparat war es mir allein möglich, die Unterlagen für die obengenannten Abbildungen zu gewinnen.

Bei denjenigen Schädeln, welche nicht ausgegossen werden konnten, konstruierte ich die Umrisse der Schädelhöhle vom Medianschnitt und der äußeren Oberfläche aus. Dabei machte die mittlere Schädelgrube einige Schwierigkeiten, denn es war nicht immer ganz leicht, die vordere Begrenzung sicher zu bestimmen, vor allem wenn der Körper des Keilbeins vollständig erhalten war. Für diese Feststellungen waren die Lücken zwischen den einzelnen Knochenstückchen von großem Wert, denn dadurch war es häufig möglich, die Begrenzung der Höhle bei dem Zeichnen mit dem Diopter direkt zu sehen; auf alle Fälle dienten sie als Anhaltspunkte.

Auf andere Ansichten als von der Seite her habe ich natürlich bei diesem Verfahren verzichtet, denn selbst eine quere Durchsägung würde zu keinem befriedigenden Resultat ge¬ führt haben, da die Feststellung der größten Ausdehnung der Schädelhöhle in der Frontal- und Occipitalansicht kaum annähernd erreicht werden könnte.

In den Abbildungen mit «ingezeichneter Schädelhöhle sind die Linien der äußeren Oberfläche dünn und kontinuierlich durchgezogen, die der Schädelhöhle dagegen dick und an den Kreuzungsstellen mit den ersteren unterbrochen. Da wo Ergänzungen des äußeren Oberflächenbildes wünschenswert waren, etwa um die genaue Stelle des Nasion oder die

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Material und Methode.

Kanten des Jochbogens festzulegen, sind gestrichelte Linien angewendet. Die Nähte sind all¬ gemein in punktierten Linien unter Weglassung der kleinsten sekundären Nahtblättchen angegeben.

Um die Formen und Größenverhältnisse der Becken darzulegen, sind zwei Serien von Abbildungen dem Text beigegeben; erstens photographische Aufnahmen, welche die Becken in natürlicher Stellung (Spina iliaca anterior superior in derselben senkrechten Ebene wie das Tuberculum pubicum) und in der Ansicht von vorn her zeigen; zweitens Zeichnungen in orthogonaler Projektion senkrecht zu der Ebene des Beckeneingangs. Die erste Serie ist in den Tafelabbildungen, die zweite als Textabbildungen wiedergegeben. Die optische Achse des photographischen Apparates war bei den Aufnahmen jedesmal auf die Mitte des gesamten Beckens gerichtet.

Bei der Feststellung von Beckenmaßen folgte ich im allgemeinen Schaaffhausen und Waldeyer und berücksichtigte, soweit das überhaupt am macerierten Becken möglich ist, die Breite der Spalträume an der Symphyse und an den Articulationes sacro-iliacae. Als Er¬ gänzung zu den bekannten Maßen fügte ich einige weitere hinzu, um die Krümmung be¬ stimmter Knochenoberflächen durch Zahlen ausdrücken zu können. Wünschenswert erschien diese Feststellung für die Darmbeinschaufeln und für die Vorderfläche des Kreuzbeins, weil die bildliche Darstellung in dieser Beziehung unzulänglich ist.

Die schalenförmige Krümmung der Darmbeinschaufel läßt sich ganz gut dadurch ver¬ anschaulichen, daß man den Grad der Biegung des Knochens in zwei Richtungen bestimmt, in der frontalen und in der sagittalen. Man verbindet die Ausmessung der Krümmung zweckmäßig mit der Bestimmung der Höhe und Breite der Darmbeinschaufel und benutzt die gleichen Ausgangspunkte, also die Mitte der Crista iliaca und das Ende des queren Durchmessers des Beckeneingangs bzw. hinteres Ende der Crista iliaca und Spina iliaca anterior superior. Mißt man nun das eine Mal die direkte Entfernung mit dem Schiebe- oder Tasterzirkel und dann mit dem Bandmaß in derselben Richtung an der Oberfläche des Knochens entlang, so kann man den Grad der Krümmung aus der Differenz der beiden Maße schließen. Je größer der Bogen (Bandmaß) im Verhältnis zur Sehne (direkter Abstand) ist, umso stärker ist die Darmbeinschaufel gekrümmt. Allerdings ergibt sich daraus noch nicht eine exakte Vor¬ stellung von der Konfiguration der Innenfläche der Darmbeinschaufel, da ja die Krümmung an den einzelnen Stellen verschieden ist; aber die wichtigere Feststellung ist zunächst, ob <iie Schau¬ fel mehr oder weniger gehöhlt ist, weil mit der Krümmung die Größe der Fläche zunimmt.

Ähnlich steht es mit dem Kreuzbein; die Länge, das Maß von der Basis zur Spitze, gibt die wahre Länge des zum Kreuzbein verschmolzenen Wirbelsäulenabschnittes nur in solchen Fällen an, wo jede Krümmung fehlt. Fast stets ist dieselbe aber mehr oder weniger stark ausgeprägt, sodaß das Kreuzbein bedeutend länger ist, als es erscheint.

Die Tiefe der Höhlung an der Vorderfläche des Kreuzbeins möchte ich nun dadurch zur Anschauung bringen, daß ich auf der median-sagittalen Verbindungslinie zwischen der Basis und der Spitze („Länge“) dasjenige Lot errichte, welches, bis zur Vorderfläche des Kreuz¬ beins gerechnet, das längste ist. Die Länge dieses Lotes ist in den Maßtabellen unter der Bezeichnung „Größte Tiefe der vorderen Kreuzbeinhöhlung“ angeführt.

I. Teil: Hockergräber.

I. Gruppe : Kleine männliche Skelete.

Skelet 1. (Grab 48. i. 7.)

Hierzu Textabbildungen Nr. 2, 3 und 4.

Das Grab war von Süden nach Norden orientiert, wesentlich größer als das Skelet und 120 cm tief. Das Skelet war auseinander; der Kopf lag abseits, vom Rumpfskelet fanden sich nur wenige Reste, dagegen lagen die Knochen der unteren Extremität so beieinander, daß man die ur¬ sprüngliche Lage der Leiche erkennen konnte.

Die Beigaben waren zahlreich und lagen bzw. standen am Kopf-, Fußende und an der Gesichtsseite. Am Kopf-(Süd-)Ende des Grabes fanden sich in der Richtung von Westen nach Osten:

4) Handgeformter Krug 32 cm hoch.

5) Rundes Töpfchen, roh gearbeitet, 1 1 cm hoch.

1) Großer Tonkrug mit Deckel 54 + 27 cm hoch.

2) Handgeformter Krug 34 cm hoch.

3) Wellenhenkelkrug 2 1 cm hoch.

An den Händen und vor dem Rumpf des Skeletes:

6) Löffel, fein gearbeitet, aus Knochen 8 cm lang. \ 9) Flacher Napf 15 cm Durchmesser.

10) Rundes Töpfchen, roh gearbeitet, 1 1 cm hoch.

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7) Rundes Töpfchen 10 cm hoch.

8) Flacher Napf 14 cm. Durchmesser.

Zwischen den Ober- und Unterschenkeln:

11) Rundes, roh gearbeitetes Töpfchen 12 cm hoch An den Knieen und am Fußende des Grabes von Osten nach Westen:

12) Flacher Napf 16 cm Durchmesser.

13) Grauer Wellenhenkelkrug 21 cm hoch.

14) Roher, handgeformter Krug 32 cm hoch.

15) Desgl. 30 cm hoch.

Der Schädel war beim Ausgraben angeschlagen worden, so daß nur ein Teil des Hirnschädels übrig war. Es konnten nur konserviert werden:

x) Schädelstücke, 2) rechtes Femur.

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Hockergräber. I. Gruppe.

Schädel.

Hirnschädel: Im wesentlichen ist die linke Seite erhalten, von der rechten nur ge¬ ringfügige Reste; Stirn und Hinterhauptsgegend, sowie die Hauptteile der Mitte der Schädel¬ basis sind zu einem großen Teil zerstört.

Die allgemeine Form des Hirnschädels ist länglich abgerundet, ohne hervortretende

Tubera. Alle Nähte des Daches sind ver¬ knöchert und können teilweise nur durch einzelne Reste der Umrandungen der ehe¬ maligen Nahtzacken in ihrer Lage bestimmt werden. Das Gebiet der Sagittalnaht ober¬ halb des Lambda bildet eine breite, tiefe Rinne. Selbst die Suturae spheno-zygomatica und spheno-frontalis sind vollständig durch Synostose verschwunden.

An der Stirnschuppe ist der obere Abschnitt wenig gewölbt und steigt schräg rückwärts auf; das Tuber frontale ist kaum über seine Umgebung erhöht, die Linea temporalis verläuft relativ hoch, begrenzt also ein ziemlich großes Schläfengebiet am Stirnbein; letzteres ist unregelmäßig höckerig und wenig konvex.

Das Scheitelbein ist stark gewölbt mit Ausnahme des Planum temporale. Über den Angulus sphenoidalis zieht eine sehr flache, breite Vertiefung hinter der Sutura coronaria schräg aufwärts; die Linea temporalis macht hinter der Naht, wo sie die Furche trifft, einen Bogen nach aufwärts und zieht von dort aus über das TübCr parietale nach abwärts.

Am Hinterhauptsbein ist die Oberschuppe unregelmäßig konvex, in der Median¬ richtung verläuft eine breite Abflachung nach abwärts, und oberhalb der Linea nuchae und der Protuberantia occipitalis externa liegt eine ziemlich tiefe Querfurche. Die Unterschuppe, durch die kantenartige Linea nuchae abgesetzt, ist im oberen Teil in querer Richtung vertieft, unten und lateralwärts konvex.

Das Schläfenbein ist in allen Seinen Teilen kräftig entwickelt. Die Schuppe trägt ein deutliches Muskelrelief und ist im ganzen plan. Neben der Spitze der Ala magna oss. sphenoid. liegt; ein größerer Nahtknochen in der Sutura squamosa. Der Processus mastoideus ist sehr groß, seine Spitze beschädigt ; er ist vollständig von Cellulae mastoideae ausgefüllt.

Schädelhöhle: Die Höhle ist langgestreckt und sehr dickwandig und enthält ein reiches Relief von Juga cerebralia und Föveolae granuläres, auch am Dach. Der Stirnteil ist niedrig, sein Dach seitlich stark verdickt und mit auffallend hohen Juga besetzt, sodaß an dieser Stelle die Wand nach innen konvex gebildet ist. Lateralwärts neben dem Dach der Orbita liegt eine rundliche, tiefe, bis an die Kante des kleinen Keilbeinflügels reichende Grube für die Pars orbitalis der unteren Stirnwindung. Die linke Stirnhöhle ist sehr groß, reicht aufwärts bis an das Tuber frontale, lateralwärts bis über die Mitte des Margo supra-

Kleine männliche Skelete. Nr. i. (Grab 48. i. 7.) j y

orbitalis hinaus, und den Orbitalteil der Höhle bildet die mediale Hälfte des Daches der Orbita. Die Crista Sylvii ist sehr hoch und deutlich; sie zieht in einigen flachen Bogen schräg auf¬ wärts zum unteren Umfange der Fossa parietalis. Die Fossa cranii media ist sehr geräumig, der Boden fällt schräg rückwärts bis zur Vorderfläche der Pyramide ab. Die Keilbeinhöhle ist zum großen Teil zerstört; sie war sehr ausgedehnt, wie an dem erhaltenen Abschnitt zu erkennen ist, welcher bis in den großen Keilbeinflügel lateralwärts vom Foramen ovale sich hinein erstreckt.

Der Sulcus sagittalis, welcher an der Sagittalnaht median gelegen ist, weicht am Lambda nach links ab und geht in den linken (stärkeren) Sulcus transversus und sigmoideus über; links und rechts neben dem Sulcus sagittalis liegen an der Oberschuppe des Hinterhauptsbeines tiefe, kugelig ausgehöhlte Fossae occipitales, deren rechte etwas umfangreicher ist als die linke. Die Fossae cerebellares sind relativ flach aber breit und besitzen keine deutlichen Juga cerebellaria.

Von den üblichen Schädelmaßen kann bei dem defekten Zustand des Schädels keine Rede sein; es bleibt nichts übrig, als die Größen- und Formverhältnisse aus der beigegebenen Projektionszeichnung und nach dem Objekt selbst abzuschätzen.

Rechtes Femur.

Der Knochen ist sehr grazil gebaut und dabei relativ lang. Die Muskelansätze sind deutlich erkennbar, aber nicht besonders stark ausgebildet; nur die Tuberositas glutaea ist zu einem kräftigen Kamm entwickelt. Die Linea aspera springt als hohe Leiste rückwärts hervor.

Der Sehaft ist nach vorn in mäßigem. Grade konvex durchgebogen, das proximale Gelenkende stark nach vorn zu gedreht, sodaß der Trochanter minor fast ganz von vorn zu übersehen, ist.

Das Caput hat 39,5 mm im Durchmesser und setzt sich durch eine starke Verjüngung am oberen Teil des Collum (22:27 mm) ab. Letzteres ist plattgedrückt dreiseitig und ver¬ breitert sich an der Linea intertrochanterica auf 50 mm.

Der Trochanter major ist breit und hoch und ragt über die obere Kante des Halses nach aufwärts hervor. Der Abstand der äußersten Punkte der Trochanteren untereinander beträgt 66 mm. Der Schaft hat in seiner Mitte, trotz der hohen Linea aspera, nur 72 mm Umfang; der Durchmesser ist in querer Richtung 21,5 mm, sagittal gemessen 24,5 mm.

Die Verbreiterung des Schaftes nach abwärts hin geschieht nur allmählich, sodaß auch dicht oberhalb des distalen Gelenkendes der Knochen schlank bleibt. Das Gelenkende selbst dagegen ist breit und setzt sich deshalb schärf gegen den Schaft ab.

Die größte Breite an den Epikondylen beträgt 7 1 mm, an den Condylen 60 mm. Setzt man die Condylen auf eine ebene Fläche, so weicht der Schaft um 1 20 nach lateralwärts von ■der Senkrechten ab.

Winkel zwischen der Achse des Collum und der des Schaftes: 1270

distalen Gelenkendes: 220

Größte Länge bei senkrechtem Schaft:. 422 mm

natürlicher Stellung: 418 mm

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vom distalen Ende bis zum Trochanter major: 412 mm

Die schiefe Richtung des Schaftes bei natürlicher Stellung des Knochens ist sehr auf-

Frdr. W. Müller, Anthropologisches. 3

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Hockergräber, I. Gruppe.

fällig: zieht man durch denjenigen Punkt der Oberfläche des Caput femoris, welcher am meisten medialwärts gelegen ist, eine Senkrechte, so trifft diese das distale Gelenkende 5 8 mm lateral- wärts vom Epicondylus medialis.

Skelet 2. (Grab 60. f. 4.)

Hierzu Textabbildungen No. 5 7 und Taf. I, Abb. 1 4.

Das Grab war von Süden nach Norden orientiert, wenig größer als die Leiche, 70 cm tief und unberührt. Die Bestattung war mit einer Matte zugedeckt. Das Skelet befand sich in linker Seitenlage in Hockerstellung; die Arme waren gebeugt, die linke Hand lag unter dem Gesicht, die rechte vor demselben. Die Beine waren an den Rumpf angelegt und die Kniee spitzwinklig gebeugt, sodaß die Füße in der Nähe des Beckens sich befanden.

Folgende Beigaben wurden geborgen: Am Kopfende des Grabes lagen in der Richtung von Osten nach Westen gerechnet:

1) Rot getupfter Tonkrug mit gefalztem Rande 25 cm hoch.

2) Flacher Napf aus Ton, 15 cm im Durchmesser, lag auf No. 1 mit der Höhlung nach aufwärts.

3 6) Vier durch Salz zusammengebackene Tonnäpfe, sämtlich Abb- 5- zerbrochen.

7) Rundes Tontöpfchen 10 cm hoch. 8) Ein Stück Kohle.

In der Nordwestecke des Grabes, dicht bei den Füßen, stand:

9) Wellenhenkelkrug aus rotem Ton 21cm hoch.

10) Deckelnapf, 12 cm im Durchmesser, war mit seiner Höhlung nach abwärts auf No. 9 als Deckel aufgesetzt.

Vom Skelet wurde nur der Schädel ohne Unterkiefer geborgen.

Schädel.

Der Schädel ist in einem sehr guten Erhaltungszustände, teils braun teils schwarz ver¬ färbt. Nur einzelne abgebrochene Stückchen des Gesichtsschädels mußten angeleimt werden, im übrigen genügte die Entsalzung und Durchtränkung. (Taf. I, Abb. 1).

Hirnschädel: Der Hirnschädel ist länglich, mäßig breit und hoch und erscheint eckig dadurch, daß die Tubera hervortreten und die dazwischen gelegenen Teile der Oberfläche abgeplattet sind; in der Norma verticalis sieht der Schädel fünfeckig aus. Die Symmetrie ist im allgemeinen eine sehr gute, nur ist am linken Scheitelbein die Krümmung gleichmäßiger, beim rechten ist eine stärkere Biegung an der Stelle des Tuber parietale vorhanden.

Die Nähte sind vollständig erhalten und haben sehr kleine, aber gut ausgebildete Naht¬ zacken. Nahtknochen fehlen, abgesehen vom unteren Ende der linken Lambdanaht, wo auch ein kleiner Rest der Sutura mendosa erhalten ist.- Sonstige überzählige Nähte fehlen.

Das Stirnbein ist breit, die Schuppe mit Ausnahme der Stirngegend schön gleich- mäßig gewölbt; die Tubera bilden kräftig hervortretende Höcker. Die Arcus superciliares sind stark entwickelt und stehen weit über die Nasenwurzel nach vorn hinaus vor; sie reichen lateral- wärts bis über die Mitte des Margo supraorbitalis hinweg. Die Mitte der Stirn ist glatt und

Kleine männliche Skelete. Nr. 2. (Grab 60. f, 4.)

19

vertieft. Die Lineae temporales bilden hohe Kanten und verlaufen steil aufwärts gegen die Sutura coronaria hin, sodaß sie ein relativ umfangreiches Schläfengebiet der Stirnschuppe abgrenzen, welches fast ganz plan ist.

Die Scheitelbeine sind durch das Hervorragen der Tubera geradezu kegelförmig ge¬ staltet, da alle vier Winkel abgeplattet sind. Die Schläfengegend ist vollständig flach und sehr umfangreich, die Lineae temporales laufen über den höchsten Punkt der Tubera parietalia hinweg.

Das Hinterhauptsbein ist im ganzen stark konvex gebogen; die Oberschuppe steht fast senk¬ recht, ist außer in der Medianlinie konvex gewölbt und grenzt sich durch eine Querrinne von der Linea nuchae ab. Die Protuberantia occipitalis externa ist ganz flach, läßt sich aber trotzdem genau bestimmen.

Die Unterschuppe ist im oberen Abschnitt und in der Mitte plan bzw. vertieft, seitwärts und unten dagegen rundlich vorgewölbt. Das ganze Planum nuchale ist mit starken Muskelvorsprüngen bedeckt.

Das Foramen magnum ist groß und lang¬ gestreckt, dabei gut symmetrisch; die Condyli occi- pitales sind groß, lang (besonders der rechte) und kugelig gekrümmt. Der Körper des Hinterhaupts¬ beines ist kurz, breit und stark entwickelt; in der Mitte seiner Basalfläche findet sich eine länglich¬ runde, kleine Vertiefung.

Das Keilbein ist ziemlich schwächlich in allen seinen Teilen ausgebildet; die Processus pterygoidei sind kurz und schmal, die Knochenplatten dünn, die Alae magnae sind breit und kurz; am rechten wird die Stelle der Spitze von einer kleinen Knochenzacke der Schläfenbeinschuppe eingenommen.

Die Schläfenbeine sind von mittlerer Größe; die Schuppen sind in ihrer Mitte in Form einer länglichen, schrägliegenden Protuberanz vorgebuchtet und tragen ein deutliches, wenn auch flaches Muskelrelief. Der Processus mastoideus ist lang und zugespitzt und wird oben durch eine hohe und breite Crista supramastoidea abgegrenzt. Die Pyramiden sind breit und kurz und sind genau symmetrisch gelagert; die Neigung jeder einzelnen gegen die Median¬ ebene beträgt 50°, sodaß die Achsen beider an der Stelle der Synostosis spheno-occipitalis unter einem Winkel von ioo° sich treffen.

Der Gesichtsschädel ist in allen Teilen sehr kräftig entwickelt und ziemlich breit im Ver¬ hältnis zu seiner Höhe. Die Symmetrie ist befriedigend, doch finden sich im Bereich der Augen- und Nasenhöhlen einige Abweichungen in bezug auf Form und Größe. Die Öffnung der rechten Augenhöhle ist mehr schräg gestellt und in querer Richtung verlängert, die der linken ist fast kreisrund in der Frontalansicht. Trotzdem sind in den Maßen keine wesentlichen Unter¬ schiede vorhanden, da auch die Abweichung der durch die Öffnungen gelegten Ebenen von der Frontalebene verschieden ist. Die Suturae internasalis und intermaxillaris weichen unerheblich von der Medianlinie ab.

3

20

Hockergräber. I. Gruppe.

Die Augenhöhlen sind weit, ihre Wände gut erhalten; nur das rechte Tränenbein fehlt. Beide Öffnungen sind schief gestellt, doch ist es am auffälligsten auf der rechten Seite, wo der Winkel zwischen der größten Breite und der Horizontalen i8° beträgt.

Die Nasenwurzel ist breit und niedrig und wird von dem Wulst der Arcus superciliares überragt. Die Nasenbeine sind breit und flach und auf ihrer Außenfläche dicht unter der Sutura naso-frontalis stark vertieft. Die Apertura piriformis ist hoch und dabei breit und sehr gut symmetrisch.

Die Oberkiefer sind hoch und kräftig ge¬ baut; die vordere Fläche ist, besonders stark auf der rechten Seite, zu einer tiefen Fossa canina ein- gezogen. Der Alveolarfortsatz ist hoch und schräg nach außen und vorn gestellt. Die Juga alveolaria sind an allen Vorderzähnen deutlich, besonders die der Eckzähne sind sehr auffallend und reichen nach aufwärts bis dicht an die Apertura piriformis heran.

Beiderseits ist eine Sutura infraorbitalis aus¬ gebildet.

Die J o chbeine sind sehr breit und stark gebaut. Die Zähne sind der Form und Größe nach gut entwickelt und wenig abgenutzt; sie waren sämtlich vorhanden. Jetzt fehlen: linker medialer, , , rechter lateraler Schneidezahn und der erste und

Abb. 7.

zweite rechte Prämolar. Alle übrigen Zähne sind tadellos erhalten. Die dritten Molaren sind ganz durchgebrochen, aber nicht abgekaut. Die Zahnreihe bildet einen sehr breiten, gleichmäßigen Bogen, an dem sich keine Ecken erkennen lassen.

Der Gaumen ist trotz der Breite der Zahnreihe langgestreckt und relativ schmal.

Schädelhöhle: Die Höhle hat ihre Hauptentfaltung in sagittaler Richtung, ihre Wände sind von mittlerer Stärke und sehr gut erhalten; es wurde infolgedessen von der rechten Hälfte ein Gipsausguß hergestellt, welcher in seinen Beziehungen zur äußeren Oberfläche des Schädels in Taf. I Abb. 3 u. 4 dargestellt ist.

Der Stirnteil der Schädelhöhle ist hoch und breit und auf seiner konvexen Oberfläche stark gewölbt. Die Knochendicke ist an der Stirnschuppe groß, in der Medianlinie ragt eine scharfe, kantige Crista frontalis interna gegen das Innere hervor. Auffallend ist der Hochstand der Vorderkante des Ausgusses über dem Margo supraorbitalis; der Abstand ist durch die Stirnhöhlen bedingt, welche von mittlerer Ausdehnung sind und sich im medialen Gebiet des Daches der Orbita zwischen letztere und Schädelhöhle einschieben. Der Boden der vorderen Schädelgrube fällt deshalb medianwärts steil ab, zumal auch die Lamina cri- brosa tief steht. Lateralwärts buchtet sich eine rundliche Vertiefung neben dem Augenhöhlen¬ dach gegen die Fossa temporalis aus und die Schädelwand ist dementsprechend stark ver¬ dünnt, sodaß, wie oben gezeigt, außen die Oberfläche fast plan ist.

Die Crista Sylvii ist hoch und sicher zu verfolgen; projiziert man sie auf die Außen¬ seite, so beginnt sie an der Spitze der Ala magna des Keilbeins, zieht unmittelbar oberhalb

Kleine männliche Skelete. Nr. 2. (Grab 60. f. 4.)

2 I

der Sutura squamosa rückwärts bis zu der Stelle, an welcher letztere nach abwärts umbiegt, und ein wenig aufsteigend rückwärts zu einem Punkt unterhalb des Tuber parietale. Über der Mitte der Sutura squamosa ist die Crista Sylvii besonders deutlich; hier liegt am Aus¬ guß eine längliche, tief beschattete Grube. (Taf. I, Abb. 4).

Die mittlere Schädelgrube ist hoch und breit, endigt vorn mit einer breiten Abrundung und reicht mit ihrem zum Foramen ovale schräg abfallenden Boden bis zur Höhe des Kiefer¬ gelenks hinab. Der große Keilbeinflügel ist, soweit er den Boden der Fossa cranii media bildet, sehr dickwandig. Die Innenfläche der Schläfenbeinschuppe trägt, namentlich im un¬ teren Gebiete, hohe Juga cerebralia. Die Keilbeinhöhle ist sehr groß, treibt den Körper des Keilbeins blasig auf und dringt bis in das Hinterhauptsbein vor.

Der Sulcus sagittalis, welcher vorn median gelegen ist, weicht von der Mitte der Sagittalnaht an nach links ab und geht in den linken Sulcus transversus über. Der rechte Sulcus transversus geht aus zwei kleineren Furchen hervor, welche sich, von oben und von unten her kommend, an der Protuberantia occipitalis interna treffen, und ist ebenso wie seine Fort¬ setzung, der Sulcus sigmoideus, schwächer entwickelt als die Furchen der linken Seite. Die Sulci transversi beschreiben bei ihrem Verlaufe an der seitlichen Wand der Schädelhöhle einen hohen Bogen gegen den Angulus mastoideus des Scheitelbeins hin.

Zu beiden Seiten des Sulcus sagittalis finden sich an der Oberschuppe tiefe Fossae occipitales, welche den Knochen bedeutend verdünnen; die rechte derselben ist weiter und tiefer als die linke. Die Fossae cerebellares sind weit und stark konkav ausgehöhlt; der sagittale Durchmesser der Gruben bis zum Clivus hin ist relativ lang, was durch die große Occipitallänge des Schädels erklärlich wird. Die Richtung des Clivus ist steil rückwärts- abwärts.

Das Gehirn war von mittlerer Größe und in allen Teilen wohl entwickelt. Der Stirnlappen war hoch und breit, an seiner Außenfläche stark gewölbt, an der Unterfläche tief ausgehöhlt. Medianwärts ragte ein hoher, keilförmig gestalteter Lappen gegen die Nasenhöhle und das Siebbeinlabyrinth nach abwärts hervor. Lateralwärts bildete die Pars orbitalis der unteren Stirnwindung eine kugelige Vorwölbung.

Die Fissura Sylvii war ziemlich geradlinig und zog mit einer geringen Erhebung nach rückwärts-aufwärts. Sie begrenzte einen breiten Schläfenlappen, dessen Richtung vorwärts-abwärts und medianwärts war. Der Lappen war vorn abgerundet und reichte mit seinem tiefsten Punkt bis fast in die Höhe des Oberrandes des Jochbogens nach abwärts.

Der Scheitellappen war relativ flach gewölbt und im ganzen rückwärts-abwärts geneigt, die höchste Stelle des Gehirns lag bei der Orientierung nach der deutschen Horizontalen im Bereich des Lobus centralis.

Der Hinterhauptslappen war stark entwickelt, und zwar der rechte noch mehr als der linke, wie die Verschiebung des Sulcus sagittalis nach links zeigt. Der Lappen ragte sowohl nach rückwärts wie nach abwärts über seine Umgebung hervor, sodaß der hintere Teil des Sulcus transversus tiefer lag als der vordere.

Die Unterfläche des Kleinhirns war breit und stark konvex.

Der Hirnstamm war sehr steil gelagert, fast senkrecht.

22

Hockergräber. I. Gruppe.

Schädelmaße.

1) Gerade Länge

184 mm

17) Nasenhöhe

50 mm

2) Größte Länge

185

??

18) Nasenbreite

2 5,5 1,

3) Größte Breite

136,5

!?

19) Größte Breite des Orbitaeingang

C/J

00

4) Kleinste Stirnbreite

95

?!

20) Horizontale

37 ,,

5) Ganze Höhe

132

??

21) Größte Höhe

32,5

6) Ohrhöhe

in, 5

?!

22) Vertikalhöhe

34

7) Länge der Schädelbasis

104

?!

23) Gaumenlänge

50 ,,

8) Breite

99

?)

24) Gaumenbreite

39 ,,

9) Länge des Foramen magnum

37

'!

25) Gaumenendbreite

39 ,,

10) Breite

28

?!

26) Profillänge des Gesichts

98

11) Horizontälumfang

5i6

?!

27) Profilwinkel

00

0

12) Sagittalumfang

365

?!

28) Kapazität (gemessen)

1370 ccm

a) Stirnbein

122

?!

29) nach Beddoe

1396

b) Scheitelbein

126

?!

30) Froriep

1404

c) Hinterhauptsbein

117

?!

31) Kalottenhöhe

93 mm

13) Vertikaler Querumfang

308

??

32) Kalottenhöhen-Index

52,5

14) Gesichtsbreite

99

?!

33) Bregma-Winkel

57°

15) Jochbreite ca.

123

??

34) Lambda-Winkel

8o°

16) Obergesichtshöhe

67

)?

Indices.

x) Längen-Breiten-

Index

74,18 = Dolichocephalie

2) Längen-Höhen-

>?•

71,74 = Orthocephalie

3) Obergesichts-

67,67 = Schmales Obergesicht

4) Jochbreiten-Obergesichts-

!?

54,47 = Leptoprosopes Obergesicht

5) Augenhöhlen-

1!

91,89 = Hypsiconchie

6) Nasen-

?!

51,00 = Mesorrhinie

7) Gaumen-

?!

78,00 = Leptostaphylinie

/?\

V

Abb. 8.

Skelet 3. (Grab 59. a. 8.)

Hierzu Textabbildungen Nr. 8 n und Taf. I, Abb. 5.

Das Grab war von Süden nach Norden orientiert und das Skelet auseinandergeworfen, Beigaben fehlten. Von den Resten des Skeletes wurden konserviert: 1) Schädel mit Unterkiefer. 2) Altas.

Schädel.

Der Schädel ist beim Ausgraben schwer beschädigt worden; der vordere Teil der rechten Schädelhälfte ist gänzlich abge¬ schlagen und die Bruchränder sind stark verwittert durch die Einwirkung des Salzes und der Luft. Die Lage des Schädels im Grabe war derart, daß seine linke Seite auf der Sohle des Grabes ruhte, doch so, daß das Gesicht etwas nach aufwärts gerichtet war; am tiefsten lag demnach die linke Seite der Hinterhauptsgegend.

Kleine männliche Skelete, Nr. 2. (Grab 60. f. 4.) Nr. 3. (Grab 59. a. 8.)

23

Wie Abb. 8 zeigt, lag ein Stück eines Oberschenkelknochens dem Schädel unmittelbar an und zwar berührte er die rechte Seite der Hinterhauptsgegend. Hierauf ist offenbar die Asymmetrie des Schädels zurückzuführen, welche man bei der Norma verticalis bemerkt. Die Hinterhauptsschuppe ist mit ihrer rechten Seite vorwärts gedrückt, sodaß sie schief zur Medianebene steht und das rechte Scheitelbein ist der Medianebene mehr genähert als das linke. (Taf. I, Abb. 5).

Hirnschädel: Die linke Seite des Hirnschädels ist bis auf einen Defekt am Stirn¬ bein ausgezeichnet erhalten, sodaß man sich ein gutes Bild von seiner Gestalt machen kann. Die Form ist die eines Ovoids, keines der Tubera tritt über die Wölbung seiner Umgebung hervor. Hinter dem Bregma und hinter der Mitte der Sagittalnaht liegen zwei Unterbrechungen der allgemeinen Krümmung des Schädeldaches. Hinter dem Bregma findet sich eine breite, sattelförmige Vertiefung, während die hintere Abflachung das Gebiet der Sagittalnaht selbst betrifft.

Die Nähte sind mit Ausnahme der Mitte der Sagittalnaht erhalten, die Nahtzacken sind teilweise sehr groß und kompliziert entwickelt. Von überzähligen Nähten finden sich Reste einer Frontalnaht, oberhalb des Nasion und vor dem Bregma; dieses hintere Stück der Naht ist gegen den Anfang der Sagittalnaht um 5 mm nach rechts verschoben. Über die Mitte des Processus mastoideus zieht außerdem ein Rest einer Sutura mastoideosquamosa.

Das Stirnbein ist in sagittaler und frontaler Richtung stark konvex gekrümmt, und zwar am stärksten in der Gegend zwischen den beiden Tubera frontalia. Letztere sind über ihre Umgebung nicht erhaben, infolgedessen auch nicht genau festzustellen. Unterhalb der Gegend der Tubera ist die Stirn abgeflacht bis zur Glabella hin; zu beiden Seiten der Nasenwurzel bis etwa zur Mitte des Margo supraorbitalis erheben sich die Arcus superciliares. Die Linea temporalis, welche am Stirnbein eine flache Leiste bildet, verläuft steil aufwärts und grenzt ein ziemlich umfangreiches Schläfengebiet ab, welches in Form einer länglichen, abgerundeten Protuberanz gegen die Fossa tem¬ poralis hervorragt.

Das Scheitelbein ist in seiner mittleren Partie gleichmäßig gewölbt, auch im mittleren Teil des Schläfenabschnittes, dagegen sind die Winkel abgeplattet, Angulus frontalis und sphenoidalis sind sogar vertieft. Der Sulcus parietalis, welcher von der Höhlung der Ala magna des Keilbeins ausgeht, verläuft über den Angulus spheno¬ idalis steil aufwärts hinter der Sutura coronaria, nur wenig von dieser divergierend. Die Linea temporalis geht hinter der Kranznaht in einem Bogen weit aufwärts, senkt sich dann aber nach rückwärts schnell und bleibt weit von der Stelle des Tuber parietale entfernt. Das von der Schläfenlinie umfaßte Gebiet ist demnach hoch, in sagittaler Richtung dagegen von geringer Ausdehnung.

24

Hockergräber. I. Gruppe.

Das Hinterhauptsbein hat im ganzen eine flache Lage und in der sagittalen Richtung eine ziemlich gleichmäßige Krümmung; nur die Oberschuppe ist etwas stärker konvex als der untere Teil der Schuppe. In der Medianlinie verläuft eine breite Abflachung vom Lambda bis zu der ganz flachen Protuberantia occipitalis externa. Die Unterschuppe, welche ein flaches Muskelrelief trägt und nach aufwärts durch eine niedrige Linea nuchae abgegrenzt wird, ist etwas unsymmetrisch gestaltet: die linke Seite ist breiter als die rechte und die Crista occipitalis externa steht dazu noch ein wenig links von der Medianlinie. Das Foramen ma- gnum ist groß, oval und schief gestellt, sodaß sein Längsdurchmesser von vorn rechts nach rückwärts links gerichtet ist. Die Abweichung von der Medianlinie beträgt hinten 3 mm. Die Condyli occipitales sind groß und stark gewölbt, der Körper des Hinterhauptsbeins ist breit und kurz.

Am Keilbein ist der Körper sehr defekt, da er große Höhlen enthielt, deren Wände

zertrümmert sind. Die Processus ptery- goidei sind kurz und ziemlich schwäch¬ lich, die Alae magnae nicht besonders breit und dabei kurz.

Das Schläfenbein (links) hat eine kleine, niedrige Schuppe, während die übrigen Teile kräftig entwickelt sind. Die Schuppe ist glatt und läßt kaum eine Andeutung eines Muskelreliefs er¬ kennen, dagegen sind zwei längliche Protuberanzen ansgebildet, deren größere schräg über die Mitte der Schuppe ver¬ läuft, während die kleinere an der oberen, vorderen Ecke gelegen ist. Die Rich¬ tung der Protuberanzen ist nicht parallel, sondern sie divergieren nach rückwärts- aufwärts. Processus mastoideus und zygomaticüs sind stark entwickelt, ersterer ist an seiner Spitze blasig aufgetrieben und von pneumatischen Zellen ausgefüllt.

Die Pyramiden sind gegeneinander verschoben, und zwar die linke etwas nach vorn hin, die rechte nach hinten hin. Auch die Deklinationswinkel sind verschieden: die Achse der linken Pyramide bildet mit der Medianebene einen Winkel von 50°, die der rechten von 6o°. Die Pyramiden sind kräftig entwickelt, und alle Muskel- und Bandansätze sind zu hohen Spitzen und Leisten ausgebildet.

Der Gesichtsschädel ist im ganzen niedrig und breit, der Obergesichtsschädel jedoch noch relativ hoch. Zur Beurteilung in dieser Hinsicht sind die Größen zu Grunde gelegt, welche man erhält, wenn man die Maße der rechten Seite entsprechend denen der linken ergänzt; dabei ist natürlich nicht ausgeschlossen, daß ein kleiner Fehler entsteht; aber ein Mehr oder Weniger von 5 mm würde das Resultat noch nicht ändern können.

Die Augenhöhle ist sehr geräumig, ihre Öffnung weit, abgerundet viereckig und unter einem Winkel von ca. 170 gegen die Horizontale geneigt.

Kleine männliche Skelete. N t. 3. (Grab 59. a. 8.)

25

Die Nasenwurzel ist von mittlerer Breite, der Nasenrücken hoch, die Nasenbeine sind defekt; ihre Richtung ist schräg vorwärts-abwärts. Die Apertura piriformis ist mit ihrem unteren Umfange nach rechts verschoben, sodaß die Spina nasalis rechts von der Medianebene steht. Die Breite der Öffnung ist eine mittlere, die Höhe läßt sich nicht feststellen.

Der Oberkiefer ist groß und kräftig ge¬ baut. Die Vorderfläche ist nur wenig eingezogen, sie erscheint wie aufgetrieben durch die Oberkiefer¬ höhle. Vom Foramen infraorbitale verläuft eine Su- tura infraorbitalis über den unteren Augenhöhlen¬ rand zur Sutura zygomatico-maxillaris. Der Alveolar¬ fortsatz ist hoch, die Juga alveolaria sind bei den Vorderzähnen sehr deutlich, besonders aber ragt die Alveole des Eckzahns als Kante hervor.

Das Jochbein ist in allen Teilen breit und stark ausgebildet.

Die Zähne waren vollständig erhalten und sind es auf der linken Seite noch; rechts dagegen sind nur der laterale Schneidezahn und die drei Molaren vorhanden. Die Kronen der übrigen Zähne Abb. n.

sind verlorengegangen, die Wurzeln stecken in den

Alveolen. Die Zähne sind wenig abgenutzt und ohne Spuren von, Caries; sie bilden einen schönen ebenmäßigen Bogen, welcher an der Stelle der Eckzähne nur eine leichte Knickung zeigt. Die dritten Molaren sind gut ausgebildet, aber etwas schwächer als die zweiten.

Vom Unterkiefer ist nur die rechte Hälfte des Körpers mit der Zahnreihe erhalten. Der Knochen ist kräftig entwickelt, das Muskelrelief ist unbedeutend; Kinn, Winkel und Ast fehlen. Der Alveolarfortsatz ist breit und stark.

Die Zähne sind vollzählig erhalten mit Ausnahme des medialen Schneidezahnes; sie sind gut ausgebildet und in geringem Maße quer abgekaut.

Das Maß für die Gesichtshöhe ist nur annäherungsweise zu bestimmen; die Zahnreihen wurden in Kontakt, das Unterkieferstück in die richtige Stellung gebracht und gemessen.

Schädelhöhle: Auf der rechten Seite ist die Wand zum größten Teil zerstört und die wenigen erhaltenen Gebiete sind infolge der Salzsplitterung für die Untersuchung nicht zu verwerten; die linke Seite dagegen ist sehr gut erhalten und fast intakt.

Die Höhle hat ihre Hauptausdehnung in sagittaler Richtung, ist aber dabei sehr breit und hoch; die Wände sind von mittlerer Dicke.

Der Stirnteil der Höhle ist hoch, breit und sehr stark und gleichmäßig konvex gewölbt; der Abstand der Innenwand von der äußeren Oberfläche ist dicht oberhalb der Nasenwurzel nicht viel größer als an den oberen Teilen der Schuppe, da die Stirnhöhlen von geringer Aus¬ dehnung sind; die rechte ist nur erbsengroß. Der Boden der vorderen Schädelgrube ist, soweit er vom Dach der Orbita gebildet wird, hoch gewölbt, senkt sich medianwärts steil abwärts zu der sehr tiefstehenden Lamina cribrosa und hat lateralwärts vom Augenhöhlendach eine große rundliche Ausbuchtung gegen die Fossa temporalis hin.

Frdr. W. Müller, Anthropologisches,

4

26

Hockergräber. I. Gruppe.

Die Crista Sylvii ist gut erkennbar; sie zieht schräg rückwärts-aufwärts zu einem Punkt unterhalb des Tuber parietale. Die mittlere Schädelgrube ist nicht besonders hoch aber breit; ihre vordere Begrenzung kurz gebogen, sodaß die Höhle vorn zugespitzt erscheint. Der Boden ist im vorderen Abschnitt fast plan und fällt schräg rückwärts zur Gegend des Foramen ovale ab. Die Keilbeinhöhle ist klein und füllt nur den vorderen Teil des Keilbeinkörpers aus, reicht auch seitwärts nicht in die Fortsätze des Keilbeins hinein. Die seitliche Wand trägt hohe Juga, welche den Sulci temporales entsprechen.

In dem Gebiet hinter der Sutura coronaria und oberhalb der Crista Sylvii verläuft parallel zu ersterer und ca. 2,5 cm dahinter ein hohes auffälliges Jugum cerebrale, welches seiner Lage und Länge nach als das Jugum des Sulcus centralis betrachtet werden muß. Dasselbe erreicht den Sulcus sagittalis nicht ganz, reicht aber lateralwärts bis in das Temporalgebiet des Scheitelbeins hinein und endigt, allmählich auslaufend, ca. 1,5 cm oberhalb der Crista Sylvii.

Der Sulcus sagittalis liegt vorn in der Mittellinie, weicht aber in der Mitte der Sagittal- naht etwas nach rechts ab und behält diese Lage bis zu seinem Ende. Er geht in beide Sulci transversi über, deren rechter nur unwesentlich breiter als der linke ist. An der Ober¬ schuppe des Hinterhauptsbeins liegt rechts vom Sulcus sagittalis eine etwas kleinere, links eine größere Fossa occipitalis, welche rundlich ausgebuchtet sind. Der linke Sulcus transversus macht einen hohen Bogen nach aufwärts, ehe er in den Slucus sigmoideus übergeht, und ist dabei mit seinem vorderen Ende in ganzer Breite im Bereich des Scheitelbeins gelegen, derart, daß sogar der unterste Teil des Angulus mastoideus unterhalb desselben liegt. Die Fossae cere- bellares sind breit aber wenig tief; ihre Seitenwand trägt je ein deutliches Jugum cerebellare.

Das Gehirn war von mittlerer Größe, länglich, breit und ziemlich hoch. Der Stirn¬ lappen war hoch und breit, stark konvex an seiner Außenfläche. Die Unterfläche war stark gehöhlt und hatte medianwärts einen hohen, weit abwärts reichenden Lappen, lateralwärts ragte die Pars orbitalis der unteren Stirnwindung kugelig nach abwärts hervor.

Die Fissura Sylvii zog schräg rückwärts-aufwärts und grenzte einen schmalen, langen Schläfenlappen ab. Letzterer war vom zugespitzt und unten schräg abgeschnitten, seine Richtung war parallel der der Fissura Sylvii. Der Scheitellappen nahm die höchste Stelle am Gehirn ein und war sehr stark gewölbt, bedeutend mehr als seine Nachbarschaft.

Der Hinterhauptslappen war links etwas größer als rechts, wegen der Rechtslage des Sinus sagittalis, und ragte weit nach rückwärts über das Confluens sinuum und das Kleinhirn hervor; der hintere Teil des Tentpriums mit den Sinus transversi war durch die Entwicklung des Hinterhauptslappens nach abwärts gedrängt. Der Hirnstamm lag schräg rückwärts-abwärts, wie die Stellung des Clivus zeigt.

Schädelmaße:

1) Gerade Länge

174 mm

8) Länge des Foramen magnum

35

mm

2) Größte Länge

174,5 V

9) Breite ,, ,,

ca. 29

n

3) Größte Breite

138

10) Horizontalumfang (rechts)

252

n

4) Ganze Höhe

135

11) Sagittalumfang

356

11

5) Ohrhöhe

109

a) Stirnbein

120

11

6) Länge der Schädelbasis

99

b) Scheitelbein

I24

11

7) Breite

104

c) Hinterhauptsbein

I I 2

11

Kleine männliche Skelete. Nr. 3. (Grab 59. a. 8.) Nr. 4. (Grab 2. d. 1.)

27

12) Vertikaler Querumfang

302 mm

23) Gaumenlänge

50

mm

13) Gesichtsbreite

ca. 98

24) Gaumenbreite

36

14) Jochbreite

ca. 132

25) Gaumenendbreite

36

15) Gesichtshöhe

ca. 111,5

26) Profillänge des Gesichts

92

D

19) Obergesichtshöhe

68

27) Profilwinkel

82°

17) Nasenhöhe

49 ,,

28) Kapazität nach Beddoe

1357

ccm

18) Nasenbreite

24 ,,

29) ,, Froriep

1328

19) Größte Breite des Orbitaeingangs 40

30) Kalottenhöhe

100

mm

20) Horizontale

39

31) Kalottenhöhen-Index

6i,c

)

21) Größte Höhe des Orbitaeingangs 32

32) Bregma-Winkel

6o°

22) Vertikalhöhe

32,5

33) Lambda-Winkel

86°

Indices:

1) Längen-Breiten-Index 79,31 Mesocephalie

2) Längen-Höhen- 77,58 = Hypsicephalie

3) Gesichts- ca. 1 13,77 = Schmalgesichtiger Schädel

4) Obergesichts- ca. 69,38 = Schmales Obergesicht

5) Augenhöhlen- 83,33 = Mesoconchie

6) Nasen- 48,98 = Mesorrhinie

#

7) Gaumen- 72,00 = Leptostaphylinie

Unterkiefer-Maße.

Kinnhöhe 33 mm.

Atlas.

Zierlicher, symmetrischer Wirbel; der rechte Querfortsatz und die Spitze am hinteren Ende des rechten oberen Gelenkfortsatzes sind abgebrochen.

Die Foveae articulares sup. sind etwas verschieden gestaltet, im allgemeinen kurz, breit und tief konkav gehöhlt; quer über ihre Mitte zieht in transversaler Richtung je eine feine Furche. Der vordere Bogen ist von mittlerer Länge und trägt ein kleines Tuberculum anterius.

Der hintere Bogen ist zierlich, aber doch kräftig gebaut und vorn durch einen breiten Sulcus art. vertebralis verdünnt; das Tuberculum posterius ist niedrig und schwächlich. Am linken oberen Gelenkfortsatz ragt hinten eine lange Spitze über den Sulcus art. vertebral, hinaus, eine Brückenbildung existiert aber nicht. Die Querfortsätze sind stark entwickelt und stehen transversal; die hinteren Knochenspangen sind viel stärker als die Processus costarii und tragen die Verdickung am äußersten Ende. Der rechte Processus costarius hing nur durch Bindegewebe mit dem Processus transversus zusammen, der linke durch eine Knochenbrücke.

Skelet 4. (Grab 2. d. 1.)

Hierzu Textabbildungen 12 15 und Taf. I, Abb. 6.

Das Grab war von Süden nach Norden orientiert, war 80 cm tief und unberührt. Es enthielt ein Skelet in Hockerstellung und linker Seitenlage; die Arme waren spitzwinklig

4

28

Hockergräber. I. Gruppe.

gebeugt, die linke Hand lag unter dem Gesicht, die rechte vor demselben. Die Beine waren gegen den Rumpf erhoben und im Knie scharf gebeugt, sodaß die Füße am Becken lagen. Von Beigaben wurden nur folgende gefunden:

1) Wellenhenkelkrug, 21 cm hoch, in der Südostecke des Grabes, hinter dem Schädel.

2) Einige Rinderrippen in der Südwestecke, vor dem Gesicht.

- - Das Skelet sah zunächst gut erhalten aus, veränderte sich aber an der

SLuft sehr schnell, da es von Salz vollkommen durchsetzt war. Beim Versuch, einige Knochen zu heben, zerfiel alles in Splitter; auch der Schädel hatte sehr gelitten, wurde aber doch wenigstens teilweise gehoben, und zwar im wesentlichen des Unterkiefers wegen. Messungen am Skelet im Grabe konnten nicht gemacht ... werden. Es ist erhalten: Schädel mit Unterkiefer.

Abb. 12.

Schädel.

Der Schädel ist leicht und sehr defekt. Die basalen Teile fehlen fast gänzlich oder sind wertlos, die linke Seite ist eingedrückt und durch Salz völlig unbrauchbar gemacht. Vom Gesichtsteil sind nur einige Reste erhalten, welche auf das Stirnbein gestützt sind; die inneren Teile fehlen vollständig. (Taf. I, Abb. 6).

Der Hirnschädel ist langgestreckt und abgerundet. Die Tubera sind zwar deutlich zu erkennen, treten aber wenig über ihre Umgebung hervor. Die Nähte be¬ ginnen zu verknöchern, besonders die Sagittalnaht; doch ist überall der Verlauf der Naht¬ linie noch erkennbar. Überzählige Nähte sind nicht vorhanden, auch Nahtknochen fehlen gänzlich.

Die Stirnschuppe ist fast kugelig gewölbt; nur der Teil unterhalb der Stirnhöcker und oberhalb der Augenbrauenbogen ist fast plan. Die starke Krümmung der Schuppe be-

dingt es, daß die Stirn in ihrem unteren Abschnitt nach \ \ \\ rückwärts zurückweicht. Die Arcus superciliares sind ÄA) ^ \ 1 \ \ schwach ausgebildet und nehmen nur den Raum

\ Hl über dem medialen Drittel des Margo supraorbitalis ^ \v\ \\ \C\ und über der Nasenwurzel ein. Die Linea temporalis

\ ragt als Leiste über ihre Umgebung hervor, zieht in

^ \\r ' einem großen Bogen rückwärts-aufwärts und begrenzt

\ ein umfangreiches Schläfengebiet an der Stirnschuppe, ^ welches nur ganz wenig konvex ist.

^ Das Scheitelbein erscheint kegelförmig, da

Abb. 13.

die Gegend des Tuber wie überhaupt die ganze Mitte des Knochens stark hervorgewölbt ist, während sämtliche Winkel abgeplattet sind. Die Abflachung der Anguli frontales verursacht eine geringe sattelartige Einsenkung hinter dem Bregma, der Angulus sphenoidalis enthält in seinem unteren Teile eine flache Rinne, welche ein kurzes Stückchen weit rückwärts-aufwärts verfolgt werden kann. Die Linea temporalis beschreibt einen großen Bogen, welcher bis an den höchsten Punkt des Tuber parietale hinaufreicht. Das Planum temporale ist groß, abgeflacht und fast senkrecht gestellt.

Das Hinterhauptsbein ist nur teilweise vorhanden, ein Teil der Unterschuppe, die Seitenteile und die Umgebung des Foramen magnum fehlen.

Abb. 13.

Kleine männliche Skelete. Nr. 4. (Grab 2. d. 1.)

29

Die Oberschuppe steht ziemlich steil und ist sehr stark konvex gewölbt, nur die in der Medianlinie gelegene Partie zeigt eine geringere Krümmung. Oberhalb der Protuberantia occipitalis externa und der Linea nuchae läuft eine flache Querrinne rings her¬ um; die Protuberanz ist zu einem hohen Höcker entwickelt. An der Unterschuppe ist der mittlere, obere, Teil zu einer breiten Grube vertieft, während die seitlichen, unteren Abschnitte konvex sind. Der Körper des Hinterhauptsbeins ist breit und flach.

Am Keilbein ist der Körper zerstört; aus seinen Resten läßt sich erkennen, daß er große Höhlen enthielt. Die großen Flügel sind klein und schmächtig, die Spitze des rechten ist durch einen Vorsprung der Schläfenbeinschuppe ersetzt.

Die Schläfenbeinschuppe ist groß und zeigt ein eigentümliches Relief; die Mitte der Schuppe ist von einer ziemlich hohen, sehr steilstehenden Protuberanz eingenommen. Vor und hinter der Sutura sphenosquamosa verläuft je eine leistenartige Erhebung in senkrechter Richtung aufwärts, sodaß die Nacht selbst vertieft in einem erhöhten Streifen von ca. 1 cm Breite gelegen ist. Hinter der hinteren dieser Leisten verläuft eine Rinne, welche sich nach aufwärts ein Stück weit auf das Scheitelbein fort- Abb. 14.

setzt. (Vgl. Taf. I, Abb. 6.)

Der Processus mastoideus ist groß und von pneumatischen Zellen angefüllt; er wird durch eine hohe Crista supramastoidea abgegrenzt.

Gesichtsschädel: Die Augenhöhlen sind groß, die Wände sehr defekt. Die Öffnungen sind weit, queroval abgerundet und etwas schief ge¬ stellt.

Die Nasenwurzel ist breit, der Nasenrücken flach, die Nasenbeine sehr breit, das linke etwas kleiner als das rechte. Die Apertura piri¬ formis ist niedrig und breit.

DerOberkieferist schmächtig, die Vorderfläche ziemlich plan, der Alveolarfortsatz niedrig. An den Alve¬ olen sind keine Spuren von Caries zu sehen.

Zähne sind nicht erhalten.

Der Unterkiefer ist durch Salzwirkung gänzlich zersplittert, wurde aber, soweit es möglich war, rekonstruiert.

Hockergräber. I. Gruppe.

Der Körper des Unterkiefers ist niedrig und schwächlich, das Kinn tritt stark hervor. Winkel existieren nicht, sondern auf beiden Seiten geht die Unterkante des Körpers in die Hinter¬ kante des Astes mit einer ganz gleichmäßigen Abrundung über. Innen an der Stelle des Winkels finden sich hohe Knochenleisten für den Ansatz des Musculus pterygoideus internus.

Die Zähne waren rechts sämtlich erhalten; links fehlte der dritte Molar, seine Alveole ist resorbiert. Jetzt fehlen alle Zähne.

Die Schädelhöhle konnte wegen

des schlechten Zustandes des Schädels

.nicht näher

untersucht werden.

Schädelmaße.

1) Gerade Länge 182,5mm

io) Obergesichtshöhe

65 mm

2) Größte Länge 182,5

u) Nasenhöhe

,,

3) Größte Breite 130

12) Nasenbreite

26

4) Kleinste Stirnbreite 97

13) Größte Breite des Orbitaeingangs 40,5

5) Ganze Höhe 135

14) Horizontale

40

6) Ohrhöhe 1 1 9

15) Größte Höhe

3i,S

7) Horizontalumfang d. rechten Seite 253

16) Vertikalhöhe

3?, 5 ,,

8) Sagittalumfang (nicht bestimmbar)

17) Kapazität nach Froriep

1388 ccm

a) Stirnbein 1 2 1

18) Kalottenhöhe

102 mm

b) Scheitelbein 124

1 9) Kalottenhöhen-Index

57,9

c) Hinterhauptsbein, Oberschuppe 79

1)

20) Bregma-Winkel

6i° 30*

9) Vertikaler Querumfang (r. Seite) 156

21) Lambda-Winkel

75°

Indices.

1) Längen-Breiten-Index

7 1 ,43 = Dolichocephalie

2) Längen-Höhen-

74, 1 7 = Orthocephalie

3) Augenhöhlen-

80, 1 2 = Mesoconchie

4) Nasen-

52,00 = Platyrrhinie

Skelet 5.

(Grab 12. g. 6.)

Hierzu die Textabbildungen Nr. 16 20 und Taf. II, Fig. 1.

Das Grab war von Süden nach Norden orientiert, gerade so groß, wie es den Di¬ mensionen der Leiche entsprach , 60 cm tief und unberührt. Das Skelet lag auf der linken Seite, die Arme waren an den Körper angelegt und im Ellenbogen¬ gelenk gebeugt, die Hände lagen vor dem Gesicht. Die Beine waren rechtwinklig gegen den Rumpf heraufgezogen und im Knie scharf ge¬ beugt, sodaß die Füße am Becken lagen. Von Beigaben wurde nur ein rotgestrichener Napf gefunden, welcher hinter dem Rücken des Skelets lag.

Das Skelet war in einem sehr schlechten Zu¬ stande ; durch Salzwirkung waren die einzelnen Knochen völlig zersplittert, sodaß keine Messungen vorge-

_ _ nommen werden konnten. Von allen Teilen wurde

Abb. 16. allein der Oberschädel ohne Unterkiefer konserviert.

Kleine männliche Skelete. Nr. 4. (Grab 2. d. 1.) Nr. 5. (Grab 12. g. 6.)

31

Schädel.

Der Schädel ist groß und schwer und hat teilweise durch das Salz bedeutend gelitten. An vielen Stellen, hauptsächlich am Dach, sind zahlreiche flache Stücke abgesplittert, welche zum Teil wieder angesetzt werden konnten, zum Teil aber auch nicht aufgefunden wurden. (Taf. II, Abb. 1). Trotz der vielen Defekte ist die Zusammenpassung eine sehr exakte.

Der Hirnschädel ist länglich abgerundet mit erkennbaren aber nicht hervor¬ tretenden Tubera und im allgemeinen recht symmetrisch gebaut Die Nähte sind sämtlich erhalten, die Nahtzacken gut ausgebildet; überzählige Nähte finden sich nicht. Im vorderen Abschnitt bildet die Sagittalnaht die Höhe einer sagittal verlaufenden, seitlich ab¬ geflachten Leiste. (Vgl. Abb. 20).

Die Stirnschuppe ist gut gewölbt, ohne auffällige Tubera; an die etwas vorgewölbte Glabella schließen sich sehr flache Arcus superciliares an.

Die Linea temporalis ist schwach entwickelt, be¬ schreibt aber einen sehr hohen Bogen am Stirnbein, sodaß die Schläfenpartie des- letzteren besonders groß ist. Eine Vorwölbung unterhalb der Linea temporalis findet sich weder rechts noch links.

Die Scheitelbeine haben nicht eine gleich¬ mäßige typische Wölbung, sondern sind in eigen¬ tümlicher Weise teils mehr abgeplattet, teils stärker gekrümmt. Die Schläfengegend ist ziemlich plan. Die Linea temporalis ist nur schwer sichtbar und umfaßt ein kleines Gebiet am Schädel, welches nicht bis an das Tuber parietale reicht.

Am Hinterhauptsbein ist die Oberschuppe auf beiden Seiten vorgebuchtet, während die Mitte plan ist. Oberhalb der Linea nuchae zieht eine schwache Querrinne als unterer Abschluß der Oberschuppe. Die äußere Protuberanz ist zwar exakt bestimmbar, bildet aber keinen hervorragenden Höcker. Die Unterschuppe ist konvex vorgewölbt und mit einem deutlichen Muskelrelief versehen. (Vgl. Abb. 19).

Das Foramen magnum ist relativ klein und unsymmetrisch, die Condyli sind klein und flach. Auf der Unterfläche des Körpers bemerkt man eine kleine grubenartige Vertiefung, welche eine Bursa pharyngea aufgenommen haben mag.

Am Keilbein fehlt der Körper, die Processus pterygoidei sind breit und kräftig, die Alae magnae lang und schmal.

Schläfenbein: Die Schuppen sind eigentümlich dreiseitig dadurch, daß die Sutura squamosa nicht den gewöhnlichen bogenförmigen Verlauf hat, sondern fast geradlinig von der Spitze des großen Keilbeinflügels zur Pars mastoidea verläuft. Schräg über die Schuppe hinweg läßt sich eine flache Protuberanz ziemlich steil aufwärts zum Tuber parietale verfolgen. Das Muskelrelief ist nur schwach entwickelt. Die Processus mastoidei sind groß und kräftig, besonders der rechte ist ebenso wie seine Umgebung durch pneumatische Räume blasig auf-

32

Hockergräber. I. Gruppe.

getrieben. Die Pyramiden des Schläfenbeins liegen symmetrisch zur Medianlinie, haben eine Deklination von 57 0 30' und konvergieren mit ihren Achsen unter einem Winkel von 1150.

Der Gesichtsschädel ist breit und niedrig, dabei etwas unsymmetrisch. Der rechte Oberkiefer ist ein wenig höher als der linke bei gleicher Breite; das. linke Joch¬ bein ist kräftiger und breiter als das rechte. Der Nasenrücken steht, schief von

oben links nach rechts abwärts, die Sutura internasalis läuft links neben der Mittellinie, sodaß das rechte Nasen¬ bein breiter ist als das linke; auch die Apertura piriformis ist nicht ganz symmetrisch gestaltet.

Die Augenhöhlen sind weit, die Öffnungen groß und abgerundet und in querer Richtung langgestreckt. Die Decke und die laterale Wand der Höhlen sind gut erhalten.

Die Nasenwurzel ist schmal, der Nasenrücken hoch, die Apertura piriformis ist sehr niedrig und breit und schief nach rechts abwärts verzogen. Die Oberkiefer sind kräftig und breit, die Alveolarfortsätze auffallend niedrig, mit wenig hervortretenden Juga. Der vordere Teil des Alveolarfortsatzes steht schräg vorwärts-abwärts geneigt (Alveolarprognathie).

Die Zähne waren vollständig und bildeten einen weiten, am Eckzahn nur wenig geknickten Bogen. Die dritten Molaren hatten drei kräftige Wurzeln, fast so stark wie die zweiten Molaren. Es fehlen jetzt : die beiden mittleren Schneidezähne, der zweite und dritte Molar links, der Eckzahn, die Prämolaren und die Molaren rechts. Die Zähne sind nur wenig abgenutzt und zeigen keine Spuren von Caries.

Schädelhöhle: Die Höhlung ist. sehr ge¬ räumig und besonders in den hinteren Partien hoch und weit. An der inneren Oberfläche finden sich an zahlreichen Stellen, besonders aber links hinten, kleine Aüssplitterungen der Tabula interna; das Abb. 20. Relief der Juga cerebralia ist reich entwickelt. An

den Scheitelbeinen liegeii neben der Mittellinie große und weite Foveolae granuläres. Im vorderen Abschnitt des Schädeldaches läuft der Sulcus sagit- tälis mediansägittal, hinter der Mitte der Sagittalnaht jedoch weicht er um seine eigene Breite nach rechts ab.

Kleine männliche Skelete. Nr. 5. (Grab 12. g. 6.)

33

Der Stirnteil der Höhle ist vorn breit abgerundet, aber im ganzen doch ziemlich flach, da die Stirnschuppe in ihrem oberen Teil fast nur in frontaler Richtung gekrümmt ist, in sagittaler dagegen keine wesentliche Wölbung aufweist. Das Dach der Höhle steigt bis zum vorderen Drittel der Sagittalnaht, wo die höchste Stelle liegt, und biegt dann in weitem Bogen rückwärts-abwärts um. Die Abrundung des Frontalpols hat seinen Grund im wesent¬ lichen in der starken Entwicklung der Stirnhöhlen, welche den untersten Teil der Stirnschuppe blasig auftreiben; deshalb ist auch die Stelle der Glabella wie blasig aufgetrieben, also konvex. Das Dach der Orbita ist hoch gewölbt und fällt medianwärts steil ab zur Lamina cribrosa, welche relativ hoch, etwa in der Höhe des Nasion, steht. Lateralwärts am Dach der Orbita liegt die tiefe runde Grube für die Pars orbitalis der untersten Stirnwindung, welche rechts größer als links ist und bis .in das Gebiet des großen Keilbeinflügels und der Schläfenschuppe reicht. So groß diese Grube ist, macht sie sich doch auf der Außenseite nicht durch eine Protuberanz bemerkbar (s. o.).

Die Crista Sylvii ist wegen ihrer Höhe sicher feststellbar; sie beginnt ziemlich weit abwärts am großen Keilbeinflügel, steigt dann steil rückwärts auf und biegt oberhalb der Schläfenschuppe in die Richtung um, welche zur unteren Grenze der Fossa parietalis führt. Von der Crista Sylvii aus, und zwar etwa von ihrer Mitte, geht ein anderes, breites und hohes Jugum in schräger Richtung rückwärts-aufwärts, parallel und 3 cm hinter der Sutura coronaria bis in die Gegend des Scheitels. Seine Lage und Richtung zeigen, daß es einer Einsenkung im Gebiete des Lobus centralis des Gehirns entspricht, bzw. der Arachnoidea an dieser Stelle. Für den Sulcus centralis kommt es mir ein wenig zu weit rückwärts liegend vor, obwohl das hintere Ende der Fissura Sylvii nicht bestimmbar ist und die Proportionen der einzelnen Gehirnteile erheblich variieren können; ich bin demnach geneigt anzunehmen, daß das Jugum einem vertieft liegenden Gyrus centralis posterior, wie man ihn ja nicht selten beobachtet, entspricht.

Die Fossa cranii media ist vom zugespitzt, der Boden der Grube fällt erheblich rück¬ wärts ab; ihre Seitenwand ist breit und mit hohen Juga für die Sulci temporales bedeckt.

Der Sulcus sagittalis, der an der Oberschuppe rechts von der Mittellinie liegt, geht in beide Sulci transversi über, deren rechter breiter und tiefer ist als der linke. Beiderseits neben dem Sulcus sagittalis finden sich tiefe rundliche Einbuchtungen (Fossae occipitales) ; ent¬ sprechend der Lage des Sulcus zur Medianlinie ist die linke dieser Gruben die größere. Die Fossae cerebellares sind tief und gleichmäßig gehöhlt und haben je ein deutliches Jugum cerebellare.

Auffallend ist die weite Verschiebung der Protuberantia occipitalis interna gegen die -externa; erstere liegt etwa 1,5 cm höher als die letztere, sodaß noch ein breiter Streifen der Fossae cerebellares oberhalb der Linea nuchae zu liegen kommt.

Das Gehirn war länglich abgerundet, symmetrisch, zugleich breit und hoch. Der Stirnlappen war verhältnismäßig schmal und vorn niedrig mit weitem Vorsprung nach abwärts neben der Mittellinie. Die Pars orbitalis gyri frontalis inferioris war als kugelige Protuberanz des Gehirns ausgebildet. Die Fissura cerebri lateralis zog zunächst steiler, dann flach zu der Gegend, die dem Tuber parietale entspricht. Der Schläfenlappen war zungenförmig, vorn zu¬ gespitzt, hinten bedeutend verbreitert; seine untere Grenze lag ungefähr in derselben Höhe wie der obere Rand des Jochbogens. Der Hinterhauptslappen war nicht besonders stark ent-

Frdr. W. Müller, Anthropologisches. 5

34

Hockergräber. I. Gruppe.

wickelt; er ragt nicht besonders stark rückwärts hervor und steht auch mit seiner untersten Grenze verhältnismäßig hoch, nämlich nur wenig unterhalb der Mitte der Oberschuppe. Die Sinus transversi waren weit und gingen in einem gleichmäßigen Bogen in die Sinus sigmoidei über, deren rechter viel stärker war als der linke. Das Kleinhirn hatte eine stark konvexe Unterfläche und fand in den geräumigen Fossae cerebellares reichlich Platz, sodaß das Ten- torium wahrscheinlich relativ flach stand. Der Hirnstamm war steil, fast senkrecht gelagert, wie aus der Stellung des Clivus hervorgeht.

Schädelmaße.

1) Gerade Länge

180,5

mm

17) Nasenhöhe

46

mm

2) Größte Länge

180,5

11

18) Nasenbreite

28

3) Größte Breite

137

11

1 9) Größte Breite des Orbitaeingangs

40

11

4) Kleinste Stirnbreite

89

11

20) Horizontale Breite des Orbita¬

5) Ganze Höhe

132

eingangs

40

11

6) Ohrhöhe

”3

11

2 1) Größte Höhe des Orbitaeingangs

3i

1l'

7) Länge der Schädelbasis

96

11

22) Vertikalhöhe

3i

>1

8) Breite

95

11

2 3) Gaumenlänge ca.

48

11

9) Länge des Foramen magnum

32,5

11

24) Gaumenmittelbreite

38

11

10) Breite

26

11

25) Gaumenendbreite

38

11

1 1) Horizontalumfang

502

11

26) Profillänge des Gesichts

98

11

12) Sagittalumfang

374

11

27) Profilwinkel

8o°

a) Stirnbein

126

11

28) Kapazität (gemessen) 1320

ccm

b) Scheitelbein

124

11

29) nach Beddoe 1379

11

c) Hinterhauptsbein

124

11

30) Froriep 1

279

11

13) Vertikaler Querumfang

307

11

31) Kalottenhöhe

102

mm

14) Gesichtsbreite

94

11

32) Kalottenhöhen-Index

59,3

15) Jochbreite

123

11

33) Bregma-Winkel

6o°

16) Obergesichtshöhe

62

11

34) Lambda-Winkel

77°

Indices.

1) Längen-Breiten-Index

75,9<

d = Mesocephalie

2) Längen-Höhen-

73,i

3 = Orthocephalie

3) Obergesichts-

65,9,

5 = Schmales Obergesicht

4) Jochbreiten-Obergesichts-Index

50, 4(

0 = Leptoprosopes Obergesicht

5) Augenhöhlen-

11

77, 5(

} = Chamaeconchie

6) Nasen-

n

60,8;

7 Hyperplatyrrhinie

7) Gaumen-

11

79, V

5 = Leptostaphylinie

Skelet 6. (Grab 57. i. 4.)

Hierzu die Textabbildungen Nr. 21 22 und Taf. II, Abb. 2 5.

Das Skelet stammt aus einem Hockergrabe, welches keine Beigaben enthielt; in der ganzen Umgebung des Grabes sind offenbar viele Bestattungen geplündert und verworfen worden. Von dem Skelet wurde der Schädel mit Unterkiefer geborgen.

Kleine männliche Skelete. Nr. 5. (Grab 12. g. 6.) Nr. 6. (Grab 57, i. 4.)

35

Schädel.

Der Schädel ist zierlich und leicht und außer der Beschädigung bzw. Zerstörung der Jochbeine sehr gut erhalten (Taf. II, Abb. 2 und 5).

Der Hirnschädel ist länglich, eiförmig und überall abgerundet mit Ausnahme des steil abfallenden und durchaus flachen Planum temporale. Die Symmetrie ist keine vollkommene; die linke Seitenwand ist weniger stark gewölbt als die rechte, hingegen ist wieder die Krümmung des linken Scheitelbeins im oberen Abschnitt stärker als die des rechten. (Vgl. Abb. 21 mit Abb. 22.)

Diese Verschiedenheiten sind ziemlich gering und müssen wohl ihre Ursachen in der Wirkung des Erddruckes haben.

Die Nähte des Hirnschädels sind überall in ihrem Verlaufe erkennbar, aber sie beginnen schon zu verknöchern. Überzählige Nähte finden sich nicht, die Nahtknochen sind klein und vereinzelt, z. B. in der Lambdanaht und am hinteren Ende der Sutura squamosa.

Das Stirnbein ist groß und ziemlich breit; die Schuppe ist schräg rückwärts geneigt und hat ihre Hauptbiegung zwischen den Tubera, während der untere und obere Abschnitt der Schuppe flacher gewölbt erscheinen. Die Arcus superciliares sind nicht besonders hoch, erstrecken sich aber bis zum lateralen Drittel des Margo supraorbitalis ; die Gla- bella ist etwas vertieft und glatt. Dicht über der Sutura nasofrontalis ist ein Stückchen des Restes einer Sutura frontalis erkennbar. Die Linea temporalis ist als schwache Leiste entwickelt und geht in einem steilen Bogen rückwärts- aufwärts ; das Schläfengebiet des Stirnbeins ist nur klein und sehr wenig konvex, fast plan.

Die Scheitelbeine sind an den Winkeln und am Planum temporale abgeflacht, sonst überall konvex gewölbt. Die Tubera sind nur an der Stelle der stärksten Krümmung er¬ kennbar, bilden aber keine Höcker. Die Linea temporalis beschreibt einen relativ kurzen Bogen und erreicht dabei die Gegend des Tuber parietale nicht.

Am Hinterhauptsbein ist die Krümmung der Oberschuppe zu beiden Seiten stark und gleichmäßig, die Mitte ist in sagittaler Richtung vertieft. Oberhalb der kantenartig hervorspringenden Linea nuchae verläuft eine schmale Querrinne an der Untergrenze der Oberschuppe, erreicht jedoch die Mitte nicht, welche von einer großen Protuberantia oc- cipitalis externa eingenommen wird. Die Unterschuppe setzt die Krümmung der Ober¬ schuppe in nur wenig geringerem Grade fort und ist mit einem kräftigen Muskelrelief bedeckt.

Das Foramen magnum ist von mittlerer Größe, ziemlich breit und symmetrisch ge¬ staltet. Die Condyli occipita ,s sind groß und breit und stark konvex. Der Körper des

5*

3<?

Hockergräber. I. Gruppe.

Hinterhauptsbeins ist breit und kräftig, ist durch Synostose mit dem Keilbeinkörper verbunden und zeigt in der Mitte seiner Unterseite eine kleine Grube.

Am Keilbein ist der Körper sehr defekt, da durch die großen Keilbeinhöhlen die Wand sehr verdünnt ist. Die Processus pterygoidei sind kurz, dabei aber breit und kräftig. Die Alae magnae sind lang, von mittlerer Breite und mit starken Muskelleisten versehen.

Die Schläfenbeine sind verhältnismäßig groß in allen Teilen; die Schuppen sind in ihrer Mitte in Form einer schrägliegenden, länglichen Protuberanz vorgebuchtet und tragen ein deutliches Muskelrelief. Der Processus mastoideus ist groß und stark entwickelt und von pneumatischen Zellen angefüllt; oben wird er durch eine sehr hohe und breite Crista supra- mastoidea begrenzt. Auch der Processus styloideus ist lang und kräftig. Die Pyramiden sind verhältnismäßig zierlich und liegen symmetrisch, sodaß ihre Achsen unter einem Winkel von je 5 die Medianebene treffen (Deklination).

Der Gesichtsschädel ist, soweit seine Teile erhalten sind, sehr gut symmetrisch.

Die Augenhöhlen sind groß, ihre unteren und medialen Wände sind zerstört; von den lateralen Wänden fehlen die Processus frontales der Jochbeine. Die Öffnungen sind abgerundet viereckig und etwas schief gestellt (150 gegen die Horizontale).

Die Nasenwurzel ist sehr schmal, der Nasenrücken schmal und hoch. Die Nasen¬ beine sind lang und schmal, stehen schräg vorwärts- abwärts; ihre obere Kante verläuft S-förmig gekrümmt. Die Apertura piriformis ist breit, dabei aber ziemlich hoch, und ist symmetrisch gestaltet.

Die Oberkiefer sind hoch und kräftig; die Vorderfläche ist zu einer breiten Fossa canina ver¬ tieft. Der Alveolarfortsatz ist hoch und seitlich am Rande verdickt , sein hinterer Abschnitt mit den Molaren fehlt auf der linken Seite. Die Juga alveo- laria sind niedrig, nur das des Eckzahns bildet einen deutlichen, langen. Vorsprung.

Die Zähne sind sehr kräftig gebaut und stark abgenutzt; auf der rechten Seite sind sie voll¬ zählig, links fehlen die drei Molaren. An den vor¬ handenen Zähnen ist keine Spur von Caries zu sehen. Der Bogen, den die Zahnreihe macht, ist an den Eckzähnen leicht geknickt.

Der Gaumen ist lang und sehr hoch gewölbt.

Der Unterkiefer ist hoch und sehr kräftig entwickelt. Der Kinnvorsprung bildet eine vorstehende Kante, der Winkel ist scharf, der Ast breit. Das Muskelrelief ist flach, so¬ wohl außen wie an der Innenfläche.

Die Zähne sind sehr defekt und in demselben Grade abgenutzt wie die der oberen Reihe. Während des Lebens gingen verloren: der zweite rechte Prämolar und beide dritten Molaren, und zwar offenbar durch Caries. Von den vorhandenen Zähnen zeigen außerdem

Kleine männliche Skelete. Nr. 6. (Grab 57. i. 4.)

37

folgende kariöse Stellen: der linke zweite Prämolar und der linke erste Molar; es findet sich ferner ein großer Defekt am rechten ersten Molar, dessen Wurzel in einer großen Höhle steckt. Der Zahnbogen ist an der Stelle der Eckzähne deutlich abgeknickt.

Schädelhöhle. Das Innere der Schädelhöhle war so gut erhalten, daß ein Ausguß der rechten Seite gemacht werden konnte. Die Kombination des Bildes dieses Ausgusses mit der Vorder- und Seitenansicht des Schädels ist in Taf. II, Abb. 3 und 4 dargestellt.

Die Höhle ist von mittlerer Größe, dickwandig und ziemlich gleichmäßig gewölbt. Die innere Oberfläche zeigt nur Andeutungen von dem Relief der Juga cerebralia und ist namentlich im vorderen oberen Teil mit kleinen Knochenschüppchen bedeckt. Die Sulci arteriosi sind auffallend tief, Foveolae granuläres sind nur sehr spärlich und klein entwickelt.

Der Stirnteil der Höhle ist hoch und breit und ist auch im unteren Abschnitt, ober¬ halb der Nasenwurzel und des oberen Augenhöhlenrandes, in großer Nähe der äußeren Ober¬ fläche, da die Stirnhöhlen nur von mäßiger Größe sind. Der Boden der vorderen Schädelgrube ist flach und schräg medianabwärts geneigt; das Dach der Orbita hat nur eine schwache Wölbung nach aufwärts, die Lamina cribrosa steht außerordentlich tief, fast 1,5 cm tiefer als die Horizon¬ tale durch die Sutura nasofrontalis. Lateralwärts von dem Augenhöhlendach nach der Fossa temporalis hin liegt eine weite, kugelige Ausbuchtung, deren rechte noch stärker ausgebildet ist als die linke; (Vgl. Taf. II, Abb. 3 und 4.)

Die Crista Sylvii ist flach, aber gut zu verfolgen; sie beginnt unterhalb der eben be¬ schriebenen Ausbuchtung, nach außen projiziert an der Spitze des großen Keilbeinflügels, zieht in der Höhe der Schuppennaht nur wenig nach aufwärts gerichtet rückwärts und liegt dabei unterhalb des Sulcus arteriosus des einen starken Seitenzweiges vom vorderen (Haupt-) Ast der A. meningea media, welcher hinten die Bohrstelle auf der Höhe des Tuber parietale trifft (Taf. II, Abb. 4). Die mittlere Schädelgrube ist hoch und breit, endigt vorn abgerundet und reicht bis zur Höhe des Oberrandes des Jochbogens nach abwärts; die Juga cerebralia sind an der Seitenwand nur flach, erst am Boden gewinnen sie eine erheblichere Höhe.

Der Sulcus sagittalis ist in seinem Verlaufe median gelegen und geht in den rechten Sulcus transversus über; dieser sowohl wie der Sulcus sigmoideus sind bei weitem stärker aus¬ gebildet als die entsprechenden Furchen der linken Seite. An der Oberschuppe des Hinter¬ hauptsbeins liegen rechts und links neben dem Sulcus sagittalis zwei tiefe, rundlich ausgehöhlte Fossae occipitales. Das Confluens sinuum liegt hoch, bedeutend weiter nach dem Lambda hin als die Protuberantia externa; die Sulci transversi beschreiben einen ganz flachen, nach auf¬ wärts gerichteten Bogen bis zum Übergang in die Sulci sigmoidei.

Die Fossae cerebellares sind breit aber flach und tragen an ihrer Seitenwand je ein deutliches Jugum cerebellare. Der Clivus ist schräg rückwärts-abwärts geneigt.

Das Gehirn war von mittlerer Größe, langgestreckt und fast so hoch wie breit und sehr ebenmäßig entwickelt.

Der Stirnlappen war hoch' und breit, an seiner Unterseite wenig gehöhlt und be¬ saß einen breiten, keilförmig gestalteten Lappen, welcher nach abwärts gegen die Nasenhöhle und das Siebbeinlabyrinth gerichtet war. Lateralwärts ragte die Pars orbitalis der untersten Stirnwindung als rundlicher Wulst hervor, und zwar rechts stärker als links.

Die Fissura Sylvii verlief fast horizontal, nur wenig ansteigend, nach rückwärts. Der

Hockergräber. I. Gruppe.

Schläfenlappen war groß, zungenförmig und vorwärts-medianwärts und wenig abwärts gerichtet.

Der Scheitellappen ragte aus der allgemeinen Wölbung der Hemisphäre nicht hervor, bildete auch nicht die höchste Erhebung des Gehirns, sondern lag hinter derselben. Der höchste Punkt gehörte, soweit es sich aus dem Abguß beurteilen läßt, bei Aufstellung nach der deutschen Horizontalen, dem Centrallappen an.

Der Hinterhauptslappen war auf beiden Seiten gleichmäßig stark ausgebildet; er ragte infolgedessen nach rückwärts weit über das Confluens sinuum und das Kleinhirn hervor und verursachte wohl auch die Senkung des hinteren Ansatzes des Tentoriums, wie die Lage der Sulci transversi vermuten läßt.

Das Kleinhirn war an seiner Unterseite nur schwach gewölbt, dafür aber breit und in sagittaler Richtung ausgedehnt. Der Hirnstamm war schräg rückwärts-abwärts gerichtet.

Schädelmaße.

1) Gerade Länge

181,5

mm

15) Obergesichsthöhe

76

mm

2) Größte Länge

181,5

11

16) Nasenhöhe

54

11

3) Größte Breite

136

11

17) Nasenbreite

26,5

11

4) Kleinste Stirnbreite

96

1 8) Größte Höhe des Orbitaeingangs 34

1>

5) Ganze Höhe

130

11

19) Vertikalhöhe

35

11

6) Ohrhöhe

1 1 1

11

20) Gaumenlänge

52

11

7) Länge der Schädelbasis

102,5

11

21) Gaumenmittelbreite

34

11

8) Breite ca. 96

11

22) Profillänge des Gesichts

99

11

9) Länge des Foramen magnum

36

11

23) Profilwinkel

84°

10) Breite

29

11 !

24) Kapazität (gemessen)

1300

ccm

1 1) Horizontalumfang

506

11

25) nach Beddoe

1320

11

12) Sagittalumfang

359

11

26) Froriep

1285

11

a) Stirnbein

120

11

27) Kalottenhöhe

98

11

b) Scheitelbein

I 29

11

28) Kalottenhöhen-Index

57,6

c) Hinterhauptsbein

I IO

11

29) Bregma-Winkel

6i°

13) Vertikaler Querumfang

302

11

30) Lambda-Winkel

0

O

00

14) Gesichtshöhe

124

11

Indices.

1) Längen-Breiten-Index

2) Längen-Höhen-

3) Nasen-

4) Gaumen-

74,93 ■= Dolichocephalie 71,62 = Orthocephalie 49,07 = Mesorrhinie 65,38 = Leptostaphylinie

1) Breite an den Winkeln

2) Condylen

3) Asthöhe

Unterkiefer-Maße.

8 1 mm 4) Astbreite 105 5) Winkel

33 mm 121°

Kleine männliche Skelete. Nr. 6. (Grab 57. i. 4.) Nr. 7. (Grab 55. g. 1.)

39

Skelet 7. (Grab 55. g. 1.)

Hierzu Textabbildungen Nr. 23 27 und Taf. II, Abb. 6.

Das Grab war von Süden nach Norden orientiert, 70 cm tief und unberührt. Die Grube war größer als die Leiche, so- daß am Fußende noch Beigaben Platz hatten. Das Skelet befand sich in linker Seitenlage mit gekrümmtem Rücken; die Arme waren im Ellenbogengelenk gebeugt, die Hände vorgestreckt, sodaß die linke unter das Gesicht, die rechte vor das¬ selbe zu liegen kam. Die Kniee waren spitzwinklig gebeugt und die Beine hoch an den Rumpf herange¬ zogen, sodaß sich die Fersen in der Nähe des Beckens befanden.

Von Beigaben wurden gefunden: Abb ^

An der Südostecke des Grabes, hinter dem

Schädel und Nacken:

1) Rotgestrichenes Töpfchen, 4,5 cm hoch.

2) und 3) Wellenhenkelkrüge, 19 bzw. 20 cm hoch.

Am Nordende des Grabes:

4) Großer grauer Krug, unten abgerundet, 37 cm hoch.

5) und 6) Zwei handgeformte Krüge, unten zugespitzt, 36 cm hoch.

Das Skelet war im ganzen nicht schlecht erhalten, aber die Knochen waren sehr brüchig; es konnte deshalb nur erhalten werden: Schädel mit Unterkiefer.

Schädel.

Der Schädel ist im ganzen gut erhalten, seine Stücke passen aneinander. Am Hinter¬ haupt und an den Schläfen sind einzelne Defekte (Taf. II, Abb. 6).

Der Hirnschädel ist eiförmig gestaltet, ziemlich breit, auch vorn, und ziemlich symmetrisch.

Entsprechend seiner Lage im Grabe ist er links hinten etwas gedrückt, sodaß der obere Teil der Hinterhauptsschuppe schief steht.

Die Tubera sind nicht zu erkennen, sondern in die allgemeine Krümmung der Knochen auf¬ genommen. Die Nähte sind erhalten, die Zacken gut ausgebildet. An der Schuppe des Stirnbeins sind die Reste einer Sutura frontalis zu erkennen, woraus sich die große Breite der Stirn erklärt.

Nahtknochen finden sich nirgends.

Das Stirnbein ist groß und sehr breit; die Schuppe ist ganz gleichmäßig, fast kugelig gewölbt, auch im Bereich der Stirn, sodaß letztere nach rück-

Abb. 23.

Abb. 25.

40

Hockergräber. I. Gruppe.

wärts-abwärts geneigt ist. Die Tubera sind nicht zu bestimmen; Arcus superciliares fehlen, die Gegend oberhalb der Nase und der Augenhöhlen ist im wesentlichen glatt.

Die Linea temporalis ist flach, aber sicher zu verfolgen; sie verläuft steil aufwärts gegen die Kranznaht hin und ist dabei, besonders rechts, gewunden; der Grund dafür liegt in der starken Vortreibung, welche die Stimschuppe in der Schläfengegend bildet, und über welche die Schläfenlinie hinwegläuft.

Die Scheitelbeine sind in der Mitte ziemlich gleichmäßig gewölbt, auch die Schläfen¬ gegend ist, wenn auch schwächer, vorgebuchtet. Die Winkel dagegen sind abgeplattet, der Angulus frontalis und sphenoidalis sogar etwas vertieft. Hinter dem Bregma ergibt sich daraus eine breite, muldenartige Abflachung; am Angulus sphenoidalis setzt sich die Vertiefung der Fossa alaris durch einen flachen und kurzen Sulcus parietalis fort. Die Linea temporalis ist ganz flach und bleibt unterhalb der Gegend des Tuber parietale.

Am Hinterhauptsbein ist die Oberschuppe stark und gleichmäßig gebogen, in der Medianlinie läuft je¬ doch eine breite, flache Rinne nach abwärts; oberhalb der Linea nuchae ist die Oberschuppe zu einer schmalen Quer¬ rinne vertieft. Die Protuberantia oc- cipitalis externa bildet keinen Höcker, sondern ein scharf umschriebenes, dreiseitiges Feld, welches seitwärts in eine kantenartige Linea nuchae über¬ geht.

Die Unterschuppe ist zum größten Teil kräftig vorgewölbt, be¬ sonders unten und seitlich; unmittelbar unterhalb der Linea nuchae geht eine tiefe, breite Querfurche ringsherum. Auf der rechten Seite findet sich ein großer Defekt in der Unterschuppe bis zum Foramen magnum hin. Der allein erhaltene linke Condylus occipitalis ist breit und flach, das Foramen magnum von mittlerer Größe und länglich gestaltet; der Körper des Hinterhauptsbeins ist kurz und dick, rechts teilweise zerstört.

Vom Keilbein fehlt der Körper vollständig; die Processus pterygoidei sind stark und breit, die Alae magnae lang und schmal; der rechte ist sehr defekt.

Die Schläfenbeine sind groß, aber dabei zierlich gebaut. Die Schuppen sind sehr groß und vor allem hoch; ein Muskelrelief ist nicht entwickelt, die Mitte der Schuppe ist ganz wenig in Form einer flachen, undeutlichen Protuberanz vorgebuchtet.

Der Processus mastoideus ist schwach und zugespitzt, die Crista supramastoidea ist eine breite und hohe Leiste. Die Pyramiden sind kurz und dick und stehen ausgezeichnet symmetrisch; die Achse einer jeden bildet mit der Medianebene einen Winkel von 56° 30', sodaß beide Achsen unter einem Winkel von i 1 3 0 konvergieren. Der Scheitel des Winkels liegt auf der Grenze zwischen Hinterhaupts- und Keilbein.

Kleine männliche Skelete. Nr. 7. (Grab 55. g. 1.)

41

Der Gesichtsschädel ist breit, dabei wenig hoch und in hohem Grade unsymmetrisch, Die Nasenöffnung ist schief von links oben nach rechts abwärts gerichtet. Diese Schiefheit ist dadurch bedingt, daß der linke Oberkiefer stärker als der rechte entwickelt ist; die Sutura intermaxillaris ist auf diese Weise über die Mittellinie hinaus nach rechts verschoben. In den oberen Partien des Gesichtsschädels und am Jochbogen macht sich die Asymmetrie nicht bemerkbar.

Die Augenhöhlen sind weit und dabei kurz, die Wände sind nur teilweise erhalten. Die Öffnungen sind abgerundet und ein wenig schräg gestellt und relativ hoch.

Die Nasenwurzel ist sehr breit, der Nasenrücken von mittlerer Höhe; die Nasen¬ beine sind breit und liegen flach. Die Sutura internasalis steht trotz der Schiefheit der Nasen¬ öffnung senkrecht. Die Apertura piriformis ist sehr breit und schief gestellt, sodaß die rechte Seite der Öffnung viel kleiner als die linke ist.

Die Oberkiefer sind im oberen Abschnitt niedrig und breit; doch ist der Alveolarfortsatz ziemlich hoch. Oben am unteren Augenhöhlenrande sind Defekte. Die Vorderfläche ist zu einer breiten Fossa canina vertieft, gegen welche das Jugum alveolare des Eckzahns nur wenig hervorragt. Auf der rechten Seite zieht eine Sutura infraorbitalis zur Sutura zygomatico-maxillaris, links ist die Um¬ gegend des Foramen infraorbitale zerstört.

Das Jochbein ist kräftig und ziemlich breit.

Die Zähne sind klein und in mäßigem Grade abgekaut. Sie waren, wie es scheint, sämtlich vor- Abb. 27.

handen, nur zeigen sich an der Alveole des rechten

dritten Molaren Spuren von cariösen Veränderungen. Jetzt fehlen: alle Schneidezähne, der rechte Eckzahn und der rechte dritte Molar. Der linke dritte Molar steht schief buccalwärts. Der Bogen, welchen die Zahnreihe bildet, ist gleichmäßig gekrümmt, ohne Ecken.

Der Unterkiefer ist im ganzen wenig stark entwickelt und besonders in der sagittalen Richtung kurz. Das Kinn springt nur wenig hervor, bildet aber eine deutliche, wenn auch flache Kante. Die Winkel sind scharf, die untere Kante des Körpers nach abwärts konvex gebogen, sodaß der Kiefer auf einer ebenen Unterlage zwischen Kinn und Winkel hin und herschaukelt. Die Muskelkanten und -vorsprünge sind schwach entwickelt.

Die Zähne sind klein und mäßig abgenutzt. Außer dem linken dritten Molaren, dessen Alveole resorbiert ist, waren alle Zähne vorhanden; jetzt fehlen außerdem der rechte mediale und linke laterale Schneidezahn, der linke erste Prämolar und der linke erste und zweite Molar. Spuren von Caries finden sich nicht.

Die Schädelhöhle ist groß, breit und besonders vorn und hinten stark gewölbt. Die Wände sind von mittlerer Stärke und fragen kein hohes Relief der Juga cerebralia; dagegen liegt beiderseits neben der Sagittalnaht eine Anzahl großer, flacher Foveolae granuläres.

Frdr. W. Müller, Anthropologisches.

6

42

Hockergräber. I. truppe.

Der Stirnteil der Höhlung ist besonders hoch und geradezu kugelig gehöhlt. Die Innenwand ist von der äußeren Oberfläche überall nur durch die mittlere Knochendicke ent¬ fernt, da die Stirnhöhlen sehr klein sind und die Mitte oberhalb der Nasenwurzel frei lassen. Der Boden der vorderen Schädelgrube ist medianwärts geneigt und senkt sich tief bis zur Lamina cribrosa hinunter, welche erheblich tiefer als die Sutura nasofrontalis steht. Das Dach der Orbita ist ziemlich flach und im ganzen schräg median-abwärts geneigt. Lateralwärts daneben bildet die Schädelhöhle eine mäßig große und nicht besonders tiefe Ausbuchtung gegen die Fossa temporalis. Ihr entspricht außen die Hervortreibung des Schläfengebiets der Stirnschuppe.

Die Crista Sylvii ist hoch und deutlich zu verfolgen; sie zieht schräg rückwärts-aufwärts und endigt unterhalb der stärksten Krümmung des Scheitelbeins. Die Fossa cranii media ist sehr geräumig nach allen Seiten hin und endigt vorn zugespitzt und abgerundet. Der Boden senkt sich tief gegen das Foramen ovale hin, so daß sein vorderer Abschnitt steil rückwärts gesenkt ist. Die seitliche Wand ist mit einem reichen Relief von Juga cerebralia versehen, welche den Sulci temporales entsprechen. Der mittlere Teil der Basis am Keilbeinkörper ist zerstört.

Der Sulcus sagittalis weicht in der Mitte der Sagittalnaht nach links ab und verläuft so bis zum Lambda. Hier geht er auf die rechte Seite über, sodaß sein Ende an der Protuberantia occipitalis interna 0,5 cm rechts neben der Mitte liegt* Der Sulcus sagittalis geht in beide Sulci transversi über, die ebenso wie die Sulci sigmoidei etwa gleich breit und tief sind. Die Emissaria mastoidea sind weit (ca. 2 mm), die Foramina jugularia beiderseits gleich weit. An der Oberschuppe des Hinterhauptsbeins liegt zu beiden Seiten je eine rundliche Grube; die linke derselben ist bei weitem größer und tiefer als die rechte. Die Fossae cerebellares sind groß und stark ausgehöhlt und werden durch eine hohe Crista occipitalis interna voneinander getrennt. Der Clivus steht schräg rückwärts-abwärts geneigt.

Das Gehirn war ziemlich groß und in allen Teilen stark entwickelt. Der Stirnlappen war sehr breit und hoch und auf seiner Außenfläche vollständig abgerundet. Die Basalfläche war nur wenig ausgehöhlt und fiel im ganzen schräg medianwärts ab. Ein keilförmig ge¬ stalteter hoher Lappen lag oberhalb der Nasenhöhle und des Siebbeinlabyrinths. Lateral¬ wärts ragte die Pars orbitalis der unteren Stimwindung als flache rundliche Masse hervor. Der Schläfenlappen war groß, hoch und breit, zungenförmig zu gespitzt und vorn ab¬ gerundet. Seine Richtung war schräg vor-abwärts und medianwärts. Die Hinterhauptslappen waren ungleich ausgebildet; während der rechte relativ gering entwickelt war, ragte der linke weit nach rückwärts hervor und überschritt die Mittellinie. Die tiefe Stellung des Confluens sinuum darf ebenfalls als ein Hinweis auf die starke Ausbildung des Hinterhauptslappens an¬ gesehen werden. Am Kleinhirn war die Unterfläche kugelig gewölbt; der Hirnstamm lag schräg rückwärts-abwärts geneigt.

Schädelmaße.

1) Gerade Länge

181,5

mm

6) Ohrhöhe

1 14 mm

2) Größte Länge

181,5

7) Länge der Schädelbasis

89

3) Größte Breite

138

8) Breite

100

4) Kleinste Stimbreite

97

D

9) Länge des Foramen magnum

34

5) Ganze Höhe

130

» '

10) Horizontalumfang

512

II)

12)

13)

14)

15)

16)

17) iS)

19)

20)

Kleine männliche Skelete. Nr. 7. (Grab 55. g. 1.) Nr. 8. (Grab 2. k. 4.)

Sagittalumfang a) Stirnbein

374

129

mm

«

21)

Größte Höhe des Orbitaeingangs j

|k 32

lr.32,5

[1-32,5

[r-32

mm

11

b) Scheitelbein

135

11

22)

Vertikalhöhe j

11

c) Hinterhauptsbein

1 10

11

23)

Gaumenlänge

43

11

Vertikaler Querumfang

3i4

11

24)

Gaumenmittelbreite

39

11

Gesichtsbreite

97

1l

25)

Gaumenendbreite

40

1)

Jochbreite

124

11

! 2 6)

Profillänge des Gesichts

90

Gesichtshöhe

107

11

27)

Profilwinkel

90°

Obergesichtshöhe

67

11

28)

Kapazität (gemessen)

1440

ccm

Nasenhöhe

50

29)

nach Beddoe

1437

11

Nasenbreite

27

11

30)

Froriep

1339

11

Größte Breite des Orbitaein¬ gangs

Jl-36

ir-37

11

31)

32)

Kalottenhöhe

Kalottenhöhen-Index

IOI

58,5

mm

Horizontale Breite des Orbita¬ eingangs

jl-35 Ir. 36

11

11

33)

34)

Bregma- Winkel

Lambda- Winkel

6o°

85°

1) Längen-Breiten-Index

2) Längen-Höhen-

3) Gesichts-

4) Obergesichts-

5) Jochbreiten-Gesichts-Index

6) Jochbreiten-Obergesichts-Index

7) Augenhöhlen-

Indices:

76.29 = Mesocephalie 71,82 = Orthocephalie

x 10,30 = Schmalgesichtiger Schädel 69,07 = Schmales Obergesicht

86.29 = Niederer, chamaeprosoper Gesichtsschädel 54,03 = Leptoprosopes Obergesicht

r.88 88 ^Hypsiconchie

8) Nasen-

9) Gaumen-

54,00 = Platyrrhinie 90,69 = Brachystaphylinie

1) Breite am Winkel

2) Breite an den Condylen

3) Kinnhöhe

4) Asthöhe

Unterkiefermaße.

93 mm 5) Astbreite

ca. xo8 6) Winkel 114

28 (Der linke Condylus ist beschädigt).

57 »

33 mm

0

Skelet 8. (Grab 2. k. 4.)

Hierzu die Textabbildungen Nr. 28 31 und Taf. III, Abb. 1.

Das Grab war von Süden nach Norden orientiert, geradeso groß, wie die Leiche es verlangte, und unberührt. Beigaben waren nicht vorhanden. Das Skelet befand sich in linker Seitenlage, die Arme waren gebeugt, die Beine im rechten Winkel gegen den Rumpf heran¬ gezogen und die Kniee scharf geknickt, sodaß die Fersen in der Nähe des Beckens lagen; die Hände befanden sich vor dem Gesicht.

6*

44

Hockergräber. I. Gruppe.

Abb. 28.

Das ganze Skelet war gut in der Form, aber stark zersplittert. Der rechte Ober¬ schenkel lag etwas gedreht, so daß sein Kopf ein wenig luxiert war, eine Veränderung, die offenbar nach der Fäulnis eingetreten ist, da der Unterschenkel sich in der ursprünglichen Lage befand.

Die Hauptmaße ließen sich mit genügender Sicherheit ermitteln:

1) Vom Scheitel bis zur Mitte des Acetabulum 82 cm

2) Von der Mitte des Acetabulum bis zum distalen Ende des Femur 43

3) Vom proximalen Ende der Tibia bis zum Tuber calcanei 41

Daraus ergibt sich eine Skeletlänge von 166 cm oder, unter Hinzufügung

von 2,5 cm für Weichteile am Kopf und ander Ferse, eine Körperlänge von 168,5 cm.

Von den Teilen des Skelets konnte nur geborgen werden: Schädel mit Unterkiefer.

Schädel.

Der Schädel (Taf. III, Abb. 1) ist aus einer großen Anzahl größerer und kleinerer Stücke (über 110) zusammengesetzt; die Knochen waren von einer dichten Schicht kleiner Salzkristalle überzogen und von ihnen durchsetzt; kein Knochen war intakt. Günstig war wiederum der Umstand, daß die einzelnen Bruchstücke scharfkantig waren und deshalb gut aufeinander paßten ; nur einzelne kleine Lücken sind vorhanden, welche aber keine wesentlichen

Teile betreffen. Die Knochensubstanz war sehr fest und spröde und klingend beim Anschlägen. Die dünnsten Teile der Gesichtsknochen sind meist verlorenge¬ gangen, da sie in kleinste Krümel zersplittert waren; sie wurden, wo es unbedingt erforderlich war für die Festigkeit des ganzen Schädels, durch geleimte Gaze ersetzt.

Der Hirnschädel ist länglich ovoid, im allgemeinen abgerundet und in auffälliger Weise unsymmetrisch. Die linke Seite ist zweifellos im Grabe gedrückt und etwas verbogen, derart daß die seitliche Gegend flacher als rechts und auch eine Spur verlängert ist. So kommt es, daß in der Norma verticalis die linke Hinterhauptsgegend stärker, die vordere Schläfenpartie schwächer gewölbt ist, als die entsprechenden Teile der anderen Seite. Durch diese Verbiegung ist sicher die Breite des Schädels in dem Sinne beeinflußt, daß sie verringert ist; die linke Seite ist um 2 3 mm schmaler als die rechte. Nun kann aber die rechte Seite nicht unbedingt als Muster für die linke gelten, denn es ist ja klar, daß die Ver¬ biegung der einen Seite auch eine solche der anderen nach sich zieht; so nehme ich an, daß ursprünglich die rechte Schädelhälfte in der mittleren Partie weniger, in der hinteren stärker gewölbt war. Man kann das sich leicht klarmachen, wenn man die Pause der rechten Seite über die linke legt. Der Hauptdruck, welcher zur Verbiegung des Schädels führte, muß nach

Kleine männliche Skelete. Nr. 8. (Grab 2. k. 4.)

45

alledem in der Richtung von der rechten Hinterhaupts- zur linken vorderen Schläfengegend gewirkt haben.

Am Schädeldach ist die allgemeine Wölbung an zwei Stellen, hinter dem Bregma und am Lambda, durch je eine geringe Abflachung unterbrochen.

Bei genauerer Betrachtung des Gesamtschädels erscheint es mir nun zweifelhaft, ob die beschriebene Asymmetrie tatsächlich allein auf den Druck im Grabe zurückzuführen ist. Die Norma frontalis zeigt, daß auch im Gebiete des Gesichtsschädels keine vollkommene Symmetrie herrscht. Die Öffnung der rechten Orbita ist größer und schiefer gestellt als die der linken, die Nase ist schief, die Oberkiefer sind verschieden hoch und breit und die Jochbeine sind eben¬ falls unsymmetrisch. Eine Asymmetrie des Hirnschädels ist also nicht unwahrscheinlich, aber genauer nicht nachweisbar.

Die Nähte des Hirnschädels sind sämtlich erhalten außer den unteren Enden der Sutura coronaria; am Bregma sind noch durchgehende Teile dieser Naht vorhanden. Die Sagittal- und Lambdanaht haben große, relativ einfach gestaltete Nahtzacken. Überzählige Nähte sind nicht vorhanden.

Die Schuppe des Stirnbeins ist schön gleichmäßig gewölbt, die Tubera treten wenig hervor, ebenso wie die Arcus superciliares. Die Linea temporalis liegt relativ hoch, sodaß ein großes Stück des Stirnbeins, welches eine ganz geringe Wölbung bildet, der Schläfen¬ gegend angehört.

Die Scheitelbeine sind verschieden gestaltet, das linke flacher als das rechte. In der Mittellinie bildet ihre Sagittalkurve mitten zwischen Bregma und Lambda einen scharfen Bogen. Die Tubera fallen nicht auf, sondern sind ganz flach. Die Lineae temporales gehen weit an der Seitenfläche des Schädels hinter der Kranznaht hinauf, biegen aber lange, bevor sie das Tuber parietale erreichen, nach rückwärts-abwärts um und gelangen in kurzem Bogen zur Crista supramastoidea. Das Gebiet, das sie umziehen, ist demnach hoch und relativ kurz, im ganzen aber ziemlich groß.

Am Hinterhauptsbein ist die Oberschuppe, wie oben beschrieben, asymmetrisch, dabei stark gewölbt, in der Mitte ab¬ geplattet; die Protuberantia externa bildet keinen Höcker, sondern ein etwas vertieftes dreiseitiges Feld; die Linea nuchae ist flach. Das Planum nuchae ist schwach ge¬ wölbt, seine Muskelfelder sind sichtbar, aber ganz wenig hervorragend. Die Condyli occipitales treten weit nach abwärts hervor und sind sehr groß (Abb. 30). Das Foramen magnum ist ganz symmetrisch gebildet und läng¬ lich rund; am Körper findet sich eine nach rückwärts-aufwärts gerichtete Grube (Bursa pharyngea?).

46

Hockergräber. I. Gruppe.

An den Schläfenbeinen sind die Schuppen ganz flach und bedeckt mit einem deut¬ lichen Muskelrelief (Taf. III, Abb. i); die Processus mastoidei sind nicht besonders groß, aber stark gebaut; die Jochfortsätze sind breit und kräftig. Auf der rechten Seite ist die Fossa mandibularis kleiner als auf der linken. Die Pyramiden stehen etwas unsymmetrisch, insofern als der Deklinationswinkel der linken Pyramide etwas größer ist, als der der rechten; die linke steht also der Querrichtung mehr genähert. Der Konvergenzwinkel der beiden Achsen beträgt i xo°.

Am Keilbein ist die Mitte zerstört, die großen Flügel sind kurz und schmal.

Gesichtsschädel: Der Gesichtsteil des Schädels ist relativ zierlich gebaut; die Augen¬ höhlen sind weit, die Öffnungen groß, abgerundet, die der rechten Höhle lateral-abwärts winkelig ausgebuchtet; sie liegen etwas schief.

Die Nasenwurzel ist schmal, die Apertura piriformis steht schief und ist links ge¬ räumiger als rechts; die Nasenbeine weichen mit ihren freien Rändern ebenfalls nach links ab.

Die Oberkiefer sind kräftig entwickelt, die Vorderfläche tief eingezogen. Die Fora- mina infraorbitalia sind verschieden gestaltet, das linke ist wie gewöhnlich gebildet, das rechte doppelt, ein kleineres oben, ein größeres weiter unten. In das obere rechte und in das linke mündet eine Sutura infraorbitalis.

Die seitliche Begrenzung der Oberkiefer bildet eine flache, gleichmäßige Kurve; das Jochbein ist schmal und hat nur schwache Muskelmarken.

An den Alveolarfortsätzen der Oberkiefer treten die Juga deutlich hervor, die Zahnreihe bildet einen gleichmäßigen Bogen ohne Knickung an den Eckzähnen. Von den Zähnen, welche sämtlich erhalten waren, fehlen jetzt die beiden dritten Molaren und die Krone des mittleren linken Schneidezahns sowie der linke zweite Molar. Es findet sich keine Spur von Caries an den Zähnen.

Die Kronen sind etwa bis zu Hälfte ihrer Höhe abgekaut, die der Schneidezähne ebenfalls und zwar in querer Richtung.

Abb. 31. Der Unterkiefer ist relativ schmal und hat

niedrige breite Äste, die unter einem scharfen, sehr großen Winkel abgehen. Die untere Kante des Körpers ist gleichmäßig konvex ge¬ bogen, sodaß der Knochen auf einer ebenen Unterläge schaukelt, und bei Mittellage Kinn und Winkel in die Höhe stehen. Das Kinn springt als scharfe Kante hervor, Tubercula mentalia sind kaum angedeutet.

Die Zähne sind außer dem linken Eckzahn vollständig erhalten und ohne Garies, die Zahnreihe bildet einen Bogen ohne Ecken an der Stelle der Canini.

Schädelhöhle: Die Höhle ist langgestreckt und hoch gewölbt, dabei verhältnismäßig schmal, außerdem sehr dickwandig. Die Cristae frontalis und occipitalis interna sind hohe scharfe Kanten; das Relief der Juga cerebralia ist im allgemeinen nur schwach entwickelt.

Kleine männliche Skelete. Nr. 8. (Grab 2. k. 4.)

47

Größere Foveolae granuläres finden sich nur hinter der Koronalnaht auf der rechten Seite; von ihnen geht die Furche aus, in welcher der Sinus spheno-parietalis verläuft.

Der Stirnteil der Höhle ist hoch, einmal wegen der starken Wölbung der Stirnschuppe, ferner wegen des Tiefstands der Lamina cribrosa, welche mehr als 1/2 cm tiefer liegt als das Nasion. Das Dach der Orbita ist hoch gewölbt und fällt medianwärts steil ab; an seiner lateralen Seite ist eine tiefe Grube eingesenkt, welche hinten an den kleinen Keilbeinflügel grenzt und bestimmt ist, die Pars orbitalis der unteren Stirnwindung aufzunehmen.

Die Crista Sylvii ist exakt bestimmbar, aber flach; sie verläuft in schwach S-förmiger Krümmung ziemlich steil aufwärts zur Fossa parietalis. Die mittlere Schädelgrube ist weit und außerordentlich tief, ihr Boden ist rückwärts und medianwärts abwärtsgeneigt ; daher liegt die Projektion des Bodens bedeutend tiefer als der Jochbogen. Die Richtung der Höhle ist schräg rückwärts-aufwärts. Die seitliche und untere Wand tragen die flachen, aber deut¬ lichen Juga cerebralia der Sulci temporales.

.Der Sulcus sagittalis, welcher im vorderen und mittleren Teil der Schädelhöhle median gelegen ist, weicht am Lambda nach rechts ab, teilt sich an der Protuberantia occipitalis interna und geht zum größeren Teil in den rechten, zum kleineren in den linken Sulcus trans-

versus über. Der linke Sulcus transversus, welcher hinten bedeutend schwächer ist als der

rechte, wird allmählich breiter, sodaß die beiden Sulci sigmoidei annähernd gleich tief und breit sind ; die Sulci transversi verlaufen in einem hohen, nach aufwärts konvexen Bogen und be¬ rühren dabei gerade den Angulus mastoideus des Scheitelbeins. An der Oberschuppe liegen zu beiden Seiten des Sulcus sagittalis tiefe rundliche Ausbuchtungen (Fossae occipitales), deren rechte etwas flacher und kleiner ist als die linke. Die Unterschuppe ist ebenfalls beiderseits zu zwei tiefen Fossae cerebellares ausgehöhlt, deren Wände flache, aber deutliche Juga cerebellaria zeigen.

Das Gehirn war lang und hoch und war so gelagert, daß das Großhirn nur ganz

wenig nach rückwärts-abwärts geneigt war. Der Stirnlappen war hoch und schmal und

stark gewölbt; seine Unterfläche fiel steil medianwärts ab und hatte an der Pars orbitalis der unteren Stirnwindung eine rundliche Hervorragung. Die Fissura cerebri lateralis stand steil und grenzte einen breiten, zungenförmigen Schläfenlappen ab, welcher stark nach vorn-abwärts gerichtet war. Der. Hinterhauptslappen ragte mit seinem unteren Abschnitt nach hinten zu über die Oberfläche des Großhirns hervor und überdeckte das Kleinhirn um ein bedeutendes. Das Tentorium stand vermutlich flach, da das Kleinhirn in den großen, weiten Fossae cere¬ bellares Platz fand und die vorderen Mittelteile der Schädelbasis tief liegen.

Schädelmaße.

Gerade Länge

180,5 mm

8) Breite der Schädelbasis

102

mm

Größte Länge

180,5

9) Länge des Foramen magnum

35

Größte Breite

124

10) Breite

28,5

11

Kleinste Stirnbreite

9L5 »

1 1) Horizontalumfang

490

Ganze Höhe

137 •„

13) Sagittalumfang

360

11

Ohrhöhe

107,5 ,,

a) Stirnbein

127

11

Länge der Schädelbasis

107,5 ,, !

b) Scheitelbein

117

11

48

Hockergräber.

13) c) Hinterhauptsbein

1 16 :

mm

14) Vertikaler Querumfang

293

n

15) Gesichtsbreite

95

n

16) Jochbreite

125,5

11

17) Gesichtshöhe

I IO

11

18) Obergesichtshöhe

65

19) Nasenhöhe

48

11

20) Nasenbreite

24,5

11

21) Größte Breite des Orbitaeingangs 38

11

22) Horizont.

38

n

23) Größte Höhe

fr. 32,5 U 30,5

11

11

24) Vertikalhöhe

jr- 32,5

U 30,5

11

1) Längen- Breiten-

2) Längen-Höhen-

3) Gesichts-

4) Obergesichts-

5) Jochbreiten-Gesichts-

6) Jochbreiten-Obergesichts-

7) Augenhöhlen-

3) Nasen-

8) Gaumen-

I. Gruppe.

25) Gaumenlänge

49

mm

26) Gaumenmittelbreite

40

27) Gaumenendbreite

40

28) Profillänge des Gesichts

104

i)

29) Profilwinkel

8i°

30'

30) Kapazität (gemessen)

1230

ccm

31) Kapazität nach Beddoe

1166

11

32) Kapazität nach Froriep

1 164

1)

33) Kalottenhöhe

90

mm

34) Kalottenhöhen-Index

5U4

35) Bregma- Winkel

56°

36) Lambda-Winkel

76°

Indices.

Index 68,69 = Dolichocephalie 75,90 = Hypsicephalie

1 1 5,79 = Schmalgesichtiger Schädel

68,42 = Schmales Obergesicht

i) 87,57 Niederer Gesichtsschädel ,, 51,79 = Leptoprosopes Obergesicht

r. 85,52 = Hypsiconchie 1. 80,27 = Mesoconchie 5 1 ,04 = Mesorrhinie

81,63 = Mesostaphylinie

U nterkiefer-Maß e.

1)

Breite am Winkel

96 mm

4) Astbreite

2)

Kinnhöhe

36 ,,

5) Winkel

3)

Asthöhe

54

33 mm 133°

Skelet 9. (Grab 49. e. 5.)

Hierzu Textabbildungen Nr. 32 34 und Taf. III, Abb. 2.

Die Skeletreste stammen aus einem gestörten Hockergrab und wurden mit einigen nicht konservierbaren Knochen ohne Beigaben aufgefunden. Offenbar ist in der Umgebung der betreffenden Stelle eine größere Zahl von Gräbern mit wertvollen Beigaben gewesen, denn auf einem Raum von 1 00 qm fanden sich nur vier intakte Bestattungen vor. Folgende Knochen konnten geborgen werden:

1) Schädel mit Unterkiefer, 2) Atlas, 3) Epistropheus.

Schädel.

Der Schädel ist im vorderen Abschnitt sehr defekt; es - ist nur folgendes erhalten: Schädeldach und hinterer Teil der Basis und der Seitenwände; vom Gesichtsschädel dqr

Kleine männliche Skelete. Nr. 8. (Grab 2. k. 4.) Nr. 9. (Grab 49. e. 5.)

49

mediale Teil beider Oberkiefer und der Unterkiefer. Die Horizontalebene wurde nach den beiden Ohröffnungen und einem Abstand vom Margo supraorbitalis, welcher der schätzungs¬ weisen Höhe der Orbitaöffnungen entspricht, bestimmt (Taf. III, Abb. 2).

Hirnschädel: Die Hirnkapsel ist schmal, länglich abgerundet und etwas unsymmetrisch; die linke Seite ist im ganzen vorderen Abschnitt abgeplattet, die rechte im ganzen mehr gerundet, was wohl auf Verbiegung durch den Erddruck zurückzuführen ist. Die Nähte des Daches sind verknöchert, es finden sich nur noch wenige Reste der Nahtlinien, welche die Richtung der Nähte erkennen lassen. Überzählige Nähte oder Nahtknochen finden sich nicht. Hinter dem Bregma liegt eine quere, breite Abflachung, hinter welcher die Scheitelbeine steil aufsteigen (vgl. Abb. 33); an der Stelle des hinteren Abschnittes der Sagittalnaht sind die Knochen zu einer breiten medialen Rinne vertieft.

Das Stirnbein ist gleichmäßig und fast kugelig gewölbt, die Tubera sind nicht bestimmbar; im vorderen Abschnitt findet sich eine niedrige Leistenbildung in der Medianlinie. Die Arcus super¬ ciliares sind deutlich, wenn auch nicht besonders hoch.

Die Lineae temporales ziehen steil aufwärts und sind deshalb am Stirnbein relativ lang; das unterhalb derselben liegende Schläfengebiet des Stirnbeins ist zerstört.

Die Scheitelbeine sind mit Ausnahme der Anguli und des Planum temporale sehr stark ge¬ wölbt; der Angulus sphenoidalis ist rinnenärtig ver¬ tieft. Diese Rinne setzt sich nach aufwärts bis zur Linea temporalis fort, erreicht dieselbe etwas Abb. 32.

hinter der Sutura coronaria und veranlaßt an der

Schläfenlinie einen nach aufwärts gerichteten Bogen (Abb. 33), Die Linea temporalis geht hoch am Schädel hinauf und erreicht die Stelle, wo das Tuber parietale zu suchen ist.

Am Hinterhauptsbein ist die Oberschuppe auf beiden Seiten, links aber noch mehr als rechts, kräftig gewölbt, während in der Medianlinie eine breite Abflachung sich nach ab¬ wärts zieht. Oberhalb der Linea nuchae liegen beiderseits hinter der Pars mastoidea des Schläfenbeins flache Vertiefungen, welche in der Mitte durch eine Querfurche verbunden sind. Während die Protuberantia occipitalis externa sehr flach ist, ragt die Linea nuchae kanten¬ artig hervor. An der Unterschuppe zeigt der obere Abschnitt zwei seitliche Gruben, der untere Teil ist links zerstört, rechts konvex, aber teilw.eise defekt. Das Muskelrelief des Planum nuchae ist, soweit erhalten, gut ausgebildet.

Das Keilbein fehlt ganz.

Die Schläfenbeine sind sehr groß und kräftig gebaut. Die Schuppen tragen ein schwaches Muskelrelief und sind in der Mitte zu einer schwachen Wölbung nach außen vor¬ getrieben. Der Processus mastoideus ist außergewöhnlich groß und kräftig, unten abgerundet

Frdr. W. Müller, Anthropologisches. 7

50

Hockergräber. 1. Gruppe.

und oben durch eine starke Crista supramastoidea begrenzt. Er ist mit pneumatischen Zellen angefüllt, welche sich bis in die Schuppe und den Processus zygomaticus fortsetzen. Die Pyramiden sind sehr massiv und mit kräftigen Knochenvorsprüngen versehen. Sie stehen symmetrisch zur Medianebene, ihre Achsen konvergieren vorn unter einem Winkel von 102°.

Gesichtsschädel: Die Apertura piriformis ist unten breit, rechts etwas weiter als links.

Die Oberkiefer haben einen hohen, ziemlich stark nach vorn ausladenden Alveolar¬ fortsatz, an dem die Alveolen der vorderen Zähne, ganz besonders aber die der Eckzähne hervorragen; die Zahnreihe ist an dieser Stelle deutlich geknickt. Die hinteren Abschnitte der Kiefer mit den Molaren fehlen (s. o.).

Von den vorderen Zähnen war der linke mittlere Schneidezahn durch Wurzeleiterung zum Ausfall gebracht; die Eiterung war auf die Alveole des lateralen Schneidezahnes über¬ gegangen. Die noch vorhandenen Oberzähne sind bis auf die Wurzeln abgekaut, aber nicht cariös.

Der Unterkiefer ist sehr hoch und stark entwickelt, am Winkel und an den Gelenk¬ fortsätzen beschädigt. Das Kinn springt hervor, der Winkel ist deutlich, der Ast breit, das äußere Muskelrelief sehr ausgebildet, das innere nur angedeutet.

Die Zähne der rechten Seite waren vollständig; jetzt sind noch vorhanden: beide Prämolaren und der erste und zweite Molar. Alle Zähne sind stark abgekaut, die Prämo¬ laren bis auf die Wurzeln. Der erste Molar hat vorn einen großen Defekt von Caries. Auf der linken Seite ist kein Zahn erhalten. Der dritte Molar stand auf beiden Seiten schief nach vorn geneigt; seine Alveole ist um 3 mm von der des zweiten Molaren entfernt, die Kronen berührten sich. Die Wurzeln des dritten Molaren waren schwächer als die des zweiten, aber an sich kräftig und gespalten,

Schädelhöhle: Die Höhle des Hirnschädels ist groß, hoch und eckig begrenzt. Am Bregma und in der hinteren Partie der Scheitelbeine liegen in der Medianrichtung ausgedehnte Abflachungen, so daß in der Zeichnung (Abb. 33) die Grenzen geradlinig erscheinen. Die Grista frontalis und occipitalis interna springen als hohe Leisten in das Innere der Schädel¬ höhle vor.

Kleine männliche Skelete. Nr. 9. (Grab 49. e. 5.)

51

1 2 1 mm

Der Stirnteil der Höhle ist hoch und durch die Wölbung seiner Wände geräumig; die Lage des Bodens kann nicht angegeben werden.

Die Crista Sylvii ist, soweit erhalten, sehr deutlich; sie zieht schräg rückwärts-aufwärts zur Fossa parietalis. Die Fossa cranii media ist zum größten Teil zerstört; ihre Seitenwände tragen flache Juga cerebralia.

Der Sulcus sagittalis weicht von der Mitte der Sagittalnaht an nach rechts ab und

liegt an der Protuberantia occipitalis interna 0,5 cm rechts neben der Mitte; er geht in beide

Sulci transversi über, deren rechter etwas stärker ist als der linke. Aus dem rechten größeren

Sulcus sigmoideus geht ein 3 mm starkes Emissarium mastoideum hervor.

An der Oberschuppe des Hinterhauptsbeins liegen auf beiden Seiten neben dem

Sulcus sagittalis kugelig ausgebuchtete Fossae occipitäles; die linke ist die tiefere. Die

Fossae cerebellares sind rundlich gehöhlt und tief und enthalten keine deutlichen Juga

cerebellaria.

Schadelmaße.

1) Größte Länge 18 1 mm 8) a) Scheitelbein 121 mm

2) Intertuberallänge 177 b) Hinterhauptsbein (Oberschuppe) 89

3) Größte Breite 132,5 9) Vertikaler Querumfang 327

4) Kleinste Stirnbreite 92 10) Nasenbreite 26

5) Hilfs-Ohrhöhe 119 ix) Kalottenhöhe 101

6) Breite der Schädelbasis 102 12) Kalottenhöhen-Index 58,7

7) Horizontalumfang 503 13) Bregma-Winkel 62°

8) Sagittalumfang 14) Lambda-Winkel 76°

Indices.

Längen-Breiten-Index 73,20 Dolichocephalie.

Unterkiefermaße.

1) Asthöhe 66 mm

2) Astbreite 37

3) Winkel (rechts) ca. 1 1 50

Atlas.

Symmetrisch gebauter, großer, proportionierter, aber nicht besonders starker Knochen; der rechte Querfortsatz ist abgebrochen. An vielen Stellen hat der Knochen eine eigen¬ artige, schwammige Beschaffenheit und ist völlig porös.

Die Foveae articulares sup. sind klein, länglich und tief gehöhlt; die rechte Massa lateralis ist schwächer als die linke, die rechte untere Gelenkfläche ist demgemäß die kleinere. Der linke Querfortsatz ist steil nach abwärts gerichtet, sein Foramen transversarium sehr groß (8:11 mm), seine vordere und hintere Spange flach, aber breit. Der hintere Bogen ist rechts stärker als links gekrümmt, sodaß das lange und spitze Tuberculum posterius nach rechts verschoben ist. Der Sulcus art. vertebralis ist rechts breiter als links und nicht über¬ brückt; links findet sich am oberen Gelenkfortsatze eine kleine Spitze.

Epistropheus.

Wirbel von mittlerer Größe, schmal und wegen der starken Ausbildung des Dorn¬ fortsatzes in sagittaler Richtung sehr lang. Der Knochen zeigt dieselbe poröse Beschaffen-

8) Sagittalumfang

101

58,7

62°

76°

7

52

Hockergräber. I. Gruppe.

heit der Oberfläche wie. der Atlas, namentlich in seinen vorderen Teilen. Die rechte Seite ist in jeder Beziehung schwächer ausgebildet als die linke. Der Zahn ist nicht besonders stark, aber wohlgebildet. Die oberen Gelenkflächen berühren den Zahn beinahe und sind deutlich sattelförmig gestaltet, in querer Richtung konkav, in sagittaler konvex. Der Dorn¬ fortsatz ist hoch und lang und in seiner linken Hälfte viel stärker als in der rechten.

Skelet 10. (Grab 51. a. 9.)

Hierzu Textabbildungen Nr. 35 39 und Taf. III, Abb. 3.

Das Grab war von Süden nach Norden orientiert, 90 cm tief und unberührt. Das Skelet befand sich in Hockerstellung und lag auf der linken Seite. Der Kopf war auf die Brust geneigt und lag auf der linken Hand, während die rechte Hand vor dem Gesicht sich befand. Die Beine waren an den Leib angelegt und die Kniee scharf gebeugt, sodaß die Fersen in die Nähe des Beckens zu liegen kamen.

Von Beigaben wurden folgende gefunden:

Am Kopf- (Süd-) Ende lagen:

1 3) Drei lange Haarnadeln, am Scheitel des Schädels bis 23,5 cm lang.

4) Runde Schminkplatte mit Öse von 9,5 cm Durchmesser.

5) u. 6) Zwei Reibekiesel, in der Nähe der Hände gelegen.

In der Nähe der Unterschenkel lag:

7) Roter Wellenhenkelkrug x 8 cm hoch. Abb. 36.

Am Fuß- (Nord-) Ende des Grabes standen:

8 13) Sechs handgeformte Krüge 31 34 cm hoch.

Das Skelet war dem ersten Anschein nach gut erhalten, hatte aber durch Salz¬ einwirkung im einzelnen sehr gelitten, sodaß nur der Schädel mit dem Unterkiefer ge¬ borgen wurde; das Becken war unbrauchbar.

Schädel.

Der Schädel war in viele Stücke zerbrochen, deren Ränder vielfach durch Salzwirkung abgesplittert waren; die Rekonstruktion gelang trotzdem in befriedigender Weise. (Taf. III, Abb. 3.)

Der Hirnschädel ist länglich, eiförmig gerundet. Eine geringe Asymmetrie zeigt sich insofern, als das linke Scheitelbein etwas flacher als das rechte ist; doch ist die Abweichung gering und fällt am Schädel nicht auf. Die Nähte sind sämtlich erhalten und typisch ausgebildet; überzählige Nähte und Nahtknochen existieren nicht. Etwas ober¬ halb der Linea temporalis waren die Nahtzacken der Sutura coronaria ausgebrochen, sodaß sich die Nahtlinie nicht genau feststellen ließ; die Breite der Naht ist aber richtig wieder¬ gegeben (Abb. 38). Am Bregma, und zwar nur im Bereich der Scheitelbeine, und am Lambda ist die Wölbung des Schädeldaches durch breite Abflachungen unterbrochen.

Kleine männliche Skelete. Nr. 9. (Grab 49. e. 5.) Nr. 10. (Grab 51. a. 9.)

53

Am Stirnbein ist die Schuppe gleichmäßig und fast kugelig gewölbt. Die Tubera frontalia sind deutlich erkennbar und ragen etwas hervor, wenn auch wenig. Der seitliche (Schläfen-) Abschnitt des Stirnbeins ist stark konvex und schließt sich an die Krümmung der Schuppe an; die Linea temporalis geht im Bogen über diese Hervortreibung weg. Das Schläfengebiet des Stirnbeins ist von nur geringer Ausdehnung. Die Arcus superciliares sind gut erkennbar, aber nicht besonders stark entwickelt; sie setzen sich von dem oberen Teil der Schuppe durch eine breite, flache Querfurche ab.

An den Scheitelbeinen sind die Tubera nicht erkennbar, da eine sichere Stelle der stärksten Krümmung nicht nachgewiesen werden kann. Die Linea temporalis umzieht ein

Abb. 37. Abb. 38.

relativ sehr kleines Gebiet am Schädel und bleibt weit unterhalb des Punktes, wo man das Tuber parietale zu suchen hat. Das Planum temporale ist abgeflacht, aber nicht durch eine Kantenbildung vom Schädeldach abgegrenzt, da die Umbiegung des letzteren gegen die Seitenwand des Hirnschädels schon bedeutend oberhalb der Linea temporalis erfolgt. Die Anguli des Scheitelbeins sind sämtlich abgeflacht, der Angulus sphenoidalis ist sogar etwas ausgehöhlt; diese Vertiefung setzt sich aber nicht in eine deutliche Rinne fort, sondern ver¬ schwindet allmählich.

Die Schuppe des Hinterhauptsbeins ist durch eine sehr hohe, spitzige Protuberantia occipitalis externa und eine kantenartige Linea nuchae sehr klar in den oberen und unteren Abschnitt geteilt. Die Oberschuppe ist auf beiden Seiten buckelig vorgewölbt, während die Mitte in sagittaler Richtung abgeflacht ist, An der Unterschuppe ist der ganze obere Ab¬ schnitt als tiefe Querrinne eingezogen, während der untere Teil kugelig ausgebuchtet ist. Am Planum nuchae findet sich ein sehr kräftiges Muskelrelief. Das Foramen magnum ist gleich¬ mäßig oval gerundet, die Condyli occipitales sind groß und stark konvex, der Körper des Hinterhauptsbeins ist kurz und breit und knöchern mit dem Keilbeinkörper verwachsen.

54

Hockergräber. I. Gruppe.

Vom Keilbein ist der Körper zum größten Teil zerstört, die Processus pterygoidei und die Alae magnae sind kurz und breit.

Die Schläfenbeine sind im allgemeinen zierlich gebaut. Die Schuppe trägt ein ganz schwaches Muskelrelief und ist in der Mitte etwas nach außen vorgebuchtet; diese schwache Protuberanz hat die Richtung auf die Gegend des Tuber parietale. Die Pyramiden sind zierlich gebaut und liegen annähernd symmetrisch; ihre Achsen konvergieren nach vorn zu unter einem Winkel von 105°.

Gesichtsschädel: Der ganze Gesichtsschädel einschließlich Unterkiefer ist vollkommen schief, in allen Teilen unsymmetrisch. Die Ursache dieser Schiefheit ist eine pathologische Veränderung des Unterkiefers. Offenbar ist der Kiefer auf der linken Seite an zwei Stellen frakturiert gewesen und schlecht geheilt, erstens am Processus condyloideus und zweitens am Winkel. Das linke Kiefergelenk ist vollständig verbildet; der Processus condyloideus fehlt samt dem Collum, und an der Stelle, wo letzteres vom Ast aus abgeht, sitzt eine in transversaler Richtung entwickelte, walzenartige, höckerige Knochenmasse, welche den Condylus ersetzt. Die Fossa mandibularis und das Tuberculum articulare am Schläfenbein sind eingeebnet und bilden eine fast plane, unregelmäßig höckerige Fläche, welcher die oben beschriebene neuformierte Knochenmasse am Unterkiefer angepast ist.

Durch das Fehlen des Processus condyloideus ist der linke Unterkieferast bedeutend niedriger als der rechte, sodaß der Körper des Unterkiefers schon danach schief stehen muß. Dazu kommt, daß der Körper am Ansatz des Astes, dicht vor dem Winkel, frakturiert war; das hintere Fragment steht mit seiner Spitze nach abwärts über den vorderen Teil des Knochens hervor, welcher durch die Muskulatur nach aufwärts gegen den Oberkiefer gezogen ist.

Auf diese Weise ist die Zahnreihe des Unter¬ kiefers in eine Stellung gekommen, bei welcher die Kaufläche der Zähne gegen die Horizontalebene um einen Winkel von etwa 20° schief gestellt ist, und das Kinn ist nach links verschoben.

Diese abnorme Stellung der unteren Zahnreihe, welche sicherlich im jugendlichen Alter sich ausbildete, hat nun zur Folge gehabt, daß der ganze obere Ge¬ sichtsschädel sich ihr anpaßte. Auch die obere Zahn¬ reihe steht schief, sodaß sie auf die untere paßt; das ist dadurch möglich geworden, daß alle Knochen der rechten Gesichtshälfte größer, die der linken kleiner ge¬ worden sind. Die wesentlichsten Unterschiede zwischen der rechten und der linken Seite sind folgende:

1) Die Grenzfläche zwischen beiden Seiten, in welcher die Suturae internasalis und intermaxillaris ge¬ legen sind, ist nicht eine Ebene, sondern eine nach rechts konvex gebogene Fläche; die Sutura intermaxillaris ist nach links verschoben und hat die Richtung nach links-abwärts.

2) Die rechte Augenhöhlenöffnung ist bei ungefähr gleicher Breite rechts um 2,5 mm höher als links.

Kleine männliche Skelete. Nr. io. (Grab 51. a. 9.)

55

3) Das rechte Jochbein ist in senkrechter Richtung gemessen ca. 4 mm länger als das linke.

4) Der rechte Oberkiefer ist bei gleicher Breite viel höher als der linke, welcher wie zusammengedrückt aussieht.

5) Die Apertura piriformis ist rechts weiter als links.

Hieraus ergeben sich dann die weiteren Unterschiede zwischen den symmetrisch gelegenen Knochen, wie sie aus den beigegebenen Abbildungen ersichtlich sind.

Die Wände der Augenhöhlen sind teilweise erhalten; es fehlen die medialen Begren¬ zungen und der Boden der Höhlen zum Teil. Die Öffnungen sind abgerundet-viereckig und stehen deutlich schief.

Die Nasenwurzel ist breit, der Nasenrücken hoch, auf der rechten Seite steiler als auf der linken gestellt. Die Apertura piriformis ist breit und relativ niedrig. Das linke Nasen¬ bein fehlt; seine Stellung läßt sich aber aus dem Verhalten der Nachbarknochen gut ersehen.

An den Oberkiefern ist die vordere Wand tief eingezogen, besonders links, wo das Jochbein infolgedessen weit nach vom hervortritt. Die Zahnalveolen bilden nur bei den Vorder¬ zähnen bis zum Eckzahn Juga alveolaria, hinten ist der Alveolarfortsatz glatt. Auf beiden Seiten findet sich eine Sutura infraorbitalis.

Die Zähne des Ober- und des Unterkiefers waren sämtlich erhalten; jetzt fehlen: beide Schneidezähne und der Eckzahn rechts oben. Die Zahnkronen sind bis zum oberen Drittel abgeschliffen, aber nirgends cariös; die Schneidezähne sind in querer Richtung zur Krone abgekaut.

Der Unterkiefer (s. auch oben S. 54) ist im allgemeinen nicht sehr kräftig; das Kinn und der rechte Winkel sind scharf vorsprirtgend, der Körper ist dick aber niedrig, ganz be¬ sonders links dicht vor dem Winkel (Taf. III, Abb. 3).

Schädelhöhle: Die Höhle ist hoch, besonders vorn stark gewölbt und dickwandig. Das Innenrelief ist überall nur flach und undeutlich.

Der Stirnteil der Höhle ist durch seine starke, hohe Wölbung besonders geräumig; der Boden ist flach und medianwärts geneigt. Die Lamina cribrosa steht etwas tiefer als die Sutura nasofrontalis; lateralwärts neben dem Dach der rechten und linken Orbita liegt je eine kleine rundliche Vertiefung, welche auf beiden Seiten etwa gleich groß sind. Die Stirnhöhlen sind klein, die linke ist die größere und greift über die Mittellinie weg nach rechts hinüber.

Die Crista Sylvii ist flach und breit; sie zieht schräg rückwärts- aufwärts zur Untergrenze der Fossa parietalis. Die Wände der Fossa cranii media sind sehr dick, besonders vorn und unten; die Innenfläche des großen Keilbeinflügels ist geradezu plan, sodaß der vorderste Punkt der Grube weit hinten liegt. Die vordere Begrenzung ist abgerundet und geht in allmählichem Abfall in den Boden über, welcher hoch liegt.

Der Sulcus sagittalis, welcher im Bereich der Scheitelbeine deutlich ist, hört am Lambda auf und geht in eine Leiste über, welche bis zur Protuberantia occipitalis interna und dann weiter bis zum Foramen magnum zieht. An der Protuberantia interna beginnen die Sulci transversi, deren rechter stärker ist als der linke; die Foramina jugularia sind beiderseits nicht groß, vom Ende des linken Sulcus sigmoideus geht eine tiefe Rinne zum Canalis condyloideus. An der Oberschuppe des Hinterhauptsbeines liegen zwei etwa gleich große Fossae occipitales; dieselben sind umfangreich und besonders tief. Die Knochendicke am Hinterhauptsbein ist sehr bedeutend, zwischen den beiden Protuberanzen ist der Knochen bis 1 8 mm dick.

56

Hockergräber. I. Gruppe.

Die Fossae cerebellares sind kugelig gehöhlt und sehr tief, an den Seitenwänden findet sich je ein deutliches Jugum cerebellare.

Das Gehirn war von mäßiger Größe, nach allen Richtungen hin wohl entwickelt. Die Stirnlappen waren verhältnismäßig groß, stark konvex gewölbt und wenig an der Unterfläche gehöhlt. Die Pars orbitalis der unteren Stirnwindung war nicht groß, aber kugelig vorgewölbt. Der Schläfenlappen war relativ kurz und breit, vorn etwas verschmälert und abgerundet. Die Hinterhauptslappen waren kräftig ausgebildet und ragten nach rückwärts weit hervor; sie waren im wesentlichen symmetrisch gestaltet. Das Kleinhirn hatte eine kugelig geformte Unterfläche. Der Hirnstamm war steil gelagert.

Schädelmaße.

i) Gerade Länge

179

mm

18) Nasenhöhe

52 mm

2) Größte Länge

180

11

19) Nasenbreite

26

3) Größte Breite

130

11

20) Größte Breite des Orbitaeingangs 38

4) Kleinste Stirnbreite

93

11

1 1) Horizontale,,

36,5

5) Ganze Höhe

6) Ohrhöhe

138

1 16

11

11

22) Größte Höhe j

1. 3 2 r- 34 ,,

7) Länge der Schädelbasis

8) Breite

100,5

97

11

11

23) Vertikalhöhe j

1. 32,5 ,,. r- 35

9) Länge des Foramen magnum

33,5

11

24) Gaumenlänge

50 ,,

10) Breite

28

11

25) Gaumenmittelbreite

35,5

11) Horizöntalumfang

500

11

26) Gaumenendbreite

36 ,,

12) Sagittalumfang

376

11

27) Profillänge des Gesichts

95

a) Stirnbein

128

11

28) Profilwinkel

84° 3o’

b) Scheitelbein

130

11

29) Kapazität (gemessen)

1350 ccm

c) Hinterhauptsbein

1 18

u

30) nach Beddoe

1383

13) Vertikaler Querumfang

3ii

ii

31) nach Froriep

i342 ,,

14) Gesichtsbreite

92

11

32) Kalottenhöhe

101,5 mm

15) Jochbreite

119

11

33) Kalottenhöhen-Index

57,6

16) Gesichtshöhe

I IO

11

34) Bregma-Winkel

63°

17) Obergesichtshöhe

68

11

35) Lambda-Winkel

76°

Indices.

1) Längen-Breiten-

Index

72,62 = Dolichocephalie

2) Längen-Höhen-

11

77,09 = Hypsicephalie

3) Gesichts-

11

119,56 =; Schmalgesichtiger Schädel

4) Obergesichts-

11

73,9 1 Schmales Obergesicht

5) Jochbreiten-Gesichts-

11

92,43 = Hoher, leptoprosoper Gesichtsschädel

6) -Obergesichts-

11

57,14 = Leptoprosopes Obergesicht

7) Augenhöhlen-

11

( 4 j __ Hypsiconchie

tr- 93,I5J

8) Nasen-

11

50,00 = Mesorrhinie

9) Gaumen-

11

7 1 ,00 = Leptostaphylinie.

Kleine männliche Skelete. Nr. io.

j) Breite am Winkel

2) Breite an den Condylen

3) Kinnhöhe

4) Asthöhe

(Grab 51. a. 9.) Nr. Ia. (Grab 4. d. 7.) Nr. Ib. (Grab 11. b. 6.)

57

Unterkiefer-Maße.

83 mm

1 12

5) Astbreite

33 » /!• 46

(r. 64

6) Winkel (rechts)

1. 27 mm

r. 34

1250

Skelet Ia. (Grab 4. d. 7.)

Hierzu Textabbildung Nr. 40.

Das Grab war von Süden nach Norden orientiert, 70 cm tief und sicher unberührt. Das Skelet befand sich in linker Seitenlage und in Hockerstellung; die Extremitäten waren dicht an den Rumpf angelegt. Die Arme waren gebeugt, die linke Hand lag unter dem Gesicht, die rechte vor demselben; die Oberschenkel waren nach aufwärts gezogen und die Kniee spitzwinklig gebeugt, sodaß die Füße dicht am Becken lagen.

Die Beigaben lagen teils an der Westwand, vor dem Skelet, teils am Fußende des Grabes. Sie bestanden in folgenden Stücken:

An der Westwand von Süden nach Norden:

1) 4) Vier Wellenhenkelkrüge aus gebranntem Ton, 23 24 cm hoch.

An der Nordwand (Fußende), von Osten nach Westen:

5) und 6) Zwei handgeformte Tonkrüge, mit weiter Öffnung, unten zu¬ gespitzt, 35 cm hoch.

7) und 8) Zwei große Tonkrüge, 46 cm hoch, unten abgerundet.

Nach der Untersuchung des Skelets wurde dasselbe für das eines erwachsenen Mannes erklärt; die Nähte am Schädel waren verwachsen, die Knochen kräftig entwickelt, aber gänz¬ lich zersplittert. Da alle wesentlichen Skeletteile in unveränderter Lage sich befanden, so konnten die Längenmessungen vorgenommen werden. Es wurden folgende Maße bestimmt:

1) Vom Scheitel zur Mitte des Acetabulum 74 cm

2) Von der Mitte des Caput femoris bis zum distalen Ende des Femur 46

3) Vom proximalen Ende der Tibia bis zum Tuber calcanei 40

Die Gesamtlänge des Skelets ist danach x 60 cm, die Körperlänge bei Hinzurechnung von 2,5 cm für Weichteile = 162,5 cm.

Abb. 40.

Skelet Ib. (Grab 11. b. 6.)

Hierzu Textabbildung Nr. 41.

Von Süden nach Norden orientiertes, unberührtes Hockergrab ; das Skelet war total ver¬ morscht, aber die Knochen befanden sich in guter Lage, sodaß Längenmessungen möglich waren. An Beigaben wurden aufgefunden: x) Rotgestrichener Krug von 25 cm Höhe;

2) Tontöpfchen von 7 cm Höhe;

3) Reibekiesel;

4) Handgeformtes Töpfchen von 6 cm Höhe;

5) Blaue Fayenceperlen am Gesicht.

Frdr. W. Müller, Anthropologisches,

58

Hockergräber. I. Gruppe.

Die Beigaben Nr. i, 2 und 3 lagen an der Westseite des Grabes, Nr. 4 beim Schädel und Nr. 5 wie angegeben.

Das Skelet lag auf der linken Seite, etwas ventralwärts gedreht, mit gebeugten und an den Rumpf angelegten Armen und Beinen.

Die Maße des Skeletes waren folgende:

1) Vom Scheitel bis zur Mitte des Hüftgelenkes 70 cm

2) Von der Mitte des Hüftgelenkes bis zum Kniespalt 46

3) Vom Kniespalt bis zum Tuber calcanei 45

So ergibt sich eine Länge des Skeletes von 1 6 1 cm und unter Berücksichtigung der Weichteildicke eine Gesamtlänge des Körpers von 163,5 cm.

II. Gruppe. Kleine weibliche Skelete.

Skelet 11. (Grab 43. k. 2.)

Hierzu Textabbildungen Nr. 42 46 und Taf. I#, Abb. 4 und 5.

Geräumiges, Süd-Nord orientiertes, unberührtes Grab von 1,20 m Tiefe mit reichlichem Platz für die Beigaben. Die Leiche lag auf einer Matte und war mit einer anderen zu¬ gedeckt. Am Südende fand sich in der Wand des Grabes eine Latte aus Palmholz in 50 cm Höhe über dem Boden der Grube eingebaut. Das Skelet lag in Hockerstellung auf der linken Seite, die Kniee waren stark angezogen, die Ellenbogen aufwärts gebeugt, sodaß die Hände in der Nähe des Gesichts sich befanden.

Die Beigaben lagen am Kopf- und Fußende des Grabes und vor dem Skelet:

1) und 2) Zwei kleine handgeformte, runde Tongefäßchen von 9 und 1 o cm Höhe liegen vor den Händen.

3) und 4) Zwei graue Wellenhenkeltöpfe stehen am Kopfende unterhalb der obenerwähnten eingebauten Latte.

5 7) Ein Wellenhenkeltopf, ein größerer handgeformter Krug und ein Napf stehen vor der oberen Partie des Skelets. Abb- 42.

8) Vor den Knieen liegt ein größerer handgeformter Krug.

9) an den Füßen ein flacher Napf.

10 13) Am Fußende des Grabes liegen in einer Gruppe zwei größere handgeformte Krüge, ein großer 43 cm hoher Krug und dazwischen ein kleines rohes Töpfchen, ähnlich wie 1) und 2).

Wie die Abbildung 43 zeigt, war das Skelet im ganzen gut erhalten, abgesehen von einzelnen Splitterungen, wie sie z. B. am Schädel zu sehen sind.

Die Knochen der unteren Extremitäten hatten am meisten gelitten und konnten deshalb nicht geborgen werden.

Die Längenmessung des Skelets in situ ergab folgende Werte:

1) Scheitel Mitte des Hüftgelenks = 67,0 cm

2) Mitte des Hüftgelenks distales Ende des Femur = 40,5

3) Proximales Ende der Tibia Tuber calcanei= 39,0

Daraus würde sich die Gesamtlänge des Skelets auf 146,5 cm

ergeben. (Vgl. S. 64.)

Die Länge des Körpers läßt sich aus dieser Zahl berechnen, wenn man für die zer¬ störten Weichteile, nämlich 1) Kopfschwarte 2) Knorpelüberzug des distalen Endes des Femur

6o

Hockergräber. II. Gruppe.

3) den des proximalen Endes der Tibia und 4) Dicke der Haut und des Fettpolsters der Fußsohle an der Ferse, etwa 2,5 cm Dicke annimmt; man erhält dann 149 cm Körperlänge.

Von den vorhandenen Skeletstücken konnten folgende konserviert werden:

1) Schädel mit Unterkiefer.

2) Von der Wirbelsäule die Hals- und Lendenwirbel und sieben Brustwirbel.

3) Becken, und zwar Kreuzbein und linkes Hüftbein.

4) Rechter Humerus, rechte Ulna und rechter Radius.

Schädel.

Der Schädel ist aus zahlreichen Stücken zusammengesetzt, doch sind an der Basis und am Gesichtsteil größere Defekte (Taf. III, Abb. 4). Die rechte Seite ist im ganzen besser und vollständiger erhalten als die linke. Der Schädel ist klein und leicht, von mittlerer Wandstärke; er hat eine länglich abgerundete Form und zeigt hinter dem Bregma und am Lambda je eine Abplattung, bzw. Einsenkung.

Die meisten Nähte sind gut sichtbar, die Sut. coronaria und sagittalis fest- verwachsen.

Hirnschädel: Die Stirngegend ist stark gewölbt, zeigt deutliche Tubera und liegt im ganzen etwas zurück, die Arcus superciliares sind nur angedeutet, dagegen die Lineae temporales wulstig verdickt; der temporale Abschnitt des Stirnbeins ist auf beiden Seiten schwach konvexf

Die Scheitelbeine haben zum größten Teil eine kräftige Wölbung, welche sich unter scharfem Winkel gegen das median-abwärts geneigte Planum temporale absetzt. Die

Lineae temporales sind sehr deutlich und etwas erhaben; sie umspannen einen relativ kleinen Raum und bleiben beträchtlich unterhalb des Tuber parietale.

Die Hinterhauptsschuppe ist im oberen Abschnitt auf beiden Seiten buckelartig vorgetrieben, während die mittlere Partie zwischen den beiden Wölbungen abgeplattet ist. Der Übergang der Oberschuppe in das Planum nuchale ist auf den Seiten kantig,* da der obere Abschnitt des Planum im Gegensatz zum unteren konkav ist. In der Mittellinie ist dagegen kein größerer Absatz vor¬ handen, die Protuberantia occipitalis externa ist nur durch Linien angedeutet und bildet einen flachen Höcker (s. Abb. 45).

Vom Körper des Hinterhauptsbeins ist nichts Abb. 44. erhalten, der ganze untere Teil des Knochens

ist sehr defekt.

Das Keilbein ist größtenteils zerstört, nur der rechte große Flügel und der rechte Flügelfortsatz sind vorhanden. Beide Teile sind schwächlich entwickelt, der große Flügel ist be- soq^ers lang und schmal (Abb. .45).

Kleine weibliche Skelete. Nr. 1 1. (Grab 43. k. 2.)

6l

Die Schläfenbeine sind ziemlich gut erhalten. Die Schuppen sind relativ groß, wenig gewölbt und tragen ein ganz schwaches Muskelrelief. Der Processus mastoideus ist groß und abgerundet; er wird nach oben durch eine schwache Crista supramastoidea (Linea temporalis) abgegrenzt.

Gesichtsschädel: Nur die rechte Seite des Gesichtsschädels konnte an den Hirn¬ schädel angepaßt werden und auch hier war eine absolute Genauigkeit nicht zu erzielen, da der direkte Zusammenhang zwischen dem Processus pterygoideus und dem Oberkiefer fehlt. Aus diesem Grunde wurde auf die Norma frontalis verzichtet.

Die Augenhöhlen sind auf¬ fallend groß und geräumig (s. Taf. III,

Abb. 4), die Öffnung fast kreisförmig.

Die Nasenöffnung ist hoch und schmal, der Nasenrücken steilgestellt.

Das Jochbein ist verhältnismäßig breit und kräftig, dagegen der Ober¬ kiefer schwächlich, sehr dünnwandig und zerbrechlich, an der Vorderfläche gleichmäßig konkav und seitwärts weit ausladend ; deshalb liegt die Sutura zygomatico-maxillaris flach. Vom Fo- ramen infraorbitale geht zu letztge¬ nannter Naht eine Sutura infraorbitalis. Die Juga alveolaria treten stark hervor und bestehen teilweise aus papierdünnem Knochen, welcher an manchen Stellen ausgebrochen ist.

Die Zahnreihe der Oberkiefer war vollständig. Auf der rechten Seite fehlt nur der dritte Molar, welcher ein kräftiger Zahn gewesen ist. Die Zähne sind ziemlich stark ab¬ gekaut, aber in sehr verschiedenem Maße, was sich durch das Fehlen der betreffenden Ant¬ agonisten erklärt (s. Unterkiefer). In der vorderen Hälfte des ersten Molaren befindet sich ein cariöser Defekt (Abb. 45).

Im linken Oberkiefer fehlen jetzt der mediale Schneidezahn und der dritte Molar. Die Zähne sind erheblich mehr abgekaut als rechts. Am zweiten Molaren findet sich ein großer cariöser Defekt. Die Wurzeln aller Backzähne sind von einer dicken Zementmasse umgeben, die Alveolen sind dementsprechend erweitert (Periodontitis),

Der Unterkiefer hat typische Greisenform und ist sehr niedrig und schwach. Kinn¬ vorsprung und Winkel sind deutlich ausgeprägt, die äußeren und inneren Muskelmarken klar erkennbar.

Die Bezahnung ist sehr defekt; es waren nur vorhanden: auf der rechten Seite beide Schneidezähne, der Eckzahn, erster und zweiter Molar; auf der linken Seite beide Prämolaren und der erste Molar. Davon sind jetzt vorhanden: der zweite Molar rechts und der zweite Prämolar und der erste Molar links. An der Stelle des linken Eckzahns liegt eine große Höhle, welche durch Wurzeleiterung bedingt ist.

6 2

Hockergräber. II. Gruppe.

Schädelhöhle: Die Höhlung ist geräumig und eckig begrenzt. Das Innenrelief ist im allgemeinen nur angedeutet bis auf die Sulci arteriosi, welche besonders auf der linken Seite tief im Knochen liegen. Die Stirnhöhlen sind unsymmetrisch und auf beiden Seiten klein; die rechte, größere Höhle hat etwa die Größe einer Bohne, die linke ist viel kleiner und kommt überhaupt nicht in den Schuppenteil des Stirnbeins hinein. Das Dach der Augen¬ höhle ist stark aufwärts gewölbt; an seiner lateral-hinteren Ecke liegt beiderseits eine große, tiefe Grube, in welche sich die Pars orbitalis der dritten Stirnwindung einlagert (Fossa gyri frontalis III.). Das Dach der Nasenhöhle ist zerstört, ebenso das Siebbeinlabyrinth; es ließ sich deswegen die unterste Begrenzung der vorderen Schädelgrube nicht feststellen, zumal auch nach hinten zu ein Anhaltspunkt wegen des Fehlens des Keilbeinkörpers nicht vorhanden ist. In der Abb. 45 erscheint nur die laterale Begrenzung der Fossa cranii anterior; die mediale endigt am Foramen caecum.

Die Crista Sylvii (G. Schwalbe), welche sich an die Ala parva ossis sphenoidalis an¬ schließt, ist ganz flach und unbedeutend, aber doch sicher feststellbar, und zieht schräg auf¬ wärts zur unteren Begrenzung der Fossa parietalis (i. e. die Grube der Innenfläche, welche dem Tuber parietale entspricht).

Die Fossa cranii media ist weit und schräg vorwärts- abwärts gerichtet, die mediane Begrenzung ist nicht festzustellen, weil der Keilbeinkörper fehlt. Der Sulcus transversus ist rechts viel stärker als links und geht mit allmählicher Krümmung in den Sulcus sigmoideus über. Oberhalb des Sulcus transversus liegt beiderseits eine tiefe Grube, Fossa occipitalis, für den Hinterhauptspol des Großhirns; sie ist links etwas größer als rechts, da der Sulcus sagittalis, welcher in den rechten Sulcus transversus übergeht, an der Schuppe des Hinter¬ hauptsbeins nach rechts abweicht.

Die Fossae cerebellares sind auffallend flach und zeigen ein deutliches Jugum cerebellare.

Das Gehirn, welches diese Schädelhöhle enthielt, war platt und breit und hatte stark rückwärts hervorragende Hinterhauptslappen. Der Schläfenlappen War breit und zungenförmig. Das Tentorium muß besonders steil gestanden haben, weil bei der geringen Größe der Fossae cerebellares das Kleinhirn nach aufwärts entwickelt gewesen sein muß.

Schädelmaße.

1) Gerade Länge %

178 mm

H)

Obergesichtshöhe

64 mm

2) Größte

179

11

15)

Nasenhöhe

52

3) Größte Breite

139

11

16)

Nasenbreite

ca. 23

4) Kleinste Stirnbreite

92,5

11

17)

Größte Breite des Orbitaeingangs 38,5

5) Ohrhöhe

114

11

18)

Horizont.

37 »

6) Breite der Schädelbasis

94

11

19)

Größte Höhe

34>5 »

7) Horizontalumfang

507

11

20)

Vertikalhöhe

35 »

8) Stirnbein-Sagittalkurve

114

11

21)

Profilwinkel

ca. 87°

9) Scheitelbein-

130

11

22)

Kapazität nach Beddoe

1333 ccm

10) Oberschuppen-

78

11

23)

Froriep

1370 »

11) Vertikaler Querumfang

3i5

11,

24)

Kalottenhöhe

97 mm

12) Gesichtsbreite

ca. 98

11

2 5)

Bregma-Winkel

59°

13) Gesichtshöhe

106

11

26)

Lambda-Winkel

85°

Kleine weibliche Skelete. Nr. n. (Grab 43. k. 2.)

63

Indices.

1) Längen-Breiten-Index: 72,46 = Dolichocephalie

2) Gesichts- 108,16 = Schmales Gesicht

3) Obergesichts- 69,89 = Obergesicht

4) Augenhöhlen- 94,59 = Hypsiconchie

Unterkiefermaße.

91 mm 4) Asthöhe 60 mm

ca. 11 4 5) Astbreite 30

24 6) Unterkieferwinkel 1220

Wirbelsäule.

Die Wirbelsäule ist vollständig bis auf den 3. 7. Brustwirbel, welche durch Salz zer¬ stört waren. Die Quer- und Dornfortsätze sind vielfach abgebrochen; an manchen der Brust- und Lendenwirbel sieht man noch die Grenzen der Epiphysen. An den Körpern der Hals¬ wirbel sind alle Ränder durch Exostosenbildung verschärft und teilweise gewellt. Am 1. und 2. Brustwirbel finden sich vor den Gelenkflächen für das Rippenköpfchen tiefe rundliche Gruben.

Atlas ist schmal und leicht unsymmetrisch; die Fovea articularis sup. ist rechts läng¬ lich und schmal, links dagegen breit und kurz. Zwischen dem Process. articul. sup. und dem Arcus post, ist keine direkte Knochenverbindung vorhanden, sondern nur zwei kleine Knochen¬ spitzen. Am vorderen Bogen ist die Fovea dentis durch Exostosen vergrößert.

Epistropheus ist klein, leicht und schwächlich, der Zahn kurz und dick. Die Facies articul. post, dentis ist zu einer tiefen Rinne ausgeschliffen. Die Körper der Halswirbel, welche an den oberen ziemlich klein und schwach sind, verbreitern sich bedeutend nach ab¬ wärts hin (3. Wirbel =18 mm, 7. Wirbel = 28 mm breit). Bogen und Fortsätze sind sehr grazil und zerbrechlich.

An den Brustwirbeln sind die Körper kräftig und breit (1. Wirbel = 34 mm, 12. Wirbel = 43 mm breit); die Höhe nimmt allmählich zu (1. Wirbel = 14 mm, 12. Wirbel = 27 mm hoch). Die Querfortsätze sind meistens abgebrochen. Die größte Breite des 2. Wirbels beträgt 72 mm. An den unteren Wirbeln stehen die Querfortsätze ganz dorsal- wärts gerichtet, sodaß die größte Breite des 10. Wirbels nur 49 mm ausmacht..

Die Lendenwirbel sind sehr breit und kräftig. Die Höhe des Körpers des 1. Wirbels ist = 29 mm, seine Breite = 45 mm; am 5. Wirbel ist die Höhe = 31 mm, die Breite =53 mm. Die Querfortsätze sind im allgemeinen dünn und schwächlich.

Länge der Halswirbelsäule 98 mm,

Lendenwirbelsäule ca. 165 ; zusammengesetzt unter Berücksichtigung

der Breite der Zwischenbandscheiben.

Die Länge der Brustwirbelsäule läßt sich wegen des Fehlens von fünf Wirbeln nicht ge¬ nau messen, wohl aber kann man sie berechnen. Die durchschnittliche Höhe eines Brustwirbels ist etwa 20 mm (s. o.), sodaß die aneinandergesetzten Körper eine Säule von 24 cm aus¬ machen würden. Für die Zwischenbandscheiben würde ich 2 cm in Rechnung setzen, so¬ daß die Brustwirbelsäule mit den Zwischenbandscheiben etwa .26 cm lang sein würde. Dem-

1) Breite an den Winkeln

2) an den Condylen

3) Kinnhöhe

64

Hockergräber. II. Gruppe.

nach würde ich die Länge der ganzen Wirbelsäule bis zum unteren Rand des 5. Lenden¬ wirbels auf 52,5 cm angeben. Wie nun oben S. 59 ersichtlich, ist die ganze Strecke vom Scheitel bis zur Mitte des Acetabulum im Grabe mit 67 cm gemessen worden; dieses Maß ist aber sicher zu klein für die aufrechte Haltung. Der Vertikalabstand vom Ünterrand des 5. Lendenwirbels bis zur Mitte des Acetabulum beträgt 8 cm und die Höhe des Schädels etwa 12,5 cm. (Läßt sich nicht genau bestimmen.) Diese beiden Entfernungen mit zusammen 20,5 cm muß man zu den 52,5 cm der Wirbelsäulenhöhe hinzurechnen, sodaß sich also für die Entfernung vom Scheitel zum Hüftgelenk 73 cm ergeben würden. Danach müßte das betreffende Individuum etwa 155 cm Körperlänge gehabt haben.

Becken.

Beim Eröffnen des Grabes wurde das rechte Hüftbein völlig zerschlagen und das Kreuzbein auf der rechten Seite, allerdings nur in geringem Maße, beschädigt. Das Stei߬ bein fehlt mit Ausnahme des 1. Steißwirbels (s. Taf. III, Abb. 5).

Die vorliegenden Teile des Beckens sind kräftig gebaut und sehr gut erhalten. Das Kreuzbein besteht aus fünf vollständig knöchern miteinander verbundenen Wirbeln, ist in sagittaler Richtung wenig gekrümmt, stark dagegen in frontaler Richtung. Das untere Ende ist mit dem 1. Steißwirbel synostotisch verbunden und zwar so, daß die Körper der Wirbel untereinander und die Cornua sacralia mit den Cornua coccygea verwachsen sind, während die Seitenteile des Steißwirbels frei sind.

Das Kreuzbein ist leicht asymmetrisch und erscheint infolgedessen in der Ansicht von oben etwas nach rechts gedreht. Diese Asymmetrie ist an den verschiedenen Teilen des

Knochens erkennbar: die Pars lateralis ist rechts stärker als links ausgebildet, die vordere Begrenzung, also die Linea arcuata, scheint stärker gekrümmt zu sein als die linke (die laterale Partie fehlt). Der Process. articular. sup. ist rechts stärker gehöhlt als links und der rechte Teil des Bogens des 1. Sä¬ kralwirbels ist kräftiger als der linke.

Das Hüftbein ist sehr kräftig, die Ala iliaca nicht durchbrochen oder besonders stark verdünnt. Die Schaufel steht auffallend steil, etwa dem männlichen Typus entsprechend, wenn ich die von H. Virchow präparierten, bei Kopsch veröffentlichten Becken als Muster betrachte. Das Vorderende der Crista iliaca mit der Spina ist be¬ deutend medianwärts gerichtet und die Schaufel im vorderen Teil besonders gekrümmt. Die Körper aller drei Teile des Hüftbeins sind stark gebaut; das Acetabulum ist weit und

Kleine weibliche Skelete. Nr. ir. (Grab 43. k. 2.)

besitzt breite Ränder. Der Symphysenteil des Os pubis ist niedrig und breit und geht in einen flach lateralwärts gerichteten, sehr schwächlichen Ramus inferior über.

Die Beckenhöhlung ist in allen Teilen weit. Der Beckeneingang ist schön ge¬ rundet, das Promontorium tritt nur ganz wenig über den Rand hervor, an der Stelle der Articulatio sacro-iliaca ist keine Leistenbildung, sondern die Linea arcuata des Hüftbeins geht glatt in die des Kreuzbeins über; die Knochenränder an der Symphyse ragen ebenfalls nicht wesentlich in das Innere des Beckens hinein. An der Beckenweite ist der Längsdurchmesser nur wenig größer als der Querdurchmesser und beide den Durchschnittszahlen (Waldeyer) ent¬ sprechend. Sehr geräumig ist die Beckenenge und auch der Beckenausgang. Abb. 46 zeigt, daß die Spinae ischiadicae weit lateralwärts zurücktreten.

Beckenmaße.

1) Höhe des Beckens 195 mm

2) Breite 138 (1. Hälfte d. Maßes)

3) Abstand der Spinae il. ant. sup. 102

4) Länge der Crista iliaca 162

5) Entfernung der Spina iliaca ant. sup. vom Tubercul. pubicum 115

6) Entfernung der beiden Tubercula pubica voneinander 34 (1. Hälfte)

7) Entfernung der Mitte der Crista iliaca von der Linea arcuata (Sehne) 102

8) desgl. (Bogen) 104

9) Entfernung derSpinail.ant.sup.v.hinterenEnded.Cristail. (Sehne) 122

10) desgl. (Bogen) 128

11) Höhe der Symphyse 35

12) Vordere Projektionshöhe des kleinen Beckens 39

13) Projektionshöhe des Promontoriums über der Symphyse 97

14) Angulus pubis 44» (1. Hälfte)

15) Neigung des Beckeneingangs 60 0

16) Breite der Symphysengegend 3imm(l. Hälfte)

17) Höhe des Foramen obturatum 47 n

1 8) Breite ,, ,, 33 ,,

19) Abstand der Acetabula 63 (1. Hälfte)

20) Abstand der Mitten der Tubera ischiad. 76

2 x) Breite des Os sacrum ca. 102

22) Länge 112

23) Größte Tiefe der vorderen Kreuzbeinhöhlung 13

24) Länge des Os coccygis -

25) Höhe des kleinen Beckens 89

26) Conjugata vera 112

27) Diameter transvers. aditus pelvis 64 (1. Hälfte)

28) Normalconjugata 133 v

29) Diameter recta amplitud. pelvis 120

30) transversa 57 (1. Hälfte)

31) recta angustiae 124

Frdr. W. Müller, Anthropologisches.

(1. Hälfte)

3imm(l. Hälfte)

(1. Hälfte)

ca. 102

(1. Hälfte)

(1. Hälfte)

9

66

Hockergräber. II. Gruppe.

32) Diameter transversa angustiae pelvis 53mm(l. Hälfte)

33) recta exitus -

34) transversa exitus 60 (1. Hälfte)

Rechter Humerus.

Das Caput mit den Tubercula ist als einheitliche Masse abgebrochen, läßt sich aber, weil an der Bruchstelle viele kleine Stückchen abgesplittert sind, nicht wieder ansetzen. Die ganze Länge des Knochens beträgt etwa 30 cm; der Schaft ist verhältnismäßig kräftig gebaut und deutlich S-förmig gekrümmt, die Gelenkenden sind schmal. Der Kopf ist medianwärts gerichtet und hat eine überknorpelte Fläche von 35:40 mm. Der Sulcus intertubercularis verläuft über die Vorderfläche. Alle Muskelvorsprünge sind gut erkennbar, aber nicht beson¬ ders kräftig. In der Mitte des Schaftes beträgt die Stärke 14:19 mm. Am distalen Gelenk¬ ende ist die Fossa olecrani sehr tief, aber sie bricht nicht in die Fossa coronoidea durch. Das Gelenkende ist schmal; trotz des stark entwickelten Epicondylus medialis ist die gesamte Breite nur 54 mm, wovon 38 mm auf dieTrochlea und das Capitulum humeri zusammen kommen.

Rechte Ulna.

Das distale Ende ist zerstört. Der Knochen ist grazil gebaut, die Muskelvorsprünge sind deutlich, aber nicht hervortretend, die Crista interossea dagegen ist scharf und hoch. Die Incisura semilunaris ist durch eine Furche in zwei Gelenkoberflächen geteilt.

Rechter Radius.

Sehr zierlicher, nach der Radialseite stark gekrümmter Knochen, dessen ganze Länge 223mm beträgt. Der Hals ist deutlich gegen das Köpfchen abgesetzt und ist distalwärts durch eine kräftige Tuberositas radii begrenzt. Die Stärke des Mittelstückes ist 10:14 mm, dabei ist die Crista interossea sehr hock und scharf. Das distale Gelenkende ist proportioniert und hat auf der Dorsalseite deutliche Sehnenleisten.

Skelet 12. (Grab 2. h. 1.)

Hierzu Textabbildungen Nr. 47 50 und Taf. IV, Abb. 1.

Das Grab ist von Süden nach Norden orientiert, 80 cm tief, das Skelet bis auf den Schädel und die Knochen der unteren Extremität verschwunden. Die vorhandenen Skelet¬ teile liegen nicht mehr in der ursprünglichen Lage, der Schädel ruht auf dem rechten Oberschenkelknochen. Die Leiche lag ur¬ sprünglich auf einer Matte.

Am Fußende des Grabes befinden sich die Beigaben:

x) Ein roter 1 5 cm hoher bau¬ chiger Topf.

2) Ein handgeformter Krug, unten zugespitzt, von 32 cm Höhe.

3) Ein flacher Napf aus Ton. Abb- 48.

Möglicherweise sind am Kopfende des Grabes noch mehr Beigaben gewesen, welche

geraubt sind.

Abb. 47.

Kleine weibliche Skelete. Nr. n. (Grab 43. k. 2.) Nr. 12. (Grab 2. h. 1.)

67

Von den Teilen des Skelets konnte nur der Schädel mit dem Unterkiefer geborgen werden. Die übrigen Teile waren so beschädigt und zerbrochen, daß sie wertlos waren. Der Schädel war in viele Stücke zerbrochen, nur die Schuppe des Stirnbeins war gut erhalten (Taf.IV, Abb. i). Irgendwelche Messungen an den im Grabe liegenden Knochen waren unmöglich.

Schädel.

Der Schädel ist klein und leicht und etwas asymmetrisch; die Stirn ist etwas nach rechts und vorn gedreht. Ich nehme an, daß diese Schiefheit durch eine geringe Verbiegung des rechten Scheitelbeins bedingt ist, da die Nähte exakt ineinander passen. Daß der Schädel durch den Druck der Erdmassen im Grabe verbogen worden ist, geht aus dem Zu¬ stand des linken Scheitelbeins hervor, welches derartig die Form verloren hat, daß seine Teile nicht mehr zusammenpassen (obwohl kein Zweifel sein kann, daß es Stücke desselben Knochens sind), und der untere Abschnitt des Knochens auf keine Weise eingefügt werden konnte. Dieser letztere Teil mußte deshalb fortgelassen und das Schläfenbein auf das Hinterhauptsbein gestützt werden. Die Stellung des Gesichtsschädels konnte in einwandfreier Weise nicht erreicht werden, weil der Zusammenhang zwischen dem Oberkiefer und dem Processus pterygoideus fehlt. Eine einigermaßen brauchbare Stellung wurde dadurch erzielt, daß der Unterkiefer richtig angepaßt wurde und nun als Maß für die Orientierung des Oberkiefers diente.

Hirnschädel: Der Hirnteil des Schädels ist ziemlich hoch und hat von oben gesehen die Gestalt eines Fünfeckes (Pentagonoid-, Sargform s. S. 267).

Die Stirnschuppe ist stark und in der Sagittal- richtung (Abb. 50) fast kreisförmig gebogen; der untere Abschnitt steht fast senkrecht. Die Tubera frontalia und die Arcus superciliares sind sehr flach. Die Li- neae temporales sind nur flach, aber gut zu erkennen; das in der Schläfengegend unterhalb derselben liegende Gebiet des Stirnbeins ist fast plan. Auf der rechten Seite findet sich an dieser Stelle eine Porosität des Knochens mit durchgehenden Löchern, offenbar ein periostitischer Entzündungsherd.

Die Nähte des Schädeldaches sind sämtlich er¬ halten und mit reichen Nahtzacken versehen. In der Lambdanaht finden sich einige Nahtknochen.

Das Scheitelbein ist im hinteren Abschnitt konvex, vorn oben und in der Schläfen¬ gegend dagegen abgeplattet. Die Linea temporalis erreicht fast das Tuber parietale.

Am Hinterhauptsbein zeigt die Oberschuppe zwei starke Ausbuchtungen nach hinten, während die Mitte flacher ist. Die Protuberantia occip. externa ist kaum erkennbar, das Planum nuchae im ganzen konvex gewölbt. Das Foramen magnum ist länglich abgerundet, der Körper des Hinterhauptsbeins schwach entwickelt.

Vom Keilbein ist nur der rechte große Flügel und Reste des Processus pterygoideus erhalten ; der Flügel ist hoch und schmal'.

9*

68

Hockergräber. II. Gruppe.

Das Schläfenbein ist im ganzen zierlich, hat einen relativ kräftigen, abgerundeten Warzenfortsatz und eine hohe Crista supramastoidea. An der Schuppe findet sich kein Muskel¬ relief; sie ist schwach nach außen gewölbt. Die Pyramiden stehen in einem Winkel von xoo° zueinander (Deklination).

Der Gesichtsschädel ist sehr defekt. Die Öffnungen der Augenhöhlen sind länglich, abgerundet und schräg gestellt. Die Nasenwurzel ist breit; die Nasenbeine fehlen, die Apertura piriformis ist hoch und breit und etwas unsymmetrisch, rechts enger als links.

Die Oberkiefer sind hoch und grazil gebaut, die Vorderfläche ist eingezogen. Die Processus alveolares der Kiefer sind im vorderen Abschnitt schräg vorwärts-abwärts entwickelt,

Die Juga alveolaria sind im all¬ gemeinen flach; nur das des Eckzahns tritt mehr hervor. Die seitliche Be¬ grenzung des Oberkiefers bildet einen gleichmäßigen Bogen. Das Jochbein ist schwächlich.

Die Zähne sind kräftig, gut ent¬ wickelt und wenig abgenutzt und haben starken Zahnsteinansatz. Außer den beiden letzten Molaren war das Gebiß der Oberkiefer vollständig; jetzt fehlen die beiden linken Schneidezähne. Cariöse Veränderungen sind nicht vorhanden.

Der Unterkiefer ist schwach und schmal gebaut; das Kinn ist deut¬ lich, der Winkel scharf. Die Muskel¬ ansätze können an der Außen- und Innenseite deutlich bestimmt werden.

Die Zähne waren vollständig; jetzt fehlen der rechte mittlere Schneidezahn, der rechte Eckzahn und die halbe Krone des linken Eckzahns. Die Zähne haben reichlichen Ansatz von Zahnstein, dagegen keine Caries. Die beiden dritten Molaren sind starke Zähne und beide schief eingepflanzt; die Kaufläche ist gegen den zweiten Molaren, die Wurzel rückwärts gerichtet.

Schädelhöhle (Abb. 50). Die Höhlung ist hoch und schön gleichmäßig gewölbt und ziemlich dickwandig. Neben dem Sulcus sagittalis finden sich am Stirn- und Scheitelbein große und tiefe Foveolae granuläres, während im übrigen die Ausbildung des Innenreliefs unbedeutend ist.

Die Fossa cranii anterior ist geräumig und besonders hoch; der Boden ist stark konvex, was zum Teil darauf zurückzuführen ist, daß lateralwärts über der Orbita eine tiefe Einsenkung für die Pars orbitalis gyri front, infer. liegt. Oberhalb dieser Grube liegt die schon oben erwähnte Porosität der Schädelwand im Bereiche des Stirnbeins.

Die Fossa cranii media ist groß und weit; die Crista Sylvii zieht ein wenig aufwärts- rückwärts zur unteren Begrenzung der Fossa parietalis. Die Sulci meningei zeigen, daß beider-

sodaß die vorderen Zähne sehr flach stehen.

Kleine weibliche Skelete. Nr. 12. (Grab 2. h. 1.)

69

seits die A. meningea media sich am Boden der Grube teilte. Die mittleren Teile der Schädel¬ basis fehlen.

Der Sulcus sagittalis liegt an der Oberschuppe des Hinterhauptsbeins etwas nach links verlagert und geht in beide Sulci transversi über, welche annähernd gleich stark sind. Ober¬ halb der Sulci transversi liegen rundliche Vertiefungen von gleicher Ausdehnung rechts und links. Die Fossae cerebellares sind relativ flach, aber geräumig und haben deutliche Juga cerebellaria.

Schädelmaße.

1) Gerade Länge

175 mm

2) Größte Länge

175.5

11

3) Größte Breite ca.

137

11

4) Kleinste Stirnbreite

92,5

11

5) Ganze Höhe

129

11

6) Ohrhöhe

1 13

11

7) Länge der Schädelbasis

99

11

8) Breite ca. 91

11

9) Größte Länge des For. magnum

34

11

0) Breite

27

11

1) Horizontalumfang (rechte Seite)

264

11

2) Sagittalumfang

354

11

a) Stirnbein

124

11 ^

b) Scheitelbein

1 x5

11

c) Hinterhauptsbein

115

11

[3) Vertikaler Querumfang (rechte

Seite)

x53

11

14) Gesichtsbreite

ca. 90 mm

15) Gesichtshöhe

11 1,5 ,,

16) Obergesichtshöhe

67,5

17) Nasenhöhe

50

18) Nasenbreite

ca. 26

19) Vertikalhöhe des Orbitaeingangs 31

20) Gaumenlänge

49 ,,

21) Gaumenmittelbreite

37 ,,

22) Gaumenendbreite

38

23) Profillänge des Gesichts

95 ,,

24) Profilwinkel

86 0 (?)

25) Kapazität nach Froriep

1293 ccm

26) Kälottenhöhe

96 mm

27) Kalottenhöhen-Index

56,4

28) Bregma-Winkel

57°

29) Lambda-Winkel

0

CO

Indices.

1) Längen-Breiten-Index

2) Längen-Höhen-

3) Gesichts-

4) Obergesichts-

5) Nasen-

6) Gaumen-

78,28 = Mesocephalie 73,71 = Orthocephalie 1 23,88 Schmales Gesicht 75,00 = Schmales Obergesicht 5 2 ,00 = Platyrrhinie 75,51 = Leptostaphylinie

U nterkiefer-Maß e.

1) Breite am Winkel

2) an den Condylen

3) Kinnhöhe

4) Asthöhe

5) Astbreite

6) Winkel

84 mm ca. 109

ca. 30

55 ,,

29

x 29 0

70

Hockergräber. II. Gruppe.

Skelet 13. (Grab 31. f. 3.)

Hierzu Textabbildungen Nr. 51—55 und Taf. IV, Abb. 2.

Das Grab war von Süden nach Norden orientiert, 1 m tief und ein wenig länger, als es die Leiche verlangte, da am Kopf- und Fußende Beigäben untergebracht waren. Das Skelet lag in Hockerstellung mit gebeugten Armen nnd hoch heraufgezogenen, gebeugten Beinen auf der linken Seite; die linke Hand lag unter dem Gesicht. Der Kopf war nach Süden, das Gesicht nach Westen, die Füße nach Norden, der Rücken nach Osten gerichtet. Das Grab war unberührt.

Die Beigaben lagen in zwei Gruppen am Kopf- und Fußende des Grabes:

1) Napf aus Ton, 11 cm hoch.

2) Topf aus Ton, 19 cm hoch, mit weitem Hals und rundem Bauch.

3) und 4) Zwei Wellenhenkelkrüge, 25 und 27 cm hoch.

1) 4) lagen nebeneinander am Kopfende des

Grabes.

5) und 6) Zwei große, unten zugespitzte Ton¬ krüge mit kurzem Halse, 41 und 43 cm hoch.

Die Skeletteile waren im allgemeinen brüchig,

Abb. 51. aber doch in ihrer Lage so gut ^halten, daß Messungen der Länge vorgenommen werden konnten.

1) Vom Scheitel bis zur Mitte des Acetabulum 75 cm

2) Von der Mitte des Acetabulum bis zum distalen Ende des Femur 44

3) Vom proximalen Ende der Tibia bis zum Tuber calcanei 41

Das ergibt zusammen die Skeletlänge von 160 cm; rechnet man 2,5 cm für Weichteile dazu, so stellt sich die Körperlänge auf 162,5 cm-

Von den Knochen konnte nur der Schädel mit dem Unterkiefer geborgen und konserviert werden.

Schädel.

Der Schädel erscheint im konservierten Zustande kürzer, als nach der Zeichnung des Skeletes im- Grabe (Abb. 5 2) zu erwarten wäre. Das hat seinen Grund darin, daß das Hinter¬ hauptsbein sich in der Lambdanaht losgelöst hatte und etwas zurückgesunken war.

Der Schädel ist klein und ziemlich leicht, im ganzen gut erhalten, aber die Knochen¬ substanz ist außerordentlich brüchig und verletzlich. Die linke Seite ist von der Hinterhaupts¬ gegend her gedrückt, sodaß die Schläfenbeinschuppe ein wenig über den Hinterrand des großen Keilbeinflügels fortgreift. Die rechte Seite ist von guter Form. (Taf. IV, Abb. 2.)

Der Hirnsehädel ist verhältnismäßig kurz, breit und hoch, im ganzen abgerundet bis auf die Schläfengegend. Die Asymmetrie ist unbedeutend, wenn man die Ansicht von oben her betrachtet, dagegen bei der Norma frontalis ziemlich auffällig.

Die Nähte sind zum größten Teil erhalten, die Verknöcherung beginnt eben an manchen Stellen, besonders an der Sutura coronaria. In der rechten Lambdanaht findet sich ein Naht-

Abb. 52.

Kleine weibliche Skelete. Nr. 13. (Grab 31. f. 3.)

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knochen und von ihr abgehend in der Höhe des Sulcus transversus eine deutliche Sutura mendosa; links ist nur eine Spur davon zu erkennen (Abb. 54).

Das Stirnbein ist schön gleichmäßig gewölbt, die Arcus superciliares sind kaum zu erkennen. Die Tubera frontalia sind zwar bestimmbar, gehen aber in die allgemeine Rundung der Schuppe über. Die Lineae temporales sind deutlich, unterhalb derselben ist der Knochen ein wenig vorgewölbt.

Die Scheitelbeine sind hauptsächlich hinten konvex, dagegen vorn und in einem kleinen Gebiet dicht oberhalb des Lambda abgeflacht, in der Schläfengegend geradezu plan. Die Tubera parietalia können nicht sicher bestimmt werden; sie liegen an der Stelle der stärkeren Krümmung der Scheitelbeine, treten aber nicht hervor. Die Lineae temporales schließen ein kleines, auffallend weit vorn gelegenes Stück des Schädels ein und bleiben unterhalb der Gegend der Tubera parietalia. Über den Angulus sphenoidalis des Scheitelbeins zieht eine Rinne, welche sich an die Höhlung des großen Keilbein¬ flügels anschließt, hinter der Kranznaht steil auf¬ wärts (auf Taf. IV, Abb. 2 sichtbar).

Hinterhauptsbein: Die Oberschuppe ist im ganzen schwach gewölbt; ihre rechte Seite tritt stärker nach rückwärts hervor, hier liegt der erwähnte Nahtknochen (Abb. 54); die Mitte ist ab¬ geflacht. Oberhalb der Linea nuchae schließt die Oberschuppe seitlich