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Besüoderheiten auffällig: l Am fer link^ii S^t«i .Uaii« wenn mau längere Zeit 110 äekamlea): die Iimenseiie des OhersaböUkels mit **iuür Nadel reist* nach einem lungeren Intervall, 10—20 Sekunden r ein* aijiüerat UngBatoe Kontraktion der M. creiuaater erwecken, ;2? Während alle Erentiaiodögnp für eine Kcmtiuuitätsunterhreidiung des £$oL>nrukrka im 13; Doröiilaf^igent au sprechen Go gle 9 scheinen, fällt es auf, daß alle Bauchreflexe, die in einem höheren Niveau zu lokalisieren Bind (D 8 bis D 12 ), abwesend Bind. Während der gelähmte Kranke mühsam aufgehoben wird, sieht man an der Rflckenseite einen handtellergroßen Decubitus, jauchig eiternd und anscheinend bis auf die knöcherne Unterlage vordringend. Schußein- und -ausgang wie auf der Figur. Kontinuierlich fließen Fäzes und Urin ab. Am selben Tage Kon¬ sultation mit Dr. Claus: Auch dieser stellt den völligen Verlust aller Sensu- mobilität des Unterkörpers fest. Mit schwerem eisernem Hammer kann kein Sehnenreflex ausgelöst werden. Elektrische Untersuchung: Mit Faradischem Strome tritt bei derselben Strom¬ stärke Kontraktion der M. quadricipites (Elektroden auf dem unteren Teile der Muskeln) auf, bei welcher ich bei mir selbst eine Kontraktion des Opponens pollicis hervorrufe. Der M. peroneus und M. gastrocnemius reagieren weniger und langsamer, wurmförmig. An den beiden letzteren Stellen sind Kathoden- schließungs- und Anodenöffnungszuckung ungefähr gleich. Epikrise: Nach den gangbaren Ansichten hatte man hier einen kompletten Verlast der Kontinuität des Bückenmarks za diagnostisieren. Die partielle Ent- artongsreaktion war nach Sencebt’s Ausführungen in dem Sinne zn inter¬ pretieren. Bastian und Bruns haben den Verlust der tiefen Reflexe als regel¬ mäßiges Symptom bei vollständiger Querläsion festgestellt Als eine schwache Spur eines defensiven Reflexes könnte vielleicht die verspätete Reaktion des Kremasters aufgefaßt werden. Lokalisation der Querläsion: Die symmetrischen Gteffihlsstörungen bis zum 2. Lumbalsegmente dürften, dem Übergreifen der segmentalen Felder zu¬ folge, einer Verletzung des 12. Dorsalsegments entsprechen. Mit Hinsicht auf den Verlust der Bauchreflexe kann man das 8. Dorsalsegment nicht mehr als gesund annebmen. Der Befund am Rücken (Schußwunde) läßt es wahrschein¬ lich erscheinen, daß das Projektil den Rückgratskanal zwischen 7. und 8. Wirbel durchquert hat. Obwohl die Aussichten nur gering erscheinen, das Leben zu retten, war ich doch zu überzeugt von der Richtigkeit des SANo’schen Satzes, daß man nie mit Sicherheit im voraus die Ausdehnung einer Rückenmarks- verletzung bestimmen kann, daß wir uns, nach Überlegung mit Koll. Claus, zur Operation entschlossen. 28 /9. 1914. Sorgfältige Vorbereitung am Tage zuvor, wobei reichlich die offenen Wunden und Decubitus mit Tinctura Jodii behandelt werden. Incision von Spina dorsalis 6—9« Nach Freilegung von 6 cm des Spinal- sackes, wobei der retrospinale Raum verengt und der intradurale Druck stark erhöht erschienen, kann man Abwesenheit der Pulsation des Ganzen wahrnehmen. Der Duralsack selbst ist auf alle Fälle aber unversehrt. Nachdem nach oben noch ein Wirbelbogen nl auf der linken Seite entfernt ist, kommt beim Ab- tasten der vorderen Seite des Wirbelkanals und Beiseitedrücken einiger dort hervorragender Knochensplitter die Pulsation im ganzen freiliegenden Gebiete zurück. Wundschluß mit Etagennaht. 29./9. 1914. Schon am Tage der Operation spürte der Kranke eine Wärme- empfindung in beiden unteren Extremitäten. Die Empfindung der Rigidität der Muskeln der unteren Extremitäten hat den Kranken verlassen. Heute hat sich die Grenzlinie der GefÜhlstörungen deutlich ein paar Zentimeter gesenkt. Tem¬ peratur normal. Völliges subjektives Wohlbefinden. Leider konnte ich selbst Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 10 den Kranken nicht weiter beobachten, weil der Patient Weitertransportert wurde. Fall II. H. y. E., 26 Jahre alt, Schirmmacher, verheiratet, hat ein gesundes Kind. Verwundet am 10./9. 1914, entweder durch Gewehr- oder Schrapnellkugel. Feuerdistanz 200 m. Der Kranke fühlte einen Schlag in den Rücken und fiel. Seitdem keine Empfindung in den Beinen, im Rumpfe und rechten Arm. Er meinte, er habe keine Beine mehr. Mußte eine halbe Stunde von seinen Ge¬ fährten getragen werden, dann eine halbe Stunde auf einem Automobil, dann noch 2 Stunden per Eisenbahn transportiert werden. Er kam völlig kollabiert an; Puls 120. Kochsalzinfusion als lebensrettender Eingriff. Unaufhaltsames Erbrechen. Es konnte ihm nur Wasser gegeben werden. Wegen der Retentio Urinae mußte Patient zweimal tags katheterisiert werden. Am 17. September wurde der Kranke radiographiert. Unmittelbar nachher wieder Kollaps, Puls bis 145, Temperatur 36 l j 2 ° C. Digitalis und Pituitrin wurden verschrieben. Nach 6 Stunden deutliche Besserung. Der Urin war sehr alkalisch und hatte ammo- niakalen Geruch. Infolge der starken Blutbeimischung konnte man die An- oder Abwesenheit von Eiter im Urin nicht feststellen. Trotz Adrenalinspülung und Ergotinverschreibung hält die Blasenblutung an. Patient kann jetzt Nahrung zu sich nehmen. Incontinentia urinae et alvi. Am Rücken des Kranken sieht man die Stelle des Kugeleintritts als einen braunen Fleck von der Größe einer Mark, die glatten Ränder sind wenig entzündet, wenig Sekretion. An der rechten Schulter hat die Kugel einen komplizierten Bruch des Humerus verursacht; die ganze Gegend ist geschwollen, viel Eiter fließt ab. Stat. praes. (19./9. 1914). Breit geschultertes Individuum, Puls 90, schwach. Absoluter Verlust von Motilität und Sensibilität unterhalb einer Querlinie, welche den oberen Teil des Processus ensiformis des Brustbeins quert. Der Kranke klagt über viel Schmerzen und Reizung in der Form eines symmetrischen Gürtels. Die Beine sind vollkommen schlaff, die Muskeln wie Wassersäcke; keine Spur von Bauchreflexen und Kniereflexen. Ein geringer Rest eines Kremasterreflexes ist da, kein FußBohlenreflex. Allein nach einer Anzahl von tiefen Stichen in die Sohle kann man, rechts deutlicher als links, durch Summation von Reizen eine geringe Beugung der großen Zehe beobachten. Es hat den Anschein, als ob dieser Reflex mehr ausgeprägt ist, wenn man den Kranken eine Faust machen läßt. Was den Achillesreflex betrifft, so kann mit Hilfe eines eisernen Hammers eine langsame Muskelkontraktion des M. gastrocnemius an beiden Seiten aus- gelöst werden. Die Beweglichkeit von Händen und Fingern erscheint nicht herab¬ gesetzt; die geringe Beweglichkeit der rechten oberen Extremität wird gänzlich durch die komplizierte Fraktur des Humerus erklärt. Auf dem Bauche bemerkt man starke Dermographie; der Nabel wird etwas gehoben, wenn der Kranke ver¬ sucht aufzusitzen. Die Schmerzen in der Gürtelzone oberhalb der Linie der Anästhesie (7. Rippe) sind unerträglich; unterhalb einer schmalen Zone von Hyper¬ ästhesie findet man komplette Unempfindlichkeit für alle Qualitäten in der unteren Hälfte des Körpers. Eine wiederholt versuchte Lumbalpunktion brachte keinen Liquor hervor. Die Radiographie ergab keinen Aufschluß über den Sitz der Verletzung. 20./9. 1914. Elektrische Untersuchung von Dr. Sano, Benham und mir. Die schnelle Zusammenziehung des M. quadriceps durch den galvanischen Strom war stärker am negativen als am positiven Pol, beim öffnen und Schließen. Mit dem faradischen Strome wurde eine ziemlich starke Kontraktion des M. quadriceps beobachtet. Wurden die Elektroden auf den N. peroneus appliziert, so war der Charakter der Kontraktion langsam, wurmförmig. 24./9. 1914. Mit Hinsicht auf die Möglichkeit, selbst Wahrscheinlichkeit Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 11 daß der untere Teil des Bückenmarks nicht gänzlich eines nervösen Zusammen¬ hangs bar war und in der Erwartung, daß vielleicht ein Teil der Symptome die Folge von Kompression seitens zertrümmerter Knochenpartikel seien, wurde eine Exploration beschlossen. Der Zustand des Kranken war sehr schlecht. Der Puls war schwach und frequent, die Temperatur stieg zum ersten Male eine Stunde vor der Operation auf 39,4° G. Auf Bitten der Frau des Kranken wurde die Operation ausgeführt, obwohl diese Temperaturerhöhung die premortale sein konnte. — Der urethroskopische Befund hatte es möglich erscheinen lassen, daß die kontinuierliche Blasenblutung vasomotorischen Störungen zuzuschreiben sei. In den letzten Tagen war Decubitus an den Fersen aufgetreten. Der Kranke wurde auf den Bauch gelegt, das Abdomen hoch gehoben wie für Nierenoperation. Die Hinterwand des Rückgratkanals wurde geöffnet, nach¬ dem vom zweiten zum siebenten Brustwirbel die Spinae entfernt waren. Während der Operation .wird festgestellt, daß der offene Baum hinter dem nicht pulsieren¬ den Rückenmarke auffallend reduziert war. Damit man auf alle Fälle nach oben ein normal funktionierendes Bückenmarkssegment antreffen konnte, wurde noch ein Wirbelbogen abgetragen. Es wurde nicht nur dort eine Pulsation angetroffen, sondern auch der untere frei gelegte Teil des Rückenmarks fing jetzt zu pulsieren an. Bei näherer Beobachtung erschien die Dura mater außergewöhnlich gespannt. Das Volumen des Rückenmarksackes erschien ungefähr doppelt so groß als normal. Der Zustand des Kranken war so, daß Kochsalzlösung und Strychnin während der Operation angewendet werden mußten. Dann wurde die Vorder¬ seite des Vertebralkanals untersucht; nirgends war die Dura von der Kugel ver¬ letzt worden. Die Zeit ließ nicht zu, genauer zu untersuchen, warum die Pulsation in Bückenmark plötzlich zurückgekehrt war. Der Druck war anscheinend be- seitigt; Etagennaht mit Seide und Pferdehaar. 26./9. 1914. Die Temperatur war sofort nach der Operation normal ge¬ worden, die schrecklichen Schmerzen in der Gürtelzone. waren geschwunden. Dr. Sako stellt fest, daß die obere Linie der Anästhesie 3 bis 4 cm (bis zur neunten Rippe) niedriger steht. Kniereflexe abwesend. Plantarrefiexe, Beugetypus, sind da, lebhafter an der rechten Seite. 29./9. 1914. Die Tast- und Schmerzempfindung ist zurückgekommen bis unter den Rippenbogen; der Plantarreflex ist normal an der rechten Seite, an der linken nur bei wiederholter Reizung auslösbar. Am 30. September mußte ich die Beobachtung Koll. Souttab überlassen. Weitere Notizen haben, den Kriegsverhältnissen zufolge, mich noch nicht erreicht. Epikrise: In diesem Fall hatte der Verlust der tiefen Reflexe, nach Bastian und Bruns, zu der Vermutung einer kompletten Rückenmarksruptur Anlaß ge¬ geben. Die geringe Zuckung des M. gastrocnemius mit einem eisernen Hammer konnte ganz gut auf direkter Muskelreizbarkeit beruhen; das Bestehen eines Restes eines Plantarreflexes bedeutet nur, daß der untere Teil des Markes, un¬ abhängig von dem oberen Teil, noch funktionierte. Die Abwesenheit der voll¬ ständigen Entartungsreaktion (Sencert) brachte einen Zweifel. Der Umstand, daß ein kräftiges Faustmachen mit der linken Hand den Rest des Plantarreflexes verstärkte, gab zu der Vermutung Anlaß, daß die Kugel das Rückenmark bloß passierte, ohne es zu berühren. Die Autopsie in loco lieferte den Beweis, daß diese Vermutung zu Recht bestand. Aus diesen beiden tatsächlichen Befunden scheint es mir gerechtfertigt, den Schluß zu ziehen, daß die für die Diagnostik und operative Exploration des Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 12 Rückgratschusses gültigen Regeln einer Revision bedürfen. 1 Hierbei erscheinen folgende Punkte von Bedeutung: 1. Die Diagnostik der Rückenmarksquerverletzungen ist bis jetzt eine sehr unsichere. Es geht aus den neueren Erfahrungen hervor, daß wir über kein Diagnostikum bis jetzt verfügen, das uns zu der Diagnose vollständiger Quer¬ läsion befähigt. Obwohl feststeht, daß bei kompletter Querläsion des Rücken¬ markes die tiefen Reflexe, sowie auch die oberflächlichen (mit Ausnahme des Plantarreflexes) abwesend sind, kann man nach den jetzt vorliegenden Befunden diesen Satz nicht umkehren und beim Verlust der tiefen Reflexe nach Rücken¬ marksverletzung nicht auf komplette Querverletzung schließen. 2. Erst im russisch-japanischen, bulgarischen und jetzigen Kriege ist man imstande, die Wirkung des modernen, große lebendige Kraft besitzenden, Pro¬ jektils zu studieren. Es ist keineswegs ausgeschlossen, daß wir den neuen Ver¬ hältnissen zufolge es mit noch wenig studierten Mechanismen der Rückenmarks- läsion zu tun haben (Hämorrhachis durch Saugwirkung des Projektils?). 8. Die Verbesserungen der Technik des operativen Eingriffs in den Wirbel¬ kanalinhalt sind relativ sehr jungen Datums, und schon deshalb erscheint eine Revision der bezüglichen Indikationen zeitgemäß. 4. Die Exploration in zwei hoffnungslos erscheinende Querverletzungen des Rückenmarkes mit Verlust ungefähr aller Reflexe hat ergeben, daß in beiden Fällen der Duralsaok intakt und jedenfalls, wie das teilweise Zurückgehen der Erscheinungen beweist, die Querläsion des Markes eine nicht vollständige war. Oktober 1914. 3. Kriegsneurologische Beobachtungen und Betrachtungen. Von L. Bruns in . Hannover. Mit größtem Interesse habe ich den Artikel Oppenheim’s: „Zur Kriegs¬ neurologie“ in der Berliner klin. Wochenschrift (1914, Nr. 48) gelesen. Da ich seit Anfang Oktober auch ganz in der Kriegsneurologie stecke — seit 15. No¬ vember bin ich dank des Weitblickes unsres Korpsgeneralarztes konsultierender Nervenarzt des X. Armeekorps — interessiert es vielleicht, auch Einiges von mir zu hören. In den meisten Dingen stimmen meine Erfahrungen ganz mit denen Oppenheim’s überein. Zunächst habe auch ich den Eindruck, daß über Neurosen und vielleicht auch über Psychosen mehr geredet wird, als nötig. Ich habe sie auch ge¬ sehen — besonders neue Formen nicht; einen typischen Fall von pseudo¬ spastischer Parese mit Tremor, vereinzelte Fälle hysterischer Kontraktur, einen von Astasie. Neu und mir noch nicht ganz deutbar sind die Folgen von Platzen großer Geschosse in der Nähe ohne eigentliche Verwundung — hier scheinen sich manchmal organische und funktionelle Symptome zu verbinden, auch wohl Störungen von seiten des inneren Ohres. In einem solchen Falle starker zere- 1 Nachtrag zur Korrektor: Vergleiche Hoffmann (Deutsche Zeitschr. f. Chirurgie. XCII. 1908), Sbncbbt-Kbabbel (Zeitschr. f. ärztl. Fortbildung. 1914. S. 685), Makiks u. &. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN bellarer oder vestibulärer Schwindel und seit Wochen eine enorme Verlangsamung der Wortfindung. Der Kranke, ein Hauptmann, ist erblich schwer belastet ln einem anderen ähnlichen Falle totale Paraplegie mit rascher Heilung. Hirnverletzungen habe ich auch in aller Art gesehen — namentlich Rindensymptome mit Knochendepressionen und ohne solche — Hemianopsie, einmal auch kortikale Blindheit — Aphasie, Monoplegien und auch Paraplegien der Beine, Lagegefühlsstörungen und Astereognosie bei einem Falle von Ver¬ letzung der hinteren Zentral- und Parietalregion, unbestimmte zerebellare Sym¬ ptome bei Verletzung am Hinterhaupt. Hier bei Depressionen mehrmals rasche Besserung nach Trepanation, wenn das Hirn nur komprimiert war. Einmal konnte ich bei einem Geschoß, das im rechten Stirnlappen steckte, auch bei der genauesten Untersuchung kein Hirnsymptom finden. Zwei Abszesse im rechten Stirnlappen, einer ohne jedes zerebrale Symptom — nur Stauungspapille —, dieser starb an Meningitis; das Geschoß war auch durch die Nase gegangen; ein zweiter Fall war bewußtlos, Cheyne-Stoke, doppelseitig Babinski und Achilles- klonus — vielleicht linksseitige Parese, Stauungspapille. Großer Abszeß im rechten Stirnlappen unter einer Knochenwunde. Guter Verlauf, trotzdem im Anfang auch meningitische Symptome und gekreuzte Abduzenslähmung bestand. In einem Falle war die Diagnose Jacksonscbe Krämpfe gestellt, der Kranke war schon zur Operation rasiert; es waren aber typisch-hysterische Krämpfe, die eine Überführung in die hiesige Irrenstation nötig machten. Büokenmarkverletzungen — auch Konus- und Kaudaverletzungen — boten nichts wesentlich Neues. In 2 Fällen ist der Verlauf ein so günstiger, daß ich hoffe, es bandelt sich nur um eine Blutung in die Häute. In anderen Bastiansohes Symptom mit schlaffer Lähmung bei hochsitzender totaler Läsion. In 3 Fällen Rückenmark' und Teile des Plexus brachialis verletzt Auch eine Myelomalacie ohne direkte Verletzung des Markes ist hier beobachtet, aber nicht von mir. Die Hauptsache sind auch bei mir Verletzungen der peripheren Nerven, weniger, aber auch reichlich des Plexus brachialis. Es ist erstaun¬ lich, wie man jetzt die periphere Nervenanatomie lernt. Am häufigsten Radialis, aber fast ebensoviel Medianus — dann Iscbiadicus — mit Peroneus allein oder ganz, Peroneus am Unterschenkel, dann Ulnaris, auch Cruralis, ferner Axillaris, Musculocutaneus; von Himnerven Opticus, Trigeminus, Facialis, Acusticus, Hypoglossus. Von Kombinationen am häufigsten Medianus und Ulnaris; einmal Medianus, Ulnaris, Musculocutaneus und Axillaris am Oberarm, einmal Musculo¬ cutaneus und Radialis. Zweimal Verletzung des Sakralplexus im Becken. Elektrisch fast immer totale, viel seltener partielle Entartungsreaktion; vereinzelt faradische Trägheit Die Beobachtung Oppenheim’s des späten Eintretens der Zuckungs¬ trägheit habe ich noch nicht gemacht, aufgefallen ist mir die rasche Herabsetzung der galvanischen Erregbarkeit, doch spielen hier vielleicht auch Nebenumstände, wie Durchblutungen der Muskeln, ischämische und entzündliche Muskelerkran¬ kungen eine Rolle mit, die überhaupt oft das Krankheitsbild sehr komplizieren. Die Heftigkeit und Ausbreitung der Schmerzen wird ja allseitig be- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 14 tont; auch ich habe Fälle gesehen, bei denen Bewegungsstörungen z. B. im Medianus- und Iscbiadicusgebiete nur durch die Schmerzen bedingt zu sein schienen; keine Lähmung, keine Entartungsreaktion, manchmal aber dazu noch Geföhlsstörungen. In anderen Fällen fehlten die Schmerzen wieder ganz oder bestanden nur ganz kurze Zeit. Auch ich meine, und habe das schon früher betont, daß heftige Schmerzen für partielle Läsion oder echte infektiöse Neuritis sprechen. Heftig sind die Schmerzen meist, wenn gleichzeitig Aneurysmen vor¬ handen sind. Besonders heftig sind nach meiner Beobachtung die Schmerzen bei Medianus- und Isobiadicusverletzungen, geringer bei ülnarisläsion, selten bei solchen des Radialis. Im Medianusgebiet sah ioh am häufigsten trophische Störungen: Hautschuppen, Hautrötung, starkes Schwitzen, einmal Blasen und Gesohwürsbildung an den Fingerspitzen (kein Aneurysma); es entspricht meinen früheren Erfahrungen, daß der Medianus in dieser Beziehung eine Hauptrolle spielt. Auffällig war auch mir die Deutlichkeit der Gefühlsstörungen, oft in den von den Anatomen gegebenen Grenzen, selbst im Radialisgebiet, was ja mit unseren sonstigen Erfahrungen wenig stimmt, aber sehr wechselnd waren immer¬ hin die Anästhesiegebiete doch. Manchmal bestanden, wie schon gesagt, auch in meinen Fällen, fast nur Anästhesie und Schmerzen oder Schmerzen allein, nach der Anamnese öftere als Überreste von vollständigeren Lähmungen (?). Fand sich solches im Tibialisgebiete, so fehlte immer der Achillesreflex, manchmal mit leichter Abmagerung der Wade, ohne elektrische Störung, also ganz wie bei schwerer Ischias. Aber auch in Fällen von Ischiadicusverletzung, wo nur Peroneus¬ lähmung bestand, fehlte öfters auch der Acbillesreflex, vielleicht als Über¬ bleibsel einer im Anfang auch vorhandenen Tibialislähmung. Dem wider¬ sprachen auch die Angaben der Verletzten nicht. Die psychischen, vasomotorischen und sekretorischen Erscheinungen bei peripheren Nervenverletzungen sah ich ebenfalls. Namentlich fiel mir die Schlafstörung und das starke und ausgedehnte Schwitzen auf. Man müßte nur wissen, ob das nicht auch bei nicht „nervösen“ Wunden vor¬ kommt; für die Schlafstörungen halte ich das für sicher, sie sind fast allgemein. Zu Operationen rate ich bald, wenn die Schmerzen sehr arg und hart¬ näckig sind; in einigen solchen Fällen half die Neurolyse rasch — in anderen kaum. Auch ohne die Schmerzen muß man sich wohl eher als im Frieden zu Operationen und eventueller Nervennaht entschließen, da man ja genaueres über den Status der Nerven kaum sagen kann und bei Durchtrennung, die doch nicht selten ist, aber auch bei fibrösen Quetschungsnarben sonst nur Zeit ver¬ loren wird. Ich sinne in wachen Nachtstunden über die Möglichkeit der sicheren Diagnose einer Durchtrennung, die von der Quetschung bisher doch nur sehr selten sicher zu unterscheiden ist; vielleicht starke Schmerzen, geringe Gefühlsstörungen, Ischiasphänomen (Beobachtung Oppenheim’s) und die seltenen Fälle partieller Entartungsreaktion ausgenommen. Ich habe noch keinen Weg gefunden, aber vielleicht ist das auch nicht so wichtig, weil bei den Schu߬ verletzungen auch die Quetschuugsnarben sehr oft so derb sind, daß sie Digitized by Gougle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 15 zur Heilung der Lähmangen heraasgeschnitten werden müssen. Jedenfalls haben wir hier bei Operationen in den meisten Fällen einen Befand gemacht, der entweder die Neurolyse oder das Heraasschneiden der Narben mit nach¬ folgender Nabt, oder die Naht der getrennten Nervenenden mit vorheriger An¬ frischung nötig machte; nur selten war der Befund so, daß die Operation wohl nicht nötig gewesen wäre. Erwähnen will ich noch, daß zwar auch in meinen Fällen meist die Wärme bei Schmerzen wohltuend empfunden wurde, manchmal aber auch die Schmerzen vermehrte, so daß die Kranken küble Umschläge vorzogen und es im warmen Zimmer nicht aushalten konnten. 4. Ein Fall von Wirbelschuß mit Verletzung der Cauda equina. 1 v Von O. Benda in Berlin. 4 Fälle von Schußverletzungen der Wirbelsäule mit Beteiligung ihres ner¬ vösen Inhalts sind mir bisher während des Krieges zur Sektion gekommen. Die Präparate des ersten und in vieler Beziehung lehrreichsten dieser Fälle wurden in der Novembersitzung der Berliner psychiatr. Gesellschaft von mir demonstriert Aus der Krankengeschichte, die ich Herrn Prof. 0. Zelleb verdanke, ist folgendes hervorzuheben: Der 31jährige Landwehrmann B. wurde am 15. September durch einen Schrapnellschuß im Rücken verwundet. Er brach gleich nach dem Schuß zu¬ sammen und konnte seitdem die Beine nicht mehr bewegen, hatte Stuhl- und Harnverhaltung. Wegen letzterer wurde er nach 5 Tagen zum ersten Male katheterisiert. Der Urin war anfangs klar, wurde dann trübe und blutig. Einige Tage später gelang es ihm, den Urin durch starkes Drängen zu entleeren, dann trat andauerndes Urinträufeln ein. Am 8. Oktober wurde er in ein Vereinslazarett aufgenommen. Er ist sehr abgemagert, blaß und schwach. Beide Beine sind völlig gelähmt, die Haut¬ sensibilität ist an den Unterschenkeln und der Hinterseite der Oberschenkel völlig aufgehoben, an der Vorderseite der Oberschenkel und den äußeren Geni¬ talien schwach erhalten. Die Blase ist leer, aus der Harnröhrenmündung träufelt beständig stark blutiger Urin mit Blutgerinnseln und Schleimklumpen hervor. An den Lungen werden Rasselgeräusche gehört, der Auswurf ist spär¬ lich, schaumig. Auf der linken Gefäßhaut befindet sich ein handtellergroßes Dek ubitalgeschwür. Die Schußwunde findet sich etwa in der Höhe des 2. Lendenwirbels, an der rechten Seite, etwa 6 cm von der Mittellinie. Sie ist etwa markstückgroß und läßt sich nach der Mittellinie hin in die Tiefe verfolgen. Die Umgebung der Wunde und die Wirbelsäule sind nicht empfindlich. 1 Demonstration in der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten am 9. November 1914. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 16 Auch eine Röntgenaufnahme läßt keine Verletzung der Wirbelsäule erkennen. Sie zeigt aber die Lage des Geschosses an der linken Seite, etwa fingerbreit neben der Wirbelsäule in der Höhe des 3. Lendenwirbels. Da der Zustand sich sehr verschlechtert, wird unter der Annahme, daß eine Verletzung einer Niere vorliegt, eine Operation geplant. Aber schon während der Äthernarkose erfolgt am 16. Oktober der Tod. Die noch an demselben Tage von mir vorgenommene Sektion ergab als unmittelbare Todesursache eine Urosepsis, nämlich eine hämorrhagisch-nekroti¬ sierende Zystitis und Pyelitis nebst abszedierender Nephritis. Hinsichtlich der Verwundung ergibt die Sektion, daß der Schußkanal der Weichteile nahezu vernarbt ist und sich nur als ein Strang etwas sulzigen, bräunlich pigmentierten Bindegewebes von der Einschußöffnung in der rechten Weiche ein wenig nach unten geneigt gegen die Wirbelsäule schwierig verfolgen läßt. An der Wirbel¬ säule verschwindet er völlig, zwei blutig durchtränkte Vertiefungen im 2. Lenden¬ wirbelkörper, die anfänglich bei der Sektion für die Schußstellen gehalten werden, erwiesen sich später als nicht in Betracht kommend. Es waren wohl die Eingänge der Vasa nutritia, deren Umgebung mit Butfarbstoff durchtränkt war. Auch an der anderen Seite der Wirbelsäule ist keine schwerere Zer¬ trümmerung von Weichteilen erkennbar; das Geschoß, eine Schrapnellkugel, liegt in derbem Bindegewebe fixiert in der Faszie vor dem linken Musculus qua- dratus lumborum etwa 2 cm lateral von der Spitze des Querfortsatzes des 3. Lendenwirbels. Nach Eröffnung des Wirbelkanals finden sich hier keine schwereren Zerstörungen. Die Hinterfläche der Dura ist völlig intakt, auch im Gebiete des Schusses. Nach ihrer Eröffnung läßt sie sich von den weichen Hirnhäuten überall in normaler Weise abheben. Letztere zeigen sich im Ge¬ biete der Cauda equina etwas sulzig, mit einer gelbrötlichen Flüssigkeit durch- tränkt. In der Höhe des 2. und 3. Lendenwirbels bildet die weiche Hirnhaut mit den Nerven der Cauda zusammen eine etwas derbere rötlich graue durch¬ scheinende Masse. Innerhalb dieser zeigen sich einige Nerven in einer eigen¬ artigen knäuelförmigen Zusammenrollung und Durcheinanderwirrung, während andere geradlinig hindurchziehen. Oberhalb und unterhalb dieser Stelle haben wieder alle ihren normalen geraden Verlauf, die unterhalb gelegenen erscheinen etwas gequollen und rötlich. * An der Vorderfläche ist die harte Hirnhaut in diesem Abschnitt etwas fester mit dem Wirbelkörper verwachsen. Nach ihrer Entfernung zeigt der Wirbelkörper eine flache rötliche horizontale Rinne, in die einige Knochenvor¬ sprünge hineinragen, aber ebenfalls keine schwerere Zertrümmerung, keine Eiterung. Erst nach Mazeration der Knochen ergibt sich, daß von den Rändern des rechten zwischen 2. und 3. Lendenwirbel gelegenen Intervertebrallochs kleine Absprengungen erfolgt sind; dagegen ist von einer Verletzung des Wirbelkörpers nichts zu erkennen. Jene erstbeschriebene Rinne entspricht der Zwischen¬ wirbelscheibe, über der das Periost etwas verletzt war. Die mikroskopische Untersuchung, die zur Schonung des interessanten Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 17 makroskopischen Präparats nur an einer schmalen Qaerscheibe vorgenommen wurde, ergibt die Einlagerung eines jungen Narbengewebes in die Cauda equina, welches nach vom hin am dichtesten ist. Ein Teil der Nerven ist durch Binde¬ gewebe ganz unterbrochen, andere nur fest in solches eingebettet. Auch diese Fasern zeigen starke Degeneration, teils Verklumpungen des Myelin, teils fettige Degeneration mit Körnchenkugeln. Die hintersten Nervenzüge scheinen intakt zu sein. Nach vorn hin liegen innerhalb des Narbengewebes einige eingeheilte Knochensplitter. Es ergibt sich aus dem allen, daß der Schuß ohne erhebliche direkte Zer¬ störung durch Wirbel und Nervengewebe hindurcbgegangen ist, indem er unter ziemlich glücklicher Vermeidung des Knochens wesentlich die beiden Interverte¬ brallöcher durchschlagen und die Hinterfläche des Wirbelkörpers nur gestreift hat. Die Vorderfläche der Dura muß verletzt worden sein, die Nervenfasern der Cauda scheinen aber im wesentlichen ausgewichen zu sein, so daß nur die vordersten entweder durch den Schuß selbst oder durch Knochensplitter verletzt und zum Teil durchtrennt, die meisten allerdings gequetscht oder gezerrt wurden. Das Präparat zeigt einen fortgeschrittenen Vernarbungsvorgang der Ver¬ letzung. Ob ohne das Hinzutreten der TJrosepsis eine größere Wiederherstellung der Funktion eingetreten wäre, ist nicht zu entscheiden, die Möglichkeit dürfte nicht ganz auszuschließen sein. II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1) Versorgung der Neurosen und Psyohosen im Felde, von Prof. Dr. W. Weygandt. (Mediz. Klinik. 1914. Nr. 39.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Der Krieg begünstigt unzweifelhaft Psychosen. Verf. bespricht zunächst ihr Auftreten in verschiedenen Kriegen nach Prozenten und daran anschließend die Form der Störungen. Am häufigsten kommt Dementia praecox zum Ausbruch, etwas seltener manische und depressive Zustände. Eine Kriegspsychose sui generis gibt es nicht, aber bei prädisponierten Persönlichkeiten kann der Krieg psychische Störungen zum Ausbruch drängen, so eine ruhende epileptische oder hysterische Anlage, manisch-depressive Attacken oder katatonische ZuBtände bei schwer Be¬ lasteten, auch ist die Möglichkeit des Ausbruchs einer Paralyse oder Lues cerebri bei einem früher syphilitisch Infizierten zu berücksichtigen. Auf Grund von Panik kann eine Art vorübergehender Massenpsychose auftreten. Daneben beobachtet man den Hitzschlag, Hirnerschütterung, Bewußtlosigkeit mit schweren Shocksym- ptomen, z. B. durch den Luftdruck eines vorbei fliegenden Geschosses, Fieber¬ delirien usw. Verf. geht dann zu den Erkrankungen des eigentlichen Nervensystems über. Zur Beobachtung kommen vor allem Verletzungen des peripheren Nervensystems, bo besonders an exponierten Stellen, im Plexus hrachialis und N. radialis, aszen- dierende Neuritiden, lokale neuralgische Erkrankungen auf Grund von Erkältungs¬ schädlichkeiten, gelegentlich eine Meningitis cerebrospinalis, leichte Formen von Formes frustes Basedow, die nach Ansicht des Verf.’s höchstens garnisondienst¬ fähig sind. In der Marine sieht man häufiger schwerste Schädeltraumen, Luft¬ druckwirkung und Shockerscheinungen, Nervenschädigungen durch die Geräusche XXXIV. 2 Digitizeü by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 18 der Maschinen und Motore, intensive langdauernde Kopfschmerzen durch Einatmung von Petroldämpfen. Wichtig ist eine sorgfältige Prophylaxe durch Ausmerzung von psychisch Abnormen bei der Aushebung und Ausbildung. Besonders bei den Freiwilligen ist eine eingehende Prüfung erforderlich. Sehr zweckmäßig ist Alkoholprophylaxe, dabei muß im Frieden schon vorgearbeitet werden. Auf Differentialdiagnosen im Felde kommt es im allgemeinen weniger an. Der Kranke muß auf alle Fälle sofort als felddienstuntauglioh bezeichnet werden. Eine gewisse Bedeutung beansprucht die Diagnose nur für die Transportfäbigkeit; fast immer ist sofortiger Transport zu empfehlen, nur epileptische und hysterische Erregungen sowie ErschöpfungspsychoBen beanspruchen eine gewisse Buhezeit, auch eignen sich Fälle von Blitzschlag und Hirnerschütterung nicht für den Transport. Bei Verdacht einer psychischen Störung muß der Patient schon aus der Front genommen werden. Hyoszin-Morphium ist am zweckmäßigsten zur Be¬ ruhigung und zwar muß die Lösung frisch sein. Verf. erörtert auch das Mißliche irriger Anschauungen und eventueller Bestrafungen. Für heftige Erregungs¬ zustände eignen sioh auch Veronal, Trional, Luminal, Paraldehyd, Amylenbydrat, Chloralbydrat, eventuell die Narkotisierung durch Chloroform und Äther. Die Güterdepots haben auch Material zur stationären Irrenbehandlung, Wannen für Dauerbäder, Kasten- oder Gitterbetten, unzerreißbare Schuhe und Anzüge, womit sich Irrenstationen im Etappengebiete sehr gut errichten lassen, wenn auch der baldigste Transport immer die wünschenswerte Aufgabe bleibt. Die seltenen Fälle mit Simulationsverdacht können in die an Garnisonlazaretten auch schon im Frieden bestehenden Geisteskrankenabteilungen überführt werden. Verf. bespricht zum Schluß die Behandlung des Sonnenstichs und der Hirn¬ erschütterung, des Shock mit Vasomotorenlähmung usw. Am bedeutungsvollsten ist es, den Geist im Heere hochzuhalten, was be- sonders durch zweckmäßige Bekanntgabe von Siegen — aber keine Lügen¬ meldungen! — erfolgt. 2) Über Kriegspsychosen, von San.-Bat Dr. Georg Buschan. (Mediz. Klinik. 1914. Nr. 42.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Verf. gibt folgende Zusammenfassung: 1. Psychische Störungen treten im Kriege bei Soldaten häufiger als im Frieden auf. 2. Man darf etwa auf 2 bis 3°/ 0 diese Häufigkeit veranschlagen. 3. Die Ursache für Kriegspsychosen geben sowohl Kopf- bzyr. Gehirnsohüsse, als auch körperliche Überanstrengungen (Erschöpfung) und die seelischen Auf¬ regungen, die das Kriegshandwerk mit sich bringt, ab. 4. Die akuten Psychosen scheinen ungleich häufiger als die chronischen vor¬ zukommen. 5. Das typische Bild aus solchen Anlässen ist eine Art zerebraler Neur¬ asthenie (Erschöpfungs- und Angstpsychose), die allerdings ein bei weitem viel¬ seitigeres Bild darbietet als die gewöhnliche Zerebrasthenie. 6. Die Prognose dieser eigentlichen Kriegspsychose ist eine verhältnis¬ mäßig gute. 7. Der Ausbruch der Kriegspsychosen braucht nicht unmittelbar nach dem Kampfe zu erfolgen, sondern kann auch erst später in die Erscheinung treten. 3) Zur Kriegsneurologie, von H. Oppenheim. (Berliner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 48.) Bef.: E. Tobias (Berlin). An den Ausführungen von Interesse sind im Hinblick auf vielfache Er¬ wägungen vor allem von Erb, dann vom Verf. selbst, von Lewandowsky, Bothmann u. a. die einleitenden Bemerkungen, daß es dem Verf. gelungen ist. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 19 ▼on der Medizinalabteilung des Kriegsministeriums die Leitung einer aus etwa 100 Betten bestehenden und erweiterungsfähigen, ausschließlich neurologischen Abteilung im Kunstgewerbemuseum zu erhalten. Verf. hebt als feststehend hervor, daß die Kriegsneurologie unser Wissen bereichern und alte Anschauungen und Lehren umgestalten wird. Zur Besprechung gelangen zunächst die Kriegsneurosen und Kriegspsychosen. Sie sind lange nicht so häufig, als man annehmen könnte. Sie treten fast durch¬ weg bei Disponierten auf, aber es gibt davon Ausnahmen. Keineswegs handelt es sich um Krankheitsformen sui generis. Der Schlaf ist durch wilde Träume gestört, kardiovaskuläre Störungen treten stark in den Vordergrund. Verf. be¬ spricht einzelne besonders markante Fälle genauer. Weitere Beobachtungen umfassen organische Gehirnkrankheiten infolge von Schädel* und Gehirnschüssen, sowie die Rückenmarksverletzungen. Das Geschoß macht im Gehirn nicht als solches die Erscheinungen, sondern die Zertrümmerungen und Blutungen, die es verursacht. Rückenmarksverletzungen gelangten ziemlich zahlreich zur Beobachtung. Die Wirbelsäule ist meist röntgenoskopisch intakt oder bietet die Zeichen der Fraktur. Der Stoß genügt aber, um Varkverände- ruogen hervorzurufen, und zwar kommen vor: 1. die meningeale Blutung und die Arachnitis serofibrosa spinalis, 2. die Hämatomyelie, 3. Die Myelomalazie oder die akute traumatische Nekrose des Marks. Letzterer Befund ist in einem Falle mit intakter Wirbelsäule erhoben worden. Die Meningitis serosa oder serofibrosa spinalis bei Schußverletzungen kommt entweder mit dem Typus der totalen Markläsion oder dem der Brown-Sequard- schen Halbseitenläsion vor. Letztere haben im Material vom Verf. das Über¬ gewicht. Eine Fülle von Einzelbeobachtungen wird gesondert besprochen. Das Hauptfeld der Kriegsneurologie bilden die traumatischen Neuritiden, die peripherische Nerven* und Plexuslähmung. Das Bein ist etwas seltener betroffen wie der Arm. Am häufigsten wird der Radialis verletzt. Auf dem Gebiete der Nervenverletzung hat uns der Krieg mit neuen Tatsachen bekannt gemacht, die im wesentlichen in der starken Beteiligung des sensiblen Nervensystems bestehen. Diese dokumentiert sich: 1. durch die enorme Heftigkeit der Schmerzen in einem Teil dieser Fälle, 2. durch die starke Betonung der Sensibilitätsstörungen, 3. durch die Häufigkeit des isolierten Befallenseins der sensiblen Bahnen im Stamme des gemischten Nerven, 4. durch den gewaltigen Einfluß dieser traumatischen Neuritis sensibler Bahnen bzw. der Schmerzen auf die psychische, vasomotorische und sekretorisohe Sphäre. Diese vier Tatsachen werden vom Verf. des Näheren ausgeführt. Therapeutisch macht sich besonders dringend die Forderung nach der Be¬ kämpfung der neuritischen Schmerzen geltend. 4) Kurse Bemerkungen zur Symptomatologie und Therapie des Tetanus, von Prof. Dr. Ferdinand Blumenthal. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 44.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Im Kriege sind Tetanusfälle häufiger, weil die Bedingungen für die Infektion mit dem Nicolai sehen Bacillus in erhöhtem Maße gegeben sind. Straßenstaub, Pferdemist, Gartenerde sind die hauptsächlichsten Träger der Tetanuskeime, ins¬ besondere sind die Schützengräben als Hauptquelle anzusehen. Daneben spielen Holzsplitter eine Rolle, auch Kleidungsstücke, besonders der Füße, und die Ge¬ schosse selbst, die die Tetanuskeime enthalten. Es gibt weder einen rheumatischen TetanuB noch einen Tetanus durch Inhalation von Tetanusbazillen im Felde. Der 2 * Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 20 Erfolg von der Tetanusbehandlung hängt durchaus von der frühzeitigen Erkennung ab. Dem Trismus gehen als erstes Symptom krampfartige Schmerzen und Zuckungen in den der Wunde benachbarten Uuskelgruppen voraus, indem die Gifbverbreitung von der Wunde aus durch die mit der Wunde kommunizierenden Nerven zum Rückenmark geschieht. Häufig sind im Anfang auch Schlack¬ beschwerden. Der Trismus ist nur das erste einwandfreie Symptom. Sobald nur Tetanus verdacht aufsteigt, muß das Serum angewandt werden; mit jeder Stunde des AbwartenB schwindet die Heilungsmöglichkeit um ein Vielfaches. Fälle von nur lokal bleibendem Tetanus bieten eine gute Prognose. Im allgemeinen kann man sagen, daß die Prognose um so schlechter ist, je kürzer die Inkubations¬ dauer ist. Die Behandlung ist spezifisch und symptomatisch. Die Amputation des infi¬ zierten Gliedes ist zu verwerfen. Die spezifische Behandlung besteht in der An¬ wendung des Behringschen Heilserums. Die Wunde selbst kann lokal mit der Bockenheimer sehen Tetanussalbe oder dem Behring-Calmette sehen trockenen Anti¬ toxin behandelt werden. Dazu kommt dann entweder die von Jacob und Blumenthal empfohlene Duralinfusion des Heilserums oder seine endoneurale Applikation nach H. Meyer. Von intrazerebraler Anwendung ist abzuraten, un¬ genügend ist die subkutane Verwendung. Besser ist die intravenöse Anwendung großer Heilserummengen und die intraarterielle Heilseruminfusion. Verf. bespricht dann die symptomatische Behandlung, die einen wichtigen Bestandteil der Gesamt¬ therapie bildet, die Narkotika, die Magnesiumsalztherapie, die Anwendung des KurariL Wertlos sind Karbolsäureinjektionen. Die Prognose ist immer ernst. Es empfiehlt sich, bei allen verdächtigen Fällen prophylaktisch Tetanusserum anzuwenden. Für diese prophylaktische Be¬ handlung genügt die subkutane Injektion von 20 A.-E., die am besten nach einigen Tagen, spätestens nach 8 Tagen wiederholt wird. 5) Zur Behandlung des Tetanus mit besonderer Berücksichtigung der Magnesiumsulfattherapie, von W. Weint raud. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 42.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. resümiert seine Tetanuserfahrungen mit folgenden Forderungen: 1. Prophylaktische Schutzimpfung mit Tetanusserum bei allen Verwundungen, die einer Verunreinigung mit Erde besonders verdächtig sind. 2. Aufmerksame Beobachtung der Verwundeten auf die Frühsymptome und auf „lokalen Tetanus“. 3. Keine Unterschätzung der Schwere der Krankheit, auch nicht, wenn die Krankheitssymptome nur angedeutet sind, und auch nicht, wenn sie erst nach längerer Inkubation eingetreten sind. Beides können günstige Momente dar¬ stellen. Aber auch bei den geringsten Andeutungen von lokaler Muskelspannung kann sich daraus noch das Krankheitsbild des schwersten Wundstarrkrampfes entwickeln und selbst wenn seit der Verwundung Wochen vergangen sind, kann es sich um einen foudroyant verlaufenden Tetanusinfektionsfall handeln. Die Keime haben dann, ohne sich weiter zu entwickeln, in der Wunde gelegen, bis eines Tages durch irgendwelche neue Bedingungen ihr Wachstum möglich ge¬ worden ist (Abschluß der Wunde von der Luft durch Vernähen, Mischinfektion mit Eitererregern, die zu ihrem Wachstum soviel Sauerstoff beanspruchen, daß in der Wunde die für Tetanusbazillen günstigen anäroben Wachstumsbedingungen nachträglich erst hergestellt werden usw.). 4. Sachgemäße Wundbehandlung (breites Offenlassen, keine Verschorfung, Anwendung flüssiger Desinfizientien, lokale Anwendung von Tetanusantitoxin). Bei der bekannten Eigenschaft der Tetanusbazillen, nur bei Sauerstoffabschluß zu gedeihen, wäre ein Versuch der ausgiebigen Wundbehandlung mit Wasserstoff- Di gitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 21 Superoxyd und namentlich mit den festen Wasserstofisuperoxydpräparaten zu empfehlen 5. Nach Anftreten der ersten Tetanussymptome umgehende Anwendung einer Heildosis des Tetanusserums (100 A.-E.) und Wiederholung dieser Dosis in den nächsten Tagen, eventuell intralumbale Anwendung von 50 bis 100 A.-E. Tetanus¬ serum. 6. Sofortiger Beginn mit konsequenter Magnesiumsulfatanwendung intra¬ lumbal oder subkutan, mit Dosen, die im Sinne einer Narkose dem Patienten prompt Erleichterung durch Muskelerschlaffung bringen, unter Berücksichtigung aller Vorsichtsmaßregeln. 7. Verwendung von Narcoticis wie Chloral, Morphium, Pantopon in frei¬ gebiger Weise 6) Zur Behandlung des Tetanus, von Ernst Unger. (Berliner klin. Wochen¬ schrift. 1914 Nr. 42.) Bef«: E. Tobias (Berlin). Verf. erinnert an seinen gemeinsam mit Bleichröder und Lob gemachten Vorschlag, Arzneistoffe in die arterielle Blutbabn zu bringen und so dem ge¬ samten arteriellen Kreislauf oder einzelnen Arterienbezirken einzuverleiben. Er legt die Art. ulnaris frei und führt einen in Dampf sterilisierten, mit Kochsalz durcbspülten Ureterkatheter so weit hinauf, daß seine Mündung im Aortenbogen etwa liegt. Das Antitoxin wird durch die Karotiden ins Gehirn gespritzt, durch die Aorta descendens und ihre Äste ins Rückenmark geschleudert. Verf. hat das Verfahren in einem Falle mit Erfolg verwendet. Weiterhin hat Verf. im Tier¬ versuch versucht, das Magnesiumsulfat, weil bei der Höhe der Dosis die Gefahr der Atemlähmung besteht, durch eine kleinste Tracheotomie wunde einzuverleiben und zwar mit einem Seidengespinnstkatheter von Kleinfingerdicke, das bis zur Teilung der Trachea geführt wird. Der Katheter wird mit einer Sauerstoffbombe verbunden und unter geringem Druck (6 bis 8 mm Hg) läßt man Sauerstoff ein¬ strömen, den Strom in der Minute durch Abdrehen des Hahns an der Bombe 6 mal etwa für 1 bis 2 Sekunden unterbrechend. 7) Beitrag zur Behandlung des Tetanus, von Dr. Hans Mühsam. (Berliner klin. Wocbenschr. 1914. Nr. 45.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. bedient sich folgenden Verfahrens, um die Tetanusbazillen zu beseitigen oder unschädlich zu machen: 1. Es werden alle mit der Zirkulation nicht mehr in ausreichendem Maße zusammenhängenden Gewebe entfernt. Die keimhaltigen Gewebsfetzen brauchen nur sehr klein zu sein, um einer Bazillenkolonie als Brutstätte zu dienen. Bei beginnendem Kinnbackenkrampf soll nicht nur die vielleicht schon makroskopisch beschmutzte Einschußöffnung Umschnitten und mit Schere, Skalpell und eventuell scharfem Löffel gesäubert werden, sondern auch der Schußkanal. Ein- und Aus- schußöffoung durch den Kanal sind möglichst zu spalten, damit eine weite offene Wunde hergestellt wird. 2. Unbedingte Forderung ist die Beseitigung reduzierenden Materials, das durch Sauerstoffabsorption den Tetanusbazillen die Entwicklungsmöglichkeit ver¬ schafft, die Beseitigung von Eitererregern und saprophytischem Material. 3. Die ganze Wunde wird mit Sauerstoff durchtränkt, um trotzdem im Körper verbliebene Tetanusbazillen unschädlich zu machen. Dazu eignet sich nur Wasserstoffsuperoxyd. Dazu kommen das Tetanusserum und ausgiebige Verwendung von Narcoticis. Wichtig ist die möglichst frühzeitige Behandlung. Verf. beabsichtigt in Fällen von Trismus mit Anzeichen einer Bronchitis mit Temperaturanstieg eine möglichst große Zahnlücke zu schaffen, die die Expektoration ermöglicht. 8) Die Behandlung des Tetanus, von Dr. Georg L. Dreyfus. (Therapeutische Monatshefte. 1914. November.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 22 Durch Überschwemmung des Körpers mit Antitoxin auf intravenösem, endo- neuralem und intralumbalem Wege, die bis zur Besserung fortgesetzt werden muß, muß versucht werden, der durch die Tetanusbazillen bedingten Toxin¬ wirkung zu begegnen. Große Dosen von Antitoxin, 600 A.E. pro Tag, werden gut vertragen. Die Lokalbehandlung der Wunde darf unter keinen Umständen vernachlässigt werden. Bei der Behandlung des Tetanus mit Narcoticis (Morphium, Morphium- Skopolamin, Chloral, Veronal, Luminal) darf mit diesen nicht gespart werden. Die Behandlung des Tetanus mit Magnesiumsulfat ist eine rein symptomatische Therapie, die auf eine elektive Lähmung des Nervensystems gerichtet ist. Magne¬ siumsulfat sollte nur in Kombination mit Tetanusantitoxin gegeben werden, solange letzteres zur Verfügung steht. Die intradurale Magnesiumsulfattherapie ist wegen der Möglichkeit der Atem« lähmung äußerst gefährlich. Sie sollte nur dann in Anwendung kommen, wenn man dieser Gefahr entweder durch die sofortige Tracheotomie begegnen kann, oder aber, wenn der Zustand an sich die Darreichung eines so gefährlichen Mittels rechtfertigt. Die subkutane Anwendung von Magnesiumsulfat scheint recht günstig zu wirken und geringere Gefahren mit sich zu bringen. Wegen der offensichtlichen Wirkung auf das Kreislaufsystem sei man in den Gesamtdosen vorsichtig und gebe Magnesiumsulfat nur, wenn eine strenge Indikation hierfür durch heftige Krämpfe oder erhebliche tonische Starre mit schweren Trismus bedingt ist. Die Dosierung und Anwendungsweise des Magnesiumsulfats ist noch nicht einwandfrei geklärt. Die Karbolsäureinjektionen nach Baccelli verdienen eine Nachprüfung. Ins¬ besondere müßte festgestellt werden, ob hier wirklich neben der symptomatischen eine gewisse ätiologische Behandlungsweise eingeleitet« wird. Auch hier müssen große Dosen gegeben werden (0,5 bis 1,5 g Phenol pro die). Wenn, wie jetzt in Kriegszeiten, kein Antitoxin zur Verfügung steht, sollte man die Behandlung mit Narcoticis und Karbolsäureinjektionen einleiten und dann zur Magnesiumsulfattherapie übergehen, wenn diese auf Grund der oben angeführten Momente indiziert ißt und eine Gesamterschlaffung der Muskulatur notwendig er¬ scheint. Tabes. 9) The flrat observed eases of Friedreichs ataxia in America, by J. H. Kellogg. (Medic. Record. LXXXV. 1914. Nr. 10.) Ref.: W. Misoh. Die beiden ersten Fälle von Friedreichscher Ataxie (zwei Brüder), die in Amerika beobachtet wurden, wurden vom Verf. im Jahre 1875 publiziert. Diese beiden Fälle kamen nach 2 bis 3 Jahren zum Exitus, obwohl man gehoffthatte, sie durch Elektrotherapie zu bessern. Jetzt werden allgemein mit Frenkelschen Übungen gute Heilerfolge erzielt. 10) Über hereditäre Ataxie, von Prof. Dr. Vorkastner. (Medizin. Klinik. 1914. Nr 9 bis 12.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. beginnt mit der Krankengeschichte eines 25jährigen Mädchens, dessen Vater ebenso wie zwei Brüder an einer ähnlichen Störung wie sie selbst leiden. Seit 5 Jahren bemerkte sie zunächst eine „Schwäche und Unsicherheit“ der Beine, als wenn sie immer bergan ginge, ohne vorwärts zu kommen, besonders im Dunkeln. Dann wurden die Hände unsicher, besonders das Schreiben wurde erschwert. Auch die Sprache wurde schlechter. Die Arme verschlechterten sich mehr als die Beine. Keine Schmerzen, kein Kribbeln, kein Ameisenlaufen, Blase und Mastdarm intakt. Digitized by Gck 'gle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 23 Die Untersuchung bot: tremorartige Kopfbewegungen, beim Sitzen im Bett ein fortwährendes Schwanken oder Wackeln des Oberkiefers und blitzartige Zuckungen der SchultermuBkulatur, beim Liegen kurze zuckende Bewegungen in Armen und in Fingern und im Mundfazialisgebiet, ein deutliches Schwanken oder Wackeln in den unteren Extremitäten bei allen Widerstandsbewegungen, Ataxie in den oberen und unteren Extremitäten von bestimmtem Charakter, schwere Oangstörung mit Stampfen und seitlichem Schwanken von taumelndem Charakter mit Zunahme bei geschlossenen Augen, Bömberg, Trizeps-, Patellar- und Achillesreflex erloschen, Babinski und Oppenheim negativ, Sensibilität und Lagegefühl normal usw. Die Diagnose lautet auf zerebellare Ataxie. Verf. bespricht die differentialdiagnosti- sehen Fragen, insbesondere auch die Friedreich sehe Ataxie und hebt hervor, daß in derselben Familie Fälle von Friedreich scher Ataxie und von Heredotypus Vor¬ kommen können. Von Interesse ist nun die Untersuchung des &5jährigen Vaters der Patientin. Die Betrachtung des Vaters ergibt weitgehende Analogien mit der Tochter. Auch der Vater zeigt eine schwere Ataxie von zerebellarem Charakter, Wackel¬ bewegungen des Kopfes, Bewegungsstörungen der Extremitäten beim Zeigefinger-, Nasen- und Kniehackenversuche ohne Sensibilitätsstörungen. Aber die Patellar- und Achillesreflexe fehlen nicht nur nicht, sondern sie sind gesteigert, es besteht Andeutung von Fußklonus. Auch ist von Interesse, daß der Fall erst mit 50 Jahren begonnen hat. Ferner litt der Vater an einer paroxysmellen Tachy¬ kardie ohne wesentliche diesbezügliche Störung des subjektiven Befindens. Nach einigen Tagen war der Herzbefund dann wieder völlig normal. Die Beziehungen speziell zwischen Friedreich scher Ataxie und Herzleiden sind nicht neu; Verf. diskutiert die verschiedenen Zusammenhänge, welche angenommen werden (kon¬ genitale Bildungsfehler, gleichzeitige infektiöse Ätiologie, Übergreifen des nervösen Prozesses auf die Medulla oblongata und Einwirkung der nicht selten dabei be¬ stehenden Kyphoskoliose). Bezüglich des Mißverhältnisses einzelner Symptome, wie des Vorhandenseins der Ataxie und Fehlens von Sensibilitätsstörungen muß man berücksichtigen, daß es Bich bei diesen degenerativen Erkrankungen des Nervensystems um mehr oder weniger ausgedehnte Minderwertigkeiten handelt, daß eventuell eine mehr lokali¬ sierte Minderwertigkeit die Degeneration auf bestimmte Einheiten beschränken kann, daß wir uns nicht wundern dürfen, wenn weitere und nicht zusammen¬ gehörige Gebiete ergriffen werden, ura so weniger, wenn das ganze Organ oft hypoplastisch erscheint. Zwischen den hereditär-familiären Leiden gibt es Übergänge, wobei die Misch¬ bilder äußerst kompliziert sein können. Verf. bespricht dann die einzelnen Symptome in bezug auf ihre pathologisch¬ anatomische Deutung. Der 3. Fall bot der Diagnostik Schwierigkeiten. Es handelt sich dabei um den Sohn des zweiten, den Bruder des ersten Patienten. Im Vordergründe stehen choreiforme Zuckungen, die bei den anderen nur nebensächlich auftreten und an Chorea hätten denken lassen, wenn nicht das Fehlen der Sehnenreflexe und eine eigentümliche, zum Teil statistische, zum Teil lokomotorische Innervationsstörung auf die richtige Fährte geleitet hätte. Verf. schildert noch einen analogen Fall von hereditärer Ataxie mit choreatischen Zuckungen. Diese kann unter Umständen auch mit gewissen Fällen von multipler Sklerose und Lues cerebrospinalis ver¬ wechselt werden, auch mit der akuten Ataxie. Der 4. Fall ist vom Verf. nicht selbst beobachtet worden. Er ist Soldat und zeigt — es handelt sich um den Bruder des 3. Falles — folgende Symptome: er schwankt auf dem Marsch hin und her, kann auf ,,StiHgestanden‘‘ nicht Still¬ stehen, sein Gewehr schwankt hin und her, was ihm schon viele Rüffel eingetragen Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 24 hat. Die Untersuchung ergab Kyphoskoliose, Schwanken, gespreizten, taumelnden und stampfenden Gang, Ataxie, Fehlen des rechten Patellarreflexes, schwachen linken Patellarreflex, Zuckungen der Oberschenkelmuskulatur. Der Mann muhte entlassen werden. In allen Fällen ungewöhnlich sind vor allem die Fibrillationen, die an Hirn¬ rindenveränderungen denken lassen. 11) Beitrag zur Lehre von der traumatischen Tabes, von M. Schlemm. (Inaug.Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. Verf. berichtet über einen einschlägigen Fall, in welchem die Symptome der Tabes in exquisiter Weise bereits 3 Jahre vor dem Trauma bestanden. Der ursächliche Zusammenhang zwischen Tabes und Trauma mußte demnach abgelehnt werden. Trotzdem wurde eine Verschlimmerung des Krankheitszustandes durch den Unfall angenommen und auf eine Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit durch den Unfall von 40 bis 50 °/ 0 erkannt. 12) Über Stirnrunzeln. bei Tabes, von J. Navwuch. (Öasopis öesk^cb. 15k. LIII. 1914. S. 36.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich). Verf. hebt hervor, daß das Stirnrunzeln, das als Symptom bei verschiedenen Psychosen vorkommt, speziell bei Tabes charakteristisch ist. Die Runzelung kommt dadurch zustande, daß der Pat. die durch Parese des Levator palpebrae verursachte Ptosis paralysieren will. 13) Ein neues Symptom bei der Tabes, von H. v. Baeyer. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 20.) Ref.: W. Alexander. Wenn man beim gesunden Menschen mit der Fingerbeere die Haut hin- und herschiebt oder eine erhobene Hautfalte hin- und herzerrt, so gibt der Unter¬ suchte die Richtung der Verschiebung. Der Ataktiker kann das nicht. Die Be¬ zirke des gestörten Verschiebungs- und Spannungsgefühls sind nicht identisch mit den Partien, wo die Tast- und Schmerzempfindung fehlt. Während letztere bei den untersuchten Fällen meist nur in kleinen Bezirken gestört war, war die Aus¬ dehnung der Spannungegefuhlsstörung meist eine sehr beträchtliche. Das Gefühl der Hautspannung und Haut Verschiebung scheint in gewissem Sinne zu den Tiefen¬ sensibilitäten zu gehören, seine Störung scheint eine nicht unwichtige Rolle beim Zustandekommen der Ataxie zu spielen. 14) Über die Behandlung des „Mal perforant'du pied“, von Erich Lange. (Inaug.-Dissert. Berlin 1914.) Ref.: K. Boas. Verf. gibt eine Übersicht über die einschlägige Behandlungsmethode und berichtet über drei eigene Fälle leichteren Grades von Mal perforant du pied, die lokal und mit Ruhelagerung behandelt wurden. Ein Fall davon wurde als geheilt entlassen, einer wurde minimal, der andere beträchtlich gebessert. 15) Das „Malum perforans pedis u , von Max Hof mann. (Ergebnisse der Chirurgie u. Orthopädie (J. Springer). VIII. 1914.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. bespricht zunächst die Ätiologie (mechanische, vaskuläre, nervöse Theorie). Die Ätiologie des Mal perforant ist keine einheitliche; in erster Linie wird es verursacht durch nervöse Grundleiden, es spielen aber auch vielfach andere Ursachen (Druck, Diabetes, Alkohol usw.) eine begünstigende Rolle. Arthro¬ pathie und Mal perforant stehen in einem mehr beigeordneten Verhältnis zuein¬ ander: die Ursache der Arthropathie und Knochenveränderung stellt auch gleich¬ zeitig die Ursache für die Weichteilerkrankung dar, sie ist durch das nervöse Grundleiden bedingt, einerlei, ob es sich um reine trophische Einflüsse handelt oder ob es nur die bestehende Anästhesie ist, die unter dem Einfluß von Traumen das Entstehen des Mal perforant und der Arthopathien begünstigt. Therapie: Jodkali, Hg, Elektrizität, Nervendehnung, Exzision (eventuell auch des Knochenherdes). Digitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 25 16) Sar une variötö de döformation du pied ohes uns tabötique, par Marie et Bouttier. (Nouvelle Iconographie de la SalpStridre. 1913. Nr. 6.) Bef.: E. Bloch (Kattowitz). 1. Einsinken der Fuß Wölbung, so daß ein vollständiger Plattfuß entstanden ist, dann Anschwellung des Fußrückens, Verdickung des inneren Fußrandes und eine Verkürzung des ganzen Fußes. Bei der Durchleuchtung zeigen sich osteo- artikulare Veränderungen. 2. Doppelseitiger Klumpfuß. Trotz langen Krankenlagers keinerlei Läh¬ mungserscheinungen, alle Bewegungen können glatt ausgeführt werden. Ganz verschieden von diesen klassischen Fällen ist der 3. Ein schlotternder Fuß: kann keine Bewegung ausführen, der Fuß ist leicht gekrümmt, die Zehen leicht gebeugt, ohne daß eine Kontraktur vorliegt. Antero- externe Atrophie des Beins, seit 11 Jahren bestehend; elektrisch absolut un- erregbar. 17) Amyotrophlsohe Tabes mit histologisehem Befunde, von Dr. E. Luk&cs. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psycb. XXIV. H. 4.) Bef.: M. Pappenheim. 26jähr. Mann. Vor 7 Jahren luetische Infektion. Vor 3 Jahren Schwindel, Schleudern der Füße beim Gehen. Zunehmende Schwäche und Dünnerwerden der unteren Extremitäten, so daß Pat. seit Vj 2 Jahren das Bett nicht mehr verlassen konnte. Vor l l / 2 Jahren Diplopie, die sich besserte. Seit 2 Jahren ließ Pat. Stuhl und Urin unter sich. Höchstgradige Abmagerung. Alle Muskeln atrophisch. Papillen ungleich; beide starr. Beiderseits Ptosis; links ausgesprochene Oculomotoriusparese. Parese des rechten Gaumenbogens. Bachenreflex sehr schwach. Zunge weicht nach rechts ab, ihre rechte Hälfte atrophisch. Beiderseits Posticusparese. Erschwerung des Schluckens. Pat. kann die oberen Extremitäten kaum, die Schultern überhaupt nicht bewegen. Arm- und besonders Handmuskeln atrophisch. Elektrische Er¬ regbarkeit vermindert, doch fehlt Entartungsreaktion. In den unteren Extremi¬ täten noch weiter vorgeschrittene Atrophien. Pes-equinovarusstellung. Nur im Kniegelenk beschränkte Bewegung möglich. Elektrisches Verhalten wie an den oberen Extremitäten. An den unteren Extremitäten verlangsamte Leitung des Schmerzgefühls. Sonst keine Sensibilitätsstörung. Keine Schmerzen, keine Druck¬ empfindlichkeit der Nervenstämme. Sehnenreflexe fehlen. Bei der anatomischen Untersuchung fanden sich, abgesehen von der Hinter¬ strangserkrankung, in den Vorderhörnern und in den Clarkeschen Säulen zwischen gesunden Zellen eingestreut zahlreiche Zellen in verschiedenen Stadien der „chroni¬ schen Zellerkrankung“ Nissls. Verf. betrachtet diese Veränderungen nicht als Folge der Degeneration der Beflexkollateralen, sondern als direkte Folge der Schädigung durch das luetische Virus. 18) Konstitutionell individualisierende) Tabestherapie, von Bichard Stern. (Therapeut. Monatsh. 1914. H. 6.) Bef.: Kurt Mendel. Den asthenischen und breitwüchsigen Tabikern soll man kein Jod geben, ersteren nicht, um nicht ihren latenten Thyreoidismus zu wecken, letzteren nicht, um nicht ihre minderwertige Schilddrüsenfunktion weiter zu schwächen. Diese beiden Formen machen zusammen 85°/ 0 des gesamten Tabikermaterials aus! Kon¬ stitutionell normale Fälle mit tabesähnlichen Symptomen sind der Lues spinalis zuzurechnen, denn dort, wo Krankheitsursachen endogener Natur fehlen, wird alles Krankhafte der Exogenese, der Lues, entstammen. Die Tabestherapie muß aus dem Gesamtaspekt des Kranken zu ermessen suchen, in welchem Umfang die ver¬ schiedenen genetischen Faktoren beteiligt sind, ob vorwiegend die kranke Kon¬ stitution gehegt und geschont, oder aber die Lues bekämpft werden muß. (Die Ausführungen des Verfi's sind sehr anfechtbar; vgl. mein Beferat dieses Centr. 1913. S. 33. Bef.) Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 20 10) Über die Bewertung der Dehnung des Plexus solaris bei der Behand¬ lung der gastrischen Krisen der Tabiker, von R. Leriche. (Deutsche Zeitschr. f. Chirurgie. CXXXII. 1914. S. 77.) Ref.: K. Boas. Verf. glaubt, daß man an dem Prinzip eines Eingriffes an dem peripheren Sympathicus im Beginn der chirurgischen Behandlung der Magenkrisen in den¬ jenigen Fällen festhalten muß, in denen das parietale Element der Krise (Steige¬ rung der ßauchdeckenrefiexe, schmerzhafte Sensibilität des Thorax, Interkostal¬ neuralgie) fehlt und ebenso die charakteristischen Erscheinungen der Vaguskrise. Die Dehnung des Plexus solaris, welche im übrigen eine durchaus gutartige Ope¬ ration darstellt, ist jedoch eine zu ungenaue Operation, als daß sie dem Tat* bestände wirklich entspricht. Man muß nach einem sicheren Verfahren Umschau halten. Bevor ein solches gefunden ist, muß man einstweilen seine Zuflucht zu einer Operation nehmen, welche sich einen Eingriff an den Rückenmarks wurzeln zum Ziele setzt (Frankesche oder Förstersche Operation), oder zu der Chordotomie. 20) A propos des operations raobidiennes ohez les tabetiques, par J.-A. Sicard. (Lyon chirurgical. IX. 1913. S. 305.) Ref.: K. Boas. Verf. hält die Frankesche Operation bei Tabes oder Schmerzen radikulo- ganglionärer Natur für unlogisch und gefährlich. Unlogisch, weil sie tatsächlich gar nicht auf das Ganglion oder die hinteren Wurzeln wirkt, gefährlich, wenn man das Ganglion auf dem äußeren Wege zu erreichen und zu entfernen sucht. An der Gulekeschen Operation hat Verf. zu. bemängeln, daß sie den Ausfluß von Zerebrospinalflüssigkeit und die Möglichkeit einer Infektion der. Hirnhäute nicht verhindert. Verf. empfiehlt sein in Gemeinschaft mit Desmaret (Presse medicale. 1912. Nr. 91) ausgearbeitetes Verfahren: globale Ligatur in dem epidur&len Raum der hinteren und vorderen Wurzeln, DurchschneiduDg dieser Wurzeln mit Gangliektomie. Das Indikationsgebiet dieses Verfahrens stellen die Schmerzen radiko*ganglionärer Natur (bei Herpes zoster und Tabes dorsalis) dar. 21) La dyspepsie tabötique, par M. Loeper et R. Oppenheim. (Semaine mödicale. 1914. Nr. 5.) Ref.: Kurt Mendel. Von den tabischen gastrischen Krisen ist die tabische Dyspepsie zu unter¬ scheiden. Letztere ist als eine „Arythmie des Magens“ anzusehen und scheint meist durch eine Disharmonie zwischen Vagus und Sympathicus bedingt zu sein. Während die gastrischen Krisen von einem Anfall von subakuter Meningoradiku- litis abhängen, beruhen die dyspeptischen Zustände der Tabiker auf einer chro¬ nischen progredienten Meningoradikulitis. Bei letzteren ist die spezifische Therapie zu versuchen, ferner — gegen die Hyperästhesie des Magens — Kokainlösung, Valeriana, Belladonna, lauwarme Duschen und Umschläge, reizlose, salzarme, phosphor- und lezithinreiche Kost. 22) Ga8triaohe Krisen der Tabiker und ihre Diagnose, von R. Vanysek. (Sbornik 16k. 1913. 3. 327.) Ref.: Jar. Stuchlik (Zürich). Verf. betont die Wichtigkeit der Anamnese und Bedeutung anderer tabischer Symptome. Regelmäßig konnte er die zuerst von Pal beschriebene Hypertonie beobachten und glaubt damit ein Merkmal gefunden zu haben, das wohl nicht streng spezifisch, aber doch recht charakteristisch sein dürfte. 23) Les interventions ohirurgioales dans les orises gastriques du tabös, par Louis Sauve. (Progres medical. 1914. Nr. 18.) Ref.: Kurt Mendel. Tabische gastrische Krisen sind zu operieren, wenn sie sehr schwer sind, häufig auftreten, keine Neigung zur Regression zeigen, zur Kachexie führen und jede Nahrungsaufnahme unmöglich machen. In solchen Fällen ist zunächst die Frankesche Operation zu versuchen. Tritt ein Rezidiv auf, so ist die Ligatur der hinteren Wurzel nach Tinel und Sauvö oder die Gangliektomie nach Sicard Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 27 und Desmarest auszuführen. Die Foerstersche Operation habe noch zu viel Todesfälle zur Folge und schütze nicht völlig vor Rezidiven. 24) Über Angenkrisen, von J. Zsako und L. Benedek. (Budapesti Orvosi Ujsäg. 1913. Nr. 51.) Ref.: Hudovernig (Budapest). Die Verff. veröffentlichen die Krankengeschichte eines Taboparalytikers, bei dem während 2 Monaten solche Anfälle registriert werden konnten, welche nach der Annahme der Verff. als Augenkrisen aufzufassen seien. Die Anfalle bestanden in Hyperämie der Konjunktiven, starkem Tränenfluß und sehr heftigen stechenden Schmerzen in den beiden Bulbi. Die Sektion ergab eine ausgedehnte Skleroti- sierung der Rinde. Die Verff. glauben, daß die Vasomotilität der Bulbi mit diesen anatomischen Veränderungen, gleich den tabischen Magenkrisen, in engen Zu¬ sammenhang gebracht werden können und den paralytischen Anfällen analog sind. 25) Über tabisehe Augenkrisen und deren Entstehung, von Dr. Rudolf Fabinyi. (Zeitschr. f. d. ges. Psych. u. Neur. XXII. H. 3.) Ref.: Carl Grosz. Übersicht über die Literatur der am Kopfe und in den Sinnesorganen zur Beobachtung gelangten krisenartigen Symptome. Im Anschluß daran Veröffent¬ lichung zweier Fälle eigener Beobachtung, in denen ausgesprochene Augenkrisen zu konstatieren waren. Der erste Fall betrifft eine 43 jährige Tabica, die im Verlaufe typischer, 3 bis 4 Tage andauernder Magenkrisen eine stereotyp regel¬ mäßig einen Tag vor der Krise wiederkehrende und mit ihr verschwindende Vision einer Schlange hatte. Im Verlaufe der Beobachtung traten gleichzeitig mit dieser Trugwahrnehmung während der Krise auch objektive Augensymptome (Schmerzen in den Augäpfeln, Schwellung, Rötung der Augengegend, Hyperämie der Kon¬ junktiven, Photophobie und Tränenfluß) auf. Verf. ist geneigt, das Schlangen - phänomen als eine auf Grund vasomotorischer Störung entstandene Illusion zu be¬ trachten. Dieselbe Kranke zeigte auch mit der Krise auftretende Gehörtäuschungen (Zigeunermusik) und lebhafte, an die Krise gebundene „Träume“. Der zweite Fall betrifft einen 46 jährigen Ingenieurgehilfen (Diagnose: Dementia tabo para- lytica progressiva), bei dem im Verlaufe typischer paralytischer Anfälle (anfangs auch ohne solche) mehrmals stechende Schmerzen in den Augen mit momentanem Verlust des Sehvermögens auftraten. Objektiv ließ sich Rötung der Konjunktiven, ferner Exophthalmus, von Tränenfluß und Blinzeln begleitet, naohweisen. Das gleichzeitige Auftreten der paralytischen Anfälle und der Krisen in diesem Falle weist auf eine enge genetische Verwandtschaft beider Symptome (vasomotorische Störung) hin. 26) lat die Arthropathie tabetique eine syphilitische Erkrankung? von Erich Plate. (Dermatol. Wochenschr. LVIII. 1914. S. 61. Erg.-H. Festschr. z. Eröffn, d. neuen InBt. f. Schiffs-u. Tropenkrankh., Hamburg.) Ref.: W. Misch. Die Frage, ob die tabisehe Arthropathie eine durch das Syphilisvirus selbst oder durch tabisehe trophische Störungen bedingte Erkrankung ist, ist noch um¬ stritten. Von den syphilitischen Gelenkerkrankungen unterscheidet sie sich be¬ sonders dadurch, daß sie stets monartikulär auftritt, daß sie nicht zur Ankylose, sondern zum Schlottergelenk führt, und daß sie durch spezifische Behandlung nicht zu beeinflussen ist. Mit der syphilitischen Arthritis hat sie das gemeinsam, daß sie, im Gegensatz zu anderen Gelenkerkrankungen, keine für die Knochenatrophie charakteristischen Aufhellungen, sondern vielmehr Verdichtungen des Knochen- schattens im Röntgenbild aufweist. Auch die vom Verf. gemachte Beobachtung, daß bei der tabischen Arthropathie die Haut über den erkrankten Gelenken regel¬ mäßig eine um einige Grade höhere Temperatur zeigt als die Haut über dem gleichnamigen anderen Gelenk, schließt aus, daß die tabisehe Erkrankung als eine trophische Störung anzusehen ist, da ein solcher Prozeß nicht gut mit einer aktiven Hyperämie einhergehen kann. Andererseits kommen noch im Stadium der „metasyphilitischen“ Erkrankung Arthritiden, die einer früheren Periode der Syphilis Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 28 angeboren, Vorkommen, wofür sowohl ihr klinischer Befund wie ihre Beeinflußbar¬ keit durch spezifische Behandlung sprechen (ein Fall wird mitgeteilt). Wenn bei den syphilitischen Qelenkerkrankungen der früheren Stadien häufig Gelenke be¬ vorzugt werden, die schon früher durch andere Krankheitserreger oder Traumata geschädigt wurden, so bietet gewiß ein Gelenk mit den Veränderungen der Arthro- pathia tabica einen solchen Locus minoris resistentiae dar. Demnach wider¬ sprechen eine Reihe von klinischen Tatsachen der Annahme, daß die tabische Arthropathie eine syphilitische Erkrankung ist. Die bisherigen anatomischen Be¬ funde lassen aber die Deutung zu, „daß einmal in einem schwer veränderten Gelenk die im Blute kreisenden Keime sich ansiedeln und nachträglich hier spezifische Veränderungen erzeugen können“. 27) Contributo allo Studio dolle „orisi ematemetiohe essential!“ e dell v „osteoartropatia vertebrale" nella tabe, per Cesare Frugoni. (Riv. crit. di Clin. med. XV. 1914. Nr. 1 bis 3.) Ref.: G. Perusini (Mailand). Sorgfältige und detaillierte Mitteilung von zwei Krankengeschichten. Verf. ist der Ansicht, daß die bei Tabes vorkommenden Arthropathien nicht bloß mit der Tabes, sondern auch mit den oft zugleich bestehenden Gefäß Veränderungen Zusammenhängen, welch letztere in bestimmten Gewebspartien Vorkommen und wahrscheinlich luetischen Ursprungs sind. Eine besondere Labilität des Nerven¬ systems ist bei Tabes ohne weiteres zuzugeben; den Mechanismus der tabischen Arthropathie erklärt Verf. für einen gemischten; sie soll nämlich zum Teil vom Nervensystem, zum Teil vom Zustande der Blutgefäße abhängig sein. Trophisoho Störungen sollen nämlich dadurch zustande kommen, daß die Nerven wegen der mangelnden, tief veränderten Blutversorgung eine besonders tiefgreifende und elektive Schädigung erleiden. 28) Tardive Homosexualität bei Tabikern, von Fr. Moerchen. (Zeitschr. f. Sexualwissenschaft. I. S. 113.) Ref.: K. Boas. Verf. berichtet über 2 Fälle, in denen Tabiker gegen den § 175 StrGB. verstießen. In beiden Fällen bestand ursprünglich eine ausschließliche hetero¬ sexuelle Anlage. Allmählich wurden die beiden Patienten dann homosexuell. Wie Verf. ausführt, handelt es sich hierbei jedoch nicht um Pseudohomosexualität, sondern um eine echte angeborene Homosexualität, da die gleichgeschlechtliche Triebrichtung die einzige und psychisch wie somatisch nicht nur gewollte, sondern auch befriedigende geworden war. Diese Abart der Homosexualität entspringt einer an sich nicht krankhaften (hypothetischen) bisexuellen Anlage. Sie erscheint aber durch die Bedingung der Entwicklung als etwas durchaus Krankhaftes, ohne dadurch den Charakter echter Homosexualität zu verlieren. 29) Der heutige Stand der Tabes-Paralysefrage, von W. Vix. (Fortschritte d. Medizin. 1914. Nr. 22.) Ref.: K. Boas. Zusammenfassender Artikel. Dem Verf. sind dabei eine Reihe von Irrtümern unterlaufen. So z. B. bat nicht, wie Verf. auf S. 612 ausführt, Mönkeberg an der Statistik des alten Zucht- und Tollbauses in Cleve die Zunahme der pro¬ gressiven Paralyse im letzten Jahrhundert nachgewiesen, sondern Mönkemöller an dem Material der Anstalt Celle. Also zwei Fehler in einem Satze! Auch heißt der Wiener Psychiater nicht Wagner v. Jauerregg, sondern Wagner v. Jaureg. 30) Note sur la genäse d’un römission ohez un paralytique general tabe- tique, par A. Antheaume et J. Piquemal. (L’Encäphale. 1913. Nr. 12.) Ref.: Kurt Mendel. Fall von schwerer Taboparalyse im Endstadium. Sehr ausgesprochene, lang¬ dauernde Remission nach mehreren epileptiformen Anfällen meningitischer Natur und starken, 2 bis 3 Wochen andauernden Furunkeln. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 29 Progressive Paralyse. 31) Paxalysie gänerale juvenile avee autopsie, parG. Jacquin et M.Laignel- Lavastine. (L’Encäphale. 1914. Nr. 1.) Ref: Kurt Meudel. Typischer Fall von juveniler Paralyse. Lues des Vaters, Tuberkulose und wahrscheinlich auch Syphilis bei der Mutter. Beginn des Leidens mit 18 Jahren unter epileptiformen Anfällen. Lymphozytose im Liquor, Wassermann im Blut und Liquor positiv. Zeichen hereditärer Lues. Demente, euphorische Form der Paralyse. Tuberkulose. Exitus im Alter von 20 1 / J Jahren. Die Autopsie ergibt eine typische Paralyse. Läsionen der Pyramidenbahnen erklären den positiven Babinski, meningo-vaskuläre Entzündungsherde in den Parazentrallappen die zahl¬ reichen epileptischen Anfälle. 32) Ein Fall von Paralysis generalis bei einem 11 jährigen Knaben, von Arthur Collet. (Jahrb. f. Kinderheilk. LXXIX. H. 1.) Ref.: Zappert. Die progressive Paralyse im Kindesalter, die in anderen Ländern relativ häufig ist, scheint in Norwegen eine seltene Krankheit zu sein. Der vom Verf. publizierte Fall ist der erste seines Heimatlandes. Bemerkenswert ist bei dem¬ selben der angebliche akute Beginn nach einer Chloroformnarkose (im Alter von 9 Jahren). Elin auffälliges Symptom war auch eine große Empßndlichkeit gegen Berührung in den letzten Lebenswochen. Es liegt ein ausführlicher anatomisch- histologischer Befund des Nervensystems vor, in welchem namentlich Verände¬ rungen, die auf angeborene Entwicklungsstörung des Groß- und Kleinhirns hin¬ deuten, bemerkenswert sind. Sonst bestand der gewöhnliche Befund der progressiven Paralyse mit auffälliger Pacbymeningitis haemorrhagica und mit Verdickung des Schädels. 33) Ein Fall von Paralysis progressiva Infantilis, von J.Kron. (Korsakoffsches Journal f. Psych. u. Neurol. 1913.) Autoreferat. Der Vater der 7jähr. Patientin starb an Taboparalyse. Wassermannreaktion bei der Mutter positiv. In der Aszendenz väterlicherseits Alkoholismus. Seit 2 Jahren, nach einer Scharlacherkrankung, auffällige Charakterveränderung und Intelligenzabnahme der Patientin. Objektive Pupillenstarre. Patellarreflex gesteigert, Wassermann im Blut und Zerebrospinalflüssigkeit positiv. Lymphozytose. Vorüber¬ gehende Remission, darauf zunehmende Demenz. 34) Un cas de paralysie gönerale infantile, par Maurice Brissol (Annales möd.-psychol. LXXII. 1914. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Syphilis bei Vater und Mutter. Beginn der Paralyse bei der Patientin selbst mit 13 Jahren, zuerst epileptiformer Anfall. Mit 6 Jahren Keratitis parenchyma¬ töse und zerebrale Störungen infolge spezifischer Arteriitis. Auffällig sind die starken Spasmen und Kontrakturen im ganzen Köiper. Exitus mit 18 Jahren. 35) Zur Kasuistik der infantilen und familiären parasyphilitisohen Er¬ krankungen des Nervensystems, von A. M. Koschewnikoff. (Korsakoffsches Journal f. Psych. u. Neurol. 1913. H. 3 u. 4.) Ref.: Krön (Moskau). Verf. bringt ausführliche Krankengeschichten einer aus fünf Personen be¬ stehenden Familie, von denen die Mutter infolge akquirierter Lues an Paralysis progressiva leidet; ihr ältester Sohn leidet an einer Krankheit, die der progressiven Paralyse nahesteht, die Tochter der Patientin, die von jeher schwachsinnig war, bietet Krankheitssymptome dar, die sich auch beim Bruder vorfinden. 36) Beiträge zum Studium der hereditären Lues des Nervensystems (Fried- reiohscher Symptomenkomplex), von D. A. Spiecker. (Jahrb. f. Kinder¬ heilkunde. LXXIX. H. 5.) Ref.: Zappert. Zwei Kinder eines nicht luesverdächtigen Ehepaares zeigen den charakteristi¬ schen Befand der Friedreich sehen Ataxie und positiven Wassermann. Eine anti¬ syphilitische Kur führt zur Besserung der Nervenerkrankung. Verf. ist geneigt Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN auzunehmen, daß eine höchst wahrscheinlich hereditäre Lues in diesem Falle das Symptomenbild der Friedreich sehen Tabes nachgeahmt habe, und zitiert eine Reihe ähnlicher Beispiele aus der Literatur. 37) Zar Frage der Gedächtnisausfälle bei Paralytikern, von Max Roh de. (Monatsschr. f. Psychiatrie u. Neurol. XXXV. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel. 2 Fälle von Paralyse mit enormer, scheinbar völliger Gedächtnislücke. Die Entstehung derselben war in beiden Fällen grundverschieden: während im ersten Fall sich eine fixe Idee gebildet hatte, der Pat. gerecht zu werden versucht, und sicher kein Negativismus bestand, beherrschte im zweiten Fall ein reiner Negati¬ vismus den Zustand und gab dem Krankheitsbilde das typische Gepräge; dieser Negativismus täuschte zum weitaus größten Teile den scheinbar weitgehenden Zerfall des Lebensinhalts vor. 38) Forme paranoide de la paralysle gönörale, par Constanza Pascal. (L’Encephale. 1914. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. berichtet über einen Fall von paranoider Form der progressiven Para¬ lyse, in welchem die Erkrankung seit 12 Jahren stationär ist Er führt die speziellen Eigenschaften des stereotypen, nicht systematisierten Delirs der Para¬ lytiker an, und bespricht die Differentialdiagnose gegenüber der Dementia praecox, den systematisierten Delirien der Schwachsinnigen, der Presbyophrenie, derKorsakoff- schen Psychose usw. Sind auch die Verfolgungsideen bei der Paralyse nicht überaus häufig, so modifiziert doch ihre Anwesenheit in gewissen Fällen das klinische Bild der Demenz derartig, daß man berechtigt ist, eine paranoide Form der progressiven Paralyse abzutrennen. 39) Bin ungewöhnlicher Fall von Diebstahl bei progressiver Paralyse, ala Beitrag zur Lehre vom Krankheitsbewußtsein in derselben, von Stein. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 9.) Ref.: Pilcz. 32jähr. Mann, mit 19 Jahren Lues, eine Hg-Kur, keine Rezidive, seit 1911 Zeichen von Paralyse, die nach Unfall — Sturz mit leichter Kopfkontusion — rasche Verschlimmerung erfuhr. Plumpe Diebstähle. Stat. praes.: Andeutung von Silbenstolpern, Pupillarreflexe herabgesetzt, Patellarsehnenreflex gesteigert, Wasser- mannreaktion, Serum, ebenso vier Reaktionen positiv. Einfache Demenz mit leichter Megalomanie. Bemerkenswert ist, daß Pat. für die Diebstähle selbst eine gewisse Krankheitseinsiebt bekundet; er leide an Kleptomanie, er sei ganz ab¬ norm, er stehle und wisse gar nicht, was usw. Verf. spricht von einem „Pseudo¬ krankheitsbewußtsein“, im Gegensätze zur wirklichen Krankheitseinsicht und echtem Krankheitsgefühle. 40) Initiale Sohriftverftnderung bei Paralyse, von Lomer. (Allg. Zeitschr. f. Peych. LXXL) Ref.: Zingerle (Graz). Verf. zeigt an mehreren Fällen, daß sich nicht nur für manifeste Krankheits¬ zustände, sondern auch für die schleichenden Initialstadien ein Parallelismus zwischen Krankheit und Schriftveränderungen nachweisen läßt. Die Kenntnis der Tatsache, daß schon Monate vor dem Ausbrach auffälligerer psychischer Erscheinungen be¬ reits graphische Veränderungen vorhanden sein können, kann unter Umständen für die Diagnose und Behandlung des Leidens von großer Bedeutung sein. 41) Bemerkungen über die progressive Paralyse mit besonderer Berück¬ sichtigung der Halluzinationen, von H. Bause und H. Roderburg. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. XXV. H. 1 u. 2.) Ref.: M. Pappenheim. Verschiedene statistische Angaben über die Paralyse bei 168 Männern und 29 Frauen. Halluzinationen fanden sich bei 41 Männern, also in 25°/ 0 des Ge¬ samtmaterials, dagegen bei keiner Frau mit Sicherheit. Verf. faßt seine Ergeb¬ nisse folgendermaßen zusammen: Halluzinationen des Gehörs- und Gesichtssinnes treten bei der Paralyse selten und dann in der Mehrzahl der Fälle als flüchtige Begleiterscheinungen lebhafter Erregungszustände mit Bewußtseinstrübung auf. Digitized by Gck 'gle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 31 Der verbleibende Rest der Fälle, in dem die Halluzinationen längere Zeit hin¬ durch den Krankheitsverlauf begleiten, läßt sich in drei Gruppen ordnen. Die erste Gruppe umfaßt Psychopathen, die zweite Alkoholiker und die dritte Kranke, die kurz vor oder im Beginn der Paralyse ein schweres Kopftrauma erlitten. Nur drei unserer Fälle sind nicht mit Sicherheit einer der Gruppen zuzuzählen; bei zwei Fällen ist die Anamnese unklar, und beim dritten geht über den Grad der Erregung beim Auftreten der Halluzinationen aus der Krankengeschichte nichts hervor. 42) Untersuchungen über die Spirochäte des Paralytikergehirns, von E. Förster und E. Tomasczewski. (Deutsche med. Wochenschr. 1914. Nr. 14.) Ref.: Kurt Mendel. Die VerfF. fanden nunmehr in 61 untersuchten Fällen von Paralyse 27 mal Spirochäten =44°/ 0 , und zwar 11 mal zahlreiche, 16 mal nur spärliche nach langem Suchen. Die Zeit zwischen Infektion und Ausbruch der Paralyse oder die Dauer der paralytischen Krankheitserscheinungen stehen zum Spirochätenbefunde anscheinend nicht in Beziehung. Das gleiche gilt für das klinische Zustandsbild. Einfach demente Formen können zahlreiche Spirochäten aufweisen; letztere können in Fällen mit paralytischen Anfällen und expansiven Größenideen fehlen. Bei 3 Fällen von juveniler Paralyse fanden Verff. 2 mal zahlreiche Spirochäten. (Im übrigen sei auf das Referat in diesem Centr. 1913. S. 1523 verwiesen.) 43) Die Stellung der progressiven Paralyse (und Tabes) zur Syphilis und die Frage ihrer Behandlung, von E. Meyer. (Berliner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 21.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Die Noguchischen Forschungen haben vielfach zu dem Bestreben geführt, die ganze bisherige Auffassung von dem Krankheitsbild der Paralyse umzuwerfen. Nach Verf. liegt dazu nicht nur kein Anlaß vor, sondern es besteht auch die Ge¬ fahr, daß daraus völlige Verwirrung der klinischen wie therapeutischen und pro¬ gnostischen Begriffe entsteht, vor der nicht früh genug gewarnt werden kann. Die Eigenart der Paralyse bleibt bei dem Noguchischen Spirochätenbefund un¬ berührt bestehen; ebenso müssen wir auch heute noch annehmen, daß das syphili¬ tische Virus oder seine Giftstoffe unter bestimmten Umständen eine Art Umwand¬ lung erfahren und so zu einer Stoffwechselstörung, einer Autointoxikation, den Anlaß geben, deren Ausdruck die Paralyse darstellt. Daran hat der Spirochäten¬ nachweis im Paralytikergehirn nichts geändert. Die einfachste und zweckmäßigste Bezeichnung für die Paralyse ist syphilogene Erkrankung, wenn man nicht meta- oder postsyphilitisch sagen will Ebenso ist kein Grund gegeben, daß wir unsere Anschauungen über die Tabes ändern. Der Nachweis der Spirochäten durch Noguchi braucht auch keine tief¬ greifende Verschiebung für die therapeutischen Maßnahmen zu geben. Die Para¬ lyse ist und bleibt eine von der eigentlichen syphilitischen Hirnerkrankung durch¬ aus abweichende Erkrankungsform. Im allgemeinen sind nur bei der Tabes die Chancen einer antisyphilitischen Behandlung scheinbar etwas besser geworden. Die Auswüchse der antiluetischen Therapie müssen vom Arzte bekämpft werden. 44) An analyBls of the errors in diagnosis in a series of sizty oases of paresls, by Samuel T. Orton. (Journ. of nerv, and ment. dis. 1913. Nr. 12.) Re£: Artur Stern. Ein Fall ergab post mortem die Kriterien der Paralyse, wo Alkoholpsychose diagnostisch war. In 9 von 60 Fällen konnte die klinische Diagnose „Paralyse 41 durch den mikroskopischen Befund (Plasmazellen) nicht bestätigt werden. (In diesen Fällen war allerdings intra vitam der Liquorbefund nicht erhoben worden.) Die 9 Fälle von Fehldiagnose werden mitgeteilt: 5 ergaben andere organische Hirnerkrankungen (vaskulären Ursprungs, Tumor, Lues), 2 blieben undiagnosti- Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 32 ziert, je einer war mit Wahrscheinlichkeit eine alkoholische Erkrankung, Dementia präcox, toxisches Delirium. 45) Les aoquisitions röoentes dans le domaine de la paralysie generale, par Bonhomme. (Revue m6d. de la Suisserom. 1914. Nr. 5.) Ref.: K. Mendel. Jeder Syphilitiker muß dauernd mit Salvarsan, dann mit Hg und Jod be¬ handelt werden. Bei einem etwa 35 Jahre alten Syphilitiker ist die Luetin- reaktion, die Wassermannreaktion und der Liquor zu untersuchen. Bei einem 30—40 jährigen Patienten mit intellektueller Schwäche, Depressionen oder Expan- sionsideen ist eine Liquoruntersuchung erforderlich. Zeigt sich Lymphozytose und Hyperalbuminose, so ist das Vorhandensein einer Paralyse mehr als wahrschein¬ lich und eine energische Behandlung erforderlich. 46) Die jüngsten Fortschritte auf dem Gebiete der Lehre von der pro¬ gressiven Paralyse, von Dr. Alexander Pilcz. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 19.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Der Zusammenhang zwischen Syphilis und progressiver Paralyse ist gesicherte Erfahrungstatsache. Die letzte Lücke in der Beweiskette ist der positive Ausfall der Wassermannschen Reaktion im Serum und Lumbalpunktat in Verbindung mit den anderen Befunden im Liquor cerebrospinalis. Aber nur der ätiologische Zu¬ sammenhang hat aufgehört ein strittiger Punkt zu sein, andere Fragen des Lues¬ paralyseproblems sind noch ungelöst, so das Moment des von den Bildern der echten Hirnsyphilis durchaus abweichenden pathologisch-anatomischen Substrats, die Erfolglosigkeit antiluetischer Kuren, das relativ lange Intervall bis zur Ent¬ wicklung der Paralyse u. a. Die Annahme einer Metalues kam durch die Ent¬ deckung der Wassermannschen Reaktion ins Wanken, man mußte annehmen, daß der Paralytiker Spirochätenträger ist, wie dann auch besonders durch Noguchi bewiesen wurde. Hirnpunktionen bei Paralytikern zu diagnostischen Zwecken sind nicht gutzuheißen. Auch die Infektiosität der Paralysespirochäten gilt als er¬ wiesen, wie denn die Tierimpfung mit Paralytikerhirn positive Ergebnisse hatte — allerdings mit längerem Intervall. Auch mit Tabikerblut konnte man Infektionen erzielen, ferner gelang die Impfung mit Paralytikerliquor mit Nachweis beweg¬ licher Spirochäten. Die Unterschiede zwischen Lues cerebrospinalis und progressiver Paralyse können auch nicht mehr als allgemein gültig angesehen werden. Pathologisch¬ anatomisch kann beides nebeneinander Vorkommen, auch symptomatologisch sieht man durchaus nicht immer die bekannten verschiedenen Schulbilder. Auch be¬ steht durchaus nicht immer Erfolglosigkeit der Therapie, was besonders die Sal- varsanerfahrungen gelehrt haben. Trotzdem besteht die Mehrzahl der differential¬ diagnostischen Unterschiede mit Recht weiter. Die progressive Paralyse ist keinesfalls als einfache Gehirnkrankheit anzu¬ sehen, wie besonders auch die Abderhalden sehen Befunde an anderen Organen bei der Paralyse gelehrt haben. 4 bis 5 °/o Luetiker erkranken an Paralyse. Die Syphilis der späteren Paralytiker ist auch meist auffallend „leicht“ und „gut¬ artig^. Interessant ist die Rassenpathologie und die dabei häufig beobachtete Inkongruenz zwischen Seltenheit der Paralyse und Ausbreitung der Syphilis. Ursächlich kann man an Verschiedenheiten der infizierten Individuen denken (exogene Faktoren und Veranlagung),-ferner an spezifische Verschiedenheiten der Spirochätenstämme. Betreffs der endogenen Ätiologie sieht man zuweilen spezi¬ fische Veranlagung zur Paralyse, meist sieht man in der Aszendenz dann eben¬ falls Paralyse. Scheinbar besteht ein gewisser, freilich nicht absoluter Antagonismus zwischen der paralytischen und der degenerativen Veranlagung. Die zur Para¬ lyse disponierende Veranlagung äußert sich auch in gewissen Degenerationszeichen im Zentralnervensystem. Mit diesen Beobachtungen bringt man die Erfahrungs¬ tatsache des „benignen“ Verlaufs in Verbindung als Ausdruck einer von Haus Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 33 aus abnormen Keaktionsweise des Organismus auf die spezifische Infektion, einer geringen Ausbildung der Schutzvorrichtungen des Körpers gegenüber dem Gifte. Merkwürdigerweise zeigen rassenverwandte Stämme verschiedenes Verhalten, wofür gleichzeitiger Alkoholismus nach Mattauschek nicht verantwortlich gemacht werden kann. In manchen Tropengegenden nimmt die Paralyse zu. Verf. nimmt die Möglichkeit territorial bedingter Verschiedenheiten des Syphilisvirus an, die zum mindestens nicht unbedingt von der Hand zu weisen ist. Die Bezeichnung „Syphilis k virus nerveux“ ist insofern richtigzustellen, als die Paralyse nicht allein das Zentralnervensystem angreift, sondern ein Allgemeinprozeß ist; man müßte von einer „paralysogenen 11 Lues oder dgl. sprechen. Zum Schluß bespricht Verf. therapeutische Fragen, Prognose und Prophylaxe. Prognostisch von Wichtigkeit ist, daß Patienten mit frühzeitigen Veränderungen im Lumbalbefand den Keim zur Paralyse in sich tragen. Fortlaufende quanti¬ tativ auswertende Liquoruntersuchungen auf die vier Reaktionen mit fortgesetzter Kontrolle des Serums auf die Wassermann sehe Reaktion sind von prophylaktischer Bedeutung, ebenso der Befund von Mattauschek und Verf., daß Syphilitiker, die in den ersten Jahren nach der Infektion eine Infektionskrankheit mit Fieber hatten, nicht paralytisch würden. M. und P. verwerten diesen Zufallsbefund, indem sie bei Luetikern mit verdächtigem Lumbalpunktat eine Fiebertherapie einleiten wie die v. Wagner sehe Tuberkulinbehandlung, wie die Injektion von Staphylo¬ kokkenvakzinen usw. Auch Salvarsan scheint verheißungsvoll zu wirken. Verf. plädiert vor allem eine Kombination von einer spezifischen und einer Fieber¬ therapie. Er berührt dann noch einige ganz neue therapeutische Versuche wie besonders die Plantsche Nukleinsalvarsantherapie, die die Pleozytose im Liquor zu Normalwerten herabdrückt usw. 47) Beiträge zur traumatischen Ätiologie der progressiven Paralyse, von Doz. Karl Minnicb. (Hygienisch-forensische Beilage der Budapesti orvosi ujs&g. 1913. Nr. 9.) Ref.‘: Hudovernig (Budapest). Verf. beschreibt folgenden Fall als Paradigma einer traumatisch entstandenen progressiven Paralyse: 42jähriger Eisenbahnkondukteur erleidet Juni 1907 einen Bahnunfall da¬ durch, daß bei einem Zusammenstoß ein Waggon mit Schotter seinen Inhalt auf ihn entleert; liegt fast eine Stunde unter den Steinen, wird bewußtlos in das Zagraber Spital gebracht, wo seine vielfachen äußeren Verletzungen in 6 Wochen heilen; da jedoch eine Arbeitsunfähigkeit zurückbleibt, wird er im August 1908 pensioniert. Im März 1908 klagt Pat. über ständige Kopfschmerzen, Schmerzen in den Beinen, erschwerten Gedankengang, Zerstreutheit und unruhigen Schlaf; damals werden bei der Dilatation erweiterte und unregelmäßige Pupillen gefunden, welche sich jedoch bei Lichteinfall normal kontrahieren und gleichgroß erscheinen; auch ist damals eine linksseitige Parese nachweisbar. Außerdem erfolgte bei dem Unfall eine Quetschung des linken Unterarms, mit Zerreißung der Extensoren, wodurch die linke Hand arbeitsunfähig wird. Pat. wird im Juni 1911 und Oktober 1912 untersucht, wobei sich herausstellt, daß Pat. 1910 wegen Aggres¬ sivität einige Wochen in einer Irrenanstalt war, jedoch von dort als nicht geistes¬ krank entlassen wurde; ist seit dem Unfall überaus reizbar, sohlaflos, vergeßlich; bei der ersten Untersuchung ist die reohte Pupille entrundet, oval, beide reagieren träge; Tremor der Hände und Zunge; Knie- und Achillesreflexe fehlen; Pat. ist dement und leugnet, je luetisch infiziert gewesen zu sein. Im Oktober 1912 ist Pat sehr kachektisch, Papillenbefund wie 1911, Kniereflexe diesmal gesteigert; Achillessehnenreflexe fehlend. Ataktischer Gang. Ausgesprochene Demenz, Ver¬ geßlichkeit Verf. gibt nun das Gutachten ab, daß derzeit progessive Paralyse besteht Zweifellos hat er bedeutende Verletzungen erlitten, war 1911 noch nicht geiates- xxxiv. 3 Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 34 kratik. Nach der Verletzung bestand eine Zeit hinduroh traumatische Neurose, welche später in eine progressive Paralyse überging, für welche außer dem Un¬ fall keine anderen Momente verantwortlich gemacht werden können. Wohl kon¬ zediert Verf. die Möglichkeit, sogar Wahrscheinlichkeit, daß die Paralyse auch ohne Unfall zum Ausbruch gelangt wäre, immerhin aber wirkte der Unfall in einer solchen Weise mit, daß derselbe bei vorhandener Disposition als auslösende Ursache zu betrachten sei. Der Umstand, daß die Paralyse erst 5 Jahre nach dem Unfall zum Ausbruch gelangte, spricht mit allergrößter Wahrscheinlichkeit für den ursächlichen Zusammenhang (Wassermannsehe und Liquoruntersuchung fehlen in der nicht ganz plausiblen Krankengeschichte; Bef.). 48) Les traumatismes dans la pathogönie de la paralysie gönerale, par Petrow. (Travaux de la clin. psych. de l’Univers. imp6r. de Moscou. 1914.) Bef.: W. Gorn. An 621 Fällen der Moskauer Klinik konstatiert Verf., daß bei progessiver Paralyse das Trauma nur die Bolle des Agent provocateur spielt, in keinem Falle alleinige Ursaohe der Krankheit war. Auf dem Boden der posttraumatischen Er¬ scheinungen entwickelte sich dann das Bild der progressiven Paralyse. Das Trauma war in 0,9 °/ 0 somatischer, in 13 °/ 0 psychischer Natur. 49) Unfell und progressive Paralyse, von K. Weiler. (Friedreichs Blätter f. gerichtl. Medizin. 1913.) Bef.: K. Boas. In den beiden Fällen des Verf.’s von angeblicher „traumatischer“ Paralyse mußte ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Unfall und der geistigen Erkrankung abgelehnt werden. 50) Quelle est la forme elinique de la syphilis qui aboutlt le plus sou- vent 4 la paralysie gönörale, par A. Collin. (Gazette deB höpit. 1914. Nr. 69.) Bef.: Kurt Mendel. Die Entstehung der Paralyse nach benigner Syphilis ist die Folge des Neuro- tropismus des Mikroorganismus und des Terraiüs, das letzterer angetroffen hat. Bei schwerer Lues kommen zum Entstehen der Paralyse oft noch Gelegenheits¬ ursachen (Trauma) hinzu oder die Paralyse ist das Ende mehrfacher schwerer Schädigungen der Hirnarterien und Meningen. 51) Über progressive Paralyse, von H. Sieb er t. (St. Petersburger med. Zeit¬ schrift. 1914. Nr. 2.) Bef.: K. Boas. Aus der im allgemeinen Bekanntes bringenden Arbeit des Verf.’s seien fol¬ gende drei Punkte hervorgehoben: 1. Am wahrscheinlichsten erscheint es, daß eine vorhergegangene Lues die Entwicklung der allgemein fortschreitenden Paralyse bedingt; doch muß dazu das zentrale Nervensystem in irgend einer Weise endogen disponiert sein. 2. Unter Umständen ist aus der zahlenmäßigen Differenz zwischen Schädel¬ kapazität und Hirngewicht eine makroskopische Diagnose apf progressive Paralyse zu stellen. Gelegentlich wird auch an Frontalschnitten die Diagnose auf Par¬ enchymausfall möglich sein. 3. Es erscheint geboten, in allen Fällen von progressiver Paralyse, soweit sie im Initialstadium in ärztliche Behandlung gelangen, dem Versuch einer Fieberkur in Verbindung mit einer antisyphilitischen Therapie anzustrengen. 52) Die Frage der leiohten Lues und der späteren Paralyse, von Lausohner. (Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXV. 1914. H. 1 u. 2.) Bef.: G. Stiefler. Zusammenfassung: Der Satz, die leichte Lues prädestiniere zur Paralyse, läßt sich in dieser allgemeinen Fassung nicht weiter halten. Außereuropäische Statistiken über das Verhältnis der Paralyse zur Syphilis und deren Verlaufsart sind kein einwandfreies Beweismaterial. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 35 Ans dem Fehlen von syphilitischen Residuen zu entnehmen, daß die Krank¬ heit, wenn sie überhaupt bestanden, nicht besonders schwer gewesen sein kann, ist unrichtig. Die nicht gleichartige Anfangsbehandlung der Lues beeinträchtigt auch eine einheitliche Beurteilung der ersten Stadien. Gemäß dem konstitutionellen Charakter der Frühsyphilis muß auoh in den leichtesten Fällen mit internen Lokalisationen gerechnet werden. Es bleibt abzuwarten, ob positive Befunde im Liquor, die refraktär gegen¬ über antisyphilitischer Behandlung sind, einen frühen Hinweis auf Paralyse bilden. Tertiäre Erscheinungen vor Ausbruch der Paralyfie sind nichts weniger als Seltenheiten, wenn man die Lues nicht nur vom dermatologischen Standpunkt aoffaßt, sondern sie als chronische Infektionskrankheit betrachtet, und je mehr man von dem Begriff der Parasyphilis abkommt. Auch die große Mehrzahl der anscheinend latenten Kranken weist Verände¬ rungen in den inneren Organen auf. Die Frage nach der leichten oder schweren Verlaufsart der Lues wird wesent¬ lich durch die Chronizität der Krankheit erschwert. Die relativ geringe Zahl der Tuberkulosen bei Paralyse erklärt sich aus anderen Gründen, als aus der bei Phthisikern häufiger vorkommenden Verlaufsart der Lues mit Rezidiven. Spezielle Untersuchungen über die Verlaufsart der in der Blindheit und im späten Alter erworbenen Syphilis in bezug zur Paralyse sind vielleicht lohnend, stehen aber nooh aus. Der Annahme, daß die leichte Lues die Lues nervosa sei, ist noch zu wider¬ sprechen. 53) Sui tentativi dl speoiali sieroteraple nella parallel progressiva, per G. D’Abundo. (Riv. italiana di Neuropatologia, Psiohiatria ed Elettroterapia. VIL 1914. H. 1.) Ref.: G. Perusini (Mailand). Verf. erwähnt, daß er Bchon 1899 über einige serumtherapeutische Versuche berichtete, die er bei 5 Paralytikern vornahm. Die Versuche wurden in der Weise angestellt, daß bei frischen Paralysefällen das Blutserum von Paralytikern sub¬ kutan eingespritzt wurde, welche sich in einem vorgeschrittenen Stadium der Krankheit befanden. Die Einspritzungen hatten stets einen guten Erfolg, der Verlauf der Krankheit wurde jedoch nicht wesentlich beeinflußt. 54) Sul valore terapeutioo del nuoleinato di sodio nella parallel progres¬ siva e nella demenza preoooe, per Antonio Moretti. (Rassegna di studi psichiatrici. IIL 1913. S. 4.) Ref.: G. Perusini (Mailand). Bei drei frisohen Dementia praecox-Fällen stellte Verf eine Nukleinbehand¬ lung ein. Erhebliche Besserung; der eine Kranke wird als „völlig geheilt“ ge¬ schildert. Daß der beschränkten Beweiskraft dieser Beobachtungen Rechnung ge¬ tragen werden muß, hebt Verf. hervor. Bei anderen Dementia praecox-Kranken und bei Paralytikern hatte die Nukleinbehandlung gar keinen Erfolg. 55) Das Treponema der allgemeinen Paralyse, von A. Marie undC.Levaditi. (Allgem. Zeitschr. f. Psych, LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). Das Treponema ist in biologischer Beziehung von der Spirochaeta pallida der syphilitischen Erkrankung der Haut und Schleimhaut verschieden. Es ist eine besondere neurotrope Abart der Spirochaeta pallida und erklärt sich durch die nahe Verwandtschaft zum Nervengewebe die langsame Ausbreitung der Gehirn¬ symptome. Die Übertragung des Blutes eines seit 15 Jabren syphilitischen Paralytikers unter die Haut eines Kaninchens erzeugte Haut Veränderungen, die sahireiche Spirochäten enthielten. Die Überimpfung und der Vergleich mit dem syphilitischen Virus von Trüffi ergab, daß die Inkubationsperiode mit dem ge¬ wonnenen Gifte eigentümlich lang ist, das Aussehen der krankhaften Veränderungen 3* Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 86 makroakopisoh und mikroskopisch Eigentümlichkeiten verriet, und diese außerdem viel langsamer heilten, als die vom Oifte Trüffi. Das Virus ist außerdem nur für Kaninchen, nicht für Affen pathogen, und erzeugt beim Kaninchen keine Immunität gegen die Spirochaeta von Trüffi. Diese Ergebnisse im Verein mit der Tatsache der schwachen Giftigkeit der Spirochaeta der Paralyse für das Kaninchen ergab die Richtigkeit der Hypothese, von der biologischen Verschiedenheit der Erreger der Paralyse und der Haut- und Schleimhautsyphilis. Die Unwirksamkeit der Behandlung der Paralyse mit Arsenik rührt nicht von der Widerstandsfähigkeit des Treponema gegen Arsenik her, da sich dasselbe gegen Arsenbenzol empfind¬ lich zeigt. 56) Chemische und histoohemieohe Untersuchungen über die llpoiden Abbaustoffe des Gehirns bei progressiver Paralyse, von Giacomo Pighini und Pietro Barbieri. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 4 u. 5.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). Das Ziel der Untersuchungen bestand darin, zu sehen, in welchem Verhältnis zueinander die Resultate der chemischen Untersuchung der Hirnsubstanz und der histologischen Untersuchung einiger dem frischen Gehirne entnommener Bruch¬ stücke in zwei Fällen von Paralyse stünden. Die Verflf. teilen die Krankheits¬ geschichten beider Fälle mit, sie geben eine kurze Übersicht über die bisherigen Kenntnisse von der lipoiden Degeneration des Nervensystems und sie beschreiben die Technik sowohl der chemischen Untersuchungen]ethoden, die sich an die von Fränkel vorgeschlagene Technik der fraktionierten Extraktion hält, als auch der histochemischen Methoden, wie sie namentlich von Kawamura zusammengestellt wurden. Die chemischen Untersuchungen ergaben, daß sich die Paralytikergehirne an Wasser bereichert haben und an allen verschiedenen Lipoidreaktionen arm ge¬ worden sind, mit Ausnahme des Cholesterins, das sich konstant in hohem Prozent¬ sätze erhält. Die anderen Lipoidkomplexe sind in verschiedener Weise verändert, was wohl damit zusammenhängt, daß sich bei den regressiven Metamorphosen einige Abbauprodukte leichter in den Kreislauf ergießen als andere. Die interessanten histochemischen Untersuchungen, welche durch 6 Textfiguren und 8 schöne Tafeln illustriert werden, lassen sich nicht gut in Kürze wieder¬ geben. Erwähnt sei folgendes: Im Gewebe treten Produkte lipoider Zersetzung zutage, welche sich stets besser differenziert zeigen von den Nervenzellen zu den mesodermalen Zellen, was der Auffassung entspricht, daß die lipoide Degeneration autogener Natur ist, d. h. sich ursprünglich in den Nervenzellen infolge von Vor¬ gängen regressiver Metamorphose der-Lipoproteine und lipoiden Bestandteile ihres Protoplasmas abspielt. Dann bearbeitet der autolytische Prozeß das Lipoid¬ material in den Gliakörnchenzellen und zerlegt es endlich in den mesodermalen Körnchenzellen in noch einfachere Verbindungen. Erst in den Körnchenzellen der Glia und in größerer Menge in den mesodermalen Zellen und in den subpialen Räumen finden sich Mischungen von Cholesterin und Kephalin oder Kristall» reinen Cholesterins in Gestalt von anisotropen Tröpfchen im Gewebe zerstreut. Die Anwesenheit von neutralen Fetten und Cholesterinestern ließ sich ausschließen. Die Beziehung des chemischen Befundes der Armut an Lipoiden und des histochemischen Befundes der ausgedehnten lipoiden Degeneration dieser Gehirne läßt sich durch die Annahme erklären, daß sich beim endozellularen Desintegration*- vorgange die Lipoide aus den Verbindungen, die sich maskierten, in andere ein¬ fachere verschieben, welche die Lipoidreaktion ergeben. Ein großer Teil de» derart zerlegten Materials geht in den Blut- und Lymphkreislauf über und ver¬ läßt so sein ursprüngliches Gewebe. (Am leichtesten geht das bei den nicht ge¬ sättigten Phosphatiden und den Cerebrosiden von statten.) Das Cholesterin aber würde, auch wenn es frei von seinen Verbindungen ist, die seine Anwesenheit. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 37 maskieren, lange Zeit im Gewebe bleiben. Es scheint darin eine Schutzwirkung aaszuüben, indem es das syphilitische Toxin bindet und gleichzeitig neutralisiert infolge ähnlicher Vorgänge wie die Bildung der labilen Verbindungen Digitonin- Cholesterin und Saponin-Cholesterin. €7) Biologische Betrachtungen über das Wesen der Paralyse, von Ehrlich. (AUgem. Zeitschr. f. Psycb. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). Neben der Chemozeptorenlehre hat sich die Lehre von den Nutrizeptoren für das Verständnis der Infektionskrankheiten als fundamental wichtig erwiesen. Sie ergab als wesentliche Erkenntnis, daß die Parasitenzelle eine große Anzahl latenter Rezeptorfunktionen enthält, welche vikariierend manifest werden, sobald die vorher fanktionstüchtigen Rezeptortypen schwinden. Mit diesem Manifestwerden ist eine neue Vitalität der Parasiten verbunden und so entstehen aus den antikörper (serum-) fest gewordenen lebensuntüchtigen Stämmen neue, wieder lebensfähige Abarten, welche zwar gegenüber den gleichen Antikdrperarten ebenso serumfest sind, wie die Ausgangsstämme, aber andersartige zur Auslösung von Antikörpern geeignete Rezeptoren besitzen. Mit der Ausbildung dieser Stämme sind auch die infektiösen Eigenschaften der Parasiten wieder aufgetreten und bewirken ein Rezidiv. Bei der Paralyse, bei der es sich nach den neueren Untersuchungen um einen syphilitischen Infektionsprozeß handelt, geben diese biologischen Phänomene eine befriedigende Erklärung für manche charakteristischen Merkmale des Kr&nk- heitsverlaufes, wie die schweren Erankheitsattacken und die Remissionen. Letztere sind Intervalle, welche durch die Auslösung von Antikörpern hervorgerufen, eine Heilung vortäuschen können. — Haben sich aber die zurückgebliebenen Spiro¬ chäten der Antikörperwirkung angepaßt, so entsteht ein Wiederaufflackern des Prozesses, ein Rezidiv. Die krankheitsfreien Stadien sind also Folge einer tem¬ porären, spirillierten Serumwirkung, spirillolytische Intervalle. Die bei dem Zer¬ fall der Spirochäten ins Blut gelangenden Endotoxine können zu einer akuten, selbst tödlichen Vergiftung führen, weswegen auch wegen der Lokalisation der Spirochäten im Gehirne bei der Paralyse besondere Vorsicht bei der Anwendung chemotherapeutischer spirillizider Mittel erforderlich ist. Bei chemotherapeutischen Maßnahmen sind aber, gerade seitdem die Spiro¬ chäten im Gehirne nachgewiesen sind, durchaus berechtigt. Es ist nur zu berück- cichtigen, daß dabei offenbar Rezidivstämme vorliegen, die nicht nur durch ihr “differentes Verhalten gegenüber den gewöhnlichen Spirochätenantikörpern, sondern auch durch eine erhebliche Resistenz gegenüber chemischen Arzneistoffen aus¬ gezeichnet sind. Daher versagt das Quecksilber und auch Salvarsan führt nicht zu vollständiger Heilung. Vielleicht wird die Zukunft auch diesbezügliche voll¬ ständige Erfolge zeitigen. 68) Degenerazione marginale di fibre nervöse in fase iniziale ne midollo umano dimostrata ool metodo di Donaggio per le degenerazioni, per E. Audenino. (Riv. di Pat. nerv, e ment. XVIII. 1913. H. 1.) Ref.:G.Perusini. Das Rückenmark eines Paralytikers wies eine Sklerose der Pyramidenseiten- stränge und eine sog. marginale Faseradegeneration auf, welche letztere in Donaggioschen Fasernpräparaten deutlich zutage trat. 59) Beitrag zur Frage der Wucherung des perivaskulären Bindegewebes bei progressiver Paralyse, von Grzywo-Dabrowski. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psycb. XXIV. H. 1.) Ref.: G. Stiefler. Bericht über 3 Fälle; der erste imponierte klinisch als Lissauerscher Typus; die histologische Untersuchung aber fand die charakteristischen Paralyseverände- rangen über das ganze Gehirn zerstreut. Die Bindegewebswucherung der äußeren Gefäß haut war eine ausgeprägte und betraf das ganze Gehirn; in den zwei anderen Fällen — in einem rapider Verlauf mit Krampfanfällen, im anderen das Bild der Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 38 gewöhnlichen Demenz — waren die Veränderungen weniger deutlich und auch weniger verbreitet. Der rapide sprunghafte Verlauf mit periodischen Verschlimmerungen im ersten Falle könnte nach Ansicht des Verf/s vielleicht mit der sehr erhebliohen Binde¬ gewebswucherung der Adventitia vom netzartigen Charakter, wodurch die erwei¬ terten perivaskulären Lymphräume vollständig ausgefüllt werden, in Einklang gebracht werden, in der Annahme einer Zirkulationsstörung der Zerebrospinal¬ flüssigkeit und einer Behinderung des Abflusses der in diesen Bäumen befindlichen Lymphe in den perivaskulären Räumen, zumal in den Maschen der gewucherten Adventitia sich fast immer infiltrierende Bundzellen in großen Mengen vorfandezu Verf. fand unter 30 Gehirnen von Paralytikern in 8 Fällen schwerere und leichtere Grade von Bindegewebswucherung, aber nur um mittlere und größere Gefäße und ausschließlich von büschelförmigem Charakter, niemals netzartiger Typus. Bei Epilepsie mit weit vorgeschrittener Demenz und in einem Falle von chronischem Alkoholismus hatte die Vorgefundene adventitielle Wucherung eben¬ falls büschelförmiges Gepräge. Bei den Untersuchungen kamen vorwiegend die modifizierte Methode der Bindegewebsfärbung von Bielschowsky und eine eigene Modifikation der Mann- sohen Methode zur Anwendung, welch letztere gute und ganz sichere Resultate, sowie schönere Bilder als die Originalmethode gab. (Fixieren in Formalin oder 95°/ 0 Alkohol; Einbetten in Paraffin; Einlegen der Schnitte in konzentrierte wäßrige Lösung der Phosphormolybdänsäure [15 bis 30 Min.]; gründliches Waschen der Schnitte in Wasser; Einlegen in die Mannsche Mischung; Abspülen mit Wasser; Differenzierung in 95°/ 0 Alkohol unter Kontrolle des Mikroskops [höch¬ stens 2 Min.]; absoluter Alkohol, Carbolxylol, Xylol und Balsam.) 60) Über die Bedeutung der „meningealen Permeabilität“ für die Ent¬ stehung der progressiven Paralyse, von E. Weil. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psychiatrie. XXIV. H. 5.) Bef.: M. Pappenheim (Wien). Verf. bespricht die bisherigen Veröffentlichungen über die von ihm und Kafka angegebene Hämolysinreaktion und berichtet über eine eigene neue Unter¬ suchungsreihe. Er faßt seine geistvollen, aber zum Teil recht hypothetischen und kaum voll befriedigenden Anschauungen über die Bedeutung der Reaktion und über die Pathogenese der Paralyse folgendermaßen zusammen: 1. Weder die Zell- noch die Eiweißvermehrung im Liquor zeigt mit Sicher¬ heit eine erhöhte Durchlässigkeit der Meningealgefäße an, da beides von extra- vaskulären Vorgängen herrühren kann. Durch den Nachweis der Hämolysine ist jedoch das Bestehen einer erhöhten Permeabilität sichergestellt. 2. Ein Parallelismus zwischen Eiweißvermehrung und Hämolysinmenge läßt sich auch in groben Zügen nicht nachweisen, was auf die Sonderstellung der Hämolysinreaktion hinweist. 3. Eine erhöhte Permeabilität der Meningealgefäße ist bei akuten Meningi¬ tiden jeglicher Ätiologie, bei subakuten nur bei :Lues cerebrospinalis und bei chronischen ausschließlich bei Paralyse vorhanden. 4. Während bei akuten Meningitiden, wenn sie nicht zum Tode führen, sondern heilen, die Permeabilität ausnahmslos rasch schwindet, bleibt sie bei der Paralyse andauernd bestehen. Das Verhalten der subakuten luetischen Menin¬ gitiden läßt sich erst nach längerer Beobachtung sicherstellen, sicherlich wird jedoch bei einem großen Teile derselben die Durchlässigkeit rückgängig, da die chronische Lues cerebri ausnahmslos eine negative Hämolysinreaktion gibt. 5. Auoh die unkomplizierte Tabes weist stets eine negative Reaktion auf. Ist sie jedoch bei dieser Erkrankung vorhanden, so ist sie vorübergehender Natur, wenn es sioh um eine meningitische Komplikation, bleibender, wenn es sich um eine Kombination mit Paralyse handelt. Digitized b) Gck >gle Original frorn UNIVERSfTY OF MICHtGAN 39 6. Die Paralyse nimmt insofern von den übrigen Erkrankungen des Zentral¬ nervensystems mit erhöhter Durchlässigkeit eine Sonderstellung ein, als hier die Permeabilität dauernd bestehen bleibt und sich auch auf die Gefäße der Binde und des Marks erstreckt, die in großen Abschnitten des Gehirns diffos er¬ krankt sind. 7. Das Vorhandensein der erhöhten Durchlässigkeit bei Paralyse kann nicht ohne Einfluß sein auf die Ernährung des Gehirns, die wie in allen übrigen Ge¬ weben dadurch erfolgt, daß die Nährstoffe aus den Gefäßen austreten, zu den Zellen gelangen und von diesen aufgenommen werden. Ist die Permeabilität er¬ höht, so muß der Sauerstoff aus den Gefäßen in quantitativer und qualitativer Hinsicht eine starke Veränderung erfahren und in diesem Sinne auch die Gewebs- ernährung abnorm beeinflussen. 8. Dieser Auffassung entsprechend stellen die Gefäßveränderungen das primäre Moment dar, welches die Gehirndegeneration zur Folge haben. 9. Auch bei normaler Beschaffenheit des Blutes muß das Gehirn, das von durchlässigen Gefäßen durchzogen ist, eine Sohädigung erfahren, die natürlich schwerer sein wird, wenn im Blute außerdem nooh Giftstoffe, deren Vorhandensein jedoch nicht unbedingt nötig ist, kreisen. 10. Auf Grund dieser Darstellung entfällt auch die Notwendigkeit, eine besondere Disposition im Zentralnervensystem bei jenen Individuen anzunehmen, die an Paralyse erkranken, da jedes Gehirn, dessen Gefäße dauernd im Sinne einer verstärkten Durchlässigkeit verändert sind, eine schwere Schädigung erfahren muß. Daß die luetische Infektion diese Erkrankung der Gefäße nicht selten hervorruft, ist nach den neueren Untersuchungen erwiesen. Eine Paralyse wird sich jedoch nur dann entwickeln, wenn die Gefäße entweder quantitativ oder qualitativ derart geschädigt sind, daß eine Rückbildung zur Norm nicht mehr möglich ist 61) Zur Kasuistik der retrograden Amnesie, von Richard Neuendorff. (Inaug.-Dissert. Jena 1918.) Autoreferat. Die vorliegende Arbeit behandelt einen dem Material der Heilanstalt Bern¬ burg entnommenen, sehr interessanten Fall von luetischer Gehirnerkrankung (Pseudoparalysis syphilitica), bei dem sich nach einem apoplektißchen Insult eine retrograde Amnesie von 39 Jahren findet. Die Arbeit enthält ferner eine Zu¬ sammenstellung der wichtigsten Fälle weitgehender retrograder Amnesie und führt die Erklärungsversuche dieser eigentümlichen Erscheinung an. 62) Le coeffloient uröo-söorötoire d’Ambard dans la paralysie gönörale, par A. Obregia, C. J. Urechia et A. Popeia. (Compt. rend. Soo. de biol. CLXXV. 1913. S. 686.) Ref.: W. Misch. Nachdem bei den verschiedenen Autoren bei den Paralytikern eine Störung der StickBtoffausscheidung nachgewiesen werden konnte, wird nunmehr, um ein besseres Urteil über die Nierentätigkeit der Paralytiker zu erhalten, der Harn¬ stoffgehalt des Serums und der Zerebrospinalflüssigkeit in 50 Fällen von Paralyse, nach der Methode von Ambard, bestimmt. Aus den Untersuchungen geht hervor, daß in 34°/ 0 der Fälle die Nierentätigkeit normal gefunden wurde, während sich in 42°/ 0 eine Hyperfunktion und in 24°/ 0 eine Rarnstoffretention nachweisen ließ. Das letztere findet sich besonders bei vorgeschrittenen ungünstigen Fällen. Psychiatrie. • 63) Die Untersuchung der Geisteskranken, von P. Roller. (Samml. zwangl. AbhandL a. d. Geb. d. Nerven- u. Geisteskrank!). X. H. 7 u. 8. Halle, Mar- hold, 1914.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.). Auf Ziehensche Anschauungen sich stützende Einführung in die Untersuchung Digitized by Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 40 der Geisteskranken. Für praktische Zwecke dürften manohe unwichtige Einzel¬ heiten überflüssig sein; auoh könnte die sehr ausführliche Wiedergabe der In- telligenzprüfungsmethoden leicht dazu verleiten, ihren Wert für die Praxis viel xu hoch einzuschätzen. 64) Studien mittels der Welohardtsohen Reaktion bei verschiedenen Geistes¬ krankheiten, von Hauenstein. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. XXV. 1914. H. 4 u. 6.) Ref: G. Stiefler. Verf. untersuchte mittels der Weichardtsehen Methodik den Blutkatalysator bei verschiedenen Psychosen, ferner den Harn nach Einführung des kolloidalen Osmiums bei Epileptischen kurze und längere Zeit nach dem Anfall und in Dämmerzuständen. Genaue Schilderung der Ausführung zur Herstellung und Ver¬ arbeitung des Blutkatalysators. Das Untersuchungsmaterial des Verf.’s bestand aus 26 Fällen von progressiver Paralyse, 41 Psychosen der Dementia praecox-Gruppe, 23 Fällen von manisch- depressivem Irresein und Paranoia, 4 Hysteriekranken, 6 Fällen von epileptischer Geistesstörung und vereinzelten Fällen (10) aus verschiedenen anderen Krankheits¬ gruppen (Imbezillität, Kretinismus, Arteriosklerose, Paralysis agitans, Lues cerebri, Chorea Huntington). Zahlreiche Tabellen sind der Arbeit im Texte beigegeben. Verf. kommt zu dem Ergebnisse, daß die Beeinflussung des Blutkatalysators sich bedeutend häufiger bei organischen Psychosen als bei der Gesamtheit der sogen, funktionellen Psychosen findet. So stehen sich bei den organischen Psychosen 72°/ 0 beeinflußte und 28°/ 0 nicht beeinflußte Fälle gegenüber, während bei den funktionellen Psychosen das Verhältnis gerade das umgekehrte ist (29°/ 0 beein¬ flußte; 71 °/ 0 unbeeinflußte Fälle). Verf. hebt es als wichtig hervor, daß doch nicht bei allen organischen Krankheitsfällen eine Beeinflussung des Katalysators vorlag und andererseits nicht bei allen funktionellen Psychosen eine solche fehlte. Die Titration der Harne bei Epileptikern kurze oder längere Zeit nachdem Anfalle ergab eine Beeinflussung des Osmiumkatalysators im Sinne der Lähmung nur dann, wenn kurze Zeit, höchstens 4 Stunden nach der Urinentleerung, der Harn untersucht wurde. Bei 37 Untersuchungen bekam Verf. 34 mal eine Beein¬ flussung des Katalysators, und zwar 23 mal im Sinne der Lähmung und 11 mal im Sinne der Anregung. 66) Los psyohoses pönitentiaires, par Arsimolles et Halberstadt. (Arch. internst, de neurologie. 1914. Juni.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.). Unter Mitteilung eines eine Frau betreffenden Falles wird eine besonders auf die bekannten deutschen Bearbeitungen dieses Themas sich stützende kurze Übersicht über die Gefängnispsychosen gegeben. • 66) Psychiatrische Vorträge für Ante, Erzieher und Eltern. Dritte Serie, von Prof. Dr.G. Anton. (Berlin, S. Karger, 1914. 91 S.). Ref.: Ph. Jolly. Die dritte Serie der sowohl bei den gebildeten Laien als beim ärztliohen Publikum mit großem Interesse aufgenommenen Vorträge behandelt folgende Themen: Gehirnbau und Seelenkunde, Über gefährliche Menschentypen, Wieder¬ ersatz der Funktion bei Erkrankungen des Gehirns und Rückenmarks, Ärztliches über Sprechen und Denken, Geistige Artung und Rechte der Frauen (vgl. d. Centr. XXV. S. 614 u. XXXII. S. 1341). Der besondere Reiz der Vorträge liegt außer in der geschickten Wahl der zur Erörterung gelangenden Probleme besonders in der Gewinnung von mannigfachen neuen Gesichtspunkten und Zusammenhängen sowie der fesselnden Art der Darstellung. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 41 III. Aub den Gesellschaften« Ärztlicher Verein in Hamburg. Sitzung vom 3. November 1914. Bef.: M. Nonne (Hamburg). Herr Boettiger demonstriert zwei Kriegs verwundete aus dem Hafenkranken¬ baus. I. 31 jähriger Unteroffizier erlitt am 6. Oktober einen Streifschuß am rechten Os parietale, etwa drei Fingerbreiten oberhalb des Ohrmuschelansatzes, Ein- und Ausschußöffnung getrennt durch eine 4 cm lange Hautbriioke. Er wurde am 14. Oktober auf die Abteilung des Vortr. aufgenommen, befand sich in einem leioht somnolenten Zustand wie die Tumorkranken, schlief fast den ganzen Tag, war jedoch stets vollständig zu fixieren und über Zeit und Ort orientiert. Keine Schmerzen, kein Fieber. Eis fand sich eine deutliche Parese des rechten Abduzens, Doppelbilder nur zeitweilig, Nystagmus beim Blick nach rechts, leichte Parese im linken Mundfazialis. Die Augen können willkürlich nicht beide gleichzeitig zu¬ gekniffen werden, jedes für sich jedoch in normaler Intensität. Sonstige Motilitäts¬ störungen fehlen, Sensibilität intakt. Kein Babinski, aber alle Sehnenreflexe fehlen bis auf den angedeuteten rechten Achillesreflex. Die Röntgenaufnahme ergab, daß zwischen den beiden Schußöffhungen das Tuber parietale total zer¬ trümmert war. Die Trepanation durch Herrn Dr. Rothfuchs am 20. Oktober führte nach Freilegung der Knochenwunde zur Entleerung eines etwa eigroßen Blutgerinnsels. Die Dura war total zerfetzt und es wurden fünf Knochensplitter von der Größe eines halben bis zu 2 qcm aus der erweichten Gehirnmasse ent¬ fernt. Topographisch entspricht diese etwa dem unteren Soheitellftppohen, einem Teil des Gyrus Bupramarginalfs und vielleicht dem unteren Abschnitt der hinteren Zentralwindung. Nach der Operation waren die Hirndruck¬ erscheinungen sofort geschwunden. Die Abduzensparese und der Nystagmus haben sich fast verloren. Das gleichzeitige Zukneifen beider Augen gelingt noch nicht. Die Sehnenreflexe sind am rechten Bein vorhanden, am linken fehlen sie absolut. Mit dem von mir vor Jahren angegebenen Wechselstromkriterium (Prüfung der Reflexe während Durchleitung eines dreiphasiBchen Wechselstroms durch die Extremitäten) waren auch die linksseitigen Sehnenreflexe normal auslösbar, was für eine krankhafte Störung des Muskeltonus als Ursache der Unauslösbarkeit der Reflexe spricht. Als Lokalsymptome des vorletzten, diagnostisch noch so sehr strittigen Hirnteils dürften jetzt, 14 Tage nach der Operation, anzusehen sein: Die Herabsetzung des Tonus der linksseitigen Körpermuskulatur (sicherlich kein Rindensymptom), die Störungen im Augenschluß, die wie mir scheint als Störungen der Lage- und Bewegungsvorstellungen des linken Augenfazialis, als motorische Apraxie des Augenfazialis aufgefaßt werden müssen, und vielleicht eine kombinierte Blickparese beim Blick nach rechts. — II. 23jähriger Soldat erlitt am 16. November einen Gewehrschuß, der Einschuß auf der Höhe der linken Schulter, Ausschuß in der rechten hinteren Axillarlinie in Höhe der neunten Rippe. Wunden geheilt. Er klagt nur über Schwäche in den Beinen. Das Röntgenbild ergab nur spär¬ liche Verletzungen am rechten sechsten Querfortsatz und Beginn der sechsten Rippe. Die Untersuchung führte zur Feststellung eines partiellen Brown-Söquard- sehen Symptomenbildes, Fußklonus und Babinski am rechten Bein, Thermobyp- ästhesie und Hypalgesie am linken Unterschenkel und Fuß, Anästhesie für Pinsel- berübruqg in Höhe des siebenten Dornfortsatzes beiderseits. Analgesie und Thermoanästhesie rechts in Höhe des siebenten bis neunten Dornfortsatzes. Es maß sich somit um eine Läsion des Rüekenmarks in Höhe des etwa seohsten und siebenten Dorsalsegmentes handeln, die aber bei ihrer relativen Gering¬ fügigkeit sicherlich nicht direkte Geschoß Verletzung, sondern wahrscheinlich Fem- wirkung des dioht vorbeigesausten Projektils sein muß. Dafür spricht auch die vorwiegende Beteiligung der grauen Substanz am Krankheitsbild. Autoreferat. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 42 Sitzung vom 17. November 1914. Herr Nonne stellt mehrere Fälle von Kriegsverwundeten vor: 1. 2 Fälle von isolierter Radialislähmung, die den H. triceps und die vom Radialis versorgte Muskulatur am Vorderarm betreffen. Die Lähmung war in beiden Fällen verursacht durch eine schräg von seitlich vorn in die Achselhöhle eindringende Gewehrkugel. Der Radialis war dort getroffen, wo er aus dem Plexus brachialis zwischen und hinter der Gabel des N. medianus und N. ulnaris als Stamm in der Achselhöhle austritt. In dem einen Fall wurde der Nerv an der betreffenden Stelle gedrückt durch ein größeres Blutkoagulum. Die Lähmung — die elektrische Erregbarkeit war normal — bildete sich in 3 Wochen zurück. In dem 2. Fall bestand schwere Form der Entartungsreaktion. Die operative Freilegung und chirurgische Behandlung des Nerven ist in Aussicht genommen. In einem 3. Fall war durch eine Gewehrkugel der Stamm des N. radialis gerade an der Umschlag¬ stelle am Oberarm getroffen worden. Lähmung der gesamten Radialismuskulatur. Entartungsreaktion. Bei der Freilegang des Nerven (Prof. Sick) fand sich, daß gerade an der Umschlagstelle der Nerv total durchgetrennt war. Die Enden hatten sich etwa 3 cm voneinander zurückgezogen. Der Knochen und die Gefäße waren intakt. Diese Fälle von glatter, totaler Dnrchtrennung eines Nerven durch Schüsse sind sehr selten, wie auch noch vor kurzem von Marburg (Wien) hervor¬ gehoben wurde. Viel häufiger sind gerade bei solchen peripheren Schußverletzungen partieller Ausfall der Funktionen bzw. partielle Erhaltung einzelner Funktionen. Als Beispiel dafür zeigt Vortr. einen Fall einer Peroneusverletzung (Gewehrkugel) am Stamm hinter dem Cap. fibulae. In diesem Fall war ausschlie߬ lich der N. tibialis anticus gelähmt, während die Mm. peronei longus et brevis intakt waren; in einem weiteren Fall war es gerade umgekehrt. Ein weiteres Beispiel dafür bietet ein Fall, in dem zwei in die rechte Achselhöhle eingedrungene Kugeln den N. medianus, ulnaris und radialis lädiert hatten, und zwar handelte es sich um Druck auf die drei Nervenstämme durch ein traumatisches Aneurysma. Seitens des N. radialis fiel nur die Funktion der Extension und Abduktion des Daumens aus, vom N. medianus die Funktion der Beugung, Opposition und Streckung des Daumens, während vom N. ulnaris die Funktion der Um. interossei nur wenig ge¬ schwächt war. Als drittes Beispiel demonstriert Vortr. einen Soldaten, dem eine Gewehrkugel den Condylus externus des linken Oberarms zerschmettert hatte. Die Kugel war an der Innenfläche der Mitte des Oberarms herausgedrungen, auf dem Wege den Stamm des N. medianus lädierend. Von klinischen Symptomen einer Läsion des Medianus fand sich ausschließlich eine Lähmung der Medianus- Muskulatur des Daumenballens mit Entartungsreaktion. Die übrigen Funktionen des Medianus inklusive elektrischer Erregbarkeit fanden sich normal. In einem 4. Fall hatte eine Kugel auf der Beugeseite des Vorderarms den N. medianus ge¬ troffen. Klinisch nur: Lähmung des M. abductor pollicis brevis und Entartungs¬ reaktion in der gesamten Thenarmuskulatur. In einem weiteren Fall hatte eine Gewehrkugel, die, in der rechten Hüftbeuge eingedrungen, durch die Bauchhöhle gelaufen und nach Durchbohrung des linken Oberschenkels unterhalb der Gesä߬ falte herausgedrungen war, eine isolierte Lähmung der vom N. peroneus und N. tibialis innervierten Muskeln bewirkt. Nur in den vom N. tibialis innervierten Muskeln bestand Entartungsreaktion. In einem anderen Fall war durch einen Gewehr¬ schuß der Stamm des N. medianus am linken Oberarm getroffen worden. Es be¬ stand Lähmung der Beuger des 2. und 3. Fingers und der Thenarmuskulatur exklusive Opposition. Die Sensibilitätsstörung war die vorschriftsmäßige. Ent¬ artungsreaktion. Bei der operativen Freilegung (Dr. Oehlecker) fand sich, daß der Stamm des Nerven in der Mitte des Oberarms in Bindegewebe verwandelt war. Der Knochen war intakt und die benachbarte Muskulatur nur ganz gering beschädigt. Die degenerierte Partie des Nervenstammes wurde reseziert und das Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 43 periphere und zentrale Ende in Beugestellung des Ellenbogengelenks vernäht und mit Oberarmfascie umscheidet. Gleich nach der Operation keine Verschlimmerung der Lähmung. Es ergibt sich daraus, daß in diesem Fall ein größerer Teil der Medianusfasern im benachbarten N. ulnaris verlaufen muß, eine Variation, wie sie nur sehr selten beobachtet ist, vielleicht aber häufiger vorkommt. Zum Schluß zeigt Vortr. einen Fall, in dem ein Querschläger den rechten M. reotus femoris durchschlagen hatte. Es war zu einer starken Abmagerung des Muskels und einer hochgradigen paretischen Schwäche desselben mit quantitativer Herabsetzung der elektrischen Erregbarkeit gekommen. Fehlen des Patellarreflexes. Nur in einem der vielen Fälle von schweren, schwersten und leichten Schußverletzungen, die Vortr. bisher untersuchte, sah er das Bild der „traumatischen Neurose“. In diesem einen Fall handelte es sich um einen seitens der Mutter nervös erblich belasteten und früher schon mehrfach nervös gewesenen Mann. Die Neurose brach von neuem aus im Anschluß an eine im Gefecht erhaltene Verletzung des Schädels durch einen Kolbenschlag. Autoreferat. Herr Weygandt: Man hatte nach den Erfahrungen des Mandschureifeld¬ zuges und der Südwestafrika-Expedition mit zahlreichen Kriegspsychosen ge¬ rechnet. Freilich war bei den Bussen der Alkohol eine wesentliche Ursache, während in Afrika die Strapazen der Hitze und deB Durstes ganz außergewöhn¬ lich waren. Eine Kriegspsychose im spezifischen Sinne gibt es nicht Ganz über¬ wiegend handelt es sich um Fälle, bei denen psychisch oder körperlich angreifende Ursachen eine Disposition zur Auslösung brachten. 1. Zunächst wird ein Fall von HyBterie vorgestellt, der früher schon gelegentlich Symptome hatte und nach der Schlacht bei Tannenberg mehrere Tage bewußtlos war und dann phantasierte. Es trat für einige Zeit Abasie auf. Zurzeit ist er auffallend weichlich, sensitiv und klagt über Schwäche in den Armen. Das Gesichtsfeld ist ganz außerordent¬ lich eingeengt. Die Frage der Dienstbeschädigung läßt sich bejahen. — 2. Ein Landsturmmann war während der Übungszeit plötzlich beim Marsch über eine sehr belebte Brücke mit dem Kopf gegen eine Mauer gerannt und besinnungslos liegen geblieben. Es bestand Verdacht auf Simulation. Eingehendere Untersuchung stellte Hysterie fest, die sich zurzeit noch in depressiven Stimmungen äußert. Bei hysterischer Veranlagung gehören derartige Zusammenhänge ja zum Wesen des Krankheitsbildes. — 3. Ein Beservist erschien während der Vorbereitung nervös, begann zu halluzinieren, sprach vom Sterben, war .bald stuporös, bald erregt, maniriert, gewalttätig, glaubte überall Elektrizität zu spüren, er würde steckbrieflich verfolgt usw. Zurzeit ist er vorwiegend stuporös, mit Katalepsie und Befehlsautomatie. — 4. Ein Musketier wurde am 26. August in Frankreich durch zwei SchrapnellschüBse am Bein verwundet. Am 8. September wurde er erregt, verwirrt, redselig, weitschweifig, negativistiscb, dann begann er stundenlang singend zu verbigerieren und war gewalttätig. Jetzt ist er etwas ruhiger ge¬ worden, redet aber vielfach faseliges Zeug und zeigt maniriert es Benehmen. Es handelt sich in den beiden letzten Fällen um eine Dementia praeoox in Form eines katatonischen Stupors bzw. einer Erregung. Die Möglichkeit eines Zusammen¬ hangs mit dem Krieg, insbesondere im Fall 4 mit der Verwundung ist schwer nachweisbar, doch auch nicht ganz abzusprechen. Eine körperliche Erschöpfung lag in beiden Fällen nicht vor. — 5. Ein Landwehrmann, der wohl früher schon Potator wir, stand im Osten, die Verpflegung war zeitweilig mangelhaft, so daß er vorwiegend von Büben gelebt haben will, dabei gibt er zu, viel Wodka ge¬ trunken zu haben. Er kam zunächst wegen Fußbeschwerden in ein Lazarett, später in Arrest. Hier brach ein typisches Alkoholdelirium aus, er sah Mäuse, Kellerasseln, Bussen und Kosaken und schlug sich mit einem Mitinsassen. Jetzt ist das Delirium im wesentlichen abgeklungen. Die Erkrankungsweise entspricht der bekannten Eigenart des Deliriums, häufig auf bereits bestehender alkoholischer Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 44 Basis unter erschöpfenden Umständen auszubrechen. — 6. Ein Landsturmmann, der vor 12 Jahren wegen Deliktes mit Kindern kriminell geworden war, hat früher manchmal Verstimmungen, Schwindel und leichte ohnmachtartige Zustände auf¬ gewiesen. .1899 sollen beim Militär auf Märschen zweimal Krämpfe vorgekommen sein. Im Juli ereignete sich ein ähnliches Delikt wie früher. Nach der Ein¬ berufung zum Landsturm traten Verstimmungszustände auf, ferner beging er, als er einmal im Quartier nioht rechtzeitig geweckt worden war, einen ernsten Suizid¬ versuch. In der Anstalt wurden mehrfach anfallsweise Verstimmungen beobachtet. Es ist anzunehmen, da£ dem Suizidversuch und seinem jetzigen Verhalten ein krankhafter Affekt auf epileptischer ßasiB zugrunde liegt. Vom Militär wurde er entlassen; § 51 StGB, fand auf das Delikt vom Juli keine Anwendung. — 7. Ein Landwehrmann, der in der Kindheit Anfälle gehabt hat, zeigte seit der Mobil¬ machung eine krankhaft veränderte Stimmungslage, lebhafte Affekte, Reizbarkeit und Suizidalneigung. Er kam wegen Magenbeschwerden in das Lazarett. Hier trat außerordentlich lebhafte Erregung und Bettfluoht auf. In der Anstalt wurde er etwas ruhiger, zeigte aber noch sehr erhöhte Reizbarkeit und Wehleidigkeit. Es ist in beiden Fällen eine Form psychischer Epilepsie anzunehmen, nachdem wohl früher einzelne epileptische Symptome vorgekommen waren, doch lange Zeit die Störungen ausgesetzt hatten. Derartige Beobachtungen, daß in Fällen, die in früheren Jahren einige epileptische Störungen gehabt hatten, seitdem aber frei¬ geblieben waren, erst die Aufregungen der Mobilmachung und auch die Strapazen des Feldzuges neue Symptome brachten, sind schon mehrfach beobachtet worden, obwohl man im allgemeinen geneigt ist, bei Epilepsie eine weitgehende Unab¬ hängigkeit von äußeren Umständen anzunehmen. In einem Fall lagen aus der Kindheit Restspuren einer Enzephalitis vor, es waren damals einzelne Anfalle und mit 11 Jahren eine Serie von Absenzen beobachtet worden und erst im Laufe des Feldzuges, nach heftigen Strapazen und erschütternden psychischen Eindrücken (Löwen) ein epileptischer Dämmerzustand aufgetreten; auch die Untersuchung nach Abderhalden bestätigte diese Auffassung. Noch komplizierter als die Fälle der Auslösung einer psychischen Störung auf Grund einer Disposition liegen vielfach die Beziehungen zwischen Hirnverletzung durch Kopfschuß und psychischen Sym¬ ptomen, auf die Vortr. später einzugehen beabsichtigt. Autoreferat. Sitzung vom 2. Dezember 1914. Herr Nonne: 1. Ein Soldat hatte gerade in der Medianlinie des Kopfes einen Streifschuß erhalten. In Ausdehnung von 3 cm lag der rauhe Knochen bloß. Es bestand beiderseits eine auf die „Verkürzer“ des Beines beschränkte Lähmung, d. h. eine Lähmung im Sinne des Typus Wernicke-Mann; Erhöhung der Sehnen- und Periostreflexe; Abschwächung der Hautreflexe. Abgesehen von der Lähmung der Beuger an den Oberschenkeln und der Strecker an den Unter¬ schenkeln war alles normal. Das Röntgenbild ergab rechts und links der Medianlinie in der Gegend des Parazentrallappene multiple Sohatten dicht unter dem Schädelknochen sowie eine Ausnagung der Tabula interna des Knochens. Nach Freilegung der Dura mater in der Medianlinie (Pof. Siok) zeigten sich rechts und links von der Medianlinie je drei bzw. vier gößere, derbe Knochen¬ splitter, welche beiderseits die Dura imprimierten. Unter der Dura war etwas Abnormes nicht zu fühlen; deshalb wurde von einer Inzision abgesehen. Nach der Operation trat eine schnelle Erholung der Beuger an den Oberschenkeln ein, und jetzt, 2 Wochen nach der Operation, funktionieren diese Muskeln normal. Die Lähmung des Peroneusgebiets besteht zurzeit noch unverändert fort. Die Sehnen- und Hautreflexe sind zur Norm zurückgekehrt. — 2. Ein Soldat war durch einen Streifschuß am Schädel in der Gegend des oberen Teils der hinteren Zentralwindung und des angrenzenden Parietallappens verletzt worden. I 1 /, Wochen nach der Ver¬ letzung Untersuchung durch den Vortr.: Leichte, motorische Parese zerebralen Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 46 Charakters linkerseits; schwere Störung der Sensibilität, fast bis zur An« ästhesie gehend, für alle Qualitäten vom Scheitel bis zur Sohle. Sen¬ sorische Funktionen normal« Klopfempfindlichkeit des Schädels rechterseits im Be¬ reich des Parietallappens und der hinteren Zentralwindung. Lumbalpunktion negativ. Röntgenbild negativ. Vortr. nahm an, daß es sich hier um einen diffusen Blut¬ erguß über hinterer Zentralwindung und angrenzendem Scheitellappen handelte. Von einer Trepanation wurde zunächst abgesehen. Im Laufe von 2 Wochen hat sich sowohl die motorische als auch die sensible Funktion bis zur völligen Norm wieder hergestellt. Pat. ist subjektiv und objektiv als gesund zu bezeichnen. Vortr. betont die Seltenheit derartiger Fälle und hebt hervor, daß, im Gegensatz zu neuerlichen Veröffentlichungen, nicht unbedingt alle traumatisch entstandenen zerebralen Symptome mit Trepanation und nachfolgender Revision zu behandeln sind, sondern daß für eine Reihe von Fällen es auch jetzt noch gilt: zunächst abwarten und beobachten. — 3. Ein Soldat zeigte einen Streifschuß, dessen Ein¬ schußöffnung über dem obersten Teil der rechten vorderen Zentralwindung lag. In diesem Falle bestand lediglich eine Lähmung der kontralateralen langen Ex¬ tensoren der Finger, dabei eine deutliche Ataxie der Finger und Aufhebung der Stereognosie. Erhöhung der Periostreflexe der linken oberen Extremität. Das Röntgenbild war negativ. Außer den genannten Symptomen bestand noch eine ausgesprochene motorische Schwäche in der das Schultergelenk, das Ellbogen- und Handgelenk bewegenden Muskulatur. Dabei waren die Sehnen- und Periostreflexe der betreffenden Gelenke normal, und es bestand eine Anästhesie vom Handgelenk bis zur Schulter, hier „gliedweise“ abschneidend, hinauf. Diese „hysterische“ motorische Schwäche der oberen Extremität wurde durch Suggestivmaßnahmen leicht beseitigt. Die organisch bedingte Lähmung der Extensoren der Finger mit Ataxie und Astereognosie bildete sich schnell (im Laufe etwa einer Woche) zu¬ rück, nachdem (Prof. Sick) eine über der obersten Gegend der hinteren Zentral¬ windung ausgeführte Trepanation unterhalb der Dura einen etwa 3 cm großen, alten, derben Bluterguß freigelegt und entfernt hatte. — 4. und 5. 2 Fälle von Hysterie nach schweren Überanstrengungen. Ein 28 jähriger Reservist erkrankte im Anschluß an schwere Marsch- und Gefechtsstrapazen an einer motorischen Lähmung der rechten oberen und unteren Extremität. Vortr. fand Kontraktur¬ stellung der beiden Extremitäten ohne Erhöhung der Sehnen- und Periostreflexe; Anästhesie für alle Qualitäten von den Zehen aufwärts bis zum Knie und von den Fingerspitzen aufwärts bis zum Ellbogen „amputationsförmig“ abschneidend. Keine Störung der sensorischen Funktionen. Auf der Abteilung trat ein hysteriformer Anfall auf. Heilung durch suggestive Maßnahmen. — 6. Ein 26jähriger Offizier- diensttuer erkrankte im Anschluß an ganz übermäßige Marsch- und Erkältungs¬ strapazen zunächst unter einem Ohnmachtsanfall mit nachfolgender allgemeiner Abgeschlagenheit und völligem Verlust der Sprache. In Eppendorf bot er das klassische Bild des Mutismus, aber ohne irgendeine Sensibilitätsstörung, die nacbzu- weisen nicht einmal einer möglichst suggestiven Fragestellung gelang. Kon- junktival- und Rachenreflex normal erhalten. Sensorische Funktionen intakt. Pat. konnte nur (und zwar sehr eifrig) schriftlich verkehren. In diesem Fall gelang es, nachdem verschiedenste roborierende und suggestive Therapie ohne Erfolg gewesen war, Pat. in Hypnosezustand zu versetzen und ihn in der Hypnose Vokale aus¬ sprechen zu lassen. Im Anschluß an diesen ersten Erfolg trat spontan die Heilung des Mutismus ein. Vortr. betont, daß Fälle von „grande hyst6rie“ gegenwärtig wieder häufiger zur Beobachtung kommen. Auslösend wirken nach den Erfahrungen des Vortr. bei den Soldaten in erster Linie körperliche Überanstrengungen, erst in zweiter Linie physische Shocks. Vortr. teilt des weiteren mit, daß einer seiner Patienten, der sich in einer ausgiebigen Remission von Paralyse befand, bisher mit Auszeichnung gekämpft hat. Ebenso zwei Tabiker, der eine mit Ataxie, als Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 46 BataillonsfÜhrer der andere mit heftigen lanzinierenden Schmerzen in anstrengenden täglichen Waldkämpfen in den Argonnen. Letzterer erwarb sich durch seine Leistungen das Eiserne Kreuz. Ein weiterer Patient, Neurastheniker, der seit mehreren Jahren an schwerem zwangsmäßigem Lähmungsgefühl in den Beinen litt, erwarb sich durch besondere Tapferkeit bei der Erstürmung von Feldbefestigungen und Gefangennahme des Kommandanten das Eiserne Kreuz. Seine bis dahin keiner therapeutischen Maßnahme weichenden Beschwerden waren vom ersten Marschtage an verschwunden. Ein Offizier, der vor 2 Jahren an einem Symptomenbild er¬ krankte, das Vortr., dessen Diagnose von zwei Universitäts-Berufspsychiatern be¬ stätigt wurde, als Dementia praecox auffaßte, trat, nachdem er etwa ein Jahr lang in Anstandsbehandlung gewesen war, wieder als Offizier ein. Er machte den Feldzug bisher in bestem Wohlsein mit und zeichnete sich bei den Kämpfen um ReimB so aus, daß er das Eiserne Kreuz erwarb. Autoreferat. Herr Wohlwill demonstriert 3 Fälle von Sprachstörung nach Sohußver- letsung (Abt. Sick und Nonne, Eppendorfer Krankenhaus). 1. Granatverletzung am linken Stirnbein am 10. Oktober 1914. Das Röntgenbild zeigt einen kleinen Granatsplitter in der Spitze des linken Schläfelappens. Spontansprache und Nach¬ sprechen total aufgehoben. Schreiben sehr viel besser, wenn auch mit Entstellungen. Vorgezeigte Gegenstände werden schriftlich meist richtig bezeichnet. Ein vom Pat. geschriebener Brief enthält zwar neben vielen korrekten Wörtern zahlreiche ent¬ stellte, doch vermag Pat. auf diese Weise seinen Gedanken Ausdruck zu geben, was mündlich ausgeschlossen ist. Lesen, Sprachverständnis intakt. Hierzu kommt eine leichte Störung der Praxie. Während Pat. die kompliziertesten Aufträge richtig ausführt, sobald es sich um Manipulation mit Gegenständen handelt, kommt es bei Bewegungen, die im Bereich des eigenen Körpers auBzuführen sind (ans Ohr zeigen, Kniebeuge ausführen usw.), öfters zu ausgesprochenen Fehlhand¬ lungen (Bewegungsentstellungen). Eine operative Freilegung der verletzten Ge¬ hirnstelle ergibt Zertrümmerung daselbst. Danach Rückgang der apraktisohen Symptome, Bestehenbleiben der motorischen Aphasie, die angesichts der Gering¬ fügigkeit der Schreibstörung als vorwiegend subkortikale zu bezeichnen ist. — 2. Am 6./IX. 1914 Streifschuß in der linken Scheitelgegend durch Infanterie¬ geschoß. Sogleich darauf totale rechtsseitige Hemiplegie mit totaler motorischer Aphasie. Bei der Aufnahme am 14. Oktober waren alle Störungen schon erheb- lioh zurückgegangen. Damals fand sich abgesehen von einer rechtsseitigen Hemi¬ parese mit Hemianästhesie ohne Hemianopsie eine starke motorische Aphasie mit schwerer Störung sowohl der Wortfindung wie der Artikulation; Nachsprechen ebenso stark gestört, Wortverständnis intakt. Schreiben: ausgesprochene Agraphie. Lesen: Lautlesen stark artikulatorisch gestört, aber offenbar unter richtiger Per¬ zeption der Wort- und Buchstabenbilder. Lese Verständnis vollkommen auf¬ gehoben. Auch annähernd richtig laut vorgelesene Wörter und Sätze werden absolut nicht verstanden, während mündliche Wiederholung durch den Arzt sofort verstanden wird. Seither wieder erhebliche Besserung. Nur noch ganz leiohte Erschwerung der Spontansprache. Eine Störung des Leseverständnisses ist nur noch bei längeren Geschichten nachweisbar. An diesem Fall ist ungewöhnlich das Auftreten einer Alexie, obwohl eine Störung des Sprachverständnisses einerseits und eine Hemianopsie andererseits fehlte. — 3. Steckschuß durch Infanterie¬ geschoß, eingedrungen am linken Schläfenbein, jetzt über dem linken Felsenbein liegend. Keine Halbseitenerscheinungen. Es besteht eine amnestische Aphasie, daneben auch sonst erhebliche Störungen des Gedächtnisses und der Merkfahig- keit, starke Erschwerung der Orientierung im Raum, absolute Aufhebung der früher vorhanden gewesenen Fähigkeit zu singen und Melodien zu erkennen. Vortr. weist darauf hin, daß die Symptome bei Hirnschüssen nioht zu lokaldiagnostischen Zwecken verwertet werden können, da auch weitab vom Schußkanal noch erheb¬ liche Alterationen der Hirnsubstanz Vorkommen können. Autoreferat. Digitized hy Gck igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 47 Vereinigte ärztliche Gesellschaften in Berlin. Sitzung vom 9. Dezember 1914. Ref.: Toby Cohn. Herr Toby Cohn demonstriert vor der Tagesordnung eine äufierst einfache Korrektur der Peroneuslähmung, die ein hiesiger Kollege für sich selbst konstruiert hat, nachdem er als Stabsarzt beim Reiten mit dem Pferde gestürzt war und eine Kniegelenksluxation mit Peroneuslähmung davongetragen hatte. Nach Heilung der Luxation bessert er den Peroneusgang dadurch, daß er durch die untersten beiden Schnürlöcher seines Schnürstiefels außer den gewöhnlichen Schnürsenkeln noch einen ledernen Senkel zieht. Wenn er dann den Stiefel mit den eigentlichen Senkeln in gewöhnlicher Weise verschnürt hat, bringt er den Fuß durch Aufstützen in starke Dorsalflexion, zieht den unter den Touren des eigentlichen Senkels, also von diesen bedeckt, liegenden Ledersenkel kräftig auf¬ wärts und hält damit den Fuß in Dorsalflexion fest. Alsdann knotet und ver¬ schnürt er den Ledersenkel einfach am oberen Ende des Schuhs. Die Gang¬ korrektur ist, wie die Demonstration erkennen ließ, ausgezeichnet, obwohl noch völlige Peroneuslähmung (mit kompletter EntartungBreaktion) besteht. Gerade gegenwärtig, wo wir so viele Kriegsverletzungen der Beinnerven sehen, ist es beachtenswert, wie mit einem so einfachen Hilfsmittel unter Umständen teilweise Dienstfahigkeit trotz fortbestehender Lähmung erreicht werden kann. Autoreferat. Herr M. Lewandowsky. Referat über die Kriegsverletzungen des Nervensystems. 1 1. Gehirnschüsse. Aspetisch eingeheilte Geschosse bieten nach wie vor keine Indikationen zur Entfernung. Immerhin ist die Verwerfung dieser Indikationen nicht mehr ganz so prinzipiell wie früher, falls das Geschoß leicht erreichbar ist. Die wesentliche Indikation zum chirurgischen Eingriff ist die Rücksicht auf die möglichst aseptische Gestaltung jener penetrierenden Schädel¬ wunde. Die Erfahrungen an den in die Heimat transportierten Verwundeten bestätigen die Notwendigkeit der sofortigen operativen Kontrolle aller Schädel¬ wunden, speziell der Tangentialschüsse. Die draußen nioht chirurgisch kontrollierten Fälle sind viel häufiger infiziert als die kontrollierten. Bei den draußen nicht kontrollierten ist auch in der Heimat noch sehr häufig die chirurgische Kontrolle angezeigt. Bei jedem Schädelverletzten ist die langdauernde Beobachtung auch bei anscheinend gutem Verlauf notwendig. Noch nach mehrwöchiger Fieber- losigkeit können Meningitiden und Hirnabszesse zur Erscheinung kommen. Außer der eitrigen Meningitis mit dem unvermeidlichen Ausgang kommen meningitische Zustände durch Meningitis serosa und leichtere meningeale Blutungen vor, die eine günstigere Prognose bieten. Hier ist zur Therapie und zur Diagnose die Lumbalpunktion angezeigt. Durchschüsse des Gehirns machen oft nur geringe Symptome, anscheinende Streifschüsse oft schwere. Letzteres erklärt sich durch bestehende Schädelbrüche, oft biB an die Basis. Besonders häufig sind dabei Cochlearis- und Vestibulariserscheinungen. Für die Schädel Verletzungen ohne penetrierende Wunde gilt der Grundsatz, daß nur auf die Voraussetzung umfang¬ reicher meningealer Blutungen operiert werden darf. Das Dauerschicksal der Hirnverletzten ist noch nicht zu übersehen. Sicher wird bald die Frage der Spätfolgen naoh solchen an uns herantreten. Am ehesten ist die Indikation zur Operation bei der traumatischen Epilepsie gegeben, soost mögliche Zurückhaltung angezeigt. — 2. Rüokenmarksverletzimgen. Sie erfordern eine fast unbedingte Zurückhaltung für operative Eingriffe. Die totalen Rückenmarksverletzungen bieten mit und ohne Operation keine Chance, die partiellen heilen ohne Operation häufig besser. Diejenigen Rückenmarksverletzungen, die überhaupt Aussicht auf eine Wiederherstellung bieten, sind auch fast nie durch Zerschmetterung des 1 Gesellschaft für Psyohiatrie und Nervenkrankheiten. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 48 Rückenmarks bedingt, sondern durch traumatische Nekrose und Blutungen in Fällen, in denen das Gesohoß nur am Rückenmark vorbei gegangen ist. Das wichtigste bei der Behandlung der Rückenmarksverletzungen bleibt die Verhütung der Infektion von der Blase aus. Die Guadaverletzungen sollten vielleicht mehr nach der für die peripheren Nerven geltenden Indikation behandelt werden. — 3. Periphere Nerven, Die totale Durchschlagung von Nerven durch Geschosse ist selten (etwa 15 °/o). Neurologisch läßt sich in vielen Fällen nur dann die Ausdehnung der Verletzung bestimmen, wenn der Nerv nicht total durchschlagen ist. Es ergibt sich das aus der Erhaltung von Funktionsresten, welche entweder diffus sein können oder zirkumskript in den Betroffensein oder Erhaltensein ge¬ wisser Nervenfasergruppen sich kundgeben. Selbst totale Entartungsreaktionen beweisen noch nicht, daß der Nerv wirklich durchtrennt ist. Diese Indikation zur Operation ist aber nicht die einzige, sondern der Nerv muß auch dann frei- gelegt werden, wenn er verwachsen und in Narben eingebettet ist. Dazu genügt praktisch die Feststellung, ob eine Besserung der Funktion in 4 bis 6 Wochen eingetreten bzw. fortgedauert hat oder nicht. Wenn das nicht der Fall gewesen ist, so muß der Nerv freigelegt werden. Unter 14 nur auf diese Indikation hin operierten Nerven erwies sich die Operation in 12 Fällen als notwendig. In sehr seltenen Fällen können auch sehr starke neuralgische Schmerzen die Indi¬ kation zur Operation geben. Dieselben Indikationen gelten auch für die mit Knochenverletzungen verbundenen Nervenverletzungen. Fälle durch zu langes Liegenlassen der Esmarch sehen Binde kommen leider nicht zu selten vor. — 4. Hysterie. Ist bei Nervenverletzungen nicht häufiger als bei anderen. Die schwersten Fälle kommen ohne Verletzung und bei leichten Verletzungen vor. Es ist nicht zu erwarten, daß die Zahl der funktionellen Störungen eine über¬ mäßig große wird, wenn man die Zahlen der Unfallstatistik zugrunde legt. Die Organisation der Behandlung dieser Störungen zusammen mit den nach Ver¬ letzungen zurückbleibenden Störungen muß auf breitester Grundlage eingeleitet werden. Autoreferat. Die Diskussion zu diesem Referat wurde am 23. Dezember eröffnet. Es sprachen die Herren Oppenheim, Peritz, Rothmann, Benda, Schuster. Die weitere Diskussion findet nach den Weihnachtsferien statt und wird dann im Ganzen hier abgedruckt werden. L. t. Frankl-Hochwart f Soeben ist einer der hervorragendsten Vertreter unseres Faches, Professor L. v. Frankl-Hoehwart, in Wien gestorben. Wir betrauern tief den Verlust, den die Neurologie Deutschlands und Österreich-Ungarns und damit auch der ganzen Welt erlitten hat. In einer der nächsten Nummern werden wir eine Würdigung seiner Lebensarbeit aus berufener Feder bringen. Seine bedeutende, von echt Wienerischer Liebenswürdigkeit getragene Persönlichkeit wird uns allen unvergeßlich sein. Zar gefälligen Beachtung. Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth» mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders am Ein* sendnng von Kriegserfahrangen und Kriegereferaten gebeten; sie werden wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. Verlag von Viit ft Comp, in Leipzig. — Druck von Metzobe & Wittio in Leipzig. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN Neurologisches Centralblatt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet von Pro! R MendeL Herausgegeben TOD Dr. Kurt Hendel. Tierunddrelßigster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle 'Buchhandlungen des In« und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie direkt von der Verlagsbuchhandlung. 1915. 16. Januar. Nr. 2. I. Orlgfaalftittcifungcn. 1. Krankendemonstration zur Kriegsneurologie, von H. Oppen- Mm. 2. Intravitale nnd postmortale Hirnschwellnng. Eine Berichtigung der letzten Aus¬ führungen Rosentals, von Prof. Martin Reichardt. II. Referate. Krieg. 1. Psychiatrie und Krieg, von Bonhoefler. 2. Znr Behandlung der Schußverletznng des Rückenmarks, von Guleke. 8 . Anosmie nnd Euophthalmns trau- maticus, von Strebei. 4. Zur Anwendung des Tetanusserums, von v. Behring, 5. Zur Be¬ handlung des Wundstarrkrampfs, von Angerer. 6. Znr Tetauusbehandlung mit Magnesium- sulfat, von Eunike. 7. Zur Tetanusfrage, von Wolfsohn. 8. Beitrag zur Behandlung den Tetanus, von Spanutb. 9. Ober die Bedeutung großer Katastrophen für die Ätiologie einiger psychischen Nervenkrankheiten, von Bajenow. 10. Erfahrungen über die Behandlung von Hirnschüssen, von Marburg und Ranzi. 11. Kriegsverletzungen des peripherischen Nerven¬ systems, von Hezel. — Psychiatrie. 12. Die Prognose des Morphinismus, von Kdnig. II. Ober Vergiftungen durch nitrose Gase, von Tetzner. 14. Zur Frage der chronischen Morphinpsychose nnd des Zusammenhangs von Sinnestäuschungen und Wahnideen, von Schneider. 15. Ober Beeinflussung der Morphinwirkung durch die Nebenalkaloide des Opiums, von Meissner. 16. Ein Fall von LnminalVergiftung, von Ungar. 17. Medinal in psychiatrischer Praxis, von Reicht« 18. Panton „Roche“ in der Hand des praktischen Arztes, von Friedlinder. III. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie nnd Nervenkrank¬ heiten, Sitzung vom 14. Dezember 1914. IV. Mitteilung an den Herausgeber. 1. Originalmitteilun gen. 1. Krankendemonstration znr Kriegsneurologie. 1 Von H. Oppenheim. L Über Hemiplegia spinalis mit homolateraler Hemianftsthesie. D«r 23 jährige Grenadier H. erhielt am 21. August, während er sich in liegender Stellung befand, einen Bajonettstich in die rechte obere Halsg'egend; er ■drang von rechts oben nach links unten ein. Patient brach bewußtlos zusammen, dann stellten sieh klonische Zuckungen in den Beinen ein sowie eine lähmungs« 1 Die Vorstellung der Kranken hat in der Berliner Gesellschaft für Psjobiatrie nnd Neurologie am 14. Dezember 1914 stattgefnnden. XXXIV. 4 Digitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSETY OF MICHIGAN 50 artige Schwäche in allen vier Extremitäten. Er konnte nicht gehen und stehen. In den ersten 4 Wochen bestand unfreiwilliger Urinabgang y auch einigemal» Incontinentia alvi. Die Wunde verheilte in 14 Tagen; er lernte dann bald an Stöcken gehen, schließlich schwand die Schwäche im linken Bein und Arm, während die Störungen in der rechten Körperseite nur eine Besserung erfuhren. Wie Sie sehen, findet sich eine Stichnarbe oben am Halse hinter dem rechten Sternocleidom&stoideus, etwa zwei Querfinger unterhalb des Proc. mastoideus. Hirnnerven frei. Nur ist die rechte Pupille und Lidspalte etwas weiter al» die linke bei guter Reaktion der Pupille. Die schwersten Funktionsstörungen finden sich im rechten Arm. In allen Muskelgruppen besteht eine Hypertonie, die Sehnenphänomene entsprechend gesteigert; anfangs (d. h. vor einigen Wochen bei der Aufnahme) ließ sich ein Supinationsklonus auslösen. Die aktiven Be¬ wegungen sind teils durch den spastischen Zustand beschränkt, außerdem besteht eine distalwärts zunehmende Parese, besonders fehlen die isolierten Fingerbewe¬ gungen. Ausgesprochene statische und maximale Bewegungsataxie in der rechten Oberextremität. Im rechten Bein Hypertonie, Fußklonus, Babinskisches Zeichen, auch im linken Bein geringere Hypertonie mit Steigerung der Sehnenphänomene und Rossolimoschein Zeichen. Soweit handelt es sich um das typische Bild der Hemiplegia spastica spinalis (cervicalis superior), wie es bei einer Halbseitenläsion oberhalb der Halsanschwellung zu erwarten ist. Ich will noch hinzufögen, daß der Phrenicus unbeteiligt ist, auch bei röntgenologischer Prüfung (Dr. Katz), Nun aber zeigt sich ein auf- fallendes und sehr überraschendes Verhalten der Sensibilität. Am rechten Arm findet sich taktile Anästhesie, Analgesie, Thermhypästbesie und Bathyanästhesie. Die Störung reicht bis in die Fossa supraclavicularis und noch in einen Bezirk des rechten äußeren Ohres. Diese Anästhesie erstreckt sich, wie Sie sehen, über die rechte Rumpfhälfte und das ganze rechte Bein. Dagegen ist die Sensibilität auf der linken Körper¬ seite unversehrt. Eine leichte Schwäche und Hypertonie ist auch im linken Arm noch nach¬ weisbar. Das Besondere, das der Fall bietet, ist die Erscheinung, daß statt der Brown-Söquard sehen Lähmung eine Hemiplegie und Hemianästhesie der gleichen Seite besteht. Wie ist das zu erklären: Man kann verschiedenen Vorstellungen Raum geben: 1. Neben der halb¬ seitigen Verletzung des rechten oberen Zervikalmarks liegt eine RöhrenUutung vor, die sich durch das rechte Hinterhorn bis tief hinab ins Sakralmark erstreckt Es kommen ja solche Röhrenblutungen vor, aber die Annahme ist eine durch¬ aus gezwungene und schon deshalb nicht haltbar, weil man unter derartigen Ver¬ hältnissen am homolateralen Bein eher eine schlaffe, atonische, eventuell atro¬ phische Lähmung erwarten müßte. 2. Dem Fehlen der Pyramidenkreuzung, wie es in vereinzelten Fällen kon¬ statiert worden ist, könnte ein angeborener Mangel der sensiblen Kreuzung ent¬ sprechen. Das ist eine recht gewagte Hypothese, die sich bislang auf keine tat¬ sächliche Feststellung zu stützen vermag. 3. Man könnte vermuten, daß die rechtsseitige Hemianästhesie überhaupt nicht durch organische Veränderungen verursacht ist, sondern eine akzidenteU» Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 51 hysterische Erscheinung bilde. Das ist unbedingt abzalebnen. Denn die Ge¬ fühlsstörung hat durchaus den Charakter der echten spinalen: sie reicht nach oben bis in das durch die Läsion betroffene Zervikalsegment, sie geht ferner — wie es besonders der Batbyanästhesie entspricht — mit statischer und Be¬ wegungsataxie einher, sie ist ganz stabil und unabhängig von jedem psychischen Vorgang; die homolateralen Sinnesfunktionen sind nicht herabgesetzt und Patient bietet in seinem ganzen Wesen keinen Zug von Hysterie. Hach Ablehnung aller dieser Deutungsversuche, bleibt nur eine Annahme, daß die Läsion sich nicht auf die rechte Rückenmarkshälfte beschränkt hat, sondern daß die Spitze des Bajonetts auch durch die linke Hälfte hindurch¬ gedrungen ist und hierbei auf der rechten im wesentlichen die Pyramidenbabu und den Hinterstrang, auf der linken fast ausschließlich die gekreuzte sensible Leitungsbahn verletzt bzw. durchtrennt hat. Für die Richtigkeit dieser Auf¬ fassung spricht auch der Umstand, daß anfangs alle vier Extremitäten gelähmt waren, und daß sich röntgenologisch gerade auf der linken Seite eine Verletzung der Wirbelsäule in der Höhe des 6. und 7. Halswirbels zeigt. (Das Bajonett ist von rechts oben nach links unten schief eingedrungen.) Der Röntgenologe unseres Lazaretts, Dr. Ratz, der von meiner Auffassung nichts wußte, zeigte mir das Röntgenbild mit dem Bemerken, daß er von dem Befunde, den er auf der Seite der Narbe erwartet hatte, ganz überrascht sei. Das ganz ungewöhn¬ liche Symptombild findet so seine Aufklärung. Zu Literaturstudien haben wir jetzt keine Zeit; ich weiß nicht, ob Beob¬ achtungen entsprechender Art schon vorliegen, halte es aber für wahrscheinlich, da derartige Fälle es am ehesten verstehen lassen, daß gegen die Brown- Söquard sehe Lehre früher so oft Einspruch erhoben worden ist. II. Über einen Fall echter Reflexl&hmung (?). Der 26 jährige Reservist E. erhielt am 26. August bei N. einen Infanterie- schuß durch die Uitte des linken Oberarms aus unbekannter Entfernung. Die Wunden heilten in 4 Wochen, die Knochenheilung (Schrägfraktur des Humerus) nahm lange Zeit in Anspruch. Anfangs war der linke Arm steif und bewegungs¬ los, nach 5 Wochen konnte er ihn wieder bewegen. Die ursprünglich vor¬ handenen Schmerzen schwanden zugleich mit der Wiederkehr der Beweglichkeit. Erst im weiteren Verlauf, d. h. vor etwa 6 bis 7 Wochen habe sich eine dann all¬ mählich zunehmende Bewegungslosigkeit eingestellt, die den ganzen linken Arm, besonders aber die Oberarmmuskeln ergriffen habe. Die EinschuUnarbe findet Bich, wie Sie sehen, in der Uitte des Oberarms außen, die Ausschußstelle in derselben Höhe hinten. Das Röntgenbild zeigt Ihnen den Schrägbruch des Humerus. Als ich den Patienten am 20. November zum eisten Male untersuchte, bot er das Bild einer totalen atrophischen Lähmung des linken Deltoideus, Bizeps, Brachialis internus, Supinator longus — es schien sich also auf den ersten Blick um eine Erbsche Lähmung zu handeln, aber die Bewegungsstörung er¬ streckte sich doch auch auf den Trizeps und die Adduktoren des Oberarms, auch war noch eine leichtere Parese in den distalen Muskeln der linken Oberextremitat vorhanden. Immerhin bildete den Kern der Symptomatologie die Erbsche 4* Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN Lähmung mit Atrophie der betroffene« Muskeln öod Schlottern des Schulter- Schtaeraa, DrootsclnDerjjhafiigteit, Objekt»re Störungen der Sensi¬ bilität fehl'feo. Bei diesem Tatbestände inoflte m erster Linie an eine Poliomyelitis sub¬ akuter Entstehung gedacht werden- Vollkommen .überrascht wurde ich dauu durch die Feststelluag eins» normalen Verbaltehs der elektrischen Er- Figrl- Flg. 2. • \v‘. •_ : ■•■r* , Y'^Vv/.-VL ‘ ''«ijty -- - && jfr: •••’' •' • • regbarkeit. Nerven und Masteln des ‘linken Armes reagierten auf den faradi&ebea wie auf den galvanischen Strom iß noniidtef Weise* Ea kwßte nicht einmal von einer quantitativen Abnahme der Erregbarkeit die Hede sein, wenn mun Ijerftcksichtigt, daß die Ausgiebigkeit der Zuckung iu dem atrophischen Muskel hinter der des vuihmlwickdten etwas xtirückstebi. Ich will ihnen nun erst den Kranken demontrierejL : Wie Sie «af den ersten Blick sehen {Fig. 11, ist die Muskulatur am linken Oberarm afcropbkwt, besonders gilt das für de« Deltoideusi so daß links die kubckemeu Oeleakteile deutlich feerrortrötan und der Hujneruskcpf herabgesnnken ist, das SchuUergden.it' schlottert. Änch die Kon- tu reo der ÜnterarmiKUigemnskela treten nicht deutlich ia?«.; bei der. Betastung *— 53 — fühlen sie sich schlaff au, das gilt auch für den Supinator longus. Beugt mau den Unterarm gegen den Oberarm und abduziert diesen, so fällt die Bizeps* inasse der Schwere nach auf die entgegengesetzte Seite. Das Supinatorphänomen fehlt links vollkommen, während es rechts deutlich zu erzielen ist Das Trizeps¬ phänomen ist beiderseits vorhanden. Besonders beachtenswert ist folgende Erscheinung: Wenn Patient geht, schwingt und pendelt der linke Arm vollkommen wie ein lebloses Anhängsel hin und her, es fehlt jede Spur von Innervation und Tonus. Die Abduktion im Schultergelenk fehlt noch vollständig. Dagegen ist in¬ sofern eine Besserung eingetreten, als der Krauke jetzt eine geringe Beugung des Unterarms auszuführen vermag. 1 Dabei manipuliert er, wie Sie sehen, eigen¬ tümlich: Er legt den Kopf etwas nach rechts herüber, streckt die Hand im Handgelenk und beugt die Finger kräftig (Fig. 2), dann gelingt es ihm scheinbar unter großer Anstrengung den Unterarm etwas zu beugen, und es macht sich dabei auch eine leichte Anspannung des Bizeps und Supinator longus bemerklich. Aber der lokomotorische Effekt ist ganz gering. Im Deltoideus und Bizeps sieht man dabei bisweilen ein fibrilläres Zittern. Die elektrische Erregbarkeit ist, wie schon hervorgehoben, normal. Sen¬ sibilität und Sinnesfunktionen intakt. Linkes Bein in bezug auf alle Funktionen normal. Keine neuropathischen Züge bis auf die Erscheinung, daß Patient von klein auf stottert. Sie begreifen, daß mir die Deutung des Falles viel Schwierigkeit gemacht hat Gewiß kennen wir peripherische Lähmungen ohne Veränderung der elek¬ trischen Erregbarkeit wie die Schlafdrucklähmung des N. radialis. Aber das sind leichte Lähmungen, die auch nicht mit Atrophie verknüpft sind und schnell vorübergehen. Eine so absolute und mit allen äußeren Zeichen der Atonie und Atrophie einhergebende peripherisohe oder gar spinale Lähmung ohne Beein¬ trächtigung der elektrischen Erregbarkeit ist eine durchaus ungewöhnliche Er¬ scheinung. Eine Erb sehe Lähmung neuritischer oder poliomyelitischer Genese muß ich also hier ausschließen. Von vornherein drängte sich mir die Vorstellung der psychogenen, hyste¬ rischen Lähmung auf, und dieser Gedanke ist auch in der Diskussion schüchtern zum Ausdruck gekommen. Aber wir müßten mit dem gewohnten Begriff der Hysterie völlig aufräumen, wenn wir die atonische, atrophische Lähmung, mit er¬ loschenen Sehnenphänomenen, bei der jedes Zeichen einer psychischen Vermittlung fehlt, so daß die betroffenen Muskeln unter allen Bedingungen — bei längerer Beobachtung, bei Ablenkung der Aufmerksamkeit, im Affekt, bei Gestikula¬ tionen usw. — sich ganz gleichmäßig wie vollkommen aus dem Kreis der Inner¬ vation ausgeschaltete verhalten — wenu wir eine derartige Paralyse für eine hysterische halten wollten. Die Art des aktiven BeweguugsVersuches bei der intendierten Unterarm¬ beugung ist allerdings dazu angetan, die Vorstellung eines psychogenen Vorgangs 1 Zusatz bei der Korrektur atu 6./I. 1915: Die Besserung ist inzwischen langsam und stetig foitgeechritten. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN auf kommen zu lassen. Aber sie erklärt sich doch aus den physiologischen Ver¬ hältnissen. So heißt es in meinem Lehrbuch der Nervenkrankheiten (S. 28 der ü., sowie in den früheren Auflagen) in bezug auf die Beuger des Unterarms: „Sind alle drei gelähmt, so kann eine schwache Beugung doch noch dadurch bewerkstelligt werden, daß die Flexoren der Hand und Finger, soweit sie vom Condyl. internus humeri entspringen, sowie der Pronator teres sich übermäßig an¬ spannen oder sich kontrahieren, während die Hand durch die Antagonisten fest¬ gehalten wird. Der Effekt ist dann Beugung des Unterarms. Ebenso können die Extensoren der Hand und Finger die Beugung des Unterarms vermitteln, nachdem er proniert und das Handgelenk überstreckt oder in Beugestellung fixiert wurde. Diese schon von Duchenne beobachtete artifizielle Beugung er¬ kennt man schnell daran, daß sie unmöglich wird bei gewöhnlicher Haltung der Hand und Finger und im übrigen mit sehr geringer Kraft zustande kommt.“ Wenn wir nun auf Grund aller der festgestellten Tatsachen den psychogenen Ursprung der Erscheinungen mit Bestimmtheit ablebnen — welche Erklärung bleibt dann übrig? Es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß das Leiden hier in die Kate¬ gorie der artbrogenen Atrophie gehört, jener Form des einfachen Muskel¬ schwundes, welcher sich im Bereich erkrankter Gelenke und Knochen entwickelt, in der Regel nur einen geringen, aber gelegentlich doch auch einen ziemlich hohen Grad erreicht. Auf die Literatur dieser Frage will ich hier nicht eiu- gehen, sondern nur auf die Diskussion hinweisen, die ihr im Anschluß an Demonstrationen der Herren Schüsteb und Gassi beb 1 in dieser Gesellschaft ge¬ widmet worden ist Die Lehre, welche diese Atrophie auf einen reflektorischen Vorgang zurückführt, auf einen Reiz, welcher von dem erkrankten Gelenk auf das Vorderhorn ausgeübt wird, kann wobl als die jetzt herrschende und von der Mehrzahl der Forscher anerkannte betrachtet werden. Der heute vorgestelltc Fall unterscheidet sich aber von den bisher beschriebenen durch das Moment der vollkommenen Lähmung. Nicht eine einfache Atrophie liegt vor, sondern eine komplette Paralyse mit Atrophie. Erkennen wir aber einmal an, daß von der Peripherie eiu Reiz ausgehen kann, der die vordere graue Substanz in ihrer tropbischen Funktion beeinflußt, so hat es kaum noch etwas Gewagtes, die Hypothese aufzustellen, daß dieser Reiz sich unter uns unbekannten Bedingungen in der Weise geltend machen kann, daß die vordere graue Substanz für die ihr vom Gehirn zufließenden Im¬ pulse gesperrt wird. Wir kommen damit zu der alten Lehre von der Reflex - lähmung zurück. Jedenfalls weiß ich unserer Beobachtung keine andere Deutung zu geben. Aber wäre es nicht doch möglich, daß die psychische Disposition hier eine gewisse Rolle spielte? Unser Patient bietet keine Zeichen von Hysterie, aber er stottert von klein auf und hat — wie er nachträglich angegeben hat — im 9. Lebensjahr einen Schädelbruch erlitten, nach dem eine Hemmung in seiner geistigen Entwicklung eingetreten ist, so daß er schlecht in der Schule lernte, 1 Neurol. Cenralbl. 1911; ygl. auch mein I.ehrb. der Nervcnkr. VI. S. 306. Digitized by Google Original fro-m UMIVERSITYOF MICHIGAN 55 besonders im Kopfrechnen es nicht über die ersten Anfänge brachte. Gr ist dann Schlosser und Monteur geworden und hat sich damit gut vorwärtsgebracht. Ist es nicht denkbar, daß die Unerregbarkeit der vorderen grauen Substanz für die ihr aus dem Zentrum zuströmenden Impulse nur eine relative ist und daß es von der psychischen Individualität, von der Kraft des Willens, von der Intensität der aufgewandten Energie abhängt, ob die Sperrung ganz oder teil¬ weise überwunden wird? Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kauD. Aber mit ihrer Bejahung würde sich noch ein kleiner Schlupfwinkel für eine hysterische Komponente bieten. Für den Kern des Leidens: für die atrophische, atonische Lähmung lehne ich die psychogenetische Entstehung un¬ bedingt ab und nehme einen reflektorischen Vorgang an, der nur in seinem neuro-spinalen Anteil ein dynamischer, in seinem muskulären ein organischer, materieller ist. Aber ich lasse die Möglichkeit offen, daß eine psychische Dis¬ position, welche die Seelenenergie herabsetzt, an der Nichtüberwindung dieser Hemmung beteiligt ist. [Ana der psychiatrischen Klinik zn Würzbarg.] 2. Intravitale und postmortale Hirnschwellung. Eine Berichtigung der letzten Ausführungen Bosental’s. Von Prof. Martin Beiohardt. Der letzte Aufsatz von Rosental in diesem Centr. 1014. S. 1085 enthält leider wieder sehr erhebliche Irrtümer und Unrichtigkeiten, welche ich im Inter* esse der Sache an dieser Stelle kurz berichtigen möchte. Ich behalte mir vor, außerdem in einer besonderen Arbeit nochmals ganz ausführlich auf den Streit¬ punkt einzugehen und dann auch wörtlich die RosENTAL’schen Sätze und meine tatsächlichen Ausführungen gegenüber zu stellen, sofern ein allgemeines Interesse dies wünschenswert oder notwendig machen sollte. Zunächst bin ich aber der Ansicht, daß Rosental mit seinen Anschauungen noch ziemlich allein dasteht, und daß sich, bei sofortiger Richtigstellung der Irrtümer, niemand ernst¬ haft von ihm beeinflussen lassen wird. Vielleicht genügt daher schon die nach¬ stehende Berichtigung. I. Robental behauptet, daß ich „jetzt auch die Möglichkeit der post¬ mortalen Hirnschwellung ohne weiteres zugebe“. Ich habe schon in diesem Centr. 1914. S. 1078 dargetan, daß ich die (theoretische) Möglichkeit der post¬ mortalen Hirnschwellung stets zugegeben habe. Ich habe in der Anmerkung 4 auf S. 1078 zum Beweis hierfür zwei Abhandlungen genannt. Die eine Abhand¬ lung ist 3 Jahre und die andere 4 1 /, Monate früher erschienen, bevor Rosental das Manuskript seiner ersten Arbeit über histologische Befunde beim so¬ genannten Pseudotumor cerebri 1 zur Veröffentlichung eingesandt hatte. Wenn 1 Zeitsohr. f. d. ges. Nearol. a. Psyoh. VII. 1911. S. 168. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 56 ioh in der, ebenfalls schon vor Jahren angeköndigten, ausführlichen Bearbeitung des Themas im Heft 8 der Arbeiten aus der psychiatrischen Klinik zu Würzburg aueh der Möglichkeit der postmortalen Hirnschwellung etwas eingehender gedacht habe, als dies in den vorläufigen Berichten über meine Untersuchungen der Fall war, so liegt ein solches Verfahren in der Ausführlichkeit der letzten Publikation ohne weiteres begründet. ltosENTAL sagt ferner, daß ich gegen seine Erörterungen zur Histologie der Hiruschwellung nichts einwende. Nichts eingewendet habe ioh lediglich gegen die letzten Erörterungen Rosental’s , 1 in welchen Rosental mit¬ teilt, daß die weitgehenden histologischen Veränderungen mit Anschwellung der einzelnen Gewebsbestandteile die Himsohwellung noch nicht erklären können^ Es ist dies mein Standpunkt, den ich von jeher vertreten habe, den aber Rosental in seiner ersten Publikation aus dem Jahre 1911 offenbar nooh nicht geteilt hat. Zwischen dieser seiner ersten und den späteren Veröffentlichungen Rosental’s besteht nämlich ein starker Unterschied; ich komme hierauf später noch kurz zu sprechen. Rosental scheint sogar zu glauben, daß erst seine erste Veröffentlichung mich zu einer Sinnesänderung veranlaßt hätte. Es ist mir demgegenüber ein leichtes, nachzuweisen, daß ich meine jetzigen Anschauungen schon lange vor der ersten Veröffentlichung Rosbntal’s in ganz der gleichen Weise niedergelegt habe. 1 * loh kann hier noch hinzufügen, daß der Eindruck, den die letzten Sätze seiner ersten Publikation auf mich gemacht haben, ein anderer war, als RosentaIi wahrscheinlich annimmt: nämlich der Eindruck völliger Verständnislosigkeit eines Mikroskopikers gegenüber physikalischen und physikalisch- chemischen Lebensvorgängen® und Problemen. II. Rosental behauptet weiterhin, ich hätte jetzt die scharfe Umgrenzung meiner Hirnschwellung geändert, indem die Himsohwellung nicht nur durch die physikalische Hirnuntersuchung bewiesen werden könne. Zur Widerlegung dieser seiner Anschauung genüge die Konstatierung der einfachen Tatsache, daß ich bereits 8 Jahre vor der jetzigen Behauptung Rosental’s die Krankheits¬ beobachtungen von Enoelhabdt, Webeb, Weintbaud, Nonne u. a. mit großer Bestimmtheit als Hirosohwellungsvorgänge bezeichnet habe, nämlich in meiner ersten zusammenfassenden Monographie über die Untersuchungen des gesunden und kranken Hirns mittels der Wage. 4 Meine damaligen Ausführungen sind auf S. 444 und 466 des Heftes 8 der Arbeiten aus der Würzburger Klinik aus¬ drücklich zitiert. 1 Neurol. Centralbl. 1914. S. 811. 8 Vgl. zu den oben zitierten Abhandlungen auch: Sitzungsberichte der physikalisch- medizinischen Gesellschaft in Würzburg vom 15. Dezember 1910. 8 Zur Einführung in das Studium der physikalischen Chemie der lebenden Gewebe empfehle ich n. a. das kurze Lehrbuch voii Rudolf Hoebeb: Physikalische Chemie der Zelle und der Gewebe. 2. Aufl. Leipzig, Engelmann, 1906. Allerdings ist gerade das Gehirn in diesem kurzen Lehrbuch nur wenig erwähnt. 4 Habilitationsschrift, Würzburg. Arbeiten aus der psychiatrischen Klinik zu Würzburg. H. 1. S. 83. Jena, Gustav Fischer, 1906. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN 57 Es ist ferner dem Sinne nach nicht richtig, daß ich gesagt hätte: der Nachweis einer (d. h. jeder) Hirnschwellnng sei nur mit Hilfe der Schädel* kapaaitätsbestimmnng an der Leiche beantwortbar. Vielmehr habe ich gesagt: der Nachweis der Hirnschwellung, d. b. also der Tatsache einer krankhaften Hirnveränderung als solcher, ist eist mit Hilfe der Schädelkapazitätsbestimmung an der Leiche, d. h. mit Hilfe einer betimmten Sektionsmethode gelungen. Es ist dies ein ganz allgemeiner Weg der Forschungsmethode, welchen inan über¬ haupt bei der großen Mehrzahl der Erkrankungen innerer Organe eingeschlagen hat: Will man zum ersten Male eine Erkrankung nachweisen bzw. überhaupt erkennen, so ist dazu das eingehende Studium des pathologisch veränderten Organs an der Leiche notwendig. Auoh die ersten klarlegenden Untersuchungen über Herzfehler oder über Leberzirrhose usw. sind an der Leie ho vorgenommen worden. Sind dann aber die pathologisoh-anatomischen Veränderungen als solche hinreichend bekannt und ist auoh das klinische Bild in seinen Umrissen bekannt, dann wird man natürlich unter bestimmten Umständen auch die Diagnose am Lebenden stellen dürfen und stellen können, — vor allem dann, wenn der Kranke gar nicht zur Sektion kommt. Daß man unter solchen Umständen auf die zahlenmäßige Darstellung und den exakten physikalischen Nachweis der Hirnschwellung verzichten muß, dies versteht sioh von selbst. Trotzdem kann unter bestimmten Umständen diese Diagnose intra vitam ganz richtig sein. Die Definition der Hirnschwellung wird dadurch nicht im geringsten alteriert, Es ist naturgemäß ein großer Unterschied, ob man eine Diagnose intra vitam stellt oder ob man die genauen tatsächlichen Konstatierungen und Einzelheiten an der Leiohe gibt Kann man nicht auf Grund strenger Indikationen (s. u.) schon im Leben die Diagnose auf Hirnschwellung stellen, dann ist natürlich der Nach¬ weis einer Hirnsohwellung ausschließlich durch die physikalische Untersuchung an der Leiche möglich. Höchstens kann man auf Grund vielfacher Erfahrung eine Wahrsoheinlichkeitadiagnose im Leben stellen, indem man z. B. sagt, daß ein Epileptiker oder Katatoniker, der im Anfall gestorben 'ist, an einer Hirn¬ schwellung gestorben sein kann. In solchem Falle muß dann aber selbstver¬ ständlich der exakte Nachweis der Hirnschwellung an der Leiche ebenfalls er¬ bracht werden. — Etwas anderes habe ich niemals gesagt und auoh niemals sagen wollen. Man darf auch nicht einzelne Sätze von mir aus dem Zusammen¬ hang reißen, sondern muß nach dem Sinn urteilen. loh erinnere mioh sehr wohl, welch starken Eindruck im Jahre 1904 und 1905 außer meinen eigenen (inzwischen veröffentlichten) damaligen Kranken¬ beobachtungen über Hirnsohwellung auch die Fälle von Enoelhabdt, Nomne, Wmntbaud u. o. auf mich gemacht haben. Man bedenke den Symptomen- komplex: 1. die Zeichen eines starken und chronischen Hirndrucks, unter welchen auch der Tod erfolgen kann; 2. die Abwesenheit einer entsprechend großen soliden Geschwulst; 3. die Abwesenheit vermehrter freier Flüssigkeit innerhalb der Schädelhöhle und zwar (wie dies einige Male festgestellt werden konnte) schon intra vitam; Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 58 4. das Fehlen einer diese Art der Hirnvergrößerung erklärenden histo¬ logischen Veränderung. Ich ahnte damals sofort, daß hier ein Problem vorlag, dessen restlose Er¬ klärung uns wahrscheinlich tiefere Einblicke in die Meohanik der Lebensvorgänge des Gehirns gestattet- Ich habe, wie ioh nochmals hervorbeben möchte, schon damals mit aller Bestimmtheit diese soeben erwähnten Fälle auch ohne physi¬ kalische Untersuchung an der Leiche der Hirnschwellung zugerechnet, sobald ich die obigen Bedingungen als erfüllt ansah oder als vorliegend vermutete. Es haben mir schon damals diese’soeben unter Nr. 1 bis 4 genannten Vorbedingungen, um eine Himschweliung im Leben zu diagnostizieren, genügt Meine Auf¬ fassungen sind von anderen Autoren akzeptiert worden, ohne daß sioh bis jetzt die Notwendigkeit irgend einer Einschränkung ergeben hätte. Hätten die ersten Fälle Rosental’s meine obigen Bedingungen erfüllt, dann hätte ich auoh ohne physikalische Hirnuntersuchung das Vorliegen einer Hirnschwellung nicht bestritten. Rosental verallgemeinert nun diese meine Anschauung auf den Pseudo¬ tumor cerebri schlechtweg. Rosental irrt auch hier. Ich habe eine solche Verallgemeinerung niemals zugelassen, vielmehr dieselbe ausdrücklich bekämpft 1 Es ist Rosental Vorbehalten geblieben, diese Verallgemeinerung, welche eben¬ falls seine eigene freie Zutat ist, als Glied seiner Beweisführung anzufügen. Denn bekanntlich gibt es Pseudotumoren mit (akutem oder chronischem) Hirn¬ druck und solche ohne erkennbaren Hirndruck, ebenso wie ja auch ein Teil der echten Hirngeschwülste ohne erkennbaren Hirndruck verläuft Die Pseudotumoren mit krankhaftem Hirndruck scheiden sich wiederum in solche, bei welchen die freie Flüssigkeit im Gehirn tatsächlich vermehrt ist, so daß diese Vermehrung der freien Flüssigkeit an der Entstehung des krankhaften Hirndruckes beteiligt sein oder sogar seine einzige Ursache bilden kann, und in solche, bei denen von einer Vermehrung der freien Flüssigkeit im Leben nichts nachweisbar ist, auch dann nicht, wenn man die Schädelhöhle durch Punktion oder Trepanation er¬ öffnet. Selbstverständlich habe ich in erster Linie die letzteren Fälle als der Hirnschwellung zugehörig betrachtet. Nachdem auf diese Weise der Nachweis einer intravitalen Hirnschwellung als erbraoht gelten konnte, habe ich — und man wird mir hier zustimmen — auch Krankheitsfälle mit durchaus ähnlichem Symptomenbild und Verlauf vermutungsweise als zur Hirnschwellung gehörig dann betrachtet, wenn zwar im Leben eine Untersuchung der Liquorverhältnisse nicht vorgenommen worden war, dafür aber wenigstens an der Leiche die Ab¬ wesenheit vermehrter freier Flüssigkeit festgestellt werden konnte. Ich habe gleichzeitig auch die anderen Untersucher aufgefordert, solchen Fällen Beachtung zu schenken und die physikalischen Methoden an der Leiche anzuwenden. Wenn dies bis jetzt noch nicht in systematischer Weise geschehen ist, so ist dies nicht meine Schuld, sondern Schuld derjenigen Autoren, welche meine Gedankengänge und Methoden in Mißkredit bringen wollen. 1 Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. III. S. 11 (Referate); vgl. ferner meine Aus- führungen über den Liquor und das Hirnödem im H. 3 der Arbeiten aus der psychiatrischen Klinik zu Würzbarg, S. 385 ff. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 59 III. Roskntal wendet, nachdem seine anderen Ausführungen von mir widerlegt worden sind, ein, daß der Hirndruck auoh die Folge eines Hirnödems sein könnte. Ich möchte hier an Bosental nur die Frage richten: Wo in aller Welt und wann hat jemals ein Hirnödem einen krankhaften Hirndruck und namentlich einen so starken krankhaften Hirndruck, wie ihn manche Fälle von Hirnschwellung gezeigt haben, hervorgerufen? Hat sich Bosental die weitere Frage vorgelegt: Wieviel freie Odemflüssigkeit ein Gehirn günstigstenfalls in seiner Materie beherbergen und ob hierdurch überhaupt schon die Differenz zwischen Schädelinnenraum und Hirngewicht negativ werden kann? Hat er sich über die Abfluflmöglichkeiten und Abflußbedingungen der Hirnflüssigkeit unter* richtet, welche, wie von verschiedenen Seiten nachgewiesen wurde, auch bei ge¬ steigerter Liquorproduktion zunächst noch völlig ausreichend sind? 1 Hat er sich klar gemacht, daß bei exzessiv gesteigerter Liquorproduktion innerhalb der Hirn¬ materie sich die stauende Flüssigkeit selbstverständlich (wenn die Abflußmög¬ lichkeiten nicht mehr ausreichen) in den Hirnventrikeln oder im Sub¬ duralraum ansammelt, wodurch die wohlbekannte Erscheinung des Hydro- cephalus internus oder externus (oder ihre Kombination) entsteht, welche dann ihrerseits erst den Hirndruck hervorruft? Und ist es Bobbntal nicht bekannt, daß bei Fehlen eines Hydrocephalus externus oder internus von vornherein die Annahme gemacht werden kann, daß vermehrte freie Flüssigkeit an dem Vor¬ handensein des eventuell bestehenden krankhaften Himdruckes keine Schuld trägt? Tatsächlich kann ein Odem der Hirnsubstanz selbst nun und nimmer¬ mehr krankhaften Hirndruck hervorrufen; und der gegenteilige Einwand Bosen- tal’s ist nichts anderes als eine so unglaublich kühne Behauptung, daß Rosental zum mindesten eingehende Beweise dafür erbringen müßte, wenn er eine solche, jeder tatsächlichen Erfahrung widersprechende, Behauptung ohne weitere Er¬ läuterung und Begründung in die Welt setzt: das Symptomenbild eines chroni¬ schen Hirndruckes könne durch ein gewöhnliches Hirnödem, d. h. Odem der Hirnsubstanz, verursacht werden. Wenn krankhafter Hirndruck durch Ver¬ mehrung freier Flüssigkeit im Schädelinnem verursacht wird, so ist es aus¬ schließlich die krankhafte Vermehrung im Subduralraum oder in den Ventrikeln, welche den Hirndruck hervorruft; und diese Flüssigkeitsvermehrung ist dann stets so stark, daß man sie ohne weiteres nachweisen kann, nicht nur bei der Sektion, sondern vor allem auch im Leben, wenn man punktiert oder trepaniert Oft genug pflegt jedoch auch bei tatsächlich vorhandener krankhafter Vermehrung freier Flüssigkeit der klinische Symptomen komplex des Hirndruckes sich nicht einzustellen. In denjenigen Fällen, wo bei Punktion oder Trepana¬ tion eine irgendwie vermehrte Flüssigkeitsabsonderung sich nicht gezeigt hat (letztere müßte, nach der Trepanation, auch bei dem gewöhnlichen Hirnödem 1 Auch das Eingepreßtsein des Kleinhirns in das Foramen magnnm mit Verschloß der Bäckgrathöhle kommt in erster Linie bei Vermehrungen fester Substanz in der Schädelhöhle vor; ▼gl. mein Sammelreferat über die Hirnschwellung; Zeitgehr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. 111. S. 14 (Referate). Nur bei sehr hochgradigem Hydrocephalus internus kann das Kleinhirn wahrscheinlich auch eingepreßt werden. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 60 nachweisbar sein), darf man ruhig annehmen, daß eine wesentliche Vermehrung der Hirnflüssigkeit, welche für die Entstehung des Hirndruokes in Betracht kommt, nioht Vorgelegen hat Hierzu kommt noch folgender Umstand, daß der Begriff des Hirnödems überhaupt ein sehr unbestimmter ist, unter welchem sich sehr verschiedenartige Zustände verbergen können. Meines Wissens war ich der eiste gewesen, welcher mit Hilfe zahlenmäßiger Konstatierungen und Vorstellungen an die Definition des Hirnödembegriffs gegangen ist, ebenso wie ich andererseits als erster zahlen¬ mäßige Anschauungen in die Untersuchung des krankhaften Hirndruckes ein¬ geführt habe. Hätten sich zwischen Odem der Hirnsubstanz und krankhaftem, mit klinischen Erscheinungen (Stauungspapille!) einhergehendem, Hirndruck Be¬ ziehungen ergeben, so wäre dies bei meinen Untersuchungen wohl gleichfalls zutage getreten. Demgegenüber konnte ich es als überwiegend wahrscheinlich hinstellen, daß viele Hirnzustände, welche man gegenwärtig „Hirnödem“ nennt, vielmehr in das Gebiet der Hirnschwellung hineingehören. 1 Wenn Rosental mir in dieser Beziehung zu widersprechen die Absicht hat, dann ist es vor allem nötig, daß er gleichfalls entsprechende Untersuchungen anstellt und nicht ledig¬ lich Behauptungen bringt, welche jedem Kenner der Verhältnisse einfach wider¬ sinnig erscheinen. IV. Rosental scheint'auch jetzt noch nicht verstanden zu haben, weshalb ich die erste Veröffentlichung von ihm über die histologischen Befunde, beim Pseudotumor cerebri angegriffen habe. Er hat nach dem Wortlaut der von mir zitierten Sätze den Nachweis führen wollen, daß einer Hirnschwellung histologische Veränderungen zugrunde liegen können. Ich habe daraufhin eingewendet, daß er, um eine solche Behauptung zu beweisen, vor allem erst den Nachweis er¬ bringen müßte, daß eine Hirnschwellung im physikalischen Sinne bei den von ihm histologisch untersuchten Gehirnen (wenigstens an der Leiche) tatsächlich auch vorhanden sein müßte. Denn bei den beiden ersten menschlichen Ge¬ hirnen Rosental’s könnte der Hirndruck durch einen starken Hydrocephalus externus verursacht worden sein, der bekanntlich größtenteils schon während des Aufsägens des Schädels abfließt (sobald die Dura verletzt wird) und so dem Nachweis völlig entgeht, wenn man nicht ausdrücklich auf diese Möglichkeit achtet (vgl. meine Untersuchungsmethoden über die Liquorverhältnisse an der Leiche). Auch heute noch besteht mein Einwand durchaus zu recht, daß die beiden ersten menschlichen Gehirne, welche Rosbntal auf histologische Befunde beim Pseudotumor cerebri untersucht hat, nicht nachgewiesenermaßen wirklich geschwollene Gehirne gewesen sind. Und hierin liegt auch ihr Unterschied gegenüber den Gehirnen von Engelhardt, Weintbaüd und Lewandowskt. Denn bei diesen letzteren Gehirnen konnte schon im Leben eine Vermehrung freier Flüssigkeit ausgeschlossen werden. Da trotzdem das Bild des ge- 1 Auoh eine Kombination von „Hirnödem" oder Hydrocephalus and HirnschweUnng kommt offenbar tot. Ich habe diese Möglichkeiten ausführlich besprochen in meinem Sammel- referat aber die Hirnschwellung, Zeitschr. f. d. ges. Nenrol. n. Psych. III. 1911. S. 11 (Referate). Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN öl steigerten Hirndruokes bestand, konnte die Hirndrucksteigernng nur Folge einer Vermehrung von fester Substanz, also Folge einer Hirnschwellung sein, zumal da — wie oben gezeigt wurde •— ein Odem der Hirnmaterie selbst an sich niemals einen starken chronischen Himdruck bewirken kann. Auch müßte ein irgendwie erhebliches Himödem, wie gesagt, nach der Trepanation durch stärkeren Abfluß von Liquorfiüssigkeit oder von serösem Transsudat sich ohne weiteres verraten. Auch dieses war bei der Kranken von Lewandowsky nicht der Fall, wie dies aus der klaren Schilderung Lewandowsky’s hervorgeht. 1 Außerdem würde sich ein Hirnprolaps lediglich infolge von Hirnödem viel rascher zurück¬ bilden, als dies bei der Kranken von Lewandowsky tatsächlich der Fall war. Ich wiederhole also nochmals: Bei den Kranken von Engelhardt, Wein- tbaud, Lewandowsky durfte die Diagnose auf echte intravitale Hirnschvvellung deshalb gestellt werden, weil eine krankhafte Vermehrung freier Flüssigkeit, welche den Hirndruck hätte erklären können, ganz zweifellos im Leben gefehlt hat. Dieser Nachweis des Fehlens freier, hirndruck-erzeugender, Flüssigkeit unterscheidet die genannten Krankenbeobachtungen von den beiden ersten Kranken Bosental’s; denn bei diesen Kranken Rosbntal’s bleibt der Einwand bestehen, daß ein starker hirndruck-erzeugender Hydrocephalus externus vorhanden gewesen, aber während des Aufsägens des Sobädels abgeflossen und so dem Nach¬ weis entgangen ist. Ich selbst konnte im H. 8 der Arbeiten aus der psychiatri¬ schen Klinik zu Würzburg zeigen, daß z. B. sogar bei krankhafter Hirnver¬ kleinerung und engen Ventrikeln trotzdem ein sehr starker Liquordruck vor¬ handen sein kann (vgl. den Kranken Valentin Sterzbach; Tabelle I Nr. 33, S. 790, mit dem kolossalem Überdruck von 220 ccm Liquorflüssigkeit, bei unterbundenen Halsgefäßen). Man muß hier, wegen der nicht erweiterten Ventrikel, ohne weiteres annehmen, daß eine solche starke Liquoransammlung sich im Subdural¬ raum (und Subarachnoidealraum) der Sohädel-Bückgrathöhle befindet, und daß sie auch,' wenn der Überdruck längere Zeit bestehen bleibt, zur Stauungspapille und zum Symptomenbild des Pseudotumor cerebri führen kann. Bei dem einen Kranken von Bosental ist zudem ein geringer Hydrocephalus internus aus¬ drücklich erwähnt 1 ; auch der 4. Ventrikel war etwas erweitert. Es darf also angenommen werden, daß in diesem Falle krankhafte Veränderungen der Liquor¬ produktion tatsächlich Vorgelegen haben. Vielleicht ist, wie gesagt, das Sym¬ ptomenbild des Pseudotumor cerebri in diesem Falle vor allem duroh stärkere Entwicklung eines Hydrocephalus externus hervorgerufen worden, der infolge der kleinen Trepanation von Fünfmarkstückgröße über dem Kleinhirn nicht genügend entdeckt worden, aber dann möglicherweise sogar schon vor der Sektion aus der Trepanationsöffnung langsam abgeflossen ist. Wie ich in einem inzwischen be¬ obachteten Falle von sehr großer Hirngeschwulst, welohe faustgroß aus der Trepanationsöffnung herausgewachsen war, feststellen konnte, hat im Augenbliok des Todes der Turgor des Gehirns und die Flüssigkeitsspannung innerhalb des Schädels so außerordentlich nachgelassen, daß der außerhalb des Schädels sitzende 1 VgL mein wörtliches Zitat, Neurolog. Centralbl. 1914. 8. 1081. * Zeitschr. f. d. ges. Nearol. u. Psycb. VII. 8.167. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 62 Teil der Himgesobwolst um nahezu die Hälfte seines Volumens in die Schädel« höhle hineinsank. Von einer postmortal auftretenden Hirnschwellung war also wenigstens in diesem Falle nichts nachweisbar, sondern vielmehr von einer Ver¬ kleinerung des gesamten Schädelinhalts. Wenn bei dem ersten Kranken von Rosental das Gehirn im Augenblick des Todes in einer ähnlichen Weise von der Trepanationsöffnung zurüokgewichen ist, dann könnte tatsächlich der vor¬ handene Hydrocephalus externus sogar schon bis zum Beginn der Sektion völlig abgelaufen sein. V. Daß nicht jeder Hirnprolaps durch eine Hirnschwellung zustande zu kommen braucht, dies habe ich selbst zuerst betont Daß aber ein starker Hirnprolaps bei Abwesenheit vermehrter freier Flüssigkeit und bei Abwesenheit einer großen Hirngeschwulst durch Hirnschwellung entstehen kann, dies wird wohl allgemein nicht bestritten werden dürfen. Wenn dann, wie in dem Falle von Lewandowsky, ein starker Hirnprolaps bei Fehlen von Hydrocephalus oder von Hirnödem sich zeigt, so muß man tatsächlich hier in erster Linie an eine (postoperative) Hirnschwellung denken. Ein Odem wäre selbstverständlich nach der Trepanation bald abgeflossen; der vermehrte Abfluß der Odemflüssig¬ keit hätte klinisch nicht verborgen bleiben können. Denn es können bei wirk¬ licher Vermehrung von Liquorflüssigkeit aus der Trepanationsöffnung geradezu enorme Flüssigkeitsmengen abgesondert werden. Außerdem wird dann der Hirn¬ prolaps entsprechend dem ungehinderten Abfließen der freien Flüssigkeit sich rasch verkleinern. Wenn aber, wie aus der Schilderung Lewandowsky’s deut¬ lich hervorgeht, in dem von ihm beschriebenen Falle eine krankhafte Vermehrung freier Flüssigkeit nicht Vorgelegen hat — also auch kein Hirnödem —, so dürfte die Schlußfolgerung wohl berechtigt sein, daß es sich auch hier um niohts anderes als eine echte intravitale Hirnschwelluug gebandelt hat. Daß die Er¬ weiterung der intrakraniellen Gefäße an sich einen so starken und sich auch nur ganz langsam zurückbildenden Hirnprolaps bewirken könnte, dies darf gleichfalls als völlig ausgeschlossen gelten. So sieht also die Beweisführung aus, welche Rosental gegen mich und meine Auffassung vorbringt! Es kann kein Zweifel darüber obwalten, daß seine letzte Abhandlung 1 sich zum Teil in einer völligen Verwirrung der Begriffe be¬ findet, und daß diese Verwirrung der Begriffe dadurch entstanden ist, weil es Uosbntal verschmäht hat, durch eingehende, systematische und genaue, ent¬ sprechende physikalische Untersuchungen sich selbst genügende Anschauungen und Erfahrungen zu bilden. Und auf Grund einer solchen Beweisführung, welche direkt zu völligen Umkehrungen der Wirklichkeit führt, macht. mir Rosental auf meinem ureigensten Arbeitsgebiet Vorwürfe des Inhalts: ich hätte neuerdings meine Anschauungen geändert; ich verwässere den von mir ge¬ schaffenen Begriff der Hirnschwellung; man verliere völlig die Klarheit darüber, welche Bedingungen zum Nachweis einer Hirnschwellung erforderlich seien; ich verwickle mich in enorme Widersprüche; meine Äußerungen seien Widerspruchs- 1 Neurolog. Centralbl. 1914. S. 1085. Digitized b) Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 63 voll; ich hätte sein» Ginwände nicht widerlegt, and was dergleichen Liebens¬ würdigkeiten mehr sind. Herr Rosental kann sich aber beruhigen. Ich bin wirklich selbst imstande, das von mir erschlossene Arbeitsgebiet vor schwer¬ wiegenden Irrtnmern zn bewahren. Der Leser kann ferner nicht im Zweifel darüber sein, daß zwischen der ersten and den späteren Abhandlangen Rosbntal’s ein Gegensatz besteht. Die erste Veröffentlichung Rosbntal’s endete mit einer Kampfansage an die physikalische Hirnuntersachong and an deren Anschauungen. Aber der Kampf wurde, soweit wirkliche wissenschaftliche Einwände in Betracht kommen, nicht anfgenommen. Rosintal hat sich selbst davon überzeugen müssen, daß der Nachweis der von ihm angenommenen Himschwellungen nicht erbracht und zum Teil auoh nicht so einfach zu erbringen ist. Er hat mir ferner zugestehen müssen, daß tatsächlich weitgehende histologische Veränderungen mit An¬ schwellung der einzelnen Gewebsbestandteile eine vorhandene Hirnschwellung noch nicht erklären können. Und er ist neuerdings sogar der Ansicht, daß es wahrscheinlich auch eine intravitale Himschwellung gibt. Er hält nur den Nachweis von der Existenz einer intravitalen Hirnschwellung deshalb für noch nicht erbracht, weil er meint: auch ein Hirnödem könnte den gleichen Sym- ptomenkomplex des chronischen Hirndruckes hervorrufen. Daß diese seine Meinung irrig ist, habe ich oben gezeigt Ich glaube hier noch hinzufügen zu dürfen: daß man es zum mindesten verlangen muß, daß ein Antor, welcher über Hirndruck und Hirnschwellung publiziert, auch darüber orientiert ist, daß ein Odem der Himsubstanz selbst niemals einen krankhaften Hirndruck uud namentlich* nicht einen so hochgradigen Hirndruck zu bewirken imstande ist, wie dies häufig die echte intravitale Hirnschwellung vermag. II. Referate. Krieg. 1) Psychiatrie und Krieg, von K. Bonhoeffer. (Deutsche med. Wochenschr. 1914. Nr. 39.) Bef.: Kort Mendel. Man ist nicht berechtigt, von eigentlichen Kriegspsychosen im Sinne einer besonderen nosologischen Einheit zu sprechen. Auf dem Boden der psychopathi¬ schen Konstitution erwachsen oft, durch die dauernden Affektspannungen und körperlichen Überanstrengungen verursacht, pathologische Reaktionen, auf dem Boden der Debilität, epileptischen und epileptoiden Anlage Verstimmungen und Dämmerzustände. Durch die schweren psychischen und körperlichen Insulte des Krieges wachsen sich auch ganz geringfügige Belastungskeime zu schweren Störungen aus, die unter anderen Verhältnissen wohl sicher latent geblieben wären. So macht auch der Krieg zahlreiche latente Schizophrene manifest, vielleicht wirkt er auch beschleunigend auf den Prozeß der progressiven Paralyse. Bei der Behandlung der Psychosen im Kriege ist das Morphium-Scopolamin das souveräne Mittel, natörlioh ist möglichst schnelle Abtransportierung in die Heimat er¬ forderlich. 2) Zur Behandlung der Sohufiverletzungen des Rückenmarks, von Prof. Guleke. (Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 45.) Ref.: Kurt Mendel. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 64 Wo das Rückenmark an sich erholungsfähig ist, der fortdauernde Druck von Knochensplittern oder Projektilen aber schädigend weiterwirkt, da ist die Ope¬ ration indiziert; sie muß nur früh genug ausgeführt werden, um das Rückenmark rechtzeitig zu entlasten, ehe sekundäre degenerative Störungen eingetreten sind, die den Zustand irreparabel machen. Bei allen Fällen, bei denen nicht bestimmte Kontraindikationen vorliegen, ist die Laminektomie in Lokalanästhesie vorzunehmen. Von 26 Rüekenmarksschüssen behandelte Verf. 17 operativ. Kein Todesfall im Anschluß an die Operation. Im weiteren Verlauf nach derselben starben 8 (2 an Meningitis), die übrigen fast alle an aufsteigender Infektion der Harnwege, die schon vor der Operation bestand. Bei 4 Fällen trat Heilung oder doch eine so gleichmäßig fortschreitende Besserung ein, daß Heilung erwartet werden darf. Auch bei den Fällen, bei denen die Laminektomie den schließlichen tödlichen Ausgang nicht ab wenden konnte, beeinflußte die Operation den Aligemeinzustand vielfach in auffallend günstiger Weise, gleichsam als ob die trophischen Störungen mit der Befreiung des Rückenmarks von dem auf ihm lastenden Druck zurück¬ gingen. 8) Anosmie und Enophthalmus traumattous, von J. StrebeL (Deutsche med. Woohenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. Kontusion durch Hufschlag, der eine Frakturierung des inneren OrbitalringB bewirkte. Die Verschiebung der Nasenwurzel nach reohts und die Mitbeteiligung der Pars orbitonasalis ossis frontalis an der Fraktur bedingte entweder eine Zer¬ trümmerung der Bulbi olfactorii oder mindestens eine vollständige Abquetschung oder Durchreißung der Fila olfactoria mit konsekutiver Anosmia totalis. Der Enophthalmus traumaticus war bedingt durch die retrobulbäre narbige Schrumpfung. Schließlich bestand eine peripherische Fazialislähmung, wohl verursacht durch eine indirekte Frakturbildung in der Nähe des Austrittes des N. VII aus dem Foramen stylomastoideum. 4) Zur Anwendung des Tetanusserums, von E. v. Behring, (^putsche med. Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. Zwecks Präventivbehandlung empfiehlt Verf. die subkutane Injektion von 20 Antitoxineinheiten, die bei Fortbestehen der Wundinfektion wiederholt werden soll. Bei schon ausgebrochenem Tetanus frühzeitige Seruminjektion von mindestens 100 Antitoxineinheiten (subkutan, in dringlichen Fällen intravenös). Daneben soll der Infektionsherd lokal behandelt werden, wozu durchschnittlich 20 Antitoxin - einheiten genügen. Ganz besondere Aufmerksamkeit verdient die neurale Behand¬ lung, welche in der Weise auszuführen ist, daß das Tetanusheilserum in die von der InfektionBstelle zum Rückenmark führenden Nervenstämme, nach voraus¬ gegangener Freilegung derselben, eingespritzt wird. 5) Zur Behandlung des Wundstarrkrampfs, von A. Angerer. (Münch, med. Woohenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. Magnesiumsulfat brachte nur Mißerfolge. Serumtherapie (intravenös) nebst Chloralhydrat (2 mal täglich je 5 g per Klysma) und Morphium (1 bis 2mal täglich 0,001 g) zeitigte gute Erfolge. 6) Zur Tetanusbehandlung mit Magnesiumsulfat, von K. W. Eunike. (Müncb. med. Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. 8 Fälle von schwerem Tetanus behandelte Verf. mit Serum und Magnesium¬ sulfat (nach Kocher). 4 derselben, die schwersten, zeigten gar keine Beein¬ flussung durch das Magnesiumsulfat. 2 Fälle zeigten eine deutliche Wirkung. 2 weitere einen überraschenden Erfolg. 7) Zur Tetanusfrage, von Dr. Georg Wolfsohn. (Berliner klin. Wochensohr. 1914. Nr. 49.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Vsrf. hat in dem Kriegslazarett, dem er zugeteilt ist, vom 16. September bis 21. Oktober 1914 nicht weniger als 29 Tetanusfälle beobachtet. Die Inkubation Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 65 betrug durchschnittlich 5 bis 8, zuweilen 16 bis 18 Tage. Von den 29 Fällen sind 27 gestorben, nur 2 mit längerer Inkubation haben die Infektion überstanden. „Die therapeutische Wirkungslosigkeit des Tetanusantitoxins muß nach unseren Erfahrungen leider unumwunden zugegeben werden.“ Das Serum wurde in 26 Fällen unmittelbar nach Ausbruch der ersten Erscheinungen in der Dosis von 100 Antitoxineinheiten injiziert. Die beiden überlebenden Fälle haben kein Anti* toxin erhalten. Ein deutlicher Vorteil war auch in bezug auf das Magnesium sulfuricum nicht zu spüren. Als Symptomatikum empfiehlt — vielleicht auch als Therapeutikum — Verf. Chloralhydrat in einer Dosis von 10 g pro die. Die prophylaktische Wirkung des Tetanusantitoxins (Dosis 20 Antitoxineinheiten) scheint sichergestellt. • 8) Beitrag zur Behandlung des Tetanus, von Dr. Spanuth. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 46.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Verf. berichtet über die erfolgreiche Behandlung eines Tetanufalles mit intra¬ lumbaler Injektion von Magnesiumsulfat. Zwecks Dosierung des Magnesiumsalzes wurde das Körpergewicht des 3 jährigen Jungen festgestellt und pro Kilogramm Körpergewicht 0,02 Magnesiumsulfat gegeben. Im ganzen mußten 6 Injektionen gegeben werden. 9) Über die Bedeutung großer Katastrophen für die Ätiologie einiger psyohisohen und Nervenkrankheiten, von Bajenow. (Allg. Zeitschr. f. Psycb. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). Entgegen den Entartungen sind die nervös-psychischen Folgen der furcht¬ barsten Katastrophen nicht sehr bedeutend. Es kommen viel Zustände von ge¬ wisser Betäubung und Verwirrtheit, die an Teilnahmslosigkeit grenzen, häufig vor, ebenso Resignation, die sioh auch mit dem schwersten Unglücke ruhig abfindet. Bei Verschütteten beobachtet man als psychologische Schutzreaktion einen Verlust der Zeitempfindung, die sich mitunter sogar mit dem Stillstand oder der Ver¬ langsamung physiologischer Funktionen des Organismus, z. B. der Harnabsonderung, verbindet. Hierher gehört auch die Erscheinung, daß unter dem Einfluß großer Katastrophen die sexuelle Sittlichkeit bei Männern und Frauen sinkt, worauf wohl auch die Steigerung der Geburtenzahl in dem Jahre nach einem Kriege zurückzuführen ist Nach dem Erdbeben von Messina beobachtete Verf. nur 17 psychische Kranke, größtenteils Zustände, die sich durch eine Verbindung von melancholischer Depression mit eigenartiger Betäubung oder Abstumpfung charakterisierten. Gleiche Krankheitsbilder wurden auch nach anderen Katastrophen beobachtet. Im An¬ schluß an einen schweren Zyklon an der Küste des ABOwschen Meeres 1914 traten vorübergehende Schreckpsychosen auf, die längerdauernde Nervenaffektionen nach sich zogen. Diese gehören ihrer Symptomatologie nach zur Gruppe der traumatischen Hysterie. 10) Erfahrungen über die Behandlung von Hirnsohüssen, von Marburg und Ranzi. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Pilcz (Wien). Aus dieser für den Neurologen wie Chirurgen gleich bedeutsamen Arbeit sei nur das neurologisch Bemerkenswerte angeführt. Zur Behandlung gelangten 33 Schädelschüsse. Von Allgemeinsymptomen war eigentlicher Kopfschmerz weder in den Früh- noch Spätsymptomen' vorhanden, auch Schwindel und Erbrechen werden selten beobachtet. Bradykardie dagegen, freilich nur um 64 herum, bestand noch 2 bis 3 Wochen nach der Schuß Verletzung. Bradykardie von 60 bis 52 verband sich bald mit Somnolenz und Hemmung und bildete Indikation für rasche Operation. Psychische Störungen dieser Art, sowie Stauungspapille wurden nur in Fällen von Hirnprolaps und großem Abszesse beobachtet. Besonders interessant ist, daß die motorischen Ausfallserscheinungen den xxxiv. 5 Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 66 Typus der schlaffen Lähmung aufwiesen, mit fehlenden Reflexen, was die Verff. auf gleichzeitige Affektion der sensiblen Rinde — auch Verlust der Stereognose ließ sich nach weisen — beziehen möchten. Auffallenderweise fanden sich auch bei ausgedehntem Hirnabszeß oft Tempe¬ raturen unter der Norm, etwa 35,9. Auch bei den persistierenden Paresen sind bis jetzt keine sonderlichen spasti¬ schen Erscheinungen aufgetreten. Auf viele andere interessante Einzelheiten von mehr chirurgischem Interesse kann hier nicht eingegangen werden. Zu operieren sind alle Steckschüsse mit oberflächlichem Sitze des Projektils und alle Tangentialschüsse mit Knochen¬ impression und Allgemein- oder stationären Ausfallserscheinungen. Tiefsitzende Projektile können bei bedrohlichen Symptomen wohl angegangen werden, bieten aber wenig Aussichten. Fälle mit initialem Hirnprolaps erscheinen kaum für einen Eingriff geeignet. II) Kriegsverletzungen des peripherischen Nervensystems, von Dr. Otto Hezel. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 46.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. schätzt die Verletzungen oder Schädigungen peripherer Nerven auf 1 bis 2 °/ 0 aller Verwundungen im Feldzug. Die peripheren Nerven können im Krieg durch Schuß-, Stich- und Hiebverletzung, aber auch duroh Einwirkung stumpfer Gewalt und durch infektiöse Schädlichkeiten geschädigt werden. Die von infizierten Wunden ausgehenden infektiösen Neuritiden sind durch¬ aus nicht selten, es kommen aber auch Neuritiden auf infektiöser Grundlage ohne Verwundungen vor, hauptsächlich unter der Hilfsursache der Erkältung und Durchnässung, dann vielfach in Form der Polyneuritis. Verf. bespricht dann im Kriege die verschiedenen Typen und gibt auch einzelne Hinweise bezüglich der Therapie. Psyohiatr ie. 12) Die Prognose des Morphinismus, von Privatdozent Dr. H. König. (Ber¬ liner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 23.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Die Prognose des Morphinismus ist für den akuten Zustand zweifellos günstig zu stellen, bezüglich der Möglichkeit eines Rückfalls wird sie nur selten als zweifelhaft, meist als sehr ernst bzw. sehr ungünstig bezeichnet. Der Pessimismus stützt sich in dieser sowohl praktisch wie forensisch wichtigen Frage in erster Linie auf die Erfahrungstatsachen, wobei man immer siebt, daß es sioh meist um von Haus aus willensschwache, wenig widerstandsfähige Menschen handelt. Zwei Faktoren sind dabei von besonderer Bedeutung, die Eigenart des Kranken von Beginn des Morphiumgebrauchs, sowie die Dauer der Behandlung, ein endogener und ein exogener Faktor. Bezüglich des endogenen Faktors kann man drei Gruppen unterscheiden: 1. Kranke mit chronischen, sohmerzhaften Erkrankungen wie Tabes, Neuralgien, peritonealen Verwachsungen usw., 2. Kranke mit Gallen-, Nierensteinen usw., also mit akuten schmerzhaften, unter Umständen rezidivierenden Erkrankungen, die zum Morphium gegriffen und nicht wieder davon gelassen haben, 3. Kranke, die wegen psychischer Unlustgefühle oder zur Erzielung von Schlaf Morphium genommen haben. Die Formen können sich auch kombinieren. Die Prognose ist nur bei der zweiten Gruppe relativ günstig. Fortgesetzter Morphiumgebrauch ist nicht nur eine fortdauernde Intoxikation, sondern auch ein wiederholtes, sich immer wieder erneuerndes psychisches Trauma, welches patholo¬ gische Erscheinungen im Empfindungsleben hervorzurufen vermag. Vielfach muß man doch mit einer vorher gesunden Persönlichkeit rechnen. Eine genaue Anamnese ist unbedingt notwendig. Bemerkenswert ist auch, daß Ärzte, Apotheker und Krankenpflegerpersonal die größte Zahl der Morphinisten darstellen, was auf Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 67 das bequeme Erlangen des Giftes zurückzuführen ist, daß aber sicher nicht gerade in diesen Ständen besonders viele Psychopathen oder Hysterische zu finden sind. Gerade sie werden durch Gebrauch und Mißbrauch zu chrouischen Morphinisten. Mit der Beendigung der Entziehungskur ist noch nicht die Hälfte dessen getan, was zu geschehen hat — besonders bei den psychopathisch bzw. hysterisch gewordenen Kranken. Der Kranke muß behandelt werden wie ein im Anschluß an ein Trauma in seiner neuropsychischen Sphäre Erkrankter. Dabei kann man immerhin mit einem Zeitraum von % bis % Jahr rechnen, manchmal wird man damit nicht auskommen. Diese lange Dauer ist auch ein Grund dafür, daß die bestgemeinten Bemühungen von seiten des Arztes und der Kranken so oft versagen. Verf. bespricht dann auch die Frage, wann wir einen Kranken als geheilt an8ehen können. Eigentlich ist die Frage überhaupt nicht zu beantworten, da man bei einem ehemals Morphiumsüchtigen einen Rückfall niemals mit voller Sicherheit wird ausschließen können. Mit einer solchen Auffassung ist aber praktisch nichts anzufangen; man wird eine Grenze setzen müssen und Rückfälle nach dieser Grenze als Neuerkrankungen ansprechen. Die Häufigkeit der Rückfälle steht in umgekehrtem Verhältnis zur Dauer der Morphiumenthaltung. Als Zeiohen der Genesung ist aufzufassen, wenn Kranke sich unter schwierigen Verhältnissen halten, Tüchtiges leisten und vorwärts kommen. Mit Statistiken ist nicht viel anzufangen, denn die rückfällig Gewordenen kommen oft zu anderen Ärzten, andere unter¬ ziehen sich keiner Kontrolle. Der Prozentsatz der Geheilten ist kaum ein großer. Verf. hat 32 Fälle behandelt, von denen er 28 berücksichtigt — 3 aus der ersten, 11 aus der zweiten und 14 aus der dritten Gruppe. Bei 13 ließ sich die Katamnese feststellen: 5 waren gestorben, davon 2 durch Suizid, 1 war rückfällig, bei 7 lautete die Auskunft günstig. Das bedeutet das ungewöhnlich gute Resultat von 25% bzw., da 2 nicht einwandfrei sind, von 18% oder von 14%, wenn man einen Fall ausschließt, der noch zu kurz nach der Behandlung steht. Von den 4 Fällen waren 3 Frauen und nur 1 Mann. Von den 7 Fällen gehören 6 der zweiten Gruppe an. Die Behandlungsdauer schwankte zwischen 3 und 10 Monaten. 13) Über Vergiftungen daroh nitrose Gase, von Dr. Rudolf Tetzner. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 17.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Unter nitrosen Gasen versteht man salpetrigsaure Dämpfe, ein Gemisch von Untersalpetersäure, salpetriger Säure, Stickstoffoxyd. Die Einatmung dieser Gase führt zu schweren Erkrankungen bzw. Todesfällen. Sie entstehen z. B. beim Beizen von Metallgegenständen, bei Berührung von Holz und Metall mit Salpetersäure, beim Brand von chemischen Fabriken, wobei große Behälter von Salpetersäure platzen oder zerstört werden und die Feuerlöschmannschaften die Dämpfe ein- atmen müssen. In Betrieben wird dann oft der Fehler gemacht, daß man auf verschüttete Salpetersäure zur Beseitigung der Säure Sägespäne wirft, wobei dann nitrose Gase entstehen. Die Vergiftungserscheinungen betreffen zumeist Respirationstraktus und Blut, aber auch von seiten des Nervensystems machen sich Symptome bemerkbar; so findet man Schwindelanfalle, Herzbeklemmungen ohne objektiven Befund, nervöse Erschöpfungszustände des Herzens, Augenmuskellähmungen, Differenz in der Weite der Pupille, Lichtstarre der Pupillen, Verminderung oder Verlust der Patellar- refiexe, Erkrankungen einzelner Nervenstämme an Armen und Beinen. Die Be¬ schwerden bleiben konstant und zeigen wenig Neigung zur Besserung. Von 20 Feuerwehrleuten starb einer, elf mußten pensioniert werden. ^ Die Therapie ist ziemlich machtlos: frisohe Luft, Anregung der Herztätigkeit, Trinken von ver¬ dünntem Kalkwasser, Inhalationen von Sauerstoff, Ammoniak, zerstäubter Lösung von Natron bicarbonicum, Aderlaß mit Kochsalzinfusion usw r . In einem mitgeteilten Falle kam es zu ausgesprochenen Störungen des Nervensystems, die wohl durch Einwirkung des veränderten Bluts auf Gehirn und Rückenmark zu erklären sind. 5 * Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 68 14) Zar Frage der ohronisehen Morphinpsychose und des Zusammenhangs von Sinnestäuschungen und Wahnideen, von Kurt Schneider. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XIX. H. 1.) Ref.: Carl Grosz. Der Fall, den Verf. seinen Ausführungen zugrunde legt, betrifft einen Mann (Potator), der seit seinem 29. Jahre habituell Morphium nimmt und mit 28 Jahren Stimmen zu hören und Wahnideen hauptsächlich im Sinne der Eifersucht zu ent¬ wickeln beginnt. Die Stimmen werden in dem tauben rechten Ohre gehört, in dem schon vorher häufig Rauschen und Musik gehört worden war. Trotz Ent¬ wöhnung tritt ein abenteuerliches paranoides System auf mit Sinnestäuschungen auf allen Gebieten und besteht bis zum 36. Jahre. Dann verschwinden fast plötz¬ lich alle Größen- und Verfolgungsideen, während die Sinnestäuschungen ohne weiter wahnhaft verwertet zu werden, fortbestehen. Nach 6jährigem Anstalts- aufenthalt als praktisch geheilt entlassen wird der Kranke alsbald wieder Morphinist, ohne indes mehr als das gewohnte Bild eines arbeitsunfähigen, energielosen Morphinisten zu bieten. Zunächst fällt das Zusammentreffen der Psychose mit der Entwicklung eines zur Taubheit führenden, augenscheinlich familiären Gehörleidens auf, ein Zu¬ sammentreffen, das aber aus verschiedenen Gründen die Annahme eines ätiolo¬ gischen Zusammenhanges nicht gestattet. Vielmehr gipfeln die diagnostischen Er¬ wägungen in der Frage, ob es sich um eine Intoxikationspsychose oder um eine paranoide Form der Dementia praecox, die in ihrem Verlauf und Bild durch die Intoxikation kompliziert wurde, handelt. Die Unn&öglichkeit, auf Grund der Ana¬ lyse des klinischen Symptoms zur Differentialdiagnose zu gelangen, veranlaßt den Verf., die Frage der Zweckmäßigkeit der Streichung der „Morphinpsychosen“ zu berühren. (Gegenwärtig wird dem Morphium die Möglichkeit chronische Psy¬ chosen hervorzurufen abgesprochen.) Der Umstand, daß nach Rückbildung des Wahnsystems die Sinnestäuschungen bestehen blieben, spricht dafür, daß entgegen der verbreiteten Anschauung über die Entstehung der Wahnideen die Sinnes¬ täuschungen in diesem Falle nicht die Ursache der Wahnideen sein konnten, sondern daß es sich um koordinierte Symptome handelt. 16) Über Beeinflussung der Morphinwirkung duroh die Nebenolkaloide deB Opiums, von R. Meissner. (Biochem. Zeitschrift LLV. 1913. H. 5 und 6.) Ref.: W. Misch. Weder bei der Wirkung auf das Atemzentrum von Kaninchen, noch beim Narkoseversuoh an der Katze, noch bei der Prüfung am isolierten Kaninchendarm finden sich zwischen Narkophin, Pantopon und Laudanon I tiefgreifende Unter¬ schiede; nur nach Narkophin ist die Senkung des Atem Volumens größer. Verf. hält es für wichtig, mehr die aktiv wirksame Seite des NarkotinB in bezug auf Atmung und isolierten Darm, als seine Indifferenz gegenüber dem Großhirn zu betonen. Die Frage, ob Potenzierung des Morphins durch Narkotin erzielt wird, muß Verf. auf Grund seiner Untersuchungen verneinen und glaubt, auf Grund von Zeh des Untersuchungen am Menschendarm, eher im Pantopon als im Nar¬ kophin die Lösung des Opiumproblems zu sehen. 10) Ein Fall von Luminalvergiftung, von Ungar. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 24.) Ref.: Pilcz (Wien). 23 jähr. Mädchen hatte 2,4 g Luminal genommen. Darauf vollständige Be¬ wußtlosigkeit, Areflexie, Cheine-Stooksches Atmen, Puls nicht fühlbar, schlaffe Lähmung aller Extremitäten. Unter Exzitantien und Darm Waschungen ward Atmung und Puls besser. Am dritten Tage, bei normalem Spiegelbefunde, totale Amaurose, die drei Tage anhielt. Normaler Visus stellte sich erst am 25. Tage wieder her. Pupillen dabei eng, schlecht reagierend. Außerdem hartnäckiges Erbrechen, Schwindel, Hautanästhesie, Blasen-Mastdarmlähmung, Unfähigkeit zu sprechen. Sehr protrahierte Rekonvaleszenz mit Schwäche, Zittern, Taumeln, Difitized hy Gck >gle Original fro-m UNIVERSfTY OF MICHIGAN 69 Kopfschmerzen. Restlose Heilung nach 25 Tagen. Therapeutische Schwitzproze- duren, Exzitaotien, Darmwaschungen. 17) Medinal in psychiatrischer Praxis, von V. Reiche. (Öasopis öeskych. lek. LI1I. 1914.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich). Verf. versuchte Medinal bei 39 Patienten, meist solchen, die an andere Hypnotika angewöhnt waren. Gewöhnlich reichte 0,5 g, öfters angewandt wurde 1 g-Dosis; solche Patienten, die auf 1,5 g mit ruhigem Schlaf nicht reagiert hätten, waren extrem selten und es bewährte sich bei ihnen zweistündig 0,25 g zu ver¬ ordnen. Der Schlaf war in der Regel tief und dauerte die ganze Nacht; auch dann, wenn die Patienten nicht eingeschlafen sind, blieben sie ruhig im Bett liegen. Irgendwelche unangenehme Folgen hat Verf. nicht beobachtet, trotzdem er das Präparat auch bei Tuberkulösen, Nephritikern, Arteriosklerotikern, Herz¬ kranken u. dgl. angewendet hat. Angewöhnung (manche Patienten nach 35 bis 45tägiger Behandlung schliefen auf gewöhnliche Dosis gut ein) konnte nicht fest- gestellt werden. 18) Pantopon „Roohe“ in der Hand des praktischen Arztes, von Dr. G. Fried¬ länder. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 12.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. hat mit besonderem Erfolge Pantopon bei Morphiumentziehungskuren verwandt. Er setzte der gewöhnlichen, von den Morphinisten genommenen Uorphiumlösung erst minimalste Pantopondosen hinzu, die er unter Verringerung des Morphiums allmählich steigerte. Dann wurde bei zunächst gleichbleibender Pantopondosis Morphium verringert, schließlich auch mit Pantopon herunter- gegangen; in 4 bis 6 Wochen gelang zumeist die Entziehung beider Mittel. III. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Sitzung vom 14. Dezember 1914. Ref.: K.Löwenstein (Berlin). Der Bericht enthält ausschließlich Autoreferate. 1. Herr Rothmann: Demonstration von Verwundeten. I. Meningooele am Stirnbein. 23 jähriger Gefreiter, am 20. August Kolbenschlag gegen rechte Kopfhälfte. Unmittelbar danach Schwellung an der Schläfe. Seitdem Kopf¬ schmerzen, Schwindel. Untersuchung am 27. November (Klinik Prof. Pinkus): kleinapfelgroße, fluktuierende Geschwulst dicht oberhalb des Processus zygomaticus mit starker Druckempfindlichkeit. Bei Durchleuchtung ist die Geschwulst stark durch¬ leuchtend, wie eine Hydrozele, zeigt leichte Pulsation. Beim Gehen leiohtes Schwanken nach rechts. Beim Greifversuch Abweichen des linken Arms nach links und oben, des rechten schwach nach rechts. Auf dem Röntgenbild rechts schmaler, bogenförmiger Spalt oberhalb des Proc. zygomaticus. Die Größe der Geschwulst schwankt, nimmt bei Anstrengung — Bücken usw. — zu. Vortr. betont die Seltenheit derartiger Meningocelen am Sohädel, abgesehen von den angeborenen Formen und den Operationsfolgen. Dem Patienten wird die operative Beseitigung dringend geraten. — II. Einseitige Phrenicuslfthmung duroh Sohußverletzung am Zwerch¬ fell. 27 jähriger Reservist. 12. September 1914 Scbußverletzung. Einschuß in liegender Stellung am akromialen Ende der Clavicula. Ausschuß am rechten unteren Rippenrand 4 cm von der Mittellinie. Sofort danach völlige schlaffe Lähmung des rechten Arms, etwas Bluthusten. Langsame Besserung der Lähmungs- encheiuungen. Der gegenwärtige Status zeigt Abmagerung der Schultermuskulatur mit starker Atrophie des Pectoralis major und flügelförmigem Abstehen der Scapula. Der rechte Arm kann nur bis zur Wagerechten erhoben werden, ist im Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 70 Ellbogengelenk schwer beweglich, zeigt Lähmung der Badialismuskulatur und Schwäche der Flexoren bei Atrophie de? Interossei. Die rechte Thoraxhälfte zeigt im unteren Teil eine mäßige Auftreibung nach der Seite. Bei der Inspiration steht die rechte Thoraxhälfte vollkommen unbeweglich. Die unteren Interkostal¬ räume zeigen eine deutliche Einziehung; die linke Seite 'wird vollkommen normal bewegt. Über der rechten Lunge vorn und hinten normaler Lungenschall. In der Seite starke Dämpfung. Bei der Röntgenuntersuchung (Dr. Hess mann) zeigt sich Stillstand der rechten Zwerchfellhälfte, während die linke abnorm tief heruntertritt. Abgekapseltes Exsudat in der rechten seitlichen Brusthälfte (Hämato- thorax). Während die Phrenicuslähmungen in der Regel durch Nervenverletzungen am Halse oder durch Hemisektion des oberen Halsmarks bedingt sind, ist hier der Nervus phrenicus dicht vor seinem Eintritt in das Zwerchfell vor dem Foramen der Vena cava durchschossen worden. Der völlige Stillstand der rechten Zwerch¬ fellhälfte entspricht vollkommen dem Befunde, den Vortr. bei zahlreichen Tier¬ versuchen (Affe, Hund) mit Hemisektion des oberen Brustmarks bei direkter Be¬ sichtigung des Zwerchfells vom Abdomen her feststellen konnte. Eine elektrische Untersuchung der Pbrenici am Halse ergab in unserem Falle kein sicheres Resultat. Herrn Prof. Brentano vom Krankenhaus am Urban dankt Vortr. die Überlassung des Falles. Diskussion: Herr Hessmann zeigt zu diesem Fall von Zwerohfellähmung im Durchleuchtungsbilde die durch einen Hämatothorax komplizierte Zwerchfell¬ bewegung. Herr Bonhoeffer fragt den Vortr., ob der Hämatothorax nicht für sich allein ausreichend ist, das Ausbleiben der Zwerchfellaktion auf der betroffenen Seite zu erklären? Herr Schuster: Hat Vortr. in seinem Falle auf das Zwerchfellphänomen geachtet? Ich frage dies deshalb, weil ich vor einiger Zeit bei einem einseitigen Fall von Phrenicuslähmung das Zwerchfellphänomen auf der kranken Seite noch etwas angedeutet fand. Herr Rothmann (Schlußwort) erwidert Herrn Bonhoeffer, daß der ab- gekapselte seitliche Hämatothorax wohl eine Behinderung der Atmung, aber nicht den völligen Stillstand der ganzen Zwerchfellhälfte bei der Atmung erklären kann. Herrn Schuster möchte R. erwidern, daß die Bewegungen der gelähmten Zwerch¬ fellhälfte nur passive sind, teils bedingt durch den Zug der gesunden Zwerchfell¬ hälfte, teils durch den negativen Druck des Thoraxraums. R. verweist auf die einschlägigen Beobachtungen von Stuertz, der den einen Halsphrenicus zur Ruhigstellung der erkrankten Lunge operativ durchschneiden ließ. 2. Herr Sohuster: Demonstration von Kriegsverletzungen. I. Der 25jährige Soldat, den ich Ihnen hier zeige, wurde am 26. August bei Tannenberg verwundet. Ein Gewehrprojektil drang direkt oberhalb der rechten Clavicel in seine Brust. Das Geschoß wurde nach 4 Tagen unmittelbar neben dem inneren Schulterblattrand rechts in der Höhe des Dornfortsatzes des fünften Dorsalwirbels, bzw. ein wenig unterhalb dieser Höhe entfernt. Einschuß- und Operationsstelle sind völlig glatt verheilt. Ercheinungen seitens der Lunge waren nur in geringem Maße vorhanden. Die Wirbelsäule ist nirgendwo druck- oder klopfempfindlich, alle Bewegungen der Säule sind völlig frei. Sofort nach der Verwundung trat eine Lähmung des linken Beines auf. Der Kranke zeigt jetzt das typische Bild der Brown-S6quaidschen Lähmung, das linke Bein zeigt eine — im Rückgang befindliche — spastische Parese mit Fußclonus und Babinski. Rechts besteht eine ganz leichte Hypalgesie, vorn vom unteren Rand der siebenten Rippe und hinten ungefähr vom Proc. spin. des zehnten Brustwirbels ab, welche Bich ungefähr von der Höhe des neunten Dorsalsegmentes ab weiter vertieft und bis zu der Fußspitze reicht. Das Temperaturgefühl ist auf dem rechten Bein bzw. auf dem Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSfTY OF MICHIGAN i 71 Thorax ebenfalls gestört, und zwar beginnt die Grenze hier — von oben ge¬ rechnet — ein knappes Segment später als die Störung der Schmerzempfindung. Taktile und Lageempfindung sind nicht gestört auf der rechten Seite. Auf der linken Seite besteht eine breite hyperalgetische Zone, welohe in D 5 bis D 7 um den Thorax greift. Oberhalb dieser hyperalgetischen Zone ist eine ganz schmale Zone der Hyp&sthesie links im Bereiche von D 4 . Das Lagegefühl ist im linken Bein nicht gestört. M. H.! Ich würde mir nicht erlaubt haben, den soeben demonstrierten ganz typischen Fall einer Halbseitenläsion Ihnen vor¬ zustellen, wenn er nicht etwas Besonderes hätte. Ich hatte gleich, als ich den Patienten sab, Zweifel, ob das Geschoß das Rückenmark verletzt habe. Ich ver- anlaßte daher eine Röntgenaufnahme in dem Institut des Herrn Prof. Grunmach. Die Röntgenaufnahme ergab nun — wie Sie hier sehen — ein völliges Intakt¬ sein der Wirbelsäule. Das einzige, was Sie auf der Platte sehen, ist lediglich der von rechts vorne oben nach links hinten unten verlaufende Schußkanal in der Lunge. Wir stehen hier also vor der auffallenden Tatsache, daß eine plötzliche Herderkrankung in der Höhe des siebenten Dorsalsegmentes aufgetreten ist, ohne daß eine nachweisbare Verletzung der Wirbelsäule stattgefunden hat. Ich erkläre mir den Fall so, daß trotz des negativen Röntgenbefundes dennoch wahrschein¬ lich eine Streifung der Wirbelsäule durch den Schuß stattgefunden hat, und daß infolge der besonders gearteten Erschütterung des Knochens und des Rückenmarkes eine kleine Blutung im Rückenmark erfolgt ist Eine Blutung erscheint mir im Hinblick auf den sofortigen Eintritt der Lähmung wahrscheinlicher als eine primäre Nekrose. Der Ihnen soeben demonstrierte Fall scheint mir nun — und das ist mir eine weitere Veranlassung, warum ich Ihnen denselben zeige — keine Selten¬ heit darzustellen. Ich habe unter den bisher von mir untersuchten Kriegs¬ verletzungen und auch vereinzelt unter Friedensverletzungen (gelegentlich eines Ringkampfes) noch einige weitere gesehen, welche mit dem soeben gezeigten die Besonderheit gemein haben, daß sich schwere spinale Erscheinungen vorfanden, ohne daß der Rückenmarkskanal von der Kugel erreicht wurde. Von einem dieser Falle — dessen Vorführung die Militärbehörde leider nicht gestattet — kann ich Ihnen hier wenigstens die Röntgenphotographie zeigen. Der Verletzte, den ich in dem Lazarett des Herrn Geh. Rat Landau sehen konnte, hatte selbst gar keine Ahnung davon, daß es sich bei ihm um einen Wirbelschuß handeln konnte. Er hatte nur einen leichten Schuß in die Schulter beachtet und wußte nichts von einem zweiten Schuß. Die Untersuchung des Patienten ergab außer einer peripheren mit Entartungsreaktion einhergehenden Lähmung des Gucullaris und Rhomboideus rechts folgenden interessanten Symptomenkomplex: Eine Störung des Lagegefuhls in allen vier Extremitäten bei intaktem Beriihrungs-, Schmerz- und Temperatur¬ gefühl, eine Ataxie beider Hände, besonders der rechten Hand und daneben eine spastische Parese mit Hand- und Fußolonus der rechten Seite. Schließlich fand sich noch Ataxie des rechten Beines, erhebliche Steigerung der Sehnenrefiexe, auch der linken Körperseite, Verengerung der rechten Lidspalte. Die Erscheinungen waren sofort nach der Verwundung entstanden, bzw. bildeten die Überreste einer anfänglich — für 1 bis 2 Tage — vorhanden gewesenen Tetraplegie. Nach dem Vorstehenden mußte man an eine Herderkrankung im Bereiche beider Hinter¬ stränge und des rechten Seitenstranges im oberen Halsmark denken. Eine Beweg¬ lichkeitsbeschränkung oder Druckempfindlichkeit der Wirbelsäule bestand nicht, dagegen zeigte sich bei genauem NachBUchen links am Halse, einige Zentimeter unterhalb der Haargrenze, eine kaum linsengroße, blaßrote, verheilte Stelle. Der Kranke erinnerte sich nachträglich, daß jene Stelle geblutet habe. Ich ließ nun in der Annahme, daß jene Stelle die Einschußöffnung eines Wirbelsäulenschusses sei, eine Röntgenaufnahme machen. Dieselbe ergab die Richtigkeit meiner An¬ nahme und deckte einen Abbruch des Dornfortsatzes des vierten Halswirbels auf. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 72 Der ganze übrige Wirbel ist — wie Sie Behen — durchaus intakt. Auch hier also ißt durch die geringe Verletzung lediglich eines Fortsatzes des Wirbels eine Blutung im Cervicalmark erfolgt. Eine Blutung ist auch hier das Wahrscheinliche, weil der Verletzte unmittelbar nach der Verwundung für einige Tage völlig — an allen Extremitäten — gelähmt gewesen war. Ich darf vielleicht zum Schluß noch einen dritten hierher gehörigen Fall meiner Beobachtung erwähnen, den ich Ihnen leider nicht zeigen kann, da er vorgestern an Paratyphus erkrankt ist. Auch bei diesem letzten Kranken sind — kurz gesagt — Erscheinungen spinalen Ursprunges vorhanden, trotzdem die Wirbelsäule — wie die Röntgenaufnahme ergab — von dem durch beide Muse, cucullares gehenden Schuß nicht lädiert wurde. — II. Im Anschluß an die Demonstration wirklicher Kriegsverletzungen darf ich ihnen vielleicht noch einen Patienten zeigen, welcher infolge der Anstrengungen des militärischen Dienstes mit einem sehr seltenen Symptomenkomplex erkrankte. Der 32 jährige Mann litt als 17 jähriger Mensch angeblich nach einer Durchnässung zum ersten Male an einem Zustande ähnlich dem jetzigen. Der Zustand war jedoch sehr viel schwächer ausgeprägt. Auch später traten häufig Wadenkrämpfe bei ihm auf. Der jetzige Zustand entstand nach längerem angestrengtem Reiten auf bloßem Pferde ohne Decke und Sattel. Pat. bekommt jetzt bei den leichtesten An¬ strengungen, besonders solchen seitens der Beine, ferner bei allen brüsken Be¬ wegungen und schließlich bei brüsken oder starken Berührungen der Beine schwere tonische Muskelkrämpfe. Dieselben treten meist zuerst in dem rechten Bein auf, gehen dann auf das linke Bein über. Selten steigen sie zum Bauch und zum Rumpf. Vereinzelt wurden auch die Oesichtsmuskeln befallen. Die Dauer des Krampfes beträgt 1 bis 2 Minuten; milde Massage beseitigt den Krampf früher. Pat. empfindet die intensivsten Schmerzen in den krampfenden Muskeln. Das Bewußtsein ist bei den Anfällen völlig erhalten. Der Untersuchungsbefund des Pat. ergiebt eine allgemeine Analgesie und Fehlen der Kornealreflexe. Die elek¬ trische Untersuchung stößt auf große Schwierigkeiten, weil oft das bloße Aufsetzen der Elektrode einen Anfall hervorruft. Myotonische Reaktion konnte ich jeden¬ falls nicht fest8tellen. Bei kurzdauernder faradischer und galvanischer Reizung trat keine Nachdauer der Kontraktion auf. Ließ man bei direkter faradischer Reizung den Strom etwas länger durchgehen, so traten rhythmische Zuckungen auf, so lange der Strom nicht zu stark war. War der Strom stark, so löste er einen Krampfanfall — erst in dem gereizten Bein, dann im anderen — aus, und zwar anscheinend reflektorisch infolge deB Schmerzes. Es handelt sich um die von Wern icke beschriebene sogenannte Crampusneurose, einer offenbar recht seltenen Affektion, welche deutliche Beziehungen zu den Neurosen, insbesondere der Hysterie hat. Diskussion: Herr Henneberg: Ich glaube nicht, daß es sich in dem Fall von Rückenmarkläsion um eine Blutung handelt. In 2 Fällen von Schuß Verletzung des Rückenmarkes, die ich untersucht habe, und in denen die Sektion vorgenommen wurde, ergab sich keine Blutung, sondern das Bild einer akuten Degeneration bzw. Erweichung oder Nekrose. Die Dura scheint in Fällen, in denen Geschosse in den Wirbelkanal eindringen, in der Regel nicht verletzt zu werden. Das zähe Gewebe derselben weicht den Geschossen aus. Dagegen kommt es zu einer lokalen Quetschung bzw. Kontusion des Rückenmarkes. Bei der Empfindlichkeit des Ge¬ webes kommt es anscheinend auch schon bei leichteren Kontusionen, d. h. auch in Fällen, in denen das Geschoß nicht in den Wirbelkan&l eindringt, zu schweren Veränderungen. Wir fanden Lückenfeldbildung, Nekrosen, stellenweise Gliaver- dichtung, nirgends größere Blutungen. Es handelt sich um Befunde, wie sie sich experimentell erzeugen lassen (Schmause) und wie sie uns in Fällen von Fraktur bzw. schwerer Kontusion der Wirbelsäule entgegentreten. Rückenmarksblutungen werden natürlich unter den gleichen Verhältnissen Vorkommen, sie sind aber an- Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 73 scheinend viel seltener wie Nekrosen. Die Prognose der Geschoßkontusion des Rückenmarkes ist eine ungünstige infolge des auf den Transporten nicht vermeid¬ baren Dekubitus bzw. Zystitis. Doch habe ich auch zwei leichte Fälle gesehen, in denen sich die anfangs schweren spinalen Symptome rasch zurückbildeten. Die Röntgenplatte läßt bei Schüssen durch die Wirbelsäule nicht immer den .Schu߬ kanal erkennen. Herr Oppenheim verweist auf seine vor kurzem in der Berliner klin, Wochensohr, erschienene Abhandlung zur Kriegsneurologie, in der er Beobach¬ tungen dieser Art angeführt habe, in denen ohne nachweisbare Wirbelläsion durch den Anprall von Geschossen Rückenmarksaffektionen entstanden seien. Dabei könne es sich sowohl um Blutungen wie um Nekrosen handeln. Herr Cassirer: Daß es sich oft nicht um Blutungen, sondern um Nekrosen handelt, geht aus folgendem Fall eigener Beobachtung hervor. Schuß quer von einer Schulter zur anderen; sofortige Lähmung beider Beine, von Blase, Mastdarm. Sensibilitätsstörung bis zur dritten Rippe, Arme frei bis auf Sensibilitätsstörungen an der Ulnarseite der Arme. Dekubitus. Exitus. Bei der Sektion sicher keine Verletzung der Dura; kein Geschoßkanal zu finden, doch war die Sektion in bezug auf die Wirbelkörper nicht ganz vollständig. Mikroskopisch im Rücken¬ mark typische zentrale Nekrose, keine Blutung. Der Herd hat die charakteristische Gestalt mit breiter Basis um den Vorderhörnern und mit einer Spitze in die Hinterstränge sich hinein erstreckend. Herr Rothmann: Auch R. möchte der Meinung beitreten, daß bei diesen Rückenmark8scbädigungen Blutungen in Rückenmarkshäute und Mark neben den Nekrosen eine Rolle spielen. In einem Falle konnte R. bei Ein* und Ausschuß am Halse, die sicher nicht den Rückenmarkskanal getroffen hatten, eine schwere spinale Lähmung, vor allem beider Arme beobachten. Schon der rasche Rück¬ gang der Erscheinungen zeigte, daß hier von einer schweren Substanzveränderung des Rückenmarks nicht die Rede sein konnte. Ähnlich verhält es sich in vielen anderen Fällen. Neben einer vorübergehenden Shokwirkung müssen wir daher den Blutungen eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Lähmungen zuschreiben. Daneben kann jedoch an der Existenz der Nekrosen nach den vorliegenden autop- tisohen Befanden nicht gezwei/elt werden. Herr Schuster (Schlußwort): Ich habe — ebenso wie Herr Henneberg — in meinem Falle auch an eine Nekrose gedacht, bin aber von dieser Annahme deshalb abgekommen, weil die Lähmung des linken Beines bei dem Pat. unmittel¬ bar nach der Verwundung apoplektiform entstand. Dies spricht doch mehr zu¬ gunsten einer Blutung. Soweit ich mich erinnere, entstanden die experimentellen Nekrosen in den Schmause sehen Versuchen nicht so plötzlich und nicht sofort nach einer einmaligen Gewalteinwirkung. Eher hätte man gegen meine Annahme einer Blutung anführen können, daß die spinalen Blutungen meist in der Gegend des Hinterhornes erfolgen, und daß daher eine Blutung in der weißen Substanz von vornherein weniger wahrscheinlich sei. Für die Annahme einer Blutung spricht im vorliegenden Fall übrigens auch der gutartige Verlauf, der schon heute ein erhebliches Nachlassen der motorischen Erscheinungen erkennen läßt. Was den von Herrn Prof. Oppenheim beanstandeten Ringkämpferfall angeht, so mußte man bei ihm deshalb die Entstehung der spinalen Blutung mit einer etwaigen Wirbelverletzung in Zusammenhang bringen, weil die Art des Unfalles (Pat. war während des Ringens mit dem Nacken auf eine Treppenstufe gefallen und hatte sich Nackenkontusionen zugezogen) sowie auch der Umstand, daß die Höhe der Kontusion ungefähr der Lokalisation der Blutung entsprach, auf einen Zusammen¬ hang zwischen spinaler Blutung und der direkten äußeren Verletzung hinwies. 3. Herr Bonhoeffer berichtet an der Hand einiger Krankendemonstrationen über Fälle von sogenannter Gr&natexplosionslähmung. Er hat bis jetzt neun Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 74 hierher gehörige Fälle gesehen, in allen handelte es sich um rein psychogene Lähmungen. Offenbar handelt es sich um ein relativ häufiges Vorkommnis. Nach den kurzen Vermerken, welche die Kranken aus dem Felde mitbringen, wie auch nach den Erzählungen der Untersuchten selbst, scheint es, daß das Vorkommen dieser Lähmungen im Felde auf eine mechanische Luftdruckwirkung bei der Granatexplosion bezogen wird. Vortr. hält es deshalb für wichtig, darauf hinzu¬ weisen, daß bei all den Fällen, die er gesehen hat, der hysterische Charakter der Lähmungen unzweifelhaft ist. Bemerkenswert ist die Symptomatologie der Läh¬ mungen nach der pathogenetischen Seite. Astasie und Abasie, Sprach- und Stimm¬ verlust, funktionelles Zittern, Schlottern, grobschlägiges Zusammenzucken, dazu vasomotorische Erscheinungen, Schweißbildung, Kongestionen und frequente Herz¬ tätigkeit sind die Symptome, die, wie es scheint, in besonderer Häufigkeit be¬ obachtet werden. Es handelt sich also um eine Fixierung gerade der Symptome, die wir bei der plötzlichen Schreckwirkung (Versagen der Glieder und der Stimme, Zusammenzucken, Zittern, Schweiß und Herzbesohleunigung) in Erscheinung treten sehen. In einem Teil der Fälle ist der Nachweis der vorher bestehenden psycho¬ pathischen Konstitution zu führen, in anderen läßt die Anamnese, die ja meist bei dem aus dem Felde kommenden unzulänglich zu erheben ist, im Stich. Die Prognose der Fälle ist günstig, wenn die Diagnose rechtzeitig gestellt und dem¬ entsprechend suggestiv behandelt wird. Die schlimmsten Fälle waren diejenigen, die zu Hause bei den Angehörigen oder im Lazarett unter falscher Flagge als schwere organische Fälle gingen und sich ganz der bemitleidenden Fürsorge ihrer Umgebung hingeben konnten. — Im Hinblick auf die Entwicklung dieser Fälle im Granatfeuer und auf die anscheinend nicht bestreitbare Tatsache, daß an¬ schließend an Granatexplosionen sogar Todesfälle, ohne daß eine sichtbare Ver¬ letzung besteht, eintreten sollen, ist es begreiflich, daß seitens der Feldärzte bei solchen Fällen an einen organischen und nicht psychogenen Schädigungsmodus gedacht wird. Um so wichtiger scheint es, auf die Häufigkeit des psychogenen Charakters dieser Fälle hinzu weisen. Es läge eine gewisse Gefahr dann, wenn unklare Vorstellungen von organischen Hirnschädigungen sioh dieser Fälle bemäch¬ tigten. Die Erfahrungen, die mit der Rentenhysterie gemacht worden sind, bei der man ja auch in den achziger und neunziger Jahren die Vorstellung unklarer organischer Schädigungen eine auch praktisch bedenkliche Rolle spielen sah, sind in dieser Richtung warnend. In all den Fällen, die Vortr. im Auge hat und die ihm zum großen Teil als organische Schädigungen zugegangen sind, lag keine organische Schädigung vor. Der psychopathologische Mechanismus ist wohl so zu verstehen, daß eine Summation psychischer Faktoren, Schreck- und Angstemotion, in einigen Fällen vielleicht auch dazu noch das fremdartige Erlebnis der plötz¬ lichen Luftdruckwirkung zu einem vorübergehenden Versagen der Motilität, und zu der Vasomotorenparalyse führte. Unbewußte Wünsche ließen bei der gegebenen Disposition die Lähmungserscheinungen zur Fixierung kommen. Es braucht kaum darauf hingewiesen zu werden, daß auch Kombinationen organischer mit psyoho- genen Erscheinungen beobachtet werden. Bei einem Eingewiesenen, der dadurch zu Fall kam, daß durch die Explosion ein anderer Mann an ihn herangeschleudert wurde, konnten wir neben einer psychogenen, bald beseitigten Gangstörung Babinski und eine segmental aussehende SenBibilitätsstörung feststellen. Hier hat offenbar neben der psychischen Wirkung eine organische spinale Schädigung stattgehabt. Wenn die begleitenden hysterisch-deliranten und Pseudodemenzzustände gleichfalls unter der falschen Diagnose „Kommotionspsychose“ eingeliefert werden, so muß auch hier gegen die unrichtige Annahme organischer Schädigungen Stellung ge¬ nommen werden. Die psychotischen Erscheinungen im Gefolge von Kommotionen sind bekannt und rubrizieren im wesentlichen unter dem amnestischen Symptom- komplex und sind völlig von diesen funktionellen Bildern zu trennen. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 75 Diskussion: Herr Henneberg weist auf die nicht so seltenen Fälle hin, in denen nach Granatexplosionen, ohne daß es zu Schädelverletzungen kommt, schwere organische Hirnsymptome auftreten. Die betreffenden Patienten berichteten, daß sie fortgeschleudert wurden und längere Zeit bewußtlos waren, ln einem von H. untersuchten Fall bestand einige Tage fast völlige Blindheit, nach einigen Wochen ließ sich noch Hemianopsie nach links und leichte spastische Parese des rechten Beines nachweisen. Es bestand ferner ein leichter Grad von Stauungspapille. In einem anderen Falle erwachte Pat. mit einer Hemiplegie aus der Betäubung, die sich bis auf eine Parese des Beines zurückbildete. Wahrscheinlich handelt es sich in solchen Fällen um Heningealblutungen. Herr Oppenheim: Der Krieg hat mir Gelegenheit gegeben, Beobachtungen in großer Zahl anzuBtellen, die genau den Erfahrungen entsprechen, welche ich vor 25 bis 30 Jahren hier in der Chariiö, besonders als Folgen schwerer Eisenbahn¬ unfalle, gemacht hatte, Erfahrungen, welche zur Aufstellung der vielbekämpften Lehre von den traumatischen Neurosen geführt haben. Ich habe über den Gegen¬ stand lange geschwiegen, besonders weil andere wissenschaftliche Fragen und Interessen mich mehr und mehr in Anspruch genommen haben. Aber es ist mir eine große Genugtuung, jetzt all das wiederzusehen und meine damaligen Schilde¬ rungen und Auffassungen fast bis ins einzelne bestätigt zu sehen. Gewiß kommen unter den durch physische und psychische Erschütterungen betroffenen Soldaten Fälle reiner Hysterie vor, wie sie Herr Bonhoeffer heute besprochen, und wie ich sie in einer Reihe analoger Beobachtungen gesehen habe. Aber wie ich schon damals Gharcot gegenüber die Einseitigkeit seiner Lehre von der traumatischen Hysterie betonen und erklären mußte, daß neben dieser die Neurasthenie (mit den Sym¬ ptomen der Insomnie, den kardialen und vasomotorischen Symptomenkomplexen usw.) eine ebenso wichtige Rolle spiele, und daß auch andere Neurosen, wie der Tic, die Crampi (vgl. den heute von Schuster vorgestellten und einen analogen von mir beschriebenen Fall) zu den Folgen derartiger Unfälle gehören; so komme ich jetzt zu denselben Feststellungen. Und wie ich schon damals hervorhob, daß sich mit den schweren Neurosen organisch bedingte Symptomenkomplexe verknüpfen können, so mache ich jetzt die gleiche Erfahrung mit den durch Granatexplosion ver¬ ursachten Nervenkrankheiten. Was mir aber besonders beachtenswert erscheint, ist die Tatsache, daß wir, indem wir die Fälle jetzt frisch, oft schon kurze Zeit nach dem Ereignis sehen, deutlich erkennen, wie sich das Leiden als unmittelbare Folge des Traumas entwickelt, noch bevor die „Begehrungsvorstellungen“ in Wirk¬ samkeit treten können. Die Symptomenkomplexe haben so durchaus das Gepräge des Echten, der gewissermaßen fixierten Schreckerregung und Schrecklähmung, daß auch der eingefleischte Skeptiker hier mit dem Argwohn der Simulation zurückhaltend sein wird. Ich stelle natürlich nicht in Abrede, daß Vortäuschung und Übertreibung auch bei den Soldaten im Kriege eine gewisse Rolle spielen, aber die Fälle, die ich im Auge habe, boten die Symptomatologie der schweren Neurose in voller Ausbildung, bevor sich, soweit wenigstens meine Erfahrung und Kenntnis reicht, auf dem Wege der Nosophilie oder dem der Erregung durch gekränkte Rechtsansprüche derartige Krankheitserscheinungen hätten entwickeln können. Der Feldzug lehrt uns und wird uns weiter lehren, 1. daß es nach wie vor traumatische Neurosen gibt, 2. daß sich der Begriff durchaus nicht immer mit dem der Hysterie deckt und 3. daß sie wirklich das Produkt des Traumas und nicht zweckbewußt großgezüchtete Pseudokrankheiten sind. Herr Peritz hat ebenfalls zwei derartige Fälle gesehen, bei denen sich schwere Schreckneurosen nach Granatschüssen ausbildeten, nur mit dem Unter¬ schied, daß in diesen Fällen die Erkrankten mit Granatsplittern mit stumpfer Gewalt getroffen waren, so daß man anfangs an Folgeerscheinungen einer Commotio cerebri glauben konnte. Bei dem einen trat unmittelbar nach dem Trauma ein Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 76 schwerer Verwirrtheitszustand mit Erregung ein: im übrigen zeigten beide Kranken das gleiche Bild, wie es von dem Vortr. geschildert worden ist. Der eine, ein Offizier, klagte anfangs über sehr ausgesprochene Mutlosigkeit und Mangel an Energie. Er ist aber sehr schnell geheilt und jetzt schon wieder in der Front, während der zweite, der sich in Familienpfiege befindet, nur geringe Zeichen einer Besserung auf weist. P. ist auch der Ansicht, daß es verfehlt ist, derartige Kranke in die Familie zu entlassen. Herr Schuster: Wenn man natürlich aus einem negativen Fall keine zu weitgehenden Schlüsse ziehen darf, so war mir betreffs der Pathogenese kürzlich die Beobachtung interessant, daß unter etwa 5 oder 6 seiner Patienten, welche durch in der Nähe explodierende Granaten zu Schaden gekommen waren (es handelt sich um 6 verschiedene Unfälle), nur einer von allen frei von neurotischen Folgen blieb, welcher von der Granatexplosion im Schlafe überrascht worden war. Pat. hatte zwar zahlreiche oberflächliche Verletzungen im Gesicht, klagte aber trotz ausdrücklichen Befragens nicht über Schwindel, Kopfschmerz, Ohrensausen usw. Ähnliche Beobachtungen hat man übrigens auch bei Verletzungen durch Stark¬ strom gemacht. Ein anderer Fall von Grauatexplosionsverletzung war mir deshalb merkwürdig, weil sich bei ihm, nachdem der Pat. kurz nach der Explosion wieder zu sich gekommenj war, eine Augenmuskellähmung gezeigt hatte. Als ich den Pat. zusammen mit Herrn Kollegen Fehr sah, dachten wir beide dem klinischen Bilde nach an eine syphilitische Augenmuskellähmung. Wir ließen das Blut untersuchen und es zeigte sich in der Tat eine stark positive Beaktion. Hier hatte also der schwere Shock die durch spezifische Gefäßerkrankung vorbereitete Blutung auBgelöst. Herr Liepmann: Es wäre von Interesse, zu erfahren, ob bei allen Vor¬ gestellten ganz außerordentliche seelische Erschütterungen, die auch in der Feuer¬ linie nichts Gewöhnliches sind, nachweisbar sind. Dann würde die viel erörterte Frage von dem Verhältnis der exogenen zu dem der endogenen Faktoren durch solche Fälle Förderung erfahren. Daß auch bei Kriegsverwundeten ein den so¬ genannten BegehrungsVorstellungen analoges Moment — der unterbewußte Wunsch, sich den übermächtigen Anforderungen zu entziehen — in Betracht käme, müsse anerkannt werden. Herr Lewandowsky weist darauf hin, daß gerade bei der Eigenart der¬ artiger Fälle die anamnestischen Angaben der Patienten sehr oft unzuverlässig sein dürften, und daß es insbesondere wohl nioht immer sicher wäre, daß wirk¬ lich Granat Verletzungen vorliegen. Das sofortige Eintreten der Erscheinungen spräche dagegen nicht gegen ihre psychogene Entstehung und auch nicht gegen das Vorhandensein von Begehrungsvorstellungen, die Bchon vor dem Eintreten des auslösenden Momentes vorhanden sein können. Herr Simons hat in den 4 Monaten, in denen er bisher im Felde war, an einem großen Material keine hysterischen Lähmungen, wohl aber öfters bei schwächlichen jungen Kriegsfreiwilligen hysterische Krämpfe beobachtet. Meist war von anderer Seite „Epilepsie“ angenommen. Der entsprach in keinem Falle die Schilderung der Kranken. Viele „machten“ bei der Untersuchung die Krämpfe und oft in so plumper Weise, daß der bewußte oder unbewußte Wunsch, sich so den Gefahren der Front zu entziehen, deutlich war. Die Krämpfe waren manch¬ mal durch die Schrecken der Schlacht, häufiger nur durch die Entbehrungen und körperlichen Anstrengungen ausgelöst; wenigstens schien es nach der Anamnese, die ja im Kriege besonders unsicher ist, so zu sein. S. hat alle diese Kranken heimgeschickt, da im Feld- und Kriegslazarett die geeignete seelisohe Behandlung unmöglich ist. Herr Peritz glaubt, daß auch bei derartigen Schreckneurosen BegehrungB- vorstellungen vorhanden sind. Sie entwickeln sich aus dem Wunsch, sich den Ge- Digitized by Go .gle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 77 fahren und Anstrengungen des Krieges zu entziehen, und sind sicherlich vielfach Bchon vor dem Trauma vorhanden. Das Trauma ist nur das auslösende Moment. Herr Roth mann: Die zahlreichen Beobachtungen von Hysterie in diesem Kriege werden zunächst den etwas ins Wanken gekommenen Hysteriebegriff wieder befestigen, dann aber vor allem dazu beitragen, den Spuk der Freudschen Hysterielehren zu beseitigen. Neben zahlreichen Fällen von Übertreibung und Simulation — auch B. sah wiederholt künstliche Temperatursteigerungen — kommen Falle vor, in denen von Begehrungsvorstellungen und dergleichen nicht die Rede sein kann. R. erwähnt das Beispiel eines Offiziers, der im Ansturm gegen den Feind seine Kompagnie durch Zuruf anfeuernd, plötzlich von hysterischer Aphasie und Mutismus, der wochenlang anhält, befallen wurde. Gegenüber einer Be¬ merkung, daß die Verwundeten keine Zeit zur Hysterie haben, betont R. die ver¬ hältnismäßig große Häufigkeit solcher Hysterieaffektionen, wie sie ja auch aus den heutigen Demonstrationen des Vortr. hervorgeht. Herr Toby Cohn: Die Differentialdiagnose zwischen organischen und funk¬ tionellen Folgen von Schußverletzungen kann, besonders bei Sprachstörungen, große Schwierigkeiten machen. In einem Falle von Streifschußverletzung der Schädel¬ weichteile an der linken Schädelhälfte, ziemlich genau der Lage des Brocasohen Zentrums entsprechend, 6ah ich, mehrere Wochen nach der Verletzung, eine der typischen motorischen Aphasie analoge Sprachstörung, die alternierend fast genau immer einen Tag um den andern auftrat und auf Suggestionsbehandlung ver¬ schwand Ich neige zu der Annahme, daß es sich um eine hysterische Aphasie gehandelt hat. Herr Max Edel: Auch ich war über die große Zahl der Erkrankungen an Hysterie bei den Soldaten erstaunt, welche unserem Lazarett zugeführt worden sind. Diejenigen Herren, welche kürzlich meiner Demonstration anläßlich des kriegsärztlichen Abends beigewohnt haben, hatten Gelegenheit, einen Teil dieser Fälle zu sehen. Es handelte sich dabei um Mono-, Hemi- und Paraplegien, Aphonien usw., und zwar waren es zum Teil* Soldaten, in deren Nähe Granaten eingeschlagen waren, ohne sie zu verletzen. So hat einer die Sprache verloren, ein anderer, neben dem durch eine Granate sechs Leute zerrissen wurden, während er als einziger mit dem Leben davon kam, längere Zeit bewußtlos gelegen und die Sprache 14 Tage lang verloren. Herr Rothmann möchte in diesem Zusammenhang noch auf die eigenartige Attacke von motorischer Aphasie hinweisen, die den verstorbenen Hirnphysiologen Hermann Munk im Feldzug 1866 befallen hatte, und über die er bereits in einer Arbeit über transitorische Aphasien berichtet hat. Auch hier handelt es sich zweifellos um eine hysterische Aphasie bei einem Manne, der in seinem ganzen späteren Leben keine Spur von Hysterie erkennen ließ. Herr Liepmann: Nicht davon war die Rede, ob in jedem Falle Begehrungen im Spiele seien, sondern ob sie generell bei akuten Sohreckwirkungen auszuschließen seien. Letzteres glaubt L. nicht. Es kann doch ein von den Strapazen und Ge¬ fahren schon vor dem Eintritt des psychischen Traumas geschwächter Mensch ge¬ heime Wünsche, die er sich selbst nicht eingesteht, auf Erlösung aus der Situation hegen, und diese können den Erfolg haben, daß die erste Schreckwirkurg fixiert wird. Herr Bonhoeffer (Schlußwort): Im Hinblick auf die noch zu erledigende Tagesordnung werde ich mich ganz kurz fassen, obwohl manches zu sagen wäre. Was die Symptome der Schreckemotion anlangt, so sehe ich darin allerdings durch Vorstellungen vermittelte und deshalb als psychogen zu bezeichnende Erscheinungen. Daß im Moment eines Schreckerlebnisses gleichzeitig auch Wünsche wach werden können, ist mir aus einer eigenen Erfahrung aus der Kindheit erinnerlich. Durch einen groben Steinwurf von einem Kameraden an den Kopf getroffen, fiel ich bin Digitized by ■? Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 78 und es ist mir deutlich in der Erinnerung geblieben, daß mir während des Hin- fallens und der leichten Betäubtheit auch schon der Gedanke kam, zunächst liegen zu bleiben, aus dem Wunsche heraus, den Kameraden dadurch zu erschrecken. Ein ähnlicher psychologischer Vorgang ist mir auch von einem während eines Granatfeuers Gestürzten harmlos berichtet worden. Über den objektiven Hergang im Granatfeuer fehlen bei den einzelnen Individuen aus begreiflichen Gründen fast immer die Angaben; auch wo auf dem Verbandtäfelchen oder in dem ärzt¬ lichen Bericht von Explosivwirkung die Bede ist, wird es sich vielfach nicht um objektive Beobachtungen, sondern um Reproduktion der Angaben des Pat. handeln. Nach den Hitteilungen handelt es sich zum Teil um eigentliche Fortschleuderung infolge der Explosion, zum anderen Teil aber auch offenbar nur um den Anblick sehr schwerer Verletzungen durch die Explosion oder das Betroffenwerden mit Körperteilen von, durch die Explosion, zerrissenen Kameraden. Von Herrn Simons bin ich mißverstanden worden. Die Verbringung solcher Kranken in die Reserve¬ lazarette ist natürlich durchaus indiziert. 4. Herr Kramer stellt einen Soldaten vor, bei dem sich im Anschluß an eine Schußverletsung des Stimhirns ein akinetisches Symptombild ent¬ wickelte. Der Kranke erhielt am 6. Oktober einen Kopfschuß, war danach nur kurze Zeit bewußtlos, klagte nur in den ersten Tagen über Kopfschmerzen. Bei der Aufnahme, die eine Woche nach der Verwundung erfolgte, fanden sich die Ein- und Ausschußöffnungen an der linken unbehaarten Schläfe in dem oberen Teil bzw. an der rechten behaarten Schläfe dicht über dem Ohransatz. Das Ge¬ schoß hatte also das Stirnhirn schräg durchbohrt, links mehr den vorderen, rechts den hinteren Teil betreffend. Auf dem Röntgenbilde fand sich von jedem Loch noch ein Sprung, nach vorn und hinten sich ausbreitend. Neurologisch war außer einer leichten linksseitigen Parese der Mundfazialis nichts nachweisbar. Psychisch bestand eine sehr starke Herabsetzung der motorischen Spontanität. Der Kranke lag fast regungslos im Bett, ohne spontan zu sprechen, oder sich zu bewegen, ließ Stuhl und Drin unter sich. Im Gegensatz hierzu gab er auf Befragen ziemlich prompt Auskunft, führte alle von ihm verlangten Bewegungen schnell und ohne Schwierigkeiten aus, so z. B. bei der Apraxieprüfung, die keine Abweichungen von der Norm ergab. Es bestand kein Gedächtnisausfall, die Orientierung war immer erhalten. Die genauere Prüfung ließ geringe Merkdefekte und leichte Kom¬ binationsstörungen erkennen. Der Zustand hat sich allmählich gebessert und ist jetzt fast ganz zur Norm zurückgekehrt. Diskussion: Herr Liepmann: Eine Verbindungslinie von Einschuß- und Aub- Bchußöffnung bei diesem Kranken führt kaum duroh das rechte Stirnhirn, jeden¬ falls nicht durch die vordere Frontalregion. Es ist also kein Grund, hier von einer doppelseitigen Läsion der betreffenden Stirngegend zu sprechen, sondern nur von einer linksseitigen. Der Fall spricht, wie die übrigen der Literatur, dafür, daß dem linken Stirnhirn vielleicht eine Bewegungsanregung zukommt, aber nicht ein Bewegungsgedächtnis. Herr Kramer hält es auch für möglich, daß das rechte Stirnhirn nioht in der vorderen Frontalregion getroffen ist. Herr Bonhoeffer: Ich möchte doch glauben, daß durch den Schuß auch noch das rechte Stimhirn betroffen ist. Dafür spricht das stereoskopische Bild. Daß das Hark der Zentralwindungsgegend betroffen ist, ist unwahrscheinlich bei dem Fehlen von Lähmungserscheinungen. 5. Herr Oppenheim: Krankendemonstrationen zur Kriegsneurologie. (Vgl. Originalmitteilung 1 in dieser Nummer.) Diskussion: Herr Rothmann: Der vom Vortr. demonstrierte Fall von Stich¬ verletzung des Rückenmarks findet in der Tat durch eine doppelseitige spinale Läsion seine Erklärung. Wenn R, den Vortr. richtig verstanden hat, so ist auf Digitized b) Google Original from UMIVERSITY OF MICHIGAN 79 der Seite der Lähmung die gesamte Sensibilität, also auch Lagegefiihl und Be¬ rührungsempfindung erloschen. Zugleich ist der gelähmte Arm ataktisch. Es handelt sich demnach um eine Zerstörung von Hinterstrang und Hinterseiten- strang auf der Seite des Einstichs und von Vorderseitenstrang und Vorderstrang auf der gekreuzten Seite. Denn wie Petrön und R. nach weisen konnten, stehen der Berührungsempfindung zwei Bahnen zur Verfügung, eine gleichseitige im Hinterstrang und eine gekreuzte, die beide zur völligen Ausschaltung der Be- rührtingsempfindung zerstört sein müssen. Die gekreuzte Bahn verläuft aber nicht im VorderseitenBtrang, wie Petrön meint, sondern, wie R. besonders durch kom¬ binierte Durchschneidung von Hinter- und Vordersträngen bei Hunden und Affen nachweisen konnte, im Vorderstrang. Der Fall des Vortr. entspricht also einem physiologischen Postulat, dürfte aber unter den neueren Beobachtungen von spinaler Stichverletzung ein Unikum darstellen. Herr Toby Cohn: Ich habe zwei Fälle von diesen eigenartigen Atrophien und Bewegungsstörungen beobachtet, die mit dem vorgestellten in allen wesent¬ lichen Punkten übereinstimmen. Es handelt sich in beiden Fällen um Oberarm¬ querschüsse etwa an der gleichen Stelle wie in dem demonstrierten Falle. Auch ich dachte wie der Vortr. zuerst an Erb sehe Lähmung und war erstaunt, als sich der elektrische Befund negativ fand. Das Wesen dieser Atrophien sehe ich ebenso an wie der Vortr. Bei Gelegenheit der Diskussion zum Vortrage von Oecono- makis in dieser Gesellschaft habe ich seinerzeit, gestützt auf meine Erfahrungen während der russischen Unruhen 1905/06, auf die anscheinende Häufigkeit dieser in ihrem Wesen nöch ganz rätselhaften ausgedehnten „abartikulären“ oder „Reflex“- Atrophien ohne Gelenkveränderungen nach Schußverletzungen aufmerksam ge¬ macht, und Herr Oeconomakis hat damals meine Beobachtung bestätigt. Was die Bewegungsstörung anbelangt, so bin ich allerdings der Meinung, daß eine psychogene Komponente nicht auszuschließen ist, zumal ich über einen dritten Fall dieser Art (Vorderarmschuß) verfüge, in welchem von einer gleichzeitig be¬ stehenden einfachen, nicht degenerativen Atrophie und Parese der Handmuskeln die letztere durch Suggestivelektrisation in wenigen Tagen verschwand, während die Atrophie bestehen blieb. Herr Oppenheim lehnt nochmals eine psychogene Grundlage bei dem vor¬ gestellten Fall ab. Herr Toby Cohn: Ich bin weit entfernt, die Atrophie als psychogen bedingt anzusehen. Es handelt sich lediglich um die Bewegungsstörung. Auch von dieser nehme ich nioht an, daß sie als Ganzes psychischen Ursprungs ist — dürfte ja doch schon die schwere Atrophie als solche einen Beweglichkeitsdefekt ver¬ ursachen —, sondern ich glaube aus den vorher erwähnten Erwägungen heraus nur, daß eine psychogene Komponente darin enthalten ist. 6. Herr Cassirer: Demonstration eines Falles von Erythromelalgie. 9. September Verwundung durch Infanteriegeschoß am linken Unterschenkel an der Grenze zwischen mittlerem und unterem Drittel. Von vornherein sehr heftige Schmerzen, besonders in der Fußsohle. Die Beweglichkeit des Fußes und der Zehen war stark behindert. Allmähliche Besserung der Beschwerden. Am 6. No¬ vember Aufnahme in die chirurgische Klinik. Die Klagen über Schmerzen im Fuß dauern fort; besonders beim Herabhäugenlassen des Fußes wird der Schmerz sehr intensiv. Einschuß und Ausschuß verheilt. Der horizontal liegende Fuß ist ein wenig röter als der gesunde. Sobald der Fuß herabhängt, nimmt er eine intensive rot- bis blaucyanotische Verfärbung an, die sich allmählich in ab¬ nehmender Stärke auf den distalen Teil des Unterschenkels erstreckt. Der Fuß ist um viele Grade wärmer als der andere; die Arterien pulsieren deutlich, Fuß- rüoken und Fußsohle sind geschwollen. Der ganze linke Unterschenkel und auch der Oberschenkel sind viel dünner als der rechte, Differenz 4 bis 5 cm. Das Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 80 Röntgenbild zeigt eine deutliche Ratifikation der Compacta an den Fuß* und auch an den Unterschenkelknochen. Die Schmerzen werden, je länger der Fuß herab¬ hängt, um so intensiver, jede Benutzung des Fußes zum Gehen ist völlig unmög¬ lich, Pat. kann eben mit der Fußspitze leise auftreten. Gegenüber diesen schweren vosomotorisch-trophisohen Störungen fehlen eigentlich motorische Ausfallsersche' nungen fast ganz. Es fällt keine Bewegung aus, Zehenbeugung und -Streckung sind nur durch die Schmerzen etwas beschränkt. Das Achillesphänomen ist lebhaft. Auch objektive Sensibilitätsstörungen sind nicht nachweisbar. Das Bild entspricht in seinen wesentlichen Zügen der von mir abgegrenzten peripheren Erythromelalgie. IV. Mitteilung an den Herausgeber. Von unserem sehr verehrten Mitarbeiter, Herrn Dr. Milt Oeconomakis, erhalten wir die folgenden Zeilen: Athen, im Oktober 1914. Sehr geehrter Herr Kollege! In den schweren Zeiten, die gegenwärtig anf dem deutschen Volke lasten, fühle ich mit vielen Griechen, welche wahrend ihrer Studienzeit deutsche Kultur and Sinnesart kennen und schätzen gelernt haben, in Dankbarkeit für die in Deutschland erhaltene wissenschaft¬ liche und allgemeine Förderung, das Bedürfnis, den Freunden und Lehrern in D:utsch1and meine warme Sympathie auszudrücken. Die einmütige und opferwillige Erhebung des deutschen Volkes, das Zasauimenstehen aller Parteien und Klassen ohne Unterschied von Stellung und Rang, sein heldenmütiges Ver¬ halten, die an den Tag gelegte opferwillige Fürsorge für alle vom Kriege direkt oder in¬ direkt Betroffenen, und nicht minder die gerade bei diesem Anlasse zutage getretene erstaun¬ liche wirtschaftliche Starke Deutschlands, rufen volle Bewunderung hervor. Ich empfinde daher um so mehr das Bedürfnis, mein tiefstes Bedauern auszusprecheo über Berichte von Vorkommnissen, welche mit der ganzen Art des deutschen Volkes und seinem Ehrgefühl nicht im Einklang stehen können. Wer das Glück gehabt bat, deutsches Wesen in Wahrheit kennen zu lernen, wird niemals geneigt sein, solchen Berichten Glauben zu schenken. Io der Überzeugung, daß Deutschland um die Erhaltung seiner hohen Kultur kämpft, hege ich die Hoffnung und spreche den Wunsch ans: das deutsche Volk und seine Kulturarbeit mögen unbeeinträchtigt ans dieser schweren und unheilvollen Krisis hervorgehen. Daß eine große Anzahl Griechen aller Berufsarten mir gleichgesinnt sind, weiß ich sicher. Sie würden auch gern an eine ähnliche Kundgebung gemeinsam herantreten, wenn sie es nicht als eine patriotische Pflicht erachteten, in keiner Weise Veranlassung zu geben, daß ein derartiges Vorgehen als eine Verletzung der von unserer Regierung offiziell erklärten Neutralität von irgend einer Seite mißdeutet werden könnte. Um so mehr fühlt sich jeder von uns veranlaßt, einzeln diese seine Gefühle der Be¬ wunderung und Sympathie seinen Freunden und Lehrern znm Ansdruck zu bringen. Hoch Deutschland! Mit vorzüglicher Hochachtung und besten Grüßen Ihr stets ergebener Dr. Milt. Oeconomakis. Zar gefälligen Beachtung. Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬ sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. Verlag von Vair & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbk & Wittio in Leipzig. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN Neurologisches Centralblatt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet von Prot £. MendeL Herausgegeben TOD Dr. Kurt Mendel. Yicrunddreißigster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des ln- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Beichs, sowie direkt von der Verlagsbuchhandlung. 1915. 1. Febrnar. Nr. 3. Inhalt I. Originalmitteilungen. 1. Eine neue Methode zur Färbung der Neuroglia, Ton Ramön y CaJaL 2. Einige Bemerkungen zur Diagnose des Hirntumors anläßlich eines operierten Falles, von Milt. Oeconomakis. II. Referate. Kriegsbeobachtungen (Tetanus). 1. Behandlung schwerer Tetanus¬ falle, Yon Kocher. 2. Erfahrungen über die Behandlung des Tetanus, von Hochhaut. 8. Zur Behandlung des Tetanus, von Alexander. 4. Zur Behandlung des Tetanus, von Rothfuchs. 5. Einige Ratschläge für die Behandlung des Wundstarrkrampfes, von Müller. 6. Bericht über 31 Tetanusfalle, von Kreuter. 7. Über die Behandlung des Tetanus mit Lumina!, von Kühn. 8 . Ein Fall von Intoxikation nach Tetanusheilserum, von Boenheim. 9. Magnesium* therapie des Tetanus, von Roznowski. — Alkoholismus. 10. Zur Psychologie des Alko¬ holismus, von Vera Strasser-Eppelbaum. 11. Zur Psychologie und Therapie des Tunichtguts und des Trinkers, von Sadger. 12. Über einen Fall von Korsakoffschem Symptomenkomplex alkoholischen Ursprungs, von Hayathi. 13. Über die ärztliche Seite der Trinkerfürsorge, von Runge. 14. Alkoholisrous und Frauen, von Rüper. 15. Aus der Praxis der Entmündigung wegen Trunksucht, von Schott 16. Alkohol und Arbeit, von Oonath. 17. Familiendegene- ration und Alkohol. Die Amberger im XIX. Jahrhundert, von Rosenberg. 18. Süll’ anta- gonismo fra i riflessi tendinci ed i riflessi cutanei nell* alcoolismo cronico, per Ferrari. 19. Erfahrungen mit Ureabromin bei der Alkoholentziehung, von Bufe. 20. Die Über¬ treibungen der Abstinenz. Eine diätischo Studie für Mediziner und Nichtmediziner, von Sternberg. 21. Sülle alterazioni del sistema nervoso centrale dellc cavie nella intossicazione acuta e cronica per vari alcools, per Ferrari. 22. Die akute Halluzinose der Trinker. Bei¬ trag zur Kenntnis von den Intoxikationspsychosen, von Kohlmann. 23. Zur Kasuistik der Alkohol halluzinose und einige Bemerkungen über Gedankenlautwerden, von Seelert. 24. Krücken oder Beine, von Bleuler. 25. Die Alkoholgeistesstörungen gemeinverständlich als Grundlage der praktischen und strafrechtlichen Trinkerfürsorge dargestellt, von Schaefer. 26. Alkohol und Verbrechen in Bayern, von v. Hertig. 27. Zur Behandlung des Delirium tremens, von Schneider. 28. Zur Behandlung des Delirium tremens, von Scharnke. 29. Zur Behandlung des Delirium tremeDs mit Veronal, von v. d. Porten. 30. Alcool et delirium tremens, par Oemole. 31. Zur Kenntnis des Adalins, von Siebelt. 82. Schutz vor Schlaf¬ mittel Vergiftungen, von Cimbal. 33. La degenerazione primaria delle fibre nervöse del cer- vello in seguito ad avvelenamento sperimentale da alcool, per Bertoloni. 34. Über Verlauf und Ausgang des Korsakoffschen Symptomenkomplexes auf alkoholischer Grundlage, von DOrr. 35. Ein Fall von akuter Psychose bei chronischer Trional-Veronalvergiftung, von v. Muralt 36. La fixation des poisous sur le syst&me nerveux, par Guillain et Laroche. 37. De la dipsomanie, par Perelmann. — Unfall. 88. Gehirnblutung hei „betriebsüblicher* 4 Arbeit als Unfallfolge, von Grassmann. 39. Telephon — Gutachten für das Königliche Kammer¬ gericht, von Förster. 40. Nervöse Unfallfolgen nach Starkstrom Verletzungen, von Schmückino. 41. Über traumatische Spätapoplexie, von Schuster. 42. Zur Kenntnis der Unfälle durch Elektrizität, von Fischl. 43. Pseudogibhns (Pseudokyphosis) traumaticus, von Haäkovec. — Psychiatrie. 44. Neae Ernährnngsversache hei Irren mit Sanatogen, von Berze. 45. Unfall¬ kunde and Psychiatrie, von Maier. 46. Ein Fall von snbakuter Psychose nach Schädel- tr&uma, von Uhlmann. 47. Ein Fall von tranmatischer Geistesstörung, von Gessner. 48. Über Entwicklung von Geistesstörung nach Unfall, von Feige. 49. Posttranmatische Spätpsychose oder Dementia arteriosclerotica? von Stein. 50. Ein Beitrag zu dem Kapitel: Traumatische xxxiv. 6 Digitized by Gen »gle Original fro-m UNIVERSITY QF MICHIGAN 82 Neurosen, vod Beinhold. 51. Zur Lehre von den durch Isolation entstehenden Psychosen, von Briese. 52. Über die Folgen psychischer Vorgänge auf Körper und Seele, von Reichirdt. 53. Lehrbuch der psychiatrischen Diagnostik, von Gregor. III. Aus den Gesellschaften. Vereinigte ärztliche Gesellschaften zu Berlin, Sitzung vom 23. Dezember 1914. IV. Zum Gedächtnis Prof. Lothar von Frankl-Hochwarts. Von M. Nonne in Hamburg. V. Verschiedenes. I. Originalmitteilungen. 1. Eine neue Methode zur Färbung der Neuroglia. 1 Von Bamön y Cajal (Madrid). [Dieser Aufsatz war ffir eine Feetnummer anläßlich des geplanten Internationalen Kongresses für Neurologie, Psychiatrie und Psychologie (Bern, 7.—12. September 1914) bestimmt.] Nach der Veröffentlichung der wichtigen technischen Methoden von Golgi (1885) und von Weigebt (1895) ist eine große Zahl von Vorschriften, nach denen eine mehr oder minder konstante und schließlich selektive Färbung der Nearoglia des Nervensystems erreicht werden sollte, veröffentlicht worden. Es genügt wohl, hier nur au die wichtigsten der modernen Färbemethoden zu er¬ innern: an die von Anglade und Morel (1901), die neuesten Rezepte von Alzheimer (1910), Da Fano (1906) und Fibandt (1910 bis 1911), die auf Verwendung von Malloby's Hämatoxylin, nach vorheriger Einwirkung ver¬ schiedener Beizen, beruhen. Neben unleugbaren Vorzügen leiden alle die genannten Methoden an Fehlem und Unvollkommenheiten. Cebletti, ein ausgezeichneter Kenner der modernen Gliafärbetechnik, bestätigt, daß die meisten Methoden wirklich gnt (manche sogar ausschließlich) nur die fibröse Neuroglia färben, d. h. die in der weißen Substanz der Zentren so reichlich vorhandenen RANViEB-WEiGEBT’schen Fibrillen. Die protoplasmatische Nearoglia färben sie unzuverlässig und ungenau; ihre Struktur sowie Verlauf und Endigungen ihrer Ausläufer lassen sie ganz im Dunkeln. In ähnlichem Sinne änßert sich Achucarro, der ausgezeichnete Ver¬ treter der Alzheim ER’schen Schule, der sämtliche wichtigeren, heute gebräuch¬ lichen Hilfsmittel zur Demonstration der normalen und pathologischen Glia durchprobiert hat. Diese Fehler sind um so bedauerlicher, als gerade die proto¬ plasmatischen Neurogliazellen in physiologischer und pathologischer Beziehung besonderes Interesse bieten, da sie in der Hirnphysiologie von aktiver Bedeutung sind und nur ihre erkrankten Ausläufer sehr stark auf die Neurouen einwirken. Sicherlich gibt uns die GoLGi’sche Methode oder ihre Varianten ein vor¬ zügliches Kriterium für die Beurteilung der protoplasmatischen Neuroglia, deren Verästelungen sie uns genau und deutlich auf ungefärbtem und durchsichtigem Grunde aufzeigt. Bekanntlich hat aber die Silberfärbung große Schattenseiten. 1 Aus dem französischen Original übersetzt. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 83 Sie mißlingt sehr häufig, gibt launische und fragmentarische Bilder und schlie߬ lich verdeckt sie, indem sie das ganze Protoplasma durchsetzt, die feinere Struktur, so daß sie nichts über noch strittige Fragen der Struktur und der Ernährung der Glia zu entscheiden ermöglicht. Die Nachteile der GoLOi’schen Methode und die Unzulänglichkeit der modernen Neurogliafärbetechniken rechtfertigen die Versuche von einigen An¬ hängern der Bielscbowskü 'sehen Methode, von Achucabbo und mir selbst, ein Verfahren der Metallimprägnation zu finden, daß möglichst der zweifachen Bedingung genügt: die Protoplasmafortsätze genau aufzuzeigen und durchsichtige Bilder zu liefern. Da sich das Protoplasma der Neuroglia mit basischen Analin¬ farben oder mit Hämatoxylin nicht selektiv, also nicht stark färbt, so glaube ich, daß das Problem der Morphologie der Glia (ebenso wie das der Verbindung der Neuronen) nur durch die Entdeckung konstanter Metallimprägnationsmethoden gelöst werden kann, da die letzten Ausläufer der Neuroglia und der Nerven- kollateralen an Feinheit beinahe an das Ultramikroskopische grenzen und allein die Metaliniederschläge die genügende Farbensättigung zur Lichtbarmachung von Fibrillen mit einem Durchmesser von etwa 0,1 besitzen. Diese Hoffnung erscheint nicht unbegründet, das beweist einerseits die vorzügliche Methode Achucabbo’s 1 mit Taninbasen und ammoniakalischem Silbernitrat, die unter bestimmten Bedingungen die Fortsätze der protoplasmatischen Neuroglia sehr fein und vollständig imprägniert, andererseits mein Uran-Formol verfthren, 2 das sehr gute Bilder von den Endverzweigungen der Neurogllafortsätze (Astrozyten mit kurzer Strahlung) in Tiergehirnen gibt. Aber auch diese beiden Methoden sind, so vorteilhaft sie sich auch in manchen Fällen erweisen, etwas unsicher; das meine (Formol-Uran) ist bei menschlichen Hirnrinden überhaupt nicht an¬ wendbar. Angesichts dieser Tatsachen ist es wohl zu verstehen, daß ich neue Unter¬ suchungen über Metallimprägnationsmethoden angestellt habe. Zu diesen ver¬ wandte ich aber keine Silber-, sondern Goldsalze. Die Goldsalzlösung läßt man auf vorher in Formol gehärtete Gefrierschnitte des menschlichen Gehirns ein¬ wirken. Zwar ist diese neue Vergoldungsmethode von dem ersehnten Ideal noch weit entfernt, doch sie besitzt, wie wir später hören werden, einige tatsächliche Vorzüge: sie gibt durchsichtige purpurne oder rote Färbungen, zeigt den ganzen Verlauf der Neurogliafortsätze deutlich abgehoben vom ungefärbten Grunde und ist — wenn die Reaktion gelingt — eine selektive Färbung der Glia der weißen und der grauen Substanz. Schließlich ist sie zuweilen auch mit Erfolg bei den Gehirnen der Laboratoriumstiere (Hunde, Katzen usw.), sogar bei noch in Entwicklung begriffenen (neugeborene Hunde und Katzen) anwendbar, wenn sie auch die besten Resultate bei Präparaten der menschlichen Hirnrinde gibt 1 Achucabbo: „Nueto metodo para el estudio de la neuroglia y tejido conjunctivo.“ Boletin de la Sociedad Espaüola de Biologia (1. Jahrgang, Sitzung vom 20. Okt. 1911). — „La eetructura de la neuroglia en la cortega cerebral“ (Ebenda. März 1913). * S.R.Cajal: „Förmula de fijacioc para la demonBtratiön fäcil del aparato de Golgi etc.“ Trabajoe del Laboratorio de Iuvestigaciones biolögieas (X, 1912). 6 * Original from UMIVERSITY OF MICHIGAN 84 Prinzipien der Methode. Die Methode stützt sich auf eine besondere Eigenschaft des Sublimats. Wenn man einen in Formol gehärteten Qefrierschnitt von Nervengewebe mit Goldchlorid behandelt, so verursachen die organischen Bestandteile der grauen und weißen Substanzen, mit oder ohne Mitwirkung des Lichtes, eine Reduktion des Goldchlorids, die sich in der Gestalt eines fast gleichmäßigen rosafarbenen oder violetten Niederschlages äußert. Diese Färbung ist jedoch keine selektive, bzw. bevorzugt in geringem Grade die markhaltigen Fasern, kommt also für die Nerven Zytologie nicht in Betracht. Setzt man aber der Goldchloridlösung noch einen Reaktionsbeschleuniger hinzu, der gleichzeitig ein Beizmittel ist, beispielsweise Ätzsublimat, 1 dann verläuft der Reduktionsprozeß aktiver und die metallischen Niederschläge von rotvioletter Farbe lagern sich fast ausschließlich — wenigstens zu Beginn — in dem Protoplasma der Neurogliakörperchen ab. Das Sublimat selbst erleidet scheinbar im Verlaufe der Reaktion keine Ver¬ änderungen, auch ist es an dem Niederschlag nicht beteiligt. Wir lassen im Augenblick den physikalisch-chemischen Mechanismus, zu dessen Aufklärung uns noch alle notwendigen Daten fehlen, beiseite und fassen kurz den modus operandi zusammen: 1. Stücke menschlichen Gehirns werden in folgendem Fixationsmittel gehärtet : Formol .... 14 ccm Wasser .... 100 „ Ammoniumbromat 1 2 g An Stelle von Ammoniumbromat kann man auch Ammoniumnitrat verwenden. Man darf nicht zu viele und nicht zu dicke (über ] / 2 om) Gewebsstückchen nehmen» In dem Fixationsmittel beläßt man sie 2 bis 8 Tage. 2. Schneiden der Gewebsstücke mit dem Gefriermikrotom. Eine Anzahl Schnitte von etwa 20^ Dicke werden im Fixationsbad gesammelt, wo man sie aufbewahrt, bis man die Imprägnation vornehmen will. 3. Schnelles Auswaschen der Schnitte (ein paar Sekunden) zweimal nach¬ einander in destilliertem Wasser, um den Überschuß an Formol auszuziehen. 4. Jetzt kommen die Schnitte für 4 bis 8 Stunden in eine folgendermaßen zusammengesetzte Flüssigkeit, die vor Licht zu bewahren ist: Reines Goldchlorid * von Merck 1 auf 100 10 ccm Sublimat 5 auf 100. 8 „ Destilliertes Wasser. 50—60 „ 1 Eine Mischung von Sublimst and Goldchlorid hat Zibhbn schon frfiher (1891) zur Friernng und Färbung bei seiner Imprägnationsmethode der grauen Hirnrinde angegeben. Bei meinem Verfahren wird das Sublimat zu einem anderen Zweck verwendet: es imprägniert nicht, sondern bedingt nur die selektive Ablagerung des reduzierten Goldes. * Das Ammoniumbromat ist zur Reaktion nicht erforderlich, diese erfolgt anch, vielleicht noch energischer, in Formol allein, aber dann wird der Metallniederschlag weniger fein ud zur Erforschung der ProtoplasmaBtruktur weniger geeignet. * Es ist vorteilhafter das brannc Goldchlorid (von Mbrck) zu verwenden, weil es viel aktiver ist als das gelbe des Handels. Digitizer! b'j Google Original fro-m UNIVERSfTY OFMICHK »AN 85 Diese Lösung muß stets frisch bereitet werden. Um intensive Färbungen iu erlangen, muß man das Verhältnis zwischen Zahl der Schnitte und Menge des Goldbades genau regulieren. Auf 25 ccm Goldbad soll man nicht mehr als 6 bis 8 Schnitte rechnen, von denen jeder einzelne glatt auf dem Boden des Gissgefäßes ausgebreitet liegen soll. Man handhabt die Schnitte am besten mit zugespitzten Holz* oder spitzen Glasstäbchen, nicht mit Nadeln. Die Flüssigkeit, in die man die Schnitte legt, muß im Dunkeln gehalten werden, weil sie durch Licht geschädigt wird. Die Redaktion setzt bereits in der ersten Stunde ein und nimmt in den folgenden Standen stetig zu, wobei die Schnitte allmählich eine violette Färbung an« nehmen. 5. Neuerliches schnelles Auswaschen der Schnitte in reichlicher Menge destillierten Wassers. ti. Fixierung in folgender Flüssigkeit: Natriumhyposulfat.10 g Destilliertes Wasser.120 ccm Natriumbisulfat in konzentrierter Lösung 5 „ Man gießt gewöhnlich zuerst die Lösung des Natriumhyposulfats in ein Porzellan* oder Glasschälchen, taucht die Schnitte hinein und säuert dann die Flüssigkeit mit 2 bis 3 Tropfen von Natriumbisulfat an, denn durch ihre Alkali* nität würde sonst die Struktur des Nervengewebes aufquellen und stark gedehnt werden. 7. Nachdem die Schnitte etwa 15 Minuten im Fixierbad verweilt haben, wäscht man sie zweimal in 40 0 / 0 igem Alkohol aus. Dann tut man sie auf einen Objektträger, saugt die überschüssige Flüssigkeit mit reinem Fließpapier ab und entwässert mit einigen Tropfen absoluten Alkohols. 8. Aufhellen der Schnitte durch Nelkenöl oder Origanumöl, Entfernung des Öls durch Xylol und endlich Einscbließen in Kanadabalsam. Die Färbung wird vom Licht und von harzigen Trägern nicht angegriffen. Sie eignet sich vorzüglich zu mikrophotographischen Aufnahmen. Makroskopisch sehen gut imprägnierte Schnitte aus wie intensiv gefärbte Hämatoxylinpräparate. Der Grundton der Färbung ist rotviolett oder purpur. Hellrosa* oder Helllilafarbung ist stets ein Zeichen ungenügender Färbung. Sieht das Präparat dagegen blauviolett oder blaugrau aus, so ist die Reaktion za körnig ausgefallen. Zur Untersuchung der Präparate braucht man stets einen Zeiss-Apochro- maten von 1,30 und einen ABBß’schen Kondensor ohne Blende. Die trockenen Apochromaten geben bei großer Blende auch sehr hübsche Bilder. Die Neuroglia* zellen präsentieren sich bis in ihre feinsten Ausläufer schön purpurrot gefärbt und heben sich deutlich von dem ungefärbten Grunde ab. Die Neuronen färben sich samt ihren Ausbreitungen in gut gelungenen Präparaten zwar nur schwach, aber doch so viel, daß man die Neuroglia ohne Schwierigkeit lokalisieren kann. Starke Färbung der Neuronen ist ein Zeichen, daß die Schnitte zu lange im Sublimat-Goldbad geblieben sind. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 86 Wie bei vielen anderen Methoden, beispielsweise der Ach ucABBo’schen, färbt sich die weiße Substanz der Neuroglia energischer und konstanter als die graue. Die Ausläufer oder dickeren Äste, die zu den Blutgefäßen ziehen, er¬ scheinen ebenfalls intensiv gefärbt. Im allgemeinen kann man sagen, daß die Neurogliaausläufer um so feiner und leichter vergoldbar sind, jo frischer und normaler das untersuchte Gehirn ist (plötzlicher Tod durch Unfall). Wie bei den anderen Methoden, färben sich die Konturen des Soma und der Beginn der Ausläufer stärker als die um den Kern herum gelegene Hauptmasse des Protoplasmas. Für das Studium der Ranveeb- WEiGEBT’schen Fibrillen gibt uns die Reaktion einige nützliche Variante. Manchmal heben sich diese, etwas gekörnt erscheinenden, Fasern von dem schwach lila gefärbten Protoplasmagrund deut¬ lich ab, in anderen Fällen weisen Fibrillen und Protoplasma die gleiche Tönung auf und der intrazelluläre Charakter der WEiGEBT’soheu Fibrillen tritt deutlich hervor . 1 In den mittleren und tiefen Schichten der Neurogliazellen der grauen Sub¬ stanz lagert sich der größte Teil der metallischen Niederschläge ab. Häufig wird die Gliafärbüng der molekularen Zone schwächer, doch erhält man nicht selten auch Schnitte, in denen die ganze graue Substanz, inklusive der mole¬ kularen Zone, ihre protoplasmatische Glia erkennen läßt. Bei frischem Gehirn und gut gelungener Reaktion erscheint das Proto¬ plasma der Astrozyten der grauen Substanz ausgesprochen schlammig, und ent¬ hüllt ein System von Scheidewänden und sehr zarten violett gefärbten Filamenten, welche die ungefärbten Räume voneinander trennen und vermutlich den Rio- somen Fb&andt’s oder den Mitocbondrien von Manai, Nageotte und Aohu- cabbo entsprechen. Endlich gelingt es verhältnismäßig häufig, die Zentrosomen schön rot oder violett zu färben, etwas schwächer die Einschlüsse oder Pigmentkörperchen des Protoplasmas der Neuroglia. In Schnitten von Kleinhirn, Medulla und Rückenmark ist die Imprägnation stets etwas körnig und nicht sehr intensiv. Wir müssen uns stets vor Augen halten, daß die Sublimat-Goldreaktion nur bei der menschlichen Hirnrinde schätzenswerte, oft sogar ausgezeichnete, Resultate gibt Auf Grund dieser Vorliebe für die Rinde und der Allgemeinheit und relativen Konstanz der Reaktion hoffe ich, daß die neue Methode der pathologischen Anatomie von Nutzen sein wird. Diese Hoffnung erweist sich auf Grund der 1 Wünscht man eine ausschließliche Färbung der WsiOBBTschen Fibrillen za erhalten, die an Feinheit and Durchsichtigkeit der Bilder mit den ALZHBiun&’schen Präparaten ver¬ gleichbar ist, so ersetzt man den Fixator Formol-Bromaminoninm oder Formol-Ammonium- nitrat durch folgendes Bad: Formol 14, Wasser 100, Karbamidnitrat 2 (oder bis zur Sättigung). Auch Azetamid gibt unter gleichen Bedingungen identische Resultate. Aber bei derart ge¬ färbten Präparaten bleicht die Glia der grauen Substanz mit der Zeit sehr aus. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 87 neuen Arbeiten von Achooabbo und Gayabre 1 über senile Demenz und der (unter der Presse befindlichen) Arbeiten von Tello über die Veränderungen der Neuroglia bei infektiösen Granulomen und Hirntumoren als wohl begründet. Mir selbst 2 hat die Methode bei meinen Untersuchungen über Vernarbung der Glia nach Hirntumoren (bei Hund und Katze) recht gute Dienste geleistet. Obgleich die neue Methode durchaus nicht den Ehrgeiz hat, die übrigen gebräuchlichen und sehr schätzbaren Methoden zu verdrängen, wird sie Kraft ihrer Einfachheit und exquisiten Spezifität doch in allen zweifelhaften Fällen eine gute Kontrolle sein, beispielsweise wenn es sich darum handelt, den glio- matösen Charakter einer Verletzung oder eines Hirntumors festzustellen. Außer* dem hat sie unter anderen noch den Vorzug, daß sie weder mesodermale Zellen, noch Kollagenbündel, noch die dendritischen Neuronenausläufer mitfärbt. Madrid, den 24. Juli 1914. 2. Einige Bemerkungen zur Diagnose des Hirntumors anläßlich eines operierten Falles. Von Milt. Oeoonomakis (Athen). [Dieser Aufsatz war für eine Festnummer anläßlich des geplanten Internationalen Kongresses für Neurologie, Psychiatrie und Psychologie (Bern, 7.—12. September 1914) bestimmt.] Wenngleich wir eine ganze Reihe von pathognostischen Zeichen besitzen, welche gegebenenfalls die Diagnose eines Hirntumors sichern und besonders in den letzten Jahren das Fortschreiten unserer Kenntnisse über das Wesen der Himerkrankungen, die das klinische Bild des Hirntumors Vortäuschen können, uns von Tag zu Tag mehr in den Stand setzt, diagnostische Irrtümer zu ver¬ meiden, so kommen doch atypische Fälle vor, bei denen man wünschen möchte, man hätte noch mehr diagnostische Anhaltspunkte zur Disposition. Die Zahl der in die Rubrik „Tumor cerebri“ fallenden diagnostischen Irrtümer ist be¬ kanntlich immer noch eine nicht gerade unbedeutende. Folglich kann jeder Beitrag, wie gering er auch sein mag, der zur Bereicherung unseres diagnosti¬ schen Wissens, wenn auch nicht durch Auffindung von neuen Zeichen, so doch wenigstens durch Klarstellung des Wertes der bereits vorhandenen, mithilft, uns nur gelegen kommen. Durch solche Erwägungen wurde ich zur Publizierung untenstehenden Falles 1 Achccabbo and Gayarbk: I. „La cortera cerebral en la demencia paralitica con el naevo proceder al oro y sublimado de Cajal.“ Trab, del Lab. de Investig. biol. 1914. Fase. 1. — II. „Contribnam al eetndio de la nearoglia en la cortera de la demencia senil etc.“ Ebenda. * Cajal : I. „Estudio sobre la degeneracion y regeneracion del siatema nervoso.“ II. 1914. 8. 363 ff. — II. „Contribution al associmento de la neuroglia del ccrebro humano.“ Trab, del Lab. de Investig. biol. XI. 1913. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 88 bewogen, bei dem es sich um ein diffuses Gliom der motorischen Zone handelt» das sich jahrelang unter dem Bilde einer genuinen Epilepsie verborgen hielt und dann in dem Zeitraum weniger Monate die Anzeichen der Herderkrankung darbot, die eine genauere Lokalisation und die Indikation zum chirurgischen Eingreifen ermöglichten. Die Operation wurde von Prof. Dr. H. CoENEN-Breslau, während seiner Anwesenheit in Athen als Chef des Deutschen Boten Kreuzes ausgeführt, dem ich für die liebenswürdige Überlassung des Operationsprotokolls zu großem Dank verpflichtet bin. A. B., 39 Jahre alter Bootsbesitzer, seit 6 Jahren verheiratet, 3 lebende Kinder, 4 Fehlgeburten. Vater Alkololist, an Gehirnerweichung gestorben. Pak soll auch, bis vor 5 Jahren, ein starker Alkoholist gewesen sein. Lues angeblich im Jahre 1896, unregelmäßig mit Hg und Jodkali behandelt. In jungen Jahren einmal Kopfverletzung durch Sturz von einem Karren; davon ist eine kleine Narbe in der Mitte der Stirn zurückgeblieben. Ein anderes Mal allgemeiner Hautausschlag, angeblich durch unbekannte Infektion beim Barbier. Sonst völlig gesund bis 1898, als er eines Tages am Deck eines Dampfschiffs plötzlich zu Boden stürzte und von allgemeinen Krämpfen befallen wurde. Darauf 48 Stunden bewußtlos. Während dieser Zeit wiederholten sich 8mal die schweren Krampfanfalle und jede 10 Min. traten leichtere auf; erstere unterschieden sich von den leichten durch die Dauer und Stärke der allgemeinen Zuckungen. Einen Monat lang nachher konnte er sich auf nichts besinnen, erkannte auch Per¬ sonen und Gegenstände schlecht. In den nächsten 6 Jahren keine Krämpfe, noch andere krankhafte Erscheinungen. Dann, angeblich, Abszeß im rechten Hypo¬ gastrium, das gespalten wurde; 3 Tage nachher noch 36 Stunden lang gehäufte Allgemeinkrämpfe, wie oben, mit darauffolgender Gedächtnisschwäche ungefähr 20 Tage lang. Nach 3 Jahren Krampfanfall von viertelstündiger Dauer, der an ; der Unken Gesichtshälfte begonnen haben und während der allgemeinen mit Bewußt¬ losigkeit einhergehenden Attacke etwas stärker auf der linken Seite ausgebildet gewesen sein soll. Von nun an alle 6 bis 6 Monate ein allgemeiner Krampf¬ anfall mit völliger Bewußtlosigkeit, bisweilen Beginn der Krämpfe links oder stärkere Ausprägung daselbst. Zu Anfang der Attacke hatte er jedesmal das Gefühl, wie wenn sein Kopf gewaltsam nach unten gedrückt werde. Durch Brom, daß er unregelmäßig seit Jahren gebrauchte, auffälliges Unterbleiben der Anfälle; es war das einzige Mittel, daß günstig auf den Zustand gewirkt haben roll. Dagegen hatte die antiluetische Behandlung keinen Einfluß auf die Krämpfe. Auch sah er eine günstige Wirkung durch Kassarinigebrauch im letzten Jahre. Nach einem 14monatigen freien Intervall trat am 2. Juli 1912 wiederum ein heftiger allgemeiner Anfall von einigen Minuten Dauer auf. Einige Tage vorher hatte Pat. vorübergehend ein dumpfes Schmerzgefühl in der rechten Kopfhälfte. Aus¬ gesprochener Kopfschmerz stellte sich nie ein, auch nicht Erbrechen. Im August 1912 begannen tägliche linksseitige Krämpfe, ohne wesentliche Trübung des Bewußtseins. Bei gehäuftem Auftreten dieser partiellen Krämpfe blieb eine Schwäche am linken Arm und Bein zurück. Brom hatte während dieser Zeit nur geringe Wirkung. Eine Untersuchung des Patienten zu dieser Zeit ergab kurz folgendes: Herab¬ setzung der groben motorischen Kraft am linken Arm und Bein, deren Grad analog der Häufung der vorangehenden homolateralen Krämpfe wechselt. Erhöhung des Patellarreflexes links, kein Babinski, auch kein anderes Zeichen von seiten der Reflexe und der übrigen Motilität und Sensibilität. Pupillen beiderseits gleich, reagieren normal. Augenhintergrund normal. Ergebnis der Lumbalpunktion: Fließt klare Flüssigkeit in rasch Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 89 hintereinanderfallenden Tropfen. Spez. Gewicht 1007. Eiweißmenge 2,14 °/ 00 . NaCl 9,18 °/ 00 . Keine Zellen, weder Leukozyten noch rote Blut¬ körperchen. Wassermann in Blut und Liquor negativ (Dr. D. Sotibiades, 27. August 1912). Patient klagt über Schwere im Kopf und macht einen leicht benommenen Eindruck. Kein Kopfschmerz, auch kein Erbrechen. Puls normal, 90 in der Minute. Urin ohne pathologische Bestandteile. Seitdem allmähliches, stetiges Fortschreiten der Lähmungserscheinungen links und Wiederholung der partiellen Krämpfe mit vorübergehender durch Brom¬ anwendung erzielter Besserung; dabei erfolglose antiluetische Behandlung (Hg und starke Jodkalidosen). Anfang Februar 1913 zeigte sich bei einer erneuten Lumbalpunktion eine stark ausgesprochene Druckerhöhung, daher wurde von der Entleerung größerer Mengen zur Untersuchung Abstand genommen. StatuB zu dieser Zeit: linksseitige Hemiparese, unterer Fazialis, Arm und Bein. Der Arm ist stärker befallen. Auoh die einseitigen Zuckungen, die jetzt seltener geworden, sollen hier stärker auf- treten; bisweilen zuckt der Arm allein. Spastisch-hemiplegischer Gang, ohne Schwanken. Die Sehnenreflexe sind links gesteigert, leichter Fußklonus, kein Babinski, kein Oppenheim. Grasset positiv. Kremaster- und Bauchreflexe fehlen links. Zwangsbewegungen, Chorea, Athetosis, Tremor, Hemiasynergie, Adiadocho- kinesie sind nicht zu konstatieren. Keine Sensibilitätsstörung. Vibrationsempflndung normal. Keine Störung des stereognostischen Erkennens. Keine Ataxie. Lage¬ empfindung normal. Sprach-, Lese- und Schriftvermögen ohne Veränderung. Keine Beiz- oder Lähmungserscheinung im Gebiete der übrigen Gebirnnerven. Kein Nystagmus. Kornealreflex beiderseits normal vorhanden. Keine Veränderung in der Kopf- und Körperhaltung. Die rechte Körperhälfte zeigt keine Veränderung, insbesondere bezüglich Motilität und Sensibilität. Augenärztliche Untersuchung (Dr. A. Valettas- Athen): Beweglichkeit der Augen normal. Linke Pupille größer als die rechte, übermittelweit Beide re¬ agieren prompt auf Lichteinfall, die linke jedoch weniger ausgiebig als die rechte. Konvergenzreaktion beiderseits sehr ausgiebig. Keine Gesichtsfeldveränderung. Augenhintergrund normal. Patient klagt über dumpfen Kopfdruck in der Stirngegend. Keine Klopf¬ empfindlichkeit noch Veränderung des Perkussionsschalls am Schädel. Auch kein Unterschied in der Temperatur der Kopfhaut. Durch Husten, Niesen, Pressen kein Kopfschmerz hervorgerufen. Kein Schwindel, kein Erbrechen, noch Neigung dazu. Schlaffer Gesichtsausdruck; Benommenheit, Blick ins Leere starrend. Wiederholtes Gähnen bei der Untersuchung. Gut orientiert. Antwortet langsam und faßt mit Mühe auf. Sprache leicht verwaschen. Sonst keine psychische Störung. Keine Schlaf- noch Witzelsucht. Innere Organe ohne Veränderung. Temperatur 36,5. Puls 85, ohne Veränderung. Keine Urinstörungen. Stuhlverstopfung. Diagnose: Neubildung der linken motorischen Begion in der Höhle des Arm¬ zentrums. Darauf wurde Patient im Militärkrankenhaus „Maraslion Chimion“ auf¬ genommen. 23./II. Operation (Prof. Dr. H. Coenen): I. TeiL Operation in Choroformnarkose, da Patient sich auf lokale Anästhesie nicht einlassen will. Nach Aufzeichnung des Schemas Kbönlein Schnitt biB auf den Knochen der rechten Parietalgegend. Dabei starke Blutung aus der Kopfschwarte. Nach Abheben des Knochendeckels Bieht man an zwei Stellen kleine, strahlen¬ förmige Auflagerungen, von denen jede die Größe eines Fingernagels hat. Mini¬ male Pulsation des Gehirns. Die Dura ist nicht so durchsichtig wie gewöhnlich. Am sagittalen Bande des Fensters wölbt sich die Dura in Dreimarkstückgröße leicht vor. Wegen starken Blutverlustes zweizeitige Operation. Zurückklappen Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 90 des Deckels, Hautnaht, Druckverband. An demselben Tage: deutlicher epileptischer Anfall, der die linke Seite bezog. Dauer etwa 3 Minuten. 24./II. Kein Anfall. 25. /IL II. Teil. Die Wunde wird ohne erhebliche Blutung geöffnet. Die Gerinnselschicht wird entfernt. Darauf wird von der Mitte der medialen Knochen¬ leiste noch etwas fortgenommen. Jetzt wird die Dura geöffnet. Man erkennt an der Stelle, wo vorher die Dura etwas vorgewölbt schien, also im Bereich des sekundär erweiterten Knochenrandes, eine etwa 1 1 / 2 Fingerglied lange und 1 Fingerglied breite Stelle von graurötlicher Färbung, die wie ein Tumor aussieht. Die tumorverdächtige Stelle ist nicht stumpf ausschälbar und wird in einzelnen Stücken entfernt. Hierbei entleert sich bernsteingelbe Flüssigkeit. Bings um die zurückgebliebene Höhle Tumorinfiltration, die stückweise entfernt wird. Im ganzen wird ein wallnußgroßes Stück entfernt. Die Tumorbestandteile sind graurot. Er¬ hebliche Blutung. Ob alles Tumorverdächtige entfernt ist, läßt sioh nicht mit Sicherheit sagen, da der Einblick in die Höhle wegen der Blutung nicht klar ist. Exakte Schicht¬ naht. Abends allgemeiner Krampfanfall, 1 Minute lang. 26. /II. drei partielle Anfälle; 27./II. vier Anfälle von einseitigen Krämpfen; 28./II. vier leichtere Anfälle; 1. bis 3./III. Kein Anfall. Angeblich Kopfschmerz im Bereiche der Wunde. Mikroskopische Untersuchung der entfernten Geschwulststücke (Königl. Chirurg. Klinik zu Breslau und Dr. Cilimbaeis, Athen): Die Gesamtheit der Geschwulst besteht histologisch aus lauter gleichmäßig gebauten Zellen, die ein verästeltes Protoplasmagerüst besitzen, mit feinen Fasern anastomosieren und einen gut färbbaren kleinen Kern haben. Die Zellen liegen in einem weichen Gefüge aneinander. An verschiedenen Stellen sieht man zwischen diesen Zellen Beste normaler Gehirnsubstanz. Diagnose: diffuses Gliom. 22./III. 1913. Patient, der bis vor 2 Tagen ganz gesund gewesen sein soll, fühlte wieder Vorboten in Form von Kribbeln am linken Arm und hatte inner- halb zweier Tage wiederholt allgemeine Krampfe. Jetzt fühlt er dauernd Kribbeln an der linken Seite des Körpers, wie wenn sich ein neuer Anfall vorbereite. Völlige Heilung der Operationswunde. Patient verneint jede Beschwerde anderer Art. Psychisch normal, lebhafter Blick. Normales Auffassungsvermögen- Keine Anisokorie. Pupillenreaktion beiderseits normal. Fazialisinnervation beider¬ seits gleich. Gang normal, Gebrauch der linken Extremitäten fast normal. Ge¬ ringe Verminderung der groben Kraft am linken Arm. Patient kann den linken Arm nicht über die horizontale Lage erheben, da es ihm Schmerzen im Schulter¬ gelenk verursacht. Wassermann im Blut negativ. Lumbalpunktion: Flüssigkeit klar, fließt tropfenweise, ohne Druck. Spez. Gewicht 1004. Einweiß 0,20 °/ 00 . Kein Zucker. NaCl 3,40°/ 00 . Keine morphologischen Bestandteile im Sediment (Dr. J. Papassotibiou, 30./III. 1913). Am 22./I. 1914 erschien Patient wieder zur Untersuchung. Gibt an, er habe am 7./I., nachdem er fast ein Jahr« lang gesund war und ohne jegliche Be¬ schwerden seinen Beruf ausübte, einen partiellen Krampfanfall am linken Arm gehabt. Wiederholung desselben dreimal bis heute; von Mal zu Mal sollen die Anfälle stärker aufgetreten sein, ohne Trübung des Bewußtseins. Gibt ferner an, daB er dauernd die Idee habe, die Anfälle würden wieder in der früheren Stärke auftreten, und es lasse ihm dieselbe keine Buhe. Die objektive Untersuchung ergab keinen wesentlichen Unterschied von der vorhergehenden, dagegen zeigt sich sogar eine bedeutende Besserung in der Beweglichkeit des Armes. Die letzten Mitteilungen (18./VII. 1914) über seinen Zustand lauten wie folgt: Patient hat sehr oft ein unangenehmes Kribbelgefühl am linken Arm. Dazu fühlt er periodisch dumpfen Schmerz in der rechten Schläfengegend von 6 Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 91 bis 6 Standen Dauer. Im Februar 1914 batte er einen allgemeinen Krampfanfall mit Bewnßlosigkeit, der links begann und 4 Tage lang eine Parese des linken Beins zurückließ. Seitdem in Zwischenräumen von 8 bis 10 Tagen Auftreten von leichten einseitigen Zuckungen, die sich auf Beugebewegungen der linken Hand nebst Fingern beschränken und durch Reiben mit der anderen Hand leicht ge¬ hoben werden. Pupillen ohne Veränderung. Leichtes Zurückbleiben des linken llundfazialis beim Lachen. Erhöhung der Sehnenreflexe der linken Seite, ohne FuBklonus. Bauchreflexe beiderseits gleich. Kein Babinski, kein Oppenheim. Dynamometer rechts 85, links 24. Patient klagt über allgemeine Schwäche und Appetitlosigkeit und gibt an, daß er seit einiger Zeit eine wachsende Neigung zum Schlafen hat. Kein Erbrechen, keine Pulsveränderung. Der Zustand ist ihm bei seiner Arbeit kein Hindernis, aber er fürchtet immer die Wiederkehr eineB heftigen Anfalls und läßt sich daher immer von jemand begleiten. Also ein plötzlicher Beginn unter Status epilepticus, der sich nach einem vollständig freien Intervall von 6 Jahren in derselben schweren Form noch einmal wiederholte. Seitdem Auftreten allgemeiner Krämpfe mit Bewußtlosig¬ keit und ziemlich großen freien Intervallen. Es zeigt sich uns also hier das typische Bild der genuinen Epilepsie, das sich durch die auffallend günstige Wirkung der Brombehandlung noch typischer gestaltete. Das Geständnis des Patienten, er sei luetisch, sogar vor dem Auftreten der Anfälle, infiziert, be¬ rechtigte jedenfalls dazu, ein antilnetisches Verfahren einzuschlagen; dasselbe blieb aber erfolglos, obwohl es verschiedentlich wiederholt wurde. Von einem Tumor konnte natürlich am wenigsten die Rede sein, da nicht nur damals, sondern auch fast bis zum Vorabend der Operation die allgemeinen Hirn¬ erscheinungen, wie Kopfschmerz, Erbrechen, Schwindel, Pulsverlangsamung, Stannng8papille dauernd fehlten. In den letzten Jahren bemerkte Patient ein Über wiegen der Krämpfe an der linken Körperhälfte, was sich in den letzten Monaten zu einer echten Rinden¬ epilepsie herausbildete. Als nun das vollkommene Bild einer Herdläsion der rechten motorischen Zone zutage trat, wurde Pat. dem Chirurgen überwiesen, dessen Operation uns ein diffuses, zystisch entartetes Gliom darbot. Die Neubildung stammte, allem Anschein nach, von der weißen Substanz der rechten Hemisphäre und wuchs beim weiteren Verlauf gegen die Rinde heran. In ätiologischer Hinsicht ist neben dem Alkoholismus noch als wichtiges Moment das Vorangehen einer Kopfverletzung hervorzuheben. Ein solch anomaler Verlauf mit Vorausgehen von echt epileptischen All¬ gemeinkrämpfen nicht nur 15 Jahre lang, wie im vorliegenden Fall, sondern selbst Dezennien hindurch ist wohl keine seltene Erscheinung (Bbuns, Oppen¬ heim, Ballet, Ed ingeb, Mingazzini, Simmonds u. a .) 1 Dies trug zum Ent¬ stehen der Frage bei: sind diese Krämpfe als ein selbständiges, durch seine Anwesenheit nur den geeigneten Boden für eine Neubildung vorbereitendes Leiden aufzufassen oder nichts anderes als die Vorboten der bereits vorhandenen Neu¬ bildung? Meines Erachtens, spricht obiger Fall für diese letzte Annahme, wenn man nur außer der diffusen Beschaffenheit der Neubildung noch in Betracht 1 Vgl. Oppenheim, Lehrbuch. 6. Aufl. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN zieht, daß bei ihm das Fehlen der bekannten allgemeinen Tamorsymptome, sogar noch als die Herderscheinnngen einsetzten, fortdanerte. Übrigens wäre der Verlauf des entarteten Glioms ein ungewöhnlich schneller, wenn man seinen Beginn erst mit dem Auftreten der Herdsymptome in Beziehung brächte. Vielmehr könnte man die heftigen, von langdauernder Bewußtlosigkeit begleiteten Anfälle der ersten Zeit mit brüsken Veränderungen, etwa Blutnngen innerhalb des Gesohwulstgewebes in Beziehung bringen, die zur Verflüssigung eines großen Teils desselben führten. Die Eigentümlichkeit unseres Falles besteht darin, daß die allgemeinen Hirnerscheinungen fast völlig fehlten, vor allem die Stauungspapille, die dauernd vermißt wurde. Selbst dann noch, als der intrakranielle Druck einen bedeu¬ tenden Grad erreicht hatte, was durch die starke Erhöhung des Liquordrucks und die Benommenheit des Patienten zum Ausdruck kam, war keine Ver¬ änderung im Augenhintergrund nachzuweisen. Es handelte sich dabei nicht um eine kleine oder flächenbaft sich ausbreitende Geschwulst, sondern um eine ziemlich große, welche trotz der zum großen Teil zystischen Umwandlung noch genug feste Substanz aufwies. Könnte nun diese Erscheinung zugunsten der toxischen Theorie der Stauungspapille benutzt werden, oder ist sie auf die un¬ gewöhnlich schnell entwickelte Druckerhöhung, wie sich aus obiger Kranken¬ geschichte ergibt, zurückzuführen? Bei einem solchen Fehlen der Allgemeinerscheinungen verdienen nun die Ergebnisse der Lumbalpunktion eine ganz besondere Aufmerksamkeit Zn einer Zeit, als die auf eine Herdläsion hindeutenden Anzeichen kaum sichtbar waren, und sie damals noch ebenso gnt als zum Bilde der gewöhnlichen Epi¬ lepsie gehörig, bei der auch mitunter einseitige Krämpfe Vorkommen, angesehen werden konnten, ergab die dann erst vorgenommene Untersuchung der Zerebro¬ spinalflüssigkeit bei mäßigem Druck des Liquors eine auffällige Vermehrung der Eiweiß men ge. Diese Vermehrung gilt bekanntlich auch für ein Charak¬ teristikum des Hirntumors. Die Untersuchung des Liquors gab uns also damals das einzige Zeichen, das auf einen Tumor schließen lassen konnte. Die darauf folgende stetige Progression der Lähmung und die wachsende Benommen¬ heit des Patienten vervollständigten dann die diagnostischen Anhaltspunkte. Aber neben der Vermehrung der Eiweißmenge wurde auch eine solche an Kochsalzgehalt (über 9°/oo) beobachtet, wie sie nach P. Jacob bei Echino¬ kokken vorkommt und deren Diagnose stützt. Daß sie sich auch bei Gliomen nachweisen läßt, würde durch weitere Beobachtungen zu konstatieren sein. Bei unserem Fall wäre die Vermehrung dieser Bestandteile höchstwahrscheinlich mit der Anwesenheit der zystischen Flüssigkeit in Beziehung zu bringen. Beide Bestandteile erwiesen sich nach der Operation als bedeutend, fast bis zur nor¬ malen Quantität, vermindert. Was schließlich das therapeutische Resultat der Operation anbelangt, so war eine radikale Heilung angesichts der diffnsen Beschaffenheit der Neubildung kaum zu erwarten. Die Besserung war eine so weitgehende —, wie man ans dem völligen Zurücktreten der Hirndruckerscheinungen und der Hemiplegie, Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN sowie aas dem Seltener- and Schwächerwerden der Anfälle schließen kann —, daß man den Fall nicht als erfolglos operiert bezeichnen darf. Ich hoffe, daß ich den Patienten für den weiteren Verlauf des Leidens nicht aus den Augen verlieren werde, da es interessant wäre zu sehen, ob eine Bezidivoperation sich als notwendig erweisen wird. Bekanntlich hat Oppenheim beobachtet, daß die Operation des diffusen Glioms mitunter ein rascheres Wachs¬ tum zur Folge hatte, während dagegen Hobelet den Eindruck gewonnen, daß die bloße operative Freilegung die Gliome zur Rückbildung anregen kann. Was ich resümierend zum Schluß wiederholen möchte, ist, daß die in der Zerebrospinalflüssigkeit naohgewiesene Vermehrung des Eiweißgehalts im vor¬ liegenden Fall zu einer gewissen Zeit das einzige diagnostische Zeichen des Hirntumors bildete. Daneben ist die parallele Vermehrung der NaCl-Menge, die höchstwahrscheinlich in engerer Beziehung zur Tumorflüssigkeit steht, auch nicht unbeachtet zu lassen. So kann die Untersuchung der Zerebrospinalflüssigkeit bisweilen zu einem höchst wertvollen diagnostischen Hilfsmittel werden und sollte daher in fraglichen Fällen nicht versäumt werden. II. R e f e r a t e. Kriegsbeobachtungen (Tetanus). 1) Behandlung schwerer Tetanusfalle, von Theodor Kocher. (Deutsche med. Wochenschr. 1914. Nr. 46 u. 47.) Ref.: Kurt Mendel. Bei leichten Fällen im Anfangsstadium: Injektion von 10 ccm Antitoxinserum in die Umgebung der Wunde unter Lokalanästhesie und in bloßliegende Muskeln, endoneurale Injektion in die Nervenstämme, intralumbale Injektion von 10 ccm Antitoxinserum nach Ablassen von etwa 10 ccm Liquor, subkutane Injektion von 30 bis 40 g 25°/ 0 iger Magnesiumsulfatlösung, große Dosen Cbloral, mindestens 2 g pro dosi bis zu 12 g in 24 Stunden. Bei schweren Fällen intralumbale Injektion von Magnesiumsulfat 10 ccm der 15°/ 0 igen Lösung bei hoch gelagertem Kopf. Tritt keine Besserung ein, dann Hals und Kopf tiefer lagern, eintretende Atemnot durch Sauerstoffinhalation unter Überdruck intratracheal bekämpfen. Abkäblung des Körpers mit Eisblasen. 2) Erfahrungen über die Behandlung des Tetanus, von Prof. Hochhaus. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. Prophylaktisch: Einspritzung von Tetanusserum, wenigstens 1 bis 2mal 20 A.-E. Bei ausgesprochenem Tetanus Injektion von 100 A.-E. in den Lumbal¬ sack, am folgenden Tage Wiederholung der Injektion, dann einige Tage gleiohe Dosis subklavikular. Symptomatische Behandlung: Morphium und Magnesiumsulfat subkutan. 8) Zur Behandlung des Tetanus, von Karl Alexander. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. empfiehlt Antitoxin + Chloralhydrat per Klysma (einmalige hohe Dosis am Tage: 10 g in 250 g Wasser). 4) Zur Behandlung des Tetanus, von Rothfuchs. (Münchener med. Wochen¬ schrift. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. Das Salvarsan im Verein mit dem Antitoxin beeinflußt den Tetanus günstig, führt einen akuten Verlauf in eine leichtere, langsamer verlaufende Form. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 94 5) Einige Ratschläge für die Behandlung des Wundstarrkrampfes, von Eduard Müller (Marburg). (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. empfiehlt heiße Bäder, 20 bis 30 Minuten lang, Luminal (eventuell Luminalnatrium 0,4 bis zu 5 mal täglich subkutan). Von Magnesiumsulfat und Serum hat Verf. sichere Erfolge nicht gesehen. Bei drohender Erstickungsgefahr ist die Tracheotomie indiziert. 6) Bericht über 31 Tetanusfälle, von Prof. Kreuter. (Münchener med. Wochen¬ schrift. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. empfiehlt intraspinale und intravenöse Seruminjektionen in großen Dosen. Gesamtmortalität ohne Serum 78,9°/o> m Verf.'s 31 Fällen nur 35,5°/ 0 . 7) Über die Behandlung des Tetanus mit Lumina], von Dr. Kühn. (Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 46.) Ref.: Kurt Mendel. In einem Fall von Tetanus günstige Wirkung des Luminal 0,1 bis 0,3 (eventuell als Luminalnatrium subkutan). 8) Ein Fall von Intoxikation nach Tetanushellserum, von Dr. Felix Boen- heim. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 52.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. beobachtete in einem Tetanusfalle nach Einspritzung von 20 I.-E., die in 3 l / 2 ccm Serum enthalten waren, eigenartige Intoxikationserscheinnngen, und zwar einen sich etwa in 12 Tagen über den ganzen Körper ausbreitenden Juck¬ reiz, der nach starker Defäkation sofort nachließ, bald aber von neuem anfing. Man konnte dann eine starke Urtikaria sehen, die mit Fieber einherging und Morphiumeinspritzungen notwendig machte. Nach Verschwinden des Juckreizes stellten sich dann Mattigkeit und heftige Muskel-, Knochen- und Gelenkschmerzeu ein. Von vier mit demselben Serum gespritzten Personen klagte nur noch eine über Juckreiz an der Injektionsstelle, die anderen blieben verschont. Verf. meint, daß die Möglichkeit vorliegt, daß die Intoxikation auf das artfremde Eiweiß za schieben ist. Die Besserung nach der Defäkation legt den Schluß nahe, daß da¬ mit ein Hinweis für den Ort der Ausscheidung gegeben ist. 9) Magnesiumtherapie des Tetanus, von J. v. Roznowski. (Therapie der Gegenwart 1914. Nr. 11.) Ref.: K. Boas. Verf. empfiehlt auf Grund einer mitgeteilten Beobachtung bei Tetanus sub¬ kutane Injektion einer 25°/ 0 igen Magnesium sulfuricum-Lösung. Alkoholismus. ° 10) Zur Psychologie des Alkoholismus, von Vera Strasser-Eppelbaum. (Schriften d. Vereins f. Individualpsychologie. Nr. 5. München, Ernst Rein¬ hardt. Pr. 1,50 Mk.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a./S.). Verf. stellte Assoziationsversuche bei Alkoholikern an und teilt die bei fünf Kranken erhobenen Protokolle teilweise mit. Ein einheitliches Ergebnis, welches differentialdiagnostischen Wert besitzen könnte, ließ sich nicht feststellen. Daß teilweise sehr oberflächliche Assoziationen vorkamen, führt Verf. besonders darauf zurück, daß die Patienten — ebenso wie auch häufig Gesunde — möglichst prompte — und daher flache — Reaktionen zu bringen bestrebt waren, um mög¬ lichst gesund zu erscheinen. Das Gesamtresultat ist, daß die Ergebnisse des Assoziationsexperiments bei Alkoholikern von denen beim Normalen nicht ab¬ weichen. Zum Schluß wird der Alkoholiker dem von Adler geschilderten „Neuro¬ tiker“ an die Seite gestellt. 11) Zur Psychologie und Therapie des Tunichtguts und des Trinkers, von Sadger. (Wiener klin. Rundschau. 1914. Nr. 20.) Ref.: Pilcz (Wien). Mit Begeisterung wühlt Verf. psychoanalytisch in den Angaben seines Falles; selbstverständlich ist es wieder die Sexualität, welche einzig und allein die Trunk- Di gitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 95 sucht und Züge der moralischen Minderwertigkeit erklärt und bedingt. Jedes weitere Wort überflüssig. 12) Über einen Fall von Korsakoffsohem Symptomonkomplex alkoho¬ lischen Ursprungs, von D. Hayashi. (Mitteil. d. mediz. Gesellsch. zu Tokio. XXVIII. 1914. H. 7.) Ref.: Kurt Mendel. Krankbeitsbild und histologischer .Befund in einem Falle von Korsakoff alkoholischen Ursprungs. Besprechung der Differentialdiagnose gegenüber Presbyo¬ phrenie. Am stärksten betroffen waren die erste Stirnwindung und die Insel, wenig die Umgebung der Fissura calcarina, gar nicht das Kleinhirn. Die Ver¬ änderungen bestanden in lipoid-pigmentöser Entartung und lipoider Sklerose der Nervenzellen, Wucherung der Gliazellen, Anhäufung von Lipoidsubstanz, Zunahme der Amyloidkörpcrchen, Verdickung der Hirnhäute, feinkörniger Degeneration der Zellen der 4. und 5. Rindenschicht. 13) Über die ärztliche Seite der Trinkerfürsorge, von Privatdoz. Runge (Kiel). (Friedrichs Blätter f. gerichtl. Med. LXIV. 1913. H. 4.) Ref.: Kurt Mendel. Alle an schweren alkoholistischen Geistesstörungen leidenden Patienten sind längerer Anstalts- oder Krankenhausbehandlung bedürftig, ebenso die chronischen Alkoholisten mit erheblicheren Defekten, die immer wieder rückfällig werden. Dagegen können die Trinker, welche nach Ernüchterung noch keine erheblichen Defekte zeigen und einsichtsvoll geworden sind, nicht zurückbehalten werden. Diese sollten möglichst überredet werden, sich in eine Trinkerheilstätte aufnehmen zu lassen. Es fehlt uns noch ein Alkoholersatzgetränk für die breiten Volks¬ klassen. Staat, ärztliche und private Fürsorge müssen Zusammenarbeiten. 14) Alkoholismus bei Frauen, von Dr. Röper. (Deutsche med. Wochenschrift. 1914. Nr. 18.) Ref.: Kurt Mendel. Bei den schweren Formen alkoholistischer Geistesstörung ist der endogene Faktor fast die conditio sine qua non. Derselbe besteht in den meisten Fällen in einer angeborenen geistigen Minderwertigkeit, er kann aber auch erworben sein, vor allem durch schwere Schädeltraumen oder erschöpfende Krankheiten. In dem Material des Verf.’s erwiesen sich zumeist schon die Erzeuger schwer belastet oder die Patientinnen selbst boten schon von Kindheit an Zeichen einer psychischen Eigenart dar. Nur in 2 von 38 Fällen gelang es dem Verf. nicht, den endogenen Faktor nachzuweisen. 16) Aua der Praxis der Entmündigung wegen Trunksucht, von Schott. (Allg. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle. Verf. äußert sich dahin, daß die Maßnahme der Entmündigung im Kampfe gegen die Trunksucht nicht das leistet, was man von ihr erwartete. Grund hierfür ist, daß die Juristen dieser Maßnahme nicht sympathisch gegenüberstehen, sich zu sehr von formalen Gesichtspunkten beeinflussen lsssen, und die Entmün- digung meist viel zu spät durchführen. Es ist auch ein großer Mangel der Ge¬ setzgebung, daß bei der Entmündigung die Beiziehung eines ärztlichen und in der Irrenheilkunde bewanderten Sachverständigen nicht vorgeschrieben ist. Weiter sollte die so häufige und nachteilige Zurücknahme des Entmündigungsantrages er¬ schwert werden dadurch, daß jedes einmal anhängige Verfahren zum Abschlüsse gebracht werden muß. Es sollte auch der Kreis der antragberechtigten Personen bzw. Behörden erweitert werden. Die Entmündigung allein leidet in der Heilbehandlung und sozialen Brauch¬ barmachung des Trinkers kaum etwas; dazu sind weitere fürsorgende Maßnahmen nötig, deren gesetzliche Feststellung und deren praktischer Ausbau dringende Auf¬ gaben der nächsten Zukunft sind. 16) Alkohol und Arbeit, von J. Donath. (Klin.Füzetek. 1913.) Ref.: Iludovernig. Verf. hat hauptsächlich die Wirkung des Alkohols auf die Muskelarbeit studiert und kam zu der Überzeugung, daß der Alkohol im Anfang auf die Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 96 Muskelkraft stimulierend wirkt, doch nimmt diese Wirkung später ab. Er fand, daß die Muskeltätigkeit solcher Personen die Alkohol genießen, viel schwächer ist als diejenige der Abstinenten. — Seine Untersuchungen wurden hauptsächlich bei sportbetreibenden Personen und Soldaten vorgenommen. 17) Familiendegeneration und Alkohol. Die Amberger im XIX. Jahr¬ hundert, von J. Bosenberg. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. XXII. H. 2.) Bef.: M. Pappenheim (Wien). Ausführliche Tabellen über 103 Familien eines Ortes aus dem 19. Jahr¬ hundert und über 13 Trinkerfamilien aus früherer Zeit. Die sehr mühevolle und interessante Arbeit führt zu folgenden Ergebnissen: Die mittlere Lebensdauer der Trinker und — in geringerem Grade — ihrer Nachkommen ist kürzer als die der Mäßigen bzw. deren Nachkommen. Bei den Trinkern kann man zwei Hauptgruppen unterscheiden: 1. Männer, die mit etwa 40 Jahren Trinker werden und die sehr oft zwischen dem 40. und 60. Jahre sterben. 2. Männer, die erst mit etwa 60 Jahren zu trinken beginnen; diese haben bedeutend weniger Aus¬ sicht, das 80. Lebensjahr zu erreichen als die gleichalten Mäßigen. Während bei den Nachkommen von Mäßigen beide Gruppen von Trinkern ungefähr gleich stark vertreten sind, überwiegt bei den Nachkommen der Trinker die erste Gruppe stark. Unter den Kindern und Enkeln von Mäßigen gibt es weniger Trinker als unter den Kindern und Enkeln von Trinkern. Von den Söhnen der Mäßigen sind nur etwa ein Viertel, von den Söhnen von Trinkern mehr als die Hälfte wieder Trinker. Bei den Mäßigen sind die später geborenen Kinder eher lebenskräftiger als die früher geborenen, während sie bei den Trinkern eher schwächer sind. Die Kindersterblichkeit ist bei den Enkeln von Trinkern größer als bei den Enkeln von Mäßigen. Bei den Söhnen von Mäßigen sind die spät gebornen stärker zum Alkoholismus disponiert als die früh gebornen; bei den Söhnen von Trinkern ist dieser Unterschied fast gar nicht vorhanden. Die Trinker haben in neuerer Zeit einen höheren Durchschnitt von Kindern pro Haushaltung als die Mäßigen, viel¬ leicht durch die Wirkung einer gewissen nachlässigen Sorglosigkeit In neuerer Zeit drohen mehrere geistig hochstehende Familien, in denen Alkoholismus auftrat, rascher unterzugehen als minderwertige. Mäßige bekommen noch 43 1 /2°/o ihrer Kinder im Alter von mehr als 35 Jahren, bei den Trinkern sind es nur 34 V 2 °/0" Es zeigt sich also schon im Alter von weniger als 35 Jahren ein durchgreifender Unterschied, trotzdem der Alkoholismus meist erst später offen zutage tritt Ehe¬ scheidungen fallen fast zur Hälfte auf Trinker, und zwar überwiegen hier die Söhne der Mäßigen; bei den Söhnen der Trinker waren die Frauen vielleicht schon weniger enttäuscht. i Das Auftreten von Schwachsinn (27- Fälle) ist stark mit dem Alkoholismus der Eltern und Großeltern verknüpft. Für Geisteskrankheiten (80 Fälle) und Epilepsie (8 Fälle) ließ sich kein Zusammenhang nachweisen (! Bef.). Tuberkulose (41 Fälle) wird durch Alkoholismus der Eltern und noch mehr der Kranken selbst ungünstig beeinflußt Die Zahl unehelicher oder vorehelicher Kinder (54 Fälle) ist bei Nachkommen von Trinkern größer als bei solchen von Mäßigen. Unter den Falliten (9 Fälle) sind die Söhne der Trinker relativ, die Trinker selbst sogar absolut in der Mehrzahl. Bei den Unterstützungen stehen die Trinker so¬ wohl nach der Zahl als auch nach der Unterstützungssumme am bösesten da; das gleiche gilt von den Söhnen der Trinker. Es tritt demnach bei den Trinkern und ihren Nachkommen eine Minder¬ wertigkeit in körperlicher, geistiger, moralischer und ökonomischer Bezeichnung auf, namentlich, wenn sich, was häufig vorkommt, auch der Alkoholismus vererbt Ob sich die vorhandene Anlage tatsächlich entwickelt, hängt von den verschie¬ densten Faktoren ab. Einen Hauptfaktor bildet die Trinksitte. Namentlich sind gewisse Berufe und Ämter — Wirte, Beisende, auch Gemeinderäte — gefährdet Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 97 Mit dieser Ansohauung stimmt auch gut überein, daß bei den weiblichen Nach¬ kommen von Trinkern ungleich viel seltener Alkoholismus auftritt. Gewisse Er¬ scheinungen der Minderwertigkeit — Unterstützungsbedürftigkeit, Schwachsinn und Fallimente — konzentrieren sich auf 31, unter den 103 Familien vorhandene Trinkerstämme, während sich z. B. Ehescheidungen häufiger bei isolierteren Trinkern finden. Wichtig ist, daß mehr als die Hälfte aller lebenden Kinder diesen TrinkerBtämmen angehört. 18) SxiU’ antagonismo fra i riflessl tendinei ed i riflessi outanei neir alooo- lismo cronico, per M. Ferrari. (Clinicamedica italiana. 1913.) Ref.: W.Misch. Verf. untersucht das Verhallen der Hautreflexe und der Sehnenreflexe in den verschiedenen Formen des chronischen Alkoholismus und kommt auf Grund zahl¬ reicher Beobachtungen zu folgenden Schlüssen: Bei der chronischen Alkoholver¬ giftung besteht kein Antagonismus zwischen den Haut- und den Sehnenreflexen. Bei der einfachen Alkoholintoxikation ohne zerebrale Lokalisation, ebenso wie bei der alkoholischen Psychose sind die Reflexe in toto gesteigert. Auch im Initial¬ stadium der alkoholischen Paralyse findet sich so gut wie regelmäßig eine Steigerung aller Reflexe, dagegen findet sich in den vorgeschrittenen Stadien Dissoziation der Reflexe. Auch in einem Fall von alkoholischer Epilepsie wurde eine deutliche Dissoziation der Reflexe beobachtet. 19) Erfahrungen mit Ureabromin bei der Alkoholentziehung, von Bufe. (Münchener med. Wochenschr. 1913. Nr. 47.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg). Das Ureabromin besteht aus drei Komponenten. Es enthält reichlich Brom (36 °/ 0 ), Harnstoff als Diuretikum und Kalzium als Kardiakum. Durch die beiden letzteren soll der Bromintoxikation entgegengewirkt werden. Aus einer Literatur- Übersicht geht hervor, daß die Erfahrungen anderer Autoren im ganzen recht günstige sind. Bei der Behandlung des chronischen Alkoholismus sind öfters Sedativa oder Hypnotika wegen Tremor, Unruhe, hartnäckiger Schlaflosigkeit usw. erforderlich. Wegen der Gastritis alcoholica und der häufigen Herzstörungen werden die ge¬ wöhnlichen Bromalkalien oft schlecht vertragen. Verf. hat 8 Fälle (in dem Kur¬ haus WilhelmBhof für alkohol- und nervenkranke Männer) mit Ureabromin be¬ handelt. Beispielsweise wurden 3 mal täglich 1 g gegeben; bei Schlaflosigkeit abends 3 bis 4 g, unter späterer Reduzierung auf 2 bis 3 g. Die Wirkungen, auch in einem Fall von ausgebreiteten und erheblichen Tremor, waren sehr gute, auch wurde das Mittel vorzügl ch vert ragen. | • 20) Die Übertreibungen der Abstinenz. Eine diätetische Studie für Mediziner und Niohtmediziner, von W. Sternberg. (3. Aufl«, Würz¬ burg, C. Kabitzsch, 1913, 93 S.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.). Verf., der sich selbst fast auf jeder Seite und nicht selten mehrfach zitiert, sagt in der Vorrede zur 2. Auflage, daß die Form gegenüber der 1. Auflage wesentlich gemildert sei. Aber auch so ist dieselbe noch stellenweise recht scharf und unerfreulich. Eine Reihe neuerer Autoren, die gegenteilige Ansichten haben, kritisiert er sehr abfällig, läßt hauptsächlich griechische und römische Schriftsteller gelten, aus denen er für ganz nebensächliche Punkte nur sehr lose mit dem Thema in Zusammenhang stehende lange Abschnitte anzuführen pflegt. Über¬ haupt neigt er zu einem fast ideenflüchtigen Gedankengang, stellt dabei immer wieder die angebliche Neuheit und Wichtigkeit seiner eigenen Ideen in den Vordergrund. Seine „Abwehrvorschläge“ gipfeln im wesentlichen in der Auf¬ forderung zu einer Organisation der Genußmittelindustrie, zur Gründung eines diätetischen Instituts, zur Aufklärung über die Nützlichkeit der Genußmittel. Wenn anch manches, z. B. die Betonung des subjektiven Faktors des Genusses gegenüber der einseitigen Hervorhebung der Laboratoriumsresultate, der Be- XXXIV. 7 Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 98 rechtigung Dicht entbehrt, so wird doch damit nichts Neues gesagt, auch ist die ganze Darstellung derart, daß man auf Einzelheiten nicht eingehen kann. 21) Sülle alteraztoni del Bistema nervoso oentrale dolle oavie nella intossioazlone aouta e oroniea per vari alcools, per U. Ferrari (Annal. deir Istituto Maragliano. IV. 1911. Dezember.) Ref.: W. Misch. Durch experimentelle Untersuchungen am Meerschweinchen wird festgestellt, daß sich die Veränderungen des Zentralnervensystems nach Vergiftung mit Methyl-, Äthyl- und Amylalkohol wesentlich in der Intensität unterscheiden. Am giftigsten ist der Amylalkohol, Methyl- und Äthylalkohol rufen etwa gleichschwere Erscheinungen hervor. Bei der chronischen Vergiftung mit Methyl- oder Äthyl¬ alkohol bleibt die Form und Gestalt der Nervenzellen im allgemeinen erhalten, während sie bei der Vergiftung mit Amylalkohol stark verändert wird. Bei allen drei Alkoholen fanden sich Hämorrhagien, Schwund und Vakuolisation von Nervenzellen sowie kleinzellige Infiltration. Die Veränderungen stehen in einem Verhältnis zu der Dauer und der Intensität der Intoxikation. Die Nervenzellen sind nicht alle gleichmäßig befallen: die großen Zellen der Vorderhörner des Bückenmarks boten die größten Veränderungen dar; sie waren häufiger und tief¬ greifender verändert als die Zellen der Hirnrinde. 22) Die akute Halluzinose der Trinker. Beitrag zur Kenntnis von den Intoxikationspsy chosen, von G. Kohlmann. (Inaug.-Dissertation. Kiel 1913.) Ref.: K. Boas. Verf. berichtet zunächst über einen Fall von akuter Halluzinose nach Genuß von Giftpilzen bei einem 40 jährigen Mann und stellt diesem einen Fall von akuter Halluzinose des Trinkers gegenüber. Im Anschluß daran gibt Verf. eine Schilderung und Gegenüberstellung der genannten Krankheitsbilder. 23) Zur Kasuistik der Alkoholhailuzinose und einige Bemerkungen über Gedankenlautwerden, von Hans Seelert. (Charite-Annalen. XXXVII. 1913. ) Ref.: Kurt Mendel. Fall von Alkoholhailuzinose mit interkurrentem Auftreten von illusionären optischen Täuschungen und taktilen Sensationen, starken Gehörshallusinationen und Gedankenlautwerden, letzteres von dem Kranken als ein Produkt der eigenen Psyche anerkannt, während die bedrohenden Stimmen als etwas außerhalb der Persönlichkeit Liegendes angesehen und in flüchtige Erklärungsideen ge¬ kleidet werden. Der Krankheitsverlauf stellt eine jetzt über 12 Jahre ausgedehnte Reihe halluzinatorisoher Zustände dar, die sich mit ziemlich regelmäßigen Zwischen¬ räumen jedes Jahr mehrmals wiederholen: Pat. spricht von seinen 41 Krankheiten. Die Dauer der einzelnen Attacken betrug 2 bis 4 Tage, bis zu mehreren Wochen. Die alkoholische Ätiologie der psychischen Störungen erscheint sicher. 24) Krücken oder Beine, von E. Bleuler. (Münchener med. Wochenschrift. 1914. Nr. 11.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg). Verf. wendet sich gegen den Vorschlag Bufes, den in die Irrenanstalt kommenden Trinkern durch Ureabromin über ihre Erregungen, das Zittern und namentlich die Schlaflosigkeit hinwegzuhelfen. Indirekt wird hierdurch viel ge¬ schadet, denn man gewöhnt den Alkoholiker an eine Krücke, deren er nicht be¬ darf. Verf. betrachtet als größte Wohltat die Erziehung der Kranken zu dem Standpunkt, nicht unnütz zu medizinieren. 25) Die Alkoholgeistesstörungen gemeinverständlich als Grundlage der prak¬ tischen und strafrechtlichen Trinkerfürsorge dargestellt, von F. Schaefer. (Jur.-psych. Grenzfragen. IX. H. 6. Halle a/S.. Marhold, 1913.) Ref.: Pb. Jolly. Kurze Darstellung der im Titel genannten Geistesstörungen mit anschließen¬ der Erörterung der praktischen Gesichtspunkte und der in dem Strafgesetzentwurf vorgeschlagenen Neuerungen. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSfTY OF MICHIGAN 99 26) Alkohol und Verbrechen in Bayern, von Dr. jur. H. y. Hertig. (Münchener med. Wochenschr, 1913. Nr. 45.) Bef.: 0. B. Meyer (Würzbarg). Verf. beklagt in bemerkenswerten Ausführungen die Indolenz von Staat und Gesellschaft gegenüber der Alkoholfrage. Die Reformversuche des neuen Straf¬ gesetzbuches blieben hinter dem in England und anderen Ländern Erreichten zurück. Nicht einmal in der Theorie, in der Statistik wird entsprechend Rück¬ sicht genommen. Eine rühmliche Ausnahme macht seit 3 Jahren Bayerns Justiz¬ verwaltung. Im Jahre 1912 wurden in Bayern, das wegen seiner Trinkfreudig¬ keit besonders zu statistischen Untersuchungen geeignet ist, 10011 Straf hand¬ langen begangen und 8884 Verurteilungen von solchen Personen rechtskräftig, die im Zustande der Trunkenheit gebandelt hatten. Eine Sonderung nach Berufen, nach Art der Verbrechen usw. wird yorgenommen und kritisch beleuchtet. Zum Schluß zitiert Verf. einen Passus aus der Abhandlung von Kraepelin über den Alkoholismus in München. Die Worte „unsägliches Unheil“ seien keine Übertreibung. 27) Zur Behandlung des Delirium tremens, von K, Schneider. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 17.) Ref.: W. Alexander. Entgegnung auf die Arbeit von Scharnke (Münchner med. Wochenschr. Nr. 13), der beim Delirium die Bäder verwirft. Auf der Abteilung von Aschaffen¬ burg wurden im letzten Jahr 31 Delirenten behandelt, davon 11 kompliziert durch Bronchitis, Pleuritis, Pneumonie, Leberzirrlioese, Phlegmonie, Erisypel, Arteriosklerose, hohes Alter. Alle wurden im Dauerbad behandelt, kein Todesfall. Wenn der Kranke nicht im Bade bleiben will, darf er im Baderaum frei umhergehen. Kein Zwang, keine Isolierzelle. Wenn das Herz schlecht ist, von Anfang an Digitalis- infus, Kampher und Koffein. Alkohol wurde niemals gegeben, Schlafmittel sind Bchon lange nicht mehr angewandt worden. Es wäre bedauerlich, wenn die An¬ schauung wieder Boden gewinnen sollte, daß man Delirenten in den Zellen des Allgemeinen Krankenhauses oder gar in der Familie richtig behandeln könne. 28) Zur Behandlung des Delirium tremens, von Scharnke. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 20.) Ref.: W. Alexander. Entgegnung auf die Erwiderung von Schneider (Münchener med. Wochenschr. Nr. 17). Das protrahierte warme Bad bedeutet eine Anstrengung für das beim Delirenten stets gelährdete Herz. Es ist deshalb durch andere Beruhigungsmittel zu ersetzen und ersetzbar. Das von Schneider empfohlene Herumlaufeolassen im Baderaume ist bedenklich, weil der unruhige Delirant auf dem nassen Fu߬ boden leicht ausgleitet und mit den anderen Insassen des Dauerbades leicht in Streit gerät. Ferner kann das Dauerbad mit Rücksicht auf das Personal nicht jede Nacht hindurch in Betrieb gehalten werden. — Von vornherein Herzmittel zu geben, ist sehr zweckmäßig. Verf. ist jetzt auf drei- bis viermal 30 Tropfen Digalen gestiegen. Dasselbe läßt sich auch mit jedem anderen Digitalispräparat erreichen. Gelegentlich versagten aber alle. Veronal (1 bis 2 g) wirkt fast stets beruhigend. Verf. habe keineswegs die Anstaltsbehandlung für überflüssig erklärt, halte sie vielmehr für selbstverständlich. 29) Zur Behandlung des Delirium tremens mit Veronal, von v. d. Porten. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 21.) Ref.: W. Alexander. Bemerkungen zu dem Artikel von Schneider (s. Ref. 27). Verf. hat auf der Direktorialabteilung des Allgemeinen Krankenhauses St. Georg in Hamburg (Prof. Deneke) 264 Fälle mit Veronal, 396 Fälle mit anderen Sedativis (Brom, Chloral, Morphin) behandelt, und hat mit Veronal bessere Erfolge erzielt als mit dem letzteren. Allerdings maßten größere Dosen als 1 bis 2 g gegeben werden. Es wurden, wenn 2 g nicht reichten, vor Ablauf von 6 Stunden ein drittes gegeben. Auch wurden gelegentlich innerhalb der ersten 12 Stunden 4 g verabreicht, ohne daß jemals ein ungünstiger Einfluß auf Puls oder Atmung festgestellt werden konnte. Das Veronal bekämpft erfolgreich die motorische Unruhe, die Patienten 7* Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 100 schlafen ruhig in ihrem Bett, die Isolierzelle ist fast überflüssig geworden. Veronal eignet sich nicht nur zur Behandlung des ausgebrochenen, sondern auch zur Kopierung des drohenden Deliriums. 30) Aloool et delirium tremens, par V. Demole. (L’Encephale. 1914. Nr. 1.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. untersuchte den Organismus (Urin, Blut, Liquor) hei 23 Alkoholisten auf Alkohol und zeigt die Wichtigkeit solcher Untersuchungen in klinischer und forensischer Beziehung. Bei 6 Patienten mit Delirium tremens fand er keine Spur Alkohol, dieselben hatten allerdings keinen Alkohol in den letzten 24 Jahren genossen; bei 4 Patienten mit Delirium tremens, die Alkohol zu sich genommen hatten, war hingegen Alkohol in mehr minder großer Menge im Organismus nach* weisbar. Das Delirium tremens ist weder eine Alkoholintoxikation noch ein Abstinenzdelir, sondern eine Krankheit sui generis; ist unabhängig von der unmittelbaren Alkoholaufnahme, denn bei einer Reihe von Delirien zeigt sich keine Spur Alkohol im Organismus. 31) Zur Kenntnis des Adalins, von Sanit. Siebelt. (Deutsche Ärzte-Zeitung. 1913. H. 19.) Ref.: Kurt Mendel. Nach vier Tabletten, & 0,5 Adalin, deliröser Zustand mit Bewußtlosigkeit, stark gerötetem Gesicht, beschleunigter Atmung, sehr kleinem, schnellem Puls. Nach 0,2 Kampher (subkutan) Besserung. 32) Sohuts vor Schlafmittel Vergiftungen, von W. Cimbal. (Münchener med. Wochenschr. 1913. Nr. 47.) Ref.: O. B. Meyer (Würzburg). Das Veronal wird nicht selten zu Suizid versuchen benützt. Verf. hat daher der 8chlafmachenden Dosis kleine Mengen von Ipecacuanha, 0,1 bis 0,2, zugesetzt. In dieser Menge wird eine den Appetit leicht reizende und eine expektorierende Wirkung erzielt, in größerer Menge, d. b. wenn nun von dem Schlafmittel eine ungehörig große Menge, beispielsweise 2 bis 3 g genommen werden, soll Erbrechen herbeigeführt uud damit die Wirkung des Narkotikums verhindert werden. Verf. empfiehlt den chemischen Fabriken die Tabletten der wichtigen Narkotika in der von ihm angeregten Form herzustellen. 33) La degenerasiono primaria delle flbre* nervöse del cervello in seguito ad avvelenamento sperimentale da aloool, per Enrico Bertoloni. (L’Ospe- dale Maggiore. I. 1913. Nr. 9.) Ref.: G. Perusini (Mailand). Schlußsätze: 1. Bei der Sektion von sechs Hunden, die verschiedene Zeit lang mit Alkohol vergiftet wurden, war keine makroskopische Veränderung zu sehen; Balken Veränderungen, die den von Bignami und Marchiafava beim menschlichen chronischen Alkoholismus beschriebenen einigermaßen ähnlich sein könnten, sowie andersartige diffuse oder systemische Veränderungen des Zentral¬ nervensystems fehlten nämlich vollständig. 2. Die Donaggioschen Fasernpräparate (Balken, weiße Substanz der Großhirnhemisphären, Hirnrinde usw.) ergaben stets bei allen sechs Experimenttieren denselben Befund, d. i. zahlreiche Nervenfasern, die verschiedenartige Anschwellungen darboten. Manchmal waren die An¬ schwellungen tropfenartig, manchmal rosenkranzartig angeordnet; ihre Größe war eine sehr schwankende; eine besondere Lokalisierung oder eine Systemierung dieser Fasernanschwellungen ließ sich nicht feststellen. Anschwellungen usw, waren auch auf Weigertschen Fasernpräparaten gut zu sehen. 3. Die Ergebnisse der Donaggioschen und der Weigertschen Präparate, die aus dem Zentralnervensystem der Kontrolliere angefertigt wurden, wichen von den Ergebnissen der aus ver¬ gifteten Tieren hergestellten Präparate keinesfalls ab. 4. Wahrscheinlich Btellen die Schlußfolgerungen der Autoren, die die sogenannte experimentelle primäre Nervenfaserdegeneration beschrieben, Irrtümer dar. Zur Erklärung der oben angeführten Schlußsätze Bei folgendes erwähnt. Die Donaggioschen Fasernmethoden (Zinnhämatoxylin usw.) sollen ein positives Bild Digitized Google Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN 101 der primär degenerierten Nervenfasern geben. Donaggio war nämlich versucht, eine erhöhte Widerstandsfähigkeit zu verwerten, die die erkrankten Nervenfasern der Differenzierungsflüssigkeit gegenüber darbieten sollen. Nach den Erfahrungen des Verf.’s bieten wohl die Nervenfasern, die die gröbsten Deformierungen zeigen, die größte Widerstandsfähigkeit der Einwirkung der Differenzierungsffüssigkeit gegenüber dar, daß diese Deformierungen aber als pathologische Veränderungen angesehen werden dürfen, stellt er in Abrede; vielmehr hängen sie von der Ein¬ wirkung der Fixierunggflüssigkeiten, also von technischen Prozeduren ab. Daraus folgt, daß Verf. die Schlußfolgerungen der Arbeiten, die sich auf den Ergebnissen der Donaggioschen Fasernmethoden stützten, für Irrtümer erklärt. Er hebt hervor, daß bei diesen Arbeiten es an Kontrollmaterial gefehlt bat. Den seinerseits schon von Bignami erhobenen Zweifeln über die Interpretierung des bei der sog. experimentellen primären Faserndegeneration beschriebenen Bildes schließt sich Vert an. Er betont, die betreffenden Untersuchungen sind mit durchaus mangelhafter Technik ausgeführt worden, da bei denselben eine eingehende Analyse der nervösen und nichtnervösen Bestandteile des vermutlich erkrankten Gewebes überhaupt nicht stattfand. 84) Über Vorlauf und Ausgang des Korsakoffsohen Symptomenkomplexes auf alkoholischer Grundlage, von W. Dürr. (Inaug.-Dissertation. Tübingen 1913.) Ref.: K. Boas. Der Arbeit liegen acht klinisch und pathologisch-anatomisch beobachtete Fälle von Korsakoffscher Psychose zugrunde. In der Anamnese sämtlicher Patienten findet sich ein jahrlanger schwerer Alkohol-, namentlich Schnapsabusus. Erbliche Belastung ist ziemlich belanglos, wichtiger der Beruf, der die Patienten zum Alkoholmißbrauch verführt. In sieben Fällen begann die Erkrankung mit typischem Alkoholdelir, in einem Falle erst nach dem zweiten Delir. Ein Fall von Korsakoff entwickelte sich allmählich aus chronischem Alkoholismus. Zwei Fälle zeigten in der Klinik ein progredientes Verhalten, die übrigen blieben stationär. Der Klinik&ufenthalt selbst hob das somatische Befinden der Patienten, dagegen konnte keine große Besserung des Status psychicus erzielt werden. Eine Besserung in bezug auf die Orientierung, Merkfähigkeit und Konfabulationen zeigten nur zwei Patienten, alle anderen zeigten ein stationäres, psychisches Verhalten. In einem Falle traten zu dem Zustande von apathischer Demenz noch massenhafte Größenwahnideen und Wortneubildungen. Die ungünstige Prognose quod statum psychicum ist durch die großen und irreparablen zerebralen Defekte zu erklären, die eine Wiederherstellung des geistigen Normalverhaltens als ausgeschlossen erscheinen lassen. 35) Ein Fall von akuter Psychose bei chronischer Trional-Veronal- vergiftung, von Dr. L. v. Muralt. (Zeitechr. f. d. ges. Neur. u. Psych. XXII. H. 2 ) Bef.: M. Pappenheim (Wien). 30jähriger, erblich belasteter, psychopathischer, jüdischer Patient. 8. Nov. 1911 nach psychischer Aufregung und gehäuftem Schlafmittelgebrauch Beginn eines rauschartigen Zustandes mit leichter Desorientierung, leichter Benommenheit und Schwerbesinnlichkeit, Muskelschwäche, besonders links, Br ach t-Ro inberg, stolpernder, lallender Sprache, gestörter Schrift, dann Zyanose des Gesichtes, glänzende Augen, entrnndete Pupillen, ungleichen Sebnenreflexen, Oligurie, Ver¬ stopfung und Magenkatarrh. Bei sofortiger Abstinenz klingt dieser Zustand schon am nächsten Tage ab nud bis zum 14. Nov., also während 5 Tagen, besteht nur ein Magenkatarrb. Dann wird der Patient unruhig, schlaflos, und am 16. Nov. tritt ein dem Delirium tremens alcoholicum ganz ähnlicher Zustand ein, der als Abstinenzdelirium aufgefaßt wird. In 3 Tagen Abklingen des Delirs. Nach einem freien Intervall von weiteren 3 Tagen Auftreten Jacksonscher Krämpfe, nachdem schon im Delirium einzelne Zuckungen vorgekommen waren. Es entwickelt sich Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 102 rasch ein Status epilepticus bei erbaltenem Bewußtsein, der unter Amylenhydrat und Bromnatrium nach 3 Tagen heilt* Übersicht über die Literatur. Veronalismus kommt nur bei psychopathisch Minderwertigen yor. Die pathologische Anlage schafft eine gewisse Intoleranz gegen das Arzneimittel und disponiert zur Intoxikationspsychose. Das Auftreten der Anfalle erat einige Tage nach dem Abklingen des Delirium läßt vermuten, daß es vielleicht verschiedene Phasen der Autointoxikation gibt. 36) La fixation des poisons sur le Systeme nerveux, par Georges Guillain et Guy Laroche. (Progrös medical. 1914. Nr. 28.) Ref.: Kurt Mendel. Die Symptomatologie vieler Affektionen des Nervensystems, deren Pathogenese noch nicht klar erkannt werden konnte, beruht auf der Fixation von Giften an bestimmten elektiven Territorien des Nervensystems. Durch chemische Analysen ist es erwiesen, daß bei einigen Intoxikationen das Nervensystem eine größere Quantität des Giftes enthielt als andere Organe. So fanden die Verff., daß bei naoh schweren diphtherischen Lähmungen Verstorbenen gewisse Partien des Bulbus toxische Substanzen enthielten, die sich nicht vorfanden im Bulbus von Individuen, die an anderen Affektionen gestorben waren: die Impfung unter die Dura mater von Meerschweinchen hatte bei ersteren Personen den Tod der Tiere zur Folge, während die Emulsion des menschlichen normalen Bulbus in gleichen Dosen und unter gleichen Bedingungen keinerlei Störungen verursachte. Die klinischen Diffe¬ renzen zwischen Tetanus und Diphtherie erklären sich durch chemische Kombi¬ nationen der Toxine mit verschiedenartigen Substanzen des Nervengewebes. Be¬ treffs der Tuberkulose gilt, daß in den Nervenzentren die Tuberkelbazillen leicht zerstört werden, diese Bakteriolyse ist eine Art Abwehr seitens des Nervengewebes gegen die tuberkulöse Infektion, sie endet aber mit der In-Freiheit-Setzung der in den Bazillen enthaltenen Toxine und ist somit sekundär begleitet von der Fixation und Aktivierung der so befreiten Gifte. Daher das plötzliche Einsetzen und die Intensität der nervösen Störungen im Verlauf der Tuberkulose des Nerven¬ systems. Auch andere Gifte, wie Schlangengift, Strychnin, Kokain, Alkohol, Blei, Anästhetika, Oxalsäure zeigen bekanntlich eine starke Affinität zam Nervensystem, und zwar oft zu bestimmten Partien desselben; so das Strychnin vornehmlich zu der weißen Substanz und zu den Vorderhörnen des Rückenmarks, das Kokain mehr zu den Hinterhörnern. Auch die endogenen Gifte können sich zweifellos am Nervensystem fixieren; hierdurch finden viele Nervensymptome (Koma, Läh¬ mungen, Zittern, Konvulsionen, Kontraktionen, Delirien usw.) ihre Erklärung. Bei Psychosen, bei denen die pathologische Anatomie versagt, wäre es von Inter¬ esse, im Gehirn nach toxischen Körpern zu fahnden. Solche Untersuchungen versprechen Nutzen nicht nur zur Erkennung der Pathogenese gewisser nervöser Syndrome, sondern auch vom allgemein-therapeutischen Standpunkte aus. Die innere Ursache der elektiven Fixation gewisser toxischer Körper an ge¬ wissen Nervenzellen liegt in der physiko chemischen Struktur dieser Zellen. 37) De la dipsomanie, par Alexandre Perelmann. (L’Encöpbale. 1914. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 5 Fälle von Dipsomanie werden mitgeteilt. Schlußfolgerungen: Es sind drei Formen von Dipsomanie zu unterscheiden: 1. Die wahre Dipsomanie, die auf dem Boden der psychopathischen Konsti¬ tution entsteht und gekennzeichnet ist durch das Auftreten der Anfälle bei Ge¬ legenheit der „Verstimmungen“ der Psychopathen. Außerhalb dieser Anfälle sind die wahren Dipsomanen gewöhnlich abstinent; 2. die symptomatische Dipsomanie (selten); sie stellt ein Symptom im Ver¬ lauf der Epilepsie, des manisch-depressiven Irreseins und im Beginn der pro¬ gressiven Paralyse dar; 3. die Pseudodipsomanie, bei chronischen Alkoholisten, die periodenweise Digitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSfTY OF MICHIGAN 103 stärker trinken, Vorkommend; vor dem Anfall nicht die charakteristische Ver¬ stimmung, Beginn des Anfalls unter den Einfluß der Gelegenheitsursachen. In der Genese der Dipsomanie spielt die Alkoholheredität eine große Rolle. Unfall. 88) Gehirnblutung bei „betriebsüblicher“ Arbeit als Unfallfolge, von Karl Grassmann. (Zeitschr, f. Versicherungsmedizin. 1914. H. 1 u. Fortschr. der Medizin. 1914. Nr. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Die Arbeit, welche an ein Gutachten einige Betrachtungen anknüpft, ist in den beiden oben genannten Zeitschriften gleichzeitig und wörtlich übereinstimmend abgedruckt!! Es gibt leider noch immer (besonders ausländische) Autoren, welche ihre Arbeiten gleichzeitig mehreren Zeitschriften zur Veröffentlichung einsenden. 39) Telephon — Gutachten für das Königliche Kammergerioht, von Nerven¬ arzt Dr. Rudolf Förster. (Berliner klin. Wochenschrift. 1913. Nr. 48.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Der Vorgang ist — kurz — der folgende: Eine durch heftiges Kurbeln be¬ rüchtigte Teilnehmerin bekommt keinen telephonischen Anschluß; die Beamtin läßt den gewünschten Anschluß prüfen und untersuchen, ob die Leitung in Ord¬ nung ist; in dem Augenblick, wo sie Bescheid geben will, fällt die Klappe des Anschlusses der Teilnehmerin, die Beamtin wird nach einem Schrei ohnmächtig. Verf. hat nunmehr Versuche gemacht, deren Resultat dahin geht, daß Kurbel¬ geräusche so erheblich sein können, daß Störungen zweifellos möglich sind; Ver¬ letzungen sind aber kaum je vorgekommen, auch haben die experimentellen Unter¬ sucher einen Schaden nie davongetragen. In dem vorliegenden Falle wurde festgestellt, daß die Beamtin weder nervös disponiert noch hereditär belastet war, daß sie auch in der betreffenden Zeit nicht die Periode hatte. Entgegenkommen beweist die Tatsache, daß sie die Leitung untersuchen ließ. Das Gehör ist bei Telephonistinnen durch die Übung sehr verfeinert, darum auch empfindlicher als gewöhnlich; damit aber eine Schädigung durch Kurbelgeräusche zu verbinden, geht nicht an. Die Erkrankung der Be¬ amtin läßt als Ursache einen heftigen akustischen Reiz im Fernhörer annehmen, aber das Kurbelgeräusch allein genügt nicht, es gehört noch nervöse Disposition usw. dazu, die in dem betreffenden Falle nicht vorhanden war. Die Feststellung eines Zusammenhangs ist außerordentlich schwierig. 40) NervöseUnfallfolgen naoh Starkstromverletznngen, von Hans Schmückin g. (Inaug.-Dissert. Leipzig 1913.) Ref.: Kurt Mendel. Bericht über 20 Fälle aus der Unfallnervenheilanstalt Bergmanns wohl. Bei den nicht tödlichen elektrischen Unfällen ist Bewußtlosigkeit kein unbedingt und ausnahmslos auftretendes, wohl aber in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle zu beobachtendes Symptom. In der Genese der nervösen Krankheitszustände spielt neben der direkten Einwirkung des elektrischen Stromes auch die psychische Erschütterung, der Schreck, oft eine bedeutsame Rolle. Nicht selten ist eine ge¬ wisse Disposition zu Nervosität oder eine direkte erbliche Belastung nachweisbar. Im Vordergründe stehen die allgemeinen Neurosen unter dem Bilde der Neur¬ asthenie, Hysterie oder Hysteroneurasthenie. Weniger häufig sind organische Erkrankungen. Bei den funktionellen handelt es sich meist um subjektive Sym¬ ptome, vor allem psychischer Art: Depression, hypochondrische Grübeleien, ferner Kopfschmerz, Schwindelgefühl, Schlaflosigkeit. Zuweilen treten Symptome seitens des Herzens und des Gefäßapparates auf: Tachykardie, abnorme Erregbarkeit des HerznervenBystems, Herzneurose, auch trophische Störungen, z. B. schnelles Er¬ grauen oder Ausfallen des Haupthaars. Digitized by Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 104 41) Über traumatische Spätapoplexie, von Schuster (Chemnitz). (Münch. med. Wochenschr. 1913. Nr. 43.) Ref,: 0. B. Meyer (Würzburg). 18jähriger Arbeiter. Sturz auf die linke Kopfseite. Zweitägige Bewußtlosig- keit, Erbrechen usw. Nach 22 Tagen geheilt entlassen. Etwa 2 Wochen nach der Entlassung — 5 Wochen nach dem Unfall — Kopfschmerzen beim Bücken, Erbrechen, Sprachverlust, Hemiparese rechts, Bewußtlosigkeit. Von den in klini¬ scher Beobachtung gewonnenen Symptomen seien noch die folgenden wiedergegeben. Pupillendifferenz (rechts weiter als links), Abduzenslähmung rechts, Fazialislähmung rechts, Babinski angedeutet. Unfreiwillige Harnentleerungen. Lumbalpunktat rein blutig. Nach 5 bis 6 Wochen gehen die Lähmungen allmählich zurück, nach weiteren 4 Wochen Besserung der Sprache, die Augenbewegungen werden normal. Nach 4 Monaten geheilt entlassen. Die traumatische Apoplexie war hier zweifellos. Das Gehirntrauma war ein schweres. Die Intervallärzeit entsprach der von K. Mendel als Regel angegebenen Zeit von 1 bis 6 Wochen (sie soll 9 Monate nicht überschreiten). Verf. nimmt an, daß die Apoplexie vom Boden des 4. Ventrikels als einer Prädilektionsstelle ausging, mit Rücksicht auf die zu¬ erst nachweisbare Abduzensparese. Ob Erweichungsnekrose des Gehirns mit sekundärer Gefäßdegeneration (Böllinger) oder eine primäre Gefäßschädigung mit Erweichungsnekrose (Monakow bzw. Langerhans) vorlag, ist klinisch nicht festzustellen. 42) Zur Kenntnis der Unfälle duroh Elektrizität, von Fischl. (Wiener klin. Wochenschr. 1913. Nr. 36.) Ref.: Pilcz (Wien). 27jähriger Mann erhielt Schlag durch Starkstrom von 5000 Volt. Bewußt¬ losigkeit. Bei der sofortigen Spitalsaufnahme Sensorium bereits wieder frei, rechts bei Blick nach oben und unten. Leichter Nystagmus, rechte Pupille weiter, träge reagierend. Spastische Lähmung sämtlicher Gliedmaßen und der Rumpfmuskulatur. Hochgradige Hyperästhesie am rechten Ober- und Unterschenkel, sowie am ganzen Abdomen, leichte Hyperästhesie der linken Thoraxhälfte und des linken Armes, weniger der rechten Hand. Brandwunden, mit deren genauer Schilderung Verf. vom dermatologischen Standpunkte aus sich besonders beschäftigt. Am Nachmittag desselben Tages Nachlaß der Lähmungserscheinungen, doch ist noch am 3. Tage Thorax und Abdomen ein wenig paretisch. Völlige Heilung. 43) Paeudogibbas (Pseudokyphosis) träumaticus, von Haßkovec. (Wiener med. Wochenschr. 1913. Nr. 8 u. 9.) Ref.: Pilcz (Wien). Fall I. 43jähriger Mann; schon 1905 nach Sturz auf Rücken Schmerzen im Kreuze und vorübergehende Rückensteifigkeit mit gebückter Körperhaltung. Neigung zu traumatischer Neurasthenie, aber immerhin 3 Jahre dienstfähig. Seit 1908, im Anschlüsse an neuerliches Trauma — plötzlicher „Stich“ im Kreuze beim Heben einer schweren Last —, dauernd Bild der schweren traumatischen Neurose mit Tendenz zur Aggravation, vor allem aber abnorme Körperhaltung: zervikodorsale und lumbale Kyphose mit Einschränkung der entsprechenden Muskel¬ funktionen. Röntgenbefund normal, ebenso keinerlei Anhaltspunkte für Hämato- rayelie o. dgl. Auch Simulation sei sicher auszuBchließen. Vielleicht liege eine Art Reflexkontraktur bei einem hysterisch Veranlagten vor. Verf. will diesen Fall getrennt wissen von der Kümmelschen posttrauma¬ tischen Rigidität und Kyphose und ihn mit dein hysterischen Pseudogibbus ver¬ gleichen; übrigens gibt es dazwischen fließende Übergänge. Es folgen die Krankheitsgeschichten zweier analoger Fälle; der zweite Fall ist ausgezeichnet durch das Vorkommen einer echten Lungenblutung nach einer Muskelzerrung. Anhangsweise teilt Verf. auch einen Fall mit, der die Besonder¬ heit einer Lungenblutung gemeinsam mit einer Blutung ins Zentralnervensystem aufweist. 7 Abbildungen im Texte veranschaulichen die abnormen Körperhaltungen. Digitized by Gck 'gle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN j 105 Differentialdiagno8ti8ohe Erwägungen und epikritische Bemerkungen seien im Originale nachgelesen. Psychiatrie. 44) Neue Ernfthrungsversuohe bei Irren mit Sanatogen, von Berze. (Wiener med. Wochenschr. 1913. Nr. 35.) Bef.: Pilcz. Verf. bestätigt auf ßrund seiner Versuche, daß das Sanatogen den Appetit hebt, das Gewicht ansteigen läßt und daher besonders indiziert erscheint bei Psychosen auf Grundlage körperlicher Erschöpfung; speziell dort sei es am Platze, wo aus psychiatrischen Gründen die Patienten nur flüssige Nahrung erhalten. 45) Unfallkunde und. Psychiatrie, von Hans W. Hai er. (Revue suisse des accidents du travail. VII. Juli 1913. Nr. 7.) Bef.: Kurt Mendel. Beim Eintreten eines Unfalls kommt es auf dos Verhältnis der Stärke der Affekteinwirkung zu der inneren psychischen Festigkeit des betroffenen Individuums an. Zur Behandlung Unfallneurotiker empfiehlt Verf. einen Versuch mit einer gut organisierten Pflege in geeigneten Familien auf dem Lande; die Auswahl der Pflegefamilien müßte eine besonders sorgfältige sein. Ein spezialistisch gebildeter Arzt würde die Patienten an dem richtigen Ort unterbringen, sie regelmäßig be¬ suchen und die Durchführung eventuell nötiger therapeutischer Haßnahmen mit dem am Orte ansässigen Landarzt ermöglichen. Die Nachteile der Kapitalabfindung könnten vermieden werden, wenn der Entschädigte zunächst einigermaßen unter Aufsicht gehalten wird; zeigt es sich, daß er nicht fähig ist, sich richtig zu führen (z. B. Alkoholismus!), so wären worübergehende oder dauernde vormundschaftliche Maßnahmen zu beantragen. 46) Ein Fall von subakuter Psychose naoh Sohädeltrauma, von Fr. Uhl- mann, (Psych.-neurol. Wochenschr. XV. Nr. 15.) Bef.: 0. Klieneberger (Göttingen). Subakutes Auftreten von psychischen und somatischen Störungen im Anschluß an einen Fall auf den Hinterkopf, die bis auf geringe Residuen innerhalb zweier Monate wieder schwanden. Per exclusionem wird die Diagnose traumatische Psychose gestellt und der Zusammenhang mit dem Unfall bejaht. 47) Eiu Fall von traumatischer Geistesstörung, von Hans Gessner. (Inaug.- Dissert. Würzburg 1913.) Bef.: Kurt Mendel. Fall von Psychose nach nicht erheblichem Trauma. Pat. bot psychisch ein dem Korsakoffschen Symptomenkomplex ähnliches Bild; auffallend war ein vom Verf. als „optische Schuhmonomanie“ bezeichnetes Symptom: bei allen Menschen, die er zu Gesicht bekam, sah Pat. zuerst auf die Stiefel und übte Kritik am Schubwerk. Von neurologischen Symptomen ist eine Hemianopsie erwähnenswert. Verf. nimmt eine Schädigung des Parietookzipitalhirns an. 48) Über Entwicklung von Geistesstörung naoh Unfall, von W. Feige. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914) Bef.: K. Boas. Verf. berichtet über einen Fall von typischer Paranoia hallucinatoria chronica im Anschluß an ein Trauma, das nicht den Schädel betraf. Die Erwerbsfähigkeit des Pat. wurde dadurch auf 10°/ 0 beschränkt. 48) Posttraumati80he Spätpsychose oder Dementia arteriosclerotioaP von E. Stein. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 11.) Ref.: Pilcz (Wien). 1895 Unfall, durch Losschnellen einer Kette, Halswirbelsäule betreffend, momentane Bewußtlosigkeit. Dann Schwäche des linken Armes mit Paraästhesien. Krankheitsdauer etwa 20 Wochen. Dann wieder arbeitsfähig. Seit 1904 psy¬ chische Störungen, die 1906 so hochgradig wurden, daß Pat. entmündigt wurde. Die persönliche Untersuchung ergab: Arteriosklerose, Aorteninsuffizienz und schwere Demenz. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 106 In den epikritiscben Bemerkungen, worin hauptsächlichst die Frage der trau¬ matischen Späterkrankungen erörtert wird, kommt Verf. zu dem Schlüsse, daß die Geisteskrankheit sowohl durch das Trauma, als auch durch Arteriosklerose ausgelöst werden konnte; eine sichere Entscheidung lasse sich weder differential¬ diagnostisch, noch anamnestiBch treffen. Das Schiedsgericht lehnte Zusammenhang zwischen Unfall und Erkrankung ab, da das Intervall zwischen beiden 8 Jahre mindestens betrug. 60) Ein Beitrag an dem Kapitel: Traumatische Neurosen, von A. Bein¬ hold. (Inaug.-Dissert> Kiel 1914) Ref.: K. Boas. Yerf. berichtet über zwei Fälle von sekundärer posttraumatischer Psychose: im ersten Fall handelte es sich um einen Zustand von akuter Verwirrtheit, im zweiten um eine typische Paranoia. Die Art des Traumas war in beiden Fällen die gleiche, nämlich Kopfverletzungen. 61) Zur Lehre von den duroh Insolation entstehenden Fsyohosen, von Fr. Briese. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. Yerf. berichtet über zwei einschlägige Beobachtungen: im ersten Fall handelte es sich um eine Katatonie nach Sonnenstich, im zweiten um einen klinisch als Paralyse diagnostizierten Fall (der Sektionsbefund steht damit in Widerspruch), der möglicherweise als akutes Delir auf kalorischer Basis aufzufassen ist. 62) Über die Folgen psychischer Vorgänge auf Körper und Seele, von M. Reichardt. (Zeitschrift f. Versicherungsmedizin. VII. 1914. Heft 3.) Ref.: K. Boas. Die großen Katastrophen der letzten Jahre haben bewiesen, daß infolge psychischer Vorgänge von außergewöhnlich großer Heftigkeit vorübergehende körperliche oder seelische Störungen von einer gewissen Intensität auftreten können, wenn sie auch (in stärkerer Intensität) selten sind, daß aber im allgemeinen psychische Traumen — selbst von intensivster Heftigkeit — eine längerdauernde Psychose oder schwere Neurose zu bewirken nicht imstande sind, ebensowenig auch chronische Veränderungen auf körperlichem Gebiet. Bei der übergroßen Mehrzahl der gewöhnlichen Betriebsunfälle und auch der zu Haftpflicht Entschädigungsprozessen führenden Unfälle ist das begleitende psychische Trauma — sofern überhaupt ein solohes vorhanden war, was erst be¬ wiesen werden müßte —, von einer ungemein viel geringeren Intensität als es bei den Katastrophen vorhanden war oder angenommen werden muß. Dement¬ sprechend kann auch ein solches viel geringeres psychisches Trauma nicht in gleicher Weise Wirkungen hervorbringen, wie ein außergewöhnlich intensives psychisches Trauma. Es ist ferner generell daran festzuhalten, daß ebensowohl die Psychoneurosen und die Organneurosen, wie auch die Psychosen und die Kon¬ stitutionskrankheiten ihrem ganzen Wesen nach nicht traumatische Erkrankungen sind und dementsprechend zu ihrem Auftreten einer äußeren Ursache nicht be¬ dürfen, meistenteils überhaupt auch ohne äußere Ursache sich entwickeln. Soll gegebenenfalls einmal angenommen werden, daß ein psychisches Trauma die Rolle einer wesentlichen TeilurBache bei dem Auftreten oder der Verschlimmerung einer der genannten Krankheiten gespielt habe, so muß es nachweisbar von außer¬ gewöhnlicher Heftigkeit gewesen sein und es müssen auch alsbald entsprechende unverkennbare psychische oder vegetative Symptome aufgetreten sein* Dieser Satx gilt namentlich auch für die traumatischen Neurosen (im engeren Sinne) und für die traumatisch verschlimmerten endogenen Neurosen. Von dem Begriff der wesent¬ lichen Teilursache ist möglichst scharf der Begriff der auslösenden Gelegenheits¬ ursache abzutrennen. Nur die wesentliche Teilursache kommt bei der Unfall¬ begutachtung als ätiologisches Moment in Betracht. Vor einer Überschätzung des psychischen Faktors im Sinne einmaliger psychischer Traumen als Krankheits¬ ursache ist dringend zu warnen. Ebenso ist zu warnen vor der falschen und Digitized by sie Original fro-m UMVERSITY OF MICHIGAN 107 kritiklosen Anwendung des Wortes „Nervenshok“. Alle Neurosen oder Psychosen, welche sich von vornherein langsam und chronisch entwickeln, ohne akute Sym¬ ptome nach einem Unfälle (oder anscheinendem Unfälle), sind bezüglich ihres ursächlichen Zusammenhangs mit einmaligen psychischen Traumen von vornherein mit größter Skepsis zu betrachten. Je gröber der Zwischenraum zwischen dem tatsächlich vorhandenen oder vermutlichen psychischen Trauma und dem Beginn der Neurose ist, um so unwahrscheinlicher wird auch die Entstehung oder Ver¬ schlimmerung der Neurose durch das psychische Trauma. Wenn dann sogar ein wirklich erhebliches und außergewöhnlich heftiges psychisches Trauma, welches als Ursache der Neurose in Betracht kommen soll, gar nicht nachweisbar ist, dann liegt auch mit Sicherheit keine traumatische Neurose oder traumatisch ver- schlimmerte endogene Neurote vor. Die traumatischen und traumatisch ver¬ schlimmerten Neurosen bilden kaum l°/ 0 der ganz ohne äußere Ursache (im Sinne eines einmaligen psychischen Traumas) entstehenden Neurosen. Will man also gegebenenfalls eine Neurose für traumatisch oder traumatisch verschlimmert an- sehen, so sind an die Beweisführung ganz besondere Anforderungen zu stellen. Die Bekämpfung der sogenannten traumatischen Neurosen liegt in einer exakten Diagnosenstellung, Bowie in einer sachgemäßen Beobachtung der Kranken oder der anscheinend Kranken. Der Schwerpunkt der ärztlichen Beobachtung ist stets in die ersten Stunden und Tage nach dem psychischen Trauma zu legen. Wenn überhaupt eine Neurose traumatisch ist, dann zeigen sich schon alsbald nach dem psychischem Trauma unverkennbare Symptome seitens des Zentral¬ nervensystem?. Vielleicht treten auch — sofern es überhaupt zu einer krank¬ haften traumatischen Neurose (im wissenschaftlichen Sinne) kommt — stets gleich¬ zeitig krankhafte Erscheinungen auch auf vegetativem Gebiete auf (Körpergewicht oder Körpertemperatur, Vasomotorensystem usw.), so daß die Diagnose auf trau¬ matische Neurose durch den Nachweis initialer vegetativer Störungen im unmittel¬ baren Anschluß an ein heftiges seelisches Trauma eine Stütze erhält. Die echte traumatische Neurose (im wissenschaftlichen Sinne) hat ferner generell eine durch¬ aus gute Prognose. • 53) Lehrbuch der psychiatrischen Diagnostik, von Adalbert Gregor. (Berlin, S. Karger, 1914. 255 S. Preis geb. 5,80 Mk.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.). In vorliegendem Büchlein will Verf. in psychiatrisches Denken einführen, über psychische Anomalien orientieren und zur Erkennung der typischen Psychosen anleiten. Er hat seine Aufgabe in geschickter Weise gelöst, nur ließe sich vielleicht in einigen Punkten noch eine etwas größere Übersichtlichkeit des reichen dargebotenen Materials erzielen. III. Aus den Gesellschaften, vereinigte ärztliche Gesellschaften zu Berlin. Sitzung vom 23. Dezember 1914. Ref.: M. Rothmann. Diskussion zu dem Referat des Herrn Lewandowsky: Über Kriegsver¬ letzungen des Nervensystems. Herr Oppenheim stimmt in bezug auf die Behandlung der Schädel- bzw. Gehirnschüsse dem Ref. im wesentlichen zu und betont die weitgehende spontane Rückbildungsfähigkeit der Herdsymptome. Hinsichtlich der Rückenmarksschüsse steht er der chirurgischen Therapie nicht ganz so ablehnend gegenüber, warnt aber vor zu aktivem Vorgehen. Er hat sechs derartige Patienten mit partieller Läsion des Rückenmarks und weitgehende Besserung ohne chirurgischen Eingriff gesehen. Hinsichtlich der peripheren Nerven lehnt 0. den Standpunkt des Ref., Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 108 bereits nach wenigen Wochen zu operieren, ab, und empfiehlt, mindestens drei Uonate abzuwarten. Zum Schluß weist 0. auf seine erfolglosen Versuche, die Verletzungsneuralgien zu bekämpfen, hin. Herr Peritz betont die Einseitigkeit des im Heimatlande zu beobachtenden Materials und glaubt z. B., daß die Tetanusfälle im Felde schwerer verlaufen. Auch bei der großen Anzahl von Gehirnverletzungen, die hier ohne Meningitis heilen, glaubt P., daß es sich um leichtere Fälle handelt. Hinsichtlich der peri¬ pheren Lähmungen will P. bereits nach 10 Wochen operieren und sieht von einer Freilegung des Nerven keinen besonderen Schaden. Bei den Fällen mit Schmerz¬ äußerungen im gelähmten Glied rät P. von der Operation ab, da die Fälle sich spontan restituieren. Zur Behandlung der Nervenschmerzen, die vielleicht als Shokwirkung zu deuten und mit schweren trophiscben Störungen verbunden sind, empfiehlt P. die Behandlung mit dem aus Reisschalen gewonnenen Orymalz, das sich bei der Beri-Beri bewährt hat (3mal täglich einen Teelöffel). Endlich weist P. auf die ziemlich häufigen Fälle von Polyneuritis hin, die während des Krieges zur Beobachtung gelangen. Herr M. Rothmann betont zunächst die Unterscheidung der frischen Schädigung im Felde, der zu Hause zu beobachtenden Nachwirkung und endlich der Nervenschädigung der Zivilbevölkerung. Hinsichtlich der Operationen vertritt R. einen außerordentlich konservativen Standpunkt. Auch bei deu Schädel- und Hirnverletzungen empfiehlt sich im allgemeinen der rasche Rücktransport in die Heimat wegen der ungünstigen Prognose der meisten im Felde operierten Schädel¬ schüsse (Hirnprolaps usw.). R. berichtet über die Erfahrungen W. Kört es, der einen reinchirurgischen Standpunkt einnimmt, wünscht aber selbst, daß den Armee¬ korps konsultierende Neurologen beigegeben werden. R. demonstriert einen Patienten aus dem Maison de Santö (San.-Rat Levinstein), bei dem ein die ganze linke Großhirnhemisphäre vom Stirnhirn bis zum Hinterhauptsbein durch¬ querender Schuß spontan ohne schwere dauernde Ausfallserscheinung heilte. Die weitgehende Restitution der Ausfallserscheinungen bei den jugendfrischen Gehirnen der Soldaten ist besonders zu hetouen. Hinsichtlich der Rückenmarksverletzungen hebt R. die weitgehende Restitution bei Erhaltensein verhältnismäßig geringer Teile des Rückenmarksquerschnitts hervor, selbst in Fällen, die anfangs das klinische Bild der totalen Querschnittsläsion darbieten. Es sind daher nach Mög¬ lichkeit Operationen zu vermeiden. Bei den peripheren Nervenverletzungen wartet R. unbedingt 7 bis 8 Monate bis er zur Operation rät, es sei denn, daß eine völlige Durchtrennung de3 Nerven mit Sicherheit festzustellen isL Er hebt noch¬ mals dos Charakteristische der außerordentlichen Schmerzhaftigkeit der Schu߬ verletzungen der Nerven hervor und empfiehlt Einspritzungen mit dünnen Novokain- Suprareninlösungen in den Verlauf des Schußkanals. Bei den Caudaverletzungen werden vielleicht später plastische Operationen in Frage kommen. R. betont die außerordentliche Bedeutung der Übungstherapie für die Restitution der Schu߬ verletzungen des Zentralnervensystems. Nicht Krüppelfürsorge tut jetzt not, sondern verständnisvolles Zusammenarbeiten der verschiedenen medizinischen Disziplinen. Herr C. Benda: Unter den hier im Heimatsgebiet ausgeführten Kriegs¬ sektionen nehmen die Todesfälle an Verletzungen des Zentralnervensystems einen großen Prozentsatz ein. Bei den Schädelverletzungen handelte eB sich in allen 5 Fällen um Streif- oder Prallschüsse, von denen nur 1 Fall schwerere Knochen¬ verletzungen und kein einziger tiefere Hirnverletzungen zeigte, und alle durch Komplikation und Hirnabszesse tödlich endigten. Dabei ließen sich selbst in dem erwähnten schwersten Fall, einem Granatschuß der Stirn mit Splitterfraktur des Stirnbeins, in dem nicht abszedierten rechten Stirnlappen weitgehende Vernarbungs- vorgänge erkennen. Die fünf von B. sezierten Falle von Wirbelschüssen hatten das gemeinsame, daß in keinem einzigen Falle schwerere Zertrümmerungen der Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN m Knochen oder des nervösen Organs Vorlagen, sondern das Geschoß jedesmal mit ganz geringfügigen Knochenverletzungen und in 3 Fällen auch ohne Verletzung der Dura hindurchgegangen war. In dem einen der beiden Fälle mit Dura- verletzung war das Geschoß noch vor dem Rückenmark stecken geblieben, in dem anderen (schon in der psychiatrischen Gesellschaft demonstrierten) Falle war die hier betroffene Cauda equina nur durch Knochensplitter direkt verletzt. Nichts¬ destoweniger bestanden in allen 5 Fällen schwerste Schädigungen der Funktion, die in der zum Teil mehrmonatigen Beobachtungszeit nicht zurückgegangen waren. Diese waren entweder durch Quetschungen oder durch Erschütterungen des Rücken¬ marks bedingt und mikroskopisch entweder als umfangreiche Blutungen (in einem* Falle) oder als schwere Degenerationen (in 3 Fällen) nachzuweisen waren. In einem Falle fanden Bich auch mikroskopisch nur geringfügige Quellungen der Nervenfasern. B. weist darauf hin, daß diese Leichenbefunde insofern praktische Schlußfolgerungen zulassen, als aus ihnen erhellt, daß nur in zweien von ihnen ein operatives Vorgehen ein greifbares Ziel verfolgen könnte, das eine Mal die Entfernung des Geschosses, das andere Mal diejenige der Knochensplitter. Aber selbst in diesen Fällen hätte die Operation nicht mehr erreicht, als bei den anderen spontan eingetreten war, nämlich den ungestörten Vernarbungsverlauf # im anatomischen Sinne, der nichtsdestoweniger keinen Heilungsprozeß im physio¬ logischen Sinne bewirkt hat Der Tod erfolgte in 4 Fällen durch Urosepsis, im fünften durch eine Pneumonie. Autoreferat. Herr Schuster hat in 3 Fällen nach Schädelstreifschüssen schwere Hirn¬ erscheinungen gesehen, eine Hemiplegie mit Sprachstörung, eine isolierte moto¬ rische Sprachstörung und einen Hirnabszeß mit zahlreichen kleinen Knochen¬ splittern, der zum Exitus kam. Auch Sch. warnt vor der Entfernung von Kugeln im Innern des Gehirns und betont das häufige Fehlen ernsterer Hirnerscheinungen bei Durchschüssen durch den Schädel. Auch bei Verletzungen der Wirbelsäule und des Rückenmarks warnt Sch. vor zu raschem Eingreifen. Selbst ohne Ver¬ letzung der Wirbelsäule kommen schwere Rückenmarksläsionen vor. Sch. beob¬ achtete eine typische Brown-S6quardsche Lähmung und eine kombinierte System- erkrankung. Bei den peripherischen Nervenverletzungen, von denen ein großer Teil Plexusläsionen Bind, rät Sch. im allgemeinen zu längerem Abwarten. Er bebt die gesteigerte gemütliche Erregbarkeit, ja direkt Wehleidigkeit bei den Verletzten, besonders auch bei den Offizieren, hervor. Er betont die Häufigkeit schwerer hysterischer Erscheinungen, vor allem nach Shok bei OranatexploBionen. Jedoch fehlten dieselben bei einem Manne, der im Schlafe durch eine explodierende Granate verletzt worden war. Interessant ist auch das Auftreten einer echt syphilitischen Augenmuskellähmung im Anschluß an eine Granatexplosion. Die weitere Diskussion wird vertagt. IV. Zum Gedächtnis Prof. Lothar von Frankl-Hoch wart s. Von M. Nonne in Hamburg. An der Schwelle dieses Jahres, in dem der Tod mit unbarmherziger Sichel die Tapferen in Scharen mäht, fallen auch hinter der Front schmerzliche Opfer. Ein Verlust hat die Neurologie betroffen, der, da die Wissenschaft international ist, von uns Spezialkollegen in allen Kulturnationen tief beklagt wird: in Wien starb auf der Höhe seines praktischen und wissenschaftlichen Schaffens Prof. Lothar von Frankl-Hochwart. Alle Leser dieser Zeitschrift kennen seinen Namen; wohl alle kennen seine Arbeiten und viele, vielleicht die meisten, haben ihn persönlich gekannt Digitized by Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 110 Der Verstorbene entstammte einer österreichischen Familie; sein Vater war der bekannte Wiener Dichter Ludwig August von Frankl-Hoch wart. Er wuchs in einem geistig angeregtem Kreise hochgebildeter und feinsinniger, für Wissenschaft und Kunst interessierter und dafür tätiger Menschen auf. Dieser Kreis war ein Vertreter des guten Österreichertums, d.h. Vertreter eines Menschenschlages, der neben Vertiefung in geistige Arbeit den äußeren Schönheiten des Lebens nacbging, dabei dem Gemüt, einer idealen Stimmung der Begeisterung, zeitweilig bis zu einer gewissen Sentimentalität sich steigernd, nicht geringen Einfluß yerstattend. In solcher Umwelt entwickelte sich auch in Lothar von Frankl-Hochwart der dem Schönen 'und Idealen zugewandte, begeisterungsfähige Mensch, der gern die Gelegenheit ergriff, Anderer Verdienste in idealistischer Weise zu feiern. Vielen Lesern werden hierbei die von hohem Pathos getragenen Tischreden ins Gedächtnis kommen, die der jetzt Verstorbene auf den Tagungen der „Gesellschaft Deutscher Nervenärzte“ in Wien zum Ruhme von Erb und in Berlin zum Preise von Horsley vortrug. von Frankl-Hochwarts äußerer Lebensgang ist nicht verwickelt Er be¬ suchte in seiner Vaterstadt das Schotten-Gymnasium und studierte dann in Wien Medizin. Schon früh fühlte er sich durch die Neurologie augezogen, die damals — vor über 35 Jahren — noch ein wenig kultiviertes, aber äußerst fruchtbares und reiche Ernte versprechendes Ackerland war. Zur Entwicklung seiner Neigung zur Neurologie trug wohl am meisten ein Lehrer wie Nothnagel bei, der zu jenem Kreis streng geschulter und streng schulender Kliniker gehörte, die der Neurologie die Grundlagen geschaffen haben. Neben dem exakt klinisch beob¬ achtenden und registrierenden Nothnagel waren es vor allen der geniale Mey- nert und der in experimentell-pathologischer Methodik glänzende Stricker, die dem jungen Mediziner die Beschäftigung mit der Neurologie als des Schweißes der Edlen wert erscheinen ließen. Die Beziehungen von Frankls zu seinem Lehrer Nothnagel wurden schon bald dadurch enger, daß dieser 1889 das an seiner Klinik eingerichtete Ambula¬ torium für Nervenkrankheiten unter v. Frankls Leitung stellte. Damit war dem jungen Forscher Gelegenheit gegeben zum selbständigen Arbeiten, und er benutzte diese Möglichkeit von Anfang an mit Eifer und Erfolg, und obgleich die äußeren Verhältnisse dieser Arbeitsstätte keineswegs glänzende waren und in den folgenden 25 Jahren auch nicht glänzend wurden, hat v. Frankl es doch verstanden, die Ab¬ teilung zu einem wertvollen Hilfsmittel für den klinischen Unterricht, zu einem Heim wissenschaftlicher Forschung und zu einer Spezialschule für Arzte zu ge¬ stalten. Wie seinerzeit Erb in bescheidensten äußeren Verhältnissen in Heidel¬ berg Entdeckungen machte, durch die die Neurologie sozusagen auf die Füße ge¬ stellt wurde, so bewies auch von Frankl-Hochwart, daß der fähige und fleißige Arbeiter von äußeren Umständen nicht abhängig ist. Schon 1891 habilitierte er sich. Einige Jahre später erhielt er den Titel des Professor extraordinarius, aber erst 1913 das wirkliche Extraordinariat. Er hat von seiner Arbeitsstätte aus die Neurologie um wichtige und wesentliche Kenntnisse vermehrt; das brachte er zuwege durch seine Arbeiten über Pseudosklerose, über Tetanie und Intentions¬ krämpfe, über nervöse Erkrankungen des Geschmacks und Geruchs, über Konus¬ erkrankungen, ferner durch seine Studien auf dem Gebiete der Hirntumoren, be¬ sonders solche der Hypophysis, der Zirbeldrüse und des Kleinhirns, durch seine eingehenden Studien über Menieresche Erkrankung, über den Einfluß der inneren Sekretion auf die Psyche, über die Wirkungen des Hypophysins, durch seine überaus wertvollen experimentellen Arbeiten über zentrale Blasenlähmung und seine klinische Bearbeitung der Beschäftigungsneurosen. Seine zusammen¬ fassenden Arbeiten sind lichtvolle und fesselnde Darstellungen des vorliegenden Tatsachenmaterials. Er ging nur an die zusammenfassende Darstellung solcher Digitized by Gck igle Original fro-rn UMlVERSfTY OF MICHIGAN 111 Krankheitsgebiete, auf denen er durch eigene Forschungen eigene Erfahrungen gesammelt und auf denen er selbst zu Fortschritten verholfen hatte; das trifft besonders für die Tetanie zu, für den Morbus Meniöre und für die nervösen Er¬ krankungen der Blase und des MastdarmB. Aus der Reihe seiner Arbeiten über den Morbus Moniere sei hier nur hervorgehoben seine Aufstellung des Pseudo- Meni&re, eine klinische Leistung von großer praktischer Bedeutung, die sich an mehrere Arbeiten zur Differentialdiagnose und Prognose des Morbus Mentäre an« schloß. Auf dem Gebiete der nervösen Krankheiten der Blase hat er wichtige experimentelle Untersuchungen über den Sphinktertonus und über die Wirkung des N. erigens und N. hypogastricus durchgeführt. Er setzte diese Untersuchungen, sie auf den Mastdarmsphinkter ausdehnend, später gemeinsam mit Fröhlich fort. Ebenso lagen seinem großen Referate über die nervösen Erkrankungen der Tabak¬ raucher (Frankfurt a/M. 1912) eigene ausgedehnte klinische Erfahrungen zugrunde. In den letzten Jahren wurde von Frankl-Hochwarts Name wieder besonders im Anschluß an seine Untersuchungen über die Erkrankung der Blutdrüsen ge¬ nannt. Besonders zweien dieser Organe wandte er sein Interesse zu, der Hypo¬ physe und der Zirbeldrüse. Der neue und in seiner Besonderheit seither aner¬ kannte „Typus Fröhlich 44 , d. h. das Krankheitsbild der Dystrophia adiposo-genitalis wurde von ihm und seinem Schüler Fröhlioh zuerst aufgestellt. Mit seinem Namen eng verbunden bleibt wohl auch die erste richtige Diagnose auf Erkran¬ kung eines Zirbeldrüsentumors sowie die erfolgreiche operative (von Eiseisberg) Inangriffnahme dieser Erkrankung. Die klinischen Erfahrungen über die Hypo¬ physenerkrankungen trieben ihn zum experimentellen Studium der Wirkung des Hypophysins auf das sympathische und autonome Nervensystem, und nicht zuletzt seinen Studien ist die Einführung des Pituitrins in die Gynäkologie (Fehr und Hofstetter) zu verdanken. Wer so emsig, vielseitig und erfolgreich arbeitet, pflegt auoh Lust und Fähigkeit zum Lehren und zum Anregen zu haben, und das war bei von Frankl- Hoch wart in ausgesprochenem Maße der Fall. In jenem bescheidenen Nerven- ambulatorium hat er regelmäßig vor einem immer wachsenden Kreise von In- und Ausländern klinischen Unterricht erteilt, und wer seine Vorträge gehört hat, bekennt, daß er nicht nur ein von dem Lehrstoff durchdrungener und einer mög¬ lichst lebhaften Darstellung des Falles sich befleißender, sondern daß er oft auch durch die künstlerische Formvollendung des Vortrages ein ästhetisch erfreuender Lehrer war. Über allem aber schwebte — das bezeugt in seinem Nachruf auch sein Wiener Kollege und Freund Otto Marburg — die warme Menschlichkeit im allgemeinen und das Interesse für den Kranken im Besonderen: Auch hier bestätigte sich der Ausspruch Nothnagels, daß nur ein guter Mensch ein guter Arzt sein kann. Wenn es heißt: „An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen 44 , so muß vonFrankl- Hochwart ein guter Lehrer gewesen sein, denn Männer wie Schlesinger, Hatschek, Artur Berger, Fröhlich, Stern, Marburg — um nur einige zu nennen — sind seine Schüler gewesen. In der Praxis war von Frankl-Hochwart erfolgreich und ein gern zu¬ gezogener und gern gesehener Konsulent. Wieviel er in seiner engeren Heimat galt, zeigt die große und schöne Festschrift, die ihm von Schülern, Kollegen und Freunden gelegentlich des Tages, an dem er 20 Jahre an der Nervenambulanz tätig war, gewidmet wurde; wieviel er im Auslande galt, zeigte die Aufnahme, die er vor 2 Jahren gelegentlich einer Reise durch die Vereinigten Staaten fand: sie war eine von der Hochachtung vor seinen Leistungen getragene und dazu eine aufrichig herzliche. von Frankl gehörte auf Grund seiner Spezialforschungen seit einer Reihe von Jahren dem Vorstande der Internationalen Gesellschaft für Urologie an. Für Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 112 uns aber ist wichtiger, daß er zu den Mitbegründern der „Gesellschaft Deutscher Nervenärzte“ gehörte. Er war einer der Ersten, die sich der Anregung Oppen¬ heims freudig und mit ganzem Herzen anschlossen; galt es ihm doch, durch diese neue Vereinigung nicht nur die wissenschaftliche Neurologie zu fördern, nicht nur die persönlichen Beziehungen der berufenen Vertreter unseres Spezial¬ gebiets zu wecken und zu pflegen, sondern erwartete doch auch er von ihr die Erfüllung der Hoffnung so vieler Neurologen, daß ihrer Wissenschaft auch äußer¬ lich die Existenzberechtigung zuerkannt werde in Gestalt der Errichtung eigener Forscher statten und eigener Lehrstühle mit gesonderten Abteilungen — mit anderen Worten: daß auch der Neurologie an den Universitäten und an anderen medizinischen Lern- und Lehrzentren das zugestanden werde, was anderen Disziplinen längst zugestanden war. Er selbst konnte das sich mit diesem Thema befassende Referat Oppenheims in dessen Vertretung 1908 vortragen; er selbst sprach lebhaft zur Diskussion, und er selbst trat auch später bei jeder sich offiziell und inoffiziell bietenden Gelegenheit für die Idee der Selbständigmachung und der offiziellen Anerkennung der Neurologie ein. Er durfte noch die Freude erleben, daß er an der Poliklinik eine selbständige Abteilung erhielt; seine Hoffnung und seine Ab¬ sicht war, diese zu einer klinischen Abteilung auszubilden. von Frankl-Hoch wart erlag einem langsam wachsenden Hirntumor. Es ist eine Tragik, daß ein Leiden ihn hinraffte, dessen Erforschung er so viel Zeit und Kraft seiner Lebenstage gewidmet hat. Alles in allem war von Frankl-Hochwart ein fleißiger und zuverlässiger wissenschaftlicher Kliniker, geschmückt mit einem wohlwollenden edlen Menschen¬ tum. Durch sein Leben und sein Wirken bat er bewiesen, daß er ein Lebens¬ künstler war, nach dem Wort: „zu leben weiß, wer nicht allein sich selber lebt.“ Sein Name wird in der Neurologie unvergessen bleiben. V. Verschiedenes. Am 27. November 1914 feierte die Neurologische Gesellschaft in Philadelphia ihr 30jähriges Bestehen. Die unter dem Vorsitz von Weir Mitchell begründete Gesellschaft hielt an diesem Tage eine Festsitzung ab. Der jetzige Präsident, Dr. Ch. K. Mills, eröffnete dieselbe mit einer Ansprache „Über die zerebrale Morphologie in ihren Beziehungen zur zerebralen Lokalisation“. Es sprachen ferner Francis X. Dercura: „Nerven- und Geistes¬ krankheiten und die neuere Pathologie“; James Henri Lloyd: „Bau und Funktion des Linsen- kerns"; Charles W. Burr: „Die Psychologie des Geizigen“; William G. Spill er: „Bemer¬ kungen über die zentrale Lokalisation der Sensibilität*'; Tb. H. Weisenburg: „Gründerund Leistung der Gesellschaft.“ Im Anschluß an diese Sitzung wurden eine Reihe von Neuro¬ logen verschiedener Länder zu korrespondierenden Mitgliedern gewählt, darunter aus Deutsch¬ land die Herren L. Edinger, H. Oppenheim und M. Rothmann. — Wir sprechen nach¬ träglich der Gesellschaft unseren herzlichen Glückwunsch aus. Die Arbeiten ihrer Mitglieder auf allen Gebieten der Neurologie haben unsere Wissenschaft wesentlich gefördert Es ist in dieser Zeit gewiss doppelt erfreulich, daß die amerikanischen Kollegen bemüht sind, die internationalen Beziehungen festzuhalten. Prof. Kurt Goldstein aus Königsberg ist als Abteilungsvorsteher für Pathologie in das Neurologische Institut der Universität Frankfurt eingetreten. Zar gefälligen Beachtung. Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth* mann, Berlin W„ Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬ sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgeb & Wittio in Leipzig. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN Neürowgisches Cent r alblatt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet von Profi E. MendeL Heransgegeben ▼an Dp. Kurt MendeL Vierimddrei ßigster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie direkt von der Verlagsbuchhandlung. 1915. 15. Februar. Nr. 4. Inhalt. I. Originalmittellungen. 1. Zur operativen Therapie der Schußverletzungen der Wirbelsäule und des Rückenmarks, von Kurt Goldstein. 2. Zur Pathogenese der im Krieg auftretenden psychischen Störungen, von Heinrich Bickel. II. Referate. Krieg. 1. Indikationen für subkutane Magnesiumsulfatbehandlnng des Tetanus traumaticus, von Usener. 2. Die kombinierte Antitoxinüberschweramungs- und Narkosetherapie des Tetanus, von Dreyfus und Ungar. 8 . Behandlung des Wundstarrkrampfs mit Magnesiumsulfat, von Syring. 4. Kurze Mitteilung über Wundstarrkrampffälle und ihre Behandlung im Reservelazarett Münster i. W., von Siemon. 5. Schädelchirurgie im Felde, von Ehrhardt. 6. Psychosen und Neurosen in der Armee während des Krieges, von Meyer. 7. Lendenwirbelkonturschuh, von Freund. 8. Kopfverletzungen im Felde vom Standpunkte des Otologen, von Goldmann. 9. Über Tetanus traumaticus, von H. Pribraun. 10. Bemerkungen zu Dt. Hegels Mitteilung: „Über Kriegsverletzungen des peripherischen Nervensystems'*, von Becker. — Chorea. 11. Contributo alTanatomia patologica della corea di Huntington, per d'Antona. 12. Über die Ursacbe der choreatischen Zuckung, von Niessl v. Mayendorff. 13. A Streptococcus producing Symptoms of cborea in a dog, by Dick and Rothstein. 14. Les lesions de la choree chronique progressive, par Marie et Lhermitte. 15. Beiträge zur Lehre von der Chorea chronica progressiva, von Margulis. 16. De la choröe de Sydenbam, par Matxrel. 17. Uber Chorea gravidarum, von Kolde. 18. Zur Kenntnis der Schriftstörung bei Chorea, von Lomer. 19. Les lesions de la chorde progressive (chorde d’Huntington). La ddgendration atrophique cortico-striee, par Marie et Lhermitte. 20. A voice sign in chorea. Preliminary report par Swift. 21. Further analysis of the voice sign in chorea, par Swift. 22. Kasuistischer Beitrag zur Chorea chronica progressiva (Huntingtonsehe Chorea), von Stahl. 23. über Lumbalpunktion bei Chorea infectiosa, von Pastini. 24. Instabilitd chordi- forme et insuffisance thyroidienne, par Rdmond et Sauvage. 25. Confusion mentale et syn- drörae de Korsakoff dans uu cas de choree, par Arsimoles. 26. Über Chorea minor mit Psychose (Verwirrtheit uud Hemmung), von v. Holtum. 27. Hereditary chorea, by Boyd. 28. Über Choreapsychosen in der Schwangerschaft, von Harpe. 29. On the diagnosis, pro- gnosis and treatment of Sydenhams chorea, by Langmead. 30. Die Prognose bei Chorea gravidarum, von MJhlbaum. 31. Zur Behandlung der Chorea minor, von Lehmann. 32. Die Chorea minor und ihre Behandlung, von Singer. 33. La corea del Sydenham ed il salvarsan, per Gemell. — Tetanie. 84. Pathologie und Therapie der Krämpfe im Kindesalter, von Langstein. 35. Observation on tetany in dogs. Relation of the parathyroids to tbe thyroid; relation of tetany to age, amount of parathyroid tissue removed, accessory parathyroids, pregnancy, lactatioD, rickets, sulphur, and diet; relation of parathyroids to sugar tolerance; effect of calcium salts, by Marine. 36. L’uree dans le sang et rurine des chiens thyrdo- parathyreoidectomises, par Urechia. 37. La methode d'Abderhalden chez les animaux en etat de tetanie experimentale, par Urechia et Popeia. 38. Tetany in acute snpporative appen- dicitis in an adult, by Hughes. 39. Einige Beobachtungen über Spasmophilie in Japan, von Iwamura. 40. Über einen Fall von Spättetanie gastrischen Ursprungs, von Wexberg. 41. Zur Tetanie bei abdominellen Affektionen, von Bircher. 42. Chirurgie der Nebenschilddrüsen, von Guleke. 43. Über Tetanie bei Dünndarmileus, von Gebhard. 44. Tetaniesymptome nach und bei Dysenterie, von Löwy. 45. Zur Frage der „Bronchotetanie“ der Erwachsenen und ihrer Behandlung mit Kalzium, von Curichmann. 46. Untersuchungen über Tetanie und Alterestar, von Fischer und Triebenstein. 47. Tetanoide Symptome bei Schwangeren und Wöchnerinnen, von Kreise. 48. Die Magnesiumsulfatbehandlang der spasroophilen Krämpfe, xxxi v. 8 Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 114 von Berend 49. Die Organtherapie der postoperativen Tetanie, von Vogel. 50. Über die chronische Tetanie nach Exstirpation von Glandulae parathyreoideae, von Tanberg. 51. Zur Behandlung der postoperativen Tetanie, von Wiebrecht. — Therapie. 52. Ein Fall von Adalinvergiftung, von Pierling. 53. Über Ealmonal (Bromkalziumurethan), von Bufe. 54. Über das Verhalten des Ealmonals im menschlichen Eörper, von Seegers. 55. Ealmonal, ein neues Sedativum, von v. Feilitsch. 56. Über Dial Ciba bei Psychosen, von Schmidt. III. Aus den Gesellschaften. Vereinigte ärztliche Gesellschaften zu Berlin, Sitzung vom 6. Januar 1915. — Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Sitzung vom 11. Januar 1915. IV. van Gebuchten t _ I. Originalmitteilungen. 1. Zur operativen Therapie der Schußverletzungen der Wirbelsäule und des Rückenmarks. Von Kurt Goldstein. Wir werden bei den relativ häufigen Schußverletzungen der Wirbelsäule mit Schädigung des Rückenmarks oft vor die Frage gestellt, ob man den Ver¬ letzten operieren soll oder nicht. Ich habe mich schon an anderer Stelle 1 be¬ sonders für jene Fälle für die Operation ausgesprochen, bei denen — bei über dem Reflexgebiet liegender Läsion — die Lähmung nicht nur in der ersten Zeit, sondern dauernd eine totale, schlaffe bleibt, die Reflexe dauernd fehlen und die schweren Blasen- und Mastdarmstörungen fortbestehen, bei denen also die Zeichen einer sogen, totalen Quertrennung des Rückenmarks vorliegen und keine Neigung zur Besserung sich zeigt Meine Aaffassang basierte auf der Erfahrung, daß diese Fälle trotz der besten Pflege so gut wie immer in relativ kurzer Zeit einen trostlosen letalen Verlauf nehmen, daß bei ihnen also sicher sehr wenig zu verlieren und mit der Operation also kaum etwas zu schaden ist Ist aber durch dieselbe dem Verletzten etwas zu nützen? Das wird ja schließlich immer das Ausschlaggebende für die Vor¬ nahme einer Operation sein. Es hängt davon ah, oh die vorliegende Rücken- marksschädigung restitutionsfähig ist oder nicht Es wird deshalb von unge¬ meiner Wichtigkeit sein, dies ans dem neurologischen Befunde zu entscheiden. Den vorerwähnten Befund einer sogen, totalen Quer treu uung des Rücken¬ marks erhebt man anfänglich in fast allen schweren Fällen von Schußverletzungen der Brost- und Halswirbelsäule. In einer Reihe von Fällen — in den von vorn¬ herein günstigen — kehren die Reflexe nach kurzer Zeit wieder,*jdie Lähmung bessert sich, wird auch gewöhnlich spastisch, die Blasen- and Mastdarmstörungen weichen ebenfalls, und es tritt eine mehr oder weniger fortschreitende Restitution aller Störungen ein. In diesen Fällen muß man das Fehlen der Reflexe und die schlaffe Lähmung wohl auf eine vorübergehende Shockwirkung zurückführen. Diese Fälle sind es aber eigentlich nicht, die uns hier besonders interessieren, weil in ihnen die Operation meist nicht in Frage kommt, wenngleich auch hier etwa der röntgenologische Nachweis eines Knochensplitters oder eines^Geschosses 1 Beobachtungen an Schußverletznngen des Gehirns und Rückenmarks. Deutsche med. Wochenachr. 1916. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 115 doch die Laminektomie angezeigt erscheinen lassen kann, falls die Besserung keine sehr weitgehende ist. Immerhin ist hier die Operation wegen des Fehlens direkter Lebensgefahr keine dringende. Das ist aber ganz anders in den Fällen, bei denen die Reflexe wochenlang fehlen, wochenlang die Lähmung eine totale und schlaffe ist, die Blasen* und Mastdarmstörungen bestehen bleiben. Hier drängt die direkte Lebensgefahr zur Entscheidung. Nach der Anschauung von Bastian sind die erwähnten'Symptome die Zeichen einer vollständigen Leitungsunterbrechung im Rückenmark und durch die Abtrennung der tieferen Rückenmarkspartien vom Großhirn und Kleinhirn bedingt — eine Anschauung, die von vielen Autoren wie Dejertne, Nonne u. a., besonders Bruns, akzeptiert wird. Müssen wir wirklich nach diesem Befunde eine vollständige Quertrennung des Rückenmarks annehmen, müssen wir an* nehmen, daß das Geschoß durch jdas Rückenmark hindurchgegangen ist? ln diesem Falle wäre eine Operation natürlich aussichtslos und deshalb zu verwerfen. Meine anderweitig mitgeteilten Beobachtungen beweisen nun interessanterweise, daß dieser Symptomenkomplex sicherlich nicht notwendig eine grobe Kontinuitätsunterbrechung des Rückenmarks anzeigt, sondern daß er bei unverletztem Durasack und makroskopisch unverletztem Rückenmark bestehen kann. Ganz kürzlich hat Muskens 1 ganz ähnliche Beobachtungen mitgeteilt. In meinen Fällen fand sich einmal bei der Operation ein Geschoß außerhalb der Dura im Wirbelkanal, eingekeilt in den Wirbelkörper, das das Rückenmark komprimierte wie ein Tumor; in einem anderen Falle war der Wirbel eingebrochen, das Geschoß hatte das Rückenmark nicht direkt ge¬ troffen, auf dasselbe drückte aber ein Knochenstüokchen, ohne eine schwere Kompression des Rückenmarks zu erzeugen. In einem weiteren Falle wurde das Geschoß, eine Sohrapnellkugel, die das Röntgenbild zeigte, bei der Operation nicht gefunden, es lag im Wirbelkörper. Das Rückenmark selbst wies keine makroskopische Veränderung auf, es war die Dura offenbar durch das Geschoß nur gestreift. In einem weiteren war die Dura äußerlich intakt, nach dem Aufschneiden zeigte sich (bei der Autopsie) eine Verwachsung der Dura mit dem Rückenmark und Einschnürung des Rückenmarks durch fibröse Stränge, ln allen diesen Fällen fanden sich also die Symptome einer sogen. Totaldurch- trennung, ohne daß eine solche vorlag — wenigstens nicht grob morphologisch. Ob feinere histologische Veränderungen vorhanden waren und welche, darauf will ich an anderer Stelle nach genauer mikroskopischer Untersuchung der sezierten Fälle eingehen. Dort will ich auch die Frage nach der Ursache der schlaffen Lähmung und des Fehlens der Reflexe behandeln. Hier interessiert uns nur die Frage, ob eine Rückenmarksveränderung vorliegt, von der man annehmen kann, daß sie nach Beseitigung der Schädigung sich restituieren kann — das ist die Indikationsstellung zur Operation. Damit, daß ein grober Defekt nicht vorliegt, ist das allerdings noch nicht erwiesen. Es könnte auch ohne gröbere Lokalzerstörung in diesen Fällen eine mikroskopische Quertrennung bestehen oder eine so 1 N eurolog. Centnlbl. 1915. Januar. 8 * Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 116 schwere Allgemeinschädigung des Rückenmarks vorliegen, daß auch nach Beseitigung der lokalen Schädlichkeit eine Besserang nicht za erwarten wäre? Meine Fälle sind mikroskopisch noch nicht untersucht. Ich werde später darüber berichten und auch die Frage zu entscheiden suchen, ob die totale schlaffe Lähmung und Areflexie durch totale mikroskopische Quer- schnittsunterbrechung oder diffuse Schädigung des ganzen Rückenmarks zustande kommt. Vorläufig ist das nioht zu entscheiden. Ich kann aber das eine sagen, daß in dem einen Falle (Qeschoß im Wirbelkanal) nach der Operation eine Besserung eintrat, in Form der Rückkehr der Reflexe und einer gewissen Be* weglichkeit nach relativ kurzer Zeit — die Schädigung des Rückenmarks muß also trotz der sehr lange bestehenden „totalen Querschnitts* u|nterbreohung“ restitutionsfähig gewesen sein. Wir wissen ja über* haupt nichts Sicheres darüber, wie weit derartige diffuse oder lokale Schädigungen des Rückenmarks ohne Kontinuitätstrennung restitutionsfähig sind. Die gewöhnlichen Friedensverletzungen der Wirbelsäule — gewöhnlich doch Frakturen — sind ihrer ganzen Art nach von den Schußver¬ letzungen so verschieden, daß wir die Erfahrungen von diesen keineswegs auf unsere Fälle übertragen können. Sie sind fast nie so umschrieben, erfolgen gewöhnlich nicht mit so großer, so streng lokalisierter Gewalt, so ohne Ver¬ letzung der Dura usw. All das gibt sicher recht verschiedenartige Schädigungen des Rückenmarks. Selbst der mikroskopische Befund einer diffusen Schädigung der weißen Substanz, wie sie etwa in einer diffusen Marchidegeneration uns entgegenträte, kann uns kaum Sicheres darüber sagen, ob das Rückenmark nicht doch noch so restitutionsfähig ist, daß eine leidliche Funktion noch zurückkehrt Hier fehlen uns noch sehr notwendige experimentelle Feststellungen mit genauer klinischer und anatomischer Untersuchung. Sie werden allein Aufklärung bringen. Die Erfahrungen an Tumoren sind ja auch nicht ganz eindeutig, indem bei ihnen zwar die lokale Druckwirkung vorhanden ist, aber die akute Shockwirkung fehlt; sie lehren aber zum mindesten, daß das Rückenmark einen anhaltenden lokalen Druck sehr gut verträgt und auch schwere Störungen sich noch nach Entfernung des Drucks zurückbilden können. So lange wir nicht sagen können, in den Fällen mit dem Zeiohen von sog. „totaler Quertrennung des Rückenmarks“ ist auch bei nicht grober Zer¬ trümmerung des Rückenmarks eine Erholung des Rückenmarks ausgeschlossen, so lange scheint mir in diesen sonst so trostlosen Fällen eine Operation indiziert, wenn man durch diese die lokale Schädigung beseitigen kann — und das können wir nicht sagen. Ich hebe das besonders hervor, weil z.B. Lewamdowbkt 1 , der der Operation skeptisch gegenübersteht, schreibt: Nur wenn wirklich der dringende Verdacht besteht und möglichst noch durch Röntgenuntersuchung sicher gestellt ist, daß ein Knochensplitter oder ein Geschoß im Wirbelkanal selbst steckt und dabei die Lähmung keine totale ist, halte ich die Indikation für gegeben. Ich möchte in mehrfacher Beziehung in der Indikationsstellung 1 Di« Kriegsverletzungen des Nervensystems. Berliner klin. Woeh. 1014. Nr 61. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN weiter geben: loh möchte in Anbetracht der häufigen Schwierigkeit des Nach¬ weises von Knochensplittern and der Feststellung der Lage des Geschosses nicht die Sioheretellnng durch den Röntgenbefund verlangen, wenn er natürlich auch sehr wertvoll ist Ich würde weiter vor allem nicht verlangen, daß die Lähmung keine totale ist auf Grund der obigen Ausführungen, sondern auch bei einer solchen zur Operation raten. Ich würde schließlich in den in Betracht kom¬ menden Fällen auch für die Operation sein, wenn ich kein Geschoß im Wirbel¬ kanal vermute, weil nach meinen Erfahrungen auoh die durch die Erschütterung (?) bedingte umschriebene Meningitis adhäsiva ganz ähnliche schwere Querschnitts¬ unterbrechungen machen kann. Nur dann sollte man nicht operieren, wenn man eine grobe Unterbrechung des Rückenmarks annehmen kann. Das ist leider bisher kaum mit Sicherheit fest¬ zustellen. Als ioh auf Grund der obigen Überlegungen zur Operation riet, wurden wir in mehreren Fällen durch den Befund eines mehr oder weniger groben Defektes im Rückenmark enttäuscht Es wäre natürlich sehr wichtig, diese absolut un¬ günstigen Fälle von den anderen unterscheiden zu können. Das ist aber nur in den seltensten Fällen möglich, so wenn etwa eine schwere Wirbelfraktur eine gleichzeitige Zerstörung des Rüokenmarks vermuten läßt Vor allem ist aus dem neurologischen Befunde allein bisher eine derartige Entscheidung nach meinen Erfahrungen nicht möglich. Vielleicht gelingt es anderen, durch den Vergleich einer größeren Zahl von Sektions- und Operationsbefunden mit ge¬ nauen klinischen Beobachtungen differentialdiagnostisch verwertbare Unterschiede zu finden. So lange dies nicht der Fall ist möchte ioh daran festhalten, alle in Betracht kommenden Fälle — ioh hebe nochmals besonders hervor, ich spreche hier nür von einem bestimmten Typus — zu operieren, selbst auf die Gefahr hin, in dem einen oder anderen Falle ganz unnütz operiert zu haben. Bei der — ohne Operation — furchtbaren Aussichtslosigkeit der in Betracht kommenden Fälle, die alle Autoren, auch die Operationagegner, zugeben, er¬ scheint es mir schon als großer Gewinn, wenn durch die Operation wenigstens der eine oder andere der Unglücklichen gerettet wird . 1 2. Zur Pathogenese der im Krieg auftretenden psychischen Störungen. Von Dr. Heinrich Biokel, Priratdoxont für Pyschiatrie and Neurologie so Bonn, surzeit im Felde. Jeder, der im Felde steht, und, wie ich glaube, auch die in der Heimat Weilenden wissen, welohe Blüten die Phantasie im Kriege treibt Schon in den ersten Mobilmachungstagen erzählte man sich Nachriohten von gewaltigen Siegen, die unsere eben erst ins Feld rückenden Truppen erfochten hätten, und diese * Wegen der Frage der Zeit wann operiert werden soll n. a., verweise ich, um Wieder* holongen zn vermeiden, auf meine frühere Arbeit. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 118 Nachrichten worden geglaubt,"ohne daß de sich später als richtig erwiesen hätten. Mittlerweile haben wir gelernt, neuen Kriegsnachrichten gegenüber skeptischer zu sein, und wünschen stets auch die Quelle zu erfahren, aus welcher die Neuigkeit stammt. Wenn [möglich, wollen wir es „schwarz auf weiß“ als amtliche Mitteilung sehen, eine Art der Bekanntmachung, die im Gegensatz zu den amtlichen Mitteilungen unserer Feinde noch Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben darf. — Das, worauf ich hier hinweisen will, ist die leicht zu konstatie¬ rende Tatsache, daß in Zeiten nationaler Begeisterung, wie wir sie jetzt im Kriege durohleben, sich des ganzen Volkes eine Erregung bemächtigt, die u. a. in der eben erwähnten Steigerung der Phantasietätigkeit, d. h. also in einer Steigerung der produktiven, kombinierenden, psychischen Tätigkeit zum Ausdruck kommt Gleich einer Epidemie breitet sich eine Erregung über das ganze Volk aus, in Erwartung der kommenden großen Ereignisse. Diese Erregung ist ebenso wie die Erregung,J welche der unmittelbare Eindruck der Kriegs- und Schlacht¬ erlebnisse beijden im Felde^Stehenden hervorruft, psychologisch wchl zu ver¬ stehen, insofern hier die eigene Existenz und zugleich das Schicksal des ganzen Volkes in Frage steht. Die in solcher Weise psychologisch motivierte Erregung ist zweifellos einer derjenigen Faktoren, welche den Ausbruch psychischer Störungen in Kriegszeiten ( begünstigen. Hand in Hand mit diesem Faktor gehen ferner ^individuelle Prädispositionen, sowie besonders bei der kämpfenden Truppe körperliche Strapazen und Entbehrungen, welche in bestimmter, gleich zu besprechender Weise ihre Wirkung ausüben. Über die psychischen Störungen, welche in den ersten 6 Wochen des gegen¬ wärtigen Krieges in der Straßburger psychiatrischen Klinik zur Beobachtung kamen, hat Wollenbebg 1 berichtet Er teilt die von ihm beobachteten Fälle in drei Gruppen ein. Die erste Gruppe umfaßt die Erkrankungen aus der Mobilmacbungszeit, die zweite diejenigen Erkrankungen, welche während der kriegerischen Operationen selbst auftraten, und die dritte Gruppe die psychisch¬ nervösen Erkrankungen des Wundbettes und Krankenlagers. Wenn man von den Erkrankungen an manisch-depressivem Irresein, Dementia praecox usw. absieht, zu deren Ausbruch die Kriegsereignisse nur die Gelegenheitsursaohe ab- gaben, so handelte es sich bei den in den Mobilmachungstagen eingelieferten Kranken hauptsächlich einmal um Alkoholdeliranten und ferner um „gewisse mehr episodenhafte Erregungszustände bei Psychopathen“. Die Alkoholdelirien gingen meistens mit tiefer Bewußtseinsstörung und starker motorischer Erregung einher, während die charakteristischen Tierhalluzinationen fehlten; ein nicht ge¬ ringer Teil dieser Fälle starb schnell an Herzschwäche. Die Erregungszustände bei Psychopathen gingen mit schwerem Angstaffekt einher, wobei die Wahnidee, für einen Spion gehalten zu werden, eine große Rolle spielte. Diese zuletzt gekennzeichneten Erregungszustände, welche dem Krankheitsbild der Amentia zuzurechnen sind, gingen meistens rasch in Heilung über. Unter den psychisch* nervösen Störungen, welche in den Beginn der kriegerischen Operationen fielen, 1 Nervöse Erkrankungen bei Kriegsteilnehmern. Münchener med. Wochenschrift. 1914. Nr. 44. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN / 119 nennt|WoiiLSNBEBG zunächst hysterische Psychosen und sodann solche Zustände, die auf Erschöpfung beruhten, und in denen neben den Zeichen körperlicher und geistiger Übermüdung Sinnestäuschungen in Erscheinung traten. Die Be¬ treffenden hatten nach ermüdenden Märschen z. B. die Vision weißer Häuser¬ reihen am Straßenrande. Im Anschluß an akute Erschöpfungszustände, wie Ohnmächten und Hitzschläge, traten auch neurasthenische Zustände auf, mit Mißempfindungen im Kopf und zuweilen mit akustischen Reizerscheinungen (Olockenläuten). Neurasthenische Depressionen waren gleichfalls nicht selten. Alles in allem handelt es sich bei den im Krieg auftretenden psychischen Störungen symptomatologisch nicht um Erkrankungen sui generia, sondern um solche Störungen, die a uch zu anderen Zeiten auftreten können und höchstens durch den Krieg ihre* besondere’ Färbung erhalten. Als einen der^ Faktoren, welche den Ausbruch psychischer Störungen in Kriegszeiten begünstigen, nannten wir oben die psychologisch motivierte Er¬ regung, welche sich der gesamten Nation bemächtigt. Bei den von Wollen- bbbg beobachteten Störungen spielten neben individueller Veranlagung ferner Alkoholmißbrauch und körperliche Überanstrengung und Erschöpfung eine ätio¬ logische Rolle. Die Wirkung dieser letzteren Faktoren beruht sehr wahrschein¬ lich zum nicht geringen Teile auf der Störung eines physiologischen Mechanismus, den wir im folgenden näher kennzeichnen werden, und zu dessen Darlegung wir etwas weiter ausholen müssen. Mosso konstatierte an Kurven, die er mit seinem Plethysmographen auf¬ nahm, daß, hei jeder intensiveren psychischen Tätigkeit, insbesondere bei geistiger Arbeit (z. B. Kopfrechnen), sich mit großer Regelmäßigkeit die Blutgefäße der äußeren Körperteile kontrahieren. An Blutdruckkurven, welche die Verände¬ rungen des Blutdrucks kontinuierlich darstellten, beobachtete er ferner, daß mit der Kontraktion der Gefäße eine Erhöhung des allgemeinen Blutdrucks einher¬ geht. Diese Beobachtungen von Mosso wurden durch spätere Untersuchungen im großen und ganzen bestätigt und im einzelnen noch ergänzt. Insbesondere stellte es sich heraus, daß die psychisch bedingte Blutdruoksteigerung im wesent¬ lichen nicht eine Folge der peripheren Gefäßkontraktion ist, sondern durch eine intensivere Tätigkeit des Herzens zustande kommt Unter dem Einfluß von Ermüdung tritt nun, wie E. Wbbbb zeigte, an die Stelle der Gefäßkontrak¬ tion bei psychischer Tätigkeit eine Gefäßerweiterung, welche als mechanische Wirkung der Blutdrucksteigerung aufzufassen ist Diese Gefaßerweiterung kann nur der Ausdruck einer Lähmung der Vasokonstriktoren sein. Eine solche Lähmung der gefäßverengernden Nerven, wie sie E. Webeb hauptsächlich bei körperlicher Ermüdung beobachtete, tritt auch nach dem Genuß von Alkohol auf, wie das schon unmittelbar an einer Rötung des Gesichts zu erkennen ist, und wahrscheinlich auch unter dem'Einfluß vieler anderer, toxischer und infek¬ tiöser, Gifte. 1 Die Gefäßlähmung _ muß nicht eine irreparable Störung sein, 1 Die Stelle, an welcher die hier besprochene Funktionsstörung der Vasokonstriktoren lokalisiert ist i*t aus Gründen, auf die ich hier nicht näher eingehen kann, in der Hirn¬ rinde und nicht etwa in der Peripherie au suchen. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 120 sondern kann sich, wenn die Schädlichkeit nicht mehr einwirkt, schneller oder langsamer wieder zurück bilden. Da, wo die normale Gefäßkontraktion bei psychischer Tätigkeit ausbleibt oder geschwächt ist, wo also eine Lähmung der Vasokonstriktoren besteht, habe ich 1 auch von psychasthenischer lieaktionsweise des Gefäßsystems gesprochen. Welchen Einfluß hat nun die in Rede stehende Lähmung der Vasokonstriktoren auf den Ablauf der Bewußtseinsvorgänge? Man muß sich klar machen, daß die Ausdrucksbewegungen des Bewußt¬ seins, zu denen auch die Kontraktion der Blutgefäße gehört, zu ihrer Inner¬ vation ein gewisses Quantum Energie von seiten der Hirnrinde beanspruchen; bei der psychisch bedingten Kontraktiou der Gefäße entlädt sich die Hirnrinde, welche der Sitz des psychophysiologischen Geschehens ist, eines Quantums aktueller Energie, um damit die Vasokonstriktoren zu innervieren. Es ist nun nicht unwahrscheinlich, daß dann, wenn diese Energieentladung der Großhirn¬ rinde infolge der Lähmung der Vasokonstriktoren gestört ist, die Energie sich in der Hirnrinde ansammelt und nunmehr, anstatt der Innervation der Gefäße, assoziativen, psychischen Funktionen zugute kommt Bei dieser Rückwirkung der Innervationsstörung der Gefäße auf die Großhirnprozesse handelt es sich um nichts anderes, als um eine Bestätigung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie an den psychophysiologischen Vorgängen der Hirnrinde. Die durch die Innervationsstörungen der Vasokonstriktoren bedingte Ansammlung aktueller Energie in der Hirnrinde äußert sich zunächst in dem Symptom der psychischen Erregung oder nur einer gesteigerten Erregbarkeit, wie sie beispielsweise schon bei Neurasthenikern zu beobachten ist. Oft macht sich aber die gestörte Energie¬ entladung der Hirnrinde noch in anderer Weise bemerkbar. Die im Gehirn sich ansammelnde Energie sucht nach einem Ausweg nnd findet diesen durch die motorischen Zentren der Hirnrinde. So sehen wir bei Alkoholberauschten motorische Unruhe, Bewegungs- und Rededrang auftreten. In anderen Fällen, vermutlich besonders dann, wenn die genannte Störung plötzlich einsetzt und sehr hochgradig ist, breitet sich die Erregung auf die Sinneszentren aus, und es kommt dann zu Sinnestäuschungen auf den verschiedensten Sinnesgebieten. 2 Kehren wir zu dem Ausgangspunkt unserer Betrachtungen zurück, so sollte das Gesagte zeigen, wie körperliche Überanstrengungen und Entbehrungen, Alkoholmißbrauch usw. solche psychische Störungen auszulösen vermögen, die auf eine gesteigerte Erregung der Großhirnrinde oder einzelner Hirnrinden¬ zentren hinweisen. Diese eben genannte Wirkung, welche durch die Funktions¬ störung der Vasokonstriktoren hervorgebracbt wird, summiert sich zu dem Einfluß der Erregung, welche psychologisch motiviert ist und sich allenthalben 1 Über die normale and pathologische Reaktion des Blutkreislaufs auf psychisohe Vor¬ gänge. Neurolog. Centralbl. 1914. * Das hier Vorgetragene findet sich an der Hand experimenteller Untersuchungen aus¬ führlicher dargestellt in einer Monographie über „Die wechselseitigen Beziehungen zwischen psychischem Geschehen und Blutkreislauf, mit besonderer Berücksichtigung der Psychosen“, die ich aus äußeren Gründen erst nach Beendigung des Krieges im Druck erscheinen lassen kann. Digitizer! by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 121 in Kriegszeiten geltend macht. Um hochgradige Erregungszustände der Gro߬ hirnrinde "handelte es sich bei den Alkoholdelirien und Amentiafallen, welche namentlich in der Mobilmachungsperiode auftraten. 1 Dieselben Schädlichkeiten, welche die zerebrale Innervation der Vasokonstriktoren stören und dadurch den Energiegehalt der Hirnrinde steigern, schädigen andererseits aber auch die Hirn¬ rinde in ihrer Gesamtheit, d. h. auch diejenigen Bahnen, welche dem psychischen Geschehen unmittelbar dienen, und rufen so Lähmungs- bzw. Ermüdungs¬ erscheinungen auf psychischem Gebiet hervor. Aus dieser verschiedenartigen Wirkungsweise derselben Schädlichkeit resultiert ein Gemisch von Reiz- und Ermüdungssymptomen, wie es die auf Erschöpfung beruhenden Neurasthenien charakterisiert. II. Referate. Krieg. 1) Indikationen für subkutane Magnesiumsulfatbehandlung des Tetanus traumatious, von W. Usener. (Münchener med. Wochenschrift. 1914. Nr. 48.) Ref.: Kort Mendel. Empfehlung des Magnesiumsulfats; beim Kind in 20 bis 25°/ 0 iger, beim Erwachsenen in 40 bis 50°/ 0 iger Lösung subkutan, suprafaszial. Einzeldosis 0,15 bis 0,2 pro 1 kg Körpergewicht. Ferner Narkotika. 2) Die kombinierte Antitozinübersohwemmungs- und Narkosetherapie des Tetanus, von Georg L. Dreyfus und Waldemar Unger. (Münchener med. Wochenschrift. 1914. Nr. 61.) Ref.: Kurt Mendel. Die Verff. gaben Narkotika: Morphium, Chloralydrat, Luminalnatrium (sub¬ kutan); ferner Magnesium sulfur. intralumbal und intramuskulär, außerdem Tetanus¬ antitoxin, und zwar bei Beginn der Behandlung 400 bis 600 A.-E. Bei schweren Fällen (kurze Inkubation, frühzeitig ausgesprochener erheblicher Trismus, rasche Progredienz) täglich — zum mindesten intralumbal und intravenös — weiter Antitoxin (200 bis 600 A.-E. pro die), bis die Schwere der Krankheit gebrochen war. Aber auch später bekamen die Kranken bei jedem vereinzelten Aufflackern tetanischer Symptome aufs neue Antitoxin. So wurde in schweren Fällen bis zu 12 Tagen hintereinander Antitoxin gegeben, als höchste Gesamtdosis bei dem einzelnen Patienten 3800 A.-E. Bei leichteren Fällen kommt man mit erheblich geringeren Dosen (einen um den anderen Tag 100 Einheiten, abwechselnd intra¬ lumbal und intravenös) aus. Von 32 so behandelten Kranken sind 22 genesen. Bei den 10 Todesfällen handelte es sich durchweg um sehr schwere Fälle mit kurzer Inkubationszeit. 3) Behandlung des Wundstarrkrampfs mit Magnesiumsulfat, von Syring. (Deutsche med. Wochenschrift. 1914. Nr. 49.) Ref.: Kurt Mendel. Heilung eines (!) Tetanusfalles in 8 Tagen durch Magnesiumsulfat (2- bis ömal täglich 10ccm einer 10°/ 0 igen Lösung per os; im ganzen 25mal); kein Serum. 1 Bei den Psychosen der Mobilmachangsperiode, von denen ich dank der Freundlich¬ keit des Herrn Kollegen Witby im Metzer Lazarett mehrere Fälle za sehen Gelegenheit hatte, mochte wohl auch die große Hitze der Angosttage und die damit verbundene Er¬ mattung eine Solle gespielt haben. Digsitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 122 4) Kurse Mitteilung über Wundetarrkrampffälle und ihre Behandlung Im Beservelasarett Münster i. W., von Dr. Siemon. (Münchener med. Wochen¬ schrift. 1914. Nr. 48.) Ref.: Kurt Mendel. Angewandt wurden: Tetanusheilserum, Magnesiumsulfat, heiße Bäder (40°, 20 Minuten lang), danach Bestrahlen mit Höhensonne, Chloralhydrat als Klysma. 5) Sohädelohirurgie im Felde, von Erwin Ehrhardt. (Deutsche med. Wochen¬ schrift 1914. Nr. 51 u. 52.) Ref.: Kurt Mendel. Von den 23 Trepanierten starben 4 an Tetanus, 5 an Meningitis, 2 wurden gebessert, 12 geheilt. Auch bei sehr schweren, aussichtslos erscheinenden Schädel¬ verletzungen daif die Operation nicht unterlassen werden. Zu den unangenehmsten Komplikationen nach der Operation gehören große Hirnprolapse. Bei fast allen Fällen, die an Meningitis gestorben sind, war der Anlaß zur Meningitis ein Hirn¬ abszeß, eine Jauchung im Gehirn, von der aus sich natürlich eine eitrige Menin¬ gitis entwickeln mußte, wennjder Eiterherd nicht rechtzeitig eröffnet wurde. 6) Psychosen und Neurosen in der Armee während des Krieges, von E Meyer. (Deutsche med. Wocb. 1914. Nr. 51.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. berücksichtigt die Aufnahmen auf der Königsberger psychiatrischen Klinik vom 7. August bis 7. November 1914. Die Psychosen im strengen Sinne sind gering an Zahl (7,5 °/ 0 Dementia praecox, 4°/ 0 manisch-depressives Irresein, 3,5°/ 0 Paralyse), weit* größer ist die Zahl der Fälle von Alkoholismus (16°/ 0 ), ganz besonders hohe Werte’weisen Epilepsie, pathologische Reaktionen und psycho¬ pathische Konstitutionen auf. Die traumatische Neurose macht 6°/ 0 , die Imbe¬ zillität 8 °/ 0 der Gesamtzahl der Kranken aus. Unter den Fällen von alkoholischen Psychosen überwiegen diejenigen mit Gehörstäuschungen in Form der akuten Alkohol-Paranoia. Ihre Halluzinationen standen durchweg mit den kriegerischen Ereignissen in engem Zusammenhang. Die Feststellung der epileptischen Anfälle, die ja für die Frage der Diensttauglichkeit von größter Bedeutung ist, gelang vielfach durch Kochsalzgaben. Mehrfach wurden Dämmerzustände beobachtet, ohne daß Epilepsie oder psychopathische Veranlagung, speziell Hysterie, nach¬ gewiesen werden konnte. Es ergibt sich bisher kein Anhalt dafür, daß schwere Psychosen chronischen Charakters infolge des Krieges besonders zahlreich zur Beobachtung kämen; ebenso¬ wenig ist eine besondere Färbung derselben erkennbar. Dagegen geben unzweifel¬ haft die kriegerischen Ereignisse häufig den Anstoß zu akuten Psychosen auf alkoholischer und epileptischer Basis, wirken verschlechternd auf die Epilepsie und führen ganz besonders oft — vielfach bei einer gewissen Disposition — zu psychisch- nervösen Störungen psychogener Art. 7) Lendenwirbelkontureohuß. von L. S. Freund. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 60.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. schildert einen Konturschuß, der nach kontrollierbarem Verlauf außer¬ halb des Körpers von links oben nach rechts unten, vom 1. bis zur Höhe des 3. Lendenwirbels gegangen ist und sich dabei einen Weg durch den Bandapparat gebahnt hat, etwa in den Rillen zwischen den Processus spinosi und mamillares. Die Nervensymptome sind auf die Cauda equina zu beziehen und durch eine intravertebrale Blutung daselbst herbeigeführt infolge der bei demjVorbeipassieren des Geschosses verursachten Erschütterung. 8) Kopfverletzungen im Felde vom Standpunkte des Otologen, von Dr. Goldmann. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 47.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Zur Beobachtung gelangten meist Streifschüsse durch Kugel oder Schrappneil, Verletzungen durch Hieb mit dem Säbel oder Gewehrkolben, durch Sturz vom Pferd oder durch Straucheln und ähnliche Traumen. Bei allen diesen Verletzungen verliert der Verletzte meiBt für kürzere oder längere Zeit das Bewußtsein, fühlt beim Erwachen Kopfschmerz und Schwindel, und zwar typischen Drehschwindel Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 123 entweder in der Frontal- oder in der Horizontalebene, Ohrensausen, Übelkeit ohne Erbrechen, Ohrensausen und Gehörsherabsetzung auf der verletzten, oft auf beiden Seiten. Die Untersuchung ergibt Gehörstörungen und als Äußerung der Funk¬ tionsstörung des Vestibularapparats spontane Gleichgewichtsstörungen, spontanen Nystagmus, Herabsetzung der kalorischen Erregbarkeit. Eine besondere Gruppe zeigt Erscheinungen von seiten des Kleinhirns: Schmerz in der Hinterhaupt- bis in die Nackengegend, erschwerte Willkürbewegungen, Diadochokinesis, Sensibilitäts- st Önin gen der betroffenen Seite, gesteigerte Reflexe, Ataxie und das typische Bäränysche Vorbeizeigen nach außen im Handgelenk in Pronationsstellung. Die Dauer ist verschieden, die Labyrinth- und Gehirnerschütterungen können sich über Monate und Jahre erstrecken. 0) Über Tetanus traumatious, H. Pribraun. (Prager med. Wochenschrift. 1914. Nr. 44.) Ref.: K. Boas. Verf. bespricht in zusammenfassender Weise die Ätiologie, Symptomatologie, Diagnose, Prognose und Behandlung des traumatischen Tetanus. 10) Bemerkungen zu Dr. Hegels Mitteilung: „Über Kriegsverletzungen des peripherischen Nervensystems 11 , von C. Becker. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 50.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Zur Bekämpfung des schädlichen Einflusses, den die von der Verletzung her- rührende Narbe der Umgebung auf den Nerven haben kann, empfiehlt Verf. in vielen Fällen nicht wie Hegel die Operation, sondern Fibrolysin in Verbindung mit Massage. Fibrolysin beseitigt schädliche Narben, ohne neue zu machen, be¬ ansprucht keine genaue Lokalisation; seine Anwendung ist einfach und nicht von bleibenden üblen Folgen begleitet. Ein endgültiges Urteil iut allerdings noch nicht zu fällen. Verf. fügt beiläufig hinzu, daß er in einem Falle das Manifest- werden einer latenten Gonorrhoe beobachtete. Wenn sich diese Beobachtung be¬ stätigt, wäre das Mittel zum systematischen Nachweis und zur Behandlung der Gonorrhoe bez. der durch den Gonococcus verursachten sonstigen Erkrankungen zu verwerten. _ Chorea. 11) Contributo aH’anatomia patologiea della oorea di Huntington, per Serafino d’Antona. (Rivista di Patologia nervosa e mentale. XIX. 1914. H. 6.) Ref.: R. Ganter. Es handelt sich um einen 70jährigen, seit dem 15. Lebensjahr an Chorea leidenden Mann. Die Krankheit war durch zwei Generationen vererbt. Die Sektion ergab: Geringe Atrophie der Hirnwindungen, am meisten ausgesprochen in den Stirnwindungen; geringer Hydrocephalus externus; leichte Verdickung der Pia. Mikroskopisch: Abnahme der Zahl der Zellen in allen Schichten, besonders in der Schicht der kleinen und mittleren Pyramidenzellen, und dies vor allem wieder im Stirnlappen; schwere degenerative Veränderungen in den noch vor¬ handenen Zellen, die Betzschen Zellen verhältnismäßig unversehrt; Kernwucherung um die Ganglienzellen, besonders in den tiefen Schichten, am ausgesprochensten in der vorderen Zentralwindung. Vermehrung des protoplasmatischen Teiles der Neuroglia, spärliche Faserneubildung. Schwere Veränderungen im Corpus striatum, fast völliges Schwinden der Ganglienzellen, starke Vermehrung des protoplasma- tichen Teiles der Neuroglia. Weniger auffallend waren die Veränderungen im Thalamus opticus. Im Kleinhirn Chromatolyse und Veränderungen des neuro- fibrillären Apparates der Purkinjeschen Zellen. Im Nucleus dentatus, N. ruber, in der grauen Substanz des Pons und der Medulla oblongata CbromatolyBe und geringe Vermehrung der Neuroglia. Pyramidenbahn o. B. Geringe arteriosklero¬ tische Veränderungen der Gefäße. Eis war also vor allem das ektodermale Ge¬ webe (Zellen und Neuroglia) ergriffen. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 124 Verf. schließt sich den Autoren an, die den anatomischen Prozeß bei der Chorea nicht auf einen Entzündungsvorgang, sondern auf eine Entwicklungsano¬ malie zurückfuhren. Die Wucherung der Neuroglia ist der ursprüngliche und wesentliche Teil des pathologisch-anatomischen Prozesses. Was die Beziehungen der klinischen Erscheinungen zu den Hirnveränderungen betrifft, so hält es Verf. für wahrscheinlich, daß die kortikalen und subkortikalen Veränderungen zusammen eine Bolle spielen. 12) Über die Ursaohe der choreatischen Zuckung, von E. Niessl v. Mayen¬ dorf. (Fortschr. d. Med. 1913. Nr. 43 u. 44.) Bef.: K. Boas. Die choreatischen Zuckungen sind ihrem Wesen nach unzweckmäßige Mit¬ bewegungen des Muskeltonus. Hieraus ergibt sich, daß der ursächliche Beiz der Zuckungen kein pathologisches Agens sein kann, sondern einfach in der Summe aller sensiblen Beize, welche den normalen Muskeltonus des wachen Menschen ein¬ leiten und unterhalten, aufgeht. Daß bei einer solchen Auffassung die chorea¬ tischen Zuckungen auB dem pathologischen Gehirnmechanismus hervorgehen, wie die mit den willkürlichen Bewegungen gleichzeitig auftretenden und diesen wider¬ strebenden Mitbewegungen, ist klar. 13) A Streptococcus produoing Symptoms of ohorea in a dog, by J. F. Dick and T. Bothstein. (Journ. of the Amer. med. Assoc. LXI. 1913. Nr. 15.) Bef.: W. Misch. Aus dem Bachen eines Patienten, der bereits seit 5 Jahren an Chorea litt, konnten Streptokokken isoliert werden, die auf Blutagar in schmutzig weißen Kolonien wuchsen. Ein Hund, der mit 4 Kulturen intravenös injiziert wurde, wies innerhalb von 12 Stunden choreatische Bewegungen auf. 14) Los läsions de'la ohoröe ohronique progressive, par Pierre Marie et J. Lhermitte. (Annales de mödecine. 1914. Nr. 1.) Bef.: Kurt Mendel. Die Verff. konnten 4 Fälle von Huntington soher Chorea klinisch beobaohten und pathologisch-anatomisch untersuchen. Sie fanden konstant in allen 4 Fällen Läsionen in der Hirnrinde, besonders in den fronto-parietalen Begionen, und im Corpus striatum: Cortez cerebri, Putamen und Nucleus caudatus zeigten sich atrophiert, die Zellen und Nervenfasern daselbst vermindert Zuweilen zeigte sich die Neuroglia proliferiert, konstant waren mehr minder wichtige Gefäßalterationen nachweisbar. Die sekundären Degenerationen waren äußerst schwach ausgebildet Die Neurogliaproliferation entsprach ihrer Stärke nach durchaus nicht der Dauer des Leidens, das gleiche gilt von den Gefäßläsionen. Der Krankheitsprozeß be¬ traf alle Gewebe, sowohl diejenigen ektodermalen Ursprungs (Zellen, Nervenfasern. Neuroglia), wie diejenigen mesodermalen Ursprungs (Gefäßnetz). Die angeführten Hirnläsionen sind in Anbetracht ihres konstanten Vorhanden¬ seins, ihrer Topographie und Qualität als pathognomonisch anzusprechen: bei keinem anderen Demenzzustande trifft man z. B. die atrophische und symmetrische Dege¬ neration des Corpus striatum an. Der Prozeß ist seiner Natur nach ein enzephalitischer; daher die miliaren Herde im Kortex, die Gefäß- und Meningealläsionen und das allgemeine Befallen¬ sein des Gehirns. Wahrscheinlich handelt es sich um eine chronische Intoxikation des Hirns; letztere genügt allerdings für sich noch nicht, die Heredität spielt eine Bolle dabei. Die Bindenläsionen sind stark und ausgedehnt genug, um die Störungen der intellektuellen Sphäre zu erklären; die motorischen Störungen finden ihre Erklärung in den Läsionen des Corpus striatum. Bezüglich der letzteren erinnern die Verff. an die Ähnlichkeit mit den bei der Wilsonschen Erkrankung (progressive lenti¬ kuläre Degeneration) und bei dem Syndröme du corps striö (Cöcile Vogt) beob¬ achteten Symptomen. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 125 15) Beiträge zur Lehre tob der Chorea ohronlca progressiva, von M. S. Margulis. (Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilkunde. L. 1914. H. 6 u. 6.) Bef.: Kurt Mendel. Verf. berichtet über 2 Fälle von Huntington scher Chorea, deren Untersuchung ihn zu folgenden Schlüssen führt: 1. Das klinische Bild der chronischen progressiven Chorea besteht aus der choreatischen Hyperkinese und Veränderungen der Psyche. Herdweise Ausfalls¬ erscheinungen wurden in diesen Fällen nicht konstatiert. 2. Die psychischen Veränderungen bei der chronischen Chorea sind ver¬ schieden in den Frühstadien und den weit fortgeschrittenen Fällen. Der Unter¬ schied ist nur ein quantitativer. 3. Veränderungen der Psyche: Schwächung der Auffassungsfähigkeit, der Kombinationsfähigkeiten, des Gedächtnisses, der Aufmerksamkeit, der Vergleichungs¬ prozesse und Kritikfähigkeit. Von seiten der Affekte: Reizbarkeit, Erregung, Aggressivität. 4. Das Bild der psychischen Veränderungen: organischer progressierender Schwachsinn. 5. Das klinische Bild der Chorea chronica progressiva, ihre Entwicklung und der Charakter der Hyperkinese unterscheiden sich scharf von der symptomati¬ schen Chorea. 6. Der pathologisch-anatomische Prozeß bei progressiver Chorea besteht haupt¬ sächlich aus einer Proliferation des Gliagewebes des Großhirns, teilweise auch des Stammes und des Kleinhirns. Dazu kommt weiter eine Atrophie der parenchyma¬ tösen Elemente der Binde, besonders der Nervenzellen. Die Atrophie der Zellen ist eine vollständige, die allem zuvor und am meisten die Hirnrinde und dann erst die subkortikalen Ganglien ergreift. Außer den Zellen wird eine Atrophie der Tangential-, teilweise auch der superradiären Bindenfasern konstatiert. 7. Die chronische progressive Chorea ist eine kongenitale degenerative Gliose. 8. Die beständige Hyperkinese ist eine Resultante der Summe aller Beize, die auf die parenchymatösen Elemente von seiten der wuchernden Glia ausgeübt und auf die Großhirnrinde projiziert werden. 9. Die chronische progressive Chorea ist eine allgemeine Erkrankung des ganzen zentralen Nervensystems und kann keinesfalls in einem begrenzten Gebiet lokalisiert werden. 16) De la ohoröe de Sydenham, par M. P. Maurel. (Gaz. des höpit. 1914. Nr. 46.) Bef.: Kurt Mendel. Der Aufsatz bringt nichts Neues. Zur Erzeugung der Chorea minor ist ein neuropathischer Boden notwendig, der geschaffen ist durch eine hereditäre oder erworbene Prädisposition. Nicht selten gehen der Chorea akuter Rheumatismus oder Infektionskrankheiten voran. Die hereditäre Lues scheint eine wichtige prä¬ disponierende Ursache darzustellen. All diese Infektionskrankheiten fuhren dann zu einer leichten, heilbaren akuten Enzephalitis, der Chorea. Arsen und Anti« pyrin stehen in der medikamentösen Choreabehandlung an erster Stelle. Bei sehr schweren Fällen Chloral, Opium, Belladonna. 17) Über Chorea gravidarum, von W. Kolde. (Zeitschr. £ Gynäkol. 1914. Nr. 28.) Bef.: Kurt Mendel. Fall von Chorea gravidarum gegen Ende der Schwangerschaft. Sofortiges rasches Abklingen der Erkrankung nach Einleitung der künstlichen Frühgeburt. In früheren Schwangerschaftsmonaten wird man abwarten, eventuell Injektion von normalem Schwangerenserum, diätetisch-medikamentöse Maßnahmen. . Bei Fortdauer oder Steigerung der Symptome mit der Schwangerschaftsunterbrechung nicht zu lange warten I Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 126 18) Zur Kenntnis der Sohriftstörung bei Ohorea, von Dr. Georg Lomer. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 24.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. beschreibt des Näheren die Schreibstörungen bei choreatischen Affek- tionen an der Hand eines Falles von Hemichorea, so die Zunahme der Druck¬ stärke in den Grundstrichen bei einsetzender Ataxie, wobei der verstärkte Druck den Mangel an Koordination kompensieren soll, die Ausbuchtungen, Schleifen, das Wechseln der Schriftlage, die Längenunterschiede in den Minuskelgrundschichten, eckige, ausfahrende Züge usw. Die Schriftveränderungen gehören zu den Früh¬ symptomen der Chorea, sie ermöglichen unter Umständen eine vorzeitige Diagnose mit dementsprechender früher Behandlung. Die Kenntnis der Schriftstörung muß nach Verf. diagnostisch und therapeutisch in weit höherem Maße zur Beurteilung krankhafter Zustände herangezogen werden. 19) Lea lestona de la ohoröe progressive (choröe Huntington). La dögö- ndration atrophique oortico-striöe, par Pierre Marie et J. Lhermitte. (Annales de mädecine. I. 1914. Nr. 1.) Ref.: K. Boas. Der vorliegenden Arbeit liegen vier ausführlich pathologisch-anatomisch unter¬ suchte Fälle von Huntington scher Chorea zugrunde. Es wird zuerst eine analy¬ tische Besprechung der pathologischen Läsionen (Hirnrinde, Neuroglia, konjunktiv¬ vaskuläres Gewebe, Meningen, Blutgefäße, perivaskuläre Scheiden, Herdläsionen, zentrale weiße Substanz, Zentralganglien, Regio subthalamica, kortiko-pontines, kortiko-bulbäres, kortiko-spinales Projektionssystem, Zerebellarsystem) geboten. Es folgt eine Synthese der enzephalitischen Läsionen, im Anschluß an welche die Bedeutung der kortiko-strialen Läsionen geschildert wird. Alsdann wird auf die Natur des Prozesses eingegangen und schließlich die Pathogenese der Symptome abgehandelt. , Der Tenor der Ausführungen des Verf.’s ist, daß die chronische progressive Chorea eine Erkrankung organischer Natur ist, und daß die bei ihr auftretenden Läsionen zu suchen sind in einer atrophischen Degeneration der Hirnrinde und des Corpus striatum. Die Verbindung dieser beiden Läsionen drückt der Er¬ krankung ihren pathologisch-anatomischen Stempel auf. Die Literatur ist nahezu vollständig berücksichtigt. 20) A voioe sign in ohorea. Preliminary report par W. B. Swift. (Amer. Journ. of diseases of Children. 1914. Juni.) Ref.: K. Boas. Eine Untersuchung der Hervorbringung von Vokalen unter Zuhilfenahme des Kymographions zeigt eine deutliche Stimmveränderung. Dieselbe besteht in einer Erhöhung des Tones und einer Steigerung der Intensität, einhergehend mit chorea¬ tischen Bewegungen: eine Vokal Veränderung, die als ein neues Zeichen bei Chorea Beachtung verdient. 21) Farther analysie of the voioe sign in ohorea, par W. B. Swift (Amer. Journ. of diseases of children. 1914. Oktober.) Ref.: K. Boas. Die Analyse von 20 Fällen von Chorea mit über 500 Beobachtungen über die Stimme ergibt eine Änderung des Tones und der Intensität in zwei Fällen von drei, eine Veränderung, die als ein neues Symptom bei der Chorea Beachtung verdient, das choreatische Stimmphänomen. 22) Kasuistischer Beitrag zur Ohorea ohronioa progressiva (Huntingtonsohe Chorea), von P. Stahl. (Ioaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. Im Anschluß an eine kurze Übersicht über das in Frage stehende Krank¬ heitsbild bringt Verf. einen Fall von Chorea chronica progressiva bei einer 48jähr. Frau, der weiter nichts Besonderes bietet. 23) Über Lumbalpunktion bei Ohorea iufeotiosa, von F. Passini. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 42.) Ref.: Pilcz (Wien). Zur Auswahl kamen typische Fälle, ohne Fieber, ohne Gelenksaffektionen, von mehrwöchiger Dauer. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 127 — Überall ergab sich ein sehr stark erhöhter Druck beim Ablassen der Lumbal¬ flüssigkeit, welch letztere aber wasserklar war, keine Gerinnselbildung, keine Mikroorganismen, weder tinktorell noch kulturell, keine Vermehrung der zeitigen Elemente oder des Eiweißgehaltes zeigte. Im Sedimente nur spärliche polynukleäre Leukozyten. Auffallend war in 3 von 5 Fällen ein ganz unverkennbarer therapeutischer Erfolg, indem in der kürzesten Zeit nach dem Eingriffe ein rasches Ausklingen und vollkommenes Sohwinden der Krankheitserscheinungen eintrat, nachdem vorher der Zustand therapeutisch ganz unbeeinflußt durch Wochen stationär geblieben war. Diese 3 Fälle betrafen Ersterkrankungen, die durch den Eingriff nicht beeinflußten Rezidive. Wiederholung der Lumbalpunktion bei diesen letzteren beiden Fällen zeigte normalen Druck. Die Krankheitsgeschichten der Fälle werden ausführlich mitgeteilt. 24) Instabilite ohoröiforme et insufflsanoe thyroldienne, par A. Römond et Roger Sauvage. (Annales mödico-psycholog. LXXU. 1314. Nr. 4.) Ref.: Kurt Mendel. Fall I: typische Chorea minor nach Aufregung. Fall II: myxödematöse Idiotie mit choreiformen Bewegungen; die Verff. nehmen in diesem Falle Hypothyreoi¬ dismus + Hypoparathyreoidismus an. Fall III: hysterische Chorea. In allen drei Fällen schwanden die Krankheitssymptome durch Thyreoidintherapie. 26) Gonfusion mentale et syndröme de Korsakoff dans un oas de ohoree, par L. Arsimoles. (Annales mädico-psycholog. LXXII. 1914. Nr. 5.) Ref.: Kurt Mendel. Fall von Chorea minor bei einem 20jähr. Patienten nach subakutem poly- artikulärem Rheumatismus. Bald darauf psychische Störungen: Verwiirtheit und Korsakoffsches Syndrom. Verf. rechnet die Psychosen bei der Chorea zu den In* fektions- oder vielleicht zu den organischen Psychosen. 26) Über Chorea minor mit Psyohose (Verwirrtheit und Hemmung), von H. v. Holtum. (Inaug.-Dissert. Kiel 19L3.) Ref.: K. Boas. Die 20jähr. Patientin bot neben einer typischen Chorea minor (anfänglich nur des Gesichts, später auch des ganzen Körpers) Amentia-äbnliche Erscheinungen (Verwirrtheit, Hemmung, Visionen, Akoasmen usw.) dar. Im Vordergründe des psychischen Krankheitsbildes stand die Hemmung. Mit dem Zurückgehen der choreatischen Erscheinungen wurde die Patientin auch psychisch freier und konnte als geheilt entlassen werden. 27) Hereditary ehorea, by William A. Boyd. (Boston med. and surg. Journ. 1913. 6. November.) Ref.: Kurt Mendel. Fall von hereditärer Chorea chronica mit religiösem Wahnsinn. Beginn des Leidens im 27. Lebensjahr. 28) Über Choreapsyohosen in der Schwangerschaft, von C. Harpe. (Inaug.- Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. Bei der 29jähr. Patientin des Verf.’s handelte es sich um einen typischen Fall von Chorea gravidarum mit melancholischen Zuständen und Halluzinationen, der bereits am Ende der ersten bis Anfang der zweiten Hälfte der Schwanger¬ schaft ohne künstliche Unterbrechung zur Heilung gelangte. 29) On the diaguosfs, prognosis and treatment of Sydenhams ohorea, by Frederick Langmead. (Lancet. 1913. 20. Dezember.) Ref.: E. Lehmann. Ausführliche Abhandlung über Chorea minor ohne neue Gesichtspunkte. Hin¬ sichtlich der Therapie sei erwähnt, daß Verf. nach 2jähr. Beobachtung in seinem Kinderkrankenhause dem Arsen keinen besonderen Heileffekt bei der Chorea minor zuspricht. 80) Die Prognose bei Chorea gravidarum, von A. Mühlbaum. (Praktische Ergebnisse d. Geburtshilfe u. Gynäkologie. VI. 1914. H. 1.) Ref.: K. Boas. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 128 Man folgert in praktischer Hinsicht, daß die Prognose anch in Fällen harm¬ loser gutartiger Chorea gravidarum mit großer Zurückhaltung gestellt werden muß, da man nie im voraus wissen kann, ob eine im Beginn leichte Chorea gravidarum nicht zuletzt doch schwere Form annimmt und Komplikationen in Form zirkula- torischer, digestiver, respiratorischer, nervöser oder psychischer Störungen aufweist, die dann an sich genügen können, um den Tod herbeizuführen. Und eine voraus¬ gegangene Jugendchorea läßt mit einiger Wahrscheinlichkeit auf einen günstigen Ausgang schließen. Es zeigt sich dabei in der Regel das Bild der leichten Form der Erkrankung; von guter Vorbedeutung ist ferner ein langsames Anfängen der Krankheit und eine gute körperliche Konstitution. Der Einfluß der Therapie auf die Prognose des Einzelfalles ist gering. Es ist zunächst, wenn es sich um eine leichte Krankheitsform handelt, ein abwarten¬ des konservatives Verfahren indiziert; die Krankheit ist nach Möglichkeit diätetisch- medikamentös zu bekämpfen, um den Gesamtzustand der Patientin zu heben und dadurch die Austragung des Kindes zu unterstützen. Jedoch ist in dubiösen und akut auftretenden Fällen ein artefizieller Eingriff schon frühzeitig vorzunehmen, bevor Komplikationen zur Entwicklung gelangen, am besten in den ersten Monaten, um zugleich die Gefahren der Geburt, also auch der künstlichen Früh¬ geburt zu umgehen. Als infaust dagegen ist die Prognose immer in jenen Fällen zu betraohten, wo bereits zu Beginn Komplikationen auftreten; sie setzen dem Leben der Mutter und der Fruoht gewöhnlich rasch ein Ende. Alle diese Abstufungen der Chorea¬ syndrome lassen sich in rezidivierenden Fällen zugleich beobachten, wo bei jeder neuen Konzeption die Erkrankung mit immer bedenklicheren Symptomen beginnt und zuletzt den Tod der Mutter herbeifiihrt. Ein der letztgenannten Kategorie angehöriger Fall wirdjrom Verf. zum Schluß mitgeteilt. 31) Zar Behandlung der Chorea minor, von C. Lehmann. (Allgem. med. Centr.-Ztg. 1914. Nr. 16.) £ef.: Kurt Mendel. In 2 Fällen von Chorea minor leistete dem Verf. „Episan-Berendsdorf“ (3 mal tgl. 1 bis 2 Tabletten) gute Dienste, insbesondere wurde die Psyohe günstig beeinflußt. 32) Die Chorea minor und ihre Behandlung, von Dr. Kurt Singer. (Med. Klinik.) 1913. Nr. 27.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. bespricht in kurzen Zügen Ätiologie, Symptomatologie, Prognose und Therapie der Chorea minor. Neben Bettruhe und richtiger Ernährung sind laue Vollbäder von 28 bis 30 °C., Abreibungen mit kühlem Wasser, warme prolongierte Halbbäder, warme Einpackungen (36° C.) wirksam. Bei abklingenden Fällen versuche man es mit der „Hemmungstherapie“. Von Medikamenten sind besonders Brom und Arsen wirksam. 33) La oorea del Sydenham ed 11 salvarsan, per B. Gemell. (II Pensiero medico. IV. 1914. Nr. 8.) Ref.: G. Perusini (Mailand). Verf. berichtet über ein lOjähriges Mädchen und eine 24jährige Frau, die mittels endomuskulärer Salvarsaneinspritzungen (0,30 bzw. 0,60 g) mit sehr gutem Erfolg behandelt wurden. Bei dem Mädchen war die Wassermann sehe Reaktion negativ; bei der anderen Patientin wurde die Reaktion nicht vorgenommen. Allee sprach dafür, daß in beiden Fällen es sich um eine gewöhnliche „rheumatische“ Chorea handelte. Tetanie. 34) Pathologie und Therapie der Krämpfe im Kindesaltar, von Prof. Lang¬ stein. (Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. XI. 1914. Nr. 11.) Ref.: Kurt Mendel. Zunächst Besprechung der spasmophilen Diathese: selten vor dem Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 129 5. Lebensmonat, fast nur bei künstlich genährten Kindern, Chyosteksches Zeichen, Trousseau, Lustsches Phänomen (Dorsalflexion und Abduktion des Fußes bei Be¬ klopfen des Peroneus unterhalb des Fibulaköpfchens), Erbsohes Phänomen (Erhöhung der elektrischen Erregbarkeit), Therapie: natürliche Ernährung, bei akuten Krampfanfällen 0,5 g Chloralhydrat im Klysma (1 bis 2mal am Tage), sonst Phosphorlebertran (0,02 Phosphor auf 200 Lebertran 3 bis 4 Kaffeelöffel pro die), Calcium bromatum (pro die 1 bis 2 g). Des weiteren bespricht Verf. die Epilepsie (Therapie: Sedobrol, Calo, brom«), die Hysterie und den Payor nocturnus. Letzterer hat nach Verf. nichts mit der Epilepsie zu tun. Bei den Wutkrämpfen (Wegbleiben) der Kinder handelt es sich um eine besondere Form yon Krämpfen bei nervösen, eventuell imbezillen Kindern; therapeutisch empfiehlt es sich, duroh eine Züchtigung den Krampf zu kupieren. 36) Observation on tetany in dogs. Relation of the parathyroids to the thyroid; relation of tetany to age, amount of parathyrold tisaue re- moved, aooessory parathyroids, pregnanoy, laotation, riokets, aulphur, and diet; relation of parathyroids to sogar tolerance; efifeot of oaloium salts, by D. Marine. (Journ. of exper. Medio. XIX. 1914. Nr. 1.) Ref.: W. Misch. Bei den Hunden, die zu diesen Tetanieexperimenten benutzt wurden, sind die Nebenschilddrüsen meist mit der Schilddrüse so eng verbunden, daß bei Ent¬ fernung der letzteren sehr leicht die ersteren mitexstirpiert werden; dieser enge Zusammenhang ist überhaupt nur bei 5 oder 6°/ 0 der Hunde nicht vorhanden. Um das Vorhandensein von Parathyreoidgewebe nachzuweisen, kommt außer der anatomischen Methode von Serienschnitten durch die Hals- und oberen Thorax- partien, vor allem die leichtere und exaktere biologische Methode in Betracht, die in täglicher Zufuhr von Kalziumsalzen während 2 oder 3 Wochen besteht. Bei vollständigem Fehlen von Parathyreoidgewebe können diese nämlich das Leben des Tieres nicht erhalten, was bei Vorhandensein derselben dagegen der Fall ist. Außer der Menge des entfernten Parathyreoidealgewebes sind für das Ent¬ stehen der Tetanie bei den Hunden noch andere Faktoren wie Alter, Schwanger¬ schaft, Laktation, Rachitis, Schwefelzufuhr und diätetische Verhältnisse von Be¬ deutung. Die Schwangerschaft*- und Laktationstetanie ähnelt bei den Hunden in allen Hauptpunkten der Parathyreoidtetanie. Parathyreoidektomie erniedrigt un¬ mittelbar die alimentäre Zuckertoleranz, doch selten in einem solchen Grade, daß eine beständige Glykosurie resultiert. In strengem Gegensatz zu der Wirkung von zugeführter Schilddrüsensubstanz bei Myxödem bleibt die Verfütterung von frischer oder gekochter Nebenschild- drüsensubstanz bei der Parathyreoidtetanie der Hunde ohne jede Wirkung. Kalzium¬ salze haben eine auffallende palliative Wirkung bei der Parathyreoidtetanie und üben, prophylaktisch angewandt, einen sehr günstigen Einfluß auf sonst letal ver¬ laufende Fälle aus, ohne jedoch irgend eine direkte Heilwirkung auszuüben. Die Art ihrer Wirkung ist unbekannt, doch ist anzunehmen, daß sie direkt auf die Nebenschilddrüsen einwirken. 36) L’uröe dans le sang et Purina des ohiens thyröoparathyröoideotomisds, par C. J. Urechia. (Arch. de m6d. expör. et d’anat. patholog. XXVI. 1914. H. 1.) Ref.: K. Boas. Verf. teilt insgesamt 15 Versuche mit. In 12 davon fand sich eine Stick¬ stoffsteigerung im Harn und Blut. Bei Tetanie ist diese Erhöhung im Urin und Blut ziemlich konstant. 37) La möthode d 9 Abderhalden ohes les animauz en ötat de tötanie ex¬ perimentale , par J. Ureohia et A. Popeia. (Compt. rend. Soc. de biol. CLXXV. 1913. Nr. 36.) Ref.: W. Misch. XXXIV. 9 Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 130 Das Serum von Hunden, denen Schilddrüse und Nebenschilddrüsen exstirpiert wurden und die heftige Tetanieerscheinungen darboten, wird mit verschiedenen Organen dialysiert. Aus den Untersuchungen geht hervor, daß eine konstante, stark positive Reaktion nur mit Pankreas erfolgt; aufeh Nebenniere gibt regel¬ mäßig eine allerdings schwach positive Reaktion. Mit Milz erfolgte dreimal eine deutliche, mit Leber dreimal eine schwache positive Reaktion, und je einmal war das Ergebnis negativ; mit Hirnrinde wurde einmal eine positive Reaktion erhalten. Stets negativ verhielten sich Niere, Ovarium, Hoden, sowie Hypophyse. Diese Resultate würden für die Theorie sprechen, die einen Antagonismus zwischen Pankreas und Schilddrüse annimmt; auch die Annahme über die Beziehungen zwischen Nebennieren und Schilddrüse werden duroh diese Versuche bestätigt. 88) Tetany in aoute supporativ© appendicitia in an adult, by Basil Hughes. (Brit. med. Journ. 1913. 26. April.) Ref.: E. Lehmann (Oeynhausen). Eine 35jährige Frau, welche in früheren Jahren mehrfach akut auftretende Erankbeitserscheinungen gehabt hatte, die als Magengeschwür oder akuter Gastri- zismus gedeutet wurden, kam wegen erneuter ähnlicher Beschwerden zur Aufnahme. 2 Stunden nach der Aufnahme trat typische Tetanie in beiden Händen auf. Man stellte gleichzeitig das Bestehen einer Appendizitis fest. Bei der bald erfolgenden Operation Öffnung eines großen appendizitischen Abszesses. Patientin genas: Sofort nach der Operation waren die tetanischen Muskelkrämpfe verschwunden und sind auch später nicht wiedergekdhrt. Da Magendarmaffektionen allgemein als ätiologisches Moment für die Ent¬ stehung der Tetanie gelten, ist für spätere Fälle auch eine genaue Untersuchung auf etwa bestehende Erkrankung des Appendix notwendig. 89) Einige Beobachtungen über SpaBmophilie in Japan, von D. K. Iwamura. (Zeitschr. f. Kinderheilk. IX. H. 2.) Ref.: Zappert (Wien). Die bereits bekannte Tatsache, daß in Japan Spasmophilie selten sei, wird durch interessantes Zahlenmaterial bestätigt. In Kioto war unter 102 Kindern zwischen 3 Monaten und 3 Jahren keines mit elektrischer Übererregbarkeit; in Toyamaken fanden sich unter 43 elektrisch untersuchten Kindern zwei mit Spasmo* philie. Bemerkenswert ist, daß letztere Stadt eine der wenigen in Japan ist, wo Rachitis vorkommt; tatsächlich hatten beide Kinder nur Spasmophilie in diesem Zustand, (ln Berlin hat Finkeistein in über 50°/o der Säuglinge elektrische Übererregbarkeit nachgewiesen.) 40) Über einen Fall von Spättetanie gastrischen Ursprungs, von E. Wex- berg. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 44.) Ref.: Pilcz (Wien). 56jährige Frau; seit 8 Jahren im Anschluß an schon vorher bestandene Magenbeschwerden typisch-tetanische Krampfanfälle. Trousseau positiv, starke mechanische Übererregbarkeit der Nervenstämme. Ghvostek nur angedeutet, Erb •fehlend. Außerdem sicher Kombination mit hysterischen Symptomen, wie grobe funk¬ tioneile Ataxie der Gliedmaßen, linksseitige Hemianästhesie und unverkennbar funktionelle Zuckungen und Tremores der Hände. Eine Tachykardie, vermehrte Schweiße und dauernde Unruhe läßt auch Ent¬ wicklung einer Forme fruste von Basedow nicht ausgeschlossen erscheinen. Es findet sich ferner Struma. Blutbefund ergab zuerst Leukopenie mit Lymphozytose, später nur die letztere. Mageuaffektion besteht in narbiger Stenose im Anfangsteile des Duodenums mit nur geringer Dilatation. Die Krankheit begann gleichzeitig mit Klimakterium. Salzsäure-Pepsintherapie hatte ausgezeichneten Erfolg nicht nur hinsichtlich der gastrischen Beschwerden, sondern auch bezüglich der Tetanie. Trousseau Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 131 schwand and Patient ist seit 8 Jahren znm erstenmal durch 2 Monate anfallsfrei geblieben. 41) Zur Tetanie bei abdominellen Affektionen, von Eugen Bi roher. (Zentral- blatt f. Chirurgie. 1913. Nr. 43.) Ref.: Kurt Mendel. Bei gut- und bösartigen Magenaffektionen wurde Tetanie nie beobachtet; hingegen schnellt die ProzentzifFer der Morbidität an Tetanie ganz erheblich in die Höhe, wenn Komplikationen, wie Perforationen, hinzutreten. Das Auftreten tetanoider Zeichen stellt eine prognostisch ungünstige Komplikation dar. Auch bei Appendizitis mit Perforation ist Tetanie häufig und prognostisch infaust. Die Tetanie bei Peritonitis erfolgt sicher auf intoxikatorischem Wege, sei es mit oder ohne Einfluß der Epithelkörperchen. 42) Chirurgie der Nebenschilddrüsen, von N. Quieke. (Neue deutsche Chirurgie. IX. Stuttgart, F. Enke, 1913.) Ref.: Kurt Mendel. Monographische Bearbeitung der Anatomie, Entwicklungsgeschichte, Physio¬ logie, experimentellen Pathologie der Nebenschilddrüsen, ihrer pathogenetischen Bedeutung für die Tetanie sowie ihrer speziellen Pathologie (Aplasie, Hyperplasie, degenerative Veränderungen, Blutungen, Entzündungen, Zysten, Tumoren). Näheres s. im Original; 8. auch d. Centr. 1911. S. 1249). 43) Über Tetanie bei Dünndarmileus, von E. Qebhard. (Wiener klin. Rund¬ schau. 1914. Nr. 33 u. 34.) Ref.: Pilcz (Wien). 23jähr. Fräulein; seit dem 19. Jahre Anfälle von fäkulentem Erbrechen. Seit einem Jahre dabei plötzliche Krampfanfälle von Steifwerden der Arm- und Beinmuskulatur. Bei einem derartigen beobachteten Anfalle in der Dauer von einigen Minuten typische Geburtshelferstellung, Chvostek, aber kein Trousseau. Operation einer großen Orarialzyste mit Verwachsungen mit dem Dünndarm. Mit dem Aufhören des Erbrechens auch Sistieren der tetanischen Krämpfe. 44) Tetaniesymptome naoh und bei Dysenterie, von Max Löwy. (Monats¬ schrift f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. beobachtete nach und bei Dysenterie mit positivem Trousseau; Chvostek fehlte regelmäßig. Schüttelmassage der Extremitäten wirkte symptomatisch günstig. 45) Zur Frage der „Bronohotetanie“ der Erwaohsenen und ihrer Behand¬ lung mit Kalzium, von H. Curschmann. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 6.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg). Verf. hat vor einigen Jahren auf den Zusammenhang zwischen Bronchialasthma der Erwachsenen und anderen vago-sympathiBchen Störungen geachtet und als erster auf das Symptom „intermittierendes Basedow*Bronchialasthma“ aufmerksam gemacht. Es lag nun nahe, bei Bronchiolitis und Asthma bronchiale auf die Symptome der Tetanie zu achten. Es ergab sich, daß bei einzelnen Fällen das Chvosteksche Symptom sich vorfand. Die Krankengeschichte des typischsten Falles wird näher beschrieben. Die Epikrise lautet: Ein 32jähriger, in der Jugend nicht nachweislich spasmophiler Landwirt leidet seit 3 Jahren an heftigen An¬ fällen von Bronchialasthma. Zugleich finden sich alle Zeichen einer latenten Tetanie, das Chvosteksche und Erb sehe Phänomen und leichte abortive „tetanoide“ Anfälle in den Händen. Asthmatische und tetanische Symptome steigen und fallen synohron. Auf die Kalziumbehandlung verschwindet Bowohl das Asthma, als der latente tetanische Symptomenkomplex. Die Fälle sind sehr selten. Ver¬ wendet wurde Calcium lueticum 4 mal täglich 1 g während längerer Zeit, später allmählich fallende Dosen. Wie die Untersuchungen anderer Autoren zeigen, werden sehr große Dosen, wie 15 g pro die, ohne Nebenwirkung vertragen. Es ist, wie Verf. des näheren darlegt, als Heilmittel sensu strictiori zu bezeichnen. Künftig sei bei dem Bronchialasthma jugendlich Erwachsener auf die Zeichen der Tetanie zu achten. Adrenalin, zurzeit für das Bronchialasthma ein „Modemittel“, 9 * Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 132 ist bei Bronchotetanie kontraindiziert, es sei im Gegenteil geeignet, hierbei An¬ fälle aus zulösen. 46) Untersuchungen über Tetanie und Altersstar, von Dr. Johannes Fischer und Dr. Otto TriebenBtein. (Elin. Monatsbl. f. Augenheilkunde. - 1914. März/April.) Ref.: Fritz Mendel. Auf Grund der gefundenen Ergebnisse, die einen engen pathogenetischen Zu¬ sammenhang zwischen Tetanie und Altersstar wahrscheinlich machen, ist die Forderung berechtigt, daß nicht nur bei Schichtstar und anderen jugendlichen Starformen, sondern auch bei jedem einzelnen zur Beobachtung kommenden Fall von Altersstar unter Hinzuziehung eines Neurologen auf latente Tetanie untersucht wird, und ein einfacher Altersstar erst dann angenommen wird, wenn kein Grund vorliegt, bei vorhandener Tetanie die Frage des Zusammenhanges zwischen Tetanie und Starbildung aufzuwerfen. 47) Tetanolde Symptome bei Schwangeren und Wöchnerinnen, von Pb. Kreise. (Zeitschrift f. Geburtshülfe u. Gynäkologie. LXXVJ. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel. In 80 °/ 0 aller Wöchnerinnen und in 60°/ o der Graviden fand Verf. positiven Chvostek und elektrische Übererregbarkeit des N. facialis. Verf. sohließt hieraus, daß gerade das Puerperium und die Schwangerschaft eine Hypofunktion der Epithelkörperchen begünstigt. Diese prozentualen Beziehungen lassen sich mit der größeren Häufigkeit der puerperalen Tetanie gegenüber der Tetanie Gravider sehr wohl in Einklang bringen. 48) Die MagnesiumBulfatbehandlung der spasmophilen Krämpfe, von Nikolaus Berend. (Monatsschrift f. Kinderheilkunde. XII. 1912. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. empfiehlt die Magnesiumbehandlung (8°/ 0 ige Lösung als subkutane In¬ jektion, etwa 10 bis 20 ccm) in der Therapie der Spasmophilie, Tetanie und der schweren Stimmritzenkrämpfe, ferner bei solchen nicht spasmophilen Eklampsien, bei welchen keine zerebrale Reizung und keine gestörte Nierenfunktion vorhanden ist Die Wirkung des Magnesiumsulfats ist eine sedative, antispasmodische, vielleicht auch eine direkte vorteilhafte Beeinflussung des Stoffwechsels. 49) Die Organtherapie der postoperativen Tetanie, von Prof. Dr. K. Vogel. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 16.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Auch der geschickteste Operateur ist nicht davor sicher, einmal eine post¬ operative Tetanie zu erleben. Verf. teilt einen Fall von postoperativer para- thyreopriver Tetanie mit, der, trotzdem er außerordentlich schwer war, durch interne Therapie besonders schön beeinflußt werden konnte. Die Behandlung be¬ stand in Darreichung von Parathyreoidintabletten: diese Tabletten von Parathyreoidin Freund und Redlich bestehen aus Epithelkörperchensubstanz vom Rind, 0,1 pro Tablette. Zur Unterstützung wurde Calc. lact. gegeben. Sollten die Tabletten versagen, ist es ratsam frische Tierorgane zu reichen oder die Organimplantation vorzunehmen. Verf. empfiehlt zum Schluß, in Fällen, wo sehr viel Strumagewebe besonders an den Polen fortgenommen wird, prophylaktisch schon mehrere Tage vorher Parathyreoidin zu geben. 50) Über die chronische Tetanie naoh Exstirpation von Glandulae para- thyreoideae, von Andreas Tanberg. (Mitteil. a. d. Grenzgeb. d. Med. u. Chir. XXVII. H. 4.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). Die chronische Tetanie kommt relativ selten zur Beobachtung, da die Exstir¬ pation von 3 oder 4 Epithelkörperchen in der Regel zu akuter Tetanie führt, welche selten länger als 8 bis 14 Tage dauert. Entweder gehen die Tiere zu¬ grunde oder es tritt Heilung ein. Nur ausnahmsweise entwickelt sich ein chroni¬ scher Zustand, welcher erst nach mehreren Monaten einen tödlichen Verlauf nimmt. Verf. hat diese chronische Form der experimentellen Tetanie zum Gegenstände Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 133 «ingehender Untersuchungen gemacht. Er stellt zunächst die spärlichen bisher mitgeteilten einschlägigen Beobachtungen zusammen, aus welchen mit Sicherheit hervorgeht, daß der Exstirpation der Gland. parathyreoideae Störungen verschie¬ dener Art, und zwar wesentlich trophischer Natur, folgen können, wie Abmagerung, Haarausfall, Disposition für Infektion, Muskelrigidität; oft besteht nur das Bild der chronischen Kachexie. Außerdem kann der Zustand der Tetanie latent be¬ stehen und aus irgend einem äußeren Anlaß plötzlich manifest werden. Dem Verf. ist es gelungen, durch Exstirpation von 3 bzw. 4 Epithelkörperchen bei Katzen experimentell den Zustand der chronischen Tetanie hervorzurufen; während die Exstirpation nur der beiden äußeren Drüsen auf das Wohlbefinden der Tiere keinen Einfluß hatte, rief die Exstirpation der dritten eine leichtere Tetanie hervor. Nur drei Versuchstiere haben die akute Tetanie überstanden und sind dann nach mehrmonatlichem Wohlbefinden chronisch-tetanisch geworden; sie be¬ kommen wieder Zuckungen, Zittern und Muskelsteifheit, gesteigerte Reflexe, Ab¬ magerung und Albuminurie; alle drei gingen nach Verlauf mehrerer Monate zu¬ grunde. Die Ernährungsversuche des Verf.’s bestätigten den außerordentlich günstigen Einfluß der Milchnahrung bei chronischer Tetanie. Fütterungsversuche mit Rinderparathyreoidea erwiesen sich als wirkungslos. Auffallend sind die histologischen Befunde an der zurückgebliebenen Parathyreoidea der an chronischer Tetanie verendeten Katzen: Verf. fand große, bisher nicht beschriebene, auf¬ geblasene runde, kantige oder unregelmäßige Zellen mit sehr deutlichen Zell¬ grenzen und großem, exzentrisch gelegenem, chromatinreichen Kern. Der Zell¬ inhalt besteht zum großen Teil aus einer ganz farblosen, wasserklaren, den Kern umgebenden Partie; diese Zellen sind fast doppelt so groß, als die der normalen Parathyreoidea. Eine Erklärung dieser Zelltypen ist vorläufig noch nicht möglich. 61) Zur Behandlung der postoperativen Tetanie, von Wiebrecht. (Beiträge zur klin. Chir. XCII.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). Die im Anschluß an Strumaoperationen auftretende Tetanie ist, wie jetzt feststeht, auf eine Verletzung der Epithelkörperchen zurüokzuföhren. Deshalb kommt bei der Operation alles darauf an, diese Gebilde zu schonen, zu welohem Zweck es sich vor allem empfiehlt, die hintere Wand der SohilddrtLsenkapsel stehen zu lassen. Tritt aber doch Tetanie auf, so ist frisohe Nebenschilddrüse vom Menschen zu implantieren oder solche vom Pferd oder Rind per os zu ver¬ abreichen. Steht frisches Material nicht zur Verfügung, so sind die Tabl. glandul. parathyreoideae (Freund und Redlich) anzuwenden und gleichzeitig eventuell Kalziumpräparate zu verabreichen. Therapie. 52) Bin Fall von AdalinVergiftung, von Dr. Hugo Dierling. (Mediz. Klinik. 1914. Nr. 47.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. schildert den Fall einer 32jährigen Hysterika, die vor Jahren wegen einer Cholelithiasis operiert worden war, während der Zeit der Gallensteinanfälle viel Morphium genommen hatte und wegen Morphiumabusus bereits behandelt worden war. Diese Patientin nahm nun zu Suizidzwecken zwei ganze Röhrchen Adalin zu je 10 Tabletten k 0,5 g und 6 Pulver Adalin k 0,6 g, im ganzen 13 g. Verf. fand die Patientin schlafend, tief atmend, auf Anruf nicht reagierend, fast völlig besinnungslos im Bett. Die Reflexe waren vorhanden, die Pupillen reagierten. Eine Magenspülung gelang. Der schlechte Puls machte Herzmittel nötig. Aber der Zustand blieb wegen des schlechten Zustandes von Herz und Magen einige Tage bedrohlich. Im Urin zeigten sich geringe Spuren von Albumen, eine Tempe- ratursteigerung bestand nicht. Allmählich trat Heilung ein. Adalin ist in hohen Dosen als ein lebensgefährliches Medikament zu be¬ zeichnen, eine Beschränkung im Handverkauf wäre daher sehr wohl am Platze. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 134 53) Über Kalmonal (Bromkalziumurethan), von Bufe. (Allgem. Zeitsohr. t Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). Das auf Anregung von Alt eingeführte Mittel entfaltet bei weitgehende* Vermeidung von Intoxikationserscheinungen eine ausgezeichnete Brom Wirkung. Es wirkt ähnlich wie (Jreabromin, wird schnell ausgeschieden, indem es die Nieren- und Herztätigkeit anregt. Es übertrifft aber das Dreabromin an schlaf¬ machender Wirkung und zeigt besonders einen günstigen Einfluß bei nächtlicher Epilepsie, sowie bei psychischen und nervösen Reizzuständen, ebenso bei Enuresia nocturna. Es kann in Dosen von 2 g pro die monatelang ohne Schäden gegeben werden. 64) Über das Verhalten des Kalinonals im menschlichen Körper, von Seegers. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). Das Kalmonal ist ein kristallinisches, in Wasser und Alkohol leicht lösliches Pulver mit 27°/ 0 Bromgehalt. Die Bromausschei^ung erfolgt schneller ah beim Bromnatrium und geht Hand in Hand damit eine erhöhte Salzabscheidung. Der Urin wird außerdem erheblich kalkreicher, ein Beweis, daß das Kalzium des Kal- monals ins Blut übergeht. Die schnelle Ausscheidung läßt eine Anreicherung des Organismus mit Brom und Urethan als ausgeschlossen erscheinen. Im Kote Anden sich nur geringe Mengen von Brom. Ein nierenkranker Patient erfuhr durch das Mittel keine Schädigung und ging der Eiweißgehalt sogar zurück. Das Präparat kommt bei Nierenkranken, die Brom nehmen müssen, daher in erster Linie in Betracht. 55) Kalmonal, ein neues Sedativum, von Dr. v. Feilitsch. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 48.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Kalmonal ist ein Bromkalziumurethan, das in Wasser und Alkohol leicht löslich ist. Verf. versuchte es bei Zuständen von motorischer Erregung, Schlaf¬ losigkeit, Stimmungsanomalien, ängstliche Erregung und auch bei epileptischer Erregung. Es wirkte nur in leichten und mittelschweren Fällen, am besten bei Depressionszuständen und AngstneuroseD. Es ist frei von unangenehmen Neben¬ wirkungen. Die Dosis beträgt bei Schlaflosigkeit 1,0 bis 2,0 g, bei Depressionen zuständen und Angstneurosen 0,5 bis 1,0 g und darüber. 56) Über Dial-Ciba bei Psychosen, von Oberarzt Dr. G. Schmidt. (Medizin» Klinik. 1914. Nr. 41.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Dial ist in der Dosis von 0,05 (= Vj Tablette) bis 0,1 (=1 Tablette) bei Psychosen ein zuverlässiges Sedativum. Weniger gut ist die Wirkung bei Para¬ lytikern, arteriosklerotisch dementen und hochgradig manisch Erregten. Als Schlaf¬ mittel wirkte es in Gaben von 0,1 bis 0,2 fast ausnahmslos zuverlässig. Der Schlaf setzt gewöhnlich nach 1 / 2 Stunde ein und dauert durchschnittlich 7 Stunden. Bei einer Anzahl von Fällen wurde ein posthypnotischer Effekt beobachtet, der sich in Benommenheit, Schwindel, zuweilen in Erbrechen oder Zittern äußerte, während das Mittel in der Mehrzahl der Fälle auch bei längerer Darreichung gut vertragen wurde; zu empfehlen ist die Kombination mit Kodein. Dial verdient schon wegen des niedrigen Preises empfohlen zu werden. III« Aus den Gesell sohaften. Vereinigte ärztliche Gesellschaften zn Berlin. Sitzung vom 6. Januar 1915. Ref.: M. Rothmann. Schluß der Diskussion zu dem Referat, des Herrn Lewandowsky: Über Kriegsverletzungen des Nervensystems (vgl. d. Centr. S. 47 u. 107). Herr Toby Cohn weist darauf hin, daß für die Bestimmung des Zeitpunktes Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 135 für die Operationen bei den Schußverletzungen der peripheren Nerven der elek¬ trische Befund für die meisten Fälle von ausschlaggebender Bedeutung ist. Basches Sinken oder Erlöschen der galvanischen Erregbarkeit gibt eine schlechte Prognose, Erhaltensein der faradischen Erregbarkeit eine gute. C. schließt sich unbedingt denen an, die einen konservativen Standpunkt vertreten und rät dringend, 4 bis 6 Monate und noch darüber zu warten, da er noch nach einem Jahr Spontanheilung beobachten konnte. Für die nicht operative Behandlung dieser Fälle empfiehlt er neben passiver Gymnastik und Massage dringend die Elektrotherapie, vor allem den galvanischen Strom. Herr H. Eron erwähnt die sekundären peripherischen Lähmungen, die nicht direkt durch Schußverletzungen entstehen. Die von dem Bef. bereits genannten Lähmungen durch zu langes Liegen des Eismarch sehen Schlauches sollen nicht als „ischämische 11 gelten. Es sind Folgen der Kompression der Nerven selbst. Dafür spricht die schlaffe Form der LähmuDg, wie ihr Einhergehen mit schweren Sensibilitätsstörungen und Entartungsreaktion. Die ischämische Lähmung ist muskulären Ursprungs. Sie entsteht durch zu festen Verband, sie ist aber nicht schlaff, verbindet sich vielmehr — wenigstens nach der Schilderung von Volk- mann und Leser — mit schmerzhaften Kontrakturen, während Sensibilitäts- Störungen und qualitative elektrische Veränderungen fehlen. Die von anderer Seite erwähnten schlaffen Formen bedürfen ebenso der Bestätigung, wie die wenigen experimentellen Untersuchungen. Kurt Mendel spricht in seiner Beobachtung (s. d. Centr. 1916 Nr. 1) denn auch sehr richtig von muskulärer Ischämie. In einem Falle eigener Untersuchung hatte sich nach der Operation eines Aneurysmas der Art. brach, mit vorheriger Ligatur des Art. oxillaris eine schlaffe Lähmung der Armnerven mit schwerer Sensibilitätsstörung und kompletter Entartungs¬ reaktion herausgestellt. Das kann aber ebenfalls nicht als Beweis für die neuro¬ gene Lähmung ischämischer Natur gelten. Hier müßte angenommen werden, daß der Arm, um das Operationsfeld an seiner Innenseite zugänglicher zu machen, nach außen, hinten und oben gezogen worden sei. Dadurch kommt eine Lagerung zustande, wie sie für die Narkosenlähmung bekannt ist. Es handelt sich also auch hier um eine reine Kompressionslähmung, hervorgerufen durch Quetschung des Plexus, wenigstens des 6. und 6. Halsnerven, zwischen Clavicula und erster Rippe. Die Störung wird sich vermeiden lassen, wenn man an ihren Ur¬ sprung denkt. Autoreferat. Herr v. Hansemann demonstriert 'einige anatomische Präparate zu den Kriegsverletzungen des Rückenmarks. Der erste Fall betrifft eine Schrapnell- kugel, die im untersten Teil des Rückenmarks sitzen geblieben ist. Im zweiten Fall ist die Wirbelsäule selbst so gut wie gar nicht verletzt; das Geschoß hat nur die ProceBsus spinosi gestreift. Trotzdem bestand intra vitam komplette Lähmung; das Rückenmark ist im Umfang von 2 cm vollständig zerstört. Ob die Erweichung nur durch Erschütterung oder infolge von Blutung entstanden war, kann v. H. nicht entscheiden. An weiteren Präparaten werden die Schwierig¬ keiten, die bereits weitgehend verheilten Wirbelläsionen des Schußkanals aufzu¬ finden, demonstriert. Bisweilen gelingt es erst am mazerierten Präparat die Verletzungen der Wirbelsäule sichtbar zn machen. Endlich zeigt v. H. eine Wirbelsäule, die nach der Spalteholzschen Methode durchsichtig gemacht worden ist. Neben einem kleinen Geschoßsplitter im Wirbelkörper erkennt man eine außerordentlich starke Rarefikation der spongiösen Substanz des von dem Geschoß durchquerten Wirbelkörpers. Herr Laqueur bespricht die physikalische Therapie der Neuralgien nach Schußverletzungen. Er empfiehlt feuohte Wärme, Diathermie, Zweizellenbäder, sowie allgemeine Elektrotherapie. Herr Hans Kohn weist auf die günstigen Wirkungen des Magnesium sul- Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 136 furicum bei der Therapie des Tetanus hin. Vor allem die intravenöse Wirkung (10 °/ 0 > 10 com) unterdrückte die schweren Schlingkrämpfe außerordentlich rasch. Herr Ben da betont hinsichtlich der Technik der Rückenmarksverletzungen, daß man sehr wohl gleichzeitig das Rückenmark konservieren und die Knochen¬ verletzungen darstellen kann und gibt eine Beschreibung seines VorgehenB. Herr Rothmann weist zunächst im Gegensatz zum Vortr. auf die außer¬ ordentliche Häufigkeit der funktionellen Affektionen, besonders der Hysterie als Kom¬ plikation der organischen Kriegsläsionen hin und betont die Bedeutung dieses psychischen Faktors für eine erfolgreiche Therapie sowohl der Schlaflosigkeit als auch der Schmerzen. Hinsichtlich der Behandlung der Schmerzen erwähnt er noch die günstige Wirkung epiduraler Injektionen bei Verletzungen der unteren Körperabschnitte. Vor allem aber hebt er die Bedeutung der von ihm empfohlenen und bereits praktisch erprobten Vorderseitenstrangsdurchschneidung im unteren Brustmark zur Erzeugung von Analgesie in den Beinen und der Dammgegend bei sohweren Verletzungen mit unerträglichen Schmerzen hin. Herr Oppenheim betont, daß noch weit häufiger als die Hysterie die neurasthenische Komponente bei den Verletzungen eine Rolle spiele. Die Epi- duralinjektion hat 0. bei den Verletzungen des Ischiadikus im Stioh gelassen. Herr Lewandowsky (Schlußwort) bedauert zunächst, daß sich die Chirurgen an der Diskussion nicht beteiligt haben. Gegenüber Rothmanns Mahnung, mit der sofortigen Operation der Schädelschüsse vorsichtig zu sein, weist L. auf die Erfahrungen von Friedrich und Breitner in den Balkankriegen hin, die rasche Revidierung der Hirnschüsse empfehlen. Der mehrfach empfohlenen aktiven Therapie bei Rückenmarks Verletzungen steht L. auch jetzt noch ablehnend gegenüber. L. wundert sich, daß Rothmann weitgehende Restitutionen trotz der Erscheinungen der totalen Rückenmarksverletzung wiederholt gesehen hat. Er selbst sah nur einen solchen Fall und meint, daß nur diejenigen Fälle Chancen bieten, bei denen sich von vornherein die partielle Rückenmarksverletzung erkennen ließ. Hinsichtlich der Behandlung der Verletzung der peripheren Nerven hält L. an der Empfehlung der frühzeitigen Operation fest. Unter 16 ope¬ rierten Fällen boten nur zwei keinen Befund, ohne daß ihnen die Freilegung gesohadet hätte. Oft nützt aber die Freilegung zweifellos. Die elektrisohe Be¬ handlung hält L. für eine Glaubenssache und meint, daß sie nichts nützt. Die Häufigkeit der Hysterie suoht L. durch das einseitige Material mancher Neuro¬ logen zu erklären. Er hebt hervor, daß die schwer verletzten Soldaten in der Regel von Anfang an ausgezeichnet schlafen und warnt davor, die hysterische Komponente zu überschätzen. Berliner Qesellsohaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Sitzung vom 11. Januar 1915. Ref.: K. Löwenstein (Berlin). 1. Herr Schuster: Bemerkung zu der Demonstration von Kriegsver¬ letzungen in der Sitzung vom 14. Dezember 1914 (vgl. d. Centr. 1916. S. 70). M. H.! In der letzten Sitzung habe ich — wie Sie sich erinnern werden — einen Verwundeten vorgestellt, bei welchem in Anschluß an einen Brustschuß eine Brown-S6quardsche Lähmung eingetreten war. Das Merkwürdige des Falles war, daß die Wirbelsäule auf den Röntgenbildern völlig normal erschien. Ich habe nun noch einige Röntgenaufnahmen des Falles machen lassen. Hierbei hat sich nun herausgestellt, daß die Wirbelsäule in der Tat völlig unverletzt ist, daß da¬ gegen der Ausschuß durch die 6. Rippe — in einer Entfernung von etwa 5 cm von der Wirbelsäule — durchgegangen ist. Der Fall ist dadurch noch inter- Digitized by Gougle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 137 ossanter geworden, daß hier offenbar die Fortleitong der Erschütterung der ge¬ troffenen Rippe auf die Wirbelsäule genügt hat, um schwere Veränderungen im Rückenmark hervorzurufen. Autoreferat. 2. Herr Haike demonstriert einen Hilfeapparat zur exakten Bestimmung kleiner Abweiohungen beim Bdräny sehen Zeige versuoh, der folgende Schwierig¬ keiten beseitigen soll. Der Pat. neigt dazu, wenn er am Finger des Untersuchers vorbeizeigt, diesen bewußt zu suchen, wodurch geringe Abweichungen ebenso ver¬ wischt werden können, wie wenn der Untersucher, um jenes Suchen zu vermeiden, mit seinem Finger dem des Pat. beim Abweichen nachgehen muß. Drittens werden geringe Abweichungen, die auch beim Normalen Vorkommen können, erst duroh wiederholten Vergleich mit der anderen Extremität und zu anderen Zeiten ver¬ wertbar, was aber nur bei genauen Messungen und Abweichungen möglich ist. Viertens kann mit Hilfe der Messungen Simulationsversuohen, bewußtem Vorbei¬ zeigen, bei oft untersuchten und mit dem Wesen der Untersuchung bekannt ge¬ wordenen Personen, erfolgreich begegnet werden. Der Apparat besteht in einem Stab, an dem eine Reihe von leicht aus ihrer Ruhestellung mit Fingerdruck auf¬ hebbaren Tasten von gleicher Breite angebracht ist; von der mittelsten, mit „0“ bezeichneten, dem untersuchenden Finger entsprechenden, gehen nach rechts und links mit ansteigenden Zahlen bis „7“ bezeichnete ab, die der Untersuchte je nach dem Grade der Abweichung berührt und aufhebt, so daß auch aus einiger Entfernung die Zahl sichtbar wird. Der Apparat wird mit einer Klemmschraube am Drehstuhl, einem Tisch oder einer Stuhllehne befestigt und ist durch einfache Umstellung für die Prüfung in allen Ebenen zu verwenden. Autoreferat Diskussion: Herr Rothmann hält die Angabe eines exakten Apparates für die Feststellung der Fehler des Zeigeversuchs für sehr dankenswert Um Selbst¬ korrekturen des Pat. zu vermeiden, empfiehlt es sich, den Finger stets auf den nach der Seite abgewichenen Arm desselben aufzulegen. Auch ist von Wichtig¬ keit, daß die Versuchspersonen in der Regel auch auf den eigenen Arm hin die gleichen Zeigestörungen aufweisen, wie auf den des Untersuchers. Autoreferat. 3. Herr Borchardt: Zwei Fälle von RfiokenmarkssohtLBverletsang. Beide hatten klinisch das Bild einer kompletten, bzw. fast kompletten Querschnitts¬ lähmung in der Höhe des mittleren Dorsalmarks geboten. Bei beiden war die Dura unverletzt, auch'die Pia; Blutungen fanden sich nicht. Trotzdem war das Rückenmark auf dem Querschnitt in einem Falle total zerstört, im anderen auch sehr schwer geschädigt. Demonstration von Präparaten. Autoreferat. Diskussion: Herr Henneberg demonstriert Präparate von einem Fall von Gesohoßkontusion des Rückenmarks. Klinisch lag das Bild einer totalen Quer¬ läsion im 7. Dorsalsegment vor. Tod in der 3. Woche nach der Verwundung in¬ folge von Dekubitus und Zystitis. Bei der Sektion fanden sich keine Verände¬ rungen im Wirbelkanal. Die Kugel hatte anscheinend den Wirbelkörper passiert. An der Außenseite der Dura keine Blutung, an der Innenfläche in der Höhe des 7. Dorsalsegments hämorrhagischer Belag. Erweichung des 7. Dorsalsegments. Die Präparate zeigen im Bereich der stärksten Läsion: Gefäße stark gefüllt, Ädventitia aufgelockert und verdickt, kleine Blutungen, sehr weitgehender Mark¬ zerfall bis auf eine Zone um die graue Substanz (ähnlich wie bei vorgeschrittener funikulärer Myelitis), Gliagerüst nur stellenweise erhalten. Sehr zahlreiche Körnchenzellen, stellenweise reaktive Gliaverdichtung. In weiterer Entfernung von der Stelle der stärksten Läsion finden sich Lückenfeldbildung und zirkumskripte Nekrosen im Markmantel. Starke Quellung der Ganglienzellen. Minimale Blutungen. Die Befunde sind die gleichen wie sie bei schweren Kontusionen und Frakturen der Wirbelsäule Vorkommen. Zirkumskripte Nekrosen und Lücken- feldbildung finden sich auch bei degenerativer Myelitis und bei Kompressions¬ myelitis. Wenn man die akute Quellung und Zerfall der nervösen Elemente als Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 138 degenerative Myelitis bezeichnet, kann man die Veränderungen nach Erschütterung durch Geschosse traumatische Myelitis benennen. Was das Zustandekommen dieser Veränderungen anbelangt, so sind Blutungen und Lymphorrhagien ohne wesentliche Bedeutung. Ein Absterben des Gewebes infolge starker Erschütterung dürfte eine erheblichere Rolle spielen. Den Hauptfaktor dürfte aber eine Störung der Kapillar- funktion infolge des Erschütterungsreizes bilden. Durch Stillstand der Blut¬ zirkulation kommt es zur akuten Degeneration des nervösen Gewebes, stellenweise zu totaler Nekrose. Wenn Herr Schuster (Dezembersitzung) annimmt, daß die klinischen Symptome bei einer Blutung rascher hervortreten als bei einer Nekrose, so ist dies wenig wahrscheinlich. Der Prozeß der Nekrobiose bedarf wohl einiger Zeit, die Außerfunktionsetzung ist aber eine momentane. Autoreferat. Herr Rothmann weist auf die klinische Bedeutung der von Herrn Borchardt und Henneberg demonstrierten Rückenmarksveränderungen mit intakter Dura mater bei Schußverletzungen hin. Vor allem der Befund des ersten Borchardt- schen Falles läßt es vollkommen verständlich erscheinen, daß wir bei anfangs völliger funktioneller Qaerschnittsunterbrechung des Rückenmarks doch verhältnis¬ mäßig häufig weitgehende funktionelle Restitution beobachten können, eine Tat¬ sache, die noch in der letzten Diskussion in der medizinischen Gesellschaft Herr Lewandowsky bezweifeln wollte. Auch zeigen diese Beobachtungen, wie irrig der noch kürzlich gegebene Rat ist, in allen Fällen von Rückenmarkslähmung bei Schußverletzung die Laminektomie zu machen und womöglich noch das Rücken¬ mark abzutasten. Bei einem derartigen in Degeneration befindlichen, von Nekrosen durchsetzten Rückenmark muß jedes aktive Vorgehen schädlich wirken. Was die Ursache der Veränderungen betrifft, so wird man beim Fehlen einer direkten Ver¬ letzung doch daran denken müssen, daß bei der ungeheuren Schnelligkeit des vorbeipassierenden Geschosses Luftdruckschwankungen entstehen, die zu ähnlichen spinalen Veränderungen wie bei den Gaissonarbeitern führen können. Autoreferat. Herr Cassirer zeigt die Präparate des in der Sitzung vom 14. Dezember demonstrierten Falles (vgl. d. Centr. 1915. S. 79) und betont dabei ebenfalls die Unverletztheit der Dura, das Fehlen der Blutungen und die erhaltene Konfiguration des Markes. Es muß sich also um nekrotische Vorgänge handeln, von denen im vorliegenden Falle hauptsächlich die Hinterseitenstränge und die Hinterst ränge betroffen sind, so daß das Bild übrigens auch in manchen histologischen Einzel¬ heiten an das der funikulären Myelitis erinnert. Auffällig ist die Geringfügigkeit fettiger Degeneration im Sudanpräparat. Herr Jacobsohn kann Herrn Henneberg nicht zustimmen, diese Affek¬ tionen des Rückenmarks als Myelitis zu bezeichnen. Das Wort Myelitis bedeutet Entzündung des Rückenmarks. In den Präparaten, die von Herrn Henneberg und Herrn Borchardt soeben demonstriert wurden, konnten beide, was sie aus¬ drücklich betonten, keine Spur von Entzündungserscheinungen entdecken. Der Einwurf des Herrn Henneberg, daß, wenn man diese Zustände aus dem Begriff der Rückenmarksentzündung herausnähme, nur noch die Poliomyelitis dahin ge¬ hören würde, kann nicht maßgebend sein. Es handelt sich hier unzweifelhaft um Zustände nekrotischer Erweichungen. Die Ursachen, die zu solchen Er¬ weichungen und zum AbBterben des Gewebes führen, können mannigfacher Art sein. In den vorliegenden Fällen ist die Ursache ja bekannt, es ist das Trauma mit seinen verschiedenen Wirkungen. Der Prozeß ist also klar nach der ätio¬ logischen und pathologisch-anatomischen Seite hin und nichts berechtige, ihn in den allgemeinen Sammeltopf der Myelitis zu werfen. Was die demonstrierten Präparate selbst anbetrifft, so deutet der Umstand, daß zumeist die peripherischen Teile des Rückenmarks bzw. die Rückenmarksstränge von der Erweichung be¬ fallen Bind, während die zentrale graue Substanz verschont geblieben ist, darauf hin, daß die Gefäße, die in den Wurzeln zum Rückenmark verlaufen, bei dem Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 139 Trauma besonders geschädigt sind. Denn die Ernährung der weißen Substanz des Rückenmarks geschieht im wesentlichen aus diesen Zuflußquellen. Autoreferat. Herr Bonhoeffer macht darauf aufmerksam, daß die Gefäße unbeschädigt sind. Er fragt Herrn Henneberg, wie man sich die von ihm angenommenen Schädigungen der Kapillarfunktion vorzustellen habe, da die bekannten, bei toxi¬ schen oder mechanischen Schädigungen der Kapillaren auftretenden kleinsten Hämorrhagien zu fehlen scheinen. Autoreferat. Herr Henneberg: Der Entziindungsbegriff hat sich auf dem Gebiete des Zentralnervensystems wenig brauchbar erwiesen. Eis ist daher nicht empfehlens¬ wert in Rücksicht auf ihre Benennungen wie Kompressionsmyelitis, funikuläre Myelitis, degenerative Myelitis usw. zu ändern. Es handelt sich nioht um eine anatomische Läsion der Kapillaren, sondern um eine Störung ihrer das Blut be¬ wegenden Funktion vielleicht durch Vermittlung der Gefäßnerven. H. verweist auf die Veröffentlichungen von Richer. Autoreferat. Herr Borchardt lehnt die Notwendigkeit der Annahme anderer Druck¬ änderungen als der durch das direkte Trauma bedingten ab. Herr Roth mann möchte doch zur Erklärung die indirekt während des Traumas entstandenen plötzlichen Druckschwankungen heranziehen. Herr Borchardt hält auch die operativen Aussichten für ungünstig. 4. Herr Rothmann: Der Greifversuoh und seine diagnostische Be¬ deutung, Im Dezember 1913 konnte Vortr. einen Mann demonstrieren, bei dem infolge einer posttraumatischen subpialen Blutung im Gebiet des Gyrus supra- marginalis mit leichter Stauungspapille eine Abweichung des gekreuzten Armes beim Bäränyschen Zeigeversuch nach außen bzw. nach oben konstant vorhanden war. Durch Trepanation über der betreffenden Stelle wurde der Symptomen- komplex beseitigt und der Patient geheilt. Er stellte sich dem Vortr. jetzt als Flieger mit dem Eisernen Kreuz vor. Vortr. betonte damals, daß eine Lokali¬ sation der Richtungsempfindung in der Großhirnrinde, und zwar vorwiegend im Gebiet des Gyrus supramarginalis und angularis bestehen dürfte. In der an¬ schließenden Diskussion wiesen die Herren Bonhoeffer undLiepmann auf der¬ artige Beobachtungen bei Großhirnherden hin. Dagegen bestritt Herr Lewan- dowsky die Beweiskraft des R.’schen Falles und lehnte die Annahme, daß das Bäränysche Symptom ein Herdsymptom der Großhirnrinde sein könnte, ab. Auch Herr Oppenheim äußerte große Bedenken gegen die Beweiskraft eines solchen Falles. Verf. hat deshalb die Frage zunächst experimentell in Angriff genommen; er konnte bei Affen durch gemeinschaftliche Ausschaltung des Gyrus centralis post, und Gyrus supramarginalis einer Seite Vorbeigreifen des gekreuzten Armes in bestimmten Richtungen bei offenen Augen erzielen. Bei doppelseitigen derartigen EIxstirpationen waren die Affen überhaupt nicht imstande, mit den Händen die vorgehaltene Nahrung zu treffen. Diese Richtungsstörung [des Greifens war mit keiner Sehstörung verbunden. Auf Grund dieser experimentellen Beobachtung hat Vortr. den Greifversuch methodisch zur Untersuchung von Hirnkranken heran¬ gezogen. Nachdem zunächst mit offenen Augen nach einem in verschiedenen Stellungen gehaltenen Gegenstand mit dem zu prüfenden Arm gegriffen worden ist, wird derselbe Versuch bei geschlossenen Augen wiederholt und dabei auch auf Abweichungen in den verschiedenen Ebenen des Raumes geachtet. Der Unterschied vom Bäränyschen Zeigeversuch besteht in der Heranziehung des optischen Ge¬ dächtnisses und der fehlenden Beschränkung auf eine bestimmte Ebene. Um das Moment einer Sehstörung auszuschließen, wird der Versuch nicht nur optisch, sondern auch akustisch (mit einem cri’cri Instrument) und taktil (Fassen des Gegenstandes bei geschlossenen Augen und wiederholtes Greifen nach demselben) angestellt. Schon die Prüfung zahlreicher Fälle von Hemiplegie ließ erkennen, Digitized hy Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 140 daß sowohl im Stadium der Restitution einer Armlähmung, als auch bei an¬ scheinend intaktem Arm sehr häufig solche Greifstörungen in bestimmten Rich¬ tungen zur Beobachtung gelangen. Bei den Schußverletzungen des Gehirns war nun eine solche Greifstörung teils mit teils ohne entsprechende Richtungsstörung beim Bär&ny sehen Zeigeversuch bei Läsionen im Gebiet des Scheitellappens, aber auch bei Stirnhimverletzungen häufig zu konstatieren. Bei den Stirnläsionen, vor allem im Gebiet der zweiten Stirnwindung, ging die Abweichung deB Armes nach der gekreuzten Seite als eine Teilerscheinung der Richtungsablenkung des ganzen Körpers und war von keiner Lagegefiihlsstörung begleitet. Bei den Läsionen des Gyrus supramarginalis kommen Greifstörungen nach verschiedenen Richtungen vor, in der Regel begleitet von Störungen des Lagegefühls und des stereognosti- schen Sinns. In einem Fall von doppelseitigem Abszeß des Gyrus supramarginalis bei intaktem Sehen (I. chirurgische Abteilung des Yirchow-Krankenhauses [Prof. Hermes]) griff der Patient mit beiden Armen bei offenen Augen an den Gegen¬ ständen in bestimmter Riohtung vorbei. Keinenfalls ist die Störung mit Rinden¬ ataxie zu verwechseln. Im Anschluß an die Demonstration des GreifversuchB weist Vortr. auf die früheren Versuche Blochs und Horsleys hin, die Rioh- tungsablenkungen beim Treffversuch beider Zeigefinger auf einer in Quadratzenti¬ meter eingeteilten Glasplatte genauer zu bestimmen. Auch werden aus der Lite¬ ratur eine Reihe früherer Beobachtungen von Richtungsstörungen des Greifens bei Läsionen des Gyrus supramarginalis von Westphal, Wernicke, A. Pick, Mills und Weisenburg u. a. angeführt. Jedenfalls wird die regelmäßige An¬ wendung des Greifversuchs in der neurologischen Technik bei Großhirn- und Klein¬ hirnläsionen noch zu zahlreichen diagnostisch wichtigen neuen Feststellungen Ver¬ anlassung geben. Autoreferat. 5. Herr Peritz: Zwei Fälle von Gehlrnsohüsaen mit Lagegefühls- störungen, Astereognosia, trophisohen Veränderungen und halbseitiger Blutdruokstelgerung. Vortr. stellt zwei Fälle von Gehirnschüssen vor, bei denen die Schüsse die gleichen Teile des Gehirns verletzt haben. In beiden Fällen hat die Gewehrkugel den Schädel handbreit von der Sagitalnaht zu ihr parallel getroffen. Vortr. zeigt diese beiden Fälle, weil es sich bei beiden um ausgesprochene Lagegefühlsstörungen handelt, verbunden mit Sensibilitäts- und trophischen Störungen. Der erste Soldat hat bei der Einlieferung in das hiesige Reservelazarett Charlottenbnrg eine 12 cm lange, 2 cm breite klaffende, an den Rändern gut granulierte, in der Tiefe glasig fibrinös belegte Wunde der linken Kopfseite gehabt. Nach vorne erreichte sie nicht ganz die Verbindungslinie beider Meatus acustici. Sie zeigte im vorderen Winkel in der Tiefe einen läng¬ lichen, naoh hinten führenden, sehr schmalen, von scharfen Knochenrändern um¬ rahmten Schlitz der Schädeldecke, aus welchem eine leidlich klare, tropfend hervorquellende, vom Gehirnpuls bewegte Cerebrospinalflüssigkeit hervorsickerte. Der Schädeldefekt ist augenscheinlich operativer Natur, er ist schätzungsweise 1 / 2 cm lang und geht in die sulzig, fibröse Galea über. Im weiteren Verlauf wird bei dem Patienten ein Gehirnabszeß eröffnet, nachdem er Fieber, unregel¬ mäßigen Puls, Kopfschmerzen und eine Jacksonsche Epilepsie im rechten Arm gehabt hat. Bei Eröffnung des Gehirnabszesses wird ein Knochenstück entfernt, das 3cm lang und l / 2 cm breit, fast senkrecht in die Gehirnsubstanz hinein¬ ragte. Die Motilitätsstörungen, die der Patient aufwies, waren sehr gering. Es bestand nur eine 'geringe Schwäche in der rechten Hand. Im übrigen war die grobe Kraft im rechten Arm und rechten Bein gut. Die Sehnenphänomone an beiden unteren Extremitäten waren gleich und nicht gesteigert. Der Zehenrefiex war rechts plantar, es bestand kein Oppenheim. Dagegen fand sich in der rechten Hand eine ausgesprochene Lagegefühlsstörung, eine Ataxie, eine Störung der Tiefen¬ sensibilität. Patient war nicht imstande, die Stellung der Finger und der rechten Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 141 Hand mit der linken naehzum&chen, während es umgekehrt mit Leichtigkeit ge¬ lang. Außerdem bestand eine ausgesprochene Astereognosis an der Hand und endlich eine falsche Lokalisation für Nadelstiche an der rechten Hand. Nicht kann er mit Sicherheit an der rechten Hand Nadelstiche und Berührungen unter¬ scheiden. Nach den Anfällen konnte man eine amnestische Aphasie, eine Agraphie und eine Alexie feststelleD. Der Patient, der im ganzen einen intelligenten Ein¬ druck macht, gibt auch heute noch an, daß seit der Verwundung ihm das Denken schwer fallt, besonders war dies der Fall nach den Anfällen. In der Zeit der gehäuften Anfälle bestand auch Nackensteifigkeit und Fieber. Diese Symptome schwanden nach Eröffnung des Abszesses. Doch gibt Patient auch heute noch an, daß er beim Lesen Schwierigkeit hat, das Gelesene sofort zu verstehen. Vor allen Dingen falle es ihm jetzt schwer, Witze zu verstehen, während er das früher mit Leichtigkeit konnte. Heute lassen sich auch die geringen Zeichen einer motorischen Schwäche in der Hand, die anfangs bestand, nicht mehr nachweisen. Der Händedruck ist rechts ebenso kräftig als links. Dagegen bestehen noch deutlich die Zeichen der Lagegefühlsstörung, der Störung der tiefen Sensibilität und der Astereognosis. Es gelingt ihm jedoch hin und wieder die Gegenstände, die man ihm in die rechte Hand gibt, richtig zu erkennen, ebenso wie er auch jetzt schon manches Mal die Stellung und Lage der rechten Finger und der rechten Hand anzugeben vermag. Geruch und Geschmack sind nicht gestört Zwei Symptome, die man bei ihm feststellen kann, sind interessant. Während anfäng¬ lich besonders nach den Anfallen eine Agraphie bestand, ist diese jetzt ganz und gar geschwunden. Er vermag jetzt recht gut und ohne Zitterbewegung zu schreiben. Besonders überraschend ist es aber, daß der Pat. auch mit geschlossenen Augen zu sohreiben vermag, trotzdem er, wenn man ihm bei geschlossenen Augen die Kreide oder den Bleistift in die Hand gibt, diese Gegenstände nicht zu er¬ kennen vermag. Sobald man ihm aber sagt, um was es sich handelt, daß er Kreide oder einen Bleistift in der Hand hat, so kann er auch schreiben, sowohl spontan wie nach Diktat. Beim Zeigeversuch greift er mit der rechten Hand stets nach innen vorbei. Die zweite Reihe der Symptome sind trophischer Natur. Pat. macht mich spontan darauf aufmerksam, daß seine rechte Hand stärker schwitzt als die linke. Sie ist cyanotisch verfärbt und stärker behaart als links. Ich habe nun bei diesem Patienten den Blutdruck (gemessen und dabei festgestellt, daß er rechts höher ist als links, und zwar beträgt er am rechten Arm 168/138 während er links nur 148/112 aufweist. Auch der zweite Patient, den ich nach¬ her zeigen werde, bat die gleiche Störung. Das Interesse, daß man dem Patienten entgegenbringen muß, beruht darauf, daß bei ihm fast rein eine Astereognosis, eine Lagegefühlsstörung und eine Störung der Tiefensensibilität vorhanden ist, während die Motilität fast vollkommen verschont ist. Daraus, daß in der Zeit, da der Gehirnabszeß bestand, Reizerscheinungen auftraten in Form von epilep¬ tischen Zuckungen in der rechten Hand und Sprach- und Schreibstörungen, kann man wohl schließen, daß das Zentrum der Verletzung, sich zwischen diesen beiden Zentren befindet, also zwischen der vorderen Zentralwindung und dem Parietal- lappen, d. h. in der hinteren Zentralwindung. Es ist jedoch sehr leicht möglich, daß der Parietallappen mit verletzt ist, da ja gerade die Sprachstörung bei dem Patienten lange bestehen blieb. Vor allen Dingen ist aber die Frage zu erklären, wie es möglich ist, daß der Pat. trotz seiner Astereognosis und trotz der vor¬ handenen Bathyanästhesie bei geschlossenen Augen zu schreiben vermag, wenn man ihm erklärt, daß er Kreide in der Hand hat, die er vorher nicht erkannt hatte. Ich bin der Ansicht, daß hier die akustischen Reize, die darin bestehen, daß man ihm sagt, er habe Kreide in der Hand, die Erinnerungsbilder für das Schreiben erwecken und ihn so dazu bringen, auch bei verbundenen Augen richtig zu schreiben. Wahrscheinlich ist es wohl, daß, wenn der Pat. eine vollkommene Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 142 Digitized by Störung seiner tiefen Sensibilität und seines stereognostischen Sinnes hätte, er nicht imstande wäre, zu schreiben. Da aber hier eine gewisse Besserung schon eingetreten ist, so genügen die Reize, die von den akustischen Zentren zu den motorischen gehen zum Schreiben. Dadurch wird es auch verständlich, daß der Patient bei offenen Augen ohne Zittern, wie das z. B. in dem Fall von Monakow sich zeigte, schreiben konnte, trotzdem er eine Ataxie hat. Man muß nach meiner Ansicht annehmen, daß hier die Korrektion vom Auge aus stattfindet. Immer muß betont werden, daß dabei keine absolute Astereognosis vorhanden ist. Es scheint mir dieser Fall insofern lehrreich zu sein, als er zeigt, daß mit Hilfe des Auges und des Ohres Einflüsse auf das Schreibvermögen ausgeübt werden können, und daß mit Hilfe dieser Sinne auch eine Besserung der Schreib¬ fähigkeit oder gewisser anderer Handfertigkeiten erzielt werden kann, die durch die Tiefensensibilitätsstörungen und die Astereognosis bedingt sind. Daß hier die Verbindung zwischen optischen und akustischen Zentren einerseits zu den motorischen Zentren andererseits offen ist, scheint zu beweisen, daß die Verletzung der hinteren Zentralwindung nur die Rinde getroffen hat, nicht aber das Mark. — Der zweite Fall zeigt fast die gleiche Verletzung. Auch hier war eine Ver¬ letzung vorhanden, bei der die rechte Seite des Schädels handbreit von der S&ggitalnaht gespalten war. Sie reichte nach vorne bis zu einer Verbindungslinie der vorderen Ohrränder und nach hinten bis zu einer Linie, die beide Proc. mastoidei verbindet. Es handelte sich um eine etwa fingerbreite, klaffende, ziem¬ lich glattrandige, wahrscheinlich operativ verlängerte Wunde, an deren medialem, von Galea entblöstem Rande die weiße Knochenschale scharfrandig hineinragt. Der entsprechende laterale Knochenrand versteckt sich in Granulationen. Der Schädelspalt ist ausgefdllt von gelblichen, semmelbreiartigen Fettmassen, in deren Mitte ein loses, nicht fluktuierendes KnochenBtück liegt Nach Entfernung der Fettmassen gelingt es, einen etwa 5 cm langen, 3 cm breiten Sequester zu ent¬ fernen, der senkrecht in die Gehirnmasse hineingepreßt war. Einige Tage nach der Einlieferung in das Lazarett werden noch einmal ein 4 cm langer, 2 cm breiter und außerdem mehrere kleinere Sequester entfernt. Dabei entleert sich etwa ein Eßlöffel gelblichen Eiters. Bei dem Pat. findet sich eine linksseitige komplette Lähmung. Es ist das Knie- und Achillesphänomen gesteigert, es be¬ steht Fußklonus, den Arm und das Bein kann er willkürlich gar nicht bewegen. Die linke Nasolabialfalte ist etwas verstrichen, beim Lachen bleibt der linke Fazialis etwas zurück. Er kann das linke Auge allein nicht zumachen, wohl aber das rechte, während er mit dem rechten gezielt hat. Die Zunge weicht etwas nach links ab. Auch bei diesem Pat. besteht eine ausgesprochene Lage- . gefühlsstörung, die nicht nur die Hand und das Bein betrifft, sondern auch das linke Ohr. So vermag Pat. nicht anzugeben, ob der Ohrzipfel nach vorn oder hinten gebogen ist, ob der Ohrrand umgebogen ist oder grade steht. Bei diesem Pat. ist die Tiefensensibilität so schwer betroffen, daß er auch die Stellung der großen Gelenke nicht anzugeben vermag. An den Händen fühlt er Berührungen gar nicht. Nadelstiche werden falsch lokalisiert. Hier erstreckt sich die Sensi¬ bilitätsstörung aber nicht nur auf die Hand und den Arm, sondern sie betrifft die ganze linke Körperhälfte, Arm, Bein, Rumpf und Gesicht und sie ist auch für warm und kalt vorhanden. Auch eine Astereognosis, die bei weitem stärker als bei dem vorigen Pat. ist, kann konstatiert werden. Geschmack und Geruch ist bei dem Pat. beiderseits normal. Auch dieser Pat. zeigt das Phänomen, das Vortr. bei dem ersten Pat. demonstrierte, ebenfalls sehr deutlich. Er schwitzt auf der gelähmten Seite stärker als auf der gesunden. Die Hand ist deutlich cyano- tisch, stärker behaart als die gesunde rechte und die Nägel wachsen bei ihm stärker an der linken als an der rechten Hand. Auch bei diesem Pat habe ich den Blutdruck gemessen und feststellen können, daß er am gelähmten linken Gck igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 143 Arm höher war als am. gesunden, und zwar betrug er links 140/112 rechts 130/106. Im weiteren Verlauf hat sich die Motilität so weit gebessert, daß der Pat. in typisch hemiplegischer Weise laufen, auch die Finger und den Arm etwas bewegen kann. Dagegen haben sich die Sensibilitäts- und Lagegefühlsstörungen nicht gebessert. Das hervorstechendste Symptom an diesem Fall ist die Halb- seitigkeit der Sensibilitätsstörungen aller Qualitäten, die hier so stark ist, daß man sie fast mit einer hysterischen vergleichen könnte. Doch betont Oppen¬ heim, daß sie bei Großhirnherden Vorkommen kann. Der Mangel einer Geruchs¬ und Geschmackestörung spricht hier ebenfalls gegen die Annahme einer hysterischen Sensibilitätsstörung. Vortr. möchte dann noch mit einigen Worten auf die trophischen und sekretorischen Störungen eingehen. Es sind bis jetzt nur wenig derartige Fälle beschrieben worden, bei denen sich Störungen der Schwei߬ sekretion bei Großhimherden yorfand. Bechterew hat in seinem Laboratorium experimentelle Versuche angestellt, wobei es gelang, an der inneren Hälfte des vorderen Abschnitts des Gyrus sigmoideus bzw. Gyrus antecruciatus eine Stelle zu ermitteln, deren Reizung zu einer gesteigerten Schweißausscheidung vorwiegend auf der dem Reize entgegengesetzten Seite führte. Bechterew führt dann selbst den Fall eines jungen Soldaten an, der einen Kopfschuß der linken Kopfhälfte hatte mit Parese der rechten Körperhälfte und rechtsseitigem Schwitzen. Er führt auch Fälle von Senator, Adamkiewicz und Pandi an und kommt auf Grund dieser Fälle zu dem Schluß, daß die kortikalen Schweißzentren des Menschen sich im Bereich der motorischen Zone der Gehirnrinde befinden. Was nun die von mir beobachtete Blutdrucksteigerung an der betroffenen Körperhälfte anbetrifft, so möchte ich sie hier vorläufig nur mit einer gewissen Reserve erwähnt haben. Es ist dabei daran zu denken, daß auch beim Gesunden gewisse Diffe¬ renzen im Blutdruck zwischen der linken und rechten Körperhälfte Vorkommen können. Wenigstens ist mir das sehr wahrscheinlich, da ich häufig bei den sog. hypertonischen Arterien Unterschiede in der Spannung und damit wahrscheinlich auch im Blutdruck konstatieren konnte. Blutdrucksteigerungen nach Hirnver¬ letzungen sind beobachtet worden, ebenso nach Reizung der Gehirnrinde. Frank, Bechterew, Cerevkov fanden derartige Blutdrucksteigerungen nach Hirn¬ reizung. Bechterew meint, daß die Reizung des ganzen hinteren und vorderen Abschnittes des Gyrus sigmoideus, sowie der angrenzenden Teile der ersten und zweiten Primärwindung bei kuraresierten Tieren schon im Falle der Anwendung sehr schwacher Induktionsströme ein hochgradiges Ansteigen des Blutdrucks in den Körpergefäßen erzeugt. Er gibt dann ferner noch an (zitiert nach Bech¬ terew, die Funktionen der Nervenzentra), daß er mehrere Fälle von operativer Exstirpation kleiner Stellen der sensitiv-motorischen Rindenzono veröffentlicht hat, wo er im Gefolge der Operation neben Veränderungen der peripheren Temperatur der kontralateralen Extremitäten ein Ansteigen des Gefäßdruckes und eine über¬ aus hochgradige Beschleunigung der Herztätigkeit während vieler Tage beobachtete. Eine derartige Blutdrucksteigerung wäre wohl nur unter der Annahme zu ver¬ stehen, daß es zu einer Reizung der Vasokonstriktoren kommt. Da die Vaso¬ konstriktoren sympathische Fasern sind, so stände die Blutdrucksteigerung gut im Einklang mit dem einseitigen Schwitzen, da ja die Schweißdrüsen ebenfalls unter dem Einfluß des Sympathikus stehen. Dagegen ist die einseitige Druck¬ steigerung doch schwer verständlich, da bei Drucksteigerungen in einem Körper¬ gebiet stets ein Ausgleich ira gesamten Stromgebiet erfolgt. Monakow erwähnt einen Fall von Astereognosis und Lagegefühlsstörung, bei dem eine Blutdruck¬ herabsetzung im betroffenen Glied beobachtet wurde. Autoreferat. Diskussion: Herr Roth mann möchte doch der Meinung Ausdruck geben, daß bei beiden vom Vortr. demonstrierten Kranken ein psychogener Einschlag vor¬ handen sein dürfe. Wenn bei dem ersten derselben der Greifversuch an dem Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 144 geschädigten Arm normal ausgefallen ist, so muß der irrtümlichen Auffassung entgegengetreten werden, als wenn die Richtungsablenkung die unbedingte Folge der Störung des Lagegefühls und des stereognostischen Sinns sein müßte. Beide Störungen Bind weitgehend voneinander unabhängig. — Zusatz bei der Korrektur: Im übrigen zeigte eine nach der Sitzung vorgenommene Prüfung des Kranken, daß derselbe sowohl beim Zeigeversuch, wie beim Greifversuch, eine nioht erheb- liehe, aber konstante Richtungsablenkung des geschädigten Armes bei intaktem Greifen des anderen aufwies. Autoreferat. Herr Liepmann fragt, ob der gesunde Arm genau in bezug auf dieselben Störungen untersucht ist, und ob bei der Operation festgestellt werden konnte, ob der Abszeß sich in den Scheitellappen erstreckte oder sich vor diesem begrenzte. Daß Läsionen dieser ganzen Gegend Störungen der Lage- und Be¬ wegungsempfindung bewirken, ist ja allbekannt.. Ihre nähere Begrenzung in diesem Gebiet ist nooh strittig. Autoreferat. Herr Peritz kann, da er leider bei der Operation nicht zugegen war, nichts über die genauere Abgrenzung sagen. Der gesunde Arm wurde ebenso wie der kranke geprüft und frei von Störungen gefunden. Herr Borchardt: Die beiden Fälle scheinen mir nicht frei von psychogenen Beimischungen und sind demnach, glaube ich, klinisch nicht so eindeutig, daß Bie zu den Schlußfolgerungen, die Herr Peritz gezogen hat, berechtigen. So ist es auffallend, daß in dem einen Fall trotz Lagegefühls- und stereognostischer Störung das Schreiben möglich war. Herr Peritz lehnt letzteres als Beweis für psychogenen Ursprung ab, da die vorhandenen optischen und akustischen Regulierungen für das Erhaltenbleiben der Schreibfähigkeit ausreichten. A. van Gebuchten f Soeben erreicht uns die erschütternde Kunde, daß A. van Gebuchten, der be¬ kannte belgische Hirnanatorn, der viele Jahre als ordentlicher Professor und Direktor des Institut Vesale an der Universität Löwen wirkte, 54 Jahre alt, in Cambridge ge¬ storben ist. Die Neurologie verdankt ihm außerordentliche Bereicherung durch seine zahlreichen experimentellen und klinischen Arbeiten. Dieselben erschienen zum großen Teil in der von ihm begründeten und musterhaft geleiteten Fachzeitschrift „Le Nevraxe“. Sein in mehreren Auflagen erschienenes Lehrbuch: „Anatomie du Systeme de Thomme“, in dem er seine Lebensarbeit zuBammenfaßte, legt auch beredtes Zeugnis ab, wie innige Beziehungen ihn in seiner wissenschaftlichen Forschung gerade mit den deutschen Fachkollegen verbanden. So war er auch ein langjähriger Mitarbeiter des Neurologischen Centralblattes. Eine nachgelassene Arbeit aus seiner Feder: „Beitrag zum Studium der Reflexe“ beabsichtigen wir in einer der nächsten Nummern zu veröffentlichen. Wir bedauern es aufrichtig, daß gerade ihn der Krieg so schwer treffen mußte und er im Exil io England sein Leben beschloß. Wir werden sein Andenken in Ehren halten! M. R. Zar gefälligen Beachtung. Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬ sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. Verlag von Viit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbb & Wittig in Leipzig. Digitized by Gougle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN Neurologisches Centr a lblatt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet von Prot E. MendeL Heraasgegeben von Dr. Kurt Mendel. Yiernnddrefßtgster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark« Zn beziehen durch alle Buchhandlungen des ln- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Beichs, sowie direkt von der Verlagsbuchhandlung. 1915. ns?! Nr. 5. Inhalt. I. Orlginalmitteilungen. 1. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie. I. Bro wn-S^quard sehe Lähmung mit Lähmung des Halssymp&thicus nach Schuß Verletzung, von Prof. Dr. Emil Redlich. 2. Über Polyneuritis, als Begleiterscheinung nervöser Erschöpfungs¬ zustände im Kriege, von Prof. L. Mann. 3. Über isolierte Thermaualgesie eines Beines nach Schußverletzung des obersten Brustmarks, von Max Rothmann. II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Warum hassen uns die Völker? von Hirsch- leid. 2. Krieg und Seelenleben, von Hochs. 3. Zur Behandlung von Hirnprolaps nach Schädeldefekten, von Orth. 4. Über die operative Behandlung der Kückenmarksverletzungen im Feldlazarett, von Noete. 5. Über Tetanus bei Kriegsverwundeten, von Madelung. 6. Vor¬ schlag zur Verhütung der Tetanusgefahr durch intensive Luftbeströmung, von Hefsler. 7. Drei geheilte Tetanusfälle, von Wichmann. 8. Zur Frage der Tetanusbehandlung, von Schneider. 9. Experimentelle Untersuchungen über Wesen und Aussicht der Tetanustherapie mit Magnesiumsulfat, von Straub. 10. Zur Tetanusbehandlung, von Riehl. — Syphilis des Zentralnervensystems. 11. Neosalvarsau und Zentralnervensystem, von Berger. 12. Über die Salvarsantherapie der Syphilis des Nervensystems, von Iwaschenzoff. 13. Sal- varsanbehandlung der progressiven Paralyse, von Runge. 14. Present status of neosalvarsan in the treatment of parasyphilis of the nervous System, by Fisher. 15. The autoserosalvarsan treatment of syphilis of the central nervous system, by Caskey. 16. Über einen als Paralyse gedeuteten, durch Salvarsan geheilten Krankheitsfall, von Wechselmann. 17. De l’emploi des injections de serum salvarsanisö „in vivo" et „in vitro" sous Tarachnoide spinale et cerebrale dans le tabes et la paralysie generale, par Marinesco. 18. Un cas de mort par le salvarsan, par Balthazard. 19. Ein Fall von Polyneuritis mit Korsakoffscher Psychose nach Neosalvarsan mit letalem Ausgang, von Pürckhauer und Mauss. 20. Über einen weiteren Todesfall an akuter Enzephalitis nach Salvarsaninjektion, von Kore. 21. Die Salvarsan- todesfälle und ihre Ursachen mit Berücksichtigung der Salvarsan schaden, von Schmitt. 22. 3 Jahre Salvarsan bei Lues des Zentralnervensystems und bei Tabes, von Dreyfus. 23. Salvarsantherapie und Lues des Zentralnervensystems (iukl. Tabes dorsalis), von Iwa- SChonzoff. 24. Klinische und experimentelle Erfahrungen bei Salvarsaninjektionen in das Zentralnervensystem, von Weygandt, Jakob und Kafka. 25. Zur Frage der neurotropeo Wirkung des Salvarsans, von Löwy. 26. Zur Kenntnis der Veränderungen der Spinalflüssig¬ keit nach Neosalvarsanapplikation, von Biach, Kerl und Kahler. 27. Untersuchungen mit der Porges-Herman sehen Syphilisreaktion, von Preissner. 28. Über die Herman Perutz sehe Sypbilisreaktion, von Kallös. 29. Eine neue Methode der Behandlung der Syphilis des Nervensystems, von Gurari. 30. Zur Behandlung der Syphilis des Zentralnervensystems nach Swift und Ellis, von Eskuchen. 31. The treatment of cerebrospinal syphilis. by Davis. 32. Zur Behandlnng luetischer Erkrankungen des Zentralnervensystems nach der Methode von Swift und Ellis I. Mitteilung: 6 Fälle von Paralysis progressiva, von Schrottenbach und de Crinis. 33. Über die Anwendung der intrakutanen Luetinreaktion nach Noguchi in der Psychiatrie, von Kafka. 34. Weitere Beobachtungen über die Intrakutanreaktion mit dem Lnetin von Noguchi, von Faginoli und Fisichella. 85. Zur ambulanten Tuberkulin¬ behandlung der syphilogenen Nervenkrankheiten, von Schacherl. 36. Un signe retrospectif de la syphilis: Hyperalbnminose pure du liquide cephalorachidien, saus leucocytose et sans Wassermann, par Bloch et Vernes. 37. La s^reuse sous arachnoi'dienne eu regard de la xxxiv. 10 Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 146 syphilis, par Dind. SS. Serologische und klinische Untersuch an gen bei Syphilitikerfamilien, von Raven. 99. Biologische Reaktionen bei syphilogenen Erkrankungen des Zentralnerven¬ systems, von Nene. 40. Über die Bedeutung aer Goldsolreaktion der Spinalflüssigkeit zur Erkennung der Lues des Zentralnervensystems, von Kafka. 41. La sero-reaction d’Abder- halden dans la paralysie generale, Pepilepsie et les psychoses periodiques, par Obregia et Pitulesco. 42. The Wassermann reaction among the negro insane of Alabama, by Ivey. 48. Die Beeinflussung der Wassermann sehen Reaktion durch Paraldehydgaben, von Fuchs. 44. Beeinflussen Narkotika der Fettreihe die Wassermann sehe Reaktion? von Maats. 45. Psychiatrische Erfahrungen mit der Wassermann sehen Reaktion hinsichtlich ihrer Technik, Beurteilung und Bedeutung, von Hieronymus. III. Aus den Gesellschaften. Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien, Sitzung vom 9. Juni, 10. November und 15. Dezember 1914. I. Originalmitteilungen. [Ans der Nervenheilanstalt „Maria Theresien-Schlössel". j 1. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie. Bei Kriegsausbrach hat das Kuratorium der Nathaniel Freiherr von Roth- schild’schen Stiftung für Nervenkranke der Militärbehörde die Stiftungsanstalten für die Pflege verwundeter und kranker Offiziere und Soldaten zur Verfügung gestellt Dieses Anerbieten wurde dankend angenommen und über Wunsch der Militärbehörden der ßelagraum der Anstalten entsprechend dem steigenden Be¬ dürfnisse allmählich erweitert. In der Anstalt „Maria Theresien-Schlössel“ mit normal 66 Betten wurde durch Aufstellung neuer Betten der Belagraum auf 200 erweitert. Bei der sehr reich gehaltenen Anlage der Anstalt ist dies möglich gewesen, ohne daß die Gesellschaftssäle der Kranken oder die für Kurzwecke bestimmten Räume hätten wesentlich eingeschränkt werden müssen. Während die Anstalt anfänglich Leichtverwundete oder somatisch Kranke aufnahm, wurde später über Wunsch des Kuratoriums die Anstalt ausschließlich für die Aufnahme von Nervenkranken bestimmt. Der Vorteil, der daraus für die Militärbehörde und die Kranken erwächst, liegt anf der Hand; denn die Zahl der Nervenkranken, bzw. der Kranken mit Verletzungen des zentralen und peripheren Nervensystems ist jetzt, wie begreiflich, eine sehr große. Es hat kürzlich erst Rothmann mit Recht hervorgehoben, wie groß der Wirkungskreis des Neurologen im Kriege ist, sei es, daß es sich um Verletzungen des Nerven¬ systems und die Indikationsstellung zu chirurgischen Eingriffen handelt, sei es, daß es sich um die physikalische Nachbehandlung derselben, die psychotherapeutische Behandlung von Nervösen u. a. handelt Wir haben uns oft genug überzeugen können, daß Fälle, die bis dahin längere Zeit ohne wesentliche Besserung ihres Zustandes in anderen Spitälern sich befunden hatten, in unserer Anstalt rasch der Besserung oder Heilung zugeführt wurden. Kabplüs hat in einem Vortrage über „Granatkontusionen“ richtig betont, wie sehr die Sicherheit der Diagnose des rein funktionellen Charakters einer Störung die Behandlung und damit den Erfolg derselben beeinflußt. Uns selbst erwuchs aus der jetzigen Verwendung der Anstalt der Vorteil, Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 147 ein großes Material von Nervenkranken sehen und studieren zu können, zum Teil von Fällen, wie wir sie in der Friedenspraxis nicht oder nur selten zn sehen Gelegenheit haben. Manche der Fragen und Probleme, die uns beschäftigen, hoffen wir all¬ mählich einer gründlicheren Bearbeitung zuführen zu können. Im folgenden sollen einige interessante Fälle, die in unsere Beobachtung kamen, in Form einer Kasuistik publiziert werden; wir hoffen, daß sie auch anderwärts Interesse finden werden und vielleicht späteren Autoren von Nutzen sein können. L Brown-Sdquard’sche Lähmung mit Lähmung des Halssympathicus nach Schußverletzung. 1 Von Prof. Dr. Emil Bedlioh. Ein 24jähriger, früher gesund gewesener, hereditär nicht belasteter Mann erlitt am 18. Dezember 1914 eine Schuß Verletzung, wobei eine Gewehrkugel den Hals von hinten nach vorn sagittal durchbohrte. Er fiel um und war kurze Zeit bewußtlos; als er zu sich kam, waren alle 4 Extremitäten gelähmt. Die Lähmung der linksseitigen Extremitäten dauerte etwa 2 Tage an, worauf er sie wieder ganz normal bewegen konnte. Hingegen blieb eine Lähmung der rechten oberen und unteren Extremität zurück, die sich allmählich bis zu dem heute bestehenden Grade besserte. 3 Tage hatte der Patient auch Schluckbeschwerden. Blasen- und Mastdarmstörungen fehlten. Bei der Aufnahme am 1. Januar 1916 wurde folgender Status praesens er« hoben: Mittelgroßes, kräftig gebautes Individuum von mittlerem Ernährungszustand und gesunder Hautfarbe. Die inneren Organe ohne pathologischen Befund. Der Schädel [normal konfiguriert, ohne pathologischen Befund. Die rechte Lidspalte enger wie die linke. Der rechte Bulbus etwas zurückgesunken. Die rechte Pupille enger wie die linke, beide rund, auf Lichteinfall und Konvergenz prompt reagierend. Auf Atropineinträuflung beiderseits gleichmäßig maximale Erweiterung der Pupille, Adrenalineinträuflung bewirkt auf beiden Augen keine Reaktion. Schmerzhafte Hautreize im Gesicht bedingen beiderseits kaum eine Erweiterung der Pupillen. Augentjewegungen und Sehvermögen beiderseits gut. Ophthalmoskopischer Befund normal. Patient gibt an, daß die linke Gesichtshälfte etwas wärmer sei als die rechte und daß er nur auf der linken Gesichtshälfte schwitze. Objektiv ist eine Diffe¬ renz in der Gefäßfülle und der Temperatur in beiden Gesichtshälften nicht zu konstatieren, immerhin ergibt eine gleichzeitige Messung der Temperatur in den beiden äußeren Gehörgängen rechts 36,7 und links 37,2. Es wird auch öfters konstatiert, daß auf der linken Gesichtshälfte Schweißtropfen sich befinden, während die rechte davon frei bleibt. Nach Pilokarpininjektion (0,01) zeigt sich nach wenigen Minuten, daß auf der linken GeBichtshälfte der Schweiß in Tropfen auf- tritt; die rechte schwitzt zunächst nicht. Später schwitzt Patient am ganzen Körper. Die übrigen Hirnnerven intakt. Einschußöffnung etwas nach rechts und oben von der Vertebra prominens in Form einer oberflächlichen, leicht pigmentierten Narbe. Ausschußöffnung nahezu 1 Demonstriert in der Sitzung der Gesellschaft der Ärzte in Wien vom 8. Januar 1915. 10 * Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 148 in der Mittellinie, querfingerbreit oberhalb des Pomum Adami in Form einer linsengroßen, pigmentierten, oberflächlichen Narbe. Der laryngoskopische Befund ist normal. Die Halswirbelsäule nicht druckempfindlich, nach allen Richtungen frei beweglich. Der Halskontur beiderseits gleich. Der Röntgenbefund der Hals- Wirbelsäule läßt keine sicheren Veränderungen nachweisen. Die Funktion der Hals- und Nackenmuskulatur ungestört. Die Schulter¬ gegend beiderseits gleich ausgebildet. Der Umfang des rechten Vorderarms 24,5 cm, des linken 25 om. Der rechte Arm kann nach vorn und nach der Seite nur wenig über die Horizontale ge¬ hoben werden. Die dabei aufgebrachte Kraft ist gering. Aktive Bewegung im Ellbogengelenk in vollem Umfang, aber mit geringer Kraft, die Streckung daselbst nur mit stark verminderter Kraft möglich; ebenso Pronation und Supination. Patient kann das Handgelenk in normalem Unfang, aber mit stark herabgesetzter Kraft aktiv strecken. Handbeugung unmöglich, beim Versuch hierzu tritt leichte Radialflexion auf. Die Finger werden in der Grundphalange leicht, in den übrigen Phalangen stärker gebeugt, der Daumen leicht adduziert und gebeugt gehalten. Leichte Atrophie des Thenar und des Antitbenar, sowie der Interossei. Aktive Fingerbewegungen unmöglich. Passiv lassen sich die Finger leicht nach allen Richtungen bewegen. Die Beweglichkeit der linken oberen Extremität un¬ versehrt. Die elektrische Untersuchung ergibt in der Muskulatur der rechten oberen Extremität bei faradischer und galvanischer Reizung leichte quantitative Herab¬ setzung, im Thenar und Antitbenar partielle Entartungsreaktion. Die Sehnenreflexe der linken oberen Extremität schwach, rechts etwas leb¬ hafter. Hier auch leichter Skapular- und Radiusrgflex. Beim Husten und dem Versuch sich aufzusetzen kontrahiert sich die Bauch¬ muskulatur beiderseits gleich. Das Aufsetzen aus liegender Stellung erfolgt mit kräftiger Unterstützung der linken oberen Extremität. Parese der rechten unteren Extremität, wobei die Streckung im Kniegelenk und die Plantarflexion des Fußes mit stärkerer Kraft erfolgen als die entsprechende antagonistische Bewegung. Deutliche Spasmen fehlen. Beim Gehen wird das rechte Bein leicht zirkumduziert und schleift etwas am Boden. Deutlich ist dies beim Zurückgehen und beim Flankengang. Stehen auf dem linken Bein allein erfolgt besser als auf dem rechten. Der rechte Patellaraehnenreflex deutlich lebhafter wie der linke, kein Patellarklonus. Der rechte Achillessehnenreflxe lebhafter wie der linke, rechts leiohter Fußklonus, der links fehlt. Bauchreflexe links lebhaft, rechts fehlend. Kremasterreflex links +> rechts 0. Fußsohlenstreichreflex links schwach, rechts 0. Rechts deutlich Babinskisches Phänomen, rechts fehlend. Trophische Störungen an den Extremitäten fehlen, hingegen finden sich Störungen der Hautsensibilität für alle Qualitäten an der rechten Hand und an der linken Rumpfhälfte etwa von D 4 nach abwärts und an der linken unteren Extremität, wobei sie an den proximalen Abschnitten deutlicher sind wie an den distalen. Störung der tiefen Sensibilität ist weder an der rechten oberen, noch an den unteren Extremitäten deutlich nachweisbar. Patient klagt dauernd über vom Halse in die rechte obere Extremität aus¬ strahlende Schmerzen. Auch bestehen Parästhesien in der rechten Hand. Im weiteren Verlauf bleibt zunächst der Zustand unverändert, nur ist die Grenze der Sensibilitätsstörung an der linken Rumpfhälfte für taktile Reize nach abwärts gerückt, während die Herabsetzung der Temperaturempfindung und der Schmerzempfindung im früheren Umfang bestehen bleibt; von D 4 bis D 12 findet sich Hyperalgesie. Patient kann jetzt, wenn auch mit geringer Kraft, das linke Handgelenk beugen, auch sind leichte Fingerbewegungen möglich geworden. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN 149 Die Symptome, die unser Kranke darbietet, lassen sich leicht gruppieren. Wir haben einerseits die Lähmung mit leichter Atrophie der rechten oberen Extremität, speziell die flandbeuger und die kleine Fingermuskulatur betreffend, die Sensibilitätsstörung an der rechten Hand und dazugehörig die Lähmung des rechten Halssympathicus. Das gibt das bekannte Symptomenbild, wie es bei unterer Plexuslähmung (Dejerine-Klumpkescher Lähmung) oder bei Läsion der 8. Zervikal- bzw. der 1. Dorsalwurzel vorkommt. Dann finden wir bei unserem Kranken einen Brown-Söquardschen Symptomenkomplex, Parese des rechten Beines mit den Charakteren der Pyramidenläsion und Sensibilitätsstörung links am Rumpfe und der linken unteren Extremität. Da letztere bis etwa zu D 4 hinauf¬ reicht, und wir die Läsionsstelle im Rückenmark 2 bis 8 Segmente höher ver¬ legen müssen, so haben wir eine leichte Läsion der rechten Rückenmarkshälfte in der Höhe des 1. bis 2. Dorsalsegments vorausznsetzen. Ziehen wir die Lage der Einschußöffnung am 7. Halswirbel heran, so ist die Annahme naheliegend, daß das Projektil hier den Wirbelkanal an der rechten Seite durchsetzt hat und die 8. Zervikal- und 1. Dorsalwurzel, welch letztere den Ramus communicans mit den Fasern zum Halssympathicus anfnimmt, betroffen, wahrscheinlich freilich nicht völlig durchschlagen hat und dabei die rechte Rückenmarkshälfte in dieser Höhe gestreift hat Für eine relativ leichte Schädigung spricht der Umstand, daß sowohl die Lähmung der rechten unteren Extremität, wie die Sensibilitäts¬ störung links nur wenig ausgesprochen sind, und jetzt schon eine gewisse Besserang zu verzeichnen ist. Auffällig ist nur, daß der Röntgenbefund an der Halswirbelsäule keine deutliche Verletzung aufweist. Das sohließt aber meines Erachtens eine solche nicht aus. Immerhin wäre auch an die Möglichkeit zu denken, daß die Wurzeln erst unmittelbar an der Austrittsstelle aus dem Wirbel¬ kanal betroffen wurden, und die Rückenmarksverletzung mehr indirekt durch das Aufschlagen des Projektils an den Wirbelkörper erfolgte. Auf diese Möglich¬ keit hat Hofrat Paltauf in einer Diskussionsbemerkung anläßlich der Demon¬ stration meines Falles bingewiesen. Jedoch ist letztere Annahme weniger wahr¬ scheinlich, wenn man die scharf umschriebenen Symptome und die sagittale Verlaufsrichtung des Schußkanals, nahezu in der Mittellinie, in Betracht zieht. Der Symptomenkomplex, wie .wir ihn eben beschrieben haben, dürfte nicht allzu selten zur Beobachtung kommen; dafür spricht der Umstand, daß ich noch einen zweiten ähnlichen Fall, freilich mit intensiverer Ausbildung der Symptome, in Beobachtung habe. Bei der exponierten Lage des Halses sind natürlich Halsschüsse und Läsionen des Halsmarks nicht selten. Ist die von uns nam¬ haft gemachte Lokalität betroffen, dann muß bei halbseitiger Einwirkung der in unserem Falle beobachtete Symptomenkomplex zur Ausbildung kommen. Darum sei der Fall hier kurz beschrieben, zumal er zeigt, wie ein Scbuß mit einer eminent gefährlichen Verlaufsrichtung unter glücklichen Umständen doch nur ein relatives Minimum an Symptomen bedingt. Digitized by Go igle Original fro-m UMIVERSITY OF MICHIGAN 150 2. Über Polyneuritis, als Begleiterscheinung nervöser Erschöpfungszustände im Kriege. Von Prof. L. Mann in Breslau. Unter meinem nicht allzu ausgiebigem kriegsneurologischen Material, welches zum Teil aus meiner Tätigkeit in einer Festungslazarett-Abteilung (St. Georgs- Krankenhaus), zum anderen Teil aus meiner Privatpraxis stammt, ist mir das verhältnismäßig häufige Vorkommen von Neuritiden (sowohl Mono- wie Poly¬ neuritiden) aufgefallen. Besonders eine Form scheint mir charakteristisch, vielleicht bis zu einem gewissen Grade spezifisch zu sein, nämlich eine mehr oder weniger ausgedehnte Poly neuritis, die als Begleiterscheinung allgemeiner nervöser Erschöpfungs¬ zustände auftritt, eine Form, die man vielleicht als „Polyneuritis neurasthenica“ bezeichnen könnte. (Es ist wohl nicht nötig zu bemerken, daß durch diese Be¬ zeichnung nicht etwa die Polyneuritis als direkte Manifestation der Neurasthenie bezeichnet werden soll, sondern als eine die Neurasthenie begleitende und in ge¬ wissem Zusammenhang mit ihr stehende Krankheitserscheinung, ebenso wie wir etwa von einer Polyneuritis tuberculosa sprechen.) Daß man unter dem Kriegsmaterial häufig Mononeuritiden zu sehen be¬ kommt, ist in Anbetracht der im Felde so intensiv wirkenden rheumatischen Schädlichkeiten wohl nicht zu verwundern. Ischias von schwerer neuritiscber Form, Trigeminusneuralgie und andere Formen der Neuritis und Neuralgie treten natürlich bei dazu Disponierten im Anschluß an die Einwirkungen des Krieges häufig auf. Auffallend schien mir aber das wiederholt beobachtete Auf¬ treten von ausgedehnten Polyneuritiden, und zwar in solchen Fällen, in welchen die üblichen Ätiologien (Alkohol, Lues, Diabetes usw.) vollständig auszuschließen waren. Neben mehreren weniger ausgeprägten Fällen habe ich vier sehr charak¬ teristische Fälle beobachtet, welche soviel Übereinstimmung zeigten, daß sie wohl besonders erwähnt zu werden verdienen. In allen vier Fällen handelt es sich, wie gesagt, um schwere neurasthenische Erschöpfungszustände, die kombiniert waren mit einer ausgedehnten Polyneuritis sensibler Nerven. Die Patienten waren: ein Hauptmann, ein Leutnant, zwei Offiziersstellvertreter. Sämtlich ließen sie in ihrer Vorgeschichte eine gewisse nervöse Disposition er¬ kennen, jedoch nur mäßigen Grades. Es waren in früheren Jahren nervöse Erkrankungen, offenbar von neurasthenischer Form vorangegangen, die jedoch durch kurze Erholungszeiten wieder ins Gleichgewicht gebracht wurden; jeden¬ falls so, daß die Patienten nicht wesentlich bei der Ausübung ihres bürgerlichen Berufs (Bürgermeister, Referendar, kaufm. Direktor, Bürobeamter) gehindert waren und in gutem Gesundheitszustände bei der Mobilmachung in den Kriegs¬ dienst eintreten konnten. In allen vier Fällen trat nach sehr großen Strapazen und psychischen Er¬ regungen, zum Teil auch nach langdauernder Unterernährung (in einem Falle ging ein schwerer Magen- und Darmkatarrh voran), ein Zustand schwerer Er- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSfTY OF MICHIGAN 151 schöpfang auf, welcher das typische neurasthenische Bild bot: Abnahme des Körpergewichts, körperliche and geistige Ermüdbarkeit, Schlaflosigkeit, Gefühl der Leistungsonfähigkeit, deprimierte Stimmnngslage, Kopfdruck und ähnliche Beschwerden. Die objektive Untersuchung ergab den bei Neurasthenie üblichen geringfügigen Befund: lebhafte Reflexe (nur in einem Falle abgeschwächte Patellarreflexe, worüber später), leichten Tremor, Lidflattem, beschleunigten labilen Puls, psychisch eine gewisse Verlangsamung und Hemmung u. ähnl. Auf die Einzelheiten dieser Symptomenreihe kommt es hier nicht an. Das wesentliche waren die begleitenden Symptome einer mehr oder weniger ausgebreiteten, auf verschiedene Nervengebiete sich erstreckende Polyneuritis, und zwar spielten sich diese polyneuritischen Erscheinungen ausschließlich auf sensiblem Gebiet ab, während motorische Lähmungserscheinungen völlig fehlten. Höchstens wäre eine in dem einen Fall beobachtete anfängliche Abschwächung der Patellarreflexe zu erwähnen, jedoch war dieselbe wahrscheinlich nicht auf die Neuritis zu beziehen, sondern als Erschöpfungsphänomen zu deuten, wofür besonders der Umstand sprach, daß sie sich schneller zurückbildete, als die eigentlichen neuritischen Symptome. Letztere bestanden im wesentlichen in sensiblen Reiz- und Ausfallserschei¬ nungen, und zwar äußerten sich die ersteren mehr in Parästhesien (Kribbeln und Vertaubungsgefühl), wie in Schmerzen. Letztere traten nur in einem Falle in größerer Heftigkeit in einzelnen Nervengebieten anf. Es fand sich ferner eine typische Druckempfindlichkeit der Nervenstämme, und zwar war dieselbe am ausgesprochensten am Plexus brachial», an den Nervenstämmen im Sulcus bicipitalis, am N. peroneus, ulnaris, cutaneus femoris externus. Die sensiblen Ausfallserscheinungen zeigten sich in typischer Weise auf die bekannten Gebiete der befallenen Nerven abgegrenzt; es war überwiegend die Schmerz- und Tem¬ peraturempfindlichkeit betroffen, aber auch die Berührungsempfindlichkeit war teilweise aufgehoben, teilweise herabgesetzt In einzelnen Nervengebieten bestand an Stelle der Hypästhesie auch eine Hyperästhesie. Von den einzelnen Nerven war am häufigsten der N. cutaneus femoris ex¬ ternus betroffen, in zwei Fällen doppelseitig, in zwei Fällen einseitig, dann der Ulnaris, der Cutaneus surae lateralis (peroneus communis), der Peroneus pro- fundus, der Cutaneus brachii lateralis und posterior, ferner auch in einzelnen Fällen ein Intercostalis und Lumbalis. In einem Falle war der Cutaneus femoris externus, Peroneus, Ulnaris beiderseits ganz symmetrisch betroffen, in den anderen Fällen fand sich eine auf beiden Seiten ungleichmäßige Verteilung, ein Fall zeigte nur einseitige Symptome; motorische Gebiete waren, wie gesagt, nicht befallen. Der Verlauf war in allen Fällen, soweit er bisher beobachtet werden konnte, langwierig. Die sensiblen Reizerscheinungen gingen allmählich parallel mit dem Nachlassen der neurasthenischen Erscheinungen zurück. In einem Falle traten die bereits wesentlich gebesserten Parästhesien und Schmerzen wieder hervor, nachdem der Patient zu zeitig seinen Dienst wieder aufgenommen hatte. Er mußte sich daher nochmals krank melden. Die Sensibilitätsstörungen blieben Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 162 trotz zeitweiser subjektiver Besserung während der ganzen Beobachtungszeit, die sich in einigen Fällen schon über einige Monate erstreckt, bestehen, trotz der subjektiven Besserung. Therapeutisch wirkte zunächst die Ruhigstellung, die ja in Rücksicht auf die Neurasthenie so wie so angeordnet wurde, günstig, im übrigen hatten lauwarme Bäder, sedative und antineuralgische Mittel, Galvani¬ sation, auch Faradisation der anästhetischen Bezirke, einen symptomatisch bessernden Einfluß. Die vorstehend skizzierten Polyneuritisfälle dürften meiner Ansicht nach pathogenetisch auf eine Stufe zu stellen sein mit den Fällen von Polyneuritis, die wir bei dyskrasischen Zuständen, bei Karzinomatose, Tuberkulose, Diabetes, sowie im Greisenalter kennen. Die allgemeine Erschöpfung, die Schädigung der gesamten Konstitution durch die Strapazen und Entbehrungen scheint hier in zwei Richtungen gewirkt zu haben, in der Auslösung einer Neurasthenie einer¬ seits und einer Schädigung peripherer Nerven andererseits. In diesem Sinne kann man ja wohl das Entstehen einer Polyneuritis auf der Basis einer Neur¬ asthenie bzw. im Zusammenhänge mit dieser verständlich finden. Auffallend schien mir jedoch, daß mir bisher bei den zahlreichen Neurastheniefällen, die ich in Friedenszeiten zu sehen Gelegenheit hatte, eine derartig ausgesprochene Polyneuritis, soweit mir erinnerlich ist, nicht vorgekommen ist; ich finde auch in den zusammenfassenden Darstellungen der Neuritis und Polyneuritis in der Literatur die Neurasthenie als Grundlage der Polyneuritis nicht erwähnt. Vielleicht bietet hier der Krieg eine besondere Kombination von ätiologischen Faktoren dadurch, daß sich mit dem Einflüsse schwerster körperlicher und psychischer Erschöpfung sehr oft ausgiebige rheumatisohe Schädlichkeiten verbinden. Wie dem auch sei, die Fälle scheinen mir einiges praktische Inter¬ esse zu beanspruchen, einmal deswegen, um in ähnlichen Fällen zu einer genauen Beachtung der Art und Ausbreitung der Schmerzen und Parästhesien und zu einer eingehenden Untersuchung der Sensibilitätsverhältnisse aufzufordern, da ja die Verwechslung -mit rein psychogen bedingten Schmerzen bei diesen Neur¬ asthenikern sehr nahe liegt; und zweitens auch deswegen, weil derartige neuri- tische Erscheinungen erfahrungsgemäß sehr hartnäckige und zu Rezidiven ge¬ neigte sind. Es kann also sehr wohl kommen, daß späterhin, in Friedenszeiten, die betreffenden, von einer Polyneuritis befallenen Patienten noch Beschwerden und Rückfälle ihrer Krankheit zu erleiden haben, und es wird dann von Wichtig¬ keit sein, den Beginn der Erkrankung rechtzeitig festgestellt zu haben. Aus der neuesten Kriegsliteratur erwähne ich nur eine Bemerkung von Hezel 1 , nach welcher Polyneuritiden von überwiegend sensibler Form im Kriege unter der Hilfsursache der Erkältung und Durchnässung häufig Vorkommen. Im übrigen schließe ich mich dem von Oppenheim kürzlich getanen Ausspruche an, daß ..wir jetzt zu Literaturstudien keine Zeit haben“. 1 Medizin. Klinik. 1914. Nr. 45. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 153 3. Über isolierte Thermanalgesie eines Beines nach Schußverletznng des obersten Brustmarks. 1 Von Max Rothmann. Bei der ausgedehnten Diskussion über die Kriegsverletzungen des Nerven¬ systems in den vereinigten ärztlichen Gesellschaften zu Berlin a sind auch die Schu߬ verletzungen des Rückenmarks eingehend behandelt worden. Dabei konnte ich darauf hinweisen, daß es häufig zu außerordentlich weitgehender Restitution der Rückenmarksfunktionen kommt, selbst in einer Reihe von Fällen, die anfangs das klinische Bild der totalen Querschnittsläsion darbieten. In seinem Schlußwort sprach Herr Lewandowskv sein Erstaunen über diese meine Beobachtungen aus und betonte, daß er selbst nur einen solchen Fall gesehen habe. Die größere Häufigkeit meiner einschlägigen Beobachtungen erklärt sich wohl aber ungezwungen daraus, daß ich in den letzten Monaten ein besonders großes Material an etwa 30 Reserve- und Vereinslazaretten zu beobaohten Gelegenheit hatte. Auch heute bin ich in der Lage, einen einschlägigen Fall zu demonstrieren. Derselbe gibt zugleich eine interessante Demonstration zu dem von mir gemachten Vorschlag, die unerträglichen Schmerzen bei Patienten mit schweren Verletzungen der unteren Körperhälfte durch einen kleinen Schnitt im Vorderseitenstrang des mittleren Brustmarks zu beseitigen. Der Patient ist ein 22jähriger Kriegsfreiwilliger, der am 4. November 1914 bei Dixmuiden durch einen Granatsplitter in die linke Fossa supraclavicularis etwa 12 cm von der Mittellinie verwundet wurde. Es handelt sich um einen Steckschuß. Wie die Röntgenaufnahme (Kgl. Chirurg. Universitätsklinik) zeigt, liegen zahlreiche Gesohoßsplitter von Erbsen- bis Stecknadelkopfgröße in der Höhe des 1. bis 2. Brustwirbels am Ansatz der linken 1. und 2. Rippe; die linksseitigen Querfortsätze des 1. und 2. Brustwirbels sind nicht deutlich erkennbar. Die Splitter liegen vom Jugulum des Brustbeins aus etwa 11,5 cm tief. Unmittelbar nach dem Schuß hatte Patient die Empfindung, als wenn ihm der Unterkörper vollkommen abgetrennt wäre. Beide Beine waren sofort gelähmt, der linke Arm war sehr schwach mit hochgradigem Taubheitsgefühl in der linken Hand. Es bestand dauernder Urindrang; Patient konnte den Urin nicht halten, bemerkte aber nicht, wenn er abging. Der Stuhlgang war völlig angehalten. In dieser Weise blieb der Zustand 3 Tage lang, dann stellte sich ziemlich rasch die Be¬ weglichkeit des rechten Beins wieder her. Auch der linke Arm war nach drei Tagen normal beweglich, nur blieb ein taubes Gefühl im kleinen Finger zurück. Blase und Mastdarm funktionierten nach 8 Tagen wieder normal. Das linke Bein blieb 14 Tage lang vollkommen gelähmt, dann begann allmählich die aktive Be¬ weglichkeit bis auf eine geringe Schwäche des Beines wiederzukehren. Außerdem bestand ein knebelndes Gefühl in der oberen Brust- und Rückengegend, Ende Dezember kam Patient nach Berlin in das Vereinslazarett Paulsborner- straße 4 (Sanitätsrat Dr. Barrach). Hier bemerkte Patient, als er in ein Bad mit dem rechten Bein zuerst hineinstieg, daß er die Temperatur des Wassers absolut nicht empfand. 1 Nach einer Demonstration in der Berliner medizinischen Gesellschaft, Sitzung vom 3. Februar 1915. * Neurolog. Centralbl. 1915. Nr. 1, 8 u. 4. Digitized by Go igle ✓ Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 154 Die am 15. Januar 1915 vorgenommene Untersuchung ergab eine völlig normale Beweglichkeit von Kopf, Rumpf und oberen Extremitäten. Auch beide untere Extremitäten sind völlig normal beweglich; nur zeigt das linke Bein eine geringe Herabsetzung der motorischen Kraft. Dasselbe wird beim Gehen leicht geschont, ohne daß Patient bei längerem Gehen ermüdet. Es besteht keine Ab¬ magerung des linken Beines, keine Spur einer Ataxie. Die Sehnenreflexe sind an beiden Beinen leicht gesteigert; am linken Bein Babinskischer Zehenreflex + , desgleichen Fuß- und Patellarkloriüs. Plantar- und Kremasterreflex erhalten, Bauchdeckenreflex rechts links —. Scheitelohrkinnlin ie Halsarmgrenzlinie Halsrumpfgrenzlinie Interm amillarlin ie Ford. Axiallinie der ob. Extr Xiphoidlime Nabcllinie Rumpfbeingrenzlinie Innere Axiallinie der unt. Extr. Außere Axiallinie der unt. Extr. 4 as Thermanästhesie • = Dysalgesie. Sensibles Rückenmarkaschema nach Flatau. Datum : 30. Januar 1915. Sensibilitätsuntersuchung. Die Berührungsempfindung ist am ganzen Körper völlig normal, ebenso das Druckgefühl. Auch die Lageempfindung zeigt keinerlei Störung, auch nicht am linken Bein. Bei der Prüfung der Schmerz¬ empfindung ergibt sich, daß dieselbe am ganzen Körper völlig normal ist; nur am rechten Bein bis zwei Querfingerbreit oberhalb der Inguinalfurche und im hinteren Teil bis zum oberen Rand der Glutäalgegend empfindet Patient die Stiche nicht als Schmerz, sondern als brennendes, von starkem Jucken begleitetes Gefühl, das einige Zentimeter um die Reizstelle herum empfunden wird. Dabei werden die Stiche im wesentlichen richtig lokalisiert. In der gesamten Uro¬ genitalgegend sind auf der rechten Hälfte die gleichen Störungen nachweisbar. Bei der Prüfung des Temperatursinns werden kalt und warm ungefähr in den gleichen Grenzen am rechten Bein und in der rechten Urogenitalgegend Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSSTY OF MICHIGAN absolut nicht wahrgenommen. Bei Prüfung mit siedend heißem Wasser treten die oben erwähnten Schmerzreaktionen auf. In einer kreisförmigen Zone von etwa 2 cm Breite oberhalb der völligen Thennanästhesie besteht eine leichte Herabsetzung des Temperatursinns ausschließlich im Bereich der Empfindung für warm. Am übrigen Körper ist der Temperatursinn völlig normal; nur am linken kleinen Finger besteht eine Aufhebung der Empfindung für warm und eine starke Herabsetzung der Empfindung für kalt. Es besteben keine vasomotorischen Störungen an den Extremitäten. Bei der Atmung macht sich bei tiefer Inspira¬ tion ein leichtes Zurückbleiben der beiden oberen linksseitigen Interkostalräume bemerkbar. Beide Pupillen sind mittelweit, gleichgroß und reagieren normal. Bei einer Untersuchung am 30. Januar ergibt sich, das der gesamte Befund, vor allem auch in bezug auf die obere Grenze der Thermanalgesie, völlig unverändert geblieben ist (s. Schema). Es handelt sich in dem vorliegenden Fall um eine Aufhebung des Tempe¬ ratursinus und um die als „Dysästhesie“ beschriebene Veränderung der Schmerz¬ empfindung im Gebiete des gesamten rechten Beines bis herauf zur Grenze zwischen 12. Dorsal- und 1. Lumbalsegment. Am linken Bein ist nur eine sehr geringe motorische Schwäche ohne Bewegungsbehinderung bei positivem Babinski und Faß- und Patellarklonus vorhanden. Es besteht ferner eine Thermanästhesie des linken kleinen Fingers und eine Schwäche im Gebiet der obersten links¬ seitigen Interkostalmusknlatur. Der Röntgenbefund ergibt mit Sicherheit, daß die in der linken Snpraclaviculargrnbe eingedrungenen Geschoßsplitter dicht neben dem 1. und 2. Brustwirbel liegen und deren linksseitige Querfortsätze beschädigt haben. Es läßt sich aus dem Röntgenbild nicht feststellen, ob Ge¬ schoßteile in das Innere des Wirbelkanals eingedrungen sind. Jedenfalls ist die völlige funktionelle Querschnittsunterbrechung des Rückenmarks, wie sie in den ersten 3 Tagen nach der Schuß Verletzung bestand, lediglich auf die starke Rückenmarkserschütterung und nioht auf eine direkte Querschnittsläsion zu be¬ ziehen. Das beweist ja schon die rasche Rückbildung der Ausfallserscheinungen bereits 3 Tage nach der Verletzung. Linker Arm und rechtes Bein kehrten in wenigen Tagen zu völlig normaler Motilität zurück; aber auch im linken Bein waren die ersten aktiven Bewegungen bereits nach 14 Tagen bemerkbar. 2 Monate nach der Verletzung zeigten nur noch die pathologischen Reflexe am linken Bein, daß hier eine stärkere Seitenstrangläsion bestanden haben mußte. Als dauernde Ausfallserscheinung blieben bis etwa 3 Monate nach der Läsion im wesentlichen die sensiblen Ausfallserscheinungen am rechten Bein zurück. Die völlige Thermanästhesie desselben, zumal in Verbindung mit den lange dauernden motorischen Störungen des linken Beines, weist mit Bestimmtheit auf eine Leitungsunterbrechung im Gebiet des linken Vorderseitenstrangs hin. Auf¬ fällig ist dabei, daß gegenwärtig keine absolute Analgesie besteht, wie sie in der Regel bei derartigen Läsionen mit der Thermanästhesie kombiniert ist. Doch gibt Patient mit Bestimmtheit an, daß er keinen eigentlichen Schmerz empfindet, sondern nur ein brennendes Kitzeln in der Umgebung der Nadelstiche. Diese Dysästhesie ist wiederholt, zuerst von Chabcot, bei spinalen Läsionen, vor allem bei Stich Verletzungen des Rückenmarks, beschrieben worden. Fabbitius, der selbst einen derartigen Fall in der ZiBHEN’schen Klinik beobachtet und die Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 156 einschlägigen Beobachtungen aus der Literatur zusammengestellt hat, sucht diese Dysästhesie durch eine funktionelle Restitution der unterbrochenen Schmerz¬ sinnesbahn im Vorderseitenstrang mit Hilfe der grauen Substanz zu erklären, indem er sich auf meine eigenen Tierversuche und Analysen der Stichverletzungen des Rückenmarks bezieht. Für das Querschnittsniveau, in welchem in unserem Fall die Rückenmarks¬ läsion stattgefunden hat, haben wir ein sicheres Anzeichen in der Thermanästhesie des linken kleinen Fingers in Verbindung mit der leichten Schwäche der linken obersten Interkostalmuskeln. Es weisen diese Ausfälle auf das 1. bis 2. Dorsal¬ segment hin. Wenn nun die Thermanalgesie rechts nur das Bein bis zur Höhe des 1. Lumbalsegments befallen hat, und zwar, wie es sich nach der zweimaligen Untersuchung zeigt, in jetzt konstanter Ausdehnung, so müssen wir annehmen, daß nicht der gesamte Querschnitt der linken Schmerz- und Temperatursinn¬ bahn zerstört ist, sondern nur der laterale Abschnitt derselben, in dem ja nach dem Gesetz der exzentrischen Lagerung der langen Bahnen die Fasern für die unteren Körperabschnitte gelegen sein müssen. Was nun die Frage der Dys¬ ästhesie betrifft, so erscheint es nach unseren sonstigen Erfahrungen beim Menschen ausgeschlossen, daß in dieser kurzen Zeit etwa schon der Vorderseiten¬ strang der anderen Seite kompensierend eingetreten ist, zumal auch jedes Sym¬ ptom der Allocheirie vollkommen fehlt Es erscheint mir auch nicht wahr¬ scheinlich, daß eine völlige Umleitung durch die graue Sabstanz stattgefunden hat; vielmehr muß man annehmen, daß hier eine schwere Schädigung, aber keine völlige Unterbrechung der Schmerzsinnesbabn vorliegt, die zwar die Leitung der Schmerzreize noch gestattet, aber in ihrer Qualität wesentlich verändert hat. Damit kommen wir zu der Frage, was für eine Läsion in dem vorliegenden Fall stattgefunden hat. Nehmen wir eine direkte Läsion des Rückenmarks an, so kann es sich nur um eine schmafe Randläsion im linken Vorderseitenstrang in der Höhe des 1. und 2. Brustsegments mit leichter Mitschädigung des Hinter¬ seitenstrangs und der grauen Substanz der linken Rückenmarkshälfte handeln. Wahrscheinlicher ist es aber, daß die spinale Schädigung nicht durch eine direkte Rückenmarksverletzung bedingt ist, sondern als Folge der starken Kontusion des Rückenmarks aufgetreten ist. Der Fall erinnert außerordentlich an einen von Gowebs berichteten Fall von Schußverletzuug, auf Grund dessen er zum erstenmal die Beziehungen des Tractus anterolateralisascendens zur Schmerzempfindung feststellen konnte. Hier war infolge eines Schusses vom Munde aus ein kleiner Knochensplitter gegen das obere Halsmark getrieben worden, und es bestand eine hämorrhagische Infiltration im Gebiet des vorderen Seitenstrangs und der grauen Substanz, die zum völligen Verlust der Scbmerzempfindung auf der ge¬ kreuzten Seite geführt hatte. Auch in unserem Falle wird man entweder die Folgen einer Hämorrhagie oder eine Nekrosebildung in dem der Schußverletzung unmittelbar benachbarten Teil des Rückenmarks annehmen müssen. Weiterhin stellt aber der hier berichtete Fall ein ausgezeichnetes Beispiel dar für die praktische Verwertbarkeit des von mir wiederholt gemachten Vor¬ schlags, durch die „physiologische“ Operation der Durchschneidung eines oder Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 157 beider Vorderseitenstränge des Rückenmarks unerträgliche Schmerzen der unteren Körperhälfte zu beseitigen. Wie in einem Fall von Spillbb und Mäbtin die Analgesie durch doppelseitige Yorderseitenstrangdurchtrennung herbeigeführt wurde und in einem Fall vonFöBBTBB die Analgesie der linken Körperüälfte durch Durch¬ trennung des rechten Vorderseitenstrangs im oberen Brustmark ohne eine Parese erzielt werden konnte, so hat hier die durch Schuß Verletzung bedingte Vorder¬ seitenstrangsläsion im obersten Brustmark nach anfänglicher schwerster Auf¬ hebung der Gesamtfunktion der unteren Körperhälfte schließlich auch das reine Bild der gekreuzten Thermanalgesie ohne gleichseitige Lähmung zustande ge¬ bracht Der Fall wird uns daher ermutigen, diese isolierte Durchtrennung des Vorderseitenstrangs in geeigneten Fällen ohne Bedenken auszuführen. II. Referate. Kriegsbeobachtungen. • 1) Warum hassen uns die VölkerP von Magnus Hirschfeld. (Bonn, A. Marcus & E. Weber, 1915. 43 S.) Ref.: Kurt Mendel. Volkspsychologische Studie. Der erste wichtige psychische Grund deB Deutschen¬ hasses ist die Suggestion, die durch Zeitungen usw. künstlich gezüchtet worden ist Diese Suggestion fand einen günstigen Nährboden in der falschen Vorstellung und dem mangelnden Verständnis von der Eigenart des deutschen Volkes. Hinzu kam der Neid und die Mißgunst der feindlichen Nationen, insbesondere der Eng¬ länder. „Das Deutsche Reich, das unsere Feinde zu bekämpfen glauben, und das Deutsche Reich, das sie tatsächlich bekämpfen, sind zwei grundverschiedene Dinge. Ihre Feindseligkeit richtet sich gegen ein Barbarenvolk, das gar nicht existiert, gegen ein Phantasieprodukt, eine Vision, gegen einen Schemen — und um dieses Phantoms willen blutet Deutschlands und Österreichs Blüte, und, wir dürfen es ruhig, ohne uns etwas zu vergeben, sagen, auch die Blüte der französischen, englischen, belgischen und russischen Nation, in Schlachten, deren Höllenschrecken zu schildern die menschliche Sprache zu arm ist.“ • 2) Krieg und Seelenleben, von Prof. Dr. A. Hoohe. (Freiburg i/B. u. Leipzig, Speyer & Kaerner, Univeraitätsbuchhandlung, 1915. Preis: 90 Pfg.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Nach Vergleichen mit den Ziffern früherer Kriege, besonders den erheblichen Steigerungen von Geisteskrankheiten im Kriege 1870/71, dann in Südwestafrika und der hohen Zahl von Alkoholpsychosen unter den russischen Offizieren, kommt Verf. zu dem Ergebnis, daß den Kriegspsychosen eine besondere Form von geistigen Storungen nicht zukommt. Wenn auch ungewöhnliche Eindrücke, wie z. B. bei den in den ersten Tagen des Krieges viel beobachteten Mobilmachungspsychosen Personen mit labilem Gleichgewicht erheblich beeinflussen, so können doch diese Ursachen nie als Entstehung von Geisteskrankheiten gelten; ein reifer, geistig ge¬ sunder Mensch kann durch Gemütsbewegungen allein nicht geisteskrank werden. Ein gewisser Ausgleich liegt in dem besonders auf der erfolgreichen Seite vor¬ handenen erhöhten Tonus und in den aus der Elektrotechnik passend übernom¬ menen psychischen Sicherungen. Jedem Organismus ist eine Schutzgrenze der Aufnahmefähigkeit von äußeren Eindrücken gegeben. Was wir landläufig Ge¬ wöhnung nennen, ist die Wirkung der psychischen Sicherungen, die alles, was ein bestimmtes Maß der Erregungsgröße überschreitet, abschwächt oder wirkungslos Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 158 abprallen läßt. Verf. erwähnt dann kurz die bei großer geistiger Erregung stete beobachtete Zunahme von Geisteskrankheiten entgegen einer Abnahme der Selbst¬ morde sowie der nervösen Dauererfolge und bekämpft die Ansioht einer Degene- rierung in Deutschland an Hand der einheitlichen Schwingung unserer Mannes- seele zu Beginn des Krieges. Die Lektüre der gedankenreichen Schrift sei angelegentlich empfohlen. 3) Zur Behandlung von Hirnprolaps nach Sohftdeldefekten, von Dr. Oscar Orth. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 1.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Verf. schlägt vor, alle Patienten mit schweren Schädeldefekten, die zu Gehirn- prolapsen geführt haben, sofort prophylaktisch zu decken, um einer Blutung und Infektion nach Möglichkeit vorzubeugen. Sollte der Lappen sich später abstoßen, so kann in einem gut eingerichteten Krankenhaus eine weitere plastische Operation in Frage kommen. 4) Über die operative Behandlung der Büokenmarksverletzungen im Feld¬ lazarett, von Dr. Noete. (Deutsche med. Wochenschrift. 1915. Nr. 1.) Bef.: Kurt Mendel. Verf. berichtet über 20 Wirbel Verletzungen. Zwei besserten sich ohne Ope¬ ration, neun starben an verschiedenen Komplikationen ohne Operation. Von neun Operierten besserten sich zwei, so daß die Hoffnung auf Wiederherstellung ihrer Gehfähigkeit besteht; einer besserte sich, nachdem ein Abszeß eröffnet WAr; einer besserte sich, doch blieb die Lähmung wenig verändert; drei blieben unverändert, einer starb an Meningitis, einer an Atemlähmung (Zertrümmerung des unteren Halsmarks mit aufsteigender Erweichung.) Verf. hält die prinzipielle Frühoperation der Rückenmarksverletzungen für berechtigt. Die Laminektomie sollte am 3. Tage nach der Verletzung im Feld¬ lazarett ausgeführt werden. 5) Über Tetanus bei Kriegs verwundeten, von Madelung. (Münchener med. Wochenschrift. 1914. Nr. 52.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. berichtet über das Ergebnis einer Sammelforschung. Es wurden 174 Fälle von Tetanus aa 6,6°/ 00 der Verwundeten beobachtet. Auch nach Gewehrverletzungen trat Behr oft Tetanus auf, während sonst das Leiden meist durch Artilleriegeschosse herbeigeführt wurde. Meist waren die unteren Extremitäten verletzt. Von 166 Patienten starben 116, während 51 genasen. 21 Verwundete erkrankten, ob¬ gleich sie prophylaktisch geimpft worden waren; von den prophylaktisch Geimpften starben 14. In allen Fällen von Genesung trat der Tetanus ziemlich spät nach der Verwundung auf (9. biB 20. Tag). Von 15 nicht therapeutisch mit Antitoxin behandelten Tetanusfällen genasen 3, es starben 12. Von 152 therapeutisch mit Antitoxin Behandelten genasen 47, es starben 105. 6) Vorschlag zur Verhütung der Tetanusgefahr durch intensive Luft- bestromung, von A. Heisler. (Münchener med. Wochenschrift. 1914. Nr. 52.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. schlagt vor, die offenen Wundflächen zur Verhütung von Tetanus mit intensiver heißer Luft zur Austrocknung der Wundfläche und zur Anregung der Granulationen zu beströmen. Die vermehrte Sauerstoffzufuhr, die bei intensiver Luftzufuhr von allen Seiten auch in die Buchten und Nischen zerfetzten Ge¬ webes eindringt, hemmt die Entwicklung der nur anaerob wachsenden Tetanus¬ erreger. 7) Drei geheilte Tetanusfälle, von Sanitätsrat Dr. Wichmann. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 52.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. beschreibt 3 Tetanusfälle, die mit Hilfe des Behringsohen Heilserums zur Heilung kamen. Im ersten Falle verflossen 13, in den beiden anderen je 11 Tage bis zum Auftreten der ersten Krankheitssymptome. Die Heilserum¬ behandlung wurde in den ersten beiden Fällen etwa 48 Stunden nach Auftreten Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 159 der ersten Symptome, der Kieferklemme, eingeleitet. Subkutan oder intravenös wird das Serum besser verabfolgt, als wenn man die Wunde selbst damit behandelt. Zur Einspritzung bedarf es der Chloroformnarkose. 8) Zar Frage der Tetanusbehandlung, von R. Schneider. (Münchener med. Wochenschrift. 1915. Nr. 1.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. empfiehlt dringend die prophylaktische Tetanusserumanwendung (intra¬ venös). 9) Experimentelle Untersuchungen über Wesen und Aussicht der Tetanus* therapie mit Magnesiumsulfat, von Walther Straub. (Münchener med. Wochenschrift. 1916. Nr. l.j Ref.: Kurt Mendel. Experimentelle Untersuchungen zeigten dem Verf., daß die subkutane bzw. intramuskuläre Injektion von Magnesiumsulfat die unsicherste Art der Einverleibung der Substanz ist. Die intravenöse Infusion des Magnesiumsulfates ermöglicht eine Dauerwirkung auf die motorischen Nervenenden in den Muskeln und hat Aussicht, beim schweren Tetanus zu nützen, insofern der Patient vor dem Erschöpfungstod durch die Krämpfe geschützt werden könnte. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß der endliche Herztod des Tetanikers mit den ungeheuren Muskel* leistungen beim Krampfe in Beziehung steht. Die intralumbale Applikation steht zwischen der subkutanen und intravenösen; ihr Effekt ist von längerer und gleich¬ mäßigerer Dauer als derjenige der subkutanen Applikation. 10) Zur Tetanusbehandlang, von Prof. Dr. Riehl. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 2.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Die ätiologische Therapie muß einsetzen in einem Stadium, in welchem es noch nicht zur Resorption größerer Toxinmengen und zur schweren Schädigung von Organzellen gekommen ist, zu einer Zeit, in welcher von Tetanussymptomen noch keinerlei Anzeichen vorliegt. Die von vornherein infizierten Wunden müssen rasch tunlichst von Fremdkörpern gereinigt und desinfiziert werden. Am zweck¬ mäßigsten, zweckmäßiger wie manche zum Teil sehr radikale Eingriffe, ist Chlor in geeigneter Form. Es soll erstens als energisches Antiseptikum dienen, zweitens das Tetanustoxin unschädlich machen. Den ersten Zweck erfüllt Chlor sehr gut, am besten in einem Gemenge von einem Teil Chlorkalk mit neun Teilen Bolus alba, und zwar werden Chlorkalk-Bolusverbände aufgelegt. Bezüglich der zweiten Aufgabe der Chlortherapie sind Versuche im Gange, die noch nicht abgeschlossen sind, so daß ein Urteil noch nicht gefällt werden kann. Über die bekannten Tetanusbehandlungsmethoden urteilt Verf. im allgemeinen sehr skeptisch und spricht nur von damit zu erzielenden symptomatischen Erfolgen. Syphilis des Zentralnervensystems. 11) Neosalvarsan and Zentralnervensystem, von Prof. Hans Berger. (Zeit¬ schrift f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIII. H. 2 u. 3.) Ref.: C. Grosz. Kurze Übersicht über die die spinale Anwendung von Neosalvarsan betreffen¬ den Veröffentlichungen. Verf. hat bei 6 Hunden nach Ablassen von 5 bis 20 ccm Spinalflüssigkeit aus der Membrana obturatoria Dosen von 0,3, 0,09, 0,03 und 0,003 Neosalvarsan in die geöffnete Schädelkapsel (Parietalgegend) eingeführt. 5 Tiere starben innerhalb von 2 bis 5 Tagen, zum Teil unter Krämpfen. Die Sektion, bei der das Gehirn, das Rückenmark mit Spinalganglien und meist auch das rechte Auge herausgenommen wurde, ergab schon makroskopisch ausgedehnte Blutungen und Nekrosen, oft weit von der Infusionsstelle entfernt. Die mikro¬ skopische Untersuchung, für welche die Nisslsche Seifenmethylenblaufärbung und eine Färbung mit Hämatoxylin-Eosin verwendet wurde, ergab wiederholt Zell¬ vennehrung in den makroskopisch normal aussehenden weichen Hirnhäuten, ließ aber in keinem Falle die von manchen Autoren bei der experimentellen Arsenik- Digitized b) Google Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 160 Vergiftung der Hunde beschriebenen Degenerationen der Nervenzellen, namentlich der Spinalganglien einwandfrei erkennen. Bei weiteren 8 Hunden fährt Verf. in der rechten Parietalgegend durch den Duraschlitz mit einer Rekordspritze (Spitze Abgestumpft) langsam innerhalb einer Minute Icom Neosalvarsan in den Sub¬ duralraum ein, ohne daß vorher Zerebrospinalflüssigkeit abgelassen worden wäre. Auch bei dieser VersuohsanWendung bedangen Dosen von 0,01 bis 0,001 den Tod der Hunde, wobei sich wieder weitverbreitete miliare Blutungen auch entfernt von der Injektionsstelle nacbweisen ließen. Als klinischer Ausdruck dieser Blutungen traten entweder Krampfanfälle oder tiefe Benommenheit in Erscheinung, Dosen von 0,0005 wurden anscheinend ohne Störung vertragen, bei 0,0001 waren auch mikroskopische Veränderungen nicht mehr nachweisbar. Endlich wurden noch bei 3 Hunden Injektionen von je 1 com rechts und links in derselben Sitzung ausgeführt. Dabei zeigte sich bei einem Hunde, daß auch eine Dosis von 0,0002 Neosalvarsan ohne klinische und histologische Folge¬ erscheinungen ertragen werden kann. Bei einem Vergleiche der lokalen Verände¬ rungen der verschiedenen Hunde zeigte sich, daß außer der Gesamtmenge des eingefiihrten Neosalvarsans die Konzentration eine wesentliche Rolle spielte. Diese darf nicht über 1:10000 hinausgehen, da sonst lokale Veränderungen an der Injektionsstelle in der Form von Infiltraten der Meningen und Veränderungen der Pia- und Rindengefäße sich einstellten. Es können also, wie die hier mitgeteilten Tierexperimente dartun, Neosalvarsanlösungen bei direkter Einführung in den Sub¬ duralraum als für die Meningen und Zentralnervensystem keineswegs indifferente Flüssigkeiten angesehen werden. 12) Über die Salvarsantherapie der Syphilis des Nervensystems, von G. Iwaschenzoff. (Zeitschrift f. experiment. Pathologie u. Therapie. XV. 1914.) Ref.: K. Boas. Auf Grund zahlreicher Erfahrungen gelangt Verf. zu folgenden Schlußsätzen Die Anwendung von Salvarsan und von Neosalvarsan ist bei der Behandlung des Nervensystems nützlich. Bei vernünftiger Vorsicht und bei richtiger Technik ist sie ungefährlich, bei gewisser Beherrschung der Technik einfaoh. Die Wahl zwischen Salvarsan und Neosalvarsan ist Sache der jeweiligen Sympathie und der Gewöhnung an die eine oder andere Teohnik. Als Methode kommt die intravenöse Injektion in 8 tägigen Zwischenräumen in Betracht. Die Gesamtdosis, welche während der ganzen Kur zur Injektion gelangt, muß weit größer sein als diejenige, die man bisher zu indizieren pflegt. Die Dosierung der einzelnen Injektionen muß man individualisieren, mit kleineren Dosen (0,3 Salvarsan bzw. 0,5 Neosalvarsan) beginnend und dann beim Erwachsenen nioht über 0,5 Salvarsan bzw. 0,75 Neosalvarsan hinausgehend. 27 Krankengeschichten werden im einzelnen mitgeteilt. 13) Salvarsanbehandlung der progressiven Paralyse, von Priv.-Doz. Dr. Runge. (Deutsche med. Woch. 1914. Nr. 20.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. behandelte in der Kieler psychiatrischen Klinik 91 Paralytiker mit Salvarsan, davon 30 intensiv mit Dosen von 2 bis 10,5 g. Er gelangt zu folgenden Schlüssen: 1. Die Salvarsanbehandlung ist in Initialfällen der Paralyse, auch solohen Fällen, bei denen zwar der Beginn der Erkrankung noch nicht zu weit zurüok- liegt, aber doch schon akutere und schwerere Symptome aufgetreten sind, indiziert. 2. Die Behandlung muß in Intervallen durchgeführt werden, die Gesamtdosis je nach dem Zustand des Patienten und seiner Toleranz dafür individualisiert und nach und nach auf eine möglichst hohe, von 5 bis 10 g und mehr gebracht werden. 3. Bei den mit Salvarsan so behandelten Fällen zeigen sich weit häufiger Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 161 weitgehende Remissionen als bei den nicht oder mit anderen antiluetischen Mitteln behandelten Paralytikern. Die Behandlung führt offenbar zu einer erheblichen Modifizierung des Verlaufs der Paralyse, öfters sogar im Sinne eines längeren Erhaltenseins der Arbeitsfähigkeit, vielleicht auch im Sinne einer Verlängerung der Erankheitsdauer. Ein solcher Erfolg läßt sich jedoch nicht in allen Fällen gewährleisten, vielmehr gibt es Fälle, bei denen das Salvarsan auch in großen Dosen völlig' wirkungslos abprallt. Auch kann es bei den Paralytikern, bei welchen durch Anwendung großer Dosen keine weitgehende Remission erreicht wird, sicher zu Rückfällen und letalem Ausgang kommen. 4. Ob eine Heilung der Paralyse mit dem Salvarsan erzielt werden kann, läßt sich noch nicht entscheiden. Jedenfalls dürften die Prozentsätze der Remis¬ sionen noch größer werden, wenn noch mehr Material von mit hohen Dosen be¬ handelten Fällen vorliegt. 14) Present Status of neosalvarsan in the treatment of parasyphilis of the nervous System, by Edward D. Fisher. (Journ. of nerv, and ment. dis. 1914. Nr. 1.) Ref.: Artur Stern. Seit der Entdeckung der Spirochaete pallida bei der Paralyse ist die Not¬ wendigkeit der antisyphilitischen Behandlung der parasyphilitischen Erkrankungen unter Kontrolle der Wassermann sehen Reaktion im Blut und Liquor mehr als früher geboten. Indiziert ist die Kombination des Neosalvarsan mit den anderen Syphilismitteln. Wie weit die gründliche Frühbehandlung der Lues vor Tabes und Paralyse schützt, werden erst die späteren Jahre lehren. Verf. sah bei der Parasyphilis unter obiger Behandlung Besserung vieler klinischer Symptome und Stillstand des Leidens. 16) The axLtoaeroaaivarsan treatment of syphilia of the oentral nervous System, by G. W. McCaskey. (Journ. of the Americ. med. Assoc. XLII. 1914. Nr. 3.) Ref.: W. Misch. Eis wird, unter Anführung von 7 Fällen, über die Erfolge mit intraspinalen Injektionen von im Patientenserum gelöstem Salvarsan naoh Swift und Ellis bei Syphilis des Zentralnervensystems berichtet. Im ganzen wurden diesen sieben Patienten innerhalb von 3 Monaten 20 Injektionen gegeben. In allen Fällen ließ sich eine auffallende Besserung verzeichnen. Bei sorgfältigem Vorgehen, voll¬ kommener Asepsis und vorsichtiger Dosierung läßt sich jede Gefahr vermeiden; und das Verfahren bietet, bei geringen Nebenerscheinungen, eine sehr sinnvolle Methode zur Behandlung der lokalisierten Infektion bei Fällen von Lues cerebro¬ spinalis. 16) Über einen als Paralyse gedeuteten, durch Salvarsan gehellten Krank¬ heitsfall, von Wilhelm Wecbselmann. (Berliner klin. Wochenechr. 1914. Nr. 18.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Der Patient, der 1910 eine luetische Infektion durchgemacht hat, erkrankt 1 */ 4 Jahr später mit epileptiformen Anfällen und Erscheinungen, welche Oppen¬ heim an progressive Paralyse bzw. — wenn auch weniger wahrscheinlich — an syphilitische Pseudoparalyse hatte denken lassen. Wechselmann hat dann die Salvarsanbehandlung eingeleitet und schildert den Verlauf des Falles bis Februar 1914. Es sind während dieser Zeit eine ganze Reihe von Salvarsaninjektionen vorgenommen worden. Die Krankheitserscheinungen sind fast gänzlich zurück¬ gegangen, Wassermann ist negativ, wiederholt treten epileptische Anfalle auf. „Die weitere Beobachtung soll ergeben, ob der Fall für eine operativen Eingriff geeignet ist.“ Die vorsichtige Salvarsanbehandlung hat die epileptischen Anfälle gemildert und abgeschwächt. Die Krankengeschichte erhält einen genaueren Organbefund zum ersten Male erst vom 11. Mai 1911, etwa 4 Wochen nach der 3. Salvarsan inj ektion; die Diagnose wird nicht näher besprochen und die in der Überschrift ausgesprochene xxxiv. 11 Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 162 Heilung scheint doch noch auszustehen, da noch über epileptische Anfälle berichtet und der Gedanke einer Operation diskutiert wird. 17) De Temploi des injeotlons de sörum salvarsanise „in vivo 44 et „in vitro 44 Bous rarachnoide spinale et cöröbrale dans le tabes et la para- lysie gönörale, par G. Marinesco. (Compt. rend. Soc. de biol. LXXVI. 1914. Nr. 5.) Bef.: W. Jklisch. # Während das Serum von mit Salvarsan behandelten Patienten lumbal injiziert zwar bei Lues cerebrospinalis, doch nicht bei Tabes und Paralyse Besserung be¬ wirkte, ließen sich durch intradurale Injektionen von in vitro salvarsanisiertem Serum in 14 Tabesfällen recht gute Erfolge erzielen. Zwei Paralytikern wurde ferner in vitro salvarsanisiertes Serum nach Neisserscher Hirnpunktion unter die Arachnoidea in der Gegend der dritten Frontalwindung gespritzt; bei beiden traten einige Stunden nach der Injektion epileptiforme Anfälle auf; bei dem einen ließ sich eine leichte Besserung des Geisteszustandes feststellen, der andere Fall verschlechterte sich nur während der folgenden 5 oder 6 Monate, in denen er beobachtet wurde. 18) Un cas de mort par le salvarsan, par V. Balthazard. (La Pratique m6dico*16gale. I. 1914. Nr. 1.) Bef.: Kurt Mendel. Die Patientin erhielt mit 4 tägiger Pause zwei Injektionen von 0,3 g Salvarsan. 48 Stunden nach der zweiten Injektion völlige schlaffe Paraplegie mit Blasen¬ störungen und hämorrhagischer Nephritis. Nach 18 Tagen Exitus. Die Autopsie ergibt Hämorrhagien im Hirn, myelitische Veränderungen und eine akute hämor¬ rhagische Nephritis. 19) Ein Fall von Polyneuritis mit Korsakoffsoher Psychose naoh Neo- salvarsan mit letalem Ausgang, von R. Pürckhauer und Th. Mause. (Münchener med* Wochenschr. 1914. Nr. 8.) Bef.: 0. B. Meyer (Würzburg). 57 jährige Frau. Beginnende Tabes. Geistig sehr rüstig, gutes Gedächtnis. Zweimalige Injektionen von 0,45 g Neosalvarsan. 4 Tage nach der zweiten Ein¬ spritzung beginnende Gedächtnisschwäche. Nach weiteren 4 Tagen psychisch: aus¬ gesprochener Korsakow, somatisch: Nystagmus, Druckempfindlichkeit der Nerven und Muskeln, rasch zunehmende motorische Schwäche ohne Ataxie, schwerfälliger, unsicherer Gang, Plantarhyperästhesie und vasomotorische Störungen der Haut. Mithin konnte keine Rede davon sein, die somatisohen Erscheinungen mit der Tabes in Beziehung zu bringen, sondern Bie waren durch Polyneuritis zu erklären, als deren Ursache eine Intoxikation durch Arsen anzunehmen ist. Exitus am 16. Tag*\ Sektion verweigert. 20) Über einen weiteren Todesfall an akuter Enzephalitis naoh Salvarsan* Injektion, vonTh. Kors. (Münch.med. Woch. 1914. Nr.7.) Ref.: 0.B. Meyer. In einer Tabelle werden akute Todesfälle der letzten 2 Jahre zusammen- gestellt, die sich im Anschluß an Salvarsaninjektionen ereigneten (12 Autoren). Verf. berichtet über einen neuen Fall. Pat. war vor der Injektion mit 0,6 g ganz gesund bis auf eine Balanitis. Exitus nach schweren zerebralen Erschei¬ nungen, wie Erbrechen, Konvulsionen, 5 Tage nach der Injektion. Sektion: akuter Gehirnprozeß, sogenannter Encephalitis haemorrhagica, und akute Degeneration der Nieren, was in Übereinstimmung, mit den bisher publizierten Fällen, sowie mit Tierversuchen sicher eine Folge von Intoxikation durch Salvarsan zu sein scheint. Verf. rät, die Dosen kleiner zu wählen, da wie aus der Tabelle hervor¬ geht, Krämpfe mit nachfolgendem Exitus immer nach relativ hohen Dosen ein¬ getreten sind. 21) Die Salvars&ntodesfftlle und ihre Ursachen mit Berücksichtigung der Salvarsanschäden, A. Schmitt. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 24 u. 25.) Ref.: W. Alexander. Die von Mentberger angegebene Zahl von 274 Todesfällen nach Salvarsan Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 163 ist falsch, nicht nur, weil viele Fälle darunter sind, die sicher nicht am Salvarsan gestorben sind, sondern besonders deshalb, weil in seiner Berechnung grobe arith- methische Fehler steckten und zahlreiche Fälle so mangelhaft beschrieben sind, daß eine Nachprüfung unmöglich ist. Nur in 172 Fällen erscheint es berechtigt, einen Zusammenhang zwischen SalvarsaniDjektion und Tod anzunehmen, ohne jedoch jedesmal von einem propter hoc sprechen zu dürfen. Sehr viele Fälle fielen in die erste Zeit der Überdosierung, weshalb auch seit 1911 die absolute Zahl der Todesfälle dauernd abgenommen hat trotz bedeutender Zunahme der Salvarsan- anwendung. Die Hälfte aller Todesfälle ist nach der ersten Injektion eingetreten. Verf. bespricht dann ausführlich die Einwirkung des Salvarsans auf die einzelnen Organe und kommt zu folgenden Schlüssen: Bei den Todesfällen handelt es sich um den letzten therapeutischen Versuch bei verlorenen Fällen, Hier ist der Tod meist trotz Salvarsan erfolgt, vielleicht bisweilen etwas beschleunigt. — Manche Todesfälle sind auf mangelhafte Technik zu beziehen und jetzt unbedingt vermeidbar. Insbesondere bei schweren Störungen innerer Organe ist vor Über* dosierung und zu kurzen Pausen zu warnen. Trotzdem können noch Todesiälle Vorkommen. Sie werden aber äußerst selten sein. Die vom Verf. beobachteten Fälle von sogenannter Idiosynkrasie waren auch nur Überdosierungen, d. h. ver¬ meidbare Arsenvergiftungen. Alles kommt auf die Technik an Bei Verwendung nioht einwandfreien Wassers findet zweifellos eine Zersetzung des Salvarsans statt (Wasser fehler). Das Salvarsan hat überlegene Vorzüge, aber auch unbestreitbare Mängel. Ein übertriebener Optimismus ist ebenso verfehlt, wie ein sich auf einige Unglücks- falle stützender Pessimismus. 22) 3 Jahre Salvarsan bei Lues des Zentralnervensystems und bei Tabes, von G. K. Dreyfus. (Münch, med. Woch. 1914. Nr. 10.) Ref.: 0.B.Meyer. Die meisten Originalien der Nr. 10, die dem 60. Geburtstag Ehrlich’s ge¬ widmet ist, enthalten zusammenfassende Besprechungen über die Salvarsanbehand- lung, die Interessenten empfohlen seien. Hier wird nur über die neurologisch in Betracht kommenden Arbeiten speziell berichtet. — „Nur langsam bricht sich bei den Neurologen die Überzeugung Bahn, daß wir im Salvarsan ein den bisherigen Mitteln wesentlich überlegenes Präparat besitzen für die Behandlung der Lues cerebrospinalis und Tabes.“ Über die Arbeiten des Verf. wurde in d. Centr. (vgl. 1912, S. 770; 1913, S. 239, 1510, 1516) wiederholt referiert. Aus der Fülle der zusammenfassenden Angaben seien folgende erwähnt. Behandelt wurden 250 Kranke mit über 3000 intravenösen Injektionen; nur ein recht unangenehmer, aber echließlich glücklich ausgegangener Zwischenfall kam vor. Jenseits des 60. Lebens¬ jahres ist größte Vorsicht geboten. Tuberkulöse werden prinzipiell nicht mit Salvarsan, sondern nur mit Neosalvarsan und löslichem Quecksilbersalz behandelt. Bei erheblicheren Erkrankungen der Kreislauforgane werden ebenfalls diese Mittel angewandt. Ein Abschnitt der Abhandlung ist der Syphilis des Gehirns (Neuro- rezidive) gewidmet. 10 intensiv behandelte Neurorezidivkranke wurden bis auf 2, die über geringe Beschwerden klagten, geheilt entlassen. Man soll schon bei der ersten Kur versuchen den Liquor völlig negativ zu bekommen. Im zweiten Ab¬ schnitt über Lues cerebrospinalis (Tertiärstadium) wird erwähnt, daß von 125 Kranken nur 3 liquornegativ wurden. Dieser schlechte Erfolg bezüglich des Liquors beruhte in der Hauptsache auf der Einsichtslosigkeit der Kranken und auf dem ausgezeichneten symptomatischen Erfolg. Im dritten Abschnitt über Tabes wird betont, daß jedes Stadium behandelt wurde; im ganzen 77 Kranke. Hiervon wurden 35 sehr gebessert, 30 gebessert, unverändert blieben 9, schlechter wurden 3. Verf. legt sich sehr für die Salvarsanbehandlung der Tabes ins Zeug und schließt: „Konsequent durchgeführte Einzelbeispiele müssen beweisen, was der Masse nottut.“ . 11 * Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 164 28) Balvarsantherapie und Lues des Zentralnervensystems (inkl. Tabes dorsalis), von Gl. Iwaschenzoff (Münchener med. Wochenschrift. 1914. Nr. 10.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg). Meist klinische Beobachtung teilweise bis zu 3 Jahren. 3 bis 12 Injektionen in Abständen von einer Woche in Dosen von 0,4 bis 0,5. 39 Fälle von Myelitis luetica. In 8 Fällen wurde an Heilung grenzende Besserung erzielt, in 11 be¬ deutende Besserung, in 4 Rückgang einzelner Symptome, in 14 unbefriedigende Resultate, in einem Fall Verschlimmerung, in einem Exitus. Ein Teil der Fälle war vorher ebenso wie auch ein Teil der nachstehend erwähnten Tabesfälle mit anderen Methoden (auch „Bettregime“) ohne Erfolg behandelt worden. Die Besse¬ rungen betrafen die Wiederherstellung der Sensibilität, die Heilung des Dekubitus, die motorischen Störungen und die Herzinsuffizienz. Pathologische Fußreflexe, wie Babinski usw., gingen in keinem Fall zurück. 14 Fälle von Lues cerebro¬ spinalis. 5 mal vorzüglicher, 5 mal ein Durchsohnittserfolg, 4 mal keine Besserung. Bei den Hemiplegien der Syphilitiker (19 Fälle) ist wegen der Blutergüsse von spezifischer Behandlung des Grundleidens nur eine Besserung des Allgemein¬ zustandes zu erwarten. Bei 4 Fällen von Lues cerebri verschwanden die Kopf¬ schmerzen, die vorher jeder Behandlung getrotzt hatten. Auch Schwindel, Ohren¬ sausen gingen zurück. 48 Fälle von Tabes. Bedeutende Besserung 23 mal, Besserung vereinzelter Symptome 15 mal, keine Besserung in 10 Fällen. „Am häufigsten und ehesten wurden Abkürzung oder Verschwinden der Schmerzen, des Gürtelgefühls, Wiederherstellung sämtlicher Arten der Hautsensibilität und Wieder¬ herstellung des Muskelgefühls konstatiert. Nur in seltenen Fällen (im 1. und 2., teilweise auch im 3. Stadium) konnte Besserung der motorischen Sphäre nicht wahrgenommen werden. „Besserung der Blasenstörungen“ konnte in 30 °/ 0 aller Fälle, darunter auch bei schweren Formen, erzielt werden. Die Wirkung des Präparates bei Syphilis des Nervensystems inkl. Tabes ist also zweifellos. Das Sehvermögen wurde nicht geschädigt, im Gegenteil bei 4 Fällen von Affektion des N. opticus trat Besserung ein. Ferner bedeutende Besserung bei 3 von 6 Arthro¬ pathien. Beginn mit kleinen Dosen wird empfohlen, die Forcierung der Dosen beim Streben nach der maximalen Gesamtdosis wird widerraten. 24) Klinisohe und experimentelle Erfahrungen bei 8alvarsaniDjektionen in das Zentralnervensystem, von W. Weygandt, A. Jakob und V. Kafka. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 29.) Ref.: W. Alexander. Verff. haben an 25 Fällen ausgeprägter Paralyse genau naoh der Methode von Gennerioh intralumbale Neosalvarsaninjektionen gemacht. Es wurden 57 In¬ jektionen ausgeführt, in 9 Fällen je 3 mit Zwischenpausen von 2 bis 4 Wochen. Wenn man weder kleine Schwankungen als beträchtliche Erfolge ansieht, aber auch nicht jede Verschlechterung als Folge der Methode bezeichnet, so haben die beobachteten Fälle doch zu 8 / ß eine symptomatische Besserung erkennen lassen. Besondere Sorgfalt wurde auf die Untersuchung des BluteB und der Spinalflüssig¬ keit verwandt. Die Wassermannreaktion wurde in beiden Flüssigkeiten nach unten austitriert, die hämolytische Fähigkeit des Blutserums und Liquors bestimmt und der Globulin- und Gesamteiweißgehalt nach den neuesten Methoden unter¬ sucht. Die einzelnen Ergebnisse sind im Original nachzulesen; auffallend war die Häufigkeit des Besserwerdens der Wassermannreaktion, wie man sie sonst bei der Behandlung der Paralyse nie sah. Die experimentellen Untersuchungen von Affen ergaben nach lumbaler In¬ jektion höher konzentrierter Neosalv&rsanlösungen (0,15:100) starke Reizung des Duraendothels, der austretenden Nervenbündel, der Gefäßendothelien und z. B. des nervösen Parenchyms des Zentralnervensystems selbst. Auch subdurale und intra¬ zerebrale Injektionen machten schwere Reizungen der Gefäßwandzellen und Glia- elemente. Digitized by Gck igle Original fram UNIVERSITY OF MICHIGAN 165 Nach alledem scheint die Auffassung begründet, daß es sich beim Salvarsan- tod um komplizierte Wechselwirkungen zwischen Salvarsan und den Spirochäten¬ herden und den durch sie gesetzten Gewebsveränderungen handelt. Bei endolumbaler Injektion minder konzentrierter Neosalvarsanlösungen blieben die Tiere gesund, auch fehlten mikroskopische Veränderungen. Solche Lösungen scheinen also unschädlich zu sein. Es ist also eine vorsichtige Anwendung schwacher Lösungen in geringer Quantität endolumbal auch beim Menschen ge¬ stattet und eröffnet vielleicht nicht ungünstige Perspektive. 25) Zur Frage der neurotropen Wirkung des Salvarsans, von R. Löwy. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 32.) Ref.: Pilcz (Wien). Fall I. 23jähr. Mann, 1910 und 1911 Hg-Kur. 1913 zunächst 0,75 Neo- salvarsan und 14 Tage später 0,45 Salvarsan. 48 Stunden später epileptiforme Anfälle, schlaffe Lähmung, komplette Harnretention, Exitus nach zwei Tagen. Obduktion: Parenchymatöse Degeneration der Leber, Periglomerulitis fibrosa der Nieren. Im Gehirne zahlreiche Blutungen von verschiedener Größe mit einzelnen Erweichungsherden, ebenso Blutungen im Stamm und Rückenmarke. Histologisch fanden sich zahlreiche Corpora amylacea, was Verf. in Hinsicht auf jugendliches Alter des Individuums als Zeichen bereditär-degenerativer Veranlagung auffassen möchte. In demselben Sinne auffallend schwere Gefäßveränderungen nicht luetischer Natur. Ferner Gefäßveränderungen und meningeale Befunde syphilitischer Genese, endlich Blutungen und Thrombosierungen im Kortex, Stamme und Rückenmarke, Encephalitis hämorrhagica. Also schwere Gefäß Veränderungen bei einem Menschen, dessen Niere ziemlich hochgradige ältere Veränderungen und dessen Gehirn Zeichen einer gewissen Disposition aufwies. Fall II. 5monat1. Kind. Laterale Bauchmuskeln schlaff, Bauchdeckenreflexe, Patellarsehnenreflexe und Achillessehnenreflexe fehlend, schlaffe Paraparese der Beine mit Anästhesie bis zum Poupartschen Bande mit Einschluß des Genitales. Partielle Entartungsreaktionen der unteren Gliedmaßen. Exitus an Pneumonie. Obduktion: Spina bifida occulta des 1. Sakral wirbele. Alte Salvarsaninjektion mit Schwielen- und NekroBenbildung in Glutäalgegend. Chemisch gelingt Nachweis von As. Histologische Untersuchung des Rückenmarkes ergibt intensive« Schädigung gewisser Wurzeln des Plexus lumbosacralis mit aufsteigender sekundärer Degene¬ ration, hervorgerufen durch ein Arsendepot, schwere Veränderungen der Gefäße. Diese beiden Fälle sprechen, nach Ansicht des Verft’s, nioht für eine be¬ sondere Affinität des Arsenobenzols zum nervösen Gewebe. Fall III. 34jähr. Frau, vor 13 Jahren Lues, Hg-Kur. 1911 wegen Doppel¬ bilder, Kopfschmerzen und Schwindel wieder Hg-Therapie, Bald danach deutliche tabische Symptome, Wassermannreaktion positiv. Juli 0,6 Salvarsan ohne Reak¬ tion, August 0,01 Hg. succinim., nach einigen Tagen Wiederholung der Dosis. Darnach rasche Verschlimmerung, Blasenmastdarmstörungen, Vergeßlichkeit, Sensi- bilitätsstörungen, Oktober Exitus. Obduktion: Subakute parenchymatöse Nephritis, Ependymgranulationen, Hyperämie des Gehirnes. Geringes Ödem der Meningen. Histologische Untersuchung der Medulla spinalis ergab neben alten tabischen Ver¬ änderungen intensives Ödem, besonders in den Randpartien, daneben Hyperämie, Stauung und Erweiterung der Gefäße, mitunter Thrombosierungen und Blutungen. Verf. stellt diesen Fall als Analogon der Pötzl-Scbüllerschen Fälle von Hg- Überempfindlichkeit hin, gleichzeitig als Beispiel dafür, daß auch durch Hg schein¬ bar das Bild einer direkten Nervenschädigung hervorgerufen werden kann. Das Arsenobenzol hat also nur indirekt eine neurotoxisohe Wirkung. Verf. betont die auch durch die Untersuchungen von Luithlen nachgewiesene hohe Bedeutung des Zustandes des Gefäßsystems bei der Frage der Salvarsanschädi- gungen. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 166 26) Zar Kenntnis der Veränderungen der Spinalflfissigkeit naoh Neosal- vars&n&p plik&tion, von Bisch, Kerl n. Kahler. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 30.) Ref.: Pilcz (Wien). In 12 Beobachtungen war 9 mal nach Salvarsaninjektion ein hoher Wert an Reduktionsf&higkeit des Liquors festzustellen, unabhängig von den Krankheits¬ erscheinungen der Lues, Kopfschmerzen, Schwindel, Erbrechen u. dg].; jedoch scheint die Menge des einverleibten Salvarsans für die Steigerung des Liquor¬ gehaltes an reduzierender Substanz von Bedeutung, indem gerade die niedrigsten Werte bei Verabreichung kleinster Dosen sioh ergaben. Die VerfF. sprechen die Annahme aus, daß, nachdem nicht bei allen Patienten auf Neosalvarsan erhöhte Zuckerwerte im Liquor gefunden werden, bestimmte Momente dafür im Individuum selbst gelegen sein müssen und vielleicht diese Personen auf Neosalvarsan leichter mit nervösen Symptomen reagieren. Zwei Tabellen veranschaulichen den Unterschied in den Zuckerwerten des Liquors bei Luetikern ohne und mit Salvarsanbeh&ndlung. 27) Untersuchungen mit der Porges-Hermansehen Syphilisreaktion« von R. F. Preissner. (Psychiatr.neurol. Wochenschr. XV. 1913/14. Nr. 45.) Ref.: Kurt Mendel. Die Porges-Herman sehe Syphilisreaktion hat bei Untersuchungen an 30 Para¬ lytikern in 86,67 °/ 0 der Fälle ein positives Resultat ergeben und dürfte ein brauchbares Hilfsmittel zur Diagnose der Paralyse sein. Sie hat gegenüber der Wassermannschen Reaktion den Vorzug außerordentlicher Einfachheit und Billig¬ keit; sie ergibt zu verschiedenen Zeiten bei demselben Individuum nicht immer gleiche Resultate. 28) Über die Herman-Perutzsohe Syphilisreaktion, von J. Kal los. (Buda¬ pest Orvosi Ujsäg. 1913. S. 413.) Ref.: Hudovernig (Budapest). Verf. prüfte die Herman-Perutzsche Syphilisreaktion nach und kam zu fol¬ genden Resultaten: Die Herman-Perutzsohe Reaktion ist für Syphilis spezifisch; die Positivität der Reaktion deutet auf Luesinfektion. In nicht inaktivierten Sera ist die Präzipitation im allgemeinen ausgesprochener, weshalb sie leichter zu be¬ urteilen ist. Bei primärer Lues stellt sich die Positivität dieser Reaktion früher ein als diejenige der WassermannBchen Reaktion. Sie ersetzt die Wassermannsche Reaktion nioht, indem sie bei sekundärer Lues seltener positiv ausfällt. Die Herman-Perutzsche Reaktion kann nur zur Kontrolle der Befunde der Wasser¬ mannschen Reaktion anempfohlen werden. 29) Eine neue Methode der Behandlung der Syphilis des Nervensystems, von Qurari. (Wiener klin. Woch. 1914. ,Nr. 33.) Ref.: Pilcz (Wien). Verf. verwendet eine Modifikation des Swift-Ellisschen Verfahrens: Nüohtern oder 3 Stunden nach letzter Nahrungsaufnahme intravenöse Neosalvarsaninjektion. Nach einer Stunde Entnahme von 40 bis 50 ccm Blut, das in einer breiten Glas¬ schale gesammelt und 24 Stunden stehengelassen wird. Das durch Absaugen ge¬ wonnene Serum wird auf 56° erwärmt, 15 bis 12 ccm mit physiologischer Koch¬ salzlösung gemischt, so daß im ganzen 30 ccm Flüssigkeit herauBkommen. Ab¬ lassen von 10 bis 15 ccm Liquor und Injektion des wie oben bereiteten salvarsani- sierten Serums in sitzender Stellung des Patienten in den ZerebrospinalkanaL Danach Beckenhoohlagerung, Verweilen in dieser Stellung durch 48 Stunden. Im ganzen hat Verf. 45 derartige Lumbalpunktionen ausgeführt. Nur die¬ jenigen Fälle werden genauer besprochen, in denen die Punktionen mehrmals vor¬ genommen wurden, da die chemischen, histologischen und serologischen Zerebro- spinalreaktionen allein dem Verf. ein tadelloses und wahrhaftes Mittel zur Kon¬ trolle der therapeutischen Wirkung und einen Maßstab zur Beurteilung des In¬ tensitätsgrad es abzugeben geeignet erscheinen. Solcher Fälle hatte er 10, und Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICH IGAN j 167 zwar 5 Myelitis, 4 Lues cerebrospinalis und 1 Tabes. Die Krankheitsgeschichten derselben mit genauen Tabellen mögen im Original nachgelesen werden. Injektion des salvarsanisierten Serums rief mit wenigen Ausnahmen Reaktions- erscheinungen hervor. Zunächst 4 Stunden später Temperaturanstieg, der nach 3 bis 5 Stunden sein Maximum erreichte; unter langsamem Abfalle in durch¬ schnittlich 12 Stunden Rückkehr zur Norm, Temperaturen meist zwischen 38 bis 38,5. Nur in 2 Fällen Erbrechen, bei denen aber Diätfehler angeschuldigt werden konnten. Am häufigsten wurde außer der fieberhaften Reaktion beobachtet: Kreuzschmerzen, Schmerzen in den Beinen, Zuckungen, Kopfschmerzen, Harn¬ retention. Letztere hielt bei einem Myelitiker 17, bei einem anderen 8 Stunden an. In allen Fällen, einen einzigen ausgenommen, konnte eine günstige Beeinflussung der Zerebrospinalflüssigkeit festgestellt werden. In 6 Fällen wurde die Pleozytose bedeutend verringert, in 3 Fällen wurde der Zellgehalt fast zur Norm herab¬ gedrückt. Nonne-Apelt, Phase I veränderte sich der Pleozytose fast parallel. Am refraktärsten erwiesen sich die Wassermann sehe Reaktion und die Reaktion von Lange, welch letztere kein einziges Mal, selbst dort verschwunden ist, wo Wasser¬ mann sehe Reaktion negativ wurde und die Injektionen 5mal appliziert worden waren. In 2 Fällen ließ die Behandlung einen auf den syphilitischen Prozeß akti¬ vierenden Einfluß erkennen, Umschlagen der vordem negativen Wassermannschen Reaktion in das Positive. Einen Parallelismus zwischen Verhalten der Wassermannschen Reaktion und klinischem Verlaufe hat Verf. nicht gesehen, und Verf. stellt das Postulat auf, bei der Indikationsstellung zur Therapie sich nicht nach Wassermann scher Reaktion allein, sondern nach der Gesamtheit der klinischen Manifestationen und meningealen Reaktionen zu richten. Bei allen Kranken hatte sich in subjektiver Hinsicht eine Besserung be¬ merkbar gemacht. 30) Zur Behandlung der Syphilis des Zentralnervensystems naoh Swift und ßllis, von K. Eskuch'en. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 14.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. behandelte 16 Fälle (9 Tabiker, 5 Paralytiker und 2 Fälle von Lues cerebrospinalis) mit 68 intraspinalen Neosalvarsan-Seruminjektionen nach Swift- Ellis (8. d. Centr. 1913. S. 1515). Das subjektive Befinden besserte sich in fast allen Fällen rasch und erheblich. Fast regelmäßig gelang es, die Pleozytose zu vermindern oder zu beseitigen; ähnlich verhielt es sich mit der Globulinreaktion; die Wassermann sehe Reaktion konnte meist abgeschwächt werden. Die Gold¬ reaktion wurde niemals zum Verschwinden gebraoht. Bei einem Fall von Paralyse trat eine offenbare Besserung ein, die anderen blieben unbeeinflußt. Subjektive tabische Beschwerden wurden bedeutend gebessert oder schwanden ganz; eine schwere Ataxie wurde gemildert, sonst aber wurde kein einziges objektives Sym¬ ptom irgendwie beeinflußt. 31) The treatment of oerebrospinal Syphilis, by R. H. Davis. (The Urologie et cutan. Rev. XVIII. 1914. Nr. 6.) Ref.: W. Misch. Auf Grund von Versuchen mit der intraspinalen Salvarsan-Serumbehandlung an einer beträchtlichen Anzahl von Patienten kommt Verf. zu dem Schluß, daß die Behandlungsmethode von Swift und Ellis außerordentlich wertvoll ist und bei jedem Fall von Lues cerebrospinalis angewandt werden sollte. Auch bei jeder Tabes sollte die Behandlung versuoht werden, da durch Nachlassen der quälenden Symptome von Seiten der Sensibilität und durch Aufhalten der Zerstörungs¬ prozesse meist sehr gute Erfolge erzielt werden können. Bei genügender Technik ist die Behandlung ganz gefahrlos, aber sie sollte nur von Ärzten ausgePiihrt werden, die die Technik derselben bis ins Kleinste genau beherrschen. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSiTY OF MICHIGAN 168 32) Zur Behandlung luetisoher Erkrankungen des Zentralnervensystem» nach der Methode von Swift und Eills. I. Mitteilung: 6 Fälle von Paralysis progressiva, von Dr. HeinzSchrottenbach u. Dr. Max deCrinis. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. H. 4 u. 5.) Bef.: M. Pappen¬ heim (Wien). Die Verff. teilen in sehr ausführlicher Weise die Krankheitsgeschichten von 6 Paralysen mit, welche mit intralumbalen Injektionen von Salvarsanserum in Kombination mit einer Inunktionskur mit 30°/ o igem Kalomelebaga behandelt wurden. Die Lumbalflüssigkeiten der einzelnen Fälle worden einigemale unter¬ sucht. Den Verff. erscheinen die bisherigen Erfolge außerordentlich befriedigend und ermutigend und sie wünschen zu einer möglichst raschen und ausgedehnten Nachprüfung Anstoß zu geben. Sie fanden, daß in vier von den sechs behandelten Fällen deutliche objektive Symptome von Besserung während der Behandlung eingesetzt haben und fortschreitende Tendenz zeigten. Die Besserung zeigte sich sowohl auf psychischem als auch auf somatischem Gebiete und fand ihren be¬ sonders drastischen Ausdruok in der allmählichen Abnahme der pathologischen Reaktionen im Liquor cerebrospinalis. Die beiden unbeeinflußt gebliebenen Fälle waren inveterierte, exquisit chronisohe Prozesse. Bef. möchte darauf hinweisen, daß die von den Yerff. besonders hervor¬ gehobene Besserung der paralytischen Sprachstörung auch bei der v. Wagnerseben Tuberkulinbehandlung der Paralyse häufig vorkommt (man vgl. z. B. die Arbeit von Pilcz, Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. IV). Allerdings ist sie in den von den Verff. beobachteten Fällen besonders häufig — 5 von 6 Fällen —, doch läßt ihr kleines Material keine weitgehenden Schlüsse zu. Sehr bemerkenswert ist sicherlich die von den Verff. in 2 Fällen beobachtete Wiederkehr normaler Pupillenreaktionen und die einige Zeit nach der Behandlung berichtete — aller¬ dings nicht auf Grund persönlicher Katamnese erhobene — Besserung des Seh¬ vermögens bei einer fast kompletten tabischen Opticusatrophie. Die von den Verff. besonders unterstrichene Besserung im Liquorbefunde geht keineswegs über die Resultate hinaus, über welche Bef. gemeinsam mit Volk auf Grund von Untersuchungen an 15 mit Tuberkulin behandelten Paralytikern in der vorjährigen Naturforscherversammlung berichten konnte und die demnächst an der Hand eines beträchtlichen Materials — 77 Fälle — ausführlich werden veröffentlicht werden. Nebenbei sei bemerkt, daß die von den Verff. bevorzugten Untersuchungsmethoden — Nonne-Apelt ohne Auswertung nach Boss-Jones, Nisslbestimmung, Zellzählung im Deckglaspräparate — sich wegen ihrer relativ bedeutenden Fehlergrenzen zu vergleichenden Untersuchungen nicht sehr gut eignen. Die Umrechnung der Nisslbefunde in Prozentzahlen, wie sie die Verff. vornehmen, kann kaum richtig sein, da sie größtenteils die Zahl 0,03°/ o angeben, die noch einen durchaus normalen Wert darstellt. Es geht ferner nicht an, wie es die Verff. in Fall 5 tun, den Befund der Wassermann sehen Reaktion im Liquor: — 3 Tr. neg. als negative Wassermann sehe Reaktion anzusprechen und in die Kurve einzuzeichnen, wenn eine einige Tage später vorgenommene Untersuchung ergibt: 1 — 3 Tr. neg., 4 Tr. beg. Hemmung. 33) Über die Anwendung der intrakutanen Luetinreaktion nach Noguohi in der Psychiatrie, von V. Kafka. (Psych. neurol. Woch. XV. Nr. 32.) Bef.: 0. Klieneberger (Göttingen). Bericht über die Ergebnisse, die Verf. mit der Intrakutanreaktion nach Noguchi (mit abgetöteten Spirochätenkulturen) bei dem Material der Irrenanstalt Friedrichsberg erzielt hat. Das Material ist zu klein, als daß sich sichere Fol* gerungen daraus gewinnen lassen. Doch läßt sich zweifellos sagen, daß der Intra¬ kutanreaktion eine große praktische und theoretische Bedeutung zukommt, weil sie für Lues spezifisch ist und demgemäß die übrigen spezifischen Untersuchungs- Digitized by Gck igle Original fram UNIVERSETY OF MICHEGAN 169 methoden ergänzt; auch wird durch die vorliegenden Untersuchungen wahrscheinlich gemacht, daß die Luetinreaktion berufen ist, bei den post- und metasyphilitischen Erkrankungen des Zentralnervensystems wichtige Aufschlüsse zu geben. 34) Weitere Beobachtungen über die Intrakutanreaktion mit dem Iiuetin von Noguohi, von Faginoli und V. Fisichella. (Berliner klin. Wochen¬ schrift. 1914. Nr. 10.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Die Versuche der Verff. wurden an Kranken mit progressiver Paralyse, Tabes dorsalis, Gehirnsyphilis und an Syphilitikern der sekundären und tertiären Periode sowohl im aktiven als auch im latenten Stadium ausgeführt. Der Reaktionsprozeß war weder von subjektiven Lokalsymptomen nooh von einer Allgemeinreaktion begleitet, nur zweimal trat eine leichte abendliche Temperatursteigerung ein. Was die Ergebnisse mit der Luetinreaktion anbetrifft, so war der hohe Prozentsatz positiven Resultats besonders bei latenter Syphilis und bei Parasyphi¬ litikern bemerkenswert. Von 4 Tabesfällen war die Luetinreaktion 3 mal positiv, 1 mal negativ, Wassermann war dabei nur 2 mal positiv. Bei 3 Fällen von Para¬ lyse waren 2 positiv, 1 negativ, Wassermann lmal positiv, 2 mal negativ. Von 6 Fällen von Gehirnsyphilis, von denen nur 3 positiven Wassermann zeigten, hatten 5 positive Luetinreaktion. Einen Umschlag der Wassermann sehen Reaktion nach Luetinreaktion haben die Verff. nie gesehen. Die Kutanreaktion mit Luetin gehört in die Reihe der anaphylaktischen Reaktionen. Über die prognostische Bedeutung der Intrakutanreaktion bestimmte Schlüsse zu ziehen, ist nach An¬ sicht der Verff. verfrüht. 35) Zar ambulanten Tuberkulinbehandlung der eypbilogenen Nerven¬ krankheiten, von Schacherl. (Jahrb. f. Psych. u. Neurol. XXXV. 1914. S. 27.) Ref.: Pilcz (Wien). Verf. unterzog der bekannten v. Wagnersehen kombinierten Hg-Tuberkulin- therapie auoh Patienten des Ambulatoriums und teilt kurz die Ergebnisse von seit Juni 1913 so behandelten 76 Kuren mit. Als Anfangsdosis wählte er 0,0005 Alttuberkulin. 38 Paralysen, 36 Fälle von Tabes und 2 Fälle von Lues cerebro¬ spinalis. Es wurden ziemlich gute fieberhafte Reaktionen erzielt. Die therapeutischen Erfolge waren: von 13 Paralytikern, welche die Kur durchgeführt hatten, wurden 5 erwerbsfähig, 7 gebessert, einer blieb unbeeinflußt; von 15, bei welchen die Kur aus irgendwelchen Gründen nicht durchgeführt wurde, erlangte keiner die Erwerbsfähigkeit, einer wurde gebessert, zwei blieben unverändert, einer gestorben, von 11 Katamnesen nicht erhältlich. Verf. bemerkt, daß in einem der bis zur Wiedererlangung der Berufsfähigkeit gebrachten Kranken außerdem der Einfluß einer Phlegmone von Bedeutung gewesen ist. Die tabische Kur wurde in 6 von 8 durchgeführten Kuren gebessert, gastrische Krisen in 2 von 3 Fällen, während nicht injizierte Konirollfälle keine Besserung aufwiesen. Lanzinierende Schmerzen erfuhren, mit wenigen Ausnahmen, in den ersten Tagen der Behandlung eine Steigerung, dann einen völligen Rückgang. Unter 6 Fällen von Blasenstörungen sind vier gebessert, einer beschwerdefrei, einer unverändert. Verf. erwähnt auch die diesbezüglichen Erfahrungen von Döllken über die Tuberkulinbehandlung der Tabes. 30) Un eigne rötrospeotlf de la Syphilis: Hyperalbnminose pure du liquide oöphalo-raohidien, sans leucooytose et sans Wassermann, par V. Bloch et A. Vernes. (Compt rend. Soc. de biol. LXXVI. 1914. Nr. 7.) Ref.: W. Misch. In mehr als 40 Fällen von alter Syphilis wurde im Liquor eine Eiwei߬ vermehrung ohne Leukozytose und ohne Wassermann naebgewiesen. Während Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 170 der Eiweißgehalt des Dermalen Liquor 0,2 pro 1000 nicht überschreitet, wurden in diesen Fallen Werte von 0,30 bis 1,0 pro 1000 gefunden. Nirgends fand sich das geringste Zeichen einer Nerven* oder Meningenerkrankung. Die Infektion lag bei diesen Fällen 1 bis 35 Jahre zurück. Bei der Häufigkeit ihres Vorkommens ist diese isolierte Ei weiß Vermehrung von diagnostischem Wert bei der Aufdeckung alter syphilitischer Erkrankungen, die den Patienten selbst unbekannt geblieben waren. Da jedoch die Eiweißwerte oft minimale sind, so fordert ihr Nachweis eine besonders genaue Technik: am besten ist die Ausfällung mit reiner Salpeter* säure; für die quantitative Ablesung ist von Bloch an anderer Stelle ein be¬ sonderes einfaches Verfahren angegeben worden. 37) La sereuse sous-arachnoldienne en regard de la Syphilis, par Dr. Dind. (Revue mödic. de la Suisse romande. 1914. Nr. 5.) Ref.: Kurt Mendel. Liquorstudien, insbesondere bezüglich Liquordrucks und Lymphozytose, bei Syphilitikern in den verschiedenen Stadien. Empfehlung energischer Behandlung mit Salvarsan und Hg, auch bei Paralyse, Tabes und Lues spinalis. 38) Serologische und klinische Untersuchungen bei Syphilitikerfiamilien, von Wilhelm Raven. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI. 1914. H. 3 bis 6.) Ref.: Kurt Mendel. Unter 117 untersuchten Syphilitikerfamilien war in 77% die Familie mehr oder weniger in Mitleidenschaft gezogen, nur in 23j% blieb die Wirkung der Lues auf das primär infizierte Familienmitglied beschränkt. Der primär infizierte Gatte erkrankte häufiger an einem syphilogenen Nerven¬ leiden, als der sekundär infizierte. Gleichartige Erkrankung beider Gatten wurde sehr selten beobachtet Die sekundäre Infektion erfolgte meist latent, wenn der primär infizierte Gatte syphilogen nervenkrank war. Mit manifesten Symptomen verlief die sekundäre Infektion relativ häufig dann, wenn der primär, infizierte Gatte kein syphilogenes Nervenleiden hatte. Diese Beobachtung spricht für eine Virulenzabnahme der Lues bei Passage durch das Nervensystem. Von den Ehe¬ hälften der primär infizierten Gatten wurden 46,15% syphilogen nervenkrank, 24,6 % hatten positive Wassermannreaktion im Blut, nur 29,25% blieben gesund. Von den Kindern der untersuchten Syphilitikerehen starben 47,7 % klein oder waren Aborte und Frühgeburten. Die übrigen waren zu fast 1 / 3 gesund, über 2 / s waren krank. Erkrankung der Mutter gefährdet die Nachkommenschaft weit mehr als eine Erkrankung des Vaters. Je schwerer die Eltern unter den Folgen der Lues zu leiden hatten, desto weniger waren die Kinder geschädigt. Die zuerst geborenen Kinder werden im allgemeinen durch die elterliche Lues am meisten gefährdet. Bis zu 16 Jahren nach der primären elterlichen Infektion wurden geschädigte Kinder gezeugt. Einige Male konnte ein syphilogenes Nervenleiden bei der Zeugung geschädigter Kinder als bereits vorhanden angenommen werden. Personen mit syphilogenen Nervenleiden sind Spiroohätenträger und können daher möglicherweise infektiös wirken. 39) Biologische Reaktionen bei syphilogenen Erkrankungen des Zentral¬ nervensystems, von H. Neue. (Deutsche Zeitschr.^f. Nervenheilk. L. 1914. H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel. I. Die Auswertungsmethode nach Hauptmann hat den auf sie gesetzten Erwartungen entsprochen. Sie ergibt bei progressiver Paralyse in 100%, bei Tabes dorsalis und besonders bei Lues des Zentralnervensystems sicher in der überwiegenden Anzahl der Fälle positive Wassermannreaktion. 2.. Bei organischen Erkrankungen des Zentralnervensystems nichtsyphilitischer Ätiologie ergibt der Liquor auch bei unverdünnter Anwendung keine .Hemmung der Hämolyse, auoh nicht bei Individuen, die vor Jahren mit Lues infiziert waren, und bei denen die frühere Infektion eventuell ihren Ausdruck noch in einer positiven Reaktion des Blutserums findet. Digitized by Go igle Original from UMIVERSITY OF MICHIGAN , 171 3. Die Ausweitungsuiethode ist ein sehr wertvolles diagnostisches Hilfsmittel bei Entscheidung der Frage nach der ätiologischen Grundlage einer organischen Nervenerkrankung. 4. Es empfiehlt sich, den Liquor vor der Auswertung zu inaktivieren, da bei aktivem Liquor gelegentlich Störungen im Ablauf der Reaktionen beobachtet werden. 6. Bald nach dem Exitus entnommener Liquor gibt auch bei Auswertung einwandsfreie Resultate. 6. Nicht selten findet sich eine positive Wassermannreaktion im Liquor bei negativer Reaktion im Blutserum. Bei Verdacht auf eine luische Erkrankung des Zentralnervensystems kann demnach, gleichviel ob die Wassermannreaktion des Blutserums positiv oder negativ ist, nur die Untersuchung des Liquors die Dia¬ gnose fördern. 7. Eine positive Wassermannreaktion erst in größeren Liquor mengen weist, besonders wenn nur schwache bis mittelstarke Phase L Reaktionen und nur mäßige Pleozytose und negative oder nur durch Verfeinerungen zu erzielende Wassermann- reaktion des Blutserums hinzukommen, in Zweifelsfällen nur auf eine Lues cerebri hin. Bei derartigen Befunden darf von therapeutischen Maßnahmen nicht ab¬ gesehen werden. 8. Die erst bei Anwendung größerer Liquormengen positiv reagierenden Fälle von progressiver Paralyse zeigten nicht selten auch anatomisch atypischen Befund. 9. Die Weil-Kafkasche Hämolysinreaktion der Lumbalflüssigkeit war bei progressiver Paralyse (32 Fälle untersucht) in 90 °/ 0 , bei Lues cerebri (9 Fälle untersucht) in 22°/ 0 und bei Tabes dorsalis (5 Fälle untersucht) in 20 °/ 0 positiv. Bei 25 ganz verschiedenartigen, nicht luetischen Nervenerkrankungen (Neurosen und organische Fälle, darunter keine Meningitis acuta) war sie 2 mal positiv, also in etwa 8 °/ 0 . In Verbindung mit den „vier Reaktionen“ mag ihr eine ge¬ wisse differentialdiagnostische Bedeutung für die Frage, ob Paralyse oder Lues des Zentralnervensystems vorliegt, zukommen. 10. Die Abderhalden sehe Seroreaktion scheint bei Lues cerebri im allgemeinen nur mit Gehirnsubstrat, bei progressiver Paralyse dagegen meist auch mit dem Eiweiß anderer Organe (vor allem Leber, Niere, Pankreas) positiv auszufallen. 11. Der Kutanreaktion mit Luetin würde eine große Bedeutung für die Differentialdiagnose zwischen Lues cerebri und progressiver Paralyse zukommen, falls sich die von Bene de k mitgeteilten Unterschiede als konstant erweisen sollten. Mit Rücksicht auf die hohe praktische Bedeutung sind eingehende Nachprüfungen ertorderlioh. 12. Ein gewisser differentialdiagnostischer Wert kommt in Verbindung mit den anderen Reaktionen der Goldsolreaktion zu, aber wohl nur im Sinne einer Unterscheidung zwischen luiseber und nichtluischer Ätiologie. 40) Über die Bedeutung der Goldsolreaktion der Spinalflüssigkeit zur Erkennung der Lues des Zentralnervensystems, von V. Kafka. (Der- matolog. Wochenschrift. 1914. Ergänzungsheft zu Bd. LVIII.) Ref.: Kurt Mendel, Die Goldsolreaktion im Liquor ist diagnostisch von Wert für die Meningitis und die Paralyse. Innerhalb der Lues cerebri scheint die Reaktion eine Diffe¬ renzierung der einzelnen Fälle zu gestatten, eine sichere Abgrenzung gegen die Paralyse ist aber nur selten möglich. 41) La söro-reaotion d’Abderhalden dans la paralysie gönörale, l'epilepsie et las psyohoses pöriodiques, par Obregia etPitulesco. (Compt. rend. Soc. de biol. LXXVI. 1914. Nr. 7.) Ref.: W. Misch. Bei der Paralyse wurde in Übereinstimmung mit den Angaben anderer Autoren der stärkste Abbau mit Hirnrinde, ein schwächerer mit Thyreoidea und Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 172 Geschlechtsorganen beobachtet. Auch der Liquor wurde zu Untersuchungen heran¬ gezogen; es stellte sich jedoch heraus, daß derselbe keine oder höchstens minimale Mengen von Abwehrfermenten besitzt. Auch bei Epileptikern findet sich der stärkste Abbau der Gehirnrinde, seltener mit Schilddrüse und Geschlechtsorganen. Bei manisch-depressivem Irresein fand sich ausnahmslos ein meist sehr starker Abbau von Schilddrüse, und zwar werden Schilddrüsen von Manisch-depressiven vom Serum von Manisch-depressiven besser abgebaut als normale Schilddrüsen, so daß also das Serum der Patienten eine [gewisse Spezifität für ihre eigene Schilddrüse besitzt. 42) The Wassermann reactlon among the negro insane of Alabama, by R. R. Ivey. (Medic. Record. LXXXIV. 1913. Nr. 16.) Ref.: W. Misch. Es wird die Wassermann sehe Reaktion bei 706 geisteskranken Negern an¬ gestellt. 9 °/ 0 von ihnen hatten an Pellagra gelitten, von denen waren etwa 40°/ 0 Wassermann-positiv. Im ganzen hatten von den Frauen 29°/ 0 , von den Männern 25°/ 0 einen positiven Wassermann, von denen etwa die Hälfte klinische Symptome von Lues aufwies. Das Überwiegen der Syphilisinfektion bei den Frauen soll zum großen Teil auf die größere Unsittlichkeit der Negerin zurückgeführt werden. Es fanden sich 17 Fälle von Paralyse, die alle eine positive Wassermannsche Reaktion gaben; 15 von ihnen waren Männer und nur 2 Frauen. Es wird so¬ dann in einer Tabelle eine Übersicht über den Ausfall der Wassermann sehen Reaktion bei den verschiedenen Geisteskrankheiten gegeben, bei deren jeder sich Fälle mit positiver Reaktion fanden. 43) Die Beeinflussung der Wassermannsohen Reaktion duroh Paraldehyd- gaben, von Adolf Fuchs. (Psych.-neurol. Wochenschr. XV. 1914. Nr. 41.) Ref.: Kurt Mendel. Craig und Nichols fanden, daß nach Alkoholgaben die vorher positive Wassermannsche Reaktion für einige Stunden negativ wurde. Verf. fand nun, daß auch durch Paraldehyd die Resultate der Wassermannsohen Reaktion infolge teilweiser Umänderung oder Abschwächung der Antikörper beeinflußt oder be¬ einträchtigt oder sogar verhindert werden können; dieser Befand ist für die Praxis von Wichtigkeit. 44) Beeinflussen Narkotika der Fettreihe die Wassermannsohe ReaktionP von Siegfried Maass. (Zeitschr. f. d. ge8. Neurol. u. Psych. XXIV. H. 5.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). Fuchs fand, daß Paraldehydgaben die vorher positive Wassermannsche Reaktion im Sinne einer vorübergehenden mehr oder weniger starken Hämolyse zu beeinflussen vermögen. Verf. konnte nach Gaben von Paraldehyd und Amylen- hydrat gleichfalls eine Abschwächung konstatieren, allerdings nicht so häufig und nicht so intensiv wie Fuchs. Eine größere praktische Bedeutung mißt Verf. dem Phänomen nicht bei, da speziell für die luetischen Erkrankungen des Zentral¬ nervensystems eine stärkere Beeinflussung der Wassermannsohen Reaktion in der Originaldosierung zu den größten Seltenheiten gehören dürfte. Ein Fehlresultat aus diesen Gründen ist also kaum zu fürchten. 45) Psychiatrische Erfahrungen mit der Wassermannsohen Reaktion bin- siohtlioh ihrer Teohnik, Beurteilung und Bedeutung, von W. Hiero¬ nymus. (Zeitschrift f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXV. H. 1 u. 2.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). Die Arbeit enthält eine Reihe interessanter, wenn auch nicht ganz neuer Details, die sich teilweise zur Wiedergabe nicht eignen. Verf. arbeitet mit käuflichen Antigenen und rühmt den alkoholischen Extrakt aus luetischer Fötalleber und namentlich den wesentlich billigeren, nach den An¬ gaben von Lesser hergestellten ätherischen Extrakt aus Herzmuskel. Er rät, Serum stets zu inaktivieren, Liquor mit dem ätherisohen Antigen inaktivierte mit Digitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 173 dem alkolisohen in aktivem Zustande zu untersuchen. Dem Psychiater begegnen häufig unspezifische Hemmungen im Serum, besonders bei Dementia praecox, arteriosklerotischem Irresein, schweren alkoholischen Psychosen und vorzugsweise bei Idiotie, während sie bei den manisch-depressiven und anderen degenerativen Störungen sehr selten sind. Reversible spezifische Hemmungen unterscheiden sich von den unspezifischen dadurch, daß sie unvermittelt Umschlägen. Oft gelingt der Nachweis der unspezifischen Hemmung durch Prüfung mit größeren Dosen (0,6) des Serums, wobei oft komplette Lösung auftritt. Selbsthemmende Sera sind bei Geisteskranken häufiger als bei nicht seelischen Störungen. Die Sternsche Modifikation erweist sich als ein brauchbares Hilfsmittel neben der Original¬ methode. Es folgen statistische Angaben über das Vorkommen der Wassermann sehen Reaktion bei verschiedenen Psychosen, von denen nur die folgenden angeführt seien: Bei Paralyse war die Reaktion im Serum in 93°/ 0 , im Liquor in 98°/ 0 der Fälle positiv, bei der endarteritischen Lues im Liquor nur 2mal unter 7 Fällen. Bei Dementia praecox war das Serum in 14 von 554 Fällen, d. i. in 2,6°/ 0 positiv. III. Aus den Gesellschaften. Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien. Sitzung vom 9. Juni 1914. Ref.: Feri-Wien. Herr Müller demonstriert einen Fall von traumatischer Plexuslähmung, die sich b» auf Lähmungserscheinungen von seiten des N. musculo cutaneus (Atrophie des M. biceps und M. brachialis internus mit Entartungsreaktion) und des N. cutaneus antibrachii lateralis (Hypästhesie an der radialen Seite des Unter¬ arms und am Daumenballen für Berührung, Schmerz und Temperatur) zurück¬ gebildet hat. Herr Rezniöek demonstriert einen Mann mit multipler Sklerose, der seit 9 Monaten eine Dermographia elevata aufweist, welches Symptom an der Haut der oberen Rückenhälfte und des Rippenbogens am deutlichsten ist. Auf 0,001 g Atropin wurde die Quaddelbildung schwächer, noch stärker wirkte Pinselfaradi- sation. Pilokarpin, Wärme, Arsonvalisation und mechanische Reizung war erfolglos. Erfrieren der Haut durch Chloräthyl hemmte die Quaddelbildung, bis die Haut sich wieder erwärmt hatte; dann trat, wenn die Kältewirkung nicht mehr als 10 Minuten gedauert hatte, die Quaddelbildung ein: der Reiz war latent geblieben. Diskussion: Auf eine Anfrage des Herrn Feri teilt Vortr. mit, daß Versuche mit Novokain oder Novokain-Adrenalin nicht gemacht wurden. Herr v. Frankl-Hochwart weist auf die Übererregbarkeit der Vasomotoren bei multipler Sklerose hin, worüber weil. Arthur Berger 1905 auf seine Ver¬ anlassung hin berichtet hätte. Herr Dimitz demonstriert einen Mann, der seit März 1913 an Schwindel, Kopfschmerzen und Mattigkeit leidet und angibt, daß seine Nase, Unterlippe und Hände größer geworden seien und sein Körpergewicht zugenommen habe. Lues 0, Libido 0, Pollutionen 0. Symptome: Adipositas, Plumpheit von Nase, Unterlippe und Händen, Dermographismus, Fundus normal, Anisokorie, Lichtreaktion gut, Akkommodationsreaktion schwach, starker Nystagmus, Konvergenzschwäche, leiohte Parese des linken Mundfazialis und linken Gaumensegels, fibrilläre Zuckungen an den Muskeln der oberen Extremitäten, Bauchdeckenreflexe normal, Sehnenreflexe der unteren Extremitäten gesteigert, Romberg angedeutet, vom Quintusgebiet bis Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 174 C 4 Hypästhesie für Berührung und Wärme, Analgesie, links im Gesicht oft Hyper* hidrosis, Dermographismus im Gebiet der Sensibilitätsstörung viel stärker und länger andauernd alB in den anderen Hautpartien, Wassermann 0. Röntgen: keine Hypophysenveränderung, sondern allgemeine Drucksteigerung. Diagnose: Syringomyelie. Akromegalie und Adipositas sind auf die Drucksteigerung, Eonvergenzschwäche auf den koexistierenden Hydrozephalus zu beziehen. Herr A. Fuchs hat einen ohoreiformen Symptomenkomplex infolge von experimenteller Guanidin Vergiftung beobachtet, vor allen bei chronischer Ver* giftung von Katzen. Da bei Septikämie dem Guanidin nahestehende Körper in der Muskulatur gefunden wurden, hält Vortr. angesichts des zweifellosen Zusammen¬ hangs von Chorea und Rheumatismus für ganz gut möglich, daß durch Guanidin oder Guanidin erzeugende Körper die klinischen Symptome der Chorea veranlaßt werden. Anatomische Untersuchungen bei chronischer Guanidinvergiftung ergaben multiple Blutungen im, Zentralnervensystem. Herr Gerstmann demonstriert persistierende Cajalsohe Zellen in der Molekularsohioht der Großhirnrinde; Vortr. hat sie bei genuiner Epilepsie (4 mal), Idiotie (5 mal), juveniler Paralyse (2mal), Mongolismus, Lues congenita mit Imbezillität, Kretinismus (je lmal), Dementia praecox (4mal) gefunden. Vortr. hat weiterhin auffallend große Zellen, zum Teil den „atypischen großen Zellen der tuberösen Sklerose“ ähnlich, in der peripheren Zone der Molekularschicht be¬ obachtet; sie fanden sich bei genuiner Epilepsie (3mal), Idiotie (3mal), Dementia praecox (2mal), juveniler Paralyse und Lues congenita (je lmal). Vortr. hat außerdem rundliche glomerulöse Bildungen beobachtet, die in der Molekularschioht und in den tieferen Rindenschichten Vorkommen, aus pathologisch stark veränderten Ganglien* und gewucherten Gliazellen bestehen und auffallend oft in der Nähe von Gefäßen liegen. Die Persistenz der Cajalschen Zellen weist auf eine sehr früh einsetzende Hemmung der Rindenentwicklung hin, die großen atypischen Zellen auf abnorme Differenzierung des Hirns, ebenso die glomerulösen Bildungen, die vielleicht zu den Redlichschen Plaques der senil veränderten Hirne in Be¬ ziehung stehen. Diskussion: Herr Stransky spricht sich gegen diese Auffassung der glome¬ rulösen Bildungen aus, da es nicht angehe, Veränderungen des Seniums mit Ab¬ normitäten der Veranlagung zusammen zu werfen. Herr Redlich stellt Beziehungen der Glomeruli und der Plaques in Abrede. Herrn Gerstmann lag es nahe, an die pathogenetische Bedeutung der demonstrierten Bildungen angesichts ihres Fehlens in normalen Gehirnen zu denken. Herr Karplus und Herr Kreidl berichten über Untersuchungen der Sohmerzleitung im Rückenmark und finden, daß die Katze keine langen Schmerzleitungsbahnen hat. Die Vortr. nehmen an, daß, abgesehen von den Hinter¬ strängen, jede sensible Wurzelfaser an eine Zellgruppe herantrete, die eine Bahn zu einer ihr korrespondierenden Zellgruppe ins nächst höhere Segment sende, eine andere zu der symmetrisch gelegenen Zellgruppe desselben Segments, die Erregungen von der Peripherie empfange und eine Bahn ins höhere Segment, eine auf die andere Seite des Rückenmarks sende. Herr Marburg demonstriert Präparate von angeborener Kleinhirnsklerose und führt die Entwicklunggstörungen auf Schädigung einzelner Gefäße zurück; die reichliche Variantenbildung des Kleinhirns gebe den Grund der zahlreichen Unterschiede der verschiedenen Fälle von Kleinhirnsklerose ab. Sitzung vom 10. November 1914. Herr Bauer demonstriert zwei Männer mit Meningitis serosa Spinells naoh Sohußverletsung der Wirbelsäule. Die Symptome waren die Zeichen Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 175 einer Kompression bei absolut normaler Beschaffenheit des Liquors, der aber unter beträchtlich erhöhtem Druck stand. Vortr. nimmt die Möglichkeit der Bildung einer Liquorzyste (Araohnitis fibrosa circumscripta) an. ln der Diskussion meint Herr v. Wagner, daß man bei der Häufigkeit von Traumen der Wirbelsäule (durch Sturz usw.) und der Seltenheit solcher Folge- zustände an die Wahrscheinlichkeit individueller Eigentümlichkeiten denken müsse, infolge deren es zur Bildung von seltener beobachteten Folgen von Wirbelsäulen¬ verletzungen (Komplexe wie Pachymeningitis cervicalis hypertrophica, Qaersehnitts- läsion usw.) komme. Herr Karplus hat bei einem luetisch infiziert gewesenen Soldaten, der durch eine in seiner Nähe stattgehabte Granatenexplosion bewußtlos geworden war, Symptome einer Querschnittsläsion beobachtet, ohne daß überhaupt eine Verletzung stattgefunden hätte. Herr Marburg bat 7 Fälle dieser Art operieren lassen und als Folgen der Commotio medullae spinalis mit der Zerreißung der Meningen pachymeningitische Schwielen oder Zysten oder Meningealverdickungen beobachtet, die durchaus an der Stelle des Traumas lokalisiert sein müssen und recht beträchtliche Ausdehnung haben können. Mikroskopische Untersuchungen ergaben als das Substrat der klinischen Erscheinungen Zerreißung feiner Lymphgefäße. Herr Schlesinger hat beobachtet, daß das Fehlen der Patellarreflexe in solchen Fällen oft nur kurze Zeit dauert. Herr Pötzl stellt einen Mann vor, der 1898 infolge eines Unfalls eine nervöse Schwerhörigkeit akquiriert hat und seit Mai 1914 sensorisch-aphasisch ist. Der Fall ist dadurch bemerkenswert, daß Pat. gut (mit nur geringer Neigung zu Wortverwechslungen) schreibt, gut liest und gut (mit großem Wortschatz und nur geringgradiger Paraphasie) spricht. Dabei ist er sehr weitgehend gleichgültig für Gehörseindrücke. Aus diesem Fall und seinen sonstigen Erfahrungen bei der Sprachdressur folgert Vortr., daß die Rückbildung bei inkompletter Läsion des Hörapparates (Zentrum geschädigt, Peripherie intakt) langsamer erfolgt, als bei kompletter Schädigung (Zentrum und Peripherie geschädigt). Herr Reiniöek berichtet über Kriegsverletzungen peripherer Nerven. Schwere Funktionsstörung wird pft durch Einbettung des Nerven in Schwielen hervorgerufen. Die Sensibilitätsstörung schneidet höher oben ab, als dem Sitz der Läsion entsprechen würde. Reste der Motilitätsstörung bleiben oft lange bestehen, Besonders schmerzhaft sind Ischiadicus- und Medianusverletzungen. Bei Ischiadicus- verletzungen sind besonders die Peroneusfunktionen schwer gestört. In der Diskussion teilt Herr Marburg mit, daß sensible Störungen bei Läsion gemischter Nerven stärker ausgeprägt sind, als motorische, und daß bei Ischiadicusläsion eine reine Peroneusstörung auch dann vorliegen kann, wenn keine hohe Teilung des Ischiadicus besteht. Herr Karplus bemerkt, daß nach experimentellen Untersuchungen die Haut¬ sensibilität, nicht die tiefe Sensibilität für die Beurteilung von Gewichts- und Druckunterschieden maßgebend sei. Sitzung vom 15. Dezember 1914. Herr J. Bauer demonstriert mehrere Fälle von Kombinationen organischer mit funktionellen Nervenstörungen: 1 . einen Fall von Pseudotetanus hystericus (Pat. hatte im Anschluß an eine 8 Wochen vorher stattgefundene Verletzung Tetanussymptome gezeigt, die auf Serumbehandlung verschwanden); 2. einen Fall von hysterischer Sensibilitätsstörung nach Commotio medullae spinalis mit Para¬ parese der Beine und Verlust der Sehnenreflexe; 3. einen Fall von hysterischer Beinlahmung nach Rückgang einer durch eine Schußverletzung in der Nähe der Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 176 Mantelkante bedingten spastischen Beinlähmung mit klonischen Sehnenreflexen und Babinski; 4. einen Fall von hysterischer Parese und SenBibilitätsstörung des Armes nach einer oberflächlichen Schuß Verletzung am Rücken. Vortr. meint, daß die hysterischen Mechanismen sich im Bereich eines Locus minoris resistenftiae etablieren, wobei allerdings die konstitutionelle Disposition, die im wesentlichen in der Häufung degenerativer Momente besteht, vt>n Wichtigkeit ist. In der Diskussion weist Herr Hofbauer darauf hin, daß gewisse, sicher als funktionell anzusehende Atemstörungen, die bei organischen Erkrankungen auf- treten, Imitationen präformierter Mechanismen sind, z. B. der Atmung des Neu¬ geborenen oder des Cheyne-Stokes sehen Atmens. Herr Redlich hat ebenfalls organische Störungen mit superponierten funktio¬ nellen Beschwerden beobachtet. Psychische Momente seien für deren Entstehung von großer Wichtigkeit. Fehlen des Eornealreflexes hat R. nie beobachtet, weil bei Berührung der Kornea immer wenigstens andeutungsweise eine Sphinkter¬ kontraktion eintritt, der Skeralreflex fehlen kann. Herr v. Wagner bemerkt, daß das Zurückgreifen auf Mechanismen aus früheren Entwicklungsstufen viel erklärt, sowie die Imitation von anderen Personen beobachteten Krankheitsersoheinungen. v. W. ist kein Anhänger der Theorie von der rein psychischen Genese der Hysterie. Nicht nur das Unter-, sondern auch das Oberbewußtsein ist oft erheblich beteiligt. Therapeutisch ist wichtig, den Kranken aus dem militärischen Milieu zu entfernen, aber der ärztlichen Autorität muß er unterworfen sein. Kriegsneurose gibt eine bessere Prognose als die Unfall¬ neurose des Friedens. Herr Karplus bemerkt, daß bei der Hysterie sicher präformierte Mechanismen mitspielen. Herr Federn führt die Entstehung hysterischer Symptome auf Blutdruck- Steigerung zurück. Herr Redlich weist auf die Notwendigkeit klinischer Behandlung hin. Herr v. Wagner warnt davor, dem Patienten zur Ansicht Anlaß zu geben, daß ihn der Arzt für einen Simulanten ansehe. Herr 0. Marburg berichtet über seine Untersuchungen über die Patho¬ genese der Paralysis agitans. Gestützt auf ^eigene Befunde und Angaben der Literatur sieht Vortr. die Schüttelbewegungen als durch Atrophia cerebello pontino- rubra bedingt an, durch Zerstörungen im roten Kern und dessen zu- oder ab- führende Bahnen (Bindearme, Regio subthalamica, Linsenkernschlinge). Die Muskelrigidität ist myogen, vielleicht durch eine Störung des Zuckerstoffweohsels bedingt; es wurde in einigen Fällen Abbau der Nebenniere gefunden, so daß man an eine Störung der inneren Sekretion denken kann. Diskussion: Herr Redlich stimmt den Ausführungen des Vortr. zu. Herr Pötzl hat bei Kleinhirnschädigung parkinsonähnliche Erscheinungen gesehen und beobachtete in 2 Fällen von Chorea Huntington Veränderungen im Nucleus ruber. Zur gefälligen Beachtung. Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬ sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. Verlag von Viit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzobb & Wittiq in Leipzig. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN Neurologisches Centralblatt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet von Pro! E. MendeL Heraasgegeben von Dr. Kurt Mendel. VlernnddreiBlgster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Seichs, sowie direkt von der Verlagsbuchhandlung. 1915. 16. März. Nr. 6. Inhalt. I. Originalmitteilungen. 1. Über einige eigentümliche systematische post¬ mortale Veränderungen der Nervenfasern des Rückenmarks, von Dr. Giosui Biondi. 2. Zur Präge der Rückeumarksschüsse, von Prof. Dr. Otto Marburg. II. Referate. Tetanie im Kindesalter. I. Tetanie und tetanoide Zustande im Kindesalter, von Fischl. 2. Beitrag zur Klinik der seltenen Formen tonischer Krampfe im Kindesalter: Tetania neonatorum und Esoherichs Pseudotetanus, von Higler. 8. Säure und Nervenerregbarkeit, von Ellas. — Syphilis des Zentralnervensystems und Zerebro¬ spinalflüssigkeit. 4. Über Anwendung des Gehirnextraktes als Antigen bei der Wasser¬ mann sehen Reaktion, von Maruyama. 5. Untersuchungen über das Verhalten des Liquor cerebrospinalis bei älteren Heredosyphilitikern, von Przedpelska. 6 . The Morison Leotures 1913. The serum and cerebrospinal fluid reactions and signs of general paralysis, by Robertson. 7. The cell count in spinal fluid in syphilitic disease of central nervous System, by Bigelow. 8 . Juvenile paresis treated by the intraspinal injection of salvarsanized serum. Beport of a ease, by Riggs. 9. Über die Beziehungen der allgemeinen nervösen Symptome im Frühstadium der Syphilis zu den Befunden des Lumbalpunktates, von Wechsalmann und Elly Dinkelacker. 10. Über Abortivheilungen und Neurorezidive bei der modernen Syphilis- behaudlung, von Weriher. 11. Zur kombinierten Behandlung der Lues cerebri, von Hoffmann. 12. Zur Therapie der syphilitischen Nervenkrankheiten, von Oppenheim. 13. Kasuistischer Beitrag zur Lenre von Diabetes insipidus bei Syphilis im Zentralnervensystem, von HardraL 14. Abolition fröquente du rdflexe oculocardiaque chez les ayphilitiques, par Loeper, Mougeot ei Vahram. 15. Comment ddpister la syphilis nerveuse? par Ravaut. 16. Über die Syphilis dar Wirbelsäule, von Peritz. 17. Über Scapula scaphoidea, von Warburg. 18. Beobachtungen über syphilitische Erkrankungen innerer Organe, von Lenzmann. 19. Errors the clinfcal diagnosis of mental disorders associated with cerebral svphilis, by 8arnes jr. 20. The syphi- liiic psychoses, by Barnes jr. 21. Vitiligo, epilepsie et hdrddo-syphilis, par £tienne. 22. Bei¬ träge zur luetischen Erkrankung des Acusticus, von Valf. 23. Ein Fall von syphilitischer spinaler Amyotrophie des Schultergürtels, vou Kummant. 24. Über die therapeutischen Leistungen der Lumbalpunktion, von Quincke. 25. La ponction lombaire therapeutique, par Bastinel. 26. Recherches de manomdtrie clinique avec applications particuliörement ä l'dtnde de la pression du liquide cdphalo rachidien, par Claude, Porak et Rouillard. 27. Zur Sero¬ logie des Liquor cerebrospinalis, von Feiler. 28. Eine neue Reaktion der Zerebrospinal¬ flüssigkeit, von Boveri. 29. Über die Goldreaktion im Liquor cerebrospinalis, von de CriniS und Frank. 80. A report on the analysis of the cerebrospinal fluid with clinical notes in 109 cases of disease of the nervous system not including the acute menin^eal affections, by Scballer. 31. The albumen contant of the spinal fluid in its relation to disease syndromes, by Mycoson. 82. La tension, les protdines et la lymphocytose du liquide cdphalorachidien, par Moraes. 38. Klinische Methoden zur Bestimmung des Eiweiß- und Globulingehalts im Liquor cerebrospinalis, von Grabe. — Syringomyelie. 34. Über pathologische Anatomie und Pathogenese der Syringomyelie, von Margulis. 85. Über eine Kombination von Syringo¬ myelie und amyotrophischer Lateralsklerose, von Mysliveiek. 86. Angeborene Höhlenbildung Im Rückenmark eines Kalbes bei Fehlen der Lenden-, Kreuz- und Schwanzwirbelsäule, von Messner. 37. Über zentrale und perivaskuläre Gliose im Rückenmark. Beitrag znr Patho¬ genese der Syringomyelie, von Mysliveiek. 38. Über Gefaßreflexe, von Hess und Berman.i. — Therapie. 39. ElektroJiagüostik und Elektrotherapie für praktische Ärzte, von Fuchs, xxxiv. 12 Digitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSETY OF MICHIGAN 40. Über Phenoval, Ton Stein. 41. Die Nervenpunktlehre von Cornelius und die schwedische Massage, von Port. 42. Die Nervenpunktlehre. Bd. II: Neurologie und Nervenpunktlehre, yon Cornelius. III. BUcherbesprechung. 1. Nervenkrankheiten und Ehe, von Eulenburg. 2. Die chirurgi¬ schen Indikationen in der Nervenheilkunde, von Auerbach. 3. Roths klinische Terminologie, von OberndOrffer. 4. Julius Robert Mayer, seine Krankheitsgeschichte und die Geschichte seiner Entdeckung, von Jentsch. 5. Ärztliche Lebensfragen und ihre moderne Lösung, von Honigmann. 6 . Die psychopathischen Verbrecher, von Birnbaum. I. Originalmitteilungen. [Aus der Klinik für Nerven- und Geisteskrankheiten der Kgl. Universität Catania.] (Geleitet von Prof. G. D'Abundo.) 1. Über einige eigentümliche systematische postmortale Veränderungen der Nervenfasern des Rückenmarks. Von Dr. Giosuö Biondt, Assistent Der Befand, für welchen ich in diesen wenigen Zeilen Aufmerksamkeit erbitte, erscheint mir interessant von verschiedenen Gesichtspunkten aus. Ich habe in folgender Weise experimentiert: Ein allem Anschein nach gesunder, ausgewachsener Hund wurde durch Blutentziehung getötet. Unmittelbar nach dem Tode des Tieres entnahm ich ein kleines Stück Bückenmark, welches ich in Müllerscher Flüssigkeit erhärtete. Das übrige Mark wurde „in situ“ gelassen, ohne daß dementsprechend das Wirbelbaud geöffnet worden wäre. Der Leichnam des Tieres verblieb in Zimmerwärme, welche bei Tage 27 bis 29° C. erreichte, da die Versuche zur Sommerzeit gemacht worden sind. Nach 24 Stunden entnahm ich ein Stück Cervikalmark and noch ein anderes Stück Dorsalmark, welch letzteres einige Abschnitte näher demjenigen lag, das am Tage zuvor entnommen war. Aach diese Stücke worden in Müllerscher Flüssigkeit erhärtet. Die sofort nach dem Tode des Tieres und die nach 24 Stunden entnom¬ menen Stücke wnrden in derselben Weise behandelt und denselben technischen Manipulationen unterworfen. Die angewandten Methoden waren diejenigen Mabchi’s und Donaggio’s mit zinnhaltigem (stannico) Hämatoxylin für *die degenerierten Fasern. Es wurden Querschnitte aasgeführt. Die Methode „zinnhaltiges Hämatoxylin“ ist die erste der drei verschiedenen Methoden, welche 1904 Donaggio 1 zur positiven Färbung der Nervenfasern in den Anfangsstadien der primären und sekundären Degeneration vorgeschlagen hat. Ich halte es für nützlich, die Methode auseinanderzusetzen, so wie ich sic mit den Modifikationen ausgeführt habe, welche Prof. Donaggio selbst die Güte hatte, mir vorzuschlagen, wofür ich ihm danke. Die Stücke müssen einige Monate gut iu Müller scher Flüssigkeit erhärtet werden. Bei ungenügender Erhärtung gelingt die Färbung nicht. 1 Riv. speritn. di Freoiatria. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 179 Zar Winteizeit hat sich eine auf 2 Monate erstreckte Erhärtung in Zimmer* temperatur als ungenügend erwiesen. Die Stücke kommen aus der Müllersohen Flüssigkeit sofort vorübergehend in Alkohol und werden in Celloidin eingebettet. Die Schnitte von 20 bis 30 p kommen vom Alkohol in Wasser und werden dann gefärbt mit von Donaggio folgendermaßen präpariertem Hämatoxylin: In eine vorgescbriebene Menge wäßrige ammoniakalische 30 °/ 0 ige Chlorzink¬ lösung (Kahlbaum) gießt man langsam und unter Bewegung eine gleiche Menge wäßrige Lösung von 1 °/ 0 iger, erwärmter und wieder vollständig erkalteter Häma¬ toxylinlösung. Diese Hämatoxylinlösung hält sich lange Zeit In der Hämatoxylinlösung bleiben die Schnitte 10 bis 20 Minuten und werden dann nach kurzer Waschung in destilliertem Wasser differenziert in den Lösungen von Pal, d. h. sie werden gehalten in 25°/ 0 iger Kaliumpermanganat¬ lösung und dann in einer Mischung zu gleichen Teilen von l°/ 0 igem Kalium¬ sulfat und l°/ 0 iger Oxalsäure. Die Schnitte werden abwechselungsweise solange von einer Flüssigkeit in die andere gebracht, bis — wenn die Schnitte degenerierte Bündel enthalten — diese schon dem bloßen Auge durch ihr Kolorit auffallen. Die Schnitte werden in destilliertem Wasser gewaschen und nach dem Durchgang durch die Beihe der Alkohole entwässert (disidratato), aufgehellt mit Xylol und in Balsam ein¬ geschlossen. Bei den nach dieser Methode behandelten Präparaten sind die normalen Rückenmarksfasern und Querschnitte vollkommen farblos oder erscheinen wie einfache Ringe, der Markscheide entsprechend gefärbt Die lädierten Fasern im Querschnitt erscheinen „in tote“ gefärbt, d. h, sie zeigen sich wie abgerundete Häufchen, in denen Zylinder und Markscheide (wenig oder gamicht voneinander unterscheidbar) zusammen gefärbt sind. Die normalen Fasern im Längsschnitt widerstehen der Entfärbung, doch unterscheiden sie sich von den lädierten Fasern, weil diese letzteren wie schein¬ bar unzusammenhängende Reihen von Tröpfchen erscheinen. In dieser Weise habe ich bis jetzt an zwei Hunden Versuche gemacht. Marchi- Methode, sowohl an den sofort nach dem Tode des Tieres entnommenen Stücken, wie an den nach 24 Stunden entnommenen, ließ keinerlei den Fasern nach¬ teilige Veränderung entstehen. Nur beobachtete man in diesen letzteren hier und da einige winzige schwärzliche Stellen. Im Gegensatz zur Donaggio-Methode an den 24 Stunden nach dem Tode entnommenen Stücken hatte ich einen ganz anderen Befund für die sofort nach dem Tode des Tieres entnommenen Stücke. In der Tat offenbarte die Donaggio- Methode an den sofort nach dem Tode entnommenen Stücken sowohl an Hund A wie an Hund B keinerlei nachteilige Veränderung der Nervenfasern, sowohl der grauen wie der weißen Substanz. Bei Hund A waren alle Fasern der weißen Substanz farblos, mit Ausnahme einiger wie einfache Ringe gefärbter (dies der Charakter der normalen Fasern). Bei Hund B war in der weißen Substanz eine gewisse Anzahl sehr zarter 12 * Difitized by Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 180 Fasern gefärbt, welche sich bei geringer Vergrößerung kaum unterschieden wie winzige Pünktchen. Aber keine starke Faser war gefärbt. Es scheint, daß der Widerstand dieser zartesten Fasern gegen Entfärbung nicht zeigt (beweist), Fig. I. Rflckenmark, Dorsalstück, einet normalen Hundes (Hund A), 24 Standen nach dem Tode entnommen und gefärbt nach der Methode Doxagoio’s. Die schwanen Paukte stellen die positiv gefärbten Fasern dar. daß sie verändert sind. Aller Wahrscheinlichkeit nach hängt solohe Erschei¬ nung ab von dem Grad der Erhärtung der Stücke oder von anderen Faktoren der Methode. Hingegen fand man bei den 24 Stunden nach dem Tode entnommenen Stücken sowohl bei Hund A (Figg. 1 und 2), als auch bei Hund B (Fig. 8), aber mehr bei jenem als bei diesem, in der weißen Substanz eine sehr große Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 181 Zahl Fasern, welche sich positiv färbten, indem sie alle Eigenschaften aufwiesen, welche hei den nach dieser Methode behandelten Präparaten die degenerierten Fasern zeigen. Diese Fasern waren unvergleichlich viel stärker und von Aus¬ sehen verschieden von den schwachen Fasern, die ich erwähnt habe. Wie man aus den angefügten schematischen Figuren ersieht, war ein Teil dieser Fasern über die ganze weiße Substanz zerstreut, während ein anderer Teil in den Seiten- und Hintersträngen eine sehr klare, schon dem bloßen Auge bei Beob¬ achtung des Präparates ersichtliche Systematisierung hatte. Aus den angefägten schematischen Figuren bekommt man auch eine Idee von der topographischen Erscheinung dieser systematischen Veränderungen und es ergibt sich, daß sowohl die positiv gefärbten Fasern und Bändel regelmäßig symmetrisch von beiden Seiten wären. Dohaqoio’i. Bei Hund A und Hund B, sowohl beim Dorsalmark wie beim Zervikal¬ mark, war ein Bändel positiv gefärbter Fasern am äußeren Teil der hinteren Hörner, dessen Lage derjenigen der Pyramidalbändel der Fläche A von Pbbu- s eni 1 entsprach. An den Hintersträngen dagegen differierte die Lage der positiv gefärbten Bändel bei beiden Versuchen. Tatsächlich hatten die Bündel bei Hund A die in Schema 1 und 2 angegebene Lage, bei Hund B die in Schema 3 angegebene. Nach der genauen doppelseitigen Symmetrie der positiv gefärbten Bündel bildeten diese doppelseitig betrachteten bei Hund B eine Art p, mit verdicktem Ende, und bei Hund A hatten sie die Form eines Kegels. Während beim Dorsalmark die Basis dieses Kegels mit deii ganzen oder doch fast ganzen hinteren Band der hinteren Stränge korrespondierte, war er beim Zervikalmark mehr zusammengedrängt und nahm mehr den mittleren Teil der hinteren Stränge ein, und seine Basis war zwischen dem (sulco paramediano) der beiden Seiten enthalten. 1 Pnuaun, Journal f. Psychol. u. Neurol. XIX. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN Gegenwärtig könnte ich nicht mit Genauigkeit angeben, wovon solche topo¬ graphische Verschiedenheit der Veränderungen der hinteren Stränge bei den verschiedenen Tieren abhängt Vielleicht, daß bei verschiedenen Individuen die verschiedenen Fasersysteme der hinteren Stränge einen veränderlichen Grad von Empfindlichkeit haben? Bei beiden Versuchen stellten sich in der grauen Substanz viele Fasern im Längsschnitt gleicherweise angeschwellt dar; andere, besonders die dem voran¬ gegangenen Proportionsverhältnis entsprechenden zeigten sich wie in Beihen auf¬ gelöste Tropfen. Der Beachtung wert ist die Tatsache, daß man bei mit dem Messer ge¬ machten Querschnitten in den 24 Stunden nach dem Tode entnommenen und 2 oder 3 Monate in der Müller sehen Lösung erhärteten Stöcken in den hinteren und seitlichen Strängen Flächen beobachtete, die gekennzeichnet sind durch eine hellere Färbung und die genau denjenigen entsprechen, welche nach Donaggio- Methode positiv gefärbt sind. Nichts davon konnte dagegen bei den gleich nach dem Tode des Tieres entnommenen Stücken beobachtet werden. Gleichartige Erfahrungen habe ich außerdem gemacht bei 4 Hunden, denen ich durch Hauteinspritzung starke Dosen von Bromkalium (3 bis 4 g pro Tag) zugefügt habe. Bei diesen Tieren zeigten sich schon nach 3 bis 4 Tagen ernste Anzeichen von Vergiftung. Als diese an dem Punkt angelangt war, daß das Tier sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte, und alles auf einen nahen Tod schließen ließ, wurde das Tier getötet durch einen Schnitt in Höhe des verlängerten Marks. Sofort danach entnahm man ein Stück Mark (bei einigen Versuchen die zervikale, bei andern die dorsale Stelle). Andere Stücke wurden nach einer be¬ liebig veränderlichen Periode von 1 bis 3 Tagen entnommen. Die beiden Arten von Stücken wurden nach der oben erwähnten Methode behandelt Diese Versuche wurden im Winter gemacht Die Temperatur des Zimmers, in dem man die Leichen der Tiere gelassen hatte, überstieg um weniges 1° C. Diese zweite Art von Vereuohen ergab ganz ähnliche Resultate wie die ersten Versuche an normalen Hunden. Jedoch verdient besondere Aufmerksam¬ keit die Tatsache, daß, trotzdem die Tiere ernste Anzeichen von Vergiftung gezeigt hatten, die Donaggio-Methode keinerlei nachteiligen Beweis schuf für die Fasern der gleich nach dem Tode entnommenen Stücke Mark. Bei den am 1. bis 3. Tage nach dem Tode entnommenen Stücken be¬ stätigten sich die Kennzeichen und Veränderungen der Pyramidalbündel und der hinteren Stränge (dieser letzteren nach veränderlicher Lage). Und das be¬ wahrheitet sich, ob nun das nach 1 bis 3 Tagen entnommene Stück Mark näher oder ferner dem sofort nach dem Tode entnommenen gelegen war. Der in den unmittelbar nach dem Tode des Tieres entnommenen Stücken Mark errgebene negative Befund zeigt offensichtlich, daß die sehr ausgedehnten systematischen Veränderungen, welche die Donaggio- Methode ans den zu ver¬ schiedenen Zeiträumen naoh dem Tode des Tieres entnommenen Stücken, sowohl Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 183 in den normalen als auch in den vergifteten, zu entnehmen gestattete, sich post mortem entwickelt hatten. Über die Natur und den Mechanismus der Entwicklung dieser post mor- talen Veränderungen will ich jetzt kein Urteil abgeben. Ich habe Untersuchungen im Gange, welche hoffentlich Licht über dieses Phänomen ausbreiten werden. Was wirklich wichtig festzustellen ist, ist das, daß die verschiedenen Fasersysteme des Rückenmarks sich post mortem in ver¬ schiedener Weise benehmen. Es hat von seiten einiger Antoren (Math , 1 * Naga- taka Mubaohi 3 4 ) nicht an direkten Versuchen gefehlt. Aber weder die von Mayb angewendete Methode (Toluidin blan, Bethe- sohes Alkali), noch die von Nagataka Mobaohi angewendete (Marchi-Methode und Weigert-Methode) sind zu diesem Zweck so geeignet, wie die Donaggio- Methode. Diese, einen ansgewählten (auserlesenen) Beweis für die Veränderungen liefernde Methode ist diejenige, welche die feinsten und genauesten Resultate ergibt. Mayb und Nagataka Mubaohi auf der anderen Seite studierten nicht nur die einfachen Veränderungen nach dem Tode, sondern auch die Veränderungen, welche in den Rückenmarkstücken stattfinden, die eine gewisse Zeit außerhalb des Organismus in verschiedenen Flüssigkeiten gehalten worden waren. Die Verschiedenartigkeit der Methoden, die Verschiedenartigkeit des an¬ gewandten Studienmaterials (keiner der beiden Autoren experimentierte am Rückenmark des Hundes), die Verschiedenartigkeit der Erfahrungen, gestatten nicht, zu präzisieren, ob and welche von den von Mayb und Nagataka Mu- baohi beschriebenen Veränderungen durch Donaggio-Methode bewiesenen ent¬ sprechen. Von besonderem Interesse ist die Tatsache, daß die von mir beobachteten Veränderungen nach dem Tode — wenigstens gegenüber der Marchi- und Donaggio-Methode — genau die gleichen Eigenschaften der sogen, experimen¬ tellen Degeneration aufweisen. Es ist bekannt, von wie vielen, besonders italienischen Autoren, unter diesem Namen die speziellen, oft systematischen und immer symmetrischen Veränderungen des der Wirkung der verschiedenen Gifte unterworfenen Rücken¬ marks beschrieben worden sind. Vassalb,* welcher auf ganz schematische Weise die primären von den sekundären Degenerationen glaubte klar unterscheiden zu können, hatte angenommen, daß die durch Gifte experimentell in den Rücken- marksbündeln hervorgebrachten Veränderungen dem ersten Stadium der syste¬ matischen Rückenmarksaffektionen entsprächen, welche beim Menschen in Fällen von Tabes, Pellagra 1 usw. beobachtet werden. 1 Math, Journal f. Psychol. u. Neurol. XI n. XVII. * Nagataka Mubaohi, Obersteiners Arbeiten. XIX. ' Vassalb, Rivista eperim. di Freniatria. 1891 u. 1896. 4 Die Lehre Vassalb's wurde referiert von Lügabo im Handbach der patholog. Anat. des Nervensystems von Flatau, MiBob, Jacobsohn. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 184 Aber Bionami 1 bewies, wie diese Lehre sich Dicht auf sichere Tatsachen stützte; er hingegen betrachtete Veränderungen sui generis die experimentell beim Tier hervorgerufenen und durch Donaggio-Methode beweisbaren systemati¬ schen Rüokenmark8veränderungen. Über das Wesen und die innere Natur dieser Veränderungen können wir zur Stunde sagen, daß wir noch recht wenig wissen. Für die bis jetzt unbekannte Feststellung, daß post mortem Veränderungen hervorgebracht werden, die gegenüber den Marchi- und Donaggio• Methoden sich auf dieselbe Weise vollziehen wie die der „primären experimentellen Degene- rationen“, erweist es sich als unerläßlich, das Studium dieser letzteren aufzu¬ nehmen, da sie, wie es wohl möglich ist, wenigstens in einigen Fällen ausgelegt werden köunen als „primäre Degenerationen“ der einfachen postmortalen Ver¬ änderungen. Im Hinblick darauf habe ich sohon eine Reibe von Versuchen unternommen. [Aas der I. chirarg. Universitätsklinik in Wien.] (Vorsteher: Hofrat Freiherr v. Eisklbbbbo.) 2. Zur Frage der Rückentuarksschüsse. Von Prof. Dr. Otto Marburg. In den Diskussionen über die therapeutischen Maßnahmen bei Schüssen mit Rückenmarksläsionen findet man bisher keine rechte Stellungnahme. Am meisten wird der Standpunkt Oppen heim’s geteilt, der zeigte, daß auf der einen Seite zumeist komplette Querläsionen sind, die jeden chirurgischen Eingriff illusorisch machen, während auf der anderen Seitfe vielfach Fälle sich fanden, die eine spontane Remission schon nach kurzer Zeit erkennen lassen, also gleichfalls den Eingriff überflüssig machen. Die Erfahrungen der Klinik v. Eiselsbbbo in Wien, die ich kürzlich mit Prof. Ranzi in der Gesellschaft der Ärzte mitteilte % lassen eine andere Ansohauung gerechtfertigt erscheinen. Es ist selbstverständ¬ lich hier nur von schweren Fällen die Rede, nicht von jenen, die gleich vom Anbeginn oder in den allerersten Wochen eine Besserung erkennen lassen, also Fälle, die auoh nach vielen Wochen noch stationär bleiben oder nach anfäng¬ licher geringfügiger Besserung einen stationären Charakter annebmen. Der ablehnende Standpunkt bezüglich des chirurgischen Eingriffs gründet sich in erster Linie auf die Diagnose, die angeblich ermöglicht, eine komplette Durchtrennung des Rückenmarks sicher von einer nur indirekten Schädigung etwa nach einer Kompression zu unterscheiden. Ich darf nach den bisherigen eigenen Erfahrungen wohl sagen, daß wir im Vorhinein nicht in der Lage sind, eine komplette Querläsion sicher zu diagnostizieren. Die Querläsion scheint nämlich nicht nur durch eine Durchtrennung des Rückenmarks durch das 1 Atti del IV Congreaao della Soc. ital. di patologia. 1906. 1 Wiener klin. Wochenschrift 1915. Nr. 5. Digitized b'j Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 185 Projektil bedingt, sondern auch, wie das aus unseren Fällen hervorgeht, durch indirekte Schädigung des Rückenmarks, sei es durch Malacie oder besonders sich auf größere Strecken ausbreitende Ödeme. Man wird mir sofort einwenden, daß man über diese Verhältnisse zum Teil durch das Röntgenbild, zum Teil durch das genaue Studium der Schußrichtung Aufklärung erlangen könne. Weder das eine noch das andere ist der Fall. Wir haben in unseren 35 Be¬ obachtungen schwerer Rückenmarksläsionen nach Schuß einen Fall, in welchem das Projektil intradural lag und das Rückenmark kaum eine Schädigung bot. Wir haben andererseits Fälle durch die Obduktion verifiziert, bei denen die Wirbelsäule kaum getroffen war und trotzdem der Querschnitt eine schwere Erweichung zeigte. Es war mir natürlich bei den ersten Beobachtungen ungemein schwer, die Indikation zum Eingriff zu stellen, wenn alles für absolute Querdurchtrennung sprach. Am besten wird dies die kurze Mitteilung einer Krankheitsgeschichte illustrieren. Ein SOjähriger russischer Infanterist wurde am 7. IX. 1914 bei Lemberg durch einen Gewehrschuß verwundet. Der Schuß querte den Hals von links nach rechts. Er wurde bereits am 15. IX. der Klinik eingeliefert und zeigte eine Sensibilitätsstörung von C 7 , C 8 , D r Von D, bis D 4 war eine hypalgetiscbe Zone, von da abwärts komplette Anästhesie. Eine hyperalgetische Zone nicht über ein Segment breit fand sich über dem anästhetischen Gebiet. Schlaffe Lähmung der oberen Extremitäten, besonders der Hände, schlaffe Lähmung der unteren Extremitäten, Fehlen der Sehnenreflexe, Fehlen der Hautreflexe, Retentio urinae et alvi. Da wir eine indirekte Rückenmarksläsion hier annehmen mußten, entschieden wir uns trotz der scheinbar kompletten Querläsion am 17.X. 1914 zur Operation, die Prof. Ranzt vornahm. Es fand sich eine geradezu klassische Aracbnoidealzyste, eine Meningitis serosa circumscripta, etwa in der Ausdehnung von C 7 bis D a . Die Haut der Zyste war sehr derb. Nach der Operation schwand zuerst die Sensibilitätsstörung. Es besserte sich die Motilität; die Reflexe traten auf, waren gesteigert, der Patient beginnt bereits mit Unterstützung herumzu¬ gehen. Wenn ich kurz hinzufüge, daß bei Läsionen im mittleren Dorsalmark bezüglich des Verhaltens der unteren Extremitäten genau das Gleiche vorliegt, wie in dem angeführten Falle und das Operationsresultat ein gleiches ist, so wird man wohl beistimmen müssen, daß die Diagnose einer kompletten Quer¬ durchtrennung aus klinischen Momenten nicht immer sicher zu machen sein dürfte. Ich will hier nicht weiter auf die Verhältnisse der Arachnoiditis circum¬ scripta eingehen. Wir sehen sie so oft und immer wieder bei den Schußverletzungen unter einem anderen klinischen Bilde, daß man von der Aufstellung eines differentialdiagnostischen Momentes vorläufig abstehen muß. Es ist überhaupt schwer zu sagen, wodurch das klinische Bild hei den Rückenmarksschüssen erzeugt wird. Höchstwahrscheinlich ist das, was wir sehen, vielfach die Folge von Odemen, die sich im Anschluß an die Arachnoidealveränderungen entwickeln. Es erscheint aber andererseits nicht ganz unmöglich, daß auch Diachisiswirkung und Shock Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN — 186 — mit dabei beteiligt sind, wobei man freilich das Stationärwerden der Erschei¬ nungen schwer begreifen wird. Es ist eigentlich zu verwundern, daß die Laminektomie, die sicherlich in der Hand eines kundigen Chirurgen keine besonders schwere Operation ist, bei den Büokenmarksschü8sen von vornherein abgelehnt werden soll. _ Sie ist anch in jenen Fällen indiziert, wo eine komplette Querdurchtrennung des Rücken¬ marks vorzuliegen scheint, wo man aber den absolut sicheren Beweis einer solchen nicht zu erbringen vermag. Ich möchte schließlich hier die Indikationen wiederholen, die Prof. Ranzi und ich für die Operation der Rückenmarksschüsse aufgestellt haben: 1. Im Gegensatz zu den Hirnschüssen sind wir bei den Rückenmarks¬ schüssen mit schweren Erscheinungen zunächst für ein gewisses Zuwarten, bis der Zustand ein stationärer geworden ist Wenn sich jedoch dann in solchen Fällen nach etwa 4 bis 5 wöchentlicher klinischer Beobachtung keine Änderung des Zustandes zeigt halten wir die Laminektomie für indiziert 2. Die Operation ist kontraindiziert bei pulmonalen und abdominalen Kom¬ plikationen, sowie schweren Eiterungsprozessen in der Nähe des Operationsfeldes (dahin gehört auch ein schwerer, eitriger, progredienter Decubitus), ferner auch bei eitriger Zystitis und aufsteigender Pyelitis. 8. Nicht kontraindiziert ist der Eingriff jedoch bei leichter Infektion der Hamwege und granulierendem Decubitus. 4. Es ergibt sich aus unserer statistischen Zusammenstellung trotz des kleinen Materials, daß die Rückenmarkdurchschüsse und Tangentialschüsse im Gegensatz zu den indirekten Rückenmarkssohüssen kaum anzugeben sind. II. Referate. Tetanie. 1) Tetanie und tetanoide Zustände im Kindesalter, von Rudolf Fisch 1. (Klin.-therap. Wochenschr. 1913. Nr. 4 u. 5.) Ref.: G. Stiefler. 10jähriger Knabe, im Wachstum zurückgeblieben, von außerordentlicher In¬ telligenz und geradezu krankhafter Lebhaftigkeit, in der Aszendenz familiäre Glykosurie. Am Ende des 1. Lebensjahres stellte sich plötzlich im Anschlüsse an eine leichte Verdauungsstörung ein heftiger eklamptischer Anfall mit tiefer Be¬ wußtlosigkeit von zwölfstündiger Dauer mit folgender Parese des linken Mund- fazialis ein, die sich nach einer Woohe spurlos verlor. Kurz nach dem Anfall wurde ein lebhaftes Fazialisphänomen (Chvostek 2) sowie starke mechanische Übererregbarkeit der Nerven radialis und peroneus gefunden, sowie im Alter von 6 Jahren eine ganz wesentliche Steigerung der galvanischen Nervenerregbarkeit mit kathodischen Typus festgestellt. Der Knabe entwickelte sich intellektuell sehr gut und wurde ein großer Renommist. Später stellten sich bei ihm eigen¬ tümliche an petit mal erinnernde Anfälle mit sensorischer Aura im Gebiete des Geruchssinnes ein, die sich im Herbste und Winter häuften, im Frühjahr ihr Maximum erreichten, um in den Sommermonaten längere Zeit auszubleiben. Seit 2 Jahren setzten statt dieser Zustände Anfälle vom Typus der Jackson-Epilepsie ein, denen auch gewöhnlich digestive Störungen vorausgingen: Ängstlicher Ge- Digitized b'j Google Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 187 sichtsausdruck, der Mund wird schief nach links verzogen, die Bulbi stehen nach links und oben, die linksseitigen Extremitäten zeigen anfangs klonische Zuckungen, später tonische Kontrakturen; Bewußtsein erloschen, keine Pupillenreaktion. Dauer des Krampfes 1 / 2 bis 1 Minute, hierauf tiefer, mehrstündiger Schlaf. Postparoxys¬ male Acetonurie; Häufung der Insulte bis zehnmal im Tage. Während die mechanische und galvanische Übererregbarkeit der Nerven stets hochgradig ge¬ steigert gefunden wurde, war das Trousseausche Phänomen niemals hervorrufbar. Verf. reiht den Fall in die Gruppe der tetanischen Zustände ein und be¬ spricht auf Grund seines reichhaltigen Eigenmaterials die Valenz und Häufigkeit der Einzelsymptome. Dem Nachweis des isolierten Fazialisphänomens, das stets ein wertvolles Orientierungsmittel ist, komme keine ausschlaggebende Bedeutung zu, da es auch bei anderen Zuständen vorkommt, die mit der Tetanie nichts zu tun haben. (Bef. kann dieser Ansicht, die ja auch andrerseits wiederholt hervorgehoben worden ist, auf Grund jahrelanger Beobachtung nur zustimmen.) Der Nachweis von zwei oder mehreren Symptomen erhöhter mechanischer Erreg¬ barkeit der peripheren Nervenstämme genüge bei Kindern der ersten zwei Lebens¬ jahre zur Diagnose eines tetanischen Zustandes, und nur bei älteren Individuen müsse auch die Existenz sonstiger Symptome gefordert werden. Verf. fand in seinem Materiale, das sich auf mehr als 300 Fälle von Tetanie und tetanischen Zuständen erstreckt, das Fazi&lisphänomen sehr konstant und häufiger als das Peroneusphänomen. Dem TrousBeau gebührt absolute Beweiskraft, doch gehört er zu den wenigst konstanten und flüchtigsten Erscheinungen der infantilen Tetanie und fehlt besonders bei den leichteren Formen. Gegenüber der Auffassung, aus dem alleinigen Nachweis gesteigerter galvanischer Erregbarkeit ohne sonstige Zeichen einen tetanischen Zustand zu diagnostizieren (Thiemich, Finkeistein, v. Pirquet, Escherich), verhält sich Verf. zurückhaltend. Karpopedale Spasmen sind nicht besonders häufig (5 °/ 0 ). Verf. erörtert dann eingehend die Frage über das Wesen der Tetanie, ihre Beziehungen zur Bachitis, den Kalkstoffwechsel. Die Spasmophilie kommt nicht ausschließlich bei künstlich genährten Säuglingen, sondern auch bei reinen Brustkindern vor, verläuft aber bei letzteren wesentlich milder. Bezüglich des Einflusses der Wohnungsverhältnisse erwähnt Verf., daß auch in sozial gut gestellten Kreisen die Tetanie nicht selten zu finden ist. Er konnte, abgesehen von chronischen Formen des tetanischen Zustandes und der im Verlaufe der Jahre erfolgenden Krampfrezidiven Dauerfolge als tiefgreifende Störungen des Gesamtbefindens beobachten (so bei einem Knaben geistige und körperliche Minderwertigkeit, bei einem anderen Kinde, das im ersten Lebensjahre eine leichte Tetanie zeigte, Fettsucht). Prophylaktisch kommen die allgemeinen Begeln der Ernährungs- und Wohnungshygiene in Betracht, systematisch wirkt als ein souveränes Mittel der Phosphorleberthran, der im besondern den Stimm¬ ritzenkrampf, die exspiratorische Apnoe in der weitaus größten Zahl der Fälle rasch beseitigt; vom Paraganglin (Vassale) sah Verf. nie einen Nutzen. Dem sehr lesenswerten Aufsatz folgt ein ausführliches Literaturverzeichnis. 2) Beitrag zur Klinik der seltenen Formen tonischer Krämpfe im Kindes¬ alter: Tet&nia neonatorum und Esoheriohs Pseudotetanus, von Heinrich Higier. (Zeitschr.f.d.ges.Neur.u.Psych. XXII. H.4u. 5.) Bef.:M.Pappenheim. I. Bei einem achtwöchigen Säugling entwickelt sich fieberlos und schleichend — etwa eine Wdbhe nach einem stattgehabten oberflächlichen, keine Wunde hinterlassenden Trauma — ein tetanusähnlicher Zustand, der in den Beinen be¬ ginnt, nach einigen Tagen auf die Bumpf- und Kaumuskulatur übergreift und die oberen Extremitäten relativ am wenigsten affiziert. Die tonische, auch im Schlafe bestehende Starre der Muskulatur der Beine, des Bauches und des Brust¬ korbes, zu der sich später Nackenstarre und Trismus hinzugesellten, wird anfalls¬ weise durch plötzliche Exazerbationen verstärkt Die tetanische Starre besteht Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSfTY OF MICHIGAN 188 ohne erhöhte mechanische und elektrische Erregbarkeit, ohne Chvosteksches und Trousseausches Phänomen und schwindet nach 6 Wochen langsam und spurlos. — Verf. betrachtet den Fall als eine posttraumatische, durch eine abgeschwächte Varietät hervorgerufene Tetanusinfektion« II. 7 monatiger Knabe, der nach einer asphyktischen Geburt mit Nabel¬ schnurumschlingung um den Hals beinahe von dem ersten Lebenstage an mit krankhaften Kontrakturen der Extremitäten, Spasmen der Rumpf- und Gesichts- muskulatur behaftet war, zu denen sich im dritten Lebensmonate häufige eklamptische Anfalle, charakterisiert durch tonische Extension der oberen und unteren Gliedmaßen, hinzugesellten. Im 11. Lebensmonate plötzlicher Exitus während eines eklamptischen Anfalls. Wegen der typischen Karpopedalspasmen, der charakteristischen Geburts¬ helferstellung der Finger, wegen des Fazialisphänomens und der galvanischen Übererregbarkeit, die zwar in der Regel fehlten, aber naoh den gehäuften tonischen Krampfanfällen konstant nachzuweisen waren, hält Verf. die Tetanie, trotz der Seltenheit ihres Vorkommens bei Neugeborenen, für die wahrscheinlichste Diagnose. Bemerkenswert ist, daß in Übereinstimmung mit einigen Fällen von Kehrer, im Gegensatz zu den gewöhnlichen intermittierenden Fällen, ein ausgesprochen chro¬ nischer, stationärer Zustand bestand, der keineswegs bloß die Extremitätenmusku- latur betraf. Wie in Fällen von Kehrer fand sich Trübung des Bewußtseins. Ferner war die geistige Entwicklung erschwert, was zusammen mit den anderen Krankheitaerscheinungen die Differentialdiagnose gegenüber der mit Idiotie ver¬ bundenen Littlesehen Krankheit schwierig machte. 3) Säure und Nervenerregbarkeit, von Elias. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 2.) Bef.: Pilcz (Wien). Verf. erinnert an Ernährungsstörungen im Kindesalter, für welche viele Pädiater eine Azidosis postulieren, und die andererseits mit den Bildern der Spasmophilie sich decken, ferner an die Tetanie der Erwachsenen, die bei Gravi- ditäts-, Hungerazidose usw. vorkommt Nach einer Säure Vergiftung auf intravenösem oder peroralem Wege mit ver¬ schiedenen Säuren oder sauren Salzen zeigten Kaninchen und Hunde stets eine Erhöhung der nervösen Erregbarkeit, die sich sowohl für elektrische als mechanische Reize nahweisen ließ. Bei ganz schweren Vergiftungen kam es auch, beim Hunde, zu spontanen Krämpfen. Durch rasche intravenöse Sodazufuhr läßt sich das Tier meist retten. Die Krampferscheinungen gehen nioht augenblicklich zurück, aber die elektrische Erregbarkeit sinkt zunächst, um nach 2 bis 4 Tagen wieder normale Werte zu zeigen. Verf. stellt genauere Mitteilungen, auch über Veränderungen der Rinden¬ erregbarkeit, in Aussicht. Syphilis des Zentralnervensystems und Zerebrospinalflüssigkeit, 4) Über Anwendung des Gehirnextraktes als Antigen bei der Wasser¬ mann sehen Reaktion, von H. Maruyama. (Jahrbüoher f. Psych. u. Neurol. XXXV. 1914. S. 32.) Ref.: Pilcz (Wien). Die Versuche des Verf.’s, die in 11 Tabellen übersichtlich zusammengestellt sind, führen zu folgenden Ergebnissen: 1. Alkohol- und Alkoholätherextrakt der Gehirnsubstanzen sind als Antigene bei der Wassermann sehen Reaktion unbrauchbar. 2. Azetonextrakt der Gehirnsubstanz kommt als Antigen bei der Reaktion in Frage; er gibt Resultate fast gleicher Intensität wie die eigentliche Wasser¬ mann sehe Reaktion. 3. Bei je einem Falle von Paralyse und Manie fiel die Reaktion mit Azeton- Di gitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 189 extr&kt in Serum negativ an*, während die eigentliche Wassermann sehe Reaktion positiv war. 6) Untersuchungen über dae Verhalten des Liquor cerebrospinalis bei Alteren Heredosyphllitikern, von Prsedpelska. (Wiener med. Wochen¬ schrift. 1914. Nr. 12.) Ref.: Pilcz (Wien). Fall I. Kind von 6 1 /* Monaten. Bei der ersten Aufnahme mit l l / f Monaten luetische Periostitis, Wassermannreaktion-Serum positiv, nach Neosalvarsan Affek¬ tion gebessert, Wassermannreaktion unverändert. Bei der zweiten Aufnahme Exanthem, rotatorischer Nystagmus. Lumbalpunktat klar, Wassermannreaktion- Liquor und Phase I negativ, starke Lymphozytose, 83 Zellen im Kubikmillimeter. Nach Neosalvarsan Schwinden des Nystagmus. Fall H. 2jähr. Knabe; Wassermannreaktion-Serum +, Lumbalpunktat klar, Wassermannreaktion-Liquor und Phase I negativ, 7 Zellen. Fall III. 2 1 /)jahr. Knabe; Endarteritis luetica, Hemiplegie, Gummi? Wasser¬ mannreaktion-Serum +, Lumbalpunktat klar, zahlreiche Lymphozyten, Phase I und Wassermannreaktion-Liquor positiv. Fall IV. 6jähr. schwachsinniges Mädchen; Wassermannreaktion-Serum + , Flüssigkeit klar, 3 Zellen, Wassermannreaktion-Liquor und Nonne-Apelt negativ. Fall V. 7jähr. Knabe; Tabes inoipiens. Wassermannreaktion-Serum + , starker Druck, 7 bis 8 Zellen, Wassermannreaktion-Liquor +, Phase I —. Fall VI. 9jähr. Mädchen; Tabes inoipiens. Wassermannreaktion-Serum +, mäßiger Druck, Wassermannreaktion-Liquor stark +, Phase I schwach +, 36 Zellen, Lymphozyten zu polynukleären Leukozyten 9:1. Fall VII. 9jähr. Knabe; Wassermannreaktion-Serum +, Flüssigkeit klar, Wassermannreaktion-Liquor —, 3 bis 4 Zellen, 12°/ 0 polynukleäre. Fall VIII. lOjähr. Knabe; Wassermannreaktion-Serum +, klare Flüssigkeit unter geringem Drucke, Wassermannreaktion-Liquor und Phase I —, 22 Zellen, 22 °/ 0 polynukleäre. Fall IX. lOjähr. Knabe; Wassermannreaktion-Serum +, Flüssigkeit klar, normale Befunde. Fall X. 13jähr. Mädchen; Wassermannreaktion-Serum sohwaoh +, 18 Zellen mit 11 Lymphozyten, Wassermannreaktion-Liquor und Phase I —. Resümee der Fälle, Schilderung der Technik, Besprechung der einschlägigen Literatur. 6) The Morieon Lectures 1913. The serom and oerebrospinal fluid reaotlons and slgns of general paralysis, by G. M. Robertson. (Journ. of ment. Science. LX. 1914. Nr. 248.) Ref.: W. Misch. Die Serum- und Liquorreaktionen und -Symptome bei Paralyse werden, zu¬ gleich mit Angaben über die jeweilige Technik, zusammengestellt. Zur Diagnose kommen in Betracht die Wassermann sehe Reaktion im Blut und in der Zerebro¬ spinalflüssigkeit, Zellvermehrung, Auftreten von Plasmazellen, Globulinvermehrung und Eiweiügehalt des Liquors. Diese 6 Reaktionen und Symptome sind von¬ einander in der Entstehung unabhängig und ihrer Natur naoh verschieden, so daß sie einander ergänzen und bestätigen. So ist die Wassermann sehe Reaktion im Blut unabhängig von der Reaktion im Liquor, was auch daraus erhellt, daß bei gewöhnlicher Syphilis die erstere positiv und die letztere negativ ist, während bei Paralyse zuweilen die Verhältnisse umgekehrt sind. Ebensowenig besteht eine Beziehung zwischen der Wassermann sehen Reaktion und der Lymphozytose oder der Globulinvermehrung, obwohl die bei der ersteren reagierenden Lipoidsubstanzen, wenn sie vorhanden sind, mit dem Globulin ausgefällt werden oder zwischen dem Globulin- und Eiweißgehalt oder zwischen der Lymphozytose und dem Auftreten von Plasmazellen. Das Zusammentreffen von so vielen diagnostischen Merkmalen muß die Diagnose Paralyse unzweifelhaft machen, selbst wenn das eine oder das Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 190 andere ans irgend einem Grande fehlt, und umgekehrt kann man bei Fehlen aller dieser Symptome die Diagnose Paralyse mit Sicherheit ansschließen. Die Wasser¬ mann sehe Reaktion im Liquor kann in 6%, im Serum in l°/ 0 der Fälle, eine deutliche Lymphozytose in 10% der Fälle fehlen, ohne daß bei der Fülle der anderen Merkmale die Diagnose zweifelhaft sein kann. Die anderen drei Sym¬ ptome fehlen sehr selten. Von geradezu differentialdiagnostischer Bedeutung ist das Verhalten dieser Symptome nach den gewöhnlichen Salvarsandosen: bei Para¬ lyse werden dieselben in ganz geringem Maße und nur vorübergehend verändert, daß etwa die Wassermann sehe Reaktion für kurze Zeit schwächer positiv oder negativ oder der Zellgehalt herabgesetzt wird; dagegen ist die Salvarsanwirkung bei Lues cerebrospinalis eine außerordentlich deutliche, die Globulin Vermehrung verschwindet, der Zellgehalt wird auf fast normale Verhältnisse reduziert und die Wassermann sehe Reaktion wird gewöhnlich im Liquor und oft auch im Blut wieder negativ. 7) The cell oount ln spinal fluid in syphilitio disease of central nervous System, by 0. P. Bigelow. (Cleveland med. Journ. XII. 1913. Nr. 9.) Ref.; W. Misch. Eine Zellvermehrung im Liquor cerebrospinalis findet sich in 98,2 °/ 0 der Fälle von Paralyse, in 100% der Tabesfälle und in 86,3 % der Fälle von Lues cerebrospinalis. Bei anderen Erkrankungen des Zentralnervensystems wurde eine Zell Vermehrung über 7 Zellen nur in 3%% der Fälle gefunden, besonders bei Hirntumor und Herpes zoster, deren klinische Unterscheidung von den syphili¬ tischen Erkrankungen im allgemeinen nicht sehr sohwer fällt; die akute Menin¬ gitis gibt eine so starke Leukozytose, daß die Diagnose nicht zu verfehlen ist. Durchschnittlich fanden sich bei Paralyse 35 Zellen (8 bis 40) im Kubikmilli¬ meter, bei Tabes 52 (40 bis 100) Zellen und bei Lues cerebrospinalis 83 (50 bis 500) Zellen. Meist hat ein jeder Fall eine konstante Pleozytose, zu der er stets zurückkehrt; atn größten sind die Schwankungen bei Lues cerebrospinalis, wo die Pleozytose in beständigem Absinken begriffen und bei der akuten Erkrankung, d. h. im Anfang, am höchsten ist Bei der Paralyse hat die Höhe der Pleozytose keine Beziehungen zu dem geistigen oder körperlichen Befinden. Bei der Para¬ lyse ist die Durchschnittszahl der Zellen in den Anfangs- und den Endstadien höher als in den mitteren Perioden, bei Lues cerebrospinalis dagegen findet sich gewöhnlich nach dem akuten Ausbruch der Erkrankung ein stetes Absinken der Zellzahl bis zu einer bestimmten Höhe oder bis zum Normalen, was ja dem klinischen Verlauf der beiden Krankheiten entspricht Auf Jodbehandlung wurde in einigen Fällen von Paralyse und Lues cerebrospinalis eine vorübergehende Zell Vermehrung beobachtet, während nach intramuskulären Quecksilbergaben eine Herabsetzung der Zellzahl beobachtet werden konnte. Krampfanfälle sind meist von einer Herabsetzung der gewöhnlichen Zellzahl begleitet Auch kurz vor dem Tode kann man zuweilen ein Absinken derselben bis zum Normalen beobachten, während nach dem Tode die Zellzahl schnell und beträchtlich ansteigt, wie durch postmortale Lumbalpunktionen an 6 Paralysefällen und je einem Tabes- und Lues cerebrospinalis-Fall nachgewiesen werden konnte. 8) Juvenile paresis treated by the intraspinal Injeotion of salvarsaniaed serum. Report of a case, by E. C. Riggs. (Journ. of the Amer. med. Assoc. LXII. 1914. Nr. 24.) Ref.: W. Misch. Bei einem typischen Fall von juveniler Paralyse (8% Jahre alt) wurde die intraspinale Behandlung mit salvarsanisiertem Serum nach Swift und Ellis an¬ gewandt; die Injektionen wurden im ganzen 8 mal ausgeführt. Während die sero¬ logischen Befunde nach der Behandlung nur wenig zurückgingen, fand sich klinisch eine bedeutende Besserung, besonders hinsichtlich der psychischen Äußerungen und der Sprache; trotzdem trat gerade zu dieser Zeit ein erster epileptiformer Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 191 Anfall auf. Fenier wird über die Behandlungserfolge bei anderen Fällen be¬ ruhtet: bei 3 Fällen von Paralyse, die mit sechs and mehr intraspinalen Injek¬ tionen behandelt worden waren, wiesen zwei bedeutende Remissionen auf, der dritte blieb unverändert, Hand in Hand mit der klinischen Besserung gehen die serologischen Reaktionen zurück. Die Reaktion auf die Injektion ist gering und zu vernachlässigen; nur in einem Fall wurde nach der Injektion eine aseptische ohemische Meningitis beobachtet, die trotz bedrohlicher Erscheinungen in Heilung überging. 9) Über die Beziehungen der allgemeinen nervösen Symptome im Früh- stadium der Syphilis zu den Befunden des Lumbalpunktates, von W. Wechselmann und Elly Dinkelacker. (Münohener med. Wochenschr. 1914. Nr. 25.) Ref.: W. Alexander. Wechselmann hat gegenüber Finger betont, daß die nervösen Störungen im Frühstadium der Syphilis nach Salvarsanbehandlung nicht Aroenvergiftungen sind, sondern durchaus der Syphilis angehören. Es wurde daher nach diesen im Frühstadium der Syphilis sehr häufigen, aber oft nicht beachteten allgemeinen Symptomen gefahndet und das Krankenblatt mit entsprechenden Vordrucken (Kopfschmerz, rheumatische Schmerzen ubw.) versehen. Das Lumbalpunktat wurde auf Nonne, Lange sehe Goldreaktion und Wassermann untersucht, die Zellen im Zentrifugal gefärbt und auf dem Deckglas gezählt. So wurden 221 (151 Männer, 70 Frauen) Fälle vor oder ganz im Beginn der Salvarsankur untersucht. In 40% wurde bei bestehenden nervösen Symptomen eine Veränderung des Lumbal- punktata gefunden. In 14 % fehlten solche, wenn nervöse Erscheinungen fehlten. In 27 % war das Punktat bei fehlenden Symptomen verändert, in 14% unver¬ ändert bei nervösen Erscheinungen. Sind nervöse Erscheinungen da und das Punktat negativ, so beweist das im Anfang nichts, weil es erst später positiv werden kann; man muß dann einige Wochen später punktieren. Das Zentralnervensystem war nach dem positiven Befund im Punktat er¬ krankt in 86% bei Frauen, 84% bei Männern; es scheint also kein Unterschied zwischen beiden Geschlechtern in dem BefallenBein des Zentralnervensystems zu bestehen. Manchmal gehen klinische Besserung und Beeinflussung des Punktats parallel, manchmal auch nicht. Ein positiver Lumbalbefund bei Abwesenheit nervöser Symptome ist relativ häufig. Das spricht dafür, daß das Zentralnerven¬ system von vornherein infiziert wird, und daß dessen Herde in der Heilung mit den Haut Symptomen nicht gleichen Schritt halten. Es folgt daraus auch, daß eine Behandlung nicht als abgeschlossen gelten kann ohne Kontrolle des Lumbalpunktats. Es herrscht volle Übereinstimmung darüber, daß wir jeden Luetiker mit positivem Lumbalbefund, gleichgültig, ob er nervöse Symptome hat oder nicht, behandeln. „Nicht gelöst dagegen ist die Frage, ob man einen Patienten mit nervösen Symptomen und ganz normalem Liquor behandeln soll.“ (Quousque tandem ? Ref.) 10) Über Abortivheilungen und Neurorezidive bei der modernen Syphilia- behandlung, von Prof. Werther. (Deutsche med. Wochenschrift 1914. Nr. 22.) Ref.: Kurt Mendel. Mit der SalvarsaneinfÜhrung haben wir eine Verbesserung der Sterilisation des durchseuchten Körpers, aber den Übelstand der Hirnsohwellungen und der Neurorezidive im sekundären Stadium. Die leichtesten Formen der Neurorezidive äußern sich in Kopfschmerz, Schwindel und Ohrensausen. Diese Symptomentrias weist mit Sicherheit auf ein Neurorezidiv hin und erheischt ernste Beachtung und Behandlung. Dazu kommt oft Schlaflosigkeit; in einzelnen Fällen ist letztere das einizige Symptom der zerebralen Erkrankung und als Neurorezidiv zu be¬ werten. Die zweite Form sind die lokalisierten Erscheinungen von seiten der Hirnnerven (N. II, III, IV, VII, VIII). Drittens treten nicht selten Dämmer- Di gitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 192 zustande von kürzerer oder längerer Dauer auf, auch Epilepsie und Demenz. Diese Neurorezidive pflegen im Durchschnitt 6 Wochen nach dem Ende der ersten Kur aufzutreten bei Kranken, die sich im frühen sekundären Stadium in Behand¬ lung begeben haben, sie wurden auch früher vor der Salvarsanzeit beobachtet, sind aber nach der Salvarsaneinführung entschieden häufiger geworden, es sind typische syphilitische Erkrankungen des Zentralnervensystems. Zur Verhütung der Neurorezidive ist es notwendig, daß die Behandlung in¬ tensiver ist. Dieselbe muß chronisch sein; man darf die Spirochäten nicht zur Buhe kommen lassen. Eine Pause in der Hg-Behandlung ist zur Verhütung von Stomatitis und Gastritis geboten. Sie darf aber nar 4 Wochen dauern. Blut und Liquor sind dauernd zu kontrollieren. „Bei richtiger und frühzeitiger Anwendung des Salvarsans können wir min¬ destens die Hälfte aller primären Luesfälle heilen! Ferner können wir den Ver¬ lauf der Syphilis im ganzen abkürzen, wenn sie im sekundären Stadium erst in Behandlung kommt. Im tertiären Stadium kommen nur die symptomatischen Wirkungen unserer Heilmittel in Betracht. 11 11) Zur kombinierten Behandlung der Lues oerebri, von Hermann Hoff¬ mann. (Inaug.-Dissert. Kiel 1913.) Bef.: K. Boas. Die Arbeit des Verf.’s stützt sich im ganzen auf acht der kombinierten Be¬ handlung unterzogenen Fälle von Lues cerebri. Das Gesamtresultat ergibt, daß das Ergebnis der Therapie gut ist. 2 Fälle betrachtet Verf. als geheilt. In beiden wurde eine negative Wassermannsohe Beaktion erzielt. Die kombinierte Methode ist demnach bei Lues cerebri indiziert, sie scheint Dauererfolge zu bringen, wenn sie gründlich ausgeführt wird, sich über Woohen erstreckt und wiederholte Salvarsandosen mittleren Grades (0,6) durch energische Inunktionen unterstützt werden. Ob intravenöse oder intramuskuläre Salvarsanapplikation vorzuziehen ist, läßt Verf. dahingestellt. Der Salvarsan-Hg-Kur muß dann noch monatelange Jodmedikation folgen. 12) Zur Therapie der syphilitischen Nervenkrankheiten, von H. Oppen¬ heim. (Berliner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 16.) Bef.: E. Tobias. Verf. berichtet über seine Beobachtungen an etwa 136 Fällen von syphiliti¬ schen Nervenkrankheiten, von denen die Mehrzahl zu den sogen, metasyphilitisohen Nervenkrankeiten im früheren Sinne gehören, der kleinere Teil unter die Bubrik der Lues cerebri, spinalis und cerebrospinalis fällt. Es ist auch heute nicht daran zu zweifeln, daß die degenerativen Erkrankungen den bekannten antisyphi¬ litischen Mitteln einen ganz besonderen Widerstand entgegensetzen. Unter 20 Fällen von Lues cerebri wurden 8 durch Salvarsan günstig be¬ einflußt, in 3 Fällen nahmen die Erscheinungen zu, 9 zeigten weder Besserung noch Verschlimmerung des Leidens. Bei 4 Patienten schlossen sich Hirnsymptome an die Salvarsantherapie an, wurden aber bei 2 durch diese Behandlung wieder zurüokgebracht. Von 16 Fällen von Lues spinalis, die mit Salvarsan behandelt wurden, waren 6 mit Erfolg behandelt, während 7 unbeeinflußt blieben; bei 2 trat Verschlech¬ terung ein. In 2 Fällen trat das Rückenmarksleiden erst im Anschluß an die Salvarsankur ein. Von 60 mit Salvarsan behandelten Tabikern zeigte sich 10 mal ein Erfolg, besonders in Nachlassen von lanzinierenden Schmerzen und Krisen. 11 mal zeigte sich ein Mißerfolg, indem Symptome wie Blasenschwäche, Ataxie usw. rasch pro¬ gredient wurden oder eine vorher nicht bemerkte Opticusatrophie zur Entwicklung kam. 29 wurden nicht merklich beeinflußt. Von 3 Patienten, die wegen frischer Syphilis mit Salvarsan behandelt waren, sah Verf. Erstlingssymptome der Tabes dorsalis sich entwickeln. Von 24 Fällen von Paralyse blieben 16 durch Salvarsan unbeeinflußt und Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 193 bei 6 zeigten die Symptome eine auffallend rasche Zunahme. Nur 2 bis höchstens 3 reagierten mit einer Remission auf die Behandlung. In Fällen, in denen anderweitige Erkrankungen des Nervensystems bei Syphi¬ litikern Anlaß zu Salvarsankuren gaben, sah Verf. nie Nutzen für diese Nerven¬ erkrankungen. Einschränkend betont Verf., daß er nicht in allen Fällen die Behandlung selbst verordnet und selbst mit kontrolliert hat. Salvarsaoschädigungen hat Verf. 1911 und 1912 gesehen und zwar keinen Exitus, aber zweimal eine Encephalomyelitis gravis, 1913 sind ihm keine schweren Salvarsanschädigungen mehr begegnet. Salvarsan ist nach Verf. zweifellos eine sehr wertvolle Bereicherung unseres neurologischen Arzneischatzes, wenn auch von den ersehnten Wundern noch nicht viel zu beobachten war. Sehr zu beachten sind die warnenden Schlußbemerkungen dee Verf.’s, in denen er seine schweren Bedenken dazu äußert, daß die neueren Bestrebungen eigentlich dazu zwingen, daß man Tabiker z. B. so lange behandeln soll, bis sie negativen Wassermann haben, wozu eine ständige Kontrolle von Blut und Liquor erforderlich ist. Er betont ausdrücklich, daß dies für die Dauer unmöglich iBt, daß es aber dann auch viele Tabiker mit positivem Wassermann gibt, die ein erträgliches Leben führen und ihren Platz in der Welt gut ausfüllen. 13) Kasuistischer Beitrag zur Lehre von Diabetes insipidus bei Syphilis im Zentralnervensystem, von E. Hardrat. (Inaug.-Dissert. Berlin 1914.) Ref.: K. Boas. Verf berichtet über einen Fall von Diabetes insipidus bei gleichzeitiger Lues cerebri. Wassermannreaktion im Blut war sehr stark positiv, außerdem zeigte die Untersuchung dee Lumbalpunktates typische Veränderungen, wie sie bei Lues des Zentralnervensystems Vorkommen. Dafür sprach auch der Augenbefund. Die Frage, ob eine Beteiligung der Hypophyse in diesem Falle stattfand, war nicht mit Sicherheit zu entscheiden. Für den syphilitischen Ursprung sowohl des Dia¬ betes insipidus wie der Nervenerkrankung sprach schließlich die auffallende Wirkung der antiluetischen Behandlung. 14) Abolition frdquente du röflexe ooulo-oardiaque ohez les syphilitiques, par Loeper, Mougeot et Vahram. (Progr&s m6dical. 1914. Nr. 14.) Ref.: Kurt Mendel. Die Verff. untersuchten 40 Syphilitiker und fanden bei 30 derselben den okulo-kardialen Reflex fehlend. Derselbe besteht in einer Pulsverlangsamung um etwa 8 Schläge in der Minute bei Druck auf den Bulbus oouli; zentripetaler Weg: Trigeminus, zentrifugaler: Vagus (s. d. Centr. 1914. S. 171; Referat 27). Das Fehlen des Reflexes ist um so konstanter, je weiter man sich von der primären Syphilisperiode entfernt. Das Fehlen des okulo-kardialen Reflexes spricht für die Affinität der Lues zum mesenzephalen Nervensystem und steht im Gegensatz zu der Seltenheit seines Fehlens bei der Lungentuberkulose, dem Typhus, der Malaria, Pneumonie, eitrigen Pleuritis. 15) Comment depister la syphllls nerveuseP par Paul Ravaut. (Annäles de mädecine. 1914. Nr. 1.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. unterscheidet die präklinische oder latente und die klinische Phase im Verlaufe der nervösen Manifestation der Syphilis. Erstere beginnt mit den ersten vaskulären meningealen oder parenchymatösen, durch die Spirochäte verursachten Läsionen und kann sehr lange Zeit dauern; in dieser Zeit (degenerieren die be¬ troffenen Organe und werden allmählich zerstört. In dieser Phase sind Sero- und Zytodiagnostik von höchster Wichtigkeit. Die zweite Phase beginnt mit dem ersten klinischen Symptom; mit ihm fangt man an, die nervöse Lokalisation zu diagnostizieren. In der ersten Phase kann die Therapie wirksam sein. Bei 9 Patienten hat Verf. intraarachnoideal Neosalvarsan (3 bis 12mmg. xxxi v. 13 Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 194 Technik s. im Original) injiziert Die Injektionen — Verf. machte bei den 9 Kranken 63 Einspritzungen — sind gefahrlos und hatten günstigen Einfluß sowohl auf die klinischen Symptome wie auf die Beschaffenheit des Liquor. Verf. empfiehlt zunächst 6 lumbale Ixyektionen von 3 bis 6 mmg Neosalvarsan zu machen (alle 8 Tage eine), dann eine Keihe von intravenösen Injektionen und dann wieder 6 lumbale. 10) Über die Syphilis der Wirbelsäule, von Georg Peritz. (Charitö-Annalen. XXXVIL 1913.) Bef.: Kurt Mendel. 6 Fälle werden mitgeteilt 3 davon weisen mit Ausnahme der neuralgischen, als Wurzelsymptome anzusehendon Beschwerden keine echten Bücken markssymptome auf. Gerade solche Fälle der Wirbellues werden oft lange Zeit verkannt, gelten als Neurasthenie oder einfache Neuralgie. Die Wirbellues scheint im allgemeinen sehr spät Bückenmarkssymptome hervorzurufen; sie befallt nur einen oder wenige Wirbel. Es können aber zwei getrennte Herde in der Hals- und Lendenwirbel¬ säule existieren. Die Schmerzen in der Wirbelsäule bei Wirbellues haben meistens nächtlichen Charakter, sie sind sehr intensiv. Ein Gibbus ist äußerst selten; am ehesten wird er noch bei der Lues der Halswirbelsäule beobachtet. Dagegen kommen Verdickungen und Schwellungen der Proc. spin. vor. Die Klopfschmerz¬ haftigkeit wird in die Tiefe verlegt. Meningitische Symptome finden sich in manchen Fällen, doch gehören sie nicht zum Bilde der Wirbellues, sondern sind durch einen zweiten Prozeß einer Meningitis luetica bedingt. Die hereditäre Lues ist nicht die Ursache der Wirbellues bei Erwachsenen. Schwierig ist die Diffe- rentialdiagnose gegen Wirbeltuberkulose. Das Trauma spielt bei der luetischen Spondylitis eine besondere Bolle. In 2 Fällen des Verf.’s löste ein Trauma das Leiden aus. Die Heilung geht manohmal überraschend schnell, nur durch Jodkali, vor sich. Andere Male besteht eine außerordentliche Besistenz gegen jede Be¬ handlung. Die Lues der Wirbelsäule verläuft entweder unter Sequestrierung eines oder mehrerer Wirbel, besonders an der Halswirbelsäule. 17) Über Scapula soaphoidea, von Dr. F. Warburg. (Medizin. Klinik. 1913, Nr. 45.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Die Untersuchungen des Verf.’s über die Scapula soaphoidea, die er an Schul¬ kindern anstellte, sind von besonderem Interesse und von Bedeutung, weil sie die Annahme von Graves widerlegen, wonach die Scapula soaphoidea, d. h. die Scapula mit konkavem Vertebralrand, mit kongenitaler Lues in Verbindung steht. Nach Verf. ist die häufigste Form des Schulterblatts bei Schulkindern die¬ jenige mit mehr oder weniger geradem medialen Bande; häufiger als ausgesprochen konvexe Bänder sieht man konkave; ein konkaver Band kann nicht als patho- gnomonisch für Syphilis der Aszendenten gelten; die konkave Form des Schulter¬ blatts ist aber auch kein Degenerationszeichen, sondern eine normale Varietät, die sich vielleicht bei schwächlichen Kindern häufiger als bei kräftigen finden mag. Jedenfalls haben wir keine Berechtigung, aus der skaphoiden Form des Schulter¬ blattes einen prognostischen Schluß auf die Lebensdauer und die Art des Todes eines Individuums zu ziehen. Verf. protestiert energisch gegen derartige Schlu߬ folgerungen. Er zitiert auch noch kürzlich erschienene Mitteilungen von Cun- ningham, der ebenfalls dem skaphoiden Typ des Schulterblatts, den er häufig gesehen hat, keinerlei klinische Bedeutung beimißt und vor allem auch keinen Zusammenhang mit kongenitaler Lues finden konnte. 18) Beobachtungen über syphilitische Erkrankungen innerer Organe, von San.-Bat Dr. Lenzmann. (Medizin. Klinik. 1913. Nr. 45.) Bef.: E. Tobias. Die Ausführungen des Verf.’s sollen nur soweit referiert werden, als sie neurologisches Gebiet betreffen. So berichtet Verf. über 3 Fälle von plötzlioher Bewußtlosigkeit bei Luikern, die dadurch besonders charakterisiert waren, daß Lähmungserscheinungen nioht zurückblieben. Diese Anfälle kommen dadurch zu- Digitized by Gck igle Original from UNIVERSETY OF MICHSGAN 195 stände, daß das Lumen der Arterien durch das syphilitisohe Infiltrat verengert und daduroh die Blutversorgung des betroffenen Organs gestört wird; dazu kommt ein plötzlicher Krampf der betroffenen Gefäße. Die drei Patienten sind nach einer energischen Quecksilber- und späteren Salvarsankur vollkommen genesen. Weitere Fälle betreffen verschiedene Formen von Hirnlues. Die progressive Paralyse definiert Verf. auf Grund der Noguchischen Ergebnisse folgendermaßen: Die Para¬ lyse ist eine Hirnlues, die sich auszeiohnet durch einen besonderen Sitz der Er¬ krankung im Gehirn (vornehmlich graue Rinde des Stirn- und Parietallappens) und durch eine besondere Lagerung des Erregers (im Gewebe zwischen den Ganglienzellen), weiter durch eine besondere Reaktion des Organismus bzw. des befallenen Organs gegenüber den Endotoxinen des Krankheitserregers, die sich in dem besonderen pathologischen Befunde des Paralytikergehirns zeigt, und endlioh wohl auch durch eine besondere Lebensphase der Spirochäte, auf Grund deren sie besonders widerstandsfähig geworden ist, gegen unsere antiluischen Mittel. Eine unüberbrückbare Kluft zwischen Paralyse und Hirnlues gibt es nicht mehr. Man muß vor allem AnfangszuBtände mit allen zu Gebote stehenden Mitteln be¬ kämpfen. Verf. verfügt über eine Reihe von Erfahrungen, deren ausführliche Publikation er für demnächst in Aussicht stellt, wo solche Fälle, die mit größter Wahrscheinlichkeit als der Paralyse zugehörig gedeutet werden müssen, geheilt wurden und — bis jetzt — geheilt blieben. Mehr wie mit größter Wahrschein¬ lichkeit kann die Diagnose in solchen Fällen natürlich nicht gestellt werden. Auch bei der Tabes verlangt Verf. energische antiluetische Behandlung im Be¬ ginn. Was der Degeneration verfallen ist, wird nicht wiederhergestellt werden, aber ein Aufhaltenkönnen von Fortschritten hält er auf Grund seiner Erfahrungen für durchaus wahrscheinlich. Er sah auch Besserungen auf der Höhe der Er¬ krankung. 19) Brrors the olinioal diagnosis of mental disorders assooiated with oere- bral Syphilis, by Fr. M. Barnes jr. (Archives of diagnosis. 1912. Oktober.) Ref.: K. Boas. Die Schlußsätze der vorliegenden Arbeit lauten: 1. Eine syphilitische Läsion wird häufig unerwartet als die anatomische Basis einer geistigen Störung gefunden, von der man annahm, daß sie funktioneller, nicht spezifischer organischer Natur ist. 2. Lues cerebri kann in einem Gehirn entstehen, welches bereits an einer geistigen Störung erkrankt ist, z. B. bei Dementia praecox. 3. Lues cerebri kann im Verein mit anderen organischen Gehirnerkrankungen anftreten, z. B. mit Dementia arteriosclerotica und senilis. 4. Die Differentialdiagnose intra vitam ist häufig schwierig und oft unmöglich zu stellen. 6. Es gibt einen charakteristischen Symptomenkomplex der Lues cerebri. 90) The syphilitlo psyohoses, by Fr. M. Barnes jr. (Med. Record. 1912. Oktober.) Ref.: K. Boas. Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit lauten folgendermaßen: 1. Es gibt keinen charakteristischen Symptomenkomplex der syphilitischen Erkrankungen des Zentralnervensystems. 2. Manche Arten von Psychosen können von durch Syphilis hervorgerufenen geistigen Störungen vorgetäusoht werden. 3. Lues cerebri kann sich in einem bereits geistig erkrankten Gehirn ent¬ wickeln und in Verbindung mit anderen organischen Gehirnaffektionen auftreten. 4. Paralyse, Parese und konvulsivische Störungen können in Fällen fehlen, in denen die geistige Störung auf Syphilis zurückzuf&hren ist. 6. Die Differentialdiagnose intra vitam ist häufig schwierig und oft un¬ möglich. IS* Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 196 21) Vitiligo, Epilepsie et hörödo-Syphilis, p&r Etienne. (Bullet, et m6m. de la soc. m6d. des höpit. de Paris. XXX. 1914. Nr. 19.) Bef.: W. Misch. Bei einem 20jähr. Studenten wurde eine genuine Epilepsie und eine rechts¬ seitige unvollständige Lähmung, die beide bis auf die früheste Kindheit zurück¬ gingen, und endlich ein ausgedehnter symmetrischer Vitiligo beobachtet, der von einförmiger gelblicher Färbung war und vorn fast den ganzen Thorax außer den sternalen und parasternalen Zonen bedeckte und auf die Arme und die inneren Schenkelpartien überging. Die Hemiplegie, die mehr eine Hemiparese war und mit Reflexsteigerung einherging, ist wahrscheinlich auf eine Endarteriitis der linken Sylvisehen Furche oder eine umschriebene Bindenläsion zurückzuführen« Alle diese Erscheinungen weisen auf das Bestehen einer Syphilis kongenitaler Natur hin, ein Verdacht, der durch den deutlich positiven Ausfall der Wasser¬ mann sehen Reaktion bestätigt wurde. Demzufolge ist auf die Bedeutung der Syphilis bei der Ätiologie der sogen, essentiellen Epilepsie vom klassischen Typus hinzuweisen; wie diese Ätiologie bei der nichttraumatischen Spätepilepsie vor¬ herrscht, so muß man auch bei der essentiellen Epilepsie der ersten Kindheit an Heredosyphilis denken. 22) Beiträge zur luetischen Erkrankung des Aoustious, von E. Väli. (Ge6- gyäszat. 1913. S. 574.) Bef.: Hudovernig (Budapest). Verf. bespricht auf Grund von 160 Fällen die Symptomatologie der luetischen Acusticuserkrankungen. Er unterscheidet zwei Formen, und zwar die erworbenen und die angeborenen luetischen. Verf. stellt die Symptomatologie der beiden Formen einander gegenüber und findet, daß sie in Vielem voneinander differieren. Die Ursache, daß der Cochlearis häufiger erkrankt als der Vestibularis, glaubt Verf. darin zu finden, daß dieser Nerv in einer stark fibrösen bzw. knöchernen Substanz verläuft, welche nicht nur an Gefäßen ärmer ist, sondern diese Gefäße erkranken auch in erster Linie und lädieren daher leichter den Nerven. Der Verf. bespricht nachher auch die Therapie und kommt zu folgenden Schlu߬ folgerungen: Es besteht die Indikation der antiluetischen Behandlung (Hg und J) nicht nur im sekundären, sondern auch im tertiären Stadium besonders dann, wenn die Schwerhörigkeit an beiden Seiten nicht gleich ist. Salvarsan kann auch bei inveterierten Fällen angewendet werden, besonders wenn auch der Vestibularif lädiert ist. Salvarsan soll bei den luetischen Acusticusaffektionen in größeren Dosen angewendet und mit Hg und J kombiniert werden. Salvarsan beseitigte die subjektiven Erscheinungen immer, verbesserte aber das Gehör nur in einem Falle. 23) Ein Fall von syphilitischer spinaler Amyotrophie des Sohultergürtels, von Alexander Kummant. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI. 1914. H. 1 bis 2.) Ref.: Kurt Mendel. 41 jähr. Mann. Vor 20 Jahren Lues. Seit 2 Jahren fortschreitende Atrophie hauptsächlich der Schultergürtelmuskulatur, welche teils mit zerebralen (Kopf¬ schmerzen, Schwindelgefühl), teils mit spinalen Symptomen (Mastdarm- und Blasen¬ störungen, erhöhte Reflexe, sensible Reizerscheinungen) einhergeht. Wassermann im Blut und Liquor positiv, Nonne-Apelt positiv, mäßige Pleozytose, leichte Temperaturerhöhungen. Verf. betrachtet die Muskelatrophie als spinalen und syphilitischen Ursprungs. Diagnose: Lues cerebrospinalis; diffuse Meningomyelitis mit Pyramidenbahndegeneration. 24) Über die therapeutischen Leistungen der Lumbalpunktion, von H. Quincke. (Therapeut. Monatsh. XXVIII. 1914. H. 7.) Ref.: Kurt MendeL I. Die Lumbalpunktion ist grundsätzlich anzuwenden bzw. zu versuchen überall da, wo bei einer lebenbedrohenden zerebrospinalen Drucksteigerung ein Flüssigkeitserguß als Ursache oder als mitbeteiligt vermutet oder als möglich an¬ genommen werden darf. Digitized by Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 197 2. Aach bei minder schweren Drucksymptomen gleichen Ursprungs ist von der Lumbalpunktion Linderung der Beschwerden zu erwarten. 3. In akuten Fällen einfacher seröser Transsudation wird oft schon durch eine Lumbalpunktion auffällige Besserung herbeigeführt. 4. Wo die Besserung vorübergeht, muß die Punktion wiederholt werden, in akuten Fällen täglich (oder noch öfter), dann allmählich seltener, in chronischen Fällen in Intervallen von 3 bis 10 Tagen, selbst monatelang. 6. Bei diesen fortgesetzten Punktionen sind bei der Indikation für den einzelnen Eingriff ebensowohl der Krankheitsverlauf wie die einzelnen Symptome und die Ergebnisse der früheren Punktionen zu berücksichtigen. 6. Bei jeder Lumbalpunktion sind die technischen Regeln bezüglich Aus- führung und Nachbehandlung genau zu beachten, sind Anfangs- und Enddruck bowie die entzogene Flüssigkeitsmenge zu messen. 7. Bei eitriger bazillärer Zerebrospinalmeningitis wird durch methodisch wiederholte Punktionen sicher sehr häufig günstiger Ausgang ermöglicht, bei tuberkulöser wenigstens in seltenen einzelnen Fällen. 8. Hirntumoren oder der Verdacht darauf bilden keine Kontraindikation gegen Lumbalpunktion, wenn dieselbe mit gehöriger Vorsicht ausgeführt wird. Die Punktion kann, wiederholt, Besserung der Symptome für längere Zeit, selbst bis zum Verschwinden der Stauungspapille zur Folge haben. 25) La ponotlon lombaire thörapeutique, par Pierre Gastinel. (Progris möd. 1914. Nr. 24.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. empfiehlt die Lumbalpunktion als Behandlungsmethode bei syphilitischem Kopfschmerz, akuter spezifischer Meningitis, epileptiformen Anfällen der Paralyse, tabischen gastrischen Krisen, Kopfschmerz der Brightiker, Urämie, Eklampsie, Encephalopathia saturnina, Neuritis optica, Augenmuskellähmungen durch Menin¬ gitis oder Meningealblutung, Labyrinthschwindel. 20) Reoherches de manomötrie olinique aveo applioations partlouliörement ä Tötude de la presslon du liquide oöphalo raobidien, par Henri Claude, R. Porak et J. Rouillard. (Revue de mödecine. XXXIV. 1914. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Betrachtungen über den Liquordruck bei einzelnen Krankheiten. Beim Hirn¬ tumor z. B. kann der erhöhte Druck ein früheres und sicheres Symptom darstellen als die Stauungspapille. Näheres s. im Originale. 27) Zur Serologie des Liquor cerebrospinalis, von M. Feiler. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIV. H. 5.) Ref.: M. Pappen he im (Wien). Verf. kann die gegen Braun und Husler erhobenen Einwände Zalozieckis gegen die Anwendung von Kaninohenblut bei der Weil-Kafkaschen Hämolysin¬ reaktion — daß normaler Liquor Kaninchenblut hämolysiere, und daß Kaninchen¬ bluthämolysine im menschlichen Serum seltener Vorkommen als Hammelbluthämo¬ lysine — nicht bestätigen. Er findet, daß in einzelnen Serie sowohl Kaninchen¬ ais auch Hammelbluthämolysine fehlen können. Das Kaninchenblut ist bei meningitischen Prozessen gut verwendbar, zur Diagnose der Paralyse ist es nicht brauchbar, da die Kaninchenblutambozeptoren des menschlichen Blutes weder durch Zusatz von Meerschweinchenserum, noch von aktivem Kaninchenserum aktiviert werden können. Es kann also nur dann zur Reaktion herangezogen werden, wo auch genügende Mengen von Komplement übertreten, was bei der Paralyse meist nicht der Fall ist. Die von Braun und Husler angegebene Methode zum Nachweise des Komple¬ mentübertritts in den Liquor stützt sich auf die Tatsache, daß däs „Mittelstück“ des Komplements durch eine ganz bestimmte Salzsäurekonzentration ausgefällt werden kann. Da es in einem geringen Salzsäureüberschuß wieder löslich ist, darf man das Reagens — 1/300 Normalsalzsäure — nur kubikzentimeterweise Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 198 zusetzen. Eine größere Menge als 5 ccm za 1 ccm Liquor erwies sich praktisch als unnötig. Neue Untersuchungen mit der Braun-Huslerschen Methode ergaben in 17 Fällen von Meningitis tuberoulosa lSmal, in 8 Fällen von akuter Meningitis 7 mal ein positives Resultat, in 16 auf Meningitis verdächtigen Fällen dagegen, in denen der weitere Verlauf die Diagnose Meningitis ausschließen ließ, stets ein negatives Resultat. 28) Eine neue Reaktion der Zerebrospinalflüssigkeit, von P. Boveri. (Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 22.) Ref.: W. Alexander. Vorläufige Mitteilung einer besonders einfachen und sehr empfindlichen Reaktion. Zu 1 ccm Liquor läßt man ins Reagenzglas langsam 1 ccm 0,1 prom. über* mangansaurer Kalilösung laufen. Ist der Liquor normal, so entsteht an der Be¬ rührungsfläche der beiden Flüssigkeiten keine Färbung; in pathologischen Fällen ist die Grenzlinie mehr oder weniger gelb. Beim Schütteln bleibt mit normalem Liquor die Färbung rosaviolett, mit pathologischem Liquor wird sie hellgelb. Die» Reaktion ist stark, wenn sie vor 2 Minuten eintritt, mittelstark bei 3 bis 4 Minuten, schwaoh bei 5 bis 6 Minuten. Verf. hat die Reaktion an 40 Nervenkranken geprüft und resümiert: Die Reaktion ist ein sicheres Zeichen für krankhafte Veränderung des Liquor und empfindlicher als die Reaktionen von Nonne und Noguchi. Sie ist jedesmal positiv, wenn der Eiweißgehalt gesteigert ist; sie geht aber nicht parallel mit der Lymphozytose. Die stärksten Reaktionen fanden sich bei Myelitis. Die Pathogenese der Reaktion ist noch unbekannt. 29) Über die Goldreaktion im Liquor cerebrospinalis, von M. de Crinia und E. Frank. (Münch, med. Woch. 1914. Nr. 22.) Ref.: W. Alexander. Die VerfE haben an der Nerveuklinik Graz Goldsoluntersuchungen des Liquor bei Paralyse, Tabes und Lues cerebrospinalis angestellt. Sie haben sich dabei streng an die von Eicke angegebene Methodik gehalten. Das Optimum der zeit¬ lichen Ablesung liegt 2 Stunden nach Ansetzen der Reaktion. Bei 83 Paralyse- und Tabesfällen verlief die Kurve nur lömal in der von Eicke angegebenen Gestalt. Die Kurve bleibt bei demselben Kranken bei gleichen Gesundheits¬ verhältnissen und bei Verwendung der gleichempfindlichen Goldsole immer gleich. Durch therapeutische Beeinflussungen ändert sich die Kurve im wesentlichen qualitativ. Die Goldsolreaktion ist die weitaus empfindlichste aller Untersuchungs¬ methoden des Liquors; sie war bei Paralyse oft noch positiv, wo die anderen versagten. Außer bei luetischen Erkrankungen, bei denen die Reaktion eine wesentliche Bereicherung bedeutet, fanden die Verf. dieselbe auch bei multipler Sklerose und bei Chorea positiv. Bei letzterer verlief die Kurve in der Form, wie sie Eicke für sekundäre Lues angibt. Es folgt eine Tabelle über die unter¬ suchten Fälle. 30) A report on tha analysis of the oerebrospinal fluid wlth olinioal notes in 109 Qases of disease of the nervous System not inolnding the aoute meningeal affeotions, by W. F. Schaller. (Journ. of nerv, and ment. dis. 1913. Nr. 3.) Ref.: Artur Stern. Die klinischen Befunde stimmten bis auf ganz vereinzelte mit den Labora¬ toriumsergebnissen überein. Mit Rücksicht auf den Liquordruck, Globulingehalt und Lymphozytose differieren die Ergebnisse nicht von den Erfahrungen der Hamburger Schule. 6 Zellen pro Kubikzentimeter scheint die obere Grenze des normalen zu sein. Die Wassermann sehe Reaktion im Liquor ist in hohem Grade charakteristisch für einen syphilitischen Prozeß und wichtiger im allgemeinen als der Wassermann im Blut, wenn die Natur einer nervösen Störung in Frage steht. Übereinstimmend mit Hauptmann ist die positive Wassermannsche Reaktion Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 199 im Liquor in den höheren Auswertungen sehr charakteristisch für Nervenlues. Es ergab sioh in den Untersuchungsserien kein Fall, bei welchem das klinische Bild gegen die Annahme einer syphilitischen Affektion sprach dort, wo der Liquor in den geringeren Auswertungen negativ und positiv in den höheren war. Bei Tabes fand sich der Wassermann häufiger positiv im Liquor als im Blut (wie jetzt auch die meisten Beobachter bestätigen). Bei Lues cerebrospinalis war die Reaktion häufiger im Blut als im Liquor positiv, was mit Nonnes Erfahrungen übereinstimmt. 31) The albamen oontant of the spinal flnid in its relation to disease syndromes, by A. Mycoson. (Journ. of nerv, and ment. dis. 1914. Nr. 3.) Ref.: Artur Stern. Schlußfolgerungen: Bei der ausgebildeten Paralyse stehen die Reaktionen* auf Eiweiß, Globulin, Lymphozytose, Wassermann ziemlich konstant in parallelem Verhältnis, während in der Remission der Wassermann zuerst verschwindet, Fettgehalt und Globulin¬ vermehrung sich zunächst vermindert, das Eiweiß am konstantesten vermehrt bleibt. Daraus ist der Schluß zu ziehen, daß im präparalytischen Stadium die Eiwei߬ vermehrung wahrscheinlich das erste Krankheitszeichen darBtellt. Bei der Korsakoffschen Krankheit, in gewissen Fällen von Tumor und bei anderen organischen Krankheiten besteht eine Dissoziation des Eiweiß- und Globulingehalts in dem Sinne, daß entweder Eiweiß- ohne Globulinvermehrung besteht, oder daß ausgesprochene Ei weiß Vermehrung von einer geringen Globulin¬ vermehrung begleitet ist. Es ist daraus zu schließen, daß die Ei weiß Vermehrung eine primitive Reaktion des Nervensystems darstellt und zugleich die erste wie die konstanteste der bisher bekannten chemischen und biologischen Veränderungen in der Spinalflüssigkeit ist. Ihr Nachweis und ihre exakte Messung stellt eine für die neurologische Forschung wertvolle Aufgabe dar. 32) La tension, les protöines et la lymphooytose du liquide oöphalo- rachidien, par V. de Moraes. (L’Encöphale. 1914. Nr. 3.) Ref.: KurtMendeL Resultate: Liquor bei Normalen: Druck 10mm Hg, Nonnesche Reaktion fehlt, Lymphozytose negativ. Bei Alkoholismus: Druck 17 mm Hg; Nonne fehlt, Lymphozytose negativ. Bei manisch depressivem Irresein: Druck 17,6 mm Hg, Nonne fehlt, Lympho¬ zytose negativ.' Bei progressiver Paralyse: Druck 14 mm. Hg, Nonne +, Lymphozytose +. Bei Epilepsie: Druck 16 mm Hg, Nonne fehlt, Lymphozytose negativ. 33) Klinische Methoden zur Bestimmung des Eiweiß- und Globulingehalts im Liquor cerebrospinalis, von Dr. Karl Grahe. (Zeitschrift f. d. ges, Neurol. u. Psych. XXIV. H. 1.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). Verf. findet bei Untersuchungen mit der Brandberg-Pfaundlerschen Probe (Ringbildung duroh Unterschichtung des steigend verdünnten Liquors mit Salpeter¬ säure) als normalen Eiweißgehalt des Liquors einen solchen bis zu V*°/oo Eiweiß, so zwar, daß Werte unter 1 / 3 %o normal, solche über 1 / a °/oo pathologisch anzusehen sind, während dazwischenliegende Werte sowohl pathologische Ver¬ änderungen vorstellen, als auch bei Normalen Vorkommen. Beim Vergleich der Ni sei sehen (Ausfällung des Eiweißes durch Essbachschen Reagens) und der Brandbergschen Methode fand Verf. eine Übereinstimmung in der Anzeige nor¬ malen oder erhöhten Eiweißgehalts in 84°/ 0 . In den übrigen 16°/ 0 zeigt die Nie sieche Methode große Differenzen, so daß feinere Schwankungen nicht zum Ausdruck kommen können. Die Globulinreaktionen von Pandy (Karbolsäureausfällung) und Nonne- Apelt zeigen sowohl bei negativem wie bei positivem Ausfall im allgemeinen Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 200 gute Übereinstimmung. In einzelnen Fällen erwies sich bald die eine, bald die andere Methode als schärfer, so daß jede die andere ergänzt. Leichte Schleier¬ bildung bei der Pandyschen Reaktion in der Versuchsanordnung des Verf/s findet sich sowohl in normalen wie in pathologischen Liquores. Im allgemeinen gehen Globulin- und Gesamteiweißgehalt parallel, so daß man bei negativem Ausfall von Pandy und Nonne-Apelt mit großer Sicherheit auf normalen, bei positivem Ausfall der Globulinreaktionen auf vermehrten Eiwei߬ gehalt schließen kann. Für einzelne Krankheiten charakteristische Globulin- und Eiweißmengen gibt es nicht; nur die Gesamtheit der Untersuchungen kann Auf¬ schluß über die Beschaffenheit des Liquors geben. Syringomyelie. 34) Über pathologische Anatomie und Pathogenese der Syringomyelie, von M. S. Margulis. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LIII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. berichtet über 7 Fälle von Syringomyelie; in 3 Fällen war sie mit primärem Hydrozephalus kombiniert, in einem Fall fand sie sioh bei einem an Tetanus Verstorbenen. Im Anschluß an diese Fälle bespricht Verf. die pathologische Anatomie und die Pathogenese des Leidens, ohne Neues zu bieten. Die Ent¬ stehung des pathologischen Prozesses bei der Syringomyelie ist nach Verf. eine kongenitale. Die Entstehung der ependymären Gliofibrosis bei Syringomyelie ge¬ hört zu den Anomalien der Rückenmarksentwicklung überhaupt und des Glia- gewebes im besonderen. Es ist sehr wohl möglich, daß wir es mit einem chroni¬ schen entzündlichen oder einem ihm nahestehenden Prozeß im Gebiete des sioh bildenden Zentralkanals zu tun haben. Möglicherweise handelt es sich um eine Entzündung des Ependyms selbst; dank ihr verkleinert sich infolge des Nicht- verwachsens in seinem Dorsalteil der Zentralkanal, der beim Embryo sehr groß ist, nur wenig; daraus entwickeln sich Hydromyelie uud Divertikel. Außerdem nimmt die ganze niedriger liegende Neurogliaschicht Anteil am Prozeß, ebenso auch die Gefäße. Dieser Prozeß beeinträchtigt die normale Entwicklung, ruft Flüssigkeitsansammlungen im Zentralkanal hervor, d. h. einen dem Hydrozephalus analogen Prozeß. Als Anstoß zur anomalen Entwicklung des Glia- und Binde¬ gewebes diente also ein schädigendes Moment im intrauterinen Leben. 36) Über eine Kombination von Syringomyelie und a&yotrophisoher Lateralsklerose, von Z. Mysliveöek. (Casopis öesk^ch. 16k. 1914. S. 749.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich). In einem Falle konstatierte Verf. neben der Höhlenbildung noch eine Dege¬ neration der Pyramidenbahnen und eine Degeneration mit Atrophie der Vorder¬ hornzellen. Die Möglichkeit, daß die Vorderhorn Veränderungen duroh Druck seitens der Zentralgliose entstehen könnten, weist Verf. mit Hinweis auf gleiche Ver¬ änderungen in Lumbal- und Lokalsegmenten, wo keine Syringomyelie vorhanden ist, zurück. 30) Angeborene Höhlenbildung im Rüokenmark eines Kalbes bei Fehlen der Lenden-, Krens- und Sohwanswirbelsäule, von Emil Messner. (Journ. f. Psychol. u. Neurol. XXI. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel. Der Titel der Arbeit zeigt die Art der Mißbildung an. Verf. hält die der Syringomyelie des Menschen sehr ähnliche (nur lagen die Höhlen nicht haupt¬ sächlich in der grauen Substanz wie beim Menschen und die eigentlichen Glia- stifte und die sogen. Homogenisierung Schlesingers fehlte) Höhlenbildung bei seinem Kalbe nicht für eine unmittelbare Folge der Mißbildung des Rückenmarks¬ und Wirbelsäulenendes; er glaubt vielmehr, daß es gleichzeitig mit dieser Mi߬ bildung und durch dieselbe Ursache zur Spaltung des Zentralkanals kam und der Digitized b' ’v Google Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 201 Grund gelegt wurde zu der stellenweise übermäßigen Entwicklung des Peridyms und der Glia um den Zentralkanal herum und zur Bildung der kleinsten Gliome. 87) Über zentrale und perivaskuläre Gliose im Bückenmark. Beitrag zur Pathogenese der Syringomyelie v von Mysliveöek. (Sbornik Lökafsky. 1914. S. 182.) Bef.: J. Stucblik (Zürich). Die Entstehung pathologischer Veränderungen bei Syringomyelie kann nach dem Ver£ auf zweierlei Wege erfolgen: entweder ist der Hohlraum primär und die Gliose sekundär, oder bildet sich sekundär ein Hohlraum in der primär vor¬ handenen Gliose. Verf. beschreibt und untersucht eingehend einen Fall vom zweiten Typus. Er konnte zweierlei Typen von Wuoherung der Gliasubstanz fest- steilen: erstens nur um den Zentralkanal herum, wo an der Wucherung auch Ependymzellen teilgenommen haben, und zweitens um die Gefäße herum, wobei diese letzteren auch mit Veränderungen der Gefäßwand und mit dem Austritt roter Blutkörperchen aus dem Gefäßlumen begleitet wurde. Diese beiden, ana¬ tomisch verschiedenen, Prozesse müssen wohl eine allgemeine Ursache haben und so ist es nicht möglich, die Gliose schlechthin dujrch Verlegen und weiteres Wachstum von Zellen im embryonalen Zustand erklären zu wollen. Verf. neigt mehr zu der Sch mau eschen Auffassung, nach welcher Inselchen von Ependym¬ zellen physiologischerweise im Bückenmark überall Vorkommen und die engen Beziehungen der Glia- und Ependymzellen mikroskopisch leicht nachweisbar sind. Durch regressive Prozesse (Zerfall der Gliafaser) kommt es später zur Hohlraum¬ bildung, wobei die Hohlräume von hypertrophischen Geweben der Gefäßwand und vermehrten Ependymzellen ausgekleidet sind. 38) Über Gefäßreflexe, von Hess und Bermann. (Wiener klin. Wochenschr. 1913. Nr. 32.) Bef.: Pilcz (Wien). Die Verff. experimentierten mittels des Lehmann-Hossosohen Plethysmographen und studierten die Einwirkung von thermischen und psychischen Beizen auf die Gefäße unter verschiedenen pathologischen Verhältnissen. Hier seien besonders die Befunde bei Syringomyelie erwähnt. 1. 23jähriger Mann, seit 2 Jahren trophische Störungen an den Fingern, schmerzlose Paronychien, Atrophie der Hände und Unterarme. Status praesens: Störungen der Temperatur- und Schmerzempfindung vom Halse bis zur Leisten¬ gegend vorne, bis 1. Lendenwirbel hinten, sowie beider Arme und Hände. Atrophie der kleinen Handmuskeln, Thenar und Antithenar. IL 18jähriger Bursche, seit dem 15. Jahre krank. Beginn mit Schwäche im rechten Arme, dann linkerseits, Schmerzlosigkeit, ebenso Störungen des Temperatur- 8inns, trophische Störungen. Status praesens: Mäßige Atrophie des Thenar, Anti¬ thenar, M. adductur poll., weniger der Interossei; Trapezius, Supra- und Infra- spinatus rechterseits leicht atrophisch. Krallenhandstellung, Störungen der Tempe¬ ratur- und Schmerzempfindung an Armen, Händen, oberen Abschnitten des Bumpfes, Vorderfläche des rechten Oberschenkels. In diesen beiden Fällen ergab Applikation thermischer Beize — Wasser von 40° einerseits, 8° bzw. Eiswasser andererseits — an den in ihrer Sensibilität ge¬ störten Gliedmaßen niemals eine Änderung der plethysmographischen Kurve. Auch Beizung des Beines und psychische Beize bewirkten im ersten Falle keine Änderung. IIL 26jähriger Mann, seit 7 Jahren krank. Status praesens: Defekt des kleinen Fingers und der Endphalange des Zeigefingers rechts. Temperatur- und Schmerzempfindung nur im Bereiche der rechten Schulter, des rechten Unterarms und der rechten Hand grob gestört. Diese Störung erstreokte sich auch auf die rechte Thoraxseite, hinten vom C 6 bis D 12 . Wurde hier der normale linke Arm gereizt, so zeigte der kranke rechte normale Beaktion, während Beizung des empfindungskranken rechten auf den ge- Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 202 Bünden linken ohne Erfolg blieb. Kopfrechnen, als psychischer Reiz, ergab beider¬ seits deutliche Reaktion. Es ist in diesem Falle anzunehmen, daß das Yorderhom der rechten Seite intakt geblieben ist, während im rechten Hinterhorn eine Reilexunterbrechung stattgefunden hat. Auf Anwendung von Hautreizen erfolgte aber in allen diesen Fällen Vaso¬ dilatation. Da bei Fall I und II die Unterbrechung im spinalen Reflexbogen als komplett anzunehmen ist, muß diese reflektorische Hautreaktion einen anderen Weg nehmen, außerhalb des Rückenmarks, und man ist genötigt anzunehmen, daß die sensible Reizung nach Art eines Axonrefiexes „in antidromer Richtung“ (Bayliss) die Dilatation erzeugt. Die Untersuchungen an Fällen von Arteriosklerose und Sklerodermie inter¬ essieren den Neurologen weniger; daher hier von einer Anführung derselben Ab¬ stand genommen sei. Zahlreiche Kurven im Texte veranschaulichen Versuchsresultate. Therapie. 39) Elektrodiagnoetik und Elektrotherapie für praktische Ärzte, von A. Fuchs. (Wiener med. Woch. 1914. Nr. 31 u. 37.) Ref.: Pilcz (Wien). Für den praktischen Arzt sehr lehrreicher klinischer Vortrag mit irstruktiven Abbildungen. Besonders klar ist der wichtige Teil der Entartungsreaktion, Unter¬ suchungstechnik usw. geschrieben. 40) Über Phenoval, von J. Stein. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 47.) Ref.: Pilcz (Wien). Versuche an 36 eigenen Fällen und Literaturangaben führen Verf. zu dem Schlüsse, daß wir im Phenoval ein in Dosen von 0,5 bis 1,0 gut und meist Bicher wirkendes Einschläferungs- und mildes Schlafmittel besitzen, das auch meist gegen Kopfschmerzen der verschiedensten Qenese erfolgreich ist und keinerlei unangenehme Neben- oder Nachwirkungen zur Folge hat. 41) Die Nervenpunktlehre von Cornelius und die sohwedisohe Massage, von K. Port. (Münch, med. Wochenschr. 1913. Nr. 49.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg). Verf. (Chirurg) gibt in groben Umrissen die Lehre von Cornelius und hierauf eine Skizze der Lehren der schwedischen Schulen. Er findet eine so auf¬ fallende Ähnlichkeit der von den Schweden beschriebenen Nervenknoten mit den Nervenpunkten von Cornelius, daß er sie für „fast identisch“ halten möchte. Der Vergleich lehre, daß die auffallende Übereinstimmung der Befunde von Cor¬ nelius und ihre Deutung keineswegs Selbsttäuschungen usw. sind, sondern außer¬ ordentlich wichtige und wertvolle Entdeckungen. Verf., der die Lehre von Cor¬ nelius offenbar in den wesentlichen Punkten völlig ernst nimmt, tritt dafür ein, daß dieser Zweig der Medizin, diese Kunst von hohem therapeutischen Wert auch in Deutschland in unserer Wissenschaft aufgenommen werde. • 42) Die Nervenpunktlehre. Bd. II: Neurologie und Nervenpunktlehre, von A. Cornelius. (Leipzig, G. Thieme, 1913. 303 S.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.). In vorliegendem Buch wendet sich Verf. gegen seine Gegner und greift seinerseits die heutige Neurologie an, indem er ihr besonders die großen Ver¬ schiedenheiten in der Auffassung der Neurosen und die Überflutung mit Namen zum Vorwurf macht. Er setzt dann ausführlich seine bekannten Lehren aus- Digitized by Go .gle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 203 einander und hebt im einzelnen hervor, welche große Bedeutung nach seiner Meinung die Nervenpunkte bei den verschiedenen Leiden und Beschwerden be¬ sitzen. III. Bücherbesprechung. • 1) Nervenkrankheiten und Ehe, von A. Eulenburg. Sonderabdruck aus Krankheiten und Ehe. 2. Auflage. Neubearbeitet und herausgegeben von Hofrat Prof. Dr. C. v. Noorden und Dr. S. Kaminer. (Leipzig, Georg Thieme. 49 S.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Verf. behandelt in seiner bekannten geistvollen und fesselnden Art und mit seiner imponierenden Kenntnis der alten und neueren und neuesten Literatur, die er wie ein Meister beherrscht, die nervenhygienische und nervenärztliche Bedeutung der Ehe, Nervosität und Neurasthenie in ihren Beziehungen zur Ehe, Hysterie und Nervenkrankheiten, soweit sie Einfluß auf die Ehe, soweit die Ehe Einfluß auf sie ausübt. Die erschöpfende Bearbeitung des interessanten Themas ist des ärztlichen Interesses, besonders des Interesses von neurologischer Seite sicher. • 2) Die chirurgischen Indikationen in der Nervenheilkunde, von Siegmund Auerbach. (Berlin, J. Springer, 1914. 207 S.) Bef.: Kurt Mendel. Die fleißige Arbeit berücksichtigt in vollständiger Weise die Literatur und stützt sich auf zahlreiche eigene Erfahrungen; neben der Therapie wird auch in weitgehendem Grade die Differentialdiagnose in den einzelnen Abschnitten be¬ sprochen. Die Stellungnahme des Verf.’s bezüglich der chirurgischen Behandlung der Epilepsie ist in diesem Centr. 1914 S. 649 bereits dargelegt. Aus den übrigen Kapiteln sei folgendes hervorgehoben: Bei der Basedowschen Krankheit haben als absolute Indikation für die chirurgische Behandlung zu gelten: Kompressionserscheinungen, der sekundäre Charakter sowie ausgesprochene Akuität der Erkrankung, ferner Hornhautulzera- tionen. Als absolute Kontraindikation muß die Kombination mit Myxödem, auch leichtesten Grades, anerkannt werden. Albuminurie, Diabetes, Glykosurie, Myo- degeneratio cordis bilden keine Kontraindikation. Bei den Formes frustes, bei denen eine Vergrößerung der Schilddrüse nicht nachgewiesen werden kann, soll man nicht operieren. In jedem sohweren Basedowfalle ist die Thymusdrüse mit anzugreifen; an der Klinik von Behn ist die kombinierte Exzisionsmetbo^e (Thyreoidea + Thymus) die Methode der Wahl. Der Zeitpunkt, wann operiert werden soll, hat sich nach der sozialen Stellung des Kranken zu richten. Handelt es sich um die Arbeitsfähigkeit, dann sollte nicht länger als 2 bis 3 Monate mit der Operation gewartet werden. Bei Tetaniefällen, die auf internen Anomalien beruhen, das Leben bedrohen und auf Zufuhr von frischer tierischer Nebenschilddrüse sich nicht bessern, ist die Transplantation nach v. Eiseisberg vorzunehmen; ganz besonders gilt dies von der Maternitätstetanie. Bei sehr hartnäckigen monosymptomatischen Formen von Hysterie, die allen übrigen Behandlungsmethoden trotzen, kommen kleine oberflächliche Inzisionen als Soheinoperationen in Frage. Bei schwersten Migränefällen ist an eine Druckentlastung des Gehirns durch Lumbal- oder Ventrikelpunktion oder Dekompressivtrepanation zu denken (Verf. ist der Ansicht, daß die hemikranische Anlage auf einem Mißverhältnis zwischen Schädelinnenraum und Hirnvolumen beruht; s. d. Centr. 1914. S. 920). Die Indikationen, die sich bei einem nicht näher lokalisierbaren Hirntumor ergeben, lassen sich vorläufig folgendermaßen präzisieren: Besteht außer Kopf¬ schmerzen, Erbrechen, Schwindel usw. eine Stauungspapille auch nur mittleren Grades bei noch gutem Visus, so ist zunächst eine Punktion des Seitenventrikels Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 204 vom Keeriechen Punkte aus mittels einer kleinen Trepanation indiziert. Geht hierauf die Prominenz der Papille, die mindestens alle 2 bis 3 Tage zu kon¬ trollieren ist, zurück und bleibt das Sehvermögen gut, so kann man ab warten unter öfteren Untersuchungen, ob vielleicht doch eine Lokalisation möglich wird. Nimmt die Papillitis unter Abnahme der Sehfunktion zu und hat die Ventrikel¬ punktion einen begleitenden Hydrozephalus ergeben, so führe man den Balkenstioh aus; besteht kein Hydrozephalus, so mache man sofort eine Dekompressivtrepanation mit Spaltung der Dura, möglichst nahe dem vermuteten Sitze oder, falls man gar keinen Anhaltspunkt in örtlicher Beziehung hat, nach der Cushingschen sub¬ temporalen Methode. Vermag der Balkenstich den Rückgang des Visus nioht auf* zuhalten, so zögere man nicht zu lange mit der Palliativtrepanation, die man dann mit der extrakraniellen Ventrikeldrainage nach Kaelin-Benziger verbinden mag, falls keine Krämpfe bestehen. Radikal zu operieren ist, wenn die Allgemein¬ diagnose des Hirntumors sicher, die topisehe Diagnose möglichst sicher und die diagnostizierte Gegend operativ erreichbar ist. Bei der Tabes ist die Foerstersche Radikotomie für diejenigen Fälle zu reservieren, bei denen im Anfänge des Leidens die krisenartigen Beschwerden das Bild beherrschen und bei denen andere Symptome, namentlich trophoneurotische Störungen, hochgradige Ataxie und Muskelatrophie nicht bestehen. In diesen Fällen ist die Aussicht auf einen Erfolg günstig, und der Kranke kann oft (? Ref.) wieder völlig arbeitsfähig werden. Je mehr aber die anderen tabischen Symptome hervortreten, und je eher die längere nach der Operation unvermeidliche Bett¬ ruhe schädliche Folgen nach sich ziehen kann, um so zurückhaltender soll man sein. Von der geschilderten Kategorie kommen nur diejenigen Fälle in Frage, bei denen infolge des Kräfteverfalles eine Indicatio vitalis besteht. Die Operation hat zweizeitig zu erfolgen. Bei spastischen Lähmungen ist nur in schwersten Fällen, bei stationärem, nicht progredientem Krankheitsprozeß und bei noch Vorhandensein eines gewissen Restes von innervatorischen kortikospinalen Fasern für die betreffenden Muskel¬ gruppen die Foerstersche Operation zu versuchen. Bei inoperablen Geschwülsten des Beckens und Rückenmarks, besonders den bösartigen und metastatischen Tumoren der Wirbelsäule, aber auch bei anderen mit außerordentlichen und sonst nicht oder nur wenig zu beeinflussenden Schmerzen einhergehenden Affektionen der unteren Körperhälfte sollte man die von Roth- mann vorgeschlagene Durchschneidung eines oder beider Vorderseitenstränge des Rückenmarks ins Auge fassen. Ein sehr wertvolles Verfahren zur Bekämpfung der mittelsobweren und leichten Formen der spastischen Lähmungen stellt die Stoffelsche Resektion moto¬ rischer Nerven dar. Bei schweren Trigeminusneuralgien ist zuerst die Alkoholeinspritzung in den peripheren Nerv, dann ins Ganglion Gasseri, dann erst die periphere Neurexairese und schließlich an letzter Stelle, wenn alles andere versagt hat, die Exstirpation des Ganglions indiziert. • 8) Roths klinlsohe Terminologie. Achte, völlig neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage, von Dr. E. Oberndörffer. (Leipzig, G. Thieme, 1914. 484 S. Pr.: geb. 17 Mk.) Ref.: W. Misch. Die neue Herausgabe dieses vortrefflichen Buches ist mit einer solchen Er¬ weiterung des Materials einhergegangen, daß man das Werk schon fast als eine medizinische Enzyklopädie en miniature bezeichnen kann. Alle die Zweige der Medizin, die erst in den letzten Jahrzehnten entstanden und rasch ausgebaut worden sind, sind jetzt mit einer Gründlichkeit behandelt, daß man kaum noch einen Terminus technicus vergeblich suchen wird. Besonders zu begrüßen ist die ausführliche Bearbeitung der chemischen Physiologie und Pathologie, die ja zu Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 205 den Hauptgebieten des Klinikers gehören. Außerordentlich vervollständigt wurde die Terminologie der Arzneimittellehre. Endlich sind die medizinischen Grund» Wissenschaften, die Anatomie, Embryologie, Physiologie und physiologische Chemie, die Histologie und ihre Technik in der ihnen eigentlich gebührenden Weise so berücksichtigt worden, daß auch Details aus entlegeneren Gebieten angeführt sind. Es ist dies besonders für die Studierenden der ersten Semester, namentlich für die nicht humanistisch vorgebildeten, von größtem Werte. Natürlich ist auch für den Arzt, für den es ja in erster Linie bestimmt ist, das Buch durch seine Viel¬ seitigkeit von um so größerer Bedeutung geworden. • 4) Julius Bobert Mayer, seine Krankheitsgesohiohte und die Gesobichte seiner Entdeokuug, von Dr. Ernst Jentsch. (Berlin, Julius Springer, 1914.) Bef.: Bratz (Dalldorf). Jen tsch gibt uns eine recht lesenswerte Pathographie über Julius Bobert Mayer^ den Erfinder des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft, von den mechani¬ schen Äquivalenten der Wärme. Julius Bobert Mayer ist am 25.XL 1814 zu Heilbronn als Sohn eines Apothekers geboren. Sein lOOjähriger Geburtstag wird also demnächst von der wissenschaftlichen Welt gefeiert werden. Schon als Knabe hat er sich mit naturwissenschafÜichen Experimenten be¬ schäftigt, unterstützt durch das große Instrumentarium seines Vaters. Mayer hat zwei schwere Anfälle von manisch-depressivem Irresein durchgemacht. Zu Beginn der ersten schweren Depression 1850 stürzte er sich aus dem Fenster, genas aber rasch. Die zweite Psychose brach im Winter 1851/52 aus und dauerte fast 2 Jahre, Mayer ist nach damaliger Ansohauung noch mit der Zwangsjacke behandelt worden und hat die Erinnerung daran nie ganz verwinden können. Mayer lebte dann wieder mit ungeminderter Intelligenz bis zu seinem frühen, durch Lungentuberkulose 1878 erfolgten Tode als Arzt in seiner Vaterstadt Heilbronn. Die erste Konzeption seiner unsterblichen Idee kam ihm auf einer Seereise, die er nach abgelegter Staatsprüfung als Schiffsarzt machte. Auf der Beede von Batavia hatte er nämlich die Bemerkung gemacht, daß das bei großer Hitze auf Aderlaß aus der Armvene entnommene Blut eine auffallend helle Böte aufwies. Im Verein mit verschiedenen ihm bekannten physikalischen und physiologischen Tatsachen veranlaßte ihn diese Erscheinung sogleich, wie in der Folge, zu ein¬ gehenden emsigen Studien. In kurzen, aber außerordentlich sorgfältig durchgearbeiteten und auf physi¬ kalische Experimente gestützten Abhandlungen hat er dann 1842 und in den Folgejahren, also Bchon vor der ersten Psychose, sein Lebenswerk niedergelegt, aber auch nach den beiden Psychosen noch mit großer geistiger Kraft gearbeitet. Der Ausbruch der ersten Psychose war bei dem glücklich mit einer sorg¬ samen Hausfrau verheirateten Mayer mit ausgelöst durch heftige Erregungen über mangelnde Anerkennung seiner Entdeckung und durch widrige Priorität** Streitigkeiten. Dauernd war der gutmütige, offene, neidlose, witzige, gewandt zitierende Forscher hypomanisch. Die konstitutionell-nervösen Erregungsquellen steigerten durch die periodischen psychischen Anstöße die Tätigkeit der natürlichen aus¬ gezeichneten, gleichfalls angeborenen intellektuellen und charakterologischen An¬ lagen Mayers. Sie weckten frühzeitig und erhielten in den Jugendjahren das ungemeine Interesse, sie steigerten später die Wahrnehmungs- und Aufnahmefähig¬ keit in der Bichtung seiner Anlage, sie schärften das Gedächtnis, sie erhöhten die Beweglichkeit der Gedankengänge und verfeinerten die Ideenverknüpfung, sie stärkten endlich seinen Mut, seine Ausdauer und seine Treue im Verfolgen der Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 206 von ihm als ihm obliegend erkannten Aufgabe. Es ist nicht anzunehmen, daß Mayer, der ohne genügende Vorbildung war, dem nur geringe Hilfsmittel zu- gebote standen und der den maßgebenden Kreisen fast ganz fern blieb, auf dem seiner Berufstätigkeit entlegenen Gebiete seines Vorhabens in dieser Weise Meister geworden wäre, wenn ihm seine angeborenen abnormen Erregungszustände nicht einen großen Kraftzuwachs gewährt hätten. In diesem Sinne war Mayer ganz gewiß ein pathologisches Genie. Die hypomanische Anlage bei Mayer ist nach Auffassung des Verf.'s als eine außerordentliche Kraftquelle anzusehen. Mayer war eine tiefreligiöse Natur, wie mancher große Naturforscher, und donnerte oft gegen den Materialismus. Hiermit verfiel er aber — wie Verf. das in außerordentlich feiner Weise auseinandersetzt — in den Irrtum, daß er den „Materialismus als Forschungs¬ methode“ mit dem „Materialismus als philosophischem System* 1 verwechselte, etwas sehr Merkwürdiges, wenn man daran denkt, daß er sich sonst nicht leicht durch bloße Worte einfangen ließ, und daß er einst seinem Freunde, dem Psychiater Griesinger, die lehrreichsten Auseinandersetzungen über das letztere Thema hatte zuteil werden lassen, indem er ihm erklärte, was Ursache und Wirkung sei* Der Materialismus als Grundanschauung kann freilich einen mehr oder minder ausgesprochenen ethischen Defektzustand einschließen. Auf dem Materialismus als Forschungsmethode beruht die Art unseres naturwissenschaftlichen Denkens. Letztere ist eine theoretische und läßt sich weder konsequent noch direkt in die Psycho¬ logie des menschlichen Zusammenlebens hineinversetzen. Sie führt, vollständig erfaßt, auch ganz und gar nicht zum „Materialismus als Grund- oder Lebens¬ anschauung“, sondern davon hinweg. Wer allerdings, wie dies leider nicht selten ist, hier in den Anfängen des Denkens stecken bleibt, dem erscheint sie leicht als die einzig mögliche und richtige Denkweise überhaupt. Mayer, dem mit seinem geläuterten physikalischen Verständnisse klar geworden war, wie absurd es ist, sich das Psychische aus Materiellem und Physikalischem entstanden vorzu- steilen, und der es einleuchtender fand, daß jenem eben die Außenwelt als Kraft und Stoff erscheint, hätte sich dabei, daß hier sein Satz „ex nihilo nihil fit“ eine Einschränkung erleiden könne, beruhigen können. Er vergaß aber, daß die meisten gar kein Verlangen tragen, ihren Vorstellungsbereich über das Nächstliegende auszugestalten, und er hielt sioh für verpflichtet, solche Fragen zu berücksichtigen, wobei ihm dann nur ein Gebiet zu betreten übrig blieb, in dem es ihm nur rein gefühlsmäßig sich zu orientieren möglich war, und welches im menschlichen Zu¬ sammenleben berufsmäßig von anderen Kulturorganen bebaut wird. Es ist gewiß schön und tief gedacht, wenn er an Lang schreibt, seines Erachtens verhielten sich die naturwissenschaftlichen Wahrheiten zur christlichen Religion oder zum Christentum etwa wie die Bäohe und Flüsse zum Weltmeer, aber er hätte dieses Bild weiter verfolgen können und sich sagen müssen, daß die Leute ihren Tages¬ bedarf sehr oft nioht aus dem Weltmeer schöpfen können, und daß dazu die kleinen Wasserläufe geeigneter sind. So fehlte ihm dann das Bewußtsein, daß jedesmal, wenn er aus seinem engeren Fachgebiete heraus, in seiner Art zu sehen, zu metaphysischen Fragen überging, dieser Schritt von dem ihm zuständigen Publikum als etwas Befremdendes empfunden werden mußte. Man hätte gewiß auch bei anderer Gelegenheit nicht das geringste auffällige an diesem Thema selbst gefunden, aber mau sah nicht recht, wie er dazu kam, sich teilweise ziemlich unvermittelt auf einen den meisten eben im Augenblick ziemlich fern liegenden Boden zu stellen, dessen eigentliche Inhaber ihm zudem doch nur eine „sehr subjektive“, in „ihren Umrissen mannigfaltig wechselnde“ Kenntnis daselbst zu¬ sprachen. Hat Mayer doch selbst Moleschott bei Gelegenheit seines Dank¬ schreibens für die Aufnahme in die Turiner Akademie auf die Wendung desselben, Digitized by Gch 'gle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 207 daß beide auf supranaturalem Gebiet nicht in allen Punkten harmonierten, ant¬ worten müssen, daß er in dieser Hinsicht trotz seiner 53 Jahre mit sich selbst nicht einmal ganz ins reine hätte kommen können. Daß dies übrigens der Natur der Sache nach etwa unmöglich gewesen wäre, ist nicht der Fall, denn weit¬ reichende Gläubigkeit in religiösen Dingen findet sich sowohl im Verein mit tiefer physikalischer wissenschaftlicher Kritik, wie man an Gustav Theodor Feohner hat sehen können, als auch bei gleichzeitig völliger Ausschaltung aller wissenschaft¬ licher Gesichtspunkte und trotzdem vorhandenen enormen physikalischen Fach¬ kenntnissen, wie Faraday gezeigt hat, der zeitlebens ein glaubenseifriger Sek¬ tierer war. • 5) Ärstliohe Lebensfragen und ihre moderne Lösung, von Dr. Georg Honigmann. (Wiesbaden, J. F. Bergmann.) Bef.: L. Laquer. Die Geschichte der ärztlichen Wissenschaft zu studieren, ist heutzutage erst möglich, wenn dem Arzte des Alltags freie Zeit übrig bleibt zur Verarbeitung von Gedankengängen, die ihm die Praxis nicht direkt aufzwingt. Die „wissenschaftlichen Errungenschaften“ nehmen in der Literatur einen so breiten Raum ein, daß nur einige wenige starkgeistige Fachgenossen einmal Zeit finden für geschichtliche und allgemeine Themata von tieferer Bedeutung. Zumeist geschiehts auf Kongressen, wenn allgemeinere Fragen angeschnitten werden; dann ergehen sich führende Männer in allgemeineren historisch gestützten Darlegungen, die auch ein dankbares Publikum finden. Gewöhnlich lassen die Ärzte dazu ein Lebensalter hetankommen, das ihnen den Überblick über den zurückgelegten Lebensweg über die Summe der dabei gesammelten Erfahrungen erleichtert. Verf. hat nicht die Zeit abgewartet, wo die Hand zu zittern beginnt und der Stil zwar ruhiger, aber weniger scharf und weniger schneidig erscheint, sondern hat, wie er selber S. 71 in Anm. 3 schreibt, nach 7 jähriger klinischer Assistenten- und Dozententätigkeit und nach zwei Jahrzehnten ärztlicher selbständiger Praxis das Wort ergriffen, um sich über die Frage zu äußern, ob die medizinische Wissenschaft oder die ärztliche Kunst einen bestimmenden Einfluß auf die Tätig¬ keit des Arztes besitzen solle. So ist denn aus seiner geübten und berufenen Feder ein interessantes Werk erwachsen, das in Anlehnung an die kulturhistorische Bedeutung ärztlicher Tätig¬ keit sowohl zu alten Zeiten der Wertung der Empirie gerecht wird, wie der Entwicklung wissenschaftlicher Fortschritte aus allen Epochen der naturwissen¬ schaftlichen Erkenntnis Worte der Anerkennung zuteil werden läßt, ein Werk, das die Schwächen der* Wiener Schule nicht verkennt und* schließlich die moderne Entwicklung der Homeopathie und Naturheilmethode (Kurpfuscher) auf ihre wahren Ursachen zurückführt. Verf. verweist auf die hochbedeutenden Werke Albreohts ebensowohl wie auf die Schweningers, der bekanntlich die Stützpunkte für die praktische Tätig¬ keit des Arztes nicht in der biologisch-wissenschaftlichen Erforschung sucht, sondern sie glatt ablehnt. Verf meint, daß auch der geniale Laboratoriumsforscher Ehrlich bei der rein experimentellen Therapie schließlich nicht der klinischen Empirie entraten konnte und eifert gegen v. Wassermann und andere einseitige Vertreter der hypertrophierenden Laboratoriumsarbeit. Ein Schlußkapitel ist den modernen Zeitfragen gewidmet, dem technischen Übereifer der Ärzte, den fruialen Mächten, die in den Kassenfragen einwirken. Verf will die Kranken aus den Händen der unfühlenden exakten Wissen¬ schaft dem pulsierenden Herzen der ärztlichen Persönlichkeit zurückgewinnen. Verf. bedauert, daß eine allgemeine menschliche Schwäche — „die Trägheit des Herzens“ — auch die Ärzte ergriffen hat, und gibt der Hoffnung Raum, daß Digitized by Gougle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 208 der Arzt mit der Zeit sieh seine freie, stolze, wahrhaft stolze Stellung wieder znrüekerobern wird, die jetzt schwer erschüttert erscheint unter dem Banne materielistisch-naturwissenschaftlichen Denkens. Es ist ein gutes, interessantes, zeitgemäßes Buch, das das abgeklärte Urteil eines guten, klinisch geschulten Praktikers verrät, und viele Freunde sich er¬ werben wird. • 6) Die psyohopathleohen Verbrecher, von Dr. Karl Birnbaum. (Berlin, Dr. P. Langenscheidt, 1914.) Bef.: Bratz (Dalldorf). Wenn man daran geht, eine naturwissenschaftliche Betrachtung des Ver¬ brecherproblems in Angriff zu nehmen, so heben sich, wie Verf. mit Recht dar¬ legt, aus der Masse der Kriminellen zurzeit am klarsten die psychisch minder¬ wertigen, auch psychopathischen oder. degenerativ benannten Verbrecher heraus. Ihnen hat Verf. nun eine umfangreiche, 550 Seiten Lexikonformat umfassende Darstellung gewidmet und sich dabei nicht auf das irrenärztliche Gebiet beschränkt, sondern die psychologischen und kriminal-psychologischen Gesichtspunkte für die Darstellung in den Vordergrund gestellt, so daß auch Juristen und Strafanstalts¬ beamte das Buch mit dem größten Interesse lesen werden. Verf., durch viele frühere Arbeiten als ein erfahrener Kenner dieses Gebietes und Mehrer unserer einschlägigen Kenntnisse rühmlich bekannt, hat seine be¬ deutsame Aufgabe zu lösen verstanden. Er gibt zunächst eine Psyochologie der psychopathischen Verbreoher. Ihre verschiedenartigen Wesenszüge, die daraus hervorgehenden Charaktere und kriminellen Typen, die Formen, in denen sie sich im sozialen Leben kund¬ geben, die Bedingungen und Einflüsse, unter denen sie kriminell werden, und endlich die charakteristischen Delikte, in denen sie sich entäußern, werden klar* gelegt. Der zweite Teil gibt eine Psychologie des psychopathischen Angeklagten und Sträflings. Seine innere Stellungnahme zur Straftat, sein Verhalten in den ver¬ schiedenen Stadien und Situationen des Strafverfahrens und Strafvollzugs, seine psychopathischen Reaktionen auf all die gerichtlichen Einwirkungen, die vor¬ getäuschten oder wirklichen krankhaften Geisteszustände, die er unter den be¬ sonderen Bedingungen der Haft darbietet, und endlich die allgemeinen Wirkungen, günstige und ungünstige, welche die Strafmaßnahmen auf ihn ausüben, sie bilden den Stoff für diesen Absohnitt. Ein dritter und letzter Absohnitt schließlich geht rein praktischen Zielen nach und beantwortet jene Fragen, die sich allenthalben da aufdrängen, wo man im Strafwesen auf psychopathische Verbrecher stößt. Es ist unmöglich, im Rahmen eines Berichtes auf irgendwelche der vielfältigen Einzelheiten einzugehen. Das Lesen des Buches selbst wird auch dem Psychiater vielfach Neues und Anregung bieten. Zar gefälligen Beachtung. Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬ sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. Nr. 7 o.8 erscheint als Doppel-Nummer am 7. April. Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Mbtzgbb & Wittig in Leipzig. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN Neurologisches Centralblatt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet von Prot K MendeL Herausgegeben von Dr. Kurt Mendel. Vierunddreißigster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie direkt von der Verlagsbuchhandlung. 1915. — 13. April. Nr. 7/8. Inhalt. Ludwig Edinger zur Vollendung seines 60. Lebensjahres, von M. Rothmann. I. Originalmitteilungen. 1. Die Bedeutung des endogenen Faktors für die Pathogenese der Nervenkrankheiten, von Heinrich Obersteiner. 2. Zur Anatomie und Physiologie der Pyramidenbahn und der Armregion, nebst Bemerkungen über die sekundäre Degeneration des Fasciculus ceutroparietalis, von C. v. Monakow. 3. Neue klinische Beiträge zur topischen Diagnostik akuter Herderkrankungen des verlängerten Markes und der Brücke, von Adolf Wallenberg. 4. Anatomischer Beitrag zur Frage der zerebellaren Pyramide, von Karl Schaffer. 5. Ein weiterer Fall von alkohologener reflektorischer Pupillen starre, von M. Nonne. 6. Zur Pathologie des Bewußtseins vom eigenen Körper. Ein Beitrag aus der Kriegsmedizin, von A. Pick. T. Weitere Erfahrungen über Vital-Scharlach VIII, von Paul Röthig. II. Referate. Anatomie. 1. Beitrag zur Anatomie und funktionellen Bedeutung der Arterien des Gehirns, insbesondere des Balkens, von Goldstein. 2. Über Hemisphären¬ exstirpationen bei Hapale und Macaeus (anatomische Befunde), von Karplus. 3. Über Vor¬ kommen und Bedeutung der drüsigen Bildungen (Sphärotrichie) in der Hirnrinde, von Schönfeld. 4. The Pyramid Tract in the Red Squirrel # (Sciurus Hudsonius Loquax) and Chipmunk (Tamms Striatus Lysteri), per Simpson. 5. Über den Hirnstamm eines Taub¬ stummen, von Brouwer und van Walree. 6. Paraffine-Weigert methods for the staining of nervus tissue, with some nerv modifications, by Sheldon. 7. Die funktionellen und hirn- anatomischen Befunde bei der japanischen Tanzmaus, von Kuipor. 8 . Les voies ascendantes du cordon antöro latöral de la moölle, par Loewenthal. 9. Eine neue Markscheidenschnell- färbemethode, von Schroeder. 10. The structure of the roots, trunk and branches of the vagus nerve, by Chase and Ranson. 11 . Das Nervenpigment beim Papagei, von MUhlmtnn. — Physiologie. 12. Die Entstehung des Menschenhirns, von Edinger. 13. Zur Methodik in der Thierpsychologie. I. Der Hund H., von Edinger. 14. Wie die Tiere sehen, ver¬ glichen mit aem Menschen, von v. Tschermak. 15. Sugli effetti della compressione di varie regioni dell’osse cerebrospinale isolato di Bufo vulgaris, per Baglioni ed Vecchi. 16. Beitrag zur Lokalisation des der Wärmeregulation vorstehenden Zentralapparates im Zwischenhirn, von Isenschmid und Schnitzler. 17. Über die Aktionsströme des Warmblütermuskels im Strychnintetanus. II. Zur Kenntnis der Lokalisation rhythmischer Erregungen im Gehirn und Rückenmark, von Fahrenkamp. 18. Über die Wirkung der Erwärmung auf das Zentral¬ nervensystem, insbesondere auf die Großhirnrinde, von Trendelenburg. 19. Über den Einfluß der Ausschaltung des Zwischenhirns auf das infektiöse und nicht infektiöse Fieber, von Citron und Leschke. 20. Über die Entwicklung des Plexus chorioidei der Seitenkammern des menschlichen Gehirns, von Hochstetter. 21. Über das Differenzierungsvermögen der Gehirnzellen, von Fischei. 22. Untersuchungen über den Ausgleich der Bewegungsstörungen nach Rindenausschaltungen am Affengroßhirn, von Trendelenburg. 23. Beitrag zur Kritik des Hellsehens, der Ahnungen und des Gedankenlesens, sowie der denkenden Tiere u. a., von Meyer. 24. Studio macro- e microscopico sul simpatico dei cheloni con osservazioni intorno alle anastomosi cellulari, per Riquier. 25. L’azione del micrococco di Bruce (meli- tense) e delle sue tosaine sul sistema nervoso centrale e periferico, per Nunno. 26. Sopra speciali alterazioni nucleari delle cellule nervöse nella malassia di Borna (meningo-encefalite acuta del cavallo), per Pilotti. 27. Einige Experimente an dem N. petrosus superficialis major zur Bestimmung des Ursprungsgebietes des Nerven, von Yaglta. 28. Die Leistungen des Zentralnervensystems beim Frosch dargestellt mit Rücksicht auf die Lebensweise des xxxiv. 14 Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 210 Tieres, von Edingor jr. 29. Contributions ä la Physiologie du syst&me nervenx eentral et du mouvement des poissons, par Polimanti. — Kriegsbeobachtungen. SO. Nerven* und Geisteskrankheiten im Felde und im Lazarett, von Friedländer. 31. Mein Tetanusimmun- serum, von v. Bering. 32. Drei Kriegsverletzungen des Kehlkopfes, von Koerner. 33. Weitere Erfahrungen über Kriegsverletzungen des Kehlkopfes und des N. vagus, von Koerner. 34. Zur Kenntnis der Schuß Verletzung des N. radialis, von Hoepfl. 33. Ober die Behandlung ver* letzter Nerven im Kriege, von Stoffel. 36. Ober Nervenverletzungen, von Fleischhauer. 37. Zur Frage der Nervennaht, von Spielmeyer. III. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬ heiten, Sitzung vom 8. Februar 1916. IV. Martin Bernhardt t Ludwig Edinger zur Vollendung seines 60. Lebensjahres. Am 13. April wird Ludwig Edingeb 60 Jahre alt Sein Wirken und Schaffen ist mit der Entwicklung der Neurologie zu einem selbständigen Zweig der Medizin innig verknüpft Waren es bis vor kurzem in Deutschland ans* schließlich die inneren Mediziner und die Psychiater, die der Neurologie mehr oder weniger ihr Interesse zuwandten, so hat es die Ausdehnung unserer Wissen¬ schaft mit sich gebracht, daß ein Stamm von Neurologen herangewachsen ist Wir können jetzt bereits daran gehen, die Meilensteine im Lebensgang unserer Führer rückschauend festzuhalten. Edingeb ist, wie so mancher seiner Fach¬ genossen, aus der inneren Medizin hervorgegangen und es ist für seine Entwick¬ lung gewiß nicht gleichgültig gewesen, daß er als junger Arzt Assistent Kuss- maul’s wurde, dessen Interesse an neurologischen Fragen vor allem aus seinem klassischen Werk „Die Störungen der Sprache“ hervorleuchtet Dann wirkte Edingeb einige Jahre als Privatdozent in Gießen; 1883 ließ er sich in Frankfurt nieder und gab sich hier vorwiegend hirnanatomischen Forschungen hin. Bereits im Jahre 1885 erschienen seine „Vorlesungen über den Ban der nervösen Zentralorgane des Menschen und der Tiere“, entstanden aus Korsen für praktische Ärzte, die er dort abhielt Zuerst ein schmales Heftchen, hat sich dieses Werk in den folgenden Auflagen immer mächtiger entwickelt nnd ist vor allem für die Kenntnis der Entwicklungsgeschichte und vergleichenden Anatomie eine Fundgrube für den auf diesem Arbeitsfeld tätigen Forscher, aber auch der Leitstern für viele Mediziner in diesen schwierigen and stets im Flusse be¬ findlichen Gebieten geworden. Hier hat sich eine Seite der EDiNGER’schen Begabung besonders glänzend bewährt, die Fähigkeit, die schwierigsten Probleme in scharfer, leicht verständlicher Fassung zu erörtern und durch klare, einfache Abbildungen auch dem Unbewanderten leicht verständlich zu machen. Diese Befähigung, die Edingeb auch in zahlreichen Kursen nnd Vorträgen immer anfs neue betätigt hat, hat gewaltig dazu beigetragen, hirnanatomische Kennt¬ nisse als die Grundlage für Physiologie and Pathologie in immer steigender Ausdehnung unter den Medizinern zu verbreiten. Bedeutungsvoll für die EDiNGBR’sche Forschung ist dann das wissen¬ schaftliche und menschliche Verhältnis geworden, in das er za dem großen Digitized b ■v Google Original frnm IIV=RRITY HF Vir 211 Pathologen Carl Weigert treten konnte. Wer von den zahlreichen Arbeitern in dem W bigert’ sehen Laboratorium im alten Senkenberginstitnt am Eschen¬ heimer Tor erinnert sich nicht des Fenstereckplatzes im allgemeinen Arbeite- ranm, in dem Edingbr im bescheidensten äußeren Rahmen tätig war. Hier entstanden die zahlreichen Arbeiten, in denen Edingbr vielfach Grundlegendes über Hirnaufbau, Großhirnentwicklung, Striatumfaserung, Kleinhirn der ganzen Wirbeltierreihe teils allein, teils in Verbindung mit seinen Schülern und Mit¬ arbeitern, von denen hier nur Holmes, W Allenberg und Auerbach ge¬ nannt seien, schuf. Hier offenbarte sich auch eine zweite Seite seiner Begabung; er hielt es stets mit dem alten Burdach, dessen Ausführungen er selbst in dem Vorwort zur 1. Auflage seines Lehrbuches derart zitiert: „Das Sammeln ein¬ zelner Baustoffe ist es doch nicht allein was nottut In jedem Zeitraum, wo eine neue Masse derselben gewonnen ist, mögen wir von neuem daran gehen, sie zum Gebäude zu fügen.“ Das hat er selbst stets befolgt 1 Immer war und ist er bemüht, den toten Stoff anatomischer Forschung mit dem Entwicklungs¬ gedanken zu erleuchten und zn beleben. Dadurch hat er als Anreger, vor allem auch für die experimentelle Hirnphysiologie, Außerordentliches geleistet. Aber gerade weil Edingbr stets bemüht war, den Blick auf das Ganze, Verbindende zu richten, hat er, unterstützt von seiner gründlichen klinischen Schulung, auch in der Pathologie vielfach fordernd und Neues gestaltend ein¬ gewirkt. Am bekanntesten ist hier sein Versuch, die Entstehung zahlreicher Nervenkrankheiten durch die Theorie des Nervenaufbrauohs zu erklären, eine geistvolle Hypothese, die zum mindesten neue Gesichtspunkte für die ätiologische Erforschung der Nervenkrankheiten gebracht hat, und die Edingbr auch mit Helbing zusammen experimentell zu stützen suchte. In immer steigendem Maße hat Edingbr dann sein Interesse den Beziehungen des Hirnaufbaus zur Psychologie zugewandt Seine Forschungen über das Gedächtnis und über das Hören der Fische, über den Oral-Sinnesapparat, über Tierpsychologie, über Klein¬ hirn und Statotonus, über den Menschen ohne Großhirn (mit Fischer), zuletzt die genauen psychologischen Beobachtungen über seinen eigenen Hund sind hier vor allem zu nennen. Aber nicht nur als Forscher und Lehrer ist Edingbr auf allen Gebieten der Neurologie tätig; er ist auch andauernd bestrebt, seiner Wissenschaft den ihr gebührenden Platz zu erobern. So hat er, zunächst aus eigener Kraft, das Neurologische Institut geschaffen, das in dem wundervollen Neubau des Patho¬ logischen Instituts seinen Platz gefunden bat, und dessen reiche Präparate und Sammlungen er stets mit Stolz jedem nach Frankfurt kommenden Fachgenossen demonstriert Im Rahmen der interakademischen Hirnforschung hat dieses In¬ stitut seit einer Reihe von Jahren Deutschland als einziges seiner Art würdig vertreten. Die ihm zukommende Anerkennung hat das Institut aber erst jetzt voll und ganz errungen, nachdem es nach Begründung der Universität Frank¬ furt a. M. in die Institute der dortigen medizinischen Fakultät einbezogen ist. So ist es auch Edinger selbst vergönnt, als erster der deutschen Nerven¬ ärzte ein Ordinariat für Neurologie an einer deutschen Universität zu bekleiden. 14* Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 212 Ist auch für die Ausgestaltung der Neurologie die positive Leistung das allein Ausschlaggebende, so bedeutet doch die Anerkennung derselben als eines selb« ständigen Faches an der Universität Frankfurt a.M. eine wesentliche Etappe in den Bestrebungen, welche die deutschen Neurologen unter der Leitung von Ebb in dieser Richtung vereinen. Gerade in diesen Tagen hat Bonhoeffeb noch einmal alles das zusammengefaßt, was die Psychiater gegen die freie Entwicklung der Neuro¬ logie anzuführen haben. Gegenüber der Besorgnis, daß die Psychiatrie durch diese Abtrennung der Neurologie Schaden leiden könnte, lehrt die Erfahrung, daß eine solche Erweiterung und Vertiefung eines neuen Zweiges der Medizin die Nachbardisziplinen stets außerordentlich bereichert und gefördert hat. Wenn aber die Befürchtung ausgesprochen wird, daß die Entwicklung der Neurologie nach der chirurgischen Seite zum Experimentieren während der Operation ver¬ leiten würde, so ist es doch ganz interessant, daran zu erinnern, daß der glück¬ licherweise einzige Fall, in dem ein solches Experimentieren bekannt geworden ist, einen Psychiater (Bubkhabdt) betrifft, der seinen psychisch kranken Patienten Stücke aus der Spraohregion herausschnitt. Das Beispiel der Universität Frankfurt a. M. hat aber diese ganze Frage aus dem Vorstadium der Diskussion herausgehoben. Hier stehen Neurologie und Psychiatrie als selbständige Fächer nebeneinander. Neben dem Ordinariat Edingeb’s bekleidet Knoblauch ein neurologisches Extraordinariat, und soeben ist Goldstein als Abteilungsvorsteher in das Neurologische Institut eingetreten. Daneben besteht ein Ordinariat (Sioli) und ein Extraordinariat (Raeoke) für die Psychiatrie, außerdem die Lehrstühle der Inneren Medizin. Jetzt muß und wird es sich zeigen, wie diese Disziplinen neben- und miteinander an der gleichen Fakultät einer Universität in wechselseitiger Einwirkung sich unterstützen nnd fördern werden. Ist Edingeb so zu einem der erfolgreichsten Vorkämpfer der Neurologie geworden, so ist er auch einer der Begründer der Gesellschaft Deutscher Nerven¬ ärzte. Seine Freunde, Schüler und Facbgenossen vereinigen sich heute, um ihm beim Abschluß des 60. Lebensjahres von Herzen Glück zu wünschen. Von seiner wissenschaftlichen Arbeit und seiner Lehrtätigkeit erhoffen wir noch auf lange hin einen befruchtenden Strom für die deutsche Neurologie, der auch der gesamten medizinischen Wissenschaft zum Segen gereichen wird. M. Rothmann. I. Originalmitteilungen. 1. Die Bedeutung des endogenen Faktors für die Pathogenese der Nervenkrankheiten. Von Prof. Heinrioh Obersteiner (Wien). Ein strenges Schematisieren ist in der Medizin gewiß oft von didaktischem oder auch heuristischem Werte, wird aber auf gründlich durchgearbeiteten und wissenschaftlich aufgehellten Gebieten zweifellos mitunter einem weiteren Fort- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 218 schreiten der Erkenntnis hemmend entgegenstehen. So habe ich seinerzeit 1 die Auffassung ausgesprochen, daß eine reinliche Scheidung zwischen funk¬ tioneilen und organischen Erkrankungen des Nervensystems (abgesehen von technischen Unzulänglichkeiten, die uns manche organische Veränderung noch nicht zu erkennen gestatten) oft nicht möglich ist, daß es sich vielmehr meist empfiehlt, lieber von funktionellen und organischen „Symptomen“ zu sprechen, da sich solche beiderlei Art sehr oft zu einem Krankheitsbilde vereinigen. Des¬ gleichen habe ich in meinem Festvortrage in der k. k. Gesellschaft der Ärzte zu Wien 2 dargetan, wie sehr auch bei sogenannt exogenen Nervenkrankheiten ein endogener Faktor, und zwar die Anlage, eine wesentliche Rolle spielen kann. Für die Pathologie überhaupt wird dieser Standpunkt besonders scharf von Mabtiu8 vertreten, der (zuletzt) in seinem sehr lesenswerten Buche „Kon¬ stitution und Vererbung, 1914“, sich dahin ausspricht, daß das „aut-aut“- Prinzip, nach welchem die Gruppe der konstitutionellen Krankheiten von den übrigen zu sondern wäre, wissenschaftlich nicht durchführbar erscheint. Der Versuch zu beweisen, daß es einerseits Krankheiten gibt, die nur aus inneren (endogenen, konstitutionellen) Ursachen entstehen und andererseits solche, die nur exogen bedingt sind, also lediglich äußeren Ursachen ihre Entstehung, Ausbildung und Eigenart verdanken, gelänge nicht. Die wirkliche Grundlage aller menschlichen Krankheit, sagt er, sei der Mensch und der sei auch in der bakteriologischen Ära derselbe geblieben. Für die progressive Paralyse habe ich 9 dieser Auffassung in dem Satze Ausdruck gegeben: „Paralyticus nascitur atque fit“, glaube aber, daß er in entsprechender Weise auch noch auf eine sehr große Zahl weiterer Nerveu- krankheiten — vielleicht auf die meisten — Anwendung finden kann. Ich habe nun versucht, damit einen Schritt auch auf rein induktivem Wege weiter zu gehen und die Annahme einer Disposition besser zu fundieren, als ich es mir mit Hilfe meiner Schüler seit längerer Zeit angelegen sein ließ, diese Anlage womöglich auch ad oculos zu demonstrieren — ein Gedanke, der ja gewiß nicht neu ist, den ich aber weiter zu verallgemeinern suchte. Ich hatte mir die Frage vorgelegt, ob und inwieweit sich bei Erkrankungen des Nerven¬ systems an diesem selbst solche angeborene Eigentümlichkeiten der Form¬ gestaltung oder seines feineren histologischen und histochemischen Baues finden, die, ohne selbst schon pathologisch im engeren Sinne zu sein, meist erst beim Hinzutreten einer exogenen Schädigung (Syphilis, Überanstrengung u. ähnl.) die Entwickelung des krankhaften Prozesses begünstigen konnten, also eine Anlage zu diesem letzteren darstellen. Es ist unzweifelhaft als ein wesentlicher Fortschritt in der Auffassung vieler Nervenkrankheiten zu bezeichnen, daß nun widerspruchslos ein exogenes Moment als conditio sine qua non ihres Entstehens anerkannt ist z. B. Syphilis für Tabes und progressive Paralyse, die infektiös-kontagiöse Natur der Polio- ' Funktionelle and organische Nervenkrankheiten. Wiesbaden 1900. * Wiener klin. Wochenschrift 1913. * Die progressive Paralyse. Wien 1908. Digitized by Gougle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN myelitis anterior; bei anderen z. B. der multiplen Sklerose warten wir nur auf den Forscher, der uns den kaum fehlenden exogenen Erreger nach weist; anderer¬ seits aber muß ich es für nicht angemessen ansehen, im Freudentaumel über diesen gefundenen exogenen Faktor einseitig daneben auf die Möglichkeit eines schon vorher bestandenen endogenen zu vergessen, ja einen solchen kurzweg abzuleugnen. Da es mir also vollkommen ferne liegt, ebenso einseitig der angeborenen Disposition eine Bedeutung beizumessen, die alle von außen hinzutretenden Ursachen erdrückt, komme ich hier auf diese Frage zurück, indem ich in das Wesen dieser „Anlage“ ein wenig näher eingehe. Ich habe die Begriffe Dis¬ position und Anlage als nicht vollkommen identisch bezeichnet. Disposition zu einer Krankheit sagt aus, daß das betreffende Individuum (eventuell die Rasse, Tierart) gewissen exogenen Schädigungen gegenüber relativ weniger Widerstandskraft entgegen zu setzen vermag —während der engere Begriff der Anlage bereits etwas, wenn auch vielleicht nur in seinen allerersten An¬ föngen vom Normalen Abweichendes voraussetzt. Eine Disposition bzw. Anlage kann intrauterin oder erst später erworben sein, sie kann aber auch auf eine Keimschädigung zurückzuführen sein. Hinsichtlich der später erworbenen Disposition darf man recht vorsichtig sein; man hatte z. B. gesagt, die Syphilis schaffe die Disposition zur progressiven Paralyse und Tabes. Gegenwärtig wäre eine solche Auffassung als ganz irrig zu bezeichnen; mußte es schon auffallen, daß die, oft ganz unbekannten aus¬ lösenden Ursachen gerade nach 10 bis 15 Jahren sich mit Vorliebe einstellten, so hat uns die fortschreitende Erkenntnis der Pathogenese dieser Krankheiten gelehrt, die Syphilis als einen unbedingt notwendigen ätiologischen Faktor, der nicht bloß als die Disposition schaffend bezeichnet werden darf, für die genannten Krankheiten anzusehen. Hingegen scheint mir das Studium der angeborenen Anlage von be¬ sonderem Interesse, wenn es auch manchmal nicht leicht sein wird zu ent¬ scheiden, ob lediglich eine Keimschädigung (eine Anlage im strengsten Sinne des Wortes) oder eine durch gewisse intrauterine Einflüsse bedingte Ent¬ wicklungsstörung bzw. Entwicklungshemmung, eventuell dasjenige, was Tandler als morphologischen Anachronismus bezeichnet, vorliegt Die Anlage zu einer Nervenkrankheit kann auch lediglich biochemischer Natur sein (angeboren oder erworben), und da mag sich bei dem nun immer mehr um sich greifenden Interesse für chemische Fragen ein nicht aussichts¬ loses Feld der Forschung eröffnen — ich will nur beispielsweise an das in¬ dividuell so verschiedene Verhalten gegen manche das Nervensystem toxisch beeinflussende Substanzen (Alkohol u. a.), an oft auch familiäre Idiosynkrasien, an die Beziehungen des Gehirns zu den Drüsen mit innerer Sekretion er¬ innern. Der Nachweis einer morphologischen Anlage im Nervensystem wird sich auf grob anatomische und auf feinere histologische Abweichungen stützen können. Letztere werden mit dem Fortschreiten unserer mikroskopischen Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 215 Technik auoh dort klar zutage treten, wo sie uns früher verborgen geblieben waren; Methoden wie die von Nissl, oder die neueren von Biblschowsky, At.zhbtmeb u. a. haben uns bereits viel weiter gebracht; diese und andere noch zu erwartende technische Fortschritte werden voraussichtlich noch manch neuen Gesichtspunkt schaffen. Nicht zu übersehen ist, daß man eine allgemeine Disposition — eine allgemeine Schwäche des Nervensystems — wohl zu unterscheiden hat von der spezifischen Anlage zu einer bestimmten Nervenkrankheit, was allerdings nicht au8sohließt, daß beide gleichzeitig in einem Individuum vorhanden sein können. In beiden Fällen haben wir ein minderwertiges Nervensystem vor uns, das exogenen Schädlichkeiten, etwa Mikroorganismen, relativ zu hohen funktionellen Anforderungen (Aufbrauchstheorie Edingeb’s, die so berechtigten Anklang gefunden hat) o. ähnl. nicht genügend standzuhalten vermag. Bezüglich der grobanatomischen Verhältnisse will ich nur auf ein paar Punkte aufmerksam machen. Ich muß allerdings wieder daran erinnern, daß die Bedeutung des Hirngewichtes häufig noch überschätzt wird. Ein leichtes Gehirn (innerhalb entsprechender Grenzen) muß durchaus nicht von vornherein immer als minderwertig angesehen werden. Auch die Varianten im Windungstypus (z. B. Verbrechertypus) können nur mit Vorsicht verwertet werden. Auerbach sieht die Anlage zur Migräne in einem Mißverhältnis zwischen Gehirnvolum und Schädelraum, Spitzer führt sie auf ein zu eng angelegtes Foramen Monroi zurück. Die ungleiche Ausbildung des Circulus Willisii kann begreiflicherweise die Zirkulationsverhältnisse im Gehirn wesentlich alterieren (u. f.). Das Material zur Begründung unserer Anschauung für die Häufigkeit eines endogenen Faktors bei der Pathogenese der Nervenkrankheiten, das wir aus der mikroskopischen Untersuchung des Nervensystems gewinnen, ist bereits ein ziemlich reiches und wächst zusehends an. Es ist hier nicht der Ort, im einzelnen dies durchzuführen und ich will mich daher auch nur mit der An¬ führung einiger Beispiele begnügen. Auch darüber, inwiefern das histologische Verhalten der Elemente des Nervensystems uns Aufschluß über krankhafte Veranlagung zu geben imstande ist, habe ich mich bereits in meinem anfangs zitierten Vortrage ausführlich ausgesprochen und will hier auf diesen verweisen. Dem dort Gesagten möchte ich hinzufügen, daß von verschiedenen Autoren (StrIossleb, Jendrasshc u. a.) die Meinung ausgesprochen wurde, alle here¬ ditären (bzw. familiären) Formen von Nervenkrankheiten könnten auf die gleiche fundamentale Veränderung im Nervensystem (z. B. Hypertrophie des Hyalo¬ plasma, Schaffer) bezogen werden. Am eingehendsten ist bezüglich der Anlage die Tabes studiert; wenn be¬ reits Pick und Kahler vor längerer Zeit auf eine Unterentwicklung des tabiscben Bückenmarkes nebst gewissen Abnormitäten der Konfiguration hin¬ gewiesen hatten, so konnte Stern durch genaue Messungen an einer großen Anzahl von Bückenmarken Persistenz der kindlichen Form und kindlichen Größe an den meisten Bückenmarken von Tabikern bestätigen. Biaoh fand Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 216 bei diesen auffallende Fältelung der Substantia gelatinosa Bolandi; Nageotte, y. Orzechowbkt, Reich beschreiben die häufigen kleinen Neurome in der Pia, letzterer auch noch abnormen Verlauf hinterer und vorderer Wurzeln, sowie Gliainseln in der Pia. Für die multiple Sklerose wird von sehr vielen Seiten (Strümpell, Schm au 8 , En. Müller, Oppenheim, Ziegler) und wohl mit Recht, eine in der Anlage begründete Eigenheit des Nervensystems angenommen, sei es, daß man mit Ziegler sein Wesen in der angeborenen Disposition zur Gliawuche¬ rung sieht, oder, was vielleicht richtiger sein dürfte, daß lediglich eine Dis¬ position vorhanden ist (Oppenheim), die das Nervensystem für exogene Schäd¬ lichkeiten empfänglicher macht. In diesem Sinne ist allerdings bisher die Anlage zur Sklerose weder am Glia- noch am Nervengewebe histologisch sioher zum Ausdruck gebracht worden, aber auch die schädigenden äußeren Momente andererseits, die, wie ich bereits früher betonte, zweifellos bestehen, sind uns nicht einmal von den strengen Gegnern eines endogenen Faktors genügend klar gemacht worden. Hingegen finde ich für meine Auffassung der echten Syringomyelie als eines Leidens, das auf entwicklungsgeschichtliche Anomalien zurückzuführen ist, gerade in der letzten Zeit (1913) wieder neue zustimmende Beobachtungen (SoHiEFFBRDECKER und Lesohke, Lundsgaabd). Dieses kongenitale Moment mag aber nicht bloß für die zentrale Rückenmarksgliose Geltung haben, sondern kann vielleicht nicht ohne Berechtigung auch für die meisten eigentlichen Gliome herangezogen werden, wie dies insbesondere von Ribbert betont wird; Bartel macht auf die innige Beziehung zwischen Gliomen und hypoplastisoher Konstitution aufmerksam. — Streifen will ich nur die juvenile Paralyse, bei welcher häufig (Ranke, StrIussler, Gerstmann, Rondoni, Scharnke u. a.) mannigfache Zeichen einer tiefgreifenden Entwickelungsstörung beschrieben wurden, Zeichen, die wohl in keinem einzigen Falle fehlen dürften. Lassen sich aber bei der Tabes und der juvenilen Paralyse solche in der Anlage gegebene Abweichungen vom normalen Bau am Nervensystem nach- weisen, so liegt es nahe zu erwarten, daß die spezifische Anlage, welche aus klinischen Erscheinungen für die progressive Paralyse der Erwachsenen an¬ genommen werden darf, auch hier ihren histologischen Ausdruck finden wird, ich bin überzeugt, daß es gelingen wird, ihn unzweifelhaft nachzuweisen. Die genuine Epilepsie hat geradeso wie die Dementia praecox bereits ihre pathologische Anatomie gefunden, und zwar stoßen wir bei beiden Erkrankungen auch auf Bilder, die als Entwicklungsstörungen gedeutet werden können oder müssen. Ich will diesbezüglich nur auf die neueste Arbeit von Gerstmann hin weisen, 1 welcher auch bei den eben genannten Krankheiten Persistenz der CAJALSchen Fötalzellen, auffallend große, blaße atypische Zellen mit großem Kern, und weiter eigentümliche glomerulöse Zellanhäufungen in der Hirn¬ rinde fand. 1 Arb. a. d. Wiener nenrol. Inst XXI. 1914. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN 217 Als neuen Befund möchte ich die von Kato 1 aufgefundene Tatsache re¬ gistrieren, daß auch bei Hirntumoren sich verschiedenartige, von diesen an¬ scheinend ganz unabhängige Eigentümlichkeiten im Gehirne finden können, die als Entwicklungsstörungen aufzufassen sind (Ependymwucherungen mit Divertikelbildungen, schlauchförmige Anordnung der Ependymzellen, abnorme Lagerung von Ganglienzellen und Easerzügen, Neigung zur Zweikernigkeit usw.). Es legen diese Befunde den Gedanken nahe, wie Kato sagt, in dem Gehirne mancher an Tumor cerebri Erkrankten etwas ab ovo Minderwertiges zu sehen, eine Minderwertigkeit, in der möglicherweise die Disposition zur späteren Tumor¬ bildung gelegen ist. — An dieser Stelle kann ich auch daran erinnern, daß sowohl die Brückenwinkeltumoren (Obzechowski) , als auch manche Zirbel¬ drüsentumoren (Mabbubg) ihre Entstehung entwicklungsgeschichtlichen Ab¬ weichungen verdanken dürften. Die anatomischen Befunde bei der hereditären Ataxie, bei der amauroti¬ schen Idiotie, bei der Kernaplasie und noch bei manch anderen Nervenkrank¬ heiten sind längst als Entwicklungsstörungen allgemein anerkannt; auch für die Pseudosklerose (Ai, Was mm sber die der Aria- und der Kdpffegioiri eritstämtaeBde PjcamideD- portiun 'iiübetri.ÖT, so kann sie mit Rücksicht auf die Tatsache. daß iu meinen Beubacblu.ügen (Fälle mit nahezu vröjti^r Zersfnrung tief unteren zwei ÖriäeJ. der beiden Zent-nil« uidiingen bei leidlicher filrha.Itvi.ng; .der... ßeinregioo.,teilweise auch. des zugehörigen Ktabkraftaaptefle) die Q^lur^t^rä^ibie.'iinr ganz spär¬ liche sekundäre Veränderungen zeigte (vgl. ' 2 ). eine nur äußern Fig. f. 68jäitt. Mann (L> mit feehtwseitiger kojtik&ter Heunataiie. Alter BluÜierJ ua.d Erweckung- r. Beide Augäpfel maximal nach links gedreht, können nicht nach rechts gewendet werden. Rotatorischer Nystagmus, nach links schnellschlägiger als nach rechts. Ganz geringe Abschwächung des rechten Korneal- und Konjunktivalreflexes. Pupillen¬ reaktion rechts normal. Sehvermögen des rechten Auges anscheinend ohne gröbere Störung. Alte Narbe in der unteren Hälfte der linken Hornhaut, daselbst Defekt und Adhärenz der Iris. In der linken Jochbeingegend bogenförmige alte Narbe, auf der Unterlage gut verschieblich. Rechte Nasolabialfalte flacher als die linke; der rechte Mundwinkel steht tiefer als der linke. Runzeln der Stirn und Augenschluß beiderseits gleich gut. Die rechte Hälfte des Gaumens steht tiefer als die linke und bleibt beim Intonieren zurück. Rechtes Stimmband ein wenig schwächer innerviert als das linke (? ?). Die Zunge wird gerade herausgestreckt. Der Kopf ist nach der linken Schulter geneigt und das Kinn nach rechts gedreht. Beim Versuch sich aufzurichten, fällt Patient mit großer Vehemenz nach links hinüber. Deutliche Ataxie beider linker Extremitäten und zwar der oberen mehr als der unteren. Reflexe normal bis auf Andeutung von positivem Babinski beider¬ seits 1. > r. Auf der ganzen linken Körperhälfte von der 3. Rippe abwärts, aber inklusive der linken Oberextremität, werden feine Berührungen nicht gefühlt, dagegen ist das Empfindungsvermögen für spitz und stumpf, warm und kalt auf beiden Seiten gleich und normal. 16. VII. Ptosis beiderseits geringer, aber noch deutlich vorhanden, sonst Status idem. XXXIV. 15 Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 226 16. VII. Schlafsacht verschwunden, Ptosis geringer. Totale Astereognosie der linken Hand. Hördauer der Stimmgabel vom Warzenfortsatz aus beiderseits verkürzt, Luftleitung normal. Vom Scheitel aus wird die Stimmgabel beiderseits gleich gut wahrgenommen. 17. VII. Unfähigkeit spontan Urin zu lassen, muß katheterisiert werden. 18. VII. Kaun wieder Urin lassen. 19. VII. Das linke Auge kann bereits nach reohts über die Mittellinie be¬ wegt werden, das rechte nur bis zur Mittellinie (Abduzenslähmung). Nystagmus rotatorius nach links mehr wie nach rechts. Rechte Lidspalte weiter als die linke, rechte Nasolabialfalte flacher als die linke, aber weniger wie am Anfänge. Rechtes Gaumensegel hebt sich weniger als das linke. Stimmbänder normal. Zunge wird gerade herausgestreckt. Neigung nach links zu fallen deutlich, aber geringer als früher. Reflexe normal. Ataxie beider linker Extremitäten, in der oberen stärker als in der unteren. Vermehrte Muskelspannung im linken Bein. 23. VII. Rechtes Auge geht beim Blick nach rechts zum erstenmal über die Medianlinie herüber, bleibt aber gegenüber dem linken deutlich zurück. Rechte Lidspalte weiter als linke. Parese des rechten Fazialis geringer. Neigung zur Kontraktur der linken Gesichtsmuskeln. In der Ruhe kein Nystagmus, ebenso wenig beim Blick nach rechts. Beim Blick nach links: Rascher Nystagmus nach linkB, beim Blick nach oben: rascher Nystagmus verticalis, nach oben und unten gleich schnell, beim Blick nach unten: rascher Nystagmus nach links unten. Rechtsseitige Gaumenparese geringer, aber noch deutlich. Zunge gerade heraus- gestreckt. Ataxie und Astereognosie der linken Hand unverändert, ebenso die Abstufung der Berührungsempfindlichkeit auf der linken Körperhälfte, anscheinend geringe Abschwächung der Berührungsempfindlichkeit auch an der linken Schläfe. Großer Zeh links in Extensionsstellung, dabei FuBsohlenreflex normal. Linker Augapfel anscheinend weicher als der rechte, geringe Abschwächung des linken Kornealreflexes (? ?). Immer noch Neigung beim Aufsetzen nach links zu fallen. Ist noch unklar, über Ort und Zeit nicht immer orientiert. 27. VII. Ptosis geringer, links stärker als rechts. In der Ruhelage stehen beide Augäpfel weit nach links. Nystagmus nach rechts und links, auch in der Ruhelage wieder aufgetreten, dabei schnellere Zuckung nach links. Beim Versuch nach rechts zu sehen, folgt das linke Auge bis zum inneren Lidwinkel, das rechte bleibt noch deutlich zurück, kann aber über die Medianlinie herübergebracht werden. Keine Doppelbilder. Bewegung der Augen nach oben und unten regelrecht möglich. Nystagmus beim Blick nach oben noch deutlich, beim Blick nach unten nicht mehr vorhanden. Rechtsseitige Fazialisparese nahezu verschwunden. Gaumensegelparese geringer, aber noch deutlich. Kornealreflex beiderseits gut auslösbar. Ataxie geringer, aber noch vorhanden. Berührungsgefühl nahezu normal geworden, dagegen Astereognosie der linken Hand wie früher. Bauchreflexe schwer auslösbar. Andeutung von Asynergie beim ersten Gehversuch. Beim Stehen Neigung nach links zu fallen. Wird das rechte Bein passiv im Knie gebeugt (bei geschlossenen Augen) und Patient aufgefordert das linke ebensoweit zu beugen, so wird es in stumpferem Winkel gebeugt wie das rechte. Vollständige Desorientierung über Ort und Zeit. 4. bis 12. VIII. Das rechte Auge bleibt beim Blick nach rechts noch zurück; Neigung zur Linksdrehung beider Augen. Konjunktival* und Kornealreflex beider seits schwach. Rechte Lidspalte größer als linke. Neigung zur Kontraktur der linken Gesichtsmuskeln. Rechtsseitige Gaumenmuskelparese deutlich. Kopf nach links gebeugt, Kinn nach rechts gedreht. Astereognosie der linken Hand. Ataxie der linken Extremitäten (Arm > Bein). Oberbauchreflex beiderseits erhalten, Digitized by Gck igle Original fro-m UMIVERSITY OF MICHIGAN 227 Mittel- und Unterbauchreflex nicht auszulösen. Neigung nach links zu fallen bei längerem Stehen. Gaumen- und Rachenrefiex nicht auszolösen. Erhebliche Störung des Tiefengefühls links. 14. VIII. Prüfung der B&r&nyschen kalorischen Reaktion ergibt: Rechts etwa 20 Sekunden nach Ausspritzen des Gehörgangs mit Wasser von 21° G starker Nystagmus nach links, Fallen nach rechts. Links etwa 30 Sekunden naoh Ausspritzen des Gehörgangs starker Nystagmus nach rechts, Fallen nach links. Zeigeversuch wegen der bestehenden Demenz nicht einwandfrei auszuführen. 19. VIII. Abduzensparese rechts angedeutet, Gaumenparese deutlich. Starke Ataxie und Astereognosie der linken Hand bei annähernd normaler Berührungs¬ empfindung. Beim Aufsetzen Fallen nach rechts (!). Kann keinen Schritt gehen, fällt beim Versuch gewöhnlich naoh links, zuweilen auch nach rechts. Die Augen haben noch Neigung zur Linksdrehung, können aber willkürlich nach rechts ge¬ dreht werden. Patient ist stets unruhig und desorientiert. Glaubt auf dem Bahnhöfe zu sein, will Rum trinken. 21. VIII. Gang besser, spastisch-paretisch, Patient schwingt dabei das linke Bein im Halbkreis herum. Fällt nach rechts. Patellarreflex 1. > r., kein Fußklonus. Babinski beiderseits + , Achillesreflex r. > 1., Kremasterreflex beiderseits -|-, Bauch¬ deckenreflexe: oberer +, mittlerer und unterer —. Grobe Kraft 1. < r. Gefühl für leichte Berührung an der Volarfläche der linken Hand fehlend, für Schmerz und Temperatur erhalten. Hypostereognosie der linken Hand. Beim Gerade¬ aussehen kein Nystagmus, starker NyBtsgmus beim Blick nach links, weniger nach rechts. Abduzensparese rechts immer noch deutlich. Gesichts- und Gehörshallu¬ zinationen. 4. IX. bis 30. IX. Zeitweise unruhig, rührselige Stimmung, bald unzufrieden, schimpft besonders nach dem Besuohe der Frau, bald redselig und vergnügt. Noch Neigung nach links zu fallen, aber allmählich Besserung des Ganges. Links¬ drehung der Augen viel geringer, Abduzens-Fazialisparese kaum noch angedeutet, Gaumenparese geringer, aber deutlich. Sensibilitätsstörungen treten allmählich zurück. Bauchdeckenreflexe bis auf die unteren vorhanden; Kremasterreflexe fehlen. Fußklonus r. > l, Babinski 1.+, rechts— bzw. zweifelhaft. 11. bis 31.X. Beim Blick geradeaus kein Nystagmus, beim Blick zur Seite Nystagmus rotatorius, nach 1. > r. Gaumenparese angedeutet. Sensibilität normal, Stereognosie nur in ganz geringem Grade gestört. Leichte Ataxie des linken Armes. Unterer Bauchreflex und Kremasterreflex fehlen. Patellarreflex beiderseits lebhaft. Fußsohlenreflex beiderseits nicht auszulösen. Zeitweise Ohrensausen. 23. bis 30. XI. Immer noch leichte Neigung nach links zu sehen, Nystagmus beim Blick nach links, nicht nach rechts. Abduzensparese rechts verschwunden. Nasolabialfalte links tiefer als rechts. Keioe Astereognosie, aber leichte Ataxie der linken Hand. Fehlen der Unterbauchreflexe. Kein Fußklonus. Fußsohlen¬ reflex beiderseits normal. Sensibilität wegen starken Negativismus des Patienten nicht zu prüfen. Zystitis. Gang besser. Wechselnde Stimmung, melancholische Anwandlungen. l.XII. 1913 bis 20. III. 1914. Bis auf gelegentliche Dysurie, die Kathete- risation notwendig macht, bleibt der Zustand im wesentlichen unverändert. Befund bei der Entlassung am 30.III. 1914: Starke Demenz, Gedächtnisschwäche, oft unorientiert. Schwanken beim Gehen und Stehen, bald nach rechts, bald nach links; fällt, wenn er nicht gehalten wird. Parese des rechten Gaumensegels, Abflachung der rechten Nasolabialfalte, Nystagmus bei seitlichen Augenbewegungen. Berührungsvermögen an der linken Hand kaum merklich schwächer als rechts. Deutliche Ataxie der linken Extremitäten, be¬ sonders der linken Hand. 15* Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 228 Resume: 44jähriger Arbeiter, Potator strenuus. Alte Kornealnarbe mit Irisadhärenz links, Narbe am linken Jochbein. Rasch einsetzender Insult mit mäßiger Bewußtseinstrübung, ohne Koma. In den ersten Tagen, abgesehen von psychischen Veränderungen, die sich in der Folgezeit mehr and mehr als Ge¬ dächtnisschwäche, Desorientiertheit für Ort und Zeit, Konfabulationen, mäßige Demenz bemerkbar machten, folgende Symptome: 1. Ptosis, doppelseitig, mit Schlafsucht verbunden. 2. Rechtsseitige totale Blicklähmung. 3. Nystagmus rotatorius, doppelseitig, nach links schneller als nach rechts ausschlagend. 4. Abduzenslähmung rechts. 5. Geringe Parese des rechten Fazialis. 6. Parese des rechten Gaumensegels. 7. Drehung des Kopfes nach links. 8. Ataxie der linken Extremitäten (Arm> Bein). 9. Astereognosie der linken Hand. 10. Abschwächung der Berührungsempfindung (bei intakter Schmerz- und Temperaturempfindung) auf der linken Körperhälfte von der 3. Rippe abwärts, inklusive der linken Oberextremität. 11. Andeutung von positivem Babinski 1. > r. 12. Fehlen der unteren Bauchreflexe und Kremasterreflexe (erst später konstant!). 13. Starke Neigung nach links zu fallen. 14. Zeitweise Dysurie, muß dann katheterisiert werden. In den nächsten Wochen verschwindet die Ptosis, während die Blicklähmung und die Abduzenslähmung erst nach Monaten zurückgeht. Der anfangs auch beim Blick nach oben und unten eintretende rasche Nystagmus kommt später nur beim Blick nach links zu stände. Die Neigung nach links zu fallen, sowie die Drehung des Kopfes nach links bleibt 1 l / t Monate bestehen und macht dann zeitweise einer Neigung nach rechts zu fallen Platz. Die Störung der Be- rührungsempfinduDg, später auch die Astereognosie, vermindern sich im Laufe der nächsten Wochen. Es bleibt weiter bestehen: 1. Die psychische Anomalie wie oben. 2. Rascher Nystagmus beim Blick nach links, weniger nach rechts, dabei normale Bäränysche kalorische Reaktion (abgesehen von erhöhter Empfindlich¬ keit des rechten Vestibularis). 3. Rechtsseitige Fazialisparese. 4. Rechtsseitige Gaumenparese. 5. Ataxie der linken Extremitäten, besonders der oberen. 6. Ganz leichte Abschwächung der Berührungsempfindung an der linken Hand. 7. Wechselnder Babinski (bald positiv, bald negativ). 8. Fehlen der Unterbauchreflexe und Kremasterreflexe. 9. Schwanken beim Gehen nach links, zeitweise auch nach rechts. Digitized Google Original fro-m UMIVERSITY OF MICHIGAN 229 Die Verwertung dieser Symptome für eine Lokalisierung des bleibenden Herdes stößt insofern auf Schwierigkeiten, als die an Kobssakow’s polyneuri- tische Psychose erinnernden psychischen Veränderungen, die im übrigen auch die Untersuchung ungemein erschwerten, ferner die anfangs vorhandene Ptosis mit Schlafsucht, die in Qualität und Quantität sehr schwankenden Reflex¬ anomalien auf eine diffusere Erkrankung schließen lassen. Als solche wäre bei der Ätiologie (Potus!) und der Art des Beginns (Ptosis, Schlafsucht, Korssakow) eine Poliencephalitis haemorrbagica anzunehmen. Wir würden uns aber leicht vorstellen können, daß dabei ein bleibender Herd entstanden ist, der sich relativ leicht nach allen Seiten hin abgrenzen läßt Sein Zentrum muß in Abduzens- kernböhe in mittleren Teilen des rechten Fasciculus longitudinalis posterior ge¬ sucht werden: Konjugierte Deviation der Augen nach links (= rechtsseitige Blicklähmung), Nystagmus rotatorius nach 1. > r., Fallen nach links und Kopf¬ beugung nach links (erst später auch vorübergehend Neigung nach rechts zu fallen). Alle diese Erscheinungen stimmen gut mit experimentellen und klinischen Untersuchungen überein, die von L. J. J. Müskens 1 neuerdings beschrieben worden sind. Daß sie nach längerer Dauer zurückgehen, kann ihren Wert als Herdsymptome in keiner Weise beeinträchtigen, denn es muß als Regel be¬ zeichnet werden, daß Zwangsvorstellungen und Zwangsbewegungen, welche durch Herde im hinteren Längsbündel bedingt sind, nach kürzerer oder längerer Zeit verschwinden. Ein lehrreiches Beispiel dafür bietet der 4. Fall meiner „Klinischen Beiträge zur Diagnostik akuter Herderkrankungen des verlängerten Markes und der Brücke.“ 1 Hier war 3 / 4 Jahr nach dem Insult weder Nystagmus noch Blick¬ lähmung noch Neigung auf eine Seite zu fallen vorhanden, trotzdem die anato¬ mische Untersuchung 3 eine umfangreiche Zerstörung der ganzen lateralen Hälfte des hinteren Längsbündels aufwies. Die laterale Herdgrenze bildet der rechte Ab- duzenskem oder seine ausstrahlenden Wurzeln: lange andauernde rechtsseitige Abduzenslähmung; die dorso-laterale Grenze das innere Fazialisknie: rechtsseitige Fazialisparese (es bleibe dahingestellt, ob auch die geringe, aber bleibende Gaumensegelparese in diesem Falle durch Fazialisläsion bedingt ist oder auf eine ventro-kaudale Fortsetzung des Herdes schließen läßt); die ventrale Grenze bildet die dorsale Umgebung der medialen Schleife: Ataxie, Astereognosie, Störung der Berührungsempfindung auf der gekreuzten (linken) Seite, besonders an der Oberextremität Medial dürfte der Herd nahe an die Rapbe heranreichen. Ob die Dysurie mit einer Läsion des zwischen hinterem Längsbündel und medialer Schleife gelegenen Gebietes zusammenhängt, muß unentschieden bleiben. In der Figur 29 von Mabbubg’s mikroskopisch-topographischem Atlas des menschlichen Zentralnervensystems würde der Herd rechts etwa zwischen Flp, Vllb, Nft , N VI, VI und 'Nrtg zu verlegen sein. 1 Ad anatomico-physiological study of the posterior longitudinal bündle in its relation to forced movements. Brain. XXXVI. H. 3 u. 4. 1 Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilkunde. XIX. 1 Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilkunde. XXVII. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 230 II. Ventro-mediale Läsion der rechten Brfickenhanbe in Abduzenshohe. Anamnese: 66jährige Frau. Vor 40 Jahren Gelenkrheumatismus, sonst gesund. Am 25. Oktober 1913 plötzlioh Übelkeit, Würgen, Kribbeln im linken großen Zeh, dann im linken Bein und in der ganzen linken Körperhälfte, auch im Kopf, Schwindelgefiihl, sie fiel hintenüber, konnte kurze Zeit hindurch nicht sprechen. Seitdem hat sie keine Kraft in der linken Körperhälfte, Schmerzen da¬ selbst und Ohrensausen. Status am 4. November 1913: Magere Frau, schlecht entwickelte Muskulatur. Starke Arteriosklerose. Puls der Art. pediaea sehr schwach fühlbar, 1. < r. Herzdämpfung nach links ver¬ breitert, Töne rein, Urin ohne krankhaften Befand. An beiden inneren Knöcheln chronisches Ulcus cruris von etwa Zweimarkstückgröße. Nervensysteip: Sprache etwas zögernd, fast skandierend (wechselt sehr). Hirnnerven: Olfactorius Opticus ohne krankhaftem Befund. Oculomotonus Trochlearis Trigeminus: Ganz minimale Abschwächung des linken Kornealreflexes. Abduzens: Rechtsseitige Abduzenslähmung. Schnellschlägiger Nystagmus nach links. Fazialis: Rechte Lidspalte etwas größer als linke, Lidschlag reohts seltener als links. AouBticus: Herabsetzung der Hörschärfe beiderseits. Taschenuhr beim An¬ nähern: rechts 21cm, links 16; beim Entfernen: rechts 24cm, links 20cm. Stimmgabel auf dem Scheitel nach rechts lateralisiert, Rinn6 r. = 1. +; Ohren¬ sausen. Glossopharyngeus: Frei. Das Gaumensegel hebt sich vielleicht links etwas weniger als rechts (?). Vagus I AcceBsorius > ohne krankhaften Befund. Hypoglossus J Rumpf und Extremitäten: Leichte Spasmen in den linken Extremitäten. Linke Bauchwand weicher als rechte. Armrefiexe beiderseits gleich lebhaft. Patellarreflex | Achillesreflex > r. = 1. normal. Fußsohlenreflex j Bauchdeckenreflex beiderseits nicht auszulösen. Starke Ataxie beider linker Extremitäten mit weit ausfahrenden Bewegungen. Gegenstände werden mit der linken Hand nicht erkannt (Astereognosie). Berührung8empfindung: Auf der ganzen linken Körperhälfte vom Halse ab¬ wärts herabgesetzt, besonders am linken Unterschenkel. Schmerzempfindung: Hyperästhesie der ganzen linken Körperbälfte (spitz statt stumpf empfunden!), nur am linken Unterschenkel deutliche Hypästhesie bzw. Anästhesie. 10. bis 15. XI. Gehörvermögen wechselt, hört bald rechts, bald links besser. Berührungsempfindung links bis zum Halse aufgehoben, Hyperästhesie für Schmerz wie oben. Temperatur normal. Gewichtssinn: Rechts normal, links werden nur Unterschiede bis zu 25°/ 0 herunter gemerkt. Difitized by Google Original fro-m UNIVERSfTY OF MICHIGAN 281 16. XI. Rechtsseitige Abduzenslähmung geringer, zeitweise Doppelbilder, Patientin sieht aber den prüfenden Finger einfach. Starkes Ohrensausen beiderseits. Ataxie des linken Armes geringer. 21. XI. Hyperästhesie der linken Seite nur noch an der Schulter. Tempe» ratur- und SohmerzgefÜhl am linken Unterschenkel und Fuß nahezu normal. Stimmgabel vom Warzenfortsatz aus: rechts 5 bis 6, links 10 Sekunden, „ „ Gehörgang aus: rechts 25 bis 30, links 25 bis 30 „ „ „ Scheitei aus: r. = 1. 22. XI. bis 4. XII. Hyperästhesie geringer, Hypästhesie für Berührung be¬ sonders am linken Unterschenkel und Fuß. Ataxie und Astereognosie wie oben. Abduzenslähmung und Nystagmus weniger deutlich. 10. XII. Kraftsinn: Hechts gute Unterscheidung von emporgebobenen Ge¬ wichten (1:3, 1:5, 1:10, 3:5), links keine Unterscheidung möglich. Drucksinn: Aufgelegte Gewichte werden rechts gut unterschieden (1:3, 1:10 usw.), links kein Unterschied. Vibrationsgefübl (Pallästhesie): Rechts normal, links aufgehoben. Unter¬ suchung mit dem Tasterzirkel ergibt Vergrößerung der Tastkreise im Bereiche der linken Hand, insbesondere der Fingerkuppen, weniger am linken Vorderarm und linker Schulter, in höherem Grade wieder am linken Unterschenkel und Fuß. Angaben nicht gleichmäßig. 16. XII. Glaubt im linken großen Zeh mehr Gefühl zu haben. Fieber, Dämpfung und rauhes Atmen im Bereich des rechten Unterlappens. 22. /XII. Wieder fieberfrei. Starke Ataxie der linken Extremitäten, be¬ sonders der linken Hand. Astereognosie links. Geringe Hyperästhesie für Schmerz im Bereiche der linken Schulter, des linken Unterarms und Unterschenkels, bei angestrengter Aufmerksamkeit kann Spitze und Knopf der Nadel gut unterschieden werden. Berührungsgefühl: Herabsetzung bzw. Aufhebung des Gefühls für leichte Berührungen besonders an der linken Hand, am linken Unterschenkel und Fuß, weniger an den anderen Teilen der linken Körperhälfte vom Halse abwärts. Ge¬ fühl für Temperatur völlig normal. Gehörprüfung wie oben. Ohrensausen 1. > r.; ganz minimaler Nystagmus bei forciertem Blick nach rechts. 23. XII. Stimmgabelschwingungen werden auf dem linken unteren Radius¬ ende schwach oder gar nicht gefühlt, rechts normal. 30. XII. Ohruntersuchung durch Spezial-Ohrenarzt Herrn Dr. S. ergibt: Leichte quantitative Herabsetzung in allen Gehörlagen, links etwas mehr als rechts und nach oben mehr als in tiefen Lagen. Herr Dr. S. glaubt, daß es sich im wesentlichen um Altersveränderungen handle. 22.1. 1914. Tönende Stimmgabel wird auf dem linken Radius und der linken Ulna gar nicht wahrgenommen, rechts gut. An der linken Tibia kein Unterschied zwischen rechts und links. 3. II. Besserung der Ataxie. Kann ein paar Schritte ohne Unterstützung gehen. 14.11. Berührungsempfindung der linken Extremitäten immer noch nicht ganz intakt. 27. IL bis 16. III. Temperatursteigerungen, über beiden Lungen rauhes Atmen, teilweise mit kleinblasigem Rasseln. Lungen-Röntgenbild zeigt außer Emphysem keine wesentlichen Veränderungen. 28. III. Temperatur wieder normal. 25. IV. Heftige Schmerzen im linken Arm, geringere Bewegungsmöglichkeit. 2. V. Besserung. 16.V. Geht 10 Schritte ohne Stock. 10. VI. Weitere Besserung. Digitized by Gougle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 232 9. VII. Schlußstatus: Mittelgroße Frau, graziler Knochenbau, Abmagerung. Narben von Ulcera cruris an beiden inneren Knöcheln. Keine Drüsenschwellung. Kehlkopf, Lungen ohne krankhafte Veränderungen. Herzdämpfung zwei Querfinger nach links von der Mammillarlinie verbreitert, Töne rein. Puls morgens 72, abends 108. Starke Arteriosklerose. Temperatur morgens 36,8, abends 37,6. Abdomen weich, nirgends druckempfindlich. Urin ohne Eiweiß und Zucker. Nervensystem: Olfactorius Opticus Oculomotorius 1 normal. Trochlearis Trigeminus Abduzens: Ganz geringe Parese des rechten Abduzens. Nystagmus beim Blick nach links oben noch leicht angedeutet. Fazialis: Rechte Lidspalte kaum merkbar weiter als linke, Lidschlag beider¬ seits gleich. Acusticus: Ohrensausen verschwunden, Hörvermögen wie oben. Gl ossophary ngeus Vagus zuweilen angeblich Schluckbeschwerden, Schwere der Accessorius Zunge, objektiv aber keine krankhaften Veränderungen. Hypoglossus Reflexe: Normal bis auf die schwer auszulösenden Bauchreflexe. Sensibilität: Berührungsempfindung im linken Handteller und am linken Fußrücken auf¬ gehoben, auf dem Rücken, an der Vorderfläche des Unterschenkels und der Fu߬ sohle links vermindert (Fig. 1). Schmerzempfindung: Geringe Hyperästhesie links auf dem Rücken, der Hand, am Unterarm und an der Fußsohle (spitz statt stumpf angegeben [Fig. 2]). Temperatursinn: Ungenaue Angaben an beiden Unterschenkeln und Füßen (1. > r.) im Bereiche des ö. Lumbal- und 1. Sakralsegments, sonst normal (Fig. 3). Starke Ataxie der linken Extremitäten, Astereognosie der linken Hand. Pallästhesie: Vibration der Stimmgabel wird vom linken Radius und linker Ulna aus nicht wahrgenommen, sonst normal. Gewichtssinn: Eine Reihe aufsteigender Gewichte wird in der richtigen Reihen¬ folge hingestellt, wenn sie bei geschlossenen Augen mit der rechten Hand gehoben werden, auf der linken Seite dagegen nur ungefähr geordnet. Drucksinn: Rechts normal, links werden auch größere Gewichtsdifferenzen nicht wahrgenommen. Tastkreise: Am linken Ellenbogen und linken Handrücken größer als am rechten. Am Unterschenkel angeblich r. > 1. (?). Resume: 66jährige Frau, bis auf starke Arteriosklerose, Verbreiterung der Herzdämpfung nach links, zeitweise auftretende fieberhafte Bronchitis bzw. katar¬ rhalische Pneumonie, Ulcera cruris gesund, erleidet plötzlich einen mit Übelkeit und Würgen verbundenen Insult, ohne Bewußtseinsverlust, mit Parästhesien, die vom linken Fuß aufwärts gehen und bald die ganze linke Körperhälfte ergreifen, gleichzeitig Schwindelgefühl und angeblich kurze Zeit hindurch Sprachstörung, dann Schwächegefühl und Schmerzen in der linken Körperhälfte, Ohrensausen. Die Untersuchung des Nervensystems ergibt 10 Tage nach dem Insult: 1. Rasch vorübergehende Dysarthrie. Difitized by Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 234 2. Karze Zeit andauernde Abschwächung des linken Kornealreflexes. 3. Rechtsseitige Abduzenslähmung mit sohnellschlägigem Nystagmus nach links. 4. Ganz geringe Vergrößerung der rechten Lidspalte, Verlangsamung des Lid8cblags rechts. 5. Herabsetzung der Hörschärfe beiderseits (1. > r.), Ohrensausen. In den nächsten Wochen wird vom Ohrenarzt leichte quantitative Herabsetzung in allen Gehörlagen festgestellt (1. > r.), nach oben mehr als in tiefen Lagen. 6. Motorische Reizerscheinungen (leiohte Spasmen der linken Extremitäten) neben minimaler Parese der linken Bauchwand und Fehlen der Bauchreflexe auf beiden Seiten. 7. Starke Ataxie beider linker Extremitäten. 8. Astereognosie der linken Hand. 9. Herabsetzung der Berührungsempfindung auf der ganzen linken Seite vom Halse abwärts, besonders am linken Unterschenkel. 10. Hyperästhesie der ganzen linken Körperhälfte (spitz statt stumpf ge¬ fühlt) mit spontanen Schmerzen, nur am linken Unterschenkel Hyperästhesie. Dabei normale Temperaturempfindung. Weitere Untersuchungen, die erst in den nächsten Wochen angestellt werden konnten, ergaben: 11. Aufhebung des Vibrationsgefühls (Pallästhesie) an dem linken Vorder¬ arm und Unterschenkel (tönende Stimmgabel wird nur rechts gefühlt). 12. Verminderung des Druck- und Kraftsinns an der linken Obefextremität. 13. Vergrößerung der Tastkreise, besonders an der linken Hand und am linken Unterschenkel, weniger an den anderen Teilen der linken Körperhälfte. In den folgenden Wochen nimmt die Abduzenslähmung und der Nystagmus an Intensität erheblich ab, so daß sie zeitweise nicht mehr zu konstatieren sind; das Ohrensausen verschwindet, die Störung der Berührungsempfindlichkeit be¬ schränkt sich auf die linke Hand und den linken Unterschenkel (zuweilen auch am rechten Unterschenkel ungenaue Angaben), die Hyperästhesie verschwindet bis auf kleine Strecken der linken Hand, der Schulter, der Fußsohle, zuweilen aber auch an (Jen Unterschenkeln falsche Angaben (1. > r.). Der Temperatur¬ sinn ist vorübergehend an beiden Unterschenkeln und Füßen beeinträchtigt Etwa 8 Monate nach dem Insult bestanden von seiten des Nervensystems folgende Abweichungen von der Norm: 1. Abduzensparese rechts nur noch angedeutet. 2. Nystagmus nur beim Blick nach links oben eben noch bemerkbar. 3. Minimale Erweiterung der rechten Lidspalte (?). 4. Gehörsverminderung wie oben (ohne Ohrensausen). 5. Ab und zu auftretende Schluckbeschwerden und Schwere der Zunge, für die objektiv kein Anhaltspunkt zu finden ist. 6. Verminderung der Bauchreflexe. 7. Aufhebung der Berührungsempfindung im linken Handteller, am linken Fußrücken, der Fußsohle, Verminderung auf der linken Rückenhälfte (Fig. 1). Digitized by Gck igle Original fro-m UMIVERSITY OF MICHIGAN 235 8. Geringe Hyperästhesie für Schmerz (spitz statt stampf) links auf dem Rücken, der Hand und der Faßsohle (Fig. 2). 9. Ungenaue and wechselnde (!) Angaben bei Prüfung des Temperatur- gefühls an beiden Unterschenkeln und Füßen 1. > r. (Fig. 8). 10. Starke Ataxie der linken Extremitäten. 11. Astereognosie der linken Hand. 12. Schwere Störung des Vibrationsgefühls (der Pallästhesie) am linken Radius und linker Ulna. 13. Geringe Störung des Kraftsinns, stärkere Störung des Drucksinns an der linken Hand und am linken Unterarm. 14. Geringe Vergrößerung der Tastkreise am linken Handrücken und Ell¬ bogen. (An den Unterschenkeln zweifelhafte Verhältnisse, Störungen auch auf der rechten Seite.) Bevor wir aus den vorstehenden Daten den Ort der Läsion bestimmen, müssen wir uns fragen: Sind alle hier aufgezählten Symptome als Folgen des Insults aufzufassen? Ich glaube mich zu der Annahme berechtigt, daß die doppelseitigen Störungen der Sensibilität, namentlich des Temperatur- und Schmerzsinns, an beiden Unterschenkeln zum größten Teil ihre Erklärung in der starken Sklerose der jene Gebiete versorgenden Arterien, also in rein peripheren Ursachen findet (kaum fühlbarer Puls an der Pediaea, Ulcera cruris, Wechsel in der Intensität, Qualität und Ausdehnung, Doppelseitigkeit der Störungen). Die unter 5 erwähnten rein subjektiven Erscheinungen können ebenfalls bei der Erörterung der Lokalisation vernachlässigt werden, da sie erst ganz zu¬ letzt auftraten, in Art und Intensität außerordentlich wechselten und in keiner Weise mit objektiven Veränderungen verbunden waren. Die übrigen Symptome berechtigen zur Annahme eines ganz umschriebenen, relativ kleinen Herdes in der ventro-medialen Ecke der rechten Brückenhaube. Sein Zentrum entspricht der rechten medialen Schleife in der Höhe des Austritts der Abduzenswurzeln: Bleibende Störung aller Qualitäten der Tiefensensibilität, am Arm und an der Hand etwas mehr als am Bein (abgesehen von den erwähnten doppelseitigen Sensibilitätsausfällen an Unterschenkel und Fuß), d. h. Ataxie, Astereognosie, Hypästhesie für Berührung, Vergrößerung der Tastkreise, Störung des Druck- und Kraftsinns, sowie der Pallästhesie. Ob die stärkere Störung an der linken Händ auf eine Lokalisation in der lateralen Schleifenhälfte schließen läßt 1 , möchte ich nicht mit Sicherheit behaupten. Dagegen spricht die rechtsseitige, noch bis zum Schluß der Beobachtung in ihren Resten erhaltene Parese des rechten Abduzens, dafür, daß einige Abduzenswurzeln bei ihrem Durchtritt durch die mediale Schleife noch innerhalb des Herdes liegen. Der minimale Nystagmus beim Blick nach links oben ist wohl nur als Überbleibsel einer Reizung des in dorsaler Nachbarschaft des Herdes gelegenen hinteren Längsbündels zu deuten. Außerhalb des Herdes, aber in der nächsten Umgebung, liegt der Tractus spino- 1 S. meine Ausführungen auf dem 4. Kongreß Deutscher Nervenärzte in Berlin. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 236 thalamicas + spino-tectalis: Hyperästhesie für Schmerz und spontane Schmerzen auf der linken Seite. Die ebenfalls benachbarten dorso-medial ans dem Fazialis- kern aufsteigenden Fazialisfasern könnten wohl zur Erklärung der rechtsseitigen Lidspaltenerweiterung herangezogen werden. In weiterer Entfernung vom Herde hegt die sekundäre dorsale Trigeminnsbahn: nur im Anfänge Absohwächnng des linken Kornealreflexes. Hat der Herd ventralwärts auch die hier durchtretenden Trapezfasern teilweise zerstört? Ich möchte, im Gegensatz zum Kollegen Dr. S., annehmen, daß das Ohrensausen, welches vor dem Insult nicht vorhanden war und nach dem Insult allmählich wieder verschwand, im Verein mit der quanti¬ tativen Herabsetzung der Hörschärfe (nach oben mehr als in tiefen Lagen!) mit einer Beteiligung der hier kreuzenden sekundären Hörbahnen in Verbindung steht. In Mabbüeg’s Fig. 29 würde das Zentrum des Herdes rechts in Lm hegen, die dorsale Grenze ventral von Nrtg , die laterale medial von Ntr, die ventrale den dorsalsten Querfasern der Brücke entsprechen, die mediale sich der Baphe nähern. Diese Gegend wird von einer rechten Medianarterie versorgt, die aus der Basilaris unmittelbar frontal von der Vereinigungsstelle der beiden Arteriae vertebrales entspringt und an der rechten Seite der Raphe des Brückenfußes dorso-frontal- wärts zieht. Eine Blutung aus einem Aste dieser Arterie erscheint mir mit Rücksicht auf die Art des Insults, bei der bestehenden Arteriosklerose und dem Alter der Patientin wahrscheinlicher, als eine Thrombose oder gar eine Embolie, die das ganze Ausbreitungsgebiet hätte in Mitleidenschaft ziehen müssen. III. Verschluß der Arteria cerebelli inferior posterior sinistra. Anamnese: 50jähriger Malermeister, früher gesund, keine Bleivergiftung, keine Geschlechtskrankheiten; nur die linke Pupille soll seit seiner Jugend größer als die rechte sein. Am 18. XL 1914 wurde ihm nach dem Mittagsschlaf unwohl. Er versuchte sich zu erheben, hatte aber dabei das Gefühl, als ob er betrunken wäre. Es stellte sich so starkes Schwanken ein, daß er nicht mehr allein Bich fortbewegen konnte. Später wurde auch das Schlucken sehr erschwert. Status am 20. XI. 1914: Mittelgroßer Mann in leidlichem Ernährungszustände. Arteriosklerose, im übrigen normaler Befund an Lungen, Herz und Abdominalorganen, aber dauernd erhöhte Pulsfrequenz (zwischen 96 und 112 pro Minute). Urin: Leichte Albumin¬ urie. Im Sediment nichts außer einigen Leukozyten. Stuhl normal. Nervensystem: Starker, sehr quälender, Tag und Nacht ununterbrochen anhaltender Singultus. Totale Schlacklähmung mit starker Speichelsekretion. Olfactorius Opticus J krankhaften .Befund. Oculomotorius: Linke Pupille weiter als rechte, nach oben und außen leicht verzogen. Pupillenreaktion auf Licht und Akkommodation sehr deutlich. Augenhinter¬ grund frei. Verengerung der linken Lidspalte mit geringer Ptosis. Trochlearis ] . Abduzens } norm&1 - Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSSTY OF MICHIGAN 237 Langsamer Nystagmus bei Bewegung der Augen nach rechts, schneller Ny stagmus bei Bewegung nach links. Trigeminus: Kornealreflex links nahezu erloschen. Kaum merkbare Hypästhesie für Berührung im Bereiche des linken Nasenrückens und angrenzender Teile des Oberkiefers, sowie der Stirn. Schmerzempfindung: An den gleichen Stellen wird stumpf statt spitz gefühlt. Temperaturempfindung: Warm statt kalt in der gleichen Zone, aber etwas größerem Umfange besonders nach der Stirn zu. Kaumuskeln normal. Über die Veränderungen der rechten Seite siehe weiter unten. Fazialis: Linke Nasolabialfalte etwas flacher als rechte. Acusticus: Ohne krankhaften Befund. Glossopharyngeus: Linke Gaumenhälfte bleibt beim Anlauten stark zurück, Uvula und Gaumensegel dabei nach rechts verzogen. Schlucklähmung und Speichel¬ fluß siehe oben. Vagus: Totale linksseitige Rekurrenslähmung. Accessorius: Ohne Störung. Hypoglossus: Die Zunge wölbt sich bei ruhiger Lage im Munde links weit stärker als rechts, dreht sich beim Herausstrecken infolge einer schrägen Narbe an der Zungenspitze ein wenig nach rechts. Reflexe: Hautreflexe normal. Knie- und Achillessehnenreflex links kaum aus¬ zulösen, rechts normal. Motilität: Starke Ataxie der linken Extremitäten, mit Hypotonie des linken Beines. Sensibilität: Geringe Abnahme des LagesinnB im linken Bein. Aufhebung des Schmerz- und Kältegefühls auf der ganzen rechten Körper¬ hälfte mit Ausnahme der medialen Stirnhälfte, des Auges, Oberkiefers, der Nase, der Lippen und ihrer Umgebung, dabei vollständig erhaltene Berührungsempfind¬ lichkeit. Überall wird spitz als stumpf, warm als kalt gefühlt. Gang: Beim Versuch aufzustehen starkes Taumeln nach links, fällt hin, wenn er nicht gestützt wird, dabei stampfendes Aufsetzen des linken Beines. 22. XL Schlucklähmung geringer, trotz weiter andauernden Singultus. 28. XL Singultus noch vorhanden, wenn auch geringer und seltener. Starker Speichelfluß. Schluckstörung wenig vermindert. Nystagmus geringer, aber noch deutlich. Linke Pupille weiter und nach außen oben verzogen, bei normaler Reaktion. Kornealreflex fehlt links. Linke Lidspalte noch verengt. Tension des Bulbus oculi 1. sa r. Gaumen- und Stimmbandlähmung wie oben. Geschmack beiderseits normal. Pulsfrequenz dauernd zwischen 96 und 112. Temperatur normal. Keine Temperaturdifferenz zwischen beiden Achselhöhlen. Zunge im Munde links stärker gewölbt, wird ziemlich gerade herausgestreckt, nur die Spitze weicht etwas nach rechts ab. Patellar- und Achillessehnenreflex 1. < r., geringe Ataxie des linken Beines, weniger an der linken Hand (kann bereits den Rock mit der linken Hand zuknöpfen). Wird das linke Bein im Knie gebeugt und der Kranke aufgefordert bei geschlossenen Augen das rechte Bein in dieselbe Stellung zu bringen, so gelingt das annähernd gut. Wird das rechte Bein aber passiv gebeugt, so erfolgt eine stärkere Beugung des linken als der Lage des rechten entspricht. Deutliche Hypotonie des linken Beines. Sensibilität: Berührung anscheinend überall normal (nur linker Nasenrücken nebst lateraler Nachbarschaft etwas hypästhetisch). (Fig. 4.) Schmerz: Am linken Nasenrücken, den linken Augenlidern, viel weniger an den angrenzenden Teilen der mittleren Stirngegend öfter stumpf statt spitz, des¬ gleichen an hinteren Teilen der Mundschleimhaut links. Auf der rechten Seite vom Unterkieferwinkel und von Ohr-Schläfe-Stirn abwärts auf der ganzen Körper¬ hälfte stets stumpf statt spitz gefühlt (Fig. 6). Digitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN Original fragn /ERSITY OF MICHIGAN 239 Digitized by Go sic Original frnm UNIVERSfTY OF MICHIGAN 7 ff Aüfefcheme für Schmerz Fitf £. *•*/ Aoiksthesie für Kalte Fig. 9. A üäethesie für KäJtc <«|>it r für «itiniyf gehalten;, tkalt ab warm empfunden). (kalt als warm empfunden). 240 Temperaturgefühl: Links ganz geringe Abschwächung auf dem linken Nasen¬ rücken und dem linket) Unterlid, sonst normal. Rechts von der Stirn-Schläfe- Ohr-Wange abwärts kalt als warm gefühlt (Fig. 8). Fällt beim Geben nach links, schleudert mit dem linken Bein und setzt es stampfend auf (erheblicher Gegensatz der Ataxie beim Gehen und der geringen Ataxie des linken Beines bei liegender Stellung!). 5. XII. Pallästhesie = Dauer der Vibrationsempfindung einer angeschlagenen Stimmgabel (C m ): Links Rechts Unteres Radiusende 12 4 Sekunden Ellbogen .... 9 * Tibiakante . . 10 2 StereognoBtischer Sinn: Münzen werden bei geschlossenen Augen in der rechten Hand besser als in der linken erkannt. Die Differenz ist nicht erheblich. Dagegen wird eine Stahlfeder nur rechts erkannt. Prüfung der WsBER’schen Tastkreise (= Abstand der Tasterzirkelspitzen in Millimetern, bei dem Doppelempfindung auftritt): Links Rechts Stirn .... 33 32 Schläfe.... 14 13 Nasenrücken . . 18 8 Jochbogen . . 14 14 Schulter . . 75 70 Rücken 60 115 und darüber Bauch .... 40 80 Oberarm . . . 25 50 Kleinfingerkuppe 5 5 Oberschenkel. . 75 150 und darüber Unterschenkel 70 150 und darüber Fußrücken . . 35 100 und darüber Singultus fast verschwunden, Schluckstörüng noch vorhanden. Nystagmus nach links nur noch angedeutet; Verengerung der linken Lidspalte, Vergrößerung und Verziehung der linken Pupille wie oben. Klagen über Schmerzen im linken Augapfel, dabei nur geringer Druckschmerz. Linker Kornealreflex fehlt. Be¬ rührungsempfindung an der Mundschleimhaut, dem weichen Gaumen und Kehlkopf beiderseits erhalten. Gaumen- und Stimmbandlähmung, Speichelfluß wie oben. 6. XII. Drucksinn (= Wahrnehmung von Gewichtsdifferenzen bei Gewichten, die auf die Haut gelegt werden): Links Rechts Schläfe 1 : 7 1: 7 Oberkiefer 1:7 1:7 Hand 1 : 7 | Vorderarm 1:7 | etwa 1:7 öfter Verwechslungen, Kraftsinn (= Wahrnehmung von Gewichtsdifferenzen durch Aufheben der Gewichte mit den Fingern): An beiden Händen gleich (1:7— 8 ). 7. XII. Elektrokutane Sensibilität ( = Rollenabstand in Zentimetern, bei dem die erste Empfindung und bei dem Schmerz eintritt): Digitized by Go .gle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 241 Erste Empfindung Schmerz Links Rechts Links Rechts Stirn . . . 10,0 10,5 8,0 9,0 Schläfe. . . 10,0 9,5 7,5 8,0 Nasenrücken . 10,5 11,0 9,0 10,0 Oberarm . . 9,5 9.0 8,0 6,5 Unterarm . . 9,0 9,5 7,0 6,5 Brust . . . 9,0 9,0 6,5 0,0 Bauch . . . 7,5 6,0 4,5 0,0 Oberschenkel. 9,5 7,5 7,5 0,0 Unterschenkel 8,5 8,5 6,0 5,0 (?) Rücken oben. 9,0 9,5 6,5 0,0 Rücken unten 9,0 7,5 5,0 0,0 7. XII. Singultus ganz verschwunden, Schluckstörung geringer, aber noch deutlich. Patellarreflex 1. < r. Deutliche Hypotonie links. Starke Ataxie des linken Beines, viel weniger an der linken Hand. Beim Gehen Neigung den Rumpf nach rechts zu biegen, um nicht nach links zu fallen. Stampfendes Aufsetzen des linken Fußes beim Gehen. Verkleinerung der linken Lidspalte. 8. XII. Hypostereognosie der linken Hand wie oben. 10. XII. Vergleichende Temperaturmessung ergibt in beiden Achselhöhlen genau die gleiche Temperatur. Pulsfrequenz dauernd erhöht. 19. XII. Linke Lidspalte enger als rechte. Linke Pupille wie oben, bei guter Reaktion. Eornealreflex links stark abgeschwächt. Fazialis beiderseits nahezu gleich, Gaumen hebt sich r. > 1. Schluckstörung und Speichelfluß geringer, aber noch deutlich. Linksseitige totale Rekurrenslähmung. Zunge wölbt sich im Munde beiderseits gleich, wird bis auf geringe Biegung der Spitze nach rechts (infolge der Narbe) gerade herausgestreckt. Ataxie des linken Armes ziemlich verschwunden, am linken Bein geringer, aber vorhanden. Gang unsicher, Neigung nach links zu schwanken, setzt das linke Bein stampfend und abduzierend auf. Reflexe beider¬ seits gleich, Hypotonie des linken Beines noch angedeutet. Berührungsempfindung: Leichte Hypästhesie auf dem linken Nasenrücken. Schmerzempfindung: Links sehr abgeschwächt auf dem Nasenrücken bis 1 / 2 cm von der Spitze, ferner an den der Nasenwurzel benachbarten Stirn teilen, dem oberen Augenlide, der vorderen Nasenschleimhaut, der hinteren Hälfte der Mundschleimhaut (Zunge und vordere Mundschleimhaut normal!). Rechts wird spitz statt stumpf gefühlt: hinten von der Ohrmuschel und Lambdanaht abwärts auf der ganzen Körperhälfte, vorne von der Scheitel-Ohr-Kinnlinie abwärts auf der ganzen rechten Körperhälfte, am wenigsten im Bereiche des Halses und der Schulter (2. bis 4. Zervikalsegment). Kälteempfindung: Fehlt links auf dem Nasenrücken, rechts hinten von der Ohr¬ muschel (inklusive) abwärts, vorne von der Scheitel-Ohr-Kinnlinie abwärts (inklusive Ohr!) auf der ganzen rechten Körperhälfte. 26. XII. Atropineinträufelung in das linke Auge ergibt leichte Adhäsion der Iris nach außen oben. 4.1. 1915. Gang besser, qualitativ wie früher. Kein Schwanken bei Augen¬ schluß. Schluckstörung fast verschwunden. Lidspalte wie früher, Pupille ebenso. Die Zeitdauer der Stimmgabelperzeption (Pallästhesie) ist auf der ganzen rechten Seite mit Ausnahme der Schulter und Kniescheibe bedeutend gestiegen, nur noch geringe Unterschiede zugunsten der linken Seite. Am Warzenfortsatz wird die Stimmgabel rechts länger als links gehört. 7.1. Die Zone linksseitiger Hypästhesie für Berührung (Fig. 5) beschränkt sich jetzt auf den Nasenrücken (obere zwei Drittel), auch die Anästhesie für Schmerz läßt auf der linken Gesichtshälfte die Stirn frei, rechts ist sie bis auf xxxiv. 16 Difitized by Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 242 das Vereorgungsgebiet des 6. und 7. Zervikalsegments heruntergerückt (Fig. 7). Am wenigsten hat sich die Zone der Anästhesie für Kälte geändert, aber auch hier links im wesentlichen Beschränkung auf den Nasenrücken, während rechts die obere Grenze noch immer der Scheitel-Ohr-Kinnlinie naheliegt (Fig. 9). Astereo- gnosie verschwunden. Patellar- + Achillesreflex: Keine deutlichen Differenzen zwischen rechts und links. Lidspalte, Pupille links wie oben. Keiue Differenz im Fazialisgebiet beider Seiten. Schluckstörung nur noch bei festen Speisen. Es besteht noch: Starke Verminderung des linken Kornealreflexes, Parese des linken Gaumensegels, Paralyse des linken Stimmbandes, geringe Ataxie und Hypotonie des linken Beines, beim Gehen stärker als beim Liegen, Gang besser, aber immer noch Neigung nach links zu taumeln. Pulsfrequenz andauernd erhöht 21.1. Lidspalte immer noch ein wenig enger als rechts. WBBEE’sche Tastkreise: Links Hechts Warzenfortsatz. 15 10 Schulter (hinten). 52 60 Akromion (hinten!). 70 80 Rücken (Mitte). 55 150 und darüber Rücken (unten). 60 150 Stirn. 15 10 Schläfe. 32 18 Jochbogen. 16 7 Nasenrücken. 20 7 Unterlippe. 5 5 Kinn. 5 7 Zunge . 2 2 Hals. 14 16 Oberarmkopf. 55 30 Verbindungslinie der Achselhöhlen 45 28 Oberarm (vorne). 25 150 und darüber Oberarm (hinten). 40 150 •> >• Unterarm (vorne). 13 150 Handteller. 5 5 Handrücken. 25 25 Verbindungslinie der Mammillae 32 36 Rippenbogen bis Nabel .... 32 37 Leistenbeuge. 36 150 und darüber Oberschenkel (vorne). 22 150 V Unterschenkel (vorne). 40 150 rt Unterschenkel (hinten) .... 60 150 » M Fußrücken. 18 150 »» >• Großzehenballen. 25 100 n Jf 28.1. Prüfung der Pallästhesie (Zeitdauer der Vibrationsempfindung einer tönenden Stimmgabel C m ) in Sekunden: Links Rechts Stirn. 4 8 Schläfe .... 7 10 Warzenfortsatz . . 7 9 Schulter .... 12 0! Ellenbogen . . 10 9 Unteres Ulnaende . 12 15 Digitized by <^ou Digitized by Gck igle Original fru-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 248 [Ans dem hirnhistologischen Institut (Interakademisches Hirnforscbungsinstitut) der Universität Budapest] 4. Anatomischer Beitrag zur Frage der zerebellaren Pyramide. Von Prof. Karl 8ohaffer. Direktor des Instituts. In einer jüngst erschienenen Arbeit 1 stellte ich auf Grand gewisser ponto- bulbärer Bündel, welche auf der ventrolateralen Oberfläche des Rhombencephalon auftreten, die Existenz des Kleinhirnanteils der Pyramidenbahn, die sog. zere¬ bellare Pyramide fest Diese Bündel, welche ich an Mednllen von Para¬ lytikern in abnorm starker Entwickelung antraf, stellen einesteils eine Verbindung der Pyramide mit den bulbären Kernen, andernteils mit der homolateralen Kleinhirnhälfte dar. Angesichts letzteren Verhaltens der Pyramide, welches einen bislang nicht gekannten Bestandteil der Willensbahn, eine Kleinhirn- pyramidenstrangbahn klarlegte, schien es von Wichtigkeit, die pontobulbären Basalbündel in anatomischer Beziehung einer genaueren Prüfung zu unterwerfen, um auf diese Weise die morphologische Bedeutung dieser Bündel endgültig fest¬ zustellen. Schon im erwähnten Aufsatz hob ich hervor, daß die pontobulbären Bündel keineswegs allein am paralytischen Zentralorgan, sondern auch am Nicht- paralytikermatenal anzutreffen sind; diesen Satz unterstützte ich mit dem Befund, wonach an 60 Mednllen diese Bündel zehnmal in Erscheinung traten. Dieses Verhältnis (20°/ o ) bedeutet wohl eine auffallende Häufigkeit, doch genügt es keineswegs zur Feststellung von konstanten Bildungen; immerhin ist die Möglichkeit ins Auge zu fassen, daß die pontobulbären Bündel bzw. die letzteren entsprechenden Bahnen gelegentlich in solcher schwacher Entwickelung auftreten können, welche eine makroskopische Diagnose ausschließt. Sei es wie auch immer, so erheischen die pontobulbären Bündel eine Klarstellung in anatomischer Beziehung um so mehr, da sie als Kleinhirnpyramidenstrangbahn in physio¬ logischer Hinsicht nicht belanglos sein dürften. — Zu diesem Zweck unterzog ich erneut eine Anzahl von in Formalin gehärteten Mednllen nicht paralytischer Herkunft; bevor ich auf die zahlenmäßige Häufigkeit dieser Bündel eingehe, möchte ich vor allem die Formverhältnisse, hernach die Bedeutung derselben erörtern. Nach meinen bisherigen Erfahrungen kann ich die an der ventrolateralen Oberfläche der Brücke und des verlängerten Marks als abgegrenzte Mark streifen auftretenden Bündel folgend einteilen (vgl. Figg. I bis III). I. Es gibt einen Strang, welcher in der'hinteren Brückenhälfte aus den Querfasern der Brücke emportauchend, dicht neben dem Sulcus basilaris in sagittaler Richtung verläuft; ich nannte diesen Markstreifen Fascioulus pontis 1 K. Schaffer, Der KleiDhirnanteil der Pramidenbahn (die zerebellare Pyramide). Zeit¬ schrift f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXVII. H. 5. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 249 medialis (vgl Fig. II, i), welcher am hinteren Brückenrande, einwärts Ton der aastretenden Abdazenswarzel in das Foramen coecum posticnm hinabgleitet, somit sich der weiteren makroskopischen Betrachtung entzieht. Das Bündel kann manchmal recht schwach, dann aber anch überaus stark entwickelt sein; sein Querdurchmesser mißt 1 bis 3 mm und scheint immer kompakt zu sein. 2. Gleichfalls in der hinteren Brückenbälfte, jedoch lateral, kann an der Oberfläche der Brücke ein sagittal verlaufender Markstreifen erscheinen, welcher vom aus den Querfasern der Brücke sich herauswindend, rückwärts, d. h. am hinteren Brückenrand, in der Nähe des Brückenkleinhirnwinkels abermals unter den Querfasern der Brücke verschwindet Dieser Markstreifen verdient die Be¬ zeichnung: Fasciculus pontis lateralis (vgl. Fig. 11,2); dieser kann in kom¬ pakter Form als ein Strang von 1 bis 2 mm Stärke erscheinen, doch trifft man ihn auch in zersplitterter Form, aus 2 bis 3 Strängchen bestehend, an. Er kann manchmal eine Fortsetzung finden in einem Markstreifen, welcher an der seit¬ lichen Oberfläche des verlängerten Marks verläuft, und welcher daher als 3. Fasciculus bulbi lateralis (Fig. III,3) bezeichnet werden kann. Dieser tritt hart neben dem lateralen Rand der Oblongataolire in Erscheinung, ver¬ läuft vom hinteren Brückenrand angefangen bis zum unteren Olivenpol, um entweder hier zu verflachen und zu verschwinden, oder aber in der Form eines Markbandes an der Oberfläche des Seitenstranges ca. bis zur 1. bzw. 2. Zervikal¬ wurzel zu verlaufen. Bildet der Fasciculus bulbi lateralis mit dem Fasciculus pontis lateralis einen einzigen Körper, so wäre von einem Fasciculus ponto- bulbi lateralis zu sprechen. Ein beständiger Charakterzug des Bündels ist seine Keilform: die Basis befindet sieb am hinteren Brückenrand, die Spitze am unteren Olivenpol, somit nimmt die Masse des Bündels von oben nach unten zusehends ab. Es erscheint so einseitig als auch doppelseitig. 4. Ein äußerst bezeichnendes Markbündel trifft man an der vorderen (ventralen) Oberfläche des verlängerten Marks, welches sich hier von der freien Pyramidenoberfläche emporhebend, an dieser bis zum unteren Olivenpol hinab- läuft, um hier lateral schwenkend, die Olive von unten umläßt, gelangt daher zum Strickkörper, an dessen Oberfläche es aufwärts strebt, wobei es zusehends verflacht und seine Individualität einbüßt. Der Verlauf ist ein typisch-bogen¬ förmiger, daher ist der Name Fasciculus arcuatus wohl gerechtfertigt, doch möchte ich die anatomisch richtigere Bezeichnung: Fasciculus ventro- lateralis bulbi vorschlagen und behalten (vgl. Fig. I bis III, 4). Dieses Bündel zeigt eine anatomisch-mannigfaltige Morphologie. Man trifft dasselbe ein- wie doppelseitig an und zwar in den verschiedensten Formvariationen, von welchen folgende Haupttypen erwähnt seien. a) Die häufigst vorkommende Form, der Grundtypus, ist in dem soeben geschilderten kompakt-bogenförmigen Bündel gegeben (4 a). b) Eine Verlagerungsvarietät dieser Form ist dadurch gegeben, daß das bogenförmige Markbündel mit dem Bogenscheitel nicht den unteren Olivenpol berührt, sondern höher oben die Mitte der Oliveneminenz durchquert (46). c) Eine Kombination des a- und ö-Typs entsteht, indem der auf der Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 260 Oblongatapyramide liegende Ursprungs teil des Bündels sich in zwei Teilbündel spaltet, von welchen das eine dem a-Typ, das andere dem Ä-Typ folgt (4 a + b). I JE. Fig. I. 4 a Fase, bulbi ventrolateralis Typ. a. 4 c Idem, Typ. c. Fig. II. / Fase. pontU medialis. 2 Fase, pontis lateralis 4 b Fase. bulbi ventrolateralis Typ. b. 4 a + b Fase, bulbi ventrolateralis Typ. a + Typ. b. Fig. III. 3 Fase, bulbi lateralis. 4d Faso, bulbi ventrolateralis Typ. d. 5 Fase, bulbi ventralis. ÜT. Schema der poutobnlbären Basalbflndel. d) die sub a) erwähnte kompakte Form kann eine Abänderung in dem Sinne erfahren, daß das Markbündel, welches am Ursprung, d. h. auf der Oblongatapyramide noch kompakt ist, während seines Abstieges gegen den Difitized bv Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 251 unteren Olivenpol in zahlreiche feinere Markfäden zerfällt, welche einzeln die untere Hälfte der Olive bogenförmig umfassen (4c). e) Endlioh erleidet das Bündel eine Änderung insofern, daß es sich nicht aus der Masse der Pyramide, sondern aus der ventralen, interpyramidalen Furche des verlängerten Marks entwickelt; in diesem Falle bemerkt man in der Höhe des unteren Olivenpols aus der medianen Furche ein breites, flaches Markband entstehen, welches unterhalb der Olive seitwärts strebt und nun am Strickkörper aufwärts gleitet (4d). 5. Endlich kommt an der Oblongatapyramide ein individualisiertes Bündel zur Beobachtung, welches, aus dem Pyramidenareale seitlich abweichend, sich der Olive anschmiegt, diese teilweise bedeckt, jedoch vom unteren Olivenpol an¬ gefangen zur Pyramide zurückkehrt und mit dieser oberhalb der Kreuzug innig verschmilzt Es wäre als Fasciculus bulbi ventralis zu bezeichnen. Bezüglich der anatomischen Bedeutung dieser Bündel, welche ich soeben schilderte, ist die Tatsache gemeinsam, daß sie insgesamt aus dem Bereich der pontobulbären Pyramide entstammen; sie bedeuten zum Teil Verlagerungen der Pyramidenfasern auf die Brückenoberfläche (s. Fase, pontis medialis und lateralis), zum Teil aber weisen sie auf Abzweigungen der Pyramide gegen den Strickkörper, somit gegen das Kleinhirn zu (s. Fase, bulbi lateralis und ventrolateralis). Es sei an dieser Stelle die von mir festgestellte Tatsache nur erwähnt, daß der Fasciculus bulbi lateralis und ventrolateralis eine via Strick¬ körper verlaufende homolaterale Kleinhirnpyramidenstrangbahn ist, worauf nicht allein die Verfolgung an Normalserien, sondern speziell bei Erkrankung der Pyramidenbahn an Weigert- und Marchi-Präparaten die Entartuug des Fase, ventrolateralis zweifellos hinweist. Hingegen stellt der Fase, pontis medialis, zum Teil auch der lateralis einen nukleobulbären Abschnitt der Pyramidenbahn dar. Der Faso, bulbi ventralis hat keine eigene Bedeutung, denn er stellt nur eine auf kurze Strecke sich beziehende Abzweigung, Auflockerung der bulbären Pyramide dar. Bezüglich der physiologischen Bedeutung jener Bündel, welche zum Kleinhirn geraten, stellte ich die Annahme, daß sie als Pyramidenbündel von den zwei Pyramidenfunktionen, wie Motilität und Hemmung, offenbar letztere vermitteln, denn nur in diesem Sinne ist eine Kleinhirnpyramidenbahn ver¬ wertbar. Edingeb’s Verdienst ist es, mit Klarheit nachgewiesen zu haben, daß die tonusfördernden spinozerebellaren Bahnen (Strickkörper) die Purkinjeschen Zellen mit Endpinseln umgeben; naheliegend ist die Annahme, daß die via Strickkörper ziehenden Pyramidenfasern gleichfalls an diesem Punkte endigen. Somit ist der Gedanke begründet, daß die tonusfördernden spinozerebellaren Fasern und die tonushemmenden Pyramidenfasern um die Purkinjesohe Zelle herum zusammentreffend, als Resultante den normalen Kleinhirntonus liefern, daher die Purkinje sehe Zelle einer tonusregulierenden Zentrale gleich zu be¬ trachten wäre. Hat nun die homolaterale Kleinhirnpyramidenstrangbahn, kurz die zerebellare Pyramide, eine tonusschwächende Bedeutung, so dürfte bei einer zerebralen, oberhalb der Oblongata sitzenden Läsion eine homolaterale Steigerung Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 252 des Tonus zu erwarten sein. Als Ausdruck dieser Steigerung könnte man die fast immer vorhandene Lebhaftigkeit der homolateralen Sehnenreflexe bei zere¬ bralen Herden betrachten. Eine Stötze erhalt diese Auffassung durch die anatomische Tatsache der vollkommenen Pyramidenkreuzung, denn abgesehen von den nicht allzuseltenen Fällen, in welchen der Mangel einer vorderen Pyramide besteht, so ist bei vorhandener vorderer Pyramide infolge Kreuzung derselben in der vorderen Kommissur des Rückenmarks auf Grund einer zere¬ bralen Pyramidenläsion allein eine gekreuzte Tonussteigerung zn erwarten. Die homolaterale Tonuserhöhung via Pyramidenbahn ist nach meiner An¬ sicht auf Grund der homolateralen zerebellaren Pyramide fassbar; Dejebinb’s homolaterale Pyramidenfasern kommen dabei auch in Betracht. Obige physiologische Ausführungen erhalten erst dann einen Wert, wenn die Konstanz der zerebellaren Pyramide als anatomische Formation nachgewiesen ist Diese Erwägung drängte mich zu erneuten Untersuchungen und so unterwarf ich 100 mir zu Gebote stehende Gehirne, insgesamt in Formalin gehärtet, einer sehr genauen Besichtigung. loh vermied diesmal das Zentralorgan von Para¬ lytikern, welches nach den Erfahrungen von E. Hajos und mir etwaige ponto- bulbäre Basalbündel in abnorm starker Entwickelung zu besitzen pflegt Ich tat dies, um dem Vorwurf, pathologische Bildungen mit normalen zu verwechseln, vorzubeugen, und so wählte ich ausschließlich Gehirne von Nichtparalytikern (auch Nichttabikern) des hiesigen Siechenhauses. Es kam auf diese Weise ein Material zustande, welches teils senilen, teils arteriosklerotischen, teils tuber¬ kulösen Individuen entstammte. — Eine dringend gebotene Regel der Unter¬ suchung ist, daß man die ventrolaterale Oberfläche der Brücke und Oblongata stets von den Hüllen vollkommen befreie, denn nur so können etwaige Basalbündel zum Vorschein gelangen. Somit sind nur völlig nackte, der arachnoidalen und pialen Bedeckung bare Medullen verwertbar. Gehe ich zu den Ergebnissen über, so möchte ich vorweg hervorheben, daß von den 100 Gehirnen insgesamt 76 pontobulbäre Basalbündel darboten. In dieser Zahl sind sämtliche eingangs erwähnte Faszikel inbegriffen. Sondern wir nun die einzelnen Bündel ab, so ergibt sich die folgende Gruppierung: Fasciculus bulbi lateralis 43 mal „ ventrolateralis 39 mal V „ ventralis 12 mal pontis medialis 1 mal „ lateralis 2 mal. Aus dieser Übersicht geht somit auf den ersten Blick hervor, daß die der zerebellaren Pyramide entsprechenden Fasciculi bulbi lateralis und ventrolateralis an 100 Gehirnen 82mal anzutreffen waren, daher ist die makroskopisch fest¬ stellbare Frequenz eine so hohe, daß man von einer Konstanz sicher sprechen kann. Hierbei wäre noch an die Möglichkeit eines mikroskopischen Nach¬ weises zu denken, worunter die von mir häufig gefundene Tatsache zu verstehen ist, daß das laterale oder ventrolaterale Bündel von Mark bedeckt nicht zur Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHtGAN 258 Oberfläche gelangt, daher nur an Weigertschnitten zu erkennen sind. Ich durfte wohl nicht fehlgehen, wenn ich auf Grund des makro-mikroskopischen Ergeb¬ nisses die zerebellare Pyramide für eine nie fehlende Bildung des menschlichen Rhombencephalon betrachte; das Bestreben, ihr eine be¬ stimmte Funktion zuzuscbreiben — etwa im obigen Sinne —, ist daher begründet. Fig. IV. Es, Ei Extremitätenregion. FL Faziolingaolaryogealregion. C N. caadatus. T Thalamus. L N. lenticularis. Ci Capsula interna. Fs Pyramis spinalis. Fb Pyramis bulbaris. nb nuclei bulbares CB Cerebellum. CR Corpus restiforme. O Olive. Pc Pyramis cerebellaris. 1 Fase, bulbi lateralis. 2 Fase, bulbi ventrolateralis. F Pons. rm radix motoria. Fl Flechsigs Kleinhirnseiten¬ strangbahn. Anatomisch ließe sich nun sagen, daß die menschliche Pyramide eine Drei¬ gliederung bekundet (vgl. Fig. IV); ein Teil derselben zieht zum gekreuzten Rückenmark als Pyramis spinalis, ein zweiter zu den teils gekreuzten, teils ungekreuzten pontobulbären motorischen Kernen als Pyramis bulbaris, ein dritter zum ungekreuzten, homolateralen Kleinhirn als Pyramis cerebellaris. Letztere erlaube ich mir Edingeb’s Kleinhirnpyramidenstrangbahn zu benennen; in diesem Vorschlag hat die aufrichtige Bewunderung, welche ich Edingeb’s Forschungen zolle, einen ebenso großen Anteil als die Dankbarkeit, welche ich für die freundliche Aufnahme und Leitung schulde, die mir vor 25 Jahren im alten Senckenbergianum seitens Edingee’s zuteil wurde. Digitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN [Aas dem Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Eppendorf.] 5. Ein weiterer Fall von alkohologener reflektorischer Pupillenstarre. Von M. Nonne. Vor 3 Jahren veröffentlichte ich einen Fall, der dadurch Interesse be¬ anspruchte, daß bei schwerem chronischen Alkoholismus ohne Komplikation mit Syphilis eine echte reflektorische Pupillenstarre festgestellt wurde. Die „vier Reaktionen“ waren negativ gewesen. Der Fall kam znr Sektion, und es fand sich am Qehirn makroskopisch und im Rückenmark makroskopisch und mikroskopisch keine Anomalie, die mit der Pupillenstarre in Beziehung gebracht werden konnte. Speziell für die Annahme von Paralyse, Tabes, Syphilis cerebro¬ spinalis sowie abgelaufener Syphilis der anderen Organe fand sich kein Anhalt. Den Standpunkt, den die Literatur in der Frage: „Kommt echte reflek¬ torische Pupillenstarre als Folge von Alkoholismus, ohne daß der Träger des Symptoms syphilitisch gewesen war, vor?“ bis dahin eingenommen hatte, will ich hier nicht darlegen, da ich das schon in der erwähnten Veröffentlichung getan habe, wo es nachgelesen werden kann; hier will ich nur sagen, daß Bümke 1911 in seiner bekannten Monographie „Die Pupillenstörungen bei Geistes- und Nervenkrankheiten“ zu dem Schluß kam: „Praktisch müssen wir mit Nonne annehmen, daß bei Nuralkoholikern reflektorische Pupillenstarre auf lange Dauer Vorkommen kann, ohne daß sonstige klinische Symptome einer inzipienten Tabes oder Paralyse da sind.“ Bumke fährt dann fort: „Theoretisch muß man sagen, daß bisher kein Fall bekannt ist aus der Literatur und aus meiner eigenen Er¬ fahrung, in dem das Vorkommen von Lues ausgeschlossen wäre.“ Am Schluß einer sorgfältigen kritischen Abwägung sagte B. 1911: „Noch nicht ausgeschlossen erscheint ihr (d. h. der echten reflektorischen Pupillenstarre) seltenes Vorkommen bei nicht-luetischen Alkoholisten“. Kurz danach konnte ich meinen oben erwähnten Fall mitteilen; wohl¬ verstanden: es handelte sich hier nicht um einen akuten Rauschzustand oder um ein schweres Delirium, für deren Dauer ja das Vorkommen der verschieden¬ sten Pupillenanomalien und auch der echten reflektorischen Pupillenstarre zu¬ gegeben wird (einen einschlägigen beweisenden Fall teilte ich selbst in erwähnter Arbeit mit), sondern um einen Fall von chronischem Alkoholismus außerhalb einer akuten Exazerbation. Seither hat Hans Cübschmann 1913 eine einschlägige Beobachtung durch seinen Schüler Mees 1 mitteilen lassen. Hier handelte es sich um einen Fall von echter reflektorischer Pupillenstarre bei einem Alkoholisten mit Alkohol¬ epilepsie und Polyneuritis alcoholica; aus Status und Anamnese war eine Lues nicht herauszubringen und alle „vier Reaktionen“ waren negativ. 1 Münchener med. Wochenschrift. 1913. Nr. 22. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN Begreiflicherweise sind solche Fälle selten; das kann ich beurteilen, da ich in der Lage bin, ein ungewöhnlich großes Alkoholistenmaterial jahraus jahrein im Eppendorfer Krankenhause zu sehen. Im vorigen Jahre hat Kehkeb auf der Versammlung südwestdeutscher Neurologen in Baden-Baden 1 das Thema des Vorkommens der reflektorischen Papillenstarre bei chronischem Alkoholismus von neuem behandelt Er kommt zu dem Ergebnis, daß für -eine kritische Sichtung der für eine rein alkoholi- stische Entstehung der reflektorischen Starre geltend gemachten Fälle keiner Bumke’s strenger Begriffsbestimmung des echten „Robertson“ entspricht: ent¬ weder bandelt es sich um absolute Trägheit oder nur um vorübergehende reflek¬ torische Starre bzw. Trägheit der Pupillen, also bloß vorgetäuschten „Robertson“, oder aber um die Möglichkeit doppelseitiger Reflextaubheit der Netzhaut infolge Neuritis des Sehnerven. Kehbbb zeigt dann die be¬ sondere Schwierigkeit, letztere auszusohließen, an einem Fall der Siemebling’- schen Klinik, bei welchem neben chronischem Schnapsmißbrauch anamnestisch und symptomatisch keinerlei Anzeichen für Lues gegeben waren und auch in Abständen von 2 Jahren jeweils die „vier Reaktionen“ negativ ausfielen. „Pupillendifferenz, Miosis und Lichtstarre bei tadelloser Konvergenzreaktion und völlig normalem ophthalmoskopischem Befunde blieben im gleichen Zeitraum stationär und die einzigen objektiven nervösen Symptome. Erst genaueste Seh- prüfung ergab hochgradige Störung der Dunkeladaptation und sektorenförmige Defekte für Farben bei normalem Gesichtsfeld für Weiß, mit Wahrscheinlichkeit also einen weit hinten gelegenen Prozeß im Optikus (Behb).“ Kebbeb kommt zu dem Schluß: „daß isolierte Läsion des Reflexüber- tragungsapparates der Pupillen ohne anderweitige neurologische Symptome, also wirklich echter „Robertson“ nur irgendwie luetisch bedingt ist, ist ebensowenig sicher bewiesen, wie die rein alkoholistische Entstehung nicht ausgeschlossen ist“ Bei meinem oben zitierten Fall war nun nicht mit allen ophthalmologischen Kautelen eine Neuritis optica ausgeschlossen worden. Ich bin nun heute in der Lage, einen Fall zu veröffentlichen, der auch der Forderung, daß eine doppelseitige Reflextaubheit der Netzhaut ausgeschlossen ist, gerecht wird. Der Fall ist von mir im Eppendorfer Krankenhause fast 6 Monate beobachtet und oft und eingehend untersucht worden. Ich halte es für besonders wertvoll, daß ein so kompetenter Untersucher aaf dem Gebiete „Neurologie und Auge“ wie Wilbband den Fall mit mir beobachtet hat, und daß mir die ophthalmologischen Befunde und das Urteil dieses Untersuchers zur Seite stehen. Der Fall ist folgender: Die 43 jährige Frau Th. zeigte nach keiner Richtung eine erbliche Belastung. Sie war, abgesehen von Kinderkrankheiten, gesund gewesen und war seit 20 Jahren verheiratet. Sie hatte zweimal normal geboren, war sonBt nicht schwanger ge¬ wesen. Sie war seit ca. 15. Jahren dem Trünke in intensiver Weise ergeben, trank Bier und vorwiegend Schnaps. In den letzten 10 Jahren war 1 Archiv f. Paych. u. Nerven krankh. LV. 1914. H. 1. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 256 sie oft betranken gewesen and in den letzten 3 Jahren aas der Betrunkenheit überhaupt kaum herausgekommen. Sie war in den letzten 2 Jahren geistig stumpf geworden und zeigte alle Eigenschaften geistig und ethisch verkommener Alkoho- listen. Sie kam ins Krankenhaus nach Ausbruch eines schweren Alkoholdeliriums. Ich fand sie in schlechtem Ernährungszustände. Die inneren Organe waren nicht nachweislich affiziert. Speziell fanden sich keine Zeichen von Arterio¬ sklerose. Der Urin zeigte geringen Albumengehalt, ohne daß mikroskopisch renale Bestandteile nacbgewiesen wurden. Sie delirierte stark und zeigte alle somatischen Symptome des schweren Alkoholdeliriums. Am Nervensystem fand sich allgemeine Hyperästhesie, allgemeine Druckempfindlichkeit der Extremi¬ täten, im übrigen keine somatisch-organischen Anomalien. Nur an den Pupillen fand sich ein abnormer Befund: die rechte war mittelweit, die linke abnorm eng; beide waren nach unten leicht entrundet und beide reagierten au Licht, und zwar auf helles Thgeslicht und auch bei Anwendung konzentrierten Lichtes in der Dunkelkammer, nicht, während sie auf Konvergenz prompt reagierten. Der ophthalmoskopische Befund war normal. Augenmuskel¬ lähmungen, Nystagmus usw. fehlten. Das Delirium dauerte lange; erst nach 6 Tagen war es beendigt. Dann setzte eine Alkoholhalluzinose ein, welche noch ca. 6 Wochen dauerte. Patientin erwies sich im übrigen als intellektuell und ethisch alkoholisch degeneriert. Der Mann negierte syphilitische Infektion. Die objektive Unter¬ suchung bei ihm wies einen normalen Befund auf und ließ keine Residuen von Syphilis erkennen. Die Wassermannreaktion des Blutes fiel negativ aus. Ich beobachtete Frau Tb. fast 6 Monate auf meiner Abteilung. Die Wasser¬ mannreaktion des Blutes wurde dreimal vorgenommen und fiel alle drei¬ mal glatt negativ aus. Die Lumbalpunktion nahm ich ebenfalls im Laufe der genannten Zeit dreimal vor, und alle dreimal fand sich die Wassermann¬ reaktion, ausgewertet bis 1,0 ccm, negativ. Alle dreimal war die Phase I-Reaktion negativ, und nur einmal fand sich eine geringe Lymphozytose (24.III.), während in den zwei anderen Malen eine Lymphozytose sich nicht vorfand. Unter der Alkoholabstinenz erholte sioh die Patientin allmählich und besserte sich auch intellektuell und ethisch. Die Untersuchung der Augen ergab 4 Monate lang dasselbe Resultat: eohte reflektorische Pupillenstarre bei sonstigem normalem okulärem Be¬ fund. Die Untersuchung der Pupillen wurde jedesmal in der Dunkelkammer mit konzentriertem Licht vorgenommen. Die mehrfach ausgeführte ophthalmo¬ skopische Untersuchung ergab immer normalen Befund, die alle 4 Wochen vor¬ genommene perimetrische Untersuchung ebenfalls normalen Befund. Herr Prof. Wxlbrand batte die Güte, die Patientin zweimal zu untersuchen und konstatierte betreffs der Pupillen ebenfalls echte reflektorische Pupillenstarre. Ophthalmoskopisch fand auch er den Befund beiderseits normal, und perimetrisch stellte er fest, daß ein pathologisches Verhalten der Papille des Sehnerven und der weiter nach hinten gelegenen SehbaEnen nicht vorlag. Er erklärte, daß von einer „Reflextaubheit“ im vorliegenden Falle nicht die Rede sein könne, ßondern daß es sich um eine reflektorische Pupillenstarre handle. Im Beginn des 5. Monats nach der Aufnahme der Patientin konstatierte ich zum ersten Male, daß die rechte Pupille ganz geringe Lichtreaktionen zeigte. 3 Wochen später waren auch an der linken Pupille Spuren von Reaktion bei konzentrierter Beliohtung nachzuweisen. Bei der Entlassung, d. h. nach ca. ßmonatiger Alkoholabstinenz, reagierte die rechte Pupille sehr träge und sehr wenig ausgiebig auf Licht, während die linke Pupille nur erste Spuren einer Lichtreaktion zeigte. Die Konvergenzreaktion war beiderseits normal geblieben. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 25? Dieser Fall lehrt: Eine Frau, bei der nicht der geringste Anhalt für eine dnrchgemachte Syphilis vorliegt, deren Mann bei eingehender Untersuchung — incl. Wassennaonuntersuchung des Blutes — ebensowenig einen. Anhalt für frühere Lues zeigt, bietet beiderseits echte reflektorische Pupillenstarre dnroh 4 Monate hindurch. Diese echte reflektorische Pupillenstarre, von mir sehr oft und mit den nötigen Kautelen festgestellt, wird ebenso von Prof. Wilbband festgestellt. Derselbe Untersucher bestätigt, daß ophthalmoskopisch keine Neuritis optica vorliegt und stellt perimetrisch das Fehlen einer Neuritis retrobulbaris fest Die oft wiederholte eingehende Untersuchung des Gesamtnervensystems zeigt, daß es im übrigen frei ist von allen „somatischen Anomalien“. Die Wassermannuntersuchting des Blutes fallt dreimal negativ und ebenso die dreimal vorgenommene Untersuchung des Liquor spinalis (mit Auswertung) jedesmal negativ aus. Die reflektorische Pupillenstarre dauerte 4 Monate an. Dann be¬ ginnt allmählich sich eine schwache Lichtreaktion zu zeigen, und heute, nach sechsmonatiger Alkoholabstinenz, reagiert die rechte Pupille sehr wenig ausgiebig und träge auf Licht, während die linke Pupille die ersten Anfänge einer Licht¬ reaktion zeigt. Mir scheint, daß auch durch diesen Fall bewiesen ist, daß bei schwerem chronischem Alkoholismus, bei dem eine Syphilis nicht mit im Spiele ist, durch lange Zeit hindurch reflektorische Pupilienstarre das einzige somatische Symptom einer organischen Erkrankung des Nervensystems sein kann, und zwar nicht bedingt durch eine Erkrankung der peripheren zentripetalen optischen Bahnen und nicht als Zeichen einer in der Entwickelung begriffenen syphilogenen Er¬ krankung von Hirn und Rückenmark. Der Umstand, daß die reflektorische Pupillenstarre in diesem Falle keine dauernde ist, sondern sich jetzt zurückzubilden beginnt, stellt keinen prin¬ zipiellen Gegensatz zur syphilogenen Pupilienstarre dar; denn es ist bekannt, daß, in sehr seltenen Fällen, auch bei Tabes (und bei Paralyse?) sich eine reflektorische Pupillenstarre einmal zurückbilden kann. Ich glaube, daß bei systematisch auf die hier behandelte Frage angestellter Untersuchung die Beobachtung eines großen Alkoholistenmaterials zeigen wird, daß eben doch eine echte reflektorische Pupillenstarre auf ausschließlich alko- hologener Basis vorkommt. 6. Zur Pathologie des Bewußtseins vom eigenen Körper. Ein Beitrag ans der Kriegsmedizin. Von A. Pick. Anomalien des Körperbewußtseins spielen im Rahmen psychischer Störungen eine kaum zu überschätzende Rolle. Sie haben ihre Wurzel vielfach, wie ins¬ besondere der Pathologie grober Herderkrankungen entnommen werden konnte, in abnormer Funktion umschriebener Hirnpartien, die bei dem engen Zusammen* XXXI v. 17 Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN hange peripherischer and zentraler Neurone auch durch peripherisch ausgelöste Störungen der letzteren bedingt sein kann. Der Krieg gibt jetzt eine Massengelegenheit, uns einem der so gekenn¬ zeichneten Probleme von einer bisher in dieser Richtung nicht verwerteten Seite her zu nähern. 1 Den Ausgangspunkt dazu bietet die seit Ambboibe PabE den Chirurgen geläufige Erscheinung, daß ein Amputierter den amputierten Körperteil in ver¬ schiedenartiger Modifikation noch lange nach der Amputation fühlt. Ich spreche von amputierten Körperteilen, weil die gewöhnlich von den Extremitäten und ihren Teilen berichtete Erscheinung auch von anderen Körperteilen gilt, z. £. von der Mamma und dem Penis. Das ist für die psyohopathologischen Fragen insofern von Bedeutung, als es die Berechtigung gibt, Klagen über ähnliche Störungen in anderen Gebieten als den Extremitäten unter dem gleiohen Ge¬ sichtspunkte zu betrachten. Es ist verständlich, daß die jetzt gegebene Gelegenheit, obwohl reichlich benützt, an Tatsächlichem nichts wesentliches mehr bringen konnte, was nicht schon frühere Beobachtungen zutage gebracht hätten; zumal die Fülle von Tat¬ sachen, die S. W. Mitchell 1 aus dem amerikanischen Sonderbundskriege erbracht hat, ist in dieser Hinsicht wohl als im wesentlichen erschöpfend zu bezeichnen. Nur nebenbei möchte ich als neu die an mehreren Fällen von Amputation wegen Erfrierung konstatierte Tatsache anführen, daß in diesen Fällen die hier besprochene Erscheinung nach der Amputation nioht zur Beob¬ achtung kam; anscheinend deshalb, weil schon vorher durch einige Zeit die in der Norm dem Zentrum zuströmenden sensiblen Impulse aufgehört hatten. In der vorliegenden Studie handelt es sich mir aber gar nicht um eine Erweiterung unserer Kenntnisse von dem in Rede stehenden Phänomen selbst, sondern um die Verwertung der in seiner Begleitung so häufig auftretendeu sensiblen Anomalien für ein Verständnis gleichartiger, analog zu deutender psychopathischer Erscheinungen. 3 Ich beabsichtige auch nicht etwa im nachstehenden die psychologische Seite der Erscheinung irgendwie ausführlicher zur Erörterung zu bringen, zumal sich diese, freilich wenig beachtet, von Jähes in seinen Princ. of Psychol. II an verschiedenen Orten mit gewohnter Schärfe erörtert findet. Nur das, was davon zur Bestätigung anderweitig gewonnener physiologischer Deutungen unseres Körperbewußtseins dienlich sein kann, soll hier benützt werden. Ich kann aus diesen Gründen über die Haupterscheinungen, welche an Amputierten beobachtet werden, kurz referierend hinweggehen; es sind 1. die 1 Soweit ich sehen kann, hat dieser Gesichtspunkt bisher keine Verwertung gefunden. Ob etwa Vaschidr’s Psychol. de la main, die sich mit den hier herangezögenen Erschei¬ nungen befaßt, etwas Einschlägiges enthält, kann ich nicht feststellen. 1 Des lesions des nerfs. Trad. fran 9 . 1874. * Als Nebenzweck meiner Mitteilung möchte ich die Anregung hinBtellen zur Beachtung und weiteren Verfolgung entsprechender Fälle, die gewiß noch manches Wichtige zu der hier angeregten Frage zutage fördern dürften. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHtGAN 259 nach dar Amputation mehr oder weniger lange Zeit nachdauernde Empfindung des amputierten Gliedes, 2. die in diesem lokalisierten Bewegungsempfindungen, nicht selten mit Sohmerzen verknöpft, 3. die Empfindung einer allmählichen An* näherung der distalsten Partien der amputierten Extremität an den proximalen Stumpf, so daßz. B. nach Amputation des ganzen Armes das Phantom der Hand später unmittelbar am Stumpf der Schulter gefühlt wird. Schon diesen einfachen Tatsachen der Beobachtung sind verschiedene für die Physiologie wie die Pathologie unseres Körperbewußtseins wichtige Tatsachen und Deutungen zu entnehmen. Zunächst die in der Pathologie schon ver¬ wertete Annahme, daß für jede sensible Qualität des Körpers, insbesondere aber seiner Oberfläche sich eine Art Schema allmählich entwickelt. Die Gemeinschaft dieser Einzelschemata zusammen mit dem optischen Bilde des Körpers geben das wesentliche Gerüste für das Bewußtsein unserer Körperlichkeit ab. Man wußte natürlich schon früher, daß unser Körperbewußtsein von der Summierung sämtlicher Tast* und wie man früher sagte, Gefühlseindrücke ab¬ hängt und dementsprechend war die Deutung der hier besprochenen Erschei¬ nungen auch schon eingeordnet, aber erst Erfahrungen späterer Zeit geben ihr den entsprechenden festeren Halt. Erst Hughlings Jackson war es, der die Stellung der im Zentralorgan so zustande gekommenen Produkte im System der physiologischen und pathologischen Vorgänge endgültig festsetzte. 1 Es ist hier nicht der Platz, die Bedeutung seiner Aufstellungen darzulegen, ich muß mich vielmehr begnügen, auf sie als für die Pathologie grundlegende Hilfen hingewiesen zu haben. Ich selbst habe gelegentlich der Besprechung von Störungen der Orien¬ tierung am eigenen Körper 2 von Raumbildern des Körpers gesprochen. Head endlich 2 schlägt für dasselbe die sehr geeignete Bezeichnung „Schema“ vor, das er als „postural model“ darlegt und außerhalb der „central consciousness“ be¬ stehen läßt. Die hier besprocheheu Tatsachen geben nnn zunächst eine direkte Bestäti¬ gung für das Bestehen solcher Schemata und viele Einzelheiten derselben werden ihrerseits verständlich aus der Ungleich Wertigkeit dieser Schemata. Das raschere Verblassen der durch Amputation von peripherischer Neu¬ belebung abgeschnittenen „Spuren“ des Unter- und Oberarmes gegenüber den¬ jenigen der Hand kann nicht auffallen. Diese mit ihren so reich ausgebildeten Empfindungs- und Bewegungsformen und ihrer dementsprechend verfeinerten Anatomie übertrifft in dieser Richtung die genannten anderen Teile des Arms 1 „I have long earnestly confcended that there are no abrupt localisations of parts of the body in auy nervous centres. When a man is pricked by a pin in tbe middle of hia back and he feeis it, then, as „he“ or „bis back“ plainly signifies there is a complete state of consciousness, one of Object consciousness „come out of“ Subject consciousness. Physi- cally the ner?ous impulses starting from a point on the periphery pricked „travel“ to units of the highest centres universaily representing, and not to units representing one part of the back only.“ Remarks on Evolution and Dissolution of the nervous System. Repr. p. 8. 1 Stud. z. Hirnpath. u. Psychol. 1908. S. 11. • Brain, Repr. 1911. XXXIV. S. 187 u. 189. 17 * Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 260 t um ein Vielfaches. Dementsprechend sehen wir auch, daß die zentrale Ver¬ tretung der Hand in Rücksicht der Sensibilität (ebenso wie der Motilität) ganz beträchtlich größer ist als die den anderen Partien entsprechende. Trägt der Mensch in sich (natürlich nicht bewußt) einen Komplex solcher durcheinander gearbeiteter Schemata, dann müssen dieselben nach Amputation eines Körperteils noch mehr oder weniger lange persistieren. Derselbe Gedankengang macht auch eine bis jetzt mit Hilfe zentraler Er¬ innerungsbilder erklärte Tatsache verständlich; das Fehlen der hier besprochenen Phantome in Fällen kongenitaler oder in früher Kindheit erfahrener Amputation. In dem Körperschema der Betreffenden war eben der amputierte Teil überhaupt niemals vertreten. Aus der Ungleichwertigkeit der Schemata z. B. hinsichtlich der Hand im Gegensätze zu dem Unter- oder Oberarm erklärt sich wohl auch das Heran- rücken der ersteren an den Schulterstumpf. In dem gleichen Sinne verwertbar und aus den eben betonten anatomischen Verhältnissen erklärlich ist die von Mitchell 1 betonte wesentlich größere Leb¬ haftigkeit der Bewegungs- und Stellungshalluzinationen am amputierten Arm, bzw. der Hand, gegenüber der geringeren Intensität derselben am amputierten Bein oder Fuß; das kann nicht überraschen, wenn wir die Motilität von Hand und Fuß vergleichend betrachten. Aus dem Vorhandensein eines räumlichen Schemas erklärt sich auch ein¬ fach die Tatsache des allmählichen Einschrumpfens der Hand am Phantom, die nicht selten später als kleine Kinderhand am Stumpf gefühlt wird. Vielleicht, daß hierher auch die Tatsache gehört, daß einzelne Amputierte das Phantom wie einen ballotierenden Teil am Stumpfe hängend fühlen. Man wird sich vor¬ stellen dürfen, daß das kutane Schema der Hand die übrigen überdauert und dementsprechend ein leerer Schlauch zum Bewußtsein kommt Mittels des Schemas wird auch eine weitere Beobachtung leicht verständlich, deren Deutung sonst Schwierigkeiten bereitet. Mitchell* berichtet von Fällen, wo zuerst das allmähliche Herantreten des Fußes an das Knie beobachtet wurde und mit dem Tragen eines künstlichen Beins allmählich das Phantom des Fußes wieder in die normale Situation abrückte. Das ist doch wohl nur so zu erklären, daß ' durch das künstliche Bein an Stelle des schon verblaßten Schemas ein ihm ent¬ sprechendes räumlich erweitertes trat, das für den Fuß wieder die entsprechende Distanz zur Geltung brachte. In Rücksicht eines physiologischen Analogons dürfte es genügen, daran zu erinnern, daß der in der Hand gehaltene Stock eine Verlängerung derselben darstellt und daß wir die durch sein Ende vermittelten Empfindungen auch dorthin lokalisieren. Die Fortsetzung der Beschreibung Mitchells steht im Einklang mit dieser Deutung. Beschäftigt sich derselbe Kranke mit dem Ge¬ danken an seinen Stumpf am Knie, dann treten die schmerzhaften Sensationen im Fuße wieder auf, aber jetzt fühlt sich dieser wieder am Knie. ‘ 1. c. S. 887. * 1. c. S. 385. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSSTY OF MICHiGAN 261 Es ist ohne weiteres verständlich, wenn dorch die zentral angeregte Atrophie der entsprechenden Neuronenkomplexe in den betreffenden Zentren Zustände ausgelöst werden, die in der Peripherie als Bewegungen, Schmerzen und sonstige den amputierten Teil betreffende Anomalien empfunden werden. Illustriert werden beispielsweise diese Dinge durch folgende historische Tatsache: GufcNioT , 1 der schon die Erscheinung des Heranr&ckens des gefühlten Teiles bei gleichzeitigem Fehlen der Empfindung der zwischenliegenden Teile kennt, berichtet in einem seiner Fälle das gelegentliche halluzinatorische Auf¬ treten von Ameisenlaufen im fehlenden Ober- und Vorderarme, welch letztere außer Verbindung mit der am hohen Stumpfe gefühlten Hand empfunden wurden. Wenn wir hier sehen, wie durch organische Vorgänge in der Peripherie in der Rinde ausgelöste oder vielleicht auch nur im Sebhügel sich abspielende, aber in der Rinde zum Bewußtsein kommende Prozesse die Empfindungen unseres Körpers in der verschiedensten Weise modifizieren, dann wird es verständlich, daß auch primär rein funktionelle in den genannten Regionen einsetzende Pro¬ zesse dieselbe Wirkung haben können. Die Anwendung des hier Dargestellten auf Fragen der Pathologie ist sofort gegeben durch gleichgeartete Beobachtungen an Geistes- und Nervenkranken. FäbE* erwähnt eine Hysterica, die neben vielen anderen auch die Erscheinung zeigt, daß sie die Hände und Füße beträchtlich näher an den Körper heran¬ gerückt fühlt und ihr ein Stück der Extremitäten zu fehlen scheint. Die letzterwähnte Beobachtung von Güöniot, seither in modifizierter Form auch sonst beobachtet, kann zur Erklärung ähnlicher Klagen in psychopathischen Zuständen dienen. Ein Kranker, etwa als Paraphrenie zu klassifizieren, be¬ richtet von einem Zustande, in welchem er glaubte, daß der Kopf nur durch die Haut mit dem übrigen Körper Zusammenhänge. Ein Amputierter von Gueniot sagt, daß der Fuß mit dem Oberschenkel durch etwas Undefinierbares, einen Strick oder einen Stock verbunden ist(!). Das allmähliche Wandern der amputierten Hand bietet auch eine erste Handhabe für ein Verständnis von Klagen Geisteskranker über Gefühle des Kleinerwerdens, Einschrumpfens. Nicht minder erleuchtend wirken die Angaben Amputierter, daß sie in der Gegend des amputierten Teiles an diesem früher vorhanden gewesene schmerzhafte, auch juckende Empfindungen doch noch weiter, selbst jahrelang fühlen; 3 die Parallele dazu aus der Psychopathologie liegt auf der Hand. Noch mehr als die bisher gebrachten Analogien nähert sich den Angaben Geisteskranker über das Hineinfühlen eines Organs in ein anderes die von W. Mitchell allerdings als ganz vereinzelt berichtete Empfindung des Phantoms als eines Schattens in dem Stumpf. 1 Journ. de la Physiol. IV. 1861. 1 La Pathol. des emotions. 1692. S. 67, * Mehrere von mir gesehene Amputierte fühlen eine Zeit laDg die Schußverletzung im Unterarm, trotzdem er bereits vor längerer Zeit amputiert war. . Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN Daß auch die so sonderbare von Geisteskranken gelegentlich beriohtete Tat- sache der Verlegung einer Körperempfindung in die Luft nicht ganz ohne Ana¬ logie ans dem Physiologischen dasteht, beweist eine Beobachtung von Verlegung einer im Inneren des Bauches ansgelösten Empfindung in die Luft. 1 Die Parallele dazu von Amputierten gibt die Mitteilung W. Mitchell’s, daß fünf seiner Fälle die amputierte Hand in der. Luft schwebend vor der Brust föhlten. Einer meiner Fälle fühlte den exartikulierten Arm beim Gehen ebenso pendeln wie den gesunden. Derselbe Kranke gibt auch an, daß er den Oberarm nicht fühle und die Empfindung habe, daß die jetzt bis an die Ellenbogenbeuge herangerückte Hand in der Luft schwebe. Daß die hier erwähnte physiologische Tatsache ebensowohl an Tatsachen der Psychopathologie wie an solchen von Amputierten ihre Parallele findet, be¬ weist jedenfalls, daß auch die die inneren Organe betreffenden Klagen Geistes¬ kranker sich den hier dargelegten Gesichtspunkten fügen; .ich erinnere an die Klagen vom „hinaufgerutschten“ Mastdarm z. B. Ein weiteres Glied in der Kette der hier dargelegten Beziehungen bilden endlich Beobachtungen von Pabisot, Remt, Souqubs und Poisot über das Auftreten optischer Halluzinationen des amputierten Körperteiles. Es führen diese Beobachtungen hinüber zu solchen aus dem Gebiete des Transitivismus, zur sogen. Autoskopie und ähnlichem. 1 Ich beschränke mich hier in diesem mehr andeutenden Aufsätze im wesent¬ lichen auf die Gleichheit der beiden Erscheinungsreihen und muß mich be¬ gnügen, darauf hinzuweisen, daß daraus auch die Berechtigung sich ergibt, auch bloß analoge Erscheinungen bei Geisteskranken aus den gleichen Gesichtspunkten zu erklären. Webnicke hat in seinem Grundriß S. 267 eine Reihe von Klagen Geistes¬ kranker über Veränderungen der äußeren Konfiguration zusammengestellt; eine große Zahl derselben stellt sich unmittelbar als Seitenstück zu den von Am¬ putierten gegebenen Beschreibungen dar. Ich möchte aber weiter der Ansicht Ausdruck geben, daß uns die ver¬ schiedenen, von Amputierten über Bewegungsempfindungen in dem halluzinierten Teile gemachten Angaben auch einen Anhalt zur Erklärung gewisser psycho¬ pathischer Erscheinungen bieten, die bisher wohl als besonders dunkel bezeichnet werden mußten; ich meine die bekannten Tatsachen aus dem Gebiete der Kata¬ tonie, das was man zum Teil als Halluzinationen des Muskelsinnes oder ähnlich gedeutet hat. Es scheinen sich mir da ganz ungezwungene Analogien darzu¬ stellen. So mit der Angabe, daß z. B. in der amputierten Hand die verschieden¬ artigsten Bewegungen, sowohl willkürlicher wie krampfhafter Art und ebenso 1 S. Archiv f. d. ges. Psychol. VIII. S. 46. Ref.-Teil. * Die Bedentang des optischen Bildes in der Pathologie der Sensibilität insbesondere bei Störungen derselben durch Sehbügelläsion hebt neuerlich Hkad hervor (Brain, Repr. 1911. XXXIV. S. 186). Ich selbst habe früher an der zuvor zitierten Stelle aus dem Auseinander¬ fallen von taktilem und optischem Baumbilde des Körpers Störungen der Orientierung am eigenen Körper zu erklären versucht. Digitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 268 wieder Stellungen verschiedenster Form (Krallen-, Schreibstellung) gefühlt wer¬ den. 1 Wenn wir dann noch weiter hören, daß solche Bewegungen auch will¬ kürlich und was noch bedeutsamer, unbewußt assoziativ ausgelöst werden, dann ergibt sich die Nahestellung zu den eben erwähnten psychopathologischen Er¬ scheinungen unmittelbar. So wenn wir hören, 1 daß der des linken Armes be¬ raubte Reiter die Zügel in der Hand zu halten glaubt oder ein anderer mit dem gleichen Defekte jedesmal beim Essen die Gabel zu fassen glaubt In dieselbe Kategorie fällt es auch, wenn einer meiner Operierten angibt, er fühle das Phantom des im Schultergelenk exartikulierten Armes je nach seiner Lage im Bette bald vor, bald hinter dem Körper. Ein anderer Kranker der gleichen Art fühlt bei Seitenlage den Arm immer vor dem Körper. Es erscheint mir auch berechtigt die Angaben Amputierter bezüglich der Schmerzhaftigkeit der von ihnen gefühlten Bewegungen (mag man diese durch Reizung im Stumpf oder besser im Zentralorgan erklären) mit den Angaben von Geisteskranken über ihnen „gemachte“, auch schmerzhafte Bewegungen in Analogon zu setzen. Es sei weiter erinnert an die verschiedenartigen „hypo¬ chondrischen“ Sensationen und die von ihnen ausgelösten motorischen Er¬ scheinungen, z. B. den Trismus bei der sogen. Hydrophobia mentalis und die anderen „psychischen“ Krämpfe (Rombbbo). Bei der Übertragung der an Amputierten gemachten Erfahrungen auf psychopathische Erscheinungen wird man aber auch folgendes noch in Betracht ziehen dürfen. Zuerst die nicht allzu seltene Beobachtung, daß jene spontan mit der Mitteilung über das Phantom nicht hervortreten, nachweislich aus Furcht, nicht für „närrisch“ gehalten zu werden. Weiter bedeutsam ist die schon früher von Mitchell berichtete Beobach¬ tung, welchen imponierenden Eindruck auf den Betreffenden es hat, wenn durch irgend welchen peripherischen Reiz das schon verschwundene Phantom wieder ins Bewußtsein emporgehoben wird. Gewiß wird durch das letztere der tief¬ gehende Einfluß verständlich, den analoge Erscheinungen auf die Psyche schon psychopathisch veränderter Individuen haben müssen. Man könnte dem hier gemachten Versuche einer Analogisierung, wie schon angedeutet, Tatsachen entgegenhalten, die in den Fällen der Amputierten für eine peripherische, von den Nerven des Stumpfes ausgelöste Genese der in Ana¬ logie gesetzten Erscheinungen angeführt werden. In diesem Sinne verwerten z. B. Souques und Poisot s die Tatsache der Beeinflussung Unästhetischer Halluzinationen im Phantom durch lokale Anästhesie am Stumpf. 4 Ich halte 1 Der zuvor hervorgehobene Gegensatz zwischen Hand einerseits. Unter- und Oberarm andererseits tritt auch in Rücksicht der hier besprochenen Bewegnngsempfindungen hervor; Angaben über solche am Unterarm oder Oberarm sind äußerst selten (z. B. Gefühl der Supination des Unterarms bei fehlendem Arm). * W. Mitchell, 1. c. S. 383. * Revne nenrol. 1905. S. 1116. * Daß die Phantomempfindnng etwas Zentrales ist, erscheint endgültig erwiesen durch die Beobaohtnng Head’s (Brain, Repr. 1911. XXXIV. S. 187) von dem sofortigen Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 264 dieses Argument nicht für beweisend im Hinblick auf die gelegentlichen Wir¬ kungen peripherischer Eindrücke auf die epileptische, sicher zentrale Anra. In Ergänzung meiner Ausführungen möchte ich nicht unterlassen hinzu¬ zusetzen, daß nicht bloß bei Psychosen Klagen der hier erörterten Art Vor¬ kommen, sondern, ganz abgesehen von Hysterischen, auch Neurastheniker von solchen berichten. Besonders in der Erinnerung geblieben sind mir die Klagen eines Kollegen, mit dem ich noch jetzt in der Praxis zusammenkomme; in einer Zeit neurasthenischer Erschöpfung nach schwerer Krankheit klagte er darüber, daß ihm der Kopf riesig groß vorkomme und ebenso die eine Hand. Auch das letztere findet seine Parallele in den gleichen allerdings seltenen An¬ gaben Amputierter. Die vorstehend dargelegten Feststellungen haben aber noch eine anders geartete prinzipielle Bedeutung. Noch immer wird selbst von tüchtigen Fach- vertretem bei psychogen (im engeren und weiteren Sinne) ausgelösten somatischen Erscheinungen die Ansicht festgehalten, daß sie deshalb, weil willkürlich, regellos und jeder scharfen Deutung unzugänglich sind. Ich war schon bei früheren Gelegenheiten in der Lage, das Unzutreffende dieser Ansicht nachzuweisen und das hier Behandelte ist neuerlich geeignet zu zeigen, daß nur unsere mangel¬ hafte Einsicht in die dabei in Betracht kommenden Vorgänge es ist, 'die uns das Resultat derselben als regellos und unerklärlich erscheinen läßt. Das möchte ich aber noch besonders betonen in Rücksicht ähnlicher Beob¬ achtungen bei Neurasthenischen; gerade diesen gegenüber, besonders wenn es sich um Unfallskranke handelt, wird nur allzuleicht ein Standpunkt einge¬ nommen, der in ein: Das gibt es nicht, ausläuft Nur zur Vorsicht sei des vielleicht denkbaren Einwandes gedacht, daß die hier an Kriegskasuistik gemachten Beobachtungen eine Beimischung psycho¬ gener hysterischer Momente nicht ausgeschlossen erscheinen lassen und daß es nicht angeht, solche Fälle zur Aufklärung psychopathischer und psychogener Tatsachen zu benützen. Er wird hinfällig sowohl durch den Hinweis auf das Fehlen psychogener Begleitersoheinungen in den hier benützten Beobachtungen wie durch die gleichen Beobachtungen in Friedenszeiten und unter Umständen, die jeden solchen Verdacht als ausgeschlossen erscheinen lassen. Im vorangehenden habe ich versucht, die Parallelen zwischen Angaben Amputierter und Geisteskranker zur Erklärung mancher Angaben dieser letzteren heranzuziehen; jetzt möchte ich zum Schlüsse bemerken, daß, wie ich in früheren Mitteilungen gezeigt, natürlich auch die grobe Hirnpathologie dazu reichliche Handhaben bietet. Ich muß mich begnügen, in dieser mehr als Anregung gedachten Arbeit das nur erwähnt zu haben, möchte aber im Hinblick auf die hier ebenfalls nur flüchtig erwähnte Bedeutung des Sehhügels im System der Gefühlsstörungen Verschwinden des Phantome bei einem Amputierten uach einem Insalt durch zerebrale, ent¬ sprechend lokalisierte Herdaffektion; übrigens anerkennen Souxödem. Zeitschr. f. Augenheilk. August. — Greenwald, Nitrogen and sulphur metabolism in a cretin. .Arch. of int. Medic. September. — Grahe, Tetanie. Med. Klinik. Nr. 29. — Rosenfeld, G. f Ätiol. d. Tetanie. Boas* Arch. XX. Nr. 6. — Gebhard, E., Tgtanie bei Dünndarmileus. Wiener klin. Rundschau. Nr. 33 u. 34. — f. Eiseisberg, Postoperat. Tetania paratbyreopriva. Arch. f. klin. Chir. CVI. H. 1. —- Wieland, E., Bronchotetanie. Mon. f. Kinderheilk. XIII. H. 5. — Hirschl, J. A., Tetanie u. Psychose. Jahrb. f. Psych. XXXVI. 8. 1. — Morgenstern, K., Herzmusk. u. Spasmophilie. Zeitschr. f. Kinderheilk. XI. H. 4. — Löwy, Max, Tetaniesympt. nach u. bei Dysenterie. Mon. f. Psych. Dezember. — Rohmer, Calciumbehandl. d. Spasmophilie. Mon. f. Kinderheilk. XIII. H. 5. — Bergeim, Stewart and Hawk, Calciumstoffwechsel nach Tbyreoparathyreoidek- tomie. Journ. of exper. Medic. XX. Nr. 3. — Roth, Quinckesches Ödem. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. L1I. H. 1 u. 2. — Lederer, Raynaudsche Krankh. i. Kindesalter. Jahrb. f. Kinderheilk. LXXX. H. 6. — v. Kerczynski, Dercumsche Krankheit. Med. Klinik. Nr. 28. — Neurasthenie, Hysterie: Gregg, Ursachen bei 100 Psychoneurosen. Journ. of amer. med. Ass. 28. Nov. — Parker, G. M., Neurosis and Purpose. Med. Record. 14. 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Münchener med. Woch. Nr. 47. — Epilepsie: Bolten, Epilepsie. Wiener klin. Woch. Nr. 28. — Shaw, Dasselbe. Journ. of ment. so. Juli. — Shaw, Epil. and tuberc. Ebenda. — Kalischer, S., Reflexepil. Zentralbl. f. d. Grenzgeb. d. Med. n. Chir. 3. Juli. — Clark, Klinische Diagnose. Journ. of amer. med. Ass. 7. Nov. — McKennan, Johnston and Henninger, Observ. on epil. chiefly from an X-ray standpoint. Journ. of nerv. dis. Nr. 8. — Yaclger, Tuberöse Sklerose als Ursache von Epilepsie. Journ. of amer. med. Ass. 17. Okt — Engelhard, C. F., Zur Frage der gehäuften kleinen Anfälle. Mon. f. Psych. August und Sept. — Abbot, Fall von rein psychischer Epil. Journ. of nerv. dis. Nr. 7. — Giese, H„ Epilepsie u. Schizophrenie. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 22. — Clark, P., Personality study of the epileptic constit. Amer. Journ. of med. sc. November. — Munson und Shaw, Zirbeldrüse b. Epil. Arch. of int Medic. September. — Löwy, J., Hämatologie des epilept. Anfalls. Zentralbl. f. inn. Mediz. 7. Nov. — Nikitin, Lyssaschutzimpfung u. Epil. Münchener med. Woch. Nr. 28. — Hoppe, J., Behandl. d. Epil. Zeitschr. f. Psych. LXXI. H. 6. — Jenkins, Krotalintherapie. Journ. of amer. med. Ass. 14. Nov. — Grabi, Luminalbehandlung. Münchener med. Woch. Nr. 31. — Kutzinski, Dasselbe. Mon. f. Psych. August. — Grzywo-Dybrowski, Luminal- wirkung bei epilept. Demenz. Ebenda. September. — Oberholzer, Sedobrolbehandlung bei psych. Alterat. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVII. H. 1. — Tetanus: Stricker, Sammel- forschung über Tetanus. Deutsche med. Woch. Nr. 52. — Jochmann, Tetanus. Ebenda. Nr. 43. — Arzt, L., Über Tetanus. Wiener klin. Woch. Nr. 52. — Wolfsohn, G., Zur Tetanus¬ frage. Berliner klin. Woch. Nr. 49. — Pribram, Tet. traumat. Prager med. Woch. Nr. 44. — Frost, C., Tetanus im Kriege. Inaug.-Dissert. Berlin. — Madelung, Tetanus bei Kriegs¬ verwundeten. Münchener med. Woch. Nr. 52. — Eunike, Tetanus nach Schußverletzungen. Ebenda. Nr. 43. — Spiegel, Tetanus puerperalis. Arch. f. Gynäk. CIII. H. 2. — Köhler, H., Kontaktübertragung. Deutsche militärärztl. Zeitschr. H. 24. — Arnd, C., Prophylaxe des Tetanus. Korrespbl. f. Schweizer Ärzte. Nr. 48. — Jakobsthal, Tetanusprophylaxe im Heere. Münchener med. Woch. Nr. 41. — Heister, Verhütung durch intensive Luftbeströmung. Ebenda. Nr. 52. — Jakobsthal und Tamm, Abtötung der Keime durch ultraviolettes Licht. Ebenda. Nr. 48. — Hufnagel, Vorbeugende Tetanusimpfungen. Deutsche med. Woch. Nr. 51. — Blumenthal, F., Symptoraatol. u. Ther. d. Tetanus. Mediz. Klinik. Nr. 44. — Wichmann, Drei geheilte Tetanusfälle. Ebenda. Nr. 52. — Kreuter, Einige praktisch wichtige Ge¬ sichtspunkte. Münchener med. Woch. Nr. 40. — Siemon, Tetanusfälle u. ihre Behandlung. Ebenda. Nr. 48. — MUller, Ratschläge zur Behandlung. Ebenda. Nr. 46. — Hochhaus, Erfahrungen über Behandl. des Tetanus. Ebenda. — Kocher, Th., Behandlung schwerer Tetanusfälle. Deutsche med. Woch. Nr. 46 u. 47. — Lewandowskl, Behandlung d. Tetanus. Ebenda. Nr. 51. — Czerny, V., Dasselbe. Ebenda. Nr. 44 u. 45. — Unger, E., Dasselbe. Berliner klin. Woch. Nr. 42. — Mühsam, H., Dasselbe. Ebenda. Nr. 45. — Angerer, Das¬ selbe. Münchener med. Woch. Nr. 45. — Voelcker, Dasselbe. Ebenda. Nr. 43. — Rothfuchs, Dasselbe. Ebenda. Nr. 46. — Alexander, Dasselbe. Ebenda. — Teller, Dasselbe. Ebenda. Nr. 48. — Kellermann, Dasselbe. Ebenda. Nr. 52. — Spanuth, Dasselbe. Mediz. Klinik. Nr. 46. — Dreyfus, Dasselbe. Therapeut. Monatsh. November. — Dreyfus und Unger, Kombin. Antitoxinüberschwemmungs- und Narkosetherapie. Münchener med. Woch. Nr. 51. — v. Behring, Indikationen für serumtherapeut. Tetanusbekärapfung. Deutsche med. Woch. Nr. 41. — v. Behring, Anwendung des Tetanusserums. Ebenda. Nr. 46. — Heddfius, Heil¬ serumbehandlung. Münchener med. Woch. Nr. 44. — Klrchmayr, Intravenöse Antitoxin¬ behandlung. Ebenda. Nr. 37. — Kreuter, Intraspinale und intravenöse Serumbehandlung (31 Kriegsfälle). Ebenda. Nr. 46. — Park, Heilwirkung von intraspinaler Tetanusantitoxin¬ behandlung. Journ. of amer. med. Ass. 18. Juli. — Bönheim, lntoxik. nach Tet.-heilserum. Berliner klin. Woch. Nr. 52. — Simon, Anaphylaxiegefahr bei Serumbehandlung. Münchener med. Woch. Nr. 45. — Weintraud, Behandlung des Tetanus, bes. Magnesiumsulfattberapie. Berliner klin. Woch. Nr. 42. — Syring, Behandlung mit Magnesiumsulfat. Deutsche med. Woch. Nr. 49. — Falk, A., Dasselbe. Ebenda. Nr. 35 u. 44. — Roznowsfci, Dasselbe. Ther. d. Gegenw. November. — Strohmeyer, Dasselbe. Münchener med. Woch. Nr. 28. — Ennike, Dasselbe. Ebenda. Nr. 45. — Usener, Indikationen für subkutane Magnesiumsulfatbehand¬ lung. Ebenda. Nr. 48. — Kühn, Luminalbehandlung. Ebenda. Nr. 46. — Durlacher, Be¬ handlung mit serösem Transsudat der Bauchhöhle. Ebenda. Nr. 42. — Jehn, Behandlung d. Atmungskrämpfe durch Phrenikotomie. Ebenda. Nr. 40. — Vergiftungen : Moravcsik, Morphinismus. Wien. med. Woch. Nr. 43. — Brelet, Cocainomanie. Gaz. des hopit Nr. 85. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 335 — Fisher, E. D., Toxic diseases of the nerv. syst. Med. Record. 14. Nov. — Guillain et Laroche, Fixation des poisons sur le syst. nerv. Progr. ra4d. Nr. 28. — Friedmann, Chron. Quecksilbervergiftung. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. H. 1 u. 2. — Morawski. Fall von CO-Vergiftung. Ebenaäfc — Williams, Bleivergiftung u. Augenmuskellähraung. Journ. of amer. med. Ass. 1. August — Quittner, Optic atrophy follow. wood alcohol poisoning. Clevel. med. Journ. November. — AlkohoUsmus: Tuwim, Chron. Alkoh. Arch. f. Psych. LIV. H. 3. — Crothers, Periodicity of the drink neuroses. Med. Record. 10. Oktober. — Clausten, E., Delirium tremens (statist. u. klin). Inaug.-Dissert. Kiel. — Hirsch, E. F.. Doppelbrech. Fettsubstanz in d. Nebennieren bei Delirium trera. Journ. of amer. med. Ass. 19. Dez. — Syphilis: Schacherl, Luetikerfamilien. Jahrb. f. Psych. XXXVI. 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Lues cerebrosp. Journ. of nerv. dis. Nr. 11. — Fordyce, Behandl. d. Lues cerebro¬ spinalis. Journ. of amer. med. Ass. 15. August — Brown, Treatment of cerebro-spin. syph. Calif. State Journ. Juli. — Jefferson, Ch. W., Cerebro-spin. Syph. treatment. Therap. Gaz. Angust. — Sachs, Strauss and Kaliski, Treatm. of syph. of the nerv. syst. Amer. Journ. of med.se. November. — Guari, Neue Meth. der Behandl. d. Syph. d. Nervensyst. Wiener klin. Woch. Nr. 33. — Schwarz, Parasyphilis u. Beeinfl. der spez. Erkrank, d. Nervensyst. durch Salvarsan. Deutsche Zeitschr. t. Nervenheilk. LII. H. 3 u. 4. —■ Weygandt, Jakob und Kafka, Salvarsaninj. ins Zentralnerv. Münchener med. Woch. Nr. 29. — While, Intradurale Salvarsaninjekt. bei Lues cerebrospin. Journ. of amer. med. Ass. 11. Juli. — Warfield, Intra- meningeale Neosalv.-Injekt. bei Lues des Zentralnerv. Ebenda. 26. Dez. — Braun, E., Liquor u. Salvarsanther. bei Metalues. Inaug -Dissert. Berlin. — Biach, Kerl und Kahler, Liquor nach Neosalv. Wiener klin. Woch. Nr. 30. — Löwy, R., Neurotrope Wirkung des Salvarsans. Ebenda. Nr. 32. — Gordon, Komplikat. nach intraduraler Neosalvarsaninjekt. Journ. of amer. med. Ass. 21. Nov. — Riggs, Ergehn, v. 100 Injektionen v. Salvarsanserum. Ebenda. 10. Oktober. — StOhmer, Salvarsanserum (III). Münchener med. Woch. Nr- 49. — Cr owe II and Munroe, Salv.-Ser. bei Lues cer.-spin. Med. Record. 26. Sept. — Ogilvie, Be¬ handlung d. Lues cerebrospin. mit Salvarsanserum. Journ. of amer. med. Ass. 28. Nov. — Pilsbury, Lähmungen nach Behandl. mit Salvarsanserum. Ebenda. 10. Okt —- Byrnes, Behandlung der Lues cer.-spin. mit intraduralen Hg-Inj. Ebenda. 19. Dez. — Schacherl, Ambulant. TuberkuÜnbehandl. der syphilogenen Nervenkraukh. Jahrb. f. Psych. XXXV. H. 1. — Trauma: Benon, Choc, traumat. Rev. de m£d. Nr. 7. — Eulenburg, A., Korf tinuierl. Schlafzustand nach Kopftrauma. Mediz. Klinik. Nr. 45 u. 46. — Eschweiler. Stark¬ stromverletzung d. akust. Zentren. Arch. f. Ohrenheilk. XCVI. H. 1 bis 2. — Romeik, Traumat. mot. Aphasie. Inaug.-Dissert. Leipzig. — # Bietti, Traumat. bitempor. Hemianopsie. Ann. di ottalm. XLIII. H. 3 u. 4. — Harzhecker, Ätiol. der Granatkontusionsverletzungen. Deutsche med. Woch. Nr. 47. — Lewandowsky, Kriegsverletzungen d. Nervensyst. Berliner klin. Woch. Nr. 51. — Hotz, Dasselbe. Münchener med. Woch. Nr. 45 u. 46. — v. Haberer, Schädelverletzungen im Kriege. Wiener klin. Woch. Nr. 49 u. 50. — Erhardt, E., Schädel¬ chirurgie im Felde. Deutsche med. Woch. Nr. 51 u. 52. — Longard, Tangentialschüsse des Schädels. Ebenda. Nr. 50. — Hancken, Prognose und Behandlung der Schädelschüsse. Münch, med. Woch. Nr. 51. — Hosemann, Schädeltrauma u. Lumbalpunkt. Deutsche med. Woch. Nr. 35. — Sollerl, Stichwunden d. Hirns. Arch. f. klin. Chir. CV. H. 1. — Goldmann, Kolbenschlag geg. d. Hinterhaupt m. Kleinhirnsympt. Wiener med. Woch. Nr. 52. — Froeh- lich, E., Fall v. Rückenmarksverletz. Berl. klin. Woch. Nr. 45. — Finkelnburg, R., Klinik u. Anat. d. Schußverl. d. Rückenm. Deutsche med. Woch. Nr. 50. — Guleke, Behandlung d. Schußverletzungen des Rückenmarks. Münchener med. Woch. Nr. 45. — Hohmann. Nerven¬ verletzungen. Ebenda. Nr. 49. — Hezel, Kriegsverletzungen d. periph. Nervensyst. Mediz. Klinik. Nr. 45. — Becker, C. f Bemerk, dazu. Ebenda. Nr. 50. — Froehlfch, E., Schußver¬ letzungen der Armnerven. Berliner klin. Woch. Nr. 44. — Cahen, Transplantation bei Nerven defekten. Deutsche med. Woch. Nr. 43. — Rumpf, Funktion. Nervenerkr. nach Unf. Klin.-therap. Woch. Nr. 27 ff. — Kronfeld, A., Unfallsneurasth. Vierteljahresschr. f. ger. Med. Juli. — Kommerell, Traumat. Neur. Samml. klin. Vortr. Nr. 703. — Grand, Dasselbe, Practit. Juli. — Williams, T. A., Dasselbe. Amer. Journ. of med. sc. Oktober. — Nauber, Neurosen nach elektr. Unf. Arch. f. Psych. LIV. H. 3. — Billström, Prognose d. traumat. Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 336 Neurosen. Berliner Klinik. Juli. — Mohr, Myos. ossif. träumat. Ärztl. Sachverst.-Ztg. Nr. 14. — SchOppler, Dasselbe. Münch, med. Woch. Nr. 40. — Oliver, Dasselbe. Journ. of amer. med. Ass. 24. Okt — Kurtzig, Anhörung von Ärzten in Unfallsachen. Ärztl. Sacbv.- Ztg. Nr. 18. — Muskelatrophie f MuskeldystropUie: Orbison, Th. J., Myopathy (8 cas.). Amer. Journ. of med. sc. Oktober. — Skoog, Myatonia congenita. Zeitsch. f. d. ges. Neurol. XXV11. 11. 3 u. 4. — Climenko, Dystonia muscul. deformans. Med. Record. 12. Dez. — Faraly*ia agitans: Marburg, O., Pathol. u. Pathogen, d. Paral. agit. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 405. — Blüwstein, Epithelkörp. u. Par. agitans. Wiener klin. Rundsch. Nr. 27. — Wrede, Paralysis agitans post trauma. Inaug.-Dissert. Freiburg. — Vetlesen, Paral. agit u. Myxödem. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVI. S. 462. — Oftzen, Psych. Stör, bei Paral. agit lnaug.-Dissert. Kiel. — Buia, Nukleinotherapie b. d. Parkinson sehen Krankh. Spitalul. Nr. 6. — Familiäre Krankheiten: Botten, Family amaur. idiocy. Quart Journ. of med. VII. Nr. 28. — Rosenbloom, Clinic. and metabolism studies in a case of myotonia cobgen. Arch. of int. Med. August. — Diller and Rosenbloom, Family periodic paralysis. Ebenda. Dezember. — Dana, Famil. Form v. progr. spin. Myopathie. Journ. of nerv. dis. Nr. 11. — Kroll und Terenftjew, Hereditäre Ataxie. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 352. — Williams, E. M., Hereditary Ataxia. Amer. Journ. of med. sc. September. — Varia: Abrahams, Analyse du nystagmus. Arch. internat de Laryngol. XXXVII. Nr. 3. — Neumann, H., Nystagmus u. seine klin. Bedeut. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 550. — Abranovitsch, Störungen d. Gegenrollung d. Auges bei Erkrankung des Ohres. Arch. f. Ohrenheilk. XCVI. H. 1 bis 2. — Frank, Jos., Fall von Halsrippe mit abnormem Nerven¬ verlauf. Anat. Aoz. XLVll. H. 8. — Mosbacher, Funkt. Stör. i. weibl. Genitale u. Stör, i. vegetat. Nervensyst. Zeitschr. f. Geburtsh. LXXVI. H. 2. — Lapinski, Metaniere Verteil, der d. d. Erkr. d. Organe d. kleinen Beckens auftretenden Schmerzen. Arch. f. Psych. LV. H. 1. — Mo Cord, Bez. d. Zirbeldrüse zu somat. Erkrank. Journ. of amer. med. Ass. 18. Juli. — v. d. Scheer, Nichtpuerperale Osteomalazie, bes. osteomalazische Lähmungen. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 397. — Rossl, Angeb. Muskelhyperplasie. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. H. 5 u. 6. — Bergmann-Grunwald, Hemispasmus d. Unterlippe. Zeitschr. f. Kinderheilk. XI. H. 5 bis 6. (Schluß folgt.) VI. Verschiedenes. Die Vorstandssitzung und Jahresversammlung der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte fällt naturgemäß auch in diesem Jahre aus. Unser verehrter Mitarbeiter Herr Prof. Stransky- Wien ist zum außerordentlichen Professor ernannt worden. Von Herrn Prof. Reichardt-Würzburjg wurden wir darauf aufmerksam gemacht, daß in der Täglichen Randschau (18.11. 1915) eine Abhandlung des Akademikers W. Bechterew über „Wilhelm 11., ein Degenerat des Nerotypus“ erwähnt wird. Wir kounten uns ein ausführlicheres Referat der Petrograder Zeitung vom 11. (24.) XII. 1914 verschaffen, aus dem tatsächlich hervorgeht, daß W. Bechterew in den Birsh. Wedomosti einen solchen Artikel geschrieben hat, in dem er es nicht verschmäht, unseren Kaiser als eine Persönlichkeit an der Grenze von Gesundheit und Geisteskrankheit hinzustellen. W. Bechterew verdankt den größten Teil seiner Entwicklung deutscher Wissenschaft, und es genügt daher wohl, dieses Elaborat in solcher Zeit den deutschen Nervenärzten zur Kenntnis zu bringen, um sein Ver¬ halten ausreichend zu brandmarken. Zar gefälligen Beachtung. Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- fflänn, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke und Autoreferate an Herrn Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬ sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbx & Wittio in Leipzig. Digitized by Go igle Original from UNIVERSfTY OF MICHIGAN Neurologisches Centr a lblatt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet von Prot E. Mendel. Heraasgegeben TOD Dr. Kurt Mendel. Vierunddreißigster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle Buchhandlungen des In* und Anstandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie direkt von der Verlagsbuchhandlung. 19151 16. Mai. Nr. Yö. Inhalt I. Originalmitteilungen. 1. Die Relationen des Palaeencephalons (Edinger) sind nicht fix, von A. Marina. 2. Zur Frage der „Myohypertrophia kymoparalytica" H. Oppen- heim’s, von Hans Curschmann. II. Referate. Hirnabszeß. 1. A case of brain abscess, by Reynolds. 2. Brain abscess caused by fusiform bacilli, by Dick and Emge. S. Brain abscess dne to the bacillus coli communis, by Bernstein. 4. An unusnal case of cerebral abscess, by Renton. 5. Trau¬ matischer Hirnabszeß, von Freund. 6. Hirnabszeß als Folge peripherer Körpereiterung nach einem Unfall, von Kutzinski. 7. Über einen ungewöhnlich frühzeitigen Fall von akutem otitischeo Schädellappenabszeß, von Jida. 8 . Ein Beitrag zur Kenntnis der otogenen Schläfen¬ lappenabszesse, von Leidler. 9. Erfahrungen über den otitischen Hirnabszeß, von Maier. 10. Der orbitogene Hirnabszeß und seine Operation, von Elschnig. 11. Der orbitogene Hirn¬ abszeß und seine Operation, von Elschnig. 12. Über den orbitogenen Hirnabszeß, von Bailaban. 13. Zur Frage der orbitogenen Stirnhirnabszesse, von Margulidz. 14. Zur Ätio¬ logie der rhinogeneu Hirnabszesse, von Helget. 15. Zur Kasuistik der rhinogenen Stirnhirn- abszesse, von PifVI. 16. Über die okulo* orbitalen, intrakraniellen und zerebralen Kompli¬ kationen nasalen Ursprungs, von Onodi. 17. Zur Kasuistik der Stirnböhleneiterungen mit intrakraniellen Komplikationen, von Solowiejczyk und Karbowski. 18. Experimentelle Unter¬ suchungen zur Mechanik der intrakraniellen und zerebralen Komplikationen der Stirnhöhlen¬ entzündungen, von Zwillinger. 19. Über die Verwertung des Abderhalden sehen Dialysier- verfabrens bei intrakraniellen Komplikationen entzündlicher Ohr- und Nasenerkrankungen, von Zange. 20. Gehirnabszeß nach Zahnerkrankung. Mißerfolg der Leitungsanästhesie? von Bannes. — Kleinhirn. 21. Ein Beitrag zur Kenntnis der Kleinhirnbahnen beim Menschen, von Sauer. 22. Contributo sperimentale allo studio delle Localizzazioni cerebellari, per Greggio. 23. Untersuchungen über die Funktion des Flocculus am Kaninchen, von Bäräny. 24. Cerebellar Symptoms and cerebellar localization, by Mills and Weisenburg. 25. Der Kleinhirnanteil der Pyramidenbahn (die zerebellare Pyramide), von Schaffer. 26. Gut¬ artige Affektion im Kleinhirnbrückenwinkel, von Woltfir. 27. Cyste of the cerebello-pontine angle; Operation, with relief of symptoms, by Dana and Eisberg. 28. Zur Symptomatologie und Pathologie der Kleinhirnzysten, von Alexander. 29. Ein kasuistischer Beitrag zur Kenntnis von teratoiden Geschwülsten im Kleinhirnbrückenwinkel, von Kato. 30. On the cerebellar syndrome of Babinski with report of a case, by Marks. 31. The meebanism of labyrinthine nystagmus and its modifications by lesions in the cerebellum and cerebrum. by Wilson and Pike. 32. Occlusion of the posterior inferior cerebellar artery, by Glllis. 33. Klinik nnd Pathologie eines atypischen Falles von Verschluß der Art. cerebelli post, inf., von Haike nnd Lewy. — Kriegsbeobachtungen. 34. Die Hirnphysiologie im Dienste des Krieges, von Rothmann. 35. Der Krieg und die traumatischen Neurosen, von Oppenheim. 36. Über Streifschüsse an der Schädelkapsel, von Noehte. -—Psychiatrie. 37. La crimi- nalidad en Buenos Aires 1887 a 1912. Sus causas y remedios, por Lancelotti. III. Aus den Gesellschaften. Ärztlicher Verein in Hamburg, Sitzung vom 26. Januar und 9. Februar 1915. IV. Neurologische und psychiatrische Literatur vom 1. Juli bis 31. Dezember 1914. (Schluß.) XXXIV. 22 Digitized by Gck igle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN I. Originalmitteilungen 1. Die Relationen des Palaeencephalons (Edinger) sind nicht fix. Von A. Marina (Triest). Nachdem ich die Serie meiner Arbeiten über das Ganglion ciliare als peri¬ pheres Zentrum des Sphincter iridis und über die Pathologie des Gangl. ciliare und der Nn. ciliares beim Menschen 1 abgeschlossen hatte, dachte ich bei der Besprechung des Argyll-Robertsonschen Phänomens, daß das Charakteristische dabei nicht das Fehlen der Lichtreaktion, sondern das Bestehenbleiben der Pupillarreaktion bei Konvergenz wäre, und es war daher geboten, nachzuforschen, weshalb der Sphincter iridis bei der Konvergenz sich kontrahiere. Da die allgemeinere Ansicht dahin geht, daß dies durch die Kontraktion der beiden Recti int. bedingt sei, infolge der Mitwirkung eines Konvergenz¬ zentrums, das man in demselben Kern des Oculomotorius vermutet, wie das Zentrum für die Lichtverengerung der Pupille, machte ich beim Affen, um zu ersehen, ob dem wirklich so sei, den Versuch, den Rectus internus auszuschalten und ihn durch den Obliquus sup. und sogar durch den Rectus externus der¬ selben Seite zu ersetzen, wobei im letzten Falle die beiden Recti hinter dem Bulbus gekreuzt und die gekreuzten Sehnen, ohne jede Läsion derselben oder der Muskel selbst, an die Sklera befestigt wurden. 2 Alle diese Operationen, auch die letztgenannte, die sehr schwer war, wurden von dem verstorbenen Okulist Copleb in glänzender Weise ausgeführt und am anatomischen Block wurde immer der volle operative Erfolg kontrolliert. So sah man am Präparat mit den gekreuzten Recti, wie die Muskeln ohne Läsionen freie Bahn hatten; nur das letzte Stück der Sehnen war mit der Sklera durch 2 mm verwachsen. Über das Resultat will ich mitteilen, daß die Pupillenverengerung bei Kon¬ vergenz, oder besser ausgedrückt bei Einwärtsrollung der Bulbi, mit jedem transplantierten Muskel zustande kam, so daß damit die Unhaltbarkeit aller bis dahin aufgestellten Theorien nur Erklärung der Pupillenverengerung bei Kon¬ vergenz bewiesen war, und ich beziehe mich dabei auf meine schon publizierten Arbeiten, die das Wie und Warum des Zustandekommens des Phänomens zu erklären versuchen. 1 Mabtna, I. Über multiple Augenmuskellähmuogen usw. Leipzig-Wien, Deutieke, 1890. — II. II neurone del g. ciliare e i centri dci movimenti pupillari. Rivista di pato- logia nervosa e mentale. Firenze 1898. Deutsch: Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilkunde. XIV. S. 356. — III. Studio sulla patologia del g. ciliare nell’uou>o. Annali di neurologia. Napoli 1901. Deutsch: Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilkunde. XX. S. 869. — IV. Le ganglion ciliare comme centre pdripherique de la reaction pupillaire ä la lumiere et le ph6- n<>men d’Argyll-Robertson. La presse medicale. 1910. Nr. 51. 25. Juni. * Mabina, Ricerebe sperimentali sul restringimento alia convergenza e sui movimenti latcrali dei bulbi. Annali di neurologia. Napoli 1913. Deutsch: Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilkunde. XXIV. 1905. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 389 Ans jenen Versuchen ging anch noch eine neue Tatsache hervor, daß nämlich das Versuchstier, sobald es vom Trauma geheilt war, sowohl die Kon¬ vergenz- wie die Seitenbewegungen der Bulbi gerade so gut ausführen konnte, als ob es seine normalen Muskeln hätte; das war eine neue Beobachtung, der man doch nachgehen mußte. In einer neuen, mit den Kollegen ObiiAth und Dakelon gemachten experi¬ mentellen Arbeit 1 ging ich daran, diese Studien zu vervollständigen, indem ich dabei vom Grundgedanken ausging, nicht mehr den Ramus medialis, sondern den Lateralis durch einen anderen Muskel zu ersetzen, weil nach Ansicht vieler Forscher der Abduzenskern es ist, der — sei es direkt oder indirekt — den Hauptanteil bei den Seitenbewegungen hat. Ich verschloß mich dabei der Not¬ wendigkeit nicht, auch andere Mechanismen und Erscheinungen zu studieren, die in den allerletzten Jahren durch die wichtigsten Veröffentlichungen Bim- bchowsky’b und BäbAny’s bekannt wurden. Der Arbeitsplan war folgender: Transplantation an Affen des rechten Rectus superior an Stelle des rechten Externus, nachdem die Aktion des letzteren ausgeschaltet worden war, darauf Untersuchung, wie sich die willkür¬ lichen Seitenbewegungen, die automatische Einstellung, der Nystagmus und die Seitenbewegungen bei Reizung der kortikalen Zone der betreffenden Zentren verhalten. Auf diese Weise konnte ich einen vollständigen Überblick über das Verhalten des ganzen Mechanismus gewinnen, durch alle Leitungsbahnen, die den Seitenbewegungen der Bulbi vorstehen. Man fand konstant bei allen Affen, sowohl bei denjenigen, wo die Operation vollständig gelungen war (Gruppe A), wie bei den zwei Affen, wo infolge unvoll¬ ständig gelungener Operation der Ramus lateralis zwar etwas hinter dem physio¬ logischen Insertionspunkt am Bulbus haftete, aber noch mitwirkte (Gruppe B), auch wenige Tage nach der Operation, Deviation des rechten Bulbus nach innen, die nach erfolgter Vernarbung noch weniger hervortrat, da sie leichter wurde, außerdem beobachtete man bei einem Affen der Gruppe A eine leichte Ab¬ weichung des Bulbus nach unten und bei zwei Tieren (III und VI) eine leichte Abweichung nach oben. Bei allen Affen gelangen die willkürlichen und automatischen Bewegungen, die schon 8 bis 4 Tage nach der Operation angedeutet waren, nach erfolgter Vernarbung vollständig. Nur bei einem Tiere erfolgten sie nicht in vollem Umfang, weil infolge wiederholter Zerrung des M. externus, die in der Absicht, eine Nissl-Degeneration in dem betreffenden Abduzenskern hervorzurufen, gemacht worden war, eine stärkere Anschwellung der Bindehaut am Angulus externus aufgetreten war. Bloß bei zwei Affen (V und VI) beobachtete man auch Spuren von Bewegungen nach oben. Bei allen Tieren gelang der Drehnystagmus vollkommen normal nach beiden Seiten hin. 1 A. Mabina, Ü. Oblath, G. Danelou, Studi sperimentali sui movimenti laterali dei bulbi oculari. Annali di Neurologia. Napoli 1910. 22 * Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN Bei einem Affen der Gruppe B war der galvanische Nystagmus voll¬ ständig normal nach beiden Seiten hin; bei einem Tiere der Gruppe A beobachtete man dieses Symptom bloß durch einen Augenblick bei Stromunter¬ brechung mit positivem Pole im äußeren Gebörgang; diese spärlichen Beobach¬ tungen über den galvanischen Nystagmus rechtfertigen keine allgemeinen Folgerungen. Etwas verwickelt sind die durch die monopolare faradische Reizung der Kortikalzonen, die als Zentren für die Augenbewegungen bekannt sind, erzielten Resultate; doch erhielt man auch hier positive Resultate von großer Bedeutung für das uns beschäftigende Thema. Bei Reizung linkerseits zwisohen zwei Punkten (a und b\ siehe Figur in der Originalarbeit), die oberhalb der Stelle liegen, wo der aufsteigende Ast des Sulcus frontalis arcuatus nach vorn aufsteigt (die dem hinteren Anteil des Gyrus frontalis superior und Gyrus frontalis medius homologe Stelle), erhielt man bei drei Affen bloß assoziierte Bewegungen der zwei ßulbi nach rechts. Bei einem Affen beobachtete man diese Bewegungen bloß bei Reizung des oberen Punktes (a; siehe Figur in der Originalarbeit), während man von der Umgebung dieses Punktes aus Divergenzbewegungen der beiden Bulbi und vom unteren Punkte b aus nur Bewegungen des linken Bulbus nach oben erzielte. Die Exkursionen des rechten Bulbus waren konstanterweise weniger vollständig als die des linken. Bei den zwei Kontrollaffen der Gruppe B traten bei Reizung derselben Stelle bei einem Tiere bloß assoziierte Bewegungen nach rechts auf, bei dem anderen bloß Divergenzbewegungen. Nur bei Reizung des oberen Anteiles des vorderen Astes des linken Angularis traten Bulbusbewegungen auf. Bei einem Affen er¬ hielt man dissoziierte Bulbusbewegungen, bei einem dritten minimale assoziierte ßulbu8bewegungen nach rechts, bei einem vierten bloß Divergenz, die am linken Bulbus deutlicher war. Bei den zwei Kontrollaffen trat einmal bloß Divergenz der beiden Bulbi und zuweilen Bewegungen nach oben am linken Bulbus auf, bei dem anderen Tiere fand überhaupt keine Bewegung statt. Oft stellte sich bei Reizung der frontalen Zone deutliche Devia¬ tion des Kopfes nach rechts ein, und zwar sowohl bei der Gruppe A wie bei der Gruppe B. Wenn man nun die beiden Versuchsreihen, die im Jahre 1903 ausgeführte und die soeben besprochene, vereint, so sieht man, daß verschiedene und viel¬ fache Muskelsubstitutionen vorgenommen worden sind, und daß die Zahl der Versuchstiere eine nicht geringe war; und jedesmal stellte sich, sobald die posttraumatischen Symptome verschwunden waren, die willkürlichen assoziierten Seitwärts- und Konvergenzbewegungen vollständig wieder her. Bei der zweiten Versuchsreihe konnte man auch die vollständige Wiederherstellung der automatischen Bewegungen nachweisen und normalen horizontalen Dreh¬ nystagmus. Was den Reizeffekt der okulär-motorischen Zone in der Rinde anbetrifft, Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 341 so bestätigen unsere Experimente vollständig die von Levinson 1 gewonnenen Resultate, wonach die größere und konstantere Reizbarkeit in der frontalen Zone zu finden ist. Über die von uns Vorgefundene geringe und unkonstante Reizbarkeit des Gyrus angularis, welche sich nur bei Reizen, die auf dem oberen Teil des vorderen Astes einwirkten, kundgab, über das Fehlen von Augenbewegungen bei Reizung des Hinterhauptlappens, will ich mich nicht weiter aussprechen, da dies von verschiedenen Faktoren abhängen kann; übrigens lag der Zweck unserer Arbeit nicht darin, Experimente anderer Autoren zu kontrollieren, sondern festzustellen, ob bei Rindenreizung der Bulbus, bei dem an stelle des Ramus extemus der Ramus superior transplantiert war, assoziierte Seitenbewegungen ausführte und dies konnten wir ohne jeden Zweifel feststellen. Ja die Resultate gingen über unsere Erwartungen hinaus, weil wir auch Divergenzbewegungen der Bulbi beobachten konnten, die eben die seitliche Deviation des rechten Bulbus erwiesen, wobei die Leistung des Ramus extemus durch jene des Ramus superior ersetzt war. Vollständig fehlte die Leistung des Ramus superior als Heber (bloß der linke Bulbus ging nach oben) und dies ist ganz natürlich; es sei aber erwähnt, daß der Anteil an der Hebung, den unter physiologischen Verhältnissen der Obliquus inferior hat, bei Rindenreizung ganz ausblieb; vielleicht fehlt in der Rinde ein Zentrum für diese Tätigkeit des kleinen Obliquus. Diese Ergebnisse lehren uns folgendes: Aus der Tatsache, daß die Kon¬ vergenz auch nach der Substitution eines nicht vom Oculomotorius innervierten Muskels stattfindet, nämlich nach Transplantation des Obliquus superior und sogar des Rectus externus, geht hervor, daß beim Affen weder ein supra¬ nukleäres, noch ein nukleäres Zentrum für die Konvergenz besteht. Aus der Tatsache, daß die Seitenbewegungen, sei es mit zwei Intemi, sei es mit einem Internus und einem Ramus superior, sei es mit zwei Externi zu¬ stande kommt, geht hervor, daß es beim Affen weder ein supranukleäres, noch ein nukleäres Zentrum für die Seitenbewegungen der Bulbi gibt Was die Assoziationsbahnen, die den assoziierten Bulbusbewe¬ gungen vorstehen, und die mit ihrer Disposition die assoziierten Bulbus¬ bewegungen bedingen sollen, anbelangt, so ist es klar, daß für diese Bahnen keine besonderen Assoziationszentren notwendig sind und viele Autoren solche auch nicht annehmen; hingegen treten fast alle für das Bestehen von Ver¬ bindungen ein, sei es zwischen den zwei Oculomotoriuszentren für die Kon¬ vergenz, sei es, direkt oder indirekt, zwischen dem Abduzenskem und dem Kern oder den Wurzeln des kontralateralen Oculomotorins für die Seitenbewegungen. Wenn auch die Resultate meiner Versuche keiner dieser Hypothesen direkt widerstreiten, so lehren sie uns doch eine viel wichtigere Tatsache, der gegenüber alle Hypothesen, alle Diskussionen über die Existenz und über die fixe Dis- * Lbvinsok, Über die Beziehungen der Großhirnrinde beim Affen zu den Bewegungen des Anges. v. Graefes Archiv f. Ophthalmologie. LXXI. 1909. H. 2. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 342 Position von Verbindungswegen ihren Wert verlieren. Sie lehren ans, daß die Leitungsbahnen oder die Sohaltzellen, oder was man da immer för einen Mechanismus annehmen will, keine fixe Funktion haben; sie können keine fixe Funktion haben, wenn urplötzlich mit einer neuen Funktion ein Muskel betraut werden kann, der durch das ganze Leben des Tieres und durch das Leben seiner Voreltern in den früheren Generationen, durch tausende von Jahrhunderten, immer eine andere Funktion hatte. Doch muß man in den Folgerungen weiter gehen. Wir haben gelernt, daß die verschiedenen Kerne untereinander durch anatomische Bahnen vereint sind, von denen einige, wie diejenigen, welche einen Teil der Oculomotoriuskerne der beiden Seiten miteinander vereinigen, sichergestellt sind; wir haben gelernt, daß durch das hintere Längsbündel Nervenfasern ziehen, die die verschiedenen okulären Zentren miteinander verbinden und bei bestimmten Läsionen degenerieren; daß es Nervenfasern gibt, die vom Deitersschen Kern zum Abduzenskern und den anderen okulären Kernen ziehen —, es entsteht da die Frage: Wenn die funktionellen Bahnen für die Augenbewegungen bei den Affen nicht fix sind, können es die anatomischen Bahnen sein? Nein; denn wir können uns die Funktion der Leistungsfähigkeit nur an anatomische Bahnen gebunden vorstellen, sonst hätten ja diese keine Existenz* berechtigung, und so erhält diese ganze Frage, die zunächst nur um die Inner* vation der Augenmuskeln sich drehte, eine viel größere und weitgehendere Bedeutung, die nämlich, daß die anatomischen Assoziationsbahnen für die Zentren der Augenmuskeln nicht fix sind; dieser Satz stößt tief eingewurzelte Überzeugungen vollständig um, die die Frucht langer und mühsamer Untersuchungen waren, und macht die bis jetzt geführte Diskussion über den Mechanismus und über die Bahnen, die die verschiedenen okulären Zentren miteinander verbinden, müßig. Jn einer zuletzt erschienenen Veröffentlichung 1 legte ich diese Forschungs¬ ergebnisse dar, stellte sie den Theorien über die assoziierten Bulbusbewegungen gegenüber, die ich im ersten Teil der Arbeit synthetisch zusammengestellt hatte, und diskutierte eventuelle Einwände. In einem Referate von 0. Rossi * wurden in der allerletzten Zeit einige Bedenken geäußert; er behauptete nämlich, man könne die Möglichkeit einer Neubildung von regenerierten Fasern vom geschnittenen Muskel aus und Ein¬ dringen derselben in den transplantierten Muskel nicht ausschließen. Dem hielt ich entgegen, daß es einerseits dooh absonderlich wäre, daß bei jedem Versuch konstanterweise in der ganz kurzen Zeit der Vernarbung dies eingetreten wäre und stets mit dem kompletten Erfolg einer vollständig wiederhergestellten Funktion; daß andererseits der erwähnte Versuch einer einfachen Kreuzung des 1 A. Marina, Le teorie sal mecanismo dei movimenti associati etc. Policlinico. 1911. Nr. 1 . — Deutsch: Die Theorien Ober den Mechanismus der assoziierten Konvergenz- and Seitwärtsbewegungen, studiert auf Grundlage experimenteller Forschungsergebnisse mittels Augenmuskeltransplantationen an Affen. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. XL1V. 1912. * Kivista di patologia nervosa e mentale. Firenze 1914. Nr. 4. S. 226. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSSTY OF MICHIGAN 343 Rectus internus und externus, wobei an Stelle der einen die andere Sehne ge¬ näht wurde, also ohne Muskelschnitte und Muskelläsionen dem Einwurf den Boden vollständig entzieht * In meiner letzten, früher zitierten Veröffentlichung befleißigte ich mich nicht zu verallgemeinern und in erster Linie nicht die infolge experimenteller Ergebnisse bei Affen gemachten Deduktionen auf den Menschen zu übertragen. Da jedoch in der letzten Zeit bei Menschen und Affen vielfach Transplantationen nicht nur von Muskeln, sondern auch von Nerven vorgenommen wurden, sehe ich mich veranlaßt, die mir bisher auferlegte Zurückhaltung aufzugeben. Waren schon die Erfolge der Muskeltransplantationen bei Kinderlähmung frappierend, so implantierte vor kurzem Mabaoliano in einem Falle von voll¬ ständiger Lähmnng eines Beines einen Ast des N. cruralis des anderen Beines in den Cruralis der verletzten Seite. Katzenstein 1 ging noch weiter: „Bei einem Affen wurde durch Durch¬ schneidung der vorderen Wurzeln am Halsmark eine Lähmung des Armes, wie bei der Kinderlähmung, erzeugt und dann von der gesunden Seite ein Nerv in den Plexus des gelähmten Armes verpflanzt... Auch bei den verschiedenen Operierten konnte die Neubildung der verschiedensten Nervenzweige des ge¬ pfropften Plexus nachgewiesen werden... Es wachsen vom Plexns einer ge¬ lähmten Extremität aus neue, überpflanzte Nervenfasern in die verschiedenen Nerven, die vom Plexus ausgehen, ein. Bei Lähmung des Armes wurde einmal der N. supraclavicularis und zweimal der Ramus descend. hypoglossi der ge¬ sunden Seite hinter den Gefäßen zwischen Oesophagus und Wirbelsäule auf die kranke Seite gebracht und in den Plexus brachialis der gelähmten Seite ein¬ genäht Am gelähmten Bein wurde der N. obturatorius der gesunden Seite mit seinen sämtlichen Endzweigungen durchschnitten, retroperitoneal auf die kranke Seite herübergebraoht und hier in den Plexus lumbosaoralis eingenäht.“ Es erweitert sich, wie man siebt, das Gebiet und greift von den Muskeln zu den Nerven über. Doch haben alle Operateure ihre Aufmerksamkeit auf die Peripherie konzentriert und keiner dachte an das Zentrum. Warum stellt sich die Funktion vollständig und partiell wieder her? Man fand die Antwort in einem Worte: „Anpassung“, man dachte aber nicht daran, daß Anpassung das Nichtfixsein der Relationen zwischen den Zentren voraus¬ setzt, und gab sieb mit der Annahme zufrieden, daß sioh langsam, mit der Übung, neue Wege ausbildeten. Es ist dies an sich möglich, aber ich hebe die Bedeutung meiner Experi¬ mente hervor, die dartnn, wie die Anpassung sofort eintreten kann bei den Bulbusbewegungen, wo nämlich der Innervationsmechanismus einfacher ist, wo man das Wachsen der Nerven und Muskelbündel oder Sehnen für die Wieder¬ herstellung der Funktion nicht abzuwarten braucht. Diese Transplantations¬ versuche beim Menschen und die Transplantationen von der einen Seite auf die 1 Katzbnstbin, Demonstration zur Plexuspfropfung bei spinalen Kinderlähmungen der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Berlin April 1914. Münchener med. Wochenschrift. 1914. Nr. 22. S. 1254, Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 344 andere bei Affen sind ebensoviele Bestätigungen meiner experimentellen Resultate. Ich wies noch auf eine andere Tatsache hin, die über die wechselseitigen Relationen der Okularzentren zueinander noch hinausgeht, nämlich das voll¬ ständig normale Gelingen des rotatorischen Nystagmus. Hier kommen Relationen in Betracht, die das System des Deiterssohen Kernes betreffen, das, außer mit den Augenmuskeln, noch mit dem Vestibulum, dem Kleinhirn, dem Rückenmark in Verbindung steht Ja noch mehr. Robenfeld 1 fand bei Pseudobulbärparalyse neben dem starken vestibulären Augennystagmus einen Kopfhystagmus von ganz besonderer Intensität und ferner rhythmische Zuckungen in einem Fazialisast, welche synchron mit dem Augen¬ nystagmus und Kopfhystagmus verliefen und daher als Fazialisnystagmus be¬ zeichnet werden konnten. Die Relationen des Deitersschen Kernes reichen also über die Okularzentren hinaus, obwohl sie bloß in bestimmten Fällen zutage treten. Das Niohtfixsein der verschiedenen Relationen des Palaeenzephalon, das durch meine Versuche erwiesen wurde, erstreckt sich vielleicht auf verschiedenartige Funktionen, auch wenn man von der Wiederherstellung der Sensibilität in bestimmten Fällen zentraler Läsionen absieht, die durch andere Verbindungsbahnen, welche in Aktion treten, bedingt sein könnte. Die experimentellen Resultate an Affen verflechten sich also in diesem Ge¬ biete mit den Ergebnissen am Menschen und ergänzen sie. Es ist dies auch nur zu natürlich. Es ist ja von vornherein unwahrscheinlich, daß in einer so funda¬ mentalen Frage, wie es jene über das Fix- und Nichtfixsein der Relationen des Palaeenzephalon ist, ein durchgreifender Unterschied zwischen Affen und Menschen bestehen könne, und man muß zu dem Schluß kommen, daß wahrscheinlich auch beim Menschen die Relationen daselbst nicht fix sind, ebenso wie die Relationen zwischen den verschiedenen Bewegungszentren des Rückenmarks beim Menschen nicht fix sind, wie aus den Muskel- und Nerventransplantationen hervorgeht. Damit fällt eine für unerschütterlich gehaltene Grundlage unseres theo¬ retischen Gebäudes, das uns eine Reihe fundamentaler Erscheinungen im Bereich der nervösen Funktionen begreiflich machen und erklären sollte, in sich zu¬ sammen. Man muß sich mit der Annahme zurecht finden, daß anatomische Wege, die als fix gelten, aufgelassen werden gegen neue, schon bestehende und nicht erst allmählich sich ausbildende Wege, und zwar automatisch, ohne Mit¬ wirkung des Bewußtseins und des Willens, auf Grundlage eines Mechanismus, der sein Endziel nicht kennt und der von den an der Peripherie aufgetretenen Veränderungen nichts erfährt. Es drängt sich uns daher wohl auch die Frage auf, ob es denn anatomische Bahnen für die Relationen in dem Sinne, wie man sie gewöhnlich annimmt, wirklich gibt Wenn man schon die Frage aufrollt, so muß man sie bis zu den letzten logischen Schlußfolgerungen durchführen. Wenn die Relationen des Palae- 1 Rosenfeld, Über vestibulären Kopfnystagmus und F&zi&lisnystagmns bei Pseudo¬ bulbärparalyse. Archiv f. Psycb. u. Neurol. JjIII. 1914. H. 3. Digitized b) Google Original fro-m UMIVERSITY OF MICHIGAN ^ — 345 enzephalon nicht fix sind, können es die Assoziationen des Neoenzephalon sein? Erst recht nicht, denn diese haben als die zuletzt ausgebildeten noch weniger Anrecht auf einen fixen Sitz; man kann gar nicht annehmen, daß die uralten Relationen des Stammhirns nicht fix, seien und daß dagegen die neueren Asso¬ ziationen der Hemisphären fix seien. Damit wird aber der ganzen Hirnphysiologie der Boden entzogen und sie muß vollständig umgearbeitet werden, da der wichtigste Teil der Hirnfunktionen durch die Assoziationen gegeben ist: durch jene für die willkürlichen Bewegungen, für die sensoriellen Funktionen, für die Sprache, für die psychischen Funktionen. Es können vielleicht viele der sich widersprechenden Tatsachen in der Frage des Sprachmechanismus und dessen Störungen in dem Nichtfixsein der Asso¬ ziationen ihre Erklärung finden, und es ist nicht vorauszusehen, welch neue Ausblicke diese Tatsache, die durch meine Experimente zutage gefördert wurde, uns eröffnen kann. Ich betone auch hier, wie in den anderen Arbeiten, daß ich dabei immer die Assoziationen und die Relationen im Auge habe, nicht die Projektionen; an dem fixen anatomischen und funktionellen Bestehen der letzteren wird durch meine Versuche in keiner Weise gerüttelt; dagegen erscheinen die fundamentalen Grund¬ sätze der verschiedenen Verbindungen erschüttert, und damit ist schon viel gesagt. Nicht nur ich allein, sondern alle Kollegen, die bei den Versuchen zugegen waren und am anatomischen Block das Gelungensein der Operationen ersehen konnten, sind von der Exaktheit derselben überzeugt und hegen nicht den mindesten Zweifel daran. Doch ist die Sache von zu großer Bedeutung, als daß man sich auf eine Gruppe von Experimentatoren verlassen könnte, und daher sind mir Kontrolluntersuchungen erwünscht. Der operative Eingriff einer totalen Augenmuskeltransplantation hat für einen Augenarzt, der ein geschickter Operateur ist, keine Schwierigkeiten, und das Versuchstier kann dann auch noch für andere Experimente gebraucht werden. Vielleicht wird es einem Kollegen glücken, das Experiment beim Menschen zu machen, z. B. bei einem Amaurotiker, was weder mir noch dem Augenarzt Dr. Oblath gegönnt war, um nachzusehen, ob meine Beobachtungen am Affen auch beim Menschen sich wiederholen; man darf keine Mühe scheuen, wenn man den Schleier, der das Unbekannte dicht umhüllt, etwas lüften will, und beim Studium der biologischen Erscheinungen sind Kontrolluntersuchungen not¬ wendig; ich erhoffe und wünsche sie mir. Wenn dann aber, wie es meine Überzeugung ist, die Untersuchungen anderer Forscher die von mir dargelegten Tatsachen bestätigen werden, wird man notwendig zu den logischen Schlußfolgerungen kommen müssen, die sich aus ihnen ergeben; man wird vor den Schlußfolgerungen nicht zurückschrecken, sondern man wird sich mit ihnen befassen müssen, denn wenn man sie auch durch eine kurze Zeit wird ignorieren können, so werden sie endlich doch zur Geltung kommen müssen. Es ist ein unnützes Werk, auf Grundlagen aufzubauen, die einstürzen; weiß man dies aber, so muß man die Grundlagen selbst wieder umbauen. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 346 2. Zur Frage der „Myohypertrophia kymoparalytica“ H. Oppenheira’s. Von Hans Cursohmann in Mainz. H. Oppenheim bat vor kurzem au dieser Stelle über ein interessantes Krank¬ heitsbild berichtet, 1 das er als „Myohypertrophia kymoparalytica“ bezeichnet Es bandelte sich um eine neuropathische Patientin, bei der sich chronisch und progressiv Lähmungserscheinungen im rechten Arm, Krämpfe in demselben und Hypertrophie der Muskeln, besonders des Oberarms, eingestellt hatten. Die Hypertrophie, die — von 0. konstatierte — Myokymie und die Crampi sind an den Beugern am stärksten entwickelt; die Parese betrifft zwar auch diese Muskulatur, erreicht aber ihren höchsten Grad, nämlich den der (schlaffen) Lähmung in den Extensores carpi, im Extens. digit. commun. und in den langen Daumenmuskeln (also denjenigen Muskeln des N. radialis, die von der Blei¬ lähmung am häufigsten betroffen werden). Keine Entartungsreaktion der pare- tischen Muskeln, keine sensiblen Störungen, aber Verlust der Sehnenreflexe an dem betreffenden Arm. Oppenheim kommt nach Besprechung und berechtigter Kritik der bisherigen Literatur der Muskelhypertrophien und der Myokymie zu dem Schluß, daß, wenn auch einzelne dem obigen ähnliche, wenn auch nicht komplette Fälle beobachtet zu sein scheinen (Kombinationen von Muskelhypertrophie mit Schwäche, Hyper¬ trophie mit Crampi usw.), der beobachtete Fall doch ein ihm neuartiges Krank¬ heitsbild darstelle. Da der gerade um die Symptomatologie so hochverdiente Autor eine nicht geringe und seiner Ansicht nach wahrscheinlich die Kasuistik erschöpfende Reihe von Literaturangaben macht, unter denen ich meinen Namen nicht finde, so möchte ich ihn darauf aufmerksam machen, daß ioh bereits 1905 Fälle be¬ schrieben habe, 1 die dem seinigen symptomatologisch so nahe stehen, wie keine anderen der von ihm zitierten. Denn sie vereinigten an einer Extremität echte Muskelhypertrophie, Crampi und Lähmung. In einem ganz ana¬ logen 3. Fall (nicht publiziert) trat hierzu noch fibrilläres und grobes fas¬ zikuläres Muskelwogen. Während die Fälle im Nebeneinander der Symptome den OppENHMM’schen anscheinend sehr ähnlich waren, entsprach die pathogenetische Deutung, die ich meinen Fällen geben zu müssen glaubte, nicht derjenigen, die wir in der Arbeit O.’s finden. Ich faßte die Muskelhypertrophie als Folge von exzessiv heftigen Crampis und diese motorische Reizerscheinung als — meiner Erfahrung nach gar nicht so seltene — Folge einer toxischen Polyneuritis auf. Daß die letztere Annahme wohlbegründet war, dafür spraohen außer den klassischen Zeichen der Neuritis der schlaffen, sehnenreflexlosen Lähmung mit partieller Entartungsreaktion (angedeutet) und Sensibilitätsstörungen auch die 1 Nenrolog. Centralbl. 1914. S. 1106 u. f. * Münchener med. Wocbensehr. 1905, Nr. 34. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN Anamnesen und Befunde bezüglich der Intoxikation: Fall I war schwerer Potator (Bier, Wein, Most, Schnaps), hatte eine Peroneusparese und Fall II betraf eine Tabakarbeiterin, die neben ihren neuritischen Symptomen eine (von spezialistischer Seite diagnostizierte) Tabaksamblyopie aufwies. Die Hypertrophie betraf im Fall I die rechte Wadenmuskulatur, im Fall II beide M. tibiales antic., in beiden Fällen diejenigen Muskeln, die tagtäglich schwersten Crampis ausgesetzt waren. Die Parese war — auffallenderweise — in beiden Fällen in den Antagonisten dieser hypertrophischen Muskeln lokalisiert, im Fall 1 in den Muskeln des Peroneusgebiets, im Fall II u. a. auch in den Wadenmuskeln. Die Tatsache der echten Hypertrophie des Muskels war durch seine normale (nicht verminderte, aber auch nicht gesteigerte) Kraft und seine elektrische Reaktion, bei der eine Steigerung der direkten galvanischen Reizbarkeit auffiel, zu erweisen. In dem 3. Falle, den ich 1907 beobachtete (seitdem habe ich keinen gleich¬ artigen mehr gesehen!), war das Symptomenbild annähernd dasselbe, wie im Fall II: Bei einer etwa öOjähr. chronischen Alkoholiatin mit erheblicher Adipositas, die außerdem als Wäscherin viel im Nassen stand, entwickelten sich die Zeichen der linksseitigen Ischias mit heftigen Schmerzen, Hypästhesie und schließlich äußerst hartnäckigen täglichen Crampis des Unterschenkels, die den Fuß und die Zehen dorBalwärts beugten. Gb entwickelte sich eine hochgradige einseitige Hypertrophie des M. tibialis anticus und des M. extensor digitorum; die M. peronei waren links ebenfalls etwas umfangreicher als rechts, wenn auch nicht so erheblich wie die eben genannten Muskeln. Die Wadenmuskeln und ein Teil der Beuger des Knies waren deutlich paretiBoh und zeigten quantitativ herabgesetzte elektrische Reaktionsfähigkeit, keine sichere Entartungsreaktion. Sensible Störungen am äußeren Fußrand. Fehlen des Achillessebnenreflexes (bei leicht erhöhtem Patellarreflexe). Der N. isohiadicus war auf Druck schmerzhaft, das Ischiasphänomen positiv. Bei Abkühlung des Beins traten besonders in sämtlichen Muskeln des Unter¬ schenkels fibrilläre und faszikuläre Zuckungen auf, in den paretischen Muskeln allerdings viel stärker als in den hypertrophischen. Auch in diesem Falle finden wir, wie schon bemerkt, das von Oppenheim beschriebene Syndrom Mnskelhypertropbie, Crampi und Parese, dazu fibrillär¬ faszikuläre Zuckungen, die ich allerdings nicht als typische „Myokymie“ an¬ sprechen möchte. Man sieht, der Symptomenkomplex meiner Fälle ist dem der Oppen- HEiM’schen recht ähnliob, nur in der pathogenetischen Deutung bin ich, wie man mir bezüglich meiner Fälle Recht geben wird, andere Wege gegangen. Ich betone dies deshalb, weil es ex analogia nahe liegen kann, auch in dem OppENHEm’schen Fall die rein myopathische Genese des Leidens für nicht ganz so sicher zu halten, als es der Autor tut. Ich mache nur darauf auf¬ merksam, daß auch im OppENHEiM’schen Fall sich die Paresen auf ein be¬ stimmtes Nerven gebiet, zufällig genau dasselbe, das von der typischen Blei¬ lähmung befallen wird, nämlich die Extensoren am Unterarm, beschränkte, daß die paretischen Muskeln quantitativ herabgesetzte elektrische Reaktion zeigten Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN and daß die Sehnenreflexe an dem betreffenden Arm fehlten; sensible Störungen im Bereich des N. radialis fehlten allerdings, ebenfalls genau wie bei der Blei¬ neuritis. Weitere Argumente dafür, daß der von mir und nun auch von Oppenheim geschilderte Symptomenkomplex Hypertrophie, Crampi und Parese auch auf eine neuritische Ursache zurückgeführt werden kann, sehe ich in dem von mir schon zitierten Falle Bbesslbb’s, der nach einer „unvollkommen geheilten“ Ischias Crampi und auch von Bb. als sekundär aufgefaßte Hypertrophie der krampfenden Muskeln erlebte. Daß auch in den bekannten ScHDLTzs’schen Fällen Muskelhypertrophien nach Crampis (Ulnarisgebiet und M. tensor fase, lat.) die Annahme einer neu* ritischen Genese des Leidens sehr nahe lag, habe ich schon anläßlich meiner ersten Publikation aus dem Fehlen beider Achillessehnenreflexe und eines Patellarreflexes in dem einen Fall geschlossen. Ich möchte also auch bei den ScHULTZE’schen Fällen die primären Crampi als das Produkt eines neu- ritischen Prozesses ansehen. Wie sehr toxische Neuritis zu Crampis disponiert, ist ja eine aus den Wadenkrämpfen der Alkoholiker (mit dem stereotypen Verlust der Achillessehnen¬ reflexe) bekannte Erscheinung; Steinebt hat außerdem nichttetanische Mnskelcrampi bei Bleikranken gesehen, ich konnte seine Erfahrung durchaus bestätigen. Oppenheim stellt in der Besprechung seines Falles die Muskelhypertrophie und die Crampi so nebeneinander, daß man annehmen muß, daß er beide für koordinierte Symptome hält und die kausale Abhängigkeit der ersteren von den letzteren verneint Er spricht dies auch bei Besprechung der bekannten Fb. ScHULTZE’schen Fälle direkt aus. Demgegenüber haben Fb. Schultze, Bbessleb und auch ich in den be¬ reits erwähnten Fällen die Hypertrophie als eine direkte Folge der Crampi aufgefaßt. Ich möchte auch jetzt an dieser Auffassung festhalten und glaube, daß sie durch meine Fälle hinreichend gestützt wird: denn in beiden Fällen hatten notorisch die Muskelkrämpfe etwa s / 4 bzw. 3 Jahre bestanden, bis die Patienten (deren Aufmerksamkeit auf ihre Beine durch die Schmerzen und Lähmungs¬ erscheinungen doch gewiß beständig gelenkt wurde) die Muskelhypertrophien be¬ merkten; genau so im 3. Fall: auoh hier lag über 1 Jahr zwischen dem Auf¬ treten der Crampi und der Ausbildung der Hypertrophie. Abgesehen von diesem Umstand, ist auch die Tatsache, daß die Hyper¬ trophie stets genau das vom Crampus ergriffene Muskelgebiet befiel und nicht darüber hinausging, im Sinne eines kausalen Zusammenhangs beider zu ver¬ werten. Der Einwand Oppenheim’s, daß einfache Spasmen wohl kaum Hypertrophie¬ erzeugend wirken könnten, denn „wir müßten dann die Erscheinung weit häufiger sehen“, ist gewiß berechtigt. Zwischen der Wirkung maximaler, tetanischer Muskelkontraktionen von jahrelanger Dauer und täglich, oft stündlicher Wieder- Digitized by Gck igle Original fram UNIVERSETY OF MICHIGAN 349 holung und derjenigen einfacher Spasmen, ist aber doch ein so starker gradueller Unterschied, daß wir uns wohl vorstellen können, daß die ersteren einen erheb¬ lichen nutritiven Reiz auf den Muskel abgeben können, der den letzteren nicht eigen ist. Wie sehr die Ausbildung der Muskelhypertrophien vom Grade der Hyper- kinese abhängig ist, sehen wir auch bei anderen mit Hypertrophie einhergehenden „Myopathien“, z. B. bei der Myotonie. Die oft gewaltige, athetische Ausbildung der Muskulatur treffen wir fast nur bei der THOMSEN'schen Form des Leidens, dem ohne Dystrophien einhergehenden Typus, der erfahrungsgemäß eine außer¬ ordentlich starke Ausbildung des Myotonus bei der aktiven Bewegung zeigt. Bei der dystrophischen (atrophischen) Form der Myotonie (H. Steinrbt u. a.) ist nun nach meinen Erfahrungen die Hyperkinese weit weniger entwickelt, der myotonische Widerstand wird viel rascher überwunden. Es fehlen deshalb hier — auch in Muskelgebieten, die reine Myotonie und keine Spur von Atrophie zeigen — Hypertrophien der myotonischen Muskeln. II. Referate. Hirnabszeß. 1) A oase of brain absoess, by C. E. Reynolds. (Journ. of the Amer. med. A8soc. LXII. 1914. Nr. 6.) Ref.: W. Misch. Mitteilung eines Falles von Hirnabszeß bei einem 46jährigen Manne. Er¬ krankung mit Erbrechen und Kopfschmerzen. Unfähigkeit die rechten Worte zu finden. Wurde zuerst für Neurasthenie gehalten. Nach einigen Tagen Parese des rechten Armes, Steigerung der rechtsseitigen Sehnen- und Bauchreflexe, was auf eine Hirnthrombose hinwies. Erst nach 8 Tagen machte sich eine Neuritis optica bemerkbar; die Schmerzen wurden jetzt deutlich auf der linken Kopfseite lokalisiert. Nunmehr wurde sofort operiert und es gelang, in der Region des linken Linsenkerns zwei Abszesse aufzufinden und zu entleeren. Nach einer vorübergehenden bedeutenden Besserung kam der Patient am 13. Tage nach der Operation zum Exitus. Bei der Obduktion fanden sich zwei Abszeßhöhlen in der weißen Substanz der Gyri angularis und parietalis, sowie noch ein dritter Abszeß im linken Thalamus opticus, der offenbar den Tod verursacht hatte. Als Erreger wurden Pfeiffersche Influenzabazillen und Staphylococcus aureus gefunden. Verf. weist auf die Wichtigkeit frühzeitiger Explorativoperationen hin. 2) Brain abaoess oaused by fusiform baoilli, by G. F. Dick and L. A. Emge. (Joum. of the Amer. med. Assoo. LXII. 1914. Nr. 6.) Ref.: W. Misch. Bericht eines Falles von Hirnabszeß, der im Gefolge eines Temporosphenoidal- abszesses aufgetreten war und zum Exitus führte. Bemerkenswert ist an diesem Falle, daß sich au9 dem Abszeßeiter eine Reinkultur von fusiformen Bazillen züchten ließ. Dieser Befund spricht sehr dafür, daß die fusiformen Bazillen selbst die Ursache des Abszesses bilden und nicht lediglich als nachträglich eingewanderte Saprophyten in einem durch Streptokokken verursachten Abszeß aufzufassen sind, obwohl man sie häufig mit letzteren kombiniert finden kann. 3) Brain abaoeas due to the baoillus ooli oommunis, by E. P. Bernstein. (Medic. Record. LXXXV. 1914. Nr. 6.) Ref.: W. Misch. Mitteilung eines Falles von Hirnabszeß im linken Temporallappen. Gleich¬ zeitig fand sich eine Otitis media purulenta. In beiden Herden ließ sich der Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 350 Colibacillus als Erreger naohweisen. Da zwischen beiden Herden völlig intakte Oewebsscbichten lagen und traumatische Infektion ausgeschlossen werden konnte, so muß angenommen werden, daß hier die Übertragung auf dem Lymphwege vom Mittelohr direkt zum Gehirn stattgefunden hat. 4) An unusual oase of cerebral absceas, by Harrold Ren ton. (Lancet. 1913. 27. September.) Ref.: E. Lehmann (Oeynhausen). Eine 41jährige Patientin, welche angeblich vor einer Woche an Influenza erkrankt war, wurde in komatösem Zustand aufgenommen. Es bestand linksseitige Fazialisparalyse, leichte Parese der linken Extremi¬ täten, träge Reaktion der Pupillen auf Lichteinfall; Augenhintergrund normal, kein Strabismus. Temperatur 38,5° C. Man stellte die Diagnose auf Blutung in der rechten Gehirnhälfte. Nach 2 Tagen wurde Patientin völlig bewußtlos, es stellt sich Pupillen¬ differenz ein (1. < r.); das Fieber nahm einen remittierenden, hektischen Charakter an. Lungen ohne pathologischen Befund. Es wurde jetzt eine eitrige Gehirnaffektion diagnostiziert, deren Natur und Sitz nicht zu bestimmen. Die Untersuchung der Ohren und der Nase ergab nichts Besonderes. Kurz vor dem Tode hatte sich nach Angabe der Wärterin aus dem Munde der Patientin eine übelriechende grünliche Masse entleert. Woher letztere in den Mund gekommen, konnte nicht festgestellt werden. Bei der Obduktion fand sich im linken Schläfenlappen ein großer abgekapselter Abszeß. Die Abszeßhöhle war nur zum Teil gefüllt, und zwar mit derselben Masse, welohe Patientin kurz vor dem Tode aus dem Munde entleert hatte. Nach unten kommunizierte der Abszeß mit dem linken Mittelohr durch die Pars petrosa des Schläfenbeins. Das linke Ohr und Schläfenbein intakt. Die rechte motorische Region zeigte ausgesprochene Symptome eitriger Meningitis, während die linke Hirnrinde intakt war. An der Gehirnbasis geringe ExBudat- massen, aber kein Eiter. Der mitgeteilte Fall interessiert zunächst dadurch, daß, während die dem Abszeß benachbarte linke Gehirnhälfte intakt geblieben war, die gegenüberliegende rechte Gehimregion durch Infektion meningitisch erkrankt war, obwohl die Gehirn¬ basis nur wenig affiziert wurde. Sodann ist der Weg, durch den der Abszeß sich entleerte, ungewöhnlich. Anstatt durch den äußeren Gehörgang, soheint der Eiter durch die Tuba Eustachii sich entleert zu haben. 5) Traumatischer Himabszeß, von C. S. Freund. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 50.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Nach Auffallen eines faustgroßen Steines bei einer Kletterpartie keine Com- motio cerebri, nur in der folgenden Nacht unruhiger Schlaf. Am nächsten Tage erneute Gebirgswanderung und erst am Abend Schließung der klaffenden Wunde. 2 Tage danach beginnende Symptome eines traumatischen Hirnabszesses, der trotz Operation zum Exitus führte. Die Sektion ergab umfangreiche eitrige Ein¬ schmelzung der Hirnsubstanz im hinteren Abschnitt des rechten Scheitellappens und von da aus senkrecht bis an die Hirnbasis und in den Schläfenlappen. Fast vollständige ödematöse Erweichung der rechten Gehirnhälfte, im Stirnteil be¬ ginnend, nach dem Scheitellappen sich allmählich verstärkend und schließlich eine gelbliche Farbe einnehmend. 6) Hirnabszeß % als Folge peripherer Körpereiterung nach einem Unfall, von Dr. A. Kutzinski. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 4.) Ref.: Br atz (Dalldorf). Nach einer eiternden Unfallsverletzung des linken Fingers trat ein Abszeß des Stirnlappens auf. Klinisch waren die Erscheinungen die, daß sich bei einem 59jährigen Manne, der eine Fingereiterung hatte, Zeichen einer nervösen Er- Digitized by Google Original fro-m UMIVERSITY QLY '„H 351 krankung erstellten. Im Vordergrund standen zunächst psychische Symptome, die Schwerfälligkeit in der Unterhaltung und Gedächtnisschwäche, dazu kamen Kopfschmerzen und Schwindelgefiihl. Ein Anfall, der 2 Monate nach dem Unfall auftrat, legte, da die Augenuntersuchung negativ ausfiel, die Annahme nahe, daß es sich um einen arteriosklerotischen Prozeß handelte. Es wurde daraufhin auch ein Zusammenhang zwischen Unfall und den vorhandenen Symptomen zunächst nicht angenommen. Die Sektion zeigte, daß eine Arteriosklerose der Hirngefäße nicht vorlag. Epikritisch kann man sagen, daß die unbestimmten Allgemeinsymptome, wie Kopfschmerzen, Schwindel, die psychischen Störungen und die Erschwerung der Sprache, mit dem Sitz des Herdes im linken Stirnlappen in Einklang zu bringen sind. Die Lokalisation im Stirnlappen pflegt meist bei rhinogenen Abszessen vorhanden zu sein; die Obduktion hat aber gezeigt, daß hier eine derartige Ursache nicht vorliegt. Als Ursache des Abszesses dürfte vielmehr zweifellos die Fingereiterung an¬ zusprechen sein. 7) Über einen ungewöhnlich frühzeitigen Fall von akutem otitisohen Sohftdellappenabszeß, von S. Jida. (Inaugural-Dissertation. Gießen 1914.) Ref.: K. Boas. Verf. beschreibt einen Fall bei einem 8jährigen Knaben, bei dem am 5. Tag nach Beginn der Ohrenerkrankung ein Extraduralabszeß durch Operation frei¬ gelegt und schon nach 2 Tagen später ein Schläfenlappenabszeß manifest wurde. Anfänglich konnte der extradurale Abszeß nicht diagnostiziert werden. Erst nach der Antrumoperation wurde der vorhandene extradurale Abszeß konstatiert und erst 2 Tage nach der Operation zeigte der Patient eine amnestische Aphasie, welche die Annahme eines Schläfenlappenabszesses ermöglichte. Nach der Statistik Schmiegelows kommt die Aphasie noch nicht bei der Hälfte aller Fälle von otitischem Schläfenlappenabszeß vor. Weiterhin verbreitet sich Verf. ausführlich über die Entstehung der Gehirn¬ abszesse, deren Sitz, ferner in bezug auf Alter, Geschlecht, Mortalität auf Grund neuerer und neuester Statistiken. Hervorzuheben wäre noch, daß die linksseitige Ohreiterung häufiger vorkommt als die rechtsseitige. Da aber nun der linksseitige umgebende Knochen resistenter ist als der der rechten Seite, so ist die Möglich¬ keit eines Vordringens der Eiterung und Entwicklung eines Gehirnabszesses rechts viel größer als links. 8) Ein Beitrag zur Kenntnis der otogenen Sohläfenlappenabszesse, von Dr. Rudolf Leidler. (Mediz. Klinik. 1914. Nr. 2 bis 4.) Ref.: E. Tobias. Verf. beschreibt drei eigene Beobachtungen von SchläfenlappenabBzeß. In dem ersten der mitgeteilten Fälle handelt es sich um einen otogenen Schläfenabszeß, der sich sehr langsam im Anschluß an eine wegen chronischer Otitis vorgenommene Operation entwickelte. Die Funktionsprüfung des Ohres ergab eine hochgradige Mittelohrerkrankung bei normalem Labyrinthbefand, die neurologische Untersuchung eine deutliche amnestische Aphasie. Der Augenbefund deckte eine beiderseitige hochgradige Stauungspapille mit zahlreichen Retinal¬ blutungen auf. Die Eröffnung der alten Operationswunde ergab eine mangelhaft ausgeführte Radikaloperation, bei welcher das Antrum nicht vollkommen eröffnet worden war, so daß es zu einer hochgradigen Eiterretention kam. Der Eiter umspülte das stark erweichte und in größtem Umfange sequestrierte Tegmen. Nach dessen vollständiger Entfernung zeigte sich die Dura in Guldengröße mit Eiter und Granulationen bedeckt und mindestens um das Fünffache verdickt. Da nach kurzer Besserung erneut Fieber und heftige Kopfschmerzen auftreteü, wurde die Dura breit gespalten, wobei ein sehr ausgedehnter, mit fötidem Eiter und nekrotischen Gewebsfetzen erfüllter Abszeß entleert werden konnte. Nach Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 352 vorübergehender Verschlimmerung trat darauf Besserung ein, bis nach 2 Monaten plötzlich neu auftretende Kopfschmerzen mit Erbrechen einen neuen Eingriff not¬ wendig machten, bei dem in der alten Abszeßhöhle ein neuer viel größerer Abszeß gefunden wurde. Seit l 1 /, Jahren Heilung. Der Fall ist vor allem wegen des schnellen Rezidivs von Interesse, das nicht leicht zu erklären ist. Vielleicht handelt es sich um einen Durchbruch aus einem naheliegenden Abszeß in die Abszeßhöhle. In dem zweiten Fall war wegen typischer Otitis die Radikaloperation ge¬ macht worden, bei der sich schon, wenn auch symptomlos, die latente Labyrinth¬ wand leicht erkrankt zeigte. Nach der Operation heilte die Wunde nicht aus, die Sekretion wurde immer stärker und sehr fötid. In den nächsten Monaten entwickelten sich rechtsseitige Kopfschmerzen, attackenweise auftretender Dreh¬ schwindel mit Erbrechen, Abnahme des Hörvermögens; es zeigten sich ein nach beiden Seiten gerichteter horizontaler Nystagmus, sehr starke Erregbarkeit des Labyrinths, keinerlei Gehirnsymptome. Die Operation ergab eine Fistel. Am folgenden Tage zeigten sich die typischen Symptome einer diffusen serösen Laby¬ rinthitis (heftiger Schwindel mit Erbreohen ohne Fieber, Nystagmus rotatorius), die bald abklangen. Neue schwere Symptome machten erneutes Eingreifen er¬ forderlich und zwar die typische Labyrinthresektion. Danach trat Heilung ein, nur war die Wundhöhle vollkommen von prolabiertem Gehirn ausgefüllt, ein retroaurikulärer Prolaps, der auch die hintere Gehörgangswand vorwölbte. Ein Jahr später bildete sich im Gehörgang ein nässendes Ekzem, das jeder Behandlung trotzte; gleichzeitig entzündete sich die Haut über dem Prolaps, welcher größer wurde und deutlich pulsierte. Kopfschmerzen, Schwindel traten auf usw. All¬ mählich traten Symptome einer eitrigen Meningitis und bald der Exitus ein. Die Sektion ergab einen in der Tiefe des Schläfenlappens sitzenden und in den Ven¬ trikel durchgebrochenen Hirnabszeß und davon ausgehend eine diffuse eitrige Meningitis. Besonders instruktiv ist der dritte Fall, bei dem sich in ganz kurzer Zeit im Anschluß an eine akute Otitis ein Schläfenlappenabszeß entwickelte. Die Operation zeigte eine Fistel in den Hirnhäuten, durch welche der Schläfenlappen¬ abszeß nach außen durchgebrochen war. Das genügte nicht zur Heilung. Trotz¬ dem der Abszeß gar keine Symptome machte, war es unbedingt notwendig, ihn von der Fistel aus durch ausgiebige Eröffnung zu drainieren. Bemerkenswert war dann besonders der Verlauf, indem das Kind, um das es sich handelt, vor dem operativen Eingriff die schwersten Terminalerscheinungen darbot und dennoch zur Heilung kam. 9) Erfahrungen über den otitisohen Hirnabszeß, von Max Maier. (Archiv f. Ohrenheilk. XCV. 1914. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. berichtet über 38 Fälle von otitischem Hirnabszeß (Straßburger Klinik), und zwar 23 Großhirn- und 15 Kleinhirnabszesse. Davon 12 Heilungen und 26 Todesfälle. Die Schläfelappenabszesse überwiegen an Zahl. Die Abszesse entstehen links und rechts ungefähr gleich häufig. Meningitis ist häufig, unter 26 Todesfällen hatte 6 mal Ventrikeldurchbruch stattgefunden. Bei Kindern bis zum 10. Lebensjahre wird der Hirnabszeß selten beobachtet; in diesem Alter spielt die Meningitis, besonders die tuberkulöse, eine Rolle. Sehr schwierig kann die Differentialdiagnose zwischen Meningitis und Hirnabszeß sowie zwischen Hirntumor und -abszeß sein. Als diagnostisches Hilfsmittel kann die Probepunktion nicht entbehrt werden, wenigstens so lange, als die Diagnose und Lokalisation des Hirnabszesses nicht absolut sicher gestellt werden kann. 10) Der orbitogeno Hirnabszeß und seine Operation, von El sehnig. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 6.) Ref.: Pilcz (Wien). Nach Erörterung der Literatur teilt Verf. folgende Fälle eigener Beobachtung mit: Digitized by Google Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 353 I. 23jährige Frau, seit 1 1 / 2 Jahren wachsende Geschwulst der rechten Tränen¬ drüse. Bei der Operation ergibt sich chronische Tuberkulose. Einige Tage später Nahteiterung, starke Schwellung der Wundgegend. Im weiteren Verlauf einmal Erbrechen, dann epileptischer Anfall, Mydriase, Bewußtlosigkeit, beiderseits Oph¬ thalmoplegie, Puls 64, Exitus. Obduktion: Fast taubeneigroßer Abszeß im rechten Stirnlappen, dicht oberhalb der Basis mit umschriebener Verwachsung der Meningen. Ostitis mit ostitischem Defekte des Orbitaldaches. II. 12 jähriger Knabe, vor 4 Wochen Phlegmone des linken Oberlides, Inzision, eine Woche später Erbrechen, Kopfschmerz, Bradykardie, Apathie. Geringe links¬ seitige Ptosis, beiderseits Stauungspapille, links mehr, Apathie, rechtsseitige Sehnenreflexe ein wenig lebhafter bei Andeutung rechtsseitiger Muskelschwäche, vielleicht links Anosmie. Temperatur 38, Puls 60. Operation mit Eröffnung des Orbitaldaches, Inzision der Dura und des Stirnlappens, Eröffnung eines Abszesses. Heilung. III. 45jähriger Mann, Periostitis an der inneren, oberen Gegend der linken Orbita. Wassermann negativ, Klausnersche Pallidinreaktion positiv, was für tertiäre Lues sprechen würde. Lues zugegeben. Salvarsan, Schmierkur, Entfernung von Nasenpolypen, Behandlung einer Eiterung aus Stirnhöhle, Orbitalphlegmone, Operation, dann Radikaloperation der Stirnhöhle. Einige Tage Kopfschmerzen, unregelmäßiges Fieber. Plötzlich ganz benommen, Puls 60, keine meningitischen Erscheinungen, fragliche sensorische Aphasie; Operation mit Spaltung eines Abszesses, im Stirnlappen. Rechtsseitige Hemiparese, Exitus. Obduktion: Die Abszeßhöhle war entleert, eitrige Meningitis der ganzen rechten Großhirnhemi¬ sphäre, beginnende Enzephalitis des restlichen Stirnlappens und angrenzender Partien des Schläfelappens. Verf. schildert genau Operationstechnik. Das Schädelinnere wird durch das obere Orbitaldach angegangen. Das Wichtigste ist möglichst frühzeitige Operation. Radiogramm läßt in Stiob, Stauungspapille weder im positiven, noch negativen Falle sicher zu ver¬ werten. Lumbalpunktion bedenklich wegen Gefahr eines vorzeitigen Durchbruches des Abszesses. Bei leisestem Verdachte, Fieber, Erbrechen u. dgl. bei orbitalen Prozessen sollte der Eingriff gemacht werden. 11) Der orbitogene Hirnabszeß and seine Operation, von Prof. Dr. A. El sehnig. (Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. 1914. März/April.) Ref,: Fritz Mendel. Die vom Verf. gemachten Beobachtungen zeigen, daß der orbitogene Hirn¬ abszeß eine konstante Lokalisation im Stirnhirn hat, daß er durch Operation von der Orbita aus leicht zugänglich ist, und daß er damit ebenso in die Domäne des Ophthalmologen gehört, wie der otogene in die des Otiaters. Vorbedingung des Erfolges ist natürlich frühzeitige Diagnose des Leidens. 12) Über den orbitogenen Hirnabszeß, von Bailaban. (Prager med. Wochen¬ schrift. 1915. Nr. 3.) Ref.: Pilcz (Wien). 12jähriges, schwer tuberkulöses Kind. Es entwickelte sich am linken oberen Orbitalrande ein kalter Abszeß, der operiert wurde. Etwa 3 Wochen später Be¬ wußtlosigkeit, allgemeine Krämpfe mit linksseitiger Deviation, rechtsseitige Fazialis¬ parese, Andeutung von Kernig, Puls 160, klein, Temperatur 38,5. Neuerliche Operation, wobei die Dura bloßgelegt wurde, die nicht pulsierte. Fundus normal, Lumbalpunktat klar, von geringem Zellgehalte, ohne Hämolyse. Sensorium in der Folge wechselnd, Fieber. Neuerliche Operation mit Inzision der Dura und des Stirnlappens vom oberen Orbitaldache aus. Entleerung eines großen Stirn¬ lappenabszesses. 6 Tage nach der Operation entwickelte sich Neuritis optica und ein Hirnprolaps, während die Eiterung aus der Abszeßhöhle aufhörte. Lumbal¬ punktat ergab jetzt Leukozytose. Allmählicher Rückgang sowohl der Neuritis optica wie des Hirnprolapses. Schließlich vollständige Heilung, xxxiv. 23 Digitized hy Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 354 In den epikritischen Bemerkungen, in denen sich Verf. hauptsächlichst auf die Arbeiten Elschnigs bezieht, hebt er namentlich den Umstand hervor, daß Stauungspapille erst während der postöperativen Phase zur Entwicklung kam, ferner den spontanen Rückgang des Hirnprolapses, endlich das merkwürdige Ver¬ halten der Lumbalbefunde. 13) Zur Frage der orbltogenen Stirnhlrnabszesee, von Marguliez. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 6.) Ref.: Pilcz (Wien). Verf. knüpft an die Publikation von Elschnig (s. Ref. 10) Betrachtungen, in denen er die großen Schwierigkeiten einer Frühdiagnose erörtert. Stauungs¬ papille kann lokaler Genese sein, Erbrechen ist inkonstant und tritt erst zu einer Zeit auf, da schon ein meningitischer Prozeß vorliegt. Wichtig ist Bradykardie und Kopfschmerz, namentlich lokale Druck- und Perkussionsempfindlichkeit. Lumbalpunktion ist nicht ungefährlich, bei bestehendem Abszesse kann eine Trübung fehlen. Vorwalten polynukleärer Leukozytose und positive Hämolysin- reaktion zeigt freilich an, daß eine akute Meningitis schon eingetreten ist, daher ein operativer Eingriff zu spät käme. Ausgesprochene Herdsymptome kommen nur bei vorgeschrittenen Fällen vor, Andeutungen von Halbseitenerscheinungen da¬ gegen können für die Frühdiagnose von Wert sein. 14) Zur Ätiologie der rhinogenen Hirnabszesse, von Heigel. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 50.) Ref.: Pilcz (Wien). Fall von mehr spezi fisch- bakteriologischem als neurologischem Interesse. 15) Zur Kasuistik der rhinogenen Stirnhirnabszesse, von Piffl. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 6.) Ref.: Pilcz (Wien). 36jähriger Mann, Schnupfen, Schwellung des linken Oberlides, starkes ödem beider Lider, Bulbus stark nach vorn, weniger nach außen, spurweise nach unten verdrängt. Senkung und Abduktion bedeutend, Hebung und Adduktion weniger eingeschränkt. Pupillenreaktion prompt, im Fundus leichte Stauungserscheinungen. Temperatur 38,2. Behandlung einer Nebenhöhleneiterung brachte zunächst Besse¬ rung aller Symptome. Fieber hielt an. Lumbalpunktion förderte stark getrübte Flüssigkeit zutage, die gram-negative Kokken enthielt. Nach schwankendem Ver¬ laufe Erbrechen, Doppelbilder, die okulären Symptome nahmen an Intensität stark zu. Radikaloperation der linken Stirnhöhle brachte zunächst wieder günstiges Resultat. 5 Wochen später schleimig-eitriges Sekret aus Wundrändern, Erbrechen, Fieber, Zunahme des Exophthalmus und der Beweglichkeitseinschränkung des Bulbus. Linke Pupille eine Spur enger. Operation von der Stirnhöhle aus mit Vor- und Eindringen bis in das Cerebrum. Exitus. Obduktion: Weiche Hirn¬ häute rechterseits über der Konvexität wenig, an der Basis reichlich mit Eiter infiltriert. Im linken Frontallappen ein nußgroßer Eiterherd, sich bis an das Balkenknie fortsetzend. Im Ventrikel trübe Flüssigkeit, Hirnödem. In den epikritischen Bemerkungen schlägt Verf. u. a. vor, bei derartigen Fällen, die ein Zusammenarbeiten zwischen Rhinologen und Okulisten erfordern, nicht nur den Elschnigschen Weg einzuschlagen (s. Ref. 10), sondern eine Gegenöffnung nach Abtragung der inneren Stirnhöhlenwand anzulegen, Spaltung der Dura, Eröffnung und Offenhaltung der inzidierten Hirnsubstanz. 10) Über die okulo-orbitalen, intrakraniellen und zerebralen Komplikationen nasalen Ursprungs, von Prof. Dr. Onodi. (Med. Klinik. 1914. Nr. 17.) Ref.: E. Tobias (Berlin). In der Pathogenese der rhinogenen okulo-orbitalen und zerebralen Kompli¬ kationen spielt die Infektion und die Fortleitung des krankhaften Prozesses die Hauptrolle. Der Infektionsweg ist in der Kontinuität und durch die Gefäße fest¬ gestellt. Verf. gibt mit statistischen Angaben eine detaillierte Übersichtsschilderung der einzelnen Störungen und bespricht insbesondere die Neuritis optica retro- bulbaris, die Meningitis und den Gehirnabszeß. Nicht immer ist es leicht, den Digitized by »v Google Original from _U.MIVERSITY_QEMl£ 355 Zusammenhang mit dem rhinoskopischen Befund festzustellen bzw. die Frage zu entscheiden, ob es sich um ein akzidentelles Bestehen beider Arten von Störungen nebeneinander handelt. Zum Schluß wird die Therapie kurz erörtert. 17) Zur Kasuistik der Stirnhöhleneiterungen mit intrakraniellen Kompli¬ kationen, von A. Solowiejczyk und Br. Karbowski. (Zeitschr. f. Laryngol., Rhin. u. Grenzgeb. VII. 1914. H l.) Ref.: Kurt Mendel. Fall von Stirnhöhleneiterung; großer epiduraler Abszeß; der Eiter verdrängte stark die Stirnlappen und füllte die Hälfte der vorderen Schädelgrube aus. Später Osteomyelitis sämtlicher Knochen des Schädeldaches. Klinisch: keine Stauungs¬ papille. Psychische Unruhe, heftige Kopfschmerzen, völlige Schlaflosigkeit, pyämische Temperatur. Exitus. 18) Experimentelle Untersuchungen aur Mechanik der intrakraniellen und zerebralen Komplikationen der Stirnhöhlenentaündungen, von H. Zwillingen (Archiv f. Laryngologie. XXVIII. 1914. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Die Wege, auf weichen intrakranielle und zerebrale Komplikationen von der Stirnhöhle aus statt finden können, sind, außer den bekannten, die in direktem Zusammenhänge mit den perimeningealen Lymphräumen stehenden Lymphwege der Stirnhöhlenschleimhaut. 19) Über die Verwertung des Abderhaldensohen Dialysierverfahrens bei intrakraniellen Komplikationen entzündlicher Ohr- und Nasenerkran¬ kungen, von J. Zange. (Archiv f. Ohrenheilkunde. XCIII. H. 3 u. 4.) Ref.: Max Senator (Berlin). Das Abderhalden sehe Verfahren scheint berufen, uns auch in der Diagnose und Prognose intrakranieller Ohr- und Nasenkomplikationen weiter zu bringen. Es wird voraussichtlich bei der Erkennung subduraler Entzündungsherde, bei der Diagnose des Hirnabszesses richtige Fingerzeige geben können und uns auch über den Umfang und die Dauer der Hirnbeteiligung im Verlauf einer Meningitis, usw. Aufschluß geben können. Das wird aber alles nur möglich sein bei engster An¬ lehnung an das klinische Bild und in Verbindung mit einer gleichzeitigen exakten Untersuchung des Liquor cerebrospinalis in zytologischer und biochemischer Be¬ ziehung. Um hier gleichmäßige und sowohl untereinander wie mit dem Ergebnis anderer Kliniken vergleichbare Resultate besonders hinsichtlich des Liquordruckes zu erhalten, ist dringend zu raten, daß überall der gleiche Praktionsapparat be¬ nutzt wird. Es empfiehlt sich besonders der Reichmannsohe. Denn eine exakte Liquordruckbestimmung wird wahrscheinlich bei der Diagnose subduraler Ent¬ zündungen von großer Bedeutung werden. Auch nach der Narkose treten im Blut hirnabbauende Fermente auf, die Abderhalden sehe Reaktion ist positiv; die erste Blutuntersuchung hat also stets der Narkose voranzugehen und nachher ist zu warten, bis die Narkoseschädigung des Gehirns überwunden ist, da man sonst die positive Fermentreaktion fälschlich als durch den entzündlichen Prozeß bedingt ansehen könne. Grundlegend für die vorstehenden Ausführungen ist die anderweitig gefundene Tatsache, daß bei experimenteller Schädigung — mechanisch oder infektiös — von Nervengewebe im Blute nervengewebeabbauende Fermente auftreten. 20) Gehirnabszeß nach Zahnerkrankung. Mißerfolg der LeitnngsanäathesieP von Dr. Bannes. (Mediz. Klinik. 1915. Nr. 14.) Ref.: E. Tobias. Gehirnabszesse sind entweder embolisch-metastatischen Ursprungs, oder sie verdanken ihr Entstehen einem Infektionsvorgang, der sich in der Nähe des Ge¬ hirns abspielt. Zu letzteren Gehirnabszessen gehören besonders die otitischen und die traumatischen, dann diejenigen, die sich nach eitrigen Erkrankungen der Schädelknochen und Schädelhöhlen (Siebbein, Keilbein, Orbita) oder der Schädel¬ weichteile (Erysipelas faciei) entwickeln. Eigenartigerweise ist noch niemals ein 23* Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSSTY OF MICHIGAN 356 Gehirnabszeß Dach einer Zabnerkrankuog beobachtet worden, was offenbar an ana¬ tomischen Verhältnissen liegt. Um so bemerkenswerter ist der mitgeteilte Fall. Patient, 27jähriger Landwirt, hat sich 2 Monate vor Krankenhausaufoahme 5 Zähne ziehen lassen; dabei hat er eine Einspritzung in den linken Unterkiefer bekommen, seit diesem Tage datiert sein Leiden. Die Anamnese bietet nichts besonderes. Patient macht einen schwerkranken Eindruck. Es besteht eine leichte Ptosis links, starke Druckempfindlichkeit auf der ganzen linken Kopfhälfte, besonders an dem Foramen supra- und infraorbitale, vor dem linken Ohr und am Foramen mentale, ln den großen Zahnlücken sind verschiedene stark gerötete und gedunsene, granulierende Stellen sichtbar, besonders im hinteren Abschnitt des linken Unterkiefers. Dort quillt aus den sehr druckempfindlichen Stellen, an welchen die hintersten Backzähne gesessen haben, Eiter heraus. Temperatur 37,5°. Augenhintergrund frei. Diagnose: Neuritis infectiosa n. Trigemini sinistri. Im weiteren Verlauf trat mehrfach Erbrechen auf, dann zeitweilig Nackenstarre, Kernig. Das Spinalpunktat ergab keinen Befund. Das Sensorium begann sich zu trüben, die Temperatur zwischen 38 und 39° zu schwanken. Wegen starker Pulsverlangsamung und Abszeßverdacht wurde darauf in der Gegend des Ganglion Gasseri trepaniert. Die Operation ergab einen Gehirnabszeß — Exitus. Es handelt sich demnach um einen Gehirnabszeß, der im Anschluß an eine Zahnerkrankung entstanden ist, und zwar nach dem pathologisch-anatomischen und mikroskopischen Befunde durch Fortleitung des Infektionsprozesses in der Nerven¬ scheide des Raum8 mandibularis trigemini. Dabei läßt sich nicht kurzerhand entscheiden, ob die tödliche Erkrankung durch spontanes Übergreifen des infek¬ tiösen Zahnleidens auf die Nervenscheide entstanden ist oder ob die an den Zähnen vorgenommenen Eingriffe, insbeson4ere die Injektion zum Zwecke der Mandibular¬ anästhesie dabei ursächlich mitgewirkt haben. Immerhin wird man in Anbetracht der Möglichkeit der Entstehung eines Gehirnabszesses durch Mandibularanästhesie die Folgerung ziehen müssen, daß die Leitungsanästhesie bei infektiösen Prozessen in der Nähe des Foramen mandibulare absolut kontraindiziert ist. Kleinhirn. 21) Ein Beitrag zur Kenntnis der Kleinhirnbahnen beim Menschen, von W. Sauer. (Folia neurobiologica. VIII. 1914. Nr. 4.) Ref.: P. Röthig. An dem Befunde eines Kleinhirntumors beim Menschen wird zunächst die Literatur der Kenntnis von den afferenten und efferenten Kleinhirnbahnen be¬ schrieben. Es folgt darauf die Darstellung der Untersuchung des beobachteten Spezialfalles, die zu dem allgemeinen Ergebnis führte, daß die von Cajal, Edinger und Horsley an Tieren gewonnenen Anschauungen auch für den Menschen gelten: die efferenten Kleinhirnbahnen entstammen den Kleinhirnkernen, die afferenten endigen in der Kleinhirnrinde. 22) Contributo sperimentale allo Studio delle Looalizzazioni oerebellari, perEtt.Greggio. (FoliaNeurobiologica. VIII. 1914. Nr. 2.) Ref.: P.Röthig. Die Arbeit enthält die Schilderung von Kompressionsversuchen am Kleinhirn. Die Experimente betrafen — die Kleinhirneinteilung von Bolk (und van R^jn- beck) zugrunde gelegt — den Lobus anterior, Lobus simplex, Lobulus ansiformis, Lobulus S von van Rijnbeck und Lobulus paramedianus. Es ließ sich das Vor¬ handensein von Lokalisationen im Kleinhirn feststellen: manche von den eintreten¬ den Erscheinungen an den Tieren (Hunde) sind auf lokale Reizung und auf raBche Ausfallsläsionen zurückzufiihren. 23) Untersuchungen über die Funktion des Flocculus am Kaninchen, von Robert B&rany. (Jahrb. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. Wagner v. Jauregg-Festschrift.) Ref.: Kurt Mendel. Digitized by Gck .gle Original fro-m UMIVERSITY OF MICHIGAN 357 Aus den Versuchsergebnissen sei folgendes hervorgehoben: Bei Reizung der Rinde des linken Flocoulus erhält man eine Bewegung des linken Auges nach oben und eine Rollung naoh hinten. Diese Bewegung erfolgt stets ganz langsam und ist in allen Fällen bis auf einen sehr schwach gewesen. Das rechte Auge macht eine Bewegung nach abwärts und rollt ebenfalls nach rückwärts. Diese Bewegung ist aber stets schwächer als die Bewegung des linken Auges. Manchmal ist sie auch gar nicht zu sehen. Exstirpiert man die Rinde des Flocculus durch vorsichtiges Zerzupfen, so tritt stets dort, wo die Reizung eine Bewegung nach oben und eine Rollung nach hinten ergeben hatte, eine ganz langsame ebenso kleine Bewegung des linken Auges nach abwärts und eine Rollung nach vorne auf. Das rechte Auge macht die entgegengesetzte Bewegung nach aufwärts und eine Rollung nach vorne. Allein auch hier ist die Bewegung am rechten Auge noch schwächer als am linken. Wichtig ist der genaue Antagonismus der fara- dischen Reizung und der Exstirpation, wie er bei allen Eieinhirnexperimenten wiederkehrt. Hat man die Rinde zerzupft, so erhält man von dem Mark entweder dieselben ganz geringen und langsamen Bewegungen wie von der Rinde oder über¬ haupt keinen Effekt. Geht man nun mit der Exstirpation gegen die Tiefe gegen den Flocculusstiel zu, so ändert sich plötzlich das Bild: das linke Auge geht nun in allen Fällen stark nach aufwärts und rollt deutlich nach rückwärts. Das rechte Auge geht in geringerem Grade nach abwärts und rollt ebenfalls nach rückwärts. Auch diese Bewegung ist eine langsame, doch erfolgt sie stets etwas rascher als die Bewegung nach Exstirpation der Rinde. Wiederholt werden auch einige Nystagmusschläge dabei sichtbar und diese haben stets eine ganz bestimmte Richtung. Es sind Schläge von vertikalem Nystagmus am linken Auge nach abwärts, von horizontalem Nystagmus am linken Auge nach rückwärts, von rota¬ torischem Nystagmus am linken Auge nach vorne. Bei faradischer Reizung erhält man wiederum genau die entgegengesetzte Bewegung der Augen. Vom Stiel des linken Flocculus wird auf derselben linken Seite der Abdu- zenskern für den linken Rectus externus, der Trochleariskern für den rechten Obliquus superior, der Oculomotoriuskern für den linken Rectus inferior, für den rechten Rectus superior und Rectus medialis, für den rechten Obliquus inferior innerviert. Der Bechterewsche Kern ist ein dem Flocculus untergeordneter Kern;- die Fasern zum Trochlearis und Oculomotorius derselben Seite ziehen via Bech¬ terewkern. 24) Cerebellar Symptoms and oerebellar loealization, by Ch. K. Mills and Th. K. Weisenburg. (Journ. of the Amer. med. Association. LXIII. 1914. Nr. 21.) Ref.: W. Misch. Als Grundsymptom der Kleinhirnerkrankungen wird die Asynergie bezeichnet, deren spezielle symptomatische Äußerungen Hypermetrie, Adiadokokinesie und Tremor sind; als Folgen der asynergischen Anstrengungen sind Asthenie, Atonie und Ataxie zu betrachten. Aus kinematographischen Beobachtungen von Klein- himkranken ergab sich folgendes: Der Gang ist schwankend. Die Extremitäten¬ bewegungen bei bestimmten Handlungen sind zu groß; z. B. sind beim Finger- Nasen versuch der ganze Arm und die Schulter beteiligt. Es besteht ein Verlust des Emotionsausdrucks. Es findet sich eine Asynergie der Zunge, des Fazialis und des Larynx, wodurch die zerebellare Sprache entsteht. Asynergische Bewegungen von Kopf und Nacken sind meist nicht vorhanden. Die Augen sind unruhig in¬ folge einer Asynergie der Augäpfel. Als Herdsymptome für Kleinhirnherde können asynergische Bewegungsstörungen auftreten in den Augenbewegungen, der Kopf¬ haltung und -bewegung, den Bewegungen der Backen, des Gesichts, der Zunge, des Larynx usw. (Sprach- und Emotionsstörungen), der Körperhaltung und -be¬ wegung, der speziellen Bewegungen der oberen Extremitäten (feine Bewegungen, Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 358 insbesondere Schreiben), des Schultergürtels, der speziellen Bewegungen der unteren Extremitäten und des Beckengürtels. Auf Grund der Vergleiche zwischen den kinematographischen Beobachtungen und Autopsieergebnissen wird folgendes Schema für die Lokalisation in der Kleinhirnrinde aufgestellt: In der oberen Kleinhirn¬ fläche liegen im Lobus quadrangularis ant. von vorn nach hinten die Zentren für die Kopf- und Augenbewegungen, für die Gesichts- und Zungenbewegungen, für die Bewegungen des Larynx und die des Pharynx; im Lobus quadrangularis post, für die Extensorenbewegungen der oberen Extremitäten, im Lobus semilunaris sup. für die Flexion der oberen Extremitäten, in den beiden letzteren Lappen zu¬ sammen: medial für die Adduktion, lateral für die Abduktion der oberen Ex¬ tremitäten; im CHvub liegen vorn die Zentren für die Hals-, hinten für die Rumpf¬ bewegungen, dicht neben dem letzteren Zentrum das für die Bewegungen des Schultergürtels. In der unteren Kleinhirnfläche sind die Zentren für die unteren Extremitäten, hinten medial für die Bewegungen des Beckengürtels lokalisiert. 26) Der Kleinhirnanteil der Pyramidenbahn (die serebellare Pyramide), von K. Schaffer. (Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXVII. 1915. H. 5.) Ref.: W. Misch. Die an mehreren Fällen angestellten Untersuchungen über den zerebellaren Anteil der Pyramide, der bei Paralytikern besonders ausgeprägt sich vorfindet, hatten die vom Verf. folgendermaßen resümierten Ergebnisse: Es gibt haupt¬ sächlich am paralytischen, aber auch am nicht paralytischen Zentralorgan im basalen Bereich der Brücke und des verlängerten Marks gewisse Bündel, welche als Fase, pontis medialis und lateralis, ferner als Fase, bulbi lateralis und ventro- lateralis bezeichnet werden. Diese Bündel stammen von der ponto-bulbären Pyramide ab; namentlich von der medialen Abteilung der Pyramide der Fase, pontis medialis, von dem lateralen Abschnitt der Fase, pontis lateralis und bulbi lateralis, von dem ventralen Teil der Fase, bulbi ventrolateralis. Somit sind sämtliche Bündel abgelöste Pyramidenstränge. Der Fase, pontis lateralis kann isoliert Vorkommen; kann ferner mit einem Fase, bulbi lateralis vergesellschaftet sein, wo dann letzterer die Fortsetzung des Fase, pontis lateralis darstellt; endlich kann der Fase, bulbi lateralis gleichfalls allein entwickelt sein. Bildet der Fase, pontis et bulbi late¬ ralis einen einzigen Körper, so kann man von einem Fase, ponto-bulbi lateralis sprechen. Diese Bündel bedeuten Verbindungen der Pyramide einesteils mit den motorischen Bulbärkernen, anderenteils mit dem Kleinhirn, indem die Fase, pontis überwiegend eine nukleo-bulbäre, die Fase, bulbi eine bulbo-zerebellare Pyramide darstellen. Als essentielle Benennung wird für erstere Tractus pyramidalis nucleo- bulbaris, für letztere Tractus pyramidalis homolateralis bulbo-cerebellaris vor¬ geschlagen. Ebenso stellt eine bulbo-zerebellare Pyramidenbahn in gewissen Fällen das Pick sehe aberrierende Pyramidenbündel dar. Die bulbo-zerebellare Pyramide gelangt mit dem Strickkörper in die homolaterale Kleinhirnhälfte; die innige Ver¬ mengung derselben mit der Strickkörperfaserung läßt mit Berechtigung annehmen, daß die Fasern der bulbo-zerebellaren Pyramide ebendort endigen wie die Strick¬ körperfasern, d. h. im Wurm. Im Wurm trifft somit eine spino-zerebellare Bahn mit einer kortiko-bulbo-zerebellaren zusammen; erstere als eine Tonus steigernde, letztere als eine Tonus schwächende. Da die Endigung dieser Bahnen um die Purkinjesche Zelle herum geschieht, ist die Annahme, die Purkinjesche Zelle wäre eine Tonus regulierende Zentrale, nicht ungerechtfertigt. Die geschilderten ponto- bulbären Bündel sind bald außergewöhnlich stark entwickelt und stellen dann abnorm erscheinende Bündel dar, bald sind sie mikroskopisch schwach und fehlen dann makroskopisch. Sie haben einen doppelten Verlauf, einen oberflächlichen und einen tiefen, von welchen der erstere die obengenannten, makroskopisch sicht¬ baren Bündel entstehen läßt Die erwähnten Bündel stellen Verlaufs- und Ent¬ wicklungsvarietäten der Pyramidenbahn dar, welche im paralytischen Zentralorgan Digitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 359 eine außergewöhnlich starke Entwicklung erfahren können, und sind alsdann als Zeichen einer gewissen Anlagelabilität zu betrachten; sie sind bei der Paralyse im Sinne der Endogenese zu deuten. Als wichtigstes Ergebnis der vorliegenden Arbeit ist das Vorhandensein eines homolateralen zerebellaren Pyramidenabschnittes zu betrachten. Somit hat die eigentliche Pyramidenbahn drei Hauptabschnitte: 1. einen spinalen, welcher zu den motorischen Extremitätenkernen (Vorderhörnern) führt; 2. einen bulbären, bestimmt für die motorischen Hirnnervenkerne und 3. einen zerebellaren, welcher aus a) einer bulbo-zerebellaren und b) einer ponto- zerebellaren Abteilung bestehen dürfte. Erstere ist für den Menschen durch vor¬ liegende Arbeit erwiesen und leitet via Strickkörper zur gleichseitigen Kleinhirn¬ hälfte, namentlich zum Wurm; letztere konnten Economo und Karplus experi¬ mentell anatomisch bei den höheren Säugern entdecken, welche via Brückenarm überwiegend ungekreuzt zu den Kleinhirnhemisphären, zum kleineren Teil zu dem spinalen Teil des Wurmes leitet. Somit bedeutet die bulbo zerebellare Pyramide einen homolateralen, direkten Zug zum Wurm, die ponto-zerebellare Pyramide einen überwiegend homolateralen, direkten Zug zur Kleinhirnhemisphäre; die motorische Großhirnrinde ist daher so mit der Hemisphäre, wie mit dem Wurm des Kleinhirns in unmittelbarer Verbindung. 26) Gatartige Affektion im Kleinhirnbrüokenwinkel, von Woltär. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 26.) Ref.: Pilcz (Wien\ Fall 1. 39jährige Frau, seit 2 Jahren — letzter Schwangerschaft — Kopf¬ schmerzen, Erbrechen, Taumeln nach links, Schwäche beim Gehen. Linkes, vordem schwerhöriges Ohr ward in ziemlich akuter Weise völlig taub; seit 8 Tagen Schlechtsehen, Gefühllosigkeit der linken Wange und Gliedmaßen, Schwäche der¬ selben, heftige Hinterhauptschmerzen. Stat. praes.: Fundus normal, linksseitige Fazialisparese, Qaintusanalgesie mit Kornealareflexie, linksseitige Extremitäten kühl, links Bauchdeckenreflex fehlend, Taumeln nach links. Im Laufe der folgenden Monate vollständiger Rückgang aller subjektiver Beschwerden, linksseitige Gesichtshälfte blieb schlaff, leicht atrophisch, hyp&lgetisch, Kornealreflex daselbst fast erloschen. Nur beim Gang mit geschlossenen Augen starke Neigung nach links abzuweichen. Verf. glaubt, in diesem Falle einen Tumor ausschließen zu können und denkt an einen entzündlichen oder sonst irgendwie reparablen Prozeß im Kleinhirn¬ brückenwinkel. Fall II. 20jähriger Mann, erkrankt akut unter Spracherschwerung, links¬ seitiger Fazialislähmung, linksseitiger Trigeminusanalgesie, Kopfschmerzen, Schwindel, Neigung nach links auszuweichen, linksseitiger fast völliger Taubheit, Hinter¬ hauptschmerzen. Schwitz- und Schmierkur brachte nur geringe Besserung. Der Stat. praes. von 1912 ergab: Nystagmus horizontalis, linksseitige Fazialislähmung, Schwerhörigkeit, Ageusie, Kaumuskelschwäche; Erbrechen, Fundus normal. Befund blieb nun etwa 2 Jahre ziemlich unverändert, bis eine leichte Verschlechterung in der letzten Zeit sich bemerkbar machte. Stat. praes. von 1914 zeigte im Fundus leichte neuritische Erscheinungen, Schmerzen und Zuckungen in dem linken Unter¬ lide und linken M. quadratus mentis, Schwäche der Beine, namentlich links, heftige linksseitige Hinterhauptschmerzen, Ataxie des linken Beins. Sonst Befund wie damals. Verf. denkt an einen langsam proliferierenden Tumor. 27) Cyste of the oerebello-pontine angle; Operation, with relief of Sym¬ ptoms, by C. L. Dana and C. A. Eisberg. (Medic. Record. LXXXVI. 1914. Nr. 25.) Ref.: W. Misch. Mitteilung eines Falles, der mit Erbrechen und Kopfschmerzen begann; nach und nach traten Schwindelanfälle und Zwangsbeweguugen nach rechts auf; es bestand Neigung nach rechts zu fallen, Taubheit auf dem rechten Ohr, Ungeschick- Di gitizeti by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 360 lichkeit der rechten Hand, zunehmender Sehverlost, beiderseitige Neuritis optica, Nystagmus mehr nach rechts als nach links, leichte rechtsseitige Fazialisparese, leichte Anästhesie des rechten Trigeminus. Bei der Operation fand sich eine große, dünnwandige, multilokulare Zyste im Kleinhirnbrückenwinkel, die sich nach außen und hinten auf die Nerven ausdehnte. Durch Punktion wurden 50 ccm klarer, gelber Flüssigkeit entleert; Exstirpation der Wände war wegen ihrer Dünne nicht möglich. Nach der Operation trat eine schnelle, deutliche Besserung der Symptome ein, die nach 4 Wochen so gut wie alle verschwunden waren. 28) Zur Symptomatologie und Pathologie der Kleinhimzysten, von Alfred Alexander. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Bef.: K. Boas. Bericht über einen Fall von zystischem Kleinhirntumor, der wegen der typi¬ schen Symptome bereits intra vitam als rechtsseitiger Zerebellartumor diagnostiziert worden war. 29) Ein kasuistischer Beitrag zur Kenntnis von teratoiden Gesohwülsten im KleinhirnbrüokenWinkel, von Toyojro Kato. (Jahrb. f. Psych. u. Neurol. XXXV. 1914. S. 43.) Bef.: Pilcz (Wien). 16jähriges Mädchen. Beginn 2 Jahre ante exitum mit in rechter Hinter¬ hauptsgegend lokalisierten Kopfschmerzen, Erbrechen und Drehschwindel, derart, daß Patientin die Empfindung hat, als ob ihr Körper sich von links nach rechts, die Umgebung von rechts nach links drehen. Kalorischer Nystagmus rechts kaum auslösbar, Drehen des Kopfes von links nach rechts ruft Schwindel mit Nystagmus nach rechts hervor. Schwerhörigkeit und Sausen im rechten, später auch im linken Ohre. Häufig anfallsweise Exazerbationen — Vestibülaranfalle Ziehens. Allmählich Hemiplegia alternans facialis mit Hemihypästhesie. Areflexie der Kornea rechts. Nystagmus horizontalis, zerebellare Ataiie mit Neigung nach rechts zu fallen. Später rapid zunehmende Stauungspapille, Sprachstörung, rechts¬ seitige Abduzensparese, Taumeln nach links. Endlich linksseitige Fazialislähmung von peripherem Typus, Störungen des Geschmackes und Gaumensegelbewegung rechterseits. Exitus an Lobulärpneumonie. Obduktion: Taubeneigroße Zyste zwischen rechter Kleinhirnhemisphäre, Brücke und Schläfenlappen. In der Flüssigkeit reichlich Cholestearinkristalle. Die Zyste verdrängt stark die umgebenden Partien des Kleinhirns, der Brücke und Oblongata mit Abplattung des rechten Fazialis, Acusticus, weniger des Quintus. Am vorderen Pol der Zyste ein knöchernes Gebilde, das nach vorn bis zur Gegend des Infun- dibulum reicht und eine tiefe Grube eingedrückt hat, deren Boden durch den stark komprimierten rechten Hirnschenkel und vorderen Teil der rechten Brücken¬ hälfte gebildet wird. In dieser Grube eingelagert, seitlich vom rechten Tractus * opticus umfangen, liegt eine zweite haselnußgroße Zyste. Hydrocephalus internus. Die histologische Untersuchung ergab Teratom mit ekto- und mesodermalen Ge- websbestandzellen. Die sehr genauen, durch Abbildungen im Texte veranschaulichten histo¬ logischen Befunde an Tumor und Zentralnervensystem mögen im Originale nach¬ gelesen werden. 30) On the oerebellar syndrome of Babinski with report of a oase, by H. K. Marks. (Journ. of nerv, and ment, disease. XLI. 1914. Nr. 11.) Bef.: W. Misch. Mitteilung eines Falles, bei dem nach einem Scharlach mit ausgesprochenen Delirien, bei erhaltener Motilität und Sensibilität, sowie normalen akustischen und vestibulären Funktionen, schwere Koordinationsstörungen, nämlich Dysroetrie, Asynergie, Adiadochokinese, sowie allgemeine choreiforme Bewegungen auftraten. Es wird sodann auf die Bedeutung dieses sogen. Babinskiscben Kleinhirnsyndroms gegenüber den von Duchenne beschriebenen Kleinhirnsymptomen hingewiesen. Das Auftreten der choreiformen Bewegungen mit dem Babinski sehen Syndrom Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 361 weiat darauf hin, daß die choreatischen Störungen wahrscheinlich ebenfalls mit einer Kleinhirnaffektion Zusammenhängen. 31) The meohanism of labyrinthine nystagmus and its modificatlone by lesions in the cerebellum and oerebrum, by J.G. Wilson and F. H.Pike. (Arch. of intern, med. XV. 1915. Nr. 1.) Ref.: W. Misch. Aus ihren experimentellen Untersuchungen, die in extenso noch an anderer Stelle publiziert werden sollen, über den Ursprung des langsamen Nystagmus kommen die Verff. zu folgenden Schlüssen über den Mechanismus des Nystagmus: Zugrunde liegt demselben irgend ein Agens, welches eine Abweichung der Augen von der primären Gleichgewichtsstellung hervorruft. Beim Labyrinthnystagmus ist dieses Agens im Labyrinth zu suchen. Der M. rectus int auf der Seite der langsamen Abweichung und des M. rectus ext. auf der entgegengesetzten Seite sind einer größeren Spannung als gewöhnlich unterworfen. Diese Spannung, die eine Reizung der sensiblen oder afferenten Nervenendigungen der Augenmuskeln bedingen, löst afferente Impulse aus, die durch die afferenten Fasern im 3., 4. und 6. Hirnnerven zum Gehirn gelangen. Diese afferenten Impulse ihrerseits lösen in den 0culomotoriu8zellen des Gehirns efferente Impulse aus, die eine schnelle, ruckweise Kontraktion des M. rectus int. auf der Seite der langsamen Abweichung und des M. rectus ext. auf der entgegengesetzten Seite bewirken, unter gleich¬ zeitiger Erschlaffung der antagonistischen Muskeln. Die Wirkung hiervon ist eine Rückkehr der Augen zu der primären Stellung. Über diese Medianstellung gehen die Augen nicht hinaus, wenn das Gehirn intakt ist, da ja die afferenten Kon¬ traktionsimpulse des M. rectus int. und ext. aufhören, wenn die Augen diese Gleich¬ gewichtsstellung erreichen. Läsionen der Gehirnhemisphären auf der Seite der Augenabweichung beseitigen oder reduzieren die schnelle Komponente, da von der Hemisphäre dieser Seite die efferenten Impulse ausgehen, die die Zurück- beweguDg der Augen zur Medianlinie bewirken. Die Stelle, deren Läsion die schnelle Nystagmuskomponente ausschaltet, ist im Schläfenlappen oder seiner Nachbarschaft gelegen. 32) Ooolusion of the posterior inferior cerebellar artery, by A. C. Gillis. (Journ. of the Amer. med. Assoc. LXIII. 1914. Nr. 18.) Ref.: W. Misch. Es werden zwei Fälle von Verschluß der Art. cerebellaris post. inf. mitgeteilt. Der Symptomenkomplex war in beiden Fällen der durchaus typische: plötzliches Auftreten ohne Bewußtseinsverlust, Neigung nach einer Seite zu fallen, Aufhebung der Schmerz- und Temperaturempfindung, ohne Veränderung der Berührungs¬ empfindung und der übrigen Sensibilität, auf der einen Seite des Gesichts und der gegenüberliegenden Seite des Körpers, dazu Sympathicuslähmung auf der einen Seite. 33) Klinik und Pathologie eines atypischen Falles von Versohluß der Art. oerebelli post, inf», von H. Haike und F. H. Lewy. (Monatsschr. f. Psych. u. Neur. XXXVI. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel. Bei einer seit ihrer Jugend an chronischer Mittelohreiterung leidenden Patientin traten im 60. Jahre allmählich zunehmende Zeichen einer entzündlichen Erkrankung des inneren Ohres auf. Eine Eröffnung des horizontalen Bogenganges und des Labyrinthes besserte vorübergehend Schwindel, Kopfschmerz und Nystagmus. Nach einigen Wochen verschlimmerten sich diese Symptome aber wieder, es trat spontane und Druckschmerzhaftigkeit der rechten Gesichtsseite und Tränen des rechten Auges auf; beim spontanen Zeige versuch Abweichen des rechten Armes nach rechts. Adiadokokinese; Ataxie der rechtsseitigen Extremitäten; abnorme Kopfeinstellung; Romberg nach hinten, wechselnd nach links und rechts. Verkleinerung der rechten Lidspalte, Enophthalmus. Geringe abendliche Temperaturen. Tremor der rechten Hand. Diagnose: Affektion der rechten Kleinhirnhemisphäre nahe der Mittellinie. Mit Rücksicht auf die vorausgeg&ngene Mittelohr- und Labyrintheiterung wurde Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 362 an einen Hirnabszeß gedacht. Wegen des starken Schwankens der Symptome und der wiederholten Besserung wurde aber wegen der Möglichkeit eines arterio¬ sklerotischen Prozesses von einer Operation Abstand genommen. Erst als bedroh¬ liche Symptome auftraten, wurde zur Freilegung des Kleinhirns geschritten, nach deren erstem Akt der Tod eintrat. Sektion: allgemeine hochgradige Hirnarterio¬ sklerose, besonders ausgeprägt im Kleinhirn. In der rechten Hemisphäre im Ver¬ sorgungsgebiet der Art. cerebelli post. inf. eine ältere Erweichung in der Tiefe des Lob. semilun. inf. und Biventer sowie eine frische Blutung aus einem ge¬ platzten Aneurysma des genannten Gefäßes nahe der Mittellinie, während in der Medulla oblongata nur geringfügige Störungen nachzuweisen sind. In der Groß- und Kleinhirnrinde hat die Arteriosklerose zu ausgedehnten Verödungsherden, dagegen außer der im Biventer usw. erwähnten nicht zu Erweichungen geführt Im Kleinhirn besteht ein eigenartiger histologischer Prozeß mit Auftreten massen¬ hafter fuchsinophiler Granula, über deren Bedeutung man noch nichts Sicheres weiß. Auffallend war im vorliegenden Falle, daß weder der Einwärtstonus des Hüft¬ gelenks noch der des Handgelenks, deren Zentren nach Bar&oys Annahme dem Zentrum des im vorliegenden Falle geschädigten Einwärtstonus des Armgelenks im Biventer benaohbart liegen, sich in ihrer Funktion als geschädigt erwiesen haben trotz der ausgedehnten Läsion dieses Kleinhirnabschnittes. Ferner ist be¬ merkenswert, daß das mindestens l 1 /* Jahre bestehende Vorbeizeigen des rechten Armes nach außen trotz der langen Dauer keine Kompensation erfahren hat« Es ist aber fast allein auf Grund der Bäranyschen üntersuchungsraethode möglich gewesen, im vorliegenden Falle eine ungefähre Lokalisation innerhalb der rechten Kleinhirnhemisphäre vorzunehmen, die dem Sektionsbefund einigermaßen entspricht, denn der Zeigeversuch findet sich nur bei Hemisphärenläsionen. Von Oblongata- Symptomen kamen nur eine gleichseitige Tri gern inushyperästhesie sowie Sym- pathicusstörungen am Auge zur Beobachtung und auch diese nur vorübergehend. Es lag daher kein triftiger Grund vor, bei dem vermuteten Gefäßprozesse speziell an die Art. cerebelli post. inf. zu denken, da die beschriebenen Fälle gerade auf die gekreuzte Sensibilitätsstörung und die sonstigen Oblongatasymptome als charakteristisch hinweisen. Kriegsbeobachtungen. 34) Die Hirnphysiologie im Dienste des Krieges, von Max Rothmann. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 14.) Refi: E. Tobias (Berlin). Verf. bespricht zunächst den Einfluß früherer Kriege auf hirnlokalisatorische Beobachtungen und hebt hervor, daß das Tatsachenmaterial 1870/71 äußerst dürftig gewesen ist. Wesentlich bedeutsamer war es im russisch-japanischen Kriege und in den Balkankriegen. Zu dem großen Weltkriege, der jetzt im Bereioh der europäischen Kulturländer entbrannt ist, sind zwei Fragen zu stellen: Was kann die Hirnphysiologie in diesem Weltkriege leisten? und Was für wissenschaftlichen Gewinn kann die Hirnphysiologie aus den furchtbaren Verletzungen dieses Krieges ziehen? Es ist dabei von besonderer Bedeutung, daß es sich so gut wie aus¬ schließlich um jugendliche, vorher gesunde Individuen handelt, was für die Frage der DiaschisiB von Wichtigkeit ist. Spielt die Diaschisis eine Rolle, so muß sie weitgehend die Erscheinungen der umschriebenen Hirnlokalisation überlagern und unkenntlich machen; spielt sie keine wesentliche Rolle, so muß sich dies an der Beobachtung streng umschriebener Hirnlokalisationen und an der weitgehenden Restitution erkennen lassen. Weiterhin ist von Bedeutung, daß es sioh stets um Rindenläsionen handelt. Die Infektion der Schädelwunden ist eine wichtige Kom¬ plikation, die die physiologische Beobachtung und Verwertung der Ausfallserschei¬ nungen oft unmöglich macht. Verf. geht dann zu den Beobachtungen selbst über. Die Hirnschüsse be- Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHiGAN 363 stätigen mit erfreulicher Klarheit fast wie Tierexperimente das uns aus der Physio- logie und Pathologie Geläufige. Einige wichtige neue Beobachtungen sind zu verzeichnen. Bezüglich der Extremitätenregion kann man z. B. feststellen, daß die anfänglich schlaffen Lähmungen der gekreuzten Extremitäten einer weitgehen¬ den Rückbildung fähig sind. Von besonderem Interesse sind dann die ausführlich besprochenen Affektionen der Gebiete hinter der Zentralfurche, die Schußverletzungen für die Frage nach der Projektion des Sehens im kortikalen Sehzentrum und die Verletzungen, die das*Stirnhirn und die Sprachzentren betreffen ubw. Die Be¬ obachtungen ergaben u. a. die wichtige Tatsache, daß bei den Hirnläsionen, die in der Regel nur begrenzte Abschnitte der einzelnen Hirnzentren ausschalten, eine außerordentlich weitgehende Restitution der Funktion zu erwarten ist, die durch planmäßige Übung gefordert und beschleunigt wird. Die Hirnchirurgie vermag in diesem Kriege zu zeigen, daß sie viel zu leisten imstande ist; eine ganze Reihe bemerkenswerter Operationen gibt davon beredte Kunde. 35) Der Krieg und die traumatischen Neurosen, von Hermann Oppenheim. (Berliner klin. Wochenschr. 1916. Nr. 11.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. beginnt seine Ausführungen mit einem Überblick über die Entwicklung der Lehre von den traumatischen Neurosen. Er faßt das Schicksal der trauma¬ tischen Neurosen vor Ausbruch des Krieges etwa wie folgt zusammen: Der Name „traumatische Neurosen“ durfte nicht mehr gebraucht werden, sie wurden weiter beschrieben und die Schilderung fand Anklang, wenn eine andere Bezeichnung wie Schreckneurose, Emotionsneurose oder dergl. gewählt wurde; gestattet wurde allenfalls der Name Unfallsneurosen. Nur in den letzten Jahren trat hier und da wieder der Name traumatische Neurose hervor. Anerkannt war der Begriff traumatische Hysterie, aber mit dem Beigeschmack, daß zwischen ihr und Simu¬ lation keine scharfe Grenze besteht. Das Trauma wird nicht von dem Unfall, sondern von den Begehrungsvorstellungen gebildet. Blitzschlag und elektrische Unfälle erhielten ihre Sanktionierung erst durch die Feststellung, daß dabei neben den funktionellen Schädigungen oft auch organische Veränderungen vorliegen. Auch gab man zu, daß große Katastrophen wie Erdbeben usw. zu Psychosen und Neurosen führen können. Verf. erörtert nun die Tatsachen, die der Krieg in dieser Beziehung vor Augen geführt hat. Was zunächst die Frage der Disposition anbelangt, so konnte man einwand¬ frei feststellen, daß die schweren Kriegstraumen auch bei bis da gesunden, nicht belasteten Menschen Neurosen (und Psychosen) hervorbringen können. Die Schäd¬ lichkeiten selbst teilt Verf. in mechanische, seelische und gemischte, wobei er zu letzteren besonders die starken Detonationen rechnet. Bezüglich der Symptome und Symptomenkomplexe hat der Krieg Oppenheims frühere Erfahrungen be¬ züglich der traumatischen Neurose vollauf bestätigt, die Kenntnisse vertieft und den Theorien eine festere Unterlage gegeben. Die KrankheitszuBtäode, in die sich die Kriegsneurosen in der Mehrheit der Fälle einreihen lassen, sind die Neurasthenie sowie die Kombination von Hysterie und Neurasthenie, wozu als verhältnismäßig häufige Symptome der Tic, die Crampi musculorum und verschiedene Formen des Zitterns hinzukommen; diese Symptome haben in diesen Fällen nichts mit Hysterie zu tun. Verf. führt des näheren aus, daß mit der Bezeichnung traumatische Hysterie die Lehre von den traumatischen Neurosen nichts weniger als erschöpft ist, daß nicht-bysterische Neurosen und bisher wenig bekannte Läh¬ mungsformen, wie die Akinesia amnestica und die Reflexlähmung, hier eine min¬ destens ebenso bedeutende Rolle spielen, daß es Krankheitszustände gibt, die trotz aller Opposition verflossener Jahre die Bezeichnung traumatische Neurose mit Recht führen. Schließlich wendet er sich der Frage der Simulation zu und beweist ausführlich die Hinfälligkeit dieses Verdachts, der bei den früheren leidenschaftlichen Diskussionen in der Frage der traumatischen Neurose eine so große Rolle gespielt hat. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 364 36) Über Streifschüsse an der Sch&delkapsel , von Dr. Noehte. (Deutsche roed. Wochenschr. 1915. Nr. 8.) Ref.: Kurt Mendel. Die Mehrzahl der Patienten mit Streifschuß an der Schädelkapsel haben nicht nur über ziemlich erhebliche Beschwerden zu klagen, sondern lassen auch An* Zeichen von organischen Verletzungen des Zentralnervensystems erkennen; sie ge¬ hören deshalb nicht zu den Leichtverwundeten, sondern brauchen Bettruhe, klinische Behandlung und Beobachtung; differentialdiagnostische Schwierigkeiten bietet ihre Abtrennung von Neurasthenikern. Die Streifschüsse machen neben den lokalen Erscheinungen auch Storungen allgemeiner Art, Puls- und Temperaturanomalien, Apathie. Die Frage nach der Dienstfähigkeit von Leuten, die einen Streifschuß am Kopf erhalten haben, läßt sich nicht generell beantworten. Wenn alle Be¬ schwerden und alle objektiven Erscheinungen einer Gehirnverletzung verschwunden sind, so brauchen keine Bedenken gegen den Wiedereintritt in die fechtende Truppe geäußert zu werden. Psychiatrie. 37) La oriminalidad en Buenos Aires 1887 a 1912. Bus oausas y remedioe, por M. A. Lancelotti. (Rev. de Criminologia, Psiquiatria y Medicina-legal. 1914. Nr. 2.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.). Auch in Argentinien, und zwar besonders in der Millionenstadt Buenos Aires gibt die Zunahme der Kriminalität zu Sorgen Anlaß. Die Zahl der Ver¬ brecher stieg von 1887 bis 1912 von 5,4 auf 6,1 pro Tausend Einwohner im Alter von 15 bis 70 Jahren, und zwar entfällt die Zunahme nur auf die Ausländer, während bei den Argentiniern der von jeher nicht unbeträchtliche Prozentsatz un¬ verändert geblieben ist. Nach Besprechung der Ursachen schlägt Verf. verschiedene Mittel, wie Verbesserung des Strafgesetzbuchs, Überwachung der Einwanderung, Bekämpfung der Landflucht usw. vor. 111. Aus den Gesellschaften. Ärztlicher Verein in Hamburg. Sitzung vom 26. Januar 1915. Bef.: M. Nonne (Hamburg). Herr Saenger: Über die durch den Krieg bedingten Folgezustände im Nervensystem. Vortr. beriohtet zunächst über seine Erfahrungen über peri¬ phere Nervenverletzungen. Am häufigsten fand er Verletzungen des N. radialis: danach kommen die des Olnaris und des Medianus. Hierbei wurden nicht selten andere Grenzen der Sensibilität festgestellt, als sie in den Lehrbüchern angegeben sind. Je nach der Art der Verletzung fanden sich inkomplete Lähmungen und partielle Sensibilitätsstörungen. In sechs Fällen von Medianusverletzungen fanden sich trophische Störungen: Rötung der Haut, Schwellung, Schweiße. In drei Fällen verminderten sich die trophischen Symptome nach Freilegen des Nerven und Befreiung desselben von dem umgebenden Narbengewebe. Vortr. demonstriert im Lichtbilde sieben Fälle von Plexusverletzungen, um die Verschiedenheit der sensiblen Ausfallserscheinungen zu demonstrieren; ferner fünf Fälle von /Becken¬ schüssen. Die heftigen Schmerzen nach peripheren Nervenverletzungen sind, ab¬ gesehen von lokal einwirkenden Momenten (Narben, Splitter, Aneurysmen), abhängig von des Individualität der Verletzten, wobei auch die Zugehörigkeit zu den ver¬ schiedenen Stämmen unseres Volkes eine gewisse Rolle zu spielen scheint. Die Ansichten Oppenheims über die Kombinationen von Nervenverletzungen mit psychischen und vasomotorischen Störungen kann Vortr. weder mit Bezug auf ihr Vorkommen, noch auf ihre Deutung bestätigen. Sie finden sich ebenso bei nicht „nervösen“ Wunden, wie Bruns sich ausdrückt, und sind als psychische Begleit- Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 365 erscheinungen bei besonders disponierten Persönlichkeiten aufzufassen. Dagegen beobachtete Vortr. ebenso wie Oppenheim eine oft sehr späte Entwicklung der Zuckungsträgheit. Zur Operation peripherer Nervenverletzungen muß man erst nach völliger Verheilung der Wunden schreiten. Bei sehr heftigen Schmerzen ist nach Versagen anderer Behandlungsmethoden dlp Neurolyse angezeigt. Überhaupt empfiehlt Vortr. ein mehr aktives Verhalten, da in vielen Fällen nur durch die Neurolyse und event. Entfernung von Fremdkörpern, Knochensplittern komprimie¬ renden Aneurysmen die Restitution des betr. Nerven ermöglicht wird. In seltenen Fällen ist sogar ein frühzeitiger Eingriff angezeigt, während für die Mehrzahl der Fälle ein anfänglich exspektatives Verhalten bessere Heilerfolge gibt. Die Hirn- sohüsse sind entweder diametrale oder tangentiale oder Steckschüsse. Vortr. beobachtete 38 Kopfschüsse, von denen acht die Hinterhauptsgegend betrafen. Besonders lehrreich war ein Fall mit linksseitiger homonymer lateraler Hemi¬ anopsie, der in zwei Lazaretten wegen Fehlens gröberer Hirnsymptome verkannt worden war, besonders war ferner ein Fall von Tangentialschuß des Hinterhauptes mit homonymer Hemianopsie der einen und Quadranthemianopsie der anderen Seite, sowie ein Fall mit Einschuß in der linken Zentralwindung und Ausschuß in der Medianlinie des Hinterhauptes, der eine rechtsseitige Hemianopsie darbot, bei der die Trennungslinie durch den Fixierpunkt ging, und ein Fall von Tan¬ gentialschuß des Hinterkopfes mit Erhaltung eines Gesichtsfeldquadranten, der ohne Eröffnung der Dura erfolgreich operiert wurde. Von drei Tangential¬ schüssen des Stirnhirns verliefen zwei symptomlos, bei dem dritten bestand nur eine Herabsetzung des Geruches. Auch bei einem Diametralschuß durch das Stirnhirn konnte ein objektiver Befund nicht erhoben werden, es bestanden nur Kopfschmerzen. Von sechs Stirnbeinschüssen wurden zwei erfolgreich operiert, außer einer Herabsetzung des Geruchs in einem Falle und Kopfschmerzen in einigen anderen wurden nervöse Störungen nicht beobachtet. Schußverletzungen in der Gegend der Zentralwindungen kamen in 16 Fällen zur Beobachtung, meist mit kontralateraler Hemiplegie unter Beteiligung der Zunge und des Mundwinkels. Bei den linksseitigen Verletzungen kam es auch zu aphatischen Störungen. Über¬ raschend war die schnelle Restitutionsfähigkeit der jugendlichen Gehirne. Wäh¬ rend die Streifschüsse häufig mit heftigen Kopfschmerzen einhergehen, ist das bei den Diametral- und Steckschüssen weit weniger der Fall. Unter acht Gesichts- schüssen wurden drei Verletzungen des N. opticus, zwei des N. facialis, zwei des N. facialis und acusticus und einer des N. acusticus beobachtet. Zwei Fälle von operiertem Hirnabszeß verliefen rasch letal. Zwei Fälle wurden mit günstigem Erfolg von Prof. Wiesinger operiert. Die Rückenmarks Verletzungen sind zu trennen in 1. totale Markläsionen, 2. partielle Markläsionen, 3. Halbseitenläsionen und 4. Commotio spinalis oder Shock. In zwei Fällen von totaler Markläsion wurde nach neurologischer und röntgenologischer Lokalisation der Kugel erfolg¬ reich operativ eingegriffen. In vier Fällen von partieller Markläsion ging der Schußkanal in der Nähe des Rückenmarks vorbei und war der Verlauf ein gün¬ stiger. In einem Falle von halbseitiger Läsion wurde die Kugel erfolgreich ent¬ fernt. Bezüglich der Operation nimmt Vortr. auf Grund seiner Erfahrungen einen vermittelnden Standpunkt zwischen den sehr aktiv vorgehenden Chirurgen und den extrem konservativen Neurologen ein. Wenn die .Röntgenaufnahme ein Geschoß oder Knochenteile im Wirbelkanal nachweist, so läßt er auch bei totaler Quer¬ läsion operieren, namentlich wenn dieselbe frischen Datums ist. Zwei Verletzungen der Cauda equina gaben eine bessere Prognose. Von zwei Verletzungen des Hals- sympathicus zeigte der eine Miosis und Lidspaltenverengerung, der andere außer¬ dem noch Enophthalmus und Anhidrosis. Bezüglich der Kriegsneurosen und •psychosen bestätigt Vortr. die Ansicht, daß es eine eigentliche Kriegspsychose nicht gibt. Natürlich treten auf dem Boden der psychopathischen Konstitution Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 366 im Kriege leicht pathologische psychische Reaktionen auf. Doch darf man nicht gleich jede Schlaflosigkeit und andere nervöse Störungen als pathologisch ansehen. Häufig wird latente Dementia praecox, Paralyse, Epilepsie im Kriege manifest. Doch läßt sich durch genaue Anamnese sehr oft feststellen, daß schon vor dem Kriege Symptome der Krankheit yorhanden waren. Nach Granatexplosionen kommt es auch ohne äußere Verletzungen zu eigenartigen Störungen, deren Ursache (Meningealblutung und dergl.) noch weiterer Aufklärung bedarf. Unter der Zivil¬ bevölkerung beobachtete Vortr. die verschiedenartigsten Kriegsschädigungen, z. B. Fälle von Manie, von Selbstmord, u. a. Angstneurosen. Andrerseits wurden er¬ freulicherweise viele Psychopathen durch den Krieg günstig beeinflußt. Vortr. kommt zu dem Schlüsse, daß gerade dieser Krieg zeigt, welch widerstandsfähiges, kräftiges und gesundes Nervensystem durchgehende unser deutsches Volk besitzt. Autoreferat. Sitzung vom 9. Februar 1915. Herr H ess stellt einen 37jährigen Patienten ohne bemerkenswerte Anamnese vor, welcher durch eine Halsdrüsenabszeßoperation am 23. XI. 1914 eine akziden¬ telle Inzision oder partielle Diszision des Ramus externus n. aocesaorii sinistri erlitten hat. Status am 3.II. 1915: Tieferstehen der linken Schulter, welche auch bei aktivem Heben derselben gegen die rechte zurückbleibt, deutliches weiteres nicht flügelförmiges Abstehen des Schulterblattes von der Wirbelsäule, keine Schaukelstellung und keine Andeutung dieser, das seitliche Abheben des gestreckten Armes ist nicht biB zur Horizontalen möglich (Mollier), das Heben des Armes nach vorwärts ist bis fast zur Vertikalen möglich, leichte Abflachung und Eingesunkensein der Schlüsselbeingegend, der klavikuläre Teil des Sterno- cleidomastoideus ist nicht so scharf kontouriert wie rechts. Kopfstellung und Kopf¬ bewegungen frei. Die elektrische Untersuchung ergibt partielle Entartungsreaktion (faradische und galvanische Herabsetzung vom Nerven aus — links bei 4 Mill.-A. KaSZ, rechts bei 2 Mill.-A. KaSZ —, faradische und galvanische Reaktion der sternalen Portion des Sternocleidomastoideus etwas herabgesetzt, aber vorhanden, faradische Reaktion vom Cucullaris und der klavikulären Portion des Sternocleido¬ mastoideus erloschen, galvanische nur bei starken Strömen erregbar, teils KaZ, teils träge AnZ.) Es wird die Ähnlichkeit dieses Falles mit einem von Kaiser (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. 1913) publizierten, in dem allerdings auch der interne Ast gelähmt war, besprochen und den Schlußfolgerungen Kaisers in bezug auf die doppelte Innervation des Sternocleidomastoideus sowohl seitens des Acces- soriu8 (klavikuläres Bündel) wie der Zervikälnerven beigestimmt (contra Schlodt- mann), jedoch vor einer Verallgemeinerung des Schlusses gewarnt wegen der individuellen Verschiedenheiten des Accessoriusverlaufs und der Anastomosen mit den Zervikalnerven. Autoreferat. IV. Neurologische und psychiatrische Literatur vom 1. Juli bis 31. Dezember 1914. (Die als Originale in diesem Centralblatt veröffentlichten Arbeiten sind hier nicht noch einmal angeführt.) (Schluß.) V. Psychologie. Ziehen, Physiol. Psychologie. Jena, G. Fischer. 504 S. — Berze, Psychol. u. Psych. Psych.-neur. Woch. Nr. 15 u. 16. — Binswinger, Psychol. Fragen i. d. klin. Psych. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 574. — Middlemlss, Cases of psychol. interest. Journ.ofment.se. Juli. — Forel, Menschliches Erkenntnisvermögen Joum. f. Psychol. u. Neurol. XXI. H. 2. — Hatschek, Rückschlagserschein. a. psych. Gebiete. J&hrb. f. Psych. XXXVI. S. 229. — Lechner, K., Das Wesen der Impressionen u. Revelationen. Wien. med. Woch. Nr. 43 u. 49. — Rose, G., Topisches Gedächtnis. Zeitschr. f. Psychol. Digitized by Google Original from UNIVERS1TY OF MICHIGAN LX1X. H. 3 u. 4. — Benuss*. Gestalte Wahrnehmungen. Ebenda. — Heilbronner, Intelligenz- u. Demenzprüfungen. Die Naturwissenseh H. 28. — Voss, G., Assoziationsprüfung bei Kindern. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. 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Nr. 52. — Gold- bladt, H., Einseit. Gehörshalluzin. Zeitschr. f. Psych. LXXI. H. 4 bis 5. — Schultze, B. S., Gynäkol. u. Psychiatrie. Mon. f. Geburtsh. August. — Gordon, Nerven- u. Geistesstörung nach Kastration b. d. Frau. Journ. of amer. med. Ass. 17. Okt. — Brill und Karpas, Insanity among Iews. Medic. Record. 3. Okt. — Green, E. M., Psychosen bei Negern. Journ. of nerv. dis. Nr. 11. — Haberkant, Napoleon als affektepilept Psychopath. Prager med. Woch. Nr. 38. — Münzer, A., Dostojewski als Psychopathuloge. Berliner klin. Woch. Nr. 51. — Togami, Stoffwechsel bei Psychosen. Mon. f. Psyohol. XXXIII. H. 1. — Darling u. Newcomb, Wasserm.-Reakt. bei akuten u. chron. Geisteskr. Journ. of nerv. dis. Nr. 9. — Sioli , Ab¬ wehrfermente in d. Psychiatrie. Arch. f. Psych. LV. H. 1. — Schroeder, Abderhaldensche Meth. Berliner klin. Woch. Nr. 28. — Kastan, Dasselbe. Arch. f. Psych. LIV. H. 3. — Loeb, S., Dasselbe. Klin.-therap. Woch. Nr. 29. — Nieszytka, Dasselbe. Deutsche med. Woch. Nr. 30, Psych.-neurol. Woch. Nr. 14 u. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVI. S. 546. — Schwarz, E., Dasselbe. Mon. f. Psych. XXXVI. H. 1. — Hosental, St. und Hllffert, Klin. Verwertbarkeit der Abderh. A$eth. in der Psych. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVI. S. 6. — Dimitz und Frle», Abderh. Dialysieverf. auf psych. u. neurolog. Gebiet. Wiener med. Woch. Nr. 43. — Fauser, „Passive“ Übertragung der Fermente von Geisteskr. Münchener med. Woch. Nr. 29. — Brückner, E. L., Diagnost. Bedeut, d. Hämolysinreakt. f. d. Psych. Arch. f. Psych. LV. H. 1. — Entres, Schädelinhalt Geisteskr. Ebenda. LIV. H. 3. — Schleich, R., Psychose bei Trypanosom. Inaug.-Dissert. Tübingen. — Hummel, Ungewöhnliche Sektions¬ ergebnisse bei Geisteskranken. Psycb.-neur. Woch. Nr. 14. — Myerson, A. t Relat. Gewicht von Leber u. Gehirn bei Psychosen. Journ. of nerv. dis. Nr. 7. — Southard, Prophylaxe d. Psychose. Journ. of amer. med. Ass. 28. Nov. — Peters, Steriliz. of ment, defect., consid. from the physiol. standp. Med. Record. 29. Aug. — Starllnger, Schutz und Fürsorge für Geisteskranke. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 49. — Kunz, G., Psychiatrie u. Zwangserzieh. Vierteljahrsschr. f. öffentl. Gesundh. XLVI. H. 3. — Meyer, E., Künstl. Abort bei psych. Störungen. Arch. f. Psych. LV. H. 1. — Angeborener SchwachMnn: Betern u. Lazar, Analyse einiger Schwachsinnfälle. Zeitschr. f. Kinderheilk. XII. H. 2 bis 3. — Petery, Mikrozephale Idiotie mit Gehirnmißbildung. Journ. of amer. med. Ass. 15. Aug. — Ziehen, Ätiol. u. Auffass. d. sogen, „moralischen Schwachsinns“. Wiener med. Woch. Nr. 43. — SexueUes: Weiler, K„ Exhibitionismus bei larvierter Epilepsie. Friedr. Blätt. f. ger. Med. H. 4. — Sutton, Trichotillomanie. Journ. of amer. med. Ass. 12. Dez. — Funktionelle Psychosen: Dryidale, Juvenile Psychose. Journ. of amer. med. Ass. 10. Okt. — Schupplut, Eifersüchte wahn. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVII. H. 3 u. 4. — Kämmerer, W., Kasuistik des „moralischen Irreseins“. Inaug.-Dissert. 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Nr. 7. — Weiler, K., Mord u. Mordversuch bei Dem. praec. Friedr. Bl. f. gerichtl. Med. Nr. 4 u. 5. — Holmes, Vorschi, zur Behandl. d. Dem. praec. mit abwehrfermenthaltigem Serum. Med. Record. 21. Nov. — Stransky, E., Schizophrenie u. intrapsych. Ataxie. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 485. — Schilder und Weidner, Symbolähnliche Bildungen bei Schizophrenie. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVI. S. 201. — Bleuler. Verhältnisblödsinn. Zeitsch. f. Psych. LXXI. H. 4 bis 5. — Büchner, Klin. Bcitr. zum Verhältnisblödsinn. Ebenda. — Infekt tions- und Int oorikationspsy chosen: Görski, Amentia nach Sepsis. Inaug.-Dissert. Kiel. — Neumann, K. Th., Psychosen nach Influenza. Inaug.-Dissert. Kiel. — Heiss, E., Psychotische Urämie u. Mischformen. Zeitschr. f. klin. Med. LXXX. H. 5 bis 6. — Williams, Psychose bei Anämia pernic. Journ. of amer. med. Ass. 12. Sept. — Hampel, Delirium bei Gelenkrheumat. Inaug.-Dissert. Kiel. — Progressive Paralyse : Ehrlich, P., Biolog. Betracht, über das Wesen d. Paralyse. Zeitschr. f. Psych. LXXI. H. 6 . — Marie, A. und Levaditi. Das Treponema d. allg. Paral. Ebenda. — Marcus, H., Spiroch. pall. in d. Plasma¬ zellen bei der progr. Paralyse. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVI. S. 245. — Hyde, A. G., Beobacht, v. 100 Paralysefällen bei verheirat. Männern, deren Frauen u. Kindern. Clevel. med. Journ. Oktober. — Obersteiner, Progr. Paralyse, bes. Anfangsstadien. Wiener med. Woch. Nr. 43. — Schranke, Path. Anat u. Pathogenese der juvenil. Paral. Arch. f. Psych. LV. H. 1. — Laffer, Juvenile Paralyse. Clevel. med. Journ. September. — Petzsch, Das¬ selbe. Inaug.-Dissert. Greifswald. — Schuster, H. <)., Dasselbe. Inaug.-Dissert. Kiel. — Pilcz, Progr. Paralyse bei Prostituierten. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 65. — Stöcker, W., Pupillenbefunde bei progr. Paral. d. Erwachs, u. d. juven. Form. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVI. S. 564. — MUller-SchQrch, Sensibilität u. Refl. b. Paral. Prager med. Woch. Nr. 52. — Feilbach, Assoziationen bei Dem. paral. Inaug.-Dissert. Gießen. — Neumann, L., Stoff¬ wechsel bei progr. Paral. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVII. H. 1. — Pappenheim. M. und Volk, Liquor b. der v. Wagnerschen Tuberkulinbehandl. d. progr. Paral. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 356. — Mack, Treatm. of gener. paral. California State Journ. Juli. — Forensische Psychiatrie: Türkei, Probl. d. Zurechnungsfähigkeit. Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 257. — Derselbe, Zurechnungsfahigkeitsparagraph im österreichischen Rechte. Ebenda. XXXV, H. 1. — Gordon, A., Eisenbahnunfälle. Med. Record. 24. Okt. — Adolphi, Aggregation b. Unfalls-Neuropsychosen. Inaug.-Dissert. Kiel. — Block, Divorce, crime and Mental defects. Med. Record. 4. Juli. — Reckzeh, Begutachtung arter. u. konstit. psych. Anomal. Zeitschr. f. Versieh. H. 7. — Collie, Nerv. syst, in medico-legal cases. Practit. Juli. — Schultz, J. H., Psychoanalyse in gerichtsärztl. Bez. Mon. f. Psych. Oktober. — Heger, A., Unterbringung geisteskr. Rechtsbrecher. Zeitschr. f. Psych. LXXI. H. 4 bis 5. — Therapie der Geisteskrankheiten: Gregor, A., Psychotherapie. Therapeut. Monatsh. Dezember. — Putnam, Psychoanalyse u. Prophylaxe d. Psychosen. Journ. of amer. med. Ass. 28. Nov. — Eager, Hypnot. in ment. dis. Journ. of ment. sc. Juli. — Weber, Behandl. d. Erregungszustände. Zeitsch. f. Psych. LXXI. H. 6. VII. Therapie. John, Bromtherapie. Münchener med. Woch. Nr. 43. — Stern, Felix, Dial-Ciba. Berliner klin. Woch. Nr. 27. — Schmidt, Dial-Ciba b. Psychosen. Mediz. Klinik. Nr. 41. — Stein, J., Phenoval. Prager med. Woch. Nr. 47. — Neumann, A., Embarin bei Nervenkrankh. Deutsche med. Woch. Nr. 33. — Bufe, Über Calmonal. Zeitschr. f. Psych. LXXI. H. 6. — Seegert, Verh. d. Calmonals im menschl. Körper. Ebenda. — Telling, Suggestion. Practit. Juli. — Ladell, Dasselbe. Ebenda. — Mohr, Beeinflussung vegetativer Zentren durch die Hypnose. Münchener med. Woch. Nr. 40. Zar gefälligen Beachtung. Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke and Autoreferate an Herrn Dr.Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Ein¬ sendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. Verlag von Vfit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzobk & Wittig in Leipzig. Digitized b' . Google Original from UNIV ERSITY OF MICHIGAN Neurologisches Centralblatt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet von Pirol E. MendeL Herausgegeben von Dr. Kurt Mendel. Vierunddrelßigster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie direkt von der Verlagsbuchhandlung. 1915. “ ^ ^ ’ l.Juni. . Nr. 11. Inhalt I. Originalmitteilungen. 1. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie. II. Zwei Fälle von einseitigen multiplen Hirnnervenverletzungen, von Dr. Richard Rezniöek. 2. Einige Bemerkungen über Feindscnaftsgeftihle im Kriege, von Dr. J. H. Schultz. II. Referate. Hirngeschwülste. 1. Hirntumordiagnosen, von v. Malaisä. 2. Zur Diagnostik und Therapie der Gehirntumoren, von Eichelberg. 3. Die Diagnostik und Therapie der Hirngeschwülste, von Pussep. 4. Beitrag zur Klinik und Pathologie der HirngeschWülste, von Mattauschek. 5. Ein Fall von Geschwulstbildung im Gehirn und in den weichen Häuten des gesamten Zentralnervensystems, von Lahmeyer. 6. Zur Klinik der DifFerentialdiagnose der Hirntumoren, von v. Wieg-Wickenthal. 7. Zur Differential di agn ose zwischen Erweichungs¬ herd und Gehirntumor. Zugleich ein Beitrag zur Lehre vom Zittern bei Hirntumor, von Sielaff. 8 . Ein Beitrag zur Differentialdiagnose zwischen Enzephalomalazie und Tumor cerebri, von Haupt. 9. Le alterazioni istologiche antecedenti alla papilla da stasi, per Petronio. 10 . La neurite ottica nel decorso deirallattamento, per Zani. 11. Die hemianopische Pupillenreaktion, ihre physiologische Grundlage und ihre lokaldiagnostische Bedeutung, von Schlesinger. 12. Gehirngeschwulst mit Gesichtshalluzinationen und Makropsie, von Josefson. 13. Augensymptome bei Gehirntumoren, von Hebenstreit. 14. Beitrag zur Frage der Hör¬ störungen bei Erkrankungen der zentralen Hörbahn und des Acusticusstammes mit be¬ sonderer Berücksichtigung eines Falles von Kleinhirnbrückenwinkeltumor, von Rhese. 15. Tuberkulom des Gehirns, von Ninger. 16. Tuberculomes multiples du cerveau et des meninges, par Rautier et Baumei. 17. Voluminenx gliome du lobe frontal, par Btriel et Gardire. 18. Sopra due casi di tumori interessant i lobi frontali, di Agostini. 19. Tumore del lobo frontale del cervello con papilla da stasi controlaterale, per Lago. 20. Tumore della faccia interna del lobi prefrontali e della parte anteriore della trave, per Costantlni. 21. Oase of subcortical cerebral tumour, by Hall and Augus. 22. Beitrag zur Lehre von den Gehirntumoren im Gebiet der Zentralwindungen, von Klementz. 23. Studii sulla seraejologia dei tumori delle varie zone del lobo temporale, per Mlngazzini. 24. Gliome du corps calleux et du lobe pariötal gauche, par Laignel-Lavastine et Ldvy-Valensi. 25. Zur Symptomatologie der Tumoren des Scheitellappens, von Weise. 26. Angioma venosum racemosum der linken motorischen Region, von Castex und Bolo. 27. Zur Kenntnis des Angioma racemosum des Gehirns, von Weinberg. 28. Angeioma in cerebellar pedunele: fatal intracranial haemorrhage, by Wirgman. 29. Cysticercus racemosus fossae Sylvii, von Rein. 30. Un caso di tuwore del corpo calloso, per Agostini. 31. Tumor of the crus cerebri, by Rhein. 32. Primäres, metastasierendes Gehirnkarzinom, von Bastiaanse. 33. Ein Fall von Tumor des Nasen- Rachenraumes mit Metastasen an der Gehirnbasis und im Rückenmark, von Flnzi. 34. Über einen Fall von pigmentiertem Gliom bei multiplen Gliomen des rechten Seiten Ventrikels, von Kraus. 36. Über subependymäre Gliaknoten, von Frank. 36. Papillom mit Pflaster¬ epithel im Infundibulum, von Guizetti. 37. Ein Fall von Ganglion uasseri-Tumor, von Hellsten. 38. Tumor of the middle cranial fossa involving the Gasserian Ganglion, by Plummer and New. 39. Emiplegia sinistra di origine centrale con paralisi periferica emo- laterale della lingua da tumore cerebrale a duplice localizzazione, per Bandettini. di Poggio. 40. Zur Röntgendiagnose der Hirntumoren der Hypophysengegend, von Strubeil. 41. Über künst¬ liche Tumoren der Zirbeldrüsengegend, von Novak. 42. Über Vortäuschung von Tabes und Paralyse durch Hypophysistumor (Pseudotabes pituitaria etc.), von Oppenheim. 43. Der Pseudotumor cerebri, von Nonne. 44. A Striking acquirement of visualizing power and the development of dreams following a cerebral tumor exstirpation, by Grey and Emerson. XXXIV. 24 Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 370 45. Operative Intervention in cyst of the left cerebral liemigphere, by Rtmsen. 46. Gitter¬ trepanation, von Dreyer. 47. The results in one hundred operationa performed on the diagnosis of brain tumor, by KOttner. 48. Zur Chirurgie der GehirngeschWülste, von Babitzki. 49. Beiträge zur Gehirnchirurgie, von Stieda. 50. Zur Chirurgie der Hirntumoren im Be¬ reiche des Parietallappeus, von Wendel. 51. Remades on the treatment of brain tumor, by Ballanii. — Kriegsbeobachtungen. 52. Hysterie und Kriegsdienst, von Gaupp. 58. Über psychische Ausfallserscheinungen nach Hirnverletzungen, von Poppelreuter. 54. Klinische Beobachtungen über Tetanus im Felde, von Goldscheider. 55. Magnesiumsulfat bei Tetanus, von Meitzer. 56. Praktische Gesichtspunkte bei der Behandlung des Tetanus, von Heile. 57. Über Kontaktinfektion des Tetanus, von Ktfhler. 58. Tetanustherapie mit Magnesium¬ sulfat, von Straub. 59. Kriegstetanus, von Pribram. 60. Behandlung des Tetanus, von Jetlonek. 61. Meine Beobachtungen über Tetanus im Frieden und im Felde, von Grundmann. 62. Zur Prophylaxe des Tetanus. Ein Vorschlag von Ritter. 68. Tetanus lateralis, von Harf. 64. Dysenterische Polyneuritis bei Kriegsteilnehmern, von Schlesinger. 65. Über nervöse und psychische Erkrankungen im Kriege, von Westphal und Hübner. 66. Mobil- machungspBychosen, von Fuchs. 67. Wesen und Bedeutung der Kriegspsychosen, von Singer. 68. Die Psyche des Verwundeten, von Münzer. 69. Die Anwendung der Diathermie bei der- Behandlung der Kriegsverletzungen und der Kriegskrankheiten, von Stein. 70. Die hydro¬ therapeutische Behandlung der im Kriege erworbenen Neurasthenie und Hysterie, von Hirsch¬ feld. 71. Über die Anwendung der physikalischen Therapie bei verwundeten und erkrankten Kriegern, von Laqueur. 72. Sexuelle Fragen zur Kriegszeit, von BurChard. III. Aus den Gesellschaften. Ärztlicher Verein in Hamburg, Sitzung vom 28. Februar und 9. März 1915. IV. Verschiedenes. XL. Wanderversammlung der südwestdeutschen Neurologen und Psychiater. 1/ Originalmitteilungen. [Aus der Nervenheilanstalt „Maria Theresien-Schlössel“ in Wien.] 1 Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie. II. Zwei Fälle von einseitigen multiplen Hirnnervenverletzungen. Von Dr. Blohard Bezniöek. Eine multiple einseitige Hirnnervenlähmung peripherer Natur ist nicht häufig und tritt relativ am häufigsten bei Tumoren oder sonstigen raumbeschränkenden Prozessen an der Schädelbasis auf. Wie frühere Beobachtungen gezeigt haben, sind auch Schuß Verletzungen imstande, solche multiple Hirnnervenverletzungen zu setzen und wir wollen im folgenden, nachdem schon Spielmayeb 1 einen ähnlichen Fall erwähnt hat, in Kürze zwei solche Fälle bei schädelverletzten Militärpersonen beschreiben, die einen charakteristischen Symptomenkomplex bieten. Der erste Fall betrifft einen 24jährigen Infanteristen, welcher im Oktober 1914 durch eine Schrapnellfüllkugel verwundet wurde. Die Einschußöffnung befindet sich knapp am äußeren Canthus externus des rechten Auges; eine Ausschuß- Öffnung war nicht vorhanden, doch konnte man das Projektil am hinteren Rand des rechten M. sternocleidomastoideus etwa drei Querfinger unter dem Ansatz des Muskels am Processus m&stoideus unter der Haut tasten und operativ entfernen. Etwa drei Wochen nach der Verletzung ergab die Untersuchung folgenden Befand: Der Habitus des Patienten bietet keine Besonderheiten, der Ernährungszustand 1 SriEi.MiYER, Münchener med. Wochenschrift. 1915. S. 56. Digitizeü by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 371 ist entsprechend den überstandenen Strapazen reduziert, Anhaltspunkte für das Bestehen eines inneren Leidens sind nioht gegeben. Patient ist schmerzfrei, ambulant und zeigt psychisch normales Verhalten. Im rechten äußeren Augenwinkel findet sich die junge Narbe der Einschußöffnung. Der rechte Augenbrauenbogen steht in der Buhe tiefer als der linke, die Haut der rechten Stirne ist glatt und zeigt beim Versuch des Stirnrunzelns keine Quer¬ faltenbildung. Die rechte Pupille ist etwas weiter als die linke, ist lichtstarr und verengt sich nur bei Konvergenz oder konsensuell vom linken Auge aus. Das rechte Auge ist durch Ablatio retinae amaurotisch (Dr. Hitschmann). Die Sensibilität der rechten Gesichtshälfte und rechten Cornea ist normal. Das Öffnen des Mundes geschieht ohne seitliches Abweichen des Unterkiefers. Die rechte Hälfte der dem Mundhöhlenboden aufliegenden Zunge ist ver¬ kleinert und seitlich mehr abgedacht. Beim Vorstreoken weicht die Zunge stark nach rechts ab. Die rechte ver¬ kleinerte Hälfte, ist im Gegensatz zur linken dunkelrot gefärbten, rosa gefärbt, ihre Oberfläche stellenweise leicht gewulstet, ihre Konturen gerundet, auch fühlt sich die rechte Zungenhälfte beim Betasten sehr weich an. Die elektrische Untersuchung der Zunge ergibt in der linken Hälfte normale Erregbarkeitsverhältnisse für den faradischen und galvanischen Strom, in der rechten Unerregbarkeit für den faradischen und starke Herabsetzung der Erregbarkeit für den galvanischen Strom mit träger Zuckung bei Über wiegen der Ka. Die Geschmacksempfindung, welche in den vorderen zwei Drittel der er¬ krankten Zungenhälfte normal ist, ist im hinteren Drittel für alle Qualitäten auf¬ gehoben. Die rechte weiche Gaumenhälfte hängt in der Ruhe schlaff herab. Die sicht¬ baren Teile des Pharynx schieben sich beim Phonieren kulissenartig nach links. Der Würgreflex ist etwas herabgesetzt. Beim Trinken regurgitiert sehr häufig Flüssig¬ keit durch die Nase. Die Sprache ist näselnd, die Stimme etwas rauh und undeutlich. Die laryngoskopische Untersuchung (Dr. Fbühwald) ergibt eine leichte rechts¬ seitige Stimmbandparese. Der übrige Nervenbefund ist vollständig normal. Von Seiten des Herzens und der Baucheingeweide liegen keinerlei Störungen vor. Kurz zusammengefaßt handelt es sich in diesem Falle, abgesehen von der Paralyse der vom oberen Ast des Fazialis versorgten Muskulatur (Folge der un¬ mittelbar örtlichen Schädigung dieser Nerven am Orte des Einschusses) um eine Lähmung im Bereich der rechten Zungen-, Gaumen-, Pharynx- und inneren Kehl¬ kopfmuskulatur, sowie eine Lähmung der Geschmacksempfindung im hinteren rechten Drittel der Zunge. Die Nerven, welche verletzt wurden, sind also der N. hypoglossus (Zunge), der N. glossopharyngeus (Schlundmuskulatur und Ge¬ schmack) und der N. vagus (Gaumen-, Schlund-* und Kehlkopfmuskulatur). Als Ort der Verletzung ist eine Stelle im Verlauf der Nerven, wo sie in inniger Nachbarschaft voneinander verlaufen, anzunehmen. Nach der Verlaufsrichtung des Geschosses' — vom äußeren Augenwinkel nach den oberen Partien des M. sternocleidomastoideus derselben Seite — ist die Läsionsstelle im extra- kraniellen Verlauf der Nerven in der Nähe der Schädelbasis zu suchen. Im Verlauf der vier Monate dauernden Beobachtung ist eine gewisse Besserung in den Funktionen eingetreten, wie der fast unveränderte Befund zeigt, nicht durch Zurückgehen der Lähmungen, sondern durch Gewöhnung und Adaption. 24* Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 372 Der zweite analoge Fall betrifft einen 37jährigen Infanteriehauptmann, der im Oktober 1914 durch ein Infanteriegeschoß am Kopf verletzt wurde. Der Ein¬ schuß befindet sich unmittelbar vor der rechten Anthelix, der Ausschuß in einer bei aufrechter Kopfhaltung Wagrechten unmittelbar hinter dem linken Ohr. Der Verwundung folgte eine mehrstündige Bewußtlosigkeit, aus welcher der Patient mit schweren Symptomen von Schluck- und Sprachstörungen wieder erwachte. Die neurologische Untersuchung mehrere Wochen nach der Verletzung ergab fol¬ genden Befund: Der Allgemeinzustand und das Allgemeinverhalten bieten keine Besonderheiten. Die Ein- und Ausschußöffnung sind vernarbt. Der Schädel ist nirgends druck- oder klopfempfindlioh. Im Gebiet des Facialis sind keinerlei Störungen vorhanden. Die Pupillen reagieren prompt, die Bewegungen der Augen sind nach allen Seiten hin frei, kein Nystagmus. Der rechte MaBseter kontrahiert sich beim Zusammenbeißen etwas schlechter als der linke. Der Masseterreflex ist beiderseits deutlich vorhanden. Im Bereich der rechten Kinnpartie nach oben bis zum rechten Mundwinkel und nach hinten bis etwa zur Mitte der Wange findet sich eine unscharf begrenzte hypästhetische Zone. Beim öffnen des Mundes weicht der Unterkiefer nach rechts ab. Beim Blick in den geöffneten Mund sieht man eigentlich nur die rechte Zungenhälfte, die Zunge scheint um ihre Längsachse gedreht zu sein. Beim Vor¬ strecken weicht sie stark nach links ab, ihre linke Hälfte ist hochgradig atrophisch, an det Oberfläche gerunzelt und von matscher Konsistenz. Der Geschmack ist im linken hinteren Drittel für alle Qualitäten aufgehoben. Das linke Gaumensegel ist vollkommen gelähmt. Beim Phonieren wird nur die rechte Pharynxhälfte innerviert. Eine kulissenartige Verschiebung ist nicht zu konstatieren. Der Würgreflex ist außerordentlich erhöht. Beim Schlucken weicht der Kehlkopf nach rechts ab. Der Ansatz des M. sternocleidomastoideus an dem Sternum springt rechts in der Buhe und bei Kontraktion deutlicher vor als links, besonders augenscheinlich wird der Unterschied bei Schluckbewegungen. Die Kraft des linken Muskels ist .stark herabgesetzt. Die linke Schulter steht in der Buhe tiefer als die rechte |ind bleibt beim Heben der Arme hinter derselben bedeutend zurück. Der die Hals- Schultergegend konfigurierende Anteil des M. cucullaris ist links atrophisch, beim Versuch der Kontraktion springen hier nur einzelne Bündel vor. Die Nackenmuskulatur ist links etwas reduziert. Die Schulterblätter zeigen keine Stellungsanomalie. Die elektrische Untersuchung der Muskulatur ergibt folgenden Befund. Die linke Zungenhälfte ist faradisch unerregbar, bei Reizung mit dem gal¬ vanischen Strom reagiert die Muskulatur mit träger Zuckung bei Überwiegen der Ka. Im linken M. sternocleidomastoideus und in der Clavicularportion des linken M. cucullaris ist faradisch bei sehr starken Strömen eben noch eine Zuokung wahrnehmbar. Die galvanische Erregbarkeit ist gleichfalls stark herabgesetzt, es besteht träge Zuckung und Gleichheit der Anoden- und KathodenerregbArkeit. Im Bereich der Nackenmuskulatur und in der mittleren und unteren Portion des M. cucullaris bestehen normale Erregbarkeitsverhältnisse. Die Nahrungsaufnahme ist bei dem Patienten sehr erschwert. Flüssigkeiten regurgitieren in geringen Mengen aus der Nase oder laufen in die Trachea, so daß immerwährende Hustenstöße die Flüssigkeitsaufnahme unterbrechen. Noch schwieriger gestaltet sich die Aufnahme fester Nahrung, da das Schlucken in¬ folge der Lähmung der Schlundmuskulatur und des Ösophagus sehr erschwert ist. Patient ist gezwungen, die Nahrung sehr klein zu kauen, gut einzuspeicheln oder mit Flüssigkeit zu mischen und dann in Portionen allmählich zu schlucken. Er Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 373 spürt dabei, wie sich der Bissen nach forcierten Schluckbewegungen langsam dem Ösophagus nähert, von demselben aufgenommen wird und unter OppressionsgefÜhl denselben passiert. Für gewöhnlich wird der Bissen nicht in seiner Gänze in die Speiseröhre befördert, sondern es bleiben Reste im Pharynx stecken; es sammeln sich während einer Mahlzeit allmählich derartige Mengen an, daß sie endlich wieder durch einen Würgakt rückbefördert werden. Die eben geschilderte schwere Störung des Schluckaktes und die Ansammlung der Speisen in diesem so¬ zusagen paralytischen Divertikel des Pharynx und teilweise des Ösophagus sind unter Anwendung von Wismutbissen auf dem Röntgenschirme gut zu beobachten. Die Sprache des Patienten ist näselnd, die Stimme aphonisch. Die laryn- gologische Untersuchung ergibt eine komplette Lähmung des linken Stimmbandes (Prof. Hajek). Die zahlreichen schweren Lähmungen im Bereich der Hals- und Schulter¬ muskulatur sind auf eine multiple linksseitige Hirnnervenverletzung zurück¬ zuführen und zwar auf eine Lähmung des linken N. hypoglossus (Zungen¬ muskulatur), des linken N. vagus (Gaumen-, Kehlkopf-, Schlund- und Speiseröhren¬ muskulatur), des linken N. glossopharyngeus (Geschmack und Rachenmuskulatur) und des linken N. accessorius (M. sternocleidomastoideus und M. cucullaris). Als Stelle der Verletzung ist nach dem Gang des Geschosses — transversal durch den Kopf etwas unterhalb der äußeren Gehörgänge — die Gegend außerhalb des linken Foramen jugulare und Foramen N. hypoglossi anzunehmen, in welcher die betreffenden Nerven, unmittelbar nach Verlassen der Foramina, noch innig benachbart, den Erfolgsorganen zustreben. Im Verlauf der mehrmonatlichen Beobachtung ist bisher keine wesentliche Besserung der Lähmungen eingetreten, einzig im Gebiet des N. accessorius sind Fortschritte zum Besseren festzustellen, indem die Kraft des M. cucullaris und M. sternocleidomastoideus, insbesondere des letzteren, in den letzten Wochen zugenommen hat Jedenfalls ist die Prognose hier zweifelhaft Immerhin ist zu erwarten, daß durch das vikariierende Ein¬ treten der gesunden Hälfte der entsprechenden Muskulatur, wie z. B. im Kehlkopf, in manchen Partien ein sich der Norm nähernder Zustand der Funk¬ tion eintreten wird. 2. Einige Bemerkungen über Feindschaftsgefühle im Kriege. Von Priv.-Doz. Dr. med. J. H. Sohultz (Jena), zurzeit im Felde. Wenn ich mir erlaube, im Folgenden einige anspruchslose Beobachtungen und Überlegungen mitzuteilen, die sich auf die Feindschaftsgefühle im Kriege beziehen, so geschieht dies teils anknüpfender allgemeiner Fragen und teils des¬ wegen, weil die Betrachtung gerade dieser Gefühle mir ein gutes Bild des seelischen Auf und Nieder und der Mannigfaltigkeit psychischen Erlebens in der Front zu geben scheint Wieviel litterarisch ähnliches vorliegt, ist mir zurzeit unmöglich festzustellen, so daß ich dieserhalb um Nachsicht bitte. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 374 Die „Feindschaftsgefühle“ stellen zweifellos ein ungemein komplexes Ge¬ bilde dar; aus der Populärpsychologie, die uns in solchen Fragen am goldnen Gängelband der Muttersprache leitet, treten sogleich die Worte Abneigung, Zorn, Groll, Haß und Wut herzu, dann im weiteren Sinne und hier zu über¬ gehen Empörung, Erbitterung einesteils, Gleichgültigkeit, Mißtrauen und Ver¬ achtung anderseits; sie werden nur indirekt von Bedeutung sein . 1 Die erst¬ erwähnten fünf scheiden sich zwanglos als mehr dauernde — Abneigung, Groll und Haß — und i. a. zeitlich beschränktere — Zorn und Wut. Während in der „Abneigung“ neben rein Affektivem meist viel Urteilsmäßiges steckt, stellen „Groll“ und „Haß“ vorwiegend affektive Gebilde dar; beide zu Aktionen drängend, die ihrem Gegenstände nachteilig sind, erscheint der Haß als das freiere, ungehemmtere und ungebundenere, während der Groll, wie schon sein finster klingender Karne andeutet, verhalten, gebändigt, in sich geschlossen oder vor Überlegenheit des Gegners machtlos erscheint Ihm nahe steht der „Grimm“, jetzt mehr der altertümlich poetischen Sprache zugehörig. Gegen¬ über diesen Typen der Entladungsbereitschaft findet die Explosion selbst in „Zorn“ und „Wut“ vor allem graduell differente Bezeichnungen, die gelegentlich auch, dann aber meist mit einem besonderen Beiworte — „stille Wut“ —, längerdauernde Zustände darstellen. Schon in Friedenszeiten lassen sich deutlich reaktive Feindschafts¬ gefühle von solchen scheiden, deren Auslösung zunächst unklar ist Wie Hund und Katze lehren, scheint es eine instinktive Feindschaftsreaktion zu geben, wobei zweifelhaft bleiben muß, ob von „Feindschaftsgefühlen“ gesprochen werden darf; vielleicht spielen hier Sinnesempfindungen eine erhebliche Bolle und sie leiten zu einer ersten Gruppe menschlicher Feindschaftsgefüble. Es ist namentlich durch sexualpsychologische Untersuchungen erwiesen, daß intensive Abneigungen oft bewußt oder unbewußt durch Sinnesempfindungen einfacher, besonders olfaktorischer Art begründet sind. „Ich kann den Menschen nicht riechen“ ist eine alltägliche Wendung, die in ihrer symbolischen Rück¬ übertragung auf menschliche Verhältnisse oft wörtlich genommen werden darf, und es bedarf nur irgend einer Verschränkung menschlicher Gemeinschaft, um aus einer solchen zum Teil dem Gebiete des Ekels zugehörigen Gleichgültigkeit oder Abneigung auf einer oder beiden Seiten intensive Feindschaftsgefühle ent¬ stehen zu lassen. Wie hier physische, so können auch psychische Eigenheiten Feindschafts¬ gefühle auslösen; viele Phlegmatiker sind Sanguinischen gegenüber feindlich eingestellt und umgekehrt; hier liegt eine Wurzel des „Rassenhasses“. Auf Fremdartiges ganz allgemein feindlich zu reagieren ist eine häufige Erscheinung, selbstverständlich wieder ungemein komplexer Art. Neben diesen reaktiven Feindschaftsgefühlen bestimmten Dauerattributen gegenüber bilden sich auch Feindschaftsgefühle auf einzelne Erlebnisse, Worte, 1 Die passiven Feindschaftsgefüble: Furcht, Angst, Grauen, Schrecken usw. lasse ich hier unbeachtet. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 375 Handlangen usw. bin; sie liegen in dem Rachemechanismus begründet and be¬ dürfen keiner näheren Erörterung. Im einzelnen Falle, so beim Klassenbaß, beim Parteibaß usw. finden sieb in dem Haßobjekt meist Eigenschafts- und Handlungsmotive gemischt Die Dame der Gesellschaft, die in Abendtoilette eine Arbeiter-Elektrische betritt, übt durch diese Handlung eine gewisse Provokation und als Reaktion wird ihr in all und jedem der belle Haß oder dumpfe Groll entgegentreten; dieselben Leute, die jubeln, daß „unser Kronprinz“ so schön zu Pferde sitzt, werden ihr die Garderobe mißgönnen. Denn die Dame der Gesellschaft ist nicht „unser“, sie gehört zu „den Reichen“. Daß dies häßliche Friedensbild jetzt von dem lodernden Feuer allgemeinster Begeisterung überstrahlt, ja 'zeitweise ausgelöscht ist, darf nicht hindern, seiner hier zu denken. Die kleine Überlegung von „unser“ und „nicht unser“ führt auf die Eigenheiten des Trägers der Feind¬ schaftsgefühle. Feindschaftsgefühle sind auf ein Subjekt gerichtete Unlustgefühle mit Tendenz zur Abwehr. Darin liegt bereits gegeben, daß derartige Gefühle rein endopsychisch sich entwickeln können, wie es die paranoide Veranlagung zeigt; Vielleicht oft hier so, daß bei subjektivem Insuffizienzgefühl der unter diesen Bedingungen doppelt überlegen wirkende Mitmensch als intensive Unlust¬ quelle gehaßt wird, so daß seinen „Übergriffen“ dauernd und häufig degenerativ- raffiniert entgegengearbeitet wird. Auch ein erhöhter Grad allgemeiner Irri¬ tabilität, der alle oben angedeuteten Divergenzen verstärkt fühlbar macht, wird die gleiche Eignung zur Feindschaftsbildung ergeben. Nicht anders die be¬ schränkte „verbissene“ Einstellung auf bestimmte Anschauungen, wie sie oft als unbewußte Selbsthilfe zu beobachten ist und das Individuum bei jeder leisesten Berührung dieser Dogmen defensiv, ja oft aus der Unbeirrbarkeit des Vorurteils aggressiv werden läßt. Es findet sich hier der Übergang zu „Komplex“- Feindschaftsgefühlen. Neben diesen zu Dauer-Feindschaftsgefühlen führenden, in gewissem Sinne vorwiegend „sensiblen“ Mechanismen lassen sich unschwer mehr psychomotorisch, ablaufsmäßig funktionierende erkennen. Da entstehen Feindschaftsgefühle aus Hemmungslosigkeit, z. B. bei Persönlichkeiten, die der hypomanischen Veranlagung nahestehen; es geschehen schwere explosive Aus¬ brüche bei „Epileptoiden“. Endlich darf die große Schar suggestiv leicht Be¬ einflußbarer nicht vergessen werden, die sich Feindschaftsgefühle einpflanzen lassen, um sie oft für Lebenszeit und unkorrigierbar zu behalten, die Opfer der „Verhetzung“. Aus diesen kurzen Andeutungen darf entnommen werden, daß i. A. Eigen¬ schaften und Handlungen des Objekts zu Feindschaftsgefühlen führen können; beim Subjekt kann die Veranlagung erhöhte Eignung bedingen; die „Feindschafts¬ gefühle“ können dauernd und episodisch auftreten und mehr der Trieb- („In¬ stinkt-“) oder der Affekt- oder der kompleien psychischen Sphäre („Urteil“, „Wertung“) zugehören. Was lehren nun die Kriegsbeobachtungen? Da ist es vor allem bemerkenswert, wie schwankend und vielfach beein- Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 376 flußbar die Feindscbaftsgefühle im Kriege sind; sie stehen dadurch in einem wesentlichen Gegensätze zu der Tiefgründigkeit und Unerschütterlichkeit der Freundschafts- und Kameradschaftsgefühle, für die ich eine Fülle wirklich er¬ hebender Beispiele erlebte. Treue bis über den Tod hinaus, so daß z. B. kleine Infanteriepatrouillen nachts in waldigem Gelände kilometerlange Märsche durch feindlich besetztes Gebiet machten, um die Leiche eines gefallenen Kameraden einzuholen. Selbstverständlich sämtlich Freiwillige! Daß solche Kameraden ihr Leben einsetzen, Verwundete oder Eingeschlossene einzuholen, braucht nicht besonders betont zu werden. Auf dem Gebiete der Feindschaftsgefühle spielen zunächst die im Frieden wirksamen Mechanismen weiter; wenn ein Kosak, um sich zu schützen, Kinder vor sich hält, so ist die Reaktion darauf selbstverständlich und psychologisch durch¬ sichtig. Wenn friedliche Heimatdörfer rauchen, ebenso. Wie stehen nun aber die „Feinde“ im Kriege sonst einander gegenüber? Bei psychologischen Laboratoriumsversuchen wird oft das Unnatürliche der Situation bemängelt; aber es dürfte kaum eine „unnatürlichere“ Situation geben, als die im Kriege. Ganz besonders deutlich wurde das verschiedenen Offizieren, die mir über ihre inneren Erlebnisse berichteten; so beim Wacht- dienst, wo aus relativer Sicherheit das Nahen feindlicher Patrouillen belauert wurde. „Meine Leute schossen, als die Patrouille auf etwa 60 m heran war und mit sehr gutem Erfolge; ich hatte auch meinen Karabiner mit, aber ich konnte mich nicht entschließen, diesen ahnunglos heranreitenden Gegnern Feuer zu geben.“ Derartige Schilderungen erhielt ich mehrfach. Ein anderer Offi¬ zier, der im Walde Auto fahrend noch im letzten Augenblick das Nahen einer stärkeren russischen Kavalleriepatrouille bemerkte, schnell stoppte, sich mit seinen 3 Mann in den Chausseegraben warf und die Patrouille durch gut- geleitetes Feuer zersprengte, beteiligte sich auch persönlich am Feuer und streckte einen der Gegner durch Kopfschuß aus dem Sattel. Abends war er deutlich affiziert und wiederholte immer wieder, es sei doch ein ganz eigen¬ artiges Gefühl, so auf einen Menschen zu schießen und noch seltsamer, einen zu töten. Diese Erfahrungen, denen ich noch zahlreiche entsprechende beigeselleu könnte, haben alle ein Gemeinsames; es sind Episoden in kleinsten Verbänden, wo der Feind als Mensch und Einzelwesen sehr deutlich ist. Hier wird die schicksalsmäßige, allgemeinmenschliche Gemeinbeziehung fühlbar und es ent¬ wickeln sich dem „Feinde“ gegenüber fast kameradschaftliche Gefühle, wie denn bei der Kameradschaft sicher die Schicksalsgemeinsamkeit ein wesentliches Moment ist. Anders, wenn „der Feind“ entweder auf Kilometer-Entfernung als ein taktisches Sammelwesen sichtbar oder gar unsichtbar bloß in Entfernung fest¬ gestellt ist. Da schwindet jede persönliche Beziehung; der Artillerist hofft bald „ordentlich reinhauen“ zu können, ebenso das Maschinengewehr, die Infanterie sucht ungeduldig nach Stellungen, um das Feuer zu eröffnen, die Kavalleristen tasten sich spähend in die Deckung vor, alles offensive, frische Bewegung. Aber Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 377 dabei habe ich von „Feindschaftsgefühlen" wenig wahrgenommen; Freude an der eigenen Wa£fe, Wunsch, die eigene Kraft, den eigenen Mnt zn zeigen, einen taktischen Vorteil zu erringen, das schienen mir bei Offizieren und Mannschaften die beherrschenden seelischen Inhalte. So darf im allgemeinen eine gewissermaßen neutrale Einstellung gegenüber dem Feinde angenommen werden; ihre nähere Ausgestaltung reguliert sich nun nach einer Reihe von Faktoren. Auoh hier ist es zweckmäßig, zwischen Dauer- und Momentgefühlen zu unterscheiden. Das Dauergefübl dem Feinde gegenüber ist ungemein von der Kriegslage abhängig. Ebenbürtige Qegner in taktisch unentschiedener Lage vor sich zu haben oder zu überwinden, das läßt die Feindschaftsgefühle i. A. ruhen. Da¬ gegen werden sie in exponierten Stellungen, beim Einzelritt durchs Vorgelände z. B., wie ich selbst oft beobachtete, und in ungünstiger Kriegslage, bei Rück¬ zugsgefechten und bei Einkreisung durch den überlegenen Feind meist schnell wach; es ist nicht nur der Einfluß persönlicher Qefährdung oder ihres Bewußt¬ seins, der hier entscheidet, sind doch beide bei Offensivgefechten oft größer. Es ist das Bewußtsein der Unterlegenheit, des überstarken Gedrücktwerdens; es ist der Anblick hilflos zurückbleibender Verwundeter und vordrängender Feinde. Nun wird der Feind zum Gegenstand intensivster Feindsohaftsgeföhle und überall ertönt Schelten und Verwünschen. Beim Einzelvorgehen im feindlichen Gelände entwickelt sich durch die stete Spannung und Erwartung eine durch eigenartige Beziehungsgefühle komplizierte einseitigste Einstellung auf das Eine, auf den Feind. Und wenn auch dem deutschen Soldaten das Laub am Baum nicht Entsetzen zurauscht, so bleibt doch auch der schneidigste Patrooillenführer Hunderte von Malen stehen, gebannt durch ein zunächst un¬ erklärliches Geräusch. Ja dies Verhalten teilt sich sogar vielen Pferden mit, die öfter im exponierten Gelände gingen. Am intensivsten sah ich Feindschaftsgefühle sich entwickeln in einer mehr¬ tägigen völligen Einschließung durch den Feind; wie da aus Hoffnungslosigkeit und Ingrimm ein infernalischer Haß heraufwuchs, war interessant zu be¬ obachten. Die Kriegslage in ihrem Einfluß auf die Entwicklung von Feindschafts¬ gefühlen zeigt einen weiteren, unendlich wesentlichen Gesichtspunkt zugleich: die Stimmung. Die Stimmung ist außer den Lebensverhältnissen durch mehr endogene Faktoren bedingt; Veranlagung und Bildung seien noch kurz gestreift, die auf diesem Umwege und direkt die Entstehung von Feindschaftsgefühlen be¬ einflussen. Für die Veranlagung dürfen die Betrachtungen aus dem Frieden über¬ nommen werden; vielleicht ist der leicht hypomanische der beste Soldat. Un¬ ermüdlich, jedem Neuen offen, stets bereit zu guten und schlechten Witzen kann er eine ganze Kompagnie beleben. Vor dem Feinde entwickelt er die ganze Verve seiner Reaktionsweise; ein Kind des Augenblickes, spielen bei ibm im Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 378 Nu heftigste Affektstürme, und aus dem Witzbold der Kompagnie wird ein rabiater, von leidenschaftlichen Feindschaftsgefühlen erfüllter Kämpfer im Ernst* falle. Der mehr depressiv-gehemmte kämpft schmerzlich-pflichthaft und zäh neben ihm; er grollt mehr und länger der ganzen Situation als dem Qegner. Das Bildungsmoment schien besonders durch die Entwicklung der Kritik von Bedeutung für die Entstehung von Feindschaftsgefühlen; die Offiziere standen in überwiegender Mehrzahl neutral in einem sohicksalnotwendig gegebenen Waffengang; dagegen verbreiteten z. B. märchenhafte Gerüchte gegnerischer Scheußlichkeiten unter den Ungebildeten Epidemien heftiger Feindschaftsgefühle. Wie im Frieden wirkte hier die „Verhetzung“. Vereinzelt traten auch Individuen hervor, denen die zerstörende Tendenz des Krieges innerlich zusagte; grobe, un¬ geschlachte, meist körperlich sehr kräftige Subjekte, die in fester Führung Vor¬ zügliches leisteten 1 ; man konnte unschwer an ihnen triebhafte Feindsobafts- regungen beobachten, die*auch in ihren Beden deutlich hervortraten. Daß russischerseits Feindschaftsgefühle bei den Mannschaften gezüchtet wurden, indem die Offiziere ihnen von Gefangenenverstümmelungen u. dgl. bei uns be¬ richteten, erfuhr man oft von Gefangenen. Rückblickend darf gesagt werden, daß Feindschaftsgefühle im Kriege nach denselben Mechanismen entstehen, wie im Frieden; Einflüsse der Kriegslage, der Stimmung und nicht zum wenigsten der Veranlagung sind für ihre Entwicklung entscheidend; der Ausgleich so vieler Differenzen des Friedens, die Herausgehoben- heit aus viel Kleinlichem, die persönliche Anteilnahme an der denkbar größten Aufgabe, der große allgemeine Zwang und die Nähe persönlicher Gefahr bedingen so eigenartige Lebensverbältnisse, daß gesagt werden darf, der Krieg bietet geringeren Anlaß zur Entwicklung von Feindschaftsgefühlen, als der Frieden; dies anscheinende Paradoxon gilt für deutsche Truppen namentlich auch dem Feinde gegenüber. II. Referate. Hirngeschwülste. 1) Hlrntnmordiagnosen, von Priv.-Doz. Dr. v. Malaisö. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 28.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. bespricht 3 Fälle von Hirntumoren: I. Ein lljähriger Junge zeigt als erstes auffallendes Krankheitssymptom schwere Charakterveränderungen und Abnahme der Intelligenz. Das früher heitere Kind wird verschlossen, faul und unaufmerksam, es stiehlt den Eltern Geld, ver¬ nascht etwas und vergräbt den Best. Erst */ 4 Jahre später zeigen sich Gleich¬ gewichtsstörungen und Klagen über Kopfschmerzen. Die erste Untersuchung ergibt: Zerebellar ataktischer Gang, doppelseitiger Babinski, rechts Zeichen leichter spastischer Parese, beginnende Stauungspapille beiderseits bei normalem Visus usw. 7 Monate später: absolute Unfähigkeit zum Gehen, höchster Grad von Asynergie cerebelleuse, kein halbseitiges Zerebellarsymptom. Auch die Arme zeigen leichte * Oft vorbestrafte Leute, besonders wegen Brutalitätsdelikten. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 379 spastische Parese. Rechts ist der Mundfazialis in den Bereich der Parese mit einbezogen usw. Rechts StaunngBpapille sehr ausgeprägt, links beginnende Seh¬ nervenatrophie. Psychisch stärker stuporös. Erhöhte Neigung zu lachen. Aus¬ gesprochene Apraxie der linken Hand. Die Diagnose schwankte zwischen einem Tumor des Yermis cerebelli und einer Stirnhirngeschwulst. An letztere war u. a. zu denken wegen der frühzeitigen psychischen und intellektuellen Veränderungen, wegen des späten Einsetzens der allgemeinen Hirndrucksymptome und der wenig charakteristischen, teilweise direkt irreführenden Nachbarschaftssymptome, indem nur der Mundast des Fazialis befallen war; wegen der ausgesprochenen links¬ seitigen Apraxie mußte man an die Umgebung deB Balkens denken. Die be¬ ginnende Atrophie des Sehnerven drängte zur Dekompression. Es wurde infolge¬ dessen in der Gegend des linken Stirnhirns ein Hautknochenlappen angelegt und eine Ventrikelpunktion angeschlossen. 3 Tage danach erfolgte der Exitus. Die Sektion ergab ein abnorm großes Gehirn. Es findet sich dann ein äußerst zell¬ reiches Sarkom im Kleinhirn, der Balken ist überall äußerst verdünnt, bis zu 1 mm. II. 15jährige8 Mädchen, das seit 14 Tagen über heftige, zeitweise exazer- bierende Kopfschmerzen mit mehrfachem Erbrechen klagt. Seit dieser Zeit schwankend, unsicherer Gang, Nachlassen im Rechnen in der Schule, vorübergehend Doppelsehen. Die Untersuchung ergibt sehr ausgesprochene doppelseitige Stauungs¬ papille, linksseitige Abduzenslähmung, Nystagmus horizontal» und verticalis, auf¬ fallend langsame Sprache, stark zerebellar-ataktischer Gang, Hypotonie im linken Arm und Bein, Fehlen der Sehnenreflexe an den Beinen, keinerlei echt spastische Phänome, im linken Bein ausgesprochene zerebellare Bewegungsataxie und Dys¬ metrie der Bewegungen, im linken Arm Bewegungsataxie von zerebellarem Typus und starke Adiadochokinesis. Beginn mit Temperaturen zwischen 38 und 39,2 sowie Leukozytose. Kein Vorbeizeigen links. Die Diagnose lautete: Tumor der Rinde der linken Kleinhirnhemisphäre. Bei der Operation stößt der palpierende Finger bei der Spaltung der linken Kleinhirnhemisphäre nicht auf einen Tumor, die Operation wird abgebrochen. Am nächsten Tage Exitus unter plötzlicher Atemlähmung. Bei der Obduktion fällt nach Herausnahme des Gehirns ein gut walnußgroßer Tumor aus der gespaltenen Kleinhirnhemisphäre heraus. Derselbe fühlt sich weich an, zerbröckelt und birgt in seinem Innern eine noch ziemlich frische, sehr ausgedehnte Blutung. Die linke Kleinhirnhemisphäre erscheint ein¬ gesunken und stark verdünnt. Auf dem Durchschnitt durch den Tumor erscheint nahezu die ganze hintere Hälfte von einer ziemlich frischen Blutung eingenommen. EIs handelt sich um ein gefäßreiches, äußerst zellreiches Sarkom. Durch die Blutung ist das plötzliche Auftreten der schweren Symptome hinreichend erklärt. Das Fieber ist eventuell durch die Resorption der Blutung zu erklären. III. 47jährige Dame, die seit 1 */ 4 Jahren über Kopfschmerzen, amnestisohe Aphasie, Alexie und zeitweilige Gangunsicherheit klagt. Vor */, Jahr war rechts¬ seitige, später doppelseitige Neuritis optica aufgetreten mit zahlreichen Hämor- rhagien in der Umgebung des Sehnerveneintritts. Keine spezifische Infektion. Pat. ist linkshändig. Die Untersuchung ergibt hochgradige doppelseitige Neuritis optica mit zahlreichen Blutaustritten in der Netzhaut. Visus rechts erheblich herabgesetzt, links weniger. Amnestische Aphasie, Paraphasie, starke Alexie, Parese des rechten Abduzens, Doppelbilder, Hemianopsia bilateral» homonym a dextra usw. Die Diagnose lautete auf einen Tumor im oberen Teile des Schläfen¬ lappens, nach hinten sich bis in den Gyrus angularis erstreckend. Trotz der Linkshändigkeit wird die Geschwulst links angenommen mit Rücksicht auf die Hemianopsie, die aber dann der Augenarzt anfangs nicht bestätigen konnte. Als sie sich als zu Recht bestehend erwies, wurde die Operation zweizeitig ausgeführt. Ein Gliom wurde teilweise nach Eingehen über dem linken Schläfenlappen ent- Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 380 ferat. Der Prozeß macht seitdem Fortschritte. Von Interesse ist, daß die Seiten¬ diagnose sich bestätigte. 2) Zur Diagnostik und Therapie der Gehirntumoren, von F. Eichelberg. (Deutsche Zeitscbr. f. Nervenheilk. LI. 1914. H. 3 bis 6.) Ref.: Kurt Uendel. Tabellarische Übersicht über 43 Fälle von Hirngeschwulst. Verf. kommt zu folgenden Schlüssen: 1. Die Diagnose eines Gehirntumors im allgemeinen können wir schon ver¬ hältnismäßig frühzeitig stellen. 2. Bei der Lokaldiagnose bestehen zum Teil noch recht erhebliche Schwierig¬ keiten. In sehr vielen Fällen kann der Tumor erst richtig lokalisiert werden, wenn er eine gewisse Größe erlangt hat. In 70 bis 80°/ o der Fälle ist eine richtige Lokaldiagnose zu stellen. 3. Die Zahl der Gehirntumoren, welche gut lokalisiert werden können, dem operativen Eingriff zugänglich sind und operativ radikal entfernt werden können, sind nur sehr gering. Die Zahl derartig günstig liegender Fälle ist m. E. auf höchstens 5°/ 0 zu schätzen. 4. Pathologisch-anatomisch sind die meisten Gehirntumoren Sarkome und Gliome. 5. Sobald eine Lokaldiagnose mit einiger Wahrscheinlichkeit gestellt werden kann und der Tumor einer Operation zugänglich ist, muß versucht werden, den Tumor durch Operation radikal zu entfernen. 6. In allen übrigen Fällen ist man berechtigt, erst durch interne Behandlung (Quecksilber und Jod) zu versuchen eine Besserung zu erzielen. Tritt unter einer solchen Behandlung eine Verschlimmerung ein und nimmt insbesondere die Stauungspapille zu bzw. die Sehschärfe ab, so muß zur Paliativtrepanation ge¬ schritten werden. 7. Spezifisch syphilitische Neubildungen sind zunächst mit Quecksilber und Jod zu behandeln. In den wenigen Fällen, in denen man hiermit nicht zum Ziele kommt, muß auch hier operativ eingegriffen werden. 3) Die Diagnostik und Therapie der Hirngesohwülste, von L. M. Pussep. (Öasopis Seskych. 16k. LIII. S. 1335 u. 1916.) Ref.: J. Stuchlik. Verf. macht in seinem Vortrage auf die Schwierigkeiten der Differential- diagnose der Hirntumoren aufmerksam. Charakteristisch ist für Hirntumoren, wenn nach dem Merkmale der gestörten Tätigkeit des betreffenden Hirnnerven auch seine Lähmung oder seine Parese folgt. Der Fortgang der Merkmale dient hauptsächlich dann, wenn die Lokalmerkmale vor den Merkmalen allgemeineren Charakters erscheinen, als kennzeichnend für die Hirntumoren im Gegensatz zu den Schädeltumoren. Die beste Therapie ist wohl die chirurgische; die anti¬ syphilitische Therapie kann auch ganz gute Resultate verzeichnen, aber darf nur etwa 6 Wochen angewandt werden. Wenn in dieser Zeit die subjektiven und ob¬ jektiven Merkmale an der Intensität nicht abgenommen haben, dann muß sie der Chirurgie Platz machen. Zahlreiche operative Mißerfolge zählt Verf. nur dem Umstand zu, daß die Chirurgen die Neurologie nicht genügend beherrschen und stellt die Forderung auf, daß nur die Neurologen operieren sollten. Der Fort¬ schritt der Neurologie bringt es auch mit sich, daß in seinem Gebiete die Neuro¬ logen auch chirurgisch ausgebildet werden müssen, wie es schon zum Teil in Rußland, durch Einrichtung einer neurochirurgischen Klinik zum Ausdruck ge¬ kommen ist. 4) Beitrag zur Klinik und Pathologie der Hirngeschwülste, von Emil Mat- tauschek. (Jahrb. f. Psych. u. Neur. XXXVI. 1914. Wagner v. Jauregg- Festschrift.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. bespricht mehrere Fälle von Hirntumor. I. Hirngeschwülste der hin¬ teren Schädelgrube ohne Stauungspapille: Fall 1: Kleinhirntumor, weich, stark Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 381 • vaskularisiert, infiltrativ wachsend. Gerade dies letztere Moment scheint an dem Fehlen der Stauungspapille schuld zu sein. Fall 2: Tumor des 4. Ventrikels ohne StauuDgspapille. Der Mangel der letzteren findet vielleicht am ehesen seine Er¬ klärung darin, daß es sich lange Zeit vorwiegend um passagere Verlegungen des For. Magendie gehandelt hat, und daß der infiltrativ wachsende Tumor weniger geeignet war, Dauerdruckerscheinungen schwerer Art zustande kommen zu lassen. II. Kavernom im Gehirn; der mitgeteilte Fall stellt einen Thalamustumor dar, dessen klinische Symptome wenig ausgesprochen waren, insbesondere fehlten atak¬ tische, choreatische oder athetotische Erscheinungen völlig. Die Symptomlosigkeit des großen Thalamusherdes läßt sich aus der histologisch ersichtlichen Adaptierung und Verdrängung der nervösen Substanz durch die Geschwulst erklären. 5) Ein Fall von Gesohwulstbildung im Gehirn und in den welchen Häuten des gesamten Zentralnervensystems, von F. Lahmeyer. (Deutsche Zeit¬ schrift f. Nervenheilk. XLIX. 1913. H. 4 bis 6.) Ref.: Kurt Mendel. Kasuistische Mitteilung: Es handelte sich um ein Glioma sarcomatodes im Gehirn und in den weichen Hirnrückenmarkshäuten mit doppelseitigem Exoph¬ thalmus und Gelbfärbung des Liquor cerebrospinalis, welch letztere sowohl bei diffuser Geschwulstbildung der Häute wie auch bei zirkumskripten Tumoren des Hirns und Rückenmarks Vorkommen kann. Berücksichtigung der bisherigen Literatur über diffuse Sarkomatose und Gliomatose der Häute. 0) Zur Klinik der Differentialdiagnose der Hirntumoren, von v. Wieg- Wickenthal. (Jahrb. f. Psych. u. Neur. XXXVI. 1914.) Ref.: Pilcz. In der vorliegenden Arbeit werden unter Anführung klinisch und anatomisch genau untersuchter Fälle von Hirntumoren einzelne Verlaufsweisen derselben, be¬ sonders diejenigen, die unter dem Bilde der Korsakoffschen Psychosen und unter Paralyse ähnlichen Symptomen auftreten, eingehend behandelt und daran an¬ schließend einzelne differentialdiagnostische Erwägungen besprochen. Bezüglich der Differentialdiagnose zwischen Hirntumor und Atheromatosis cerebri kommt Verf. zu folgenden Schlußsätzen: 1. Bei jeder unzweifelhaft vorliegenden Hirnatheromatose ist auch bei den anscheinend schwersten Tumorsymptomen bezüglich der Diagnose Tumor cerebri immer die größte Vorsicht geboten. 2. Die Stauungspapille hat keinen absolut differentialdiagnostischen Wert. 3. Rapider Verlauf, Abmagerung, starke Kachexie, vorherrschende Somnolenz im Verlaufe eines fraglichen Hirnleidens sprechen für Tumor cerebri. 4. Gewöhnliche und Jackson-Epilepsie, Status bemiepilepticus und die ver¬ schiedensten zerebralen Herd- und Reizerscheinungen kommen beiden Krankheits¬ zuständen zu, so daß uns in einzelnen schwierigen Fällen eine sichere Differential¬ diagnose derzeit überhaupt unmöglich ist. In einem besonderen Abschnitt wird dann die Differentialdiagnose zwischen Tumor cerebri und Meningitis serosa und dieser verwandten Krankheitszuständen erörtert (Friedmannscher Symptomenkomplex, Hirnschwellung, intermittierende Hydrozephalie, Pseudotumor usw.). Zum Schlüsse werden noch bezüglich Differentialdiagnose gegen Tumor cerebri gewisse Formen nicht eitriger Enzephalitis, bestimmte Verlaufsarten von multipler Sklerose und Lues cerebri, die Sinusthrombose und das Duralhämatom und endlich gewisse zerebrale Zustandsbilder bei chronischer Urämie, Epilepsie und Katatonie kurz erwähnt. Bezüglich der Einzelheiten muß auf das Original verwiesen werden. Fünf klinisch und anatomisch gut studierte Fälle, deren namentlich der erste in muster¬ haft genau geführter Krankheitsgeschichte wiedergegeben ißt. Auch die aller- jüngste Literatur ist eingehend berücksichtigt. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 382 7) Zur Differentialdiagnose zwischen Erweiohungsherd und Gehirntumor. * Zugleich ein Beitrag zur Lehre vom Zittern bei Hirntumor, von A. Sie- laff. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. Verf. beschreibt folgenden Fall: Ein ööjähriger Arbeiter, der stets gesund gewesen war, erleidet vor 6 Jahren ein Trauma, das scheinbar ohne Folgen blieb. Seit einem Jahre erkrankte er mit Abnahme der geistigen Kräfte und Verlust ethischer Begriffe. Sprachstörung und Anfälle wurden bei ihm nicht beobachtet. Nach einem weiteren Unfälle tritt eine auffallende Verschlimmerung des Leidens ein. Pat. wird stumpfer und stiller, vermag anfangs noch zu arbeiten, bis schließlich Verblödung eintritt. Kurz vor Aufnahme in die Klinik erleidet er eine rechtsseitige Hemiplegie. Die Unter¬ suchung läßt einen Prozeß in der linken Hemisphäre mit Beteiligung der inneren Kapsel vermuten, und mit Berücksichtigung der Wahrscheinlichkeit einer homo¬ nymen Hemianopsie und sensorischen Aphasie wird die Diagnose auf einen Tumor des linken Schläfen- und Hinterhauptlappens gestellt. Die Autopsie bestätigte diese Diagnose. Verf. erörtert im Anschluß hieran ausführlich die Diflferentialdiagnose gegen¬ über der progressiven Paralyse und Hirnarteriosklerose und geht kurz ein auf das Vorkommen von Tumor bei Hirntumoren, die in seinem Falle zu beob¬ achten war. Vorausgeschickt ist der Krankengeschichte eine ausführliche Darstellung der klinischen Symptomatologie der Hirntumoren. 8) Ein Beitrag aur Differentialdiagnose zwischen Enzephalomalazie und Tumor oerebri, von A. Haupt. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. In den fünf vom Verf. mitgeteilten Fällen war es schwierig, die Differential¬ diagnose zu stellen zwischen Enzephalomalazie und Hirntumor. Erst der weitere Verlauf der Krankheitsfälle bzw. die Sektion ergaben die richtige Diagnose. In Fall I schien die Diagnose Hirntumor gesichert, als deutliche Stauungs¬ papille ausgebildet war. Auch die anderen Krankheitserscheinungen sprachen sämtlich für Hirntumor und doch zeigte sich bei der Sektion eine Hirnerweichung. In Fall II und III ließ die klinische Beobachtung ebenfalls längere Zeit auf das Vorhandensein eines Tumors schließen. Erst der Ausgang in Besserung bzw. Heilung machte diese Diagnose zu nichte und zeigte, daß es sich um Gefäßprozesse mit Hirnerweichung gehandelt haben muß. Die beiden letzten Fälle boten klinisch das ausgesprochene Bild der Hirn¬ erweichung auf arteriosklerotischer Grundlage dar. In beiden Fällen wurde erst durch die Sektion die wirkliche Krankheit, ein Trauma, aufgedeckt. 9) Le alterazioni Istologiohe antecedenti alla papilla da staai, per G. Pe- tronio. (Pathologica. V. 1913.) Ref.: G. Perusini (Mailand). Schlußsätze: 1. Bei den Fällen von Gehirntumor, bei welchen eine Stauungspapille noch nicht zur Entwicklung gekommen, ist ein erhebliches kleinzelliges Infiltrat der Optici vorhanden. Dieses Infiltrat kommt infolge einer veränderten Permeabilität der Gefäßscheiden zustande. 2. Im Krankheitsstadium, in welchem die Stauungspapille noch nicht auf¬ getreten ist, gibt sich die Lymphstauung im intervaginalen Raum nioht deutlich kund: sie ist dagegen im ganzen interfaszikulären und perivasalen Lymphsystem der Optici deutlich zu sehen. 3. Trotz der beschriebenen Läsionen läßt sich weder eine primäre noch eine sekundäre Degeneration der Nervenfasern nachweisen. 10) La neurite ottioa nel deoorao dell’allattamento, per D. Zani. (Riv. ven. di Scienze mediche. LIX. 1913. H. 4.) Ref.: G. Perusini (Mailand). Mitteilung eines typischen Falles. Die bilaterale optische Neuritis trat bei Digitized by Go .gle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 383 einer ganz gesunden 25jährigen Frau etwa 3 Monate nach der Geburt ein. Un¬ regelmäßige Gesichtsfeldeinengung: für Rot und Grün blieb sie naoh der Genesung beständig. Letztere trat innerhalb etwa \ l j % Monaten ein. Wahrscheinlich hängt das Zustandekommen der Neuritis von einer Autointoxikation ab, die mit dem Stillen einhergeht. 11) Die hemianoplsohe Pupillenreaktion, ihre physiologische Grundlage und ihre lokaldiagnostisohe Bedeutung, von E. Schlesinger. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 4 u. 6.) Ref.: G. Stiefler. Verf. hat seine Untersuchungen auf hemianopische Starre mit dem nach seinen Angaben von der Firma Carl Zeiss in Jena gebauten Peripupillometer aus¬ geführt. Er berichtet zunächst über 3 Fälle (Gumma im Verlauf des Tractus opticus, Neubildung des Thalamus und seiner Umgebung, Schußverletzung im Um¬ kreis des Thalamus), bei denen die Lokaldiagnose nur durch den einwandfreien Nachweis der hemianopischen Reaktion möglich war, ferner über 2 Fälle von bitemporaler hemianopischer Starre bei Erkrankungen der Hypophyse und faßt die Ergebnisse seiner Untersuchung dahin zusammen: 1. Der Untersuchung auf hemianopische Pupillenstarre hat die Feststellung des Schwellenwertes sowie die Messung des reflexempfindlichen Bereichs der Retina vorauszugehen. 2. Der Schwellenwert bei Tractushemianoptikern ist erhöht; diese Erhöhung ist hauptsächlich auf dem der Hirnlokalisation gegenüberliegenden Auge aus¬ gesprochen. 3. Dem Behr sehen Zeichen, Erweiterung der Pupille des dem Herde gegen¬ überliegenden Auges gebührt für die Diagnose der Tractushemianopsie ein patho- gnomonischer Wert. 4. Der hemianopische Ausfall ist auf der dem Herde gegenüberliegenden Seite größer als auf der gleichseitigen. 5. Bei den durch Hypophysenerkrankungen hervorgerufenen bitemporalen Hemiakinesien besteht eine Pupillendifferenz nicht. 12) Gehirngesohwulst mit Gesiohtshallusinationen und Makropsie, von ArnoldJosefson. (DeutscheZeitschr.f.Nervenheilk. XLIX. 1913. H.4bis6.) Ref.: Kurt Mendel. Fall von Gliom im linken Okzipitallappen und dessen Umgebung. Von Sym¬ ptomen sind besonders zu nennen: Hemianopsie, optisch-aphasische Störungen, Ge¬ sichtshalluzinationen (Pat. sah braune Sterne, Blätter und Ringe im hemianopischen Gesichtsfeld); zeitweise sah Pat. die Gegenstände größer, als diese ihrer Erfahrung nach hätten sein dürfen: „das Zimmer wird so groß, der Arzt so hoch, sein Ge¬ sicht so vergrößert. 1 ' Das Vermögen, Abstand, Tiefe und Perspektive zu be¬ urteilen, ist herabgesetzt. Wir haben es also im vorliegenden Falle mit einer zentralen Makropsie zu tun; sie kommt nicht ganz selten während der Aura bei Epileptikern vor. Sie kann — wie eine Reihe von Fällen aus der Literatur und Verf.’s Fall dartun — bei Läsion im Okzipitallappen entstehen. Wahrscheinlich handelt es sich um eine zentrale Umarbeitung im Hinterhauptslappen von der Auffassung der Größe der Gegenstände; für diese Annahme spricht auch ein von Oppenheim veröffentlichter Fall, der zeigt, daß das Symptom der Makropsie nicht als ein Zeichen einer par¬ tiellen Seelenblindheit aufgefaßt werden darf. 13) Augensymptome bei Gehirntumoren, von H. Hebenstreit. (Inaug.- Dissert. Leipzig 1913.) Ref.: K. Boas. Verf. gibt eine sehr gründliche Bearbeitung in monographischer Breite (114 Seiten) von 48 Fällen von Gehirntumoren aus der Leipziger medizinischen Universitätsklinik mit besonderer Berücksichtigung des okulistischen Befundes. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 384 Eine ausführliche Besprechung der zahlreichen im Original nachzulesenden Detail¬ angaben ist an dieser Stelle leider nicht möglich. 14) Beitrag zur Frage der Hörstörungen bei Erkrankungen der zentralen Hörbahn und des Acusticusstammes mit besonderer Berücksichtigung eines Falles von Kleinhirnbrüokenwinkeltumor, von H. Rhese. (Beitr. zur Anatomie, Physiologie, Pathologie u. Therapie des Ohres, der Nase und des Halses. VII. 1914. ü. 4 u. 5.) Ref.: Kurt Hendel. 4 Fälle werden mitgeteilt: 1. Kleinhirn brücken winkeltumor, 2. Bluterguß in Kleinhirnbrückenwinkelgegend nach Kopftrauma, 3. Apoplexie mit Beteiligung der Hörbahn, 4. wahrscheinlich beginnende Erkrankung des Acusticusstammes bzw. der zentralen Cochlearisbabn. Schlußfolgerungen: Ist das Krankheitsbild der nervösen Schwerhörigkeit mit einem Defekt der unteren Tongrenze kombiniert, so ist, wenn eine Mittelobr- erkrankung ausgeschlossen werden kann, an eine Erkrankung des Acusticusstammes oder der zentralen Hörbahn zu denken. Für die Frühdiagnose der Erkrankung oder Beteiligung des Acusticusstammes ist es von besonderer Wichtigkeit, bei der Fahndung nach vestibulären Symptomen die galvanische Untersuchung nicht zu unterlassen. Im übrigen ist der Sitz der Hörstörung lediglich aus den Begleit¬ erscheinungen zu erschließen. 16) Tnberkolom des Gehirns, von F. Ninger. (Öasopis öeskych 16k. LIIL 1914.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich). Verf. beschäftigt sich mit der Frage, in welchem Falle die Symptomatologie des Hirntumors das Bild einer intrakraniellen Komplikation der Otitis media Vor¬ täuschen kann, d. h. wie könnte man differentialdiagnostisch Hirntumor von Hirn- abszeß unterscheiden. In der Literatur wurde ziemlich häufig das gleichzeitige Vorkommen eines Tumors — in den meisten Fällen tuberkulöser Natur — mit eitriger Otitis verzeichnet, ohne daß man auf die Ätiologie der Erscheinung näher eingegangen ist. Verf. reiht zu den 12 bisher beschriebenen Fällen seine zwei Beobachtungen, bei welchen intra vitam die Diagnose auch mit Hilfe der Trepa¬ nation nicht gestellt werden konnte, weil das Bild der freigelegten Hirnpartie vielmehr an Meningitis serosa circumscripta erinnerte. Differentialdiagnose ist heute nicht möglich; in der Praxis muß man, nachdem Abszeß ausgeschlossen ist, in erster Reihe an tuberkulöse Erkrankung denken und zur Trepanation raten, weil diese chirurgische Behandlung noch dem Pat. das Leben retten kann. 16) Tuberoulomes multiples du oerveau et des mdninges, par Rautier et Baumei. (Nouv. Iconogr. de la Salpetr. 1913. Nr. 5.) Re£: E. Bloch. 25jährige Kranke. Sie hat eine Entbindung mit Fieber durchgemacht, kein Trauma, keine Heredität. Aufgenommen wegen heftigen, intermittierenden, bald tags, bald nachts heftiger werdenden Kopfschmerzen. Seit einem Monat Steigerung derselben unter Fieber. Sie hat Krampfanfälle; Vorläufer: inkoordinierte Be¬ wegungen in oberen und unteren Extremitäten, ohne Bevorzugung einer Seite. Dann Bewußtseinsverlust mit Zungenbiß, Schaum vor dem Munde und Urinabgang. Dauer einige Minuten, es bleibt keine motorische Störung im Arm, Bein oder Gesicht zurück. Leichte Schmerzen in der Nierengegend. Seit 14 Tagen eine Abnahme des Sehens, keine Diplopie oder Amblyopie, nur ein leichter Grad von Amaurose. Gedächtnis erhalten, aber Merkfähigkeit stark abgeschwächt. Kein Husten oder Auswurf, über den Lungen perkutorisch und auskultatorisch nichts zu konstatieren, nur eine leichte Dyspnoe ist vorhanden. Gute Verdauung, aber Appetitlosigkeit. Die Kranke muß häufig Urin lassen, 0,2 °/ 0 Albumen. Men¬ struation regelmäßig. Status: Dürftiges, kachektisches Aussehen. Totale Fazialislähmung links. Gang geht ohne Schwierigkeiten, Händedruck links schwächer wie rechts. Reflexe sehr stark; Babinski positiv. Linke Pupille weiter wie die rechte, träge Reaktion. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 385 Sensibilität o. ß., Kernigscher Reflex positiv. 92 Pulse, Kardiasthenie, kein Zeichen an den Lungen. In der Folgezeit zeigt sie etwas höhere Temperaturen. Blasenlähmung. Die Kopfschmerzen lassen nach einer Lumbalpunktion etwas nach, Stuhl erfolgt selbst nicht nach einem sehr hohen Einguß. Nach 3 Wochen Exitus. Autopsie: Im Niveau des 7. Brustwirbels eine eitrige Masse, vom Wirbel¬ körper ausgehend und die Arachnoidea vorwölbend. Sie hat auf diesem Gebiet den vorderen Teil des Rückenmarks zerstört. Etwa 100 g Flüssigkeit entleert sich auf Öffnung des Rückenmarkskanals. Das Rückenmark selbst sieht ulzeriert und angefressen aus. Dura stark verdickt. Auf ihrer Oberfläche drei Neubildungen von der Größe je einer Weintraube. Der 7. Wirbelkörper ist ganz zerstört und der Eiter hängt in den Wirbelkanal hinein wie in eine Tasche. Die darüber¬ und darunterliegenden Wirbel sind intakt. Das Gehirn bietet zunächst nichts abnormes; keine Exsudation an der Basis; nur hat man beim Betasten das Gefühl rundlicher Körper an einzelnen Stellen; dasselbe Gefühl hat man beim Medianschnitt. Aus dem Thalamus opticus kann man eine etwa nußgroße Masse heraus¬ schälen. Nuoleus caudatus und Corpus striatum normal. Aus der rechten Hemi- sphäre schält man ein Dutzend ähnliche Körper heraus. Sie sitzen meistenteils in der Regio occipitalis, einige im Niveau der aufsteigenden Zentralfurche in der Nachbarschaft der Fissura Rolandi, wo sie die Zentren für das Gesicht und obere Extremität einnehmen. Zwei andere sitzen im Lobus frontalis. Der Temporal¬ lappen ist frei, ebenso ist die linke Hemisphäre ganz normal. Eine Neubildung von der Größe einer Erbse sitzt im rechten Lappen des Kleinhirns. In den Lungen und auf dem Peritoneum eine Aussaat von Knötchen. Eine mikroskopische Untersuchung ergab den tuberkulösen Charakter der Neubildungen mit zahlreichen Koch sehen Bazillen. 17) Volnmineux gliome da lobe frontal, par L. B6riel et Ch. Gard&re. (Lyon chirurgical. IX. 1913. S. 504.) Ref.: K. Boas. Der von den Verff. klinisch und pathologisch-anatomisch genau untersuchte Fall — einen 33jährigen Tierhüter betreffend — ist in mehrfacher Hinsicht von Interesse: Außer dem Umfang der gliomatösen Pseudozyste des Scheitellappens bot der sonstige pathologische Befund nichts von der Norm Abweichendes, wirft auch kein neues Licht auf die Pathogenese, auf die der eine der Verf. (Bäriel) an anderer Stelle (Arch. de m£d. experiment. et d’anatomie pathologique 1913) aus¬ führlich eingegangen ist. In klinischer Beziehung äußerte sich die Geschwulst in Gestalt einer all¬ gemeinen Epilepsie, welche während dreier Jahre als einziges Symptom das Krank¬ heitsbild beherrschte. Im letzten Monat vor dem Exitus trat dazu eine terminale progressive Hemiplegie, welche in symptomatischer Hinsicht ganz klassisch verlief. Fälle, wie der von den Verff. beobachtete, sind folgendermaßen zu erklären: Entweder entwickeln sich echte Gliome sehr langsam und produzieren in den allerersten Stadien bereits epileptogene Sekretionen oder Zellveränderungen; oder umgekehrt die Veränderungen des zerebralen Gewebes, welche eine Epilepsie aus- lösen, begünstigen das Auftreten von gliomatösen Neubildungen. In diesem Falle ist der Tumor lediglich eine Komplikation der Epilepsie. 18) Sopra dae c&si di tumori interessant! i lob! frontal!, di C. Agostini. (Annal. del Manicomoi di Perugia. 1913. Fase. 1 u. 2.) Ref.: W. Misch. Es werden zwei Stirnhirntumoren beschrieben. Bei dem einen Fall fand sich ein Sarkom der Dura mater in der vorderen Schädelgrube, das langsam fort¬ schreitend die beiden Frontallappen, insbesondere die ganze Orbitalregion und darüberliegende weiße Substanz zerstört hatte unter Unterbrechung der anatomi- xxxiv. 25 Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 386 sehen Bahnen der Gyri frontales snpremus und medius, welch letztere selbst auf eine dünne, dem Tumor wie eine Haube aufbitzenden Schieht von grauer Substanz reduziert waren. Klinisch fanden sich bei diesem Fall, außer einer Aufhebung des Geruchs- und Gesichtssinns, lediglich Störungen der psychisohen Sphäre, die mit einem Nachlassen der Aufmerksamkeit und des Vorstellungslebens und be¬ sonders mit einer Verschlechterung des Gedächtnisses und einer Charakterverände¬ rung im Sinne einer erhöhten Erregbarkeit, einer auffallenden Affektlosigkeit und einer fortschreitenden Willensschwäche begannen. Bei dem anderen Fall fand sich ein Osteosarkom der vorderen Schädelgrube, das, langsam fortschreitend, be* sonders den den Gyri recti entsprechenden Teil der Regio orbitalis und die dazu¬ gehörige weiße Substanz zerstört hatte. Klinisch war eine Spätepilepsie infolge von Hirnarteriosklero8e diagnostiziert worden, da, außer epileptischen Anfällen, als am meisten hervortretende Erscheinung eine Charakterveränderung eintrat, die sich in einer auffallenden Erregbarkeit, einer Energiehemmung und einer völligen ethisohen Verwandlung mit ausgesprochener Neigung zu verbrecherischen Handlungen äußerte. Aus der Betrachtung dieser Fälle werden folgende Schlüsse gezogen: Bei Fällen von Läsion oder Tumoren der Lobi praefrontales sind gewöhnlich Störungen der psychischen Sphäre vorherrschend; insbesondere beobachtet man eine allgemeine fortschreitende Schwachsinnigkeit, Störungen des Gedächtnisses, der Auffassung, der Ideenassoziation, eine Herabsetzung der Aktivität und eine Charakterverände¬ rung, ganz der von Bianchi vertretenen Ansicht entsprechend« Diese psychischen Erscheinungen wechseln an Intensität und Art und äußern sich mehr oder weniger langsam, je nach dem Teil des Lobus praefrontalis, der ergriffen ist Im allge¬ meinen ist, je ausgedehnter die Läsion, besonders am linken Pole, ist, der In¬ telligenzdefekt desto größer; erstreckt sich die Läsion auf beide praefrontales, so nehmen die geistigen Fähigkeiten immer mehr ab, so daß schließlich eine völlige Demenz resultiert. Ist die Läsion auf die Gyri recti beschränkt, so entsteht eine Veränderung des Charakters, besonders im Sinne einer Umwandlung des ethischen Gefühls. Auf die kriminelle Bedeutung der Stirnhirnläsionen wird ganz besonders hingewiesen. 19) Tumore del lobo frontale del oervello oon papilla da stasi oontro- laterale, per G. Dal Lago. (Riv. veneta di Scienze med. LVIH. 1913. H. 11.) Ref.: G. Perusini (Mailand). Krankheitsdauer etwa 4 Monate. Starke Lymphozytose der Zerebrospinal¬ flüssigkeit, Wassermann sehe Reaktion negativ. Parese des linken unteren Fazialis, Parese des linken Abduzens. Kein Babinski. Patellarreflex beiderseits lebhaft. Keine Sensibilitätsstörungen. Hypoosmie links. Augenhintergrnnd: links normal, rechts war die Papille etwa 3 mal größer wie normalerweise. Der Befund erinnert an denjenigen (Blutungen usw.), den man bei der Retinitis albuminurica beobachtet. Die Tatsache, daß der Visus gut war, dürfte zugunsten einer Stauungspapille deponieren. Die Sektion ergab einen taubeneigroßen Tumor, der den linken Opticus einnahm und sioh etwa 3 cm in die betreffende Hemisphäre vertiefte. Ver£ nimmt an, daß die Tatsache, daß eine Stauungspapille sich links nicht nachweisen ließ, auf das Vorhandensein von Verwachsungen, die zwischen Tumor und Opticusscheide Vorlagen, zurückzuführen ist. Denn die histologische Unter¬ suchung des Tumors wies nach, daß es sich um ein Gliom handelte, welches das Perineurium erreicht und bis in die Nervenfasern hinein sich vertieft hatte. 20) Tumore della faooia interna dei lobi prefrontali e della parte anteriore della trave, per Fausto Costantini. (Riv. di patol. nerv, e ment. XVIII. 1913. H. 12.) Ref.: G. Perusini (Mailand). Verf. teilt die Krankengeschichte eines 25jährigen Mannes mit, der auf einmal von heftigen Kopfschmerzen befallen wurde; kurz darauf machten ßich psychische Digitized by Google Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN 387 Störungen bemerkbar. Nach . etwa 3 Monaten Abnahme des Visus, Schwindel¬ anfälle, unsicherer Gang. 4 Monate naob Beginn der ersten Erankheitssymptome waren folgende Symptome nachzuweisen: Stauungspapille beiderseits, leichter Ex¬ ophthalmus, hauptsächlich links; sehr leichte (rechte) Hemiparese (Steigerung der entsprechenden Sehnenreflexe), leichte Ataxie, Visus - v, 0 . Hypoosmie rechts. Leichte Lymphozytose der Zerebrospinalflüssigkeit; Nonne positiv. Sodann voll¬ ständige Blindheit, Nystagmus, Niktitatio; außerdem wurde Pat. von einem Jack« son sehen Anfall (rechts) befallen. Zuletzt Ptosis beiderseits, Parese der gesamten Augenmuskeln, besonders des rechten Abduzens; Anisokorie; aufs Licht reagierten die Pupillen nicht Krankheitsdauer etwa 7 Monate. Die Sektion ergab ein Gliosarkom, welches die beiden Präfrontallappen einnahm. Links war der Tumor ausgedehnter wie rechts. Dorsal nahm er nämlich das Septum lucidum, das Corpus fornicis, einen Teil der zentralen Balkenfaserung und des vorderen Endes des Nucleus caudatus ein. Verf. stellt einige allgemeine Schlußsätze auf, die auf die Symptomatologie der Tumoren sich beziehen, welche die oben angedeutete Lokalisation aufweisen. 21) Oase of 8uboortieal cerebral tumour, by George Hall and H. Brunton Augus. (Lancet. 1913. 8. März.) Bef.: E. Lehmann (Oeynhausen). Ein bis dahin gesunder Patient hatte seit einem Jahre an Kopfschmerzen in der linken Stirnseite und rechtsseitiger Jacksonscher Epilepsie gelitten, wegen welcher er zweimal ins Hospital aufgenommen wurde, ohne daß man bei dem Fehlen sonstiger Symptome die Ursache der halbseitigen Krämpfe feststellen konnte. Als Pat. zum 3. Male aufgenommen wurde, waren die halbseitigen Krämpfe an¬ geblich stets in kürzeren Zwischenräumen wiedergekehrt und hatte Pat. zweimal dabei auch das Bewußtsein verloren. Es bestand jetzt leichte Parese der rechten Extremitäten; die rechtsseitigen Keflexe waren erhöht und zeitweilig bestand rechterseits Babinski. Berührungs¬ gefühl am rechten Bein gegen links etwas abgeschwächt. Beiderseits Neuritis optica, links in höherem Grade. Es wurde die Diagnose auf subkortikalen Tumor im Bereioh der linken motorischen Region gestellt. Nach der vorgenommenen Trepanation und öffnen der Dura sah man an der Gehirnoberfläche nichts. Wegen profuser Sinusblutung mußte von weiterer Unter¬ suchung des Gehirns zunächst Abstand genommen werden. Tamponade der Wunde. Unmittelbar nachher rechtsseitige Hemiplegie und artikulatorisohe Sprachstörung. Ein Versuch, nach 5 Tagen den Tampon zu entfernen, mußte wieder wegen er¬ neuter Blutung aufgegeben werden. Erst nach weiteren 8 Tagen gelang es, den eingeführten Tampon ohne Blutung zu entfernen. Das Gehirn wölbte sich aus der Wunde hervor und zeigte eine zerrissene Oberfläche. Gleichzeitig sah man unterhalb der lazerierten Partien eine weiß aussehende Masse, die sioh als frei beweglicher, abgekapselter Tumor erwies {Tuberkel) und der entfernt wurde. 8 Monate nach der Operation hatte Pat. die Gebrauchsfähigkeit der rechten Extremitäten wieder erlangt. Nur stellten sich seit einigen Wochen epileptische Anfälle ein, wahrscheinlich infolge der an der Trepanationsstelle eingezogenen jtdhärenten Kopf haut narben. Der Fall illustriert, abgesehen von der Schwierigkeit der Lokaldiagnose, bei den anfänglich geringen Symptomen die Schwierigkeit der Entscheidung für den ‘Chirurgen, den direkten Versuch zu unternehmen, den Tumor zu finden oder nur die Dekompressionstrepanation zu machen. Im vorliegenden Falle war die Ent¬ deckung des Tumors mehr ein glücklicher Zufall. 22) Beitrag zur Lehre von den Gehirntumoren im Gebiet der Zential- windungen, von U. Klementz. (Inaug.-Dissert. Kiel 1913.) Ref.: K. Boas. 25* Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 388 Ausführliche Mitteilung der klinischen Krankengeschichte eines Falles von Tumor cerebri in dem Gebiet der rechten Zentral- und Scheitelwindung nebst Obduktionsbefund. Der Tod trat infolge Atemlähmung ein nach Vornahme einer Lumbalpunktion. Dabei muß die Kompression des Bückenmarkskanals im Foramen magnum bereits so fortgeschritten gewesen sein, daß bei der artefiziell herbei¬ geführten Druckdifferenz zwischen Schädelinhalt und Bückenmark die Medulla oblongata noch weiter ins Foramen magnum gepreßt und so das Atemzentrum aufs schwerste geschädigt wurde. 23) Studii Bulla semejologia dei tnmorl delle varie aone del lobo tempo¬ rale, per G. Mingazzini. (Biv. di Patol. nerv, e ment. XVIII. 1913. H. 12 ) Bef.: G. Perusini (Mailand). Ein 46jähriger Mann bot etwa 6 Monate vor dem Tode Erbrechen, Kopf* schmerzen, Ohrensausen links. Sodann Stauungspapille beiderseits; vollständige sensorische Aphasie. Träge Pupillen; Strabismus oonvergens bilateralis. Spastische Hemiparese, Hypoalgesie und Schmerzen rechts. Die Sektion ergab ein Sarkom, welches die vordere Hälfte der unteren Partie des linken Temporallappens ein¬ nahm. Zu bemerken ist, daß dem Einsetzen der Bensorisohen Aphasie eine Amnesia nominum voranging. Bei Geschwülsten des Temporallappens können zur Fest¬ stellung der genaueren Tumorlage folgende Kriterien verwertet werden: eine Hemiparese und eine Hypoalgie omolateralis kommen sehr oft bei Tumoren der hinteren Partie, seltener bei Tumoren der vorderen Partie der basalen Oberfläohe des Temporallappens vor. Bei letzteren überwiegen dagegen häufig, nicht aber immer, Geruchs- und Geschmaksinnsstörungen. Das Vorkommen einer Hemiplegia alterna superior spricht zugunsten eines Tumors, der die vordere Partie der kon¬ vexen Temporaloberfläche einnimmt. Ist die genannte Lähmung bilateral und geht Bie mit bulbo-zerebellaren Symptomen einher, so muß man annehmen, daß die hintere Partie der konvexen Oberfläche befallen ist. 24) Gliome du oorps oalleux et du lobe parietal gauohe, par Laignel- Lavastine et Lövy-Valensi. (L’Enc6phale. 1914. Nr. 5.) Bef.: Kurt Mendel. Kasuistik. Klinisch: schnell zunehmende Demenz, an Paralyse erinnernd, aber ohne entsprechenden somatischen Befund; spastische Parese mit Klonus und Babinski; beiderseitig motorische und ideatorische Apraxie. Exitus 36 Stunden nach einer Lumbalpunktion. Sektion: Gliom in den beiden hinteren Dritteln des Corpus callosum, in das Centrum ovale des Scheitellappens dringend (besonders linkerseits); multiple Hämorrhagien in beiden Hemisphären. Die Demenz betrachten die Verff. nicht als ein spezielles Balken-, sondern als ein Fernsymptom. Balkenläsionen rufen im Anfang als psychische Symptome hervor einen Mangel an Ideenverknüpfung, eine Wesenssonderheit, Beizbarkeit und Gedächtnisschwäche für Ereignisse jüngsten Datums. Die beiderseitige Apraxie ist bedingt durch die gleichzeitige Läsion der hinteren beiden Balkendrittel und des Centrum ovale des linken Scheitellappens, wobei die Scheitellappenläsion wohl die Hauptrolle spielt; die Balkenläsion ist im vorliegenden Fall nicht erforderlich, um die Doppelseitigkeit der Apraxie zu erklären. Schließlich zeigt der Fall die Gefahren der Lumbalpunktion bei Hirntumoren. 25) Zur Symptomatologie der Tumoren des Soheitellappens, von W. Weise. (Inaug.-Dissert. Kiel 1915.) Bef.: K. Boas. Nach allgemeinen und literarischen Bemerkungen über die Symptomatologie der Scheitellappentumoren beschreibt Verf. einen einschlägigen Fall: Bei dem 31jährigen Patienten begann das Leiden vor 6 Jahren und zwar ganz unter den Symptomen der Epilepsie. Außer den Krampfanfällen sprach noch der langsame Eintritt der linksseitigen Lähmung für Hirntumor, ebenso die Digitized b) Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 389 psychischen Störungen, der Kopfschmerz, der Schwindel und die Konvulsionen. Dagegen fehlte die Stauungspapille, die Pnlsverlangsamung und das Erbrechen. In den letzten Lebenstagen trat noch eine Parese der reohten Extremität ein. Die Sektion ergab ein sehr aasgebreitetes Gliom des Scheitellappens. 20) Angioma venoaum racemoaum der linken motorischen Region, von M. R. Castex und P. 0. Bolo. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Fall von Angioma racemosum venosum der Pia in der linken motorischen Region. Klinisch: rechtsseitige Hemiplegie, motorische Aphasie, Jacksonsche Epilepsie. Heilung durch Operation. 27) Zur Kenntnis dea Angioma raoemoaum des Gehirns, von Albert Wein¬ berg. (Inaug.-Dissert. Straßburg 1914.) Ref.: Kurt Mendel. 20jährige Patientin. Mit 18 Jahren während der Schwangerschaft erster Anfall: Zuckungen im linken Arm und Bein, linke Gesichtshälfte verzieht sioh, Patientin fällt hin, verliert aber nie das Bewußtsein. Dauer: 4 bis 5 Minuten. Häufigkeit sehr wechselnd; während der Schwangerschaft häufiger. Kein Zungen¬ biß. Einmal Verletzung des linken Fußes. Selten Kopfschmerzen. Die Unter¬ suchung ergibt eine linksseitige Hemiplegie mit positivem Babinski und fehlenden Bauchreflexen. Diagnose: Apoplexia cerebri? Tod im Anfall, welch letzterer einen Schädelbruch herbeiführte. Autopsie: Angioma arteriale racemosum cerebri (rechte Hemisphäre). Verkalkung in den Hirnkapillaren. (Vgl. auch Oppenheims Arbeit in d. Centr. 1913. Nr. 1.) 28) Angeioma in oerebellar pedunole: fatal intraoranial haemorrhage, by C. W. Wirgman. (Lancet. CLXXXVI. 1914. Nr. 25.) Ref.: W. Misch. Es wird ein Fall mitgeteilt, der außer häufigen Stirnkopfschmerzen niemals irgend welche Beschwerden gehabt hatte, und der eines Tages plötzlich tot auf¬ gefunden wurde; aus Nase und Mund floß blutiger Schaum, sonst war nichts an der Leiche bemerkbar. Bei der Sektion fand sich im rechten Kleinhirnstiel ein Angiom und in der weißen Substanz der rechten Kleinbirnhemisphäre eine mit geronnenem Blute ausgefüllte Höhlung; auch die Unter fläche der rechten Klein¬ hirnhälfte war mit geronnenem Blut bedeckt. Es hatte also offenbar ein Durch¬ bruch der Geschwulst stattgefunden, der zu einer tödlichen intrakraniellen Blutung geführt hatte. 29) Cysttoeroos raoemosus fossae Sylvii, von Oscar Rein. (Deutsche med. Wochenschr. 1914. Nr. 7.) Ref.: Kurt Mendel. Bei einer 77jäfirigen, wegen seniler Demenz in die Anstalt aufgenommenen, an Bronchopneumonie verstorbenen Frau fand sich als zufälliger Befund bei der Sektion ein Cysticercus racemosus in der rechten Fossa Sylvii. Derselbe hatte keinerlei klinische Erscheinungen gemacht, vielleicht eine geringe linksseitige Fazialigschwäche durch Druck auf Teile der inneren Kapsel. Der Parasit bestand aus einem zusammenhängenden razemösen Gebilde von 9 Blasen und einigen Resten abgestorbener Zysten, die sämtlich in der erweiterten rechten Fossa Sylvii lagen. Bei mikroskopischer Untersuchung zeigte das ganze Gehirn allgemein atrophische und arteriosklerotische Veränderungen, daneben als direkte Folge der Zystizerken- invasion: Druckatrophie der dem Parasiten benachbarten Rinde und Zystizerken- meningitis. SO) Un oaso di tumore del oorpo oalloso, per C. Agostini. (Annali del Manicomio provinc. di Perugia. 1913. Fase. 1 u. 2). Ref.: W. Misch. Ein 59jähr. Italiener von ruhigem Charakter erschlug plötzlich ohne besonderen Grund seine Frau, mit der er sich stets gut vertragen hatte, und lieferte sich hierauf sofort, ohne jedes Zeichen der Erregung, den Carabinieri aus; als Motiv der Tat, die er frei gestand, gab er Eifersucht an. Er wurde zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Im Gefängnis machte er einen gelangweilten, stumpfen Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 390 Eindruck, klagte über heftige Kopfschmerzen und zeigte eine bedeutende Schwäche besonders der unteren Extremitäten, so daß er nur sitzen oder liegen konnte* Etwa ] / 2 Jahr nach der Ausführung der Tat trat eine deutliche Parese der rechten Körperhälfte auf, und die psychischen Symptome verschlimmerten sich; er ließ Urin und Stuhl unter sich, reagierte nur sehr schwach auf Schmerzreize. Es fanden sich keine Störungen des Gesichts, Gehörs, des Facialis und der Zunge; apraktische Störungen ließen sich wegen der vorgeschrittenen Demenz nicht er¬ mitteln. Von Zeit zu Zeit traten klonisch-tonische Kontraktionen auf, die auf der paretischen Seite begannen und dann auf die ganze übrige Muskulatur über¬ gingen; zuweilen folgte auf die Kontraktionen ein spastischer Kontrakturzustand besonders auf der rechten Seite und stärker in der unteren Extremität. Die Ernährung des Kranken wurde immer schwerer, und er starb schließlich in einem Zustande schwersten Marasmus bei vollkommener echter Demenz. Die Autopsie ergab ein Sarkom des Splenium corporis callosi und 'der Fissura longitudinalis, das den mittleren Teil des Balkens und des Gyrus corporis callosi komprimierte. Als hervorzuhebende Symptome dieses Balkentumors sind zu nennen: Der frühzeitige psychische Defekt, der sich bis zum Bilde der völligen Demenz steigert; das Auftreten von motorischen Störungen, zunächst vom paretischen, allmählich später vom spastischen Typus, und zwar auf beiden Seiten; und das Fehlen jeg¬ licher Störungen von seiten der Gehirnnerven sowie die Abwesenheit der All¬ gemeinsymptome der intrakraniellen Tumoren. Erklärt werden die psychischen Störungen beim Balkentumor mit einer Störung der interassoziativen Funktion der Balkenfasern, während die motorischen Störungen abhängig sein müssen von der Ausdehnung des Prozesses auf die Nachbarschaft, wodurch die Pyramidenbahnen indirekt beteiligt werden. Die Diagnose des Balkentumors ist im allgemeinen nicht absolut sicher zu stellen, da es keine eigentlich-spezifischen Symptome dafür gibt. Im ganzen läßt sich aber doch die Regel aufstellen, daß, wenn frühzeitig geistige Störungen, insbesondere eine rasch zunehmende Demenz, vorhanden sind und wenn darauf bilaterale motorische Störungen vom paretisch-spastischen Typus, ohne Beteiligung der Himnerven, auftreten, ein pathognomisches Syndrom vor¬ handen ist, das den Verdacht auf einen Balkentumor nahelegt. 31) Tumor of the orua oerebri, by J. H. W. Rhein. (Journ. of the amer. med. Assoc. LXIII. 1914. Fase. 19.) Ref.: W. Misch. Mitteilung eines Falles (12jähr. Mädchen), bei dem sich allmählich eine Parese des rechten Gesichts, Arms und Beins, linksseitige Ptosis und auf das rechte Gesicht, Arm und Bein beschränkte Konvulsionen entwickelten; später trat eine Lähmung der Augenbewegungen nach oben, unten und lateral und zuletzt eine Schwäohe des linken Armes ein. Wie die Autopsie ergab, waren die Symptome durch einen Tuberkel des linken Crus cerebri verursacht, der die obere Partie der Brücke einnahm, Oculomotoriuskerne befallen hatte und sich aufwärts bis in Basalganglien erstreckte. Die Augenmuskellähmung hatte eine Ponsläsion in der Nähe der Oculomotoriuskerne angezeigt und eine Läsion des Fase, longitudinalis post. Der Beschreibung des Falles schließt sich eine Besprechung der Symptome der Tumoren des Crus cerebri und der darüber existierenden Literatur an. 32) Primäres, metastasierendes Gehirnkarzinom, von F. S. v. B. Basti aanse. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXVII. 1914. H. 1.) Ref.: W. Misch. Mitteilung eines Falles mit Kleinhirnsymptomen, bei dem durch die Neissersche Hirnpunktion in der linken KleinhirnhemiBphäre ein sohleimreicher Tumor festgestellt wurde, der jedoch operativ nicht erreicht werden konnte. Bei der Obduktion ergab sich ein primäres Karzinom der linken Kleinhirnrinde mit zahlreichen Metastasen in Pia und Rinde des Großhirns. Aus der mikrosko¬ pischen Untersuchung geht hervor, daß die Tumorzellen Drüsenepithelzellen und den primitiven Ependymzellen des Foetus sehr ähnlich sind. Der Tumor ist Digitized by Go igle Original fro-m UMIVERS1TY OF MICHIGAN ^ 391 jedoch nicht von dem die Ventrikel begrenzenden Ependym ansgegangen. Die Metastasierung hat auf drei Wegen stattgefunden; durch Verbreitung durch die Cere- brospinalflüssigkeit in der Richtung des Stromes, durch die kleinen Lymphbahnen und durch die Lymphbahnen längs der Blutgefäße (die perivaskulären Räume). 33) Bin Fall von Tumor des Nasen-Rachenraum es mit Metastasen an der OeMrnbasis und im Rflokenmark, von A. Finzi. (Mitteil, der Gesell¬ schaft f. innere Medizin, u. Kinderheilkunde in Wien. XIII. 1914. Heft. 7.) Ref.: R. Ganter. 22jäbriger Mann, vor 2 Jahren operiert an einer Geschwulst am Halse. Vpr einem Jahre linksseitige Kopfschmerzen von neuralgiformem Charakter, in letzter Zeit auch Schmerzen im Bauch, von der Wirbelsäule nach vorn ausstrahlend. Befund: Schädel nicht klopfempfindlich, leichtes Vorstehen des linken Auges, Ptosis und vollständige Lähmung des Oculomotorius und Abduzens links. Augen¬ hintergrund o. B. Parese und Atrophie der vom linken Trigeminus versorgten Muskeln und Anästhesien im ganzen sensiblen Gebiet des Trigeminus. Infolge der sensiblen Trigeminuslähmung Herabsetzung des Geruchs an der linken Seite und Geschmacksstörung an der linken vorderen Zungenhälfte. Parese des linken Gaumensegels. Die dem 5. bis 6. Dorsalsegment entsprechende Zone hyperästhe¬ tisch. Reflexe an den unteren Extremitäten etwas gesteigert, besonders reohts, rechts zeitweilig Babinskischer Reflex. Der Dorn des 1. bis 7. Brustwirbels empfindlich. Im linken Nasen-Rachenraum in der Gegend der Tube ein Tumor. Dieser Tumor (wahrscheinlich ein Sarkom) hat offenbar zu Metastasen in der mittleren Schädelgrube und in der Wirbelsäule geführt. 34) Über einen Fall von pigmentiertem Gliom bei multiplen Gliomen des rechten Seitenventrikele, von Erik Johannes Kraus. (Virchows Archiv. CCXVII. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel. Hepatitis; Leberkarzinom; multiple Ependymgliome im rechten Ventrikel, darunter ein walnußgroßes pigmentiertes Gliom im Pulvinar des Thalamus opt. nebst Ependymitis granularis sämtlicher Himventrikel. Klinisch bestanden Leib¬ schmerzen, Erbrechen, Übelkeit; keine nervösen oder psychischen Störungen. Verf. weist in Anbetracht der Leber- und Hirnveränderungen auf die Wilson sehe Krank¬ heit und die Strümpell-Westphalsehe Pseudosklerose hin. 36) Ober subependy märe Gliaknoten, von A. Frank. (Frankfurter Zeitschr. f. Pathologie. XIV. 1913. H. 3.) Ref.: K. Boas. Verf. beschreibt des genaueren zwei Fälle von subependymären Gliaknoten: Im ersten Falle handelte es sich um symmetrisch gelegene Knoten an der Innenfläche der Seitenventrikel, die aus dem subependymären Gliagewebe hervor¬ gegangen waren, im zweiten um einen isolierten Knoten, eingelagert in den Plexus chorioideus des 4. Ventrikels, ebenfalls aus Glia bestehend. Beide zufälligen Befunde waren als örtliohe Fehlbildungen (Choristome) zu bezeichnen. 36) Papillom mit Pflasterepithel im Infundlbulum , von Guizetti. (Centr. f. pathol. Anat. 1914. Nr. 20.) Re£: K. Boas. Verf. fand bei der Sektion eines 36jährigen Mannes in der Gegend des In- fundibulums in den 3. Ventrikel hinein reichend einen mit Plattenepithel über¬ kleideten, papillären Tumor. Derselbe stammte von dem Epithel des Infundibulums ab. Der Tumor lag in einem mit Plattenepithel auBgekleideten zystischen Raume. 37) Ein Fall von Ganglion Gasseri-Tumor, von Magnus Hellsten. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel. Tabellarische Zusammenstellung über 23 bisher publizierte Fälle von Ganglion Gasseri-Tumoren und Bericht über eine eigene Beobachtung, bei welcher die klinische Diagnose zwischen multipler Sklerose und Hirntumor schwankte, die Sektion eine vom Ganglion Gassen ausgegangene Geschwulst ergab. Als Initial- Di gitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 392 Symptom dieser Tumoren sind in den meisten Fällen Kopfschmerz und Neuralgien in einer Gesiohtshälfte angegeben. Später kommt Fehlen des Kornealreflexes, Ptosis und Anästhesie im Verbreitungsgebiet der Endverzweigungen des Trige¬ minus hinzu. Bei großen Tumoren treten KompressionsBymptome von Kleinhirn, Pons und Hedulla oblong, auf. In der Mehrzahl der Fälle scheinen die Ganglion Gasseri-Tumoren linksseitig zu sein (bei 20 Fällen 14 mal). Meist handelt es sich um ein Sarkom oder Fibrosarkom. 38) Tumor of the middle cranial fosaa involving the Qaaaerian Ganglion, by W. A. Plummer and G. B. New. (Journ. of the Amer. med. Assoc. LXII. 1914. Nr. 14.) Ref.: W. Misch. Als Symptome dieses Tumors traten soharfe Schmerzanfälle in der ganzen Ausdehnung des Trigeminus und ein dumpfer Schmerz dicht vor dem rechten Ohr auf. Allgemeine Hirndrucksymptome, wie Kopfschmerzen, Erbrechen und Stauungs¬ papille, fehlten. Als umschriebene Herdsymptome fanden sich Anästhesie, Verlost des Geschmackssinns am rechten vorderen Teil der Zunge und Lähmung aller rechten Augenmuskeln mit fast völliger Ptosis; Abblassung der rechten Papille; die rechte Pupille ist weit und reaktionslos. Außerdem fand sich eine bedeutende Vergrößerung der rechtsseitigen Zervikaldrüsen. Bei der Operation fand sich ein Rundzellensarkom des Ganglion GasBeri, das inoperabel war. Da die Vergrößerung der ZervikAldrüsen 3 Monate vor den Schmerzen auftrat, so ist wahrscheinlich, daß der Tumor von der Dura ausging und erst mit fortschreitendem Wachstum das Ganglion ergriff. 39) Emiplegia sinistra di origine oentrale oon parallel periferica emolate- rale della lingua da tuxAore cerebrale a duplioe localizsazione, per Francesco Bandettini di Poggio. (Riv. ital. di Neuropatologia, Psichiatria ed Elettroterapia. VII. 1914. H. 3.) Ref.: G. Perusini (Mailand). Patient, ein 41 jähriger Mann, bot folgende.Symptome dar: linksseitige Parese von dissoziiertem Typus, die obere Extremität am stärksten betroffen, Jackson sehe Anfälle; kein Spasmus, kein Babinski, kein Oppenheim, keine Sensibilitätsstörung. Parese und Atrophie der linken Hälfte der Zunge; keine Entartungsreaktion. Wassermann sehe Reaktion positiv im Blutserum, negativ im Liquor (bis 0,6); Phase I und Phase II negativ. Zuletzt meningitische Erscheinungen; Kernig; keine Stauungspapille. Krankheitsdauer etwa 3 Monate. Die Sektion ergab in der rechten Frontalis ascendens ein gut abgegrenztes kleinzelliges Sarkom; eine nußgroße Metastase lag in der Dura am linken Canalis hypoglossi und nahm den Hypoglossus ein. 40) Zur Böntgendiagnose der Hirntumoren der Hypophysengegend, von A. Strubeil. (Fortschritte a. d. Gebiete d. Röntgen strahlen. 1914. Heft 4.) Ref.: K. Boas. Verf. konnte mit Hilfe des Röntgenbildes einen Fall von mehrkammerigem zystischen Dermoid der Hirnbasis, welches vom Hypophysengang ausging, zu einer Zeit frühdiagno8tizieren, als noch keinerlei klinische Symptome bestanden. Die Durchleuchtung ergab damals bereits eine Abflachung der Sella turcica. Die später hinzugetretenen typischen Symptome: Typus adiposo*genitalis, linksseitige homonyme Hemianopsie bestätigten die röntgenologische Frühdiagnose. Leider war es dann für die Operation zu spät. Im Anschluß an diesen Fall bespricht Verf. die Röntgenuntersuchung der Schädelbasis am Lebenden mit besonderer Berücksichtigung ihrer klinischen Be¬ deutung. 41) Über künstliche Tumoren der Zirbeldrüsengegend, von # J. Novak. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 27.) Ref.: Pilcz (Wien). Verf. experimentierte an etwa 2 Monate alten Hündchen desselben Wurfes. Die Technik wird genau geschildert. Trepanation in Schläfengegend, Luxierung Digitized by Gck .gle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 39S des Hinterhauptslappens nach der Methode von Karplus-Kreidl, Injektion ge¬ schmolzenen Paraffins von Schmelzpunkt 38. Beim Eontrolltier dieselbe Operation ohne Paraffininjektion. Zwei Tiere mußten wegen Räude nach einer Woche getötet werden. Ob¬ duktion zeigte, daß Paraffin an gewünschter Stelle in Gegend der Epiphyse liegen geblieben ist. Bei einem anderen Paare, das 2 Monate am Leben erhalten blieb, zeigte sich eine erhebliche Größendifferenz zuungunsten des Par&ffintieres,3230:5580g; auch das Genitale war beim Kontrolliere besser entwickelt. Obduktion ergab wieder Paraffintumor an gewünschter Stelle. Verf. stellt weitere Versuche in Aussicht. 42) Über Vortäuschung von Tabes und Paralyse durch Hypophysistnmor (Pseudotabes pituitaria eto.), von H. Oppenheim. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 4 u. 5.) Ref.: G, Stiefler. I. 38jähriger Offizier, früher immer gesund; seit vorigem Jahre stetig fort¬ schreitende Abnahme der Sehkraft auf beiden Augen sowie Rückgang der Ge¬ schlechtskraft, weshalb anderwärts die Diagnose auf Tabes gestellt wurde. Oph¬ thalmoskopisch einfache Sehnervenatrophie, r. > 1.; linke Pupille lichtstarr, rechts auf Lichteinfall reagierend, Sehnenreflexe an den Beinen fehlend. Die vorhandene Adipositas, die verminderte Behaarung, die weiblichen Mammae, die anamnestisch erhobene bitemporale Hemianopsie, die tiefe Ausbuchtung der Sella turcica im Röntgenbild führten den Verf. zur Annahme einer Hypophysisgeschwulst, die rück¬ sichtlich des Typus adiposo-genitalis und der raschen Entwicklung der Gehstörung möglicherweise als eine maligne zu erwarten war. Bei der Operation (F. Krause) nach Schloffer wurde eine wegen ihrer tiefen Lage nicht exstirpierbare Ge¬ schwulst gefunden. Kollaps. Exitus. Die Obduktion fand einen hühnereigroßen Tumor der Hypophyse (Adenokarzinom), dem die Nn. optici bandartig verbreitert auflagen. Die hintere Wand der Sella turoica fehlte fast vollkommen. II. 34jähr. Kaufmann; Lues negiert. Seit 2 Jahren Abnahme der Sehkraft, zuerst links, dann rechts; Mattigkeit der Beine und Rückgang der Potenz. Ge¬ nuine Sehnervenatrophie, träge Pupillarlichtreaktion, leichte Ptosis links. In den unteren Extremitäten Hypotonie, Kniesehnenreflexe abgeschwächt, Fersenphänomen fehlend. Schmerzgefühl an den Unterschenkeln etwas abgestumpft. Blut- und Liquoruntersuchung auf Wassermannreaktion negativ. Im Röntgenbild ziemlich ausgiebige Usur und Ausbuchtung der Sella turcica. Erst nach */ 2 Jahr Auftreten von Kopfschmerzen sowie Entwicklung einer unvollkommenen Hemianopsia bitem- poralis und Fehlen der Kniesehnenreflexe. Operation wurde verweigert. Weiteres Schicksal des Falles unbekannt. Verf. betont auf Grund seiner Beobachtungen die bisher noch nicht berück¬ sichtigte Tatsache, daß die Symptomatologie der Hypophysisgeschwulst die der Tabes (Pseudotabes pituitaria) und auch die der Paralyse bzw. Taboparalyse Vor¬ täuschen kann. III. 46jährige Frau; seit 4 Monaten Abnahme der Sehkraft, seit 3 Monaten Amenorrhoe. Lues negiert. Sebnervenatrophie. Wassermann negativ. Träge Liohtreaktion der Pupillen. Entwicklung der Sehstörung und gleichzeitige Meno¬ pause lenkte den Verdacht auf Hypophysistumor, aber die röntgenologische Unter¬ suchung zeigte eine normale Sella turcica. Verf. ist der Überzeugung, daß sich ein Teil der nicht syphilogenen Opticus¬ atrophien auf die Hypophysis zurückführen lassen wird, alB ein tabiformes Symptom des glandulären Prozesses, durch welchen Bedingungen geschaffen werden für die Entwicklung tabischer Symptome mittels einer Hinterstrangdegeneration, die an sich nichts mit der der Tabes gemein hat. IV. 62jähriger Mann; seit 6 Jahren allmählich fortschreitende Sehstörung, Kopfschmerz, oft mit Erbrechen. Geringe Abnahme der Potenz. Opticusatrophie, Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 394 links scharf umschriebene temporale Hemianopsie. Rechte Pupille lichtstarr. Fersenphänomen undeutlich. Röntgenoskopisch: erhebliche Erweiterung und Ver¬ tiefung der Sella turcica. Pat. ist vor l 1 / a Jahren wegen progressiver Paralyse entmündigt worden; damals haben auch psychische Störungen, so besonders in¬ tellektuelle und ethische Abstumpfung bestanden. Verf. sieht in einer sorgfältigen Analyse derartiger Fälle zur Entscheidung der Frage, ob eine Pseudoparalysis pituitaria oder eine zufällige Kombination der Dementia paralytioa mit einem Hypophysistumor vorliegt, die Aufgabe künftiger Forschung. Verf. hat sicherlich durch seine Mitteilung gerade in differentialdiagnostischer Hinsicht wieder etwas Neues gebracht und zu weiterem Schaffen auf diesem Gebiete reichliche Anregung gegeben. 43) Der Pseudotumor oerebri, von M. Nonne. (Neue Deutsche Chirurgie. XIL Teil II. S. 105.) Ref.: K. Boas. Die vorliegende Arbeit behandelt in monographischer Weise: 1. Begriff des Pseudotumors. Grundlegende Beobachtungen. 2. Kasuistik. Symptome. Klinisches Bild. 3. Pathologisch-anatomische Grundlagen. 4. Differentialdiagnose. 6. Therapie. Ein ausführliches Literaturverzeichnis beschließt die Arbeit. Die Darstellung geht weit über den Rahmen des Lehrbucbmäßigen hinaus, indem sie auf Grund zahlreicher neuer eigener Beobachtungen und Gesichtspunkte ein Gebiet Neurologie behandelt, auf welchem selbst erfahrenen Fachleuten nur wenige Beobachtungen aus eigener Anschauung zur Verfügung stehen. Verf. hat weiterhin das Glück gehabt, die Hilfe bewährter Hamburgischer Chirurgen in Anspruch nehmen zu können, was zu seinen therapeutischen Erfolgen nicht wenig beigetragen haben mag. Ref. wünscht der Arbeit recht weite Verbreitung in den Kreisen der Neuro¬ logen, Internen und Chirurgen! 44) A Striking acquirement of viaualiaing power and the development of dreama following a cerebral tumor exatlrpatlon, by E. G. Grey and L.E. Emerson. (Journ. ofthe amer. med. Assoc. LXI. 1913. Nr. 24.) Ref.: W. Misch. Bei einer 22jährigen Lehrerin wurde operativ ein Dura-Endotheliom ent¬ fernt, welches auf die Gegend des Gyrus angularis gedrückt hatte. Diese Patientin hatte sich vor der Operation durch einen auffallenden Mangel an Gesichtsvor- stellungen ausgezeichnet, insbesondere fehlte die Erinnerung an Gesichtsempfin¬ dungen jeglicher Art in der Weise, daß sie bei der Beschreibung von Gegen¬ ständen nur solche Eigenschaften derselben reproduzieren konnte, die mit dem Gehör, Geruch, Geschmack oder Tastsinn wahrgenommen worden waren. Sofort nach der Operation nun stellten sich optische Vorstellungen von vor langer Zeit perzipierten Objekten, von Personen, einem früher bewohnten Hause, mit solcher Intensität ein, daß sie sie aus dem Gedächtnis aufzeichnen konnte, was vor der Operation ganz ausgeschlossen gewesen wäre. Gleichzeitig traten sehr lebhafte Träume auf, die die Verff. im Freud sehen Sinne zu analysieren versuchen. Offen¬ bar war das Fehlen der optischen Erinnerungsbilder durch die Tumorkompression der betreffenden Hirnregion bedingt, und nach der Entfernung des Tumors trat die unterdrückte Funktion mit verstärkter Intensität hervor. 45) Operative Intervention in oyst of the left cerebral hemisphere, by Ch. M. Remsen. (Journ. of tbe amer. med. Assoc. 1914. LXIU. Nr. 19.) Ref.: W. Misch. Mitteilung eines Falles von Hirnzyste in der linken Hemisphäre, dessen Verlauf zunächst eine hämorrhagische Zerstörung von Gehirngewebe mit Aphasie- Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 395 Symptomen annehmen ließ, während später die Zunahme der Symptome auf eine progressiv wachsende Läsion hinwies. Die sensorischen und motorischen Störungen traten auffallend schnell hervor. Bei der Operation wurde, wegen der gallertigen Beschaffenheit des Gehirngewebes, die in dieser Gegend jedes operative Vorgehen ausschloß, eine Drainage der Zyste auf subduralem Wege ausgeführt, um eine äußere Drainage zu 'vermeiden. Nach etwa 6 Wochen war eine Flüssigkeits¬ ansammlung unter der Dura eingetreten, wie sich durch das Trepanationsloch feststellen ließ, und damit verbunden waren psychische und sensomotorische Stö¬ rungen. Diese besserten sich wieder, sobald die Resorption der Flüssigkeit ein¬ setzte. Infolge der Operation verschwanden die schwersten Symptome vollkommen, wie z. B. die Jackson sehen Anfälle, das Nach schleppen des einen Fußes; die Moti¬ lität der reohten Hand besserte sich auffallend, die aphasischen Symptome gingen deutlich zurück, und es trat eine überraschende Besserung der sensorischen, Stereo- gnostischen, apraktischen, ataktischen und Lagegefühlsstörungen ein. 46) Gittertrepanation, von Privatdozent Dr. Lothar Dreyer. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 1.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Die Gittertrepanation soll dazu dienen, bei zunehmendem Hirndruck und un¬ klarer Diagnose einen möglichst großen Teil der Schädeloberfläche freizulegen. Man beginnt mit dem Zurückschlagen eines nötigenfalls die halbe Kopfhälfte umfassenden Weichteillappens, bei dessen Zurückpräparieren das Periost am Knochen bleiben muß. Dann trepaniert man zunächst in kleiner Ausdehnung in der Gegend des wahrscheinlichen Erkrankungssitzes. Findet man hier nichts, so legt man eine gleiche Öffnung links oder rechts daneben an und läßt immer eine Knochenspange dazwischen stehen. In dieser. Weise kann man unter Stehenlassen von Knochenspangen eine ganze halbe Gehirnhälfte freilegen und inspizieren. Wenn es ein positiver Befand verlangt, kann eine stehengebliebene Knochenspange nötigenfalls entfernt werden. Durch das geschilderte Verfahren ist eine sehr große Fläche des Gehirns vom Druck des Schädelknochens befreit, ferner ist die Gefahr des ausgedehnten Hirnverfalls, welche bei großen Trepanationslücken be¬ steht, erheblich herabgemindert. Eine Gefahr der Nekrose stehen gebliebener Knoohenspangen besteht nicht bei Erhaltung des Periostes. Verf. hat bei einem Affen den Versuch auf die gesamte Schädeloberfläche ohne Störung gewagt; er hält das anfangB angegebene Verfahren zur Anwendung am Menschen auch für durchaus gefahrlos. 47) The results in one hundred operations performed on the diagnosi s of brain tumor, by Hermann Küttner. (Journ. of the Amer. med. Assoc. LXIII. 1914. Nr. 18.) Ref.: W. Misch. Von 100 in der Breslauer Klinik in den letzten 6 1 / 2 Jahren operierten Fällen mit der Diagnose Hirntumor wurde 30 mal der Tumor exstirpiert, in 34 Fällen außerdem der Tumor später nachgewiesen; in 3 Fällen ergab sich später Meningitis tuberculosa und bei den übrigen Fällen ließen sich die Tumorsymptome später als Symptome von Hydrozephalus, Reste von Hämorrbagien usw. nachweisen. 45 Fälle starben an den Folgen der Operation; von 24 Fällen ist bekannt, daß sie am Leben geblieben sind. Von diesen lag bei zweien ein Hypophysistumor, bei einem ein Tumor an der Basis des Stirnlappens, bei einem eine Geschwulst des Scheitellappens, bei zweien am Kleinhirnbrückenwinkel und bei dreien in der Regio centralis vor; in den übrigen 13 Fällen wurde kein Tumor gefunden. Von den Überlebenden können 11 seit 6 Monaten bis 6 Jahren als geheilt angesehen werden; nur 2 zeigten keine Besserung der Beschwerden durch die Operation; bei den übrigen trat bedeutende Besserung ein, unter anderem wurde bei 4 Fällen, die völlig blind gewesen waren, die Sehfunktion durch die Operation wieder her¬ gestellt. Von nicht operierten Fällen mit der Diagnose Hirntumor starben 68,8 °/ 0 . Die Operationsresultate, die an sich so schlecht erscheinen, sind es doch keines- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 896 wegs, wenn man bedenkt, daß der Hirntumor unter allen Umständen zum Exitus fährt. Auch die günstige Wirkung der Entlastung durch die Operation in den Fällen, in denen es sich nur um einen chronischen Hydrozephalus handelt, ins* besondere die häufige Wiederherstellung des Sehvermögens, ermutigt zu operativem Vorgehen. 48) Zur Chirurgie der Gehlrngesohwülste, von Paul Babitzki. (Archiv f. klin. Chirurgie. CII. H.l.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). 24 jähriger Arbeiter. Seit 3 Jahren Krampfanfälle von exquisit Jackson schein Typ, beginnend an den Zehen des linken Fußes, auf den linken Arm übergehend und mit Bewußtseinsverlust endend. Seit l 1 / 2 Jahren Kopfschmerzen, Erbrechen, linksseitige progressive Hemiparese und Amblyopie. Babinski links stark aus¬ geprägt, Sehnenreflexe links erhöht; thermische und taktile Reize am linken Fuß und Unterschenkel herabgesetzt, Lagegefühlsstörung. Stauungspapille mit beginnen¬ der Atrophie, besonders rechts. Klinische Diagnose: Tumor der rechten vorderen und möglicherweise auch der hinteren Zentralwindung. Die in zwei Akten mit 8 tägigem Intervall vorgenommene Operation ergibt einen rein subkortikal ge¬ legenen apfelsinengroßen Tumor unterhalb der rechten vorderen Zentralwindung. Er ließ sich durch einen parallel der Fissura Rolandi geführten Rindenschnitt freilegen und dank seiner derben Konsistenz stumpf ausschälen. Tamponade des Tumorbettes. Trotz starken Liquorflusses und hohen Fiebers Ausgang in Heilung. Der ansehnlichen Größe der Geschwulst entsprach das klinisch eng umgrenzte Erkrankungsgebiet durchaus nicht. Vielleicht bietet der rein subkortikale Sitz des Tumors hierfür die Erklärung. Das andauernde Fieber war, wie der günstige Ausgang zeigte, nicht meningitischer, sondern rein hyperthermischer Natur. Die Kopfschmerzen und Krampfanfalle schwanden dauernd, die Atrophie des Optikus und die Hemiparesen blieben stationär. Histologisch erwies sich der Tumor als Endotheliom. 40) Beiträge zur Gehirnchirurgie, von A. Stieda. (Archiv f. klin. Chirurgie. CIL H.4.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). Zunächst ausführliche Mitteilung der Krankengeschichte eines 5 jährigen Kindes, bei welchem v. Bramann ein 125 g schweres Gliom der linken zentro- parietalen Region in Lokalanästhesie radikal entfernen und trotz breiter Eröffnung des Seitenventrikels Dauerheilung erzielen konnte. Auffällig war in diesem Falle das Fehlen der Stauungspapille. Höchst bemerkenswert ist der zweite mitgeteilte Fall: 11 jähriges Mädchen. Neurologische Diagnose: Tumor, voraussichtlich Gliom, an der Grenze des linken Scheitel- und Zentrallappens in Höhe des Armzentrums, etwa 2 cm von der Hirnoberfläche entfernt. Die Operation ergab diffuse Gliomatose der linken Hemisphäre, es war nur eine partielle Exzision möglich. Trotzdem befindet sich Patientin jetzt noch, 8 Jahre nach der Operation,«• sehr wohl, hat nur 1 bis 2 mal im Jahre leichte Krampfanfälle und leichte Hemiparese. Fall III: 40 jähriger Mann, seit 2 Jahren Hirndrucksymptome, jetzt taumelnder Gang, Stau¬ ungspapille, Amaurose. Operation ergibt weiches Gliosarkom im linken Stirnhirn, welches mit dem Löffel unter Eröffnung des Seiten Ventrikels herausgeholt wird. Glatte Heilung und prompter Rüokgang der Drucksymptome. Fall IV: 38jähriger Mann. Turmschädel, taumelnder Gang, schlechtes Sehen, bulbäre Sprache, ge¬ kreuzte, vorwiegend rechtsseitige Lähmungen, keine Stauungspapille. Diagnose: Tumor der hinteren rechten Schädelgrube. Operation ergibt zystisch erweiohtes Gliom der rechten Kleinhirnhemisphäre. Trotzdem bei der Operation nur die Zyste entleert und der zweite Eingriff verweigert wurde, ist vorläufig eine wesent¬ liche Besserung zu konstatieren: Besserung des Ganges, der Sehfunktion und des Höhrvermögens; Rückgang der Fazialisparese. Fall V: 22jähriger Mann. Seit 2 Jahren anfallsweise auftretende linksseitige Krämpfe, linksseitige Hemiparese; schließlich Amaurose. Tumor durch Hirnpunktion nachgewiesen. Operation ergibt Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 397 diffuse Gliomatose der reohten motorischen Region. Nur partielle Exzision mög¬ lich. Palliativer Erfolg. In bezug auf die operative Teohnik empfiehlt Verf. grundsätzlich, in 2 Zeiten uud nur in Lokalanästhesie zu operieren; letztere macht die Blutstillung durch Klammern oder Blutleere entbehrlich. Tamponade oder Drainage sind zu ver¬ meiden; der primäre Wundverschluß ist stets anzustreben. Duradefekte können mit frei transplantierter Faszie gedreht werden, doch ist dies nicht unbedingt notwendig. Starke Blutungen können leicht und prompt durch Aufdrucken von Muskelstückchen gestillt werden. 50) Zur Chirurgie der Hirntumoren im Bereiche des Parietallappens, von Wendel. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). Fall I: 20 jähriger Hann. Spastische Kontraktion des rechten Fußes, geringe Parese und Ataxie des Beines und rechten Armes; Stauungspapille. Kopfschmerz und Erbrechen. Steigerung der Muskel- und Sehnenreflexe, Patellar- und Fuß- klonus, positiver Babinski, Sensibilität intakt. Operation: Endotheliom der Falx cerebri magna, das in die linke Hirnhälfte hineingewachsen war. Heilung. Rechtes Bein dauernd ataktisch und Kontraktion. Einmal ein epileptischer Anfall. Der Tumor saß im Grenzgebiete des Scheitellappens und der Zentralwindungen, schädigte durch seine subkortikale Lage mehr die Bahnen als die Rinde und er¬ klären sich dadurch, daß der Tumor das Gewebe nicht zerstörte, sondern ver¬ drängte, die geringen vom linken Scheitellappen ausgehenden Symptome. Fall II: 53 jähriger Mann. Links Stimschmerzen, Neuritis optica, Reiz- und Lähmungserscheinungen auf der rechten Körperseite, Fehlen der Tiefenempfindung und Störung des Lagegefühls, Dyspraxie beider Arme und Beine, Blasen- und Mastdarmstörungen; links Ptosis, linke Pupille > r. und anscheinend lichtstarr. Kopf links klopfempfindlich. Gehör links schwächer als rechts. Operation: Tumor des linken Scheitellappens. Nach einem halben Jahr Rezidiv (Karzinom) und Exitus. Fall III: 26 jährige Frau. Zunehmende Schwäche der linken Körperseite. Kopfschmerzen. Kopf rechts druckempfindlich, links Mundfazialis paretisch, Ab¬ weichen der Zunge nach links. Spastische Parese der linken Körperseite mit Ataxie. Stereognostische Agnosie der linken Hand. Zweifelhafte Tiefensensibili¬ tätsstörungen links. Augenhintergrund normal. Operation: Zum Teil zystisch zerfallenes Duraendotheliom des rechten Scheitellappens. Heilung. In allen 3 Fällen wurde die topische und histologische Diagnose durch die Hirnpunktion gesichert. Schädigungen ergab dieselbe nicht, und kann die vor¬ sichtige Anwendung derselben nur empfohlen werden. Im 3. Falle bewährte sich der Duraersatz durch einen autoplastischen Fettlappen, der den Yorteil hat, daß er sich allen Ausbuchtungen und Defekten eng anlegt. Zur Blutstillung wurde entweder eine Gummibinde um Stirn und Hinterhaupt gelegt, oder die Heiden- hainsche Hinterstichnaht verwendet. Die Blutung aus den Hirngefäßen nach Entwicklung des Tumors ist davon abhängig, ob der Tumor mit den umgebenden Hirnmas8en enger verwachsen, oder ob er mehr abgekapselt ist. Die Unterschiede in der Symptomatik der 3 Fälle erklären sich durch den Ursprung, die Art und Wachstumsweise der Tumoren. 51) Remades on the treatment of brain tumor, by Charles Ballanii. (Lancet. 1913. 13. September.) Ref.: E. Lehmann (Oeynhausen). Erörterung der Gesichtspunkte für die chirurgische Behandlung der Gehirn¬ tumoren. Nichts Neues. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 398 Kriegsbeobachtungen. 52) Hysterie und Kriegsdienst, von Prof. R. Gaupp. (Münch, med. Wochen¬ schrift. 1915. Nr. 11.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Verf. beginnt seine Ausführungen mit einer Bestätigung des Hisschen Aus¬ spruchs: Wenn es au den Kragen geht, hört die Nervosität auf. Er ist un¬ zweifelhaft richtig, wenn auch eine gewisse Überreiztheit und Schlafstörungen häufig sind, die Widerstandsfähigkeit gegen Alkohol abnimmt usw. Verf. berichtet nun über Ausnahmen von dieser allgemeinen Erfahrung. So wächst die Zahl der Nerven- bzw. Geisteskranken, bei denen haftiger Schreck nach Granatkontusion als Ursache angegeben wird. Bei nervengesunden Menschen von guter Willenskraft werden diese Störungen gewöhnlioh bald über¬ wunden; desto hartnäckiger sind sie bei krankhafter Veranlagung. Im allgemeinen werden dabei wie bei anderen nervösen, hysterischen, psychogenen Zuständen akute Krankheitszeichen wie Lähmungen, Krämpfe, Stummheit, Taubheit, Delirien, Dämmerzustände usw. meist rasch beseitigt. Sowie aber der Vorschlag auftaucht, den Dienst wieder aufzunehmen, traten sofort wieder Beschwerden auf, bei denen selbst der sonst wirksame Zuspruch versagt. Läßt man es trotzdem bei der Ent¬ lassung bestehen, so tritt meist derartige Verschlimmerung ein, daß der Kranke dauernd Lazarettinsasse bleibt. Angst vor der Rückkehr ins Feld beherrscht das Bild, ohne daß man darum an „Simulation“ oder „Drückebergerei“ zu denken braucht. Trotzdem mit der Zeit die Beschwerden verblassen, bleibt ein wirk¬ samer Best. Sehr bemerkenswert sind dann die Ausführungen des Verf.’s über die Therapie. Er ist nämlich sehr oft davon abgekommen, mit allen Mitteln die Wiederkehr der Felddienstfähigkeit bei den Erkrankten zu erzwingen — zum Teil aus Klug¬ heit, zum Teil aus tieferer Einsicht in das Wesen der hysterischen Symptome. Das Reich muß vor einer Anhäufung von geistigen Invaliden und lebenslänglichen Kriegsrentenempfängern geschützt werden. Da die geschilderten akut Erkrankten in ihrem bürgerlichen Beruf ihren Platz voll ausfüllen, ist es unter Umständen besser, sie praktisch-sozial gesund zu erhalten, statt ihren Rückgang zur Front durchzusetzen, wo die Gefahr der Kriegsrente droht. Zudem ist der Arzt im Kampf mit der Hysterie der Schwächere, solange der Krieg dauert. Gefühls¬ starke Erlebnisse setzen sich bei Hysterischen allzu leicht und abnorm lange in körperliche oder seelische Krankheitszeichen um, wobei das Flickwerk an der hysterischen Seele wenig nützt. Weiterhin bespricht Verf. eine Gruppe von meist älteren Männern, bisher ungedienten Soldaten, bei denen bald nach der Einstellung hysterische Symptome wie starker Schütteltremor auftreten, die jeder Behandlung trotzen. Hier handelt es sich nicht um den akuten Effekt des Schreckens, sondern um die relative In¬ suffizienz des Willens gegenüber den physischen und moralischen Anforderungen des militärischen Dienstes. Manchmal treten familiäre und materielle Sorgen hinzu. Worin kann nun hierin angesichts der Tatsache, daß unser Heer keinen Mann entbehren kann, Abhilfe geschält werden? Das Geheimnis psychopathischer hysterischer Behandlung liegt darin, die Kranken am richtigen Ort in richtiger Weise zu beschäftigen; selbstverständlich muß es sich dabei um vaterländische Arbeit handeln. Verf. teilt nun kurz mit, wie er sich das nötige Verfahren denkt: das stellvertretende Generalkommando eines Armeekorps bildet eine Art von militärischem „Arbeitsnachweisbüro“ für diese halbtauglichen nervösen Mannschaften. Dort wird bekanntgegeben, wo und welche Arbeitskräfte benötigt werden, und dort findet die Zuteilung der Nervösen gemäß den Vorschlägen der Fachärzte statt. Auf diese Weise würden viele Digitized by Google Original from UNIVERStTY OF MICHIGAN 399 Arbeitskräfte mobil bleiben, die Rentensucht würde bekämpft, der Simulation und Übertreibung würde der Ansporn genommen werden, und manche taugliohen Leute würden frei für den Felddienst werden, indem ihnen ihre Tätigkeit durch Halb¬ taugliche abgenommen würde. 63) Über psyohisohe Ausfallserscheinungen nach Hirnverletzungen, von Walther Poppelreuter. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 14.) Ref.: Kurt Mendel. Verft teilt seine Erfahrungen über die psychischen Defekte der Hirn verletzten mit. Man ist überrascht, daB Leute mit nach der Schädelbetrachtung recht großen Hirnzerstörungen bei der gewöhnlichen Untersuchung überhaupt keine ernstlichen psychischen Defekte zu haben angeben. Sucht man aber in eingehender psycho¬ logischer Untersuchung nach psychischen Ausfällen, so findet man sie auch fast immer. Vor allen Dingen ist nach Störungen des Lesens und der Sprache zu fahnden. In allen Fällen, die eine Verletzung im Sprachgebiet aufweisen, war die Rechenfähigkeit beeinträchtigt, auch dann, wenn eigentliche aphasische Störungen vermißt wurden. Die Prüfung des Rechnens ist daher ein sehr feines Reagens auf Hirnschädigungen. Bei drei Verletzungen der unteren linken Okzipitalgegend wurde bei Erhaltensein der geläufigen Einmaleinsreihen und guter Schreibfahig- keit eine Unfähigkeit des Kopfrechnens mit größeren Zahlen und der schriftlichen Rechenoperationen festgestellt. In einem Falle von Granatsplitter ins untere linke Okzipitalhirn wären alle schriftlichen Rechnungsarten erhalten bei völliger Un¬ möglichkeit des Dividierens, was dem Pat. im Laufe einer Woche beigebraoht wurde. Fast bei allen Hirnverletzungen, auch der rechten Hemisphäre, finden sich Störungen des Gedächtnisses, und zwar überwiegend Störungen der Merkfähigkeit, des Balkens von neu anzueignendem Material. Die Erinnerungsfähigkeit für die Vergangenheit scheint mehr durch Allgemeinstörung, Granatshock und Hirn- erschütterung geschädigt zu werden. Lokalisierte Hirnverletzungen machen nicht nur die spezfischen Ausfalls- Symptome, sondern können überhaupt die ganze Persönlichkeit wesentlich ändern. In einem Falle von ausgedehntem Substanzverlust der vordersten Stirnhirn¬ partien beobachtete Verf. Zotensucht und Haltlosigkeit im Umgang; ein anderer Fall befand sich dauernd in auffälliger lustiger Stimmung mit Neigung zu Dis¬ ziplinlosigkeit (vgl. die Beobachtung des Ref. bei Stirnhirnverletzungen, d. Centr. 1915. S. 5). In zwei anderen Fällen war die Läsion anscheinend symptomlos verlaufen. Die Überempfindlichkeit und geringe Resistenz der Hirnverletzten läßt die¬ selben als felddienstunfähig erscheinen. Der Garnisondienst empfiehlt sich in leichten Fällen zur Vermeidung späterer traumatischer Neurosen. Betreffs der Frage der Dienstbeschädigung und des Grades der Erwerbsfähigkeit muß ganz besonders je nach dem Bedarf individualisiert werden; im allgemeinen scheint ein* Mehr an Rente angebrachter als ein Weniger. Der Besserungsprozeß scheint un- gemein individuell zu sein; nur ungefähr kann man vielleicht die Größe des Hirndefektes mit der Dauer der Besserung proportional stellen. Die motorischen Sprachstörungen sind stabiler als die sensorischen. Für die Behandlung ist systematischer Unterricht und Übung von Wichtigkeit. 64) Klinische Beobachtungen über Tetanus im Felde, von Generalarzt Dr. Goldscheider. (Berliner klin. Wochenschrift. 1916. Nr. 10 u. 11.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. bespricht eingehend die Symptomatologie, Prognose und Therapie des Tetanus. Symptomatologisch gibt zunächst Verf. an, daß er bei den von ihm gesehenen Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 400 zahlreichen Tetanusfällen nahezu regelmäßig beobachten konnte, daß der Tetanus die der Eintrittspforte zunächst gelegenen Muskelgruppen zuerst befällt, daß auch bei entwickelten Allgemeinerscheinungen eine örtliche Bevorzugung derselben er¬ kennbar ist, und daß bei heilenden Fällen die örtlichen Symptome sich zuletzt zurückbilden. Nur bei Rumpf- und Kopfverletzungen wird dieses gesetzmäßige Verhalten zuweilen vermißt. Die Symptome bestehen in zum Teil lokalen schmerz¬ haften Muskelzuckungen und tonischen Spannungen, zum Teil Reflexsteigerungen. Sowohl die Haut- wie die tiefen Reflexe sind gesteigert. Nahezu bei der Hälfte der Fälle war Babinski angedeutet» er findet sich bei Tetanus zum Teil als lokales Symptom, zum Teil als Zeichen einer allgemein gesteigerten Erregbarkeit. Wahrscheinlich ist das Babinski sehe Symptom in diesen Fällen durch die Über¬ erregbarkeit der Vorderhornzellen bedingt, es ist prognostisch ohne bestimmte Bedeutung. Der Unterkieferreflex ist gewöhnlich sehr erhöht. Ein bisher bei Tetanus nioht beachtetes Symptom besteht in der gesteigerten mechanischen Erregbarkeit der Nervenstämme, wie wir sie von der Tetanie her kennen. Verf. fand es nur am Ulnaris und Fazialis ausgeprägt. Ein mäßiger Druck löst eine oft sehr starke, schnell vorübergehende Kontraktion der von ihm versorgten Muskeln aus. Verf. fand das Ulnarisphänomen fast in der Hälfte aller Fälle, es kann im Verlaufe des Falles wechseln. Es ist oft schon im Beginn vorhanden und darum für die Diagnose eventuell wertvoll. Es ist besonders häufig auf der Seite der Verletzung. Verf. sah das Fazialisphänomen nur 4mal. Häufig ist eine Druckschmerzhaftigkeit hinter dem Kopfnicker in der Richtung gegen die Quer¬ fortsätze der Halswirbel. Der Trismus entspricht in seiner Stärke meist, wenn auch nicht immer, der Schwere der Erkrankung. Verf. unterscheidet neben dem Roseschen Tetanus, der vorzugsweise die Gesichtsmuskeln ergreift, einen Rumpf¬ typus und einen Extremitätentypus. Beim Rumpftypus sind vorwiegend Rücken- und Bauchmuskulatur steif. Reine Extremitätentypen sind sehr selten. Der un¬ günstige Ausgang kann außer durch die Intensität auch dadurch bedingt sein, daß der Prozeß bei der individuellen Auswahl der Muskelgruppen gerade solche befällt, welche von lebenswichtiger Bedeutung sind. Einige kasuistische Beispiele illustrieren in markanter Weise die ungewöhnlich instruktiven Ausführungen. Für die Prognose ist die Dauer der Inkubationszeit von Bedeutung. Außer dieser kommt die mehr oder weniger große Akuität der Entwicklung der mani¬ festen Symptome in Betracht. Die Regel: lange Inkubationszeit, leichter Verlauf hat auch Ausnahmen. Für die Prognose ist ferner von Bedeutung, in welchem Maße die Atmung, das Schluckvermögen und der Kehlkopf betroffen sind. Ent¬ scheidend ist stets die Individualität des Falles. Auch nach dem Überstehen eines Tetanus sind körperliche Überanstrengungen tunlichst hinauszuschieben, Tetanus¬ rekonvaleszenten sind nicht zu früh den Anstrengungen eines Transportes zu unterwerfen. Den Schluß der Ausführungen bilden therapeutische Bemerkungen. Die narkotisierende Behandlung soll nicht schematisch sein, sondern sich der Indivi¬ dualität des Falles und den einzelnen Phasen des Verlaufs anpassen. Besonders wichtig ist unermüdliche sorgsame Pflege. Die Narkotika sind nicht bloß ein symptomatisches Mittel, sondern sie entsprechen der indicatio morbi, indem sie die Nervenzellen unempfindlich gegen das Tetanusgift machen und auf diese Weise den Organismus Zeit zur Vernichtung der Gifte gewinnen lassen. Auch werden durch sie die besonderen Gefahren der Erstickung, Hirnblutungen, Erschöpfung usw. vermindert. Wichtig ist die Fernhaltung aller Reize, Lagerung usw. Der Schwer¬ punkt der Therapie liegt in der prophylaktischen Behandlung. Das Personal muß die Verwundeten regelmäßig nach Kaubeschwerden abfragen. Bezüglich aller Einzelfragen, Serumbehandlung, Magnesiumsulfattherapie usw. sei auf die Arbeit selbst hingewiesen. Digitized b' Google Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 401 56) MagnesinmBUlfat bei Tetanus, von S. J. Meitzer. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 11.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Magneßiumßulfat kann als starkes Gift wirken, wenn es parenteral und in relativ starken Dosen verabreicht wird. In richtig gewählten Dosen kann es eine geeignete Narkose und volle Muskelerschlaffung, ohne Lebensgefährdung herbei führen. Die Dosen variieren mit der Tierart und den Einspritzungsarten, die intraspinal, subkutan und intramuskulär sein können. Intravenöse Ein¬ spritzungen sollen beim Menschen gar nicht in Betracht kommen. Die Gefahr einer Atemlähmung kann durch eine intramuskuläre Einspritzung eines Kalzium¬ salzes oder durch eine Eserineinspritzung rasch beseitigt werden. Die Behandlung des Tetanus mit Magnesiumsulfat soll sehr früh begonnen werden, womöglich beim Einsetzen der ersten Zeichen. Die Einspritzung soll dann rein subkutan gemacht werden. Die Dosis für den erwachsenen Menschen soll nicht weniger als 0,03 g pro Kilogramm betragen (in 25 °/ 0 iger Lösung also 1,3 ccm) und viermal täglich gegeben werden. Hat der Patient bereits schwere Krämpfe, so ist am einfachsten die Ausführung einer Kombination Magnesium* Äther. Der Patient soll zunächst ziemlich gut ätherisiert und bald darauf soll 0,5 (2 ccm einer 25°/ 0 igen Lösung) pro Kilogramm in die Oberschenkelmuskeln eingespritzt und gut verrieben werden. Darauf hält man den Patienten etwa 20 Minuten in leichter Narkose. Eine solche Einspritzung ist alle 6 Stunden zu wiederholen. Chloroform ist ungeeignet. Tritt trotz der Behandlung Atemlähmung ein, so gebe man intramuskulär 0,0015 Eserin und darauf eine intramuskuläre Einspritzung von 50 bis 60 ccm einer isotonischen Lösung (2 °/ 0 ) von kristallwasser haltigem CaCl 3 , und zwar fange man mit diesen Prozeduren an, sobald die At¬ mung oberflächlich wird, und warte nicht, bis sie ganz aufgehört hat Werden die Krämpfe trotz allem nicht überwunden, so greife man sogleich zu einer spi¬ nalen Einspritzung des Magnesiumsulfats unter Äthernarkose; die Dosis soll dabei nicht weniger als 0,25 g (1 ccm einer 25°/ 0 igen Lösung pro 10 kg Körper¬ gewicht betragen. Neben der Magnesiumtherapie ist die Serumbehandlung nicht zu vernach¬ lässigen. Bei intraspinaler Behandlung soll man aber nicht beide Flüssigkeiten kurz nacheinander einspritzen, da schon der mechanische Druck der Flüssigkeit auf die Medulla schädigend wirken kann. Das Respirationszentrum wird dabei früher beeinflußt als das vasomotorische Zentrum. 56) Praktische Gesichtspunkte bei der Behandlung des Tetanus, von Dr. B. Heile. (Berliner klin. Wochenschrift. 1915. Nr. 7.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. hat während des Krieges 12 Tetanusfälle beobachtet, von denen 5 gestorben und 7 gesund geworden sind. Behandelt wurde mit Tetanusantitoxin und Magnesiumsulfat, sehr ausgiebig mit prophylaktischen Seruminjektionen. Kein prophylaktisch injizierter Fall erkrankte später an Starrkrampf. Sobald nur die geringsten Zeichen einer Wahrscheinlichkeitsdiagnose des Starrkrampfs vorliegen, soll die Behandlung beginnen. Zweckdienlich ist die intraneurale Injektion, zu der die völlige Freilegung der Nerven nicht notwendig, vielleicht sogar unzweck¬ mäßig ist, da jeder Schnitt mit Weichteilquetschung Gefahr bringen kann. Das Auffinden der Nerven ist für den Chirurgen leicht; die gewöhnliche Stelle für den l8cbiadicus zwischen Trochanter und Tuber ischii ist unzweckmäßig, weil hier der Nerv beweglich ist, der unverändert am Austritt des Ischiadicusstammes liegt. Diese Stelle .entspricht der Mitte einer Linie, welche von der Spina ischii posterior zum Taber ischii gezogen wird. An der oberen Extremität wählt man zweck¬ mäßig die Nervenstämme in der Achselfalte oder den Plexus oberhalb der Clavicula. Ein guter Anhaltspunkt dafür, daß die Vergiftung fortschreitet, bildet der Nachweis der Steigerung der Reflexe. Dann gibt der Verf. außer dem Antitoxin sofort Magnesiumsulfat in solchen Mengen, daß die Reflexerregbarkeit herabgesetzt xxxiv. 26 Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 402 wird, am besten intralumbal, anfangs 0,8 bis 1,5, schließlich 3 g und mehr. Be¬ gonnen wurde mit 0,5 bis 1,0 g einer 10 bis 15°/ 0 igen Lösung. Vor der Injektion muß eine entsprechende Menge Liquorflüssigkeit abgelassen werden, dabei ist auf den Druck zu achten, denn bei hohem Druck muß man mit der Injektion von Magnesiumsulfat sehr langsam Vorgehen, da es sonst in dem Duralkanal zu hoch, zu weit kopfwärts vordringt, so daß die schweren Atmungsstörungen eintreten, die eine unerwartete Nebenwirkung darstellen und zu großen Mengen von Narco- ticis zwingen. Das Magnesiumsulfat soll möglichst nicht höher steigen als bis zur Mitte des Brustmarkes, Beckenhochlagerung ist darum unzweckmäßig. Mag¬ nesiumsulfat kann auch neben der allgemein narkotisierenden Wirkung örtlich physikalische am Nervenmark auslösen, wie Sektionen ergeben haben, bei denen man die Pia chronisch entzündet, gerötet, die Konsistenz des Rückenmarks fester fand, was sich besonders bei zu starker Konzentration und zu großer Menge Serum nachweisen läßt. Dann treten vorübergehende oder länger dauernde Quer¬ schnittsunterbrechungen des Rückenmarks auf. Um sie zu vermeiden, muß man von kleineren zu größeren Mengen allmählich übergehen. Die bösartigsten Fälle sind die Fälle mit kurzer Inkubation von 3 bis 8 Tagen. Verf. hat immer versucht, aus dem Deckglastrockenpräparat durch den Nachweis der Keulenbazillen die Diagnose zu stellen. Es ist nur 2 mal geglückt, ein Fall davon war klinisch außerordentlich leicht. 57) Über Kontaktinfektion des Tetanus, von Köhler. (Deutsche militär¬ ärztliche Zeitschr. 1914. Nr. 24.) Ref.: K. Boas. Fünf Kranke, die in einem Raum am umschriebenen Platze zusammenlagen, boten Tetanus dar. Drei davon hatten sich auf dem Schlachtfeld infiziert. Alle gehörten demselben Regimente an. Verf. nimmt nun eine Übertragung des Tetanus von dem einen auf dem anderen, also eine Kontaktinfektion an. 58) Tetanustherapie mit Magnesinmsulfat, von Walter Straub. (Münch. med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 10.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. empfiehlt die intravenöse Einführung des Magnesiumsulfats bei Tetanus. 59) Kriegstetanus, von H. Pribram. (Prager med. Wochenschr. 1916. Nr. 10.) Ref.: K. Boas. Auf Grund von 28 Fällen von Tetanus empfiehlt Verf. Magnesiumsulfat zur Behandlung der Krämpfe, während er sich dem Antitoxin gegenüber ablehnend verhält 60) Behandlung des Tetanus, von A. Jesionek. (Münch, med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 9.) Ref.: Kurt Mendel. Heilung von 4 Fällen von Tetanus unter Lichtbehandlung. Die Wunden, von denen angenommen werden konnte, daß sie den Tetanussporen als Eingangs¬ pforte gedient hatten, wurden dem Blaulicht der Quecksilberquarzlampe ausgesetzt. 61) Meine Beobachtungen über Tetanus im Frieden und im Felde, von Assistenzarzt d. R. Dr. Grundmann. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 8.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. faßt seine Erfahrungen dahin zusammen, daß das Wesentliche bei einer erfolgreichen Tetanusbehandlung folgendes ist: 1. Prophylaxe. 2. Frühdiagnose. 3. Konservative Wundbehandlung. 4. Sofortige Anwendung des Tetanusserums (Einspritzung in die Umgebung der Wunde, intravenöse und intralumbale Injektionen) und durchschnittliche Serumbehandlungsdauer von 4 bis 7 Tagen. 5. Sofortige und Dauerbehandlung mit Magnesium sulfuricum bis zum Ver¬ schwinden der Muskelzuckungen und Muskelstarre. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 403 62) Zar Prophylaxe des Tetanus. Ein Vorschlag von Stabsarzt Prof. Dr. Carl Ritter. (Berl. klin. Wochenschr. 1915. Nr. 6.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Die wichtigste Frage ist die, wie man dem Tetanos Vorbeugen kann. Verf. hat zunächst sämtliche Verletzte prophylaktisch mit dem neuen Tetanusserum so¬ fort nach ihrer Einlieferung ins Lazarett geimpft Wichtiger ist die primäre Wundbehandlung, die nicht durch antiseptische Mittel die Keime in der Wunde abzutöten versuchen soll. Wir besitzen vielmehr drei Methoden, eine Wunde keimfrei bzw. keimarm zu machen. Die erste Methode (Friedrioh) besteht darin, daß die Wundränder in einem Umkreis von 1 cm innerhalb der ersten 6 bis 12 Stunden nach der Verletzung ezzidiert werden; sie ist meist im Kriege nioht möglich. Die zweite Methode (Bier) ist die Hyperämiebehandlung; die dritte Methode hat vor den beiden anderen den Vorteil der Ubiquität der An¬ wendungsmöglichkeit, es ist die Anwendung von ätzenden Mitteln. 63) Tetanus lateralis, von Dr. A. Harf. (Berl. klin. Wochenschr. 1916. Nr. 16.) Ref«: E. Tobias (Berlin). Verf. schildert einen Fall von Tetanus lateralis. Es handelt sich um eine primär an Stelle der Verwundung auftretende tetanische Muskelstarre, die all¬ mählich den ganzen linken Arm ergriff. Erst danach entwickelten sich halbseitige Spasmen des linken Fazialis- und des linken motorischen Trigeminusgebietes, an denen sich dann absteigend die linke Hälfte des Halses, des Stammes und in minderem Qrade die linke untere Extremität beteiligten. Die Krampferschei- nungen sind dann in umgekehrter Reihenfolge bei einer Gesamtdauer der Er¬ krankung von 40 Tagen zurückgegangen. Verf. nimmt eine neurogen-spinale Verbreitung des Toxins an, das von der Weichteilwunde des linken Vorderarms die Nervenbahn entlang zu den linken Vorderhornzellen des entsprechenden Röckenmarkssegmentes gewandert ist. Von dort ist es zu den linken Fazialis- und Trigeminuskernen der Medulla oblongata gestiegen, dann in die linken motorischen Zonen der tieferen Rückenmarksabschnitte heruntergewandert. Bemerkenswerte Symptome waren linksseitiger Patellar- und Fußklonus (kein Babinski!), Fehlen des linken Bauchdeckenrefiexes usw. 64) Dysenterische Polyneuritis bei Kriegsteilnehmern, von Prof. Dr. Hermann Schlesinger. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 14.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Charakteristische Nervenstörungen nach Dysenterie sind bisher nicht be¬ schrieben worden, auch gute Kenner dieser Krankheit halten sie für selten. Verf. hat nun ziemlich häufig nach Ruhr eine Form der Polyneuritis gesehen, welche ziemlich charakteristische Züge aufweist. Die kranken Soldaten klagten stets über unbestimmte, anscheinend rheumatische Beschwerden. In allen Fällen war eine, zumeist leicht ruhrartige Erkrankung mit blutigen, häufigen Stuhlentleerungen und Tenesmus im Felde vorausgegangen. Die Gesamtzahl der vom Verf. im letzten halben Jahre untersuchten Fälle „dürfte mehr als zwanzig (durchwegs Soldaten) betragen“. Er hält viele sogen. Myalgien nach Dysenterie für multiple Nerven¬ entzündungen. „Die Polyneuritis dysenterica ist einer der häufigeren Folgezustände der bazillären Dysenterie.“ Sie ist toxischen Ursprungs und tritt zu einer Zeit auf, in der in den Fäzes keine Dysenteriebazillen mehr nachweisbar sind. Wahr¬ scheinlich präparieren die vorangegangenen schweren körperlichen Anstrengungen im Verein mit rheumatisohen Schädlichkeiten den Organismus für die Entwicklung einer Polyneuritis, die hinzutretende Infektionskrankheit löst dann die Nerven¬ entzündung aus. Die dominierenden Symptome sind Schmerzen, Parästhesien und auch objektiv nachweisbare Sensibilitätsstörungen, die Erscheinungen im Bereiche der motorischen Sphäre treten in den Fällen vom Verf. auffallend zurück. Die Schmerzen werden häufig in die Muskulatur lokalisiert. Die Parästhesien waren besonders lebhaft an den distalen Extremitätenabschnitten. Die Kranken klagten über ein Ver- 26 * Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 404 totungsgefühl der Finger und Zehen, öfter über intensives Hitze- oder Kältegefühl an diesen Körperregionen. Die Beschwerden waren meist nachts schwächer, sie wurden durch Kälte gesteigert. Die Nervenstämme sind druckempfindlich, aber nicht exzessiv. Paravertebrale Druckpunkte fehlten. Die sensiblen Ausfalls¬ erscheinungen sind oft symmetrisch, alle Qualitäten dabei gleichmäßig. Von motorischen Erscheinungen waren höchstens Paresen mäßigen Grades zu beobachten, dabei kein Prävalieren bestimmter Muskelgruppen. Entartungsreaktion hat Verf. bei dysenterischer Polyneuritis nicht beobachtet. Vorübergehend fehlten in einem Teil der Fälle die Patellarreflexe. Trophische Störungen waren nur einige Male vorhanden und immer geringfügig. Der Verlauf ist gutartig, die Therapie die geläufige. 65) Übernervöse und psyohiseheErkrankungen im Kriege, von A Westphal u. A. H. Hübner. (Medizin. Klinik. 1916. Nr. 14 u. 16.) Bef.: E. Tobias. W. geht aus von der divergierenden Anschauung der Autoren in der Frage der traumatischen Neurose; nach seiner Erfahrung ist das Auftreten von trau¬ matischen Neurosen im Kriege keineswegs selten. Die nervösen Störungen des Krieges treten zwar nicht ausschließlich, aber fast durchweg bei Disponierten auf. Nur die sogen. „Granatkommotion“ ist eine so intensive Einwirkung auf das Nervensystem, daß sie auch bei vorher nicht nachweisbar nervösen Individuen schwere nervöse Krankheitserscheinungen hervorzurufen imstande ist. Von Sym¬ ptomen sah W. neben hysterischen neurasthenische Symptome in reicher Fülle. Die Prognose der traumatischen Neurose des Krieges scheint oft günstiger zu sein als die der Bentenhysterie im allgemeinen, wenn auch Endgültiges erst die Zu¬ kunft lehren kann. Die Zahl der Psychosen im engeren Sinne ist relativ gering. Ihre Form ist dieselbe wie die der im Frieden zu beobachtenden Psychosen, aber die Symptome erhalten mitunter eine bestimmte Färbung durch den auf die Kriegs- erlebnisse eingestellten Gedankengang, was besonders beim manisch depressiven Irresein deutlich ist. Verhältnismäßig selten waren auffallenderweise in das Ge¬ biet der Dementia praecox gehörige Fälle, was bei den jugendlichen Altersstufen der Soldaten bemerkenswert ist. W. erwähnt dann drei unklare zum Tode füh¬ rende Fälle nach Art des Delirium acutum. In einigen Fällen traten die ersten paralytischen bzw. tabischen Symptome im Felde auf, wobei wohl die Summation der schädigenden Einflüsse des Krieges als auslösendes Moment gewirkt hat. Die Ausführungen von H. betreffen die Sachverständigentätigkeit. In dieser Beziehung werden 3 Fragen besprochen: 1. Die Frage nach der Dienstfähigkeit; 2. nach der Berechtigung gestellter Versorgungsansprüche und 3. nach der straf¬ rechtlichen Verantwortlichkeit. Bei der Besprechung der Frage nach der Dienst¬ fähigkeit werden besonders 2 Fragen erörtert: Ob bei der militärärztlichen Unter¬ suchung vor der Einstellung eine geistige Störung hätte bemerkt werden können und welche Maßnahmen die Einstellung derartiger Kranker wirksam verhindern könnte. H. regt an, solche Krankheiten, die den Kranken dauernd dienstunfähig machen, für meldepflichtig zu erklären, wenn auch eine derartige Bestimmung nicht unbedenklich wäre. Auch ist die Aufklärung des Publikums wichtig. Ein¬ zelne Fälle werden an der Hand von Beispielen erörtert. 66) Mobilmachiingspsyohoseii, von Medizinalrat Walter Fuchs. (Ärztliche Sachver8t.-Zeitung. 1916. Nr. 3.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Verf. scheidet die Fälle aus, die das eine gemeinsam haben, daß sie sowohl ätiologisch wie klinisch von der Norm der Friedenspsychosen in keinem Punkte abweichen. Ihnen gegenüber stehen die Fälle, bei denen aus einer primären, durch die Mobilmachung bzw. die Einziehung zur Armee erzeugten Erregung hilf¬ loser Angst die Psychose mit einer Art von logischer Steigerung herauswuchs. Gemeinsam ist diesen Fällen: 1. Die Ätiologie: kongenitale Entartung und Mobilmachungserregung. Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 405 2. Der akute Beginn. 3. Die Stellung des Ich im Gefahrenmittelpunkt. 4. Die Todesangst mit äußerstem Affektausdruck. 5. Die das Subjektive der Situation ergänzenden und gewissermaßen be¬ weisenden Halluzinationen; erst jeweils mit deren Eintritt wurde die Psychose vollständig. 6. Somatische Symptome. 7. Der Verlauf der akutesten Periode. 8. Die betreffs baldiger symptomatischer Besserung relativ günstige Prognose. 9. Die Gefahr paranoider Weiterentwicklung. Diese Zusammenfassung ergänzt Verf. nooh durch folgende Sätze: 10. Mobilmachungspsychosen weisen die verschiedenste Ätiologie auf. Immer aber besteht eine gewisse Degeneration. 11. Die echte Mobilmachungspsychose im engeren Sinne ist ätiologisch eine reine Angstpsychose auf dem Boden einer besonders gefärbten Degeneration. 12. Die Mobilmachungspsychose im engeren Sinne entsteht auf dem Boden einer besonders gefärbten Degeneration. 13. Die individuelle Disposition besteht in einer angeborenen Erlebnis¬ unfähigkeit. Diese Minderwertigkeit ist eine Korrelation von vasomotorischer Übererregbarkeit und von apperzeptiver Schwäche, von Mangel an Willenskraft. 14. Der Abgang dieser unheilbar Minderwertigen ist für die Armee ein Glück. 67) Wesen und Bedeutung der Kriegspsychosen, von Dr. Kurt Singer. (Ber¬ liner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 8.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Der größte Teil der Geisteskranken und Nervösen in den Lazaretten haben ihre Psychose oder Anlage zur Psychose schon vor der Ausmusterung in sich getragen. Den Anforderungen des Krieges an Körper und Psyche sind sie nicht gewachsen, unter der bis ins äußerste gesteigerten Affektanspannung, unter den großen Strapazen brechen diese prädisponierten Individuen sohneil zusammen, ihre Beaktion auf psychische Beize wird in auffallender Weise abnorm stark. Daß der Krieg das Auftreten von Psychosen begünstigt, scheint sicher. Den Einfluß sieht man nicht nur während der Zeit der Operationen, sondern schon in der Mobilmachungsperiode, reagieren doch schon die Normalen, Intelligenten, Starknervigen mit Schnelligkeit auf die unglaublichsten Gerüchte usw. Eines inneren Zusammenhanges mit dem Kriege entbehren, nur durch ihn schneller in Erscheinung treten Affektionen wie die Paralyse, die Hebephrenie, die Imbezillität. Bei den Psychopathen sieht man die mannigfachsten Bilder vom einfachen Schwindel bis zum funktionellen Krampfanfall, von der leichten Erregung bis zur Schreck¬ psychose, von vorübergehender Niedergeschlagenheit bis zur stuporähnlichen Atto- nität, von der Gliederschwäche bis zur Abasie. Diese mannigfachen Bilder treten besonders häufig unter der Einwirkung von Granatfeuer ein; wobei auoh besonders schwere Shockerscheinungen zur Beobachtung gelangen. Auf derselben Basis treten ferner Zustände von vorübergehender Depression auf, besonders wenn zu den endogenen Momenten ein exogener, die Erschöpfung, hinzutritt. Sie äußern sich entweder in der Form der Neurasthenie oder als schwere Verstimmungszustände, eventuell bis zu Suicidversuchen. Auch der Symptomenkomplex von deliranter Erregung und halluzinatorischer Verwirrtheit wird des öfteren beobachtet, ferner Sinnestäuschungen usw., Zustände, die als akute halluzinatorische Verwirrtheit zusammengefaßt werden können. Bei ihnen spielen körperliche Strapazen eine entscheidende, krankmachende Bolle, während bei anderen Gruppen das psychische Trauma, vor allem das akuteste, der Schreck, entscheidend eingreifen, so bei der Hysterie, ferner bei den epileptischen Krämpfen. Soldaten, deren Anamnese höchstens Anfälle in der Kindheit aufweist, haben neue Anfälle, in denen die weittragendsten Delikte Vorkommen können. Bemerkenswert ist, daß wenig Alkohol- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 406 abstinenzerscheinungen beobachtet werden. Die Entziehung des Alkohols wird von unsern Truppen ganz ausgezeichnet vertragen, aber unter den obwaltenden Umständen kann schon eine geringe Dosis Alkohol als Exzeß wirken. Auch die Fälle von Manisch-depressiven häufen sich etwas unter dem Ein¬ druck psychischer Strapazen, desgleichen die Melancholiker. Das Gros unserer Truppen widersteht den Riesenstrapazen des Krieges mit einer Riesenkraft an Nerven und Energien. 68) Die Psyche des Verwundeten, von Dr. Arthur Münzer. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 10.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. spricht von den ursächlichen Momenten, welche zusammentreten, um eine Rückwirkung auf den Seelenzustand des Verwundeten auszuüben. Zunächst der Wundschmerz, das Gefühl der Hilflosigkeit und des Verlassenseins; es dauert lange, bis Hilfe kommt, wenn sie überhaupt kommt. Währenddem stellen sich quälend Hunger und Durst ein. Ein Unterschied ist zwischen Leicht- und Schwer¬ verwundeten. Bei letzteren besteht fast immer Shockwirkung, die als eine nervöse Erschütterung stärksten Grades zu charakterisieren ist. Die Shockwirkung äußert sich als Hemmung der wesentlichsten Hirnfunktionen, sie ist als oberflächliche oder in einzelnen Fällen tiefer reichende Bewußtseinstrübung gekennzeichnet. Verf. nimmt an, daß durch die schwere Verletzung eine ganze Reihe sensibler Nerven getroffen und hierdurch eine Fülle mannigfacher Reize an das Zentralnervensystem weitergeleitet werden. Die Summation all dieser fremden Reize beeinflußt wesentlich den Ablauf der Hirnfunktionen. Auch der Blutverlust wirkt auf das Gehirn. Der Shockzustand dauert 12 bis 24 Stunden; danach findet ein Ausgleich zur Norm statt, und der Patient gerät in den seiner Verletzung entsprechenden Seelen¬ zustand, in bezug auf den man zwei Gruppen unterscheiden kann: Die ruhigen, besonnenen, sich in ihr Schicksal ergebenden wahrhaften Helden und die „trau¬ matischen Neurastheniker“, die übermäßig hohe Ansprüche stellen, alles als selbst¬ verständlich betrachten, jammern und stöhnen. Diese Zustände sind als krankhaft anzusehen. Offiziere werden von neurasthenischen Zuständen leichter befallen als Mannschaften, was auf die einschneidendere Wirkung der veränderten Lebensweise zurückzufÜhren ist. Ferner wird ein feines differentiales Gehirn eher äußeren Einwirkungen unterliegen als das grob organisierte. Eine zurückbleibende Nervosität ist durchaus verständlich. Durch den Krieg selbst scheint die seelische Gesundheit nur in relativ seltenen Fällen erschüttert zu werden; in überwiegender Zahl unter¬ liegen minderwertige psychische Konstitutionen. 69) Die Anwendung der Diathermie bei der Behandlung der Kriegsver¬ letzungen und der Kriegskrankheiten, von Dr. Albert E. Stein. (BerL klin. Wochenschr. 1916. Nr. 16.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Die Diathermiebehandlung hat auch neurologisches Interesse. Verf. erwähnt besonders die Ischias, „die einzige Neuralgieform, die als wirkliche Kriegserkran¬ kung bezeichnet werden kann“; sie tritt in allen Graden auf und verlangt lange Einzelsitzungen und hohe Stromstärken. Bei der Lumbago unterstützte die Diathermie andere physikalische Behandlungsmethoden. 70) Die hydrotherapeutische Behandlung der im Kriege erworbenen Neur¬ asthenie und Hysterie, von Arthur Hirschfeld. (Zeitschr. f. physikal. u. diätet. Therapie. 1915. Februar.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. erwähnt im Gegensatz zu dem vod ihm gewählten Titel seiner Aus¬ führungen in diesen, daß „bei genauer Erhebung der Anamnese“ „schon immer eine „gewisse Nervosität“ bestanden hat.“ Durch diese Angabe erübrigt sich ein Eingehen auf die Überschrift der Ausführungen des Verf.’s. Die Therapie ist die auch in Friedenszeiten übliche, Verf. ist mit Recht ein Anhänger der „thermischen Kontraste“. Von Interesse ist seine Angabe, daß die von vielen gerühmte An¬ wendung von Fichtennadelbädern in einem geordneten hydriatischen Betriebe Digitized by Gck igle Original fro-rn UMIVERSITY OF MICHIGAN 407 überflüssig erscheint. Sehr za unterschreiben und auch vom Bef. wiederholt aus¬ gesprochen ist die Schlußbemerkung, daß Polypragmasie nicht nur unwirksam, sondern gefährlich ist. Viele Patienten, welche wegen neurasthenischer Beschwerden in „Kaltwasserheilanstalten“ geschickt werden, verlassen dieselben nicht nur nicht gebessert, sondern in einem Zustande hochgradiger Erregung, der allein durch die dort geübte Polypragmasie zu erklären ist. 71) Über die Anwendung der physikalischen Therapie bei verwundeten und erkrankten Kriegern, von Dr. A. Laqueur. (Zeitschr. £ physikal. u. diätet. Therapie. 1915. Februar.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Von den Ausführungen des Verf/s sei in Kürze der neurologischen Fälle hier Erwähnung getan. Zur Behandlung kamen Fälle von Ischias, peripheren Lähmungen, Neurasthenie, Herzneurose, Schlaflosigkeit. Die Behandlung ist im allgemeinen die übliche, bald mehr hydriatisch, bald elektrotherapeutiscb. 72) Sexuelle Fragen zur Kriegsseit, von E. Burchard. (Zeitschr. f. Sexual¬ wissenschaft. I. 1915. S. 373.) Bef.: K. Boas. Die Arbeit des Verf/s bringt eine Beihe interessanter Fragen aufs Tapet. Verf. beginnt seine Ausführungen mit den sozialen Formen des Sexuallebens und behandelt das Verhalten der Ehe im Kriege. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß im Kriege mehr Liebes- als Vernunftehen geschlossen werden alB im Frieden. Die Prognose dieser Ehe ist in den meisten Fällen eine günstige zu nennen. Die außerehelichen Verbindungen dürften durch den Krieg vielfach dem Verderben (Psychosen, Prostitution, kriminelle Eingriffe gegen daB keimende Leben) entgegen¬ gehen. Es wird dann die Frage der Piostitution in der Heimat und Feindesland berührt und der Geschlechtskrankheiten gedacht. Verf. fordert eine Belehrung der Soldaten über die Gefahren der Geschlechtskrankheiten in der Heimat. Verf. kommt dann zu sprechen auf die zahlreichen mit dem Sexualleben in Berührung stehenden Erkrankungen. Verf. bat in dieser Hinsicht eine Zunahme der dystby- mischen Störungen bei Frauen im Gefolge von Menstruation, Klimakterium, Schwangerschaft, Wochenbett und Laktation gesehen, auch psychische Störungen im Gefolge des Climacterium virile beobachtet. Es sind übrigens durchaus nicht vorwiegend Frauen von Kriegsteilnehmern, die von jenen, und direkt am Kriege beteiligte Männer, die von diesen betroffen werden. # Eine umfangreiche Gruppe der sexuellen Neurosen und Potenzstörungen scheinen durch die machtvolle Subli¬ mierung im Kriege günstig beeinflußt zu werden. Die Militärtauglichkeit bei sexuellen Nervenleiden kann dementsprechend nur ganz individuell beurteilt werden. Das gleiche ist der Fall bei den geschlechtlichen Übergangserscheinungen und den Perversitäten. Bei den Zwischenstufen I. und II. Grades (nach Hirschfeld), Hermaphroditismus und Pseudohermaphroditismus einerseits, Androgynie und Gyn- andrie andererseits, hält Verf. wenigstens in den ausgeprägten Fällen dieser Art die Militärtauglichkeit für aufgehoben, ebenso bei den männlichen und weiblichen Transvestiten. Auf einem wesentlich anderen Standpunkt steht Verf. gegenüber den Homosexuellen. Über diese lauten seine im Kriege gemachten Erfahrungen im allgemeinen recht günstig. Verf. hat namentlich zahlreiche wegen Homo¬ sexualität aus dem Heere entfernte Offiziere gesehen, die darauf brannten, sich, wenn auch ohne Charge, zu rehabilitieren. Er glaubt jedoch, daß diesem frei¬ willigen Wiedereintritt nicht nur äußerliche Motive zugrunde liegen, sondern tiefere psychologische Beweggründe, denen er im einzelnen nachgeht. Mehrere dieser Homosexuellen haben sich sogar das Eiserne Kreuz I. Klasse erworben. Besümierend meint Verf., daß die Homosexualität an sich auf keinen Fall Militär- und Kriegsuntauglichkeit bedinge. In dem Falle der sanitären Kriegsbetätigung standen nach den Erfahrungen des Verf/s die weiblichen Homosexuellen hinter den männlichen nicht zurück und auch andere Fälle des sexuellen Zwittertums — bis zu den Hermaphroditen und Pseudohermaphroditen — zeigten das Bestreben, Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 408 sich auf diesem Gebiete nützlich zu machen. Verf. weist dann kurz hin auf die wechselseitigen Beziehungen zwischen Spionage und Homosexualität bzw. Pseudo¬ homosexualität und Transvestie bzw. Pseudotransvestie. Verf. geht dann auf die einzelnen Perversitäten (Algolagnie, Tetrichismus, Pygmalionismus, Pädophilie, Nekrophilie, Exhibitionismus) ein. Wie sich die sexuelle Kriminalität im Kriege verhält, darüber läßt sich vorerst nichts Bestimmtes aussagen. In Berlin sah Verf. eine Abnahme der sexuellen Delikte, was jedöch vielleicht auf eine Ver¬ minderung der polizeilichen Überwachung zurückzuführen ist. Ebenso nimmt auch Verf. eine einschränkende Einwirkung des Krieges auf die kriminelle Betätigung sexuell Perverser an. Verf. erwartet ferner Fortschritte für die Bewegungen der Eugenik und Rassenhygiene durch und naoh dem Kriege. 111. Aus den Gesellschaften. Ärztlicher Verein in Hamburg. Sitzung vom 23. Februar 1916. Bef.: M. Nonne (Hamburg). Herr Nonne hebt hervor, daß er zwar eine größere Reihe von Neurosen und schweren Hysterien sehe, daß diese jedoch keineswegs den Schluß zulassen, daß diese Neurosen bei unseren Soldaten verbreitet seien; denn seine Abteilung stelle gewissermaßen eine Sammelstelle vor. Im Gegenteil ist es geradezu auf¬ fallend, wie schwere und schwerste Verletzungen fast durchweg ohne „Neurose¬ reaktionen“ ertragen würden. Das trifft auch für die vielen Fälle von schweren Erfrierungen, die zu Amputationen von Gliedmaßen führen, zu, bei denen Vortr. bisher noch keinen Fall von allgemeiner Nervosität usw. gesehen hat. — Vortr. kommt dann noch einmal zurück auf die Fälle von grande hystärie. Er sah sie in Gestallt von Hutismus, Stottern, isolierten klonischen Krämpfen einzelner Muskeln, der Halsmuskeln, der Gesichtsmuskeln, auch an den Extremitäten, als Monoplegien verschiedener Extremitäten, als spinale Hemiplegie, unter dem Bilde der Paraplegia inferior sowie dem Bilde der zerebralen Halbseitenlähmung. Auch allgemeine hysterische Krämpfe und hysterische Dämmerzustände kamen zur Beob¬ achtung. Besonders häufig sind Fälle von Abasie. Nicht selten sah Vortr. hyste¬ rische Symptome organisch bedingten Krankheitsbildern, sowohl zerebralen als auch spinalen, als auch neuritischen superponiert. Es ist Vortr. in einer großen Reihe von Fällen gelungen, durch Suggestion in Hypnose überraschend schnelle, sogen. „Wunderheilungen“ zu erzielen. Viele dieser Fälle waren anderweitig fälschlich als organisch, und zwar zentral bedingte Lähmungen diagnostiziert worden und waren fast alle bereits mehrere Monate krank. Ein Teil derselben war bereits als dauernd dienstunbrauchbar und mit einer Erwerbsunfähigkeit von 100 °/ 0 ein¬ gegeben worden. Vortr. demonstriert einen besonders markanten Fall. Der Kranke kam mit klonischen Zuckungen der Gesichtsmuskeln und mit voller Astasie und Abasie auf. Es gelang gleich bei der ersten Sitzung, Katalapsie zu erzeugen und eine wesentliche Besserung der Symptome zu bewirken. Nach der zweiten Sitzung waren die Symptome nur noch andeutungsweise vorhanden und waren naoh der dritten Sitzung völlig verschwunden. Da der Kranke überaus leicht in Hypnose verfiel und jede Suggestion in der Hypnose annahm, so gab Vortr. ihm in der Hypnose die Suggestion, daß er von niemand anders hypnotisiert und suggeriert werden könne. Der praktische Versuch ergab, daß auch diese Suggestion fest saß insofern als einige Tage später einem in der Hypnose besonders geübten Kollegen es nicht gelang, den Pat. in Hypnose zu versetzen. Vortr. demonstriert, nachdem er den Kranken in Hypnose versetzt hat, durch Suggestion das ursprüngliche Krankheitsbild und darauf die Heilung desselben durch Suggestion. Auch dieser Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 409 Pat, war als 100% erwerbsunfähig gemeldet worden, während er tatsächlich zu seinem Berufe als Kaufmann durchaus wieder fähig sein wird. Nur bei wenigen Fällen (wie in dem vorgestellten) gelang es Vortr., nennenswerte Stigmata von Neuropathie im Vorleben der Kranken und nennenswerte neuropathische Belastung nachzuweisen. Vortr. weist darauf hin, daß bereits im Herodot (Buch VI, Kap. 117) sich ein Fall beschrieben findet, in dem es sich um eine durch heftigen Schreck in der Schlacht erzeugte Amaurose handelt. Die Kenntnis der Fälle von grande bysttrie ist, wie die praktische Erfahrung in diesem Kriege Vortr. gezeigt hat, bei den Ärzten noch nicht so verbreitet, wie es gerade in Hinsicht auf die praktischen Konsequenzen unbedingt nötig ist. Herr Grisson demonstriert aus dem Lazarett des Freimaurer Krankenhauses: I. Einen Soldaten G., der durch einen merkwürdigen Sohuß eine Commotio medullae spinalis mit fast allgemeiner Ataxie und Astereognosie erlitten hatte. Er hatte in der Höhe der obersten Brustwirbel eine 7X3cm große, mäßig ab¬ sondernde Wunde, die nicht wie ein Einschuß, sondern wie ein Ausschuß aussah. Durch Röntgenuntersuohung konnte nirgends, speziell nicht im Zentralnerven¬ system, ein Geschoß gefunden werden. Endlich wurde der Einschuß am weichen Gaumen entdeckt. Der Mann hatte liegend sich mit seinem Nebenmann unter¬ halten, als er den Schuß durch den offenen Mund erhielt, ohne Verletzung der Lippen und Zähne. Er ist nahezu geheilt. — II. Als Erläuterung zu der von Herrn Saenger betonten Schwierigkeit der Operationen am Plexus braobialis einen Musketier W., der viele Granatsplitter in der Wand und im Innern des Thorax aufweist (Röntgenplatte). Ein Splitter lag zwischen den Nerven des Plexus brachialis und hatte ausgebreitete Lähmungen an der oberen Extremität bewirkt, so daß er entfernt werden mußte. Die Operation war recht schwer. Die Nerven erwiesen sich als unverletzt; die Lähmungen bildeten sich nach Entfernung des drückenden Fremdkörpers zurück, es besteht nur noch eine Schwäche im Serratus und Atrophie der kleinen Handmuskeln. — III. Die Röntgenplatte eines Soldaten W. mit einer großen Fraktur und Dislokation der Tabula vitrea durch Tangentialsohuß an der Stirn. Der Mann kam 4 Wochen nach der Verletzung ins Lazarett, hatte nur noch mäßigen Kopfschmerz und eine Herabsetzung des Geruchsvermögens; sonst Wohlbefinden und keinerlei Symptome. Bei diesem ge¬ ringen Befund sahen Saenger und Vortr. von einem Eingriff ab. Der Mann wurde geheilt. Durch diese Beobachtung soll nichts gesagt werden gegen die Trepanation der Tangentialschüsse. Es ist aber nützlich, gelegentlich auf die Aus¬ nahmen von allgemein geltenden Regeln hinzuweisen. Autoreferat Herr Boettiger demonstriert zwei Kriegsverwundete: I. 22jähriger Soldat, 5. X Kopfschuß, Einschuß 1 Finger breit hinter linkem Proc. mastoideus, Aus¬ schuß am oberen Rande der Hinterhauptsschuppe links nahe der Mittellinie. Nach der Verletzung hatte er seine Sprache verloren und der rechte Arm war leicht paretisch. Beides verlor sich bald. Am 19. XL wurde er dem Hafenkrankenhaus angeblich ohne Herderscheinungen überwiesen. Der Status vom 20. XI. ergab jedoch neben den noch eiternden Schußöffnungen rechtsseitige Hemianopsie und totale Alexie, und zwar totale Wortblindheit und fast totale Buchstabenblindheit. Auch konnte er keine Uhr erkennen. Wurde ihm die rechte Hand in der Luft im Sinne von Buchstaben geführt, so erkannte er sie fast stets durch sein Muskel¬ gefühl. Spontan schreiben konnte er nur seinen Namen, abschreiben hingegen mittelschwere Worte, ohne jedoch die selbst abgeBchriebenen Worte hinterher lesen zu können. Zahlen las er bis zu dreistelligen sicher, darüber hinaus unsicher. Am 3. XII. wurden die Schußöffnungen freigelegt und lose Knochensplitter zum Teil aus der Hirnsubstanz entfernt. Da damit eine Heilung der Wunden jedoch nicht eintrat, die Herdsymptome sich fast gar nicht besserten und das Röntgen¬ bild Zertrümmerung des Schädeldachs zwischen beiden Öffnungen ergab, wurde Digitized b) Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 410 am 13.1. 1915 durch einen großen Hautperiostlappen die ganze Knochenwunde zusammenhängend freigelegt (Dr. Rothfuchs) und noch sechs größere und kleinere Sequester entfernt. Nunmehr trat eine rapide Besserung der Alexie ein, so daß Pat. jetzt alles lesen kann, soweit ihm die unveränderte Hemianopsie das Lesen nicht erschwert, und auch spontan zu sohreiben vermag. Nur ermüdet er noch relativ schnell. Sonstige Herderscheinungen haben stets gefehlt. — Es ist anzu¬ nehmen, daß der Schußkanal die Sehbahn des linken Okzipitalhirns direkt zer¬ stört hat, daß die Alexie jedoch bedingt war durch Druckwirkung der verletzten Schädeldecke auf die darunterliegende Hirnrinde, namentlich den Gyrus angularis. — II. 24jähriger Soldat, 4. X. Halssohuß, Geschoß sitzt in der Zwischenbandsoheibe des 4. und 5. Halswirbels, diese selbst nur streifend, nicht splitternd. AnfangB bestand totale Lähmung aller vier Extremitäten und Retentio urinae. Am dritten Tage schwand letztere und es begann Beweglichkeit im rechten, nach weiteren 3 Wochen auch im linken Bein; nie Neigung zu Decubitus. Am 6. XI., nach Aufnahme in das Tropenbygienische Institut, ergab sich Motilität, Sensibilität und Reflexe am rechten Bein durchaus normal, das linke Bein war noch wenig paretisch in allen Gelenken; dazu bestand hier Fußklonus und Babinski und Oppenheim. Bauchdecken- und Kremasterreflexe fehlten. An den Armen fand sich nur angedeutet Beweglichkeit in rechter Hand und Fingern, links nichts. Ferner fand sich Hyp- bis Analgesie in einer Zone von 1 Finger breit oberhalb beider Klavikeln bis zur Höhe der Mamilla, rechts unten etwas schmäler, dazu Hypalgesie des ganzen linken Armes. Endlich motorische Schwäche in der Nacken¬ muskulatur. Bis zum 3. II. 1915, also in 1 / 4 Jahr, besserte sich spontan der Status derart, daß Pat. ohne Stütze geht, auch Treppen; dabei stört ihn nicht der links¬ seitige geringe Fußklonus und Babinski. An den Armen ist die Motilität in Ellbogen, Hand und Fingern beiderseits ausgiebig vorhanden, wenn auch noch mit geringer Kraft und leichten Spannungen, nur die Aktivität der Deltoidei ist rechts minimal, links auoh gering. In beiden besteht Entartungsreaktion, rechts noch ausgesprochener als links. Alle Sensibilitätsstörungen sind geschwunden bis auf kleine hypalgetische Flecken über beiden Schultern und auf der linken Brustseite dicht vor der Achselhöhle. Der Heilungsprozeß kann noch nicht als abgeschlossen gelten. Es handelt sich hier wieder um einen jener prognostisch günstigen Fälle, in denen die mehr oder minder schweren spinalen Symptome, hier die doch schwersten Anfangserscheinungen, spontan sich fast ganz zurück¬ bilden, Fälle, in denen eine direkte Verletzung des Rückenmarks und seiner Häute durch das Geschoß ausgeschlossen ist. Erkennbar sind solche Fälle gegenüber den direkten Rückenmarksverletzungen vor allem an dem Fehlen trophischer Störungen, namentlich des Decubitus, und an dem sehr schnell einsetzenden Be¬ ginn einer wenn auch nur langsam sich steigernden Reduktion des anfangs schweren Krankheitsbildes. Die Resterscheinungen sind hier, abgesehen von einer leichten Narbenbildung im linken Hinterseitenstrang des Rückenmarks (Babinski, Fußklonus links), nur mehr auf direkte Läsion der austretenden motorischen und sensiblen Wurzeln in Höhe des 4. und 5. Halswirbels zurückzufuhren. Die Indikation für nichtoperative Therapie in solchen Fällen ergibt sich von selbst. Autoreferat Herr Oehlecker zeigt eine Reihe geheilter Sohftdelaohüase, die wenige Tage nach der Verletzung schon in Hamburg waren und hier als frische Fälle operiert wurden. Alle Fälle sind gut ausgegangen; es hat ihnen offenbar der frühe Transport nicht geschadet. Demonstration von Verletzung der motorischen Region, des Sehzentrum usw. Auffallend ist, daß besonders das Stirnhirn und das Kleinhirn große Teile einbüßen können, ohne wesentliche Folgen zu hinter¬ lassen. Der Röntgenbefund bleibt hinter dem Befund bei der Operation zurück bezüglich der Tiefe der Impression, Splitterung der Tabula vitrea usw. Im Zweifelsfalle soll stets trepaniert werden. Vortr. hat nie einen Schaden davon Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 411 gesehen. Bei Hinterhauptsschüssen wird sehr häufig der N. occipitalis mit durch¬ schossen. Es können später schwere Neuralgien auftreten. Demonstration eines solchen Falles, wo die schwerste Neuralgie nach völliger Heilung der Kleinhirn¬ schußverletzung aufgetreten war. Vortr. hat hier die von ihm angegebene Ex¬ stirpation des Ganglion spinale II ausgeführt. Völlige Heilung. Pat. am 11. Tage nach der Operation. Vortr. berichtet über die bisherigen von ihm ausgefiihrten fünf Ganglionexstirpationen. — Weiter demonstriert Vortr. eine einseitige und eine symmetrisehe Cauda equina-Verletzung. 1 . Fall: Schrapnellkugelsteck- schuß in der Höhe des 2. Lendenwirbels mit motorischer und sensibler Lähmung des rechten Beines. Laminektomie und Eugelentfernung. Nach 3 Monaten fast völlige Heilung. 2. Fall: Schußbruch des 5. Lendenwirbels gab das Schulbild der Konus Verletzung: Blasen-Mastdarmlähmung und Reithosenbesatzanästhesie. Operation. Zunehmende Besserung. Pat. schon jetzt fast beschwerdefrei. Autoreferat. Herr Gimbal berichtet über die seelisohen und nervösen Erkrankungen, welche er seit der Mobilmachung in der Korpsnervenstation beobachtet hat. Die in allen Veröffentlichungen beobachteten Mobilmachungspsychosen im August und September haben sich im Bereiche des IX. Korps in außerordentlich geringen Grenzen gehalten. Durchweg handelte es sich um Geisteskrankheiten, welche schon lange .vor der Mobilmachung bestanden hatten, zum Teil mit großer Ge¬ schicklichkeit von den Kranken und ihren Angehörigen geheimgehalten worden waren, um die Aufnahme ins Heer zu ermöglichen und die infolge der militä¬ rischen Disziplin und der außerordentlich sorgfältigen Aufmerksamkeit der Truppen¬ ärzte schon zu Beginn des Feldzugs entdeckt und ausgeschieden wurden. Gleich¬ zeitig kam eine ganze Serie von Kranken zur Beobachtung, welche früher aus irgendeinem Grunde im Militärdienst gescheitert und als dienstunbrauchbar ent¬ lassen waren und die den Feldzug benutzen wollten, um unter Verschweigung der früheren Vorgänge sich zu rehabilitieren. Die erste größere Reihe unmittelbarer seelischer Folgezustände des Krieges entwickelte sich im Anschluß an die großen in außerordentlicher Hitze zurückgelegten Märsche in Belgien. Ich habe damals 9 Folgezustände von Überhitzung gesehen, die auf organischem Gebiet das Krank¬ heitsbild der akuten Liquorkongestion boten, auf seelischem Gebiet sich durchweg als stuporartige Hemmungszustände kennzeicbneten. Bei sorgfältiger Prüfung der Vorgeschichte ließ sich bei den drei chronisch gewordenen Fällen durchweg nach- weisen, daß es sich um schwer Belastete handelte. Der einzige jetzt noch Kranke stammt aus einer Dementia praecox-Familie, erkrankte unter dem Bild des hyste¬ rischen Scheinschlafs, bot dann ein melancholisches Bild mit Selbstvorwürfen und Hemmungen und bietet zurzeit nur noch schwer neurasthenische Symptome. Die eigentlichen seelischen und nervösen Folgezustände des Krieges können in drei Gruppen eingeteilt werden, die aber untereinander auf das engste verwandt sind: 1. in die akute nervöse Überreizung, 2. in die Krampfleiden und 3. in die trauma¬ tischen Psychosen im Gefolge von seelischer Erschütterungen oder von übermäßiger allgemeiner Erschöpfung. Die dabei sich ergebenden praktischen Fragen sind von außerordentlicher Bedeutung, sowohl für die spätere Begutachtung der Dienst¬ beschädigten, als auch vor allem für die Frage der Verhütung eines übermäßigen Anwachsens der Dienstunbrauchbaren. Unter den beobachteten Krampfzuständen, wovon 1 / 3 in klinischer, 2 / s in ambulatorischer Untersuchung begutachtet wurden, befand sich immerhin */ 3 , die glaubhaft naohweisen konnten, daß sie niemals früher an krampfartigen oder nervösen Zuständen gelitten hatten. Bei etwa einem weiteren Drittel ergab die durch die Angehörigen geprüfte Vorgeschichte wohl Bettnässen, gleichartige Belastung oder Kopfunfälle, aber gleichfalls keine Krampf¬ zustande. In allen diesen Fällen fand sich bei der Untersuchung nicht etwa das Krankheitsbild des genuinen Epileptikers mit seiner Schwerfälligkeit, den ver¬ langsamten und klebenden Reaktionen und der Einschränkung des Gesichtskreises, Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 412 sondern besonders häufig die nachstehend geschilderten Krankheitszeichen der nervösen Überreizung und nur in einem geringen Teile echt hysterische Symptome, und zwar am häufigsten Gesichtsfeldeinschränkung, Aufhebung der Korneal- und Rachenreflexe und hysterischer Charakter, seltener Lähmungen von hysterischem Typus. Ich möchte bei dieser Gelegenheit von jeder Ausdehnung der Diagnose Hysterie über das klassische Krankheitsbild hinaus abraten, jedenfalls für den praktischen gutachtlichen Gebrauch. Zunächst wird die Diagnose Hysterie von den Truppenteilen stets mit Simulation übersetzt und der Versuch gemacht, die Anstellerei durch doppelte Disziplin zu bekämpfen, was sicher nicht im Sinne der Deutschen Armee* Medizinalforschung liegt. Da das echte klinische Bild der Hysterie unter die Krankheiten der Anlage l.TL 15 gehört und die Hysteriker zum Kriegs¬ dienst zweifellos ebensowenig geeignet sind wie die Epileptiker der Anlage l.H. 16, und da die Umgrenzung der Anlage 1. L. 18 Krankheiten mit Bewußtseinstrübungen ausdrücklich von jeder Dienstbrauchbarkeit ausschließen, so halte ich es für das Ratsamste, alle echten hysterischen Krankheitsbilder je nachdem als Seelenstörungen oder Krampf leiden zu bezeichnen, um ein Mißverständnis des viel mißbrauchten Wortes zu verhüten. Rein psychogene, aggravierte oder gar simulierte Einzel¬ störungen als hysterische zu bezeichnen, ist aber erst recht ein Mißbrauch des Wortes und sollte im Interesse der Verständigung aufs äußerste vermieden werden. Wie schon hervorgehoben, fand sich von den Krampf leiden und Bewußtseins¬ trübungen auf echt traumatischer Grundlage ein ununterbrochener Übergang zu den rein nervösen Formen der Überreizung und Erschöpfung, die unter den Be¬ obachtungsfällen auch die weit überwiegende Mehrzahl bilden. Die häufigsten Krankheitszeichen betrafen das Gefäßsystem in der Form von Pulsbeschleunigung und von Verminderung des Blutdrucks, so daß der diastolische Blutdruok auf 60, der systolische auf 70 bis 90 mm Hg fiel, der Pulsdruck also oft nur 10/20 mm Hg betrug. Die Sehnenreflexe waren häufiger herabgesetzt als gesteigert. Besonders durchgehend und daher bei der Nachprüfung verwertbar scheinen mir die Störungen beim Valsavaschen Versuch insofern, als die Kurzluftigkeit beim Anhalten des Atems auch bei kräftigen und trainierten Menschen schon nach 8 bis 10 Sekunden eintrat. Ich habe sehr häufig unter dem Einfluß der entsprechenden Therapie diese akutesten ErschöpfungBsymptome in etwa 8 bis 10 Tagen schwinden sehen. Fast immer mit den Erschöpfungssymptomen verbunden ist ein kleinschlägiges Zittern der Finger, der Zunge und der geschlossenen Augenlider, besonders häufig auch der Augäpfel beim Blick in die Nähe und in den Endstellungen. Nicht als zugehörig zu diesem Krankheitsbild erscheint mir das anfallsweise großschlägige Zittern, das wie das bekannte Schwitzen der Hände und der Achselhöhlen bei konstitutionellen Nervösen auftritt und völlig unabhängig von der Erschöpfung zu sein scheint. Unter den Überreizungssymptomen der Muskeln halte ich für die wichtigsten die Kontrakturen einzelner Muskelgebiete oder selbst auch nur einzelner Muskelteile, welche nach Verwundungen, aber auch nach einfachem Stoß und selbst ohne jeden äußeren Anlaß auftreten können und deren Ausbreitung, Langwierig¬ keit und galvanischer Charakter viel mehr von der nervösen Disposition, als von der Intensität der Verletzung abhängt. Fast in einem Drittel der vom Vortr. beobachteten Kontrakturen im Anschluß an einfache Gewehrschüsse, die Vortr. anfangs* als einfache mechanische Folge der Ruhigstellung des Gliedes aufgefaßt hatte, stellten sich nachträglich nervöse oder psychische Allgemeinsymptome ein, be¬ sonders Schlafstörungen, rapider Gewichtsverlust, vereinzelte Sinnestäuschungen, allgemeine Hyperästhesien. Vortr. rät deshalb in allen Fällen, wo Verletzung und Kontraktur in einem auffälligen Mißverhältnis stehen, von vornherein eine reiz¬ mindernde Allgemeinbehandlung eintreten zu lassen und glaubt, damit auch die Kontraktur rascher lösen zu können als durch die rein mechanische Bewegungs¬ therapie. Reiz- und Ausfallserscheinungen auf dem Gebiete des Empfindungs- Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 413 Vermögens waren sehr viel seltener nnd regelloser verteilt. Verhältnismäßig sehr häufig sind seit der kalten Jahreszeit Lumbago- und ischiatische Neuralgien zur Beobachtung gekommen, welche durch die Person der getroffenen, ihr bisheriges Verhalten im Kriege und die allgemeinen Erschöpfungssymptome glaubhaft er¬ scheinen müssen, ohne daß das Lasseguesche Symptom oder irgendein anderes objektives Zeichen die Nachprüfung der lokalen Beschwerden ermöglichten. Es wäre von großem Wert, hier objektiv Prüfungsmethoden zu erfahren oder auszu¬ arbeiten. Das Gesichtsfeld war bei einem großen Teil der geschilderten Kranken anfangs mäßig eingeschränkt, erweiterte sich aber bald, ebenso wie die Atem¬ spanne. Auf seelischem Gebiet war den krankhaft erschöpft und überreizt aus dem Felde Heimgekehrten ein Krankheitsbild gemeinsam, das auch bei den nicht nervösen Verwundeten wenigstens andeutungsweise vorhanden ist und als physio¬ logisch gelten darf: Störungen des Schlafs, im Sinne oberflächlichen Schlafs mit ängstlichen Träumen, vereinzelte Sinnestäuschungen im Halbschlaf, das Nachbild platzender Granaten und Schrappnells. Bei den Psychosen im engeren Sinne war es noch viel schwerer, das Gesetzmäßige von dem Zufälligen zu unterscheiden, einmal weil die Zahl der bisher Erkrankten dafür kaum genügen wird, dann aber, weil die akutesten Psychosen, auf die es doch nur ankommt, in der kurzen Zeit des Transportes meist schon wieder abgeklungen waren. Die von Hoche hervorgehobene Anhäufung von Alkoholpsychosen hat sich bei uns in den be¬ scheidensten Grenzen gehalten, ich habe nur 16 Alkoholdelirien gesehen. Im November/Dezember sah ich auffallend viele Paralysen, bo daß ich damals glaubte, daß eine besondere Gefahr für die Syphilitiker darin bestehen würde, daß der Prozeß unter den Strapazen des Krieges in das Gehirn übergreifen könnte. Im Laufe der letzten 2 Monate überwiegt die Lues cerebro-spinalis und die Tabes die Paralyse wieder in der gewöhnlichen Weise und in der Mehrzahl handelt es sich um Nebenbefunde, die den Kranken in keiner Weise bewußt sind und von den sehr aufmerksamen Truppenärzten und Lazarettleitern gewissermaßen zufällig entdeckt worden sind. Unter den typischen Psychosen im engeren Sinne scheinen mir die häufigsten die schon erwähnten Erschöpfungs- und Überreizungspsychosen, die besonders nach überstandener Buhr oder Typhus, sehr viel seltener nach peri¬ pheren Verwundungen zur Entwicklung gelangen. Für mich überraschend war es, dabei niemals das Schulbild der Amentia zu finden, Bondern viel häufiger Dämmerzustände, die den Charakter leichten Delirierens mit komplexartigen Pseudo¬ erlebnissen boten. Sowohl die Sinnestäuschungen, wie die besonders häufigen nach¬ träglichen Erinnerungsfälschungen lagen in der Richtung verdrängter Abwehr oder verschwiegener Wunschkomplexe — die Zahl der Imbezillen ist natürlich groß. Immerhin möchte ich hervorheben, daß der Schwachsinnige bei unserem Heer schon bei einer Geistesstufe als unbrauchbar ausgeschieden wird, die in dem Heer unserer Gegner wohl noch sehr oberhalb des Durchschnitts stehen dürfte. Als eine charakteristische Gefechtspsychose des Stellungskampfes in den Schützengräben wird mir von Verwundeten geschildert, daß nach mehrtägigem Liegen im Schützengraben die Kranken plötzlich aufstehen und in dem Glauben, das Signal zum Angriff bekommen zu haben oder selbst angegriffen zu werden, heraus und meist auf den Feind zustürzen. Wenn es den Kameraden nicht ge¬ lingt, sie zurückzuhalten, sind sie natürlich verloren. Drei einschlägige Fälle, die unter Anklage der Feigheit standen, habe ich für das Kriegsgericht untersucht. Einmal handelte es sich um ein jahrelang bestehendes Zwangsirresein, in zwei Fällen um psychogene Erregungszustände vom Charakter der Erschöpfungs¬ psychosen. Die Straftat, ein verworrenes sinnloses Laufen parallel zur feind¬ lichen Schützenlinie auf einen nahen Wald zu, war im ersten Falle durch Sinnes¬ täuschungen ausgelöst und hatte eine teilweise Amnesie zurückgelassen. Die Mehrzahl der vom Feinde zurückgekehrten, die nach dem Gerücht „seelisch und Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 414 neryös völlig zusammengebrochen sein sollten“, waren von Hans ans Nervöse, die nach einem kurzen Begeisterungsrausch sich als unbrauchbar erwiesen hatten und meist auf Wunsch der Truppe wegen ihrer praktischen Unzuverlässigkeit zur Verwendung in der Garnison zurückgeschickt worden waren. An diese Beobach¬ tung möchte ich zum Schluß meiner Zusammenstellung einige praktische Er¬ wägungen und Vorschläge schließen: Zunächst ist es natürlich völlig unmöglich, aus der Zahl der nervösen oder psychisch Kranken, die ein einzelner Untersucher gesehen hat, irgend welche Schlüsse auf die nervöse Gesundheit und Widerstands¬ kraft unseres Volkes zu ziehen. Abgesehen davon, daß das Material des Ein¬ zelnen hauptsächlich von der zufälligen verwaltungsmäßigen Verteilung der Kranken abhängt, sind die psychischen und nervösen Krankheiten unseres Arbeitskreises durchweg so unauffällig, daß ihre Zahl absolut von der Aufmerksamkeit und der Sorgfalt der Untersucher abhängt. Die verhältnismäßig große Zahl der entdeckten leicht abnormen Zustände spricht also lediglich für die außerordentliche Aufmerk¬ samkeit der Lazarett- und Truppenärzte. Durch den Erlaß des Ministers der geistlichen, Unterrichts- und Medizinangelegenheiten vom 17. April 06 M.-Nr. 6036 sind alle geistig Erkrankten vor dem 18. Jahre den Bezirkskommandos mitzuteilen. Die Einbeziehung der älteren Dienstpflichtigen war im Frieden nicht erforderlich, so daß die später psychisch Erkrankten der Ausscheidung, nach Anl. 1. U. 15. zum Teil entgangen sind. Daraus ergibt sich aber, daß die Bestimmungen der Anlage 1. U. 15. d. d. U. Mdf. zwar sehr vorsichtig und klug sind, daß aber trotz¬ dem zufällig ins Heer Gelangte früher geistig erkrankt Gewesene in der über¬ wiegenden Mehrzahl die Strapazen des Heeresdienstes gut vertragen haben. Viel weniger brauchbar und viel störender in der Front sind schwer Nervöse und Psychopathen, und ich schließe mich Gudden völlig darin an, wenn er im zweiten Teil des „Feldarztes“ vorschlägt, ihnen die Felddienstfähigkeit zu versagen. Die nervöse Widerstandskraft unseres Volkes braucht durch uns nicht bewiesen zu werden, sie ergibt sich aus dem praktischen Verlauf des Krieges. Ich befürchte auch nicht, daß nach dem Kriege zahlreiche Rentenhysteriker die Weiterarbeit des Volkes erschweren werden, wenn wir nicht künstlich eine Epidemie von Kriegs- neurosen züchten. Es gilt nur die Wiederholung der Irrlehre von den Unfalls¬ neurosen zu vermeiden, wodurch einflußreiche Kreise unserer Fachkollegen dem deutschen Volke die schwere Last tausender Arbeitsunlustiger auferlegt haben, loh meine damit die Unfallhysteriker, deren epidemisches Auftreten lediglich durch die Schaffung eines neuen ungreifbaren und unumgrenzbaren Begriffes er¬ möglicht wurde. Es ist also vor allem unsere Aufgabe, mit äußerster Schärfe die Symptome, Befunde und Beschwerden, die jetzt neu zutage treten, auf ihren Wert und ihre Zuverlässigkeit durch Austausch der gegenseitigen Erfahrungen zu prüfen und so für die Militärbehörden eine wirklich sachliche Grundlage zur Verwertung unserer Untersuchungen zu liefern. Zur Verminderung der nervösen Dienstunbrauchbaren scheinen mir zwei Vorschläge angängig. Zunächst muß in den Ruhepausen der Feldtruppen, eventuell mit Hilfe von Medikamenten für Schlaf gesorgt werden, da ein großer Teil der Zurückkehrenden klagt, auch in den Ausruhezeiten hinter der Front nicht schlafen gekonnt zu haben. Ein zweiter wichtiger Faktor zur Verhütung des Schlaff- und Unlustigwerdens der kämpfenden Mannschaften ist die möglichste Vermeidung des Heimatsurlaubs, da sich wohl nur Einzelne dem schädlichen Einfluß der oft übergroßen, wenn auch durchaus verständlichen Sorge und Teilnahme seitens der Familienmitglieder ent* ziehen. Ins Praktische übersetzt wäre also eine Sichtung der Versagenden in einer Korpsnervenstation möglichst nahe der Front erforderlich, welche zunächst mal die einfach Erschöpften von den dauernd im Felde Unverwendbaren scheidet, und nur die Letzteren dem Truppenteil zum Garnisondienst mit einem kurzen Bericht über die Art ihres Versagens zuweist. Die einfach Erholungsbedürftigen Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 415 sollten dem Heimatsgebiete unter allen Umständen fern gehalten werden, könnten entweder an Ort und Stelle zur Behandlung gelangen oder aber vorübergehend einem fremden Ersatztruppenteil zugewiesen werden. Autoreferat. Sitzung vom 9. März 1915. Herr Kafka demonstriert folgenden Fall: Bei einem 30 jährigen Landwehr- m&nn, der früher immer gesund gewesen war und bei dem keinerlei nervöse Be¬ lastung vorlag, traten im Oktober 1914, nachdem Patient viele Oefechte mitgemacht hatte, aber sich sonst noch völlig gesund fühlte, Krämpfe der Füße auf, die später auch die Hände ergriffen und um Weihnachten 1914 häufig und stark wurden. Zu dieser Zeit erkrankte Patient auch an einem Lungenspitzen- und Duodenal¬ katarrh. — Jetzt treten die Krämpfe an den Füßen mehrmals, an den Händen einmal am Tage auf, mit nachfolgender starker Schmerzhaftigkeit des Fußes oder der Hand. An der Hand: zu Beginn Extension, dann Flexion der mittleren Finger; an den Füßen: Volar- dann Dorsalflexion der vier Zehen ohne die große Zehe. Dabei auch Akroparästhesien. Chvostek angedeutet, Erb vorhanden, Troujseau an den oberen Extremitäten nicht auszulösen, dagegen leichter Krampfanfall des Fußes bei fester Umschlingung des Oberschenkels. Es wurde die Diagnose Tetanie gestellt. Der Abderhalden sehe Versuch (ohne Epithelkörperchen) war negativ, es bestand keine Glykosurie, das Blutbild wies eine Vermehrung der weißen Zellen usw. besonders der Lymphozyten und einen Schwund der Eosinophilen auf. — Es wird auf die Pathologie der Epithelkörperchen hingewiesen, ferner wird die in diesem Falle besonders interessante Äthiologie und das eigenartige Symptomenbild hingewiesen. Zum Schlüsse wird noch die moderne Kalzium- und Organotherapie besprochen. Autoreferat. Herr Trömner demonstriert I. einen Fall von lokaler traumatischer Hysterie. Ein 37jähriger Soldat zog sich in Belgien durch Fall in eine Glas¬ türscheibe eine Hautwunde über dem rechten Handgelenk zu. Nachdem er die Hand wegen Eiterung der Wunde etwa 6 Wochen lang mit wenig Unterbrechungen im Verband getragen hatte, bemerkte er, daß sich allgemeine Schwäche* des Armes, Vertaubung des Gefühls und starkes Schwitzen eingestellt hatte, letzteres zeitweise so Btark, daß der Schweiß herabtropfte. Bei der Untersuchung fand sich starke Kongestion der rechten Hand, so daß sie 1 1 / 2 cm dicker war als die linke, reich¬ licher Schweiß, große Schwäche des ganzen Arms, besonders von Finger und Hand, welche unter starkem Zittern des Armes nur spurweise bewegt wurden; alles bei völlig normaler elektrischer Erregbarkeit und einer annähernd manschettenförmigen Sensibilitätsstörung, nämlich, Hypästhesie für Berührungen bis zum Ellbogen, Anal¬ gesie bis 3 Finger breit unterhalb, und Anästhesie für Kälte, abermals 2 Finger breit tiefer — also stufenweis dissoziierte Sensibilitätsstörung wie bei spinalen Läsionen. Außer dieser Form der Sensibilitätsstörung sind die vasomotorisoh- sekretorischen Störungen auffällig. — U. Schuß durch den Hala bei einem 24jährigen Soldaten. Einschuß genau am Erb sehen Punkt rechts — trotzdem keine Lähmung rechts — Ausschuß hinterm lateralen Band des linken Sterno- cleido. Die Kugel drängte sich offenbar zwischen Ringknorpel und Speiseröhre hindurch. Unmittelbar nach dem Schuß völlige Aphonie, Stimmbänder in Cadaver- stellung, Sensibilität des Kehlkopfes normal oder eher gesteigert (Dr. Sinell); also doppelseitige Rekurrenslähmung. Außerdem Lähmung des linken Cucullaris mit träger Zuckung im Gesamtmuskelgebiet, sehr geringer faradischer Erregbarkeit, jedoch erhaltener galvanischer Erregbarkeit vom Nerven aus, also Mit Verletzung des Accessorius bei seinem Heraustritt unterm Sternocleido. Da eine Mitverletzung der dritten Zervikalwurzel, die nach Sternberg und Schulz die unteren Teile des Cucullaris versorgen sollen, unwahrscheinlich ist, muß für diesen Fall Gesamt¬ versorgung des Cucullaris durch den Accessorius angenommen werden. — Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 416 III. Brown-Sdquard-Lfthinuiig durch Nackensohuß ohne Wirbel ver- letsung. 21 jähriger Soldat erhielt bei Ypern Nackenschuß; gleich danach Lähmung des linken Armes und Beins. Im Arm trat weitgehende, im Bein geringere Besserung ein. Jetzt ist linker Arm normal bis auf geringe Verlangsamung in den Fingerbewegungen, das linke Bein noch in spastischer Schwäche mit den Phänomenen von Babinski, Oppenheim, Bechterew-Mendel, und dem von mir beschriebenen Wadenphänomen. Daneben kontralaterale Sensibilitätastörung: bis zur Höhe des rechten Rippenrandes Hypästhesie für Berührung und Wärme, bis zur Höhe des Darmbeinkammes herauf Analgesie und Kälteanästhesie, bis zur halben Höhe zwischen beiden Grenzen eine hypalgetische, jedoch begrenzte Zone. Interessant und wichtig ist, daß das Röntgenbild keine Wir bei Verletzung zeigte, sondern das Projektil in der Nackenmuskulatur links neben dem 7. Halswirbel liegend. Welcher Art die Halbseitenschädigung des Rückenmarks durch den Anprall der Kugel gewesen ist, läßt sich nicht bestimmen. Ähnliche Fälle wurden neulich von Schuster und Redlich demonstriert. Die jetzt tiefe Lage der an¬ ästhetischen Zonen ist nach Rothmann, der einen ähnlichen Fall beschreibt, durch exzentrisohe Lagerung der langen Bahnen und vorzugsweise Schädigung der Rand¬ partien zu erklären. Unmittelbar nach der Verwundung, wo auch der linke Arm gelähmt war, wird auch die Sensibilitätsstörung weiter hinaufgereicht haben. Ent¬ fernung der Kugel konnte natürlich auf das spinale Bild keinen Einfluß haben. Autoreferat IV. Verschiedenes. Die XL. Wanderversammlung der südwestdeutsohen Neurologen und Psychiater ist am 29. und 30. Mai 1915 in Baden-Baden im Blumensaale des Kurhauses abgehalten worden. Referate: I. Hoc he (Freiburg); Über Hysterie. — II. Wollenberg (Straßburg): Über die Wirkungen der Granaterschütterung. — III. Aschaffenburg (Cöln): Über das Zu¬ sammenvorkommen von organischen und psychisch-nervösen Erkrankungen. — IV. Säen ge r (Hamburg): Über die Arbeitsfähigkeit nach Schuß Verletzung des Gehirns. Vorträge: 1. Axenfeld (Freiburg): Myotonische Akkommodation. — 2. von Szity (Freibarg): I. Embryonale Gliome. II. Akute Stauungspapille bei Schädeltrauma. (Beide Vorträge mit Demonstrationen.) — 3. Fried mann (Mannheim): Zur Auffassung der ge¬ häuften kleinen Anfälle. — 4. Nonne (Hamburg): Ist die Aufstellung einer traumatischen Kriegsneurose berechtigt? — 5. Weygandt (Hamburg): Kriegspsychiatriscbe Begutachtung. — 6. Stoffel (Mannheim): Die Mechanik der peripheren Nerven. — 7. L. Mann (Mann¬ heim): I. Beobachtungen über Verletzungen der peripheren Nerven. II. Über Störungen infolge von Granatexplosion. — 8. Leva (Straßburg): Über sekundäre Nervenlähmungen nach Trauma. — 9. Laudenheimer (Alsbach): Kurze Mitteilungen über I. die Anamnese der sogen. Kriegspsychoneurosen, II. Arbeitstherapie in Lazaretten. — 10. Steiner (Stra߬ burg): Experimentelle Liquoruntersuchungeu bei Syphilis. — 11. Wittermann (Winnental) (zurzeit im Felde): Kriegspsychiatrische Erfahrungen aus der Front. —.12. L. R. Müller (Würzburg): Über die Hungerempfindung. — 13. Poppelreuter (Cöln): Über die psychische Einzel- und Gesamtscbädigung bei Hirnverletzungen (mit Demonstration von Apparaten für die psychologische Funktionsprüfung). — 14. Staehelin (Basel): Über einen Fall von Apo¬ plexie im Militärdienst. — 15. O etter (Kutzenberg): Über eine erfolgreiche Behandlungs¬ methode bei Nerven- und Geisteskranken. Zar gefälligen Beachtung. Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth¬ mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke, Referate und Autoreferate an Herrn Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Einsendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbb & Wittio in Leipzig. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSETY OF MICHtGAN Neurologisches Centralblatt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet von Prot E. Mendel. Herausgegeben von Dr. Kurt Mendel. Vierunddreißigster Jahrgang« Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Seichs, sowie _ direkt von der Verlagsbuchhandlung. 1915. = 16. Juni. Nr. 12. Inhalt I. Originalmitteilungen. 1 . Isolierte Lähmung des N. glutaeus superior durch Schuß Verletzung, von Paul Schuster. 2 . Zum Katatonusversuch (Kohnstamm), von Max Rothmann« II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Die Granatkontusion, von Gaupp. 2. Zur Behandlung der Schädelsohüsse im Felde, von Syring. 3. Zur Pathogenese der Meningitis bei Schußverletzungen des Gehirns, von Chlarl. 4. Über homolaterale Hemiplegien nach Kopfverletzungen, von Roemheld. 5. Über Schädelschüsse, von Eschweiler und Cords. 6. Zur Kasuistik der Rückenmarksschädigungen durch Wirbelschuß, von Gamper. 7. Zur Behand¬ lung der Harnverhaltung bei Rückenmarksschüssen, von Goldberg. 8 . Schuß Verletzungen des Rückenmarks, von Exner. 9. Nachbehandlung der Verletzungen des zentralen und peripheren Nervensystems, von Rothmann. 10. Über Polyneuritis gemischter Nerven bei neurastheniscben Kriegsteilnehmern, von Nonne. 11. Unsere bisherigen Erfahrungen bei der Behandlung im Kriege verletzter peripherer Nerven, von Heile und Hezel. 12. Über Kriegsverletzungen der periüheren Nerven, von Nonne. 13. Schußverletzungen der Nerven, von Exner. 14. Über Schußverletzungen am peripheren Nerven, von Huismans. 15. Ein Beitrag zur Verletzung peripherer Nerven, von Sauter. 16. Ungewöhnlich frühe Wieder¬ herstellung der Leitungsfähigkeit im resezierten und genähten Nerven (Ischiadicus), von Thiomann. 17. Zur Methodik der Naht an peripheren Nerven, von Döpfner. 18. Die Pro- f nose der Nervennaht bei Verletzungen des peripherischen Nervensystems, insbesondere bei chußVerletzungen, von Steinthal. 19. Über eine Methode, den Erfolg einer Nervennaht zu beurteilen, von Hoffmann. 20. Krieg und Nervensystem, von iacobsohn. 21. Einige allge¬ meine Bemerkungen über den Krieg und unser Nervensystem, von Redlich. 22. I. Die Be¬ handlung der Folgezustände von Gehirnerschütterung, von Weber. II. Bemerkungen zu der vorstehenden Abhandlung von Prof. E. Weber, von Neubert. 23. Die chirurgische Früh¬ behandlung der Schädelschüsse, von Hosemann. 24 . Zwei bemerkenswerte Fälle von Rückenmarksverletzung durch Gewehrschüsse, von Fraenkel. 25. Über traumatische Myelitis, von Mayer. 26. Tabes und Heeresdienst, von Flatau. 27. Erfahrungen auf der Nerven- Station eines Reservelazaretts, von Jolly. 28. Funktionelle Stimmbandlähmung im Felde, von Pape. 29. Militärdienst und Thyreotoxie, von Dannehl. 30. Über Hyperthyreoidismus vom Standpunkte der Kriegsmedizin, von Kahane. — Psychiatrie. 31. Psychiatrie und Neurologie, von Bonhoeffer. 32. Beitrag zur vergleichenden Rassenpsychiatrie, von Budul. 33. Über Rückschlagserscheinuugen auf psychischem Gebiete, von Hatschek. 34. Über krankhafte Ideen, von Stransky. 35. Zur Frage der Konzeptionsbeförderung und der Ehe¬ schließung bei Nerven- und Geisteskrankheiten, von Meyer. 36. Physikalische Anschauungs¬ weisen in neurologisch-psychiatrischer Literatur, ein Kapitel zur Leibseelenfrage, von Bunne¬ mann. 37. Körperliche Zeichen bei Geisteskrankheiten, von Haymann. 38. Le sommeil auto- matique, par Poyer. III. BUcharbesprechung. 1. Die Traumdeutung, von Freud. 2. Nervenkrankheiten, von Krön und Misch. 3. Die Gesichtslähmung in der Zahnheilkunde, von Krön. IV. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬ heiten, Sitzung vom 10. Mai 1915. XXXIV. 27 □ igitized by Go igle Original from UNIVERSSTY OF MICHIGAN I. Originalmitteilungen. 1. Isolierte Lähmung des N. glutaeus superior durch Schußverletzung. 1 Von Paul Bohoster. Isolierte Lähmungen des N. glutaeus superior gehören wohl zu den aller¬ seltensten Vorkommnissen. Weder in dem bekannten Werke Bbbnhabdt*s, noch in der jüngst erschienenen zusammenfassenden Darstellung der peripherischen Nervenerkrankungen Cbameb’s (in dem Lewandowskysehen Handbuch) finde ich einen Fall isolierter Schädigung des N. glutaeus superior erwähnt Die Selten¬ heit der Erkrankung des Nerven wird verständlich, wenn man seine geschützte Lage zwischen dem M. glutaeus medius und minimus berücksichtigt Der N. glutaeus superior entspringt als oberster der außerhalb des Beckens ver¬ laufenden Aste des Plexus ischiadicus. Er zieht unmittelbar oberhalb des M. pyriformis durch das Foramen ischiadicum majus, indem er sich ganz dicht an dessen oberem Bande hält Während der durch den unteren Abschnitt des Foramen ischiadicum austretende N. glutaeus inferior den M. glutaeus magnus versorgt, gibt der N. glutaeus superior Muskeläste ab zu dem M. glutaeus medius, dem M. glutaeus minimus und zu dem M. tensor fasciae latae. Sensible Aste hat der N. glutaeus superior nicht Eine Lähmung des Nerven wird also an dem Funktionsausfall lediglich des M. glutaeus medius und minimus und des M. tensor fasciae latae zu erkennen sein. Der sogleich näher zu beschreibende Fall, den ich in einem hiesigen Lazarett zu untersuchen Gelegenheit hatte, stellt eine wohl einwandsfreie iso¬ lierte Lähmung des Nerven dar. Der etwa SO jährige S. erlitt folgende Verletzung duroh eine Gewehrkugel: Die Kugel drang links in der vorderen Aohsellinie unmittelbar oberhalb des Hüftbeinkammes ein, durchquerte den Bauch und kam rechts unmittelbar oberhalb des Trochanters heraus (vgl. Fig. 1 a). Die Klagen des Patienten waren: Gefühl der Verkürzung des rechten Beines beim Gehen und dadurch gesetzte Behinderung des Ganges, leichtes Sohwächegefühl hei der Dorsalbeugung des Fußes und bei der Beugung der Zehen. Die Untersuchung ergab eine ganz geringe Abmagerung des ganzen rechten Beines, gute Kraftentwicklung bei den Bewegungen des Kniegelenkes, unerheb¬ liche Schwäche der Dorsalbeugung des Fußes und der Zehenbewegungen. Patient kann jedoch ungestützt beiderseits auf den Zehenspitzen stehen. Kniereflexe, Aohillessehnenreflexe und Sohlenreflexe sind beiderseits gleich und normal, die Sensibilität ist überall, besonders im Gebiet des N. ischiadicus, völlig intakt. 1 Nach einer Demonstration in der Berliner Gesellschaft fBr Psychiatrie and Nerven¬ krankheiten am 8. März 1915. Digitized by y Google Original from UNIVERSfTY OF MICHIGAN - 419 Die Gegend des M. glutaeue roagnoa rechts ist nicht eingefallen, der Muskel wird gut und fest kontrahiert,. ’ ’ Wenn der Patient gerade dastebfc, so fällt -4 von hinten gesehen — als am meisten m die Augen springende Erscheinung eine erhebliche Vertiefung der Gegend unmittelbar ..hinter dem rechten Trochanter auf. Der tastende PiDget dringt rechte direkt ober halb des-Trochanters zwischen diesem und der Criste Betrachtet man den Patienten too vorne, osais ilei in eine tiefe Grube ein, «o macht sich «ine deutliche Abdachungder Gegend de? rechten M. teiisor ftöoiae latac bemerkbar. Während die Streckung, die Auswärtsdrehung und die Adduktion ior reohteü iJüftgelenk mit normaler Kraft gescheheUi ist die 420 Haftbeugung, die Abduktion des Oberschenkels und besonders auch die Einwärts¬ drehung des im Knie gestreckten Beines erheblich geschwäoht. Bei der forcierten Häftbeugung und bei der Einwärtsrotation des rechten Beines wird der normalerweise bei diesen Bewegungen stark vortretende M. tensor fasciae latae nicht sichtbar. Die bemerkenswerteste Störung tritt beim Gehen zutage. Sobald der Kranke sich in Bewegung setzt, sieht man eine auffällige Becken- und Rumpf¬ bewegung. Während das Becken in normaler Weise feststeht, wenn der Kranke mit dem linken Fuß auftritt, hebt sich die rechte, und senkt sich gleich¬ zeitig die linke Beckenhälfte, sobald der Kranke mit dem rechten Fuß auftritt Den Beckenbewegungen parallel gehen entgegengesetzt gerichtete leichte seit¬ liche Wirbelsäulenbewegungen. Die Analyse der abnormen Beckenbewegung geschieht im Stehen noch leichter als im Gehen: Läßt man den Kranken mög¬ lichst wenig gestützt auf dem linken Bein allein stehen und das reohte Bein in der Schwebe halten, so zeigt sich nichts Abnormes (Fig. 1 a). In diesem Falle bleibt die transversale Beckenacbse horizontal und die Lendensäule bleibt gerade. Wechselt der Patient die Stellung nunmehr, so daß er auf dem Bein der kranken Seite steht und das gesunde Bein in der Schwebe hält (Fig. 1 b), so sinkt das Becken auf der gesunden Seite nach unten. Gleichzeitig macht die Lenden¬ wirbelsäule eine kompensatorische Skoliose, so daß der Oberkörper wieder zurück nach der Seite des Standbeines gebracht wird. In dieser Stellung des Patienten, in welcher das Bein der kranken Seite das Standbein darstellt, macht sich der funktionelle Ausfall des M. glutaeus medius und minimus durch eine tiefe Delle der Gegend hinter und oberhalb des Trochanters deutlich bemerkbar. Außer¬ dem tritt eine sehr starke Anspannung des M. erect trunci der kranken Seite in Erscheinung. Bei der ersten elektrischen Untersuchung zeigte sich erhaltene, wenn auch stark herabgesetzte faradische direkte Erregbarkeit des M. tensor fasciae latae und des M. glutaeus medius. Bei einer etwa 14 Tage später vorgenommenen Untersuchung war der M. tensor fasciae direkt faradisch nicht mehr erregbar, während der M. glutaeus medius erregbar war. Bei beiden Untersuchungen war bei direkter galvanischer Reizung die Zuckung im M. glutaeus medius blitz¬ artig, während der M. tensor fasciae träge, bündelformige Zuckung mit vor¬ herrschender ASZ zeigte. Übrigens war auch die galvanische Erregbarkeit beider Muskeln stark herabgesetzt. Der M. glutaeus magnus zeigte elektrisch normales Verhalten, ebenso die übrige Muskulatur des rechten Beines. Im Laufe der Behandlung (Elektrizität, Massage) machte sich schon bald eine Besserung bemerkar. Die Besserung schritt so erfreulich vorwärts, daß heute — etwa 2 Monate nach meiner ersten Untersuchung des Patienten — die oben genannten Symptome nur noch angedeutet sind. Jetzt, Mitte April, ergibt die Untersuchung nur noch eine ganz geringe Schwäche der Hüftbeugung. Der Tensor fasciae spannt sich bei der Hüft- beugung schon wieder etwas an. Allerdings ist seine faradische und galvanische Digitized fr y Goog l e Original frn-m UNIVERSITY OF MICH1G, 421 Erregbarkeit noch sehr stark herabgesetzt, nur bündelweise zu erzielen und der Zuckungscharakter bei galvanischer Reizung ist träge. Die Einwärtsdrehung des rechten Beines ist noch erheblich geschwächt. Die Abduktion des rechten Oberschenkels geschieht jetzt kräftig, desgleichen die Streckung und die Auswärtsrotation. Der M. glutaeus medius ist faradisch und galvanisch erregbar, die Erregbar¬ keit ist immer noch sehr stark herabgesetzt, die galvanische Zuckung blitzartig. Die abnormen Beckenbewegungen beim Stehen und beim Gehen sind nur noch angedeutet vorhanden. Untersuchung und Verlauf ergeben, daß es sich um eine isolierte Schädigung des N. glutaeus superior handelt. Von den drei in Betracht kommenden Muskeln ist offenbar der M. tensor fasciae latae am stärksten beteiligt; der M. glutaeus medius — nach Dochbnne bekanntlich Abduktor des Beines und vor allem Beckenhalter — ist, wie Funktionsprüfung und elektrische Prüfung dartun, weniger stark ergriffen. Der M. glutaeus minimus, der weder einer direkten elektrischen, noch einer isolierten Funktionsprüfung unterworfen werden kann, wird höchstwahrscheinlich ebenso wie der M. glutaeus medius nur in leichterem * Grade geschädigt sein. Aus der ungleichmäßigen Schädigung der von dem Nerven versorgten Muskeln sowie aus der Richtung des Schußkanals läßt sich mit Wahrscheinlichkeit folgern, daß nicht der Hauptstamm des Nerven kurz nach seinem Austritt aus dem Foramen ischiadicum verletzt worden ist, sondern daß die Schädigung mehr peripherwärts da sitzt, wo der Ast für den M. tensor fasciae sich von einem der Hauptäste abzweigt. Es ist müßig, Betrachtungen darüber anzustellen, ob der Nerv direkt von der Kugel durchschossen ist, oder ob es sich etwa nur um Blutungen in die Nervenscheide gehandelt hat, ob wir es vielleicht nur mit einer „molekularen“ Shockwirkung auf den Nerven zu tun haben, oder ob schließlich das Resultat einer narbigen Umschnürung oder Zerrung des Nerven vorliegt; der objektive Untersuchungsbefund gibt auf diese Fragen keine Antwort. Zum Schluß soll noch bemerkt werden, daß die bei der Aufnahmeunter- auchung vorhandengewesene ganz geringfügige Schwäche der Dorsalbeugung des Fußes und der Zehenhewegung schon wenige Wochen nach der ersten Unter¬ suchung völlig verschwunden war. 2. Zum Katatonuaverauch (Kohnatamm). 1 Von Max Rothmann. In einer kurzen Mitteilung berichtet Kohnstamm 2 über eine eigenartige Erscheinung von Nacbdauer der Bewegung nach Abklingen der Willensinner¬ vation beim normalen Menschen, die zuerst ein Flieger an sich selbst beob* 1 Vorgetragen am 10. Mai 1915 in der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie nnd Nerven¬ krankheiten. * O. Kohnstamm, Neurol. Centralbl. 1915. S. 290. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 422 achtet hat Drückt man den Handrücken des gestreckten Armes in gesenkter Haltung derart gegen die Wand, als wenn man die Wand fortdrücken wollte, und gibt nach 5 bis 60 Sekunden den Arm frei, so hebt sich der Arm in der Richtung des Druckes langsam ohne jede Willensintention in die Höhe, als ob er „fliegt“. Das Phänomen tritt bei den verschiedenen Versuchspersonen in sehr wechselnder Stärke hervor, so daß der Arm sich manchmal nur wenig hebt, manchmal aber bis über die Wagerechte binaufgeht Kohnstamm betont bereits, daß man auch an anderen Muskelgruppen die gleiche Beobachtung machen kann, so vor allem an der unteren Extremität. Durch direkte faradische Muskelreizung ist die Erscheinung nicht auszulösen. Dieses Experiment, für das Kohnbtamn die Bezeichnung „Katatonus- versuch“ vorschlägt, ist außerordentlich leicht anzustellen; es glingt bei nor¬ malen Menschen, die nicht wissen, worauf es ankommt, oft in verblüffend aus¬ geprägter Form. Am stärksten tritt es bei Andrücken der Hand in der Richtung nach oben und außen in die Erscheinung, während es bei starkem Druck nach oben und innen fast gar nicht hervortritt. Dabei ist der Versuchs- ' person zunächst das Gefühl außerordentlich überraschend, daß die Bewegung des Armes, völlig vom Willen losgelöst, gleichsam automatisch von statten geht Das ist besonders auffällig, weil die Bewegung, direkt dem Schwerpunkt ent¬ gegen, nach oben gerichtet ist Denn nur bei der voraufgegangenen intendierten Hebung und Abduktionsbewegung des Armes kommt diese Nachbewegung deutlich zustande. Wird dagegen eine starke Abwärts- oder Beugebewegung gegen ein Hindernis ausgeführt, so fehlt die Nachbewegung entweder ganz oder tritt nur angedeutet auf. Die Nachbewegung kommt nun aber am Arm nicht nur aus dem Schulter¬ gelenk heraus zustande, sondern auch bei starker Extensions- und Abduktions¬ bewegung der Hand gegen einen Widerstand aus dem Handgelenk heraus als Aufwärtsbewegung der Hand allein. Auch am Bein ist die Erscheinung aus¬ geprägt nur nach einem gehemmten Hebeversuch des ausgestreckten und durch¬ gedrückten Beines festzustellen, versagt dagegen bei entsprechender Abwärts¬ bewegung des Beines fast vollständig. Sehr deutlich tritt dann dieses Phänomen auch nach gehemmter Vorwärts- oder Seitwärtsbewegung des Kopfes auf. Auch hier fühlt man sofort nach Aufhören des Druckes und Nachlassen der Willens¬ innervation eine deutliche unwillkürliche Bewegung des Kopfes in der ent¬ sprechenden Richtung, also nach vorn oder nach der Seite, mit einem schwachen Gefühl der Fallneigung im gleiohen Sinne. Daß diese ganze Erscheinung der Nachbewegung an den verschiedenen Körperteilen nicht willkürlich zustande kommt, daran ist nicht zu zweifeln. Nur bei völligem Aufbören der willkürlichen Innervation tritt die Nachbewegung deutlich hervor. Doch ist Sie allein durch die voraufgegangene Willkürbewegung bedingt und findet ausschließlich in der Richtung der intendierten Bewegung statt Fragt man sioh nun, wie diese Bewegung zustande kommt, so entsteht zunächst die Frage, ob es sich hier einfach um eine Fortdauer der Widerstands¬ bewegung handelt, die nach Fortfall des Widerstandes kräftigen Ausschlag zeigt Difitized by Gck igle Original fro-m UNIVERStTY OF VJi Dabei ist za betonen, daß bei einer gewöknliohen kräftigen Widerstandsbewegung, z. B. der Beugung des Unterarmes bei Festhalten des letzteren, die Beuge¬ bewegung bei Loslassen des Widerstandes keine Fortsetzung zeigt, wenn der Willensimpuls sistiert. Im Gegenteil, es kommt oft zu einem leichten Rück- schlag in der entgegengesetzten Richtung, indem sich offenbar nun die Antago¬ nistenmuskulatur kräftig anspannt Nur bei Störung des normalen Tonus kann es zu einer Fortdauer der intendierten Bewegung kommen. So haben Stewabt und Holmes die Widerstandsprüfung bei der Untersuchung Kleinhirn kranker angewandt; sie konnten feststellen, daß hier im Gegensatz zum Gesunden an den atonischen Extremitäten die Widerstandsbewegung bei Aufhören des Wider¬ standes ohne Rückschlag fortgesetzt wird. Es erklärt sich dies daher, daß die Antagonistenmuskulatur infolge der zerebellaren Störung nicht rasch genug in Funktion tritt. Diese Fortsetzung der aktiven Willensinnemtion bei dem Stewabt- HoLMEs’schen Versuch darf aber mit dem Kohhbtam M’schen Phänomen nicht identifiziert werden. Ein wichtiger Unterschied besteht auch darin, daß der STEWABT-HoLMEs'sche Versuch am Arm am stärksten bei Kontraktion der kräftigsten Muskeln, also der Beugemuskulatur des Oberarms, hervortritt, das KoHN8TAMn’sche Phänomen dagegen fast ausschließlich nach Willküranspannung der Extensorenmuskulatur des Armes, die bekanntlich weit schwächer angelegt ist, zur Beobachtung kommt. Müssen wir, vor allem nach dem subjektiven Eindruck der völlig yom Willen losgelösten Naohbewegung, annehmen, daß diese unterhalb der Gro߬ hirnrinde ihre Innervation findet, so tritt also nach Aufhören der Willens¬ innervation eine Spaltung der im Zentralnervensystem bei der Widerstands¬ bewegung ausgelösten Bewegungsimpulse auf, indem die Großhirnkomponente zum Fortfall kommt, während die subkortikalen Impulse noch andauern. Gerade bei einer derartigen Annahme wird uns die auffällige Bevorzugung der Extensorenmuskulatur des Armes bei der Nachbewegung verständlich. Denn schon aus dem Tierexperiment ist uns bekannt, daß die Extensoren der Ex¬ tremitäten eine kräftigere subkortikale Vertretung haben als die Flexoren. So kommt es beim Hunde nach Ausschaltung der Extremitätenregion der Großhirn¬ rinde zu einer Strecksteilung der Extremität beim Versenkungsversuch, während nach Exstirpation der Extremitätenzentren der Kleinhimhemisphäre die Extremi¬ täten beim Versenken die Beugestellung annehmen. Es sind also diejenigen Muskelgruppen, die von der Großhirnrinde schwächer, von den subkortikalen Zentren kräftiger innerviert werden, deren Bewegungsimpuls das Aufhören der Großhirninnervation überdauert. Fassen wir die Nachbewegung aber als eine subkortikal innervierte auf, so werden wir an erster Stelle an eine Nachdauer der zerebellaren Innervation denken müssen. Hatte bereits Luciani einen wesentlichen Einfluß des Klein¬ hirns auf den Tonus der Muskulatur angenommen, so hat vor allem Shebbqio- toh das Kleinhirn als das Organ hingestellt, das er als Kopfganglion seines propriozeptiven Systems bezeichnet, wobei er als Propriozeptoren die tiefen Digitized by Gougle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 424 Rezeptorenorgane, die den Reflextonus der Glieder unterhalten, auffaßt. So beeinflußt auch nach Shebbington das Zerebellum weitgehend den Tonus der Skelettmuskulatur. Weiterhin ist uns sowohl durch das Tierexperiment als auch durch die menschliche Pathologie bekannt geworden, daß das Kleinhirn nicht nur ein allgemeines Zentrum für die Tonusinnerration des Körpen darstellt, sondern auch mit bestimmten Abschnitten seiner Rinde bestimmte Körper- absohnitte beeinflußt. Ja, durch die BABANY’sohen Forschungen wissen wir, daß von einzelnen Stellen der zerebellaren Hemisphärenrinde der Tonus der Extremitäten in bestimmter Richtung verstärkt wird. Man könnte also bei dem KoHNSTAMM’schen Phänomen an eine Nachdauer der bei der Widerstands¬ bewegung aufgehäuften Innervationen in den Zentren für den „Aufwärtstonus“ und den „Auswärtstonus“ denken, da ja die Nachbewegung bei Druck nach oben und außen am stärksten hervortritt Um dieser Frage nach der Bedeutung des Kleinhirns für das Zustande¬ kommen dieser Naohbewegung näher zu treten, habe ich nun bei einer Reihe von Personen, bei denen das KoHNBTAjm’sche Phänomen sehr ausgeprägt hervortrat, den BAsANY’schen Zeigeversuch angestellt Bekanntlich kommt es bei Kleinhirnaffektionen oft zu einer Abweichung des Armes, des Beines, auch des Kopfes bei Zeigebewegungen in bestimmter Richtung, so daß z. B. der Arm von unten her nach außen, von innen her nach oben abweicht Es handelt sich hier um die Außerfunktionstellung bestimmter Tonuszentren, z. B. bei der Abweichung nach außen um Versagen des Zentrums för den Einwärtstonus. Ba.ba.ny hat sogar versucht, auf Grund pathologisch-anatomischer Befunde hier ganz genaue Lokalisationen der einzelnen Tonuszentren an der Kleinhirnrinde festzustellen. Wenn es auch nach neueren Ergebnissen von der Großhirnrinde auB gleichfalls zu einer Beeinflussung der Richtungslinien der Bewegung kommen kann, so ist es doch zweifellos, auch nach experimentellen Befunden (Rothmann, Andbü-Thomas und Dubupt), daß das Kleinhirn hier die Hauptrolle spielt. Stellt man nun nach energischer Widerstandsbewegung des gestreckten Armes naoh oben und außen mit diesem Arm den Zeigeversuch an, indem man den ausgestreckten Arm in wagerechter Haltung an den Zeigefinger des Beobachters legt und ihn bei geschlossenen Augen heruntergehen und wieder heraufführen läßt, so weicht derselbe in wechselndem Aussohlag, aber stets sehr deutlich, nach außen ab. Läßt man den Arm nach der gleiohen Widerstands¬ bewegung in horizontaler Richtung nach außen gehen und zum Finger des Untersuchers zurückkehren, wiederum bei geschlossenen Augen, so weicht der¬ selbe deutlich, wenn auch schwächer, nach oben ab. Auch am Bein kann man nach Widerstandsbewegung nach oben und außen das Abweicheu beim Zeige- versuch nach außen deutlich konstatieren, ebenso am Kopf nach starker Wider¬ standsbewegung nach einer Seite. Natürlich kann es sich bei dieser Erscheinung nicht um die Lähmung des Einwärtstonus bzw. des Abwärtstonus handeln, wie bei den zerebellaren Er¬ krankungen, sondern um eine verstärkte Innervation des Auswärtstonus bzw. Digitized by v Goog le Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIG, des Aufwärtstonus. Es ist aber auch besonders wichtig, daß der Ausfall des Zeigeversuches erkennen läßt, daß die Nachwirkung der willkürlichen Innervation, wie sie in dem KoHMSTAMM’schen Phänomen zum Ausdruck kommt, auch noch l>ei Einschiebung neuer Willkürbewegungen, wie sie bei der Anstellung des Zeigeversuches notwendig sind, in der Ablenkung des Armes in die Erscheinung tritt. Auch zeigt sich hier wiederum, daß es die Extensions- und Abduktions¬ bewegung vor allem sind, die diese Nachbewegung hervorrufen. Denn bei starker Widerstandsbewegung mit Adduktion des Armes kommt es kaum zu einer seitlichen Ablenkung des Armes nach innen. Ebensowenig läßt sich irgendeine derartige Störung nach kräftiger Widerstandsbewegung des Armes nach abwärts oder in gebeugter Stellung nachweisen. Kohustamm hat bereits betont, daß die Ursache der Erscheinung nicht im Muskel selbst liegt. Trotzdem ist sie weitgehend von dem normalen Tonus der Muskulatur abhängig. In 2 Fällen von Deltoideslähmung konnte das Phänomen naturgemäß nicht zustande kommen, da ja die hierzu notwendige Aufwärts¬ bewegung des Armes bei der Widerstandsbewegung unausführbar war. Auch bei der ausgeprägten Hypotonie der Tabiker fällt das Phänomen aus; ebenso¬ wenig ist es aber bei der hypertonischen Muskulatur der Hemiplegiker aus¬ lösbar. Es wird in der Folge notwendig sein, bei dem Verdacht zerebellarer Affektionen diesen Versuch heranzuziehen. Störungen in den hier geschilderten Ablenkungsreaktionen beim angeschlossenen Zeigeversuch werden vielleicht ge¬ eignet sein, sehr frühzeitig zerebellare Störungen der Richtungsinnervationen aufzudecken. Das KoBNSTAHM’sche Phänomen ist jedenfalls eine interessante Erscheinung, deren Prüfung einen wichtigen Platz in der Methodik der Untersuchung der Körperinnervationen einnehmen wird. Es beruht auf einer Nachdauer der sub¬ kortikalen Innervation nach Fortfall der Willkürbewegung, die wahrscheinlich durch fortdauernde Erregungen bestimmter Tonuszentren des Kleinhirns be¬ dingt ist. II. Heferate. Kriegsbeobachtungen. 1) Die Granatkontusion , von R. Gaupp. (Kriegschirurgische Hefte der Bei¬ träge zur klin. Chirurgie. XLVI. Heft 3.) Bef.: Adler (Berlin-Pankow). Unter Granatkontusion verstehen wir die Allgemeinschädigungen der Menschen ohne erkennbare körperliche Verletzung duroh direkte oder indirekte Geschoßteile. Auf Grund der im derzeitigen Kriege gemachten Erfahrungen können wir als Ursache solcher Allgemeinschädigungen wohl den Luftdruck und die giftigen Gase als mindestens unwesentlich bewerten. Dagegen ist auf die mechanische Er¬ schütterung des Körpers und in noch viel größerem Maße auf die seelische Er¬ schütterung die größte Aufmerksamkeit zu lenken. Anamnestisch ließ sich auch in vielen Fällen eine ausgesprochene psychopathische Veranlagung ermitteln. Im klinischen Bilde der Granatkontusion fand Verf. an erster Stelle die Ohnmaoht oder einen mehr oder minder vollkommenen Grad der Bewußtseinstrübung, in selteneren Fällen nervöse und psychische Reiz- und Ausfallserscheinungen. Bei Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 426 von Anfang an richtiger Behandlung — Beruhigung durch Buhe und verbale Suggestion, Überwindung des Stupor durch kameradschaftlich-freundliche Zusprache — ließen sich diese akuten Zustände im allgemeinen rasch völlig heilen. Aller¬ dings sah Verf. auch mitunter nach Wochen und selbst nach Monaten unter der Einwirkung rein seelischer Vorgänge plötzlich den anfänglichen schweren Krank¬ heitszustand wiederkehren: aber auch in solchen Fällen trat schließlich dauernde Heilung ein. Dagegen gelang es in keinem Falle, mit dem psychogenen Affekt¬ stupor gleichzeitig auch die meist vorhandene absolute Amnesie zu beseitigen von dem Augenblicke des Platzens der Granate an bis zu dem Tage, wo der Patient aus dem komaähnlichen Zustande erwachte. Prognostisch relativ ungünstiger als diese akuten Erscheinungen erwiesen sich zahlreiche Begleitsymptome wie Schmerzen aller Art und meist rein subjektive Beschwerden, die nur ganz allmählich zur Heilung gebracht werden konnten. 2) Zar Behandlung der Soh&delsohüase im Felde« von Syring. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beilage Nr. 17.) Bef.: Kurt Mendel. Verf. ist — wie auch Läwen (in der gleichen Nummer der Münch, med. Woch.) — für Frühoperation bei Schädelschußverletzungen. Tangential- bzw. Binnenschüsse sollen sämtlich und zwar so bald als möglich (bereits im Feld¬ lazarett) operativ angegriffen werden. Bei Steck- und Durchschüssen ist Operation erforderlioh a) bei zunehmenden Druckerscheinungen, b) bei Depressionen, die in den motorischen Begionen liegen, c) bei jedem Hirnprolaps. Sonst konservative Behandlung. 3) Zur Pathogenese der Meningitis bei SohuBverletiungen dee Gehirns« von H. Chiari. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beilage Nr. 17.) Bef.: Kurt Mendel. Bei den nicht sofort durch Zerstörung lebenswichtiger Zentren oder durch Blutung tödlichen Schußverletzungen des Gehirns spielt die Meningitis suppurativa die Hauptrolle bezüglich des Exitus. Unter den 41 vom Verf. sezierten Fällen von Schußverletzungen des Gehirns war in 33 Fällen, die in der Zeit von 4 bis 127 Tagen zum Tode geführt hatten, der Tod infolge von Meningitis suppurativa eingetreten und nur 8 mal hatte sich keine Meningitis gefunden. Von diesen 33 Fällen hatte sich die Meningitis nur 2mal direkt von den dem Orte der Schu߬ verletzung des Gehirns angrenzenden inneren Meningen aus entwickelt; 3mal war die Meningitis suppurativa von einer Orbitalphlegmone ausgegangen; 2 mal war sie rhinogenen Ursprungs; in allen übrigen 26 Fällen, also in 78°/ 0 , hatte die Meningitis als eine basilare Meningitis eingesetzt, und zwar bei ganz verschiedener Lokalisation der Schuß Verletzung des Gehirns. In allen diesen 26 Fällen war die Meningitis basilaris auf einen Übergang der Hirneiterung auf den einen oder anderen Seitenventrikel zurückzuführen. Der Übergang hatte sich entweder in der Art vollzogen, daß eine an und für sich tiefgreifende Schußverletzung des Gehirns bei starker Eiterung und Jauchung sehr bald das Ependym des betreffenden Seitenventrikels in einem Home oder in der Cella media erreicht hatte oder aber daß eine ursprünglich kleine und öfters auch gar nicht tiefgreifende Verletzung des Gehirns durch fortschreitende Eiterung erst allmählich an den Seitenventrikel herangerückt war und endlich das Ependym durchsetzt hatte. Durch die Ventrikel¬ infektion war es dann stets zur Entzündung der Plexus chorioidei und Telae chorioideae des Groß- und Kleinhirns gekommen, die sich durch den Querspalt des Großhirns und des Kleinhirns auf die basalen Meningen fortgesetzt hatte. Dabei war die eitrige Meningitis zumeist auf die Basis des Gehirns beschränkt geblieben oder hatte sich, was aber seltener war, auoh auf die Außenfläche der Großhirn- und Kleinhirnhemisphären ausgebreitet. Immer waren die Plexus und Telae der Ventrikel entzündlich infiltriert und die Ventrikel mit dem eitrigen oder serös-eitrigen Exsudate gefüllt. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MIC 427 4) Über homolaterale Hemiplegien nach Kopfverletzungen, von L. Boem- held. (Münchener med. Wochenschrift. 1915. Feldärztl. Beilage Nr. 17.) Bef.: Kurt Mendel. Fall L Tangentialgewehrschnß am Kopf; auf der linken Schädelhälfte, 5 cm von der Mittellinie entfernt, zwischen Ohr und Sagittalnaht 3 cm lange Wunde. Bewußtlosigkeit Nach 14 Tagen Schmerzen und Schwäche in der linken oberen Extremität, Schwindel. Objektiv: leichte Schwäche des linken N. VII und XII, ausgesprochene Parese des linken Armes, deutliche Ataxie der linken Hand. An linker Brust, linkem Arm und Gesicht Herabsetzung der Sensibilität für Berührung, Schmerz, Wärme, Kälte und des Lagegefühls, ausgesprochene Astereognosie links. Bisweilen links leichter Fußklonus und angedeuteter Babinski; linker oberer Bauchreflex fehlt — Verf. schließt Hysterie aus, als Ursache der Störungen spricht er eine (wahrscheinlich epidurale) Spätblutung an, welche durch Contrecoup ent¬ standen ist und das rechte motorische und sensible Bindenfeld lädiert hat. Fall II. Ältere Dame, Morphinistin, Arteriosklerose, Schwindelanfälle, rechts¬ seitige Hemiparese nach Hinfallen mit leichter Hautverletzung oberhalb des rechten Auges. Diagnose: linksseitiges Durahämatom. Die Sektion ergab jedoch einen subduralen frischen Bluterguß über der rechten motorischen Bindenregion. Links nichts Abnormes (mikroskopische Untersuchung fehlt allerdings. Daher beweist der Fall nichts! Bef.). Homolaterale Hemiplegien sind relativ oft bei meningealen Blutungen beob¬ achtet worden. 6) Über Sohädelsohüsse, von Eschweiler und Cords. (Deutsche med. Wochen¬ schrift. 1915. Nr. 15.) Bef.: Kurt Mendel. Die Knochenzertrümmerung ist an der Konkavität des Schädels immer aus¬ gedehnter als an der Konvexität. Bei penetrierenden Sohüssen ist zunächst die Dara vom Projektil durchlöohert. In der Begel sind dann auch die Splitter der Tabula interna in die Dura eingespießt, so daß ein größeres Loch mit zerfetzten Bändern gebildet ist, aus dem zerquetschte und durchblutete Hirnmasse heraus¬ quillt. Bei Tangentialschüssen kann — in seltenen Fällen — die Dura intakt bleiben. Wegen der Splitterung der Tabula interna wird man aber in keinem Falle auf Intaktsein der Dura rechnen dürfen. Sehr rasch kann es zur Absze¬ dierung im Gehirn kommen. Die Hauptsymptome der Kopfschüsse sind: Benommenheit, Unruhe, Auf¬ schreien, Delirien, in denen der Krieg die Hauptrolle spielt, Lähmungen, Kopf¬ schmerz usw. Die Prognose ist zweifelhaft; zu befürchten ist immer ein größerer Hirn¬ prolaps. Bei transversalen Schüssen ist die Prognose meist viel schlechter. Jeder nicht ganz desolate Fall von Kopfschuß ist möglichst bald zu trepa¬ nieren, zumal man stets mit größerer Zerstörung an Knochen, Hirnhäuten und Hirnmasse (Knochensplitter!) zu rechnen hat und der Eingriff an sich kaum Schaden bringen kann. 6) Zur Kasuistik der Bftekeiimarkssohädigungen durch Wirbelsohuß, von E. Gamper. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 16 u. 17.) Bef.: Pilcz. Fall I. Gewehrschuß in die linke Halsseite. Folgen: Leichtgradige Parese des linken Oberarmes, ausgedehnte gleichseitige Empfindungsstörung, diese Glied¬ maße sowie gleichseitige Bumpf-, Hals- und Nackenhälfte bis ins Trigeminalgebiet einnehmend und distalwärts noch ins Gebiet der oberen Lendensegmente sich er¬ streckend. Diese Sensibilitätsstörung ist ausgezeichnet dissoziiert Taktilität nur leicht, thermische und algetische Empfindung bis zu regionär vollkommener Auf¬ hebung beeinträchtigt. Fehlen des linken Bauchdeckenreflexes, Abschwächung des linken Skrotalreflexes. Nach Angaben des Verletzten habe in der ersten Zeit Digitized by Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 428 auch Störung der Lageempfindung an den linken Fingern bestanden, derzeit nur mehr andeutungsweise vorhanden. Wirbelsäule selbst nicht nachweisbar verletzt. Verf. nimmt ausgedehnte Schädigungen, vorwiegend des Hinterhoragraues der linken Seite an, und zwar Blutung. Fall IL Nackenhalsdurchschuß in Höhe des 1. Dorsal wirbeldorafortsatzes. Sofort Lähmung beider Beine, Lähmung des rechten Armes, Schmerzen in einer bestimmten ulnarwärts gelegenen Partie am rechten Vorderarm und Hand. Läh¬ mung der Beine schwindet in kürzester Zeit, Lähmung der rechten oberen Glied¬ maße beginnt vom 3. Tage an, sich zunächst proximal — Schulter, Ellbogen —, * dann langsam in distalen Gelenken zurückzubilden. 2 Monate später dis talwärts zunehmende Atrophie und Parese in den oberen Extremitäten, am meisten ge¬ schädigt erscheint Ulnaris, weniger Medianus, mit relativer Aussparüng des M. flexor carpi radialis, am wenigsten betroffen Badialis; Daumenstrecker und gemeinsame Fingerstrecker mehr beteiligt als Supinator longus und Extensor oarpi radialis, lateraler Trizepskopf weniger als der mediale. Hypästhesie der ganzen rechten oberen Extremität, Anästhesie in ulnarer Hälfte der Hand und des Vorder¬ armes. Außerdem Herabsetzung aller Empfindungsqualitäten proximalwärts bis C 4 , distalwärts bis D 6 . Okulopupilläre Symptome fehlen. Verf. nimmt Kombination von spinaler und von Plexusläsion an. Fall III. Gewehrschuß rechts neben 2. Brustwirbeldornfortsatze. Gleich¬ seitige ausgedehnte Sensibilitätsstörung, in welcher sich Lage- und Vibrations¬ empfindung als besonders schwer geschädigt herausheben, und zwar an den oberen und unteren Gliedmaßen. Leichteste Parese des rechten Armes, vorübergehende Schwäche beider Beine, keine Reflexstörangen. Keine okulopupillären Symptome, Ataxie der rechtsseitigen Gliedmaßen. Hautempfindungsstörung weist segmental-radikulären Typus auf, Lageempfin- dungsschädigung dagegen funikulären Charakter, ebenso Ataxie. Mit Rücksicht auf normale Reflexe ist anzunehmen, daß die Intensität im Bereiche der Hals¬ anschwellung gegen die lateralen Gebiete des Hinterstranges abklingt, die Wurzel¬ zone also weniger geschädigt ist. Sohwere der Sensibilitätsstörung an der Ulnar¬ seite der Hand und des Vorderarmes ist vielleicht begründet in einer Läsion sensibler Plexusteile, die außer der medullären Affektion besteht. Schematische Abbildungen im Texte veranschaulichen genau die Sensibilitäts- Schädigungen in den einzelnen Fällen. 7) Zur Behandlung der Harnverhaltung bei Büokenmarkssohüssen, von Berthold Goldberg. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beilage Nr. 13.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. schlägt folgendes Verfahren vor: 1. Vom Tage der Verwundung an gebe man innerlich reichlich Salol, Uro¬ tropin, Kampfersäure oder eines der vielen Ersatzpräparate. Sie sind im Anfang nützlich, nach Eintritt der UroBepsis aber ohne Wirkung. 2. Man entleere nach Heißwasserseifenwaschung des Penis mit einem aus¬ gekochten mittelstarken, mit Olivenöl ausgesohütteten Nälaton 3 mal in 24 Stunden die Harnblase; man unterlasse jede Einspritzung, Spülung u. ähnl. Ausgekochte Weichgummikatheter, in sterile Gaze eingedreht, können in den Verbandkästen wohl jedem Transport beigegeben werden. Die Einführung ist bei unseren Pat. meist leicht und kann nötigenfalls, d. h. mangels eines Arztes, intelligenten Sani¬ tätern beigebracht werden. Die weitere urologische Behandlung der Rückenmarksverletzten muß ebenso wie die chirurgische und neurologische sorgfältiger Individualisierung Vorbehalten bleiben und kann wohl selten früher einsetzen, als bis der Pat. eine dauernde Unterkunft im Inlandslazarett gefunden hat. Digitized b) Google Original fro-m UMIVERSITY OF MICHIGAN 429 8) SohuBverletzimgen des Rüokemnarkfl, von A. Exner. (Neue Deutsche Chirurgie. XIV. Stuttgart 1915.) Ref.: E. Boas. * Analog seiner Abhandlung über die Schuß Verletzungen der Nerven gibt Verf. hier eine Darstellung der Rückenmarksschußverletzungen in den Balkankriegen 1912/13. Die Arbeit hat wegen der Häufigkeit der Friedensscbußverletzungen des Rückenmarks für den Neurologen noch ein größeres Interesse als die eingangs erwähnte und wird zweifellos dazu beitragen, manche noch im Fluß befindliche Fragen — ich erinnere hier nur an die Frage der Behandlung der Blasen¬ lähmungen bei RückenmarkssohÜ8sen — zur Klärung zu bringen. Neben zahl¬ reichen eigenen Erfahrungen ist die Literatur eingehend verwertet. 9) Nachbehandlung der Verletzungen des zentralen und peripheren Nervensystems, von Hax Rothmann. (Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. XU. 1915. Nr. 8.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf weist zunächst auf seine früheren Arbeiten über die Rückbildungs¬ erscheinungen nach Erkrankungen des Zentralnervensystems und ihre Therapie hin und bespricht dann die Nachbehandlung der Verletzungen des zentralen und peri¬ pheren Nervensystems. Er beginnt mit dem Großhirn, und zwar mit den Schu߬ verletzungen der Extremitätenregionen der Großhirnrinde. Von Bedeutung ist, daß es sich im Kriege durchweg um gesunde jugendliche Gehirne handelt, bei denen naturgemäß die Chancen der Restitution außerordentlich günstig liegen. Außerdem geht der Schuß durch größere Strecken des Gehirns, manchmal durch das ganze Gehirn. Der Schuß trifft dabei meist nur kleine Teile von Zentren, selten ein Zentrum in seiner ganzen Ausdehnung. Die anfängliche totale Aus¬ schaltung der Funktion hängt dann mit der außerordentlich starken Erschütterung zusammen. Bei Zerstörung eines Teiles eines Zentrums treten die anderen Teile dieses Zentrums sehr schnell für die zerstörten Teile ein, Am ungünstigsten gestellt sind dabei die Abszeßbildungen des Gehirns. „Jede Lähmung der Extre¬ mitäten, die von der Hirnrinde ausgeht, ist bis zu einer gewissen Grenze der Restitution fähig. Es gibt keine Fälle von Zerstörung des Armzentrums oder des Beinzentrums, die dauernd total schlaff gelähmt bleiben.“ . Für das Bein tritt spätestens nach 6 bis 8 Wochen, für den Arm etwa nach 3 bis 4 Monaten eine Restitution ein. Die Aufgabe des behandelnden Neurologen ist dabei eine mannig¬ faltige: er muß die Lagerung des Patienten gestalten, die gelähmten Muskeln kräftigen, durch entsprechende Massage, Faradisation, Übungstherapie einzuwirken suchen usw. Ein orthopädisch-chirurgisches Eingreifen ist nur bei schweren Folge¬ zuständen erforderlich, Verf. weist besonders auf die Stoffelschen Resektionen einiger motorischer Nervenfasern der hypertonischen Muskeln zur Beseitigung spastischer Kontrakturen hin. Anhangsweise wird dann die Behandlung der Sprachstörungen erörtert. Verf. wendet sich dann zu den Rückenmarksverletzungen. In einer großen Reihe von Fällen kann man auch noch bei ihnen Nutzen stiften, wenn nur Teile verletzt sind oder das Rückenmark durch Kompression außer Funktion gesetzt ist. Die Laminektomie ist nur in einzelnen Fällen indiziert, wo sich Knochensplitter finden, die man röntgenologisch feststellt, und in einigen Fällen von Meningitis serosa. Auch bei den Schußverletzungen der peripheren Nerven vertritt Verf. nicht den weitgehenden operativen Standpunkt Biers, sondern er wartet in allen Fällen ab mit Ausnahme der Fälle, in denen mit einiger Sicherheit der Nerv als zerrissen anzusehen ist. Zum Schluß wendet sich Verf. kurz zu den allgemeinen nervösen Störungen. Er teilt nicht,den Standpunkt von Oppenheim, daß man eine besondere trau¬ matische Neurose annehmen muß. Zu empfehlen ist die Unterbringung der be¬ treffenden Patienten in Nervenheilanstalten auf dem Lande mit geeigneter Be- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 480 scbäftigung mit Gartenarbeit nsw. Die Frage maß znr Vorbeugung des Renten» kampfes richtig organisiert werden. 10) Über Polyneuritis gemisohter Nerven bei neurasthenisohen Kriegs» teilnehmern, von M. Nonne. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI1I. 1916. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. beobachtete während der Kriegszeit mehrere Fälle, welche eine Illu¬ stration zu Edingers Aufbrauohtheorie liefern: Fälle, in denen bei vorher ge¬ sunden Soldaten multiple Neuritiden in den unteren Extremitäten auftraten im Anschluß und als Folge von anstrengenden Marschleistungen, ohne daß nennens¬ werte Erkältungen, Alkohol, Syphilis usw. ursächlich beschuldigt werden konnten. Bevorzugt war das Gebiet des N. cruralis und tibialis, da ja beim Marschieren, besonders beim Steigen* von den Streckern am Oberschenkel und den Beugern am Unterschenkel stärkere Leistungen erfordert werden als von den Beugern am Oberschenkel und den Streckern am Unterschenkel. In einem anderen Fall ent¬ wickelte sich links eine Neuritis in allen drei Armnerven bei einem Soldaten, der stundenlang, das Gewehr in der rechten Hand haltend, einen verwundeten Kame¬ raden links hinter sich herschleppen mußte. Im vorliegenden Aufsatz beschäftigt sich Verf., ankntipfend an die Arbeit von Mann in diesem Centr. 1915. Nr. 5, mit der Polyneuritis als Begleiterscheinung nervöser Erschöpfungszustände im Kriege. Er berichtet über folgende 2 Fälle: L Ein neuropathisch belasteter, seit Jahren an ausgesprochener Neurasthenie leidender Mann erhält im Feldzug nach großen körperlichen und seelischen Strapazen eine leichte Wunde am rechten Oberschenkel. Die neurasthenisohen Beschwerden nehmen zu. Auf der Höhe derselben erkrankt er subakut an einer Neuritis multiplex aller vier Extremitäten. Dieselbe stellt sich als eine solche der gemischten Nerven dar. Sie heilt gleichzeitig mit dem Abklingen der neur¬ asthenisohen Beschwerden in verhältnismäßig kurzer Zeit ab. II. Ein von Haus aus neurasthenischer Mann erleidet im Anschluß an körper¬ liche und seelisohe Anstrengungen im Feldzug einen nervösen Zusammenbruch und erkrankt dann 2 Monate später an einer ausgesprochenen multiplen Neuritis der gemischten Nerven *der unteren Extremitäten. Dabei ist die Verteilung der Läh¬ mung eine andere, als sie den am meisten in Anspruch genommenen Nerv-Muskel¬ gebieten entsprechen würde. In beiden Fällen fehlen die üblichen Ursachen der Polyneuritis. Daß die körperlichen Strapazen nicht als solche unmittelbar — im Sinne Edingers — die Neuritis schufen, ergibt Bich sowohl daraus, daß dieselbe erst einsetzte, nachdem die Kranken schon längere Zeit zur Ruhe gekommen waren, als auch aus der Verteilung der Neuritis. Die Zukunft muß zeigen, ob häufiger bei Fällen von schnell akquirierter Neurasthenie eine multiple Neuritis („Polyneuritis neurasthenica“) zur Beobachtung kommt oder ob das vorwiegend der Fall ist bei konstitutionell neurasthenisch veranlagten und im Kriege exazerbierenden Neurasthenikern. 11) Unsere bisherigen Erfahrungen bei der Behandlung Im Kriege ver¬ letzter peripherer Nerven, von Heile und Hezel. (Kriegschirurg. Hefte der Beiträge z. klin. Chirurgie. XCVI. H. 3.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). Die Verff. haben 40 Fälle von peripherer Nervenverletzung operativ behandelt. Die Verletzungen selbst waren teils direkte, teils indirekte, hervorgerufen durch die von dem durchschlagenden Geschoß verursachte Schwellung der den Nerven- stamm umgebenden Weichteile. Die Operation selbst wurde vorgenommen, wenn der ganze Nerv oder Teile desselben Anzeiohen der Leitungsunterbreohung dar¬ boten, und zwar bei der Mehrzahl der Fälle in allgemeiner Narkose wegen der Gefahr einer nach örtlicher Kokainisierung nachträglich auftretenden Naohblutung und der dadurch bedingten nachherigen Verwachsungen im Operationsgebiet In Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 431 etwa 4 / 6 der Fälle waren infolge der Verletzung, die übrigens meist durch In¬ fanteriegeschosse verursacht war, noch kleinere oder größere Teile des Nerven- stammes erhalten geblieben. Stets wurden dann nur die verletzten Fasern im Nervenstamm aufgesucht und zusammengenäht. Hat eine völlige Kontinuitäts¬ trennung stattgefonden, so sind die beiden Stümpfe fast stets in derbes Nerven¬ gewebe eingehüllt, der zentrale Stumpf weist meist eine Anschwellung: Neurom auf, während der periphere infolge des Markschwundes der Fasern verdünnt er¬ scheint. Hat keine Kontinuitätstrennung stattgefunden, ist also der Nervenstamm nur gestreift oder gequetscht, so ist das distale Nervenende infolge von Blut- und Lymphstauung kolbig aufgetrieben. Bei Durchtrennung der gesamten Kontinuität wurde die Resektion vorgenommen und der periphere Nervenstamm mit dem zen¬ tralen möglichst ohne Spannung vereinigt. Als Nahtmaterial wurde erst Seide, später feinstes Katgut verwendet. Zum Ausgleich der durch die Resektion ent¬ standenen Defekte haben die Verff. niemals die Plastik zu Hilfe genommen, sondern durch extreme Beuge- bzw. Streckstellungen eine Entspannung herbeizuffthren, eventuell durch feine spiralige Einschnitte in das Perineurium des peripheren und zentralen Endes eine Verlängerung zu erreichen versucht. Wenn das Perineurium als Schwarte einen Druck ausübte, wurde es entfernt, desgleichen wenn dasselbe beim Bestehen einer peripheren Neuritis allgemeine örtliche Entzündungsverände¬ rungen aufwies. Zum Schutze der Nervennaht gegen sekundären Druck, z. B. gegen Kallusmassen, wurde lebender Muskel interponiert; um neue Ver¬ wachsungen zu verhüten, wurde ebenfalls Muskel interponiert oder die Isolierung mit gestielten Faszienlappen, seltener mit Fett versucht, am häufigsten jedoch mit dünnen, nicht vulkanisierten, also organischen Gummiröhren, deren langsamer Auf¬ lösung im Organismus nichts im Wege steht Als günstigsten Zeitpunkt für die Operation wählten die Verff. die Zeit nach Ablauf des 3. Monats, nachdem sie früher schon im 2. Monat operiert hatten. Über definitive Heilresultate läßt sich bei der langsamen Regeneration durchtrennt gewesener Nervenfasern noch nichts sagen, doch läßt sich jetzt schon eine Reihe von Besserungen verzeichnen. 12) Über Kriegsverletzungen der peripheren Nerven, von M. Nonne. (Mediz. Klinik. 1915. Nr. 18 u. 19.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. hat seit Mitte September bis zum 1. März 264 Fälle von Eiriegs¬ erkrankungen des Nervensystems gesehen, von denen 152 sich als Verletzungen und Erkrankungen der peripheren Nerven darstellen. In s / 4 aller organischen Verletzungen des Nervensystems handelte es sich um solche der peripheren Nerven. Die überwiegende Häufigkeit der Radialisverletzungen und der Verletzungen des Plexus brachialis war dabei besonders auffallend, ferner die relative Häufigkeit isolierter Peroneusverletzungen gegenüber solchen des N. tibialis. Die peripheren Nerven werden entweder primär verletzt oder sekundär ge¬ schädigt, ersteres in Form von Durchtrennung, Durchreißung, Zerquetschung, durch Erschütterung, letzteres durch traumatische Aneurysmen oder Frakturen mit Kallusbildung. Von besonderem Interesse ist die Beobachtung der peripheren Nerven bei der Autopsia in vivo, t)ei der Operation. Verf. bespricht dann die Symptomatologie. Ganz auffallend häufig ist die Ungleichmäßigkeit der Funktionsstörung der verschiedenen Muskeln im Bereioh eines verletzten Nerven (unter den 152 Fällen 44mal). Zur Feststellung, welche Muskeln gelitten haben, ist eine genaue elektrische Untersuchung unbedingt nötig. Verf. hat oft erlebt, daß in motorisch intakt funktionierenden Muskeln sich eine deutliche krankhafte Veränderung der elektrischen Erregbarkeit zeigte. Die Sensi¬ bilität zeigte sich im allgemeinen weniger gestört, als man aus der Friedens- praxis anzunehmen gewohnt war. Auch für die Sensibilität zeigte sich die Häufigkeit des partiellen Ergriffenseins. Wirklich ungewöhnlich heftige Neuralgien waren selten. N.’s Erfahrungen gehen dahin, daß die sensiblen Fasern gegen Digitized by Google Original fro-m UNIVERS1TY OF MICHIGAN 432 Traumafolgen erheblich resistenter sind als die motorischen und die der elektri¬ schen Leitung dienenden, und daß die Möglichkeit des vikariierenden Eintretens sensibler Fasern seitens anderer Nerven eine ausgedehntere ist, als man bisher wußte. Auch die Veränderung der elektrischen Erregbarkeit betrifft häufig das Lähmungsgebiet nur partiell. Verf. fand ferner häufig normale Kraft in Muskeln, die faradisch nicht und galvanisch mit Entartungsreaktion reagierten, ferner Ab¬ arten der Entartungsreaktion, trophische Störungen usw. Verf. bespricht dann die Differentialdiagnose, besonders auch gegen Hysterie — die Kriegshysterie wird sehr oft verkannt —, die Frage, wann und ob der Nerv durohtrennt ist und besonders wann die Indikation zum chirurgischen Ein¬ griff gegeben ist. N.’s Erfahrungen gehen dahin, daß nicht lange gewartet werden soll. Er hat 45 Operationen gesehep, von denen nur in 2 Fällen man sich -naohher sagen konnte, daß die Operation hätte unterbleiben können. In keinem einzigen Falle war dabei eine Verschlimmerung zu beobachten, aber in 35 Fällen gewann Verf. die Überzeugung, daß die lokalen Verhältnisse eine spontane Heilung unmöglich machen mußten. Er bespricht dann kurz Einzelheiten des chirurgischen Eingriffs und die Erfolge. Zusammenfassend hebt er hervor: In frischen Fällen soll operiert werden, wenn der Fall klar zeigt, daß eine glatte Durchtrennung des Nerven stattgefunden hat und wenn keine Komplikation mit Knochenfrakturen vorliegt. Die Operation soll bald nach Heilung der komplizierenden Verletzungen stattfinden. Sehr wichtig ist die Nachbehandlung, bei der die physikalischen Heilmethoden — Elektrizität, Heißluft, Massage usw. — eine bedeutsame Bolle spielen, besonders auoh die Übungstherapie. Endlich muß sich der ganze soziale Apparat an den Heil- und Fürsorgemaßnahmen beteiligen. Sehr instruktive Beispiele sind überall zum besseren Verständnis der sehr lesenswerten Ausführungen des Verf.’s beigegeben. 13) SohuBverletzungen der Nerven, von A. Exner. (Neue Deutsche Chirurgie. XIV. Stuttgart 1915). Ref.: K. Boas. Gestützt auf ein eingehendes Studium der einschlägigen Literatur sowie eigener in Gemeinschaft mit seinen Mitarbeitern (H. Heyrovsky, G. Kronenfels und C. v. Massari) gemachter Erfahrungen in den Balkankriegen 1912/1913 gibt Verf. eine ausführliche Darstellung der kriegschirurgischen Schußverletzungen der Nerven, die besonders in dem gegenwärtigen Zeitpunkte großes Interesse hervor- rufen wird. 14) Über SohuBverletzungen am peripheren Nerven, von L. Huism ans. (Mün¬ chener. med. Wochensohr. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 15.) Bef.: Kurt Mendel. So lange man einen, wenn auoh langsamen Fortschritt in der Funktion be¬ merkt, soll man von einem operativen Eingriff absehen, Massage und Elektrizität anwenden. 15) Ein Beitrag zur Verletzung peripherer Nerven, von Richard Sauter. (Münch, med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 15.) Ref.: Kurt Mendel. 2 Fälle zeigen, daß da, wo komplizierte Frakturen längere Zeit unter Fieber eitrige Sekretion unterhalten, ein Hinausschieben der Nervennaht bzw. der Neuro- lyse, event. bis zu 4 und 5 Monaten, notwendig erscheint, weil selbst bei voll¬ ständiger Abheilung der äußeren Wunden der frühere Infektionsprozeß wieder zur Aufflackerung gelangt und dadurch von neuem Eiterungen auftreten können, die die Operationsaussichten sehr verringern. 16) Ungewöhnlich frühe Wiederherstellung der Leitungsf&higkeit im rese¬ zierten und genähten Nerven (Isohiadioua), von H. Thiemann. (Münche¬ ner med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 15). Ref.: Kurt Mendel. Die Zeit bis zur Wiederherstellung der Funktion ist um so länger, je höher am Nerven die Verletzung liegt, da in solchen Fällen die sog. retrograde Zell- Digitized b) Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 433 Veränderung event. bis in die entsprechenden Ganglienzellen hinaufreicht und die Nervenbahn in größerer Ausdehnung zerstört ist und neugebildet werden muß. Unter den vom Verf. beobachteten Nervenverletzungen und Nähten haben bisher alle in der Beobachtungszeit von 4 bis 8 Wachen noch keinen Wiedereintritt der Funktion gezeigt bis auf eine, noch dazu eine Resektion und Naht des Ischia- dicus. Es handelt sich in diesem Falle um einen Gewehrschuß am Knie mit Ischiadicuslähmung und unerträglichen Schmerzen. Die Operation zeigt, daß der iBchiadicus vollständig in hartes weißes Narbengewebe eingebettet und dadurch absolut unbeweglich ist; 3 cm sind kolbig angeschwollen und unregelmäßig ver- dickt. Resektion, Nervennaht. Sofort naoh der Operation sind die Sohmerzen verschwunden. Am Ende der 2. Woche nach der Operation kann Patient die Zehen bewegen. Die Bewegungsfähigkeit macht zusehends Fortschritte, 4 Wochen nach der Operation kann Patient mit Krücke und Stock umherlaufeg. Die Be¬ weglichkeit ist in allen Muskeln gut möglich, sowohl in den vom Tibialis als auch in den vom Peroneus versorgten. Zur Erklärung der so raschen Wiederherstellung der Leitungsfähigkeit im Nerven muß man wohl annehmen, daß im Sinne von Neumann und Bethe auoh das periphere, nur kurze Zeit abgetrennte oder ausgeschaltete Nervenstück mit¬ beteiligt gewesen ist, da ein Auswaohsen der zentralen Fasern allein wohl nicht in so kurzer Zeit hat erfolgen können. Ferner waren die Bedingungen für die Naht die denkbar günstigsten: völlig aseptischer Verlauf der Wundheilung und kurze Frist zwischen Verletzung und Wiedervereinigung. Vielleicht kann bei baldiger Nabt öfter ein derartig günstiges Resultat erzielt werden. 17) Zur Methodik der Naht an peripheren Nerven, von Karl Döpfner. (Münchener med Wochenschrift. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 5.) Ref.: Kurt Mendel. Wenn nach vorausgehender konsequenter 8 wöchiger Behandlung bei peripheren Nervenverletzungen keine Besserung eingetreten ist, soll operiert werden: Neuro- lysis, partielle oder totale Nervennaht. Vorbedingungen für diese Methoden sind 1. Keine Eiterung (granulierende Hautdefekte, benachbarte Fisteln und Sequester sind für gewöhnlich Kontraindikationen); 2. die gesunde Nervensubstanz darf so wenig als möglich mit Instrumenten angefaßt werden; 3. Gipsschienenverband für die ersten zwei Wochen in Zweidrittelentspannung, dann vorerst eine Woche noch mehr Entspannung und erst dann nach und nach Streckung. 18) Die Prognose der Nervennaht bei Verletzungen des peripherischen Nervensystems, insbesondere bei SohaBverletsongen, von Prof. Stein- thal. (Münchener med. Wochenschrift 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 15.) Ref.: Kurt Mendel. Erfahrungen aus 36 Nervenoperationen: 23 Nervennähte, 13 Neurolysen. In allen Fällen fiel auf, in was für derben Narbenmassen die verletzten Nerven lagen und wie weit sich diese Narben in die Nervenbahnen hinein erstreckten. Die Prognose hält Verf. für nicht allzu günstig. Als bester Zeitpunkt der Operation gilt allgemein die Zeit im 4. bis 6. Monat nach Eintritt der NervenschädÜgung. 19) Über eine Methode, den Erfolg einer Nervennaht zu beurteilen, von Dr. Paul Hoffmann. (Medizin. Klinik« 1915. Nr. 13.) Ref.: E. Tobias. In vielen Fällen ist es in sehr einfacher Weise möglich, den Erfolg einer Nervennaht schon früher zu beurteilen. Fast immer sind bei schweren Nerven- läsionen neben motorischen Ausfallserscheinungen auch sensible vorhanden: für die sensibel gelähmte Stelle sind im zentralen Stumpf des verletzten Nerven auch Fasern mit dem entsprechenden Lokalzeichen da, und Reizung dieser Nervenfasern muß eine in das unempfindliche Gebiet verlegte Empfindung hervorrufen. Diese Fasern wachsen nach erfolgter Nervennaht aus. Es bleibt also nur übrig, fest* xxxiv. 28 Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSfTY OF MICHIGAN 434 zustellen, ob unterhalb der Nahtstelle durch Reizung des Nerven eine Empfindung hervorgerufen werden kann, die in das sensibel gelähmte Gebiet lokalisiert wird, und es wäre damit der Nachweis erbracht, daß die Nahtstelle leitet, daß also ein Auswachsen der Fasern wirklich erfolgt. Hat der wachsende Nerv die Naht¬ stelle überwunden, so ist die Restitution der Funktion äußerst wahrscheinlich geworden. Was die Art der Reizung anbetrifft, so sind die jungen Fasern am besten mechanisch durch Druck erregbar. Starker Druck ist nicht notwendig, am besten ist Klopfen mit den gestreckten Fingern. Die Methode ist ungeeignet in Fällen, in denen im anästhetischen Gebiet Parästhesien und Schmerzen vor¬ handen sind. Die Methode ist auch dazu zu benutzen, um zu erweisen, daß eine Restitution des Nerven auch ohne Naht erfolgt. 20) Krieg und Nervensystem, von Leo Jacobsohn. (Therapie der Gegenwart 1915. Nr. l.y Ref.: K. Boas. Ohne über eigene Beobachtungen zu verfügen, läßt Verf. in der vorliegenden Arbeit die einschlägige Literatur vom Anbeginn des Krieges bis ausgangs des Jahres 1914 Revue passieren. In Anbetracht der sich andauernd häufenden Mit¬ teilungen zur Kriegsneurologie und -psychiatrie wird die Arbeit recht bald eines Nachtrags bedürfen. 21) Einige allgemeine Bemerkungen über den Krieg und unser Nerven¬ system, von Prof. Dr. Emil Redlich. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 17.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. beschränkt sich auf eine mehr allgemeine Erörterung der Frage, in¬ wieweit unser Nervensystem den ungewohnten, zum Teil ungeheuren Anforderungen des Krieges gewachsen ist, bzw. ob und inwieweit es versagt hat. Der Krieg hat gezeigt daß die Annahme einer nervösen Zeit bzw. einer fortschreitenden Degeneration der Kultumationen sich als Übertreibung von Einzelerscheinungen herausstellte, daß vielmehr unsere Zeit eine Leistungsfähigkeit und nervöse Wider¬ standsfähigkeit aufzubringen in der Lage ist, die allem, was aus der Geschichte bekannt ist, ebenbürtig ist, es zum Teil sogar in den Schatten stellt. Die An¬ passungsfähigkeit des Menschen an positive Arbeit, an das Ertragen von Ent¬ behrungen ist eine enorme. Auffallende Erscheinungen nach Vorübersein des ensten Erschöpfungsschlafs waren längere Schlafstörungen sowie eine gewisse Labilität der Körpertemperatur, sonst war bis auf Ausnahmen das Allgemein¬ befinden bald ausgezeichnet. Von diesen Ausnahmen beschränkt sich Verf. in seinen Ausführungen auf die funktionellen Neurosen. Sie sind, was die exogenen Ursachen anbetrifft, gewissermaßen ein Experiment in großem Stile, wobei aller¬ dings die Schädlichkeiten ein auserlesenes Menschenmaterial treffen, wodurch eine Übertragung auf die Friedenspraxis nicht ohne weiteres möglich ist. Verf. be¬ spricht dabei besonders die traumatischen Neurosen. Nur bei einer relativ kleinen Anzahl von Unfallverletzten entwickelt sich das geläufige Bild der traumatischen Neurose, wenn eine Unfallsentschädigung nicht in Frage kommt. Nervöse Dis¬ position, Nervosität usw. begünstigen das Entstehen derselben. Ein nicht un¬ wesentlicher Unterschied besteht dabei zwischen den Fällen, bei denen eine Renten¬ entschädigung, und denen, bei welchen eine einmalige Kapitalabfindung statthat. Die Erfahrungen, die Verf. im Kriege macht, bestätigen diese Anschauungen, für die auch die relative Benignität der traumatischen Neurose bei den Verletzten des Krieges spricht, speziell was ihre Dauer betrifft. Als Begehrungsvorstellung fungiert meist der bewußte und unbewußte Wunsch und die Hoffnung, nicht mehr den Gefahren ausgesetzt zu sein, was noch stärker wirkt als Rentenansprüche und Geldforderungen. Die günstigere Prognose bängt zumeist mit der weitgehenden Autorität bzw. diziplinaren Gewalt gegenüber den Kranken in der Kriegszeit zu¬ sammen. Verf. sah auch Fälle mit schweren Verletzungen nicht selten mit aus¬ gesprochenen hysterischen Erscheinungen kompliziert, speziell bei organischen Digitized by Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 435 Schädigungen des zentralen und peripheren Nervensystems, deren Symptome dann von funktionellen, hysterischen Zutaten ergänzt bzw. überdeckt waren. Sehr be¬ merkenswert sind die dabei erzielten therapeutischen Erfolge, die zu interessanten Betrachtungen zur Differentialdiagnose gegenüber der Simulation führen, einer Differentialdiagnose, die durchaus nicht immer leicht ist. Verf. wendet sich dann zu den neurasthenischen Symptomen, die seine Kranken darboten. Auch bei ihnen macht sich der Einfluß der prämorbiden Persönlichkeit vollauf geltend. Die akuten Erschöpfungsneurasthenien sind demgegenüber selten; seltener ist auch der Aufschwung durch temporäre Kriegsbegeisterung, der nur vorübergehend in Erscheinung tritt. Markant ist oft der therapeutische Unterschied bei Neurasthenie und Hysterie. Verf. erörtert dann kurz einiges über die Psychosen sowie über den Einfluß auf die Zivilbevölkerung. Auch sie hat den Krieg besser vertragen, als eigentlich zu erwarten stand. Recht deutlich wird auch während des Krieges die egozentrische Lebensauffassung vieler Nervöser. 22) I. Die Behandlung der Folgeaustände von Qehlmersohfltterung, von Prof. Dr. Ernst Weber. — II. Bemerkungen zu der vorstehenden Ab¬ handlung von Prof. E. Weber, von Stabsarzt d. R. Dr. Neubert. (Mediz. Klinik. 1915. Nr. 17.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Die Fälle von Gehirnerschütterung im Felde rühren entweder von Fall auf den Kopf von einem erhöhten Punkte oder von Schädelverletzung durch Kugel oder Granatsplitter her. Als Zeichen für das Eintreten einer Gehirnerschütterung ist es zu betrachten, wenn der Pat. nach der Verwundung eine Zeitlang bewußtlos war. Als Folgezustand bezeichnet Verf. die nervösen Störungen, die sofort nach der Verletzung einsetzen, aber die Heilung monatelang überdauern. Sie bestehen in einem starken Kopfschmerz, der dauernd gleich stark ist oder sich zu mehreren Anfällen täglich steigert, in dauerndem Kopfdruck, schlechtem Schlaf, Schwindel- gefühl, Unfähigkeit zur Ausführung anstrengender Muskelarbeiten usw. Verf. ist es nun gelungen, mit seiner neuen Untersuchungsmethode solche Kranke in kürzester Zeit von ihren Beschwerden objektiv klar nachweisbar zu heilen. Die Untersuchungsmethode besteht in der Registrierung der Veränderungen der Blutverteilung im Körper, die bei Gesunden bei äußeren Einwirkungen auf das Gehirn in bestimmter — vom Verf. früher eingehend beschriebener — Weise sich zu erkennen gibt. Die Technik ist nicht ganz einfach. Bei Ausführung einer kurzen lokalisierten Muskelarbeit tritt nun bei Gehirnerschütterung — wie auch schon bekannt — eine starke Verengerung sämtlicher äußerer Blutgefäße statt normaler Erweiterung auf. Verf. hat nun ebenfalls nachgewiesen, daß eine gleichzeitige Störung der Innervation der Hirngefäße besteht, die als Ursache der Beschwerden anzusehen ist. Damit hat er eine völlig objektive Untersuchung in der Hand, um das Fortschreiten der Besserung und den Zeitpunkt des Eintretens der Heilung zu bestimmen, besonders auch um die Wirkung jeder therapeutischen Maßnahme zu beurteilen. Versuche mit Medikamenten waren nun vollständig ergebnislos. Erstaunlich wirkten dagegen Wechselduschen; die Prüfung ergab dabei völlige Übereinstimmung der Besserung des Befindens sowie der objektiv nachweisbaren Störung der Gefä߬ innervation. Verf. glaubt darum, daß die Frage, ob die Ursache des Kopf¬ schmerzes und Schwindels nach Commotio cerebri wirklich in der Störung der Innervation der Hirngefäße liegt, „damit wohl endgültig in positivem Sinne er¬ ledigt ist“. Verf. gibt die Wechseldusohen in der Weise, daß etwa 6 bis 7 Minuten abwechselnd je a /s Minute lang heiße und kalte Dusche (45° und 14° mit Über¬ gängen) gegeben wurde. Die kalte Dusche übertrifft etwas die warme an Dauer, sie bildet auch den Abschluß. Neubert bestätigt die Versuche von Weber. 28 * Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN Dm Instrumentarium besteht aus dem verbesserten Armplethysmograph von Mosso-Lehmann, einem Kymographion, einem Registrierapparat für die Atmungs¬ größe und zwei Mareysohe Registrierkapseln. Es ist zweifellos bemerkenswert, daß die Methode, welche in den physio¬ logischen Grundlagen der Hydrotherapie längst anerkannt ist und Bich eines wohl¬ begründeten Rufes erfreut, sich nach den Versuchen von Weber und Neubert als richtig erwiesen hat und zur Kontrolle therapeutischer Maßnahmen verwandt werden konnte. Wm dem Referenten bedenklich erscheint, dM sind die aus den Beobachtungen hergeleiteten Schlösse, dM ist die Verallgemeinerung der Empfehlung von Wechselduschen gegen die Folgezustände der Gehirnerschütterung, gegen die nicht zuletzt die Erfahrungen der Friedenspraxis sprechen. Von jeher sind Theorie und Praxis in der physikalischen Therapie ihre gesonderten Wege gegangen! Wer sich vor Nackenschlägen hüten will, dem sei bei der Nachprüfung der WeberBchen Versuche äußerste Vorsicht angeraten. 23) Die ohirurgisohe Frühbehandlung der Bohftdelsohüaie, von Hosemann. (Deutsche med. Wochenschr. 1916. Nr. 21.) Ref.: Kurt Mendel. 16 Krankengeschichten. Wichtig ist die frühzeitige ausgiebige „Wund- toilette“, auch bei Tangentialschüssen, eventuell schon auf dem Hauptverbandplatz. Bei jedem mit intraduraler Blutung einbergehenden Schädeltrauma spielt die Ge¬ fahr des Hirndruckes eine bedeutende Rolle. Oft schwinden alle Hirndrucksymptome sohnell beim Verbandwechsel, unter ihnen fehlt zumeist der „Druckpuls'', der nur in der Minderzahl der Fälle von Hirndruck vorhanden ist. Der Hirnprolaps bildet an sich nur eine geringe Gefahr, ist aber häufig der Indikator eines stärkeren Innendruckes (intrazerebrale Blutung oder Abszeß!), welcher, wenn irgend möglich, zu beseitigen ist. 24) Zwei bemerkenswerte Fälle von Rüokenmarksverletzung durch Ge¬ wehrschüsse, von Ernst Fraenkel. (Deutsche med. Wochenschrift. 1916. Nr. 19.) Ref.: Kurt Mendel. Fall I. Gewehrschuß in Gegend des 12. Brustwirbels. Geschoß Bitzt im Rückenmark in Höhe des 3. Lendenwirbels. Verlauf ungünstig, BlMen- und Mast¬ darmfunktion blieben gestört, Bewegungsfähigkeit blieb aufgehoben. Faradisation und MMsage hatten keinen Erfolg. Prognose absolut infaust. Fall II. Geschoß Bitzt in Höhe des 9. Brustwirbeldorns, wird entfernt. An¬ fangs Lähmung aller 4 Extremitäten, Ischuria paradoxe. Rückgang sämtlicher Symptome. Prognose gut, völlige Restitutio ist zu erwarten. Verf. veröffentlicht beide Krankengeschichten, um zu zeigen, wie verschieden¬ artig Verlauf und Prognose bei beiden Fällen trotz anfänglich gleicher Symptome ist. Es ist dies aber — nach Ref. — gar nicht verwunderlich, zumal da im ersten Falle dM Geschoß so tief sitzt, daß „ein operativer Eingriff ausgeschlossen“ erscheint, im zweiten Falle die „oberflächlich sitzende Schrappnellkugel“ alsbald nach der Verletzung entfernt wurde. Wahrscheinlich handelt es sich im ersten Falle um eine Zertrümmerung des Rückenmarks, im zweiten nur um eine Blutung in demselben. 26) Über traumatische Myelitis, von Wilhelm Mayer. (Münch, med. Wochen¬ schrift. 1916. Feldärztl. Beil. Nr. 19.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. teilt einen Fall mit, in dem nach einer Verletzung nekrotische Vor¬ gänge im Rückenmark (traumatische Myelitis) auftraten. Die Prognose solcher Fälle ist sehr dubiös, auch in Verf.’s Fall, wo trotz anscheinend leichterer Ver¬ änderungen seit Wochen dM klinische Bild stationär blieb. 26) Tabes und Heeresdienst, von Dr. Georg Flatau. (Mediz. Klinik. 1916. Nr. 17.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Tabische, auch solche im Anfangsstadium und mit scheinbar nicht progredientem Verlauf des Leidens, sind nicht als felddienstfähig zu erachten. Ist die Tabes Digitizeit by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 437 festgestellt, 80 ist körperliche und geistige Schonung unerläßlich; die Kranken müssen sich vor Erkältungen und Überanstrengungen hüten. Auch die Garnison* dienstfähigkeit ist nur unter gewissen Kautelen zuzugeben: vor allem ist Be¬ freiung von anstrengenden Marschübungen, von Wachdienst usw. unbedingt zu fordern. Von drei Tabikern, die Verf. bisher sah, nachdem sie mehrere Monate Felddienst hinter sich hatten, wiesen zwei erhebliche Zunahme der Beschwerden und der objektiven Zeichen auf; beide hatten vorher nicht gewußt, daß sie tabisch krank waren. Die heute allgemein gültige Auffassung, daß die Prognose der Tabes als nicht zu ungünstig aufzufassen ist, kann trotz einer Reihe gutartig verlaufen¬ der Fälle nichts an dem allgemeinen Postulat ändern, daß ein Tabiker vom Feld¬ dienst fernzubleiben hat. 27) Erfahrungen auf der Nervenstation eines Eeaervelasaretts, von Dr. Ph. Jolly (Schmidts Jahrb. d. ges. Med. CCCXXL 1915.) Ref.: E.Tobias. Verf. schildert in der vorliegenden Abhandlung seine Erfahrungen auf der ihm unterstellten Nervenabteilung eines Reservelazaretts. Er beschreibt im wesent¬ lichen Fälle von angeborenem Schwachsinn, von Psychopathie und Neurasthenie, von Hysterie, — die in einer ganz auffallend hohen Anzahl zur Beobachtung kam und zwar in Form von Krampfanfällen, Lähmungen, von Zittern usw. —, von Epilepsie, die nioht eben häufig gesehen wurde, usw. Gesondert besprochen werden Fälle von nervösen Folgen nach Schreck, meist Granatshock. Periphere Lähmungen werden nur summarisch erörtert. Sehr häufig bei Kranken, aber auch bei Gesunden zeigte sich unruhiger, durch mannigfaohe KHegserinnerungen gestörter Schlaf. 28) Funktionelle Stimmbandlähmung im Felde, von H. Pape. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Feldärztl. Beil. Nr. 11.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. berichtet über 6 Fälle von typischer funktioneller Stimmbandlähmung, sämtlich Infanteristen. Im ersten Falle handelt es sich um einen Menschen mit labilem Nervensystem. Bei den andern konnte kein Anhalt dafür gefunden werden. Ein anatomischer Befund war bei keinem zu erheben. Bei der laryngoskopischen Untersuchung bewegten sich die Stimmbänder und konnten vorübergehend zu völligem Schluß gebracht werden. 29) Militärdienst und Tbyreotoxie, von Dannehl. (Deutsche militärärztliche Zeitschrift. 1915. Nr. 3 u. 4.) Ref.: K. Boas. Die Zahl der Thyreotoxischen in der Armee ist größer als bisher angenommen wurde. Ungeeignet zur Einstellung in die Armee erscheinen alle Thyreotoxischen mit voller Ausbildung aller oder mit besonders starker Ausbildung eines der drei Hauptsymptome sowie alle Formen mit wesentlichen Störungen des Stoffwechsels oder des Nervensystems. Die Dienstfähigkeit aller Thyreotoxischen mit gesteigerter Pulsfrequenz und subjektiven Beschwerden ist zweifelhaft. Sie sind beim Ersatz* geschäft auch bei kräftigem Körperbau bis zum 3. Pflichtjahre zurückzustellen und möglichst nicht der Infanterie zuzuweisen. Nach der Einstellung müssen sie dauernd kontrolliert werden, möglichst ohne Lazarettüberweisung. Der Militär¬ dienst kann das Leiden durch Überanstrengung, durch Begünstigung oder Über¬ tragung von Infektionskrankheiten und durch psychische Einwirkungen ver¬ schlimmern. Ätiologisch unaufgeklärte Fälle von Fahnenflucht und von Soldatenmord beruhen vielleicht nicht Belten auf thyreotoxischer Psychopathie. Interne Behand¬ lung versagt in der Armee fast immer und erfordert auch viel Zeit. Chirurgische Behandlung erscheint auf Grund ihrer Endresultate und wegen der für die rasche Wiederherstellung des Soldaten bestehenden „dienstlichen Indikation“ als die Methode der Zukunft. Der Thymusdrüse muß dabei besondere Beachtung ge¬ schenkt werden. 30) Über Hyperthyreoidlsmua vom Standpunkte der Krlegemedlsin, von Kahane. (Wien. klin. Wochenschr. 1915. Nr. 6.) Ref.: Pilcz (Wien). Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 438 Während die schwersten Fälle des Hyperthyreoidismus, nämlich der Morbus B&sedowii, die Eriegsdiensttanglichkeit ohne weiteres ausschließt, ist dies nicht der Fall hinsichtlich der leichteren Grade, die aber gerade durch die Kriegs- Schädlichkeiten in ungünstigem Sinne beeinflußt werden. Als objektives diagnosti¬ sches Merkmal, das gleichzeitig eine Beurteilung der Intensität gestatten soll, empfiehlt Verf. auf Grund seiner Erfahrungen die sogen. Galvanopalpation, welche als Kennzeichen des Hyperthyreoidismus Galvanohyperästhesie und hochgradige Gefäßreaktion ergibt. Kathode stabil auf einer beliebigen Stelle; Anode, die möglichst fein zugespitzte Elektrode haben muß, wird mehrmals nacheinander rasch aufgesetzt und abgehoben. Bei dieser, vom Verf. sogen. Galvanopalpation wird, wenn auf Hyperthyreoidismus untersucht werden soll, die Anode an die Schilddrüse und in seitlicher Halsgegend angelegt. Es zeigt sich dabei, daß schon bei minimalen Stromstärken die Applikation der punktförmigen Elektrode stark schmerzhaft empfanden wird, und daß eine intensive Gefäßreaktion an der Haut, auch über Applikationsstelle hinaus sich verbreiternd, auftritt. Therapeutisch käme in Betracht: Körperliche und geistige Buhe, laktovege¬ tabilische Diät, Galvanisation der Thyreoidea und der zu ihr in Beziehung stehenden Nervenstämme auf Grund des galvanopalpatorischen Befundes, und Dar¬ reichung von phosphorsauren Salzen. Die Untersuchungen des Verf.'s hinsichtlich der „Galvanopalpation“ sind gewiß einer Nachprüfung wert. Psychiatrie. 31) Psychiatrie und Neurologie, von K. Bonhoeffer. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVII. 1916. H. 2.) Bef.: Kurt Mendel. Verf. knüpft an den Aufsatz Erbs in diesem Gentr. 1914. S. 1170 an. Erb ist für eine völlige Selbständigkeit der Neurologie, insbesondere für die Los¬ trennung der Neurologie von der Psychiatrie (wie auch Näcke). Demgegenüber führt Verf. folgendes aus: es ist erforderlich oder wenigstens sehr wünschenswert, daß die neurologischen Spezialisten gleichzeitig eine ausreichende klinisch¬ psychiatrische Schulung haben, so daß sie auch der Beurteilung und Behandlung psychischer Fälle gewachsen sind; um so mehr, als sich der Lehrstoff der Neuro¬ logie mit dem der Psychiatrie in einem weiten Bereich deckt. Denn in dem Material des Neurologen sind die organischen Fälle in der Minderzahl, funktionell neurotische Zustände, Psychopathien und leichtere Defektzustände bilden das Haupt¬ material; diese gehören aber eigentlich dem Bereiche der Psychiatrie zu: die psychiatrische Klinik hat die Aufgabe, die psychologischen und psychopathologischen Vorgänge bei diesen Zuständen dem Studenten klar zu machen und sie dem Ver¬ ständnis näher zu führen. Und ebenso wie für den Neurologen es nützlich und notwendig ist, daß er psychopathologisch die nötige Schulung hat, ebenso ist für den Psychiater die Kenntnis der Pathologie des Zentralnervensystems unentbehrlich. So hat die psychiatrische und Nervenklinik gemeinsam zu wirken, und in der Vereinigung von Psychiatrie und Neurologie in der Klinik sind für die Fort¬ entwicklung der neurologischen und der psychiatrischen Wissenschaft keinerlei Nachteile, sondern nur Vorzüge zu erblicken. 82) Beitrag zur vergleichenden Basaenpsyohiatrie, von H. Budul. (Monats¬ schrift f. Psych. u. Neurol. XXXVII. 1916. H. 3.) Bef.: Kurt Mendel. Das Krankenmaterial entstammt der Dorpater Psychiatrischen Universitäts¬ klinik für den Zeitraum 1896 bis 1913. Es zeigte sich folgendes: Am meisten Erkrankungsfälle an Melancholie geben die Esten (ugro-finnisches Volk); die Melancholiker estnischer Nationalität liefern auch den größten Prozent¬ satz der Selbstmordversuche. Der größte Prozentsatz der Erkrankungsfälle an Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 439 Imbezillität und Idiotie ist bei den Esten und Juden zu verzeichnen. Die Esten sind am meisten zu einer Erkrankung an traumatischer Neurose disponiert, sie haben auch ausgesprochene Neigung zu protrahierten Affektschwankungen. Die Juden stehen in dieser Beziehung den Elsten ziemlich nahe. Bei Letten (Indo- germanen) sind die Wahnvorstellungen mit Überschätzung, bei Esten mit Unter¬ schätzung der Persönlichkeit verknöpft; die Letten sind mehr aktiv, die Esten mehr passiv; die religiösen Wahnvorstellungen spielen bei den Esten eine viel größere Rolle als bei den Letten. Im großen ganzen leiden die Esten öfters an funktionellen, die Letten öfters an organischen Geistes- und Nervenkrankheiten. Die meisten Erkrankungsfälle von Alkoholismus geben die Russen. Syphilitische Erkrankungen des Nervensystems sind unter den Esten, Letten und Juden weniger verbreitet als unter den Russen. Tabes kommt besonders häufig bei Russen vor. Die Zahl der Erkrankungen an Paralyse und Tabes ist in den letzten Jahren ziemlich stark zurückgegangen, was wohl einer energischeren und sorgfältigeren Behandlung der Syphilis zu verdanken ist. Der Verlauf der Paralyse ist in den letzten Jahren weniger stürmisch als vor 10 bis 18 Jahren. Unter den Esten und Letten kommt die Erkrankung an Dementia praecox quantitativ ziemlich gleich vor. Einen außerordentlich hoben Prozentsatz der Erkrankungsfälle von Jugendirresein geben die Juden; bei Russen und Deutschen ist er verhältnismäßig gering. Die Juden und Deutschen geben nioht nur einen höheren Prozentsatz der Erkrankungsfälle an manisch-depressivem Irresein, sondern werden schon in früheren Lebensjahren krank als die Esten, Letten und Russen. Weiter kommt bei den Juden häufiger als bei den anderen Hysterie vor (13°/ 0 statt 4,7). Auch das klinische Bild und der Verlauf der Hysterie ist bei den Juden ausgeprägter als bei den anderen Nationalitäten. Fast ebenso häufig wie Hysterie kommt bei Juden die Nervosität vor. Auch die Esten haben ziemlich große Neigung zur Nervosität. Sehr selten erkranken Juden an Epilepsie (l°/ 0 statt 4,7). 33) Über Büoksohlagsersoheinangen auf psychischem Gebiete, von Hat- schek. (Jabrb. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. S. 229.) Ref.: Pilcz. Verf., dessen anregender Vortrag „zur vergleichenden Psychologie des Angst¬ affektes“ wohl jedem Teilnehmer des deutschen Nervenärztetages zu Berlin 1910 noch in angenehmer Erinnerung steht, gelangt in vorliegender Studie zu folgenden Schlüssen: 1 . Die Ausdrucksbewegungen einer Reihe elementarer Affekte äußern sich bei vielen höheren Säugern in bedeutend größerer Intensität als beim Menschen. Wir müssen bei diesen Tieren das Vorhandensein elementarer Gefühle voraus- setzen. Wiewohl wir für das verwickelte Gefühlsleben des Menschen die volle Gültigkeit der James-Langeschen Theorie ablehnen müssen, bo haben wir doch Grund zu der Annahme, daß die ursprüngliche Entstehung der einfachen Gefühle durch Perzeption der Ausdruckßbewegungen erfolgt und hier also die Jam es- Lange - sehe Ansicht zu Recht besteht. Die emotionellen Reflexe sind nützliche, durch Selektion entstandene und verstärkte Instinkthandlungen, die phylogenetisch der Entstehung der Gefühle vorausgehen. Die weitere phylogenetische Entwicklung führt beim Menschen durch Wachstum des kortikalen Organs vielfach zur Hem¬ mung und Eindämmung dieser emotionellen Reflexe und damit der elementaren Affekte. 2. Auch mit der wachsenden Entrichtung der kortikalen Repräsentation der Sinne erfolgt eine Abstreifung des ursprünglichen Gefühlstons derselben. Die Gesichts- und Gehörsempfindungen der Säuger dürften des Gefühlstons ebensowenig entbehren, wie etwa die Geruchsempfindungen des Menschen. Dagegen dürfte umgekehrt bei vielen Säugern, z. B. beim Hunde, die starke Entwicklung der Riechsphäre zu einer Externalisierung des Geruchs geführt haben, wodurch in diesem Falle gerade in dieser Sinnessphäre unter Verminderung der Gefühls- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 440 betonung die Erwerbung von Vorstellungen, Urteilen, individuellem Gedächtnis gewährleistet wurde. 3. Schon physiologisch, besonders bei rasch eintretenden Reizen, so daß das Großhirn keine hemmende Wirkung auf den Subkortex entfalten kann, treten Reminiszenzen aus phylogenetisch älteren Stadien ein; ein sehr charakteristisches Beispiel dafür bietet das Zusammenfahren beim Erschrecken, das sich bei genauer Analyse als deutliches Rudiment des Kletterursprungs des Affen darstellt. 4. In pathologischen Zuständen kann durch Beeinträchtigung der Großhirn¬ wirkung das Wiederaufleben phylogenetisch älterer Funktionen zur starken und impulsiven Äußerung von emotionellen Reflexen und der ihnen korrespondierenden elementaren Gefühle fuhren. Die Entstehung vieler Angstzustände und Phobien einerseits, motorisoher Erregungszustände und triebartiger Handlungen andererseits dürfte einer derartigen Erklärung zugänglich sein. Zwischen die beiden Haupt¬ gruppen der Flucht- und Angriffsreflexe, auf die die genannten pathologischen Erscheinungen zurückzufuhren wären, schieben sich bei den Tieren noch Schutz¬ reflexe ein, die als Ausdrucksbewegungen bzw. Ausdruckshaltungen der Spannung anzusehen wären. Vielleicht ist hierin die erste Quelle des Beachtungsgefühls und seiner pathologischen Steigerung zu suchen. Die mit Empfindungen höherer Sinne verknüpften Unlustgefühle mancher Nervenkranker wurzeln zum Teil gleich¬ falls in phylogenetischen Reminiszenzen. 6 . Bei der Stärke der Sexualinstinkte und ihrer schon präkortikal mächtigen Entwicklung erscheint es naheliegend, daß auch die sexuellen Perversionen viel¬ fach auf phylogenetisch älteren Funktionen beruhen, die sich beim krankhaften Wegfall der kortikalen Hemmung vordrängen. 6 . Neben Erkrankungen können auch andere Momente, wie Inzucht oder un¬ passende Kreuzung, das Auftreten phylogenetisch älterer Mechanismen fördern. • 34) Über krankhafte Ideen, von Erwin Stransky. (Wiesbaden, J. F. Berg¬ mann, 1914. 53 S.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. beleuchtet in dieser lesenswerten, temperamentvoll geschriebenen Schrift (den Deutschen gegenüber, denen er wiederholt eine Unterdrückung ihrer Affekte durch die drillartige, pedantische Erziehung vorwirft, verschwendet Verf. sogar etwas zu viel Temperament, man hätte ihn sich an diesen Stellen [S. 9, 33 u. a.] gern „deutscher“ gewünscht) die Bedeutung krankhafter Ideenbildung für die Psychopathologie und ihren innigen Zusammenhang mit vielen Erscheinungen auch des nicht krankhaften Lebens. „Die Krankhaftigkeit einer Idee liegt niemals in ihr selbst und allein begründet, sondern kann stets nur erschlossen werden aus den Bedingungen, unter denen die Idee zustande kam, und vor allen Dingen aus der Persönlichkeit, von der sie konzipiert worden ist.“ Verf. beschäftigt sich zu¬ nächst mit den verschiedenen Entstehungsbedingungen der krankhaften Ideen und führt hierfür an: Affektstörungen (vor allem depressive Stimmnngen und Affekte [Melancholie], doch auch expansive Verstimmungszustände wie bei der Manie), ferner die Suggestion, eine der am reichlichsten fließenden Quellen der Ideen¬ bildung (ihre Wirkung vollzieht sich so gut wie stets auf dem Wege über die Affektivität und nicht auf intellektuellem Wege), des weiteren nennt Verf. die krankhaften Persönlichkeitsspaltungen und Verschiebungen der Persönlichkeit (wie bei Hysterie, Epilepsie, Alkoholismus) als Ursache der Bildung krankhafter Ideen, dann die Störungen im Assoziationsablaufe: Hemmung sowohl wie Erleichterung desselben, die beide naturgemäß die Ideenbildung beeinflussen, schließlich die Ge¬ dächtnisstörungen und Sinnestäuschungen. Von den verschiedenen Arten krank¬ hafter Ideen bespricht Verf. insbesondere die Erklärungsideen, die Zwangs¬ vorstellungen, die überwertigen Ideen und die Wahnideen. Letztere definiert er als „ein unter abnormen inneren Bedingungen zustandegekommenes und während des Bestehens eben dieser es unmittelbar verursachenden Bedingungen nicht Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 441 korrigierbares Fehlurteil“. Die praktisch aufgebauten Wahnideen finden sich bei Paranoia, Schizophrenie, Degenerierten, Alkoholismus, angeborener Geistesschwäche, Paralyse, senilen Zuständen, 35) Zar Frage der Konseptionsbeförderung und der Bhesobließang bei Nerven- und Geisteskrankheiten, von E. Meyer. (Deutsche med. Wochen¬ schrift, 1915. Nr. 1.) Bef.: Kurt Mendel. In einem konkreten Falle sollte sich Verf. entscheiden, ob es angezeigt ist, bei einer kinderlosen Frau mit Epilepsie einen Eingriff vorzunehmen, der eine Konzeption befördert. Verf. sprach Bich dagegen aus, weil es nicht auszuschließen ist, daß die Generationstätigkeit ungünstig auf das schon vorhandene Nervenleiden einwirkt, daß ferner die Gefahr besteht, daß die Kinder der epileptischen Mutter Opfer der hereditären Belastung, mit Nervenleiden früher oder später behaftet werden. Überhaupt ist die Ehe den Epileptischen ihrer selbst wie der etwaigen Nachkommenschaft wegen auf das strengste zu widerraten, desgleichen wenn Zeichen schwankenden seelischen Gleichgewichts, ungleichmäßiger Veranlagung, überhaupt psychopathischer Konstitution deutlich vorhanden sind. Aus dem starken Hervortreten des Gefühls der Kinderlosigkeit bei Nervösen darf man in thera¬ peutischer Hinsicht an deren Beseitigung keine zu weitgehenden Hoffnungen knüpfen. Bei Basedowscher Krankheit ist die Heirat wie die Beförderung der Kon¬ zeption gleich kontraindiziert, auch bei den Formes frustes der Krankheit (nach Ref.’s Ansicht geht Verf. hierin entschieden zu weit). 36) Fhysikalisohe Anschauungsweisen in neurologisch-psychiatrischer Literatur, ein Kapitel sur Leibseelenfrage, von Dr. Bunnemann. (Monats¬ schrift f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 2.) Bef.: Bratz (Dalldorf). Die philosophischen und erkenntnistheoretischen Ausführungen des Verf.’s sowie seine Darlegungen über den Mechanismus der Nervenzellen und Nervenfasern eignen sich nicht für die Darstellung durch einen kurzen Bericht. Es sei an dieser Stelle nur nachdrücklich auf die ernst zu nehmenden Anschauungen des Verf.’s hingewiesen. 37) Körperliche Zeichen bei Geisteskrankheiten, von H. Haymann. (Zeit¬ schrift f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXVII. 1914. H. 2.) Bef.: W. Misch. Aus dem ungeordneten Material der die Geisteskrankheiten begleitenden Symptome gewinnt Verf. die Anschauung, daß jeder Veränderung auf psychischem Gebiete irgend eine Störung oder eine Beihe von Störungen im Ablaufe der körperlichen Vorgänge entspricht. Wie es bei der progressiven Paralyse am evi¬ dentesten hervortritt, so muß es sich auch bei den anderen Psychosen um All¬ gemeinerkrankungen handeln, bei denen eben das Gebirn, als ein sehr empfindliches Organ, am meisten ergriffen erscheint. Die Psychose ist die dem Gehirn adäquate Reaktion auf eine allgemeine Schädigung. Auf diese Anschauungsweise weisen besonders die Ergebnisse der Abderhalden-Untersuchungen hin, die den Funktions¬ störungen der endokrinen Drüsen eine Hauptrolle beim Zustandekommen psychi¬ scher Erkrankungen zuzuschreiben scheinen. Aber von Wert sind auch die vielen Beobachtungen über Veränderungen des Muskeltonus, des Stoffwechsels, der Vaso¬ motoren, der Sprach-, Schreib- und Gehstörungen, der Anomalien der Sehnenreflexe und der Pupillen usw. Hier handelt es sich vor allem darum, ein möglichst großes Material zusammenzutragen, dessen spätere Sichtung schöne Ergebnisse über die Ursaohen der Psychosen zeitigen kann. • 38) Le sommeil automatique, par G. Poyer. (Paris, Alfred Ledere, 1914. 92 S.) Bef.: Ph. Jolly (Halle a/S.). Besonders bei chronischen halluzinatorischen Psychosen hört man die Kranken häufig darüber klagen, daß man sie einschläfere, daß ihr Schlaf ein künstlicher sei. Mit diesen interessanten Zuständen beschäftigt sich vorliegende Studie. Die Kranken geben in der Regel eingehende Beschreibungen von ihren Sensationen, Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 442 Der künstliche Schlaf tritt entweder intermittierend auf oder alle Abende. Während der natürliche Schlaf unter dem Einfluß des Willens steht und man ihm widerstehen kann, tritt der künstliche Schlaf unabhängig vom Willen ein, häufig gegen den Willen des Kranken; er ist meist unwiderstehlich und wird auf eine fremde Macht zurückgeführt. Nicht so konstante Kennzeichen des künst¬ lichen Schlafs sind seine Tiefe, die Plötzlichkeit seines Eintretens, das Auftreten verschiedener psy chosensorisch er Störungen im Augenblick des Einschlafens und beim Erwachen. Während der normale Schlaf den Charakter eines willkürlichen Vorgangs hat, findet man hier die Kennzeichen eines automatischen Vorgangs. Verf. schlägt deshalb die Bezeichnung automatischer Schlaf vor. III. Bücherbesprechung. • 1) Die Traumdeutung, von Sigm. Freud. Vierte, vermehrte Auflage mit Beiträgen von Otto Rank. (Berlin-Wien, Franz Deuticke, 1914. 498 S.) Ref.: M. Rothmann. Die Neigung, abseits von den strengen Forderungen von Wissenschaft und Kunst sich geistvollen, aber unfruchtbaren und gefährlichen Versuchen hinzugeben, wie sie in langen Friedensjahren an vielen Stellen aufgetaucht ist, tritt vielleicht nirgends offenkundiger hervor als in den „psychoanalytischen“ Forschungen Freuds und seiner Schule. Freuds Traumdeutung, die hier in der 4. Auflage vorli^t, zeigt diese Züge besonders deutlich. Viele Abschnitte des Buches, so die Lite¬ ratur der Traumprobleme, die Rank sehen Beiträge über Traum und Dichtung sowie Traum und Mythus sind zweifellos vielfach interessant. Aber die An¬ schauungen über die Herstellung der Traumgedanken und die Umwandlung der¬ selben zum Trauminhalt, vor allem die Vorstellung von der Verschiebung der psychischen Intensitäten, von der Verdichtung der Bestandteile der Traum¬ gedanken usw. bis zu der allgemeinen Formel: „Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines (unterdrückten, verdrängten) Wunsches“, gehen doch weit über das sicher Nachweisbare hinaus. Vor allem aber ist das dauernde Bestreben, sexuelle Vorstellungen in die Träume hineinzudeuten, in diesem Umfange zu ver¬ werfen und auch durchaus nicht unbedenklich, wenn man beachtet, daß es sich hier zum Teil um Individuen handelt, die sich in „psychoanalytischer“ Behandlung befinden. Dazu kommt, daß viele der Deutungen völlig auf der Höhe des Lucus a non lucendo stehen. — So kann Ref. bei bestem Willen dieser Art der Traum¬ deutung (gen Italien = Genitalien) keinen Geschmack abgewinnen. Es ist dringend zu wüuschen, daß die medizinische Wissenschaft die Kraft gewinnt, dem Über¬ wuchern solcher Schulmeinungen mit Erfolg entgegenzutreten und sie zu überwinden. • 2) Nervenkrankheiten, von Geh. Sanitätsrat Dr. Hermann Krön in Verbindung mit Zahnarzt Dr. Julius Misch. (Sonderabdruok aus dem Lehrbuch der Grenzgeb. d. Med. u. Zahnheilk. Stuttgart, Ferdinand Enke, 1914.) Nicht im Buchhandel. Ref.: E. Tobias (Berlin). Nervenkrankheiten haben für den Zahnarzt von drei Gesichtspunkten aus Interesse und Bedeutung: in erster Linie erzeugen Zahn- und Mundleiden Nerven¬ krankheiten — hierzu gehören besonders die Störungen im Gebiete des Nervus trigeminus —, in der zweiten Gruppe von Fällen sind Zahn- und Mundleiden die Folge von Nervenkrankheiten — so die Ernährungsstörungen bei Tabes dorsalis, bei der Neurasthenie, bei Akromegalie usw. —, endlich müssen gewisse Nerven¬ krankheiten dein Zahnarzt bekannt sein, weil sie gelegentlich seine Wege kreuzen, wenn sie auch mit den Zähnen weniger zu tun haben. Die Verff. haben sich mit Erfolg bemüht, in weitestem Umfange und doch in knappem Rahmen allen Fragen gerecht zu werden, und ein Werk geschaffen, welches, für den Zahnarzt unent¬ behrlich, auch für den ärztlichen — nicht spezialistischen — Praktiker so viel Digitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 443 Interesse hat, daß es fraglos wünschenswert wäre, wenn die Vcrff. es im Buch¬ handel erscheinen ließen. Jeder Praktiker wird auch den zahnärztlichen Be¬ schwerden seiner Klientel seine Aufmerksamkeit widmen und es gern begrüßen, wenn er durch ein Werk wie das vorliegende sich kurz über den Zusammenhang zwischen Nervenheilkunde und Zahnbeschwerden orientieren kann. Die Literatur hat so weit als nötig Berücksichtigung gefunden. Zum besseren Verständnis sind — zum Teil aus bekannten Werken — einige Abbildungen einzelnen Kapiteln beigegeben. • 3) Die Gesichtslähmung in der Zahnheilkunde, von Hermann Krön. (Samml. von Vorträgen aus dem Gebiete der Zahnheilkunde. H. 12. Leipzig, Dyksche Buchhandl., 1914.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. stellt aus der Literatur 22 Fälle von peripherer Gesichtslähmung nach Zahnextraktion sowie 7 Fälle, bei denen kranke Zähne die Gesichtslähmung ver¬ ursachten, zusammen und fügt der ersteren Gruppe zwei eigene Fälle hinzu. Eine Eigenart der Fazialislähmungen nach Zahnextraktionen oder in Verbindung mit Zabnleiden, ist nicht zu eruieren. Verf. führt die verschiedenen Erklärungen an, die für den Zusammenhang der Fazialislähmung mit der Zahnextraktion bzw. dem Zahnleiden gegeben worden sind: 1. die Gesichtslähmung entsteht auf infektiös- toxischer Grundlage: durch den operativen Eingriff wird den ohnehin bei jedem Zahnschmerz vorhandenen Mikroorganismen ein größerer Spielraum zur Entwick¬ lung und Weiterverbreitung gegeben. In den meisten mitgeteilten Fällen ist auch das Intervall zwischen Lähmung und Extraktion lang genug gewesen, um der Ausbreitung und Ansiedlung von Bakterien oder der Einwirkung ihrer Stoff- wecbselprodukte Zeit zu lassen. Mit der Annahme eines infektiös-toxischen Ursprungs der Lähmung ist auch am ehesten ihr Auftreten auf der kontralateralen Seite (das 4 mal verzeichnet ist) zu erklären. 2. Es können sich nach der Zahn¬ extraktion die rheumatischen Einflüsse leichter geltend machen, so daß es sich um eine Erkältungslähmung handeln würde. 3. Es könnte sich um eine mechanische Schädigung des N. facialis handeln; sein Stamm ist für einen Druck gegen den Knochen günstig gelegen, das könnte der Finger bewirken. Oder aber es kann eine mechanische Irritation des Nerven, vielleicht Quetschung hinter dem Kiefer¬ winkel beim weiten öffnen des Mundes oder eine Luxation des Unterkiefers oder eine Zerrung des Nerven beim weiten Mundöffnen, statthaben. (Eine solche mechanische Läsion des Nerven lehnt Verf. als Entstebungsgrund der Lähmung ab; Ref. möchte demgegenüber diese Entstehungsursache, insbesondere eine Nerven- läsion infolge Vorspringens des Proc. condyloideus des Unterkiefers gegen den Nerven hin beim weiten öffnen des Mundes, für sehr wohl möglich halten.) Verf. hält mit Frankl-Hoch wart als wahrscheinlichsten Entstehungsgrund eine In¬ fektion von der Mundhöhle aus, glaubt aber, daß immer noch eine individuelle Disposition dazu gehört, um eine Fazialislähmung hervorzurufen. IV. Ans den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Sitzung vom 10. Mai 1915. Bef.: K. Löwenstein (Berlin). 1. Herr Liepmann spricht warm empfundene Gedenkworte auf M. Bern¬ hardt. Er würdigt seine wissenschaftlichen Arbeiten und hebt deren Bedeutung für die Entwicklung der Neurologie in den letzten Jahrzehnten hervor. Er ge¬ denkt dann besonders des bedeutungsvollen Wirkens Bernhardts für die Ber¬ liner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten und vergißt zuletzt vor allem nioht, Bernhardts rein menschlicher Persönlichkeit gerecht zu werden. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 444 2. Herr M. Rothmann: Demonstration su den Zwangsbewegungen des Kindesalters. Zuerst wird ein 7 jähriges Kind mit dem ausgeprägten Symptomen- komplex der doppelseitigen Athetose demonstriert. Das Kind, das jüngste von 11 Geschwistern, von denen 7 gesund am Leben sind, war von Geburt an am ganzen Körper völlig schlaff und haltlos, konnte jedoch saugen. Vom 2. Jahr an traten zugleich mit Besserung des Muskeltonus starke Zwangsbewegungen auf, die bis jetzt anhalten. Das Kind lernte niemals stehen, laufen und greifen. Kau¬ bewegungen und Sprache fehlten vollkommen. Auch gegenwärtig kann der Kopf noch nicht fest gehalten werden; die Augenbewegungen und die Mimik des Ge¬ sichts (Lachen, Weinen) sind erhalten. Mit der Zunge, die nicht weit heraus¬ gestreckt werden kann, vermag das Kind Nahrung aufzulecken bei nur schwacher Andeutung von Kaubewegungen. Kein abnormer Freß-, Gaumen- oder Lippen¬ reflex. Zwangsweise grimassierende Bewegungen des Gesichts treten häufig auf. Sprache fehlt vollkommen; es finden sich nur minimale Andeutungen von Phonation. An den Armen und Beinen besteht ausgeprägter Spasmus mobilis neben umfang¬ reichen athetoiden Zwangsbewegungen. An den Armen treten nur schwache An¬ deutungen von Willkürbewegungen ohne jeden greifbaren Effekt hervor, bei deutlicher Verstärkung der Athetose. Beide Beine zeigen Pes equino-varus. Aufgestellt macht das Kind schwache Gehbewegungen. Die Rückenmuskulatur ist stark atonisch; aufgesetzt sinkt das Kind unter starker Kyphose der Wirbel¬ säule in Bich zusammen. An den Füßen Andeutung von Babinski. Wie weit¬ gehend die Intelligenz des Kindes erhalten ist, läßt sich nur aus Augen- und Kopfbewegungen erschließen. Es besteht ein ausgeprägtes Wortverständnis. Bei der Demonstration des Kindes weist Vortr. auf die anatomischen Befunde am Corpus striatum, vor allem am Linsenkern hin, wie sie von Anton, Oppen¬ heim-Vogt und von Fischer bei der doppelseitigen Athetose nachgewiesen worden sind. — Im Anschluß daran berichtet Vortr. über einen einschlägigen Fall eines 12 jährigen Mädchens, das er in den Jahren 1899/1900 bis zum Tode beobachten konnte. Hier handelte es sich um ein anfangs anscheinend normales Kind, das nur langsam laufen und sprechen lernte. Erst vom 6. Lebensjahre an entwickelten sich spastische Zustände an den Extremitäten mit choreatisch-atheto- tischen Bewegungen; doch lernte das Kind noch lesen, schreiben und rechnen. Erst vom 10. Lebensjahr an verschlimmerte sich der Zustand andauernd, die Zwangsbewegungen, die auch auf Gesicht- und Schlundmuskulatur Übergriffen, verstärkten sich derart, daß sie jede brauchbare Willkürbewegung sowohl in den Extremitäten als auch in der Sprachmuskulatur fast unmöglich machten. Nur im zusammengekauerten Zustande fand das Kind noch bisweilen Ruhe. Interessant war das Aufhören der Zwangsbewegungen unter Wiederauftreten leidlicher Willkür¬ bewegungen und verständlicher Sprache bei leichtem Anchloroformieren. Exitus in schwer besinnungslosem Zustande. Am Gehirn fiel makroskopisch bereits eine eigentümlich dunkle Verfärbung und Schrumpfung des Globus pallidus des Linsen¬ kerns beiderseits auf (Photographie). Die Hirnrinde erwies sich als intakt. Vortr. demonstriert mikroskopische Weigert-Präparate der großen Ganglien, auf denen zahlreiche sklerotische Herde mit reichlicher Gefäßneubildung im Gebiet des Globus pallidus bei intaktem Putamen und Nucleus caudatus sichtbar sind. — Da wiederholt auch Mikrogyrie der Großhirnrinde als Ursache dieser Zwangs¬ bewegungen angesprochen worden ist, demonstriert Vortr. das Gehirn eines 9 jährigen Mädchens mit ausgedehnter Mikrogyrie der Großhirnwindungen, das intra vitam (Krankenhaus am Urban) nur Unvermögen des Lesens und Schreibens bei sonst intakten Bewegungen gezeigt hat. — Zum Schluß demonstriert Vortr. die makroskopischen Frontalschnitte des Gehirns des 7 jährigen Knaben, den Herr Seelert (d. Centralbl. 1914. S. 988) als progressiven Torsionsspasmus demon¬ striert hat. Vortr. hatte damals bereits auf Grund längerer Beobachtungen diese Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 445 Diagnose bezweifelt und den hysterischen Grundcharakter des Leidens betont. Seit Herbst 1914 beobachtete er den Knaben wieder in seiner Poliklinik und konnte zunächst im Gegensatz zu den Fällen von progressivem TorsionsBpasmns eine wesentliche Besserung des Zustandes konstatieren. Der Knabe konnte wieder laufen, wenn auch unter starken Rumpfverdrehungen; vor allem aber vermochte er allein auf den Stuhl zu klettern und herunterzuspringen. Da unter dem Einfluß der sehr ängstlichen Mutter jedoch keine Heilung zu erzielen war, so wurde er in das Krankenhaus Gitschinerstraße aufgenommen. Hier bekam er gelegentlich einer hydrotherapeutischen Einpackung einen derart heftigen Wutanfall, daß er eine Atemlähmung bekam, an der er trotz langdauernder künstlicher Atmung zu¬ grunde ging. Die Sektion ergab außer einigen tuberkulösen Halsdrüsen und einer abnorm großen Thymus keinen pathologischen Befund. Am Gehirn ist makroskopisch weder an der Hirnrinde noch an den großen Ganglien eine patho¬ logische Veränderung erkennbar; die mikroskopische Untersuchung steht noch aus. Jedenfalls dürfte dieser Fall nicht zu den Fällen von progressivem Torsions- spasmus zu rechnen sein. Autoreferat. 3. Herr Roth mann: Ztun Katatonusversuoh (Kohnstamm) (s. Original¬ mitteilung 2 in dieser Nummer). Diskussion: Herr Oppenheim hat das Kohnstammsehe Experiment an ver¬ schiedenen Versuchspersonen wiederholt und dabei gefunden, daß es doch individuell sehr verschieden ausfällt. Er glaubt, die Erscheinung einfach darauf zurückführen zu können, daß die tonische Innervation einer Muskelgruppe nach Fortfall des Widerstandes nioht sofort unterbrochen, sondern noch eine Weile weiter aus- gefÜhrt wird; es handle sioh also nur um eine Äußerung der Perseveration. Auf einem verwandten Mechanismus beruhe der Hoesslinsche Versuch u. a. Autoreferat Herr Rothmann wendet sich gegen die Anschauung Oppenheims, daß es sich bei dem Kohnstamm sehen Versuch um eine einfache Fortsetzung der vorher gehemmten Willkürbewegungen handelt. Bereits die subjektive Empfin¬ dung des langsamen Aufwärtsschwebens des Armes spricht entschieden dagegen, vor allem aber ist es auffällig, daß diese Nachbewegung gerade in den schwächer angelegten Extensoren und Abduktoren des Armes stark hervortritt, in den viel stärkeren Beugern und Adduktoren nur angedeutet beobachtet wird. R. weist auf die von Stewart und Holmes in die Kleinhirnuntersuchung eingeführte Widerstandsprüfung hin, bei der der Arm tatsächlich infolge der ungenügenden Antagonisteninnervation der Kleinhirnkranken ohne Rückschlag die Widerstands¬ bewegung fortsetzt. Hiervon ist das Kohnstamm sehe Phänomen scharf zu trennen. Autoreferat Herr Schuster: Ich habe den von Kohnstamm beschriebenen Versuch gleich¬ falls an mir angestellt. Er gelang mir nur zum erstenmal. Ich hatte dabei die Empfindung, daß die Erscheinung daduroh bedingt werde, daß man während und unmittelbar nach dem Abwenden des Körpers von der Wand die tonische Inner¬ vation der Armstrecker noch fortsetze, bzw. daß man ohne genügende Übung außerstande sei, die einige Zeit lang (vor dem Abwenden des Körpers) unter¬ haltene tonische Muskelinnervation plötzlich zu unterbrechen. Wir beobachten ja auch unter anderen Umständen bei Gesunden manchmal, daß gewisse, eine Zeit¬ lang hintereinander aufrecht erhaltene kräftige tonische Innervierungen nicht ohne weiteres sofort gelöst werden können. Autoreferat. Herr Liepmann weist darauf hin, daß ein Analogon in der Pathologie die von ihm als tonische Perseveration bezeichnete Erscheinung bei Apraktischen (von Kleist Nachdauer der Kontraktion genannt) sei. Er fragt, warum das Phä¬ nomen nicht auch bei anderen Leistungen als bei der Extension zustande komme. Digitized by Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 446 Herr Rothmann: Gerade der Nachweis, daß, abgesehen von der Nachbewe¬ gung des Armes und der übrigen Eörperabsohnitte, sich eine Richtungsablenkung bei Anstellung des B&ränyschen Zeigeversuches konstant nachweisen läßt, trotzdem hierbei neue Willkiirbewegungen zwischengeschaltet werden, spricht für den zen¬ tralen Ursprung des Phänomens. Allerdings ist es richtig, daß hierbei große individuelle Verschiedenheiten Vorkommen. Erst die Untersuchung einer größeren Reihe von zerebellaren Affektionen wird ein Urteil darüber gestatten, inwieweit die Eieinhirndiagnostik durch das Eohnstammsohe Phänomen eine Bereicherung erfährt. Jedenfalls scheint. R. dasselbe der eingehenden Beachtung der Neurologen wert zu sein. Autoreferat. Herr L. Borohardt fragt, ob auch nach anderen Richtungen, als nach außen, beim Zeigeversuch abgewichen wird. Herr Rothmann hat Abweichungen nach außen und oben festgestellt; doch liegen hier noch keine ausreichenden Erfahrungen vor. 4. Herr Eramer stellt 6 Fälle von partieller Nervenläsion bei Schuß- Verletzung vor. 1. Schußverletzung an der Schulter durch die Achselhöhle nach der Brust durchgehend. Lähmung des gesamten Radialisgebiets, von dem nur der lange Eopf des Trizeps erhalten ist. In den gelähmten Muskeln totale Entartungsreaktion, Sensibilitätsstörung im Radialisgebiet am Handrücken. — 2. Schuß Verletzung am Oberarm dorsal handbreit über dem Ellenbogengelenk, Ausschuß an der seitlichen Thoraxwand an der hinteren Axillarlinie. Lähmung des gesamten Radialisgebiets ebenfalls unter Verschonung des langen Trizepskopfes mit kompletter Entartungsreaktion in den gelähmten Muskeln, Sensibilitätsstörung im lateralen Teile des Radialisgebiets am Handrücken und im Bereich des Cutaneus antebrachii dorsalis. In beiden Fällen ist trotz des Erhaltenseins des langen Trizepskopfes die Eraft der Ellenbogecstreckung sehr gering, was mit den dies¬ bezüglichen Angaben Duchennes übereinstimmt. Die Aussparung des Muskels ist dadurch zu erklären, daß der Radialisast für den langen Trizepskopf oberhalb der Äste für die anderen Teile des Trizeps abgeht; der Ort der Läsion des Ra- dialis läßt sich daher sehr genau bestimmen, was für die operative Behandlung des 2. Falles, bei welchem der lange Verlauf des Schußkanals sonst eine bestimmte Lokalisation nicht zulassen würde, von Bedeutung ist. — 3. Schußverletzung am Vorderarm mit Fraktur des Radius und der Ulna. Lähmung des Extensor pollicis longus und brevis, des Abductor pollicis longus und des Extensor indicis proprius. Der Extensor pollicis brevis ist elektrisch stark herabgesetzt zu bekommen, die übrigen gelähmten Muskeln sind galvanisch und faradisch bei erträglichen Strömen nicht erregbar; nirgends Entartungsreaktion nachweisbar. Die Verteilung der Lähmung zeigt, daß es sich um eine isolierte Läsion des Endastes des Radialis handelt, welcher nach Abgabe der Zweige für den Extensor carpi ulnaris und den Extensor digitorum communis die 4 betroffenen Muskeln versorgt. Das Fehlen der Entartungsreaktion zeigt, daß keine Durohtrennung des Nerven vorliegt. — 4. Schußverletzung am Unterarm mit Zertrümmerung eines etwa 3 cm langen Stückes in der Mitte der Ulna, der Extensor pollicis longus fehlt funktionell und elektrisch ganz. Der Ausfall ist wahrscheinlich nicht durch Nervenläsion, sondern durch die Zertrümmerung des Teiles der Ulna, an welchem der Muskel entspringt, zu erklären. — 5. Schuß Verletzung am Unterschenkel an der Grenze zwischen mittlerem und unterem Drittel. Lähmung des Extensor digitorum brevis und des Extensor hallucis longus und brevis. Der Extensor hallucis longus ist an seinem Reizpunkt faradisch nicht zu bekommen und zeigt galvanisch träge Zuckung. Vom Nerven aus dagegen ist er sowohl faradisch wie galvanisch mit schneller Zuckung, jedoch stark herabgesetzt erregbar. Die anderen beiden gelähmten Mus¬ keln zeigen komplette Entartungsreaktion. Die Sensibilität ist gestört an der Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 447 Dorfcalseite des Fußes im Verbreitungsgebiete des Peroneus superficialis und pro¬ fundus. Auffallend ist y daß bei einer so distal gelegenen Verletzung des Nervus peroneus auch der Extensor hallucis longus mitbetroffen ist. Es findet dies seine Erklärung wahrscheinlich darin, daß der Nerv in seinem Verlauf am Unterschenkel mehrere Zweige an den Muskel abgibt, von denen ein Teil oberhalb, ein Teil unterhalb der Läsionsstelle abgeht, wodurch auch das Verhalten der elektrischen Erregbarkeit erklärt werden würde. Die Sensibilitätsstörung zeigt, daß die Schu߬ verletzung neben dem Endast des Peroneus profundus auch noch den Hauptast des Peroneus superficialis betroffen hat. — 6. Aneurysma arterio-venosum der Subclavia nach Schußverletzung. Das Aneurysma wurde in der chirurgischen * Klinik operativ entfernt; hierbei erwies es sich als notwendig, den vorderen Ast der Medianusgabel, der durch das Aneurysma stark gedehnt war, zu durohschneiden und erst nachher wieder zu vereinigen. Es findet Bich eine Lähmung des Flexor digitorum sublimis, des Palmaris longus und des Abductor pollicis brevis mit kom¬ pletter Entartungsreaktion. Parese und partielle Entartungsreaktion besteht im Flexor pollicis longus, während der Flexor carpi radialiß, der Pronator teres und der Flexor pollicis brevis funktionell und elektrisch vollkommen erhalten sind. Im Medianusgebiet an der Hand besteht eine leichte Sensibilitätsstörung. — Der Votilitätsausfall war vor und nach der Operation nicht wesentlich verschieden, so daß anzunehmen ist, daß die vordere Medianusgabel durch Dehnung schon so ge¬ schädigt war, daß es einer vollkommenen Außerfunktionssetzung gleiohkam. Der Fall ist bemerkenswert für die Verteilung der Muskelinnervation auf die beiden Ursprungsäste des Medianus. Autoreferat. Diskussion: Herr Oppenheim glaubt in einem der demonstrierten Fälle nicht eine Nervenläsion, sondern eine traumatische Muskellähmung erblicken zu dürfen. Jedenfalls habe er eine Reihe von Fällen beobachten können, in denen Schußverletzungen einen völligen Ausfall der MuBkelfunktion verursachten bei fehlender Entartungsreaktion und stark herabgesetzter oder erloschener elektrischer Erregbarkeit für beide Ströme. Abgesehen von der Muskel- und Sehnenzerreißung könne sich an den Insult ein myositischer Prozeß anscbließen, der sich über den ganzen Muskel verbreite. Auf diese traumatischen Muskelaffektionen sei bisher nicht genügend geachtet worden. In dem Falle, in welchem bei distaler Peroneus- verletzung der Extensor hallucis longus beteiligt war, müsse auch mit dem Moment der Zerrung gerechnet werden. Im Hinblick auf die Frage der Medianus¬ verletzung möchte 0. auf zwei Tatsachen hinweisen: 1. die Schwierigkeit der direkten elektrischen Reizung des Flexor digit. profundus, wenigstens des Medianus- anteils und ganz besonders des Zeigefingerbeugers; 2. auf die Tatsache, daß die ulnare Innervation des Daumenballens, speziell der die Opposition ver¬ mittelnden Muskeln doch eine weit größere Rolle spiele, als bisher bekannt sei. Im Anschluß an entsprechende Beobachtungen von Oppenheim und Bernhardt habe letzterer schon erkannt, daß ein Kommunikationsast zwischen Ulnaris und Medianus den Daumenmuskeln Impulse vom Ulnaris zuführen könne. 0. hatte nun Gelegen¬ heit, an zwei mit M. Borchardt beobachteten Fällen festzustellen, daß bei völliger Zerreißung des Medianus am Unterarm (mit beträchtlicher Diastase) die Funktion der Daumenballenmuskeln fast unversehrt sein könne. Es gelang ihm dabei nach¬ zuweisen, daß die elektrische Reizung des N. medianus ohne Effekt auf die ent¬ sprechenden Daumenmuskeln blieb, während vom N. ulnaris aus eine kräftige Opposition erzielt werden konnte (noch kräftiger freilich bei direkter faradischer Reizung des Daumenballens). Sicherlich war dabei nicht etwa nur der Adduktor und tiefe Kopf des Flexor im Spiele, sondern die in der Regel vom Medianns versorgten Muskeln, ohne daß 0. auseinanderhalten konnte, welchen Anteil daran der Abductor pollic. brevis und welchen der Opponens hatte. 0. hat dann auch bei einzelnen gesunden Individuen bzw. an der gesunden Seite derselben Personen Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 448 einen auffallend starken Einfluß der Clnarisreizung auf die Daumenmuskeln kon¬ statieren können. Die Frage bedarf der weiteren Untersuchung. Autoreferat. Herr Toby Cohn antwortet auf die letzte Bemerkung, daß der Flexor digit prof. regelmäßig an einer — auch in seinem Buche angegebenen — Stelle distal vom Oleoranon, ganz nahe der Streckseite, reizbar ist, der Zeigefingerast allerdings oft schwer. Der Ext. hall. long. ist auch in der Norm oft schwer reizbar. Autoreferat. Herr Kramer erwidert, daß in dem betreffenden .Falle der Ext. hall. long. auf der gesunden Seite gut zu reizen war. Bezüglich des Einflusses der Ulnaris- reizung auf die Daumenmuskeln bemerkt er, daß der Adductor poll. auch eine Oppositionswirkung hat und so eine Opponenswirkung vorgetäuscht werden kann. Herr Liepmann hat auch einen Fall gesehen, bei dem alles auf totale Durchtrennung des Medianus hinwies und doch der Opponens funktionell und elektrisch intakt war. Die Annahme aber einer ulnaren Innervation des Opponens ließ sich in diesem Falle nicht elektrisch stützen. Denn der Opponens war nicht vom Ulnaris aus zu reizen. Herr Oppenheim: In meinen Fällen gelang das. Herr Kramer glaubt, daß die besondere Auswahl der vier Muskeln am Vorderarm in seinem Fall 3 mehr für eine nervöse Läsion, bzw. für das Mit¬ vorhandensein einer solchen spricht. In Fall 5 spricht die Besonderheit der elektrischen Störung gegen eine Zerrung und für K.’s Erklärung. Bezüglich der Reizung des Flexor dig. prof. stimmt K. Toby Cohn bei, doch ist gewöhnlich nur der Teil für den 4. und 5. Finger leicht, der für den 2. und 3. schwerer zu reizen. 5. Herr L. Borchardt demonstriert zwei Fälle von Ulnarislähmung. Bei dem ersten Fall fand die Verletzung am Unterarm statt und betraf auch noch den Hautftst des Radialis. Bei der nach längerer Zeit vorgenommenen Operation wurde kein wesentlicher Befund erhoben. Trotzdem trat nach der Operation eine Besserung der Lähmung ein, und auch die sehr starken Schmerzen wurden nach der Operation wesentlich geringer. Bei dem zweiten Fall war das Verschonteein des Abductor digiti V auffallend. Die Sensibilitätsstörung war auch nur eine partielle. Der Sitz der Läsion war ein so peripherer, daß der Ast für den Ab¬ ductor digiti V bereits abgegangen war. Diskussion: Herr Oppenheim lenkt die Aufmerksamkeit auf die bisher kaum beachteten Fälle von Verletzung der distalsten Äste des N. ulnaris im Zwischen- knochenraum zwischen den einzelnen Fingern. Er hat sie auch nur in diesem Kriege und zwar in größerer Anzahl (und merkwürdigerweise alle aus einem Spandauer Lazarett) gesehen. Es handelt sich da naturgemäß nur um Lähmung eines Interosseus-Lumbricalis mit oder ohne Anästhesie an den einander zugewandten Rändern zweier Finger. Nicht zu überwinden war aber oft die Schwierigkeit zu entscheiden, ob eine Nervenverletzung oder eine Muskel- bzw. Sehnenzerreißung vorlag. Autoreferat. Zar gefälligen Beachtung. Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke, Referate und Autoreferate an Herrn Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu Benden. Es wird besonders um Einsendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. Verlag von Vsit & Comp, in Leipzig. — Druck von Mbtzobb & Wrmo in Leipzig. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN Neurologisches Centralblatt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet von Profi EL MendeL Heraasgegeben TOD Dr. Kart Mendel. Vierunddreißigster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie direkt von der Verlagsbuchhandlung. 1915. 1. Juli. Nr. 13. Inhalt I. Originalmitteilungen. 1 . Das „Zerrungssymptom“ bei Erkrankungen der Cauda equina, von Hermann Schlesinger. 2. Ober die Rolle des Nervensystems in der Genese der Stoffwechsel- und Konstitutionskrankheiten, von Adolf Oswald. 3. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie. III. Über eine ungewöhnliche zerebrale Erkrankung nach Schrapnellverletzung, von I. P. Karplus. II. Referate. Anatomie. 1. Abnorme Bündel des Fornix und der Pyramidenbahn beim Meerschweinchen, von Wallenberg. 2. Beiträge zur Anatomie und Physiologie des gliösen Gewebes im Sehnerven, von Behr. — Physiologie. 3. Über den Ausfall der Ninhydrinreaktion bei Extrakten verschiedener Teile des Kaninchen gehirns, von Bausch. 4. Einfluß von Ernährung und Erkrankungen auf das Wachstum des Gehirns im 1. Lebens¬ jahre, von Sawidowltsch. 5. Schädelimpressionen bei Neugeborenen und ihr Einfluß auf die spätere Entwicklung, von Glaser. 6. Zum Einflüsse der Schädelimpression auf den Neu¬ geborenen und seine körperliche und geistige Entwicklung, von Gfrörer. 7. Der fehlende Ausgleich der Scliädelmaße bei anatomisch bedingten Funktionsstörungen des Gehirns, von Wolfer. 8. Sulla funzione dei lobi frontali, per Rebizzi. 9. Über die Grenzen der Extremi¬ tätenregion der Großhirnrinde, von Rothmann. 10. Über die Ausfallserscheinungen nach Affektionen des Zentralnervensysteme und ihre Rückbildung, von Rothmann. 11. Die Genital- zentren bei Gehirnerschütterung, von Ceni. 12. Die Neurologie des Fusionsvermögens, von Burkholdes. 13. Labyrinthaire invloed op de Oogbewegingen: Let mechanisme der gecon- jugeerde deviatie, vor Muskens. 14. Die Aufbrauchtbeorie und das Gesetz der Lähmungs¬ typen, von Auerbach. — Pathologische Anatomie. 15. Beiträge zur Klinik und patho¬ logischen Anatomie der Alzheimerschen Krankheit, von Frey. 16. Extensive nigmentation of the brain associated with nevi pigmentosi of the skin, by Maclachlan. 17. Uber Agyrie und Heterotopie am Großhirn, von Ehrhardt. 18. Über die Selbsttrepanation der Natur beim Turmschädel, von Strebet. 19. Zur sekundären Degeneration der Pyramiden bahnen bei Porenzephalie, von S. u. J. Stuchlfk. 20. Über Kopfhautfalten und Haarlinien, von Ganter. — Gehirn. 21. Zur fokalen Lokalisation der Sensibilität in der Großhirnrinde des Menschen, von van Valkenburg. 22. Klinische Beiträge zur Lehre von der Lokalisation der sensiblen Rindenzentren, von Slttlg. 23. Beiträge zur Frage der kortikalen Sensibilitätsstörungen, von Marburg. 24. Zur Lokalisation des Tastsinns, von Boenheim. 25. Zur Symptomatologie der zerebralen Lähmungen, von Bergmark. 26. Sintomatologia del lobo parietale e ptosi corticale, per Giannuli. 27. Ein Fall von Gehirnerweichung, von Russkich. 28. La lokali- sation segmentaire de l'ataxie corticale, par Rose. 29. The association of various hyper- kioetic Symptoms with partial lesions of tue optic thalamus, by Southard. 30. Beitrag zur Kasuistik der Hemianopsie, von Netouiek. 31. Ein Fall von zyklischer Okulomotoriuslähmung, von Groethuysen. 32. Zur Lokalisation in den Sehbahnen, mit einem Beitrage zur Lehre von den Störungen der Orientierung im Raume, von Pick. 33. Progressive lenticular dege- neration, by Cadwalader. 34. Disartria e nucleo lenticolare, di Garblni. 35. Über die Leber¬ veränderungen bei Pseudosklerose (Westphal-Strümpell) und progressiver Linsen kern dege- neration (Wilson sehe Krankheit), von Kubitz und Staemmler. 36. La cirrhose hepatique avec alterations dans les centres nerveux evoluaut chez des sujets d[äge moyen, par van Woerkom. 37. Ein Fall von organischer Verblödung mit eigenartigen Spannungs¬ zuständen der Muskulatur, von Rosental. 38. Ein Fall von akuter hämorrhagischer Enze¬ phalitis im Pons mit großen Blutungen, von Berg. 39. Beitrag zur Kenntnis der Sympto- XXXiv. 29 Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 450 matologie der Balkenerweichung, von Rotsi. 40. Über einen Fall Yon erworbener Balken¬ erweichung, von Schneider. 41. Die Windungen und Furchen des völlig balkenlosen Ge¬ hirns, von Schnabel. 42. Posthemiplegische Pseudomyotonie, von Quensel. 48. Über die Beteiligung der dynamischen Eigenschaften der Nervenapparate am Verlaufe der motori¬ schen Erscheinungen nach hemiplegischen Lähmungen, von Szpanbock. 44. Syndrome mdninge au cours d’une hemorragie ceröbrale, par Livy et Gönnet. 45. Les röactions menin- gees au cours de Thömorragie cerebrale latente, par Oppenheim et Cliret. 46. Le liquide cephalo-rachidien dans les hömorrhagies cräniennes, par Babes. 47. Tod durch spontane Gehirnblutung bei hämorrhagischer Diathese, von Hufschmidt. 48. Beitrag zur Diagnose der Hirnblutung, von Mendl. 49. Über einige ungewöhnliche Erscheinungen bei Hemiplegie, von Pariski. 50. Reflexe bei einigen hemiplegischen Kranken durch Beizung der Hornhaut und bei Kompression des Augapfels, von Dagnini. 51. Hemiplegie bei Abdominaltyphus mit Ausgang in Genesung, von Wulf. 52. Die orthopädische Behandlung der alten Hemi- plegiker, von Mayer. 53. Paradoxe Hirnembolie als Unfallsfolge, von Infeld. 54. Zerebrale Luftembolie, von Wovor. 55. 11 riso ed il pianto spasmodico nelle lesioni cerebrali d’origine vascolare, di Angola. 56. Eine neue Idee zur Beseitigung der Hyperämie des Gehirns und der inneren Organe, von Blum. 57. Großhirn Veränderung bei perniziöser Anämie, von Schröder. 58. Ein Fall von akuter zerebraler Ataxie bei Infektionskrankheit, von Mayer. 59. Über heilbare schwere Neuritis optica, verbunden mit zerebellarer Ataxie beim Keuch¬ husten (Keuchhustenenzephalitis), von Strümpell. 60. Über eine durch die Schwangerschaft bedingte schwere Hirnerkrankung, von Dreyfus und Traugott. 61. Die Differentialdiagnose der tuberkulösen organischen Erkrankungen von Gehirn und Rückenmark, von Nonne. 62. Stauungspapille bei zerebralen Gefäßerkrankungen, von Kutzinskl. — Hirngeschwülste. 63. Beiträge zur Stauungspapille und ihre Bedeutung für die Hirnchirurgie nach dem Material der Breslauer Universitätsaugenklinik und der Privatklientel, von Uhthoff. 64. Über die Resultate von druckentlastenden Operationen am Schädel bei Stauungspapille, von GDntz. 65. Augensymptome bei Gehirntumoren, von Hebenstreit. 66. Sarkom der linken motorischen Region, von Castex u. Bolo. 67. Zur Chirurgie der Hirntumoren im Bereiche des Parietal¬ lappens, von Jordan. 68. Heilung eines bemerkenswerten Großhirntumors, von Alexander u. Unger. 69. Die chirurgische Behandlung des erhöhten Hirndruckes, von Schüller. 70. Über den Anton-v. Bramannsehen Balkenstich, von Ringel. — Kriegsbeobachtungen. 71. Neuro¬ logische und psychiatrische Mitteilungen aus dem Kriege, von Löwy. 72. Der Einfluß des Krieges, insbesondere des Kriegsausbruches, auf schon bestehende Psychosen, von Meyer. 73. Contributo allo studio delle turbe neuro-psichiche dovute ad emozioni dar ante la guerra italo-turca, per Gorrieri. 74. Funktioneile Neurosen bei Kriegsteilnehmern, von Röper. 75. Primäre Wundnaht bei Schußverletzungen, speziell des Gehirns, von Birdny. 76. Zwei Fälle von Schußverletzung der zentralen Sehbahnen, von Dimmer. 77. Ein Fall von spontaner Nagelabstoßung nach Schuß Verletzung des Plexus brachialis, von Schlesinger. 78. Zur Frage der operativen Behandlung der Schußverletzungen peripherer Nerven, von Redlich. 79. Über Schußverletzungen peripherischer Nerven, von Reichmann. 80. Über Schußverletzungen der Armnerven, von Fröhlich. 81. Eine Vorrichtung zum Schreiben mit Hilfe des Gebisses bei Verlust bzw. Lähmung der Arme, von Grünberg. III. Aus den Gesellschaften. Ärztlicher Verein in Hamburg, Sitzung vom 26. Januar und 23. Februar 1915. (Fortsetzung.) IV. Neurologische und psychiatrische Literatur vom 1. Januar bis 31. März 1915. I. Originalmitteilungen. 1. Das „Zerrungssymptom“ bei Erkrankungen der Canda equina. 1 Von Prof, Hermann Sohlesinger in Wien. Da die Unterscheidung zwischen Konns- und Kaudaerkrankungen oft anf nicht unerhebliche Schwierigkeiten stößt, dürfte die Kenntnis eines, wie es scheint, wenig bekannten Symptoms bei Affektionen der Cauda equina von Interesse sein. Ich habe dasselbe vor 8 Jahren das erstemal gesehen and seither 1 Nach einer Mitteilung, erstattet am 11. Mai 1915 in der „Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie“ in Wien. Digitizetf by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 451 sechsmal beobachten können. Es findet sieb bei Kaudaaffektionen verschiedener Natur, ist also nur ein Zeichen einer Erkrankung des Pferdeschweifes, nicht eines bestimmten Leidens desselben. Das Symptom besteht in folgender Erscheinung: Der Kranke klagt über heftige und quälende Schmerzen im Sitzen, auch wenn er beim Liegen, Stehen oder Herumgehen völlig schmerzfrei ist. Die schmerzhaften Parästhesien werden im Mittelfleische, in der Analgegend, auch in der Gegend des Genitales oder im Mastdarm empfunden. Die peinlichen Empfindungen können so heftig werden, daß die Kranken das Sitzen völlig zu vermeiden trachten. In allen Fällen waren sichere Erscheinungen einer Kaudaerkrankung nachweisbar, ob¬ jektiv erkennbare Sensibilitätsstörungen, wenigstens vorübergehend, vorhanden gewesen. Unsere Fälle betrafen zweimal epidemische Meningitis, in zwei weiteren Beobachtungen war eine syphilitische Kaudaerkrankung anzunehmen, ein Kranker hatte nach Sturz, einer durch Schuß eine Kaudaverletzung akquiriert. Das Symptom war bei allen unseren Kranken ein viele Wochen währendes, bei zwei Patienten hielt es Jahre lang in ungeminderter Intensität an. Einer unserer Kranken, ein Kollege mit einer luetischen Wurzelerkrankung, hatte mäßige Blasen- und Mastdarmstörungen sowie eine asymmetrische Reit¬ hosenanästhesie. Beim Sitzen traten so heftige Schmerzen auf, daß der sonst ruhige Kranke nicht genug Ausdrücke finden konnte, um seine Qualen zu schildern. Er spürte sie hauptsächlich im Mastdarm, „wie wenn der Sphinkter mit Zangen in die Höbe gezogen würde“. Auch im Perineum wurde ein Druck¬ gefühl von großer Intensität empfunden. Der Kranke war durch diesen Zustand in der Ausübung seines Berufes stark behindert und suchte deshalb in zwei aufeinanderfolgenden Jahren meine Spitalsabteilung auf, ausschließlich, wie er betonte, wegen der Schmerzen beim Sitzen. Er konstruierte sich auf seinem von ihm selbst gelenkten Wagen eine schiefe Ebene, welche es ihm ermöglichte, halbliegend zu kutschieren. Eine Frau mit epidemischer Meningitis hatte bei einer Spinalpunktion im Momente des Einstiches einen ungemein lebhaften Schmerz, welcher in die Vagina und in die Clitoris ausstrahlte. Der Schmerz verschwand in der Rückenlage, um immer von neuem sich zu zeigen, wenn Patientin sich aufsetzte. Noch nach einem Jahre suchte mich die Frau auf, um Abhilfe gegen diese Schmerzen zu erbitten, welche sie dem Selbstmorde nahe brachten. Ein Unteroffizier wurde mit einer Schrapnellverletzung der Kauda dem Krankenhause übergeben. Es bestanden Blasenlähmung, Incontinentia alvi, Reithosenanästhesie, links viel ausgedehnter als rechts, und heftige Wurzel¬ schmerzen. Die Sensibilitätsstörungen gingen nach und nach zurück, die Blasen¬ lähmung besserte sich, ebenso die Sphinkterschwäche, auch verschwanden die spontanen Schmerzen im Liegen völlig. Der Kranke stand auf, konnte stunden¬ lang außer Bett 6ein, war aber nicht imstande zu sitzen. Im Momente des Aufsetzens jammerte er laut auf und konnte auch mit Unterstützung wegen unerträglicher Schmerzen nicht sitzen bleiben. Er schilderte seine Empfindungen 29* Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 452 so, wie wenn man ihm mit glühenden Instrumenten im Mastdarme hernmbohren würde. Auch dieser Kranke batte im Perineum lebhafte Schmerzen. Interessant ist der Umstand, daß der Verwundete, welcher einen am Darmbeinteller ein* dringenden Steckschuß erhalten hatte, unmittelbar nach der Verletzung der festen Überzeugung war, seine Verletzung müsse den Anus und das Perineum betreffen, da er nur in dieser Gegend Schmerzen empfand. Diese Gegend war aber frei von Beschädigungen. Erst nach mehr als Vjjähriger Dauer der Par- ästhesien klangen letztere spontan ab. Dieses Symptom ist offenbar ein Analogon des Kernig sehen Zeichens. So wie das letztere seine Entstehung der Dehnung von. Wurzeln verdankt, welche schon in den Frühstadien meningitischer Prozesse geschädigt sind, so dürfte auch in unseren Fällen eine Zerrung sakraler Wurzeln die Entstehung der eigenartigen Schmerzphänomene erklären. Wenn wir annehmen, daß durch den Erkrankungsprozeß (Syphilis, meningitische Schwarten, Bindegewebswucherungen nach Traumen usw.) einzelne Wurzeln fixiert werden, könnten wir den Mecba* nismus des Phänomens verstehen. Beim Sitzen findet dann ein Anspannen der angewachsenen Nervenwurzeln statt, welches den in der Peripherie empfundenen Schmerz auslöst. Bei dem letzterwähnten Kranken war nach Verschwinden des Symptoms dasselbe neuerlich zu provozieren, wenn man dem sitzenden Manne den Kopf stark nach vorn auf die Brust beugte, also einen Zug auf die untersten Rückenmarksabschnitte und die Kauda ausübte. Als isoliertes Früh- oder als restierendes Spätsymptom könnte gelegentlich dieses Zeichen eine erheblichere Bedeutung erlangen und auf das Bestehen ana¬ tomischer Veränderungen an der Kauda hinweisen. Da sein Auftreten einer Dehnung sakraler Wurzeln zuzusebreiben ist, würde ich vorschlagen, dieses Provokationsphänomen als „Zerrungssymptom“ der Cauda equina zu be¬ zeichnen. 2. Über die Rolle des Nervensystems in der Genese der Stoffwechsel- und Konstitutionskrankheiten. Von Adolf Oswald in Zürich. Die Neigung geht allgemein dahin, bei Stoffwechsel- und Konstitutions¬ krankheiten eine krankhafte Abweichung im Gewebs- und Zellchemismos als das genetisch wichtigste und primordiale Moment anzunehmen. Darunter wären zu verstehen eine krankhafte Änderung der chemischen Zusammensetzung des Zellkörpers oder auch der Körpersäfte, die dann funktionelle Änderungen nach sich zöge, oder auch nur rein funktionelle Änderungen des Chemismus. Näher spricht man sich darüber nicht aus, weil unsere momentane Kenntnis der Zellbiologie keine genaueren positiven Urteile gestattet. Das Studium des durch den Jodgebrauch mitunter bewirkten Schadens hat mir die Rolle dar¬ getan, welche bei Störungen, die anscheinend rein metabolischer Natur sind, das Nervensystem spielt. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 453 Vorwiegend bei mit Kropf behafteten Individuen, seltener bei solchen, die keine klinisch diagnostizierbare Struma haben, kann die Einnahme geringster Mengen Jod, z. B. mehrtägige Einreibung des Halses mit jodhaltigen Salben, Bepinselung mit Jodtinktur oder die Einnahme weniger Dezigramme Jod im Verlauf mehrerer Tage eine besondere Erkrankung bewirken, die wir als Jod- hyperthyreoidismus bezeichnen. Dieser Zustand hängt mit einer Resorption des Schilddrüsensekretes (Jodthyreoglobulin) und dessen Übergang in die Körper- satte zusammen. Die Wirkung einer Überschwemmung des Körperkreislaufs mit dem normalen Schilddrüsensekret äußert sich in einer Reihe nervöser Symptome (allgemeine Nervosität, motorische Unruhe, Aufgeregtheit, Schlaflosigkeit, Zittern, Hitzegefühl, Tachykardie, Herzklopfen, Bulimie, Polydipsie usw.) verbunden mit meist hochgradiger Abmagerung und Kräfteverfall, außerdem mitunter Glyko- surie. 1 Dieser toxische Zustand tritt nicht bei allen Individuen gleichmäßig auf, d. h. es sind nicht alle Menschen dazu disponiert, auch nicht alle disponierten zu jeder Zeit empfindlich. Das gilt auch für die gewöhnlichen Versuchstiere (Säugetiere). Hält man Umschau, welche Menschen daran erkranken, so sind es ausnahms¬ weise solche, welche ein, ganz allgemein gesagt, geschädigtes Nervensystem haben, d. h. solche, deren Nerven eine größere Ansprechbarkeit besitzen. Es sind Menschen, die von Kind auf nervöse Störungen zeigen, z. B. Kopfschmerzen seit der Kind¬ heit haben, die an „Nervosität“ leiden, leicht erregbar sind. Dann findet man unter ihnen auch häufig solche, bei denen Kokainempfindlicbkeit konstatiert wurde, die lebhaft reagieren auf Adrenalin, Hystamin und andere Gefäßgifte. Weiterhin trifft man Hemidrosis, halbseitige Rötung des Gesichts bei starker körperlicher Tätigkeit, also alles Zeichen eines affizierten Sympathikus. Dann gibt es Epileptiker unter den Disponierten. Endlich und nicht zum geringsten ist auch eine momentane Disposition gegeben in einer vorübergehenden Schwä¬ chung des Nervensystems infolge geistiger Überanstrengung, intensiver geistiger Tätigkeit verbunden mit zu wenig Schlaf. Man kann also sagen, daß es sich durchaus um Individuen handelt, die im weitesten Sinne „neuropathisch“ sind, in dem Sinne nämlich, daß ihr Nervensystem sich in labilem, übererregbarem Zustande befindet Wenn nun aber unter den Disponierten lauter solche Menschen zu treffen sind, so ist das Umgekehrte nicht der Fall. Nicht alle Neuropathiker scheinen für Jod im genannten Sinne empfindlich zu sein. Es scheint also noch auf ein besonderes Moment anzukommen, das wir noch nicht kenneu. Es wird nooh eine weitere Differenzierung notwendig sein, gestützt auf weitere Beobachtung. Es wird sich namentlich fragen, ob man mit Hilfe der Prüfuug der Gifte für das autonome (parasympathische) und sympathische Nervensystem (Pilokarpin, Atropin, Kokalu, Adrenalin und verwandte Substanzen) einen Schritt weiter kommen wird. Was ich bisher habe ermitteln können, ist, daß gerade Kokaluempfindlicbkeit sehr häufig — meine Fälle sind nicht zahlreich genug, um sagen zu können, immer — vorhanden ist. Kokaluemp- 1 Eine ausführliche Beschreibung des Krankheitsbildes soll anderswo erfolgen. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 454 findlichkeit scheint überhaupt in Kropfgegenden viel häufiger zu sein als in kropf¬ freien Gebieten. Das Bemerkenswerte bei der Jodempfindlichkeit ist, daß der Zustand des Nervensystems ausschlaggebend für das Auftreten von krankhaft gesteigerten metabolischen Vorgängen ist. Die OxydationsVorgänge, der Verbrauch an Fett und der Abbau eiweißhaltiger Zellbestandteile nimmt ganz ungewöhnliche Dimensionen an; trotz Bulimie und vermehrter Nahrungszufuhr tritt ganz rapid hochgradige Abmagerung ein, während ein gleiches nicht erfolgt, wenn das Nervensystem nicht in gesteigerter Weise auf gewöhnliche äußere und physiologische Reize an¬ spricht. Es zeigt dieses Verhalten, daß das Nervensystem auch den Stoffwechsel unter seinem Einfluß hat, ihn beherrscht und, man kann , wohl sagen, dirigiert. Die Ausscheidung von Zucker im Urin weist darauf hin, daß der Kohlehydrat¬ chemismus auch dabei inbegriffen ist. Die Kenntnis der Abhängigkeit desselben vom Nervensystem ist zwar nicht neu. Claude - Bernard zeigte, daß Verletzung einer bestimmten Stelle der Rautengrube Glykosurie auf einige Stunden bewirkte. Wir wissen auch, auf welchen Nervenbahnen sich der Reiz fortpflanzt, daß dies auf dem Wege des Sympathikus und Splanchnikus geschieht. Denn Durch- schneidung hebt den Effekt der Claude Bernardsehen Piqüre auf. Wir wissen noch weiter, daß die Nebenniere dabei beteiligt ist, denn ihr Sekretionsprodukt, das Adrenalin, bewirkt auch Glykosurie. Hier spielt also eine innersekretorische Drüse eine Rolle, und zwar im Sinne einer Förderung. Das Adrenalin mobili¬ siert den Zucker, der dann wohl nicht rasch genug verarbeitet, d. h. chemisch abgebaut und oxydiert werden kann. Da nun feststeht, daß die Nebenniere vom Nervensystem aus ihre Anspornung zur Tätigkeit erhält, wie das für die Drüsen mit Ausführungsgang schon lange bekannt ist, so ergibt sich auch von dieser Seite die Tatsache, daß das Nervensystem die Verarbeitung des Zuckers, den Kohlehydratchemismus in seiner Gewalt hat. Die Schilddrüse liefert ein Sekret, das Jodthyreoglobulin, das die Adrenalinwirkung bedeutend verstärkt; die Sekre¬ tion der Schilddrüse steht ihrerseits unter dem Einfluß des Nervensystems. Reizung des N. thyreoideus sup. bewirkt Mehrausscheidung von Schilddrüsen¬ sekret. Auch von dieser Seite beherrscht also das Nervensystem den Kohlen¬ hydratstoffwechsel. Die Schilddrüse erhöht die allgemeinen Oxydationen, den Fett- und Eiweißstoffwechsel. Da sie vom Nervensystem innerviert wird, steht auch dieser Teil des Stoffwechsels unter dem Einfluß des Nervensystems. Wenn nun aber der Stoffwechsel physiologischerweise so sehr vom Nerven¬ system seine Impulse erhält, von ihm dirigiert und reguliert wird, dann ist der Schluß nicht mehr fern, auch für Stoffwechselkrankheiten abnorme Impulse von ihm anzunehmen. Tatsächlich sehen wir ja ein abnormes Verhalten des Stoff¬ wechsels unter dem Einfluß eines sonst normalen, nur in übergroßer Menge gelieferten Sekretes bei affiziertem Nervensystem auftreten. Diese Tatsache stellt gewissermaßen ein greifbares Paradigma dafür dar, wie das erkrankte Nerven¬ system den Stoffwechsel abnorm beeinflussen kann, während das für die eigent¬ lichen Stoffwechselkrankheiten nicht so unmittelbar zutage tritt. Die Annahme, daß abnorme Impulse seitens des Nervensystems Stoffwechsel- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 455 alterationen and -krankheiten veranlassen, wird durch die Klfnik nicht widerlegt. Das häufige Vorkommen von Stoffwechselkrankheiten, namentlich Diabetes, in der Aszendenz der Jodempfindlichen deutet auf einen genetischen Zusammen¬ hang hin zwischen Störungen des Stoffwechsels und Schädigungen des Nerven¬ systems. Die Häufigkeit des Diabetes in Familien Nervöser und umgekehrt von Nervosität in diabetischen Familien, das Bestehen einer zweifellosen nervösen Form des Diabetes, die Verschlimmerung der Glykosurie durch psychische Reize (Ärger, Kummer, Schreck, Aufregung) weist auf enge Beziehungen zwischen Nervensystem und Kohlenhydratstoffwechsel bin. Die Verwandtschaft zwischen Diabetes und Fettsucht läßt das gleiche auch für diese Stoffwechselalteratiou plausibel erscheinen, und das Gleiche mag in gewissem Sinne auch für die Gicht stimmen. Man wird nun einwenden, daß die innersekretorichen Drüsen (Pankreas, Schilddrüse, Hypophyse, Geschlechtsdrüsen) doch sicherlich eine eminente Rolle bei der Genese dieser Krankheiten spielen. Doch muß mau bedenken, daß, wie ja schon erwähnt, für eine Anzahl dieser Drüsen die Ab¬ hängigkeit vom Nervensystem erwiesen ist, und wir irren gewiß nicht, wenn wir das auch für die anderen annehmen. Der Nachweis dafür wird zwar noch auf sich warten lassen, da er schwierig sein dürfte. Doch ist das kein Grund, es per analogiam nicht jetzt schon anzunehmen. Im Gegenteil, die vergleichende und allgemeine Biologie drängt uns darauf hin. Wir kennen bis jetzt keine ektokrine Drüse, die nicht vom Nervensystem aus beeinflußt würde; für einige endokrine Drüsen ist das auch erwiesen, da wäre es vom allgemein biologischen Standpunkt aus weit schwieriger, für die übrigen einen anderen Modus anzu¬ nehmen. Ja ich möchte noch weiter gehen. Jede Zelle ist gewissermaßen eine Drüse mit innerer Sekretion. Jede gibt Stoffe an die Zirkulation ab, die weiter verarbeitet werden und eine Bedeutung für den Organismus haben (ich nenne blos Kohlensäure und ihre Bedeutung für die Respiration). Das Schild¬ drüsensekret (Jodthyreoglobulin) hat sich nun als der Träger ganz eigenartiger Wirkung auf den Nerventonus erwiesen. Es erhöht denselben. Nachgewiesen ist das im Tierexperiment für das autonome (parasympatische) und sympatische Nervensystem, ebenso ergibt es sich aus der klinischen Pathologie für das animale (zentrale) Nervensystem. 1 Es liegt nun nichts im Wege anzunehmen, daß auch die Wirkung des Schilddrüsensekrets auf den allgemeinen Stoffwechsel, d. h. auf den Stoffwechsel jeder einzelnen Zelle, nicht auch durch Vermittelung des Nervensystems erfolge. Jedenfalls würde sich dann die Funktion der Schild¬ drüse als eine einheitliche herausstellen. Es ist das noch Hypothese, jedenfalls aber nicht aus der Luft gegriffen. Das, was von den Stoffwechselkrankheiten gesagt wurde, läßt sich auch auf die Konstitutionskrankheiten ausdehnen. Auch dort nimmt man ja viel¬ fach eine besondere strukturelle oder funktionelle Veränderung der Gewebe oder Körperflüssigkeiten an, über die man sich jedoch noch nicht im klaren ist, 1 Die klinischen Befände uud Tierexperimente werden ausführlich an anderem Orte beschrieben. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN nach dem gegenwärtigen Stande unseres Wissens auch nicht sein kann. Nun wurde auch der Jodhyperthy reoidismus von seinen ersten Beobachtern als eine durch die Konstitution gegebene Krankheit aufgefaßt (man sprach von „kon¬ stitutionellem Jodismus“). Heute wissen wir, daß das „konstitutionelle“ Moment, d. h. dasjenige, was die Prädisposition für den Ausbruch des Leidens schafft, im Zustande des Nervensystems liegt Der Umstand, daß für den Jodschaden Disponierte nicht zu jeder Zeit dafür empfindlich sind, daß also die Disposition nur eine zeitliche sein kann, legt dar, daß das, was wir in der allgemeinen Pathologie als Disposition be¬ zeichnen, selbst bei Leiden, die den Stoffumsatz umfassen, vom Nervensystem ausgehen kann. Der Kernpunkt dieser Mitteilung ist, daß dem Nervensystem eine weit wichtigere genetische Rolle bei den Stoffwechselkrankheiten zuerkannt werden muß als bisher vielleicht allgemein angenommen wird. Das Gleiche gilt viel¬ leicht für die Konstitutionskrankheiten, und auch nach der Richtung der Dis¬ position dürfte das Nervensystem eine größere Rolle spielen als man heutzutage annimmt. Die zentrale Lage, welche das Nervensystem in den physiologischen Be¬ gebenheiten einnimmt, erstreckt sich auch auf die pathologischen. [Aas der Nervenheilanstalt „Maria Theresien-Schlöseel“ in Wien.]. 3. Kasuistische Mitteilungen zur Kriegsneurologie. III. Über eine ungewöhnliche zerebrale Erkrankung nach Schrapnell Verletzung. Von Prof. Dr. I. P. Earplus. Am 7• November 1914 wurde der 23jährige Kadett N. in die Anstalt auf- genommen. Er stammt aus einer nervengesunden Familie, hat im Alter von 10 Jahren Diphtherie durchgemacht, später keine schwereren Krankheiten, ist seither nie bettlägerig gewesen. 1911 luetische Infektion. Patient machte damals eine Schmierkur durch, hatte seither keine weiteren Erscheinungen; keine weitere Behandlung. Anfangs August 1914 rückte N. bei der allgemeinen Mobilisierung ein, war vom 21. VIII. an täglich im Feuer. Am 8. September 1914 saß Patient als Geschützführer mit zwei Soldaten hinter dem Munitionswagen auf der Erde, als ein feindliches Artilleriegeschoß im Munitionswagen explodierte. Patient fühlte noch starke Hitze im Gesicht und einen heftigen Schlag auf das r. Bein und wurde dann bewußtlos. Als er nach einigen Minuten zu sich kam, sah er den einen seiner Nachbarn tot und ganz zerfetzt, den anderen tödlich verletzt. Er selbst war weiter heftigem Feuer ausgesetzt und suchte sich durch Laufen nach einer Deckung zu retten. Er lief ganz gut etwa 100 Schritte, darauf wurde er neuer* dings bewußtlos. Er hatte selbst wahrgenommen, daß sein Mantel an vielen Stellen von Geschossen zerfetzt war uud daß er aus dem Kopfe und aus dem Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 457 rechten Arme blutete. Auf seinem Körper wurde später unter dem Hemde eine Schrappneilfüllkugel gefunden. Zwei oder drei Tage nach der Verletzung hatte Patient einen Krampfanfall mit Bewußtlosigkeit, über dessen nähere Natur und Dauer nichts weiter zu eruieren ist. Am 20 September 1914 kam Patient nach Wien in ein Reserve- spital. Daselbst hatte er im Laufe einiger Wochen noch drei Krampfanfälle Einer dieser Anfälle war ärztlich beobachtet worden und hatte einen mehr funk¬ tioneilen Eindruck gemacht; es soll sich um Bewußtseinsstörungen mit tonisch¬ klonischen Krämpfen ohne auffallende vasomotorische Erscheinungen gehandelt haben. Von einem der Anfalle gaben die Bettnachbarn an, daß die Krämpfe in den linksseitigen Extremitäten begonnen hätten. Als Patient nach Wien kam (20. IX. 1914), sprach er, wie durch mehrere Auskunftspersonen verlässlich fest¬ gestellt ist, noch ganz normal. Im Laufe der nächsten Wochen aber stellte sich eine hochgradige Sprachstörung ein. Bezüglich dieser Störung wird von der einen Seite angegeben, daß sie nach den Anfällen sich entwickelt hätte und nach jedem Anfall sich verstärkt hätte, während von einer anderen Seite die Sprachstörung nicht mit den Krampfanfällen in Beziehung gebracht wird, sondern damit, daß Patient angeblich neben einem Kranken mit motorischer Aphasie gelegen sei. Seit dem Tage seiner Verletzung war Patient bettlägerig. Nach den Anfällen sei er vorübergehend fast zu jeder aktiven Bewegung unfähig gewesen. Wegen der Frage eines operativen Eingriffes war er auf eine chirurgische Klinik trans¬ feriert, dort aber zur Operation nicht geeignet gefunden worden. Die Hauptklagen des Patienten sind die über Sprach- und Gangstörung, sowie über heftige Schmerzen im Nacken bei dem Versuch einer freien Kopf¬ haltung. Ferner klagt Patient über Mattigkeit, Hitzegefühle, kalte Hände und Füße, starkes Schwitzen und hartnäckige Obstipation. Stat. praes. anfangs November 1914: Patient ist groß, kräftig gebaut, gut genährt Es fällt eine gewisse Leere seines Gesichtsausdruckes auf, die Gesichts- züge sind immer etwas schlaff, es besteht keinerlei gröbere Intelligenzstörung, keine auffallende Affektanomalie. Schädel h. u. 57 cm, mäßig dolichokephal. Rechts in der Scheitelgegend findet sich eine mehrstrahlige Hautnarbe, die aber nicht mit dem Knochen verwachsen ist; Druck in die Tiefe ist daselbst recht schmerzhaft, während der Schädel sonst nirgends druck- oder klopfempfindlich ist. (Die Narbenstrahlen sind einige Zentimeter lang, medianwärts bleiben sie 3 cm von der Mittellinie entfernt, nach hinten reichen Bie bis zur Scheitel-Ohrlinie.) Außerdem hat Patient noch einige andere von der Verletzung herrührende Haut¬ narben an der reohten Schulter und dem rechten Oberarm; keine Pigmentano¬ malien. Es besteht ein leichter Grad von Dermographie. Die Untersuchung der inneren Organe ergibt nichts Pathologisches. Die Schilddrüse zeigt eine seit Jahren bestehende leichte Vergrößerung, der Herz- und Lungenbefund ist normal, Puls 72, rhythmisch, beim Versuch sich aufzusetzen oder bei anderen Anstrengungen oder Erregungen starke Beschleunigung ohne Arhythmie. Die Untersuchung der Bauchorgane, besonders auch der Leber und der Milz, läßt nichts Pathologisches erkennen. Eine Probe auf alimentäre Glyko- surie (mit 100 g Traubenzucker) fällt negativ aus. Die Pupillen sind rund, gleich weit, reagieren prompt auf Licht und Akkom¬ modation. Die sympathische Pupillenreaktion (Erweiterung auf Sohmerzreiz) ist beiderseits nicht deutlich. Die Augäpfel in normaler Stellung und Lage. Die Kornea zeigt keine Verfärbung; Augenbewegungen frei, keine Doppelbilder, kein Nystagmus. Sehschärfe gut, keine Gesichtsfeldeinengung, kein Skotom. Der Augenhintergrund normal (Dr. Hitschmann). Nach Adrenalininstillation ins Auge tritt keine Mydriasis auf. Kein Lidtremor. Konjunktival- und Kornealrefiex prompt. Nasenreflex vorhanden, Kitzelgefühl im Gehörgang normal. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 458 'Wenn Patient den Kopf auch nur wenige Sekunden frei ohne Unterstützung hält, klagt er über Steifigkeit und Schmerzen im Nacken, doch sind alle Kopf¬ bewegungen passiv und aktiv in vollem Umfange möglich, kein Druckschmerz im Nacken. Eine deutliche gröbere Fazialislähmung besteht nicht, immerhin aber eine gewisse Differenz zuungunsten der linken Seite. Bei willkütlicher, sowie bei mimischer Innervation prägt sich die Nasolabialfalte rechts etwas mehr aus als links, auch tritt die Hebung des Mundwinkels rechts um ein ganz Geringes früher auf als links. Gesichtssensibilität normal. Die Zunge wird gerade und kräftig herau6- gestreckt, ausgiebig seitwärts bewegt, doch besteht eine leichte Ungeschicklichkeit in den Zungenbewegungen, z. B. beim Heben der Spitze gegen den harten Gaumen, beim Einsenken derselben hinter die Unterkieferzähne. Elektrische Erregbarkeit der Gesichts- und Zungenmuskulatur normal. Die Lippenbewegungen sind etwas ungeschickt; besonders beim Pfeifen, Schnalzen tritt das deutlicher hervor. Bei den Bewegungen der Gesichts- und Zungenmuskulatur besteht keine Andeutung von Steifigkeit oder Starre, die Muskulatur ist nicht atrophisch. Kauen und Schluoken ohne Störung. Der MasBeterreflex ist nicht auszulösen, der Rachen- reflex ist herabgesetzt. Der rechte Gaumenbogen kontrahiert sich stärker als der linke, die Uvula wird dabei nach rechts verzogen. Im Kehlkopf besteht eine leichte Parese der Adduktion, insbesondere der M. interni, welche bei Phonation leicht konkav bleiben, die Stimmbänder zeigen beim Versuch einer stärkeren Phonation leichten Tremor (Prof. Haick). Es besteht eine sehr auffallende, hochgradige Sprachstörung. Patient bringt immer nur eine Silbe hervor, erst nach ein bis mehreren Sekunden die nächste; dabei gerät er sichtlich in Erregung, es treten heftiges Grimassieren und sehr lebhafte Mitbewegungen auf: Patient wälzt sich förmlich hin und her, bewegt alle Extremitäten, greift sich mit der rechten Hand an den Kopf Diese Be¬ wegungen erinnern an choreatisch • athetotische Bewegungen. Die einzelnen Silben werden stoßweise hervorgebracht, dabei sieht man, bevor es zur Intonation kommt, häufig mehrmals krampfhafte Bewegungen des Sprechapparates, z. B. Beben der Lippen. Die Sprache ist näselnd, verwaschen, besonders B, P und L werden schlecht ausgesprochen. Beim Versuch zu singen bestehen dieselben Störungen wie beim Sprechen. Bei diesen Versuchen tritt, wie auch sonst bei körperlichen Anstrengungen, heftiges Schwitzen auf. Die oberen Extremitäten zeigen eine sehr kräftige Muskulatur. Es besteht keinerlei trophische oder vasomotorische Störung. Alle Bewegungen sind im vollen Umfange und mit guter Kraft ausführbar. Der Muskeltonus ist vollkommen normal. Die tiefen Reflexe sind mäßig lebhaft, rechts und links gleich. Die oberflächliche und tiefe Sensibilität ist normal, Patient schreibt vollkommen korrekt ohne Mitbewegung, beim Schreiben mit geschlossenen Augen zeigt er allerdings auffallend starkes Ausfahren. Weder in der Ruhe noch bei Bewegungen ist Tremor vorhanden, beim Zeigeversuch keine Störung, keine Adiadochokinesie. Eine Nadel wird mit der rechten und linken Hand geschickt aufgelesen. Beim Versuch mit dem 2. oder 5. Finger nach der Nasenspitze zu greifen leichtes Danebenfahren, besonders bei geschlossenen Augen. Die mechanische Erregbarkeit des N. ulnaris und medianus erscheint stark erhöht« ebenso die elektrische Erreg¬ barkeit dieser Nerven (gleichwie die des N. facialis). Umschnüren der oberen Extremitäten ruft keine Krampfatellung hervor. Aufsetzen aus der Rückenlage gelingt nur mühsam mit Hilfe der oberen Extremitäten, dabei findet aber gute Kontraktion der Bauchmuskulatur statt Patient vermag dann ruhig mit normaler Haltung des Oberkörpers zu sitzen, kein Wackeln, kein Tremor. Die Rückenwirbelsäule zeigt keine auffallende Krüm¬ mung — solange Patient liegt oder im Bett sitzt (s. u.). Leichte Druckempfindlich- Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 459 keit der oberen Lumbalwirbeldorne. Bauchhautreflexe beiderseits vorhanden, dabei rechts deutlich lebhafter als links. Der Kremasterreflex beiderseits sehr lebhaft. Die unteren Extremitäten zeigen kräftig entwickelte Muskulatur, alle Bewegungen sind in sämtlichen Gelenken in vollem Umfange ausführbar, links jedoch mit geringerer Kraft als rechts. Der Tonus der Muskulatur ist beiderseits gleich, normal. In der Buhe besteht keine Andeutung von Tremor, bei manchen Beinbewegungen, z. B. beim Heben des im Knie gestreckten Beines in Rücken¬ lage, kommt es zu einem groben Tremor der Beine, mehr als. Wackeln zu bezeichnen. Bei Einzelbewegungen keine Ataxie. Patellar- und Achillessehnen¬ reflex rechts vorhanden, links deutlich gesteigert Kein Klonus. Kein Babinski. Die elektrische Erregbarkeit der Muskulatur ist normal. Die Hautsensibilität für alle Qualitäten ist links vom Knie abwärts leicht gestört. Die Stellung und passive Bewegungen der Zehen und des Fußes werden rechts stetB richtig erkannt, links nicht. Der Fußsohlenstreichreflex ist links deutlich schwächer als rechts. Es besteht eine höchst auffallende Gangstörung. Ganz im Gegensatz zu der guten Kraft und Beweglichkeit der Beine bei Bettlage, werden beim Geh¬ versuch die unteren Extremitäten am Boden geschleift, der Oberkörper wird stark zurückgeneigt, es kommt zu einer starken Lordose der Lenden- und unteren Dorsalwirbelsäule. Sich selbst überlassen macht der Patient, obwohl er sich mit den Armen stützt, nur wenige kleine Schritte und sinkt dann zusammen. Bei kräftiger Unterstützung macht er wohl Gehversuche, doch knicken die Beine, sobald er das eine oder das andere belastet, meist wieder ein. Es kommt zu einer Art Wackeln des ganzen Körpers, Patient vermag weder beim Gehen noch beim Stehen sich allein aufrechtzuerhalten. Bei einer Lumbalpunktion am 12. XI. 1914 werden wenige Kubikzentimeter wasserheller Flüssigkeit bei einem Druck von 220 mm entnommen. In 1 ccm findet sich eine Zelle. Wiederholte Röntgenaufnahmen des Schädels ergeben normalen Befund (Dr. Kbeuzfuchb, Prof. Schüller). Die verschiedensten Versuche einer Beeinflussung mit physikalischer und psychischer Therapie bleiben ohne unmittelbare Wirkung. So haben Kopf- faradisation und elektrische Vierzellenbäder, Massagen gar keinen nachweisbaren Einfluß. Auch ein ärgerlicher Zwischenfall, den Patient mit einem Kameraden hatte und über den Patient in begreifliche hochgradige Erregung geriet, hatte gar keinen Einfluß auf die Krankheitserscheinungen. Die Stimmung des Patienten ist gleichmäßig, meist etwas deprimiert, auf¬ fallende Aflektschwankungen werden nie beobachtet, kein Zwangslachen. Bei wiederholten Untersuchungen können hysterische Stigmata niemals gefunden werden. Krampfanfälle fehlen. Ganz allmählich treten leichte Veränderungen in dem Zustande auf. Die Kopfhaltung des Patienten wird freier, er klagt weniger über Steifigkeit im Nacken, insbesondere aber werden die Mitbewegungen bei den Sprechversuchen geringer. Die erhöhte mechanische und elektrische Erregbarkeit verliert sich. Im Laufe des Monates Dezember bildet sich eine leichte Kontraktur im linken Kniegelenk aus. Ende Januar 1915 sind die Mitbewegungen beim Sprechen geringer geworden, doch kommt es noch immer dabei zum Grimassieren, Herum¬ wälzen, zu Extremitätsbewegungen. Die Sprachstörung ist vielleicht etwas geringer geworden; Bradyphasie, Dysarthrie und Skandieren sind aber nach wie vor deut¬ lich. Die Gangstörung ist im wesentlichen unverändert, nur daß Patient, sich selbst überlassen, weniger leicht hinfallt als anfangs. Es ist jetzt eine leichte Kontraktur im linken Knie- und linken Fußgelenk zu konstatieren bei Andeutung von Spitzfußstellung. Maximale Beinstreckung im Knie, sowie maximale passive Dorsalflexion des Fußes führt zu lebhaften Schmerzäußerungen des Patienten. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN Bewegungen im Fuß* und in den Zehengelenken linke aktiv nieht in vollem Umfang möglich. Die tiefen Reflexe sind linke lebhafter ale rechte, bo wie früher. Ee besteht jetzt auch eine Andeutung von Fußklonus. Andeutung des Oppenheim’echen Phänomene links. Kein Babinski, kein Strümpell. Die SenBi* bilitätsstörung im linken Bein ist unverändert. Der obere und untere Bauchhaut* reflex ist rechte lebhafter als links, so wie früher. Auch jetzt läßt sich nirgends im Bereich der gesamten willkürlichen Muskulatur mit Ausnahme der erwähnten Kontrakturen eine Steifigkeit, ein Rigor nachweisen, solange Patient in Ruhe ist. Beim Gehen und Stehen allerdings kommt es, wie beim Sprechen, zu einer Menge falscher Innervationen und Mitbewegungen. Trotz des negativen Befundes bei der Wassermann’schen Probe wird vom 20.1. bis 9. III. 1915 ein Versuch mit intramuskulären Quecksilberinjektionen (20 Injektionen k 0,02 Hydrarg. succinimid.) unternommen. Danach Joddarreichung. Auch dieser therapeutische Versuch hat gar keine Wirkung, und der Zustand des Patienten ist Ende März 1915 so, wie er Ende Januar war. 1 Ein 25jäbriger gesunder Mensch erkrankt durch eine Schrapnellexplosion in seiner nächsten Nähe, wobei er mehrfach, auch am Schädel, verletzt wird. Nach kurzdauernder Bewußtlosigkeit vermag er einige Schritte zu laufen und wird neuerdings bewußtlos. Einige Tage darauf tritt ein Anfall mit Bewußt¬ losigkeit und allgemeinen Konvulsionen auf, und derartige Anfälle wiederholen sich mehrmals im Laufe der nächsten Wochen. Um diese Zeit entwickelt sich, angeblich im Anschluß an die Anfälle, eine hochgradige Sprachstörung und Unbeweglichkeit des Körpers. Wir sehen den Patienten 2 Monate nach der Verletzung. Es besteht eine mäßige Parese des linken Beines mit Steigerung der Sehnenreflexe und Sensibilitätsstörung, Herabsetzung der linksseitigen Bauchreflexe. Etwas schlaffe Gesichtszöge, etwas geringere Innervation des linken Fazialis, äußerst hochgradige dysarthrische Sprachstörung, Skandieren und leichte Brady- phasie, leichte Ungeschicklichkeit der Zunge, leichte Parese des linken Gaumens. Höchst auffallende Mitbewegungen beim Sprechversuch. Steifigkeitsgefühl im Nacken beim Versuch den Kopf frei zu halten, ein Wackeln der unteren Extre¬ mitäten bei einzelnen Intentiousbewegungen, vollkommene Unfähigkeit zu gehen und zu stehen. Beobachtung durch 4 1 / 2 Monate. Während dieser Zeit tritt in der gelähmten linken unteren Extremität eine leichte Kontraktur auf, das Wackeln der Beine bei Einzelbewegungen hört auf, die Mitbewegungen werden schwächer, die Sprach- und Gangstöruugen bleiben bestehen, werden eher etwas geringer, anscheinend durch Anpassung des Kranken an seine Störungen. Keine Beeinflußbarkeit der Symptome, weder durch therapeutische Versuche, noch durch psychische Alterationen. Es ist von vornherein klar, daß ein Teil der Symptome organischer Natur ist. Hierher gehören die linksseitige Beinlähmung, die Erhöhung der Sehnen- refiexe, die Kontraktur, die Differenz der Bauchbautreflexe. Diese Symptome treten aber im Krankheitsbild ganz zuröck; es wird vielmehr beherrscht von 1 Anmerkung bei der Korrektur: Bis Ende Juni keine wesentliche Veränderung. Patient vermag jetzt mit 2 Stöcken einige Schritte zu gehen, auch mit gespreizten Beinen ohne Stock zu steheu. Sonst Status idem. Anfälle sind während unserer Beobachtung nicht aufgetreten. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 461 der dysarthrischen Sprachstörung (Dysarthrie, Bradyphasie, Skandieren) mit den Mitbewegungen und von der Dysbasie. Diese Symptome nnd die Krampf¬ anfälle des Patienten konnten bei oberflächlicher Beobachtung auch auf Ärzte den Eindruck hervorrufen, es läge Hysterie vor. Die genauere Untersuchung und insbesondere die Beobachtung des Patienten während längerer Zeit veranlaßte uns jedoch, eine derartige Annahme fallen zu lassen. Die schlaffen Gesichts¬ züge, die leichte Parese der Gesichts- und Zungenmuskulatur, die Differenz in der Gaumeninnervation zeigten deutlich organische Gepräge; insbesondere hat aber das ganze Verhalten des Patienten während der 4‘/jinonatigen Beobachtungs¬ zeit, die gänzliche Unbeeinfiußbarkeit und Konstanz der Symptome, die sich nur ganz allmählich ein wenig veränderten, entschieden gegen eine funktionelle Natur des Leidens gesprochen. Es ist wohl nicht zweifelhaft, daß die links¬ seitige Beinparese von einer leichten Läsion der rechten Großhirnhemi¬ sphäre entsprechend der Läsion am Schädel herrührt; die Hauptsymptome des Kranken können aber durch eine derartige Läsion nicht veranlaßt sein. Das Bild erinnert in manchen Zügen an Erkrankungen des Hirn¬ stamms, die gerade in den letzten Jahren im Vordergrund des Interesses ge¬ standen sind. Zunächst an die progressive lentikuläre Degeneration. 1 Es ist freilich ausgeschlossen, daß unser Pall zur Wilsonschen Krankheit gehört Wir haben weder die unwillkürlichen Bewegungen, den rhythmischen Tremor, noch den Hypertonus. Auch war in den akutesten bekanntgewordenen Fällen dieses Leidens der Beginn ein allmählicher, kein perakuter, im Anschluß an ein Trauma wie hier. Rein symptomatologisch aber stimmt die hochgradige Dys¬ arthrie, und die Mitbewegungen erinnern an die unwillkürlichen Bewegungen der Kranken Wilson’s, während freilich andererseits das Unvermögen, das Gleichgewicht beim Stehen und Gehen zu erhalten in unserem Falle nicht die Folge eines Rigors ist, sondern eine eigentümliche Koordinationsstörung darstellt. Begreiflicherweise lassen sich auch Anklänge an jene Krankheiten finden, die mit Wilson ’s Fällen mehr weniger verwandt sind. So zu den als Pseudo- Sklerose bekannt gewordenen Fällen. Hier sei an Oppknheim’s jüngste Arbeit über diesen Gegenstand erinnert 8 , in der wieder auf die innigen Beziehungen der Pseudosklerose zur Wilsonschen Krankheit hingewiesen wird. Die hysteri- formen Anfälle, die Sprachstörung stimmen mit unserem Fall überein; an die motorische Störung der Einzelbewegungen bei der Pseudosklerose erinnern die Störungen dieser Bewegungen bei unserm Patienten. Über die Dysbasie ist dasselbe zu sagen wie bei Wilson. Auch bei der Pseudobulbärparalyse haben wir eine ähnliche Sprachstörung, doch fehlt in unserm Falle die eigent¬ liche Lähmung des Sprechapparates, sowie die Erhöhung der Reflexe. Obwohl nun Pseudosklerose und Pseudobulbärparalyse, wie schon die Hervorhebung des negativen (Pseudo-)Charakters in ihrer Bezeichnung andeutet, Krankheiten sind, deren Kenntnis keineswegs abgeschlossen ist, läßt sich doch sagen, daß unser 1 Wilson. Handb. d. Neurologie. V. 1911. * Neurolog. Centralbl. 1914. Nr. 22. Digitized by Gck igle Original fru-m UNIVERSITY OF MICHIGAN Fall gewiß nicht in ihren Rahmen fällt. Die eigentümliche Dysbasie erinnert am meisten an das als Asynergie cerebelleuse beschriebene Bild, doch finden sich keinerlei Anhaltspunkte für eine zerebellare Erkrankung. Eine bestimmte Diagnose ist in unserem Falle nicht zu stellen. Doch auch der Versuch, dem physiologischen Verständnis der Symptome näher zu kommen, stößt auf große Schwierigkeiten. Motorische Innerrationsstörungen sind im letzten Dezennium mit mehr weniger Glück wiederholt auf Affektion bestimmter „Extrapyramiden“bahnen bezogen worden. Auch Wilson hat in einer Be¬ sprechung seiner Fälle den Versuch gemacht, die choreatischen und athetotiscben Bewegungen durch eine Läsion der afferenten zerebello-rubro-thalamo-kortikalen Bahn zu erklären, den Tremor aber durch eine Störung der lentikulo-rubro- spinalen Bahn. Es lassen sich tatsächlich auch sonst noch manche Erfahrungen für eine derartige Beziehung einzelner langer afferenter und efferenter Bahnen zu gewissen motorischen Störungen anführen, und diese Beziehung wurde ins¬ besondere für die diagnostische Lokalisierung einer Erkrankung wiederholt mit Erfolg verwendet; andererseits darf doch nicht vergessen werden, daß bei der Kompliziertheit der zerebralen Mechanismen, die anatomisch und physiologisch hier in Betracht kommen, offenbar mit solchen Beziehungen und Erk'ärungen recht grob schematisiert wurde. Wir glauben uns daher auch mit der Fest¬ stellung begnügen zu sollen, daß in unserem Falle Dysarthrie und Dys- basie kein Ausdruck einer direkten Läsion des kortikospinalen Systems sind, sondern Koordinationsstörungen, die wohl von einer Läsion des Hirnstammes herrühren dürften. Es ist nicht leicht zu sagen, wie das Trauma diese Affektion hervorgerufen hat und welcher Natur die Veränderung des HirnBtammes sein mag. Immerhin ist daran zu erinnern, daß von vielen Seiten, so auch von uns, unzweifelhafte Fälle beobachtet und mitgeteilt wurden, in denen schwere Rückenmarkserkran¬ kungen (Blutung, Erweichung, Entzündung) als indirekte Schuß Wirkungen oder ganz ohne Schuß Verletzung nur durch heftige Erschütterung zustande kamen. Es ist bemerkenswert, daß in unserem Falle das Symptomenbild nicht gleich nach dem Trauma voll entwickelt war, sondern in den ersten Wochen ein deutlich progressiver Verlauf bestand. Möglicherweise hat die Lues für Ent¬ stehung und Verlauf eine Prädisposition geschaffen. Es ist auch auf die Mög¬ lichkeit einer Gehirnschädigung durch kohlenoxyd-haltige Explosionsgase bin- gewiesen worden. Wir konnten keine bestimmte Diagnose stellen, und auch der Versuch einer Analyse der Symptome fiel wenig befriedigend aus. Wenn wir uns trotzdem entschlossen den unklaren Fall mitzuteilen, so hat uns die Erwägung dazu be¬ wogen, daß wir dadurch den Anstoß geben wollen, daß der eine oder andere Kollege ähnliche Erfahrungen mitteilt. Ein Vergleichen der Fälle, die Möglich¬ keit, in manchen Fällen den Verlauf durch längere Zeit zu verfolgen, vielleicht einmal auch eine Autopsie, könnten uds im Verständnis derartiger Störungen des Hirnmechanismus weiter bringen. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 463 II. Referate. Anatomie. 1) Abnorme Bündel des Fornix und der Pyramidenbahn beim Meer¬ schweinchen, von Adolf Wallenberg. (Anat. Anzeiger. XLVIII. 1915.) Ref.: P. Röthig (Charlottenburg). Das abnorme Fornixbündel hat folgenden Verlauf: Es zweigt sich an der Kreuzung von Commissura anterior und linker Fornixsäule von letzterer ab, zieht ventromedial wärts, dann kaudal in der Richtung zum Corpus mamillare, wobei es ventromedial von dem Querschnitt der Fornixsäule liegt. Es endigt zum Teil mit dem Gros der Fornixfasern im Ganglion laterale des Corpus mamillare, zum Teil weiter kaudal an der ventrolateralen Grenze des kaudalen Mamillarpols. Die Pyramidenkreuzung erfolgt beim Meerschweinchen zur Basis der Hinter¬ stränge hin. Von der linken Pyramidenfaserung zweigt sich an der Basis des rechten Burdachschen Kerns ein Bündel „x“ ab, das nicht spinal-, sondern zerebral - wärts zieht. Es liegt zunächst ventral von der Furche zwischen Gollschem und Burdachschem Kern, sodann ventromedial von der spinalen IX. bis X. Wurzel, weiter frontal, in der Höhe der größten Ausdehnung des XII. Kerns, zwischen Radix spinalis IX bis X und Radix spinalis VIII und „endigt in dem zwischen beiden Wurzeln eingelagerten Grau, dessen Zugehörigkeit zur Vestibulariswurzel wahrscheinlicher als zur Vaguswurzel ist 41 . Es ähnelt in seinem Verlaufe dem Pickschen Bündel beim Menschen. Von diesem Bündel „x“ zweigt sich an dem Beginne seines frontalen Ver¬ laufs ein anderes Bündel „y“ ab, das in medialem Verlaufe zur linken Seite hinüberzieht und an der linken lateralen Grenze des Höhlengraues aufsplittert. Zu der Stelle seiner Aufsplitterung gelangt aus der linken Pyramide ein direkter, ungekreuzter Zug. Das Wallenbergsche Versuchsmaterial waren Meerschweinchen, die zum Zwecke der Verfolgung des basalen Riechbündels operiert und mit der Marchi- Methode untersucht worden waren. Die Arbeit ist Ludwig Edinger zum 60. Geburtstage gewidmet. 2) Beiträge zur Anatomie und Physiologie des gliösen Gewebes im Seh¬ nerven, von C. Behr. (v. Graefes Archiv t Ophthalmologie. LXXXIX. 1914.) Ref.: G. Abelsdorff. Anatomische sowie experimentelle Untersuchungen (Injektionen von Berliner Blau und chinesischer Tusche) überzeugten den Verf., daß zwischen dem Glia¬ fasersystem und den Achsenzylindern innige Verbindungen bestehen, indem sich von den gröberen Gliafasern feine Fädchen abzweigen, welohe die Markscheiden durchbohren und unmittelbar an den Achsenzylinder herantreten. Nach der Annahme des Verf.’s spielt das Gliafasersystem bei dem inneren FlüssigkeitswecliBel der nervösen Substanz die Hauptrolle, so daß er dasselbe als das Lympfgefäßsystem der nervösen Substanz bezeichnet. Außer den fixen Glia- zellen existiert noch eine zweite Art mit amöboiden und phagozytären Eigen¬ schaften. Die letzteren lassen sich im menschlichen Sehnerven bei Degeneration des nervösen Gewebes beobachten, zugleich erfolgt eine Proliferation der Glia- zellen durch amitotische Teilung. Physiologie. 3) Über den Ausfall der NJnhydrinreaktion bei Extrakten verschiedener Teile des Kaninchengehirns, von Wilhelm Bausch. (Klinik f. psychische u. nervöse Krankh. IX. H. 2. Halle a/S., Carl Marhold, 1914.) Ref.: Bratz. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 464 Bei gleichbleibender Versucbsanordnung reagieren die verschiedenen Einzel¬ extrakte von Gehirnrinde, Gehirnmarksubstanz und von Kleinhirn durchaus nicht gleichmäßig mit Ninhydrin. Was von vornherein anzunehmen war, ist damit be¬ wiesen: daß diese drei Gehirnabschnitte biochemisch nicht gleich zu achten sind. Das gilt nach Bauschs Untersuchungen vorerst nur fürs Kaninchengehirn, aber auch beim menschlichen Gehirn werden sich vermutlich diese Unterschiede fest¬ stellen lassen. 4) Einfluß von Ernährung und Erkrankungen auf das Wachstum des Ge¬ hirns im 1. Lebensjahre, von Dr. Wolf Sawidowitsch. (Monatsschrift f. Kinderheilk. XIII. H. 5.) Ref.: Zappert (Wien). Die Größenverhältnisse des Gehirns erschloß Verf. aus dem Wachstum des Kopfes. Er konnte hierbei nachweisen, daß künstliche und natürliche Ernährung für das Gehirnwachstum gleichwertig sind, daß einseitige fettarme Kost das Ge¬ hirnwachstum hemme, Ernährung mit Vollmilch und kondensierter Milch „große Köpfe 44 macht. Ernährungsstörungen rufen Störungen im Gehirnwachstum hervor, hingegen beeinflußt die Rachitis nicht die Gehirnentwicklung; ebensowenig ist dies bei exsudativer Diathese der Fall, wenn nicht infolge therapeutischer Ma߬ nahmen eine Unterernährung des Kindes eintritt. Die ausführliche Arbeit er¬ scheint als Berliner Dissertation. 5) Sohädelimpresslonen bei Neugeborenen und ihr Einfluß auf die spätere Entwicklung, von Fr. Glaser. (Inaugural-Dissertation. Würzburg 1914.) Ref.: K. Boas. Nach einer Übersicht über die einschlägige Literatur erörtert Verf. die Be¬ deutung der Impressionen des Schädels des Neugeborenen für- die spätere Ent- wicklung auf Grund von 16 Fällen aus der Würzburger Universitäts-Frauenklinik. Aus den Untersuchungen des Verf.’s ergibt sich zweierlei: 1. Eine besondere Therapie der Schädelimpressionen ist bei Neugeborenen nicht einzuleiten auf Grund eines günstigen Ausganges von 100°/ o in den Fällen des Verf.’s. 2. Ein Einfluß auf die spätere geistige Entwicklung besteht nicht. Niemals wurde ein Zurückbleiben in der Schule, Kopfschmerzen oder ähnliche von der Impression ausgehende Erkrankungen beobachtet. 6) Zum Einflüsse der Sohädelimpression auf den Neugeborenen und seine körperliche und geistige Entwicklung, von W. Gfrörer. (Zeitschrift f. Geburtsh. u. Gynäkologie. LXXV. H. 1.) Ref.: K. Boas. Ver£ kommt auf Grund Beiner Untersuchungen zu dem Ergebnis, der un¬ komplizierten Schädelimpression des Neugeborenen jeglichen Einfluß auf dessen spätere körperliche und geistige Entwicklung abzusprechen. 7) Der fehlende Ausgleich der Sohädelmaße bei anatomisch bedingten Funktionsstörungen des Gehirns, von Dr. Leo Wolf er. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 13.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. bespricht in einer vorläufigen Mitteilung die Fälle, in denen die Er¬ gebnisse der Kraniometrie und Kranioskopie mit der physiologischen Dignität des betreffenden Gehirns nicht in Einklang zu bringen sind. Er geht in seinen kurz skizzierten Betrachtungen von den experimentell physiologischen Ergebnissen und klinischen Beobachtungen aus. Die für die Intelligenz in erster Linie in Be¬ tracht kommenden Gehirnpartien liegen in jenem Teil des Schädels, der von zwei Geraden begrenzt wird, wovon man sich die eine vom oberen Ohrmuschelansatze zur Haar grenze, die andere vom oberen Ohrmuschelansatze zum Haarwirbel gezogen denken kann. Ein Dreieck entsteht dann durch die Verbindung von Haargrenze und Haarwirbel. Zwei andere Dreiecke entstehen durch Verbindung von Ohrmuschelansatz mit der Protuberanz des Hinterhaupts einerseits bzw. mit % dem Nasensattel andererseits. Das mittlere Dreieck ist immer das größte, die Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 465 Größe der beiden anderen ist bei Gesunden wie bei Geisteskranken sehr variabel. Das mittlere Dreieck ist bei Psychopathen kleiner als bei Geistes- gesunden. Beim Gesunden macht sioh im Gegensatz zum Psychopathen immer ein Ausgleich zwischen den drei Dreiecken geltend. 8) Sulla funzione dei lobt frontal!, per R. Rebizzi. (Estratto dal volume pubblicato in omaggio al Prof. Agostini.) Ref.: R. Ganter. Verf. gibt zunächst einen Überblick über den Stand der die Funktion der Stimlappen betreffenden Fragen, um dann selbst einen klinischen und anatomischen Beitrag zu bringen. Es handelte sich um eine 52 Jahre alte, an progressiver Paralyse erkrankte Frau mit zunehmender Verblödung und Charakterverschlech- terung. Die Sektion ergab eine bedeutende Atrophie der Stirnwindungen, eine wirkliche erworbene Mikrogyrie. Verf. sieht hierin einen unwiderleglichen Beweis dafür, daß im Stirnlappen der Sitz der intellektuellen Funktionen ist. 9) Über die Grenzen der Extremitätenregion der Großhirnrinde, von Max Rothmann. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. Heft 5.) Ref.: Kurt Mendel. / 1. Es findet sich beim Hunde hinter der Munkschen Extremitätenregion eine Zone für die Tiefensensibilität, für das Vorderbein im Gyrus suprasylviacus an¬ terior, für das Hinterbein im vordersten Teil des Gyrus marginalis. Bei Aus¬ schaltung dieser Zone handelt es sich im wesentlichen um ein Verstellen der ge¬ kreuzten Extremitäten nach allen Richtungen und um einen positiven Versenkungs¬ versuch in Beugestellung. 2. Beim Affen bewirkt Ausschaltung des Gyrus supramarginalis eine leichte Ungeschicklichkeit der Hand und Finger des gekreuzten Armes, aber keine Störung der Augenbewegungen. Während dieser ventrale Teil der Munkschen Augenregion daher zur .Armregion hinzuzurechnen ist, gehört der Gyrus angularis zur Sehsphäre. Seine Ausschaltung, ein- oder doppelseitig, bewirkt eine sich allerdings rasch zurückbildende Sehstörung. 3. Ausschaltung der hinteren Zentralwindung allein führt bereits neben Schwäche und Ataxie zu einer leichten RichtungsBtörung des gekreuzten Armes, die rasch vorübergeht. Dagegen bedingt die gemeinschaftliche Ausschaltung von Gyrus centralis posterior und Gyrus supramarginalis eine schwere Richtungs¬ störung des gekreuzten Armes beim Greifen in Verbindung mit starken Störungen des Haut- und Muskelsinns. Der Arm greift in der Horizontalen nach innen, seltener nach außen vorbei, in der Vertikalen nach oben zu hoch, nach unten zu tief. Diese Störung der von beiden Gyri aus zustande kommenden Innervation der Richtungsempfindungen wird durch Mitausschaltung des zerebellaren Arm¬ zentrums der Kleinhirnhemisphäre nicht wesentlich verstärkt. 4. Das Vorhandensein elektrischer Reizfozi in der hinteren Zentralwindung des Affen nach Ausschaltung der vorderen Zentralwindung wird an der Hand der mikroskopischen Serienschnitte eines einschlägigen Falles sichergestellt. Zugleich werden derartige Fozi an dem hinteren Wall der hinteren Zentralwindung am Fundus der Interparietalfurche nachgewiesen. 5. Sowohl die Inaktivität des gekreuzten Armes nach Ausschaltung des Gyrus centralis posterior, als auch die Restitution isolierter Bewegungen des Armes nach Ausschaltung des Gyrus centralis anterior beweisen das Vorhanden¬ sein motorischer Elemente in der Rinde des Gyrus centralis posterior. 6. Im Gyrus centralis anterior greift die motorische Zone weit nach vorn über die elektrisch bestimmte Armarea hinaus. Eine funktionelle Differenzierung der Area gigantopyramidalis und der Area agranularis ist bisher nicht möglich. 10) Über die Ausfallserscheinungen nach Affektionen des Zentralnerven¬ systems und ihre Rückbildung, von Max Rothmann. (Deutsche med. Wochensehr. 1914. Nr. 29.) Ref.: Kurt Mendel. xxxiv. 30 Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 466 Verf. bekämpft die Monakowsche Diaschisistheorie. Das Bestehen der DiaBchisis in dem von v. Monakow betonten Umfange würde eine Hirnlokalisation in der bisher angenommenen Form (Munk) vollkommen illusorisch machen und ließe die bisherigen Bindenzentren nur noch als die Brennpunkte ausgedehnter, über das ganze Gehirn verteilter Erregungskreise erscheinen» Diese Diaschisis¬ theorie lehnt Verf. an der Hand der experimentellen Hirnphysiologie, insbesondere auch der Erfahrungen am großhirnlosen Hunde, sowie mit Rücksicht auf die Beobachtungen am Menschen, speziell bei der Hirnchirurgie, mit Entschiedenheit ab. Vielmehr besteht für ihn kein Zweifel, daß im Bereich des Rückenmarks, der Hirnrinde und der tieferen Hirnzentren eine außerordentlich streng durchgeführte Lokalisation herrscht. Die Ausfallserscheinungen nach Herden im Zentralnervensystem folgen dem phylogenetischen Grundgesetz, das sich folgendermaßen formulieren läßt: Je älter im phylogenetischen Sinne eine Funktion ist, und je früher sie sich daher auch ontogenetisch entwickelt, um so mehr ist sie von tieferen phylogenetisch alten Zentren abhängig, die sich weitgehende Selbständigkeit gegenüber den höheren Zentren, vor allem der Großhirnrinde, bewahrt haben. Dagegen sind die phylogenetisch jungen Funktionen ausschließlich von der Großhirnrinde abhängig, nach deren Ausfall sie teils erst nach längerer Zeit, teils überhaupt nicht zur Restitution kommen. Auch innerhalb der Großhirnrinde selbst hat dieses phylo¬ genetische Grundgesetz Geltung und führt zur Abspaltung bestimmter, erst beim Menschen auftretender Funktionskreise (Aphasie, Apraxie). Verf. stellt unter Anführung von Beispielen für jeden Modus folgendes Schema der Rückbildung der Ausfallserscheinungen nach Hirnherden auf: 1. Rückbildung durch abgeänderte Funktion der erhalten gebliebenen Ab¬ schnitte des gleichen Hirnzentrums. 2. Rückbildung bei normaler Weise bilateral angelegten Funktionen durch Erstarken der anderen Hemisphäre. 3. Rückbildung durch Eompensationswirkungen von Hirnteilen, die normaler¬ weise in Synergie mit den ausgescbalteten Zentren funktionieren. 4. Rückbildung durch Wiedererstarken der phylogenetisch alten subkortikalen Zentren nach Ausschaltung der phylogenetisch jungen Zentren oder Bahnen. (Wichtigster Modus!) 5. Rückbildung durch Eintreten der Zentren der anderen Himbälfte mittels Eommissurenbahnung. — In diagnostischer und therapeutischer Hinsicht (diese Übungstherapie ist weit¬ gehend imstande, den Restitutionsvorgang zu beschleunigen und zu vervoll¬ kommnen, s. auch d. Centr. 1914. S. 536) scheint dem Verf. die Frage der Rück¬ bildung der Ausfallserscheinungen von Wichtigkeit. 11) Die Genltalzentren bei Gehirnerschütterung, von Carlo Ceni. (Archiv f. Entwicklungsmechanik der Organismen. XXXIX. 1914. H. 1; vgl. d. Centr. 1914. S. 505.) Ref.: Kurt Mendel. Versuche (Gehirnverletzungen) an Hühnern, Tauben und Hunden zeigten, daß die Geschlechtsorgane, besonders die Spermatogenesis und die Eierentwicklung, besondere funktionelle und trophische Zentren in der Hirnrinde besitzen: nach Verletzung einer Hemisphärenzone tritt Atrophie in dem Hodenparenchym bzw. Degeneration der am meisten entwickelten Eier des Eierstockes ein. Allmählich erfolgt eine teilweise anatomische Restitution der Organe, eine völlige Funktions¬ restitution der Geschlechtsdrüsen tritt aber nicht auf. Starke, wiederholte Gehirn¬ erschütterung führte ein Aufhören der Spermatogenesis und Hodenatrophie herbei. Nach 35 bis 80 Tagen völlige Wiederherstellung. Bei einem jungen Manne mit Schädeltrauma und schwerer Hirnerschütterung zeigte sich völliger Stillstand der Spermatogenesis mit dem Charakter einer akuten Atrophie der Hoden, der Canales Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 467 efferentes, der Epididymis und des Ductus deferens, Die Hirnerscbütterong hat also einen ungeheuren Einfluß auf die männlichen Geschlechtsorgane und besonders auf die Geschlechtsdrüsen. Diese ausgezeichnete Empfindlichkeit der Genitalzentren des Gehirns gegen eine rein dynamische Einwirkung ist viel stärker als die der motorischen und der Sinneszentren und steht im direkten Verhältnisse zur Ent¬ wicklungsstufe des Tieres selbst. 12) Die Neurologie des Fus io ns Vermögens, von Burkholdes. Ophthalmo- logy. X. 1914. S. 691.) Ref.: Kurt Steindorff. Bei niederen Tieren, Fischen, Amphibien, Vögeln, deren zerebrale Diffe¬ renzierung noch gering ist, liegt das Zentrum für die Augenmuskelbewegungen im oberen Paar der Corpora quadrigemina, die bei den Fischen entsprechend den an sie gestellten Anforderungen noch gering, bei den Vögeln aber stärker ent¬ wickelt sind. Je höher in där Tierreihe die Hirnrinde entwickelt ist, desto stärker geht das obere Vierhügelpaar zurück. Weiter regulieren sie die grobe Orientierung der Augenmuskeln; die feinere Fusion beim binokularen Sehen über¬ nimmt das Rindenzentrum im Hinterhauptslappen, das demnach sowohl die Inter¬ pretation der Scheineindrücke wie auch die Regulierung der feineren Augen¬ bewegungen zu besorgen hat. Durch die hinteren Fasern des Corpus callosum besteht eine Verbindung der beiden Hinterhauptszentren. 13) Labyrinthaire invloed op de Oogbewegingen: Lat meohanlsme der geoonjugeerde deviatie, vor L. H. H. Muskens. (Ned. Tijdschr. v. Geneesk. 1914. S. 893; vgl. Klin. Monatsbl. f. Augenheilkunde. LIH. 1914. S. 688.) Ref.: Kurt Steindorff. Auf Grund anatomischer, physiologischer und pathologisch-anatomischer Untersuchungen muß dem hinteren Längsbündel eine große Bedeutung bei der Erklärung der konjugierten Deviation in horizontaler Ebene beigelegt werden. Eigene Untersuchungen stützen diese aus dem Studium der Literatur entstandene Ansicht. Eine zweite Reihe von Versuchen ergibt, daß das Corpus Striatum und die Lamina medullaris ext beim Zustandekommen von Manegebewegungen eine Rolle spielen können. Schließlich erörtert Verf. den Wert des Symptoms der konjugierten Deviation für die Lokalisation von Eirankheitsherden. 14) Die Aufbrauohtheorle und das Gesetz der L&hmungstypen, von Sieg¬ mund Auerbach. (Deutsche Zeitsohr. f. Nervenheilk. LIU. 1916. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Das Gesetz der Lähmungstypen, welches Verf. verficht, ist folgendes: Die¬ jenigen Muskeln hzw. Muskelgruppen erlahmen am raschesten und vollkommensten, bzw. erholen sich am langsamsten und am wenigsten, die die geringste Elraft (ausgedrückt durch das Muskelgewicht) besitzen und ihre Arbeitsleistung unter den ungünstigsten physikalischen, physiologischen und anatomischen Bedingungen zu vollbringen haben, während die in dieser Beziehung besser gestellten Muskeln von der Lähmung größtenteils verschont bleiben. Pathologische Anatomie. 16) Beiträge zur Klinik und pathologischen Anatomie der Alzheimersohen Krankheit, von E. Frey. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u.Psych. XXVIL 1916. H. 6.) Ref.: W. Misch. Auf Grund seiner klinischen Beobachtungen und eingehender histologischer Untersuchungen kommt Verf. zu dem Ergebnis, daß die Alzheimer sehe Krankheit trotz der eigentümlichen Sprach- und praktischen Störungen keine selbständige Krankheit, sondern eine atypische Form der senilen Demenz ist, die am häufigsten im präsenilen Alter, aber auch im vorgeschrittenen Alter beobachtet wird. Ana¬ tomisch besteht ein Unterschied der beiden Formen nur in ihrer Lokalisation und 30* Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 468 ihrem Grad, indem die schwersten anatomischen Veränderungen der Alzheimer- sehen Krankheit im Gyrus angularis und im Schläfenlappen zu beobachten sind. Bei der Alzheimerschen Krankheit hat die Architektonik der Binde gelitten; sie ist charakterisiert durch hochgradigen Hirnschwund, Drusenbildung, Ganglien¬ zellen- und Fibrillendegeneration. Die Drusen sind wahrscheinlich als pathologische Stoffwechselprodukte aufzufassen, die sich im verdichteten Gliaretikulum einlagern, zwischen denen gliöse Abraumelemente erscheinen; die Achsenzylinder weisen an der Peripherie und im Innern der Drusen zum Teil degenerative Veränderungen, zum Teil proliferative Reizerscheinungen auf; das umgebende Gliagewebe reagiert auf die Einlagerung der pathologischen Stoffwechselprodukte durch Bildung großer faserbildender Gliazellen, deren Fasern den Herd einkapseln. Die Ganglienzellen neigen zur fettig-pigmentösen Degeneration; ein Teil der fettig-degenerierten Zellen geht zugrunde, der andere sklerosiert. In den in tieferen Schichten liegenden Zellen gibt sich der Untergang der Zelle in einer feinkörnigen Umwandlung des Zellprotoplasmas kund, die dann zur Vakuolenbildung führt. Die Fibrillen¬ degeneration besteht in einer Verdickung der Fibrillen, die dadurch entsteht, daß sich die feinen Fibrillen durch eine Kittsubstanz verkleben und klumpig werden; die verdickten Nervenfibrillen neigen zu Schlingeubildungen; die verklebten Fibrillen zeigen eine große Affinität zu Silberstoff. 16) Extensive pigmentation of the brain assooiated with nevi pigmentosi of the skin, by W. W. G. Maclachlan. (Journ. of med. Research. XXIX. 1914. Nr. 3.) Ref.: K. Boas. Verf. untersuchte Kleinhirn, Pons und Thalamus opticus eines 2 Honate alten Kindes, das auf der Haut mehrere Naevi pigmentosi zeigte. Es fanden sich in den genannten Hirnteilen wie in den Naevis pigmentierte und nicht pigmentierte Naevuszellen, deren Entstehung Verf. nach Ribbert von den Chromatophoren der Haut (Mesoblast) ableitet. 17) Über Agyrie und Heterotopie am Großhirn, von Ehrhardt. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). Das Gehirn stammt von einer epileptischen Idiotin, die Erscheinungen von Kinderlähmung darbot, auf ganz infantiler Stufe des Körperwachstums stehen ge¬ blieben war und im 9. Lebensjahre an Tuberkulose starb. Es fand sich eine Wachstumshemmung und Mißbildung der Himentwicklung. Die hinteren zwei Drittel der Hirnoberfläche zeigten noch keine Furchung und Gliederung in Win¬ dungen. Die Rinde war verbreitert; unterhalb lag, von ihr durch einen linien- schmalen Markstreifen getrennt, eine abnorme graue Masse, die nur durch eine 2 / s cm breite Markschicht von der Ventrikelwand abgedrängt war. Diese Masse enthielt neben vereinzelten Pyramidenzellen nur polygonale Stemzellen und war nicht durch radiäre Markstrahlen zerteilt. Entzündungserscheinungen waren nirgends nachweisbar. Bei der Erklärung dieser Mißbildung schließt sich Verf. der Matellschen Anschauung an, daß infolge Ausbleibens der normalen Markentwicklung die untere Grenzschicht der Rinde in Wucherung geraten ist. Dem Verf. sind leider die grundlegenden neueren Arbeiten von v. Monakow und H. Vogt entgangen, welche eine erschöpfende Darstellung der Heterotopie grauer Substanz und ihrer Patho¬ genese enthalten. In diesen Arbeiten hätte er auch die von ihm besonders be¬ dauerte „Lücke in unseren Kenntnissen der normalen Hirnentwicklung“ ausgefüllt gefunden. Speziell berücksichtigt Vogts bekannte Arbeit „Über Anatomie, Wesen und Entstehung mikrozephaler Mißbildungen“ (in „Arbeiten aus dem hirnanatomi- 8chen Institute in Zürich“ I) ganz besonders die Rinden- und Markentwicklung des normalen Gehirns vom 4. Fötalmonat bis zur Geburt. 18) Über die Selbsttrepanation der Natur beimTurmsohädel, von J. Strebe). (Correspondenz-Blatt f. Schweizer Ärzte. 1915. Nr. 17.) Ref.: Kurt Mendel. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 469 Ans den Schlußsätzen sei folgendes hervorgehoben: Bei Befunden von scheinbar primärer Sehnervenatrophie ist der Schädel¬ varietät bzw. Konfiguration erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken und die Unter¬ suchung durch eine Röntgenaufnahme des Schädels zu ergänzen. In 9 Fällen von totalen Oxyzephalen war 7 mal eine sekundäre Sehnerven¬ atrophie als Folge einer früheren Stauungspapille nachzuweisen. In den zwei anderen Fällen mußte die Frage offengelassen werden, ob die Atrophia nerv. opt. sekundärer oder primärer Natur war. In 2 Fällen von Turmschädel konnten als Zeichen chronischen Himdruckes Anfälle von klonischen Krämpfen mit Erbrechen und Bewußtseinsstörung beob¬ achtet werden. Das wachsende und in seinem Wachstum gehemmte Hirn selbst ist der Grund des gesteigerten intrakraniellen Druckes. Vom chirurgisch-therapeutischen Standpunkt aus ist zu unterscheiden: 1. Turm- schädel im amaurotischen Stadium ohne Zeichen chronischen Hirndruckes; keine Indikation zur Operation; Überweisung in ein Blindenheim» 2. Turmschädel im Stadium der Stauungspapille oder der Sehnervenatrophie mit Zeichen bestehenden chronischen Hirndruckes; möglichst baldige Operation, besonders wenn Stauungs¬ papille besteht, und zwar multiple Dekompressionstrepanation an Stelle der stärksten Druckbelastung. Die anatomischen Korrelationen des Turmsohädels mit einem oft reichen Netz von entwicklungsgeschichtlichen Anomalien weisen mit Gewißheit darauf hin, daß der TurmBchädel ebenfalls eine solche darstellt. 19) Zur sekundären Degeneration der Pyramidenbahnen bei Porenzephalie, von S. u. J. Stuchlik. (Revue v. neuropsychopathol. XI. 1914. S. 177.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich). Diskutiert ist die Frage über die Ursachen, Möglichkeiten und Formen der Erhaltung von Pyramidenfasern bei zentralen porenzephalisohen Läsionen mit Berücksichtigung klinischer Fälle sowie experimenteller Untersuchungen. Die Mitteilung knüpft an die Arbeit von S. Stuchlik (Archiv f. Psych. 1914) an. 20) Über Kopfhautfalten und Haarlinien, von R. Ganter. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXII.) Ref.: Zingerle (Graz). Verf. beschreibt eigenartige Kopfhautfalten und Haarlinien, die zu den Bil¬ dungsanomalien der Haut zu reohnen sind und Degenerationszeichen darstellen. In allen Fällen kommen auch noch, andere Degenerationszeichen vor; die bisher bekannten Fälle von Kopfhautfalten betrafen mikrozephale Idioten, Epileptiker oder sonst sehr stark degenerierte Familien. Gehirn. 21) Zur fokalen Lokalisation der Sensibilität in der Großhirnrinde des Menschen, von C. T. van Valkenburg. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIV. H. 2 n. 3.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). Verf. versuchte an zwei Patienten mit sensiblen Jackson-Anfällen im Dienste der notwendigen Orientierung am operativ in Angriff genommenen Hirnteil durch faradische Reizung der Rinde hinter dem Sulcus centralis — bei voll erhaltenem Bewußtsein — sensorische Eindrücke in der Peripherie des Körpers zu erzeugen. Er kam dabei zu viel exakteren Abgrenzungen als Cushing, der bisher allein solche Versuche angestellt hatte, indem er fand, daß die vor dem Sulcus centralis liegenden Foci für Bewegungen sich in derselben Horizontalebene befinden wie jene Stellen der hinteren Zentralwindung, auf deren Reizung die den bewegten Gelenken benachbarte Hautbekleidung mit Parästhesien reagiert. Eine normale Berührungsempfindung ließ sich durch Kortexreizung nicht hervorrufen, Schmerzen und Muskelgefühle traten nie auf. Die Hautberührung scheint mit dem am Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 470 meisten frontal gelegenen Teil der hinteren Zentralwindnng in Verbindung zu stehen, die Wärmeempfindung wenigstens zum Teil in diesem Rindenteil lokalisiert zu sein, doch ist die Art des Zusammenhangs wohl wesentlich verschieden von der der einfachen Hautberührung. Die in beiden Fällen vorgenommene Ausscheidung der „primären parästhe- tischen“ Zentren ergab Ausfälle, die sich mit den klinischen Beobachtungen moderner Autoren in Fällen von Großhirnherden deckten (Hypästhesie für Be¬ rührung, gestörte Diskrimination, gestörter Muskelsinn, Astereognose, verspätete Thermästhesie und Verlust der Unterscheidung benachbarter Temperaturen — „thermische Diskrimination“ —, Ataxie, dagegen Erhaltenbleiben der richtigen Lokalisation der empfundenen Reize, des Schmerzsinnes, der Empfindung starken Druckes, der Thermästhesie — wenn auch verlangsamt). Die zur Auslösung der gestörten Empfindungsarten notwendigen Impulse müssen in unmittelbarster Nähe zueinander in die Rinde gelangen oder sogar alle der nämlichen Faserleitungen bedürfen, um in den Cortex cerebri rezipiert zu werden. Demgegenüber müssen die Empfindungen von Schmerz, Temperatur und starkem Druck auch in anderen Rindenteilen primär zur Aufnahme gelangen können. Die schon in der Rücken¬ marksleitung vorgebildete Empfindungsspaltung kehrt in typischer Form beim Rindenherde, dessen Sitz entsprechend kompliziert, wieder. Die Wahrscheinlich¬ keit relativ abgegrenzter „höherer“ Sensibilitätszentren ist nicht von der Hand zu weisen. Die scheinbaren Gegengründe sucht Verf. zu erklären bzw. zu ent¬ kräften. 22) Klinisohe Beiträge zur Iiehre von der Lokalisation der sensiblen Bindenzentren, von Sittig. (Prager med. Wochenschrift. 1914. Nr. 45.) Ref.: Pilcz (Wien). Fall I. 40jähr. Mann, typisch-megalomane Paralyse mit Krampfanfällen. Gelegentlich auch Anfälle von Parästhesien in der rechten Gesicbtshälfte, nament¬ lich Mund, Zähnen und Zunge, und in der rechten Hand, speziell im Daumen. Obduktion ergab Lissauersche Paralyse. Fall II. 39jähr. Mann, Lues in Anamnese. Anfälle von Ameisenlaufen in linker Hand und Wange, speziell in einer dorsalen Partie zwischen Daumen und Zeigefinger und im linken Anteile der Oberlippe. Auf diese Parästhesien erfolgten generalisiert epileptische Anfälle. Wassermannreaktion war negativ; Heilung. Verf. nimmt eine zirkumskripte Meningitis an. Fall III. 15jähr. Knabe, großer Naevus vasculosus an linker Stirn wird mit Kohlensäureschnee behandelt. Bald darauf epileptische Anfälle mit Aphasie, Alexie, Agraphie und Hemianopsie, abnormen Geschmacksempfindungen. Bemerkens¬ wert waren anfallsweise auftretende Parästhesien im rechten Nasenflügel, Mund¬ winkel und in der rechten Hand. Verf. nimmt eine ausgedehnte Erweichung an, vermutlich infolge fortschreitender Thrombosierung von Venen, die sich vom Naevus aus durch Knochen auf die Duravenen erstreckte. Die Erweichung muß den linken Schläfenlappen bis zur Tiefe der Sehstrahlung, nach hinten bis zum Scheitellappen und Gyrus unoinatus umfassen. Diese Beobachtungen im Zusammenhalt mit den Valkenburgschen Versuchen sprechen dafür, daß das Zentrum für die Sensibilität des Mundwinkels benachbart dem für die Hand, speziell Daumen, und für die Nase gelegen sei. Ein gleichzeitiges Befallensein dieser Partien von anfallsweise auftretenden Parästhesien spricht also für einen Prozeß in Gegend der hinteren Zentralwindung. 23) Beiträge zur Frage der kortikalen Sensibilitätsstörungen v von Otto Marburg. (Monatsschr. f. Psychiatrieu. Neurologie. XXXVII. 1916. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Fall I. Schrapnellstreifschuß am linken Scheitelbein. Geringer Grad sen¬ sorischer Aphasie, leichte Schwäche des rechten Armes mit gesteigerten Reflexen, Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 471 Anästhesie an der Radialseite der rechten Hand für alle Qualitäten inkl. Schmerz? Temperatur, Lagegefühl und Stereognose. Die Operation zeigte einen kleinen Abszeß in der Hirnrinde; nach der Inzision blieb nur die Sensibilitätsstörung in ihrer ursprünglichen Ausdehnung bestehen, Sprache und Motilität wurden normal; keine Ataxie. Fall II. Tangentialschuß am linken Scheitelbein. Sohlechtes Sprechen und Schwäche der ganzen rechten Hörperhälfte, sensorische Aphasie, leichte Hypalgesie an der ganzen rechten oberen Extremität; Daumen-, Zeige- und Mittelfinger waren besonders stark betroffen; Verlust der Stereognose. Die Operation ergab einen Abszeß; nach derselben Besserung der Sprache und der rechtsseitigen Parese; die Sensibilitätsstörung an der rechten Hand bleibt aber unverändert, während die Hypalgesie des Vorder- und Oberarmes gleichzeitig mit der Parese geschwun¬ den war. Fall III. Schrapnellschuß am linken Scheitelbein. Sensorische Aphasie, leichte Hemiparese rechts, leichte Hemihypalgesie, schwere Störung der Stereognose an Daumen, Zeige- und Mittelfinger rechts. Nach Operation (Abszeßauslöffelung) Heilung der Sprach- und Motilitätsstörung, hingegen deutliche Störung des Muskel¬ gefühls und der Stereognose an Daumen, Zeige- und Mittelfinger, während die anderen Qualitäten nur eine Herabsetzung zeigen. Hier — wie auch in Fall II — Störung des Lokalisierungsvermögens. Diese Fälle partieller Tastlähmung finden sich häufiger bei linksseitiger Hirn¬ läsion als bei rechtsseitiger. Die Stelle der Läsion befindet sich in einem Gebiete, das zwischen vorderer Zentralwindung und den Gyri profundi der ersten Temporal¬ windung links gelegen ist. Da aber die auf letztere zu beziehenden Erscheinungen, die Hemiparese und Sprachstörung, zurückgegangen sind, so muß man annehmen, daß die Schädigung, die den stationären Ausfall bedingt, das dazwischen gelegene Rindengebiet, d. h. die hintere Zentralwindung und den Gyrus supramarginalis, betrifft. Die Fälle des Verf.’s stützen die Annahme Muskens’, der die Radial- seite der Hand in das Gebiet knapp über der Sylvischen Furche, die Ulnarseite über die Mitte der hinteren Zentralwindung und den angrenzenden Scheitellappen reichen läßt. Es scheint ferner, daß bezüglich der Verteilung der Sensibilität auf Körperareale ein vorgebildeter Mechanismus besteht, der Daumen, Zeigefinger und wohl auch Mittelfinger in sich begreift. Diese Finger sind diejenigen, welche für feinere Tastvorgänge als wesentlich in Frage kommen, und es scheint, daß es ^ich hier um Zentren für ganz bestimmte Empfindungsmechanismen handelt, die kom¬ biniert aufzutreten pflegen, ähnlich wie wir kombinierte Bewegungsmechanismen in der Rinde vertreten haben. Verf. schließt: „In der hinteren Zentralwindung und dem benachbarten Gyrus supramarginalis besitzen wir ein Zentrum für kombinierte Empfindungsqualitäten, dessen Ausfall besonders linksseitig zu einer Tastläbmung des Daumens, Zeige¬ fingers und Mittelfingers führt, mit gleichzeitiger Schädigung der protopathischen Sensibilität und des Lokalisationsvermögens.“ 24) Zur Lokalisation des Tastsinns, von Felix Boenheim. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 9.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. hat in einem Falle von Weichteilverletzung am Kopf durch Anlage des Krönlein sehen Schemas am Kopf festgestellt, daß die Erscheinungen des Patienten, die kurz geschildert werden, auf eine Blutung in den Gyrus praecentralis zurück¬ geführt werden müssen. 25) Zur Symptomatologie der zerebralen Lähmungen, von G. Bergmark. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Fall von Tumor im obersten Teil des linken Gyrus centralis anterior. Be¬ merkenswert ist die proximale Lähmung der oberen Extremität vor der Operation; sie widerspricht der Angabe Bonhoeffers, daß es eine zerebrale Lähmung, Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 472 die in den proximalen Gelenken mehr als in der Hand ausgesprochen sei, nicht gebe (vgl. Referat über Söderbergh, d. Gentr. 1914. S. 509). In 18 vom Verf. aus der Literatur gesammelten Fällen war die zerebrale Lähmung des Armes proximal mehr ausgesprochen als distal. Von diesen 18 Fällen waren auf* fallenderweise 11 Fälle Tumoren. — Nach der Operation trat im vorliegenden Falle eine schwere Lähmung der rechten Extremitäten, sowie eine Diaphragma- lähmung auf; die rechte Zwerchfellshälfte bewegte sich — wie auch das Röntgen* bild ergab — nach oben und nach unten nur halb so sehr als die linke. In 7 von 8 * vom Verf. untersuchten Fällen von Hemiplegie zeigte sich eine Ein¬ schränkung der Diaphragmabewegungen auf der hemiplegischen Seite. Diese Zwerchfellsparese führt auch perkutorische Veränderungen herbei: der Schall erhält auf der hemiplegischen Seite einen tympanitischen Beiklang, bedingt durch eine nach dem Zusammensinken des Brustkorbes eintretende Retraktion der Lunge. Trotz hochgradiger Parese von kortikal ganz nahe lokalisierten Muskelgruppen waren im vorliegenden Falle beide Sternocleidomastoidei kontraktionsfähig. Verf. erklärt dieses Verhalten mit der Annahme einer bilateralen Innervation des Sternocleidomastoideus. Ferner ist eine im Anschluß an die Operation aufgetretene agraphische Störung der linken Hand bemerkenswert (Herd im linken Gyr. centr. post.!). Es ist allerdings möglich, daß bei dem stumpfen Hinausheben des Tumors von der medialen Seite der linken Hemisphäre das Corpus callosum lädiert wurde, vielleicht war auch die Agraphie ein Ausdruck der Aphasie oder aber aprak- tischer Natur. Jedenfalls hängt aber die linksseitige Agraphie hier von einer linksseitigen Läsion ab. Schließlich ist zu erwähnen die Störung des Analysevermögens der linken Hand; dasselbe war anfangs völlig aufgehoben: Pat. konnte passiv ausgeführte Schreibbewegungen nicht deuten, wenn die Schreibzeichen auch mehr als 10 cm hooh waren. Der Parallelismus, der zwischen Agraphie und Störung des Analyse¬ vermögens bestand, spricht für eine linksseitige Lokalisation auch des Analyse¬ vermögens. Die linke Hemisphäre übt eben einen Einfluß auch auf gewisse sen¬ sible Funktionen der linken Hand aus, die auffällig mit der Sprache in Zusammen« hang stehen. Der stereognostische Sinn war übrigens völlig intakt. 20) Sintomatologia del lobo parietale e ptosi oortloale, per F. Giannuli. (Rivista sperimentale di Freniatria. XL. 1914. H. 3.) Ref.: R. Ganter. An der Hand eines Falles von Mikrogyrie der Scheitellappen bespricht Verf. unter Anführung der betreffenden Literatur die klinischen auf Affektion der Scheitellappen beruhenden Symptome. Er kommt zu folgenden Ergebnissen: 1. Bei Analphabeten verursacht die Affektion des linken Gyrus angularis keine phasisohen Symptome. 2. Die Zerstörung der 1. und 2. rechten Parietalwindung bewirkt weder asymbolische, noch agnostische, noch apraktische Symptome. Da¬ gegen müssen diese mit den Affektionen der Windungen des linken Parietallappens in Beziehung gebracht werden. 3. Da Astereognosie nach Zerstörung der rechten Parietal Windungen nicht auftritt, so muß man annehmen, daß sie in keiner Be¬ ziehung zum rechten Parietallappen steht. Da nun in der Literatur Fälle von Astereognosie bei Verletzung des linken untern Scheitellappens beobachtet worden sind, so muß man schließen, daß dieses Symptom nur an die linke Hemisphäre geknüpft ist. 4. Außer den von Verletzungen des linken Parietallappens ab¬ hängigen agnosti8chen Symptomen ist auch die optische Asymbolie (Alexie) an diese Verletzungen geknüpft, ö. Die Apraxie Liepmanns gehört nicht zu den Symptomen des rechten Parietallappens und auch nicht immer zu denen des linken. Dieses Symptom hängt mit der Zerstörung assoziativer Bahnen zusammen. 6. Die agnostische, asymbolische Apraxie (Agraphie) kann der Ausdruck einer Verletzung des Parietallappens, aber nur des linken, sein, weil allein da bei Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 473 Rechtshändigen die optischen symbolischen Zentren und die Zentren für die sekundäre Identifikation für das Sehen und das Tastgefühl ihren Sitz haben. 7. Die Verletzung der 1. und 2. rechten Parietalwindung hat keine sensitiven Störungen zur Folge, so daß diese Windungen nicht zur kortikalen Gefühls¬ sphäre gehören können. 8. Herde im Gyros angularis, sowohl rechts wie linkB, bewirken kortikale Ptosis. 9. Die Demenz, die vornehmlich von der Zerstörung der phasiBchen Felder abhängt, kommt im allgemeinen bei Affektionen des linken Parietallappens vor, besonders bei schreibkundigen und gebildeten Personen. Die Affektionen des rechten Parietallappens, die keine Bedeutung für das Zustande¬ kommen phasisoher Symptome haben, stehen auch in keiner Beziehung zu den geistigen Störungen. Zur Entstehung der Demenz bei Affektionen des linken Parietallappens tragen auch die anormalen histologischen und zirkulatorischen Verhältnisse im Gehirn bei, ebenso die Unterbrechung der subkortikal verlaufenden Assoziationsbahnen, die die funktionelle Verbindung der einzelnen Lappen be¬ sorgen. 10. Die von der Verletzung des Parietallappens abhängigen Symptome sind dem Zufall unterworfen. Sie wechseln nicht nur bei analphabetischen und unterrichteten Individuen, sondern auch, je nachdem die linke oder rechte Hemi¬ sphäre, oberflächliche oder tiefe Teile ergriffen sind. 11. Die gemachten Beob¬ achtungen bestätigen die Anschauung Bianchis, wonach der Parietallappen der Sitz der durch die Kultur bedingten Entwicklung der Intelligenz ist. 27) Bin Fall von Gehirnerweichung, von W. N. Russkich. (Monatsschr. f. Psych. u. Neur. XXXV. 1914. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel. 26jähr., mit Tuberkulose belasteter Patient. Lungentuberkulose. Plötzlich Lähmung der linken Extremitäten ohne Bewußtseinsverlust, Babinski, Muskel¬ rigidität, Fuß- und Patellarklonus, Tast-, Schmerz- und Wärmeempfindung links gestört. Rechts Embolie der A. centr. retinae. Langsame Besserung. Nach 2 Jahren Exitus an Lungentuberkulose. Autopsie: Zerstörung beinahe der ganzen hinteren Zentralwindung mit Ausnahme ihres obersten und untersten Teils, Zer¬ störung eines bedeutenden Teils der 1. und 2. Schläfenwindung. Die Erweichung verbreitet sich nach innen und nimmt einen großen Teil der äußeren Wandung des Seitenventrikels an der Basis der Lobi centrales und parietales ein, erfaßt das Tapetum des Hinterhorns und erstreckt sich auf die Oberfläche der Thalami, die Insnla Reilii und die hintere Hälfte des Nucleus lenticularis. Es haben also diejenigen Teile der Hirnsubstanz am meisten gelitten, die vom 2. Aste der A. fossae Sylvii versorgt werden, der für die zentralen Windungen bestimmt ist, ferner von der A. lobi temporalis und Art. lenticulooptica. Diese Hirnverände¬ rungen erklären auch das klinische Bild. 28) La looalisation segmentaire de l’&taxie oortioale, par F. Rose. (Semaine mödic. 1914. Nr. 13.) Ref.: W. Misch. Nach einer heftigen Kopfverletzung in der rechten Regio parietalis superior waren u. a. eine Anzahl Symptome aufgetreten, die auf umschriebene Läsionen der beiden Hemisphären, und zwar besonders der linken, offenbar durch Contre- coup, hinwiesen. Noch 9 Monate nach dem Trauma ließ sich folgender Befund erheben: Fehlen des rechten Bauch- und Cremasterreflexes, leiohte Ataxie der rechten Extremitäten, die an der oberen, besonders am Schultergelenk lokalisiert ist; Hypästhesien an Stirn und Kopf, Herabsetzung der Vibrationsempfindung; links fand sich nur eine geringe Herabsetzung des Cremasterreflexes und eine ganz leichte Ataxie der oberen Extremität. Im übrigen war der Nervenstatus normal. Nach zwei weiteren Monaten war die Ataxie links verschwunden, rechts stark vermindert. Auf Grund einer eingehenden Analyse kommt Verf. zu dem Schluß, daß es sich hier um eine kortikale Läsion außerhalb der motorischen Zone, offenbar im Parietallappen, handeln muß, und daß hier, wie aus der Besse¬ rung zu schließen ist, eine starke Kontusion der Nervensubstanz oder höchstens Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSSTY OF MICHIGAN 474 eine leichte submeningeale Blutung, die wieder resorbiert wurde, yorlag. Die Rindenataxie braucht sich nicht stets durch eine Eoordinationsstörung der feinsten Fingerbewegungen zu äußern, sondern kann, da die Sensibilität sich, wie die Motilität, auf bestimmte Bindenregionen projiziert, je nach der befallenen Rinden¬ zone variieren. 29) The aBsooiation of various hyperkinetio Symptoms with partial lesiona of the optio thalamus, by E. E. Southard. (Journ. of nerv, and ment, disease. XLI. 1914. Nr. 10.) Ref.: W. Misch. Bei den untersuchten Fällen von Thalamuserkrankung wurden solche mit totalen oder herdförmigen Läsionen ausgenommen; berücksichtigt wurden nur solche mit diffusen chronischen Prozessen, mit partiellem Verlust oder Ausfall des Mechanismus (Atrophie, Aplasie) in der Weise, daß also die sensorischen Bahnen erhalten sind. Eine derartige Läsion experimentell hervorzurufen, war bisher nicht möglich. Es wurde nun gefunden, daß bei derartigen Thalamus« läsionen auffallend häufig hyperkinetische Symptome Vorkommen; hierzu gehören psychomotorische Erregung, Gewalttätigkeit, Zerstörungssucht, Mordversuche, Reiz¬ barkeit, Exaltation. Unter 25 Thalamusfällen wurden bei 96°/ 0 ein oder mehrere dieser hyperkinetischen Symptome beobachtet. Nur bei 40°/o von diesen Fällen wurden depressive Symptome (einschließlich Selbstmordneigungen) gefunden. Zum Vergleich wurden 261 Fälle mit normalem Gehirnbefund herangezogen; unter ihnen fanden sich nur bei 64°/ 0 hyperkinetische Symptome, und 52°/ 0 wiesen depressive Symptome auf. Eis scheint hieraus mit Sicherheit ein Zusammenhang der hyperkinetischen Symptome mit dem Thalamusbefund hervorzugehen. Theo¬ retisch läßt sich dies vielleicht mit einem Ausfall der kortikolhalamiBchen Hem¬ mungsimpulse erkläre^. 30) Beitrag aur Kasuistik der Hemianopsie, von Netou&ek. (Öasopis eeskych 16kaI*uo. LIII. 1914.) Ref.: Jar. Stuchlik. Verf. gibt in seiner Arbeit eine klare, eingehend analysierende Übersicht der topographischen Diagnose der Hemianopsien und publiziert in extenso 2 Fälle; bei einem handelte es sich um eine subkortikal gelegene Läsion in der hinteren Partie der Capsula interna, im zweiten Falle um eine kortikale Läsion, deren Sitz in der Rinde deB Gyrus occipitalis zu suchen ist. 31) Ein Fall von zyklischer Okulomotoriuslähmung, von G. Groethuysen. (Archiv f. Augenheilk. LXXVI. H. 3/4.) Ref.: Fritz Mendel. Der geschilderte Fall unterscheidet sich von den bisher beschriebenen durch die starke Beeinflußbarkeit des Ablaufs der einzelnen Perioden. Durch diese Beeinflußbarkeit erscheint die Annahme, daß es Bich als Ursache der zyklischen Okulomotoriuslähmung um einen kortikalen Prozeß handelt, die wahrscheinlichste unter den verschiedenen Deutungsarten zu sein. 32) Zur Lokalisation in den Seilbahnen, mit einem Beitrage zur Lehre von den Störungen der Orientierung im Baume, von Pick. (Prager med. Wochenschr. 1915. Nr. 8.) Ref.: Pilcz (Wien). Junger Mann, ohne Migränebelastung, selbst niemals an Migräne gelitten, akquiriert November Lues. April darauf erster Hemikranieanfall, beginnend mit Verdunkelung vor den Augen, ausschließlich den rechten unteren, homonymen Quadranten des Gesichtsfeldes betreffend. Dauer etwa 10 bis 15 Minuten, darauf Aufhellung des Gesichtsfeldes, intensiver Kopfschmerz durch 22 Stunden. Bei den späteren, recht häufigen Anfällen wurden auch noch folgende Erscheinungen vom Pat. geschildert: Paraphasie, „Hölzernwerden 44 der Zunge, motorische und sensible Parese der rechten Hand; einmal ein sonderbares Gefühl, als ob der von der rechten Hand gerade umklammerte Regenschirmgriff „einsch rümpfen“ würde. In der Zwischenzeit Fundus und Gesichtsfeld immer ganz normal. Es handelt Bich um eine ätiologisch auf die syphilitische Infektion zurück- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 475 zuführende, die Konvexität der linken Hemisphäre anfalls* und fleckweise in ihren Funktionen schädigende Störung. 33) Progressive lentloular degeneration, by W. B. Cadwalader. (Journ. of the amer. med. Assoc. LXIV. 1915. Nr. 5.) Ref.: W. Misch. Mitteilung eines Falles von Linsenkerndegeneration, welche Diagnose sich allerdings erst bei der Autopsie ergab. Klinisch fand sich, außer bereits früher aufgetretenen Anfällen von Depression, ein deutlicher Intelligenzdefekt; die Stirn* mung war gleichgültig, lethargisch, zuweilen erregt; das Gedächtnis und alle geistigen Prozesse waren so herabgesetzt, daß zuweilen die Entwicklung einer Dementia praecox vermutet wurde. Von Beginn trat eine Neigung zu Spasmen an allen Extremitäten und dem Gesicht hervor; es bestand ein starker Tremor, der zuerst nur die rechte obere Extremität und die Gesichtsmuskeln betraf und allmählich auf alle Muskeln überging. Eine Lues ließ sich nicht nachweisen. Der Tod trat 13 Monate nach Beginn der Erkrankung ein. Eine Ätiologie ließ sich nicht feststellen. 34) Disartrla e nuoleo lenticolare, di G. Garbini. (Annal. del Manicomio provinc. di Perugia. 1913. Fase. 1 u. 2.) Ref.: W. Misch. Die Beziehungen zwischen Dysarthrie und Läsionen des Linsenkerns werden durch folgenden mitgeteilten Fall illustriert: Bei einem 59jährigen starken Po¬ tator, einem Rechtshänder, waren nach einem apoplektischen Anfall folgende Residuen zurückgeblieben: Linksseitige spastische Hemiplegie, schwere Parese des linken unteren Fazialis, leichte Ptosis links, Hypästhesie und -algesie der linken Körperhälfte, Klonus von linker Hand und linkem Fuß, Babinski links, mäßige Dysarthrie, Paraphasie, schlechtes Gedächtnis für die Objektbenennungen, Zwangs¬ weinen und Intelligenzdefekt. Als pathologisch*anatomischer Befund ergab sich: Linke Hemisphäre intakt; in der rechten Hemisphäre ein alter, scharf begrenzter hämorrhagischer Herd in der hinteren Hälfte des rechten Linsenkernes und dem entsprechenden Zug des hinteren Armes der Capsula interna; in den Frontal¬ schnitten läßt sich nirgends ein anderer Herd feststellen. Aus den Befunden geht zunächst die auch von anderen Autoren betonte Tatsache hervor, daß auch bei den Rechtshändern die rechte Hemisphäre für die Sprachfunktionen eine be¬ deutende Rolle spielt; daß insbesondere der rechte Linsenkern für die Artikulation eine große Bedeutung hat, und daß dessen Läsion die Verbindung zwischen den beiden Artikulationszentren unterbricht; und zwar ist es offenbar die hintere Hälfte des rechten Putamen, durch die eine vielleicht geringe, aber doch nicht zu vernachlässigende Anzahl von Artikulationsbahnen verläuft. 36) Über die Loberveränderungen bei Pseudosklerose (Westphal-Strümpell) und progressiver Linsenkerndegeneration (Wilsonsohe Krankheit), von A. Kubitz und M. Staemmler. (Beiträge z. pathol. Anat. u. allg. Pathol. LX. 1914. H. 1.) Ref.: K. Boas. Die Verff. berichten über die Leberveränderungen in 2 Fällen von Pseudo¬ sklerose (Westphal-Strümpell) und progressiver Linsenkerndegeneration (Wilsonsche Krankheit). In klinischer Beziehung stand Fall I zwischen Pseudosklerose und Wilson¬ scher Krankheit. Eine scharfe Trennung zwischen beiden läßt sich nicht durch¬ führen. Fall II war wahrscheinlich eine Pseudosklerose; intra vitam standen neben den motorischen die psychischen Symptome im Vordergründe. Ferner war die Fleischersche Kornealpigmentierung vorhanden. Die Besprechung des pathologischen Befundes wird eingeleitet durch eine Wiedergabe und kritische Stellungnahme zu den Befunden von Rumpel, Yoko- yama und Fischer, Wilson und Heinrichsdorff. Die chemische Untersuchung ergab von Metallen in der Leber die Anwesen¬ heit von Eisen und Kupfer sowie Spuren von Arsen, in der Niere und Milz Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 476 waren Eisen und Spuren von Kupfer vorhanden, die Galle enthielt ebenfalls Arsen in Spuren. Makroskopisch fanden die Verff. das Bild einer grobknotigen Leberzirrhose, ebenso ergab die mikroskopische Untersuchung das Vorhandensein eiper chronisch* entzündlichen Zirrhose auf Grund einer entzündlichen Hyperplasie des Binde* gewebes, atrophischer und degenerativer Prozesse am Leberparenchym, Regenera- tionserscheinungen und Gallengangswucherungen. Sowohl das makroskopische wie das mikroskopische Bild lenkten bezüglich der Ätiologie der Erkrankung auf Syphilis hin. Dafür spricht in den Fällen der Verff. 1. der positive Ausfall der Wassermann sehen Reaktion in Fall I (in Fall II war die Wassermann sehe Reaktion negativ), 2. die Miterkrankung der Milz, die bald in einer einfachen Hyperplasie wie im ersten Falle der Verff., bald in einer Bindegewebsvermehrung besteht, zuweilen ganz vermißt wird (Fall I der Verff.). Ob auch die Veränderung der Ovarien in Fall II so erklärt werden kann, muß einstweilen noch offen bleiben. Die Verff. kommen zu dem Schluß, daß die Syphilis allein zwar nicht die vorliegende Erkrankung verursacht, daß es sich aber bisher in allen Fällen, wo üherhaupt eine bestimmte Ätiologie nachgewiesen werden konnte, um Lues ge¬ handelt hat. Was die Beziehungen zwischen den Veränderungen der Leber und des Ge* hiras anbelangt, so vertreten die Verff. den Standpunkt, daß aller Wahrscheinlich¬ keit nach die Vorgänge an Leber und Gehirn unabhängig voneinander verlaufen, zumal zum mindesten in einem Teil der Fälle Syphilis im Spiele ist. Die Verff. kommen also im wesentlichen zu der Auffassung Bostroems. 86) La oirrhose hepatique aveo altdrations dans les oentres nerveux 6vo- luant ohez des sujets d’äge moyen, par van Woerkom. (Nouv. Iconogr. de la Salpetriire. 1914. Nr. 1.) Ref.: E. Bloch (Kattowitz). Man kann unter den Nervenkrankheiten, welche mit einer Lebercirrhose ein¬ hergehen, zwei große Gruppen unterscheiden: Entweder entwickeln sich die Nervensymptome rapide, die Patienten werden meist unter epileptischen Krämpfen ins Krankenhaus gebracht und gehen im Koma zugrunde, oder aber die Nerven¬ krankheit entwickelt sich, namentlich bei jüngeren Leuten, mehr chronisch und die Lebercirrhose gibt sich nur durch mehr oder weniger großen Ikterus zu er¬ kennen. Letztere mehr chronisch verlaufende Krankheitsform kann man wieder in 2 Abteilungen scheiden. Bei der ersten eröffnen bald mehr psychische, bald mehr körperliche Symptome die Szene: Die Kranken werden apathisch, kindisch, es werden Halluzinationen beobachtet, Starre der Muskulatur, Zittern, athetotische Bewegungen. Bei der Sektion ergibt sich Cirrhosis hepatis und Veränderungen im Linsenkern. Bei der zweiten Unterabteilung bestehen sehr starke Zitterbewegungen im ganzen Körper, sich steigernd bei Gemütsbewegungen, verbunden mit Charakter¬ veränderungen, Reizbarkeit und Verminderung der Intelligenz. Bei der Sektion ergab sich außer einer CirrhoBis hepatis: Die Neurogliazellen waren 2 bis 3mal so groß als normal, arm an Chromatin, manche deformiert. Die normale Struktur der Rinde war zum Teil erhalten. I. 59jähriger Hafenarbeiter. Keine Heredität, Ehefrau zwei Aborte, keine Syphilis. Beginn der Krankheit 5 / 4 Jahre vor der Krankenhausaufnahme mit Ikterus, Anschwellung der unteren Extremitäten, Hoden, Bauchdecken und Somnolenz, vereinzelter Amnesie und unersättlichem Durst Im Verlauf des nächsten Monats Zunahme der Somnolenz, der Kranke schläft fast andauernd; Hände und Füße zittern lebhaft, unter Zunahme bei Körper¬ bewegungen. Im Januar 1912 ein Erysipel, die Somnolenz nimmt etwas ab, um aber bei Heilung des Erysipels wieder aufzutreten. Vergißt im nächsten Moment alles, was man zu ihm sagt, steckt statt der angezündeten Pfeife das Streichholz in den Mund. Es werden Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 477 aber auch Zustande von Schlaflosigkeit mit erhöhter Reizbarkeit beobachtet. Er kann nur mit Unterstützung gehen, die Nahrung muß ihm löffelweise gereicht werden. Status: Tiefe Somnolenz. Gallenblase sehr hart und vergrößert, Milz geschwollen, Urin o. B. Die atonische Haltung wird von Zeit zu Zeit von Muskelzuckungen unterbrochen. Gereichte Bissen werden nioht geschluckt, folgt aber einer Kerze mit den Augen. Pupillen sehr weit, Lichtreaktion vorhanden, Augenhintergrund o. B. Patellarreflexe sind nicht gesteigert. Es gelingt nur zeitweise, ihn aus seiner Somnolenz aufzurütteln, er weiß, wo er sich be¬ findet, erkennt seine Umgebung usw. Im Dezember zeigen sich Ödeme an Händen und Füßen, Tod im Januar. Autopsie: Alle inneren Organe gelb gefärbt. Gallenblase hart, Oberfläche gerunzelt, mikroskopisch in Ordnung. Dura gelb gefärbt, Pia verdickt, viel gelblich gefärbter Liquor, Seitenventrikel beiderseits erweitert. Mikroskopisch zeigen sich die Gefäße der weichen Hirnhäute stark verdickt, viele verstopft durch Thromben. Rinde: Die verschiedenen Lagen gut erkennbar, nur sind einzelne Zellen in sämtlichen Lagen verschwunden bzw. färben sich schlecht. Die übrig gebliebenen sind stark degeneriert, haben unregelmäßige Konturen, sind teilweise geschwollen, und das Protoplasma hat eine spongiöse Struktur. Einzelne Neurogliazellen haben einen sechsmal größeren Umfang als normal. Nach Alzheimer gefärbt findet man das subpiale Netz verdickt. Es ist im ganzen eine Proliferation der Neuroglia zu sehen, welche sich kundtut in der Produktion von großen, klaren mißgestalteten Kernen. Dieser Vorgang zieht sich durch die ganze Rinde, ferner das Corpus striatum, Thalamus opticus, Nucleus dentatus des Kleinhirns usw. In Pons und Medulla oblongata zeigen sich die Veränderungen nioht. IL Kranker von 45 Jahren, seit 6 Monaten ikterisch. Aufgenommen im November 1911. Urin braun, seit 2 Monaten Aszites und Ödem der Beine. Trinker. Im März 1912 Pleuritis und Abmagerung. In den letzten Monaten Verfolgungsdelirien, Beziehungswahn, glaubt sich elektrisiert usw. Bei der Autopsie zeigt sich, daß der anatomische Befund dem Fall I völlig gleicht, mit Ausnahme der Lungentuberkulose. Bei älteren Personen, im Alter von 45 bis 60 Jahren, ist die Leberoirrhose, kombiniert mit Atrophie der Hoden und der Schilddrüse, die Ursache zur Ent¬ stehung von schweren Veränderungen des Zentralnervensystems, welche sich klinisch äußern in bestimmten psychischen und somatischen Zeichen, sowie in immer wiederkehrendem anatomischem Befunde. Im Vergleich zu den „klassischen 11 Fällen (mehr stürmischer Verlauf während der Cirrhose) entwickeln sich die Nervenerscheinungen in den eben beschriebenen Fällen mehr chronisoh. 37) Ein Fall von organisoher Verblödung mit eigenartigen Bpannungs- austftnden der Muskulatur, von St. Rose nt al. (Demonstration im natur- historisch-medizin. Verein in Heidelberg am 6. Mai 1914.) Autoreferat. Bei einem 56jährigen früher immer gesunden Manne trat auffallende Wesensverände¬ rung ein; zunächst wurde nur leichte Herabsetzung der Aufmerksamkeit und der Merk¬ fähigkeit nachgewiesen, dann zeigten sich amnestisch-aphasische und ideatorisch-apraktische Störungen. Das Auffassungsvermögen nahm rasch ab. Patient wurde stumpf und regungslos; nach ungefähr dreimonatlicher Dauer der Erkrankung entwickelte sich auf diese Weise eine hochgradige terminale Demenz. Wiederholt wurden dann leichte anfallsartige Zustände beobachtet, in welchen vorübergehend nur Fußklonus und Babinskisches Zeichen am rechten Fuß auftraten, ohne daß deutliche Lähmungserscheinungen zurückblieben. Es zeigte sich Inkontinenz der Blase und des Mastdarmes. Seit V 4 Jahr liegt Patient völlig verblödet. Er ist weder rindenblind noch hemi- anopisch, wie es aus dem erhaltenen »Drohreflex“ zu erschließen ist, aber er erkennt die ihm vorgezeigten Gegenstände, wie auch überhaupt seine Umgebung nicht. Auch sonst sind die eigentlichen SinneBfunktionen erhalten und es liegen nur weitgehende agno- stische Störungen vor. Das Gesprochene faßt Pat. nicht auf und reagiert überhaupt auf keine akustischen Reize. Das Sprachvermögen ist völlig aufgehoben, während die dafür in Betracht kommenden Muskelgebiete, abgesehen von einer leichten Fazialisdifferenz nicht gelähmt sind. In motorischer Hinsicht besteht eine hochgradige Akinese. Pat. führt keinerlei Handlungen aus, zupft nur manchmal in ungeschickter und stereotyper Weise an seinem Körper herum. Die Patellarreflexe sind beiderseits etwas gesteigert, manchmal, aber nur vorübergeheud, läßt sich rechts Fußklonus und Babinskisches Zeichen nachweisen. Die motorische Kraft ist nur in der rechten Peroneusgruppe leicht abgeschwächt. Aber weder an den Armen, noch an den Beinen findet man sonst Anzeichen einer cerebralen Parese, d' reh welche man den Ausfall der willkürlichen Bewegungen in befriedigenderWeise er¬ klären könnte. Es liegt offenbar ein Verlust der Innervationsformel für zusammengesetzte Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 476 Bewegungen und Handlungen vor. Trotz des akinetischen Verhaltens wird willkürlich die Muskulatur schon in der Rückenlage in eigentümlicher Weise gespannt. Wenn man an den Extremitäten passive Bewegungen vornimmt, so spürt man zunächst einen jetzt kaum überwindbaren Spannungszustand der Antagonisten, welcher sich jedoch durch rasche Nacheinanderfolge der antagonistischen Bewegungen lösen läßt; dadurch unter* scheiden sich diese beiderseits in gleicher Weise ausgesprochenen Spannungen wesentlich von etwaigen auf Pyramidenläsion beruhenden spastischen Erscheinungen. Derartige Spannungen werden von Kleist in eine Beziehung zu den apraktisohen Motilitäts¬ störungen gebracht. Bei Gehversuchen, wobei Pat. geführt werden muß, zeigt sich eine ausgesprochene „Brachybasie“ („Marche ä petits pas"), außerdem aber hochgradige Störungen des Gleich¬ gewichts und der groben Synergie. Mit Hinsicht auf die anatomischen Befunde bei ähnlichen Störungen, welche von Pierre Marie und seinen Schülern erhoben wurden, meint Vortr., daß der beim Pat. vorliegende destruktive Hirnprozeß neben der Rindenschadigung auch im Bereiche der Stammganglien zu multiplen Gewebseinschmelzungen geführt haben mußte, ohne daß die Pyramidenbahn dadurch eine wesentliche Schädigung er¬ litten hat. Was die Art des destruktiven Hirnprozesses anbetrifft, so ist es wahrschein¬ lich eine arteriosklerotische Erkrankung. 88) Ein Fall von akuter hämorrhagischer Encephalitis im Pons mit großen Blutungen, von Sigurd Berg. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LL 1914. Heft 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Kasuistik. Die spastischen Symptome im licken Arm und Bein, rechtsseitige Fazialisparese und Reizungssymptome vom rechten Oculomotorius wiesen auf eine Ponsaffektion hin. Die zum Tode führende Blutung war entzündlicher Natur, wahrscheinlich handelte es sich um eine Influenzainfektion. In der Anamnese figurierte ein Kopftrauma; durch dasselbe ist wohl irgendwelche Läsion ent¬ standen, die, sich später in Anfallen von Kopfschmerzen manifestierend, für die Influenzainfektion einen Locus minoris resistentiae gebildet hat. 89) Beitrag zur Kenntnis der Symptomatologie der Balkenerweiohung, von 0. Rossi. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. Heft 5 u. 6^) Ref.: Kurt Mendel. Patient mit spastischer Tetraparese, besonders rechts; ferner vorübergehende Anisokorie, Fozialisschwache, Apathie, keine echten apraktischen Symptome (nur einmal leichte tonische Perseveration), ausgesprochene Sprachstörungen: Pat. be¬ nutzte die Sprache niemals spontan als Ausdrucksmittel, er zog die Zeichensprache vor, die Antworten waren kurz, farblos und oft mit Mühe zu erhalten, Pat. konnte nur schwer die Gegenstände bezeichnen, zuweilen Haftenbleiben und Paraphasie; dos Fehlen der Substantiva dauerte nach dem Betasten der Gegenstände und nach richtigem Hantieren mit denselben an. Die Autopsie ergab eine streng auf den Balken beschränkte Erweichung, und zwar war der Balken rechts mehr ge¬ schädigt als links. Auffallend ist das Fehlen von Apraxie, allerdings war Pat. links- und rechtshändig gleich geschickt. Bezüglich der amnestisch-motorischen Aphasie ist hervorzuheben, daß die ganze Sprachzone unversehrt war. Vielleicht handelt es Bich hierbei um DiaschisisWirkungen, vielleicht kann man aber auch annehmen, daß die linke Biocasche Region ihre Funktion unter dem Einfluß auch der homonymen der rechten Hemisphäre ausübt, welcher von Balkenfasern geleitet wird; im vorliegenden Falle könnte man dann die aphasischen Störungen auf den Umstand zurückführen, daß die zur Funktion der Sprache dienenden Fasern, welche durch den Balken vom rechten F s zur linken homonymen Win¬ dung gehen, unterbrochen sind. Auch'ist schließlich zu berücksichtigen, daß bei dem ambidextren Patienten der rechten Spraohregion eine größere Bedeutung als normalerweise zukommt, d. h. daß die von dieser ausgehenden und naoh links Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 479 ziehenden Fasern ziemlich erhebliche Komponenten der Sprachfunktion besorgen. Unter diesen Verhältnissen kann man verstehen, warum die Balkenläsion Störungen aphasischer Art zur Folge hat. 40) Über einen Fall von erworbener Balkenerweiohung, von R. Schneider. (Inaug.-Dissert. Würzburg 1914.) Ref.: K. Boas. Verf. berichtet über einen Fall von ausgedehnter Balkenerweichung: Bei einer an septischem Abort zugrunde gegangenen Frau fand sich eine Erweichung des Balkens bei der Sektion. Verf. schildert den makroskopischen Befund wie folgt: „An der vorderen Hälfte des Corpus callosum ist der ganze mittlere Teil als 4 mm breiter Streifen stark unter das Niveau eingesunken. Def Grund leicht bräunlich verfärbt und etwas netzförmig. Der Balken ist hier nur papierdünn. Diese Veränderung hat eine Längenausdehnung von 20 mm. Dann folgt eine 18 mm lange normale Partie und dann eine 15 mm lange ebenso veränderte, nur nicht ganz symmetrisch liegende, rechts bis zur Hemisphäre rüokende, links die Mittellinie kaum überschreitende Stelle. Der hinterste, 2 mm breite Teil des Balkens ist wieder ganz normal.“ Die mikroskopische Untersuchung ergab, daß die oberste und unterste Schicht der schmalen Balkenkommissur fast vollständig intakt war und in das Epithel der Seitenventrikel überging. Septum pellucidum und Fornix zeigten keinerlei Ver¬ änderungen. Dagegen war der größte Teil der queren Balkenfasem zerstört und gliöses Narbengewebe an ihre Stelle getreten. Der Prozeß war als ein weit zurückliegender aufzufassen. Die Stelle dieser Balken Veränderung gehörte dem Versorgungsgebiet der Arteria cerebri anterior an und läßt sich in ätiologischer Beziehung vielleicht auffassen als Folge einer hämorrhagischen Erweichung mit Thrombose eines Astes dieser Arterie. Degenerative Veränderungen der Hirnrinde wurden nicht gefunden. Die weitere mikroskopische Untersuchung eines Teiles der vorderen Zentral¬ windung führte zu einer Bestätigung und teilweisen Erweiterung der Befunde van Valkenburgs (Experimental and pathologico-anatomical researches on the corpus callosum. Brain 1913) nach experimenteller Durchschneidung des Balkens. Die Färbbarkeit der Zellen war vermindert. Dagegen konnte Verf. im Gegensatz zu dem genannten Autor eine Abnahme der kleinen Pyramidenzellen nicht fest¬ stellen. Das Zellzwischengewebe schien vermehrt zu sein. Absolut vermindert war die Zahl der Pyramidenzellen im Gehirn mit der Erweichung gegenüber dem normalen gesunden. Riesenpyramidenzellen, wie sie im normalen Hirn sich finden, konnte Verf. auch bei genauer Untersuchung nioht finden. Schließlich fand er in Übereinstimmung mit den erwähnten experimentellen Untersuchungen van Valkenburgs ein Fehlen der Fortsätze der Pyramidenzellen. 41) Die Windungen und Furchen des völlig balkenlosen Gehirne, von J. Sohnabel. (Inaug.-Dissert. Rostock 1914 u. Sitzungsberichte u. Ab¬ handlungen der naturforschenden Gesellschaft zu Rostock. Neue Folge. VI. 1914. S. 111.) Ref.: K. Boas. Verf. stellt zunächst die Fälle von totalem Balkenmangel aus der Literatur zusammen. Er unterscheidet mit H. V ogt zwei Typen, nämlich: a) Fälle, bei denen außer dem Balkenmangel am ganzen Gehirn noch andere hochgradige Aufbaustörungen und morphologische Veränderungen vorhanden sind; b) Fälle, bei denen sich folgende Veränderungen finden: an der medialen Hemisphärenwand Radiärtypus und Fehlen des Gyrus fornicatus. Vom Typus a) stellt Verf. insgesamt 11 Fälle aus der Literatur zusammen, vom Typus b) 20 Fälle. Im Anschluß daran zitiert Verf. 2 Fälle von partiellem Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 480 Balkenmangel ans der Literatur, nämlich die Fälle von Arndt und Sklarek und Grosz. Verf. berichtet alsdann über einen weiteren Fall von totalem Balkenmangel bei einem 19jährigen Mädchen, von der sich in klinischer Beziehung nur in Er* fahrung bringen ließ, daß die Patientin von Geburt an Schwachsinn und kurz vor dem Tode die Symptome einer Basisfraktur darbot. Wiedergegeben wird vom Verf. lediglich der äußere Bau des Gehirns, die histologische Untersuchung soll später stattfinden. Verf. gibt eine durch mehrere Tafeln erläuterte Be¬ schreibung der medialen und konvexen Fläche der linken bzw. rechten Hemi¬ sphäre sowie der Hirnbasis. Kleinhirn, Pons und Medulla oblongata zeigten keine Besonderheiten. Zusammenfassend sagt Verf., daß der von ihm beschriebene Fall dem Typus b) angehört. Möglicherweise wird auch die histologische Untersuchung später dem¬ entsprechend ausfallen. 42) PoBthemiplegisolie Pseudomyotonie, von F. Quensel. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilkunde. LII. 1914. H. 1. u. 2.) Bef.: Kurt Mendel. Ein damals 28jähriger Mann erleidet 1899 eine sich allmählich ausbildende Hemiplegie links mit halbseitiger Empfindungsstörung, Schmerzen und rechts¬ seitiger Oculomotoriuslähmung. Nach und nach gehen die Lähmungserscheinungen zurück, desgleichen die Empfindungsstörungen und die Ataxie.' Seit dem Jahre 1902 traten dann eigentümliche Krampfanfälle in der linken Hand und im linken Arm auf, und zwar Aktionskrämpfe, pathologisch gesteigerte, nachdauernde und ausgebreitete Innervationsaffekte hei willkürlichen Bewegungen, die in erster Linie Ähnlichkeit mit myotonischen Störungen, in zweiter Linie mit tetanischen An¬ fällen zeigen. Bezüglich dieser Krampfanfälle spricht sich Verf. gegen Hysterie, Tetanie, echte Myotonie aus, er hält sie vielmehr für zentral bedingte myotonische Erscheinungen infolge Läsion der frontopontinen Bahnen und nimmt im vor¬ liegenden Fall als Diagnose eine Gefäßaffektion auf luetischer Basis im rechten Pedunculus cerebri an. Diese posthemiplegische Pseudomyotonie würde demnach ein vollwertiges Lokalsymptom organischer Entstehung darstellen. In Zukunft wird man auf solche Fälle von pedunkulärer Hemiplegie mit myotonischen Er¬ scheinungen besonders achten müssen. 43) Über die Beteiligung der dynamischen Eigenschaften der Nerven- apparate am Verlaufe der motorisohen Erscheinungen nach hemi- plegischen Lähmungen, von A. Szpanbock. (Deutsche Zeitschr. f. Nerven- heilk. LII. 1914. H. 5 u. 6.) Bef.: Kurt Mendel. Aus der Arbeit Bei folgendes hervor gehoben: Die Bewegungsstörung bei hemiplegischen Lähmungen kann sämtliche Muskel- und Nervenapparate befallen, jedoch pflegt sie konstant in den einen Organen stärker, in den anderen dagegen schwächer aufzutreten. Lähmungen sowie auch Besserungen umfassen meistens synergetisch funktionierende Organe, doch sind die Abstufungen der Lähmung und der Besserung einer jeden Einheit der synergetischen Gruppe verschieden. Bei hemiplegischen Lähmungen gewinnen meistens die unteren Extremitäten ihre funktionellen Eigenschaften schneller und teilweise stärker wieder als die oberen Extremitäten. Die Erregbarkeit der zentralen und peripheren Nervenapparate pflegt eine verschiedene zu sein. Diejenigen Mechanismen, welche eine größere Erregbarkeit der Nervenzentren und -bahnen bedingen, bilden auch die Grund¬ lage einer stärkeren Widerstandsfähigkeit gegen schädliche Lähmungsmomente und die Basis von ungleichmäßiger Lähmung, folglich also vom Prädilektionstypus der Lähmungen. Die Nervenorgane von höherer Erregbarkeit sind auch einer be¬ deutenderen und stärker ausgedrückten Besserung der entsprechenden Bewegungs¬ effekte fähig und folglich eines restitutionellen Prädilektionstypus. Je länger die Nervenapparate, durch welche die wirkende Kraft von den Zentren geleitet wird, Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 481 desto stärker wäehst die Spannung dieser Kraft an, und in der Nervenfaser voll¬ zieht sieh die Transformation jener erregenden Kraft in eine Kraft von höherer Spannung. Angesichts der Längsdifferenzen, welche in den die wirkende Kraft zu den oberen und unteren Extremitäten leitenden Nervenbahnen bestehen, wird in den längeren Bahnen die gleiche erregende Kraft transformiert, und die Spannung wächst stärker an als in den kürzeren, wodurch auch in den gelähmten unteren Extremitäten stärkere Effekte als in den oberen ermöglicht sind. 44) Syndröme meninge au oours d une hömorr&gie cerebrale, par L. L6vy et Gönnet. (Revue neurologique. 1914. Nr. 7.) Ref.: Kurt Mendel. Mitteilung eines Falles, der zeigt, daß die klinisohen Zeichen einer Hirn¬ blutung lange Zeit fehlen und dafür nur mehr oder weniger ausgesprochene meningeale Symptome vorhanden sein können, welche die Diagnose auf falsche Fährte zu leiten imstande sind. Im vorliegenden Falle ergab die Autopsie einen großen hämorrhagischen Herd in der linken parieto-temporalen Region; klinisch waren anfangs keinerlei Paresen, kein Babinski, kein Klonus, keine Augenmuskel¬ störungen nachweisbar; die Kniereflexe waren etwas gesteigert; der Liquor cerebro¬ spinalis stand unter hohem Druck, war eiterartig, zeigte reichlichen Bodensatz, auf 100 Leukozyten kamen 92 neutrophile Polynukleäre, 5 Mononukleäre, 3 Lym¬ phozyten. 45) Lea rdaotious möningees au oours de lliömorragie oeröbrale latente, par R. Oppenheim et H. Claret. (Progr.möd. 1914. Nr.17.) Ref.: Kurt Mendel. Mitteilung eines Falles, der während des 9tägigen Verlaufes seiner Krank¬ heit meningeale Symptome ohne jede paretische Erscheinungen, ohne Sprach¬ störungen, Amaurose oder Hemianopsie darbot Die Autopsie ergab einen hämorrhagischen Herd in der Wernickeschen Zone der linken Hemisphäre, weit nach hinten in die retrolentikulare Region reichend. Klinisch hatte man Menin¬ gitis oder Meningismus angenommen, zumal Pat. Stupor, Kopfschmerz, Nacken- und Rumpfsteifigkeit, Kernigsches Zeichen, Koma ohne Paresen darbot. Die Hirnblutung dokumentierte sich also im vorliegenden Fall lediglich durch die Symptome der Meningealreizung. Es gibt eben Fälle von Hirnblutung, die, wenn der Herd nicht die Gyri der Hirnrinde, die zentralen Kerne oder ein wichtiges Projektionsbündel zwischen Kortex und Hirnstamm, Kleinhirn oder Rückenmark trifft, ganz latent bleiben oder nur ein unbestimmtes Syndrom von Meningealreizung oder das Bild einer aseptischen Meningitis darbieten. 46) Le liquide eöphalo-raohidien dans les hömorrhagies oräniennes, par A. Babes. (Compt. rend. Soc. d. Biol. LXXVII. 1914. Nr. 22.) Ref.: W. Misch. Eis wird bei 2 Fällen von intrakranieller Hämorrhagie der Gehalt des Liquors an Hämolysinen untersucht. Es geht daraus hervor, daß der Liquor nach Hämor- rhagien keine spezifisch hämolytischen Substanzen besitzt. Es ließ sich auch in den kurz nach dem Auftreten der Hämorrhagie erhaltenen Punktaten eine Hämo¬ globinauflösung im Liquor nicht feststellen, obwohl zahlreiche rote Blutkörper¬ chen darin enthalten waren. Auch das Fehlen von Gallenfarbstoffen, die für die Hämoglobinzersetzung charakteristisch sind, ist ein Beweis dafür, daß diese Sub¬ stanz mit der Xanthochromie des Liquors nichts zu tun hat. Es ergibt sich also in Übereinstimmung mit früheren Beobachtungen, daß die Xantochromie des Liquors durch das normale Luteinpigment des Blutplasmas hervorgerufen wird. 47) Tod durch spontane Gehirnblutung bei hämorrhagischer Diät hese, von A. Hufschmidt. (Münch, med. Wochschr. 1914. Nr.17.) Ref.: W. Alexander. 23jähriges, sonst ganz gesundes Mädchen aus nicht hämophiler Familie zeigt seit 8 Tagen Symptome der hämorrhagischen Diathese. 16 Stunden vor der Krankenhausaufnahme Klagen über Kopfschmerzen. Befund: Bewußtlos, Kopf und Bulbi nach links gedreht, Pupillen lichtstarr. Reflexe in Ordnung. Urin frei. An den Extremitäten Suggillationen, an den Unterschenkeln frische Purpura, xxxiv. 31 Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 482 Retinalblutungen. Nach 2 Stunden Reflexe erloschen, rechte Fazialis paretisch, rechts Babinski+, tonische Starre, Puls von 74 auf 122 gestiegen. Diagnose: Hämorrhagische Diathese mit Blutung in die linke Hemisphäre, Durchbruch in den linken Seiten Ventrikel. Nach 6 Stunden Exitus. Sektion: Blutungen in der Nierenfettkapsel, im Nierenbecken, subepikardial, subperiostal am Schädeldach* Sämtliche Ventrikel mit Blut gefüllt. Frische Blutung im Globus pallidus des linken Nucl. lentiformis. — Ätiologie völlig unklar. — Wenn Menschen mit hämorrhagischer Diathese über stärkere Kopfschmerzen klagen, muß man eine energische Therapie einleiten: Serum, Calcium chloratum, Ruhe, frische Gemüse, rohes Obst. Bei männlichen Blutern Ovarialtabletten. „Man gibt diese Ovarial- substanz aus der Überlegung heraus, daß bei dem weiblichen Geschlechte, das als Überträger dieser eigentümlichen Konstitutionsanomalie in den Bluterfamilien außerordentlich selten von abnormen Blutungen befallen wird, ein Produkt der inneren Sekretion diese Erscheinung verhütet, ein Produkt einer Drüse, die dem männlichen Geschlechte fehlt: das Ovarium.“ 48) Beitrag aar Diagnose der Hirnblutung, von Josef Mendl. (Münchener med. Wochenschrift. 1914. Nr. 14) Ref.: Kurt Mendel. Verf. beschreibt folgendes Symptom der beginnenden Hirnblutung: Es tritt eine auf eine Gesichts- und Kopfhälfte beschränkte Hyperämie auf, die manch¬ mal von einer halbseitigen kongestiven Seborrhöe begleitet sein kann; die be¬ treffende Gesichtshälfte ist dann von einer dünnen, etwas flüssigen Fettschicht bedeckt. Die halbseitige Hyperämie entspricht derjenigen Kopfhälfte, in welcher der zu erwartende Blutungsherd liegt. Im Anschlüsse an die erwähnte Er¬ scheinung richten sich die Kopfhaare halbseitig auf und behalten diese Stellung stundenlang bei (spastische Kontraktur der M. arrectores pilorum); das Gesicht wird dann blaß und verfallen. In denjenigen Fällen, wo halbseitige Spasmen der Haarmuskeln in der Kopfhaut auftreten, ist eine sehr schwere Hirnblutung zu erwarten, die Prognose sehr ernst; man könnte bei Auftreten dieses Symptoms durch einen frühzeitig ausgeführten, ausgiebigen Aderlaß die zu erwartende schwere Hirnhämorrhagie vielleicht aufhalten. (Das in der Arbeit Beschriebene klingt alles sehr unwahrscheinlich und bedarf wohl sehr der Nachprüfung. Bef.) 49) Über einige ungewöhnliche Erscheinungen bei Hemiplegie, von A. P a üsk i. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI. 1914. Nr. 1 u. 2.) Ref.: W. Misch. Es wird eine Anzahl von hemiplegischen Symptomen beschrieben, die zwar schon von einigen Autoren kasuistisch als Begleitsymptome der Hemiplegie be¬ schrieben wurden, die aber vom Verf. so häufig angetroffen worden sind, daß er sie nicht zu den Begleiterscheinungen, sondern zu den Symptomen der gewöhn¬ lichen Hemiplegie gerechnet wissen will. Hierher gehören vor allem einzelne Pseudobulbärsymptome wie Artikulationsstörungen der Sprache, Schluckstörungen, reichlicher Speichelfluß, Geruchs- und Geschmacksstörungen, den invertierten Geschmack inbegriffen, und Paresen der Kaumuskeln; außerdem fand sich auf¬ fallend häufig belegte Zunge, heftiger Singultus, Blasen- und Mastdarmstörungen, sowie unwillkürliches Lachen und Weinen. Alle diese Beobachtungen werden mit zahlreichen Fällen und kasuistischen Mitteilungen in der Literatur belegt. Die erwähnten Erscheinungen entstehen gleichzeitig und infolge derselben Ursache wie die Hemiplegie und müssen deshalb als Symptome derselben aufgefaßt werden. Anatomische Veränderungen ließen sich an den betreffenden Zentren bisher nicht nachweisen; es ist aber mit Sicherheit anzunehmen, daß sie auf Shokwirkungen zurückzuführen sind. Zur Erklärung derselben wird das von Monakow in die Aphasielehre eingeführte Diaschisisprinzip auf die hier beschriebenen Störungen ausgedehnt, wonach entfernt liegende Neuronen verbände, die von den zerstörten Stellen aus Erregungen zu empfangen pflegten, „in elektiver Weise und in physio¬ logisch präformierten Komplexen ihre Tätigkeit einstellen“. Demnach ist die Digitized by Go gle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 483 Hemiplegie ein direktes Herdsymptom des lädierten Hirnbezirkes, die oben er« wähnten Störungen dagegen sind als indirekte, durch Spaltung der Funktion im Sinne der Diaschisis hervorgerufene Symptome aufzufassen. Endlich werden noch 3 Fälle beschrieben, bei denen ein bestehender Diabetes nach einer Hemiplegie verschwand. Wenn auch häufig durch das Auftreten einer Hirnerkrankung Diabetes bedingt werden kann, so lassen sich andererseits keine Belege dafür finden, daß das Verschwinden desselben unmittelbar durch eine Hemiplegie hervorgerufen werden kann. Vielmehr ist anzunehmen, daß die Bedingungen, unter denen der Kranke nach der Apoplexie lebt, die strenge Diät, die minimale Muskeltätigkeit, der geringe Wärme verbrauch bei der Bettruhe, Ernährungsbedingungen schaffen, die den Diabetes günstig beeinflussen. Wenn der Zucker nach der Besserung der Lähmung nicht wieder aufzutreten pflegt, so ist das auf die inzwischen erworbene größere Toleranz gegen Kohlehydrate zurück¬ zuführen. Ob auch direkte Beziehungen zwischen der Apoplexie und dem Ver¬ schwinden des Diabetes bestehen, ist vorläufig noch unentschieden. 60) Beflexe bei einigen hemiplegisohen Kranken durch Beizung der Horn¬ haut und bei Kompression des Augapfels, von Dagnini. (Riv. crit. di clin. med. X« Nr. 36 u. 37; vgl. CentralbL f. Augenheilk. XXXVII. 1914. S. 441. Suppl.) Ref.: Kurt Steindorff. Bradykardie bei zwei Hemiplegikern duroh Kompression des Bulbus; bei zwei anderen Kranken (Hirnblutung; Embolie der Art. fossae Sylv.) erlangte Verf. noch durch ähnliohe Kompression Öffnung des Mundes, tiefe Inspiration mit Ver¬ minderung des Hornhautreflexes und Fazialiskrampf auf der Seite des kompri¬ mierten Auges. Das gleiche Bild sowie Bewegung des gelähmten oberen Gliedes ergaben andere Hemiplegiker. Dadurch werden die schweren Störungen der Him- funktionen bewiesen; ferner zeigt sich, daß solche Reflexstörungen leicht von neuen funktionellen Beziehungen zwischen LeitungB* und Reflexbahnen und von Ablenkung der Reize nach niederen Zentren abhängen oder auch von Unterdrückung der Hemmungen oder von der Entstehung besonderer Reaktionen in ihnen. 61) Hemiplegie bei Abdominaltyphus mit Ausgang in Genesung, von G. Wulf. (Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 25.) Ref.: W. Alexander. Unterleibstyphus bei einem 44jährigen Manne. In der 3. Krankheitswoche apoplektischer Insult mit linksseitiger Halbseitenlähmung, völlige Genesung. Ana¬ tomische Klärung nicht möglich; Hämorrhagie oder Erweichung? Ausgangsstelle für Embolie nicht nachweisbar. Enzephalitis nicht gerade wahrscheinlich. 62) Die orthopädische Behandlung der alten Hemiplegiker, von Leo Mayer. (Berliner klin. Wochenschr. 1916. Nr. 23.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Ein 60jähriger Mann, der infolge eines Schlaganfalls eine Halbseitenlähmung erlitten hat, ist trotz seines Alters ebenso der orthopädischen Behandlung bedürftig und zugänglich wie das Kind mit einer angeborenen Hemiplegie oder der Soldat, der eine Verletzung des motorischen Zentrums erlitten hat Verf. schildert zwei Fälle von alten Hemiplegien, die durch orthopädische Behandlung wesentlich ge¬ bessert werden konnten. Notwendig ist eine systematische Frühbehandlung. Die Maßnahmen werden an der Hand von Abbildungen kurz skizziert. 63) Paradoxe Hirnembolie als Unfallsfolge, von Moriz Infeld. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 44.) Ref.: Pilcz (Wien). Daß die Verstopfung einer Arterie auch ohne Herzerkrankung erfolgen könne, nämlich aus einer Vene des großen Kreislaufs bei offengebliebenem Foramen ovale der Vorhofscheidewand, ist 1887 durch Cohnheim bekanntgemacht worden. Dieser später als paradoxe Embolie bezeichnete Vorgang betrifft sehr selten das Hirn, bisher nur die Arteria fossae SylviL Verf, berichtet von zwei Bolchen Fällen. I. 28jähriger Arbeiter, ausgedehnte Verletzung der Wadenmuskulatur durch 31* Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 484 eine Sense, sehr großer Blutverlust, Bewußtlosigkeit. Nach einigen Stunden neuer¬ liche Bewußtlosigkeit, der rechtsseitige Hemiplegie und Aphasie folgte, später Abschwächung der Intelligenz und epileptische Anfälle. Sonst ganz gesund; keine Schädelverletzung. II. 52jähriger Arbeiter; seit der Jugend starke Varicen an den Beinen. — Sturz; viele schwere Kontusionen, sonst niohts bemerkenswertes, keine Bewußt¬ losigkeit. Nach 11 Tagen Apoplexie, rechtsseitige Hemiplegie, nach 2 Wochen Tod an Pneumonie. — Obduktion: Embolie der linken Arteria fossae Sylvii mit entsprechender Erweichung der Lungenarterien, anämische Herde in der Leber und in einer Niere. Thrombose zahlreicher Venen der unteren Körperhälfte. Offenes Foramen ovale; Myodegeneratio cordis; Klappen zart und schlußfähig. An den weichen Schädeldecken, am knöchernen Schädel und an den Hirnhäuten nichts besonderes. In einem 3. Falle, von dem Verf. nach einer mündlichen Mitteilung des Ana¬ tomen Prof. Kolisko berichtet, war es bei einer Strumaoperation zu Lufta^pira- tion, Luftembolie durch ein offenes Foramen ovale und Hirnerweichung gekommen. Daß Blutverlust ohne Erkrankung der inneren Gefäß- oder Herzwand zu Embolie führen könne, ist bisher nicht erwiesen; in jenen spärlichen Fällen der Literatur, wo Rückenmarkserkrankungen auf Blutverluste bezogen wurden, handelte es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um toxische oder infektiöse Neuritiden. — Der Gefäßpfropf stammte in den Fällen des Verf.’s aus den Venen der unteren Extremitäten, im ersten Fall aus der Wunde, im zweiten aus den thrombosierten Varicen. Da das Foramen ovale häufig offen bleibt, bei Erwachsenen in 20 bis 50°/ 0 der mitgeteilten Dntersuchungsreihen, muß noch etwas hinzutreten, um die Kommunikation duroh die Vorhofscheidewand wirksam werden zu lassen. Verf. legt Gewicht auf Schwächezustände, wodurch der Druck, der sonst die beiden Blätter des Septums aufeinanderpreßt, sinkt und der Weg durch das Foramen ovale frei und für einen Embolus gangbar wird: im ersten Fall sei dies infolge des starken Blutverlustes, im zweiten infolge anderer mit dem Unfall zusammen¬ hängender schwächender Umstände eingetreten. 54) Zerebrale Luftembolie, von E. Wever. (Beitr. z. Klinik d. Tuberk. XXXI. 1914. H. 2. Eppendorfer Festschrift.) Ref.: E. Leschke (Berlin). Zur Klärung der Frage nach dem Mechanismus der Luftembolie hat Verf auf Anregung von Brauer eine große Reihe von Tierversuchen angestellt, indem er Kaninchen', Hunden und Affen verschieden große Luftmengen in die Carotis einspritzte. Bei Kaninchen wurde sowohl nach Injektion von Luft wie von Kohle Schreien und Krämpfe beobachtet; die Kohle fand sich im Gehirn wieder. Bei Hunden beobachtete Verf. nach 8 bis 10 Sekunden ein Aufschreien und einen kurzen Krampf; darauf trat bisweilen Naokensteifigkeit, bisweilen Nystagmus, bisweilen Manegebewegungen, bisweilen Erbrechen, bisweilen aber auch gar keine Erschei¬ nungen ein. In einigen Fällen fanden sich nach Tötung der Tiere Luftbläschen im Gehirn. Am deutlichsten waren die Erscheinungen bei Affen: Zuerst ein¬ maliges kurzes Anstößen, darauf mäßig starke Krämpfe, Paresen der Extremitäten, die aber meist vorübergingen, und in einigen Fällen epileptische Anfalle, die häufig nach dem Jackson sehen Typus verliefen. Die Größe der erforderlichen Luftmenge ist sehr wechselnd und abhängig davon, in welchen Teil des Gehirns die Luft zufällig gelangt. In einigen Fällen genügte weniger als 1 ccm, in andern bleibt eine Injektion von über 2 ccm ohne Folge. Auch die Art des Gases (ob 0 oder N) spielt bei der intraarteriellen Einverleibung keine Rolle. Die mikroskopische Untersuchung des Gehirns (Prof. Spielmeyer) zeigte zünachst beginnende Verflüssigung der Hirnrindenzellen und Inkrustation der feinen Nerven« geflechte um die Zellen. Am 3. bis 5. Tage tritt eine Gliawucherung an der Stelle der erkrankten Nervenzellen ein. Dabei sind die Wucherungen vorwiegend Digitized by Gougle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 485 herdförmig und auf bestimmte Bezirke beschränkt. Nirgends kommt es zu einer Einschmelzung von Gewebe, zu Nekrose oder Blutungen. — Im Anschluß hieran stellt Verf. die gesamte Literatur über Luftembolie zusammen und würdigt kritisch die Fälle, in denen es zu Erscheinungen von seiten des Nervensystems gekommen ist. Dabei berichtet er über eine Beihe von Fällen aus der Beobachtung von Brauer und einen Fall von Hegler, bei dem die Luftembolie in den Gefäßen des Augenhintergrundes zu sehen war. Eine schöne, von Wilbrand angefertigte Zeichnung des Befundes ist beigefügt. Es wird zur weiteren Klärung des Krank¬ heitsbildes der zerebralen Luftembolie nötig sein, in kommenden Fällen den Augenhintergrund zu spiegeln und, wenn der Tod erst naoh Ablauf von mindestens einigen Stunden eintritt, das Gehirn histologisch zu untersuchen. • 65) II riso ed il planto spasmodioo nelle lesioni oerebrali d’origine vasoo- lare, di C. Angela. (Torino, S.Lattes & Co., 1913. 157 S.) Ref.: W. Misch. Diese ausführliche Monograpie über das Zwangslachen und -weinen besteht aus drei Abschnitten. In dem ersten allgemeinen Teil wird die Dissoziation, die zwischen der willkürlichen Motilität des Gesicht* und den mimischen Ausdrucks¬ bewegungen der Affekte besteht, untersucht. Für diese beiden Arten von Bewe¬ gungen sind ganz verschiedene Bahnen vorhanden, da die ersteren willkürlich, die letzteren unwillkürlich sind. Beide Bahnen enden am peripheren Fazialiskem, und die Dissoziation zwischen den beiden Arten von Bewegungen läßt sich nur bei der Fazialislähmung zentralen Ursprungs beobachten, nicht aber bei der peri¬ pheren, bei der beide Arten von Motilität aufgehoben sind. Es werden Fälle mitgeteilt, die eine solche Dissoziation im einen oder anderen Sinne aufweisen. Während die Zentren der Willkürmotilität des Gesichts in der Regio Rolandi ge¬ legen sind, sind die Koordinationszentren der mimischen Bewegungen im Thalamus lokalisiert. Es werden Experimente von Bechterew, die den Sitz derartiger Zentren in dem erwähnten Ganglion nachgewiesen haben, und klinische und patho¬ logisch-anatomische Fälle von Thalamusläsionen, bei denen sich Amimie auf einer oder auf beiden Gesichtshälften zeigte, mitgeteilt. Endlich werden die bereits bekannten anatomischen Befunde über die Verbindungen des Thalamus mit der Rinde der gleichen Seite und mit den Bulbus- und Brückenkernen der anderen Seite zusammengef&ßt. — Im zweiten Teil werden eigene und aus der Literatur zusammengesuchte klinische und pathologisch-anatomische Fälle von Zwangslachen und -weinen beschrieben und insbesondere eine Schilderung der Läsionen mit verschiedener Lokalisation gegeben. — Im dritten Teil, der von der Pathogenese handelt, werden endlich die verschiedenen Theorien über das Zustandekommen des ZwangslachenB und -weinens auseinandergesetzt. Dejerine faßt diese Erscheinung als eine Rückkehr ins kindliche Alter auf. Nach Brissaud findet durch die Läsion eine Reizung des vorderen Teiles der Capsula interna und eine Lähmung des motorischen Fazialisbündels, nach Bechterew eine Unterdrückung der Hem- mung8babnen, die von den kortikalen motorischen Zentren zum Thalamus ziehen, statt. Goldstein sieht als Ursache eine Läsion des Linsenkernes und kortikale Zirkulationsstörungen an, während Mingazzini eine Unterdrückung der korti¬ kalen Hemmung im allgemeinen, und in Ausnahmefällen eine irritative Läsion der mimischen Zentren annimmt. Nach einer Diskussion aller dieser verschiedenen Theorien entwickelt Verf. dann folgende eigene Anschauung: Das Zwangslachen und -weinen sind zwei mimische Akte, die ihr Koordina¬ tion s Zentrum im Thalamus opticus haben, und zwar wahrscheinlich in dem mitt¬ leren und vorderen Kern dieses Ganglions. Der Thalamus opticus, der mit den Lappen der Großhirnhemisphäre durch seine Stiele verbunden ist, empfängt von der Rinde die sensorischen und physischen Reize, die dazu bestimmt sind, sich nach außen durch eine mimische Tätigkeit zu äußern, koordiniert sie und über¬ mittelt dem Fazialiskem die Ausführungsordnung. Der von den mimischen Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 486 Reizen durchlaufene Weg ist verschieden von dem, der die Willkürbewegungen des Gesichts vermittelt; beide enden am Fazialiskern, aber die Lähmung des einen schließt nicht die des andern in sich. Das ZwangBlachen und -weinen, als Folge von organischen Hirnläsionen vaskulären Ursprungs betrachtet, ist ein Phänomen, das als Folgeerscheinung der verschiedensten Affektionen der zerebralen und mesenzephalen Zentren auftreten kann. Es ist gewöhnlich entweder durch einen Ausfall kortikaler Hemmung oder durch eine Reizwirkung auf das mimische Zentrum bestimmt. Die Hemmungsfunktion der mimischen Bewegungen wird ausgeübt einerseits von der Regio Rolandi der Hirnrinde vermittelst der Tractus rolandico-thalamici, wobei die Wirkung eine analoge ist wie die der Pyramiden¬ bündel auf die Vorderhornzellen des Rückenmarks, und andrerseits von den psy¬ chischen Zentren, dem Stirnlappen aus, durch die zahlreichen Assoziationsbahnen, die ihn mit den anderen Großhirnlappen verbinden, wodurch eine Kontrolle und Ordnung der verschiedenen für die Mimik bestimmten sensorischen Reize möglich ist. Alle Läsionen nun, die die hemmenden Tractus rolandico-thalamici unter¬ brechen oder die Assoziationsbahnen zerstören, können Zwangslachen und -weinen oder nur die Neigung zum Lachen oder Weinen, je nach der Schwere der Läsion, auslösen. Diese Läsionen sind ihrer Lokalisation nach verschieden, sie können kortikale, subkortikale oder ganglionäre sein. Das Reizmoment des mimischen Zentrums wird gewöhnlich durch eine von einem Erkrankungsherd auf den Thala¬ mus opticus ausgeübte Kompression dargestellt; es ist so gut wie immer mit dem Hemmungsausfall verbunden, da leicht eine Läsion der Hemmungsfasern in der Nachbarschaft des Thalamus, zu dem sie konvergieren, Vorkommen kann. In Ausnahmefällen kann auch die Erregung des mimischen Zentrums allein Zwangs¬ lachen und -weinen herbeiführen, bei Thalamusläsionen nämlich, die nicht den vorderen und mittleren Kern dieses Ganglions, in welchen die mimischen Koor- dinationszentren lokalisiert sind, zerstört haben. Der mimische Ausdruck ent¬ spricht in der großen Mehrzahl der Fälle, bei dem Lach- und Weinvorgang, dem diesem entsprechenden psychischen Zustande; er repräsentiert aber nur eine Asso¬ ziation von koordinierten unwillkürlichen Bewegungen, die, auf Grund eines biologischen \ onto- und phylogenetischen Prozesses, einen derartigen Charakter und eine derartige Form angenommen haben. Das Zwangslachen und -weinen nach zerebralen Läsionen ist nicht immer der Ausdruck einer freudigen oder traurigen Stimmung, vielmehr steht es häufig in Widerspruch mit dem psychischen Verhalten. Dieser Kontrast ist auf eine Funktionsstörung des mimischen Zen¬ trums, auf eine Desorientierung seiner Zellelemente, die Folge eines ständigen Reizzustandes dieser Elemente von seiten der Läsion, zurückzufübren. 56) Eine neue Idee zur Beseitigung der Hyperämie des Gehirnes und der inneren Organe, von Blum. (Berl. klin.Woch. 1914. Nr. 25.) Ref.: E. Tobias. Verf. denkt zur Entlastung der Gehirnzirkulation an das Gegenteil der Auto¬ transfusion. An allen 4 Extremitäten wird eine Stauungshyperämie hervorgerufen; dazu wird möglichst proximal eine Binde angelegt und so fest angezogen, daß die arterielle Zufuhr nicht abgesperrt, der Rückfluß aber verhindert wird. Die Ab¬ sperrung kann mehrere Stunden durchgeführt werden. Die Methode ist auch beim Hydrocephalus acutus und chronicus, beim Status paralyticus und epilepticus, beim Lungenödem, beim Glottisödem, bei Hämoptoö, vielleicht auch bei Aneurysmen der Aorta und der Hirnarterien zwecks Aufhaltens in ihrer Entwicklung, beim Habitus apoplectious, bei Schwindel, Wallungen usw. zu empfehlen. Das Ende der Stauung darf nicht brüsk vonstattengehen. 57) Großhirnverftnderung bei perniziöser Anämie, von P. Schröder. (Monats¬ schrift f. Psycb. u. Neur. XXXV. 1914. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Bei perniziöser Anämie fand Verf. im Gehirn kleine miliare Herdchen, und zwar mit großer Regelmäßigkeit, wenn auch nicht in allen Fällen gleich zahlreich. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSfTY OF MICHIGAN 487 Der Sitz dieser Herdehen sind die Markleisten der Großhirnwindungen und zwar mit Vorliebe ihr Grenzgebiet gegen die graue Rinde; ganz gelegentlich reichen sie hinein in die unterste Ganglienzellschicht des Kortex, häufiger liegen sie weiter abwärts im Markkegel. Mitten im Rindengrau oder im Kleinhirn fand sie Verf. bisher nie. Die Herdchen haben kugelige oder leicht oblonge Gestalt, liegen stets isoliert, meist in weiten Abständen, ein jedes Herdchen weist in seiner Mitte eine Kapillare auf. In sehr vielen, aber nicht in allen Herdchen finden sich rote Blutkörperchen. Daneben kommen vereinzelt kleine petechiale Vollblutnngen vor, die analog den Blutungen in Retina, Dura usw. lediglich aus dicht gedrängten roten Blutkörperchen bestehen. Im Gegegsatz zu Oeller, der die Herdchen für primär kleine Blutungen mit sekundären histologischen Folge¬ zuständen hält, glaubt Verf., daß der Austritt der roten Blutkörperchen und das gelegentlich nachzuweisende Auftreten von Fibrin einen sekundären Vorgang, bezw. eine Erscheinung darstellt, die neben dem zur Entstehung der Herdchen führenden Prozeß einhergeht. Es bleibt dahingestellt, ob dem Auftreten der Herdeben feststellbare klinische Symptome entsprechen und ob die Herdchen nicht etwa auch in Fällen von Anämie, die interkurrent ohne gröbere psychotische Erscheinungen sterben, zu finden sind. 58) Ein Fall von akuter zerebraler Ataxie bei Infektionskrankheit, von O.Mayer. (Journ. f. Psychol.u NeuroL XXI. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel. Ein junger, bis dahin gesunder Mann bekommt am 4. Tage einer kroupösen Pneumonie einen Zustand schwerer Benommenheit mit Delirien, 8 Tage lang dauernd und noch 6 Tage nach dem kritischen Temperaturabfall anhaltend. Vorübergehend auch motorische Reizerscheinungen in Form von fibrillären Zuckungen in der beiderseitigen Gesichtsmuskulatur. Während des Rückganges der Benommen¬ heit trat als erstes Symptom eine eigentümliche Sprachstörung zutage, die offen¬ sichtlich auf einer Koordinati onset örung beruhte. Dann ausgesprochene, durch AugenBchluß unbeeinflußte, statische und lokomotorische Ataxie des Rumpfes und der Extremitäten, Steigerung der Sehnen-, insbesondere der Patellarreflexe, doppelseitiger Babinski, keine Lähmungen, keine Schmerzen, keine Sensibilitäts-, Blasen- oder Mastdarmstörungen. Unter langsamem Rückgang der Symptome all¬ mählich in 5 Wochen völlige Genesung. Diagnose: rein zerebrale Ataxie nach Pneumonie, wohl bedingt durch eine vorübergehende, durch Toxinwirkung hervorgerufene Gewebsschädigung im Gro߬ hirn. Genauere Lokalisation nicht möglich. Ein zweiter ähnlicher Fall (bei Pyelitis nach Partus) wird anhangsweise noch mitgeteilt. 59) Über heilbare schwere Neuritis optica, verbunden mit zerebellarer Ataxie beim Keuchhusten (Keuohhustenensephalitis), von Adolf Strümpell. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LIII. 1915. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. berichtet über einen 4 1 / 2 jährigen Knaben, der Mitte Juli 1914 an Keuchhusten erkrankte. Am 13. August plötzlich wie gelähmt, Pat. konnte nicht allein auf den Beinen stehen und schien fast nichts zu sehen. Es trat dies nicht im unmittelbaren Anschluß an einen besonders heftigen Keuchhustenanfall ein, die Hustenanfölle hatten damals schon an Heftigkeit nachgelassen. Kein Kopfschmerz, kein Erbrechen, keine Bewußtseinsstörung. Objektiv: beide Pupillen weit, reaktionslos. Auffallend ist die Geringfügigkeit der Augenbewegungen. Beider¬ seits völlige Amaurose, hochgradige beiderseitige Stauungspapille von nicht ganz 1 mm Elevation. Arme frei. Beine etwas ataktisch, Patellarreflexe nicht zu erzielen. Achillesreflexe deutlich. Links schwacher Babinski. Linker Bauch¬ reflex <. Sensibilität normal. Beim Stehen unsicheres Körperschwanken. Gehen unmöglich wegen allgemeiner Rumpfataxie. Liquor klar, unter Druck von 60 mm Wasser entleert. Keine Zellvermehrung, ganz geringe Nonnesche Reaktion. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 488 Allmählich fortschreitende Besserung; der Befund am Nervensystem wird völlig normal, die Erscheinungen der Stauungspapille verschwinden, die Sehschärfe wird gut, aber beide Sehnerven Behen glänzend weiß aus wie bei vollständiger Atrophie. Sonst Heilung. Die Neuritis optica, die zerebellare Ataxie, die deutliche Beschränkung der Augenbewegungen, die Abschwächung des linken Bauchreflexes und der angedeutete linksseitige Babinski weisen lokal isatori sch auf die Vierhügel gegen d mit Über¬ greifen des Prozesses auf die linke Pyramidenbahn hin; das Fehlen beider Palellar- reflexe ist bei Kleinhirnerkrankungen bekannt, kommt vielleicht aber auch bei Vierhügelläsionen vor. Die Art des Prozesses ist wahrscheinlich eine hämorrha¬ gische Enzephalitis mit zahlreichen kleinsten punktförmigen Blutungen. Die um¬ schriebene Lokalisation der Erkrankung spricht für eine unmittelbare bakterielle Entzündung. Verf. glaubt an das Vorkommen einer echten Keuchhustenenzepba- litis, abhängig vom Eindringen der (nooh nicht sicher bekannten) Keuohhusten- erreger ins Oehirn. „Unwillkürlich drängt sich einem dabei die Analogie mit der Infiuenzaenzephalitis auf. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Erreger der beiden Krankheiten Influenza und Keuchhusten eine gewisse biologische Ver¬ wandtschaft untereinander besitzen und demgemäß auch beide die Neigung bzw. Fähigkeit haben, unter Umständen sich an einer Stelle des Gehirns (eventuell auch des Bückenmarkes) anzusiedeln und dort einen umschriebenen Krankheits¬ herd hervorzurufen, von dessen besonderer Lokalisation dann die auftretenden klinischen Erscheinungen abhängen.“ Bezüglich der Prognose der Keuchhustenenzephalitis zeigt der Fall des Verf’s, ebenso wie andere Fälle, daß dieselbe trotz anfänglicher bedrohlicher Symptome günstig ist* Die Trepanation ist nicht erforderlich, allerdings wurde in einem trepanierten Falle von Nacht der Augenspiegelbefund völlig normal, während in Verf.’s nicht trepaniertem Falle zwar das Sehvermögen wieder ausgezeichnet wurde, die Papille aber ein auffallend weißes, atrophisches Aussehen behielt. Gerade diese Inkongruenz zwischen Sehschärfe und Augengrund wird durch den vor* liegenden Fall gut demonstriert 60) Über eine durch die Sohwangersohaft bedingte schwere Hirnerkran¬ kung, von Georges L. Dreyfus und Marcel Traugott. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 13.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Die Verff. schildern die Krankengeschichte einer 26jährigen Frau, die mehr¬ mals normal geboren hat und bei der im Verlauf einer neuen Schwangerschaft nach 6 Wochen mit Erbrechen unerträgliche Kopfschmerzen auftraten. Allmäh¬ lich zeigten sich Benommenheit, Nackensteifigkeit, ausgesprochenes Kernigsches Phänomen sowie erhebliche Druckempfindlichkeit der WadenmuBkulatur. Die Untersuchung ergab etwas verlangsamte Pupillenreaktion, am Augenhintergrunde rechts ziemlich erhebliche, links beginnende Neuritis optica. Die Diagnose lautete auf Meningitis. Fieber bestand nicht, so daß eine tuberkulöse oder epidemische Meningitis nicht in Frage kommen konnte; Wassermann war negativ, so daß auch an luetische Ätiologie nicht zu denken war. Auch die Lumbalflüssigkeit wurde untersucht, ohne daß auf eine der drei Formen eine Annahme hinwies. Ebensowenig kamen Schwangerschaftsurämie, Enzephalitis, Pachymeningitis hoemor- rhagica, ein Hirntumor in Frage. Die Annahme eines Hydrozephalus hatte die größte Wahrscheinlichkeit, obwohl eine Ursache nicht vorlag. Nun können aber in der Schwangerschaft schwere zerebrale Symptomenkomplexe auftreten, die nicht durch eine Störung in der Nieren- oder Herzfunktion oder durch eine Thrombose, Embolie oder Blutung bedingt sind: 1. Die in der Schwangerschaft physiologische Volumenzunahme der Hypo¬ physe kann pathologische Formen annehmen und so entweder als Tumor an der Schädelbasis Hirndruckerscheinungen bedingen oder bei nicht so übermäßiger Digitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSETY OF MICHIGAN 489 Schwellung diese Hirndrucksymptome indirekt durch einen sekundären Hydro¬ zephalus heryorrufen. 2. kann die Schwangerschaft durch das Auftreten toxischer Substanzen im mütterlichen Organismus funktionelle Störungen an den verschiedenen Organen, so auch am Großhirn, herbeiführen. Der Versuch, den intrakraniellen Druck durch Lumbalpunktion herabzusetzen, mißlang vollkommen. Weitere therapeutische Wege wiesen auf Ventrikelpunktion und Palliativtrepanation oder Unterbrechung der Schwangerschaft hin. In An¬ betracht dessen, daß die Ventrikelpunktion ein harmloser Eingriff ist, durch den bei einmaliger Entleerung Fälle von idiopathischem Hydrocephalus externus und internus bereits geheilt worden sind, wurde mit Rücksicht auf den sich immer bedrohlicher gestaltenden Zustand diese Operation der künstlichen Ent¬ bindung vorausgeschickt. Letztere erfolgte durch Sectio caesarea. Sohon am Tage nach der Operation ließen die Kopfschmerzen nach, ging die Somnolenz etwas zurück. 36 Stunden später waren die Kopfschmerzen vollkommen verschwunden, desgleichen war die Patientin völlig bei Bewußtsein und klar. 5 Tage später befand sich die Patientin in voller Rekonvaleszenz. Außer der Neuritis optica bei normalem Visus und normalem Gesichtsfelde fand sich keinerlei von der Norm abweichender Befund am Nervensystem mehr. Es bestand völlige Amnesie für die schweren Tage der Krankheit. Zeitweilig zeigten sich später leichte Kopfschmerzen, es bestand einzig eine Druckschmerzhaftigkeit der Nervi occipi- tales. Ferner stellte sich eine Vergrößerung der Schilddrüse ein. Im Laufe des folgenden halben Jahres nahm die Neuritis optica erheblich ab, dafür wurde die Atrophia nervi optici zusehends deutlicher. Es handelte sich in dem besprochenen Falle um einen Hydrocephalus chro¬ nicus externus mit Symptomen wie beim Nonneschen Pseudotumor cerebri. Die Ursache war die Gravidität. 61) Die Differentialdiagnose der tuberkulösen organischen Erkrankungen von Gehirn und Rückenmark, von 11. Nonne. (Tuberkulose-Fortbil¬ dungskurs des Allgemeinen Krankenhauses Hamburg-Eppendorf; heraus¬ gegeben von Prof. Dr. Ludolf Brauer. Bd. I, S. 157; Würzburg, Curt Kabitzsch, 1913.) Ref.: K. Boas. Verf. gibt eine sehr eingehende Darstellung der Differentialdiagnostik* der tuberkulösen Erkrankungen des Gehirns und des Rückenmarks, wobei er auf zahl¬ reiche Beobachtungen aus der eignen Praxis zurückgreift. Auf die einzelnen Punkte und die zum Teil recht interessante Kasuistik kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Die Lektüre der Arbeit wird auch dem Fachmann mancherlei Neues bringen. 62) Stauungspapille bei zerebralen Gefäßerkrankungen, von A. Kutzinski. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 3.) Ref.: Bratz (Dalldorf;. Bei einer 30jährigen Patientin war im Anschluß an die infolge Uterusruptur erfolgte Exstirpation des Uterus nach 14 tägigem Intervall, in dem leicht febrile Temperaturen bestanden haben, eine linksseitige Lähmung und teils linksseitige, teils totale Anfalle aufgetreten. Gleichzeitig bestanden in den ersten Tagen Temperaturen, die bis zu 40 Grad anstiegen und keine gynäkologische Ursache hatten. Im Laufe der Beobachtung entwickelte sich eine Stauungspapille, die ihren Höhepunkt erreichte, als bereits die Allgemeinsymptome weniger stark aus¬ geprägt waren und Anfälle nicht mehr bestanden. Dagegen war bemerkenswert, daß die seit Beginn vorhandene Nackensteifigkeit an Intensität zugenommen hatte. Die Lumbalpunktion, die wiederholt vorgenommen wurde, ergab stets eine erheb¬ liche Druck Vermehrung, dabei war der Liquor stets klar, niemals bluthaltig; es bestand keine Eiweißvermehrung. Die mikroskopische Untersuchung ergab keine Bakterien, eine geringe Vermehrung bis zu 12 Lymphozyten, keine Leukozyten; Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 490 die bakteriologisobe Untersuchung fiel negativ aus. Die Nachuntersuchung ergab ein Stationärbleiben der linksseitigen Tastlähmung, eine geringe linksseitige Parese des Armes und einen normalen Augenbefund. Zur Erklärung der Entstehung der Stauungspapille zieht Verf. Resorptions¬ vorgänge heran. Diese Resorptionsvorgänge äußern sich in einer zeilig-serösen Infiltration der Umgebung und diese wiederum bildet ein mechanisches Moment der Drucksteigerung. Die letztere Möglichkeit würde es uns auch erklären, daß ein erhöhter Druck des Liquors festgestellt wird, und daß anfänglich wie auch in anderen Fällen nur geringe meningeale Reizerscheinungen auftreten, während sie später deutlicher werden. Eis ist bemerkenswert, daß anfänglich nur eine Neuritis optica vorhanden war, und daß diese erst im Verlauf von 14 Tagen ihren vollen Höhepunkt erreichte. Diese allmähliche Entwicklung der Stauung macht es, abgesehen vom Verlauf, unwahrscheinlich, daß eine Blutung, die bis zur Basis gedrungen ist, für die Entstehung der Stauungspapille in Frage kommen könnte, denn diese pflegt meist plötzlich wirksam zu werden. In Erwägung zu ziehen ist also, ob nicht ein sich allmählich entwickelnder sekundärer Hydro¬ zephalus oder eine stärkere seröse Durchtränkung des Hirngewebes, eine Hirn¬ schwellung, den erhöhten Druck hervorgerufen hat. Daß es sich um eine Stauungspapille ohne entzündliche Vorgänge gehandelt hat, wird auch durch die völlige Rückbildung wahrscheinlich gemacht. Die Erwägung, daß es sich um eine zufällige Koinzidenz von Wochenbett und einem tumorösen Prozeß handelt, erscheint berechtigt. Hirngeschwülste. 63) Beiträge zur Stauungspapille und ihre Bedeutung für die Hirn- Chirurgie nach dem Material der Breslauer Universit&taaugenklinik und der Privatklientel, von Prof. Uhthoff. (Graefes Arcb. LXXXIX. H. 1.) Ref.: K. Steindorff. Die umfangreiche, hochinteressante Arbeit stützt sich auf 220 Fälle. Die Stauungspapille war 180mal doppelseitig, davon waren 130 Fälle von Tumor cerebri, 18 von Lues, 8 Tuberkulose, je 7 Hydrozephalus und Turmschädel usw. Tumor, Lues und Tuberkulose lagen auch den 19 Fällen qeuritischer Atrophie zu¬ grunde. Doppelseitige Neuritis war nie durch Tumor, sondern durch Hydrozephalus, Nephritis, angeborenen Turmschädel und Salvarsan bedingt. Von den 35 Fällen, in denen ein Auge pathologischen, das andere normalen Befund aufwies, beruhten 46°/o auf einer Orbitalerkrankung, 20% auf Tumor. Kleinhirntumoren bildeten in % der Fälle die Ursache der Papillitis. Die Tumoren der hinteren Schädel¬ grube verhielten sich zu denen der übrigen Hirnteile wie 9:10. Ein Drittel der Tumoren waren Sarkome, Gliome und Endotheliome. Dem subjektiven Augen¬ symptom gehen stets die allgemeinen zerebralen voraus. Selten fehlen die vor¬ übergehenden, periodischen Verdunkelungen. Der Verfall des Sehvermögens erfolgt meist langsam. Funktionsstörung und Spiegelbefand stehen oft im Mißverhältnis. Die Höhe der Prominenz besagt nichts über den Sitz der Geschwulst. Die Retina war 48 mal mitbeteiligt (Blutungen, helle Herde). Die Intensität der ophthalmo¬ skopisch sichtbaren Veränderungen gestattet keine Schlüsse auf den Sitz des Tumors. Der Ausgang ist fast stets der in neuritisohe Atrophie. Das Gesichts¬ feld war in 8 (frischen) Fällen frei, 43mal konzentrisch eingeengt, 33mal war der blinde Bleck vergrößert. Von hirnlokalisatorischer Bedeutung ist nur die Hemianopsie. Augenmuskelstörungen bestanden 47 mal (Lähmungen 16,6 %, Nystagmus und Blicklähmung 18,5%); meist ist der Abduzens gelähmt (20mal, davon 16mal doppelseitig); die Lähmungen der Augenmuskeln werden meist durch Fernwirkung bedingt. Anisokorie bestand bei 5%, besagt aber nichts über den Sitz des Tumors. Der Hornhautreflex war 11 mal (8%) verändert. — Lues Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 491 cerebri: Von 18 doppelseitigen Stauungspapillen beruhten 5 auf basaler Meningitis gummosa, 13 auf anderen syphilitischen Hirnerkrankungen; von 4 Fällen ein¬ seitiger Hintergrundserkrankungen waren 2 Neuritiden und 2 neuritische Atro¬ phien. Die Therapie bewirkte 6 mal eine Rückbildung der Papillitis; 8 mal besserte sich die Sehkraft. Augenmuskelstörungen bestanden in 35°/ 0 , sie fehlten nie bei basaler Meningitis gummosa. — Tuberkulose: 7 Solitärtuberkel, 2 Menin¬ gitiden, Hydrozephalus 7 Fälle, Hirnabszeß 1, Cysticercus cerebri 2, Nephritis 1, Anämie 1, Bleivergiftung 1, Basisfraktur 1, Turmschädel 7, multiple Sklerose 2, Siebbeimempyem 2, Orbitalerkrankungen 16, Salvarsangebrauch 6 Fälle, Blitz¬ verletzung 1 Fall. Die Lumbalpunktion wurde — meist aus diagnostischen Gründen — in 75°/ 0 gemacht; 3mal erfolgte im Anschluß daran der Tod. Die Hirnpunktion nach Neisser-Pollak, 12mal ausgeführt, sicherte 5mal die Diagnose. Der Balkenstich wurde 2 mal, die Palliativtrepanation 29mal (7 Kranke starben im Anschluß an den Eingriff), Exstirpation des Tumors 14 mal (8 Todes¬ fälle) gemacht. So lange Sehkraft und Gesichtsfeld normal sind, operiere man nicht, erst wenn sie sinken, soll operiert werden, und zwar sofort. 64) Über die Beeultate von druckentlastenden Operationen am Schädel bei Stauungspapille, von A. W. J. Güntz. (Inaug.-Dissert. Jena 1914.) Ref.: K. Boas. Der vorliegenden Arbeit liegt ein Material von 8 Fällen aus der Jenenser Augenklinik zugrunde. In 4 Fällen wurde die Trepanation ausgeführt, in den übrigen der Anton-v. Bramannsche Balkenstich. Todesfälle ereigneten sich nicht im Anschluß an die Operation. Von der ersten Gruppe starben drei Patienten innerhalb eines Zeitraums von 5 Monaten bis zu l l / 2 Jahren. Von der zweiten Gruppe starben zwei Kranke nach 2 bzw. 6 Monaten, einer lebt (1 Jahr nach der Operation), über den 4. Fall liegen keine weiteren Nachrichten vor. Unter drei Trepanationsfällen ging die Stauungspapille einmal nach 14 Tagen um 2 bzw. 1 Dioptr. zurück, um nach 1 / 4 Jahr vollständig zu verschwinden; einmal war ein Abschwellen nach 4 Wochen nach der Operation nicht zu bemerken, und einmal trat nach der Operation in 17 Tagen sogar eine Steigerung der Intensität auf, die Stauung verschwand erst nach 8 / 4 Jahren vollständig. Unter den Balkenstichfällen war einmal keine Besserung zu konstatieren, einmal ging die Stauung nach 4 Wochen, ein anderes Mal nach 4 Monaten zur Norm zurück. Auf Jodkalium und Schmierkur konnte Verf. eine vorübergehende Besserung um 0,5 Dioptr. in einem Falle feststellen; in einem Falle trat keine Besserung auf. Von der Lumbalpunktion, die nur einmal vorgenommen wurde, war kein Erfolg zu sehen. Die Wirkungen auf den Visus waren folgende: Gruppe I (Palliativtrepanation): Fall I. Vor der Operation praktisch unbrauchbares Sehvermögen, nach der Operation Erblindung. Fall II. Sehkraft vor der Operation fast normal, nach der ersten Operation zur Norm gestiegen; im zweiten Schub der Erkrankung wurde die völlige Er¬ blindung nicht gebessert. Fall III. Sehvermögen, das vor der Trepanation auf der einen Seite schlecht war, nahm auf den Eingriff noch mehr ab. Fall IV. Visus, vor der Operation normal, wurde erhalten. Gruppe II (Balkenstich): Fall L Sehschärfe, die vor der Operation gut war, blieb erhalten. Fall IL Der unbrauchbare Visus ging in Erblindung über. Fall III u. IV verliefen ohne alle Sehstörungen. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 492 Zu erwähnen ist, daß nach einer Trepanation einmal eine Hirnhernie unan> genehme Lähmungserscheinungen nach sich zog. Eine Trepanation ohne Duraeröffnung ließ die Stauungserscheinongen an den Papillen (wenn auch nur für kurze Zeit) verschwinden. Die zwei Fälle, bei denen Tumor cerebri sicher vorlag, zeigten beide eine stärkere Papillenprominenz auf der dem Tumor entgegengesetzten Seite. Es scheinen diese Beobachtungen dafür zu sprechen, daß ein diagnostisches Hilfsmittel in der Ungleichheit der Stauungspapillen nicht bestehe. Zusammenfassend bemerkt Verf., daß die Wirkung bei der Operation auf die Sehkraft die beste dann ist, wenn von dem Visus noch nichts verloren gegangen ist. Es soll daher nicht erst auf den Beginn einer Sehstörung gewartet werden; es zeigt sich auch hier, daß die Indikation zum chirurgischen Handeln schon dann gegeben ist, wenn die Stauungspapille diagnostiziert wurde. Von einer Entscheidung, welcher der beiden Methoden man den Vorzug geben muß, sieht Verf. im Hinblick auf die geringe Anzahl der von ihm beob¬ achteten Fälle ab. 65) Augensymptome bei Gehirntumoren, von Hebenstreit. (Inaug.-Dissert. Leipzig 1914.) Bef.: K. Boas. Auf Grund der in den letzten 10 Jahren in der Leipziger medizinischen Universitätsklinik beobachteten einschlägigen Fälle, in denen eine Bestätigung der Diagnose durch Autopsie stattgefunden hat, bespricht Verf. die Augensymptome bei Kleinhirn-, Pons-, Medulla oblongata-, Akustikus- und Zirbeldrüsentumoren sowie desjenigen des 4. Ventrikels und gibt auch eine statistische Übersicht der von ihm beobachteten Fälle. Die sehr gründliche Arbeit des Verf.’s lohnt ein Studium in Muße. 66) Sarkom der linken motorischen Region, von M. R. Castex u. P. 0. Bolo. (Archiv f. Psyoh. LV. 1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 16jähr. Jüngling. Im Alter von 13 Jahren fielen ihm einige Bretter auf den Kopf und quetschten ihn am Hinterkopf, an der rechten Scheitelgegend und Pfeilnaht. Längere Zeit betäubt. Beginn des Leidens etwa 2 Jahre später mit epileptischem Anfall. Dann entwickelte sich das Bild eines kortikalen Tumors der linken motorischen Region. Nach zweizeitiger Operation, welche ein Spindel¬ zellensarkom aufdeckte, das mit seinem Stiel an den Meningen und der Hirnrinde der linken motorischen Region haftete, schnelle Besserung. Erwähnenswert ist das Vorhandensein starker Muskelatrophien an Hals, Schultergürtel, rechtem Arm und Bein, trotzdem es sich um einen zerebralen Prozeß handelte. 67) Zur Chirurgie der Hirntumoren im Bereiche des Parietallappene, von Erich Jordan. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. Nach vorausgebenden Bemerkungen über die Symptomatologie der Parietal¬ lappentumoren teilt Verf. drei einschlägige, von Wendel (Magdeburg) operierte Fälle mit pathologisch-anatomischem Befund mit. In allen 3 Fällen trat Heilung oder doch zum mindesten bedeutende Besserung ein. In den Fällen I und 111 bestand am Tage nach der Operation Lähmung der Extremitäten der gegenüber¬ liegenden Seite, die jedoch ebenso wie die übrigen Symptome in der Folgezeit völlig wieder verschwanden, so daß eine Restitutio ad integrum eintrat. Zur Blutstillung bediente man sich entweder einer Gummibinde, die um Stirn und Hinterhaupt gelegt wurde, oder der Heidenbainsehen Hinterstichnaht. Beide Methoden erfüllten ihren Zweck vollständig. In 2 Fällen wurde die Hirnpunktion nach N eisser-Pollak mit Vorteil ausgeführt. In dem einen Falle wurde neben der Artdiagnose des Tumors die neurologische Lokaldiagnose mit wesentlich größerer Sicherheit und Genauigkeit festgestellt, in dem anderen Falle ergab die Punktion wertvolle Aufschlüsse über die Art des Tumors, indem neben dem Tumor das Vorhandensein einer Zyste festgestellt wurde. In dem einen Falle fand sich Digitized b) Gck gle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 493 an der Punktionsstelle in der Tiefe über dem Tumor ein offenbar von der Puoktion herrührender kleiner Bluterguß, Bei Hirnabszessen und Solitärtuberkeln muß man für die Punktion ganz besonders strenge Indikationen fordern. 68) Heilung eines bemerkenswerten Großhirntumors, von W. Alexander und E. Unger. (Berliner klin, Wochenschrift. 1914. Nr. 30.) Bef.: E. Tobias. Ein 26jähriger Beamter mit belangloser Anamnese hatte in der Schulzeit fast täglich Kopfschmerzen, die sich aber später verloren» so daß er seiner Militär- pflicht ohne Störung genügen konnte. Vor etwa 4 Jahren nach einem Alkohol¬ exzeß Krampfanfall mit Bewußtlosigkeit und Zungen biß, weitere Anfälle in den nächsten Monaten ohne Alkoholexzeß; daneben mehrere kleine Anfälle mit erhal¬ tenem Bewußtsein und abnormen Sensationen im linken Gesicht und linken Arm und Hand Bowie einem bitteren Geschmack auf der linken Zungenhälfte. Dabei aufsteigendes Angstgefühl. Später ging diese Art Aura auch den großen Anfällen voraus. Bromkur erfolgreich. Diagnose nach Charitöbehandlung und Röntgen¬ aufnahme: Epilepsie, Pseudo Jackson sehe Form. August 1913 zum ersten Male Kopfschmerzen und taubes Gefühl in der linken Hand, Schwindel, Erbrechen, Befand im September 1913: Leichte Parese im linken unteren Fazialis, Stauungs¬ papille r. > 1. Allgemeine Hirndruckerscbeinungen wie Kopfschmerzen, Erbrechen. Schwindel, Pulsverlangsamung. Die Diagnose lautete auf Tumor im Marklager der rechten Hemisphäre, gegen die Binde zu wachsend, wahrscheinlich mehr unter¬ halb der hinteren Zentralwindung. Die Diagnose wurde durch das Röntgenbild bestätigt und ergänzt. Die im Januar 1914 vorgenommene Operation ergab ein Endotheliom von 85 g Gewicht, 7 om lang, 6 cm breit, von der Duraoberfläche 7 om in die Tiefe reichend und Kalksubstanz enthaltend. Die Operation ist ein¬ zeitig in Lokalanästhesie durchgef&hrt. Die Blutung wurde durch kontinuierliches Absaugen beherrscht. Nach der Operation vorübergehende Fazialisparalyse. Nach 3 Wochen sohwerer epileptischer Anfall mit mimischer Fazialisparese links, die darauf zurüokgeführt werden mußte, daß wahrscheinlich durch die Entfernung des so großen Tumors wohl auch der Thalamus in der Tiefe durch Blutung oder ödem geschädigt war. Nach etwa 3 Monaten kann Pat beschwerdefrei entlassen werden. Er hat seine Arbeit wieder aufgenommen. Der Tumor war abgekapselt, im Röntgenbilde direkt sichtbar und ist an¬ scheinend in toto entfernt worden. Als einziger Defekt ist eine reine Stereoagnosie geblieben. 69) Die chirurgische Behandlung des erhöhten Hlrndruokee, von A. Schüller. (Wiener med. Wochenschr. 1914. Nr. 43.) Ref.: Pilcz (Wien). Klinischer Vortrag, gehalten im Verein f. d. ges. Therapie, Wien 1913. Verf. hat gerade auf diesem Gebiete bekanntlich selbständig durch seine röntgenologischen Studien bei Hirndrucksteigerung wichtige Ergebnisse zutage gefördert und eine Methode, die der sellaren Palliativtrepanation, empfohlen. Unumstrittene Geltung erlangten die Quinckesche Lumbalpunktion und der Anton-Bramannsehe Balkenstich. 70) Über den Anton-v Bramannsohen Balkenstich, von Ringel. (Beitr. z. klin. Chirurgie. XCII.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). Bericht über weitere 5 Fälle von Balkenstich. Gänzlicher Mißerfolg bei einem Fall von Hirntumor, bei welchem überhaupt kein Hydrocephalus internus bestand. In den übrigen 4 Fällen handelte es sich um Hydrocephalus internus und hier war der Erfolg in allen Fällen mehr oder minder deutlich zu kon¬ statieren. Dauernde Abnahme des Kopfumfangs, Zunahme der geistigen Ent¬ wicklung, Verschwinden der spastischen Lähmungen, Rückkehr des Gehvermögens. Ein Dauererfolg wurde nur in einem Falle erzielt. Verf. empfiehlt den Balken¬ stich als fast ungefährlich in allen Fällen von Hydrozephalus; erst, wenn er ver¬ sagt, kommen die eingreifenden Operationen in Betracht Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 494 Kriegsbeobachtungen. 71) Neurologische und psychiatrische Mitteilungen aus dem Kriege, von Max Löwy. (Monatsschrift f. Psych. u. Neurol. XXXVII. 1915. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Bei etwa 1000 gewohnheitsmäßigen mäßigen und zum Teile starken Bier¬ trinkern kam nach wochenlanger Abstinenz unter sonst für das Delirium tremens disponierten Momenten, wie Darmstörungen, Fieber, Pneumonien usw., kein einziges Abstinenzdelir vor; allerdings können die starke körperliche Bewegung und der Aufenthalt in freier Luft als entgiftende Momente gegen den Ausbruch eines Delirs angesehen werden. Sicher auf sexuelle Abstinenz zurückgehende Störungen kamen nicht zur Beobachtung. Zur Zeit der schweren Strapazen fehlten nach vielen überein¬ stimmenden Angaben die Morgenerektionen und jede Libido. Bei den dem Artilleriefeuer lange ausgesetzt Gewesenen fiel ein besonderer Gesichtsausdruck, das „Kanonengesicht“ auf: Ausdruck düsterer Spannung im Ge¬ sicht, der bei einzelnen auch etwas weltschmerzlich-ironisches hatte. Nach schwerer Beschießung waren Klagen über Parästhesien und Schwäche- gefühl in den Beinen häufig. Bei den psychischen Störungen handelt es sich um reaktive Störungen bei Gesunden, um einen Niederbruch unter der Belastung durch die Kriegserlebnisse und die Kriegsstrapazen. Es entstehen psychopathische Episoden von Erregung und reaktiver Depression. Bald überwiegt die Apathie, bald die Erregung, am häufigsten besteht eine Mischung von Depression, Erregbarkeit und Apathie. 72) Der Einfluß des Krieges, insbesondere des Kriegsausbruches, auf schon bestehende Psychosen, von E. Meyer. (Archiv f. Psych. LV. 1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Eine nach außen bemerkbare Beeinflussung schon bestehender Psychosen durch den Kriegsausbruch ist in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle, einerlei welche Krankheitsform vorlag, nicht nachweisbar. Höchstens bei einem oder zwei der DepressionBzustände machte sich eine Steigerung der Angst und Unruhe bemerkbar. Hingegen ist der Ausbruch des Krieges als solcher in der überwiegenden Mehr¬ zahl der Fälle zur Auffassung gekommen; diese Perzeption ist aber eine rein äußerliche geblieben, die Kranken haben den Kriegskomplex nicht verarbeitet. Ganz allgemein wird der Einfluß des Kriegsausbruches auf schon bestehende Psychosen vor allem ein Gradmesser für den Zustand des Affektlebens, die all¬ gemeine gemütliche und ethische Ansprechbarkeit sein. Bei den chronischen Alkoholisten trat der Ausfall auf affektivem Gebiete besonders klar hervor, des¬ gleichen bei der Paralyse und der Dementia praecox. Bei den manisch gefärbten Krankheitsbildern sieht man Teilnahme, aber nicht tief. Bei den Kranken mit Melancholie fehlt jede Beeinflussung. Die krankhafte einseitige Betonung des Ich-Komplexes, wie wir sie als ein Merkmal tiefgreifender geistiger Störung finden, verhindert eine wesentliche Ein¬ wirkung des Krieges bzw. des Kriegsausbruches auf bestehende Psychosen. 73) Contributo allo Studio delle turbe neuro-psiobiohe dovute ad emozioni durante la guerra italo-turca, per Arturo Gorrieri. (Rassegna di studi psichiatrici. III. 1914. H. 5.) Ref.: G. Perusini (Mailand). Verf. teilt 6 Krankengeschichten mit. Er kommt zu dem Schluß, daß die während des Krieges entstandenen Psychosen nichts Charakteristisches darbieten. Meistens handelt es sich um depressive oder stuporöse Zustände, die rasch heilen, ln der großen Mehrzahl der Fälle kommen sie bei hereditär belasteten Indi¬ viduen vor. 74) Funktionelle Neurosen bei Kriegsteilnehmern, von E. Röper. (Deutsche militärärztl. Zeitschr. 1915. H. 9 u. 10.) Ref.: Kurt Mendel. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 495 Vortrag mit Demonstration einer Anzahl nenrasthenischer und hysterischer Soldaten. Die Zahl der psychisch Erkrankten sowie diejenige der an funktionellen Neurosen leidenden Krieger ist im Marinelazarett Hamburg eine verhältnismäßig kleine. Die Neurasthenie tritt oft als Erschöpfungsneurasthenie, die Hysterie monosymptomatisch auf. Überstandene oder noch bestehende Geisteskrankheiten sowie angeborener Schwachsinn und krankhafte seelische Veranlagung machen zum aktiven Dienst und in der Ersatzreserve dauernd untauglich und heben bei militärisch ausgebildeten Mannschaften die Garnisondienstfähigkeit auf. Chronische Nervenleiden, die den Gebrauch der Gliedmaßen und die allgemeine Leistung»* fähigkeit nicht wesentlich und nicht dauernd beeinflussen, namentlich nicht mit Bewußtseinsstörungen verbunden sind, heben die See- bzw. Felddienstfähigkeit auf, nicht aber die Garnisondienstfähigkeit. Im allgemeinen ist der Grundsatz fest¬ zuhalten, daß alles, was auch nur im geringsten nach Bewußtseins- oder Seelen¬ störungen aussieht, felddienstunfähig ist. 76) Primäre Wundnaht bei SohuBverletsungen, speziell des Gehirns, von B&r&ny. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 20.) Bef.: Pilcz. Arbeit von vorwiegend chirurgischem Interesse, daher Bef. mit einer ein¬ fachen Anzeige derselben sich hier begnügt. 70) Zwei Fälle von Sohußverletzung der zentralen Sehbahnen, von F. Dimmer. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 20.) Bef: Pilcz (Wien). Fall I. 29jähriger Mann, 22. X. 1914 Gewehrschuß gegen linke Schläfe, keine Bewußtlosigkeit, Parästhesien rechts, konnte weder sprechen, noch lesen und schreiben, verlor das Namensgedächtnis. Bei späterer Untersuchung Beste von amnestischer Aphasie bei normaler sensorisch-motorischer Sprachfunktion, leichte Fazialisparese rechts. Hechts Andeutung von Fußklonus, ganz minimale rechtsseitige Hemihypästhesie. Schußkanal verlief 2 cm vor oberem Ansätze der linken Ohrmuschel, ziemlich sagittal, Ausschuß 4 cm hinter Ohransatz etwas höher als Einschuß. Fundus, Pupillarreaktion und Augenbewegungen normal, homonyme Quadranten¬ hemianopsie nach rechts oben mit stumpfer Begrenzung des Gesichtsfelddefektes gegen Fixationspunkt, so daß Gesichtsfeldausfall etwa 3° von diesem beginnt. Fall II. 25jähriger Mann, 23. VIII. 1914 Schuß, Bewußtlosigkeit, naohher hochgradige Herabsetzung des Sehvermögens, die sich allmählich besserte, bis auf Unfähigkeit zu lesen. Bei Operation mit Entfernung von Knochensplittern (19. und 30. X. 1914) zeigte sich Verletzung des Gehirnes wie folgt: Rechts in Ausdehnung von 2 cm querer, 0,75 cm senkrechter Richtung, links weiter nach unten und in tiefere Hirnpartien sich erstreckend. Thrombose des Sinus longi- tudinalis. Splitterfraktur in Gegend der Protuberantia occipitalis. Pupillen auf¬ fallend weit, prompt reagierend, Bulbusbewegungen frei, Fundus belangloser Befund. Gesichtsfeld in Außengrenzen links wenig, rechts mehr eingeschränkt. Im rechten, unteren Quadranten beiderseits absolute, homonyme Skotome. Am oberen Rande, der von 10 bis 20° dem horizontalen Meridiane folgt, liegt vom Fixationspunkt bis 10° eine leichte Ausbuchtung im erhaltenen Gesichtsfeldteil, die sich gerad¬ linig gegen Fixationspunkt abdacht, nach der anderen Seite ziemlich steil abfällt. Im vertikalen Meridiane ist Begrenzung geradlinig. An der Hand dieser beiden Fälle geht nun Verf. auf die Henschen-Wil- brandsche Theorie bezüglich der Verbindung des Sehzentrums mit der Retina ein und auf die Theorie von Monakow-Wehrli. Der erste Fall gestattet eine Auslegung nach beiden Hypothesen; der zweite Fall jedoch nur nach der Henschen-Wilbrandschen. Es ist klar, daß homonyme, durch eine Erkrankung der Hirnrinde oder der Sehstrahlung bedingte und in das sogenannte makuläre Gebiet hineinragende Skotome, oder Skotome, die außer dem Fixationspunkt auch noch in beiden Ge¬ sichtsfeldern homonym gelegene Skotome des makulären Gebietes betreffen, nur Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 496 Dach der Projektionstheorie erklärbar sind. Nach Monakow müßten gerade die zentralen Partien des Gesichtsfeldes bei partieller Zerstörung der Hirnrinde er¬ halten bleiben, und auch ausgebreitete Bindenherde könnten nicht zentrale oder parazentrale, homonyme Defekte hervorrufen. Das ganze Skotom in Fall II kann man sich zerlegt denken a) in ein kleines, zentrales, absolutes Skotom, b) in ein der rechten unteren Hälfte der rechts¬ seitigen sogenannten Makulaaussparung entsprechendes Skotom, c) in ein Skotom, das den zentralen Teil einer nach rechts und unten gelegenen Quadrantenhemi- anopsie einnimmt. a) weist auf eine doppelseitige, durch Läsion der Hirnrinde oder der Seh¬ strahlung erzeugte Erkrankung hin. b) fuhrt gleichfalls zu einer doppelseitigen, links aber stärkeren Läsion der Rinde des Sehzentrums hin. Bei dieser Gelegenheit setzt Verf. auseinander, daß statt der wenig passenden Bezeichnung „Makulaaussparung“ man besser von der Aussparung eines kleinsten perizentralen Gesichtsfeldteiles im hemianopischen Gesichtsfelde sprechen sollte. c) würde durch Zerstörung eines Teiles der in der oberen Caloarinalippe gelegenen Partie dee Sehzentrums Zustandekommen, und es würde das Zentrum für die Makulagegend iu den hinteren Teil der Fissura calcarina zu lokali¬ sieren sein. Abbildungen im. Texte veranschaulichen genau Gesichtsfeldbefunde in beiden Fällen. Außerdem sind Gesiohtsfeldbilder von einschlägigen Fällen aus der Literatur wiedergegeben. 77) Ein Fall von spontaner Nagelabstoßung nach SohußVerletzung des Plexus brachialis, von Hermann Schlesinger. (Mitteil. d. Gesellschaft f. innere Medizin u. Einderheilk. in Wien. 1916. Nr. 1.) Bef.: Kurt Mendel. Vortr. demoustriert einen Offizier, der im Oktober 1914 eine Schußverletzung des linken Plexus brachialis mit nachfolgender vollständiger motorischer und sen¬ sibler Lähmung der linken oberen Extremität und eine komplizierende Brust- verletzung erlitten hat. Ende Dezember bemerkte der Kranke das Wiederkehren der Sensibilität an den Fingern und an der Hand, jedoch ist nur die Berührungs¬ empfindung an der linken oberen Extremität wiedergekehrt, die anderen Empfindungsqualitäten (oberflächliche und tiefe) waren hochgradig gestört, die Motilität noch aufgehoben. Zu gleicher Zeit mit der Wiederkehr der Sensibilität bemerkte man eine rasch fortschreitende Abstoßung der Nägel der ersten 4 Finger, also im Ausbreitungsgebiet des Medianus, und Bildung neuer Nägel ohne Defor¬ mitäten derselben. Der Fall bietet ein gewisses Interesse, weil er konform den Beobachtungen Bernhardts zeigt, daß auch an gelähmten Extremitäten ein Nagelwachstum stattfindet, während Weir-Mitchel noch nicht sicher war, ob eine Lähmung nicht das Nagelwachstum aufhebt. Der Nerveneinfluß auf das Nagelwachstum ist in diesem Falle besonders deutlich, da zu gleicher Zeit mit der wiederbeginnenden Herstellung der sensiblen Funktionen die Nagel¬ abstoßung begann. Dieses Verhalten würde der Annahme Cassirers zur Stütze dienen, daß in den sensiblen Nerven auch die Bahnen für die trophisohen Ein¬ flüsse auf die Gewebe verlaufen, jedoch in umgekehrter Leitungsrichtung wie die ersteren. 78) Zur Frage der operativen Behandlung der Sohnßverletsungen peri¬ pherer Nerven, von Emil Bedlich. (Monatsschr. f. Psych. u. Neur. XXXVII. 1915. H. 6.) Bef.: Kurt Mendel. Verf. sah Fälle von peripherer Nervenverletzung, deren Prognose ihm recht zweifelhaft erschien, im Laufe der Monate heilen, so einen Fall von Fazialis¬ lähmung nach Lanzenstich vor dem Ohre mit schwerer Entartungsreaktion, An¬ ästhesie im Bereiche des 2. und 3. Astes des Trigeminus und schwerster Atrophie Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 497 und nahezu erloschener elektrischer Erregbarkeit im Masseter; nach 6 Monaten war sowohl die Fazialislähmung wie die Lähmung des motorischen Trigeminus¬ astes völlig geheilt, nur die sensible Trigeminuslähmung bestand teilweise fort. Bei der Operation wurde in einer beträchtlichen Zahl von Fällen der Nerv vollständig durchschossen gefunden, mitunter waren die durchtrennten Teile des Nerven vom Projektil förmlich nach dem Wundkanal fortgeris6en und hier durch Narbengewebe fixiert. In anderen Fällen sah Yerf. — relativ häufig am Ischiadicus — eine nur partielle Durchtrennung des Nerven mit Erhaltenbleiben einer Brücke. Häufig ist zwar die Kontinuität des Nerven erhalten, aber es sind infolge der Schub Verletzung so schwere Veränderungen im Peri- und Endoneurium des Nerven eingetreten, dab eine spontane Restitution unmöglich ist. Unter 8 Fällen fand Yerf. 4mal (Verletzung des MedianuB, Ulnaris, Radialis nahe der Oberfläche mit ausgedehnten Hautnarben) im Nerven Haare, die von der umgebenden Haut in den Nerven fortgerissen waren. Die oft sehr heftigen Schmerzen wurden in einer Zahl von Fällen günstig beeinflubt. Das Verhalten der Sensibilität ist wechselnd. Neben Fällen, wo sie früher als die Motilität sich zurückbildete, gibt es, wenn auch selten, solche, wo sich dies umgekehrt verhält. Die Resultate bei Frühoperationen (in den ersten 6 bis 8 Wochen) sind durch¬ aus nicht immer günstiger als bei einem späteren Zeitpunkte (nach 2 bis 4 Monaten), auch besteht dort noch die Gefahr der Infektion. Wenn der klinische Befund nicht strikte Indikationen für eine frühere Operation bringt, kann man im allgemeinen 3 bis 4 Monate zuwarten; in neurologischer Beziehung sind die Ver¬ hältnisse bis dahin in vielen Fällen schon besser zu übersehen. Zu einer all¬ gemeineren Empfehlung der Probeinzisionen kann sich Verf. nicht entschlieben. 70) Über Sclmßverletzti&gen peripherischer Nerven, von Frieda Reichmann. (Deutsche med, Wochenschr. 1915. Nr. 23.) Ref.: Kurt* Mendel. Die Schußverletzungen des Ischiadikusstammes boten vorwiegend Ausfalls¬ erscheinungen im Peronealgebiet; und zwar ist es bald sofort am stärksten ge¬ troffen, bald bilden sich die übrigen Schädigungen zurück, während die Läsion dfes Peroneus hartnäckig bestehen bleibt. Bei den peripheren Nervenverletzungen handelt es sich nur in wenigen Fällen um eine wirkliche Durchscbießung der betroffenen Nerven. Vielmehr sieht man bei Freilegung des Nerven in der größeren Zahl der Fälle letzteren von stark komprimierendem Narbengewebe um¬ wachsen, nach dessen Lösung aber in seiner Kontinuität erhalten und makro¬ skopisch intakt. Der starke Druck des in der Umgebung des Nerven durch Schußverletzung zerstörten und narbig geheilten Gewebes oder der Druck organi- siertef lokaler Blutungen ist in solchen Fällen als Ursache der Leitungsunter¬ brechung anzusehen. Häufig handelt es sich auch zunächst um einfache Shock- Wirkung, um Erschütterung ohne nachweisbare mikroskopische Veränderungen, die zu vorübergehenden Funktionsstörungen des Nerven fuhren; seine Restitution wird dann durch sekundäre Narbenbildung in der Umgebung verhindert. Neben den organischen bestehen oft psychogen bedingte Beschwerden. Häufig ist die Empfindlichkeit für Nadelstiche nur verlangsamt, nicht erloschen. Trophische Störungen (Atrophie, ödem mit Zyanose, An-, Hyperhidrosis, Verfärbung der Extremitäten, Veränderungen an den Nägeln) sieht man sehr oft. Gegen die Schmerzen empfiehlt Verf. Pantopon als Tropfen oder subkutan, Luminal (Tabl. zu 0,1), eiskalte oder feuchtwarme Umschläge. Die ersten 3 bis 6 Monate ist konservativ zu behandeln (Galvanisieren (Kathode auf Läsionsstelle deB Nerven, Anode beweglich auf die betroffenen Muskeln, 6 bis 8 M.-A.], Übungen, Schienenverbände nachts zur Vermeidung von Kontrakturen); zeigt sich innerhalb 3 bis 6 Monaten keine Heilungstendenz, so empfiehlt es sieb, operativ vorzugehen. xxxiv. 82 Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 498 80) Über Sohußverletzungen der Arxnnerven, von E. Fröhlich. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 44.) Kef.: E. Tobias (Berlin). Die Nervenstränge weichen bei Durchschüssen der oberen Gliedmaßen oftmals dem Geschoß aus. Nervenentzündungen in der Nähe von Verletzungen sind selten. Verf. schildert dann an der Hand von Beispielen die Schußverletzungen der ein¬ zelnen Armuerven und die Möglichkeiten der Therapie. 81) Eine Vorrichtung zum Schreiben mit Hilfe des Gebisses bei Verlust bzw. Lähmung der Arme, von Zahnarzt J. Grün borg. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 17.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. versucht bei Armlähmung das Gebiß zum Schreiben heranzuziehen. Die Modelle des Ober- und Unterkiefers wurden in Artikulation gestellt und der Biß so weit gesperrt, daß sich zwischen den Zahnreihen ein Zwischenraum von etwa 2 mm bildete. Aus Wachs wurde ein schienenartiges Mundstück modelliert, das etwa die Hälfte der Kronen der unteren Zähne umfaßte; die oberen Zähne bissen dagegen nur mit den lingualen Flächen auf die Schiene, ihre Schneidekanten und labialen Flächen blieben frei. Verf. konstruierte dann einen Halter mit drei Gelenken, von denen das mittlere, mit einer Feder versehen, die genügende Elastizität gewährleistete. 4 Abbildungen machen das Verfahren verständlich. IIL Aus den Gesellschaften. Ärztlicher Verein in Hamburg. Sitzung vom 26. Januar und 23. Februar 1915. (Fortsetzung.) Ref.: M. Nonne (Hamburg). Diskussion zu den Vorträgen der Herren Saenger und Cimbal (s. d. Centr. 1915. S. 364 u. 411). Herr Nonne kommt auf Grund seines Materials zu folgenden Feststellungen: A. Verletzung der peripheren Nerven. Es ist außerordentlich häufig, daß bei Verletzungen peripherer Nervenstämme nur partieller Funktionsausfall zu¬ stande kommt. Dies versteht sich sowohl für die motorischen als auch für die sensiblen Funktionen. Im allgemeinen tritt der sensible Funktionsausfall außer¬ ordentlich hinter dem motorischen zurück. In einzelnen Fällen beherrschen in¬ tensive und gegen die Therapie refraktäre Schmerzen das Bild; doch bat N. diese Fälle nur selten gesehen, seltener als N. es nach den einschlägigen Veröffent¬ lichungen geglaubt hat. Die elektrische Erregbarkeit zeichnet sich gegenüber den Verletzungen der Friedenspraxis dadurch aus, daß man nicht selten Erloschensein der faradischen Erregbarkeit bei normaler galvanischer Erregbarkeit und umge¬ kehrt exquisite galvanische Entartungsreaktion bei erhaltener faradischer musku¬ lärer Erregbarkeit findet Auffallend häufig findet man auch intakte oder nur wenig geschädigte motorische Funktion in Muskeln, die ausgesprochene Entartungs¬ reaktion bieten. Nicht selten ist die Entartungsreaktion noch nach 4 und 5 und 6 Monaten auf der Höhe, dauert also sehr lange an. Es ist deshalb, um die Ausdehnung der Schädigung einer Verletzung von peripheren Nerven festzusteilen, eine genaue elektrische Untersuchung überall erforderlich. Die Ope¬ rationsbefunde sind sehr mannigfach: Durchtrennungen mit und ohne Ersatz der Lücke durch Narbengewebe, kolbige Auftreibung der Nervenstümpfe duroh Narbengewebe, torartige Durchlochung von Nervenstämmen, hochgradige allgemeine Verdickung und starke Verdünnung der Nervenstämme, neuromartige lokale Ver¬ dickungen der traumatisierten Nerven, Erschlaffung der Nervenstämme in Gestalt von schlaffer Schlängelung, Umwachsung der Nerven durch Narbengewebe, strang- artige Einschnürung sowie Umwucherung und Einbettung der Nerven durch Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 499 Knochencallusmassen. Besonders durch letztere werden die Nervenstränge oft weit aus ihrem gewöhnlichen Verlauf herausgedrängt, so daß ihr Anfsuchen bei der Operation oft mit größten Schwierigkeiten verbunden ist. Die klinische Untersuchung ist nicht in der Lage, mit Bestimmtheit zu sagen, ob eine Tren¬ nung der Kontinuität der Nerven stattgefunden hat Über die Diagnose „schwere Schädigung“ kommt der Kliniker nicht hinaus. Andererseits ist der Kliniker in der Lage, zu sagen, daß eine Trennung der Kontinuität nicht stattgefunden hat Betreffs der operativen Behandlung steht N. auf dem Standpunkte, daß die konservative Methode nur da gerechtfertigt ist, wo bereits eine spontane Besserung eingesetzt hat, oder wo die elektrische Erregbarkeit nicht oder nur wenig (partielle Entartungsreaktion) verändert ist. Da man bei schwerer funktioneller und elektrischer Schädigung nicht mit Bestimmtheit oder Wahrschein¬ lichkeit sagen kann, ob und wann eine spontane Besserung eintreten wird, emp¬ fiehlt N. in solchen Fällen die operative Revision des Nerven. Schädigung hat er niemals bei solchem Vorgehen gesehen, hingegen in einer Reihe von Fällen Bedingungen vorgefunden, deren operative Beseitigung den Heilungsverlauf be¬ schleunigen muBte* (Loslösung vom Callus, Beseitigung umschnürender Narben usw.). Die Resektion des Nerven läßt N. nur da vornehmen, wo jede von dem be¬ treffenden Nerven abhängende motorisohe Funktion erloschen ist; bei noch par¬ tiell erhaltener motorischer Funktion warnt N. vor Resektion. Über den schließlichen Erfolg der Nervennaht werden wir erst nach vielen Monaten, vielleicht erst nach Jahr und Tag urteilen können. Die Neurodese birgt die Gefahr des Auftretens von Lähmung im Gebiet des „spendenden“ Nerven. — B. Bei Rücken- marksVerletzungen läßt N. operieren, wenn die Annahme gerechtfertigt er¬ scheint, daß es sich um eine nicht im Rückenmark sitzende Veränderung bandelt. In zweifelhaften Fällen hält N. die Probelaminektomie für gerechtfertigt. — C. Die Erfahrung bei Hirnverletzungen lehrt, daß besonders häufig zerebrale Monoplegien, die sich nioht selten auf das Gebiet einzelner Nervenstämme, beson¬ ders Peroneus, Tibialis, Radialis beschränken, zur Beobachtung kommen. Die Beobachtung, daß die Restitutionsfahigkeit der jungen rüstigen Gehirne eine oft überraschend gute ist, kann N. bestätigen. — D. Häufig sind Fälle von soge¬ nannter grande hystärie. Die Prognose dieser Fälle ist bei schnellem energischem Vorgehen weit günstiger als in der Friedenspraxis. N. sah fast alle seine Fälle bei geeignetem Vorgehen schnell heilen. Besonders häufig sah er Fälle von grande hystärie da, wo die Diagnose von anderer Seite auf organische Erkrankung des Hirns oder des Rückenmarks gestellt war. Fehldiagnosen in dieser Beziehung sah N. häufig. Nur in wenigen Fällen war eine neuropathische Belastung nach¬ weisbar. N. sah die grande hystärie als Kombination mit organischen Erkran¬ kungen, d. h. mit zerebralen und peripher neuritischen häufiger als in der Frie¬ denspraxis. N. warnt dringend davor, jetzt die Lehre der traumatischen Neurose wieder Boden gewinnen zu lassen. Die damit in der Unfalls¬ praxis gemachten Erfahrungen sollten uns davor behüten. Bei etwa 250 Fällen von Traumen, organischen sowohl wie psychischen, sah N. nur viermal ein Bild, welches als „traumatische Neurose“ aufgefaßt werden konnte, und diese Fälle heilten bei energischer psychischer Behandlung schnell. Zum Schluß bespricht N. die Fälle von multipler peripherischer Neuritis, die als Folge von Überanstrengung anzusehen ist. N. sah bisher davon 4 Fälle; 3mal handelte es sich um peripherische Neuritiden in den unteren Extremitäten, einmal um eine solche in allen drei Ästen der rechten oberen Extremität. In allen Fällen hatten sohwere lokale Überan¬ strengungen (Marsch, Klettern, bzw. anhaltendes schweres Tragen) Veranlassung gegeben. Die Prognose dieser Fälle ist eine günstige. Autoreferat. 4 Herr Weygandt betont die Schwierigkeiten, die die Verwertung der gewal¬ tigen neurologisch-psychiatrischen Experimente dieses Krieges darbietet, da das 32* Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 500 Beob&chtungsmaterial lückenhaft ist und nicht ausreichend lange dargeboten wird. Die Hinweise auf die Stammesverschiedenheit im Ertragen von Schmerzen, Stoi¬ zismus der Altbayern, Weichheit der Ostpreußen usw. bedürfen auch der Vorsicht, da z, B. die von Sa eng er erwähnte Hamburger Bevölkerung zum großen Teil, vielleicht zur Hälfte, aus Zugezogenen besteht Bei Hirnprolaps ist es manchmal erstaunlich, wie gering die Einwirkung auf die Psyche ist. In einem Falle be¬ traf der Prolaps das Beinzentrum, doch waren die entsprechenden Funktionen intakt, während der Arm paretisch war; offenbar war das Armzentrum durch Fortleitung der mechanischen Einwirkung, durch Splitter u. a. geschädigt Neben rascher Verschlechterung von Tabes konnte ich auch beobachten, daß unter Um¬ ständen trotz anstrengenden Dienstes das Befinden eines Tabikers vorzüglich blieb und auf endolumbale Salvarsaninjektion ausgezeichnet reagierte. Erst nach Jahren sind wichtige Aufschlüsse zu erwarten über die Frage, inwieweit die Kriegs* * Schädlichkeiten auslösend hinsichtlich einer Tabes und Paralyse bei vorhandener syphilitischer Disposition wirken. Ebenso muß unsere Aufmerksamkeit eingestellt werden auf das Problem der Beeinflussung des Zentralnervensystems infolge der Kriegsstrapazen, insbesondere der dauernden intensiven Spannung, im Sinne einer zerebralen Arteriosklerose. Der Vortrag Cimbals beruht auf der eingehenden Ver¬ arbeitung eines riesigen Materials, das größer scheint, als es irgend einer anderen Veröffentlichung über Kriegspsychosen zugrunde liegt. Seine wesentlichsten Schlußfolgerungen entsprechen auch den Beobachtungen an dem Hamburger Ma¬ terial. Ganz besonders wichtig tritt allgemein hervor, daß die bedeutsamste Grundlage psychischer Störungen in der pathologischen Disposition liegt. Aber doch erlauben die Kriegserfahrungen mehr als das Friedensmaterial, die Bedeu¬ tung des Hirntraumas, der körperlichen Erschöpfung und des psychischen Traumas einzuschätzen. Freilich ist auch in solchen Fällen vielfach eine bereits vorhan¬ dene Disposition mit zu berücksichtigen, aber es gibt auch einwandsfreie Fälle ohne eine solche Grundlage. Auf Grund des Materials in Friedrichsberg muß aber doch die Bedeutung der Kriegsschädlichkeiten als Auslösung einer Disposition für Epilepsie noch mehr unterstrichen werden. Nicht ganz selten sind die Falle, die in der Jugend einige Symptome aufwiesen, dann abgeheilt schienen, aber nun unter dem Kriegseinfluß wieder Anfalle, Dämmerzustände oder sonstige schwerere Störungen auf weisen. Auch bei dem von Cimbal erwähnten Falle mit Debilität und Adiposogenitaldegeneration muß ich dies annehmen: In der Kindheit waren Anfälle zu beobachten, mit 11 Jahren trat eine Serie gut beschriebener Absenzen ein, und im Feldzug erfolgte ein Dämmerzustand. Offenbar handelte es sich bei den verschiedenen Störungen um ein und dieselbe Ursache, insofern auf Grund einer Meningitis serosa ein Hydrocephalus internus die Hypophysis schädigte und die epileptischen Symptome provozierte. Auf die systematische Stellung der Hysterie will ich hier nicht eingehen, aber ich gebe durchaus monosymptoma¬ tische Fälle zu und bin der Überzeugung, daß bei der hysterischen Degeneration der Übergang von Schulfällen zu abortiven Fällen eher noch häufiger in Er¬ scheinung tritt, als bei anderen psychischen Affektionen. Von Interesse sind die Kriegsbeobachtungen über Schlafstörungen, insbesondere über hypnagogische Hallu¬ zinationen, worüber auch ganz gesunde Kriegsteilnehmer anschauliche Selbstbeob¬ achtungen mitteilen. Die Erscheinungen des Granatenfangens treten bei dem Hamburger Material keineswegs so hervor wie in Altona. Als praktische Folge¬ rungen ist neben der Mahnung einer noch energischeren Bekämpfung des Alko¬ holismus und der Infektion noch hervorzuheben, daß am besten die psyohisch auf¬ fallenden Militärpersonen möglichst rasch aus der Front und auch der Etappe zurückzuziehen und spezialärztlicher Untersuchung zu überweisen sind, der Begriff der Garnisondienstfähigkeit kann dann ziemlich weit ausgedehnt werden. Kon¬ sultierende psychiatrische Tätigkeit in der Etappe scheint durchaus ratsam. Er- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERS1TY OF MICHIGAN 501 freulicherweise ziehen die Militärgerichte öfter die Hilfe des psychiatrischen Sachverständigen in zweifelhaften Fällen heran. Autoreferat. Herr Trömner: Bei dem Inhaltsreichtum der von Herren Saenger und Gimbal behandelten Themata kann ich nur auf eine Reihe von Einzelheiten eingehen. Am peripheren Nervensystem hat der Krieg eine Menge von Details kennen gelernt, welche der Friedenspathologie nicht oder selten zu Gesicht kamen. Wir begegnen partiellen Plexuslähmungen in verschiedensten Varietäten; z. B. sah ich eine Lähmung durch Plexusschuß, welche sich auf die Muskeln der Hand und des Unterarms beschränkte, also zwischen Dejerine-Klumpkescher und Erb scher Lähmung in der Mitte steht. Im Plexus selbst können einzelne Nerven betroffen werden, z. B. nur der Peroneus oder der Radialis, ja aus den einzelnen Nerven heraus wiederum, wie durch eine Stoffel sehe Operation, nur einzelne Muskeln; z. B. sah ich vom Radialis einmal nur die Hand-, aber nicht die Fingerstrecker paralysiert und, gleich Herrn Nonne, in einem Fall von Medianusverletzung nur die ihm zugehörigen Thenarmuskeln. Auch das elektrische Verhalten der ge¬ lähmten Muskulatur bietet große Mannigfaltigkeit; jedoch habe ich niemals Er¬ haltensein faradischer Erregbarkeit bei vollkommenster Entartungsreaktion (d. b. mit Doumers longitudinaler Reaktion) beobachtet. Die Störung der Sensibilität ist, wie wir es auch sonst bei mechanischer Schädigung peripherer Nerven ge¬ sehen haben, weniger auffällig und ausgebreitet als die der Motilität. Immerhin fehlt auch hier keine Mannigfaltigkeit. Daß die peripheren Anästhesien, wie Herr Saenger bemerkte, nicht immer die in den Büchern vorgeschriebenen Grenzen respektieren, habe auch ich öfter gefunden, und zeige einige Beispiele dafür ans den Gebieten des Peroneus superficialis und des Ulnaris im Bilde. Auch die Grenzen von Schmerz-, Temperatur- und Berührungsempfindungen fallen nicht immer zusammen. Manchmal sind sogar die zentralen Bündel eines Nerven anders betroffen als die randständigen; z. B. sah ich zweimal in einem anästhe¬ tischen Felde des Peroneus communis eine lindenblattgroße Stelle auf dem Fuß- rilcken, welche einmal erheblich mehr, das andere Mal erheblich weniger empfind¬ lich war als die Umgebung. Entgegen diesen häufigen elektiven Störungen kommt nicht selten auffallende Irradiation der Störungen vor, also Ausbreitung der Paresen zentralwärts von der Verietzungsstelle; z. B. auffallende Schwäche der Oberarm- und Schultermuskulatur bei Lähmungen nur im Unterarm. Einige Male konnte ich sogar in den oberhalb gelegenen Muskeln Herabsetzung der galvanischen und faradischen Erregbarkeit bis etwa um das Doppelte fest&tellen, ein Beweis dafür, daß die Irradiation keine hysterische Zutat war; ebensowenig ließ sich eine aufsteigende Neuritis feststellen. Ob diese Störung trophischen oder reflektorischen Ursprungs, oder nur Folge der Aktivitätsbeschränkung ist, läßt sich noch nicht entscheiden. In der Behandlung würde auch ich Operation anraten, wenn die Zeichen vollkommener Durchtrennung des Nerven vorliegen oder wenn nach 2 bis 3 Monaten noch gar kein Zeichen einer Besserung ein¬ getreten ist. Lange Ruhigstellung des Gliedes muß nach Möglichkeit vermieden werden, um Überlagerung durch weitergehende hysterische Lähmungen zu ver¬ hüten, wie wir das jetzt gar nicht so selten sehen; meistens an Armen, welche mehrere Wochen im Verband getragen wurden. Von schwereren Rückenmarks¬ verletzungen habe ich bis jetzt fünf gesehen, davon vier auf Herrn Dr. Alsbergs Abteilung im Israelitischen Krankenhaus. Außer der heute vorgestellten eine Hämatomyelie, in der Ausbreitung vom Halsmark bis etwa zum 7. Brustwirbel, wie sich nach einer Hyperästhesie unterhalb bestimmen ließ. Sie war verursacht durch einen Nackenschuß, welcher aber, röntgenologisch nachweisbar, die Wirbel nicht verletzt hatte. Auch in zwei anderen Fällen standen klinischer Befund und Röntgenbild im Mißverhältnis; in einem bestand nur Rippenbruch und Dislokation des Dornfortsatzes vom 10. Brustwirbel und trotzdem völlige Querschnittsunter- Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 602 brechung, welcher der Patient in 3 Monaten erlag; in einem anderen Falle schwere Zerstörung des Bogens vom 6. Lendenwirbel und klinisch nur partielle Lähmung der Cauda equina, motorische und zum Teil sensible Lähmung des linken Beines mit zirkumanaler und Reithosenanästhesie auf beiden Seiten, ln diesem Falle konnte Herr Dr. Alsberg die Wirbelbögensplitter entfernen nnd dadurch eine wenigstens geringfügige und zögernde Besserung anbahnen. Von jenen oben erwähnten Fällen schwerer Systemschädigung ohne sichtbare Wirbel¬ verletzung leitet eine Skala von Zwischenstufen zu Fällen hinüber, von denen ich im Nervenlazarett Barmbeck zwei Beispiele sah, schmerzhafte Spannungs¬ zustände fast im ganzen Hinterwurzelbereich abwärts bei Krümmung der Wirbel¬ säule nach vorn nach Nackenschüssen. Diese leichtesten Fälle, auf die ich noch näher eingehen werde, werfen doch vielleicht, weil sie der ganzen Sachlage nach nicht als rein funktionell aufzufassen sind, noch einmal ein Licht auf die alte Lehre von der Railway Spine bzw. auf gewisse Gruppen von traumatischen Spinalneurosen. Autoreferat Herr Boettiger berichtet über das Material, das ihm als Neurologen des V. Reservelazaretts (Hafenkrankenhaus, tropenhygienisches Institut usw.) bis jetzt zur Beobachtung kam. Es handelt sich um reichlich 100 Fälle auB den ersten 4 l / 2 Monaten der Belegung, darunter 52 Fälle von Verletzung peripherer Nerven, 8 des Rückenmarks, 29 des Schädels und Gehirns (Gesichtsschüsse nicht ein¬ gerechnet) und ein kleiner Rest Neurosen und Psychosen. 1. Von peripheren Nerven war isoliert am häufigsten der Radialis betroffen. Die Lähmungen des Ischiadicus zeigten mehrfach gleichen Typus; es waren verschont die Äste für Semimembranosus und Semitendinosus, leichter beteiligt Bizeps und Wadenmuskeln, am schwersten betroffen stets das Peroneusgebiet. — Die Diagnose der völligen Durchtrennung eines Nerven ergibt sich aus vollständiger motorischer und sensibler Lähmung, totaler Entartungsreaktion, Muskelschwund und sonstigen trophisohen und vasomotorischen Störungen. Fehlt nur eins dieser Momente, so ist eine totale Durchtrennung unwahrscheinlich. Namentlich zeigen Fälle schwerer Erschütterung des peripheren Nerven, z. B. Facialis, Radialis, Ischiadicus, bei denen die Operation makroskopisch intakte Nerven ergab, gleichfalls totale motorische und sensible Lähmung, totale Entartungsreaktion, aber weniger Muskelatrophie und keine sonstigen trophisohen Störungen. NB. ist auch die Restitution solcher Nerven eine enorm langsame. Die erste aktive Bewegung begann zum Teil erst nach 4 bis 5 Monaten. Hält man die Symptomgruppierungen zusammen mit Beobach¬ tungen aus der Friedenszeit bei Nervenlähmungen und bei Gelenktrophoneurosen, so ergibt sich die unzweifelhafte Tatsache in allgemein wissenschaftlicher Be¬ ziehung, daß die motorische und sensible Nervenfaser nicht selbst trophische Funktionen hat, sondern, daß der periphere Nerv noch eigene trophische Nerven¬ fasern führen muß, daß diese Fasern aber im Nervenstamm für Traumen Behr widerstandsfähig, am verwundbarsten dagegen in ihren Endausbreitungen in der Peripherie sind. — 2. Von den Rückenmarksverletzungen wurde keine operiert. 2 Fälle direkter Verletzung des Rückenmarks mit rasch einsetzendem Decubitus gingen in wenigen Tagen zugrunde. Ein schweres Hämatom des Duralsacks und eine Verletzung der Cauda equina besserten sich genügend ohne Operation, nnd die übrigen 4 Fälle betrafen indirekte Schädigungen des Rückenmarks durch Fernwirkung des Geschosses auf dieses mit teilweise recht schweren klinischen Erscheinungen, im schwersten Falle zuerst Paraplegia superior et inferior. In diesen Fällen erscheint eine Operation stets unnötig, deren Prognose ist gut. Das Ausbleiben trophischer Störungen, namentlich des Decubitus, ermöglicht hier die richtige Diagnose und IndikationBstellung. — 3. So langweilig die Erfolge operativen Eingreifens bei Verletzungen der peripheren Nerven sind, so über¬ raschend sind sie oft bei Schädelschüssen nach Entfernung von Impressionen und Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 503 Sequestern. Es entspricht dieses durchaus unseren Friedenserfahrungen bei Schädel- träumen und Selbstmördern, an denen beiden das HafenkrankenhauB stets großes Material hat. B. geht auf einzelne Kasuistik nicht ein. Die Kriegsbeobach- tungen haben ihm aber, zumal die Schußverletzungen oft die exakte Beobachtung fast eines physiologischen Experimentes darstellen, Gelegenheit gegeben, Material zu einigen strittigen Fragen der Hirnlokalisation zu sammeln. Auf die Aphasie- fragen will er nicht eingehen, dagegen bezüglich der Lokalisation der Zentren für die einzelnen Gliedabschnitte des Beines hervorheben, daß die Anschauung total falsch ist, die in letzter Zeit an Boden gewonnen hat und die in der vorderen Zentralwindung von unten nach oben die Armzentren in aufsteigender Folge (Hand, Ellbogen, Schulter), die Beinzentren aber in absteigender Folge (Hüfte, Knie, Fuß) lokalisiert. An das Schulterzentrum schließt sich zweifellos das Fußzentrum an. Genaueres behält sich B. für gelegenere Zeit vor. — 4. Die Neurosen und Psychosen bringen im Verhältnis zu den Friedensbeob- aohtungen nichts Neues. Eine spezifische Kriegsneurose wie früher die unglück¬ selige „traumatische Neurose“ möge uns erspart bleiben. Sie wäre ein wissen¬ schaftliches und soziales Unglück. Von Hysterien sah B. nur 2 Fälle mit hysterischen Anfällen, die beide geheilt sind. Sie waren, wie auch fast alle Friedenshysterien B.s, monosymptomatisch, und B. hat sich bei der Untersuchung und Behandlung mit Erfolg Mühe gegeben, sie vor einer Vergrößerung ihres Symptomenbildes duroh die sogenannten hysterischen Stigmata und vor einer Behandlung auf dem Umwege über diese zu bewahren. B. weist auch bei dieser Gelegenheit wiederholt darauf hin, daß die wahren Stigmata des Hysteriekrank¬ heitsbildes in der Abundanz und Inkonsequenz der Symptome zu suchen sind, nicht aber in den Charcotsehen Kunstprodukten einer übergenauen Untersuchung suggestibler Patienten. Autoreferat. Herr Oehlecker hat bei den Kriegsverletzungen der peripheren Nerven, besonders im Gebiete des N. ischiadicus, sehr lebhafte und sehr hartnäckige Schmerzen und Beschwerden beobachtet, die nicht selten die Vornahme einer Operation beschleunigten. Am Arm sah O. nach Nervenverletzungen verhältnis¬ mäßig selten länger dauernde Beschwerden (auf schwere Neuralgien des Hinter¬ hauptsnerven als Spätfolge von Hinterhauptsschüssen ist an anderer Stelle hin¬ gewiesen worden). Operationsbefunde haben die strikten Beweise dafür erbracht, daß die Variation der Nervenverteilung eine weit größere ist, als man gewöhn¬ lich anzunehmen pflegt, und zwar gilt dieses nicht nur in sensibler, sondern vor allem auch in motorischer Hinsicht. Vornehmlich ist 0. aufgefallen, daß die Arbeitsteilung und Arbeitsabgrenzung der Armnerven oft sehr schwankt und sich durchaus nicht an die Lehrbücher kehrt Man gewinnt vor allem den Eindruck, daß oft ein geschädigter Nerv durch die Anastomose (und weitere Ausbildung dieser Straße) seines Nachbarn lebhaft unterstützt oder teilweise ersetzt wird. Praktisch wichtig ist die Regel, daß ein Nerv, der nach dem Lehrbuch noch einen Teil oder Rest seiner Funktion zu haben scheint, und den der Kliniker deshalb nur als teilweise geschädigt hinstellt, doch vollständig durchtrennt und zerrissen sein kann. Hier haben Operationsbefunde sehr wichtige und interessante Tatsachen aufgedeckt Was die operative Behandlung der peripheren Nerven¬ verletzungen angeht, so ist 0. anfangs zu konservativ gewesen und hat sich mehr und mehr zu einem aktiveren Vorgehen gezwungen gesehen. Da der Weltkrieg sogar die elektrischen Untersuchungsmethoden etwas ins Wanken gebracht hat, und da sich fast immer gezeigt hat, daß die Wiederkehr der Funktion^ bei ge¬ prellten und geschädigten Nerven ein viel feineres Zeichen für eine sich ein¬ stellende Besserung darstellt als das elektrische Unterenchungsergebnis, so sei ein ganz besonderes Gewicht auf eine fortlaufende, feine Beobachtung der gelähmten Muskeln gelegt. Hierzu ist aber unbedingt nötig, daß einer Kontraktur der Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 504 Antagonisten der gelähmten Muskeln, einer Versteifung der Gelenke usw. aufs kräftigste und dauernd entgegengewirkt wird. (Es ist, beiläufig gesagt, recht traurig, was für viele und unnötige Gelenkversteifungen wegen allzu ängstlicher Ruhigstellung und wegen Mangels an systematischer Übung der Gelenke beim Verbandwechsel man zur Zeit bei oder nach der Behandlung von Schußwunden, Frakturen usw. zu sehen bekommt!!) Bei ständiger Mobilisierung und Geschmeidig¬ erhaltung der geschädigten Glieder werden womöglich täglich auch Versuche mit aktiven Bewegungen gemacht. Die gelähmten Muskeln werden in die bequemste Arbeitslage gebracht und nun der Patient aufgefordert, die Impulse in die ge¬ lähmten Muskeln hineinzusenden. Haben sich bei diesen unterstützenden Ma߬ nahmen die ersten Anzeichen einer wiederkehrenden Funktion geltend gemacht, so wird der Pat. mit individuell verschiedenen Mitteln angefeuert, weiter zu üben, denn kein Mittel der ganzen Bewegungstherapie leistet das, was die aktive Be¬ wegung schafft. — Hat sich nach einer derartigen sorgfältigen Funktionsüber¬ wachung und Beobachtung in 6 (bis 8) Wochen keine Besserung herausgestellt, so wird operiert und der Nerv freigelegt. Alsdann fand man unter 10 Fällen vielleicht einen, wo makroskopisch am Nerven nichts verändert schien, und wo gleichsam die Operation überflüssig war. In keinem Falle wurde aber hier ge¬ schadet* Es konnte vielmehr eine nützliche Dehnung vorgenommen werden, und der Fall war jedenfalls diagnostisch und prognostisch mehr geklärt. In den neun anderen Fällen aber konnte jedesmal operativ etwas Nützliches geschaffen werden, und ein weiteres Zuwarten hätte nur einen schweren Zeitverlust bedeutet Ja, in einigen Fällen konnte man aus dem Operationsbefunde schließen, daß ein weiteres Zuwarten wohl geschadet hätte, und zwar sind das jene Fälle, wo es sich um barte, ringförmige, feste Einschnürungen des Nerven durch Narben¬ gewebe handelt, und wo durch Schrumpfen des manchmal etwas Knochen ent¬ haltenden Narbengewebes vermutlich noch die letzten Reste des Nervengewebes erdrückt worden wären. Auch für die technische Ausführung der Operation ist ein allzulanges Warten hinsichtlich der Schrumpfung von Narben, der zuehmenden Atrophie und Veränderung der Nervenstümpfe usw. nicht von Vorteil. Besonders gilt dies auch für Operationen am Plexus, die oft recht schwierig werden können, die aber auch, ohne jeden Schaden zu verursachen, ausgeführt wurden. Unbe¬ dingtes Erfordernis für die Operation ist selbstverständlich, daß die Schußwunden verheilt sind, und daß man seiner Asepsis sicher ist. Was die Verletzungen des Rückenmarks angeht, so sind für den Chirurgen besonders dankbar die Ver¬ letzungen der Cauda equina. So wurde eine einseitige Pferdeschweifkompression durch Schrapnellkugel mit Lähmung eines Beines nach Entfernung der Schrapnell- kugel aus dem Duralsack geheilt, und ebenso günstig verlief ein operierter Schußbruch des Bogens des 5. Lendenwirbels, der das Schulbild einer Conus¬ verletzung gegeben hatte. Was die Schädelsohüsse angeht, so verweist 0. auf seine frühere Demonstration. Autoreferat. Herr Kafka weist darauf hin, daß bei der Beurteilung der im Kriege psychisch Erkrankten ganz besonders die ätiologischen Fragestellungen berück¬ sichtigt werden müssen. Bei der Sichtung eines großen Materials muß hierbei vor allem der weite Rahmen der Rassendisposition beachtet werden; bo können wertvolle Aufschlüsse gewonnen, andererseits das Material selbst geklärt werden. Innerhalb dieses großen Rahmens ist dann die Frage der individuellen Disposition zu beantworten; auch dies würde durch statistische Untersuchungen an einem großen Material manches Interessante ergeben und wäre besonders für die schizophren und manischdepressiv im Kriege Erkrankten von Wert Außerdem wären auch die Reaktionen, die einen parenteralen Eiweißzerfall anzeigen, hier nicht außeracht zu lassen. — Bezüglich der Einwirkung der Kriegsereignisse auf die Zurückgebliebenen kann betreffs der Frauen K. als Arzt der Frauenaufnahme- Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN — 505 — Station der Hamburger Staatsirrenanstalt berichten, daß in den Kriegsmonaten die Anzahl der psychisch Erkrankten nicht zugenommen hat. Der Krieg spielt nur eine Bolle im Inhalte der Psychosen, es ist aber kaum ein Fall als direkt durch psychische Traumen infolge kriegerischer Ereignisse entstanden anzusehen. Herr Köper (Marine-Lazarett Hamburg): Das Hamburger Marine-Lazarett ist für 3000 Betten eingerichtet und durchschnittlich mit 2000 Verwundeten be* legt; es interessiert wohl, im Anschluß an die Vorträge einiges über die an diesem großen Material gemachten Erfahrungen zu hören. Funktionelle Neu¬ rosen wurden relativ wenige gesehen. Hysterien — im Anfänge waren es mehr als jetzt, was Bich wohl daraus erklärt, daß die zu dieser Krankheit neigenden Krieger sich entweder angepaßt haben, oder ausgemerzt sind — betrafen vor¬ wiegend Kriegsfreiwillige; sie waren meistens monosymptomatisch. Hysterische Stigmata, besonders Seneribilitätsstörungen, fanden sich nur in der Minderzahl der Fälle, obgleich in allen Fällen daraufhin untersucht wurde. Am häufigsten waren in dieser Gruppe die Erschöpfungsneurasthenien. Die Diagnose traumatische Neurose mußte mehrfach gestellt werden; B. kann die Ansicht, wonach man diese Bezeichnung ganz fallen lassen solle, nioht recht verstehen. Er schildert einen typischen Fall und weist darauf hin, daß bei frühzeitig gestellter Diagnose und genügend lange durchgeführter, geeigneter Behandlung die Prognose keineswegs ungünstig zu sein brauche. Psychosen — es gibt äußer der Abteilung des B. im Lazarett noch eine kleine psychiatrische Abteilung, die aber ständig schwach belegt ist — wurden nur vereinzelt gesehen. Außer einigen Paralysen, Epilepsien und verschiedenen Schwaohsinnsformen, sah K. zwei typische Depressionszustände, bei denen die Vorgeschichte nichts für einen zirkulären Typ ergab und offen¬ sichtlich Erschöpfung und seelische Eindrücke bei wohl von Hause aus wenig widerstandsfähigen Menschen das Krankheitsbild hervorgerufen hatten. Sehr groß ist die Zahl der Verletzungen des peripheren Nervensystems. Partielle Aus¬ fälle sind auch klinisch häufiger als totale. Oft gehen Anästhesien mit Hyperal- gesien einher. Auffallend oft wird über Schmerzen in der Fußsohle oder im Handteller geklagt. Operationen zeigen, daß völlige Nervendurchtrennungen selten sind, B. schätzt 5 auf 100. Trotzdem wurde die Indikation zu operativem Eingreifen ständig erweitert. Den Fürsprechern allzu konservativer Behandlung und langen Zuwartens ist einzuwenden, daß es nicht nur unsere Pflicht ist, die Verwundeten überhaupt wiederherzustellen, wir sollen auch die Krieger dem Vater¬ lande möglichst schnell wiedergeben. Die Entartungsreaktion gibt keine absolut sicheren Anhaltspunkte. In einem Falle war der Medianus motorisch ganz, sen¬ sibel größtenteils ausgefallen, es bestand komplette Entartungsreaktion; der Befund war so gering, daß der Operateur dachte, B. habe sich im Nerven geirrt, bei längerem Suchen fand sich, von einem Schlußkanal ausgehend, ein dreieckiger, bindegewebiger Strang, der auf der ganzen Breite des Nerven aufsitzend diesen etwas verzog. Bei längerem Zuwarten verschlechterte sich in mehreren Fällen der Befund, die Operation ergab, daß eine zirkuläre Narbe den Nerven strangulierte. Zweimal nach Freilegung des Badialis, die in Blutleere ausgefUhrt wurde, zu der man eine breite Gummibinde verwandt hatte, waren im Anschluß an die Operation Medianus und Ulnaris ausgefallen, die Operation hatte je etwa 40 Minuten ge¬ dauert« Allmähliche Besserung nach 6 bis 8 Wochen. Kückenmarksver¬ letzungen, bei denen lange Zeit Blasenlähmung bestand, verliefen durchweg ungünstig. Mehrere Fälle, bei denen das obere Brustmark lädiert war, scheinen quoad vitam eine günstige Prognose zu geben. B. setzt die Kranken baldmög¬ lichst in einen Stuhl, an dem eine Vorrichtung ist, um den Kopf dauernd zu extendieren, so ließ sich der Decubitus vermeiden. Zu operativem Eingriff wurde bei lebhaften .Beizerscheinungen und Erfolg versprechendem Böntgenbefund ge¬ raten. Kopfsohüsse, die ja zum Teil über alles Erwarten günstig verlaufen, Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 506 sind prognostisch wegen der Spätabszesse mit einer gewissen Reserve zu be¬ urteilen. R. sah 5 Fälle, in denen nach 4 und mehr Monaten, während welcher die Kranken ständig außer Bett und fieberfrei waren, ganz plötzlich die heftigsten Allgemeinerscheinungen auftraten, die Sektion ergab große Abszesse, die ohne ersichtlichen Grund aufgeflackert und zum Teil durchgebrochen waren. Bei frei¬ liegender Hirnrinde mit stark infizierten Wunden, ebenso bei Hirnabszessen ergab die Sektion nie eine diffuse, sondern immer nur eine lokalisierte Meningitis. Daß allzu konservatives Verhalten die Prognose der Schädelschüsse erheblich ver- schlechert, lehrten mehrere Beobachtungen. In einigen Fällen, die vom Chirurgen als gute Erfolge demonstriert wurden, bestanden erhebliche psychische Ausfälle. Autoreferat. Herr WohlwHl bespricht 1. einen Fall, bei dem sich im Anschluß an eine naoh Mandibulafraktur entstandene Lymphdrüsenvereiterung der linken Supra- klavikulargrube eine Myelitis des mittleren Zervikalmarks herausgebildet hatte. 2. einen Fall, bei dem nach einer Verletzung des Rückens schwere spinale Symp¬ tome aufgetreten waren und zum Tode geführt hatten. Die Sektion ergab, daß die Wirbelsäule absolut unverletzt war. Es fand sich im oberen Bru&tmark eine einfache Degeneration ohne Blutung und ohne entzündliche Prozesse. 3. geht W. auf die Resultate bei der Untersuchung der von Herrn Prof. Sick aus Nerven exzidierten Narben ein. Nicht immer fanden sich am zentralen Abschnitt wohl¬ erhaltene Nervenfasern. Es ergibt sich daraus die Forderung, soweit die Technik es irgend erlaubt, wenigstens am zentralen Stumpf möglichst proximal im Ge¬ sunden zu arbeiten. Autoreferat. Herr Thost: Unter den nervösen Schädigungen, die im Felde beobachtet sind, wurde auch die hysterische Taubheit genannt. Hysterische Taubheit ist im Frieden eine sehr seltene Erkrankung, wenn sie auoh im Felde bei dem Platzen der Geschosse häufiger sein mag und vielleicht rasch heilt. Auch wenn man äußerlich bei der Untersuchung völlig normalen Befund feststellt, kann es sich um eine Erschütterung durch Luftdruck handeln, vor allem wenn die Granaten im geschlossenen Raum explodieren, oder wie in einem meiner Fälle, wenn die Schußbahn nicht frei ist, und die Gase auf die Bedienung des Geschützes zurück¬ wirken. Es kommen dann ähnliche Störungen des Gehörorgans vor wie bei der Gaissonkrankheit. Findet man dann keine nachweisbaren Veränderungen und treten die Erscheinungen bald zurück, so könnte man an Hysterie denken, in Wirklichkeit handelt es sich aber um Störungen der Hörzentren durch Luftdruck. Eigentümlich für Hysterie ist der Unterschied des Verhaltens bei der Prüfung mit Stimme und Stimmgabel. In dem einzigen Fall von Hysterie bei Soldaten, den ich sah, gab der Mann an, überhaupt nichts zu hören, er verstand aber ziemlich alles, was man in etwas erhobener Stimme ihn fragte. Nach zwei¬ maligem Katheterismus war er geheilt. Autoreferat Herr E. Franke bespricht 3 Fälle von Tangentialschüssen am Hinterkopf, durch welche eine Verletzung der Sehsphäre herbeigeführt wurde. In allen 3 Fällen wurde von chirurgischer Seite die Entfernung der eingedrückten Knochenteile vorgenommen und dadurch eine Besserung der Verhältnisse erreicht. In dem 1. Fall handelt es sich um eine linksseitige Hemianopsie, von der rechten Gesichts¬ feldhälfte war nur der obere Quadrant erhalten. Am Tage nach der Operation wurden bereits Handbewegungen, auch in der unteren Hälfte des rechten Gesichts¬ feldes erkannt. Bei einem 2. Patienten fand sich Ausfall der unteren Gesichtsfeld¬ hälfte. Auch hier trat nach dem chirurgischen Eingriff eine Erweiterung der vorhandenen Gesichtsfeldteile, sowie eine Vergrößerung des Gesichtsfeldes in den unteren Abschnitten ein. In dem 3. Fall schließlich handelt es sich um völlige Blindheit, wo nach Entfernung von mehreren zum Teil bis zu fünfmarkstückgroßen Knochensplittern wenigstens vorläufig undeutliches Erkennen von Fingern vor Digitized by Gck igle Original frorn UNIVERSfTY OF MICHIGAN 507 dem Auge eiugetreten ist« Augenspiegelbefund und Pupillenreaktion in allen 3 Fällen normal. Im Anschluß daran wird über 3 Fälle von neurasthenischen bzw. hysterischen Erscheinungen berichtet, in welchen nach Streifschüssen an der Orbita oder am Hinterhaupt angeblich eine erhebliche Herabsetzung des Seh¬ vermögens eines Auges eingetreten sein sollte. In allen 3 Fällen ließ sich mit Leichtigkeit das Vorhandensein des normalen Sehvermögens feststellen, ein charak¬ teristisches Gesichtsfeld mit außerordentlich starker hysterischer Einengung wird gezeigt. Die Frage, ob solche Verwundete garnisondienstfähig oder auch feld¬ dienstfähig seien, wird kurz gestreift. Autoreferat. Herr W. Hansing: In der I. Chirurg. Abteilung des Allgem. Krankenhauses Barmbeck (Prof. Sudeck) wurden die bisher vorgetragenen Erfahrungen im wesent¬ lichen bestätigt. — Bei peripheren Nervenverletzungen durchaus aktives Vorgehen, wobei Gewicht darauf gelegt wird, daß die Wunden vorher absolut reaktion8lo8 abgeheilt sind, auch in der Tiefe, was besonders bei stärkeren Knochenzertrümmerungen häufig zwingt, die von Oehlecker verlangten 6 bis 8 Wochen Wartezeit zu überschreiten. Wird klinisch oder röntgenologisch eine quere Läsion des Rückenmarks sichergestellt, muß die Operation als aussichts¬ los abgelehnt werden. Bei den übrigen Rückenmarksverletzungen, besonders dem Typ Brown-S6quard, Erfolge erheblich besser. — Bei den Schädelverletzungen mit größeren Knochendefekten Prognose ziemlich infaust-. Auch nach monate¬ langem, fieberfreiem Verlauf Komplikationen mit tödlicher Meningitis bzw. Gehirn¬ abszeß, ohne daß ein erneutes Trauma eingewirkt hatte. Gelegentlich diese Kom¬ plikation durch Sequesterentfernung hervorgerufen. Bei geringem Defekt, bei voll¬ ständig geschlossener Wunde Trepanation meist von Behr gutem Erfolg. Autoreferat. Herr Säen ge r (Schlußwort) hebt hervor, daß im allgemeinen bei sämtlichen Diskussionsrednern eine dahingehende Übereinstimmung herrscht, einen mehr aktiven Standpunkt bei den Verletzungen des Nervensystems einzunehmen. Dieses Resultat steht im Widerspruch zu manchen Diskussionsergebnissen in anderen Gesellschaften. Vortr. ist mit Nonne ganz einig darin, eine sogenannte trauma¬ tische Kriegsneurose abzulehnen und verweist auf die üblen Erfahrungen, die man bei den unfallerkrankten Arbeitern in dieser Beziehung gemacht hat. Rothmann äußerte sich ähnlich. Bei richtiger anfänglicher Behandlung der Hysterie und der Schreckneurosen im Krieg ist die Prognose günstig. Nonne bevorzugt in manchen Fällen die Hypnose; Vortragender hat dieselben Resultate mit Wach- Buggestion gehabt Oehleckers Beobachtung, daß die Schmerzen im Ischia- dikusgebiet heftiger waren als an den oberen Extremitäten, kann Vortragender bestätigen. Daß die Funktion früher wiederkehrt als die normale elektrische Erregbarkeit, ist eine bekannte Tatsache. Den von Herrn Trömner erwähnten Fall von Erblindung durch Explosion einer Granate, vermag Vortragender zu erklären, da er diesen Fall auch untersucht und rechts eine Opticusatrophie konstatiert hatte. Er veranlaßte Herrn Prof. Albers-Schönberg den Fall zu untersuchen. Nun wurden in beiden Orbitae zahlreiche kleine Granatsplitter konstatiert, wahrscheinlich sitzen einige im Opticus. Wiederum ein Beweis, wie wichtig die Röntgenuntersuchung in der Diagnostik der Kriegsverletzungen ist. Zum Schluß hebt Vortragender hervor, wie bedeutungsvoll es ist, gleich zu Anfang die richtige Diagnose auf Hysterie zu stellen, da die gleich darauf gerichtete zielbewußte Therapie meist einen raschen Erfolg hat. Die von Herrn Boettiger perhorreszierten hysterischen Stigmata sind wertvoll und beweisen, auch falls sie vom Arzt suggeriert wären, doch, daß es sich um eine Hysterie bandelt, da bei einem normalen Menschen es nicht gelingt, solche Symptome zn suggerieren. Ist doch gerade die leichte Suggestibilität ein Hauptsymptom der echten Hysterie! Autoreferat. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 508 IV. Neurologische und psychiatrische Literatur vom 1. Januar bis 31. Mfirz 1915. (Die als Originale in diesem Centralblatt veröffentlichten Arbeiten sind hier nicht noch einmal angeführt.) I. Anatomie. Vogt, E. u. 0., Angebl. Fase, corporis callosi cruciatus. Jonrn. f. Psjchol. u. Neurol. XXI. H. 8 u. 4. — Schaffer, Kleinhirnanteil d. Pyramidenbahnen. 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Pathologische Anatomie« Lafora, Neoformations dendritiquea dans les ncu- rones et alterations de la neuroglie chez le chien sönile. Journ. f. Psycho], u. Nenrol. XXI. H. 8 n. 4. — Bielschowsky, Bezieh, zw. tuberöser Sklerose n. Gliomatose. Ebenda. — Frei¬ feld, Unansgereifte Neurome n. multiple Neurofibrome. Beitr. z. path. Anat. LX. H. 2. — Berblinger, Beitr. zur epithelialen Genese des Melanins. Vircb. Arch. CCXIX. H. 3. — Glomset, Malignant Sympatb. Tumor of the right suprarenal. Arch. of intern. Medic. XV. Nr. 3. IV« Neurologie« Allgemeines: Jacobsohn, L., Krieg n. Nerveusyst. Therapie d. Gegenw. Nr. 1. — Jolly, Pb., Erfahr, a. d. Nervenstation eines Reservelazaretts. Schmidts Jahrb. März. — Flatau, E., Neurol. Schemata f. d. ärztliche Praxis. Berlin, Springer. — France, Nerv, and ment, sympt. of beart diseases. Journ. of Amer. med. Assoc. 20. Febr. — Meningen: Klefstadt, Exper. Unters, über d. resorptiven Funktionen d. Epithels d. Plexus chorioideus n. d. Ependyms d. 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Mißerfolge Digitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 510 b. Basedow. Wiener klin. Woch. Nr. 1. — Barfon, Partial Myxedema. Journ. of Amer. med. Assoc. 20. März. — Gebbardt, Elektr. Nachw. d. Spasmophilie b. Initialkrämpfen. Mon. f. Kinderheilk. XIII. H. 6. — Quieke, Tetanie u. Knochentrauma. Arch. f. klin. Chir. CVI. H. 2. — Graul, Tetanie im Verlauf v. Gallensteinkolik. Deutsche med. Woch. Nr. 9. — Blau, Fall ▼. Tetanie b. einem Landsturinmann, komb. m. anfallsweisen Krämpfen (Myotonia congenita?'. Wiener klin. Woch. Nr. 11. — Schloss, Behaudl. d. Spasmophilie m. Lebertran u. Kalzium. Mon. £ Kinderheilk. XIII. H. 6. — Buerger, Vasomot. and trophic disturb. of the upper extrem. Amer. Journ. of the med. Sciences. Februar. — Neurasthenie 9 Hysterie: Head, Neurastb. u. Tuberkulose. Journ. of Amer. med. Ass. 1914. 19. Sept. — Gaupp, Hysterie u. Kriegsdienst. Münch, med. Woch. Nr. 11. — Hirsch¬ fehl, A., Hydrotherapeut. Behandl. d. im Kriege erworb. Neurasth. u. Hyst. 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Nr. 6 . — Kelley, Case of TetanuB. Journ. of Amer. med. Assoc. 6 . März. — Knippler, Erfahrungen über Tetanus. Schmidts Jahrb. Febr. — Goldscheider, Klin. Beobacht, über Tetanus im Felde. Berl. klin. Wochenschr. Nr. 10 u. 11. — Chiari, Prognose u. Ther. »Wiener klin. Woch. Nr. 8. — Piorkowski, Prophylaxe gegen Tetanus. Münch, med. Woch. Nr. 7. — Ritter, C„ Dasselbe. Berliner klin. Woch. Nr. 6. — Grund¬ mann, Beobacht, über Tetanus. Ebenda. Nr. 8. — Heller, Tetanus. Korresp.-Bl. d. Württemb. Landesvereine. Nr. 9. — Blumenthal, Symptomatol. u. Ther. d. Tetanus. Allg. med. Zentral¬ zeitung. Nr. 7. — Heile, Prakt. Gesichtspunkte b. d. Behandl. Berl. klin. Woch. Nr. 7. — Riehl, Tetanusbehandl. Med. Klinik. Nr. 2. — Wienert, Dasselbe. Deutsche med. Woch. Nr. 4. — Hinterstoisser, Dasselbe. Wiener klin. Woch. Nr. 7. — Meyer, E. J., Serumbehandl. Therap. Gaz. Jan. — Straub, Exper. Unters, über Wesen u. Aussicht der Magnesiumsulfat¬ therapie. Münch, med. Woch. Nr. 1 . — Mahsfeld, Dasselbe. Ebenda. Nr. 6 . — Schütz, Magnesiumsulfatbehandl. Ebenda. Nr. 4. — Straub, Dasselbe. Ebenda. Nr. 10. — Meitzer, Dasselbe. Berl. klin. Woch. Nr. 11. — Reingruber, Dasselbe. Therap. Monatsh. März. — Jesionek, Lichtbehandlung des Tetanus. Münch, med. Woch. Nr. 9. — Vergiftungen: Alt, Neuritis des Hörnerven nach Intoxikation mit Kohlenoxydgas. Arch. f. Ohrenheilk. XCVI. H. 3 u. 4. — Alkoholismus: Steinebach, Zerebrospinalflüssigkeit u. Wirkung d. Lumbalpunktion b. Delirium potatorum. Deutsche ined. Woch. Nr. 13. — v. d. Porten, Behandl. d. Delir, trem. mit Veronal. Ebenda. Nr. 2. — Syphilis: Barbach, Newer &8pects on nerve syphilis. Urol. and. cut Rev. Jan. — Robertson and Klauder, Various types of Lucs. Journ. of Amer. med. Ass. 16. Jan. — Kafka, Luetinreakt. bes. b. Spätlues d. Zentralnervenst. Berl. klin. Woch. Nr. 1 . — Wile and Stokes, Involvement of the nerv, syst, during the priraary stage of syphilis. Journ. of Amer. med. Assoc. 20. März. — Read, Syphilit Erkrank, d. Zentralnervensyst 2 Wochen nach Auftreten des Primäraffekts. Urolog. and cutan. Rev. Febr. — Craig, Anarthria due to syph. Journ. of Amer. med. Ass. 2. Jan. — Hnatek, Der syphil. Kopfschmerz. Deutsche med. Woch. Nr. 3. — Weisen¬ burg, Wert d. Wassermann sehen Reakt. b. Lues cerebrospin. Journ. of Amer. med. Assoc. 20. März. — Ellis, Cullen u. Slyke, Aminosäurengehalt v. Blut u. Liquor bei Syph. u. Nicht- Syphilitikern. Ebenda. 9. Jan. — Nonne, Ther. d. syphilogenen Nervenkrankh. i. Lichte d. neueren Forschungsergebnisse. Münch, med. Woch. Nr. 8 tu 9. — Draper, Intravenöse u. intraspinale Behandl. d. Lues cerebrospin. Arch. of int. Medic. Jan. — Synnot, Intra- spinale Behandl. d. Lues cerebrospin. Med. Record. 20. März. — Rytlna and Zudd, Treatm. of cerebrosp. syph. by intraspin. inject of saivare. Ser. Amer. Journ. of med. Sc. Febr. — Boehm, Blasenlähroung nach Syph., behandelt m. intraspin. Inj. von Salv.-ßerum. Urol. and cutan. Rev. Febr. — Lowlnsohn, J., Lähmung d. Atemzentr. nach endolumbaler Neo- salvarsaninj. Deutsche med. Woch. Nr. 9. — Trauma: Oppenheim, Krieg u. traumat Neurosen. Berl. klin. Woch. Nr. 10. — Horn, Zusammenhang zw. Nervenleiden nach Unfäll u. Arteriosklerose. Mon. f. Unfallheilk. H. 1. — Derselbe, Schreckneurosen. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilkunde. L1II. H. 5. — Derselbe, Rechtsprechung u. Unfallsneurose. Ärztl. Sachverständ.-Ztg. Nr. 4. — Weber, Zur Entstehung der Unfallsneurosen. Münch, med. Wochenschr. Nr. 12. — Wollenborg, Rumination als angebl. Unfallsfolge. Ebenda. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 511 Nr. 2 bis 4. — Kaess, Bilat* nukl. Hypoglossuslähmung u. Parese beider Arme durch Unfall. Wed. Klinik. Nr. 7. — Karplut, Erkrank, nach Granatexplos. Wiener klin. Woch. Nr. 6. — Sarbo, Nervenshock nach Granat- u. Schrapnellexplos. Ebenda. Nr. 4. — Frischeis, Kriegssprachstorungen. Militärarzt. Nr. 5. — Oppenheim, Kriegsverletzungen d. periph. u. zentr. Nervensyst. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. Nr. 4. — Goldstein, Beobacht, an Schutt* verl. d. Gehirns u. Rückenm. Deutsche med. Woch. Nr. 8 n. 9. — Noehte, Streifschüsse a. d. Schädelkapsel. Ebenda. Nr. 8 . — Orth, Behänd!, v. Gehirnprolaps n. Schädeldefekten. Med. Klinik. Nr. 1. — v. Baeyer, Orthopäd. Behandlung d. Spasmen nach Kopfschüssen. Münch, med. Woch. Nr. 4. — Rumpf, Schuttverl. d. Rückenm. u. Gehirns. Med. Klinik. Nr. 4. — Marburg u. Ranzi, Rückenmarkschüsse. Wiener klin. Woch. Nr. 5. — Gamper, Schuttverl. d. Cauda equina. Ebenda. — Schott, Schwere Rückenmarksläsion n. leichtem Trauma. Med. Klinik. Nr. 2. — Klapp, Rückenmarksschüsse u. Behandl. d. nach Laminek- tomie auftrot. Meningitis. Münch, med. Woch. Nr. 5. — Schum, Behandl. d. Rückenroarks- verl. im Felde. Ebenda. — Meyer, Laminektomie b. Schuttverl. vom neurol. Standpunkt. Berl. klin. Woch. Nr. 12. — Noehte, üperat. Behänd), d. Rückenmarksverl. im Feldlazarett. Deutsche med. Woch. Nr. 1. — Goldberg, Behandl. d. Harnverhaltung b. Rückenmarks¬ schüssen. Müncb. med. Woch. Nr. 18. — Kirschner, Schuttverl. d. periph. Nerven. Deutsche med. Woch. Nr. 11. — Cahen, Kriegsverl. d. periph. Nerven. Med. Klinik. Nr. 9. — Reznicek, Verletz, d. periph. Nerven im Krieg u. ihre Behandl. Wiener med. Wochr. Nr. 8. — Tresling, Verletz, d. Sehnerven. Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. Febr./März. — Hoepfl, Schuttverletzung d. N. radialis. Müncb. med. Woch. Nr. 6. — Spltzy, Hebeapparat für Hand u. Finger b. Radialislähmung. Ebenda. — Fleischhauer, Nervenverletzungen. Berl. klin. Woch. Nr. 9. — Körner, Kriegs verletz, d. N. vagus. Zeitschr. f. Ohrenbeilk. LXX1I. H. 8. — Hoffmann. Verl. d. N. recurrens. Münch, med. Woch. Nr. 1. — Zesas, Klin. u. Ther. d. Vagusverl. am Halse. Centralbl. f. d. Grenzgeb. d. Med. u. Chir. XVIII. H. 6. — Auerbach, S., Behandl. d. Schuttverletzungen periph. Nerven. Deutsche med. Woch. Nr. 9. — Stoffel, Behandl. verletzter Nerven im Kriege. Münch, med. Woch. Nr. 6. — OrDner, Chirurgie d. periph. Nerven. Ebenda. — Spielmayer, Nervennaht. Ebenda. Nr. 2 u. 8. — Hoffmann, P. 9 Methode, den Erfolg einer Nervennaht zu beurteilen. Med. Klinik. Nr. 18. — Hofmeister, Doppelte u. mehrfache Nervenpfropfung. Med. Korresp. d. Württemb. Landes¬ vereins. Nr. 12. — Kredel, Verhalten d. auf operierte schuttverl. Nerven überpflanzten Faszienlappen. Centralbl. f. Chir. Nr. 13. — Mnnkelatrophie , MunkelffyntropMe: Vormann, Kasuistik d. myopath. Muskelatrophien. Deutsche militärärztl. Zeitschr. H. 9 u. 4. — Sala, Pseudohypertroph. Paralyse. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Görres, Dystrophia muscul. progress. u. Unfall. Mon. f. Unfallheilk. H. 3. — Grober, Zur Entstehung u. Kritik d. umschriebenen Muskelverknöcherung. Münch, med. .Woch. Nr. 12. — Paralynjn agitann: Mingazzinl, Parkinson-ähnlicher Symptomenkomplex. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Familiäre Krankheiten: Rothmann, Familiäres Vorkommen v. Friedreich-Ataxie, Myxödem u. Zwergwuchs. Berl. klin. Woch. Nr. 2. — Varia: Redlich, Zur Narkolepsie- frage. Mon. f. Psych. Febr. — Pfeiffer, NeuropathoL Befunde bei einem Fall v. perniziöser Anämie. Journ. of nerv, disease. Febr. — Linck, Ohrenkopfschmerz. Ther. d. Gegenw. H. 1 u. 3. — Babbit, Labyrinthine studies. Ann. of otol. XXIII. Nr. 3. — Frischeis, Stottern u. Nystagmus. Mon. f. Ohrenheilk. Febr./März. — Wilson, J. G., Vertigo. Journ. of Amer. med. Asboc. 13. Febr. — Pape, Funktionelle Stiinmbandlähmung im Felde. Münch, med. Woch. Nr. lt. — Cohn, Nervöse Retentio urinae. Berl. klin. Woch. Nr. 9. — Simmonds, Torticollis. Journ. of Amer. med. Assoc. 20. Febr. — Blssell and Le Count, Relat. frequency of the various forms of Coma. Ebenda. 27. März. V* Psychologie. Hoche, Krieg und Seelenleben. Freiburg, Speyer u. Kärner. — Inglis, Unconscions mental phenomena. Med. Record. 27. Febr. — Schulhof, Psychologisches aus Kants Schriften. Zeitschr. f. d. ges. Neur. XXVIII. H. 1. — Ziehen, Lehre vom absoluten Eindruck. Zeitschr. f. Psychol. LXXI. H. 8 u. 4. — Fricke, Zur Psychologie d. Aussage. Aussageuntersuchungen nach kinematogr. Vorführungen. Inaug.-Dissertation, Leipzig. — Lambrecht, Verknüpfung v. Farbe u. Form b. Gedächtnisleistungen. Zeitschr. f. Psychol. LXXI. H. 1 u. 2. TL Psychiatrie. Allgemeinen: Rosanoff, Program of psychiatric progress. Med. Record. 20. Febr. — Bonhoeffer, Psych. u. Neurol. Mon.’f. Psych. Febr. —- Badul, Vergl. Rassenpsych. Ebenda. März. — Münzer, Die Psyche d. Verwundeten. Berl. klin. Woch. Nr. 10. — Oeconomakis, Paychiatr. Beobacht, a. d. letzten Balkankriege. Athen 1915. — Stelzner, Aktuelle Massensuggestionen. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Schröder, P., Hallu¬ zinationen. Mon. f. Psych. Jan. — Stearns, Diagnost. value of hallucinations. Journ. of nerv, diseases. Jan. — Sokolow, Auslös. d. Gehörshalluzinationen durch periph. Reize. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Birnbaum, Über Wertigkeit u. Wahnbildung. Mon. f. Psych. Jan./Febr. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 512 — Schneider, K., Erinnerungsfälschungen b. Zwangsdenken. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 1. — Diller, Löss of memory alieged by murderers. Journ. of nerv, diseases, Febr. — Pick, A.; Erkl. gewisser Hemmungserschein. Mon. f. Psych. März. — Jolly, Ph., Menstruation u. Psychose. Habilitationssehr., Halle. — Meyer, E„ Konzeptionsforderung u. Eheschließung b. Nerven- n. Geisteskrankh. Deutsche raed. Woch. Nr. 1. — Treiber, Erfahr, über Entlassung Geisteskranker gegen ärztl. Rat. Allg. Zeitschr. f. Psych. LXX11. H. 1. — Moeli, Fürsorge f. Geisteskranke u. geistig Abnorme. Halle, C. Marhold. — Angeborener Schwachsinn: Richter, Dienstfähigk. u. Zurechnungsfähigk. b. d. erethischen Form d. angeborenen Schwachsinns. Deutsche militärarztl. Zeitschr. H. 1 u. 2. — Tergast, Ver¬ blödung im spät. Säuglingsalter m. Apraxie. Mon. f. Kinderheilk. XIII. Nr. 6. — Sexuelles: Sadger, Sexualität u. Erotik im Kindesalter. Moderne Medizin. VI. Nr. 2. — Höhtier, Unusual forme of sexual neuroses. Interstate med. Journ. XXI. Nr. 12. — Bloch, Iwan, Behandl. d. sexuellen Insuffizienz. Med. Klinik. Nr. 8. — Liebermann, H., Die exogenen Zonen. Zeitschr. f. Sexualwissenscb. Jan./Febr. — Sadger, Neue Forschungen z. Homo¬ sexualität Beri. Klinik. H. 315. — Funktionelle Psychosen: Singer, Wesen u. Be¬ deutung d. Kriegspsychosen. Berl. klin. Woch. Nr. 8. — Meyer, E., Einfl. d. Kriegs auf schon bestehende Psychosen. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Ru off, Genese paranoider Symptomenkompl. im Verlauf d. manisch-depress. Irreseins. Journ. f. Psychol. u. Neurol. aXI. H. 3 u. 4. — Smith, J„ Catatonic states in manic depress. insanity. Med. Record. 20. Febr. — Jffrger, Die Mobilmachung als krankheitsauslös. Trauma b. Dem. praecox. Correspondenzbl. f. Schweizer Ärzte. 1914. Nr. 50. — Breiger, Körperl. Frühsympt d. Dem. praecox. Med. Klinik. Nr. 4. — Straaaer-Eppelbaum, Das autistische Denken b. Dem. praecox. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 1. — Davis, Mastoidectomy in Dem. praecox with improvement. Ann. of otol. XXIII. Nr. 3. — Neubörger, Wirkung subkut. Adrenalininj. a. d. Blutdruck b. Dem. praecox. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Frey, Klinik u. path. Anat d. Alzheimer sehen Krankh. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVII. H. 5. — Bleuler, Senile Psychosen. Schweiz. Correspondenzbl. Nr. 1. — Borchardt, L., Ungewöhnl. Symptomen¬ kompl. b. symptomat. Psychose. Mon. f. Psych. Febr. — Infektions- und In toxi - kationspsychosen: Melzer, K., Psychose bei Diphtherie. Inaug.-Dissertation. Kiel. — Schabelitz, Experimente u. Selbstbeobachtungen im Bromismus. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 1. — Schneider, K., Veronal-Delirium. Allg. Zeitschr. f. Psych. LXXII. H. 1. — Möller, E., Bezieh, zwischen bösartigen Geschwülsten u. Geisteskrankh. Ebenda. — Progressive Paralyse : Haskell, Familial syphilitic infection in general paresis. Journ. of Amer. med Ass. 13. März. — Enge, Bedeutung der progressiven Paralyse und ihre Be¬ handlung in der Praxis. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. Nr. 4 u. 5. — Nissl, Fall von Para¬ lyse mit dem klinischen Verlauf einer Dementia praecox. Beitrag zur Frage nach den Beziehungen zwischen klin. Verlauf u. anatom. Befund bei Nerven- u. Geisteskrankh. I. H. 8. Berlin, J. Springer. — Hainicke u. Könzel, Kombin. Tuberkulin-Quecksilberbehandl. d. Paral. Arch. f. Psych. LV. H. 2. — Forensische Psychiatrie: Gdring, Gemeingefahr- lichkeit Monogr. a. d- Geb. d. Neurol. u. Psych. H. 10. Berlin, J. Springer. — Weiler, Arbeitsfähigkeit psychisch Erkrankter. Friedr. Blätter f. gerichtl. Med. LXV. H. 6. — Kronfeld, Kriminol. u. Psychopathol., insbes. beim moralischen Schwachsinn. Allg. Zeitschr. f. Psych. LXXII. H. 1. — Thumm, Kasuistik u. Bewertung d. Heimwehdelikte. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 1. — Therapie der Geisteskrankheiten: Williams, T. A., Treatm. of psychoneurotic patients. Cleveland med. Journ. Jan. VII« Therapie« Kowarschik, Ergebnisse d. Elektrotherapie 1913—1914. Therapeut Monatsh. Febr. — Mayer, F., Sedrobrol i. d. neurol. Praxis. Berl. klin. Woch. Nr. 6. — Streblow, Diogenal, ein neues Sedativum u. Hypnotikum. Deutsche med. Woch. Nr. 10. — Friedländer, Nervagenin, ein neues Baldrianpräparat. Klin.-therap. Woch. Nr. 11 u. 12. > Zar gefälligen Beachtung. Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- mann, Berlin W«, Motzstra߀T89, Separatabdrücke, Referate und Autoreferate an Herrn Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Einsendung von Kriegserfabrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. Verlag von Vxit & Comp, in Leipzig. — Druck von Mstzobs & Wime in Leipzig. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN Neurologisches Centr a lbutt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet Ton Profi E. MendeL Herausgegeben Ton Dr. Kurt Mendel. V iernnd dre I ßigster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle Buchhandlungen des In* nnd Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Beichs, sowie __direkt von der Verlagsbuchhandlung. 1915. 16. Jnli. Nr. 14. Inhalt I. Oriflinalmitteilungen. 1. Zur traumatischen Neurose im Kriege, von H. Oppenheim. 2. Zur genaueren histologischen Charakteristik der Ganglienzellenschwellung, von Karl Schaffer. II. Referate. Poliomyelitis. 1. Penetration of the virus of Poliomyelitis frora the blood into the cerebrospinal fluid, by Flexner and Amoss. 2. Localization of tbe virus and pathogenesis of epidemic Poliomyelitis, by Flexner and Amoss. 3. Experimental studies in Poliomyelitis, by Oubois, Neal and Zingher. 4. Beitrag zur Ätiologie der Heine-Medin sehen Krankheit (Poliomyelitis aenta anterior), von Lust und Rosenberg. 5. Die Kontagiosität der Heine-Medin sehen Krankheit im Lichte epidemiologischer und experimenteller Forschung der letzten Jahre, von Langer. 6. Keimträger bei Kinderlähmung, von kling u. Pettersson, 7. Über spinale Kinderlähmung im Stadt- und Landkreis Kattowitz. von Halbey. 8. Ober eine Anstaltsendemie von Heine Medin scher Krankheit, von Kern. 9. Die Heine-Medin sehe Krankheit in Steiermark während der letzten 5 Jahre, von FOrntratt. 10. Die akute Polio¬ myelitis in Norwegen, von Leegaard. 11 . Eine Poliomyelitisepidemie im Frühjahr 1912 in Lindaas (Norwegen), von Aaser. 12. Neuere Forschungen über Poliomyelitis in Amerika, von Fitzgerald 13. Blutbefunde bei Poliomyelitis. Klinische Beobachtungen und Erfahrungen aus der Kinderklinik in Frankfurt a/M. von Mettenheimer, F. Götzky u. F. Weihe. 14. Beitrag zur pathologischen Histologie der unter dem Bilde der Landryschen Paralyse verlaufenden Fälle von Poliomyelitis acuta anterior, von Loewy. 15. The study of a case of the adult type of Poliomyelitis and of a case of acute aseending paralysis of the type of Landry, by Gordinler. 16. Beiträge zur Klinik der sporadischen Fälle Heine-Medin scher Krankheit, von v. Korczlnski. 17. Einiges über die spinale Kinderlähmung, von Zipperlen. 18. Die menin- gitische Form der Poliomyelitis, von Netter. 19. Report of a case of acute Poliomyelitis, by Frissell. 20. Ein eigentümlicher Fall von Poliomyelitis anterior acuta mit abnormen motorischen Reizerscheinungen, von Löwenstein. 21. Radiographisches Studium der Knochen in den gelähmten Gliedern, von Audenino. 22. The treatment of paralysis of anterior Polio¬ myelitis, by Frauenthai. 23. Heine Medin sehe Krankheit, von Korczyneki. 24. Znr Lähmungs¬ therapie, von Wollenberg. — Therapie. 25. Zur Anwendung der Diathermie, von Kraus. 26. Über Diathermie nnd ihre Kombination mit Ultraviolettbestrahlung und anderen Heil¬ mitteln, von Mendel. 27. Ergebnisse der Elektrotherapie 1913 bis 1914, von Kowarschik. 28. Über Psychotherapie, von Gregor. 29. Zur Behandlung der sexuellen Insuffizienz, von Bloch. 30. Zur Frage der Bromtherapie, von John. 31. Sedobrol in der neurologischen Praxis, von Mayer. 32. Le sedobrol, par Ladame. 33. Adalin im Hochgebirge und in heißen Ländern, ^on Masarey. 84. Vergiftungsversuche mit Adalin. Ein Beitrag zur relativen Unschädlichkeit übermäßiger Dosen, von v. Hirsch-Gereuth. 35. Über längeren Gebrauch von Adalin, von Freund. 86. Über Diogenal, ein neues Sedativum und Hypnotikum, von Streblow. 37. Unsere Erfahrungen mit Diogenal, von Tuch. 38. Klinische und experimentelle Grund¬ lagen der Schlafmitteltherapie, von Gregor. — Psychiatrie. 39. Über den gegenwärtigen Stand des Schutzes und der Fürsorge für Geisteskranke, von Starllnger. III. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬ heiten, Sitzung vom 14. Juni 1915. XXXIV. 33 % Digitized by Gck igle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN 514 I. Originalmitteilungen. 1. Zur traumatischen Neurose im Kriege. Von H. Oppenheim. Ich war darauf vorbereitet, daß mein Aufsatz: „Der Krieg und die trau¬ matischen Neurosen “ 1 nicht ohne Widerspruch aufgeuommen werden würde. Auch die lebhafte und zum Teil begeisterte Zustimmung, die mir von einigen der ungesehensten Facbgenossen in Zuschriften bekundet wurde, konnte mich nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Widerspruch der alten und neuen Gegner nicht verstummen würde. Es ist auch keineswegs meine Absicht, an dieser Stelle darüber Klage zu führen und den verschiedenen Einwendungen entgegenzutreten. Es steht uns ja jetzt so wenig Zeit zur Arbeit am Schreibtisch zur Verfügung, da der Krieg dringendere Forderungen an uns stellt. Dem ungeachtet, habe ich damit begonnen, mein gesamtes reiches Material zusammenzustellen, aber es wird noch mancher Monat vergehen, ehe die meine Beobachtungen zu¬ sammenfassende Darstellung dem Druck wird übergeben werden können. Aber was ich schon jetzt nicht hingehen lassen darf, ist der von einigen Autoren ge¬ machte Versuch, meine Lehren unrichtig, in einer geradezu entstellten Weise — wobei ich natürlich überzeugt bin, daß es sich nur um einen lapsus, nicht um eine Absicht gebandelt bat — wiederzugeben nnd dann den Kampf gegen dieses von ihnen geschaffene Scheingebilde zu eröffnen. Diesen Vorwurf muß ich gegen Saengeb 2 erheben, dessen Ausführungen ich hier wörtlich wiedergebe: „Eine sogen. ,traumatische Kriegsneurose', für die leider Oppenheim wieder so nachdrücklich eintritt, lehne ich ebenso wie Nonne u. a. ab und verweise auf die üblen Erfahrungen die man bei der Auffassung der Unfallnervenerkrankungen der Arbeiter als ,traumatische Neu¬ rose 1 gemacht bat. Auch im Hinblick auf den enormen wirtschaftlichen Schaden für den Staat ist diese Auffassung nicht nur vom wissenschaftlichen, sondern auch vom praktischen Standpunkt aus abzuweisen .' 1 Also für eine „traumatische Kriegsneurose 11 — in Gänsefüßchen — bin ich so nachdrücklich eingetreten. Das möge mir Kollege Saengeb einmal aus meinen Abhandlungen beweisen. Ganz im Gegenteil habe ich das größte Gewicht darauf gelegt, zu zeigen, daß die Kriegserfahrungen nur bestätigt haben, was die Eisenbahnunfälle und andere Katastrophen schon vor bO Jahren gelehrt hatten, und daß ich gerade in dieser Bestätigung meiner alten im Frieden ge¬ wonnenen Erfahrungen und auf Grund derselben aufgestellten Theorien ein mir willkommenes Ergebnis der Kriegsbeubachtungen erblicke. 1 Beiliner klin. Wo oben sehr. 1915. Nr. 11. Vgl. auch meinen Artikel: Ober Kriegs¬ verletzungen des peripheren nnd zentralen Nervensysteme. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. 1915. Nr. 4, sowie die Diskussion im Anschluß an einen Vortrag BoMBOEFm’s im Nenrolog. Centralbl. 1916. Nr. 2. * Über die durch den Krieg bedingten Folgeiustände im Nervensystem. Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 15 n. 16. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN Ich würde es sehr bedauern, wenn nun die „traumatische Kriegsneurose“, deren Vaterschaft ich unbedingt ablehnen muß, in die Referate und in die Literatur übergehen würde. Wir haben jetzt gewiß keine Zeit zu eingehenden Studien fremder Abhandlungen, aber ich kann verlangen, daß jeder, der eine von mir mitgeteilte Beobachtung oder von mir aufgestellte Theorie an greift, wenigstens die Abhandlung, die das Angriffsobjekt bildet, gründlich durch* gelesen bat. — Den wesentlichen Inhalt meiner neuen Ausführungen in dieser alten Frage will ich noch einmal in ein paar Sätze zusammenfassen, um den Gegnern ihre Aufgabe so bequem wie möglich zu machen. D.i,s( hu.ien gebe. Demgegenüber möchte ich gleich heryoriieben, daß alle von mt heobacbteiba Individuen üß traumatischa- Neurose dem Lazarett gleich : mji; dem fertigen Leiden ttberwiesen wurden* &o daß ich überhaupt noch k«wd^!lgöj^ti...j&!a8.ie, eine psychische Infektion, gesehweige.dern eiae Kraukbatsuaddahoiang oder -sucht uiü? ;.u beobachten. 2. Zur genaueren hislülogjBeben Charakteristik vier Ganglienzeikehwelliuig. Vor« Kart SeiiaffiBf in Budapest. |Dieser Auf«itz war tiir die Festoumnier aei.äfiüch des geplanten Internationalen Kongresse- ttir N : far»!>'gi<'. Psychiatrie and Psychologie (Bern. September 1914) bestimmt, i Die Schwellung der Qaiiglieiizfelie ist eine Erkrankimgst’orm, welche erst seit Niisai’s Ariveiten mit Jvissris FärbougsmeUibde richtig zur Darstellung kam.; in at'uesfer üeit wurde sie auch Qiit der Fibrillenmetlwde studiert, ln Anbetracht der gebotenen Kurse dieses AufeaU.es möchte ich mir auf die Tatsache hin- weisen, daß die Oamiiieo^nsoiiweilung als eine akute Reaktioustbrm auf espen- inepteik wie patlioiogrsöhe Mervcn- VFafsekehaddpnng im Bereiche desseibep ; r Fu:. i. Ufö}.>niDgm‘0«3 des ÜVßoglmuk. • %bwflUur.£ ijci OahglSf.D^eile‘ »Wh des Server uehit ÜWd, Rin Figg t bis- 4- geben tieu eiug^oon. Fig£. 0 -umF <> «Unc endogenen T'*\i ■ dfcr ÄWig)U'n*ei-U bchweiluöi? wieder. — Färbung . Ti>lui;Jb»b^»u. ^özeiehiieV ba .Ecidiipte, IkcnK'm XMml, &• . •« < ’ < •Neurons, daoü aber auch w iv«mtaklnboron; ?.n beobachte© ist; .ich föhre hier VfirherbornzeiJ^ aqf".(& Fisjy 2), wie wti. 519 ■ . CMerbv*iiampafäfivm (s. Fig. 3); schließlich einen Fall von Schwellung der Spinal* panglienzeile ‘bei FoEBSTRB’sohec Radikotomh? (s. Ftp. -S) uq. 'J&Vit&QÜ ■■ r ■ Fi&ijfc Metiscten. :. *lir, Üsu^lienMlIe aof fikc '. Xnj'selbicr.nng. wekbe .naHa >> W.-chc« letal emkre. deren wohlbekauiHe Emzelzfige sißiik Schwelhirig des Zellkörpers mit zentraler rhrumnlvse, weiche. sich in einer chromatischen Zemiitshung kundgibt, wobei' die Fnriphem. 4«» Xellleibes die chromatische Sahstanz aöch bewahrt; Dendriten sied normal oder höchstens diffus ge- sch^peilfc (a Fig. 1); endlich der Xellkdrn ist ganz randatäödig geworden, er¬ scheint auch wie gedunsen, ist hell und weist nebst dein Fatuißgephäoometi »in scharfes, linnkeigeHrbtes Kernsorper- cben anfG?.V’•. -?*' • Diesem geläufigen Bilde dertJangl ien- zeUscbweiltfüg hoüiiteu die behaöflten • x * • ■ ‘ i- TÖ >?>rVys. ■■■•’ ' ■ . ■ • *■ ‘v. W- W ; : - . ‘ ßMi p Fig,. ;: .'Vbrdei&vrpzelle de* SitrAhuarkd Fig. •». Kleine Siiinatganglientelle fca Men- n- sfWn; Schwellung derselbe« auf FoeraUr sehe auf üatejrhtfinttnrpüfcnfctDt»^■* Kadikotorme, (Clnterauchuög Üwh. 8*40 TrtgMi».. t*nters)ieh»»»geh übei die fomi.ljär*a»aa.uroti.sehe Idiotie (Sachs, Schaf pgst, Spiei.- apsER. Yqö% zhleföt KtEi.6C.fir%hwund det .^hreinau- 2. Cb'fotriiilytische Zerstäubung. scheu Substanz. 3. Periphere Lagerung des Kerns. 2. FörtsciirH'teuder 'Schwund der chio- 4. Kern gedunsen und hell. m&tisoheff Sübstauz. 5. ZeUfeijirpefSchwellung, Djendciteu frei, 3. fTfaerwiogeiid zentrale Lagertiug des höchstens diffus-geschwellt. Kerns.. ■ L ; ‘ l lveru gefärbt und kk\im>i. 5. Nebst Zellkörpersohweliups noch kal-baUonlbrmige Dendriten biähung. V T on den Gharaktereuigeu der Bubrik II ist bisher allein der fbrtsohteih*Udi?; Schwund der chroiaätieclic-b Substanz im Gegensatz zur chromolrttschen Zer- Go gle 521 SK staubueg der Rubrik I noch im Jahre li'OtV durch mich hertörgebobeii und ganz jüngst auch durch öiEnaoanwaa* betont; worden. Obige Ö-egeohtM^ Stellung laßt «feer außer der differenten Erkraakuogsiorni der $iss]-iNi>b?daaz noch eiütb anffaiiend verschiedene Topografie der ASektion iu 4e® Sirme :»r- keuuen, daß sie m einem Falle (bei I; zeutral, im «udereri (II) pedphst einsetzt, iai erstereu fbrtnlich jd imkieofugäier, iru meiten in nukleopetalöi AusbreUßn'g erscheint. Üb sich hieraos oicht eLri VerhäitniB zwischen Kern und plasuiatisuber Nissi-Substanz ergeben durfte, truur vorläufig dahingestellt• seib; immerhin Idetbb die luter-- essante Tatsttcha {j«4tebeö» daS ah> das uitiusiim ; • • • raorteus bei exogea-(.raunifttischer Neuro&t-ii* verletzii'Bg die pori|jhere chromatische Substanz erscheint, hingegeu es bei endogener Nefirboeu- Erkrankung dk-entruien, perinukleären jSTssl- Törtinuen sind, Eäi&t unleugbar, daß teils düwitt die rer&ebiedeatf Erta-amkträgsart, teils durch dje ab»?euefaefi^ kraüki.ng der ■Nksl-bjybatanfc. ftbvrie des ent* ;P%. Stfinalga^liaozölb ei««a •sprecbendeo YerballCjis des Kerns du- :/.vto- Balles von Pathologie. jjst allgawerufii eine gar)?, verschie¬ dene ößaraiterzeicbGüug bekoujxüt «öd dürfte daran denken lassen, ob dehn diese Differenz shdu md mim .-pmizipUdlen Verschiedenheit dev oben bezeietb aeteo zwei ail^i'iae^PiajgßYN . •. ■..v; . 1 , ■• ' - s • <•" ln ismier Arbeit; „Zur anätomkebdo Wesenäbßätimmuug der Beredodege* neraüüö** 1 hob ich zwei Momente als die wichtigsten hervor; ,1. Der primär (j»idugwu) erkrankte Neoronenbestaudteti ist die frlasajstiseho ikuniisübstanz. •$*. -Der Prozeß ist von rein ektodvvuialem^Typus-, ersbHeiofc /idW'iöjt.; Ausschluß edier Erkrankung der mesodermten ÄtrköDsiuiuigft. £ei eurer anatomisch Solch’ schatte« Kennzeichauag dürfte- ea nicht. äberraschjettj wMi n eiu beredbdege«. iVEfriihirer, also endogeu U»dirigter Si’-lv«• e]luiigsprozeti in der &"aug- itenzelle anders äössiebt, als bei exv-gen-träumatiscber Matur. Wohl bin ich mir bewußt, daß mit dtewm Ougeusdi.z obige Yoraussefeung noch nicht bewiesen ist, dennoch, scheint es nur keine überflüssige Arbeit zu sein,;, darauf & idelbt der späteren Forschung rurbehaltern zu .be- weisen, -daß die Ssii4f^Öi^. ; >^h>kbßh .^l^fWoldgid nicht allein morpho* logisch, S'indern auch biologisch verschieden sein dürfte, Diese Frage zu be¬ lasten; andererseits die infantile aiuaürotikih-familiäre Idiotie höchst 'göbtgäet, Clehn während die; erster« wohl- zweifellos iur. eine rein-fremde.BgeialrächUgdflg des Säuroaciilbbans betrachtet werden kann, dürfte letztere auch das Törbild für cm inhärentes Neuröneugebrechen bedeuten. Verin.ige lior Faniiiiaiitä:, der 1 H irnpathetoglsche- <; Beitrage aus llenj UrohutoWtetec» testitb.t der UtiVVer-itiVt i!a.'ia|.'«t ZeUseht-, f. d. ge». Nsorcl. o. Pßyrb. 5313 Go gle 522 exquisiten Rassendispoeition, des Ausschlusses von äußeren Noxen (Syphilis, Alkohol usvv.), schließlich des zeitlichen Einsetzens und relativ raschen Verlaufs der Krankheit haben wir nicht allein in klinischer, sondern gleichzeitig in ana¬ tomischer Beziehung den lehrreichsten Stoff endogener Natur zur Verfügung. Namentlich die einförmige und durchgreifende Schwellung der Ganglienzellen, welcher Prozeß sich auf einen Verlauf von 1, höchstens l 1 /» Jahre erstreckt, die wohlbekannte Allörtlichkeit und der ausschließlich ektodermale Typus der Affek¬ tion gestalten das anatomische Substrat als so scharf gezeichnet, daß, wenn irgendwo, dann hier von einem vorbildlichen endogenen Prozeß gesprochen werden kann. Fällt unter solchen schematisch-klaren Umständen ein Vergleich zwischen exo- und endogener Ganglienzellschwellung in dem Sinne aus, daß beide eine differente Morphologie aufweisen, dann dürfte in dieser auch etwas Wesensversohiedenes ausgedrückt sein. Doch will ich mich zu keinen verfrühten Verallgemeinerungen verleiten lassen und eine breitere Basis für obige Frage suchen; vorläufig begnüge ich mich mit der Feststellung jener Tatsache, daß die Ganglienzellschwellung von exo- und endogener Natur morpho¬ logisch verschieden ist. 11. Referate. Poliomyelitis. 1) Penetration of the vlrus of Poliomyelitis flrom # the blood into the oerebrospinal fluid, by S. Flezner and H. L. Amoss. (Journ. of exper. Medic. XIX. 1914. Nr. 4) Ref.: W. Miscb. Da das Poliomyelitisvirus längere Zeit braucht, um vom Blut ins Zentral¬ nervensystem zu gelangen, so ist anzunebmen, daß es nicht auf direktem Wege dorthin gelangt. Vielmehr ist anzunehmen, daß es auf dem Umwege über die Zerebrospinalflüssigkeit vom Blute in das Bindegewebe der nervösen Zentralorgane eindringt. Aus Versuchen an Affen, denen das Virus in die Blutbabn gespritzt wurde, geht hervor, daß das Virus, um in den Liquor zu gelangen, zunächst durch den Plexus chorioideus passieren muß, welcher Vorgang einige Zeit in Anspruch nimmt. So läßt sich bei diesen Versuchen nach dem Verlauf von 48 Stunden noch kein Virus im Liquor nachweisen; nach 72 Stunden treten ganz geringe Mengen auf, und erst nach Ablauf von 96 Stunden sind größere Mengen Virus im Liquor nachweisbar. Beim Beginn der Lähmung, 19 Tage nach der intravenösen Injektion, war das Virus nur noch im Liquor, nicht mehr dagegen im Blute nachzuweisen. Aus den Experimenten geht ferner hervor, daß patho¬ logische Zustände der Leptomeningen und des Liquor cerebrospinalis bei der Pathogenese der Poliomyelitis epidemica eine wichtige Rolle spielen. 2) Looalization of the virus and pathogenesis of epidemio Poliomyelitis, by S. Flexner and H. L. Amoss. (Journ.ofexperim.Medic. XX. 1914. Nr.3.) Ref.: W. Misch. Es werden hier einige Versuche an Affen beschrieben, die neue Gesichts¬ punkte über die Pathogenese der Poliomyelitis ergeben. Impfung von Polio¬ myelitisvirus in den Glaskörper des Auges erzeugt nach einer gewissen Zeit eine echte Poliomyelitis; das Virus passiert dabei die Retina, ohne hier irgendwelche nachweisbaren Veränderungen zu setzen, und gelangt so zum Zentralnervensystem. Das in die Blutbahn injizierte Virus wird schnell in Milz und Knoohenmark ab- Digitized by Gck >gle Original fro-m UNIVEBSITY.OF MICHIGAN 623 gelagert, nicht aber in den Nieren, im Rückenmark oder Gehirn. Trotz der Affinität der Nervengewebe zu dem Virus, wird dasselbe doch nicht von Gehirn und Rückenmark aus dem Blute aufgenommen, wenn nicht der Plexus chorioideus und die Blutgefäße irgendwie geschädigt sind. Die Intervertebralganglien nehmen das Virus eher aus dem Blute auf als Gehirn und Rückenmark. Durch eine aseptische Entzündung, die durch intraspinale Injektion von Pferdeserum hervor¬ gerufen werden kann, wird das Eindringen des Virus in die nervösen Zentral¬ organe und also auch das Auftreten der Lähmung leichter und sicherer bewirkt; ohne derartige Präparierung ist das Übergehen des Virus, selbst wenn es in großen Mengen gegenwärtig ist, von Blut auf die Gehirn- und Rückenmarks- substanz nicht konstant zu erzielen. Gelangt das Virus aus dem Blut nicht in die Zentralorgane, entsteht also keine Lähmung, so wird es von dem Körper all¬ mählich zerstört, wobei durch die Milz und vielleicht auch durch andere Organe eine Verminderung der Virulenz bewirkt wird. Die histologischen Veränderungen nach intravenöser Viruseinführung unter¬ scheiden sich in einigen, wenn auch nicht in allen Fällen, von den nach intra¬ neuraler Infektion auftretenden Läsionen. Beim Übergang von Blut in Gehirn und Rückenmark bewirkt das Virus eine lymphozytäre Infiltration des Plexus chorioideus und eine weit ausgebreitete perivaskuläre Infiltration, von welch letzterer aus dann Zelleinwanderungen in das Nervengewebe stattünden. Eine ähnliche lymphozytäre Infiltration des Plexus chorioideus kommt auch bei intra¬ zerebraler Viruseinführung vor. Die bei der menschlichen Poliomyelitis im Zentral¬ nervensystem auftretenden histologischen Veränderungen entsprechen durchaus den beim Affen nach intraneuraler Infektion beobachteten Veränderungen. Durch intraspinale Injektion von Immunserum kann das Virus beim Übergang von Blut durch den Liquor zum Rückenmark und Gehirn neutralisiert werden, so daß die Entstehung einer Lähmung verhütet wird. Führt man steriles und fein verteiltes Karmin in die Meningen und Ventrikel ein, so entsteht eine aseptische Entzündung; das Karmin wird aber dann rasch von den Zellen, insbesondere den Ependymzellen, aufgenommen. Ist schon vorher mittels Pferdeserum eine aseptische Entzündung gesetzt worden, oder ist das Nervengewebe durch das Poliomyelitisvirus geschädigt, so scheint der Farbstoff rascher in die Ependymzellen überzugehen. Die beschriebenen Versuche bestätigen die Anschauung, daß die Poliomyelitis¬ infektion beim Menschen eine lokalisierte Infektion des Nervengewebes auf dem Lymphwege, nicht aber eine Allgemeininfektion auf dem Blutwege ist. Sie unter¬ stützen also die Annahme, daß die Eintrittsstelle der Infektion in der Schleim¬ haut des oberen Respirationstractus zu suchen ist. 3) Experimental studiee in Poliomyelitis, by Ph. L. Dubois, J. B. Neal and A. Zingher. (Journ. of the amer. med. Association. LXII. 1914. Nr. 1.) Ref: W. Misch. Impfungsversuche mit Poliomyelitisvirus an Affen ergaben folgende Resultate: Die Überimpfung von Fäzes eines Patienten mit typischer Poliomyelitis hatte ein negatives Ergebnis. Dagegen wurde ein positives Resultat, das sich sowohl duroh Lähmungen wie duroh die mikroskopischen Befunde dokumentierte, bei einem Affen erzielt, dem das Nasen- und Rachensekret eines abortiven Falles von Poliomyelitis am 17. Tage nach dem Beginn der Erkrankung injiziert wurde. Durch Überimpfung von Gehirn und Rückenmark dieses Affen ließ sich bei einem anderen Affen ebenfalls eine typische Poliomyelitis hervorrufen. Hervorzuheben ist, dnß die Virulenz von Gehirn und Rückenmark rasch abnimmt. 4) Beitrag zur Ätiologie der Heine-Medinsohen Krankheit (Poliomyelitis aouta anterior), von F. Lust und F. Rosenberg. (Münchener med. Wochen¬ schrift. 1914. Nr. 3.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg). Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 524 Das Jahr 1913 brachte eine Epidemie in einer Ausdehnung, wie sie bisher in Süddeutschland wenigstens noch nicht beobachtet worden ist. In der Heidel¬ berger Kinderklinik wurden 71 Fälle behandelt. Das Material wird zunächst vom statistischen und besonders vom epidemiologischen Standpunkt aus gesichtet. Es ergibt sich, daß nach Beendigung des 4. Lebensjahres die Altersdisposition nur noch eine sehr geringe war. Die Verff. üben dann Kritik an der vielfach be¬ haupteten Kontagiosität der Krankheit, deren überwiegende Bedeutung sie ent¬ schieden bestreiten. Unter ihren Fällen befand sich ein einziges Oeschwisterpaar: nur zweimal trat die Erkrankung im gleichen Haus auf, und nur bei 6 von 71 Patienten war ein sicherer direkter Kontakt nachweisbar. 28 mal (=39,4°/ 0 ) ergaben sich nicht die geringsten Anhaltspunkte für direkten oder indirekten Kontakt. Besonders eingehend wurde die Frage der Übertragung durch Haus¬ tiere studiert. In 28 Fällen wurden allerdings Erkrankungen von Haustieren bejaht. (Die weitaus überwiegende Mehrzahl der Erkrankten stammte aus länd¬ lichen Bezirken.) Aber nur 14mal waren echte Lähmungszustände der Tiere zu vermuten. Bei 4 Hühnern konnten sich die Verff. selbst von dem Vorhandensein echter Lähmungen überzeugen und somit das Vorkommen gelähmter Tiere in Poliomyelitisgegenden bestätigen. Die pathologisch-anatomischen Untersuchungen ergaben aber bei drei der Tiere jeweils ganz verschiedenartige, schwere Ver¬ änderungen teils des zentralen, teils des peripheren Nervensystems. Impfversuche mit dem Hirn und Rückenmark eines solchen gelähmten Huhnes auf andere Hühner verliefen vollkommen negativ. Ebenso war es hinsichtlich der Versuche der Über¬ tragung auf natürlichem Wege. Die Verff. brachten vier junge Hühner in einen mit 10 bis 14 Poliomyelitiskindern belegten Isoliersaal; mit negativem Ergebnis. Auch auf künstlichem Wege durch Versuche mit einer für Affen virulenten Poliomyelitiskultur konnten keine Erkrankungen bei Hühnern hervorgerufen werden. Solange nicht die Empfindlichkeit der Tiere für das Virus der Heine-Medinschen Krankheit bewiesen sei, dürften aus den klinischen und histologischen Beobach¬ tungen allein niemals der Schluß einer Identität der beiden Erkrankungen ge¬ zogen werden. Es wäre gewiß denkbar, daß, trotzdem die infektiöse Natur der betreffenden Hühnererkrankungen noch nicht nachgewiesen ist, sie ätiologisch doch zu der Poliomyelitis nahe verwandtschaftliche Beziehungen haben. „Weitere ätio¬ logische Schlüsse aber,“ so schließen die Verff. ihre Abhandlung, „oder gar pro¬ phylaktische, sanitäre Maßnahmen auf Grund dieser bisher nur rein kasuistisch interessierenden Beobachtungen zu empfehlen, scheint uns zum mindesten noch verfrüht und zurzeit jedenfalls jeglicher begründeten Beweise zu entbehren.“ 5) Die Kontagiosität dar Heine-Medinschen Krankheit im Liehte epi¬ demiologischer und experimenteller Forschung der letzten Jahre, von J. Langer. (Mitteil. deB Vereins der Ärzte in Steiermark. LI. 1914. Nr. 2.) Ref.: G. Stiefler. Verf. geht zunächst auf die Definition des Begriffes Kontagiosität ein und erörtert ihn im Gegensatz 'zu miasmatischen Krankheiten, bei denen die Kranken keine wesentliche Rolle spielen, der Ansteckungsstoff sich in der Umgebung des Kranken (Erde, Wasser) weiter verbreitet. Bei den kontagiösen Krankheiten ist der Kranke das Zentrum der Ansteckung, in welchem sich die Bildung des in¬ fektionsfähigen Ansteckungsstoffes vollziehe, der dann als Kontagium nach außen weitergegeben wird, entweder direkt durch Berührung oder innigen Verkehr mit einem Kranken oder indirekt durch Personen, Tiere oder Sachen aus der Um¬ gebung eines Kranken. Verf. kommt dann auf die Keimträger, deren Existenz die Kontagiosität mancher Infektionskrankheit nicht unwesentlich erhöhe, zu sprechen, sowie auf die Abortivformen, die bei der Entstehung der Keimträger mitwirken. Verf. gibt dann eine Analyse der steirischen Epidemie aus dem Jahre 1909, die in der Baginsky-Festschrift veröffentlicht ist (ref. in d. Centr. 1914. Digitized by ■V Google Original frorn UNIV ER5ITY 0= V CH GAN 525 » Nr. 2) und schließt mit einer übersichtlichen Darstellung der experimentellen Forschungsergebnisse, von der Verimpfung virulenten Rückenmarks (Landsteiner) angefangen bis zur Erzielung von Reinkulturen des Poliomyelitiserregers (Flexner* Noguchi). Verf. tritt für den kontagiößen Charakter der Poliomyelitis ein und erwähnt noch das Vorkommen von Hausinfektionen in Kinderspitälern (Klagen- furt, Wien, Budapest, München), Die angeführten therapeutischen Maßnahmen beruhen im wesentlichen auf Isolierung, Mund« und Zahnpflege, gründlicher Hände¬ reinigung, Inhalationen von Mund- und Nasenhöhlen mit 1 bis 2°/ 0 iger H 2 0 2 - Lösung, innerlicher Darreichung von Salol, Aspirin, insbesondere Urotropin. 6) Keimträger bei Kinderlähmung, von Karl Kling und A. Pettersson. (Deutsche med. Wochenschr. 1914. Nr. 7.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. suchte die Frage experimentell zu entscheiden, ob gesunde Zwischen¬ träger auch bei der Poliomyelitis anterior acuta Vorkommen. Es gelang ihm, unter acht gesunden Personen aus der Umgebung von Poliomyelitiskranken wenigstens einen Keimträger nachzuweisen, dessen Schleimhautsekret typische Poliomyelitis beim Affen hervorrief. 7) Über spinale Kinderlähmung im Stadt- und Landkreise Kattowitz, von Halbey. (Veröffentlichungen a. d. Gebiete der Medizinal-VerwaltuEg 1915. IV. H. 7.) Ref.: K. Boas. Die vorliegende Arbeit gibt eine Übersicht über eine in Kattowitz, Stadt- und Landkreis, beobachtete Poliomyelitisepidemie. Sie ist nicht nur vom rein statistischen und epidemiologischen Standpunkte aus interessant, sondern bringt auch sonst mancherlei, was für die Symptomatologie der gesamten Erkrankung von Bedeutung ist. Einen ausführlichen Raum nehmen schließlich die Bekämpfung sowie prophylaktische Vorschläge ein. 8) Über eine Anstalteendemie von Heine-Medinsoher Krankheit, von H. Kern. (Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 19.) Ref.: W. Alexander. Auf der von den übrigen Stationen ziemlich isoliert liegenden Abteilung für luetische Kinder über 1 Jahr kam in dem Friedrichs-Waisenhaus der Stadt Berlin in Rummelsburg eine Endemie von Poliomyelitis zum Ausbruch. Am 30. Sept. 1913 erkrankten gleichzeitig drei Kinder, das vierte am 2. Oktober, das fünfte am 22. Oktober. Alle Kinder lagen in einem Raum, ihre Betten standen noch beieinander. Durch strenge Isolierung kam die Endemie zum Stehen. Die Quelle der Ansteckung war nicht nachweisbar; wahrscheinlich Einschleppung durch Be¬ such zu einer Zeit, wo im Südosten Berlins eine leichte Epidemie herrschte. Die Kinder standen alle im 2. und 3. Lebensjahr. Die Symptomatologie war 4mal die gewöhnliche, bei einem Fall bestand nur Bronchitis und Abduzenslähmung, die in einigen Wochen zurückging. Die Therapie war die übliche. 9) Die Heine-Medinsche Krankheit ln Steiermark während der letzten 6 Jahre, von K. Fürntratt. (Mitteil, des Vereins der Ärzte in Steiermark. LI. 1914. Nr. 2; vgl. d. Centn 1913. S. 444) Ref.: G. Stiefler. Im zweiten Halbjahr 1909 wurden 615 Fälle bekannt, im Jahre 1910 betrug die Gesamtzahl der Erkrankungen nur mehr 64, in beiden Jahren 1911 und 1912 je 20, im Jahre 1913 65 Fälle. Während im Jahre 1909 die Häufung der Fälle in den Sommer- und Herbstmonaten sehr ausgesprochen war, war sie in den folgenden 3 Jahren kaum augedeutet, erst im letzten Jahre wieder mehr erkennbar. Im Jahre 1909 kam die Erkrankung in allen 26 politischen Bezirken des Landes vor, während in den folgenden 4 Jahren die überwiegende Anzahl derselben verschont blieb. Der Bildung größerer Krankheitsherde steht aber stets das gleichzeitige Auftreten von vielen ganz zerstreuten einzelnen Fällen gegenüber. Was das Alter betrifft, so fiel im Gegensatz zu früheren Beobachtungen auf, daß 1911 und 1912 sich in den vorgeschrittenen Altersstufen Verhältnis- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 526 mäßig mehr Krankheitsfälle ereigneten, als dies sonst bei der Poliomyelitis vor¬ zukommen pflegt. Der Mortalitätsprozent betrug im Jahre 1909 15, im folgenden Jahre 17, in den Jahren 1911 und 1912 jedesmal 20, im Jahre 1913 hingegen nur 4,6 (mit Ausschluß von Abortivformen). Geschwistererkrankungen wurden in 52 Fällen beobachtet; in der Hälfte der Fälle gleichzeitig, in der zweiten Hälfte mit einem Intervall von 1 bis 2 Wochen. Abortivfälle bei Geschwistern der Erkrankten wurden in nicht zu großer Anzahl bekannt; in der Regel bleiben sogar die Geschwister trotz manchmal innigsten Verkehrs ganz gesund. Verf. bringt eine Reihe sehr schöner Beispiele von Über¬ tragung durch direkten oder indirekten Kontakt, läßt aber trotzdem die Frage der Kontagiosität offen. 10) Die akute Poliomyelitis ln Norwegen, von Chr. Leegaard. (Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilk. LIII. 1915. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel.. Bezüglich der Poliomyelitis in Norwegen kann man nach einigen Jahren der Ruhe wieder eine größere Verbreitung des Leidens erwarten, deren Umfang man nicht ahnen kann. Die Jabreskurve des Verf/s stimmt in dieser Hinsicht pessi¬ mistisch. Ob sich die Mikrobe der Krankheit außerhalb des menschlichen Körpers in der Natur befindet, ist unbekannt, doch ist die Möglichkeit vorhanden. Gerät die Mikrobe (durch Mund, Rachen, Magen- und Darmkanal) in den menschlichen Körper, so deutet alles darauf hin, daß sie sich später auf gesetzmäßige Weise von Person zu Person verpflanzt. Sie tritt in den verschiedensten Klimaten und unter den verschiedensten Naturverhältnissen auf, aber sie folgt der Pflanzennatur darin, daß sie ihre reichste Entwicklung in den Sommermonaten hat, wenn sie auch gelegentlich im Winter gedeihen kann. Sie verträgt Eintrocknung, ist in Staub gefunden worden und findet sich wahrscheinlich in verschiedenen Nahrungs* mittein und auf Gegenständen. Die Krankheit wird nicht leicht übertragen; oft scheint die reichste Gelegenheit zur Ansteckung vorhanden zu sein, ohne daß letztere erfolgt. Die Übertragung kann erfolgen von Mund zu Mund, von Hand zu Mund, von Hand zu Hand und von dort weiter mit oder ohne Gegenstand als Zwischenglied. Prophylaxe: Isolierung der Kranken mit eigener Pflegerin, am besten Kranken¬ hausaufnahme, Desinfektion, bei größerer Ausbreitung der {Epidemie Schließung der Schulen, Verbot größerer Zusammenkünfte. Die Bevölkerung muß aufgeklärt werden, daß der beste Schutz gegen Poliomyelitis eine sorgfältige Reinhaltung, insbesondere der Hände, Kleider, Wäsche, Speisen und Eßgeräte ist. In Eisen¬ bahnen ist auf ein größeres Reinhalten der Wagen und hinreichende Gelegenheit zum Waschen, besonders der Hände, zu achten; durch Anschlag soll zur Beob¬ achtung von Reinlichkeit, besonders bei Behandlung mitgebrachter Eßwaren, auf¬ gefordert werden. Das Gleiche gilt für Automobile und Dampfschiffe. Das Material des Verf.’s umfaßt 3290 Fälle (55,57°/ 0 männlichen, 44,43°/ 0 weiblichen Geschlechts). Reichlich 3°/ 0 sind unter einem Jahre, 10 bis ll°/o Alter von 1 und 2 Jahren, 4 bis 6°/ 0 in den folgenden Jahresgruppen; im Alter von 7 Jahren ist wiederum eine kleine Steigerung vorhanden, dann sinkt die Kurve kontinuierlich. Ende der zwanziger geht die Zahl der Erkrankten auf etwa 1 % herab. 26,2°/ 0 der Kranken wurden geheilt, 56,7°/ 0 invalide, 17,1 °/ 0 starben. 11) Eine Poliomyelitisepidemie im Frühjahr 1912 in Lindaas (Norwegen), von Dr. Einar Aaser. (Berliner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 6.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Das Studium der Epidemie in Lindaas wurde sehr erleichtert durch schlechte Verkehrsverhältnisse, große Distanzen, nur zeitweiligen Schulbesuch. Verf. schildert die einzelnen Fälle, die in zwei Herden auftraten, und die unzureichenden hygieni- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 527 sohen Verhältnisse. Alles sprach dafür, daß die Kinder in der Schule infiziert wurden, ohne daß diese allein die Schuld fiir die Ausbreitung der Epidemie trug, an der auch Kaufläden usw. teilnahmen. 12) Neuere Forschungen über Poliomyelitis in Amerika, von J. 6. Fitz* gerald. (Ergebnisse cL Immunitätsforschung, experimentellen Therapie, Bak- teriologie u. Hygiene. I. 1914.) Ref.: K. Boas. Auf Grund der zahlreichen experimentellen (Flexner und Schüler nebst anderen), symptomatologischen und statistischen Arbeiten gibt Verf. eine aus¬ führliche Darstellung des gegenwärtigen Standes der Poliomyelitisforschung in den Vereinigten Staaten. Wegen der für uns zum größten Teil unbekannten Literatur ist ein Studium der Arbeit im Original empfehlenswert • 13) Blutbefunde bei Poliomyelitis. Klinische Beobachtungen und Erfahrungen aus der Kinderklinik in Frankfurt a/M. von H. v. Metten heimen F. Götzky und F. Weihe. (Berlin, Springer, 1914.) Ref.: Zappert (Wien). Die von Müller bei dieser Krankheit gefundene Leukopenie ließ sich bei vier untersuchten Fällen nicht nachweiseo. Hingegen fand sich nach Ablauf des akuten Stadiums eine auffallende Eosinophilie, die allmählich absank. Es handelt sich vermutlich um eine postinfektiöse Eosinophilie. 14) Beitrag zur pathologischen Histologie der unter dem Bilde der Landry- sohen Paralyse verlaufenden Fälle von Poliomyelitis acuta anterior, von Erna Loewy. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXV. 1914. H. 5.) Ref.: Kurt Mendel. Zwei Fälle mit dem Symptomenbilde und Verlauf der Landrysehen Paralyse, im ersten Falle bei einem 20jährigen Manne unter dem Bilde einer Angina ein¬ setzend (hier waren die entzündeten Tonsillen höchstwahrscheinlich die Ein¬ gangspforte der entzündlichen Noxe), im zweiten bei einem 4jähr. Mädchen. In beiden Fällen ergab die Autopsie einen Erkrankungsprozeß entzündlich-degenera- tiver Natur mit ausschließlichem Befallensein der grauen Substanz, insbesondere der Vorderhörner. Der Fall I zeigt die Erkrankungsprozesse im floriden Stadium und es ergab die mikroskopische Untersuchung dieses Falles das anatomische Substrat für die akut in die Erscheinung getretene, auf die Erkrankung des Rückenmarksquer- Schnittes hindeutenden klinischen Symptome. Der pathologisch-anatomische Be¬ fund war hier der einer stärksten Hyperämie der Gefäße des Rückenmarksquer¬ schnittes, besonders der grauen Substanz, mit dichter perivaskulärer, aus Leuko¬ zyten und besonders Lymphozyten bestehender Infiltration. Daneben fanden sich degener&tive Prozesse in verschieden hohem Grade der Ausbildung an dem Parenchym. Die mikroskopische Untersuchung des zweiten Falles ergab, daß der Er¬ krankungsprozeß in der grauen Substanz schon weitgehende Veränderungen gesetzt hatte. Hier fand sich ein fast vollständiger Schwund der (großen motorischen Ganglienzellen sowie Schwund der Markscheiden und Achsenzylinder. Das in den mikroskopischen Präparaten am reichlichsten zu beobachtende Element waren typische Körnchenzellen, also Zellen, wie man sie bei degenerativen Prozessen im Zentralnervensystem konstant beobachten kann; Neuronophagien waren nicht fest- zustellen. Als Grund hierfür nimmt Verf. an, daß der Prozeß nicht mehr im Stadium der Akuität untersucht wurde, daß die Neuronophagie bereits vollendet und die Reste der zerfallenen Nervenzellen bereits vollständig ph&gozytiert waren. Der Grund, warum im ersten Falle nicht die Bilder der Neuronophagie beobachet wurden, ist wohl darin zu suchen, daß der Tod eher eingetreten ist, ehe Neurono¬ phagie zustande gekommen war. Beide Fälle reden einer primären vaskulären Genese der Veränderungen des Rückenmarks das Wort: daß also die Noxe im Blutweg in das Rückenmark Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 528 hineingelangt und durch die Gefäßwand hindurch diffundiert ist, zunächst also entzündliche Veränderungen am Blutgefäßbindegewebsapp&r&t des Rückenmarks gesetzt hat und erst sekundär degenerativ auf das spezifische Parenchym ein¬ gewirkt hat. Besonders die starken Veränderungen am Blutgefäßbindegewebs- apparat des ersten Falles, welche quantitativ die des Parenchyms übertrafen 9 scheinen diese Ansicht in guter Weise zu stützen. 15) The study of a ease of the adult type of Poliomyelitis and of a oase of acute asoendlng paralysis of the type of Landry, by H. C. Gor- dinier. (Journ. of nerv, and ment. dis. XLI. 1914. Nr. 10.) Ref.: W. Misch. Bei dem beschriebenen Fall von Poliomyelitis eines Erwachsenen war plötz¬ lich eine rasch aufsteigende Lähmung aufgetreten; keine Sensibilitätsstörungen; afebriler Verlauf bis einen Tag vor dem Tode; Tod nach 8 Tagen durch Atem¬ lähmung., Die Obduktion gab makroskopisch keinen Befund; mikroskopisch fanden sich Degeneration der Vorderhornzellen und kleine kapillare Hämorrhagien; auf¬ fallend war das Fehlen der für Poliomyelitis so charakteristischen Rundzellen¬ infiltration der Gefäßwände und der Pia. Der beschriebene Fall von Landryscber Paralyse begann mit hohem Fieber und erst 24 Stunden später mit einer Läh¬ mung der beiden oberen und der einen unteren Extremität; Tod nach 5 Tagen durch Atemlähmung. Die Obduktion ergab eine Hyperämie der Hirn- und Rücken¬ markshäute, sowie der grauen Rückenmarkssubstanz mit deutlicher interstitieller und vaskulärer Rundzelleninfiltration. Diesen letzten Fall hält Verf. für so charak¬ teristisch für das von Landry beschriebene Bild der aufsteigenden Paralyse, daß es unter allen Umständen gegenüber der multiplen Neuritis und der Poliomyelitis der Erwachsenen abgegrenzt zu werden verdient. 16) Beiträge zur Klinik der sporadischen Fälle Heine-Medin scher Krank¬ heit, von v. Korozinski. (Wiener klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 16.) Ref.: Pilcz (Wien). Verf. berichtet zunächst flüchtig über einen Fall vom Typus der aufsteigen¬ den Landryschen Paralyse, der nach einiger Zeit mit Defekt ausheilte, und teilt die genauen Krankheitsgeschichten folgender Fälle mit: Falll. 24jähriges Mädchen, vor 2 Wochen vorübergehende Parese der rechtsseitigen Gliedmaßen. Dann Schüttelfrost, Fieber, Kopfschmerzen, Hyperästhesie des ganzen Körpers, Erbrechen, zunehmende Schwäche, Delirien, Apathie. Stat. praes.: Parese des rechten Ober¬ lides nnd Mundfazialis. Zeitweise Nystagmus rotatorius, Schlaffheit der Nackenmuskulatur und rechtsseitigen Bauchmuskeln. Beugekontraktur des rechten Oberarms, Parese des rechten Beines. Rechtsseitige Hyperästhesie, Patellarsehnenreflexe beiderseits fehlend. Fibrilläre Zuckungen, besonders der rechteu Gesichtshälfte und unteren Extremität. Decessus involontar, urin. Starke Schweiße, vasomotorische Erregbarkeit der Haut, Milztumor, Puls wechselnd zwischen 80 bis 120, Ternp. 37,3 bis 38,7. Lumbalpunktat klar, mit spärlichen Lymphozyten. Koprostase. In der zweiten Woche Besserung des Sensoriums, dagegen Zunahme der Läh¬ mungen, besonders rechts. Sehnenreflexe links gesteigert. Nach einem Monate Besserung der Blasen-Mastdarmfunktionen, Sprache ward leichter, allmählicher Rückgang der Lähm rings- erscbeinungen. Fazialislähmung blieb, Volumsabnahrae der rechten Gliedmaßen. Leichte Entartungsreaktion. Bei der Entlassung, nach etwa2 l / 2 Monaten: Spur rechtsseitiger Fazialis¬ parese, Gang ungestört, geringe Volumsdifferenzen und Unterschiede im Dynamometer zu¬ ungunsten der rechten Gliedmaßen. Sehnenreflexe rechts gesteigert. Fall II. 14jähr. Knabe, vor 5 Tagen Gliederschmerzen, Fieber. Stat. praes.: Sensorium klar, enorme Hyperästhesie, Beine angezogen. Nackenstarre, Hirnnerven frei. Remittierend- intermittierendes Fieber, Koprostase, im Blutbild Vermehrung der Lymphozyten. Puls wechselnd zwischen 84 bis 128, starke Schweiße. Am 10. Tage vorübergehende Besserung, hohes Fieber, Druckschmerzhaftigkeit der Wirbelsäule, besonders im Halsteile, Schwellung des rechten Kniegelenks. In den nächsten Tagen Erbrechen, Nackenstarre, Parese des rechtsseitigen Faziaiis, Hypoglossus und der Beuger des rechten Armes. Nach einigen Tagen zunehmende Besserung. Es schwanden die Paresen der Unterarmmuskulatur voll¬ ständig. Faziaiis- und Hypoglossusparese blieb in Spuren bestehen, ohne wesentliche Funktionsbehinderung. Fall III. 45jähr. Mann, vor etwa 12 Tagen Fieber, Bewußtseinsstörung, vorüber¬ gehende Hemiparese. Stat. praes.: Sensorium getrübt, Sprache erschwert, klanglos. Hyper- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 529 ästhesie der Haut und Muskulatur. Zungen- und Gaumenmuskulatur schlaff, Milztumor, Harnverhaltung, Puls 100, Lähmung der rechten oberen und linken unteren Extremität, Patellarsehnenreflex links fehlend. Am nächsten Tage Besserung des Allgemeinzustandes. Parese des rechten Fazialis und, im geraden Gegensätze zum Befunde vom Vortage, Lähmung der linken oberen und der rechten unteren Gliedmaße. Hyperleukozytose. Lumbal- punktat klar, mit spärlichen Lymphozyten. Dann rasch fortschreitende Besserung, Heilung nach 8 Wochen. Therapeutisch hatte Verf. u. a. Urotropin und Elektrargol verwendet Drei Photogramme veranschaulichen den Befund. 17) Einiges über die spinale Kinderlähmung, von Dr. Zipperlen, (Medic. Korrespondenz-Blatt des Württembergischen ärztl. Landesvereins. 1914. Nr. 5.) Bef.: Kart Mendel. Beobachtung von 14 Fällen während einer Poliomyelitisepidemie im Jahre 1913. Gleichzeitige Vieherkrankungen wurden nirgends beobachtet. Verf. glaubt, daß die Art der Übertragung mit der Jahreszeit (Sommer) und mit dem Wetter (warme, sonnige Tage) zusammenhängt. Wahrscheinlich wird das Leiden durch Stechmücken übertragen; Verf. konnte auch in all den befallenen Wohnungen zahlreiche Stechmücken nachweisen. 18) Die meningltisohe Form der Poliomyelitis, von Arnold Netter. (Monats¬ schrift f. Kinderheilk. XII. 1913. Nr. 9.) Bef.: Zappert (Wien). Etwas häufiger als in anderen Ländern scheint in Frankreich d^ bereits mehrfach beschriebene meningitische Form der Poliomyelitis vorzukommen. Da Zerebrospinalmeningitis und Poliomyelitis oft gleichzeitig epidemisch auf- treten, ist die Differentialdiagnose nicht leicht. Wichtig ist die Beschaffenheit der Lumbalpunktionsflüssigkeit. Klinisch beachtenswert ist das frühzeitige Schwinden des Patellarreflexes und das Auftreten von Gliederschmerzen bei der meningitischen Poliomyelitis. 19) Beport of a oase of acute Poliomyelitis, by L. F. FrisselL (Journ. of amer. med. Assoc. LXIV. 1916. Nr. 6.) Bef.: W. Misch. Mitteilung eines Falles, bei dem auf eine Bhinitis und eine Pharyngitis eine isolierte Blasenlähmung folgte. Ausgesprochene Poliomyelitissymptome waren nicht vorhanden. Dagegen fand sich eine Zellvermehrung im Liquor auf 96. Hiernach kamen nur Lues, Tuberkulose oder Poliomyelitis als Ursache in Betracht. Da die erstere durch die Wassermannsche Reaktion, die zweite durch den Verlauf aus¬ geschlossen werden konnte, so ließ sich per exdusionem die Diagnose Poliomyelitis stellen. Es handelte sich also offenbar um einen abortiven Fall ohne weitere Lähmungssymptome als die Blasenlähmung. 20) Ein eigentümlicher Fall von Poliomyelitis anterior jaonta mit ab¬ normen motorischen Beizersoheinangen, von Paul Löwenstein. (Inaug.- Dissert. Würzburg 1914.) Bef.: K. Boas. Der besprochene Fall von Poliomyelitis anterior acuta zeichnet sich aus durch die ausgedehnte, nach Art der Landrysohen Paralyse einsetzende symmetrische Lähmung der Bein-, Rumpf- und Armmuskeln, durch das Freibleiben der Fu߬ beweger, endlich durch die eigenartigen tetanusähnlichen Zuckungen in den pare- tischen Extremitäten. 21) Badiographi8ohes Stadium der Knochen in den gelähmten Gliedern, von E. Audenino. (Biv. di Patol. nerv. XIX. 1914. Nr. 9.) Bef.: G. Min- gazzini (Rom). Die vom Verf. angestellten Beobachtungen beziehen sich auf Kinder und Erwachsene, die radiographischen Untersuchungen wurden an den Händen, den Füßen, den Ellbogen- und Kniegelenken vorgenommen. Je nach der Zeit des Auftretens der Verletzung konnten verschiedenartige Knochenveränderungen wahr¬ genommen werden; es ist nämlich bei den zerebralen Kinderlähmungen das Volumen der Knochen reduziert, dieselben sind weniger verkalkt, ohne in ihrem XXXIV. 34 Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 530 Zusammenhänge Veränderungen aufzuweisen; in der Entwicklung weisen sie eine Verspätung auf. Bei den Poliomyelitikern treten dieselben Tatsachen, doch in ausgeprägterem Grade auf. Bei den erwachsenen Hemiplegikern, in verhältnismäßig kurzer Zeit nach dem Iktus, bemerkt man eine verschiedenartige Lichtung, die besonders die distalen Segmente der Glieder (akute Atrophie) befällt. Die Hypo- und Akinesis der Glieder haben einen großen Anteil an der Produktion der Knochenmuskelhypo¬ plasie der Kinder. Bei den Erwachsenen wird die Atrophie außer durch Unter¬ drücken der Motilität durch zirkulatorische Störungen, durch alterierten Nerven- trophismus und andere noch nicht gänzlich bekannte Faktoren hervorgerufen. Ferner ist die Lues in Betracht zu ziehen, die bei den Hemiplegikern nichts weniger als selten ist; infolge derselben können sich kurze Zeit nach dem Iktus arthritische und periarthritische Entzündungsprozesse bilden, und diesen könnte auch teilweise die Ursache der so ausgeprägten Knochenatrophien wie sie Verf. gesehen, zugeschrieben werden. 22) The treatment of paralysis of anterior Poliomyelitis, by H. W. Frauen¬ thal. (Journ. of the amer. med. Assoc. LXI. 1913. Nr. 25.) Ref.: W. Misch. Zur Behandlung der Poliomyelitislähmungen kommen elektrische, hydrothera¬ peutische und Massagebehandlung sowie Bewegungsübungen in Betracht. Bei der Elektrotherapie wendet man am besten Sinusoidalströme abwechselnd mit kom¬ binierten galvanischen und faradischen Strömen, und zwar in einer dem Herz¬ rhythmus entsprechenden Frequenz von 72 pro Minute, an; der angewandte Strom soll gerade so stark sein, daß er eine Kontraktion auslöst; jede einzelne Muskel¬ gruppe soll nicht länger als 2 bis 3 Minuten, und der ganze Körper nicht länger als 6 bis 12 Minuten pro Sitzung behandelt werden. Auch bei der Massage, deren Heilwirkung in mechanische, thermische, elektrische und Reflexwirkungen eingeteilt wird, wird hervorgehoben, daß eine zu lange Behandlung schädlich ist; die Tagesbehandlung soll nicht die Zeit von 15 bis 20 Minuten überschreiten. Eine gute Unterstützung für die Behandlung sind warme Bäder, die jeden Abend 20 Minuten lang zu verordnen sind. Wenn alle diese Behandlungsmethoden es erreicht haben, daß die Muskeln wieder unter die Kontrolle des Willens gelangt sind, so kommen als wichtigste Behandlungsmethode Bewegungsübungen der pare- tischen Muskelgruppen an die Reihe. Diese sind vor dem Spiegel, für jede Mnskel- gruppe einzeln, zunächst mit Unterstützung des Arztes, also halb aktiv und halb passiv, auszuführen. Verf. hat auf diese Weise bei zahlreichen Fällen eine so gut wie vollständige Wiederherstellung der Funktion erzielen können, indem, wie er meint, die motorische Leitung vom Gehirn zur Peripherie sich im Laufe der Zeit unter Umgehung der geschädigten Regionen neue motorische Bahnen gesucht hat. Es werden als Beispiele 10 Fälle mit zahlreichen Photographien aufgeführt. 23) Heine-Medinsohe Krankheit, von L. Korczynski. (Przegl. lek. 1913. Nr. 44 u. 45.) Ref.: Kurt Mendel. Urotropin und Elektrargol zeigen einen sehr günstigen Einfluß bei einigen sporadischen Fällen von Poliomyelitis. 24) Zur Lfthmnngstherapie, von G. A. Wollenberg. (Berliner klin. Wochen¬ schrift. 1914. Nr. 12.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. teilt die Krankengeschichte eines 12jährigen Mädchens mit, das in früher Kindheit eine Poliomyelitis durchgemacht und ausgedehnte Lähmungen an beiden Beinen davongetragen hat. Es konnte sich nur an Krücken fortbewegen. Das linke Bein war vom Hüftgelenk bis zu den Zehen total gelähmt, am rechten Bein bestand Quadrizepslähmung und paralytischer Pes valgus. Beide Kniegelenke waren Schlottergelenke und wurden beim Gehakte in hochgradiger Rekurvation benutzt. Therapeutisch kam nur die dauernde Apparatbehandlung oder die Arthrodese auch des rechten Kniegelenks in Betracht. Ersteres kam sozial nicht Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 531 in Frage, letzteres hätte beide Beine in unbewegliohe Prothesen verwandelt. Verf. beschloß nnn, am rechten Kniegelenk eine knöcherne Arretierungsvorriohtung anzubringen, welche die Beugung nicht störte, die Überstreckung aber absolut verhinderte, und dazu gewissermaßen das Kniegelenk in ein dem Ellbogengelenke mit Beinern Olekranon ähnliches Gelenk zu verwandeln. Die Operation wird an der Hand von Abbildungen genau beschrieben, desgleichen werden die operativen Eingriffe am rechten Bein angegeben. Das Resultat ist ausgezeichnet. Das rechte Kniegelenk zeigt bei passiver Streckung einen festen knöchernen Widerstand und freie Beugung; auch die aktive Streckung kann mit großer Kraft und Schnellig¬ keit vollkommen ausgeführt werden, desgleichen ist der Gang gut und sioher, nur die schleudernde Bewegung am linken Hüftgelenk ist nooh unschön. Therapie. 26) Zur Anwendung der Diathermie, von Fritz Kraus, (liedizin. Klinik. 1915. Nr. 20.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Während über eine Reihe neuerer elektrotherapeutischer Heilmethoden, wie besonders über die d’Arsonvalisation und den Bergoniö die Urteile fortdauernd schwanken und alle Zwischenstufen zwischen höchster Anerkennung bis zu schroffer Ablehnung vertreten sind — Ref. ist der Anschauung, daß die Grenzen für die Anwendung der d’Arsonvalisation enger gesteckt werden müssen, und daß oft mehr Kritik wünschenswert wäre, daß andererseits der Bergoniö nur als Muskel¬ übungsapparat anzusehen ist, als welcher er Zukunftsmöglichkeiten hat, denen aber der ungewöhnlich hohe Anschaffungspreis hindernd im Wege steht —, ge¬ winnt die Diathermie ständig an Boden; allerdings läßt auch die Literatur über die Diathermie nooh allzu oft einen überschießenden therapeutischen Enthusiasmus erkennen, der der Sache selbst nicht förderlich ist. Vor allem verlangen die Mitteilungen über innere Organdiathermie noch viele Fragezeichen; die strenge wissenschaftliche Kritik vermag da oft nicht zu folgen, was entschieden bedauerns¬ wert ist, denn Übertreibungen verdecken allzu leicht den zweifellos vorhandenen guten Kern, der es wohl verdient, gefördert und vertieft zu werden. Immer das gleiche Bild: eine Fülle von Indikationen, von denen die Mehrzahl der Kritik nicht standhält — anstatt, wie es sein sollte: einige sicher erwiesene gute Er¬ folge, von denen mit zunehmender Erfahrung weitere hinzukommen.... Verf berichtet — die einleitenden Worte gelten der Diathermieliteratur im allgemeinen — über seine mit der Diathermie auf Grund mehrjähriger Beobach¬ tung erzielten Resultate. Er wandte sowohl die lokale wie die allgemeine Dia¬ thermie an. Es soll nur erwähnt werden, was neurologisch von Interesse ist. Für Lokalbehandlung hält Verf. Sitzungen von mindestens 20 bis 30 Minuten für erforderlich. Anfangs sieht man häufig Exazerbationen. Von Neuralgien wurde besonders die Ischias behandelt, bei der eine längere Behandlungsdauer notwendig ist. Bei Anwendung des Kondensatorbettes sind niedrige Stromstärken (4 bis 6 Ampöre) und kurze Sitzungen (20 Minuten) erforderlich, um einen sedativen Effekt zu erzielen, der sich bei neurasthenischen und hysterischen Symptomen, bei Schlaflosigkeit, rascher körperlicher und geistiger Ermüdbarkeit, bei Erschöpfungs¬ zuständen nach geistiger Überanstrengung usw. wirksam erweist. Die Di&thermie- behandlung von Neuralgien wie Ischias gibt ,,minder sichere Resultate“. Die weiteren neurologischen Erfahrungen, die Verf. mitteilt, sind allzu vereinzelt, als daß man aus ihnen Schlüsse zu ziehen berechtigt wäre. Verwunderlich ist, daß Verf., der sich vollständig Nagelschmidt anschließt, von den Arbeiten und dem Lehrbuch des um die Diathermie nicht minder verdienten Kowarschik auch in «einer Literaturzusammenstellung mit keinem Worte Erwähnung tut. 34* Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 532 26) Über Diathermie und ihre Kombination mit Ultraviolettbestrahlung und anderen Heilmitteln, von Felix Mendel« (Therapie der Gegenwart« 1915. Februar.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Die Methodik der kombinierten Therapie des Verf.’s besteht in einer An¬ wendung der allgemeinen Diathermie auf dem Kondensatorbett und der gleich¬ zeitigen Ultraviolettbestrahlung des Körpers mit der über dem Kondensatorbett angebrachten Höhensonne bei langsamem Einschalten und allmählichem Ausschalten. Verf. rühmt die analgesierende Wirkung dieser Kombination, durch die auch der Blutdruck herabgesetzt wird. Der beruhigende Einfluß läßt ihre Anwendung bei allgemeiner Neurasthenie, bei nervösen Depressionszuständen, bei den lanzinierenden Schmerzen der Tabiker und bei Neuralgien, besonders bei Isohias, geraten erscheinen. 27) Ergebnisse der Elektrotherapie 1913 bis 1914, von Josef Kowarschik. (Therapeut. Monatsh. 1915. Februar.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. vergleicht den elektrotherapeutischen Enthusiasmus früherer Zeiten mit dem MöbiusBchen Nihilismus, der wenigstens das Gute hatte, daß er einen Um¬ schwung einleitete, begründet einerseits in einer Vertiefung unserer theoretischen Kenntnisse, die uns eine Vorstellung von den biologischen und therapeutischen Wirkungen der Elektrizität vermittelten, andererseits in den Fortschritten der Technik. Besonders befruchtend hat die Elektronentheorie gewirkt. Verf. be¬ spricht nun der R6ihe nach Gleichstrom, Wechselstrom und Hoohfrequenzströme. Bei der Besprechung des Gleichstroms werden besonders die neueren Ver¬ suche erörtert, große Stromstärken zur Anwendung zu bringen bzw. die Strom¬ richtung zu verändern. Die therapeutische Wirkung des galvanischen Stroms ist eine chemische; der elektrische Strom stellt nichts anderes dar als eine Atom¬ verschiebung, was man zur Iontophorese benutzt hat, die Verf. eingehend schildert. Er erörtert ferner auch die Elektrolyse und ihre verschiedenartigen Anwendungen an der Hand der neueren Literatur, ferner besonders den Einfluß der Galvanisation beim Morbus Basedowii. In bezug auf den Wechselstrom werden, abgesehen von den Untersuchungen von Strubeil, nur die Veröffentlichungen einer Besprechung unterzogen, die sieb auf das Verfahren von Bergoniö beziehen. Von Interesse ist dabei, daß Verf. mit dem Verfahren auch bei spinaler progressiver Muskelatrophie und bei ver¬ schiedenen anderen Lähmungen Erfolge erzielen konnte. Sein Urteil über die Hochfrequenzströme leitet Verf. mit der Überzeugung ein, daß „der Hochfrequenztherapie reale Heilwerte innewohnen“. Er bespricht das Anwendungsgebiet der eigentlichen Hochfrequenztherapie, der d’Arsonvalisation, sowie der Diathermie. Alles in allem: ein Übersiohtsreferat, welches nicht zum letzten wegen des ausführlichen Literaturverzeichnisses Interesse verdient (wenn auch die in ihm zusammengefaßten Anschauungen — wenigstens zum Teil — nioht als allgemein- gültige Anschauungen angesehen werden dürfen; s. v. Noorden, Therapeutische Monatshefte. 1915. Januar. D. Ref.). 28) Über Psyohotherapie, von Adalbert Gregor. (Therapeut. Monatsh. 1914. Dezember.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. beginnt mit den Grundlagen der Psychotherapie. Sie gründet sich auf die Einsicht weitgehender gegenseitiger Beeinflussung von somatischen und psychi¬ schen Prozessen, auf die praktischen Erfahrungen über die Wirkung willkürlicher Muskelaktion, insbesondere systematischer körperlicher Arbeit auf psychische Zu¬ stände und auf die Kenntnis, daß psychische Störungen vielfach direkt oder in¬ direkt auf psychische Ursachen zurückgehen. Verf. bespricht besonders eingehend die Bedeutung des Psychischen für innere Krankheiten, die Verwendung der Psychotherapie in der Kinderheilkunde, dann die Beeinflussung psychischer Zu- stände durch Behandlung körperlicher Funktionen, die aktive Psychotherapie usw* Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 533 Im weiteren Teil seiner Ausführungen behandelt Verf. die speziellen Methoden, die Hypnose, die Psychoanalyse und zum Schluß die Persuasion. 29) Zur Behandlung der sexuellen Insuffizienz, von Iwan Blooh. (Mediz. Klinik. 1915. Nr. 8.) Ref.: £. Tobias (Berlin). Die ganze Lehre von der Impotenz ist in einer Umwandlung begriffen, seit¬ dem wir wissen, daß nicht nervöse, sondern chemische Einflüsse das Wesen der Sexualität ausmachen, und daß das Zentralnervensystem erst sekundär durch chemisch wirksame Stoffe der inneren Sekretion beeinflußt wird. Die Vorstellung einer rein nervösen Impotenz ist zugunsten einer endokrin bedingten Impotenz oder sexuellen „Insuffizienz“ in den Hintergrund getreten. Die Wirkung der inneren Sekretion der Pubertätsdrüsen tritt mit der Sicherheit einer chemischen Reaktion ein. Für die Therapie ergibt sich danach die Zweckmäßigkeit der Organotherapie. Yohimbin wirkt wie opotherapeutische Mittel rasch und intensiv, aber nioht nachhaltig. Verf. ließ in seinem Sinne zwei Mittel hersteilen: Testogan und Thelygan. Testogan ist ein Extrakt von Stierhoden, Thelygan ein Auszug von Kuhovarien/ Beide enthalten auch Yohimbin. Sie kommen in Ampullen und Tabletten in den Handel. Verf. resümiert die bisherigen Erfahrungen dahin, daß beides wertvolle Mittel für die rationelle und kausale Behandlung der sexuellen Insuffizienz darstellen, deren Anwendung durchschnittlich eine längere Zeit er¬ fordert, dann aber auch in den meisten Fällen einen nachhaltigen Dauererfolg verbürgt. 30) Zur Frage der Bromtherapie, von K. John. (Münchener med. Wochen¬ schrift. 1914. Nr. 43.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. gibt folgende Zusammenfassung: 1. Sasedanwürze Dr. Haas (konzentrierter, künstlicher, genuines Albumin und Fleischalbumosen in beträchtlicher Menge enthaltender Fleischsaft, wovon 5 ccm genau 1,0 g Bromsalze neben 0,15 Chlornatrium entsprechen) ist geeignet, die Brommedikation in der Form einer schmackhaften Bromsuppe bei salzarmer Diät als Dauerdiät mit Leichtigkeit durchführen zu lassen. 2. Die bisherigen Versuche lassen erwarten, daß mit wesentlich kleineren Bromdosen eine bedeutend stärkere Bromwirkung ohne wesentliches Hervortreten von Intoxikationserscheinungen erzeugt wird, besonders bei der genuinen Epilepsie. 3. Wegen seiner einfachen Anwendungsweise eignet sich das Mittel auch zur Behandlung psychisch Kranker, die auf diese Weise eventuell unwissentlich Brom bekommen können, da diese Bromsuppe sioh kaum von einer gewöhnlichen salz¬ haltigen Suppe im Geschmack unterscheidet. 4. Bisher hat sich namentlich auch die Anwendung des Mittels bei Formen von Neurasthenie, allgemeiner Überreiztheit, Schreckneurosen, leichteren halluzina¬ torischen Zuständen, nervösem Kopfweh, nervöser Schlaflosigkeit (Nichteinschlafen¬ können) bewährt, während es bei hysterischen Anfällen und schweren psychischen Erregungen unwirksam bzw. zu schwach wirksam ist. 5. Die von Bürgi empfohlene Arzneikombination von Brom und Opium zur Erreichung einer potenzierten therapeutischen Oesamtwirkung hat bei den Ver¬ fluchen bisher keinen über die summierte Wirkung hinausgehenden Erfolg ge¬ zeitigt. 81) Sedobrol ln der neurologischen Praxis, von Felix Mayer. (Berliner klin. Wochensohr. 1915. Nr. 6.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. rühmt zunächst in bezug auf das Sedobrol die „Anonymität“, indem ■den Patienten unbekannt ist, daß sie damit Brom nehmen, ferner die Schmack¬ haftigkeit, endlich die suggestive Wirkung, die wohl auf die ungewöhnliche Form der Darreichung des Mittels zurückzuführen ist. Ein Bouillonwürfel enthält 1,1 g Bromnatrium. Sedobrol ist gleich wirksam wie die übliche Solutio natr. brom. oder die Erlenmeyersche Mischung oder das brausende Bromsalz und überlegen Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 534 — den organisch gebundenen Brompräparaten. Verf. gibt nie weniger als l l / t und nie mehr als 2*/ 2 Tabletten, pro die nicht mehr als 4, meist 3 Tabletten. Sedobrol wirkt besonders gegen Schlaflosigkeit, geschlechtliche Übererregbarkeit, Herz¬ klopfen, Zwangsvorstellungen, klimakterische Beschwerden, Hysterie usw. 32) Le sedobrol, par Ch. Ladame. (Annales mädico-psychologiques. LXXIL 1914. Nr. 6.) Ref.: E. Boas. Verf. empfiehlt auf Grund ausgezeichneter Erfolge das Sedobrol bei Epilepsie, das sich ihm sogar in chronischen Fällen bewährt hat. Das Sedobrol steht seiner Ansicht nach in der therapeutischen Bewertung auf gleicher Stufe wie die Toulouse-Richetsche Behandlungsmethode. 33) Adalin im Hochgebirge und in heißen Ländern, von Arnold Masarey. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 28.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. hat die Wirkung des Adalin an sich selbst untersucht gelegentlich einer Reise nach Heluan, wo er an leichter, aber zunehmender nächtlicher Unruhe litt und durch das Mittel vollkommenen Schlaf erzielte, und nach Oberägypten, wo auch Nephritiker und Leichttuberkulöse davon auf das Günstigste in ihrer durch die Hitze veranlaßten Schlaflosigkeit beeinflußt wurden. In der Oase schien Adalin in Dosen von 1,5 sogar eine gewisse Unempfindlichkeit gegen die brennen¬ den Insektenstiche zu erzeugen. Verf. empfiehlt darum Adalin für die erste Zeit der Akklimatisation in der Wüste, er hat nie Angewöhnung gesehen. Adalin ist vor allem dem Alkoholmißbrauch vorzuziehen, dem sich viele in heißen. Ländern hingeben, um Schlaf zu erzwingen. Auch im Hochgebirge war Adalin wirksam, was Verf. in der fast 4000 m hohen spanischen Sierra Nevada erprobte. Er nimmt an, daß es auch bei drohender Bergkrankheit von Erfolg sein müßte. 34) Vergiftungsversuohe mit Adalin. Ein Beitrag zur relativen Unschädlich¬ keit übermäßiger Dosen, von v. Hirsch-Gereuth. (Therapie der Gegen¬ wart. 1915. Nr. 1.) Ref.: K. Boas. Verf. berichtet über folgenden Fall von Vergiftungsversuch mit dem Schlaf¬ mittel Adalin: Eine Hysterika nahm 17 bis 18 g von dem Mittel ohne bedenkliche Folge¬ erscheinungen. Der Schlaf dauerte 3 Tage. Danach bestand noch Schwächegefühl. In 5 Tagen waren alle Intoxikationserscheinungen abgeklungen. 35) Über längeren Gebrauch von Adalin, von H. Freund. (Mediz. Klinik. 1915. Nr. 2.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Im Gegensatz zu einer Mitteilung über Adalin Vergiftung von Dierling (Mediz. Klinik. 1914. Nr. 47) gibt Freund einen Bericht über einen Fall von Adalingebrauch seit l l / 4 Jahren ohne Unterbrechung, der an die „Unschädlichkeit des Präparates selbst in großen Dosen“ denken läßt, und ist der Meinung, daß der Fall Dierling auch eher für Unschädlichkeit spricht. Der Freundsohe Patient nahm zuerst 1 g, später 1 / 4 bis l / 2 g Adalin täglich mit Zeichen ge¬ steigerter Arbeitsfähigkeit. 36) Über Diogenal, ein neues Sedativum und Hypnotikuxn , von Fritz Streblow. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 10.) Ref.: Kurt Mendel. Die kumulierende Wirkung, die dem Veronal anhaftet, fällt beim Diogenal fort. Letzteres zeigt keinerlei Reizerscheinungen auf den Verdauungstraktus. Als Sedativum .gibt man 3 mal 0,5 bis 3 mal 1,0 pro die, als Hypnotikum 1,0 g. Keine Nachwirkungen. Wird gern genommen und kann auch leicht unbemerkt verab¬ reicht werden. 37) Unsere Erfahrungen mit Diogenal, von Ludwig Tuoü. (Münchener med« Wochenschr. 1915. Nr. 22.) Ref.: Kurt Mendel. Diogenal bewährte sich als vollwertiger Ersatz des Veronals. Als Sedativum gab Verf. morgens und abends 0,5 g, bei Schlaflosigkeit 1,0 g. Keine schädigenden Nebenwirkungen. Digitized hy Gck >sle Original fro-m 535 38) Klinische and experimentelle Grundlagen der Sehlaftnitteltherapie, von A. Gregor. (Therapeut. Monatsb. 1913. August.) Bef.: H. HaeneL Ein Sammelreferat wie das vorliegende läßt sich schwer nochmals in einem Referate zusammenfassen, muß vielmehr selbst gelesen werden. Verf. bezeichnet als leichte Hypnotika Bromural und Adalin, beide bromhaltig und einander in der Wirkung verwandt. Von den mittleren Hypnoticis steht an erster Stelle das Veronal oder besser sein Na-Salz Medinal, das zur Behandlung der Schlaflosigkeit in allen 'Formen genügen kann und nur wenig Neigung zur Angewöhnung oder Abstumpfung zeigt. Die stärker wirkenden Schlafmittel sind darum nur mehr oder weniger Ersatz für das Veronal, so Trional, Neuronal, Isopral, Proponal (leicht toxische Dosis, wenn über 0,3), als energischstes Luminal (keineswegs harmlos, Zwangsmittel ähnlich wie Hyoszin). Die neueren Mittel Aleudrin und Aponal sind zu den schwächeren zu zählen, haben keine Vorzüge vor den vorher genannten. Zu Kombinationen von Schlafmitteln ist man nur berechtigt, wenn man die Wirkungsweise jedes einzelnen genau kennt und jedeB derselben einzeln im vorliegenden Falle erprobt hat. Am zweckmäßigsten ist die Vereinigung der Opiumalkaloide mit Veronal. Die Nebenwirkungen der Schlafmittel wurden haupt¬ sächlich durch Blutdruckmessungen verfolgt; die meisten führen zu einer Herab¬ setzung des Blutdruckes. Schließlich wurde durch das psychologische Experiment ( 1 / s bis Istündiges Addieren am folgenden Morgen) die Nach- und Dauerwirkung der Hypnotika studiert, mit folgendem Ergebnis: von Adalin kann erst nach 1,0 eine schädigende Wirkung auf die psychische Leistungsfähigkeit erwartet werden; Bromural ist hierfür auch bei 0,6 indifferent, drückt die Arbeitsleistung erst bei 0,9. 0,5 Trional schädigte bei einem Drittel der Versuchspersonen die Leistung, 1,0 bei allen. Isopral, sowohl 0,5 bis 1,0, ist fast indifferent, Neuronal beginnt erst bei 1,0 die Leistung zu vermindern. 0,25 Medinal war durchaus unschädlich, 0,6 aber bei der Mehrzahl der Fälle nachteilig. Luminal: 0,2 in 3 von 5 Fällen, 0,4 in allen 5 Fällen schädigend. Diese Reihenfolge der Schlafmittelnachwirkung verdient Beachtung. Die Wirkung anfänglich schädlicher Dosen tritt aber bei fortgesetztem Gebrauche zurück und es erfolgt eine Gewöhnung auch an die Nebenwirkungen. Die Gewöhnung kann zur Folge haben, daß das Einnehmen des Mittels zur Voraussetzung optimaler Leistungsfähigkeit wird und Aussetzen des¬ selben zu einer Abnahme der Leistungen führt. Der sicherste Weg, um die An¬ gewöhnung zu verhindern, ist im öfteren Wechsel der Mittel gegeben. Psychiatrie. 39) Über den gegenwärtigen Stand des Schutzes and der Fürsorge für Geisteskranke, von J. Stärlingen (Jahrb. f. Psycb. u. Neurol XXXVL S. 49.) Ref.: Pilcz (Wien). Verf. geht von dem derzeitigen Stande der Irrenfürsorge in Niederösterreich aus und glaubt, daß trotz des Hochstandes der Anstaltseinrichtungen daselbst nach den heutigen Erfahrungen und Ansichten in nachfolgenden Punkten dem weiteren Ausbau der Irrenfürsorge praktisch näher zu treten wäre, um allgemein auf die volle Höhe zu gelangen. Hierbei ist allerdings in Rechnung zu ziehen, daß diese Aufgaben nicht lediglich in der Macht der niederösterreichischen Landes¬ verwaltungen gelegen sind, sondern nicht zum geringen Teil auch Sache des Staates sind, da manches in diesen Einrichtungen ohne Reform der derzeitigen Irrengesetzgebung nicht zu erledigen ist. Eine moderne Irrenfürsorge würde hauptsächlich folgende vier Punkte umfassen: I. Die praktische Durchführung der Alkoholfrage durch Errichtung von Trinkerberatungsstellen, Trinkerheilanstalten, Trinkerversorgungshäusern und Ab¬ stinenzvereinen. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 536 II. Die Errichtung von Anstalten für Schwachsinnige und Epileptiker. IIL Die Errichtung von Anstalten für Kriminelle. IV. Die Obsorge für Psychopathen. Verf. hält bei dem fortwährenden Anwachsen der Heil- und Pflegeanstalten die Schaffung dieser Spezialanstalten auch aus dem Grunde für unerläßlich, weil in den großen Anstalten die spezielle Behandlung, die diese Kategorien von Geistes¬ störungen erfordern, nicht mehr möglich AbL Es muß dabei nicht die Forderung durchgeführt werden, als ob in diese Anstalten nur die eine oder die andere dieser Kategorie aufgenommen werden darf, sondern es können auch Geisteskranke anderer Art zur Aufnahme zugelassen werden, wenn nur die spezielle Behandlung der zuständigen Geisteskranken dadurch nicht behindert wird. So könnte man einen Teil der Schwachsinnigen ganz gut mit Epileptikern vereinigen und anderer¬ seits manche schwere Epileptiker in Anstalten für Kriminelle unterbringen und vice versa. Hit Rücksicht auf die beträchtlichen Kosten kann naturgemäß die Errichtung dieser Anstalten nicht auf einmal erfolgen. Verf. fordert aber, daß wenigstens in jedem Lande nach einem Generalplan in diesem Sinne mit dem Ausbau der Fürsorge vorgegangen werde. Ferner weist Verf. auch darauf hin, daß zur Verbesserung schon heute insbesondere zwei Reformen Platz greifen können, die die finanzielle Inanspruchnahme der Landesverwaltungen keineswegs erheblich erhöhen würden, aber eine beträchtliche Verbesserung in den irren¬ fürsorglichen Einrichtungen bedeuten. Hierher werden vom Verf. gerechnet: I. eine moderne Pflegerausbildang, II. die Gründung von Irrenfürsorgeorganisationen. Die moderne Irrenpflege verlangt 1. daß kein ungeprüftes Pflegepersonal mehr Verwendung findet, 2. daß die Ausbildung allgemein und ausreichend stattfindet, was erst geschehen kann, wenn die Pflegepersonen eine gewisse Summe von Er¬ fahrungen gesammelt und sich charakteriologisch als geeignet erwiesen haben. Um diesen beiden Punkten gerecht zu werden, stellt sioh Verf. vor, daß in jeder großen Anstalt fortlaufend regelmäßige Pflegervorträge stattfinden, um selbst den Neueintretenden gleich eine gewisse Vorbildung zu ermöglichen, daß aber die Hauptausbildung erst nach dem zweiten Dienstjahre einsetzt, dann aber mit mög¬ lichster Gründlichkeit durchgeführt wird. Die zweite zeitgemäße Verbesserung unserer IrrenfÜrsorge bildet die Durch¬ führung einer verläßlichen Fürsorgeorganisation für Geisteskranke und Geistes¬ schwache, die von jeder Anstalt für ihre Aufnahmsbezirke in Form eines Vereins zu bilden wäre und sich auf eine große Zahl von Vertrauensmännern stützt und durch private Sammlungen, eventuell Subventionen, seine Auslagen decken müßte. Die Wirksamkeit dieser Organisation erstrecke sich: a) auf die Erteilung von Ratschlägen und Hilfeleistungen bei geistigen Er¬ krankungen ; b) auf die Erleichterung der Rückkehr von Anstaltspfleglingen in das bürger¬ liche Leben; c) auf die Hebung der öffentlichen Irrenpflege und Bekämpfung der Vor¬ urteile gegen Geisteskranke und Irrenanstalten; d) auf die Fürsorge für die Familie, welche durch die psychische Erkrankung eines ihrer Angehörigen in Not geraten ist. In Mauer Oehling wurde zum 10jährigen Jubiläum der Anstalt im Jahre 1912 eine solche Irrenfürsorgeorganisation für Geisteskranke und Geistesschwache ins Leben gerufen, und dieselbe hat sich in jeder Hinsicht vorzüglich bewährt Den Schluß der Arbeit bilden die Statuten der Irrenfürsorgeorganisation für Geisteskranke und Geistesschwache der Kaiser Franz Josef-Landes-Heil- und Pflege¬ anstalt Mauer Oehling. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 537 III. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Sitzung vom 14. Juni 1915. Eef.: K. Löwenstein (Berlin). 1. Herr Eutzinski: Eigenartige Halbseitenläsion nach Sohnßverletzung. 2. Herr 0. Maas: Über die Ursachen der Arthropathien bei Tabes dorsalis. Die Ursache der bei manchen Fällen von Tabes auftretenden Gelenk- veränderungen ist bisher nicht klargestellt. Eine Reihe von Autoren führen die Gelenkveränderungen direkt auf das Nervenleiden zurück, andere glauben, daß infolge mangelhafter Koordination und krankhafter Beschaffenheit der die Knochen umgebenden Gewebe an diese ungewöhnliche Anforderungen gestellt würden, denen sie nicht gewachsen wären. Auch als echt syphilitische Prozesse sind die Arthro¬ pathien aufgefaßt worden. Es ist bemerkenswert, daß die Arthropathien gelegent¬ lich schon im Frühstadium der Tabes dorsalis auftreten, und daß die Gelenke der oberen Extremitäten nur selten betroffen werden. Ich beobachtete folgende Fälle: I. 49jähriger Schlächter, vollentwickelte Tabes dorsalis bzw. Taboparalyse. Seit 2 Jahren Arthropathie des rechten Schultergelenkes. II. 57jährige Waschfrau, Tabes dorsalis in präataktischen Stadium, seit 2 Jahren Arthropathie des linken Handgelenkes (Demonstration der Patienten). Bei diesen beiden Patienten ist durch den Beruf eine starke Inanspruchnahme der oberen Extremitäten ohne weiteres verständlich, und somit die Annahme mechanischer Schädigung der Ge¬ lenke sehr naheliegend. Arthropathie an den oberen Extremitäten bei Tabes habe ich vor diesen Fällen nur zweimal gesehen. Das einemal bei einem Zigarren- macher, das anderemal bei einer Näherin, also ebenfalls Berufen, bei denen die oberen Extremitäten in hervorragender Weise in Anspruch genommen werden. Ich glaube somit, daß die besonders starke Inanspruchnahme bestimmter Gelenke die Lokalisation der tabischen Arthropathie bestimmt, nehme aber an, daß eine durch die Tabes bewirkte, pathologische Veränderung der Gelenke diese für die Arthropathie disponiert. Diese Disposition braucht aber nicht von dem Nerven¬ leiden direkt abhängig zu sein. Es erscheint mir sogar wahrscheinlich, daß der abnorme Zustand der Knochen und Gelenke, der sie zur Arthropathie disponiert, vom Blut aus hervorgerufen wird. Autoreferat. Diskussion: Herr Henneberg: Wir wissen, daß durch Ansiedlung von Spirochäten im Gewebe sehr heterogene Veränderungen bedingt werden können, d. h. entzündliche und atrophische Prozesse. Es liegt nahe anzunehmen, daß auch die tabischen Arthropathien durch Spirochäten veranlaßt werden können, wenn diese sich im Knochen und in den Gelenken ansiedeln. loh weiß nicht, ob Unter¬ suchungen in dieser Richtung angestellt worden sind. Autoreferat. Herr Maas (Schlußwort): Die Ansicht, daß die Arthropathien bei Tabes auf syphilitiBohe Prozesse zurüokzuführen seien, ist namentlich von Stargardt ver¬ treten worden. Auch wenn diese Anschauung zu Recht bestehen Bollte, so wäre nicht erklärt, warum die tabische Arthropathie bestimmte Gelenke, namentlich das Kniegelenk, besonders häufig befällt, während andere Gelenke, ,z. B. das Hand¬ gelenk, äußerst selten betroffen werden (Büdinger, Nonne, eigene Beobachtungen). Die von mir gezeigten Fälle machen es sehr wahrscheinlich, daß häufige Inan¬ spruchnahme bestimmter Gelenke, d. h. also mechanische Momente, für die Lokali¬ sation der tabischen Arthropathie von wesentlicher Bedeutung sind. Autoreferat. 3. Herr Krueger: Über die lokalisierten Muskelatrophien bei Tabes. Vortr. stellt einen 59jährigen Mann vor, der im Alter von 40 Jahren Lues ak¬ quirierte, seit 1903 tabische Erscheinungen zeigt, die sich langsam verstärkten, und der jetzt an ausgebildeter Tabes leidet Seit 1910 entwickelten sich bei dem Pat Atrophien mit entsprechenden Paresen, die zuerst die Muskulatur des rechten Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 538 Daumenballens und der radialen Interossealräume betrafen, dann auch die Munkeln des rechten Vorderarmes ergriffen und jetzt zu völliger Atrophie der Daumen¬ ballenmuskulatur geführt haben. Seit Juni 1914 ist daneben eine starke Atrophie des linken M. deltoideus, infraspinatus, biceps, brachialiß, brachio-radialis und supinator mit entsprechenden Paresen festzustellen. Die Sensibilitätsprüfung erwies grobe Herabsetzung der Empfindlichkeit für alle Qualitäten im Gebiete der Ulnar¬ teile der Hände und Vorderarme und der Innenfläche der Oberarme entsprechend dem 8. Zervikal- und den ersten beiden Dorsalsegmenten, daneben eine anästhe¬ tische und analgetische Rumpfzone, die links bis zum Nacken hinaufreichte. Die elektrische Prüfung ergab im Gebiete der linksseitigen Erb sehen Lähmung kom¬ plette Entartungsreaktion, an der rechten oberen Extremität nur völliges Er¬ loschensein der Erregbarkeit der Muskeln des Daumenballens, sonst normale Ver¬ hältnisse. Fibrilläres Zittern wurde in den atrophischen Muskeln nur im An¬ schluß an die elektrische Untersuchung beobachtet; außer typisch lanzinierenden Schmerzen in den Beinen fehlten jegliche Schmerzen, besonders auch in den von Atrophien befallenen Extremitäten. Vortr. referiert noch kurz über einen zweiten Fall, in dem sich bei einem Tabiker im Laufe von etwa 4 Jahren eine fast völlige Atrophie aller Muskeln der Arme, des Rückens, Nackens und der Brust herausgebildet hatte. In diesem Falle ergab die elektrische Untersuchung eine Mischung von quantitativen und qualitativen Störungen. Vortr. deutet kurz an, daß man in diesen Fällen die peripher-neuritische Genese, wie sie von D&j6rine vertreten wird, wohl ausschließen könne, daß auch ein Sitz des Krankheitsprozesses im Zentrainerrensystem unwahrscheinlich sei, und daß besonders mit Rücksicht auf den ausgesprochen radikulären Charakter der Atrophie wie der Sensibilitäts¬ störung im vorgestellten Falle ein Sitz der Erkrankung im Gebiete der Rücken¬ markswurzeln am wahrscheinlichsten sei. Autoreferat. Diskussion: Herr Kramer: Die Atrophien sind wohl nichts für Tabes Charak¬ teristisches, sondern eher eine direkte luetische Affektion. Anatomisch dürfte es Bich um eine Kompression der vorderen Wurzeln durch meningeale Prozesse handeln. Diese Fälle reagieren gewöhnlich nicht auf antiluetische Behandlung. Herr T. Cohn ist derselben Ansicht wie Herr Kramer, nur sah er solche Prozesse durch spezifische Behandlung oft wenigstens zum Stillstand kommen. Herr S. Kalischer betont, daß in derartigen Fällen oft heftige Schmerzen in denselben Gebieten bestehen, die duroh eine Erkrankung der entsprechenden hinteren Wurzeln zustande kommen. Herr Krueger (Schlußwort) stimmt mit Herrn Kramer bezüglich der Wahr¬ scheinlichkeit einer luetisch-meningitischen Genese der Atrophien in dem vor¬ gestellten Falle durchaus überein, im Gegensatz zu den Ansichten Lapinskys, Schaffers u. a., die eine primäre Erkrankung der Vorderhornzellen in den frag¬ lichen Fällen annehmen. Vortr. habe absichtlich mit Rücksicht auf die zur Ver¬ fügung stehende Zeit weitergehende Erörterungen dieser Frage unterlassen. Autoreferat. 4. Herr H. Oppenheim und Herr M. Borchardt: Der Mensch ohne Gands equina. Der Musketier K. erhielt am 22. VIII. 1914 bei Chatolet einen Gewehr¬ schuß; Einschuß in rechter Brustseite etwa in Höhe der 12. Rippe; Ausschuß in Höhe des linken Darmbeinkammes. Beide Beine waren sofort gelähmt und gefühllos. Nur in den beiden ersten Tagen mußte er katheterisiert werden, dann vermochte er den Urin stets spontan zu entleeren, wenn auch unter Pressen. Er entleerte ihn 3 bis 4mal am Tage, meist kam der Strahl schnell, er merkte auch, ob der Urin abging oder nicht. Er verspürte den Drang in normaler Weise, ebenso ging es mit dem Stuhl. Status 5. II. 1915: Wirbelsäule ohne Deformität Starke Druckempfindlicbkeit des 4. Lendenwirbels, dessen Processus transversus Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN Ö39 röntgenologisch verletzt ist. Kein Decubitus. Ausgebreitete zirkumanale und perineale Anästhesie. Analreflex fehlt. Atrophische Lähmung der Glutäalmuskeln, sowie der gesamten Muskulatur der unteren Extremitäten. Nur der linke Sartorius und die Adduktoren können noch ein wenig angespannt werden. Sehnenphänomene erloschen. Elektrische Erregbarkeit an den Beinen fast überall erloschen, nur der Sartorius reagiert noch auf starken faradischen Strom. Auoh im linken Peroneusgebiet noch Andeutung von Entartungsreaktion. Anästhesie an Unter¬ schenkeln, Füßen sowie im Gebiet der 3. und 4. Sakralis. Diagnose: Schu߬ verletzung der Cauda equina in der Höhe des 4. Lendenwirbels, schwere Ver¬ letzung, eventuell Zerreißung einzelner Wurzeln. Operation am 16. IV. 1915 (Prof. Borchardt). Im Bereich des 4. Lendenwirbels Kallusmassen. Dura lädiert, Abfluß von 1 Schnapsglas voll Liquor. Dann findet sich eine leere Höhle. Bei genauerem Zusehen in der linken vorderen Durawand eingebacken ein einziger dünner Nervenfaden; sonst nichts. Weithin nach oben und unteo keine Wurzeln zu sehen. Es wird versucht, den Faden herauszupräparieren. Am Tage nach der Operation mußte Pat katheterisiert werden. Dann aber vollzieht sich die Urinentleerung wieder spontan unter Pressen. Motilität und Sensibilität wie vor der Operation. An den Fersengegenden entwickelt sich ein leichter Decubitus. Von dem normalen Verhalten der Stuhlentleerung habe ich mich überzeugt. Er verspürt den Drang, entleert in normaler Weise, auch ohne Verzögerung, beschmutzt sich nicht, weiß, wann er fertig ist. Ähnlich mit der Urinentleerung, nur daß er dabei stärker drücken muß. Er hat noch nie kohabitiert Es kommt aber selten zu Erektionen und nokturnalen Pollutionen. (Es folgt die Demonstration des Kranken.) Die Bedeutung, die dieser Beobachtung zukommt, ist nicht zu verkennen. Es handelt sich um eine Caudaverletzung in ihrem oberen Abschnitt, die wir wohl einer Vernichtung der Cauda gleichsetzen dürfen. Der sonst von ihr eingenommene Raum des Canalis sacralis ist in eine leere Höhle verwandelt, nach oben und unten nichts von Wurzeln zu finden, nur im Gewebe der vorderen Durawand ein Faden eingewoben, der einer Wurzel zugehören dürfte. Es ist aber wohl nicht angängig, diesem noch eine Leitungsfähigkeit zuzuschreiben. Das Geschoß hat also die^gesamte Cauda zerrissen und verlagert, so daß die Stümpfe sich weit zurück¬ gezogen haben. Dieser Vernichtung entspricht dann auch die Aufhebung aller motorischen und sensiblen Funktionen der Lumboeakral wurzeln, etwa von der 3. oder 4. Lumbalis an. Im vollen Gegensatz dazu sind die Funktionen der Blase und des Mastdarms, anscheinend auch die der Genitalsphäre fast unversehrt. Nur die ersten beiden Tage muß Pat. katheterisiert. werden, dann regulieren sich diese Funktionen in nahezu normaler Weise. Sicher gilt das für die Stuhlentleerung, während das Urinieren etwas erschwert ist. Der Fall soheint also durchaus geeignet, die Lehre von L. R. Müller zu unterstützen, er zeigt, daß nach Ausschaltung der Cauda equina unter uns noch unbekannten Umständen die sympathischen Zentren die Funktion der Blasen- und Darmentleerung in einer nahezu der Norm ent¬ sprechenden Weise übernehmen können. Auf die Literatur der Frage wollen wir hier nicht eingehen. Sie ist ziemlich vollständig in der 6. Auflage meines Lehr¬ buchs der Nervenkrankheiten angeführt. Autoreferat Diskussion: Herr Bonhoeffer fragt, ob er recht verstanden habe, daß der Pat trotz fehlender Cauda den Vorgang der Stuhl- und Urinentleerung (Stuhl¬ durchtritt, Sphinkterschluß) fühle und ob die Möglichkeit ganz auszusohließen sei, daß es sich nicht um einen Verlust, sondern nur um eine Dislokation der Cauda- fasern im Narbengewebe handelte. Autoreferat Herr Oppenheim: Ich halte es für möglich, daß unter den vorliegenden Verhältnissen das Gefühl des Urin- und Stuhldrangs sowie die Empfindung der Darm¬ und Blasenkontraktion durch den Sympathicus vermittelt wird. Von einer ein¬ fachen Verdrängung der Cauda kann keine Rede seil*. Autoreferat Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 540 5. Herr H. Oppenheim und Herr M. Borchardt: Zur Medianuslähmung, ln unserer letzten Sitzung erwähnte ich gelegentlich der Diskussion zum Vortrag des Herrn Kramer, daß ich mehrere Fälle beobachtet hätte, in denen bei Schu߬ verletzung des Medianus am Unterarm im wesentlichen nur Sensibilitäts- störungen Vorlagen, während die Daumenballenmuskeln trotz Atrophie und partieller Entartungsreaktion mit nahezu völliger Kraft funktionierten. Ich verwies auf die Bernhardtsche Deutung dieser Erscheinung und erblickte den Wert unserer Beob¬ achtungen darin, daß hier durch die operative Freilegung der Beweis der Zer¬ reißung des Nerven und der starken Diastase geliefert war. Ferner teilte ich mit, daß es mir gelungen sei, vom N. ulnaris eine Opposition des Daumens zu erhalten. Ich hatte die Absicht, Ihnen das heute zu demonstrieren, fürchte aber, daß das nicht mehr in überzeugender Weise möglich ist. Krankenpfleger C., 20 Jahre. Im September 1914 im Felde Qlasscheibenverletzung an der Beugeseite des rechten Unterarms mit Blutvergiftung. Sofort Taubheitsgefühl an den drei ersten Fingern und leichte Beweglichkeitsbeschränkung. Befund: An der Grenze von mittlerem und unterem Drittel des Unterarms eine T-förmige Narbe. Sehr deutlich aus¬ gesprochen ist die Abgrenzung des Medianusgebiets durch stärkere Bötung der Haut. Berührungen werden am ganzen Daumenballen gefühlt, im übrigen Medianus¬ gebiet nicht, auch nicht an der Dorsalfläche der beiden Endphalangen des 2. und 3. Fingers, ebenso verhält sich das Schmerzgefühl. Die Motilität des Daumens er¬ halten, besonders gilt das auch für die Opposition. Indes wurde nicht festgestellt, ob alle Muskeln dabei in Aktion treten. Elektrisch: faradische und galvanische Erregbarkeit des N. medianus über dem Handgelenk erloschen. Die direkte fara¬ dische Erregbarkeit der opponierenden Muskeln des Daumenballens erhalten, aber galvanisch träge Zuckung, auch im Abduktor brevis. Diagnose: Stiohverletzung des N. medianus; keine Zerreißung. 20. IV. Operation (Prof. Borchardt): In¬ zision über dem Handgelenk, der Narbe entsprechend, etwas 12 cm nach aufwärts zu Narben eingebettete Sehne des M. palmariß longus gefunden und freipräpa¬ riert, mit ihr an der Unterseite verwachsen der periphere Stumpf des Medianus, der merkwürdigerweise vollkommen durchtrennt ist. Nach einigem Suchen wird das zentrale Ende oben gefunden, das etwa 4 bis 5 cm von dem peripheren entfernt liegt und zwar in ein dickes Neurom umgewandelt ist. Ein Zweifel an der völligen Durohtrennung des Nerven ist unmöglich. Ausschneiden des Neuroms, Anfrischung des peripheren Nervenstumpfs, bis überall die Querschnittszeichnung deutlich ist Exakte Nervennaht unter starker Spannung bei starker Volarflexion der Hand. 22. V. Motilität und Sensibilität wie vor der Operation. Bei der elektrischen Beizung des N. ulnaris über dem Handgelenk sieht man eine Opposition zustande kommen; aber sie ist unvollkommen. Weit deutlicher und kräftiger ist sie bei direkter faradischer Beizung, wenn es auch nicht sicher ist, ob es sich um den Opponens handelt In einem anderen von uns beobachteten Fall dieser Art betrug die Diastase mindestens 8cm. Der Versuch, durch die elektrische Beizung des N. ulnaris eine Opposition des Daumens bei zwei Patienten herbeizuführen, gelang nioht in überzeugender Weise. Autoreferat Diskussion: Herr T. Cohn: Im zweiten Falle fehlte die Drehung des Daumens, die übrige Wirkung kann aber durch die vom Ulnaris versorgten kleinen Hand¬ muskeln hervorgebracht werden. Die elektrische Beizung überzeugte Herrn C. nicht, dagegen stellte die willkürliche Bewegung in dem ersten Falle tatsächlich eine Opposition dar. Das ist natürlich bei einer Medianuslähmung sehr auffallend. Herr Kramer: Der tiefe Kopf des Flexor pollicis brevis wird immer vom Ulnaris versorgt So habe K. es auch in Lewandowskys Handbuch dargestellt. K. schließt sioh im übrigen völlig Herrn T. Cohns Auffassung an. Herr Oppenheim: Ich habe das ja auch selbst voraus betont, daß das keine vollkommene Opposition ist. Aber ich habe mich an diesen und anderen Fällen Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 541 überzengt, daß es nicht selten gelingt, daroh elektrische Beizung des N. ulnaris eine Wirkung auf Daumenballenmuskeln zu erreichen, die in der Regel vom Medianus innerviert werden (wobei natürlich von Stromschleifen abzusehen ist). Daß der tiefe Kopf des Flexor brevis vom N. ulnaris innerviert wird, scheint mir noch nicht allgemein anerkannt. Es ist weder in meinem Lehrbuch noch in der Monographie von ^Bernhardt erwähnt. Herr Kramer hat allerdings — wovon er mich noch m der Sitzung überzeugt hat — die Tatsache angeführt, aber er schreibt (S. 536) gerade die opponierende Wirkung dem vom N. medianus innervierten oberflächlichen Kopf zu, während er ausdrücklich erwähnt, daß der Adduktor und der tiefe Kopf des Flexor den Daumen aus der Oppositionsstellung zurückführen. Hier liegen also noch Unklarheiten und Widersprüche vor, und ich bin sicher, daß die Herren sich bei eigenen Studien davon über¬ zeugen werden, daß der Ulnaris in individuell wechselndem Grade an der Opposition des Daumens teilnimmt. Herr Oppenheim stellt dann noch einen dritten Fall von Medianusläh¬ mung vor. Reservist G., 26 Jahre. Am 30. XII. 1914 Verwundung durch Infanteriegeschoß an der rechten Schulter in der Axillargegend, danach Schwäche und Gefühllosigkeit der rechten Hand. Ostern Verbrennung am Ofen in der Gegend des Kleinfingerballens. Einschuß in der vorderen Axillarlinie, Ausschu߬ narbe 6 cm unterhalb der Mitte der rechten Spina Bcapulae. Unbedeutende Schmerzen. Atrophie der kleinen Handmuskeln. Streckung im Handgelenk schwach, Streckung der Finger fehlt in allen Gelenken. Beugung der Hand und Finger aufgehoben. Pronation erhalten. Anästhesie im Ulnarisgebiet und darüber hinausgreifend für Berührungen und Nadelstiche. Am Kleinfingerballen eine Ver¬ brennungsnarbe. Elektrisch: im N. ulnaris völlige Entartungsreaktion. Im Medianus ebenso, nur reagiert der M. pronator teres. Radialis: Erregbarkeit im Triceps, Sup. long. und Extensores carpi erhalten, sonst Entartungsreaktion. Diagnose: Schwere Schußverletzung des Plexus brachialis mit besonders schwerer Schädigung des N. ulnaris, der zerrissen sein kann. 7. V. Operation (Prof. Borohardt). N. medianus in Narbengewebe eingebettet, sieht sonst gut aus. Ulnaris mit Vene verwachsen, 8 / 4 seiner Fasern zerrissen, x / 4 erhalten. Exzision, dann Naht. Der gut aussehende Medianus wird längs inzidiert, da zeigt sich keine normale Zeichnung, sondern lange fibröse Narbe. Deshalb auch hier Quersektion, bis nor¬ male Zeiohnung sichtbar wird. Exakteste Nervennaht. 21. V. M. pronator teres reagiert bei direkter Reizung normal. Nicht vom N. medianus aus, auoh nicht vom N. rad. aus. Vom Erb sehen Punkte aus überwiegt die Bizepswirkung, man fühlt aber in der Gegend des Pronator teres eine deutliche Anspannung. Wir haben hier die, soviel mir bekannt, bislang nicht beobachtete Tatsache, daß der M. pro¬ nator teres nicht vom Medianus innerviert wird. Vielleicht ist es der N. musculo-outaneus, der ihn hier innerviert. Autoreferat. 6. Herr Henneberg: Erweichung des Sakralmarkes nach Schuß in die Brustwirbelsäule. Der Fall betrifft einen 33jährigen Webrmann, der am 4. Oktober 1914 in Frankreich verwundet wurde und am 5. April 1915, also nach 6 Monaten, hier im Elisabeth-KrankenhauB (Dr. Hennig) starb. Das Infanterie¬ geschoß hatte den rechten Arm oberhalb des Ellenbogens durchschlagen, war in der mittleren Axillarlinie zwisohen 6. und 7. Rippe eingedrungen und hatte deh Thocax durchquert. An der entsprechenden Stelle in gleicher Höhe fand sich links die Ausschußöffnung. Die Erscheinungen von seiten der Lunge waren ziemlich gering. Nach Lage des Schußkanals ist die Wirbelsäule getroffen oder gestreift. Eine Röntgenaufnahme ergab allerdings keine Knochenverletzung. Es ist also möglich, daß eine Zwischenwirbelscheibe getroffen wurde. Etwas näheres vermag ich über diesen Punkt nicht zu sagen, da bei der Sektion nichts an der Wirbel¬ säule gefunden wurde, allerdings wurde sie nicht herausgenommen und mazeriert. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 542 Ich habe nun an Skeletten und an Lebenden zu ermitteln gesucht, weloher Wirbel¬ körper nach Lage der Schußrichtung getroffen sein muß. Ich kam bald auf den 8., bald auf den 9. Wirbelkörper bzw. auf die dazwischenliegende oder auf die an¬ liegenden Bandscheiben. Die Differenz ist natürlich abhängig von dem Grade der Rippenneigung. Pat. hatte nach der Verletzung sofort eine totale schlaffe Paraplegie, Blasen- und Mastdarmlähmung, Areflexie und Anästhesie bis zur Nabel¬ höhe. Der Befund wies somit auf eine Läsion des 10. Dorsalsegmentes hin, das hinter dem 8. Wirbelkörper liegt. Während der klinischen Beobachtung rückte die Sensibilität8grenze allmählich nach unten trotz Verschlechterung des Allgemein¬ befindens durch Decubitus, Cystitis und Sepsis. In den letzten Monaten waren die Ausfallssymptome konstant. Die Sensibilitätsstörung betraf das 1. bis 5. Sakral¬ segment und das 5. Lumbalsegment. Auch die Motilität hatte sich etwas gebessert. Pat vermochte minimale Bewegungen im Quadriceps und in den Adduktoren aus- zuführen. Auch der Patellarreflex war andeutungsweise vorhanden. An den Unterschenkeln bestahd sehr starkes Ödem. Der Bauchdeckenreflex fehlte. Bei der Herausnahme des Rückenmarks fand sich keine Veränderung an der Wirbel¬ säule. Die Dura war völlig intakt, auch erschien bei oberflächlicher Betrachtung das Rückenmark normal. Erst beim Auseinanderlegen der Cauda equina zeigte sioh eine Verkleinerung und Erweichung des Conus terminalis und deB Epiconus. An einer kleinen Stelle an der ventralen Fläche des Rückenmarks war in der Höhe des unteren Sakralmarks die Dura leicht adhärent. Im Zervik&lmark findet sich eine hochgradige Degeneration des Gollschen Stranges, vorwiegend im dor¬ salen Abschnitt desselben. Im unteren Dorsalmark zeigt sich, abgesehen von der Degeneration im Hinterstrang, ein diffuser Faserausfall in den Vorderseitensträngen, nirgends herdförmige Veränderungen. Die Clarkeschen Säulen sind in ihren me¬ dialen und dorsalen Abschnitten stark gelichtet. Im oberen und mittleren Lum¬ balmark finden sich noch keine herdförmigen Veränderungen. Das Degenerations¬ bild in den Hintersträngen bietet keine Besonderheiten. Das dorsomediale Bündel ist sehr schwach entwickelt. Das Markfasernetz der Vorderhörner ist stark ge¬ lichtet, die Ganglienzellen sind aber zum großen Teil gut erhalten. Ein erheblicher Faserausfall findet sich in den Vorderseitensträngen. Sehr schwere Veränderungen finden sich im untersten Lumbal- und im ganzen Sakralmark. Der Markmantel 2eigt in Palpräparaten eine sehr weitgehende Abblassung. Immerhin ist das Gewebe der weißen Substanz weit besser erhalten als das der grauen. Die graue Substanz zeigt das Bild der Erweichung. Es finden sich zahllose Körnchenzellen, eingelagert in dem erhaltenen Gefäßnetz. Die Gefäße zeigen stark verdickte kernarme Wan¬ dungen. Auch die Hinterhörner sind in dieser Weise verändert. Ganglienzellen lassen sich in der grauen Substanz nicht aiiffinden. Es liegt somit das Bild einer schweren, abgelaufenen Poliomyelitis vor. Nirgends finden sich Blutungen oder Residuen von solchen, wie Pigmentkörnchenzellen. Es findet sich auch nirgends eine leukozytäre oder lymphozytäre Infiltration. Dagegen sieht man stellenweise eine sehr starke reaktive Gliazellwucherung. Die Dura zeigt an der Stelle, wo sie mit dem Rückenmark verklebt war, in ihren inneren Lamellen eine sehr starke Einlagerung von jungen Bindegewebszellen. Auch in der Umgebung der Nerven¬ wurzeln findet sich das Bild einer fibrösen Perineuritis. In den unteren Teilen des Conus sind die Veränderungen die gleichen, es finden sich fast keine Nerven¬ fasern, keine Ganglienzellen, dagegen sehr zahlreiche, noch mit Weigert färbbare Körnchenzellen. Der Fall ist zunächst dadurch von Interesse, daß er zeigt, daß die Läsion des Rückenmarks nicht der Stelle zu entsprechen braucht, die von dem Geschoß getroffen bzw. am meisten erschüttert worden ist. Eis kommen bei der Geschoßerschütterung der Wirbelsäule und des Rückenmarks offenbar mecha¬ nische Verhältnisse in Frage, die wir keineswegs zu übersehen vermögen, die vielleicht beeinflußt werden durch die Haltung, die der Getroffene in dem Moment Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 543 einnahm, als das Geschoß ihn erreichte. Ich habe in der Januarsitzung bereits darauf hingewiesen, daß es in anderen Fällen, abgesehen von der Hauptläsions- stelle, zu disseminierten Nekrosen im Rückenmark kommt, die weit von der Haupt¬ läsionsstelle entfernt sein können. Man wird somit wahrscheinlich Fälle beobachten können, die klinisch dem Bilde der disseminierten Myelitis nahe stehen. Der Fall ist weiter dadurch bemerkenswert, daß die graue Substanz im Sakralmark die schwersten Veränderungen aufweist, während der Markmantel, wenigstens im oberen Sakralmark, besser erhalten erscheint. Man wird daher damit rechnen müssen, daß gelegentlich durch Geschoßerschütterung der Wirbelsäule das Bild einer Poliomyelitis bedingt wird« Auch dieser Fall zeigt, daß bei der Kontusions¬ nekrose des Rückenmarks Blutungen keine Rolle zu spielen brauchen. Eis ist dies eine immerhin recht auffallende Erscheinung, da wir im Gehirngewebe traumatischen Nekrosen größeren Umfanges ohne Hämorrhagien nicht begegnen. Wahrscheinlich ist dieser Umstand in Zusammenhang zu bringen mit der Gefäß verqprgung des Rückenmarks. Etwas näheres über diese Dinge wissen wir nicht. Wir wissen auoh zur Zeit nooh nicht, wie die Kontusionsnekrose des Rückenmarks zustande kommt. Es ist leicht verständlich, daß durch eine hochgradige Erschütterung die hochdifferenzierten Gewebselemente, die Ganglienzellen und die Nervenfasern, ab¬ getötet werden. Eis ist aber nicht verständlich, wie es kommt, daß stellenweise, wie z. B. in dem von mir in der Januarsitzung demonstrierten Falle, das gesamte Gewebe, das heißt auch die Glia und die kleinen Gefäße, der Nekrose anheim¬ fallen. Zur Erklärung dieses Umstandes muß man noch einen besonderen Faktor annehmen. Ich habe bereits ausgeführt, daß es sich höchstwahrscheinlich um eine Störung der das Blut vorwärts bewegenden Kapillarfunktion handelt, die zur Stase führt. Unter dieser Annahme wird es leicht verständlich, daß wir bei der Kontusionsnekrose des Rückenmarks ganz die gleichen Bilder finden wie bei der akuten degenerativen Myelitis. Wir brauchen uns nur vorzustellen, daß das Bakterien¬ gift, das bei der Myelitis wirksam ist, die gleiche Störung der Kapillarfunktion bedingt wie der Erschütterungsreiz. Der Endeffekt der Störung der Blutzirkulation muß in beiden Fällen der gleiche, die Nekrose, sein. Autoreferat. Diskussion: Herr Schuster: Die Diskrepanz zwischen der Höhe des Elin¬ oder Ausschusses und der Höhe der Rückenmarksschädigung läßt sich in einer Reihe von Fällen dadurch erklären, daß durch den Ein- oder Ausschuß eine Rippe durohschlagen worden ist. Denn da die Rippen schief verlaufen, so kann durch Übertragung der Erschütterung von der Rippe auf die Wirbelsäule die Quer¬ schnittsläsion des Rückenmarks in einem anderen Niveau stattfinden, als der Elin¬ schuß oder der Ausschuß erfolgte. Daß in der Tat die Erschütterung, welche eine durchschossene Rippe erleidet, auf die Wirbelsäule bzw. das Rückenmark übertragen werden und hier zu Läsionen führen kann, habe ich an mehreren Fällen gesehen. Ich besitze die Röntgenbilder zweier Fälle von schweren Rückenmarks- läsionen, bei welchen die Wirbelsäule völlig normal ist, während eine bzw. zwei Rippen in etwa 5 bis 10 cm Entfernung von der Wirbelsäule durchschossen sind. Ich möchte Herrn Henneberg fragen, ob in seinem Falle Rippen durchschossen worden sind. Autoreferat. Herr Cassirer demonstriert Präparate folgenden Falles. Verletzung am 22. I. 1915. Gleichzeitig zwei Schüsse, einer den Hinterkopf streifend, der keine weiteren Symptome hervorgebracht hat, ein zweiter Einschuß rechts neben der Wirbelsäule in der Höbe der 7. Rippe. Das Geschoß liegt links von der Wirbelsäule in derselben Höhe und wird später exzidiert. Kein Bewußtseins- verlust; sofort völlige Lähmung der Beine. Untersuchung am 28. I. in der Kgl. Klinik. Völlige schlaffe Lähmung beider Beine, der Bauchdecken, der Brust¬ muskeln. Atmung nur durch Bauchfell und Hilfsmuskeln. Alle Reflexe (Sehnen¬ reflexe, Hautreflexe an den Beinen, Bauchreflexe) fehlen dauernd; völlige Blasen- Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 544 Mastdarmlähmung. Aufhebung aller Qualitäten der Sensibilität rechts bis zur Mamillarlinie, links bis zum unteren Band der 7. Rippe. Pupillen y Lidspalten gleich. Diagnose: Querschnittslähmung durch Schädigung des Rückenmarks bis zur Höhe von I>3* also weit über das Niveau der Einschußstelle hinaus, die etwa D 9 entsprechen würde. Keine Besserung; da mit der Möglichkeit einer kom¬ plizierenden Haemorrhagia meningealis gerechnet wird, trotz negativen Röntgen¬ bildes, das nur eine Fraktur in der 3. Rippe ergibt, am 15. II. Operation. Knochen in der Höhe des Schußkanals erweicht, gelblich verfärbt Dura in dieser Höhe rauh. Nach rechts mit dem Knochen verwachsen, unmittelbar darauf kleiner Knochensplitter, der entfernt wird. Verwachsungen gelöst. Das Mark erscheint unter der lebhaft pulsierenden Dura stark eingesunken. Duralsack nicht eröffnet Operationswunde heilt. Status nervosus dauernd unverändert. Exitus 11. III. Bei der Sektion Dura außer an der Operationsstelle, wo sie mit festen Auflage¬ rungen bedqckt ist, normal; keine Blutungen; Pia normal. Rückenmark im höchsten Maße erweicht. Trotz wochenlanger Härtung in Formol völlige Erweichung durch das ganze Lumbosakralmark bis in den Conus hinein, der blasig aufgetrieben ist, und nach oben bis zum 3. Dorsalsegment. Im ganzen unteren Dorsal- und oberen Lendenmark ist nur die meningeale Hülle stehengeblieben, so daß es nicht gelingt, irgendwelche Schnitte anzufertigen, von da aus nach unten und oben allmähliche Erholung; es findet sich in der meningealen Hülle, die von den relativ gut er¬ haltenen Wurzeln begleitet ist, ein Rest von nervösem Gewebe, in dem allmählich die einzelnen Bestandteile differenzierbar werden. Noch in D 2 zentrale nekrotische Herde, darüber hinaus aufsteigende Degeneration, nirgends stärkere Blutungen. Der Fall erweist die enorme KontusionsWirkung, die auch auf das Rückenmark auf weite Strecken hin durch Geschosse ausgeübt werden kann. Diagnostisch wichtig ist die Darlegung der Inkongruenz zwischen Schußkanal und Höhe der V erletzung. Autoreferat Herr Oppenheim erinnert daran, daß das Trauma nach bekannten Erfahrungen auch in der Ätiologie der akuten disseminierten Myeloencephalitis und multiplen Sklerose eine Rolle spielt. In einem mit Henneberg und Liepmann gemein¬ schaftlich beobachteten Falle sei die Frage ja auch diskutiert worden. Er Belbst habe (Zeitschr. f.ärztl. Fortb. 1915. H. 4) Fälle vorgestellt, in denen er die Diagnose: disseminierte Entzündungsherde nach Schußverletzung, stellen mußte. Autoreferat Herr Liepmann hält die traumatische Entstehung in dem von Herrn Oppen¬ heim erwähnten Fall für nicht sicher erwiesen. Herr Henneberg: Da die Rippen nioht getroffen waren, ist eine Fortleitung der Erschütterung durch die Rippen auf die Wirbelsäule und auf das Rücken¬ mark unwahrscheinlich. Ich nehme nicht an, daß durch die Erschütterung eine disseminierte Myelitis oder eine Sclerosis multiplex entstehen kann. Wohl aber glaube ich, daß eine multiple Nekrose das klinische Bild der genannten Affektionen bedingen kann. Autoreferat Herr Oppenheim: Die Grenze zwischen Nekrose, Malazie und Myelitis wurde von Henneberg selbst als eine fließende betrachtet. Autoreferat Zar gefälligen Beachtung. Während des Krieges bitten wir Originalarbeiten an Herrn Prof. Dr. Roth- mann, Berlin W., Motzstraße 89, Separatabdrücke, Referate und Autoreferate an Herrn Dr. Tobias, Berlin W., Am Karlsbad 2 zu senden. Es wird besonders um Einsendung von Kriegserfahrungen und Kriegsreferaten gebeten; sie werden wegen des aktuellen Interesses beschleunigt zum Abdruck gelangen. Verlag von Vm & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgkb & Wittio in Leipzig. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN Neurologisches Centralblatt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet von Prof. R MendeL Herausgegeben ▼Ott Dr. Kurt Mendel. Vierumldreißigster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nnmmern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie direkt von der Verlagsbuchhandlung. 1915. 1. August. Nr. 15. Inhalt. I. Originalmitteilungen. 1. Über Spätabszesse nach S<;hußverletzungen des Gehirns, von Prof. Dr. Otto Marburg und Prof. Dr. Egon Ranzi. 2. Über einige Beobach¬ tungen bei Schußverletzungen im Umkreis der Wirbelsäule und des Rückenmarks, von Dr. Artur Stern. 8 . Über Schußverletzungen der peripheren Nerven, von Prof. A. Bittorf. II. Referate. Allgemeines. 1. Zur Statistik der Nervenkrankheiten, von Fuchs. 2. Zur Schätzung der verflossenen Zeit und über ihre Rolle bei Aufnahme von Krankheits¬ geschichten, von Kollarlts. 3. Tuberkulose und Nervensystem, von Hezel. — Sprache 4. Das Valsalva-Morgagnisehe Gesetz. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der Aphasie, von. Ebstein. 5. Über einen im Anfänge des 18. Jahrhunderts von Dr. Peter Rommel klassisch beschriebenen Fall von transkortikaler motorischer Aphasie, von Gans. 6. t Ober Aphasie bei Japanern, von Asayama. 7. Über Wort Vorstellungen, von Heveroch. 8. Über den gegen¬ wärtigen Stand unserer Kenntnis der Aphasielehre, von Mingazzini. 9. Weitere Unter¬ suchungen über die motorischen Sprachbahnen, von Mingazzini. 10. Ein Beitrag zur Lehre von der Bedeutung der Insel für aie Sprache und der linken Hemisphäre für das links¬ seitige Tasten, von Goldstern. 11. Zur Frage der Rolle der linken Insula, von Benedeie und Zsakö. 12. Über einen Fall von sogen. Leitungsaphasie mit anatomischem Befund, von Liepmann und Pappenheim. 13. Über die Leitungsaphasie, von Stertz. 14. Un cas d’aphasie motrice par lesion du centre de Broca avec autopsie. Un cas d’agraphie. Un cas d’aphasie d’intonation. par van Gebuchten et van Gorp. 15. Über das motorische Sprechen samt einem Falle von motorischer Aphasie ohne Läsion der Rinde, von Travaglino. 16. A case of sub- cortical or pure raotor aphasia (Dejerine) or anarthria (Marie), by Dercum. 17. Ein Fall von transkortikaler motorischer Aphasie mit Lähmung und Lesestörung, von Finzi. 18. Über traumatische motorische Aphasie, von Romeick 19. Die klinische Stellung der amnestischen und transkortikalen motorischen Aphasie und die Bedeutung dieser Formen für die Lokal¬ diagnose, besonders von Hirntumoren, von Stertz. 20. Zur Lokalisation der Wortfindung bzw. der amnestischen Aphasie, von Pick. 21. Un cas d’aphasie complfcte avec h^mipl^gie droite par absc&s d’origine otique du lobe temporal gauche, par van Gehuchten et Goris. 22. Ein Fall von partieller Seelenblindheit, optischer Aphasie und Alexie. von Herzog. 23. Über die Assoziationsprtifung bei Kindern nebst einem Beitrag zur Frage der Wort¬ blindbeit, von Vos*. 24. Perseveration und andere Mechanismen als Ursache agrammatischer Erscheinungen nebst Bemerkungen über die Beziehungen des „Verschreibens“ zum „Ver¬ sprechen“, von Pick. 25. Sur certains troubles psychiques observes dans l’aphasie, par Davidenkof. 26. Mirror writing and other associated movements occuring without palsy, by Burr and Crow. 27. Kasuistik, a) Ein Fall von linksseitiger Hemiplegie mit leichten Schreibstörungen der rechten Hand bei einem Linkshänder; b) Muskelwogen in einem hypertrophischen Triceps surae und Abductor hallucis bei einem neurotisch Deprimierten; c) Meningomyelitis mit Spondylosis luetica cervicalis bei einem Patienten mit leichter Distematomyelie. unter dem Bilde einer progressiven spinalen Muskelatropbie; d) Ein Fall von infantiler Pseudobulbärparalyse, von Gans. 28. Die Komponenten des musikalischen Leistungsvermögens, von Alt. 29. Bemerkungen zu v Monakows Kapitel „Die Lokalisation der Apraxie“, in seinem Buch: Die Lokalisation im Großhirn, von Liepmann. 30. Un cas d’agenesie partielle du corps calleux, par Roubinowitsch et Barde. 31. Zwei Fälle von Ver¬ blödung im späteren Säuglingsalter mit vorübergehenden Halbseitenerscheinungen (Apraxie einer Hand), von Tergast. 32. Expression simultanee d’ömotions differentes sur les deux xxxiv. 35 Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 546 moitils da visage (diplomimique), par Regnault. 33. Observations on the preferential ase of the right and the left hanus by moDkeys, by Franz. 34. Die Asymbolien, von Moehi. 35. Über das Wesen des Stotterns, von Frischeis. 36. Stottern und Nystagmus, von Fröschels. 37. Ein Beitrag zur Kasuistik des Stotterns, von Tit us. — Tetanus. 38. Zur Magnesium¬ behandlung des Tetanus, von Strohmeyer. 39. Zur Serumprophylaxe bei Tetanus traumaticus, von Dubs. 40. Über die Behandlung des Tetanus mit subkutanen Injektionen von Magnesium sulfuricum, von Reingruber. 41. Tetanusinfektion einer Fremdkörperstichverletzung der Orbita mit Zurückbleiben des Fremdkörpers ohne Ausbruch des Tetanus, von NUremann. 42. Glyzerin¬ phosphorsaures Magnesium (Merck) als Ersatz für Magnesiumsulfat bei der Behandlung des Tetanus, von Zueizer. 43. Über die „Fibrillentheorie“ und andere Fragen der Toxin- und Anti¬ toxinwanderung beim Tetanus, von Aschoff und Robertson. 44. Serumexanthem mit Grün¬ sehen nach Einspritzung von Tetanusantitoxin, von Catlomon. — Psychologie. 45. Leit¬ faden der physiologischen Psychologie in 16 Vorlesungen, von Ziehen. 46. Fortschritte der Psychologie und ihrer Anwendungen. Bd. II. H. 4. 47. Der psychologische Ursprung der Stotterns, von Aronsohn. 48. Der Traum ein assoziativer Kurzschluß, von Henning. 49. Zur Psychologie konträrer Strebungen, von Horstmann. 50. Unsere heutige Kenntnis der sogen. Doppelempfindungen, von Hilbert. 51. Die Frau als Klientin, von Horch. — Kriegsbeob¬ achtungen. 52. Über die traumatischen Lähmungen des N. radialis und ihre Behandlung, von Volp. — Psychiatrie. 53 Leitfaden zum Unterricht für das Pflegepersonal an öffent¬ lichen Irrenanstalten, von Schlöss. 54. Über weibliche Pflege auf der Männerabteilung* der Kgl. Sachs. Heil- und Pflegeanstalt Zschadraß bei Colditz, von Hösel. 55. Die neuen Aufnahms- gebäude der Anstalt Leipzig-Dösen, von Müller. 56. Elementi di assistenza e tecnica manico- miale ad uso degli infermieri, per Bianchini. 57. Frühe Entlassungen, von Bleuler. 58. Überdas numerische Verhältnis der Ärzte und Pflegepersonen in den öffentlichen und privaten Heil- und Pflegeanstalten für Geisteskranke zur Anzahl der Kranken, von Schlöss. 59. Die soziale Stellung der Anstaltsärzte, von van Deventer. 60. Über die Notwendigkeit psychiatrischer Fortbildungskurse für Kreisärzte, von Kluge. 61. Über Prosekturen in den Irrenanstalten, von Weygandt. 62. Die zahnärztliche Behandlung in Irrenanstalten, von KOhns. 63. Jugend- ^ e in Heilanstalten, von Flister. 64. Über familiäre Irrenpflege, von Stamm. 65. Die .ndlung der Erregungszustände in der Anstalt, von Weber. 66. Über die Maßregeln gegen Bazillenträger in den Anstalten für Geisteskranke, von Schultz. t>7. Heredität und physische Entartung bei Geisteskranken und geistig Gesunden, von Scholomowltsch. 68. Er¬ gebnisse der Abderhalden-Methode für die Psychiatrie, von Nieszytka. 69. Zur Frage der Geschlechtsspezifität der Abderhalden sehen Abwehrfermente und über die Beeinflussung der Abbauvorgänge durch Narkotika, von Wegener. 70. Die Anwendung des Abderbalden- schen Dialysierverfahrens auf psychiatrischem und neurologischem Gebiet, von Dimitz und Fries« 71. Von den Halluzinationen, von Schröder. 72. Die Beziehungen zwischen körper¬ lichen Erkrankungen und Geistesstörungen, von Enge. — Therapie. 73. Über Nervagenin, ein neues Baldrianpräparat, von Friedländer. 74. Mekonal ein Schlafmittel, von Schmidt. 75. Foligan „Henning“, „ein neues pflanzliches Sedativum, von Rose. 76. Erfahrungen mit Adalin, von Golm. 77. Über die Fortschritte der Elektrotherapie, von Tobias. 78. Farado- palpation; Arsofaradisation, von Kahane. III. Aus den Gesellschaften. Kriegsärztlicher Demonstrationsabend in der Nervenheil¬ anstalt von San.-Rat Dr. K. Edel in Charlottenburg. IV. Berichtigung. I. Originalmitteilungen. [Aus der I. Chirurg. Universitätsklinik des Prof. Dr. A. Freiherrn von Eiselsberg.] 1. Über Spätabszesse nach Schußverletzungen des Gehirns. Von Prof. Dr. Otto Marburg und Prof. Dr. Egon Ranzi. Von den der Klinik in dem ersten Halbjahr des Krieges in recht großer Anzahl eiugelieferten Schädelschüssen wurden 62 an der Klinik selbst operiert, während eine nicht unbeträchtliche Zahl bereits an anderen Orten operiert, der Klinik zur Nachbehandlung überwiesen wurde. Unter den 62 operierten Fällen (mit 23 Todesfällen) konnte 42 mal bei der Operation Abszeß naebgewiesen werden. Von diesen starben 22 im Anschluß au die Operation meist in den ersten Wochen nach derselben. Immerhin hatten wir doch eine beträchtliche Digitized by Gougle Original from UNIVERSiTY OF MICHJGAN 547 Anzahl Kranker, die sich im Anschluß an die Operation wohl befanden, bei denen die klinischen Erscheinungen schwanden und die nach Monaten als ge¬ heilt zu bezeichnen waren. Bei einer Reihe dieser Fälle nun entwickelte sich anscheinend aus völligem Wohlsein ein Krankheitsprozeß, der trotz aller angewandter Mittel in wenigen Tagen zum Tode führte. Am besten werden einige Beispiele das Ganze illu¬ strieren : G. P., 22'Jahre alter Infanterist, war am 23. XI. 1914 verwandet worden (rechte Stirngegend). Am 30. XI. Operation — Stirnhirnabszeß, der bakterio- logisoh ein Bakteriengemenge enthält. Vor Weihnachten bereits vollständig ge¬ heilt. Am 13. V. 1915 erkrankte er auB völligem Wohlsein mit Kopfschmerzen und einer leiohten Temperatursteigerung, in den nächsten Tagen Erbrechen, die Tem¬ peratur nimmt zu. Es zeigt sich eine leichte Angina. Am 22. V. Erscheinungen meningealer Reizung. Am 26. V. vollständig entfiebert, klar, verlangt nach Essen. Dies alles nach Nasenbluten. Am 26. V. leichte Benommenheit, Nackensteifigkeit, Kernig, keine Hirnnervenlähmung. Eine Spinalpunktion ergibt intrazellulär gelegene Diplo¬ kokken. Am 27. V. Pneumonie, die meningealen Symptome deutlicher ausgeprägt. Am 29. V. Exitus. Eine durch die Narbe vorgenommene Punktion war ergebnislos geblieben. Die Obduktion ergab nun eine Diplokokkenmeningitis und in der Tiefe der Narbe des Stirnhirns einen kleinkirschgroßen, mit dicken Wandungen versehenen Abszeß, der makroskopisch wohl keine Beziehungen zu den Ventrikeln hat. Die¬ selben müssen aber wohl bestehen, weil ein Pyozephalus vorhanden ist. Ein zweiter Fall (D. S.) wird am 13. XI. 1914 der Klinik bereits operiert eingeliefert. Der Prolaps bessert sich und heilt schließlich aus. Er hat allerdings seltene Jackson-Epilepsieanfälle auch nach der Abheilung des Prolapses. Am 8. V. 1915 wurde er von dem Filialspital der Klinik wieder überwiesen, weil er seit einigen Tagen fiebert. Es zeigt sich ein ausgesprochen meningeales Bild; die Spinalpunktion ergibt trüben Liquor. Am 9. V. freier, am 10. V. ist die Nacken- starre geschwunden, Kernig nur angedeutet. An der Prolapsstelle deutliches Pulsieren des Gehirns. Da wiederum am 12 V. ein epileptische* Anfall und sohwere menin- geale Erscheinungen auftreten, so wird eine Punktion und Inzision des Prolapses vorgenommen, wobei dicker, rahmiger Eiter entleert wird. Exitus am Abend. Es findet sioh bei der Sektion ein kleinnußgroßer, alter Abszeß in der Tiefe des Prolapses, beiderseitiger Pyozephalus, eine alte Erweichung in der Nähe des Prolapses und eine ältere, fibrinös-eitrige Leptomeningitis über dem Hirnstamm. Ein am 19. XII. 1914 eingelieferter Patient (K. T.), gleichfalls im Felde operiert, mit mächtigem Prolaps, ist Mitte Januar soweit hergestellt, daß er lokal als geheilt bezeichnet werden kann. Eine rechtsseitige Hemiplegie bildet sich vorläufig vollkommen zurück, die Aphasie desgleichen. Er hat nur einmal einen epileptischen Anfall. Da bei dem Patienten ein eingebrochener Knochen gegen die Haut heraussteht, so wird er am 14. V. 1915 operiert, um diesen Knochen abzumeißeln. Deckung des Defektes durch freie Transplantation aus der Tibia. Schon am 15. V. meningeale Symptome, die am 26. V. nach Eröffnung der Nähte der Wunde und Entfernung des Knoohens nahezu verschwunden sind. Am 6. VI. plötzlich wieder zunehmende meningeale Erscheinungen. Am 8. VI. plötzlich Exitus. Auch hier war, wie die Obduktion zeigte, in der Tiefe des Prolapses ein kleiner Abszeß, beiderseitig Pyozephalus und Meningitis. Noch länger bis zum Manifestwerden dieses Abszesses dauerte es bei einem russischen Kriegsgefangenen (M. G.), der bereits am 29. IX. 1914 operiert mit 85* Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 548 Segmentalschuß der Klinik überwiesen wurde (komplette Aphasie, rechtsseitige Hemiplegie; und bei dem am l.X. 1914 eine ausgedehnte Trepanation wegen starker Eiterung an der debridierten Schußöffnung nötig war. Schon Mitte Oktober beginnt der Kranke zu sprechen, er lernt lesen, fängt an herumzugehen und befindet sich bis zum 4. VI. 1915 vollständig normal. Am 9. VL beginnt er leicht zu fiebern, klagt über Kopfschmerzen, erbricht am 12. VI., die Temperatur steigt, er wird am 13. VI. ans dem Filialspital wieder an die Klinik transferiert, hat hier ein typisches meningeales Bild. Spinalpunktion ergibt dicken, rahmigen Eiter, Punktion und Inzision durch die Narbe desgleichen. Exitus an demselben Tage. Die Obduktion zeigt auch hier einen Abszeß in der Tiefe mit Durchbruch in den Ventrikel, Pyozephalus und frische Meningitis. In diesem Falle erscheint besonders auffallend, daß der Patient ante exitum relativ guten Puls bot und die Atmung durch 10 Stunden lang aussetzte und künstlich erhalten wurde, wobei der Puls in seiner Qualität sich eigentlich wenig änderte. Von Interesse erscheint auch ein am 10. XI. 1914 eingelieferter Patient (H. T.), der bereits Mitte September einen Schädelschuß erlitten hatte und Ende September oder Anfang Oktober in Krakau operiert wurde. Er mußte am 13. XI. 1914 neuerlich operiert werden, weil sich die Erscheinungen eines Abszesses zeigten. Letzterer wurde tatsächlich entsprechend dem Elinschuß gefunden. Der Einschuß lag am Scheitelbein, der Ausschuß okzipital; an dieser zweiten Stelle fand sich jedoch nichts. Der Kranke erholte sich allmählich, war aber von Zeit zu Zeit etwas somnolent, klagte über Kopfschmerzen, hatte gelegentlich Erbrechen und eine von Anfang an bestandene Stauuungspapille zeigte gleichfalls wechselnde Schwellungserscheinungen. Gegen Ende Januar 1915 werden die Lähmungs¬ erscheinungen stärker, am 3. II. ein schwerer Jackson-Anfall, der sich wiederholt und im Anfall zum Exitus führt. Es zeigt sich bei der Sektion, daß zwischen dem ersten und zweiten Defekt, die ungefähr 12 cm auseinander lagen, im Be¬ reich des Schußkan&ls ein alter Abszeß bestand. Ein interessanter Fall wurde von einem von uns in einem anderen Spital beobachtet. Hier war das Intervall zwischen der ersten Operation mit nach¬ folgender absoluter Heilung und Auftreten meningealer Symptome ungefähr 5 Monate. Die meningealei\ Symptome verbanden sich hier jedoch mit einer Ver¬ stärkung der vordem bestandenen Lähmungserscheinungen. Wir fassen diese Fälle unter dem Begriff des Spätabszesses zusammen. Klinisch charakterisieren sie sich dadurch, daß die durch das Trauma bedingten Erscheinungen sich ganz oder teilweise zurückbilden und nach einem bald längeren, bald kürzeren freien Intervall plötzlich zerebrale Erscheinungen auftreten. Anatomisch finden wir in solchen Fällen abgekapselte Abszesse, welche lange Zeit latent bleiben und ohne jeden ersichtlichen Grund sich plötzlich manifestieren. Die Zeit, in welcher sich die Spätabszesse klinisch bemerkbar machen, ist gewöhnlich mehrere Monate (4 bis 5) nach der ersten Operation bzw. Verletzung. In einem unserer Fälle war das Intervall mehr als 8 Monate. Das gilt für die reinen Fälle von Spätabszeß, denn der eine Fall, bei dem sich der Abszeß in der Mitte des Schußkanals entwickelt hat (T.), kann nicht recht hierher gezählt werden, da er eigentlich kontinuierliche Erscheinungen bot. Hier war das Inter¬ vall wesentlich geringer. Die Symptomatologie des Spätabszesses ist ganz eindeutig. Unter Temperatur¬ anstieg machen sich plötzlich Allgemeinsymptome bemerkbar (Kopfschmerz, Er- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 549 brechen), an die sich schon in den ersten 24 Standen meningeale Reizerechei¬ nungen anschließen. Es sind immer die Erscheinungen der beginnenden Meningitis: Nackensteifigkeit, Kernig, allgemeine Prostration bei wechselndem SenBorium und meist akzeptiertem, dem Fieber entsprechendem Puls. Lähmungen irgendwelcher HimuerFeu, durch die Meningitis bedingt, werden vermißt. Von besonderer Bedeutung erscheint der rasche Exitus, der übrigens aus dem ana¬ tomischen Befund zur Genüge erklärt ist, wie gleich gezeigt werden soll. Eiu zweites Moment, das allerdings nicht immer deutlich hervortritt, ist das Stärker- werden der bestandenen Lokalsymptome, also einer Hemiplegie, einer Aphasie oder ähnlichem. Es erscheint von Bedeutung, daß Jackson-Anfälle nur in zwei Fällen bestanden, in dem einen von Beginn seiner Aufnahme, in dem anderen ein einziges Mal auftraten, so daß sie als Zeichen eines progressiven Hirn¬ prozesses keineswegs gedeutet werden konnte. Auffällig ist auch das Remissieren im Prozeß, das sich schwer erklären läßt. Wenu also bei einem Sohädelschuß mit Hirnverletzung, sei er noch so erfolgreich operiert, einige Zeit nach dem Eingriff unter Temperatursteigerung meningeale Symptome einsetzen und die Lokalsymptome eine leichte Verstärkung erfahren, so haben wir das Recht, einen Spätabszeß anzunehmen. Woher stammen nun diese Symptome? Offenbar von der Propagation des Eitere in die Meningen. Der Weg ist sehr einfach. Der oft nur kleine Abszeß steht durch eine häufig kaum merkbare Lücke mit den Ventrikeln in Verbindung. Es tritt ein Pyozephalus auf; der Eiter ergießt sich dann durch das Foramen Magendi zunächst in die Meningen des Hirnstammes und von da auf die Hemi¬ sphären. Am meisten findet sich der Eiter in der hinteren Arachnoidealzysterne, und so erklärt sich wohl auch durch die enge Mitbeteiligung des 4. Ventrikels der rasche Exitus. Es zeigt sich also dann durch diesen Befund, daß, wenn der Spätabszeß Erscheinungen hervorruft, es bereits für den therapeutischen Eingriff häufig zu spät ist. Die Spinalpunktion ergab in diesen Fällen die Meningitis, die bei der Obduktion meist als ganz rezente befunden wurde. Der gleioh vorgenommene Eingriff gestattete wohl eine Eröffnung des Abszesses nach außen, war aber meist nicht mehr imstande, dem Pyozephalus und der Meningitis wirksam entgegenzutreten. Daß man durch einen frühzeitigen Eingriff in solohen Fällen auch Heilung herbeiführen kann, zeigt folgende Beobachtung: Ein am 11. X. 1914 verwundeter Fähnrich J. H. (Tangentialschuß) wurde 2 Tage spater in der Dirisions-S&nitätaanstalt debridiert und kam wohlauf am 2&.X mit in Heilung begriffener Wunde nach Wien. Dann änderte Bich sein Zustand. Er wurde moros, zeigte Hirndruckerscheinungen, eine rechtsseitige Parese und eine motorische Aphasie. Am nächsten Tage Zunahme der Erscheinungen. Eine noch an demselben Tage vorgenommene Inzision ergab in der Mitte des Knochen- defektes im Gehirn einen ziemlich ausgedehnten Abszeß (Staphylokokken), der sehr tief hineinreichte. Nach dem Eingriff Besserung, eiu Monat später die klinischen Symptome so wesentlich gebessert, daß nur kleine Reste mehr vorhanden Bind. Ein weiterer, hierher gehöriger Fall betraf einen Zivilpatienten der Klinik: J. H., 10 Jahre alt, erlitt anfangs September einen Hufschlag gegen die rechte Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 550 Stirnseite. Die daselbst befindliche Wände wurde vom Arzt vernäht, ging später wieder auf und heilte per granulationem. Einige Wochen nach der Verletzung vollkommen wohl. Später traten Kopfschmerzen und Erbrechen auf, welche Sym- ptome immer mehr Zunahmen und endlich die Eltern veranlaßten, das Kind auf die Klinik von Pirquet zu bringen, von wo es behufs Operation auf die I. Chirurg. Klinik transferiert wurde. Die folgenden Symptome machten die Annahme eines rechten Stirnhirnabszesses wahrscheinlich: Klopfempfindlichkeit des rechten Stirn- beins, leiohte Fazialisparese, Lähmung des rechten Olfactorius, Romberg stark positiv. Patient fällt nach rückwärts und rechts, keine Ataxie der oberen Extre¬ mitäten, keine Temperatursteigerung. Am Röntgenbild Fraktur des rechten Stirn¬ beines mit Defektbildung. 17. X. 1914 Inzision eines großen Abszesses (Strepto¬ kokken), der weit nach hinten reicht und vermutlich mit einem Pyozephalus zu¬ sammenhängt. Im Wundverlauf bildete sich ein Prolaps aus, der auf Schwamm¬ kompression zurüokging. Nach 8 Wochen geheilt. Es zeigen diese Beobachtungen, daß man bei Abszessen, die sekundär nach Verletzung oder Operation entstehen, durch einen relativ frühen Eingriff die Propagation verbäten kann. Jedenfalls ergibt sich das eine, daß jeder Sohädel- verletzte durch viele Monate in Beobachtung bleiben muß, und daß bei den ersten Zeichen zerebraler Reizung und leichter Temperatursteigerung sofort die Punktion der Narbe vorzunehmen ist Ergibt diese Eiter, dann kann nur eine breite Inzision und Dauerdrainage von Vorteil sein. [Aus dem Kriegslazarett IV in Br. (Chefarzt: Oberstabsarzt Prof. Dr. Lbnzmamm).] 2. Ober einige Beobachtungen bei Schußverletzungen im Umkreis der Wirbelsäule und des Rückenmarks. Von Dr. Artur Stern. Obwohl in dem reichhaltigen kriegsneurologischen Material, das mir seit meiner Tätigkeit in Br. zur Verfügung steht, aus äußeren Gründen die Ver¬ letzungen des Rückenmarks bzw. der Wirbelsäule eine geringe Rolle gespielt haben im Verhältnis zu denen des Schädels, der peripheren Nerven, habe ich u. a. doch einige Beobachtungen machen können, die mir der Mitteilung wert erscheinen. Zunächst die Krankengeschichte einer typisch Browu-Sequardschen Lähmung mit interessantem Röntgenbefund 1 : Der 24jährige Ers.-Res. Sch. wurde am 26. X. 1914 in Belgien verwundet, am 5 XI. in das hiesige Lazarett aufgenommen. Der Befund ergab 1. eine große Einschußwunde der linken Hüftgegend, im Röntgenbild ein freies Infanteriegeschoß im Becken, 2. eine schwere Verletzung der linken Schulter mit freiliegendem Humeruskopf in der Wunde. Diese letztere Wunde, die nach der Wirbelsäule zu unter der Rückenhaut in horizontaler Richtung eine Tasche bildete, ist auch jetzt noch Gegenstand chirurgischer Behandlung. Eis bestand im Anfang hohes Fieber, Decubitus des Kreuzbeins, Lähmung des linken Beines. Stuhl- und Drin¬ verhältnisse normal. 1 Das Krankenmaterial entstammt zum Teil selbstbeobachteten Fällen, zum Teil ver¬ danke ich es der ohirargisohen Abteilung des Lazaretts. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 551 Bei der neurologischen Untersuchung am 5.1. 1915 konnte ich folgenden Befund erheben: Es besteht eine schwere Parese im ganzen linken Bein von spastischem Charakter mit gesteigertem Patellarreflex, Fußklonus, Babinski Oppenheim +, Ros8olimo +• Geringe Parese auch in den distalen Partien der rechten unteren Extremität mit Fußklonus, unbestimmtem Zehenreflex. Bauchreflexe fehlen beider¬ seits (bei etwas aufgetriebenem Abdomen). Funktion der Bauchpresse beider- Fig. 1. seits gleich gut. Die oberen Extremitäten, auch die linke (soweit Verwundung, Verband des linken Armes eine Prüfung gestatteten), waren frei von Störungen der Motilität und Sensibilität. Eine spätere eingehendere Untersuchung des linken Armes ergab hier 1. geringe Störungen, 2. leichte (und inkonstante) Hypästhesie an der Ulnarseite des Unterarmes, eine leichte Atrophie der kleinen Handmuskeln (ohne wesentliche Funktionsstörungen) und geringfügige elektrische Störungen (im Daumenballen überwiegt bei leioht träger Zuckung An > Ka). Ferner: die linke Pupille und Lidspalte sind eine Spur enger als rechts. Der Befund bleibt kon¬ tant im weiteren Verlauf. In der ganzen rechten Körperseite bis hinauf zur Difitized by Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 3. Rippe (s. Fig. 11 h&rteht. eine ausgesprochene Hypalgeöio und Therm&nägthe*ie (speziell fite kalt). TMb Lbge^etlihi fehlt in der linken großen 2eh«v hl rechts vorlmnäeir Oh^btiib der ^oid^ti$ihen:'.%-e026 an der dritten reeh^e Rrppe be¬ zieht din« hypevÄtgetischö Zqw* Die Diagnose lautete demnach auf eipe Halb* seiteuUwJon des RU&kenmaTk«?, ln der Höhe der obersten Dorsalsegmente^ offenbar Recht* Zusammenhang mit der oberen Schtdte/sehußverietEung* Die Dornfortsätze des am] 2 r Bntstwiibeh- waren drtvck?mp&mTHch r Die/Eäbfgenaufo^hme (s* .Fig- 2) tet~? eine Ausgezeichnete Ergänzung dear k}mMan siebteswischen i 1. tind % Brustwirbel vo® links her einen linregejmÄiJig gestalteten länglicher! woiiUiI gestellten' ÖrauatepUUer,-. der fast ha&rechaif mit der ab- i&idet. teider gelang lj@fi dem hioJaUtgen * * : • * ■ •• ♦ * Diqitized 553 Patienten nioht, wir konnten nur in der Durchleuchtung auf dem Schirm bei Drehung feststellen, daß das Geschoß jedenfalls dorsal vom Wirbelkörper sitzt. Ob aber im Wirbelkanal (in Übereinstimmung mit dem klinischen Befund) oder noch weiter dorsal, ließ sich nicht eruieren. Die weitere Beobachtung ergab keine wesentlichen Veränderungen des Nervenbefundes, nur die Parese im linken Bein besserte sich. Der Bauchreflex ist jetzt rechts +, links —. Die Sensibilitäts- Verhältnisse unverändert. Es ist zu bemerken, daß Patient während der ganzen Erankheitsdauer weder über Schmerzen im linken Bein, noch solohe radikulären Charakters, nur über Unbehagen in der Wirbelsäule beim Sitzen geklagt hat. Die Frage einer operativen Entfernung des Granatsplitters kam bisher wegen der ungünstigen Wund Verhältnisse an der linken Schulter noch nicht in Betracht. (Patient wurde vor kurzem in die Heimat überführt.) Das Interesse des Falles liegt in der fast reinen Ausprägung eines Brown- Sdqoardschen Symptomenkomplexes (die geringen spastischen Erscheinungen am rechten Fuß sind als Nachbarsohaftssymptome von der rechten Rückenmarks- hälfte unschwer zu erklären) in Verbindung mit der röntgenologisch fast rein halbseitigen Lage des Geschoßsplitters. Ein Beweis dafür, daß das Geschoß auch anatomisch das Rückenmark rein halbseitig lädiert hat, läßt sich freilich nicht erbringen, auch durch das Röntgenbild nicht erhärten, obwohl es sehr wahrscheinlich ist. Auffallend ist bei der Lage des Geschosses (Nähe der austretenden Wurzeln) das Fehlen von Schmerzen. Die Beteiligung der okulopupillären Fasern des linken Halssympathicus ist unschwer auf eine Läsion der 1. linken Dorsalwurzel zu beziehen, die ja zwischen dem 1. und 2. Dorsalwirbel (dem Sitz des Ge¬ schosses) das Rückenmark verläßt Dem würden auch die leichten Störungen an der linken Hand entsprechen, die etwa auf D t zu beziehen sind. Die be¬ troffene Segmenthöhe im Rückenmark müßte (nach Lage des Geschosses im Röntgenbild) etwa dem 2. bis 3. Dorsalsegment entsprechen. Nun reicht aber die kontralaterale Analgesie und Thermanästhesie bis etwa zum 3. Dorsalsegment, also etwas höher, als nach den sonstigen Erfahrungen bei Tumoren z. B. dem Sitze des Geschosses nach zu errechnen wäre. 1 Das kann aber auf Veränderungen beruhen, die in dem Bezirk oberhalb des Geschosses im Rückenmark (Blutung, Nekrose, Liquorstauung?) aufgetreten sein könnten. Daß uns der Brown-Söquardsche Symptomenkomplex bei den Schu߬ verletzungen der Wirbelsäule in mannigfacher Ausbildung begegnet, darauf wurde bereits von verschiedenen Autoren (Oppenheim, Schosteb, E. Redlich u. a.) hingewiesen, auch auf die Tatsache, daß ohne nachweisliche Verletzung der Wirbelsäule durch eine bloße Kontusion Erscheinungen von seiten des Rücken¬ marks, selbst totale Querschnittslähmungen, bei intakter Dura auftreten können, die auf örtliche Blutungen, akute Degeneration, Nekrose zu beziehen sind. 2 Ich sah u. a. einen Fall, wo das Geschoß (Schrapnellkugel) im Röntgenbild links 1 Nach diesen Erfahrungen würde einer Läsion im 2. bis 3. Dorsalsegment eine oberste Sensibilitätsgrenze von etwa D 4 and D t entsprechen. * Vgl. Diskussion der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Sitzung vom 11. Januar 1915. Neurolog. Centralbl. 1915. S. 136. Digitizer! by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 554 ip|Jp ■ V r <5 V'V' r % • WM ' 4 Mmi seitlich von der Halswirbelsätüe saß und. klinisch ein BrowmSequard der linken Seite gerade eben; äagedeütet msi geringe atrophische P&rese im Gebvet w®. C g und Dp lihksv Erhobnßg der Sehnenphänomene am liaken ofid Hjpalgesie am rechte» Bern, dabei viel Schmerzen im liuVeu Bein. Die Läsion der okulopupillären Fasern im Balssyu^thteü*' öSfe Uib' ^r. außer in 'dem oben beschriebenen Pali — als Begleitsjrxnp Verletzonfgeu dieser Gegend, ja kemem F&U aber als so Läsiön, wia .bei. dm folgenden Kranken K. (Fig; $): Er würde am 20, Xil bei Ypern durch einen linken, Halsseitß ^eFwttndft« . ©i#.'.;-atibeU«liteiide Wöode Öraoat^litter an der ^ _ . .. hidfcer ctain linken Ohr rvuf dein' StefttocieidoiöäsiöidÄuar heiiie r^äch* bestand Herpes tost er, ja dem einen Falle war die Einschußöffnung"io HAh» etwa des 1. ajfid ’i> Leadern* irbeK etwa 4 ein rechts von der }S irbeisiHite ' entfernt, im RhßtgtiöbiM .sah der GraaaupHttep dicht ueb»ö der äwiBeirrfnwirbelsebaibe zwischen '-EL Bru&iwtrbej rechts. Die Verwundung ertoigie m» n,XID 1914 und serursaclite rau Anbeginn viel ausstrahiendfr Sohnienen. Im »fanüar entwickelte sich unter hel’tigereu aeuralgisebeu Schmerzen ein Herpes zoster Itechts Lin fcs Hg ■ mmm KJ. V . .i - Mä . rechts tß S.aheliiC'he (etwa 11. DarsAlsegmeut), la diesem ßezuk 'besteht (uacb gpentaner Öeilung de« Herpes) üaeh jetzt HypästheSi« aod Hj pidge.sie. In einem zweiten Falle war der Emsebuli etwa dem rechts vom HK uhd 11. Brustwirbel, dät, GranatäpUtter 8a# 4® nntereh Bande defi reebifiÄ j. JLtmtl«!- wirbeia. Vm Auiaüg m bestände« • Beinamen' na' Rücken, besonders beim Rücken. Lange ßiicb der WuMbeilung entwickelte sich (Februar d. Ji). eine tizeob, Go gle D Original from JNtVERSITY OF MICHIGAN 556 akute Herpeseruption rechts hinten etwas unterhalb des Darmbeinkammes. Die Heilung erfolgte langsam, und auch bei der letzten Untersuchung bestanden noch Bläschensohorfe und Hyperalgesie in dieser Gegend. Der Sitz des Herpes (etwa 1. Lumbalsegment) dürfte auch hier mit dem Sitz des Geschoßsplitters überein¬ stimmen. Ein zufälliges Zusammentreffen von Herpes und Steoksohußverletzung kann man in diesen beiden Fällen wohl ausschließen. Ob es sich hier nun um entzündliche Vorgänge im Bereich des Ganglion spinale oder des Interkostalnerven bandelt, bleibe dahingestellt Für die Tat¬ sache einer traumatisch-entzündlichen Entstehung des Herpes zoster sind diese Fälle immerhin bemerkenswert. [Aas dein Reservelazarett I. Leipzig (Chefarzt: Oberstabsarzt Dr. 8 ojcnekbs).J 3. Ober Schußverletzungen der peripheren Nerven. 1 Von Prof. ▲. Bittorf, Assistenzarzt d. L. II. Die zahlreichen Schuß Verletzungen* der peripheren gemischten Nerven lassen sich meiner Erfahrung nach in zwei Gruppen trennen, die sich nach Häufigkeit, Symptomatologie und Prognose verschieden verhalten. Die erste, größere Gruppe umfaßt die weitaus häufigsten Verletzungen des N. radialis, Plexus brachialis, besonders des oberen Teiles, und des N. ischiadicus und seiner Äste. Hier herrscht die motorische Lähmung vor, sensible Störungen fehlen in einem Teile ganz oder treten zurück. Sub¬ jektive Gefüblsstörungen, besonders Schmerzen sind sehr selten, eigentlich nur mitunter bei Ischiadicusverletzungen deutlich. Die Prognose der motorischen Lähmung ist ungünstig, zum mindesten ist die Heilungsdauer sehr lang. Oft ist selbst in Fällen, wo die Operation keine schwerere, äußerlioh am Nerven nachweisbare Veränderung ergab, nach vielen Monaten die Lähmung noch total. Die zweite, kleinere Gruppe umfaßt die Fälle mit vorwiegend sen¬ siblen, häufig auch vasomotorischen, sekretorischen, trophisohen Störungen, die motorischen Ausfallserscheinungen fehlen vielfach oder treten erheblich zurück. Hierher gehört vor allem die auffallend häufige Verletzung des N. medianus. Sehr häufig sind hier subjektive Sensibilitätsstörungen und sehr quälende Schmerzen. Zu dieser Gruppe gehöreu — oder stehen ihr nahe — die etwas selteneren Verletzungen des N. ulnaris, weil auch hier oft die sensiblen Erscheinungen die motorischen überwiegen. 1 Nach einer Demonstration: Kriegsärztlicher Abend 12.11. 191h. 1 Neben direkten Schuttrerletzungen der Nerven gehören hierher indirekte Nerven- Schädigungen durch Knochenverletzungen mit Druck auf den Nerven (unmittelbar oder durch den Callus), Blutungen in und um den Nerven, Narbenwirkungen und anderes. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN Prognostisch gestalten sich diese Fälle (auch ohne Operation) günstiger. Selbst bei anfänglich bestehenden schwersten Erscheinungen können verhältnis¬ mäßig schnell Besserung und Heilung eintreten. Die Ursache dieses Unterschiedes ist nicht recht durchsichtig. An der Art der Verletzung kann es meiner Erfahrung nach nicht liegen. Daß wir ähnlichen Verschiedenheiten auch schon früher bei andersartigen Schädigungen (infektiösen, toxischen, mechanischen) begegneten, besonders beim Medianus und Radialis und Peroneus, kann nicht die Frage klären. Wir müssen — meines Erachtens — zur Erklärung nicht nur eine ver¬ schiedene spezifische Widerstandsiähigkeit der verschiedenen Nerven, sondern auch der einzelnen Bahnen in den verschiedenen Nerven — vielleicht entsprechend den spezifischen Hauptfunktionen jedes Nerven — annehmen. Daher gehen bei Medianusverletzungen auch die eventuell anfänglich vorhandenen motorischen Störungen schnell zurück. Der folgende (demonstrierte) Fall von Medianuslähmung zeigte die Kom¬ bination schwerer sensibler, vasomotorischer, sekretorischer und trophischer, die schnelle Heilung motorischer Störung besonders deutlich. Er sei darum kurz angeführt Sch., 25.X. linker Armschuß, Einschuß Sulcus bicipitalis, oberes bis mittleres Drittel, Ausschuß Mitte des Trizeps. (Keine Knochenverletzung.) Sofort Gefühllosigkeit und mäßig starke Schmerzen im Daumen, Zeige- und Mittelfinger, die sich bläulich-rot verfärbten, lähmungsartige Schwäche der Daumen« ballenmuskeln, die nach und nach weicher und schlaffer wurden. Während die motorische Lähmung im November zurückging, wurden Daumen, Hohlhand — radiale Seite —, Zeigefinger und Mittelfinger (innere Hälfte) bis zum Grundglied blau-schwarz; äußere Hälfte des Mittelfingers etwas heller blau¬ rot. Gefühl völlig aufgehoben, dazu heftige Schmerzen. Im Februar (durch Verbrennung?) fünfpfennigstückgroßes Geschwür auf der Volarseite des Endgliedes des Zeigefingers. Bei der Demonstration: Tiefste Zyanose und Kühle des Daumens, Zeige- und Mittelfingers links, etwas weniger stark in der Hohlhand (Radialseite). Haut dünn, glatt, spiegelnd. Flaches Geschwür am Endglied des Zeigefingers ohne Heilungstendenz. Keine Schweißsekretion. Gefühl für alle Arten an diesen Fingern bis zum Grundgelenk auch dorsal aufgehoben, an Hohlhand (bis auf schmalen Saum des Daumenballens) und Ulnar- seite des Mittelfingers herabgesetzt. Keine Muskelatrophien, nur Opposition des Daumens erschwert. Eintauchen in kaltes Wasser fuhrt nicht zur Vasokonstriktion. Ende März heilte das Geschwür. Schmerz, Kriebeln, Gefühlsstörungen und Zyanose nahmen ständig ab. Ende April war an den beschriebenen Gebieten nur mäßige Blaurotfärbung nachweisbar, am stärksten am Endglied des Zeigefingers. Ulnarseite des Mittelfingers, Hohlhand normal gefärbt. Geschwür geheilt. Haut noch besonders am Zeige¬ finger kalt, dünn, spiegelnd. Gefühl für alle Qualitäten — distal stärker — mäßig herabgesetzt; an der Ulnarseite des Mittelfingers normal; am Endglied des Zeigefingers noch (fast) völlig aufgehoben. Motilität normal. Subjektive Beschwerden gering. 1 1 Mitte Mai waren nur noch leichte Zyanose und Gefühlsstörungen am Zeigefinger, besonders Endglied, nachweisbar, das allein auch noch glatte spiegelnde Haut zeigte. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 558 Dieses Beispiel mag das oben Gesagte kurz beleucbteu. Wichtig an dieser und ähnlichen Beobachtungen erscheint mir: 1. Die enge Zusammengehörigkeit der vasomotorischen und sensiblen (be¬ sonders der Schmerz- und Temperatursinn) Bahnen auch im peripheren Nerven, wie wir sie ähnlich bei RQckenmarkserkrankungen 1 beobachten. 2. Der enge Zusammenhang zwischen Temperatur-, Schmerz- und Vaso¬ motorenlähmungen und trophischen Störungen. Therapeutisch möchte ich nach meinen Erfahrungen bei motorischen Lähmungen (soweit möglich) frühzeitige Operationen empfehlen. Eine Ope¬ ration, die sich als unnötig erweist, schadet nichts. Vor solchen Irrtümern ist man aber auoh bei Spätoperationen einerseits nicht vollkommen gesichert, anderer¬ seits ist bei sich als notwendig erweisender Operation ungenützt lange Zeit ver¬ laufen und das Operationsfeld eventuell ungünstiger gestaltet. Unbedingt notwendig ist aber in allen Fällen fortgesetzte passive Bewegung aller Gelenke, damit keine Versteifungen und Kontrakturen eintreten. Erst in letzter Linie kommen Massage und elektrische Behandlung. Bei sensiblen Störungen umgekehrt möchte ich Heißluftbehandlung aller Art, auch volle Dampfbäder, Fangopackungen und ähnliches empfehlen. Nächstdem kann elektrische Behandlung versucht werden. Erst nachträglich werden mir die Mitteilungen von Oppenheim 1 und von Bbuns 3 bekannt, deren Erfahrungen sich in vielen Punkten mit den eben vorgetragenen Ansichten decken. Auf einzelne Differenzen kann jetzt nicht eingegangen werden. 11. Referate. Allgemeines. 1) Zur Statistik der Nervenkrankheiten, von Alfr. Fuchs. (Jahrb. f. Psvch. u. Neurol. XXXV. 8.1.) Ref.: Pilcz (Wien). Hervorgegangen ans einem Ambulatorium für Elektrotherapie, hat das Ambulatorium der Wiener Nervenklinik eine ständig zunehmende Frequenz aufzuweisen; sie betrug 1884, dem Jahre der Gründung: 2037, 1894: 5038, 1904: 6373 (3284 Männer + 3089 Weiber), 1913: 6101 (3230 Männer + 2871 Weiber). Die große Zahl der vom Verf., der das Ambu¬ latorium seit 1901 leitet, beobachteten Fälle (die Frequenz betrug 1901 bis 1913 78105) ermöglicht es, eine statistische Durcharbeitung dieses großen Materials zu unternehmen, ohne daß die Gefahr von Fehlschlüssen wegen allzu kleiner Zahlen entstehen kann. Es ergab sich folgendes Resultat: I. Epilepsie (mit Ausschluß von symptomatischer Epilepsie und epileptiformen Insulten bei Hirnerkrankungen): 5859 Fälle (d. i. 7,5% der Gesamt¬ frequenz). II. Multiple Sklerose: ln klassischer Ausbildung 523 Fälle (d. i. 0,67% der Gesamtfrequenz), dagegen 319 fragliche Diagnose (d. i. 0,40% der Gesamtfrequenz). Die meisten Fälle waren im 4. Lebensdezennium zu konstatieren. III. Spastische Spinalparalyse: 607 Fälle (d. i. 0.77% der. Gesamtfrequenz). IV. Chronische Muskelatrophie auf spinaler Grundlage: 301 Fälle (d. i. 0,38% der Gesaratfrequenz), und zwar darunter Syringomyelie: 126 Fälle (d. i. 0,15 % der Gesamtfrequenz), progressive spinale Muskelatrophie: 51 Fälle 1 Bei Syringomyelie beobachtet man dies oft an Störungen lokaler Gefäßreflexe auf thermische Reize (neben allgemeinen vasomotorischen ReSexstörungen, auf die bereits wieder¬ holt hingewiesen worden ist), * Ref. Neurolog. Centralbl. 1915. Nr. 1. * Neurolog. Centralbl. 1915. Nr. 1. Digitized by Gougle - Original fro-m UNIVERSfTY OF MICHIGAN 559 d. i. 0,06% der Gesamtfreqnenz), amyotrophische Lateralsklerose: 22 Fälle (d. i. 0,02% der Gesamtfrequenz). V. Erb sehe Muskeldystrophie: 79 Fälle (d. i. 0,1% der Gesamt¬ frequenz). Die meisten Fälle waren im 3. Lebensdezennium zu konstatieren. VI. Morbus Basedowii: 245 Fälle, und zwar 210 Frauen, 35 Männer (d. i. 0,82 bzw. 0,27 und 0,05% der Gesamtfrequenz). Am meisten Fälle waren bei Frauen im 6., bei Männern im 7. Lustrum zu konstatieren. Es wurden in der Statistik ausnahmslos Fälle von klassischer Ausbildung berücksichtigt. VII. Paralysis agitans: 283 Fälle (d. i. 0,36% der Gesamtfrequenz). Ara meisten Fälle waren im 6. Lebensaezennium zu konstatieren. VIII. Tumor cerebri: 471 Fälle (d. i. 0,6% der Gesamtfrequenz); in 318 Fällen war die Diagnose fraglich. IX. Trigeminus¬ neuralgie: 1459 Fälle (d. i. 1,9% der Gesamtfrequenz), 178 Fälle (d. i. 0,23% der Gesamt¬ frequenz) waren vorher erfolglos chirurgisch behandelt worden. Die höchsten Frequenz¬ zahlen fallen auf die Sommermonate. Die kombinierte Akonitin-Bitterwassertherapie ergab in allen Fällen befriedigende Dauerresultate. X. Poliomyelitis anterior: 296 Falle (d. i. 0,38% der Gesamtfrequenz). Die Höchstzahl von Erkrankungen fällt ins Jahr 1910, die höchste Anzahl von Erkrankungen in die Monate August und Oktober; am meisten Er¬ krankungsfälle weist das 4. Lustrum auf. XI. Zerebrale Kinderlähmung: 381 Fälle (d. i. 0,48 % der Gesamtfrequenz). Die Höchstzahl der Erkrankung fällt ins Jahr 1906, die höchste Anzahl von Erkrankungen in den Monat Juli, am meisten Erkrankungsfälle weist das erste Dezennium auf. Nur Fälle mit akutem Beginn wurden berücksichtigt. XII. Chorea minor: 1032 Fälle (d. i. 1,32% der Gesamtfrequenz). Die Höchstzahl von Erkrankungen fällt in die Jahre 1901 und 1905, die Mindestzahl in die Jahre 1910 und 1912, die höchste Anzahl in die Monate März und Juni, am meisten Erkrankungsfälle fallen in das 10. bis 12. Lebensjahr; die Pubertätszeit zeigt eine geringe Zahl von Erkrankungsfällen. XIII. Peri¬ phere Fazialislähmung: 820 Fälle (d. i. 1,05% der Gesamtfrequenz). Die Höchstzahl der Erkrankungen fällt in die Jahre 1906 und 1908, die höchste Anzahl von Erkrankungen in den Monat September. XIV. Hemiplegie: 817 Fälle (d. i. 1,04% der Gesamtfrequenz). XV. Syphilitische und syphilogene Erkrankungen des Zentralnervensystems. A. Tabes: 1094 Fälle (d. i. 1,4% der Gesamtfrequenz), darunter 829 Fälle manifester, 265 Fälle be¬ ginnender Tabes (d. i. 75,8 bzw. 24,2 % aller Tabiker). Wassermannreaktion im Blut wurde bei 547 Fällen manifester Tabes untersucht und war in 395 Fällen positiv, in 152 Fällen negativ. Mit Hg wurden von den Patienten mit positiver Wassermannreaktion 305 be¬ handelt; soweit sie später untersucht werden konnten, war die Wassermannreaktion bei 52 Patienten positiv, bei 40 negativ. In den nächsten 6 Monaten wurden in 10 Fällen die negativ gewordene Wassermannreaktion wieder positiv. Wassermannreaktion im Blute wurde in 204 Fällen inzipienter Tabes untersucht und war in 152 Fällen positiv, in 52 Fällen negativ. Sämtliche Patienten mit positiver Wassermannreaktion wurden mit Hg behandelt; in 76 Fällen war sie nach der Behandlung positiv, in 11 Fällen negativ. Bei Tabes mit Opticusatrophie, wovon 155 Fälle beobachtet wurden, war bei den 64 auf Wassermannreaktion untersuchten Patienten der Befand in 48 Fällen positiv, in 16 Fällen negativ. Von den Fällen mit positiver Wasserm an nreaktion wurden 28 mit Hg behandelt; die Wasserm an nreaktion blieb immer positiv. 473 Fälle bloß mit Argyll- Robertson wurden beobachtet (d. i. 0,6% der Gesamtfrequenz). Bei 193 wurde auf Wassermannreaktion im Blut untersucht; der Befund war in 117 Fällen positiv, in 76 negativ. 37 Patienten mit positiver Wassermannreaktion wurden mit Hg behandeltj 5 wurden bleibend, 2 vorübergehend negativ, 11 blieben positiv. — B. Dementia paralytica. Sichere Fälle: 1411 Fälle (d. i. 1,8% der Gesamtfrequenz), darunter 1118 Männer. 298 Frauen. Fragliche Fälle 369, darunter 131 mit positiver Wassermannreaktion. 244 Fälle wurden auf Wassermannreaktion im Blut untersucht; in 211 Fällen war der Befund positiv, in 33* negativ. Von den 88 Fällen mit positiver Wassermannreaktion, die mit Hg behandelt wurden, war nach der Kur die Wassermannreaktion in 7 Fällen bleibend, in 4 Fällen vorübergehend negativ, in 69 positiv. — C. Taboparalyse: 871 sichere Fälle (d. i 0,47% der Gesamtfrequenz). Auf Wassermannreaktion im Blut wurde untersucht in 118 Fällen; der Befund war in 73 Fällen positiv, in 40 Fällen negativ. Von den Fällen mit positiver Wassermannreaktion wurden 41 mit Hg behandelt; nach der Kur war die Reaktion in 3 Fällen negativ, in 21 positiv. — D. Lues cerebri: 341 Fälle (d. i. 0,43% der Gesamt¬ frequenz). Von den 115 auf Wassermannreaktion im Blut untersuchten Fällen war der Befund bei 99 positiv, bei 16 negativ. 90 Patienten mit positiver Wassermannreaktion wurden mit Hg behandelt; die Reaktion wurde bleibend negativ in 12 Fällen, vorüber¬ gebend negativ in 2 Fällen, sie blieb positiv in 22 Fällen. Verf. schließt aus dem Ver¬ halten der Wassermannreaktion bei amaurotischer Tabes und Dementia paralytica, daß bei dieser Lokalisation der Spirochäteninvasion die übrigen Teile des Zentralnervensystems seltener befallen werden, dafür aber die Erkrankung am hartnäckigsten ist. 2) Zar Schätsung der verflossenen Zeit and über ihre Bolle bei Aufnahme von Krankheitsgesohiehten, von J. Kollarits. (Wiener klin. Wochen¬ schrift. 1915. Nr. 1.) Ref.: Pilcz (Wien). Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 560 Recht interessante und zu Nachprüfungen an einem größeren Materiale an¬ regende Beobachtungen. Sowohl Kranke, die zur Feststellung ihres erstmaligen Erscheinens im Nerven- ambulatorium irgendeinen Anhaltspunkt assoziativer Art batten, als auch solche, die keinen derartigen zur Verfügung hatten, schätzten die verflossene Zeit viel zu kurz, in der Regel um etwa ein Fünftel, z. B. bei 4 Monaten Irrtum um einen Monat« Bei Paralytikern freilich kommen Fehler bis über 200°/ o vor. Die Feststellung des Erinnerungsfehlers wird mit Unlustgefübl zur Kenntnis genommen, ebenso übrigens auch, wenn Ungeübte in Schätzung von Längen, Ent¬ fernungen usw., wobei auch Tendenz zur Verkleinerung besteht, das richtige Maß erfahren« Interessant wären systematische derartige Untersuchungen, je nach Alter, Geschlecht und bei normalen und abnormen Kindern« Bei der Erhebung der Anamnese wäre auf diese Beobachtungen Rücksicht zu nehmen, ebenso bei gerichtlicher Zeugenvernehmung. S) Tuberkulose und Nervensystem, von 0. Hezel. (Handbuch d. Tuberkulose, herausgegeben von Brauer und Schröder. Leipzig, Barth, 1916.) Ref.: R. Ganter. Der, erste Abschnitt bringt die Darstellung der Beziehung zwischen der Tuberkulose und den Psychosen und Psychoneurosen. Weiter folgt ein Überblick unserer, wenn auch spärlichen, Kenntnisse der pathologischen Anatomie der tuberku¬ lösen psychischen und psychoneurotischen Störungen. Dann wird die Bedeutung der durch die Tuberkulose bedingten psychischen Veränderungen in Hinsicht auf kriminelle Handlungen erörtert. Zuletzt wird die Behandlung der psychischen und psychoneurotischen Störungen der Tuberkulösen besprochen. Der zweite Ab¬ schnitt handelt von den Schädigungen, die das periphere Nervensystem durch die Tuberkulose erfährt, sei es auf direktem Wege oder durch Reflexwirkung, ferner von den pathologisch-anatomischen Befunden. In einem Anhang werden die Tuberkulose der Nebennieren, die Basedowsymptome bei Tuberkulösen, die Muskel¬ veränderungen abgehandelt. Den Beschluß macht die Behandlung der Nerven¬ störungen der Tuberkulösen« Sprache. 4) Das Valsalva-Morgagnisohe Gesetz. Bin Beitrag zur Vorgeschichte der Aphasie, von Erich Ebstein. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LIIL 1914. H. 1 u. 2) Ref.: Kurt Mendel. Auf Valsalva geht das Dogma zurück, daß bei der Apoplexia sanguinea die Herde im Gehirn meistenteils auf der der Lähmung entgegengesetzten Seite sich befinden, Morgagni (1682 biB 1771) konnte dieses Gesetz der „kontralateralen Innervation“ bei fast allen eigenen Autopsien bestätigen und beschreibt als erster 2 Fälle von rechtsseitiger Hemiparese mit Aphasie. Das Zusammenauftreten von rechtsseitiger Lähmung mit Sprachstörung kann geradezu als Valsalva-Mor- gagnisches Dogma oder Gesetz angesprochen werden. 6) Über einen im Anfänge des 18. Jahrhunderts von Dr. Peter Rommel klassisch beschriebenen Fall von transkortikaler motorischer Aphasie, von A. Gans. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psychiatrie. XXIV. H. 4.) Ref.: M. Pappenheira (Wien). 52jährige Frau mit hemiplegischer Lähmung, besonders des Armes. Sprach¬ verständnis erhalten. Patientin konnte außer ,.ja“ und „und“ keine Silbe aus- sprechen. Dagegen gelang ihr das Sprechen von Reihen. Wörter, die sie in der Reihe ausgesprochen hatte, konnte sie außerhalb derselben nicht nachsprechen. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 561 6) Über Aphasie bet Japanern, von T. Asayama. (Deutsches Archiv f. klin. Medizin. CXIII. 1914. H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Die japanische Schriftsprache ist eine der kompliziertesten und unpraktischsten in der Welt. Diese Kompliziertheit bietet eine sehr geeignete Gelegenheit für die Erforschung der Verhältnisse der eigentlichen Sprachzentren, des optischen Zentrums, des Schreib- und Begriffszentrums. Es werden Kana, die den Buch¬ staben der Europäer entsprechen, und chinesische Charaktere in der japanischen Schriftsprache neben- und durcheinander gebraucht. Verf. veröffentlicht nun einen Fall von kortikaler sensorischer und motorischer Aphasie, in welchem- zwischen diesen beiden Schriftarten sowohl bezüglich des Schreibens als des Verstehens ein auffallender Unterschied bestand: für die KanabuchBtaben waren Schriftverständnis, willkürliches und Diktatschreiben fast völlig aufgehoben, für die chinesischen Charaktere hingegen fast unbeeinträchtigt geblieben. Erklärung: beim ersten Erlernen chinesischer Wortzeichen spielt auch das sensorische Zentrum eine große Rolle; durch Übung und Erfahrung nimmt aber allmählich die Bedeutung dieses Zentrums ab, und schließlich geschieht die Ver¬ bindung des optischen Zentrums mit dem „Begriff“ direkt und unter Umgehung desselben. Da andererseits bei Lautschriften die Verbindung des Begriffs und des optischen Zentrums notwendigerweise durch Vermittlung des sensorischen'Zentrums geschieht, so ist es erklärlich, daß bei den erwachsenen und gebildeten Japanern das Verständnis der chinesischen Charaktere bei aphasischen Störungen unversehrt bleiben kann, während die aus Kanabuchstaben zusammengesetzten Wörter gar nicht verstanden werden. 7) Über Wortvorstellungen, von A. Heveroch. (Öasopis fteskych. 16k. LIII. 1914. S. 679.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich). Die Analyse der klassischen Lehre über Aphasie bringt den Verf. zum Schluß, daß nicht die Verbalstörungen, sondern eine Reihe automatischer erworbener Funktionen unsere Sprache bedingt. Diese automatischen Funktionen sind nicht bei allen gleich gegliedert, weil die Gliederung von der Art des Erlernens ab¬ hängig ist. Und weil die komplizierteren Funktionen bei der Erkrankung be¬ trächtlicher leiden, beobachtet man, daß zuerst Störungen des Stils, dann der Sätze- und Wortbildung und endlich des Silben- und Buchstabenaussprechens auf- treten. Zum Aufwecken der Automatiemen dient in erster Reihe der Wille; aber auch andersartige Reize sind imstande das zu tun. Die Funktionen: sich zu äußern und das Geäußerte zu verstehen, sind sehr mannigfaltig zusammengesetzt; deshalb ist auch das klinische Bild der Sprachstörungen so mannigfaltig. 8) Über den gegenwärtigen Stand unserer Kenntnis der Aphaslelehre, von G. Mingazzini. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVII. 1915. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel. Unter bewundernswerter Beherrschung des Materials und der Literatur aller Nationen gibt Verf. ein Bild von dem gegenwärtigen Stande unserer Kenntnisse der Aphasielehre. Er unterscheidet zunächst folgende 4 Serien von Fällen: I. Der linke Linsenkern ist mehr oder weniger ausgedehnt in der hinteren Hälfte bzw. in den hinteren zwei Dritteln verletzt, oft ist auch die äußere Kapsel, das Claustrum (und manchmal die hintere Insel) daran beteiligt; in diesen Fällen bestand deutliche Dysarthrie (Langsamkeit, Zögerung, mühsames Ansprechen und Steckenbleiben). II. Verletzt sind die vorderen zwei Drittel des linken Linsenkerns mehr oder wenig, aber nicht vollständig. Diese Kranken hatten so grobe Dysarthien auf¬ gewiesen, daß sie selbst einzelne Worte schlecht oder geradezu unverständlich aus- sprachen, außerdem hatten sie residuäre Symptome von motorischer Aphasie (Tele¬ graphenstil). xxxiv. 36 Digitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 562 III. Zerstört war der ganze linke Linsenkern. Es hatte vollständige und dauernde motorische Aphasie bestanden. IV. Die kortikale und subkortikale Gegend der erweiterten Brocaschen Zone war unversehrt; nur das vordere Ende des Linsenkerns und die anstoßende da¬ rüberliegende Balkenstrahlungsgegend (Regio supra- und praelenticularis) waren vollständig oder fast zerstört. Hier bestand keine Dysarthrie, wohl aber eine völlige und dauernde motorische Aphasie. Es entwickeln sich also residuäre Symptome einer motorischen Aphasie in* folge unvollständiger Zerstörung des vorderen Drittels des linken LiDsenkerns; ausgeprägte Dysarthrien treten auf, wenn die beiden hinteren Drittel desselben verletzt sind; vollständige Anarthrie, wenn der ganze linke Linsenkeru zerstört ist; andauernde motorische Aphasie nach Verletzung der Zona prae-supralenti- cularis links. Je schwerer und ausgedehnter die Zerstörung des linken Linsen¬ kerns ist, um so mehr neigt die Dysarthrie dazu, sioh der Anarthrie zu nähern, um schließlich den Grad eines wahren Hutismus zu erreichen. Um eine dauernde motorische Aphasie hervorzurufen, ist ausschließlich die Unterbrechung der pha- sisch-motorischen Projektionsfasern und der linken Balkenausstrahlung an der Eintrittsstelle oberhalb und vor dem linken Linsenkern (nämlich die Zerstörung der Regio prae*supralenticularis) erforderlich. Die Aphasie Typus Broca ent¬ wickelt sich, wenn die „erweiterte“ Brocasche Zone, welche die Pars triangularis und opercularis der Fs. die Insula anterior und das Operculum Rolandi umfaßt, verletzt ist. Das „erweiterte“ Brocasche Gebiet, der Linsenkern einbegriffen, funktioniert rechts, an zweiter Stelle, mehr oder weniger je nach den Individuen. Wird das homologe Gebiet links zerstört, 60 kompensiert es nicht, sondern über¬ nimmt allmählich die früher durch das linke Gebiet ausgeübten Funktionen. In diesem Falle ist es richtiger, von einer Wiederaufnahme der Funktion der ersten Stelle als von einer Kompensation zu reden. Damit die „reine motorische Aphasie“ zustande kommt, ist die Integrität eines Teiles der erweiterten Broca¬ schen Zone und die Erhaltung der Assoziationsbahnen mit dem motorischen Zen¬ trum der rechten Hand notwendig; die Integrität dieses Teiles der Brocaschen Zone macht die innere Revokation der Silben möglich, das Erhaltensein der Asso¬ ziationsbahnen mit dem motorischen Zentrum der rechten Hand ermöglicht die mehr oder weniger gute Schreiblähigkeit. Indessen gestattet die Läsion der linken Balkenaus8chalung und die prälentikuläre Verletzung weder die spontane Sprache, noch die Wiederholung der Wörter. Daher kann auch eine Rindenverletzung deB Brocaschen Gebietes das Bild der reinen motorischen Aphasie hervorrufen. Die transkortikale motorische Aphasie kann durch eine Zerstörung irgend eines Teiles der der vorderen Region der Sprache entsprechenden Marksubstanz hervorgerufen werden. Die transkortikale sensorische Aphasie hängt ab. von einer Läsion in der ausgedehnten Zone des hinteren Gebietes der Aphasie (Marksubstanz der beiden ersten Schlafenwindüngen, der Gyrus supramarginalis und angularis) und in einer solchen Tiefe, daß die mittleren und langen Assoziationsfasern des linken Lobus temporalis wie auch die Balkenfasern unterbrochen werden. Das Gebiet, dessen Zerstörung, wenn auch nur vorübergehend, Anlaß zur sensorischen Aphasie geben kann, ist sehr ausgedehnt und umfaßt das ganze von den hinteren Ästen der Art. Sylvii versorgte Gebiet, nämlich das hintere Drittel von Tj, ferner T Jt T 3 , die Gyri tempor. transversi, die Gyri angularis und supramarginalis; eine dauernde sensorische Aphasie kann nicht ohne die gleichzeitige Verletzung links, wenigstens der T x und des Gyrus temp. transvers. poster. von Heschl bestehen; je mehr man sich von diesem zentralen Punkte entfernt, um so ngehr neigt die sensorische Aphasie dazu, zu verschwinden. Letztere wird erst dann vollständig, wenn die Wernickeschen Zonen beiderseits verletzt sind; in letzterem Falle gelingt es dem Kranken, nur eine Reihe von Silben oder von einsilbigen Wörtern auszustoßen. Digitized by Gch 'gle Original fro-m UNIVERSSTY OF MICHIGAN 563 Ebenso bleibt, wenn nicht bloß die Eernzone der Wernickeschen Zone verletzt, sondern die ganze kortikale und subkortikale Substanz der T 2 links zerstört ist, der sensorisch Aphasische fast seines ganzen Wortschatzes beraubt, so daß man an das Bild der totalen Aphasie erinnert wird. Die Wort Wiederholung, die bei tranBkortikaler motorischer und sensorischer Aphasie möglich ist, erheischt als Bedingung weder die Integrität der Regio subinsularis, noch die der Gyri tempor. transversi, Bondern die Erhaltung der linken Regio supra-praelenticularis oder zum mindesten der Balkenausstrahlungen, die bei den sensorischen Formen unberührt sind. Wahrscheinlich geht die Wort Wiederholung auf dem Wege von der Wernickeschen Zone zu der motorisch-aphasischen Zone vor sich und von hier aus, durch den Balken verlaufend, durch die linke und bisweilen auch durch die rechte Regio lentioulo-capsularis. Die Ergebnisse der Forschungen des Verf. sprechen für die Richtigkeit der Bastianschen Theorie, nach welcher auch in den rechten Schläfenwindungen die verbo-akustischen Bilder registriert sind und die rechte verbo-akustische Zone mittels der schräg durch das Corpus callosum ziehenden Kommissurfasern auf die dritte linke Frontalwindung einwirkt. Die bilaterale Verletzung des verbo-akustischen Zentrums verursacht nicht nur eine vollständige Asensorische phasie, sondern schränkt auch den Wortschatz sehr ein. Die Sprache, die letzte und edelste Funktion, die der Mensch erworben hat, kann die Beteiligung anderer geistiger Prozesse, mit denen sie verkettet ist, nicht entbehren, so daß die Zone, in welcher sich die Foci für die einzelnen Wortbilder auBarbeiten und konzentrieren, sehr verschieden ist von der Zone, welche, wenn verletzt, das aphasische Syndrom setzt. Die zur Funktion der Sprache bestimmten Hirnzonen sind wohl umschrieben, aber ohne scharfe Grenzen, ausgedehnter als man glaubte, und sie funktionieren, obwohl in verschiedenem Grade, in beiden Hemisphären. Infolge der Übung und vielleicht infolge einer angeborenen Dis¬ position ist das Vorherrschen einiger Bekleidungen phasischer Bilder von einem Menschen zum andern verschieden, alle sind untereinander verbunden und nicht gänzlich unabhängig von den sensorischen Bildern. Die für die Sprache bestimmten Mechanismen sind nicht nur Gruppen von Nervenzellen, sondern auch Bündel von Nervenfasern; sowohl die einen wie die andern, wenn sie isoliert verletzt sind, bedingen wesentlich identische und bloß dem Grade nach verschiedene Störungen; zwischen den kortikalen, sub- und transkortikalen Aphasien bestehen die ver¬ schiedenartigsten Zwischengrade, so daß es schwer fällt, die einen von den andern zu trennen. „Eine andere Ansicht aber beginnt jetzt sich Bahn zu brechen, nämlich daß die verschiedenen Formen der Sprache untereinander verbunden sind; deshalb entfaltet sich die sensorische Aphasie stets unter Störungen des Lesens und der gesprochenen wie der geschriebenen Sprache: die Agraphie bzw. die Dysgraphie ist eine Folge der Abtrennung der verbosensorischen und verbooptischen Bilder aus dem Rindenarmzentrum. Die Fähigkeit zum Lesen versagt, so oft die andern Grundformen der Sprache gestört sind; sogar die motorische Aphasie, selbst in den reinsten Fällen, zeigt ihre Verbindung mit den verboakustischen Bildern durch eine (nicht immer wahrnehmbare) Unsicherheit oder Verlangsamung im Begreifen des Sinnes der Worte oder durch die Schwierigkeit im Lesen. Die Sprache, die letzte der vom Menschen in der Phylo- und Ontogenese erworbene Funktion, ist also ein Zeichen der Bedeutung, welche die Assoziationsbahnen in der Entwicklung des Geistes haben.“ 9) Weitere Untersuchungen über die motorischen Sprachbahnen, von Prof. Dr. G. Mingazzini. (Archiv f. Psych. LIV. 1914.) Ref.: G. Ilberg. Verf. beobachtete viele Jahre lang eine Patientin mit vollständiger, bestän¬ diger motorischer Aphasie, vereint mit rechtsseitiger spastischer Hemiplegie. Bei der Sektion fand sich links Zerstörung der mittleren Stirnwindung und der Pars 36* Digitized by Gck igle Original from UNIVERS1TY OF MICHIGAN 564 opercularis der unteren Stirnwindung mit den entsprechenden M&rk&usstr&hlungen einschließlich der Balkenstrahlungen, so daß jede Verbindung sowohl der einen wie der anderen mit dem Linsenkern unterbrochen war. Ferner war der obere Teil des Gyrus praecentralis zerstört; der mittlere und untere Teil desselben war degeneriert und verkleinert, das Pulvinar war teilweise zerstört. Verf. hat das Gehirn in eine Serie von Frontal schnitten zerlegt; die Schnitte wurden mit Pal oder mit Pal-Fuchsin gefärbt; die Befunde werden eingehend mitgeteilt unter Beifügung einer Anzahl wohlgelungener Photographien. Der klinische Befund wird im Zusammenhang mit dem pathologisch-anatomischen Be¬ fund behandelt und das Problem der motorischen Sprachbahnen an der Hand der Ergebnisse anderer Autoren erörtert. 10) Ein Beitrag aur Lehre von der Bedeutung der Insel für die Sprache 'und der linken Hemisphäre für das linksseitige Tasten, von Kurt Goldstein. (Archiv f. Psychiatrie. LV. 1914. Heft 1.) Bef.: Kurt Mendel. 53 jährige Frau, bei welcher eine große Erweichungszyste in der linken Hemisphäre zu einem Krankheitsbild geführt hat, das sich aus Aphasie und doppelseitiger ideatorischer Apraxie und Störungen des Tastens und der Tiefen- sensibilität zusammensetzt. Der Fall zeigt, daß Berde in der linken Hemisphäre, wenn sie besonders die Gegend des Gyrus supramarg, betreffen und geeignet sind, gleichzeitig eine diffuse Schädigung der ganzen linken Hemisphäre zu setzen, das Bild der ideatorischen Apraxie erzeugen. Die Sprachstörung im vorliegenden Falle war eigenartig: spontane Sprache reduziert auf eine Anzahl immer wieder¬ kehrender kurzer Sätze und Worte, geringe Neigung zum Sprechen überhaupt; Sprachverständnis für alles etwas Schwierige stark gestört; Nachsprechen hoch¬ gradigst gestört; Spontanschreiben bis auf den eigenen Namen fehlend, ebenso Diktatschreiben; Kopieren etwas besser, doch auch nur für Buchstaben möglich, dabei Defekte in den Formen der Buchstaben; Lesen völlig aufgehoben. Demnach ein schwerer Verlust der Sprachvorstellungen mit starker Störung des Nachsprechens; dies ist auf die schwere Schädigung der Insel (Mark und Binde) zuriickzuführen. Der Defekt der Insel erklärt weiter die Störung des Lesens, Schreibens, Gegenstandbezeichnens. Klinisch entsprach der Symptomenkomplex dem Bilde der Leitungsaphasie. Die vollständige Aufhebung des Gegenstand¬ bezeichnens ist als Folge der Schädigung des Begriffsfeldes und des Sprachfeldes zu betrachten; die Schreibstörung ist teils eine Folge der Sprachstörung, teils auf eine Läsion im Begriffsfeld zurückzuiühren, nämlich auf eine Beeinträchtigung der Buchstabenformvorstellungen. Die beide Hände betreffende Tastlähmung (Ausfall des taktilen Erkennens) spricht dafür, daß — wie für das Handeln — auch für das Erkennen eine Überwertigkeit der linken Hemisphäre besteht: das Tastvermögen und ferner die Beurteilung der Bewegungsempfindungen auch der linken Hand ist abhängig von der Funktion der linken Hemisphäre. Verf. glaubt, daß zwar die linkshirnigen Tastmerksysteme auch für das Tasten mit der linken Hand eine Bolle spielen mögen, daß aber auch ein Tasten mit Umgehung des linken Tastfeldes durch direkte Verbindungen zwischen dem rechtshirnigen Tast¬ feld und dem Begriffsfeld in der linken Hemisphäre möglich ist und daß das Tasterkennen an sich überhaupt erst im Begriffsfeld zustande kommt. 11 ) Zur Frage der Bolle der linken Insula, von L. Benedek u. St. Zsakö. (Gyögy&szat 1913. S. 908. Ungarisch.) Bef.: Hudovernig (Budapest). Die Verff. veröffentlichen einen Fall, bei dem sich nach einem apoplektischen Insult eine totale Aphasie einstellte. Im Laufe von 10 Jahren erlernte Pak von neuem sprechen. Pat. wurde wegen Demenz und Inkompensation des Herzens ins Krankenhaus aufgenommen. Zurzeit bestand gar keine Sprachstörung. Die In- kompensation führte zum Exitus. Die Sektion ergab eine nußgroße Zyste in dem vorderen unteren Abschnitte der Fossa Sylvii, welche sich in der Tiefe bis zum Digitized b) Google Original from UNIVERS1TY OF MICHIGAN 565 Put&men erstreckt. Die lioke Ineula samt Umgebung war total zerstört. Auf Grund dieses Falles nehmen die Verff. an, daß die Läsionen der Insula bei den Sprachstörungen eine große Bolle spielen. Daß in diesem Falle die Sprach¬ störung sich gänzlich restituierte, kann nur duroh die vikarierende Funktion der rechten Hemisphäre erklärt werden. 12) Über einen Fall von sogen. Leitungsaphasie mit anatomischem Be¬ fund, von H. Liepmann und M. Pappenheim. (Zeitsohr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXVII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: W. Misch. Beschreibung eines Falles, dessen Befunde folgendermaßen zusammengefaßt werden: Ein 62jähr. Mann, herz- und nierenkrank, erleidet einen Insult, wird schon 10 bis 14 Tage danaoh in der Klinik beobachtet und zeigt nun weitere 8 Wochen hindurch bis zu seinem Tode eine Sprachstörung, die sich quantitativ mäßig besserte, aber in der ganzen Beobachtungszeit qualitativ dasselbe Bild zeigte. Dieses Bild bietet 4 bis 6 Wochen nach dem Insult folgende hervor¬ stechendsten Merkmale: Pat zeigt beim Sprechen schwere Paraphasie und darüber hinausgehende Beeinträchtigung in der Wortfindung, beim Nachsprechen eine gleich schwere Paraphasie, etwas stärker ausgesprochen bei sinnlosen Silbenverknüpfungen; ferner Paragraphie. Für die eigenen Fehler beim Sprechen besteht das Bewußt¬ sein des Fehlerhaften. Beim Lautlesen aber, das schon zu Anfang viel besser als das Spontan- und Nachsprechen war, trat in dieser Zeit und bei gewissen Reihen (Zahlen usw.) von vornherein eine gut erhaltene Sprechfähigkeit hervor; die Fähigkeit also, Buchstaben, Silben und Worte motorisch zu bilden, war intakt. Auf der anderen Seite war das Sprachverständnis ebenfalls fast intakt, jedenfalls nicht entfernt im Verhältnis zu der Störung der Expressivsprache gestört. Die schwere Expressivstörung kann also einesteils nicht auf der letzten Station des Sprachprozesses, der motorischen Bildung der Laute und Lautverbindungen liegen, andererseits auch nicht durch die Unerweckbarkeit der akustischen Wortresiduen verursacht sein. Denn wären sie erloschen oder unerweckbar, so dürfte nicht verstanden werden. Das Wort als Buchstabenkomplex, das sogen. Buchstaben- wort, ist gestört, nur vom Lesen aus kann buchstabiert werden. Wäre auch das Wortverständnis erheblich gestört, so läge das gewöhnliche Bild der sensorisohen Aphasie vor, nur mit der nicht ganz ungewöhnlichen Abweichung, daß das Laut¬ lesen und Lesesinnverständnis relativ verschont sind. Paraphasien und Para¬ graphen der gleichen Art kommen häufig bei sensorischer Aphasie vor. Durch¬ aus nicht immer überwiegen bei dieser die abenteuerlichen, ganz aufgabeunähnlichen Silben- und Wortkonglomerate. Die Benennung von Gegenständen ist quoad Wortfindung etwas besser, als es bei typischen Fällen von sensorischer Aphasie zu sein pflegt. Es liegt der Tatbestand vor, der seit langem viele Autoren zu dem Schluß drängte: Hier ist weder die motorische noch die sensorische Kompo¬ nente des Wortes betroffen, Bondern ihr Konnex: die Übertragung vom Akusti¬ schen aufs Motorische ist gestört. Oder, der andere Autoren .annehmen ließ: ein zwischen Wernickes und Brocas Stelle liegendes Feld „der Spraohvorstellungen“ ist betroffen. Nach der geschilderten Auffassung wäre der Herd als zwischen Wernickes und Brocas Gebiet liegend zu postulieren. Diese Erwartung wird jedoch durch den anatomischen Befund in keiner Weise bestätigt Es fand sich nämlich eine erhebliche, aber nicht entfernt totale Erweichung des hinteren Drittels der Heohlschen Windung, eine mäßige Schädigung der Werniokesohen Windung und Läsion des Marks von Gyrus supramarginalis und angularis bei Erhaltung des größten Teils beider Windungen. Von entscheidender Bedeutung ist, daß nicht nur die ganze vordere Sprachregion (Opercul. front, und Rolandi), sondern auch die ganze mittlere Sprachregion (Inselrinde und Linsenkernzone) intakt sind und daß die Läsion ausschließlich das temporoparietale Sprachgebiet betrifft Es zeigt Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 566 also hier die allerdings grobe Beziehung des klaren anatomischen Befundes zu dem ebenso klaren klinischen Befunde, daß das Bild der „Leitungsaphasie“, der „zentralen“ Aphasie, nicht durch einen Herd der Inselrinde und auch nicht durch einen Herd im Inneren des Inselgebietes verursacht wird, sondern daß Para¬ phasie im Nachsprechen, Paragraphie und Schädigung des inneren Wortes ohne nennenswerte Worttaubheit durch eine Läsion der hinteren Sprachregion im Temporoparietallappen der erweiterten Wernickeschen Region selbst zustande kommt. 13) Über die Leitungsaphasie, von O. Stertz. (Monatsschr. f. Psychiatrie u. Neurol. XXXV. 1914. H. 4.) Ref.: Kurt Mendel. Mitteilung und genaue Analyse eines Falles von Wernickescher Leitungs¬ aphasie (schwere paraphasische Störung der Spontansprache und des Nacbsprechens, Lese- und Schreibstörungen, Leseverständnis ganz gut, Sprechfähigkeit kaum ge¬ stört, Wortfindung anfangs gestört, erhaltenes oder nur ganz geringfügig gestörtes Sprachverständnis). Dazu Apraxie und Taststörung der rechten Hand. Verf. nimmt einen ziemlich umfangreichen Herd an, der sich von der Inselrinde aus bis in das Parietalhirn erstreckt. Er faßt seinen Fall als eine Form von par¬ tieller motorischer Aphasie auf. „Wenn er symptomatologisch den Anforderungen der Wernickeschen Leitungsaphasie entspricht, so gibt das einen Hinweis darauf, daß der Wernickesche Komplex kein selbständiger zu sein braucht. Es handelt sich, ganz allgemein gesagt, um eine Läsion des inneren Wortes, die je nach ihrem Sitz sich bald mehr an die motorische, bald an die sensorische Aphasie anlehnt, sich aus einer anfänglichen Kombination beider heraus entwickeln kann. Da eine einfach konstruierte lange Verbindungsbahn der Wortbewegungs¬ vorstellungen und Klangbilder abzulehnen ist, vielmehr für die Verbindungen der beiden Bestandteile des inneren Wortes ein kompliziertes assoziatives Über¬ tragungssystem erforderlich ist, das sich aus verschiedenen Gruppierungen senso¬ rischer und motorischer Erregungsbestandteile zusammensetzt, so ist bei jeder Läsion dieses Mechanismus eine nach der einen oder anderen Richtung tendierende Störung die Folge bei im wesentlichen gleicher Symptomatologie, deren Kern die Paraphasie der SpontanBprache und des Nachsprechens bildet.“ 14) Un pas d’aphasie motrioe par lesion du oentre de Brooa aveo autopsie. Un oas d’agraphle. Un oas d’aphasie d'intonation, par A. van Ge¬ buchten et van Gorp. (Bullet. Acad. roy. de m6d. de Belgique. XXVIII. 1914. Nr. 4.) Ref.: W. Misch. Als Beweis gegen die Behauptung der Pierre Marieschen Schule über die Bedeutungslosigkeit des sogen. Brocaschen Zentrums wird hier zunächst ein Fall von Läsion dieses Zentrums beschrieben. Bei diesem Fall war plötzlich ohne apoplektischen Insult eine motorische Aphasie, Agraphie, Lähmung des rechten unteren Facialis und Parese der rechten oberen Extremität aufgetreten, ohne irgend eine Störung von seiten der unteren Extremitäten. Es lag weder Wort¬ taubheit noch Wortblindheit vor, so daß also das Wernickesche Zentrum intakt sein mußte. Bei der Autopsie fand sich eine große Erweichungszone in der unteren Hälfte der vorderen Zentralwindung, der unteren Hälfte der mittleren Stirnwindung in der Gegend ihre» hinteren Drittels, im Fuß und in einer großen Partie des Kopfes der Brocaschen Windung sowie in dem benachbarten Teil der Orbitalwindungen. Es liegt also hier bei einem Fall von motorischer Aphasie zweifellos eine kortikale Läsion des. Brocaschen Zentrums vor, die im übrigen auf die Verstopfung eines Astes der Art. Fossae Sylvii zurückzuführen war. Bei einem zweiten 68jährigen Pat. war plötzlich ein Verlust der graphi¬ schen Bilder aller Buchstaben und Wörter eingetreten, obwohl er dieselben mit dem Gesicht und dem Gehör wiedererkennt und sie spontan aussprechen kann. Dabei ist er imstande, geschriebene Wörter abzuschreiben, indem er Buchstaben auf Buchstaben genau nachzeichnet; gedruckte Wörter kann er dagegen nicht Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 567 kopieren, obwohl er sie lesen und buchstabieren kann. Es muß demnach in der Hirnrinde zwei voneinander ganz unabhängige psychische Zentren für die Vor¬ stellungen des gesprochenen und des geschriebenen Wortes geben. Innerhalb dieser Zentren für das Wortsprache- und Wortschriftgedächtnis muß es außerdem Spezialzentren geben, in denen das Gedächtnis für die Buchstaben, für die Worte, für die Zahlen usw. lokalisiert ist, denn die Fähigkeit, Buchstaben zu schreiben, geht nicht Hand in Hand mit der Fähigkeit Worte zu schreiben. Endlich wird noch kurz ein Fall mitgeteilt, bei dem nach einigen alarmie¬ renden Vorsymptomen eine Veränderung der Schrift eintrat, keineswegs im Sinne einer Agraphie; vielmehr ist Pat. nicht mehr imstande, mit den Fingern, die er im übrigen gut bewegen kann, zu schreiben, sondern er schreibt mit der ganzen Hand, so daß die Schrift ganz kindlich wird. Gleichzeitig trat zwar keine Aphasie, aber eine Veränderung im Klange der Stimme („Intonationsaphasie“) auf, so daß er seine Muttersprache mit falscher Artikulation wie eine fremde Sprache aus¬ spricht Auch hier muß eine kortikale Läsion vorliegen. Es muß aus all diesen Beobachtungen geschlossen werden, daß die kortikale Lokalisation wahr¬ scheinlich viel feiner, genauer und komplizierter ist, als sich bisher feststellen ließ. 16) Über das motorische Sprechen samt einem Falle von motorischer Aphasie ohne Läsion der Binde, von P. H. Travaglino. (Psychiatrische en neurologische Bladen. 1914. Nr. 4 u. 5.) Bef.: M. Rothmann Unter Bezugnahme auf die von Liepmann u. a. gezogene Parallele zwischen der Praxie und EzpresBivsprache beriohtet Verf. über einen Fall von motorisch-aphasischen Symptomen ohne Verletzung der Rinde. Es handelt sich um einen 68jäbr. Potator mit Symptomen von Arteriosklerose, der nach einem Kopftrauma allmählich Rückgang der geistigen Fähigkeiten zeigte. Nach einem Schlaganfall bestanden neben schwerer rechtsseitiger spastischer Hemiparese Sprachstörungen kortikal-motorischen Charakters; da das Schreiben nicht geprüft werden konnte, könnte der Fall auch zur subkortikal-motorischen Aphasie gerechnet werden. Bei unverletztem ideatorischem Entwurf waren die kinetischen Engramme geschädigt. Die Spontansprache war sehr eingeschränkt, Reihensprechen, Nach¬ sprechen und Lautlesen fehlten ganz bei richtigem Leseverständnis. Störungen der inneren Sprache und Dysarthrie waren nioht nachweisbar. Nach einem zweiten Insult nahm die Lähmung zu, und der Wortschatz war nooh mehr beschränkt. Die Autopsie des Gehirns zeigte die Rinde ungeschädigt; dagegen fand sich ein linksseitiger Herd im Gebiet von Capsula interna, Schwanz- und Linsenkern. Die mikroskopische Untersuchung ergab, daß der Herd den Schwanzkern, das Putamen des Linsenkerns, den vorderen Schenkel der Capsula interna und den vorderen Abschnitt des hinteren Schenkels derselben zerstört hatte. Die Balkenstrahlung ist geschädigt; auch ein Teil der Stabkranzfaserung von den Frontal Windungen sowie der Fasciculus uncinatus sind lädiert. Verf. nimmt an, daß die Zerstörung des vorderen Schenkels der inneren Kapsel mit Schwanz- und Linsenkern die 3. Frontalwindung völlig abgespalten hat. Doch sind auch die Stellen mög¬ licherweise getroffen, an denen, wie Mingazzini annimmt, eine Zusammenschal- tung der Ringe der Sprachregion und der operkularen Zentren stattfindet. Doch ist das Fehlen einer Dysarthrie dabei bemerkenswert. 16) A oaae of suboortioal or pure motor aphasla (Dejerine) or anarthria (Marie), by F. X. Der cum. (Journ. of nerv, and ment. dis. 1914. Nr. 3.) Ref.: Artur Stern. 32jähr. Amerikaner, irischer Abkunft, rechtshändig. Wassermann ++. Erkrankt 1 Tag vor der Aufnahme ins Hospital plötzlich mit einer Unfähigkeit zu sprechen und Schwäche der rechten Seite. Befand: leichte Hemiparesis dextra einschließlich Fazialis, deren unterer Ast gelähmt ist, und einer Abweichung der Zunge nach rechts. Geringe Sohluckbeschwerden. Leichter Babinshi rechts, keine Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 568 Sensibilitätsstörungen. Vollständiger Sprach verlast, kein artikulierter Laut wird her¬ vorgebracht. Weder „ja“ und „nein“, noch seinen Namen, noch irgendwelche Füllworte bringt er heraus, wie sie bei der Brocaschen Aphasie gewöhnlich noch vorhanden sind. Sprachverständnis völlig erhalten, ebenso Lesen und Schreiben (letzteres mit einigen Fehlern). Unter antisyphilitischer Behandlung allmähliche Besserung, so daß Pat. nach 3 bis 4 Wochen seinen Namen und gelegentlich andere Worte sprechen konnte, anfangs stark dysarthrisch. Aus der kompletten Anarthrie wurde unter der Beobachtung eine Dysarthrie. Das Krankheitsbild ent¬ sprach sowohl der Dejerineschen subkortikalen oder reinen motorischen Aphasie, wie der von Marie beschriebenen Anarthrie. Nach Ansicht vom Verf. hatte der Kranke eine umschriebene Bubkortikale Läsion, die daB Knie der Capsula interna und die angrenzende Partie des Linsen- kerns einnahm. (Danach ist die relativ stärkere Beteiligung des Fazialis gegen¬ über den Extremitäten der rechten Seite erklärlich, ebenso die Beteiligung des Hypoglossus und die geringe Schlucklähmung.) Keine Beteiligung der Rinde. Das Interessante des Falles ist der Übergang einer völligen Anarthrie in eine Dysarthrie unter der Beobachtung. Solch eine subkortikale Sprachstörung aber sollte man nicht Aphasie nennen. Dieses Wort sollte auf kortikale d. h. psy¬ chische Sprachstörungen beschränkt bleiben. Das Wort „Anarthrie“ scheint weit passender zu sein, denn es schließt eine Sprachstörung ein, die teils paralytisch, teils ataktisch, niemals aber intellektuell ist. 17) Ein Fall von transkortikaler motorisoher Aphasie mit Lähmung und Lesestörung, von Finzi. (Wiener klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 14.) Ref.: Pilcz (Wien). 38jähr. Mann, Nikotinmißbrauch, Lues wahrscheinlich, wenngleich W'asser- mannreaktion negativ, seit l 1 / 2 Jahren psychische Veränderungen, wie Reizbarkeit, Depression, Vergeßlichkeit, Intelligenzverfall. 1 / 2 Jahr später Sehstörungen, zeit¬ weise Schwächezustände der Gliedmaßen. Mitte Januar 1913, ohne Bewußtlosig¬ keit, ziemlich akut komplette rechtsseitige Lähmung mit Aphasie. Die Störungen besserten sich allmählich. Nach 3 Wochen schwand Störung des Sprachverständ¬ nisses, während Sprachvermögen weiter gestört blieb. Erst allmählich konnte Pat. einige Worte sprechen und mit der linken Hand einige Worte schreiben. Stat. praes.: Residuen rechtsseitiger Lähmung mit leichten Koutrakturerscheinungen, ohne Sensibilitätsstörungen. Rechtsseitige, homonyme Hemianopsie bei normalem Fundus. Keine gröberen Intelligenzdefekte. Spontansprache aufgehoben, Nach¬ sprechen erhalten, zum Teil paraphasisch, Sprachverständnis intakt. Reihensprechen bis zu einem Grade möglich, jedenfalls besser als Spontansprechen. Spontan- schreiben, mit einer gewissen Einschränkung, erhalten. Alexie. Verf. nimmt einen enzephalomalazischen Herd an im Bereiche des 3. Astes der linken Art. foss. Sylv., der zu einem Herde im Gyrus angularis geführt hat, und einen zweiten Herd im Bereiche des 1. und 2. Astes. Außerdem können auch diffuse Veränderungen des Gehirns angenommen werden. Die ausführlichen Untersuchungsprotokolle, sowie Literaturstudien mögen im Originale nacbgelesen werden. 18) Über traumatische motorische Aphasie, von Karl Romeick. (In&ugural- Dissert. Leipzig 1914.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. berichtet über einen eigenen Fall von traumatischer motorischer Aphasie und fügt 26 Krankengeschichten mit dem gleichen Symptomenbilde aus der neueren Literatur hinzu. Die traumatische Aphasie bietet eine bessere Prognose als die durch organische Hirnveränderungen bedingte nichttraumatische. In 8 von den zusammengestellten Fällen trat spontane Heilung ein, von 18 zur Operation ge¬ langten Fällen heilten 10 vollständig, 6 wurden bedeutend gebessert, während nur Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 569 in 2 Fällen der Erfolg der Operation ein unbefriedigender war. Betreffe letzterer schließt sich Verf. völlig den Forderungen Pueseps an: „Die operative Behandlung der traumatischen Aphasie ist in denjenigen Fällen durchaus indiziert, in denen nach dem Trauma rasche Wiederherstellung der Sprache nicht eintritt. Die Operation darf nicht auf die Entfernung der Knochensplitter beschränkt bleiben, vielmehr muß man auch die harte Hirnhaut eröffnen, da unter der wenig veränderten Hirnhaut häufig große Veränderungen der weichen Hirnhaut und der Hirnsubstanz selbst beobachtet werden. Auch in denjenigen Fällen, in denen trotz der augenscheinlichen Intaktheit der Knochen nach Schädeltrauma stabile Aphasie besteht, ist die operative Inter- vention indiziert, da unterhalb des anscheinend unveränderten Knochens bisweilen eine bedeutende traumatische Zyste vorhanden sein kann, durch deren Druck Aphasie bewirkt wird.“ 19) Die klinische Stellung der amnestischen und transkortikalen motori¬ schen Aphasie und die Bedeutung dieser Formen für die Lokaldiagnose besonders von Hirntumoren, von Georg Stertz. (Deutsche Zeitschrift f. Nervenheilk. LI. 1914. H. 3 bis 6.) Ref.: Kurt Mendel. Die Untersuchungen des Verf.’s beziehen sich auf 11 Fälle von amnestischer Aphasie, von denen acht durch Hirntumoren, einer durch einen apoplektischen Insult, einer durch Trauma und einer duroh Epilepsie hervorgerufen worden waren. Zum Vergleich wurden drei Tumoren des linken Stirnhirns herangezogen, die in ihrer Symptomatologie den Komplex der transkortikalen motorischen Aphasie enthielten. — Das Ergebnis seiner Untersuchungen faßt Verf. in folgenden Sätzen zusammen: 1. Zwischen der Wortamnesie als Symptom und der amnestischen Aphasie besteht kein prinzipieller Unterschied. 2. Allgemeine Störungen der Hirnfunktion (Benommenheit, Merkfähigkeits¬ und assoziative Störungen) vermögen die amnestische Aphasie nicht hervor¬ zubringen. Die letztere ist vielmehr als unabhängig von dergleichen Störungen anzusehen. 3. Sie hat als Lokalsymptom einer Läsion des Sprachgebietes zu gelten, und zwar des motorischen Anteils desselben und ist lokalisatorisch für das Bestehen eines Herdes in der Nachbarschaft der Wernickeschen Stelle zu verwerten. 4. Die transkortikale motorische Aphasie ist von der amnestischen Aphasie zu trennen und gibt in lokalisatorischer Beziehung einen Anhalt für einen Herd in der Umgebung der Broca sehen Stelle. 5. Beide sind in der Mehrzahl der Fälle nicht als selbständige Aphasieformen anzusehen, sondern als Verlaufsstadien von motorisch- bzw. sensorisch-aphasischen Störungen. 20) Zur Lokalisation der Wortfindung bsw. der amnestischen Aphasie, von A. Pick. (Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXV. H. 3.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). Verf. vertritt in Ausführungen, die sich nicht zum Referate eignen, gegen¬ über Äußerungen von Kehrer und v. Monakow seinen bekannten Standpunkt von der Möglichkeit der Lokalisation der amnestischen Aphasie im Schläfenlappen, und zwar in der 2. bzw. 3. Temporalwindung. 21) Un oas d’aphasle oomplete aveo hemiplögie droite par absoes d’origine otique du lobe temporal gauohe, par A. van Gebuchten et G. Goris. (Bullet. Aoad. roy. de m6d. deBelgique. XXVIII. 1914. Nr.4.) Ref.: W. Misch. Bei einem Fall von otogenem Hirnabszeß, der den unteren Teil des linken Temporallappens zerstörte und die zur oberen Temporalwindung gehörige weiße Substanz komprimierte, war zunächst keine Worttaubheit vorhanden, sondern Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 570 Paraphasie, als ob die zentripetalen Fasern des kortikalen Zentrums der akusti¬ schen Wort Vorstellungen verschont geblieben und nur die zentrifugalen Fasern, die den hinteren Teil der oberen Temporalwindung mit dem Fuße der Brocaßchen Windung verbinden, betroffen wären. Erst bei dem Zunehmen der Kompression bildete sich eine totale Aphasie aus und trat rasch Worttaubheit hinzu. Daß nur die Kompression der Fasern der weißen Substanz und nicht eine Zerstörung dei> Belben die ganzen Symptome hervorgebracht hat, geht daraus hervor, daß nach dem operativen Ablassen einer großen Menge des Eiters alle Symptome ver¬ schwanden. Auch die außerdem vorliegende rechtsseitige Hemiplegie ist nur durch eine indirekte Kompression der Fasern der Capsula interna zu erklären. 22) Bin Fall von partieller Seelenblindheit, optischer Aphasie und Aleade, von Sanitätsrat Dr. Herzog. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 19.) Ref.: Kurt Mendel. 35jähr. Patient war zwischen zwei Puffer geraten, für einige Zeit bewußtlos, Blut kam aus Nase und Mund, am Hinterkopf eine etwa 6 cm lange, bis auf das Periost reichende Wunde. Während Pat. alles, was man zu ihm sagt, von den Lippen lesend, versteht, erkennt er manches nicht: erstens die Schrift (weder Ge¬ drucktes noch Geschriebenes, auch seine eigene Handschrift nicht; Pat. schreibt einen Brief an seine Frau und kann ihn nachher nicht lesen), ferner manche Gegenstände (z. B. Schlüssel). Andere Gegenstände erkennt er wohl, kann aber die Wortbilder auf optischem Wege nicht flott machen, sie nicht bezeichnen (optische Aphasie; für Taschentuch sagt er z. B. „zum Wischen“). Von der Funk¬ tion einzelner Gegenstände (Portemonnaie, Messer) wußte er nichts; gab man sie ihm aber in die Hand, so erkannte er sie nach einigem Betasten und bezeichnete sie richtig; nahm man ihm aber den Gegenstand wieder fort, so konnte er ihn gleich darauf nicht mehr erkennen und nennen (Verlust der optischen Erinnerungs¬ bilder, d. i. Seelenblindheit). Also: Seelenblindheit, optische Aphasie und Alezie, bedingt durch ein Trauma, welches Blutungen in beide Hinterhauptslappen (es bestand konzentrische Einengung des Gesichtsfeldes!) und Schläfenlappeu und den von hier aus nach dem Klangbildzentrum (links oder beiderseits) ziehenden Bahnen verursacht hatte. Sehr auffallend ist, daß diese Seelenblindheit das Ablesen vom Munde, die Orientierung im Raum und das Erkennen violer Gegenstände doch gestattet, also durchaus partiell ist. 23) Über die Assoaiationsprüfung bei Kindern nebst einem Beitrag zur Frage der Wortblindheit, von G. Voss. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXVI. 1914. S. 340.) Ref.: W. Misch. Aus den Untersuchungen des Verf.’s ergibt sich, daß auch bei Kindern die Assoziationsprüfung gute Resultate gibt. Es fand sich gute Übereinstimmung zwischen dem Reaktionstypus einerseits und dem Alter und der geistigen Ent¬ wicklung andererseits. Zudem ist die Methode auch bei Kindern wertvoll bei der Aufdeckung von Komplexen, sowie insbesondere von gewissen Sprach¬ störungen, wie an dem eingehend geschilderten Fall von ,,Worthlindheit“ gezeigt wird. Zur Untersuchung genügt ein Schema von 20 Worten. Somit erweist sich die Methode der Assoziationsprüfung auch bei Kindern als eine brauchbare Er¬ gänzung der Intelligenzprüfung. 24) Perseveration und andere Meohanismen als Ursache agrammatiseher Erscheinungen nebst Bemerkungen über die Beziehungen des „Ver- schreibens“ zum „Versprechen 0 , von A. Pick. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXV. 1914. H. 5.) Ref.: K. Goldstein. Die kleine Arbeit stellt gewissermaßen eine Ergänzung zu der kürzlich er¬ schienenen Darstellung der agrammatischen Sprachstörungen von seiten des Vert’s dar. Verf. weist in ihr auf jene Defekte hin, die das Vorliegen agrammatiseher Störungen Vortäuschen können, vor allem auf die pathologische Perseveration. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 571 Wie er an zahlreichen Beispielen zeigt, kann gerade die Perseveration in ver¬ schiedenartiger Weise zur Entstehung eines — scheinbaren — Agrammatismus führen. Verf. betont mit Recht, daß es zu einer Klärung der komplizierten Ver¬ hältnisse beim Agrammatismus unbedingt nötig ist, diesem scheinbaren Agramma¬ tismus besondere Beachtung zu schenken. 26) Sur oertains troubles psyohiques observös dane raphasie, per Serge Davidenkof. (Revue neurologique. 1914. Nr. 12.) Ref.: G. Mingazzini. Auf Grund der Untersuchung zahlreicher Aphasiker jeder Art hebt Verf. hervor, daß sie eine typische Veränderung der Persönlichkeit aufweisen, welche sie, bezüglich ihres Charakters und ihrer Stimmung, untereinander sehr gleich macht. Diese Veränderung besteht in einem dauernden und ganz besonderen Zustand ihres affektiven Lebens, für welchen Verf. die Benennung „Syndrom der Sentimentalität der Aphasiker“ vorschlägt. Er entwirft ein vollständiges und sehr suggestives Bild dieses Syndroms, das, obwohl es nichts weniger als selten bei den Aphasikern beobachtet wird, weder in den großen Abhandlungen über die Aphasie, noch in den speziellen, den Geisteszustand der Aphasiker betreffenden Arbeiten beschrieben ist. 26) Mirror writing and other assooiated movements ooouring without palsy, by Charles W. Burr and C. B. Crow. (Journ. of nerv, and ment, dis« 1913. Nr. 5.) Ref.: Arthur Stern. Es handelt sich (bei einem 27jähr. Manne) um seit der Kindheit bestehende Mitbewegungen der Art, daß jede Finger- oder Handbewegung der einen von der anderen Seite in derselben Weise mitgemacht und entsprechend beim Schreiben mit der linken Hand Spiegelschrift geschrieben wird. Bei gespannter Aufmerk¬ samkeit lassen sich die Mitbewegungen (aber nur für kurze Zeit) unterdrücken. Nervensystem und psychisches Verhalten intakt. Eine Lähmung war nicht voraus¬ gegangen. Jede Tätigkeit, bei der beide Hände unabhängig voneinander arbeiten mußten, war erschwert; so fiel Pat. z. B. beim Seilklettern auf dem Schiff herunter. Es kann sich um einen mangelhaft ausgebildeten Hemmungsapparat handeln, der — auch in der Entwicklung des Kindes — die Einzelbewegungen isolieit, es konnte aber auch eine komplette doppelseitige Vertretung der Hände in der motorischen Hirnrinde vorliegen. 27) Kasuistik, a) Ein Fall von linksseitiger Hemiplegie mit leichten Sohreibstörungen der rechten Hand bei einem Linkshänder; b) Muskel¬ wogen in einem hypertrophischen Triceps snrae und Abduotor halluols bei einem neurotisch Deprimierten; c) Meningomyelitis mit Spondyloste luetioa cervioalis bei einem Patienten .mit leichter Diatematomyelie, unter dem Bilde einer progressiven spinalen Muskelatrophie; d) Bin Fall von infantiler Pseudobulbärparalyse, von A. Gans. (Zeitsehr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XIX. H. 3.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). a) Bei einem Linkshänder, der stets mit der rechten Hand geschrieben hatte, zeigten sich beim Auftreten einer linksseitigen motorischen und sensorischen Hemi¬ plegie, die auch mit motorischer Amusie verbunden war, geringe Störungen beim Schreiben mit der rechten Hand (Fehler in der Wiedergabe der Form einzelner Buchstaben) ohne Apraxie und Astereognose. b) Auf Grund deB Elektromyogramms wurde eine psychogene Natur des Zitterns, das auch im Schlafe fortbestand, ausgeschlossen. Verf. nimmt eine spinale Lokalisation für dasselbe an. c) Die Frau des Pat. hat wiederholt abortiert. Pat. hat lichtstarre Pupillen, stark positiven Wassermann im Blute, eine Alopecia areata, die sehr verdächtig auf Lues erschien. Außer dem Bilde einer ziemlich ausgebreiteten progressiven Muskelatrophie, die die beiden oberen Extremitäten asymmetrisch ergriffen hatte, fand sich eine scharf umgrenzte Herabsetzung der Sensibilität für alle Qualitäten, Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 572 rechts im Gebiete der oberen, links in dem der unteren Zervikalsegmente, Schmerzen im Halse und in der rechten Schultergegend, die abends etwas heftiger wurden, leichte Blasenbeschwerden, gesteigerte Patellarsehnenreflexe, abnormer Fußsohlenreflex links. Eine vorhandene Spondylose der Halswirbelsäule, die zur Erklärung der Erscheinungen nicht ausreicht, wird unter näherer Begründung als luetisch erklärt. Außerdem bestanden ein Satyrschwanz, eine eigentümliche Ver¬ bildung der Analgegend, breite Lendenwirbel, angeborene Hohlfüße als Ausdruck einer leichten Diastematomyelie, die als prädisponierendes Moment für die Er¬ krankung aufgefaßt wird. Unter antiluetischer Behandlung bildeten sich die Motilitätsstörungen etwas, die Sensibilitätsstörungen völlig zurück. d) Einer der seltenen Fälle von juveniler Pseudobulbärparalyse ohne Mit¬ beteiligung der Extremitäten — paralytische Form der infantilen Pseudobulbär¬ paralyse extrauteriner Ätiologie nach Peritz —, die im Anschluß an eine fieber¬ hafte Erkrankung im Alter von etwa 1 / 2 Jahr entstand. Seit einem Jahre be¬ standen bei dem 14jähr. Knaben Jacksonsche Anfälle. 28) Die Komponenten des musikalischen Leistungsvermögens, von Alt (Wiener med. Wochenschr. 1914. Nr. 12.) Ref.: Pilcz (Wien). Verf. erörtert hauptsächlichst, nach Besprechung der Literatur, die verschiedenen Typen der „moteur“ usw. in ihren Beziehungen zur musikalischen Befähigung; bei Musikalischen prävalieren die akustischen Empfindungen, bei musikalisch weniger Begabten die Muskelinnervationsempfindungen, eine scharfe Grenze gibt es übrigens nicht. Zu kurzem Referate nioht geeignet, jedoch allen Interessenten zu eingehendem Studium empfohlen. 29) Bemerkungen su v. Monakows Kapitel „Die Lokalisation der Apraxie“ in seinem Bnoh: Die Lokalisation im Großhirn, von H. Liepmann. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXV. 1914. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. zeigt, wie er von v. Monakow („Lokalisation im Großhirn“ [s. d. Centr. 1914. S. 503]) mißverstanden worden ist. v. Monakow seien bezüglich der Agnosie und Apraxie zahlreiche Irrtümer im Verstehen der Loschen Arbeiten unterlaufen (die einzelnen Stellen des Monako wachen Buches werden kritisch besprochen), auch seine Di aschisislehre könne durchaus nicht allgemeine Geltung beanspruchen. Besonders irrtümlich Bei die Ansioht Monakows, daß L. den Hauptsitz der Apraxie in die vordere Balkenregion verlege. 80) Un oas d’agönösie partielle du oorps oalleux, par Roubinowitsch et Barde. (Nouv. Iconogr. de la Salpetr. 1913. Nr. 6.) Ref.: E. Bloch. Ein 4 Jahre alter Kranker, komplette Idiotie. Kann nioht gehen und stehen wegen Unfähigkeit, sich im Gleichgewicht zu erhalten. Intelligenz ist Null. Er versteht nichts, spricht nichts, kann nicht allein essen, ist vollständig unsauber usw. Hingestellt, fällt er sofort um, Interesse an der Umgebung nicht zu bemerken. Exitus an Bronchopneumonie. Sektion: Ein merklicher Unterschied zwischen den beiden Hemisphären schon beim Abziehen der Dura zu bemerken. Biegt man die Hemisphären ganz leicht auseinander, sieht man im Grunde der Fissura hemi- sphärica keine Spur von Balken. Trennt man die Hemisphären ganz auseinander, so sieht man unterhalb der Balkenwindung eine starke Kompression, welche den Platz zwischen den Hemisphären und dem Thalamus einnimmt; man sieht nur eine dünne Membran, vermutlich den Rest des Trigonums. Von der Balkenkommissur nicht eine Spur zu sehen. Macht man jetzt einen Horizontalschnitt durch beide Hemisphären, so sieht man ein Band von weißer Substanz an der Innenwand der Seitenventrikel verlaufen, welches den Lobus occipitalis und den Lobus frontalis verbindet. Es ist also eine Spur von Balkenkommissurfasern in jeder Hemisphäre vorhanden. Es ist eine Bestätigung der Ansicht von Lassalle-Archambault, Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 573 daß in den Fällen von Fehlen des Balkens es sich nur um das Fehlen der eigent¬ lichem Balkenkommissur handelt. 31) Zwei Fälle von Verblödung im späteren Säuglingsalter mit vorüber¬ gehenden Halbseiten er s oheinungen (Apraxie einer Hand), von K. Tei¬ gast. (Monatsschr. f. Kinderheilk. XIII. H. 6.) Ref.: Zappert (Wien). Bei zwei bisher gut gediehenen Säuglingen stellten sich plötzlich Krämpfe ein, die nicht eigentlich konvulsivischen Charakter besitzen, sondern durch Auf¬ schrecken, Atemstillstand und tonische Parese sich charakterisieren; letztere ist bei dem einen Fall vorwiegend auf einen Arm beschränkt. Bei beiden Kindern zeigt sich im weiteren Verlaufe eine Hemiparese, die namentlich eine Hand betrifft. Diese Parese geht allmählich zurück und es resultiert schließlich eine auffällige geistige Trägheit, die sich in Idiotie um wandelt. Wahrscheinlich bandelt es sich um eine diffuse Hirnsklerose. 32) Expression simultane© d’ömotions differentes sur les deux moities du vlsage (diplomimique), par F. Regnault. (Compt. rend. Soc. de biol. LXXVI. 1914. Nr. ft.) Ref.: W. Misch. Es wird darauf hingewiesen, daß viele Gesichter in beiden Hälften einen verschie¬ denen Ausdruck darbieten, und zwar findet sich der eigentliche oder der ausgepräg¬ tere Ausdruck meist auf der rechten Gesichtshälfie, während die linke Gesichtshäifte entweder gar keinen oder den gewöhnlichen Gesichtsausdruck hat. Es scheint dem¬ nach, als ob die meisten Menschen, ebenso wie Bie Rechtshänder sind, auch bezüglich ihrer Gesichtsmimik Rechtser sind. Am besten kann man dies bei leichten Emotionen beobachten, die sich unter Umständen allein auf der rechten Gesichtshälfte aus- drücken, während die linke ihre gewöhnliche Physiognomie beibehält; die rechte drückt das Gewollte, die linke das Unbewußte aus. Es werden verschiedene be¬ kannte Porträts als Beispiele angeführt, so Leonardos Giaconda, die nur mit der einen Seite lächelt, und das Selbstporträt des alten Reinbrandt in der Londoner National Gallery, dessen rechte Gesichtshälfte mit den angespannten Muskeln den intensiv arbeitenden Künstler zeigt, während die linke Hälfte mit ihren schlaffen Zügen ein Bild des vom Leben und vom Alkohol verwüsteten Menschen gibt. 33) Observation« on the preferential use of the right and the left bands by monkeys, by S. J. Franz. (Journ. of amer. behaviour. III. 1913. Nr 2.) Ref.: K. Boas. Die Beobachtung von 6 Affen ergab, daß einer von ihnen eine besondere Vorliebe für die Benutzung der rechten, zwei der linken Hand zeigten. Doch sind die Untersuchungen noch zu wenig zahlreich, als daß man über die Bevor¬ zugung des Gebrauchs der einen oder der anderen Hand beim Affen irgend etwas Bestimmtes aussagen könnte. 84) Die Asymbolien, von A.Mochi. (Siena. 1914.) Ref.: G. Mingazzini (Rom). Diese unter der Leitung von Prof. Fragnito (Siena) ausgeführte Arbeit ist das beste und wichtigste, was man bis jetzt über die Pathogenese und die klinische Bedeutung der Asymbolien kennt. Nachdem Verf. mit bewunderungswürdiger Klarheit der Ausdrucksweise die optischen und taktilen Asymbolien von allen anderen äußerlich ähnlichen Störungen deutlich unterschieden hat, behandelt er in dem ersten Teil der Arbeit die optischen Asymbolien und verbreitet sich be¬ sonders über die sicherste Art und Weise, sie klar zu legen. Die semiologische Analyse der genannten Asymbolien wird durch gut gewählte klinische Kranken¬ geschichten belegt, unterstützt durch Erfahrungen über das Sehgedächtnis, die symbolische Wahrnehmung und Orientierungsstörungen. Ein besonderes Studium ist den sensorischen und motorischen Störungen gewidmet (sekundäre Dyspraxie), welche Verf. ganz vorzüglich von den primären Apraxien unterscheidet. Der zweite Teil der Arbeit ist den taktilen Asymbolien gewidmet, und hier setzt der Autor, nachdem er alle klinischen Krankengeschichten, weiche Bich auf Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 574 — Sprachstörungen beziehen, kurz zusammengefaßt hat, mit seinen selbständigen Untersuchungen ein, welche das vorläufig noch dunkle Rätsel, die Pathogenese der Stereagnosie, zu beleuchten bestimmt sind. Er schließt dieses Kapitel mit einer sehr gründlichen klaren Analyse der Interpretationen der anatomischen Befunde bei an derartigen Störungen leidenden Patienten. Verf. folgert nach meiner Meinung sehr logisch, daß die Hirnsphäre, in welcher die Läsionen auftreten, sehr ausgedehnt ist, daß sie sich jedenfalls längs des Gebietes erstreckt, welches die sensomotorische Sphäre mit der äußeren Fläche des Okzipitallappens verbindet, und in der Tat beweist auch mein vor mehreren Jahren veröffentlichter Fall, daß wenigstens vorübergehend auch die Läsion der präzentralen Stirnwindung eine Stereagnosie hervorrufen kann. Bei einer Patientin, welche an einem Tumor des unteren Drittels der präzeutralen Stirnwindung litt, wurde Stereagnose der Hand auf der entgegengesetzten Seite konstatiert, eine Störung, welche sofort verschwand, nachdem die von mir dia¬ gnostizierte Geschwulst entfernt worden war. Ich muß schließlich der Behauptung des Verl’s vollständig beistimmen, daß nicht jede Läsion des Thalamus immer Stereagnosie hervorrufen muß. Das sogen. Dejerine-Roux-thalamische Syndrom ist nur eins von den vielen infolge von Läsionen des Thalamus auftretenden Syndromen. Diese Ansicht ist bereitB Gegenstand einer Untersuchung meines Assistenten Dr. Piazza gewesen, und seine Schlußfolgerungen stimmen vollständig mit denen des Verf.’s der besprochenen Arbeit überein. 35) Über das Wesen des Stotterns, von E. Frösch eis. (Wiener med. Wochenschr. 1914. Nr. 20.) Ref.: Pilcz (Wien). Nach Besprechung der Symptomatologie wendet sioh der Verf. vor allem gegen die Kussmaulsche Definition „spastische Koordinationsneurose“ bei der Silben¬ bildung, da er auch Patienten beobachten konnte, welche bei einem isolierten Laut stotterten. Der Verf. hält diese Konstatierung für um so wichtiger, als bei Annahme einer Silbenstörung allein eine psychologische Erklärung des Übels kaum möglich wäre und die rein mechanische Deutung der Kussmaul-Gutzmann- scheu Richtung zu Recht bestände, gegen die auch sonst so vielerlei spricht. Das Stottern hat auch verschiedene Entstehungsmöglichkeiten. Am häufigsten ist das sogen. Entwicklungsstottern, das in einem frühen Stadium auftritt und als reine Silbenwiederholung sich darstellt. Als Ursache dafür konnte Verf. ein fehlendes Wort oder einen fehlenden Begriff bei starkem Sprachdrang des Kindes feststellen. Diese initiale Störung ist fast physiologisch. Erst wenn das Kind auf diese geringfügige Sprachhemmung (sensorischer Art) aufmerksam wird und sich, meist durch Zwang von der Umgebung, veranlaßt sieht, sie zu überwinden, kommt es zu übermäßigen motorischen Anstrengungen, die fälschlich als Krampf beschrieben werden. Dann tritt Sprechfurcht dazu, da ja die Kleinen den senso¬ rischen Grund ihrer Sprachstörung nicht kennen und nur die motorische Hem¬ mung fühlen. Sie beginnen deshalb an „schwere Buchstaben“ und „schwere Worte“ zu glauben, ein Gedanke, der von nun ab immer wieder zu Hemmungen führt, die dann auf die gewohnte Art überwunden werden. Die Kussmaul- Gutzmannsche „Krampftheorie“ erscheint nach diesen Ausführungen nicht als stichhaltig. 36) Stottern und Nystagmus, von E. Frösch eis. (MonatBschr. f. Ohrenheilk. u. Laryngo-Rhinologie. XL1X. 1915. H. 2 u. 3.) Ref.: K. Boas. Bei Stottern sah Verf. niemals Nystagmus auftreten, wohl aber oft tonisches Verdrehen der Augen nach einer Seite. In allen am Stottern beteiligten Muskel¬ gruppen treten tonische und klonische Bewegungsstörungen auf, die auf abnormen Bewegungen beruhen, welche aus willkürlichen Bewegungen hervorgegangen sind und auch immer in einem gewissen Zusammenhänge mit dem Willen stehen. Digitized by Go. igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 575 37) Ein Beitrag zur Kasuistik des Stotterns, von Titius. (Allgem. Zeitsohr. f. Psychiatrie. LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz). Bei Geisteskrankheiten kommt es zu mannigfachen Veränderungen der Sprache, darunter auch zu solchen im Sinne des Stotterns. Im Gegensätze, dazu berichtet Verf. über 2 Fälle (Kalatonie und manisch-depressives Irresein), bei welchen in Zeiten heftigster Erregung der angegebene Fehler des Stotterns vollkommen ver¬ schwand, in der Buhe aber sich wieder einstellte. Ursache dafür sind Affekte, welche Euphorie und gehobenes Selbstbewußtsein erzeugten und die gewöhnlichen ängstlichen Vorstellungen, welche beim Stottern eine Bolle spielen, unterdrückten. Tetanus. 38) Zur Magnesiumbehandlung des Tetanus, von Kurt Strohmeyer. (Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 28.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Verf. berichtet über fünf mit Magnesium behandelte Tetanusfälle, DieBesultate waren schlecht: 80°/ 0 Mortalität. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß zwei der Gestorbenen mit schweren Pneumonien in die Behandlung traten. Be¬ merkenswert ist, daß in zwei Fällen eine weitgehende Anästhesie auftrat; die Magnesiumeinführung erfolgte subdural nach Auswaschung des Subduralraumes mit physiologischer Kochsalzlösung. In dem einen Falle stellte sich ein Deoubitus ein von einer Ausdehnung und Schwere, wie man ihn sonBt nur bei tropho- neurotischen Störungen beobachtet. Als konstante Wirkungen waren Schlaf, Auf¬ hören der Krämpfe, Herabsetzung des Muskeltonus und der Beflexerregbarkeit und Verlangsamung der Atmung festzustellen. Atmungsstörungen traten nie ein. Zur Anwendung gelangten kleine Dosen; das prompte Abklingen der Symptome er¬ mutigt den Verf., die Anwendung größerer Dosen für später ins Auge zu fassen. Die schlechten Besultate führt er auf die außerordentliche Schwere der Fälle zurück. 39) Zur Serumprophylaxis bei Tetanus traumatious, von J. Dubs. (Korre- spondenzbl. f. Schweizer Ärzte. 1915. Nr. 20.) Ref.: K. Boas. Verf. berichtet über einen 17jährigen Menschen mit Verletzung am rechten Unterarm. Es wurde eine zweimalige prophylaktische Injektion von Tetanusserum, und zwar nach einer und nach 24 Stunden, vorgenommen. Nach 2 l / 2 Tagen erfolgte Amputation, nach 5 Wochen ging der Pat. an Tetanus zugrunde. Im Anschluß an den geschilderten Fall erhebt Verf. die Forderung, daß die prophylaktische Seruminjektion während eines Zeitraumes bis zu 5 Wochen in kürzeren Intervallen, z. B. alle 7 bis 12 Tage, wiederholt werden müsse. Die Menge des zu injizierenden Serums ist höher, als man es bisher tat, zu bemessen. Bei der Lokalbehandlung dürfen die regionären Lymphdrüsen nicht außer acht gelassen werden, da sie der Sitz von Bazillen sein können. Wenn man genötigt ist, zur Amputation zu schreiten, so soll man die regionären Lymphdrüsen stets mit entfernen. 40) Über die Behandlung des Tetanus mit subkutanen Injektionen von Magnesium sulfurioum, von Fr. Reingruber. (Inaug.-Dissert. Göttingen 1915 u. Therapeut. Monatsh. 1915. März.) Ref.: K. Boas. Zwei aus der Göttinger Universitätskinderklinik mitgeteilte Fälle beweisen, daß durch große gehäufte Magnesiumdosen es gelingt, auch wenn die Krankheit noch im Fortschreiten begriffen ist, die Anfalle und namentlich auch den all¬ gemeinen Spasmus wirksam zu bekämpfen. Verf. betont jedoch ausdrücklich, daß man bösartige Fälle von Tetanus auch hiermit nicht wird beeinflussen können, weder bei Neugeborenen, wie Verf. selbst in einem Falle sab, noch bei Erwachsenen. Bei leichten Fällen von Tetanus ist die subkutane Magnesiumbehandlung überflüssig. Die Aufgabe dieser Methode ist es vielmehr, mittelschwere und schwer Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 576 protrahierte Fälle — jedoch nicht schwerste Fälle —, die durch Behinderung der Atmung und der Nahrungsaufnahme und Erschöpfung zugrunde zu gehen drohen, durch symptomatische Linderung von Spasmus und Anfällen über die schwerste Zeit hinwegzuhelfen. Die subkutane Magnesiumtherapie dürfte sich folgendermaßen gestalten: Technik: Bei einem Kinde verwende man 20- bis 25°/ 0 ige, bei Erwachsenen nach Usener (Münchener med. Wochenschr. 1914) 40- bis 50°/ o ige Lösung von Magnesium sulfuricum cristallisatum. Als Lösungsmittel .nehme man entweder frisch destilliertes Wasser oder reines Leitungs wasser, filtriere und koche es vor Gebrauch auf. Die Kanüle wird so tief eingestochen, daß man unter das Fett gerade auf die Faszie gelangt; mit einer mit physiologischer Kochsalzlösung ge¬ füllten Spritze injiziert man ein wenig davon; liegt die Kanüle richtig, so ent¬ steht keine Quaddel. Jetzt erst injiziere man mit einer anderen Spritze die Magnesiumlösung. Danach kann man noch einmal vermittelst der Kochsalzspritze die Kanüle mit physiologischer Kochsalzlösung füllen, damit beim Heraußziehen kein Magnesium in das Fett gelangt. Doch ist dieser Akt nicht so notwendig wie bei Neosalvarsan. Diese Wechselmann sehe Technik hat sich hier ebenso wie bei Neosalvarsan bewährt. Dosierung: Die Einzeldose beträgt 0,2 pro Kilogramm Körpergewicht; doch mag man sich zu Anfang mit 0,16 bis 0,18 begnügen. Die Wiederholung der Einspritzung erfolgt in 2- bis 3 ständigen Intervallen, bis eine gewisse Wirkung erzielt ist; also z. B. vormittags bis in die frühen Nachmittagsstunden. Dann ist eine längere, selbst über 12ständige Pause möglich und wenigstens zweifellos größere Intervalle ratsam. Am nächsten Morgen beginne man in derselben Weise. Die Methode ist bereits von Usener zur Behandlung des Kriegstetanus mit Erfolg verwendet worden. 41) Tetanuslnfektion einer Fremdkörperstichverletzung der Orbita mit Zurückbleiben des Fremdkörpers ohne Ausbruch des Tetanus, von R. Nüremann. (Inaug.-Dissert. Gießen 1914.) Ref.: K. Boas. Ein 15jähriger Weißbinderlehrling, der mit dem linken Auge auf einen im Chausseegraben liegenden, mit Dorngestrüpp bedeckten spitzen Stein gefallen und 1 / 2 Stunde bewußtlos geblieben war, wurde am nächsten Tage in die Augen¬ klinik eingeliefert. In dem stark geschwollenen linken oberen Augenlid befand sich in der einen Hälfte eine mit Eiter bedeckte, unregelmäßige, gequetschte Hautwunde. Bulbus stark vorgetrieben, nach unten außen verdrängt, schwer be¬ weglich, namentlich nach oben. Zwischen den Lidern quillt die chemotiscbe Binde¬ haut hervor. Starker Schmerz in der Orbita. Bei Druck auf das Lid entleert sich aus der Wunde blutig-eitriges Sekret mit Luftblasen. Fundusbild normal. Sehschärfe ®/jo bis 6 / 7 t ß. Temperatur über 38°. Im Röntgenbild kein Fremd¬ körper sichtbar. Zur Vorsicht Einspritzung von 20 I.-E. Tetanusantitoxinserum. In den drei ersten Tagen war die Temperatur etwas erhöht, dann immer unter 37°. Trotz Abnahme der Lidschwellung Zunahme der Eiterung aus der Lidwunde bei gleichbleibender Stellungsveränderung und Beweglichkeitsstörung des Auges. Nach 4 Tagen wurde hinter der Mitte des oberen Augenhöhlenrandes in der Orbita eine Resistenz sichtbar, die auf Druck nicht schmerzhaft war. In tiefer Narkose Inzision. In der Tiefe wird fest eingekeilt ein 3 l / 2 cm langes und Vs 0 ™ dickes Stück eines Strauchastes gefunden, das sich nur schwer extrahieren ließ. Von dem Fremdkörper wurden Tetanusbazillenkulturen gewonnen, die für Mäuse und Meerschweinchen virulent waren. Es wird eine zweite und nach einigen Tagen eine dritte Injektion von je 20 I.-E. Tetanusantitoxin gemacht. Die zur Wund¬ tamponade benutzten Gazetampons wurden mit Tetanusantitoxin durchtr&nkt. Dauernde Eiterabsonderung aus der Wunde und Stellungsveränderung des Auges mit schwerer Beweglichkeitsstörung. Bei einer 14 Tage nach der letzten Injektion Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 577 aasgeführten Sondierung der Orbitalwande kommt mit etwas Eiter ein kleiner borkenähnlicher Fremdkörper aus der Wunde hervor, und unter dem Orbitaldache wird wieder eine Resistenz fühlbar. Nochmals tiefe Inzision und Entfernung eines gleich großen Fremdkörpers, die andere Hälfte des Strauchastes. Auch an diesem Fremdkörper wurden noch virulente Tetanusbazillen in Kultur- und Tierexperi¬ ment nachgewiesen. Daraufhin eine vierte Injektion von Tetanusantitoxin. Nun¬ mehr tritt bald völlige Heilung ein. 3 Monate nach der Verletzung war der Pat. völlig wiederhergestellt. Der vorliegende Fall beweist von neuem, daß eine frühzeitige Injektion von Tetanusantitoxin den Ausbruch des Tetanus trotz starker Wirkung der Bazillen zu verhüten imstande ist. Den fünf Heilungsfallen, in denen Tetanusantitoxin angewendet wurde, stehen neun Fälle gegenüber, in denen trotz der Anwendung des Serums der Exitus letalis eintrat. Diese zweifelhafte Wirkung des Tetanusantitoxins nach ausgebrochener Erkrankung hat sich auch bei von irgend einer anderen Stelle des Körpers ausgehendem Tetanus bestätigt, ebenso wie die rechtzeitige prophylaktische Injektion auch dort stets gute Erfolge gebracht hat. 42) Qlyzdrlnpho8phorsatirea Magnesium (Merok) als Ersatz für Magnesium¬ sulfat bei der Behandlung des Tetanus, von G. Zuelzer. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 26.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. geht von der Annahme von Meitzer (vgl. d. Centr. 1915. S. 401) aus, daß dem Magnesiumsulfat bei intraspinaler Anwendungsweise eine in gewissem Sinne kausale Wirkung zukommt. Er warnt davor, zwecks Lumbalpunktion den Patienten zu ätherisieren; er hat in mehreren von vornherein schweren Fällen infolge der Narkose ernste Kollapse erlebt, die zweimal zum Tode führten. Die Kombination von Magnesium mit Schlafmitteln ist nach Verf. verhängnisvoll. Verf. hat nun das Magnesiumsulfat durch das glyzerinphosphorsaure Magnesium ersetzt in der Annahme, daß die Glyzerinphosphorsäure als Spaltungsprodukt des Lezithins dem Nervengewebe, in welchem das Magnesium seine blockierende Wirkung auszuüben hat, adäquater sein müßte, von ihm leichter aufgenommen werden würde als das Sulfat. Das glyzerinsaure Magnesium wird in der Höchst- konzentration von 25°/ 0 in sterilen Ampullen von je 5 und 10ccm von Merck geliefert. 10 ccm der 25°/ 0 igen Lösung können anstandslos intravenös injiziert werden, ohne eine merkbare Alteration des Pulses herbeizuführen. Intramuskuläre und intravenöse Einspritzung wurden gut vertragen und kaum als schmerzhaft empfunden. Beide Einspritzungsarten haben eine augenblickliche Wirkung: die Krämpfe — selbst schwerste — hören sehr schnell auf; alle 3 bis 4 Stunden je 10 ccm injiziert genügen, um die Krämpfe vollkommen latent und den Patienten fast schmerzfrei zu halten. In schweren Fällen sind 5 ccm intralumbal zu in¬ jizieren. Verf. hat tagelang 10 bis 20 g der 25 °/ 0 ig e n Lösung pro die ohne die geringsten Schädigungen injiziert. Er schildert ferner einen Fall, der die Über¬ legenheit des Merck sohen Präparates vor dem Sulfat erkennen läßt. 43) Über die „Fibrillentheorie* 4 und andere Fragen der Toxin- nnd Anti-* toxinwanderung beim Tetanus, von L. Aschoff und H. E. Robertson. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 26 u. 27.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Die VerfF. kommen zu folgenden Schlußfolgerungen: 1. Bei bereits eingetretener Tetanuserkrankung, d. h. bei der gewöhnlichen durch Trismus charakterisierten deszendierenden Form, ist eine sofortige intra¬ venöse Injektion von 20 A.-E. geboten. Wenn der Zustand des Verwundeten es gestattet, kann daran eine subarachnoidale, zervikale oder lumbale Injektion von 20 bis 100 A.-E. angeschlossen werden, welch letzterer eine Beckenhoohlagerung folgen muß, wenn sie überhaupt Bedeutung haben soll. Alle subkutanen Injek¬ tionen, auch in mehrstündlichen Wiederholungen, sind entweder zwecklos oder ersetzen wenigstens die sofortige intravenöse Injektion in ihrer Wirkung nicht, XXXIV. ' 37 Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 578 bedeuten daher, besonders bei Anwendung großer Dosen, eine nach unsern bis¬ herigen Kenntnissen der Toxin- und Antitoxinwanderung nicht gerechtfertigte Ver¬ schwendung des kostbaren Materials. 2. Dagegen kann gegen eine etwa in wöchentlichen Zwischenräumen vor- genommene wiederholte Injektion von 20 A.-E., diesmal subkutan, oder gegen die Anwendung von Antitoxinverbandstoffen nichts eingewendet werden. Vielmehr ist eine solche Wiederholung aus prophylaktischen Gründen immer geboten, wenn etwa ein späterer chirurgischer Eingriff an der verletzten Extremität geplant wird. 3. Für die prophylaktische Injektion des Tetanusantitoxins gilt als erste Vorschrift, daß dieselbe so früh wie irgend möglich, wenn angängig noch inner¬ halb der ersten 24 Stunden nach der Verletzung, subkutan oder intravenös ge¬ geben wird. Im Notfälle kann die Injektion durch Begießen des Verbandstoffs mit Antitoxin ersetzt werden. Die Herstellung und Benutzung von gebrauchs¬ fertigem, trockenem Antitoxinverbandstoff ist wünschenswert und nicht aussichtslos. Sie würde die Wirkung der späteren Injektion nur unterstützen. 4. Der Schutz einer prophylaktischen Antitoxininjektion dauert praktisch eine Woche. Wunden, die sich bis dahin nicht gereinigt haben, würden am 8. Tage mit Antitoxinverbandstoff zu verbinden sein. Jedem am 8. Tage oder später vorzunehmenden chirurgischen Eingriff an einer verletzten Extremität mit ungereinigter Wunde sollte eine erneute Antitoxininjektion von 20 A.-E. entweder subkutan 24 bis 48 Stunden oder intravenös kurz vor der Operation vorausgehen. 44) Serumexanthem mit Grünsehen nach Einspritzung von TetanuBanti- toxin, von Fritz Callomon. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 27.) Ref.: E.Tobias. Verf. schildert einen Fall von Kriegsverletzung, bei dem ein Musketier am 13. Tage nach einer subkutanen Einspritzung von 100 I.-E. Tetanusantitoxin Höchst einen Temperaturanstieg auf 38,1 bekommt, Kopfweb, Gliederschmerzen und ein juckendes, frischrotes Exanthem; serpiginös begrenzte Flecken und Rötungen von urtikariellem Charakter am ganzen Körper, doch weniger am Stamm als an den Extremitäten, besonders an deren Streckseiten, zum Teil schon nach Stunden, zum Teil in den nächsten 3 bis 4 Tagen abblassend; die quaddelartigen Herde nehmen dabei zentral einen lividen Farbenton an. Am Tage des Ausbruchs sieht Pat. alles um sich herum und an sich selbst nur in grüner Farbe, eine Erscheinung, welche mehrere Stunden andauert, um nach völligem Abklingen nor¬ maler Farbenempfmdung zu weichen. Psychologie. • 45) Leitfaden der physiologischen Psychologie in 16 Vorlesungen, von Th. Ziehen. (10., völlig umgearbeitete Auflage. Jena, Gustav Fischer, 1914.) Ref.: Bratz (Dalldorf). Ziehens physiologische Psychologie, eine der bedeutendsten Veröffentlichungen in seinem bisherigen Lebenswerke, ist ein Buch, dessen Darstellungsart auch die¬ jenigen rühmen, welche grundsätzlich auf einem anderen Standpunkt stehen. Dieser Leitfaden ist aber in seinen früheren Auflagen an dieser Stelle so oft be¬ sprochen worden, daß eine Würdigung des Buches sich erübrigt. Es genügt daher, bei der vorliegenden 10. Auflage darauf aufmerksam zu maohen, daß sie völlig umgearbeitet, mit dem neuesten Literaturnachweise und mit genauer Beschreibung aller messend-psychologischen Methoden versehen ist. Ein sorgfältig bearbeitetes Sach- und Personenregister erleichtert rasches Nach¬ schlagen bestimmter Gegenstände. 46) Fortschritte der Psychologie und ihrer Anwendungen. Bd. II. H. 4. Januar 1914. Ref.: Th. Ziehen. Psychiatrisches bzw. neuropathologisches Interesse bietet in diesem Heft außer drei kürzeren Mitteilungen von Pick (Zur Psychologie der Abstraktion, Zur Psycho- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 579 logie der sogen. Impersonalien, Zar Psychologie des pathologischen Plagiats) namentlich die zusammenfassende Darstellung von v. Frey „Neuere Untersuchungen* über die Sinnesleistungen der menschlichen Haut“. Auch diejenigen, welche den Freyschen Standpunkt nicht teilen, werden diese übersichtliche und klare Zu¬ sammenstellung seiner Ansichten willkommen heißen. Insbesondere berücksichtigt Verf. dabei auch seine neueren, in der Zeitschrift f. Biologie veröffentlichten Forschungen über die Verschmelzung und die räumlichen Eigenschaften der Haut¬ empfindungen. Auch auf die Ausführungen über die Hitzeempfindungen, welche in der Neuropathologie noch lange nicht die ihnen gebührende Beachtung gefunden haben, sei speziell hingewiesen. Auch die Arbeit von Peters und Nömeöek „Massenversuche über Erinnerungsassoziationen“ ist für die Pathologie interessant. Die Verff. riefen den Versuchspersonen (Schülern der Handelsakademie und Volks¬ schülern) ein Reizwort zu, und diese hatten den Auftrag, darauf mit einer Er¬ innerung an ein persönliches Erlebnis zu reagieren. Durch Fragen wurde dann festgestellt, ob und wie das Erlebnis selbst beim Erleben gefühlsbetont war, ob auch im Augenblick des Erinnerns ein Gefühlston vorhanden war usf. Im ganzen blieben nur 12 °/ 0 der Versuche ohne Reaktion. Die meisten der erinnerten Er¬ lebnisse (80 bis 86°/o) waren gefühlsbetont, und zwar wurden lustbetonte Erleb¬ nisse häufiger reproduziert als unlnstbetonte. Mit dem Alter scheint der Prozent¬ satz der reproduzierten lustbetonten Erlebnisse zuzunebmen. Die Verff. nehmen an, daß „der Mensch erst allmählich lernt, die Unlust abzuwebren, indem er das Aufsteigen von Erinnerungen an unlustbetonte Erlebnisse unterdrückt“. Auf die Pubertät ist es nach den Verff. wohl zurückzuführen, daß doch andererseits die 16jährigen Handelsakademiker in größerer Zahl mehr unlustbetonte als lust- betonte Erlebnisse erinnern (im Gegensatz zu Volksschülern und Erwachsenen). Die Pubertät bedingt nicht nur eine stärkere Emotionalität überhaupt, sondern auch speziell eine stärkere Betonung der Unlastseite des emotionalen Lebens. Auch die Erinnerungen selbst sind bei allen Kategorien der Versuchspersonen öfter gefühlsbetont als indifferent, namentlich bei jugendlichen Personen, und zwar gleichfalls öfter lustbetont als unlustbetont („Tendenz zur Unlustminderung“). Ref. hat im Anschluß an eine frühere Arbeit (Gesellsch. d. Naturf. u. Ärzte, 1913. Allg. Teil u. Das Gedächtnis. Berlin 1908. S. 14) bereits ähnliche Untersuchungen bei Melancholie und Manie angestellt und kann nur empfehlen, diese Versuche weiter auszudehnen und zwar in Verbindung mit Messung der Assoziationszeit. 47) Der psyohologisohe Ursprung des Stotterns, von Oscar Aronsohn. (Samml. zwangl. Abhandl. a, d. Geb. d. Nerven- u. Geisteskrank!). XI. H. 1. Halle a/S. 1914. 24 S.) Ref.: Th. Ziehen. Verf., der leider vor kurzem durch den Tod der Wissenschaft entrissen worden ist, gibt in dieser seiner letzten Arbeit eine interessante Analyse der psychischen Vorgänge, welche dem Stottern zugrunde liegen. Er betont namentlich, daß das Stottern ursprünglich nur an den Anfang des Sprechens geknüpft ist und des¬ halb die Stottererscheinungen zu Anfang des Sprechens als primär zu betrachten sind. Die unmittelbare Ursache der letzteren ist nach Verf. einerseits das pflicht¬ gemäße Bestreben des Stotterers, sein leicht erregbares Innenleben zu verbergen und andererseits der Drang, den Gedanken in überhastender Rede Ausdruck zu geben. Die Angst vor bestimmten Worten oder vor Worten mit bestimmtem Anlaut wird auf den Einfluß hysterischer „Duldervorstellungen“ („Dulderneurose“) zurückgeführt. • 48) Der Traum ein assoziativer Kurzschluß, von Hans Henning. (Wies¬ baden, J. F. Bergmann, 1914. 66 S ) Ref.: Tb. Ziehen. Nach einer zutreffenden, an viele interessante Einzelbeobachtungen anknüpfen¬ den Kritik der Freud sehen Traumtheorie versucht Verf. den Traum bzw. be¬ stimmte Eigentümlichkeiten der Ideenassoziation des Traumes auf einen „Kurz¬ schluß“ der Assoziationsbahnen zurückzuführen. Als Paradigma eines Kurz- 87* Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 580 Schlusses im Wachleben wird z. B. folgende Assoziation angeführt: Als Reizwort wird „Vater“ gegeben, und das Reaktionswort „Gott“ ist bereits assoziativ an¬ gebahnt, als interkurrent, vor Abschluß der Assoziation, als Störungswort „Mutter 14 zugerufen wird; darauf erfolgt statt der angebahnten Assoziation „Gott“ die Asso¬ ziation „Familie“. Damit verbindet sich eine Verkürzung der Assoziationszeit und Lustbetonung. Auch unlustbetonte Verlängerungen der Reaktion durch das Störungswort (Langschlüsse) glaubt Verf. beobachtet zu haben. Er nimmt dann weiter an, daß im Traum solche und andere Kurzschlüsse eine erhebliche Rolle spielen und für den springenden Vorstellungsablauf des Traumlebens eine Er¬ klärung geben. 49) Zur Psychologie konträrer Strebungen, von W. Hör stmann. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXV. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: G. Stiefler. Dem Prinzip der Anziehung und Abstoßung, das sich bei Betrachtung des Physischen immer wieder und allerorts in den Vordergrund drängt, entspricht eine gewisse Polarität der Bewußtseinserscheinungen, die wir uns als in unserer Organi¬ sation begründet vorstellen dürfen. 1. Diese Polarität sämtlicher seelischer Prozesse, die Neigung des Gefühls zur Invertierung und die Labilität des Gleichgewichts der Kontrastvorgänge sind disponierende Momente für die Entstehung konträrer Strebungen. 2. Ob eine Erregung positiv (Vitalität erhöhend) oder negativ (Vitalität störend) registriert wird, ist a priori nicht abzusehen. Die Registrierung wird eine verschiedene sein entsprechend den verschiedenen Dispositionen der psycho¬ physischen Organisation. 3. Der Negativismus stellt im Ausbau der Persönlichkeit eine konstruktive Notwendigkeit dar. 4. Der Kontrasthunger ist ein aktives Moment bei der Entstehung konträrer Strebungen. 6. Der Negativismus ist ein Ermüdungssymptom. 6. Sadismus und ein Teil der Zwangsvorstellungen und der impulsiven Hand¬ lungen stellen in vielen Fällen möglicherweise nur eine veränderte Entäußerungs¬ form des Negativismus dar. Verf. führt dann weiter aus, daß wir auch in der höheren geistigen Betätigung auf die gleichen Wirksamkeiten stoßen, die ihm für die Entstehung konträrer Strebungen in den primitiven psychischen Prozessen von grundlegender Bedeutung zu sein scheinen, und versucht durch kurze Hinweise, unter Anführung von Bei¬ spielen und Aufstellung von Vergleichspunkten, zu zeigen, wie diese Prinzipien in verschiedenen Disziplinen bestimmend auftreten. 60) Unsere heutige Kenntnis der sogen. Doppelempflndungen, von Hilbert. (Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. 1914. Mai.) Ref.: Fritz Mendel. Das Gemeinsame aller Doppelempfindungen besteht darin, daß sie um so stärker empfunden werden, je weniger das damit behaftete Individuum darauf acht gibt, und daß sie bei jedem Individuum stets in gleicher und unveränderlicher Weise auftreten. Weiter sind die Doppelempfindungen in der Kindheit intensiver als in späterem Alter, auch hat es sich herausgestellt, daß sie in hohem Grade vererblich seien. — Doppelempfindungen bei psyohopathischen Personen kommen nicht häufiger vor als bei normalen. 61) Die Frau als Klientin, von Horch. (Archiv f. Frauenkunde u. Eugenetik. 1915. H. 1.) Ref.: Jolly (Halle aS.). Aus seiner langjährigen Anwaltspraxis teilt Verf. zur Psychologie des Weibes nicht uninteressante Beobachtungen mit. Selten finde sich größte Offenheit, rück¬ haltloses Vertrauen in so schroffem Gegensatz zu tiefstem Mißtrauen und hart¬ näckiger Verlogenheit, echte Dankbarkeit so eng gepaart mit schroffstem Undank als bei der rechtsuchenden Frau. Die Frau sei entweder derart verzagt, daß die Digitized by Gougle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 581 umsichtige Darlegung ihres Rechtes sie von ihrer Scheu, dieses Recht vor Gericht zu suchen, nicht befreien könne, oder derart hartnäckig, daß jede Möglichkeit, ihr Recht als zweifelhaft darzustellen, ausgeschlossen erscheine. Müsse sie einen Eid leisten, so sei sie entweder so ängstlich, daß jede ruhige Überlegung ausgeschlossen sei und sie den Eid verweigere, oder aber, sie lasse das Kampfmittel unter keinen Umständen aus den Händen. Die letzte Ursache bei Ehescheidungsprozessen liege sehr häufig in der bewußten oder unbewußten Differenzierung der sexuellen Be¬ dürfnisse. Die Frau zeige in der Mitteilung sexueller Dinge fast stets weniger Zurückhaltung. Bei* Verfolgung persönlicher Rechtsansprüche sei der weibliche Klient gegenüber den eigenen Geschlecbtsgenossen selten entgegenkommend und nachsichtig. _ Kriegsbeobachtungen. 62) Über die traumatischen Lähmungen des N, radialis und ihre Behand¬ lung, von 0. Volp. (Inaug.-Dissert. Würzburg 1914.) Ref.: K. Boas. Zusammenfassung: 1. So lange die primären Lähmungserscheinungen nicht zunehmen, kann man exspektativ verfahren. 2. Da man kein absolut sicheres Mittel hat, zu entscheiden, ob eine Kon* tinuitätstrennung des Nerven vorliegt oder nicht, so muß der Nerv freigelegt werden, wenn die Lähmung nicht in wenigen Tagen zurückgeht. 3. Bei Kontinuitätstrennung soll möglichst sofort nach dem Unfall die Nervennaht vorgenommen werden. 4. Die Abtragung eines Stückes des Humerus muß vorgenommen werden, wenn die Entfernung zwischen den Nervenenden so groß ist, daß eine Annäherung ohne allzu große Spannung nicht möglich ist. Unter Umständen kann aber auch die indirekte Verbindung mit Katgutfäden und Einlegung der beiden Nerveu- stümpfe nebst den Verbindungsfäden in ein aufsaugbares Drain verbucht werden. Die Anwendung des letzteren allein erscheint zu unsicher. 5. Jede sekundär aufgetretene Radialislähmung indiziert sofort den operativen Eingriff, zumal wenn die Lähmungserscheinungen zunehmen. Was den Zeitpunkt der Operation betrifft, so soll man möglichst früh operieren, um ein Weitergreifen degenerativer Prozesse am Nerven aufzuhalten; aber auch in ganz veralteten Fällen soll blutig eingegriffen werden, da man konservativ nicht zum Ziele kommt. Die durch die Operation erzielten Resultate in der Literatur wie in der Marburger chirurgischen Klinik sind als absolut günstig zu bezeichnen. Verf. stellt in seiner Arbeit zusammen: 1. 5 Fälle von primärer Naht: 1 Fall aus der Marburger chirurgischen Klinik und 4 Fälle aus der Literatur; 2. 20 Fälle von sekundärer Nervennaht: 1 Fall aus der Marburger chirurgi¬ schen Klinik und 19 Fälle aus der Literatur; 3. 22 Fälle von Loslösung des Nerven aus drückendem Gewebe: 2 Fälle aus der Marburger chirurgischen Klinik und 20 Fälle aus der Literatur. 4. 2 Fälle von Heilung traumatischer Radialislähmung ohne Operation aus der Marburger chirurgischen Klinik. Im Anschluß an die obige Kasuistik werden klinische Betrachtungen an¬ gestellt. Psychiatrie. •63) Leitfaden sum Unterricht für das Pflegepersonal an öffentlichen Irrenanstalten, von Heinrich Schloss. (5. Aufl. Wien u. Leipzig, Franz Deuticke, 1915.) Ref.: Bratz (Dalldorf). Unter den 5 bis 10 Leitfäden, welche wir für den Unterricht des Pflege¬ personals besitzen und unter denen man je nach Wunsch einen knapper oder breiter gehaltenen auswählen kann, ist das in 5. Auflage erschienene Büchelchen Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 582 des erfahrenen österreichischen Irrenarztes, Regierungsrat und Direktor Schlöss, eins der ältesten und besten, von mittlerem Umfange. Wie die meisten, behandelt auch dieser Leitfaden in einem ersten Teile die allgemeine Krankenpflege, in einem zweiten die besonderen Bedürfnisse der Irrenanstaltsbehandlung. Volkstüm¬ licher Vortrag und klare Bilder helfen der Verdeutlichung. Das Lehrbuch wird neben anderen wohl von den meisten Lehrenden als Vorbereitung für die Unterrichtskurse benutzt. Daneben würde Ref. es gern in die Hand älterer und schon unterrichteter Pfleger zur Selbstunterweisung und Wiederholung geben, mit der Maßgabe, daß das Büchlein in den Besitz der Pfleger als immer bereiter Lehrstoff übergeht. Merkwürdigerweise scheint diese nahe¬ liegende, nicht allzu kostspielige Weise der Fortbildung wenig benutzt zu werden. 64) Über weibliche Pflege auf der Mftnnerabteilung der KSnigl. Sächs. Heil- und Pflegeanstalt Zschadraß bei Colditz, von Hösel. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXVII. H. 2.) Ref.: Bratz (Dalldorf). Verf. berichtet über die günstigen Erfahrungen, welche er bei dem Ersatz des männlichen Pflegepersonals durch weibliche Kräfte auf einem Teil der Männer^ abteilung der Sächsischen Landesanstalt Zschadraß gemacht hat. Die Durchführung erleichterte gerade im Königreich Sachsen der Umstand, daß hier bereits seit 25 Jahren eine staatliche Einrichtung besteht, welche die Heran¬ bildung weiblicher Fflegekräfte zur Aufgabe hat. Das ist das Königl. Schwestern¬ haus in Hubertusburg. In Zschadraß sind übrigens nur die Hälfte der weiblichen Pflegerinnen Schwestern, die andere Hälfte sind Hilfswärterinnen. Ferner sind noch einige männliche Pfleger tätig, welche für Ausnahmefälle zur Hand sind, die rüstigeren Kranken baden, während die hinfälligen von den Schwestern gebadet werden. 66) Die neuen Aufnahmsgebftude der Anstalt Leipzig*Dösen, von Müller. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). Die Anstalt wurde durch ein Männer- und ein Frauenhaus für je 110 Kranke vergrößert. Die eingehende Beschreibung der mit den neuesten Errungenschaften des Anstaltswesens ausgestatteten Gebäude muß im Original nachgelesen werdend • 66) Element! di aaslstenza e teonica manioomiale ad uso degli informiert, per L. Bianchini. (Padua, Drucker, 1914.) Ref.: K. Boas. Der vorliegende kurze Leitfaden ist dazu bestimmt, dem Pflegepersonal eine Anleitung zum Umgang und zur Behandlung Geisteskranker zu gehen. Auf Grund der Durchsicht des Büchleins kann man, ohne mit der Darstellung in allen Punkten einverstanden zu sein, sagen, daß es seinen Zweck vollständig erreicht 67) Frühe Entlassungen, von Bleuler. (Wiener raed. Wochenschrift. 1914. Nr. 50.) Ref.: Pilcz (Wien). Verf. bespricht diese für den Anstaltsirrenarzt wichtige Frage an der Hand seiner reichen Erfahrung unter Erörterung der einzelnen speziellen Krankheits¬ formen. In Betracht kommen hauptsächlich schizophrene Fälle. Verf. batte be¬ kanntlich denselben Gegenstand schon in der Psychiatrischen Wochenschr. 1905 einer eingehenden Studie unterzogen. 68) Über das numerisohe Verhältnis der Ärzte und Pflegepersonen in den öffentlichen und privaten Heil- und Pflegeanstalten für Geisteskranke zur Anzahl der Kranken, von Schlöss. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). Verf. berücksichtigt die österreichischen, deutschen, französischen, englischen, italienischen, belgischen, niederländischen und schweizerischen Anstalten. Das Ergebnis ist, daß bezüglich des numerischen Verhältnisses der Anstaltsärzte zur Anzahl der Kranken Deutschland die günstigsten (1 Arzt auf 112 Kranke), Großbritannien die ungünstigsten Verhältnisse (1 Arzt auf 278 Kranke) aufweist. Das numerische Verhältnis der Ärzte zur Zahl der Aufnahmen beträgt für Deutsch- Di gitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 583 land 1 Arzt auf 45 Aufnahmen, Österreich 1 Arzt auf 53 Aufnahmen, ist am besten für Belgien 1 Arzt auf 39 Aufnahmen. In Deutschland kommt 1 Pflege¬ person auf 5,91 Kranke, in Österreich (außer Niederösterreich) auf 6,46, in Frank¬ reich auf 10,22, in den Niederlanden auf 5,22 Kranke. Eingehend bespricht noch Verf. die ungünstigen bezüglichen Verhältnisse der Anstalt Steinhof bei Wien. 59) Die soziale Stellung der Anstaltsftrzte, von van Dev ent er. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz). Die Aufgaben des Psychiaters sind in und außerhalb der Anstalt in den letzten Jahren immer mehr gewachsen und stellen Anforderungen, die vom Ein¬ zelnen nur mehr mit Aufbietung aller Kräfte geleistet werden können. Im Gegen¬ sätze damit und trotz der Tatsache, daß alle Verbesserungen in der Pflege und Behandlung Geisteskranker ausschließlich auf die Initiative der Anstaltsärzte selbst zurückgehen, werden diese Ärzte im allgemeinen noch immer falsch beurteilt und genießen einen unerwünschten Buf, der auf alte Vorurteile sioh stützt und be¬ dauerlicherweise gerade von der Presse genährt wird. Immer noch ist der Glaube an das Vorkommen ungesetzlicher Internierungen und sonstiger Schandtaten inner¬ halb der vier Mauern der Anstalten verbreitet und wird jede noch so leichtsinnig verbreitete Mär geglaubt. Will man durch eine derartige Untergrabung des An¬ sehens der Ärzte den Zuzug von geeigneten Kräften nicht ganz unterbinden, muß eine bessere und gerechtere Würdigung des Wirkens der Irrenanstalten und der Anstaltsärzte Platz greifen. In erster Linie ist es Pflicht der Presse, das Publikum darüber aufzuklären. 60) Über die Notwendigkeit psychiatrischer Fortbildungskurse für Kreis¬ ärzte, von Kluge. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Bet: Zingerle. Die infolge der Überfüllung der Anstalten immer mehr sich ausbreitende Familienpflege Geisteskranker stellt neue Aufgaben an die Kreisärzte, die zur Überwachung und Fürsorge herangezogen werden müssen. Es ist darum dringend notwendig, speziell für Medizinalbeamte Fortbildungs¬ kurse über Psychiatrie einzurichten, um dem Amtsärzte Gelegenheit zu geben, sein psychiatrisches Wissen und Können zu ergänzen und aufzufrisohen. Die Kurse sollen in Vorträgen, Kranken Vorstellungen und ärztlichen Visiten bestehen, damit der Betrieb der Familienpflege aus eigener Anschauung kennengelernt werden kann. In solchen etwa 3 wöchigen Kursen kann auch die psychiatrische Sach¬ verständigentätigkeit berücksichtigt werden. 61) Über Prosekturan in den Irrenanstalten, von Weygandt. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz). Nur in einzelnen deutschen Anstalten Bind eigene Prosekturen eingerichtet, die sich überall, wo sie bestehen, bewährten. Durchführbar ist eine solohe Ein¬ richtung nur in größeren Anstalten und unbedingt nötig in solchen mit 150 Betten und darüber. 62) Die zahnärztliohe Behandlung in Irrenanstalten, von Kühns. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz). Die Zahnbehandlung, der in Uchtspringe durch Errichtung einer Zahnärzt¬ lichen Station Bechnung getragen ist, ist aus allgemein hygienischen Gründen und aus spezieller Bücksicht auf die Gesundheitsverhältnisse der Insassen in allen An¬ stalten für Geisteskranke eine nicht mehr abzuweisende Forderung. Zahnerkran¬ kungen finden sich besonders reichlich bei Geistesgestörten und sind Ursache vieler sekundärer Störungen in der Mundhöhle, des Verdauungstraktes, Schmerzen, Nahrungsverweigerung u. dgl. 63) Jugendpflege in Heilanstalten, von Flister. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz). In der Anstalt Uchtspringe wird schon seit dem Bestehen die Jugendpflege Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 584 als Erziehungsfaktor besonders berücksichtigt, um die Jugend körperlich und sittlich zu kräftigen. Als Mittel hierzu dienen Turnen, Wandern, Lesen, Singen, das Abhalten von Lichtbildervorträgen; all dies wird nicht einseitig, sondern in harmonischer Verbindung betrieben, bei der alle Schablone vermieden wird. Die Teilnahme beruht nicht auf Zwang, sondern ausschließlich auf freiem Willen. Der Altersgrenze der Teilnehmer ist ein großer Spielraum gegeben, die Oberleitung liegt in den Händen der Direktion. Mit der Ausführung ist Verf. als Haupt¬ lehrer betraut, dem Helfer zur Seite stehen. Selbstverständlich ist ein einmütiges Zusammenwirken von Jugendpfleger und Arzt notwendig. 64) Über familiäre Irrenpflege, von Stamm. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). Die Familienpflege findet noch immer nicht die ihr gebührende Verbreitung, trotzdem sie große Vorteile besitzt, die Kosten der Irrenfürsorge verringert, von den Kranken bevorzugt wird und hervorragende Heilerfolge zeitigt. Sie ist nicht ein spezifisches Heilmittel für bestimmte Krankheitsformen, sondern ein Behand¬ lungsverfahren, dessen man sich bei den verschiedensten Psychosen bedienen kann. Am besten eignen sich Idioten und Imbezille, Schizophrene und Paranoiker späterer Krankheitsstadien, rekonvaleszente Erschöpfungspsychosen und Alkoholpsychosen. Auszuschließen sind Patienten, von welchen eine Gefahr für sich und die Um¬ gebung zu befürchten ist. Vorbedingung für die gedeihliche Entwicklung der Pflege ist, daß in der Nachbarschaft einer Anstalt eine Bevölkerung vorhanden ist, welche die für die Pflege Geisteskranker erforderlichen Eigenschaften besitzt. Am besten eignen sich kleine Ackerbürger, Handwerker, Unterbeamte mit eigenem Grund und Viehwirtschaft. Notwendig ist eine regelmäßige Kontrolle. Es ist vorteilhaft, wenn die Patienten nach Möglichkeit in ihnen zusagende, altgewohnte Verhältnisse kommen und sollen möglichst viele Kranke an einem und demselben Orte untergebracht werden. In eine Familie soll man nicht mehr als zwei Kranke, natürlich gleichen Geschlechts, geben. Die Kosten der Familien pflege sind erheblich niedriger als die der Anstalts¬ pflege (in Uchtspringe 80 Pfg. bis 1,50 Mk. pro Kopf und Tag). 65) Die Behandlung der Erregungszustände in der Anstalt, von Weber. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). Die mechanische Beschränkung ist — abgesehen von Ausnahmsfällen, z. B. Transporten schwer erregter Kranker durch ungeschultes Personal oder in Form von kleinen beruhigenden Maßnahmen, wie Fausthandschuhe, steife Verbände an den Händen — zu vermeiden. Die Isolierzellen, die eine Zeitlang als entbehrlich ganz verschwanden, erscheinen in den neuen Bauplänen der unruhigen Abteilungen wieder in gemäßigter Zahl. Sie sind auch in den Pflegeanstalten notwendig, weil in diesen viele chronisch unruhige, störende Elemente untergebracht sind. Be¬ sonders die Psychopathen mit unsozialen Neigungen bedürfen während der häufigen Erregungsattacken der Isolierung. In den kleinen Landkrankenhäusern lassen die Verhältnisse und Aufgaben der Krankenpflege ein gut gebautes Isolierzimmer un¬ entbehrlich erscheinen. Für den Bau und die Einrichtung sind kostspielige Aus¬ stattungen zu vermeiden und ist der Grundsatz feststehend, das Selbstmord¬ verdächtige nicht ins Isolierzimmer gehören. In größeren Anstalten hat sich die Vereinigung der Zellen zu einer Zellstation mit Dauerbad bewährt. Die chemischen Beruhigungsmittel können mit Vorsicht gebraucht werden, besonders wenn sie nur als Vorbereitung auf andere, z. B. hydrotherapeutische Maßnahmen, verwendet werden oder wenn sie eine heftige Erregung auf ein er¬ trägliches Maß herabdrücken sollen. Die Bettruhe ist von größter Bedeutung, darf aber auch bei frischeren Fällen geistiger Störung nicht übertrieben werden. Zu lange fortgesetzt Bchadet sie z. B. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN GAN^j^ 585 stuporösen Katatonikern, manchen Paralysen, Deliranten, Manisch-Depressiven. Bei manchen Kranken empfiehlt sich auch im Bette eine ablenkende Beschäftigung. Für die Dauerbäder eignet sich am besten ein Baum für zwei Bäder neben dem Wachsaal. Diese Bäder sind — wenn auch ihr Einfluß zweifellos ist — doch kein jedesmal sicher wirkendes Beruhigungsmittel. Ganz ungeeignet ist das Bad für die zielbewußten Erregungen der Psychopathen. Abzusehen ist auch von der Fortsetzung der Bäder während der Nacht, weil die Erfolge den aufgewandten Mitteln nicht entsprechen. Zur Beschäftigung gehört nicht nur die Zuteilung von Arbeit, sondern das ganze Eingehen des Arztes und Pflegepersonals auf die Individualität des Kranken. In diesem Ausmaße ist sie das beste Behandlungsmittel auch bei sehr vielen Er¬ regungszuständen, bei denen andere Mittel versagen. Günstig ist oft auch die Verlegung der Kranken in eine andere Umgebung. Alle verfügbaren Mittel müssen im einzelnen Falle kritisch ausgewählt und individuell angewendet werden und soll vor allem eine schematische, dem Personal überlassene Anwendung vermieden werden. 66) Über die Maßregeln gegen Bazillenträger in den Anstalten für Geistes¬ kranke, von J. H. Schultz. (Vierteljahrsschr. f. gerichtl. Medizin u. öffentl. Sanitätswesen. XLIX. 1915. H. 2.) Bef.: K. Boas. Ohne über eigene Beobachtungen zu verfügen oder neue prophylaktische Vor¬ schläge zu bringen, erörtert Verf. gestützt auf ein eingehendes Studium der Lite¬ ratur — das Literaturverzeichnis führt nicht weniger als 173 Nummern auf — in monographischer Weise das Auftreten von 1. Typhus, Paratyphus, Dysenterie, Cholera, 2. Diphtherie, 3. Meningitis cerebrospinalis, 4. Tuberkulose und Syphilis in den Irrenanstalten sowie die Maßnahmen zu ihrer Verhütung. 67) Heredität und physische Entartung bei Geisteskranken und geistig Gesunden, von Dr. med. A. S. Scholomowitsch. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 4.) Bef.: Bratz (Dalldorf). Nach Verf. sind 60°/ o der gesunden Bevölkerung überhaupt als „belastet“ in dem Sinne aufzufassen, wie dieser Ausdruok in der Psychiatrie bei der Samm¬ lung anamnestischer Daten angewendet wird; 45°/ 0 sind „belastet“ in der direkten Linie, 27°/ 0 in der Linie des Vaters, 8°/ 0 in derjenigen der Mutter, 10°/ o in beiden Linien gleichzeitig. Psychisch Kranke sind um 10 °/ 0 häufiger belastet als Gesunde. 68) Ergebnisse der Abderhalden-Methode für die Psychiatrie, von L. Nie- szytka. (Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. XXVI. 1914. S. 546.) Bef.: W. Misch. Es wird eine zusammenfassende Übersicht über die Ergebnisse des Dialysier- verfahrens in der Psychiatrie gegeben. Es geht insbesondere aus der Zusammen¬ stellung der bisher veröffentlichten Protokolle über die Dialysierresultate bei der Dementia praecox hervor, daß das Ergebnis dieser Untersuchungen ein viel ein¬ heitlicheres ist, als sich nach den Schlüssen der einzelnen Untersucher aus ihren Protokollen erwarten ließ. Und zwar überwiegt die serologische Diagnose der Dementia praecox durch Nachweis von Geschleohtsdrüsenabbau an Sicherheit die klinische Diagnose, ohne diese jedoch ersetzen zu können. Insbesondere ist die serologische Trennung von Unter formen der Dementia praecox noch nicht genügend gesichert. Im ganzen ergibt sich überhaupt, daß Psychosen mit gleichzeitigen Störungen der Geschlechtsdrüsenfunktionen häufiger sind als man annimmt. Das Dialysierverfahren ist zurzeit das einzige Mittel zur objektiven Unterscheidung zwischen Geisteskrankheit und Simulation, so daß es forensisch verwertet zu werden verdient. Auch für die funktionellen Psychosen und die Paralyse werden Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 586 die Fauserschen Angaben durch die meisten Untersucher bestätigt. Bei Epilep¬ tikern läßt sich die Regellosigkeit des Abbaues mit Gehirn durch Auffassung der epileptischen Krämpfe als anaphylaktischen Shocks verstehen, wobei die negativen Resultate nach schweren Anfällen teils durch völligen Komplementschwund, teils durch Eintritt der Antianaphylaxie zu erklären sind. Durch den Zusammenhang mit immunisatorischen Vorgängen läßt sich die häufige Erkrankung Geisteskranker an ubiquitären Infektionskeimen und andrerseits die bisweilen beobachtete Besserung von Geisteskrankheiten nach interkurrenten Infektionskrankheiten verstehen. Aus der Feststellung von Immunitätsreaktionen im Verlaufe von Psychosen ergibt sich die Veranlassung zu therapeutischen Versuchen mit aktiver und passiver Immuni¬ sierung gegen die im betreffenden Falle als affiziert nachgewiesenen Organe. 09) Zur Frage der Gesohleohtsspesifltät der Abderhalden sohen Abwehr¬ fermente und über die Beeinflussung der Abbauvorgfinge durch Narkotika, von Dr. Erich Wegener. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 32.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Im ersten Teil seiner kurzen Ausführungen weist Verf. nach, daß die Ge¬ schlechtsspezifität der Abderhalden sehen Abwehrfermente absolut gewahrt ist. Im zweiten spricht er sich für die Spezifität der Abderhalden sehen Ab wehr fermen te aus. Manchmal war Gehirnabbau positiv, wo er nicht erwartet wurde; stets hatten dann die Patienten längere Zeit Narkotika erhalten. Verf. hat diesbezüglich Tier¬ versuche angestellt, weitere sind in Aussicht genommen. 70) Die Anwendung des Abderhalden sohen Dialysier Verfahrens auf psychi¬ atrischem und neurologischem Gebiet, von L. Dimitz und Fries. (Wiener med. Wochenschr. 1914. Nr. 43.) Ref.: Pilcz (Wien). Zunächst geht aus den Versuchen der Verff. hervor, daß sie die Währung der Geschlechtsspezifizität nicht bestätigen konnten. Menschliches Ovarium wurde 5 mal durch männliches Serum, menschlicher Hoden 5 mal durch weibliches ab¬ gebaut, und zwar war dies bei 15 Fällen untersuchten Ovariums und unter 42 Fällen beim Testikel zu beobachten. Von 9 Epileptikern reagierte 2 mal menschliches, 5 mal Kuhovarium positiv, Thyreoidea 5 mal, Gehirn 4mal. Von den Dementia praecox-Fällen bauten, bis auf einen Fall, sämtliche weib¬ liche, akut oder chronisch, Ovarium ab, 4 männliche im akuten Stadium 3 mal, 13 chronische nur 4mal Hoden. Gehirnabbau wurde bei den akuten niemals, bei den chronischen 7mal gefunden. Thyreoideaabbau ziemlich gleichmäßig, bald positiv, bald negativ, sowohl bei akutem, wie bei chronischem Verlaufe. Die periodischen Psychosen bauten durchwegs Ovarium ab, nicht aber Gehirn und Schilddrüse. 4 Hirntumoren bauten Hirnsubstanz nicht ab. Fälle von chronischem Alkoholismus und psychopathischer Minderwertigkeit bauten wahllos die verschiedenen Organe ab. Zusammenfassend finden die Verff., daß sich die Hoffnungen, die auf diese Methode von psychiatrisch-neurologischer Seite gesetzt worden sind, nicht erfüllt haben. Die Schizophrenie läßt sich auf Grund des Dialysierverfahrens von anderen Geisteskrankheiten nicht trennen, wenngleich bei ihr häufig Abbau von Geschlechts¬ drüsen konstatiert werden kann. Sehr genaue Tabellen veranschaulichen die Versuchsprotokolle im einzelnen. Sehr bemerkenswert ist auch, daß auch Tierorgane — Verff. untersuchten auch Kuhovarium — von menschlichem Serum abgebaut werden können. 71) Von den Halluzinationen , von P. Schröder. (Monatsschr. f. Psycb. u. Neurol. XXXVIT. 1915. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. erläutert an einigen Fällen das häufige Abweichen des Inhalts der Sinnestäuschungen von normalen Wahrnehmungen und die Unsicherheit der Kranken Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 587 bezüglich der Beziehung ihrer Halluzinationen auf bestimmte Sinnesgebiete. Verf. schließt: „Halluzinationen sind krankhafte Erscheinungen, die nur schwer isoliert, losgelöst von dem psychotischen Gesamtzustand, in dessen Rahmen sie auf treten, beurteilt werden können; das Halluzinieren ist nicht ein einheitlicher, stets gleich zu bewertender Vorgang, deshalb wird auch vermutlich nicht eine Theorie für alle Halluzinationen passen; aus demselben Grunde empfiehlt es sich nioht, wie das viel¬ fach geschieht, kurzweg über die Halluzination zu spekulieren, sondern sich zu vergegenwärtigen, daß es mannigfach differenzierte Phänomene sind, welche man als Halluzinationen zu bezeichnen pflegt (W. Specht); den Charakter eines sinn¬ lichen Erlebnisses haben die einzelnen Halluzinationen in sehr verschiedener Grad- abstufung; den Alltagswahrnehmungen in jeder Beziehung gleich sind die Sinnes¬ täuschungen für den Kranken nur in einem kleinen Teil der Fälle; die Ausscheidung der voll leibhaftigen und den normalen Wahrnehmungen für völlig gleichwertig gehaltenen Halluzinationen als „der“ echten ist künstlich und praktisch nicht durchführbar; es gibt bestimmte Arten von Sinnestäuschungen, die erfahrungs¬ gemäß niemals oder selten den Alltagswahrnehmungen gleich sind (isolierte Ge¬ sichtstäuschungen); häufig sind die Kranken nicht imstande, mit Bestimmtheit anzugeben, vermittels welches Sinnesorgans sie wahrzunehmen vermeinen; durch Wahrnehmungstäuschungen und durch Erinnerungsfälschungen bekommt für die Kranken sehr vieles den Wert von Wahrnehmungen, was in keinem Moment den Charakter einer Wahrnehmung gehabt hat.“ 72) Die Beziehungen zwischen körperlichen Erkrankungen und Geistes¬ störungen, von Enge. (Med. Klinik. 1915. Nr. 25 u. 26.) Ref.: E. Tobias. Die Beziehungen zwischen körperlichen Erkrankungen und Geistesstörungen sind vornehmlich dreierlei Art: 1. Eine körperliche Erkrankung ist imstande, eine Geistesstörung hervor¬ zurufen. 2. Eine Geisteskrankheit kann ihrerseits eine körperliche Erkrankung hervor- rufen oder ihr Entstehen begünstigen. 3. Eine bereits bestehende Geisteskrankheit kann durch den Hinzutritt einer körperlichen Erkrankung in ihrem Verlauf und in der Schwere ihrer Erscheinungen wesentlich beeinflußt werden. Verf. beginnt nun seine Ausführungen mit den akuten Infektionskrankheiten, die in etwa 2°/ 0 aller Geisteskrankheiten als Ursache anzusehen sind. Vorzugs¬ weise führen dazu Typhus, Influenza, akuter Gelenkrheumatismus, Pneumonie, akute Exantheme, Erysipel, Cholera, Pocken usw. Die Krankheitsbilder setzen sich aus Reiz- und Lähmungserschoinungen des Gehirns zusammen. Es gibt aber keine spezifische Geistesstörung für jede einzelne Infektionskrankheit. Zu unter¬ scheiden Bind Fieberdelirien, die von den Erscheinungen der Hirnreizung zur Himlähmung hinführen und vier Stadien durchlaufen, Infektionsdelirien oder Infektionspsychosen, die von dem Infektionsgift ihren Ursprung nehmen und sich zu einer Zeit entwickeln, wo noch kein wesentliches Fieber besteht und endlich postfebrile und postinfektiöse Geisteskrankheiten, die prognostisch meist ungünstiger sind. Geisteskranke sind für die Entstehung von Infektionskrankheiten mit Aus¬ nahme der katarrhalischen bzw. hypostatischen und Schluckpneumonie wenig disponiert. Was den Einfluß anbetrifft, den die akuten Infektionskrankheiten auf sohon bestehende Geistesstörungen haben, so erwähnt Verf., daß Typhus- und Erysipelkranke während der Krankheit oft für längere Zeit geistig klar sind, daß aber die Besserungen nie andauern. Er ist der Meinung, daß die therapeutische Verwertung dieser Erfahrungstatsachen bedenklich ist insofern, als die Gefährlich¬ keit der durch Einimpfungen von Streptokokkenkulturen oder Erysipelkokken bedingten körperlichen Krankheit nicht im richtigen Verhältnisse zu der entfernten Möglichkeit einer Besserung der Psychose steht. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 586 Verf. wendet sich nach den Infektionskrankheiten zu den „dyskrasischen“ Erkrankungen, zu der allgemeinen chronischen Tuberkulose, zur Syphilis, zur all¬ gemeinen Karzinose, den chronischen Stoffwecbselstörungen, Diabetes, Albuminurie, Anämie, Chlorose und zu den auf Erkrankung der Schilddrüse zurückzuführenden Erkrankungen. Die Tuberkulose ist ein erhebliches hereditär prädisponierendes Moment für Psychosen. Tuberkulose und Psychosen alternieren in der Deszendenz. Bestimmte Formen von psychischen Krankheiten begünstigen die Entstehung der Tuberkulose. Die Statistik weist unzweifelhaft nach, daß unter den Geistes¬ kranken die Dementen, Stuporösen und Melancholischen am häufigsten an Tuber¬ kulose erkranken und sterben. Verf. bespricht dann die Syphilis cerebrospinalis und die progressive Paralyse und geht dann über zu den bei karzinomatösen Erkrankungen irgend eines Körperorgans auftretenden geistigen Störungen. In einer Reihe von Fällen, wo bei Karzinomatose eines Organs Geistesstörungen auf- treten und wo nachweisbare Befunde im Gehirne fehlen, wird man die durch die Ernährungsstörung der Nervensubstanz gesetzte Erschöpfung verantwortlich machen müssen. In anderen Fällen kann es sich um — zuweilen nur mikroskopisch nachweisbare — multiple Metastasen im Gehirn und Rückenmark handeln. In einer dritten Reihe von Fällen will man die Störungen durch toxische Einwir¬ kungen auf die Hirnrinde erklären; dies sind die Fälle, bei denen man Degene¬ rationen in den Hintersträngen des Rückenmarks fand. Bei Nierenerkrankungen sieht man außer den bekannten komatösen Zuständen ausgesprochen länger dauernde Geistesstörungen aller Art in Begleitung von Albuminurie verlaufen. Die Be¬ ziehungen zwischen Diabetes und Geisteskrankheiten sind wenig einheitlich. Auf eine Intoxikation zurückzuführen sind die gelegentlich nach schwerem Ikterus beobachteten psychischen Erscheinungen. Die thyreogenen Irreseinsformen beruhen auf allgemeinen Stoffwechselstörungen; wir kennen den endemischen und sporadi¬ schen Kretinismus, das Myxödem und die Basedowsche Krankheit. Verf. bespricht weiterhin den Zusammenhang von Erkrankungen des Zirku- lationesystems mit Geistesstörungen, der primär vom Herzen aus da sein kann. Man sieht Psychosen auf organischer und funktioneller Basis dabei. Auch Ohreu- leiden findet man in der Vorgeschichte chronischer, namentlich halluzinatorischer Psychosen. Die nach Kataraktoperationen gelegentlich beobachteten delirösen Zu¬ stände ereignen sich meist bei senilen, durch Alkohol und schlechte Ernährung geschwächten Individuen. Die Bedeutung der Magendarmkrankheiten in der Pathogenese psychischer Störungen wurde zweifellos überschätzt. Verf. bespricht zum Schluß kurz die Beziehungen zwischen Sexualorganen und Psychosen. Therapie. 73) Über Nervagenin, ein neues Baldrianpräparat, von Julius Friedländer. (Klin.-therapeut. Wochenschr. 1915. Nr. 11 u. 12.) Ref.: E. Tobias. Nervagenin ist ein Baldrianprodukt, zu dessen Fabrikation ausgesuchte Exem¬ plare einer wildwachsenden, echten Harzer Gebirgswurzel nach einem besonderen Verfahren verwendet werden. Der Preis ist darum ein wesentlich höherer wie der anderer Baldrianpräparate. Es ist eine klare, dunkelbraune Flüssigkeit von angenehmem mildem Geschmack. Je einem Eßlöffel Nervagenin hat Verf. 1 dzg des leicht löslichen Natrium diaethylicum barbituricum zusetzen lassen. Er empfiehlt diese Kombination bei funktionellen Neurosen, wo eine beruhigende, antispasmodische, reflexherabsetzende Wirkung erstrebt wird, so auch im Klimak¬ terium, bei Herzneurosen, bei Migräne, bei der Seekrankheit, bei der akuten Nikotinvergiftung, bei dem Erbrechen Schwangerer und besonders bei nervöser Schlaflosigkeit als „EinBchlafmittel“. Nervagenin ist unschädlich und ohne Nach¬ wirkung. Die Dosis beträgt einen, bei Schlaflosigkeit zwei Eßlöffel. Der Baldrian¬ geschmack ist mit Orangenblütentee zu verdecken. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 589 74) Mekonal ein Schlafmittel, von Dr. Schmidt (Bielefeld). (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 30.) Ref.: Kurt Mendel. Mekonal enthält Morph, mur. 0,003, Natr. diaethylbarbit. 0,15 und Acid. acetylos&lic. 0,3. Als Schlafmittel 1 bis 2 Tabletten. Keine Nebenerscheinungen. 75) Foligan „Henning“, ein neues pflanzliches Sedativum, von Erich Rose. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 20.) Ref.: Kurt Mendel. Foligan ist aus Orangenblättern in Tablettenform hergestellt. Verf. empfiehlt es bei Neurasthenie, Basedow, Chorea minor als Sedativum (3 mal tägl. 1 Tabl. k 0,5) und bei nervöser Schlaflosigkeit (abends 2 bis 3 Tabletten in heißem Zuckerwasser) als Beruhigungsmittel, ohne daß es ein Hypnotikum ist. 70) Erfahrungen mit Adalin, von G. Golm. (Deutsche med. Wochenschrift. 1915. Nr. 27.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. empfiehlt Adalin: als Sedativum 4mal am Tage 0,25, als Schlafmittel 1,0 t>is 1,5 g, auch bei organischen Herzkrankheiten und am Vorabend einer Operation. 77) Über die Fortschritte der Elektrotherapie, von E. Tobias. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 27.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. zeigt, daß mit der stürmischen Entwicklung, welche die elektrischen Behandlungsmethoden in den verflossenen Jahrzehnten durchgemacht haben, die Erfolge nicht Hand in Hand gegangen sind, und wendet sich dann den Fort¬ schritten zu, welche die Hochfrequenzbehandlung, die Diathermie und die Bergoni- sation im Laufe des Jahres 1914 gemacht haben. Am aussichts- und zukunfts¬ reichsten erscheint die Diathermie. Verf. warnt aber für alle drei Behandlungs¬ methoden vor übertriebenem, nicht durch streng wissenschaftliche klinische Beobachtung berechtigtem Enthusiasmus, vor Herabdrückung der Wissenschaft zu einer Art Industrie und vor dem Schlagen der Reklametrommel. 78) Faradopalpation; Arsofaradisation, von Kahane. (Wiener klin. Wochen¬ schrift. 1915. Nr. 23.) Refi< Pilcz (Wien). Verf., dessen „Galvanopalpation“ in dem Referat über „Hyperthyreoidismus vom Standpunkte der Kriegsmedizin“ besprochen wurde, verwendet dasselbe Prinzip, nämlich Elektroden von maximalster Stromdichte, d. b. kleinstem Querschnitte, also Nadelelektroden auch bei der Faradisation. Intensivste Einwirkung auf glatte Hautmuskulatur, subkutane Venen, Wirkung auf willkürliche Muskulatur vom Nerven aus leichter als vom Muskel, während bei Verwendung von gewöhnlicher Spitzelektrode Wirkung auf Haut- und Venenmuskulatur viel weniger ausgeprägt, dagegen hinsichtlich direkter und indirekter Reizung der quergestreiften Musku¬ latur kein Unterschied bemerkbar ist. Therapeutisch besonders wirksam hei Ischias, chronischen Arthralgien und Muskelrheumatismus. Verf. denkt aber auch an die Möglichkeit einer direkten Faradisation des Herzens durch Einstich einer Nadelelektrode in Herzmuskulatur bei drohender Herzlähmung — ideale Sterilisierb&rkeit der Elektrode. Bei Einschaltung eines als Kondensator wirkenden Gebildes in Stromkreis und bei Anwendung von Nadel-, bzw. Spitzelektroden, gelingt es, von sekundärer Spule unipolare Entladungsschläge zu erhalten, von Verf. „Arsofaradisation“ be¬ zeichnet. Wirkungsweise wie bei der gewöhnlichen bipolaren Applikation. Die Arsofaradisation ist ihrem Wesen nach eine unipolare Faradopalpation. Verein¬ fachung durch Wegfall der zweiten Elektrode besonders bei Behandlung des Ohres, Kehlkopfes usw. wertvoll, zumal durch Nadelelektrode feinste Lokalisation ermöglicht ist. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 690 III. Aus den Gesellschaften. Kriegsärztlioher Demonstrationsabend in der Nervenheilanstalt von San.-Rat Dr, K. Bdel in Charlottenburg. Herr Max Edel berichtet, daß bisher 500 Soldaten Aufnahme gefunden haben, davon sind 847 entlassen, so daß ein Bestand von 158 Mann verbleibt. Von den Entlassenen wurden 254 als dienstfähig entlassen, 62 wurden nach anderen Lazaretten überführt, da die früher aufgenommenen chirurgischen Kranken entsprechend der Absicht, das Vereins- lazarefct ausschließlich für Nerven- und Geisteskranke zu bestimmen, in geeignete spezia- listische Heilanstalten, Genesungsheime und Badeorte verlegt worden sind. Gestorben sind 5 Personen, von denen 3 nach schwerer Verwundung starben, 2 Offiziere sind an Herz¬ schwäche und deliranter Verwirrtheit zugrunde gegangen, wobei Überanstrengung eine Rolle gespielt haben mag, bei dem einen von ihnen auf Grundlage von Tabes. Als dienst¬ unfähig wurden hier 26 Mann entlassen, wobei zu berücksichtigen ist, daß der Begriff der Arbeitsverwendungsfähigkeit erst später bekannt wurde. Sonst wären wohl einige weitere Leute unter diesen Begriff gefallen, die anfangs als dienstuntauglich angesehen wurden. Ein Epileptiker, der wiederholt vor dem Kriege wegen Erregungs- und Verwirrungszuständen in unserer Anstalt behandelt worden war, nat trotz Alkoholgenusses den ganzen Feldzug bis vor kurzem mitgemacht und ausgezeichnet durchgehalten, bis er wieder einen Dämmer¬ zustand bekommen hat, der ihn zufällig in die ihm bekannte Anstalt brachte. Er wurde wieder hergestellt und als dienstfähig entlassen, da bei vereinzelten epileptischen Anfallen bzw. Dämmerzuständen keine Bedenken gegen die Verwendung im Militärdienst erhoben werden können. Ein Alkoholepileptiker, der hier eine Pneumonie mit einem deliranten Zustand duichgemaoht hatte und den wir als dienstuntauglich angesehen haben, wurde weiter im Heeresdienst verwandt. Außer den klinisch behandelten Kranken sind vom Elisabeth-Regiment etwa 100 Mann zur spezialärztlichen Untersuchung hergeschickt worden, größtenteils Neurosen. Zur Beobachtung des Geisteszustandes sind eine Reihe von Soldaten hier aufgenommen worden, bei denen es sich meistens um Entfernung handelte. Wir mußten meist zu dem Ergebnis kommen, daß den Soldaten der Schutz des § 51 zuzusprechen war, während da, wo das nicht geschehen konnte, die nervösen Erscheinungen hervor¬ gehoben wurden, welche die Tat in milderem Lichte erscheinen ließen. Ein abschließendes Urteil über den Einfluß des Krieges auf die Geistesstörungen konnte nicht gegeben werden, da in den meisten die Anamnesen lückenhaft waren. Einige, die an hysterischen Verwirrt¬ heitszuständen litten und von uns als genesen entlassen worden sind, tauchten nach kurzer oder längerer Zeit wieder in anderen Lazaretten auf, was durch Einfordern der Kranken¬ geschichten ersichtlich wurde. Erst der ganze Verlauf der Krankheiten kann in Verbindung mit der Anamnese ein klares Bild ergeben. In einem ambulant behandelten Falle von ausgesprochener Dementia praecox wurden telefonisch und schriftlich Bedenken gegen dessen Einstellung geäußert, da er unter anderem wahnhafte Äußerungen über persönliche Dreieinigkeiten und Sinnestäuschungen hatte und zu impulsiven Handlungen neigte. Die Einstellung war erfolgt, weil ein Kreisarzt, der ihn vor einigen Monaten gesehen hatte, zwar Nervenschwäche festgestellt hatte, aber keine Bedenken gegen seine Verwendung in der Garnison erhobeo hatte. Die Krankheit batte sich aber inzwischen sichtlich ent¬ wickelt. Das Bezirkskommando veranlaßte an demselben Tage seine Aussonderung. Ein Offizierstellvertreter, der an melancholischer Verstimmung erkrankte und als dienstuntauglich ohne Anerkennung einer Dienstbeschädigung entlassen war, machte draußen einen Suicid- versuch. Die Ehefrau machte geltend, daß Dienstbeschädigung vorliege, da er bei seiner Entlassung unterschrieben hätte, daß er keine Ansprüche auf Dienstbeschädigung zu stellen hätte. Bei derartigen Kranken mußte man natürlich an Simulation denken, die Beobachtung ergab aber, daß tatsächlich eine ernste Seelenstörung vorlag, mit Gewichtsabnahme, Bett¬ flucht, Selbstbeschädigungstrieb usw. Ein anderer Kranker hatte schon früher einmal einen melancholischen Zustand gehabt, er bekam während des Krieges eine erneute Phase von Melancholie. Weitere Fälle von Geistes- und Nervenkrankheiten wurden beim weiteren Bundgang durch das Lazarett demonstriert. Herr de la Motte: Demonstration zweier forensischer Fälle. 1. Ein 26jähr. Landsturmrekrut fallt während seiner Ausbildungszeit durch lässige Haltung, Unsauberkeit and stilles Wesen auf, kommt einmal zu spät vom Urlaub zurück und wird von seinen Stubengenossen mit der Klopfpeitsche verprügelt. Am nächsten Morgen wird er zum Tragen eines Maschinengewehres kommandiert und erklärt nach kurzem, die Last wegen seiner Schmerzen nicht mehr tragen zu können, wirft das Gewehr hin und macht Miene, zur Kaserne zurückzugehen. Er kommt in psychiatrische Beobachtung, weil er erklärt, er wisse zeitweilig nicht, was er tue. Pat. verhält sich anfangs geordnet, äußert nur, er habe Klingen und Singen im Kopfe, deutet dabei auf das linke Ohr, an dem eine Otitis media besteht. Schulkenntnisse und allgemeine Erfahrungen ans dem praktischen Leben sind gut erhalten. Auffallend ist von vornherein seine Teilnahmlosigkeit und das Bedürfnis, Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 591 ßich von seiner Umgebung abzuschließen. Erst nach wiederholter Exploration kommen eine Reihe typischer schizophrener Symptome zutage. Er hört seit 2 Jahren mit wech¬ selnder Intensität drohende, beängstigende Stimmen, fühlt zeitweise einen Schleier vor den Augen, der ihn am Verkehr mit anderen Menschen hindert, hört seine Gedanken laut werden, glaubt, seine ganze Persönlichkeit verändere sich allmählich. Neuerdings fühlt er, wie seine Gesichtszüge sich allmählich in die des Arztes verwandeln. Die Gehörs* halluziationen sind oft so quälend, daß er vor lauter Befehlen manchmal gar nicht weiß, was er zuerst tun soll. Wegen der bestehenden schweren Psychose (Schizophrenie) sind die Voraussetzungen des § 51 RStGB. gegeben. Auch die Frage der Dienstbeschä¬ digung muß bejaht werden, da sich die Geistesstörung im Dienst nachweislich verschlimmert hat. — II. Ein 31 jähriger Ingenieur, im Beginn des Feldzuges als Landwehrmann eiugezogen, wird, da er Adventist ist, zunächst im Sanitätsdienst in Berlin beschäftigt; dann aber zum Dienst mit der Waffe herangezogen und hat nun erhebliche Schwierigkeiten zu bestehen, da er in der bisher üblichen Weise der Adventisten sich weigert, am Sonnabend Dienst zu tun. Er wird von einer Kompagnie zur andern abgeschoben, die Offiziere nehmen an¬ scheinend Rücksicht auf ihn. Es kommt erst zu einem ernsten Konflikt, als er sich weigert, sich impfen zu lassen; er wird mit strengem Arrest bestraft. Nun entwickelt sich unter den Schädigungen der Haft eine psychogene Psychose; er hört deutlich Gottes Stimme, die ihm zuruft, seinen Mitmenschen zu verkünden, das Ende dieses Krieges sei gleich¬ bedeutend mit dem Ende aller Dinge. Nach Verbüßung der Strafe wird er in der Kaserne scharf bewacht und hört wieder eine Stimme; du kommst fort, geh weg. Als er kurz darauf einen Moment unbewacht ist, sieht er dies als Zeichen des Himmels an und entfernt • sich. Seine „Offenbarungen“ läßt er in Form von Traktaten drucken; unter seinen Freunden in Bremen hält er Tag und Nacht Bibelstunden ab, sucht die Zeichen der Zeit an der Hand unklarer Bibelsprüche zu deuten und bringt seine Glaubensgenossen derartig in Verwirrung, daß ihn einer von ihnen schließlich der Polizei überantwortet. Das Kriegs¬ gericht beschließt seine psychiatrische Beobachtung. Körperlich bestehen zahlreiche Stig¬ mata ausgesprochener Hysterie. Ein Intelligenzdefekt ist nicht vorhanden. Im Lauf der Beobachtung wird Pat. allmählich freier und zugänglicher, schildert in durchaus glaub¬ würdiger, plastischer Weise seine Halluzinationen und Visionen, weiß, daß er sich straf¬ bar gemacht hat, behauptet, unter einem unwiderstehlichen Zwange gehandelt zu haben. Für die Exaltiertheit seines religiösen Wesens hat er kein Verständnis; auch darüber, daß er sich durch seine Handlungen von den Anschauungen seiner eigenen Glaubensgenossen getrennt hat, setzt er sich leicht hinweg. Die Schriftleitung der Adventistengemeinde hat nämlich im Beginn des Feldzuges ihren Mitgliedern offiziell empfohlen, „die militärischen Pflichten freudig und von Herzen zu erfüllen.' 4 Auch hier werden die Voraussetzungen des § 51 als vorliegend angesehen, da eine hysterische Psychose bestanden hat, die erst allmählich abgeklungen ist, eine Psychose, bei der der im Unterbewußtsein schlummernde Wunsch, vom Militärdienst befreit zu Bein, klar zum Ausdruck kommt. Herr Piotrowski stellt drei Kranke mit traumatischen Neurosen vor. I. Der 23jährige Reservist B. wurde am 4.1. 1915 in das hiesige Lazarett aufgenommen. Am 7. X. 1914 verlor er bei Arras die Sprache infolge Shocks nach Granatexplosion in seiner Nähe. Erst nach 15 Tagen vermochte er wieder zu sprechen. Später stellten Bich Zuckungen in der linken Schulter und in der Stirn ein; sie hatten den Charakter eines Tic impulsif. Der Kranke kam nach Berlin zu seinen Eltern und wurde ambulant behandelt. Da sein Zustand sich nicht besserte, erfolgte seine Überführung in das hiesige Lazarett. Aber auch hier blieb jede Therapie zunächst erfolglos. Der Zustand besserte sich nicht; besonders das subjektive Befinden des Pat war schlecht. Pat. empfand jede Behandlung als Qual. Er war überempfindlich; er konnte den geringsten galvanischen Strom nicht vertragen, das Geräusch des rotierenden Motors am Multostaten störte ihn und rief intensive Unlust* gefühle in dem Kranken hervor. Der Kranke wurde unruhig, reizbar, schlaflos, litt sehr unter schreckhaften Träumen, sein Körpergewicht sank. Nun wurde ihm absolute Ruhe verordnet. Er blieb etwa 8 Wochen im Bett und bekam gute reichliche Kost und zuletzt Injektionen von Natr. kakodyl. Allmählich besserte sich sein Zustand. Der Kranke beruhigte sich, schlief gut, nahm an Gewicht zu; die Zuckungen ließen an Intensität nach und ver¬ schwanden schließlich ganz. Zurzeit besteht noch ein leichtes Stirnrunzeln. — IL Der 30jährige Landwehrmann L. wurde am 10. XII. 1914 im hysterischen Dämmerzustände mit einer rechtsseitigen Hermiplegie in das diesseitige Lazarett eingeliefert. Der rechte Arm und das rechte Bein waren bis zum Rumpf manschettenförmig anästhetisch und unbeweglich. Dem Kranken ist in Lille ein durch Schrapnellgeschoß losgelöstes Mauerstück auf den Kopf gefallen; im Anschluß daran entwickelte sich sein Leiden. Auch heute noch bietet er dasselbe Bild wie zu Beginn seines Hierseins. Die rechte Gesichtshälfte ist schwach innerviert; der rechte Arm hängt schlaff herunter, die Körperlaßt ruht auf dem linken Bein. Beim Gehen pendelt der rechte Arm kraftlos hin und her, das rechte Bein wird mühsam nachgeschleppt. Bei der Behandlung spielte neben anderen physikalisch-therapeutischen Maßnahmen die Übungstherapie im Gehen die wichtigste Rolle. Die Behandlung wurde Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 592 oft ausgesetzt, weil sie vom Kranken schlecht vertragen wurde. Der Pat. ermüdete rasch; er fühlte sich dann matt und kraftlos, er war unzufrieden, mißmutig, deprimiert, weinerlich, reizbar. Er klagte über schlechtes Allgemeinbefinden und verlor an Körpergewicht. Ab und zu bekam er hysterische Anfälle. Der Kranke wurde zu Bett gebracht und mußte längere Zeit absolute Ruhe beobachten; daneben bekam er gute reichliche Kost. Dann wurden im Bett passive und aktive lokale Motilitätsübungen von kurzer Dauer schonend vorgenommen, allmählich aufsteigend von den Fingern zum Schultergelenk, von den Zehen bis zur Hüfte und zwar mit Erfolg. ITaltung und Gang des Pat. sind zwar noch unverändert- Aber im Gegensatz hierzu steht die ausgiebige aktive Beweglichkeit der Glieder der paretischen Seite. Der Kranke vermag die rechte Hand zum militätischen Gruß und das rechte Bein fast bis zur Horizontale zu heben. — III. Der 34jährige Landwehrmann M. wurde am 18. XI. 1914 wegen hysterischer Stummheit eingeliefert. Bei Dixmuiden verlor er die Sprache infolge Schrecks bei Explosion einer Granate in seiner Nähe. Der Kranke vermochte nicht einen Laut von sich zu geben, auch nicht bei Anwendung starker Ströme. Er hatte die Fähigkeit verloren, seinen Sprechmechanismus geordnet in Funktion zu setzen. Erst eine langwierige, mühsame, vorsichtige und schonende Übungstherapie im Bilden von Lauten, Vokabeln, Konsonanten, Silben, Worten und Sätzen hat den Kranken so weit ge¬ bracht, daß er jetzt spontan ganze Sätze auszusprechen vermag. Auch dieser Kranke hat zunächst die Behandlung schlecht vertragen. Infolge seiner, übergroßen Ermüdbarkeit und verminderten Leistungsfähigkeit befand er sich nach den Übungen schlecht; er nahm an Körpergewicht ab; die Behandlung mußte daher zeitweise unterbrochen werden und dem Kranken absolute Bettruhe verordnet werden. Jetzt befindet er sich recht wohl, ist kräftig und ohne Beschwerden. — Die vorgestellten Patienten bieten an sich nichts Besonderes. Derartige Kranke wurden schon oft vorgestellt, besprochen und beschrieben. Das Neue an ihnen ist der Umstand, daß sie sich ihr Leiden im Felde geholt haben und zwar infolge Explosion großer Geschosse in ihrer Nähe. Ihrem Charakter nach gehören die demonstrierten Krankheitsbilder den traumatischen Neurosen an. Wir beobachten hierbei verschiedene Formen: reine Hysterien, reine Neurasthenien, aber am häufigsten Verbindungen beider Krankheitsformen. Selbst bei den reinen Hysterien finden wir deutlich hervortretende, neurasthenische Symptoraenkomplexe: Asomnie, kardiovaskuläre Phänomene, Alteration der Gemütssphäre. Auf diese Erscheinungen hat Oppenheim mit Nachdruck hingewiesen. Auffallend bei unseren Kranken ist die lange Dauer des Leidens; die Behandlung verlangt deshalb viel Geduld vom Arzt und Patienten. Allgemeine Regeln lassen sich hierbei nicht aufstellen; es muß streng individualisiert werden. Eine genaue Analyse des Leidens wird den Hinweis auf die geeignete Therapie bieten. Bei den vorgestellten Kranken fällt besonders die übergroße Empfindlichkeit, die außerordentlich leichte Ermüdbarkeit nnd geringe Leistungsfähigkeit auf. Die Kranken vertragen oft die bestgemeinten therapeutischen Praktiken schlecht. Wegen Überempfindlichkeit dürfen nur milde Reize von geringer Inten¬ sität angewandt werden. Die leichte Ermüdbarkeit, die herabgesetzte Leistungsfähigkeit läßt nur geringe Anforderungen an die Energie und Aktivität der Kianken zu; dieser Umstand muß bei der oft notwendigen Übungstherapie berücksichtigt werden. Es empfiehlt sich daher, die Kranken zunächst zu schonen durch längere Bettruhe; durch gute reichliche Kost müssen die Kräfte gehoben werden. Das labile, leicht erregbare überempfindliche Nervensystem dieser Kranken muß zunächst sein früheres physiologisches Gleichgewicht erlangt haben. Die Lang¬ wierigkeit der Behandlung ist in dem Charakter der geschilderten Krankheiten begründet; sie dürfte keine Veranlassung zur Mutlosigkeit geben, denn die Prognose ist im allgemeinen günstig. _ IV. Berichtigung. Auf S. 490 ist im Referat 63 Prof. Uhthoff als Autor der Arbeit angeführt, tatsächlich hat aber sein Assistent Dr. Rentz das Material verarbeitet. Mitteilung. Da es mir voraussichtlich möglich sein wird, von jetzt ab die Redaktion des Neurologischen Centr&lblattes wieder regelmäßig selbst zu leiten, so bitte ich, Originalmitteilungen und Referate fortan wieder an meine Adresse, Berlin, Augs¬ burgerstraße 43, zu senden. Ich möchte aber nicht verfehlen, meinen beiden Vertretern und Freunden, Herrn Prof. Rothmann und Herrn Dr. Tobias, für die große Mühe und Arbeit, welche sie im verflossenen Kriegsjahre für das Central¬ blatt in liebenswürdigster Weise verwandt haben, auch an dieser Stelle meinen herzlichsten Dank auszusprechen. 9 KurtMendeL Verlag von Virr & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgeb & Wittio in Leipzig. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN Neurologisches Centralblatt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet von Prot R MendeL Herausgegeben von Dp. Kart MendeL Vierunddrei ßtgster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie _ direkt von der Verlagsbuchhandlung. 1915._ 16. August Nr. 16. Inhalt I. Originalmittellungen. 1. Zur Differentialdiagnose zwischen arteriosklero¬ tischen und urämischen Zerebralstörungen, von Prof. H. Strauss. 2. Bemerkung über Be¬ teiligung der M. intercostales bei Hemiplegie, und zwar bei solcher a) kapsulären, b) korti¬ kalen Charakters, von 6. Bikeles. 3. Zur Therapie der Alkoholpsychosen, von Dozent Carl Hudovernig. II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Einiges zur Psychiatrie und zur Psycho¬ logie im Kriege, von Stransky. 2. Über Wundbehandlung in den Kriegsspitälern, von v. Ruedlger. 3. Beiträge zur Chirurgie der Schußverletzungen des Gehirns, von Frey und Selye. 4. Über Gehirnverletzungen durch Granatsplitter, von Qoetjes. 5. Zwei Fälle von Trigeminusläsion durch Schußverletzung, von Uhthoff. 6. Direkte Verletzung der Vagus¬ gruppe, eine Kriegsverletzung, mit Reflexkrampf des Vagus, von Gross. 7. Über Ver¬ letzungen des Rückenmarks im Kriege, von Leva. 8. Über Rückenraarksschüsse, von Bittorf. 9. Ein typischer Steckschuß des Rückenmarks, von Coenen. 10. Bemerkenswerter Fall von Malum perforans pedis nach Prellschuß der Wirbelsäule, von Kuznitzky. 11. Beobachtungen über Schußverletzungen des Kehlkopfs. 3. Reihe (d. Centr. 1915. Nr. 7 u. 8), von KOrner. 12. Ein traumatisches Hämatom im Mediastinum mit starker Verdrängung der Speise- und der Lufttöhre, aber ohne Rekurrenslähmung, von Körner. 13. Beitrag zur Beurteilung und Behandlung der Schußverletzungen peripherischer Nerven, von Oppenheim. 14. Zur Frage der Schußvcrletzungen der peripheren Nerven, von Marburg und Ranzi. 15. Operative Be¬ funde bei Schußverletzungen peripherer Nerven, von Voelcker. 16. Neurolyse des Plexus bracbialis, von Mehler. 17. Der plastische Ersatz der Interossealmuskulatur der Hand durch den Extensor digitorum communis, von MUller. 18. Beitrag zur Behandlung der Peroneus¬ lähmung, von Fleischhauer. 19. Über die Behandlung der Ischiadicusneuralgie nach Schu߬ verletzung mit Nervendehnung, von Brunzol. 20. Die Lagerungsbehandlung der Nerven¬ verletzungen, von Mayer. 21. Zur Mobilisation versteifter Finger- und Handgelenke bei Kriegsverwundeten, von Laqueur. 22. Der Krieg und die traumatischen Neurosen, von Förster. 28. Hystero-somatische Krankheitserscheinungen bei der Kriegshysterie, von Blnt- wanger. 24. Zur Entstehung, Vorhersage und Behandlung nervöser und depressiver Zu¬ standsbilder bei Kriegsteilnehmern, von Mohr. 25. Herzneurosen mit Hauthyperasthesie, von Brasch. 26. Über Störungen der Herztätigkeit, von Aschenheim. 27. Erfahrungen über Epilepsie und Verwandtes im Feldzuge, von Bonhoeffer. 28. Enuresis und ähnliche Blasen¬ störungen im Felde, von Böhme. 29. Forensisch-psychiatrische Beobachtungen an Ange¬ hörigen des Feldheeres, von Kasfan. 30. Lazarettbeschäftigung und Militärnervenhcilstätte, von Wollenberp. 31. Übungsschulen für „Gehirnkrüppel“, von Hartmann. 32. Die Erwerbs¬ fürsorge für Kriegsinvalide in unsern Heil-und Pflegeanstalten, von Fischer. — Therapie. 33. Sonnenbäder und Nervensystem, von Römer. 34. Über Foligan, ein neuartiges Sedativum, von Friedländer. 35. Klinische Erfahrungen mit Diogenal, einem neuen Beruhigungsmittel, von Serejtki. Hl. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬ heiten. Nachtrag zur Sitzung vom 14. Juni 1915 u. Sitzung vom 12. Juli 1915. — Ärzt¬ licher Verein in Hamburg, Sitzung vom 1. Juni, 15. Juni und 6. Juli 1915. Max Rothmann f. XXXIV. 38 Digitized by Gougle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 594 I. Originalmitteilungen. [Aus der inneren Abteilung des jüdischen Krankenhauses zu Berlin.] 1. Zur Differentialdiagnose zwischen arteriosklerotischen und urämischen Zerebralstörungen. Von Prof. H. Strausa. Nicht ganz selten kommen dem Internisten und dem Neurologen Fälle zur Untersuchung, in welohen die Differentialdiagnose zwischen arteriosklerotischen und urämischen Zerebralstörungen erheblichen Schwierigkeiten begegnet. Man trifft dies besonders bei Hypertonikern. Das klinische Bild beider Zustände kann bekanntlich überaus vielgestaltig sein, und es kann die Differentialdiagnose be¬ sonders schwierig in denjenigen Fällen werden, in welchen lokalisierte Reiz¬ oder Ausfallserscheinungen fehlen. Vor einer längeren Reihe von Jahren habe ich schon hervorgehoben, 1 daß Fälle von zerebraler Arteriosklerose leicht auch mit Zuständen von gastro-intestinaler Autointoxikation verwechselt werden können. Bei der praktischen Bedeutung, welche der Differentialdiagnose von urämischen und arteriosklerotischen Zuständen namentlich in prognostischer Richtung zu¬ kommt, möchte ich hier auf den Wert der Blutuntersuchung besonders hin- weisen. Seit einer Reihe von Jahren habe ich diese in Form von Reststickstoff¬ bestimmungen zur Unterscheidung der hier in Frage kommenden ätiologischen Momente mit Vorteil herangezogen. Allerdings herrschte über den Begriff „Urämie“ bis vor kurzem noch manche Unstimmigkeit und auch manche Unklarheit. Nachdem eine große Anzahl von Arbeiten der letzten V/ 2 Jahrzehnte gezeigt hat, daß bei den echt urämischen Zuständen eine Vermehrung des Reststick¬ stoffgehaltes des Blutes kaum vermißt wird, ist man neuerdings dazu über¬ gegangen, den Reststickstoffgehalt des Blutes auch als differentialdiagnostisches Kriterium zwischen urämischen und pseudourämischen Zuständen zu benutzen. Genaueres über diese Frage habe ich an anderer Stelle 8 besprochen. Ich will deshalb hier nur bemerken, daß für die genannten Blutuntersuobungen 5 und allenfalls auch 2 ccm Blutserum genügen, und daß sich mir als Enteiweißungs¬ methode für die Bestimmung des Reststickstoffs diejenige von Folin am besten bewährt hat Man füllt in ein auf 50 ccm eingestelltes Kölbchen 20 ccm azetonfreien Methylalkohol und läßt tropfenweise 5 ccm Blutserum zufließen. Alsdann füllt man bis zur Marke 50 mit Methylalkohol auf, läßt 2 Stunden stehen, filtriert durch ein trockenes Filter, setzt dem Filtrat 3 bis 4 Tropfen 10°/ 0 ige alkoholische Chlorzinklösung zu, läßt stehen, bis sich ein flockiger Niederschlag abgesetzt hat und filtriert wieder durch ein trockenes Filter. Von dem Filtrat nimmt man ' H. Stbaüss, Senator-Pestschrift. Berlin, A. Hirschwald, 1904. ' H. Stbauss, Berliner klin. Wochenschrift. 1915. Nr. 15 u. a. a. O. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 595 30 ccm, läßt den Methylalkohol auf dem Wasserbad abdampfen, nimmt den Rest in wenig Wasser auf und macht eine Stickstoffbestimmung nach Kjeld ahl. Re8tstiekstoffbestimmungen am Blutserum haben für den vorliegenden Zweck deshalb eine große Bedeutung, weil nur echte Nephritiden und diese auch nur bei stärkerer Ausbildung bzw. Ausdehnung des Prozesses eine erhebliohe Stickstoffretention in den Säften zur Folge haben. Einfache Nierensklerosen, führen nur zu geringgradiger Retention von Reststickstoff. Man trifft bei diesen nur etwa 40 bis 80 mg Rest-N in 100ccm Blutserum, während man bei urä¬ mischen Zuständen meist 100 bis 150, ja sogar gelegentlich 200 bis 300 mg Rest-N in 100 ccm Blutserum vorfinden kann. Man kann also den Satz so formulieren: Niedere bzw. mittlere Werte für den Rest-N, d. h. Werte unter 80 bis 90 mg, sprechen in dubio mehr für arteriosklerotischen als für urämischen Ursprung der Störung. Selbstverständlich kann sich bei einem Nephritiker mit starker N-Retention gelegentlich auch einmal ein Coma apoplecticum entwickeln. Es liegt dann aber eine Mischung zweier verschiedener Zustände vor. Deshalb ist die differentialdiagnostische Bedeutung niedriger und mittlerer Werte im all¬ gemeinen größer, als diejenigen hoher Werte. In dieser Form der Verwendung hat mir die relativ einfache Bestimmung des Reststickstoffgehaltes des Blutserums in einer großen Reihe von Fällen, in welchen die Differentialdiagnose zwischen Urämie und arteriosklerotischer Zerebralaffektion wichtig erschien, wertvolle Dienste geleistet, und ich möchte mit Rücksicht auf die oft wichtigen prognosti¬ schen Zwecke die reichliche Benutzung dieses Vorgehens für den vorliegenden Zweck auch hier empfehlen. 2. Bemerkung über Beteiligung der M. intercostales bei Hemiplegie, und zwar bei solcher a) kapsulären, bj kortikalen Charakters. Von G. Blkelea. Um einen etwaigen Unterschied in den beiderseitigen Thoraxbewegungen deutlich hervortreten zu lassen, wurde der Patient aufgefordert, durch Rippen¬ hebung — ohne Inanspruchnahme der Schultergürtelmuskulatur — tief zu atmen. Zur Untersuchung gelangten vor allem Fälle von Schädel-Schuß- (bzw. Säbel-)Verletzungen mit hemiplegischen Krankheitserscheinungen teils mit aus¬ schließlichen oder überwiegenden Störungen kortikalen Charakters, teils mit aus¬ gesprochenen Erscheinungen, die für kapsuläre Läsionen typisch sind. Ich verfüge über 13 in dieser Hinsicht untersuchte Fälle. Bei 7 Fällen war auch bei tiefer Atmung kein Unterschied in den beiderseitigen Thorax¬ bewegungen zu konstatieren; bei 6 Fällen hingegen waren die Thoraxbewegungen Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 596 auf der hemiplegischen Seite ausgesprochen schwächer als auf der gesunden. In allen 6 Fällen, in denen bei der willkürlichen tiefen Atmung die M. inter- costales sich ebenfalls paretisch zeigten, waren ansgesprochen spastische Erscheinungen (typische Kontrakturen) mehr oder minder ausgedehnt an den Extremitäten der betroffenen Seite vorhanden. Hingegen bestanden in den 7 Fällen von gleichmäßiger beiderseitiger Beteiligung der M. intercostales auch an der tiefen Atmung entweder keinerlei Spasmen oder nur minimale Spuren von solchen beim Vorwalten von Hantierungsstörungen; der Grad der noch be¬ stehenden Lähmung der Extremitäten war in manchen dieser letzteren Fälle noch ein recht bedeutender, eventuell war auch ein deutlicher Babinski vor¬ handen. (Das entsprechende Krankenmaterial verdanke ich den Herren Kollegen Prof. ScHLEsmoEB und Prof. Mabbubg.) 3. Zur Therapie der Alkoholpsychosen. Von Dozent Carl Hudovernig, Chefarzt des hauptstädtischen Spitals för Geisteskranke in Budapest. Der Alkohol ist ein Nervengift par excellence, es sind die alkoholischen Psychosen eine typische exogene Vergiftung des Nervensystems. Eben deshalb erscheinen die Alkoholpsychosen besonders geeignet, daß in ihrer Behandlung die dreifache therapeutische Indikation: Indicatio causae, Indicatio morbi und ludicatio symptomatica befolgte werde. In der Behandlung der Alkoholpsychosen haben wir bisher eigentlich bloß die erste und dritte Indikation wissentlich befolgt. Die Indicatio causae damit, daß den Kranken der Alkohol entzogen wurde, wie dies ja bei allen toxischen Psychosen geschieht. Dem Prinzip der Indicatio symptomatica entsprechen wir seit langer Zeit, indem wir gegen die Unruhe, Schlaflosigkeit, Herzschwäche, anderwärtige Komplikationen chemo- oder physikotherapeutisch Vorgehen. Die Krankheit selbst ist bei der Alkoholpsychose eine Durchtränkung der gesamten Gewebe, in erster Reihe der Nervenelemente mit Alkohol. Gegen diesen patho¬ logischen Zustand haben wir bisher eigentlich kaum etwas getan, meist bloß abgewartet, bis der Alkohol aus dem Organismus spontan ausgeschieden wird. Selbstverständlich können wir einer Indicatio morbi im Wege einer raschen Alkoholentfernung, mag dieselbe nun entweder spontan oder künstlich erfolgen, nur in jenen Fällen entsprechen, wo der Alkohol im Organismus und im Nerven¬ system noch keine irreparablen Veränderungen hervorgerufen hat. In der letzten Zeit sehen wir schon gewisse Bestrebungen in der Therapie der Alkoholpsychosen, welche einer Indicatio morbi Genüge leisten wollen. Mobavcsie, Kbäpelin, Chaslin u. a. betonen in ihren Lehrbüchern, daß bei Alkoholkranken die protrahierten Bäder nicht bloß beruhigend, sondern zum Teil auch den Stoffwechsel befördernd wirken, was durch schweißtreibende Prozeduren Digitized by Gck igle Original fru-rn UNIVERSETY OF MICHIGAN 597 gesteigert werden kann. Ja Ganser, der seine Alkoholkranken wenigstens im Anfänge „wegen der Unberechenbarkeit der Herztätigkeit“ im Bette hält und mit Digitalispräparaten behandelt, wendet mit Vorliebe eine 1 °/ 0 ige Lösung von Natrium aceticum als Getränk an, um damit „eine Auswaschung der Gewebe“ zu beschleunigen. Ich war deshalb bestrebt, eine solche therapeutische Maßregel festzustellen, welche es ermöglicht, bei den Alkoholpsychosen der Indicatio morbi in einer wirksameren Weise als bisher zu entsprechen, d. h. welche eine rasche Durch¬ waschung der Gewebe und des Nervensystems und damit eine rasche Elimination des angehänften Alkoholgiftes gestattet. Als ein geeignetes Mittel erschien mir das Pilokarpin, welches bekanntlich die Speichel- und Schweißdrüsensekretion mächtig anregt, dabei aber ein Herzgift sein kann, denn es verursacht nach einer initialen Beschleunigung der Herztätigkeit und Atmung in toxischen Dosen Herzlähmung. Der Flüssigkeitsverlust des Körpers ist bei Pilokarpin nach der Darstellung von Cloetta-Filehne ein gewaltiger: der Verlost des Körper¬ gewichts durch Schweißabsonderung kann bis 1 1 / 2 , durch Speichelfluß bis zu 1 / 2 , im übrigen bis zu 2kg, in toto somit bis zu 4 kg betragen! Diese physiologischen und pharmakologischen Eigenschaften ließen mir das Pilokarpin als besonders geeignet erscheinen, um mit seiner Hilfe die toxisch saturierten Gewebe der Alkoholiker rasch durchzuwaschen. Zwei Gründe , aber erheischen eine ganz besondere Sorgfalt auf das Herz der mit Pilokarpin be¬ handelten Alkoholiker: einerseits die bekannte Wirkung des Pilokarpins auf das Herz, andererseits die bei Alkoholikern so häufige Herzschwäche, welche in den ersten Tagen so oft den Tod verursachen kann. Gerade mit Rücksicht hierauf sind aus der später zu schildernden Pilokarpinbehandlung alle Fälle mit aus¬ gesprochener Herzschwäche und Arteriosklerose ausznschließen. Das Behandlungsschema, welches ich fast seit einem Jahre bei den Alkohol¬ kranken meiner Abteilung befolge, ist folgendes: absolute Bettruhe in allen Fällen, selbst bei scheinbar intakter Herztätigkeit, ein Digitalispräparat, ferner während 8 bis 10 Tagen täglich eine Injektion von salzsaurem Pilokarpin, dessen Anfangsdosis am ersten Tage 0,005 (quasi als Versuchsdosis), dann aber 0,01 g beträgt. Ferner bekommen die Kranken in der ersten Woche bloß leichte, zu¬ meist flüssige Diät Schlaflosigkeit und andere nervöse Erscheinungen erheischen eine besondere Behandlung. Hingegen gelangen Bäder, Packungen usw. nur ausnahmsweise zur Anwendung. Diese Behandlung habe ich bei allen Alkoholisten angewendet, welche im Laufe des letzten Jahres in meine Abteilung eingeliefert wurden: in Fällen von Delirium tremens, bei chronischen Trinkern, falls dieselben delirierten oder halluzinierten, ja auch in solchen Fällen, wo das Delirium tremens mit anderen psychischen Erkrankungen kombiniert war; ausgeschlossen erscheinen mir bloß Fälle alkoholischer Nerven- und Geisteskrankheiten, wo-nicht mehr alkohol¬ toxische Erscheinungen vorhanden sind, z. B. auf alkoholischer Grundlage auf¬ tretende Paranoia, Neuritiden usw. Behandelt wurden im Ganzen 15 Kranke, alle mit überaus günstigem Resultat. Die Kranken haben die Behandlung gut Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 598 vertragen, unangenehme Komplikationen traten nicht auf, nachdem die vorher erwähnten Kontraindikationen stets vor Augen gehalten worden. Nach 0,01g Pilokarpin trat bei jedem Kranken mächtige Salivation und Schweißausbruch auf; bei einigen, aber nicht bei allen Kranken hatte der Schweiß Alkoholgeruch. Die psychische Aufhellung erfolgte stets überraschend schnell, auch die körper¬ lichen Erscheinungen der Alkoholvergiftung zeigten eine raschere Rückbildung, wenn auch nicht in dem Maße wie die Delirien und Halluzinationen. Die durchschnittliche Behandlungsdauer der Kranken war kürzer. Die Gesamt- statistik ergab auch günstigere Resultate, was zweifellos für die Vorteile der Behandlungsweise spricht. Bevor ich zur statistischen Zusammenstellung der Ergebnisse schreite, will ich zwei besonders lehrreiche Fälle kurz schildern, ohne mich in die Detaillierung sämtlicher Krankengeschichten einzulassen: I. Der 56jährige Bahnbedienstete J. B. trinkt seit Jahren, in der letzten Zeit täglich, um 1 Krone Rum; hat bereits mehrmals „getobt“. Bei der Ein¬ lieferung am 12. April 1914 ist Patient vollkommen verwirrt, große psychomoto¬ rische Unruhe, lebhafte Halluzinationen, intensiver Tremor am ganzen Körper, welcher in den Händen an das Zittern bei multipler Sklerose erinnert, macht im Bett mit den Händen Abwehrbewegungen. Lichtstarre Pupillen. Am 13. April 0,005 g Pilokarpin und regelmäßige Digitalistherapie bei flüssiger Diät. Am 14. April 0,01 g Pilokarpin, darauf lebhafter Schweißausbruch und Salivation; Patient ist schlaflos, verwirrt, träg reagierende Pupillen. Am 15. April psycho¬ motorische Unruhe und Tremor geringer, aber noch verwirrt. Am 16. April be¬ ginnt Patient zusammenhängend zu sprechen und sich zu orientieren. Am 19. April psychisch aufgehellt, minimaler Tremor. Am nächsten Tage befindet er sich ganz Wohl, minimaler Tremor, spricht vernünftig, ist gut orientiert, Halluzinationen bestehen nicht mehr. Am 25. April wird die ganze Therapie eingestellt. Patient ist psychisch vollkommen normal, kein Tremor. Am 2. Mai geheilt entlassen. II. Der 44jährige Hausbesorger M. H. ist ein hartnäckiger Trinker, welcher in den letzten 4 Jahren viermal wegen Delirium tremens in meine Abteilung ein¬ geliefert wurde. ~Zum ersten Male stand er vom 9. Dezember 1909 bis 27. Januar 1910 in Behandlung, bei welcher Gelegenheit sich die ersten Zeichen der psychi¬ schen Aufhellung am 12. Tage der Behandlung zeigten. Die zweite Erkrankung war heftiger, Patient wurde vollkommen verwirrt am 11. Juli 1911 eingebracht und die psychische Aufhellung erfolgte erst am 26. Behandlungstage. Beginn der dritten Behandlung am 7. Juni 1913, erste Anzeichen einer Aufhellung abermals am 12. Behandlungstage. Seine vierte Erkrankung fällt bereits in die Periode der Pilokarpinbehandlungen und erfolgte am 13. Oktober 1913; lebhafte Delirien und Sinnestäuschungen; die Pilokarpinkur wurde sofort am ersten Tage begonnen, die ersten Anzeichen einer psychischen Aufhellung zeigten sich bereits am 18., d. h. am 3. Tage der Behandlung, als Patient bei partieller Krankheitseinsicht „seine elende Trunksucht verfluchte“; am 21., d. h. am 5. Tage der Behandlung, war Patient bereits psychisch geordnet; die Rückbildung der somatischen Er¬ scheinungen erheischte längere Zeit. Mit der geschilderten Pilokarpinkur wurden seit Herbst 1913 insgesamt 15 Kranke meines Spitals behandelt; darunter waren 12 Fälle von Delirium tremens oder halluzinierendem chronischem Alkoholismus, welche alle geheilt entlassen werden konnten; bei zwei weiteren Deliranten bestand gleichzeitig Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 599 progressive Paralyse, and obwohl auch bei diesen das alkoholische Delirium auf¬ fallend rasch verschwand, will ich diese Fälle denn doch bloß als gebesserte be¬ zeichnen, um nicht die Absicht einer geflissentlichen Statistikverbesserung auf- kommen zu lassen; endlich war der eine Trinker ein seniles Individuum, welches noch in den ersten Tagen der Pilokarpinkur an einer Pneumonie verschied. Behufs Nachweises der Vorteile der Pilokarpinkur bei Trinkern erscheint es nötig, die Ergebnisse derselben denen der bisherigen quasi exspektativen Be¬ handlungsweise gegenflberzustellen, weil bloß tin derartiger Vergleich die Basis zu einer Wertung der von mir vorgeschlagenen Eur bilden kann. Die Heil¬ ergebnisse der beiden Behandlungsarten habe ich in den beiden nachstehenden Tabellen nach zwei Gesichtspunkten zusammengestellt: Tabelle I gibt Aufschluß Aber das Eintreten der psychischen Aufhellung (wozu ich das Schwinden der Delirien, Desorientiertheit und Sinnestäuschungen rechne) und über die Gesamt¬ dauer der Anstaltsbehandlung. Tabelle II enthält die statistischen Daten über die Heilergebnisse der Gesamtbehandlungen. Tabelle I. Eintritt der psychischen Auf- Dauer der Anstaltsbehandlung hellang am Behandluugstage in Tagen ausgedrückt Minimum Maximum 1 Durch- 1 schnitt Minimum Maximum Durch¬ schnitt 105 Fälle ohne Pilokarpin- 1 ! behandlung .... 15 Fälle mit Pilokarpin- 7 ! 83 80 11 1 126 J 41,8 behandlung .... B 10 1 5,7 13 45 25,5 Tabelle II. Es wurden entlassen geheilt gebessert gestorben Zahl % | Zahl 1 # /o 1 Zahl 1 °/ 1 Von 105 nicht mit Pilokarpin behandelten Fällen 61 1 58,1 14 13,4 30 28,5 Von 15 mit Pilokarpin behandelten Fällen . . 12 1 SO 2 J 13,3 1 6,7 Ein Vergleich der beiden Tabellen ergibt als zweifellos, daß die Pilo¬ karpinbehandlung der Alkoholisten im Vereine mit der damit ver¬ bundenen Digitaliskur und Bettruhe die Gesamtdauer der Anstalts- beha'ndlung bedeutend verkürzt, daß bei derselben die psychische Aufhellung bedeutend rascher eintritt, ferner kann festgestellt 1 Bezieht eich auf zwei besonders leichte Fälle, welche das Spital vorzeitig entlassen maßten. * Bezieht sich auf die bereits erwähnten 2 Paralytiker mit Delirium tremens, deren Delirium geheilt war, welche aber wegen der gleichzeitig bestehenden Paralyse bloß als gebessert bezeichnet sind. Digitized fr Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 600 werden, daß die perzentuelle Zahl der Heilungen bedeutend steigt, von 58% auf 80%, und daß die relative Zahl der Todesfälle im gleichen Verhältnisse abnimmt, und zwar von 28,6% auf 6,7% sinkend. Diesen letzteren Umstand will ich nicht dem Pilokarpin zuschreiben, vielmehr der damit verbundenen Digitaliskur, welche quasi eine Präventivma߬ regel gegen die bei den Alkoholikern stets drohende Herzschwäche darstellt und welche die meisten Todesfälle bei den Trinkern, namentlich im deliranten Stadium, verursacht. # Meine besonders günstigen Ergebnisse berechtigen mich dazu, die geschilderte Behandlungsart wärmstens zu empfehlen. II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1) Einiges zur Psychiatrie und zur Psychologie im Kriege, von E. Strausky. (Wiener med. Wochenschr. 1915. Nr. 27.) Ref.: Pilcz (Wien). Verf., der viele Monate im Felde, teils bei einem mobilen Reservespitale, teils bei der Truppe als Chefarzt eines österreichisch-ungarischen Infanterieregi¬ mentes gestanden ist, berichtet über eine Reihe von Beobachtungen, die er im Felde zu machen Gelegenheit hatte. Von Interesse sind gewisse pathologische Affektzustände, die er vereinzelt zu sehen bekam, für die er den Namen „Kriegs- knall“ vorschlägt und die er etwas näher beschreibt. Eigenartige Delirien bei den Choler&kranken, deren Verf. eine große Menge untergekommen sind, hat er auch in einigen Fällen gesehen, aber infolge Verlegung des Spitals, das einige Zeit lang als Epidemielazareit diente, nicht zu Ende beobachten können. Verf. zitiert weiter eine Reihe anderer deutscher Autoren, die über psychia¬ trische Beobachtungen im Felde berichtet haben, und kommt gleich ihnen zu dem Schlüsse, daß es eine besondere Kriegspsychose nicht gibt, sondern daß der Krieg nur den Inhalt der Psychose determiniert oder als psychisches Trauma wirkt; die Nutzanwendungen gegenüber dem Umsichgreifen der sogen. Psychoanalyse in der Psychiatrie werden kurz beleuchtet. Im allgemeinen ist die Zahl der Psychosen keine besonders hohe; es sind eben auf mitteleuropäischer Seite — Deutschland und Österreich-Ungarn — die besseren Nerven. In einem besonderen Abschnitte geht der Verf. auf die psychologische Seite ein, berichtet über die Grenzbeziehungen zu der neuropathischen Minderwertigkeit bezüglich der Reaktion auf die Kriegsereignisse, über die Anpassung der Mehrzahl an das Leben im Felde und an die Strapazen und Gefahren desselben und ver¬ gleicht die Erfahrungen dieser Art mit psychologischen Phänomenen auf anderen Gebieten. Mut und Mutlosigkeit werden besonders untersucht und analysiert und dargetan, daß es komplizierte Phänomene verschiedener Dignität sind, insbesondere, daß es Zwangsbefürchtungen auch im Felddienste gibt, die mit vulgärer Mutlosig¬ keit nicht das mindeste gemein haben. Ref. möchte noch speziell bemerken, daß man eB diesem höchst lesenswerten und interessanten Aufsatze Zeile für Zeile anmerkt, daß Verf. seine Erfahrungen direkt an der Front gesammelt und den Krieg im Felde und Schützengraben kennen gelernt hat. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSfTY OF MICHIGAN 601 2) Über Wundbehandlung in den Kriegsspitälern, von v. Ruediger. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 25.) Ref.: Pilcz (Wien). In dieser vorwiegend für den Chirurgen wichtigen Studie seien, als auch für den Neurologen von Interesse, folgende Punkte hervorgehoben: a) Schädelschüsse: Tangentialschüsse möglichst früh operieren, wenn klinisches Bild und Röntgenogramm für Rnochenfraktur, auch nur der Tabula interna, einigermaßen entsprechen. Durchschüsse ezspektativ zu behandeln, außer bei Drucksteigerungsefrscheinungen durch Blutung aus Art. meningea media. Bei Steckschüssen nur zu operieren, wenn wichtige Zentren gedrückt werden oder Symptome einer Infektion auftreten. Bei Blutungen aus der Art. meningea media ist immer sofort einzugreifen. Bei allen Schädelverletzungen mit Bewußtlosigkeit nicht den Füllungszustand der Blase vergessen. b) Rückenmarksschüsse. Bei spinaler Verletzung Operation zwecklos, sogar gefährlich. Bei Druckwirkung dagegen, durch Blutung, Knochensplitter usw. Operation dann indiziert, wenn sich nach etwa 6 bis 8 Wochen der Zustand nicht geändert hat. c) Tetanus. Antitoxin bei ausgebrochenem Tetanus nahezu stets wirkungslos, um so wichtiger prophylaktische Antitoxinbehandlung bei allen verdächtigen Ver¬ letzungen, wie komplizierten Schrapnellwunden oder dergl. Symptomatisch bei abgebrochenem Tetanus Chloral bis zu 8,0 pro die, eventuell Narkose, bei Bronchitis Chloroformnarkose, Fälle mit langer Inkubation sind prognostisch günstiger. d) Nervenverletzungen. Hauptschwierigkeit: Frage der Spät- oder Früh¬ operation. Intensives Hand- in Handarbeiten des Chirurgen mit Neurologen und Orthopäden erforderlich; letzterer hat namentlich hinsichtlich Nachbehandlung wichtige und große Aufgabe. 8) Beiträge zur Chirurgie der Sohußverletzungen des Gehirns, von H. Frey und H. Selye. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 25 u. 26.) Ref.: Pilcz. Studie, gestützt auf reichliches eigenes Material, von vorwiegend chirurgischem Interesse. Für den Neurologen aber auch von Wichtigkeit. Die Verff. gelangen zu folgenden Schlußsätzen: Aus dem äußeren Aspekt der Wunde lassen sich keine verläßlichen Folge¬ rungen auf die Ausdehnung der Zerstörungen in der Tiefe ziehen. Es sind demnach alle Fälle zunächst operativ zu explorieren; bei etwa intakt befundenem Knochen ist dann kein weiteres Vorgehen indiziert; ist der Knochen verletzt, so muß unbedingt an der betreffenden Stelle das Schädeldach eröffnet werden. Der Knochen ist soweit abzutragen, bis nach allen Richtungen normale Dura sichtbar ist Nach Entfernung von Fremdkörpern, Knochensplittern und zerfallenem Hirn¬ gewebe ist die Dura bis an den Knochenrand kreuzförmig zu inzidieren. Die Operationswunde ist so zu versorgen, daß weder durch den Verband, noch durch die natürliche Bedeckung ein Druck auf die freigelegten Hirnpartien ausgeübt werde. Während der Nachbehandlung auftretende Hirnprolapse sind nur dann von Bedeutung, wenn die Hirnpulsation auf hört. In diesem Falle müssen die Prolapse abgetragen und das Gehirn neuerlich exploriert werden. Ist die Hirnpulsation erhalten, so ist der Prolaps ohne Bedeutung und kann der spontanen Rückbildung überlassen bleiben. Die Prognose ist nach den Erfahrungen der Verff. bei dieser Behandlung überwiegend günstig; nur 8°/ 0 Mortalität; Lähmungen und andere Herderschei¬ nungen bilden sich rasch zurück. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 602 4) Über. Gehirn Verletzungen durch Granatsplitter, von Dr. Goetjes. (Mün¬ chener med. Wochenschrift. 1915. Nr. 26. Feldärztl. Beilage.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. war in der Lage, 18 Gehirn Verletzungen duroh Granatsplitter, die in den ersten 24 bis 48 Stunden in seine Behandlung kamen, zu operieren und dann wochenlang bis zur fast beendigten Abheilung bzw. bis zum Tode mit folgender Autopsie zu beobachten. Chirurgisch geheilt wurden 7 Fälle, es starben an Luft¬ embolie 4, an sekundärer Blutung 3, an Meningitis (Gasphlegmonen) 1 und an der Größe der Verletzung 3 Fälle. Jede Granatsplitterverletzung des Schädels ist in den ersten 24 bis 48 Stunden operativ zu behandeln. Die Operation soll eine möglichst gründliche sein und in der sorgfältigsten Ausräumung der breit zugänglich gemachten Zertrümmerung»« höhle von Gehirnbrei und Knochensplitter bestehen. Die Nachbehandlung erfolgt mit Tamponade, die im Bereich des Knocbenloches als Pelotte den drohenden Prolaps verhindern soll. 6) Zwei Fälle von Trigeminusläsion duroh Sohußverletzung, von W. Uht- hoff. (Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. LIV. 1915. April-Mai.) Ref.: Kurt Mendel. Fall I. 29jähriger Patient. Beim Platzen einer Granate Verletzung an der rechten Schläfenseite. Etwa 1 / 2 Stunde bewußtlos. Augenlider rechts stark an» geschwollen. Blutende Wunde an rechter Schläfe. Es blieb eine Reizbarkeit des rechten Auges bei äußeren Schädlichkeiten, welches sich dann perikorneal injizierte und im unteren Hornhautteil kleine Epithelerosionen zeigte. Neurologische Unter¬ suchung: Rechte Kornea ist gegen leichte Berührungen unempfindlich, Sensibilität in ihren verschiedenen Qualitäten im ganzen Bereich des rechten 1. und 2. Trige¬ minus hochgradig herabgesetzt. Geruch rechts etwas herabgesetzt, Sensibilität der rechten Nasenschleimhaut vermindert. 3. Trigeminusast intakt. Am Gaumen Herabsetzung der Sensibilität rechts. Zäpfchen weicht etwas nach rechts. Ge¬ schmack auf der ganzen rechten Zungenhälfte herabgesetzt. Das rechte Auge hat die Fähigkeit zum Weinen eingebüßt, während Konjunktiva und Kornea normal befeuchtet waren. Bei dem Versuch durch soharfriechende Sub¬ stanzen die Tränensekretion anzuregen, gelang dies auf dem linken Auge bis zum Überfließen der Tränen, während dies rechts nicht der Fall war. Sympathicus intakt. Die Röntgenuntersuchung ergab einen Granatsplitter rechts unmittelbar vor dem Ganglion Gasseri. Zeitweise Blutandrang nach dem Kopf, leichter Schwindel mit Übelkeit. Sonst keine subjektiven Beschwerden. Die Exkoriation der Hornhaut deutet Verf. als trophische Störungen. Be¬ treffs des Aufhörens der Tränensekretion glaubt Verf., daß die sekretorischen Fasern aus dem Fazialisgebiet stammen und auf dem Wege des N. petrosus super¬ ficialis major und des Ganglion sphenopalatinum in das Trigeminusgebiet über¬ treten. Fall II. 21 jähriger Student. Gewehrschuß in die linke Schläfengegend; Einschuß dicht hinter dem äußeren oberen Orbitalrand, Ausschuß an der unteren rechten Halsseite. Bewußtlos, Blut aus Nase und Mund; linkes Auge erblindet, Lider stark geschwollen, Schluckbeschwerden; Aufhebung des Gefühls im Gebiet des 2. Trigeminusastes einschließlich der linken Nasenschleimhaut und einer Partie des harten Gaumens; Sensibilität an Oberlippe, Zunge und Kornea normal. Ge¬ ruch links herabgesetzt, Geschmack nicht gestört. Keine Anomalie der Tränensekretion. Der Bulbus war stark erschüttert durch das Geschoß, letzteres hatte im unteren Abschnitt der Orbita den 2. Ast des Trigeminus lädiert, denselben ganz isoliert lähmend. Wichtig ist, daß die Tränensekretion intakt blieb; es spricht dies gegen die Annahme einiger Autoren, daß die sekretorischen Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 603 Fasern für die Tränendrüse ans dem 2« Aste des Trigeminus auf dem Wege des N. subcutaneus malae zur Tränendrüse verlaufen. 0) Direkte Verletzung der Vagusgruppe, eine Kriegsverletzung, mit Hefiex- krampf des Vagus, von H. Gross« (Deutsche Zeitschr. f. Chirurgie. CXXXIII: 1916. H. 2.) Bef.: K. Boas. Eine Schädelbasisfraktur, die in ihrem Beginn oder Ende oder durch nächste Nachbarschaft das Foramen jugulare einbegreift, ist die normale Ursache einer Verletzung der Vagusgruppe (Nn. glossopharyngeus, vagns, acoessorius und hypo- glOB8Ufl). Diete Verletzung als Folge eines Schädelbrucbs ist bisher 12 mal beschrieben worden. Indessen gibt es auch eine direkte Entstehung, wie bisher 4 Fälle von Schuß- Verletzungen aus der Literatur lehren, welche das Foramen jugulare und seine nächste Umgebung trafen. Einen 5. Fall beschreibt Verf. bei einem Hauptmann, der duroh Schrapnell¬ mantel eine Verletzung in der linken Halsseite erlitt, die sofort heftige Atem¬ beschwerden mit bis zum Lufthunger sich steigernden ErstickungsgefÜhl zur Folge hatte. Pat. verlor ferner sofort die Stimme. Bei der Aufnahme zeigte sich im Röntgenbilde ein Sohrapnellstück in der Nähe des Foramen jugulare. Die Erscheinungen bestanden in beschränkter Ge- schmacksstörung der linken Zungenhälfte, Atrophie des M. genioglossus und der vorderen Halsmuskeln. Der Schluckakt war nur gestört, nicht völlig aufgehoben, so daß nur eine Reizwirkung, keine völlige Unterbrechung der in Betracht kommenden Nerven (Glossopharyngeus, Vagus, Hypoglossus) vorlag, der Accessorius war intakt. Bei der Operation konnte festgestellt werden, daß ein Druck auf das Foramen jugulare und die durchsetzenden Nerven seitens des Sprengstückes nicht bestand. Im übrigen mißlang der Versuch, das am oberen Rande der Incisura jugularis sitzende Sprengstück zu entfernen. 14 Tage nach der Operation bei geheilter Wunde bekam der Pat. plötzlich einen schweren Reßexkrampf des Vagus in Form eines Kollapszustandes mit schwerem Angst- und Kältegefühl und kaltem Schweißausbruch. Die Atmung war ganz flach, zeitweise aussetzend, Puls 64 Schläge. Diese Anfälle wiederholten sich im Laufe der nächsten 14 Tage in fast gleicher Intensität noch zweimal, in geringerer noch öfters. Es konnte festgestellt werden, daß eipe Reizung der peripherischen Vagusausbreitung lediglich duroh eine keineswegs übermäßige An¬ füllung des Magens ausreichte, um einen typischen Reflexkrampf auszulösen. Erst bei reduzierter Abendkost blieben die Anfälle dauernd fort 7) Über Verletzungen des Rückenmarks im Kriege, von J. Leva. (Müncb. med. Wochenschr. 1916. Nr. 27. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. fand bei 21 Fällen von Rückenmarksverletzung nach einer durchwegs J / 2 jährigen Beobachtungszeit eine Mortalität von 2, d. h. 9,5 °/ 0 . Allerdings war das Rückenmark in zahlreichen Fällen nur in unerheblichem Grade verletzt (KommotionsWirkung) und die meisten Verletzten hatten bei der Lazarettauf¬ nahme das kritische Stadium (Wundinfektion, Meningitis, andere schwere Kom¬ plikationen) schon erfolgreich überstanden; daher das verhältnismäßig sehr günstige Resultat. Bei einem großen Teile der im Kriege entstandenen Rückenmarksverletzungen können — eventuell auoh noch nach Monaten — erhebliche Besserungen eintreten. Andrerseits können sich an verhältnismäßige, unbedeutende Rückenmarksverletzungen — auch an periphere Nerven- und sogar Weichteilverletzungen — noch lange Zeit später sekundär degenerative Prozesse mit ungünstiger Prognose anschließen Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 604 (sekundäre traumatische Lähmungen). Daher Vorsicht in der Prognosenstellum' Rückenmarksverletzter! 8) Über Büokenmarkssohüsse, von Prot Bittorf. (Münch, med. Wochenschr. 1916. Nr. 27. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel. 2 Fälle. Trotz anfänglich sehr schwerer (Kommotions-)Erscheinungen kann die Prognose außerordentlich günstig 6ein, die Lähmungen können sehr schnell zurückgehen. 9) Ein typischer Steckschuß des BüokenmarkB, von Prof. Coenen. (Berl. klin. Wochenschr. 1915. Nr. 30.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. hat 2 Fälle von Steckschuß des Rüokenmarks, den einen im ersten Balkankriege 1913, den anderen zurzeit im Weltkriege beobachtet, die sich beide außerordentlich glichen, so daß nur der eine Fall genauer referiert zu werden braucht. Beiden Fällen gemeinsam war die Unkenntnis des Verwundeten von der Art der Schuß Verletzung, der lange Schußkanal von der Schulter bis ins untere Brustmark, das schließliche Steckenbleiben des Geschosses im Rückgratkanal, der Symptomenkomplex und der Bchließliche Tod. In dem jüngstbeobachteten Falle handelte es sich um einen Soldaten, der nach seiner Meinung durch MinensprengBtüoke verwundet war, die ihn angeblich mit solcher Wucht trafen, daß er sofort zusammenknickte, sioh überschlug und liegen blieb. Er blutete an der linken Schulter, an der man eine schräg nach unten und innen verlaufende längliche Wunde von etwa Daumengliedgröße sah, die, stark zerrissen, in einen in der Längsrichtung der Wunde liegenden Schuß- kanal führte. Die beiden Beine sind völlig schlaff gelähmt, feine Berührungen werden nur im oberen Drittel empfunden, desgleichen Schmerzempfindungen, Lagerungsgefühl, Temperatur- und Tastsinn. Patellar- und Achillesreßexe fehlen, Bauchdecken- und Kremasterreflexe vorhanden. Die Gegend deB 11. und 12. Brust¬ wirbels ist auf Druck deutlich empfindlich. Die Röntgenaufnahme wies über¬ raschenderweise im 12. Brustwirbel ein Spitzgescboß nach, das schräg mit der Spitze gegen die linke Schulter gerichtet war, sich seit Verlassen des Laufes um 180° gedreht hatte und in der Mitte des genannten Wirbels offenbar im Rück¬ gratkanal lag. Es war also im 12. Brustwirbel stecken geblieben. Die Operation wurde in Lokalanästhesie ausgeführt. Nach Entfernen der Dornen des 11. und 12. Brust-, des 1. und 2. Lendenwirbels sieht man die Geschoßspitze, die, heraus¬ gezogen, deutlich verkrümmt ist. Die Dura ist blutig verfärbt, ein Schußloch nicht zu sehen. Sie wird gespalten, worauf lockere, im Liquor schwimmende Blutgerinnsel zum Vorschein kommen. Darauf erkennt man im Brustmark ein Loch von Bleistiftdicke, von graulich verfärbtem und erweichtem Mark umgeben. Weiterhin erscheint links ein halbstreichholzlanger Knochensplitter, ein langes Blutgerinnsel usw. Nach 9 Tagen Exitus. Charakteristisch ist, wie auch im anderen Falle, der lange Schußkanal. Die Wirbelsäule fällt in die Schußlinie hinein, und zwar ganz zuletzt, nachdem das Geschoß einen langen Weg durch die Weichteile gemacht und einen Teil seiner lebendigen Kraft eingebüßt hat. Am Ende seiner Bahn ist es nicht mehr fähig, den knöchernen Widerstand der Wirbelsäule zu brechen; es bleibt stecken. Steckschüsse sind therapeutisch nur operativ anzugreifen. 10) Bemerkenswerter Fall von Malum perforans pedis nach Prellschuß der Wirbelsäule« von M. Kuznitzky. (Münch, med. Woohenschr. 1915. Nr. 23. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel. Minenexplosion. Einschuß in der vorderen Axillarlinie zwischen 8. und 9. Rippe, Ausschuß in Höhe des 2. Lendenwirbels. Lähmung beider Beine, Blasenlähmung, hochgradige Überempfindlichkeit im Bereich des Mons veneris, Penis und Skrotums. Außerdem hatte sich schon in der ersten Woche auf der Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 605 licken Ferse ein von der Plantar- auf di^ Dorsalfläche übergreifendes, keinerlei Beschwerden verursachendes Malum perforans gebildet, wahrscheinlich als Folge der zugehörigen trophischen Nervenzentren in den vordersten lateralen Ganglien¬ zellen der Vorderhörner des Lendenmarks in Höhe des 2. Lendenwirbels. 11) Beobachtungen über Schußverletzungen des Kehlkopfs. 3. Reihe (d. Centr. 1915. Nr. 7 u. 8), von 0. Körner. (Zeitsohr. f. Ohrenheilk. u. f. d. Krankh. d. Luftwege. LXXIII. 1915. H. 1.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. fügt den von ihm bereits veröffentlichten 7 Beobachtungen von Schutt¬ verletzungen des Kehlkopfs vier neue hinzu. In dem ersten handelte es sich um einen Schrägschuß durch den oberen Teil des Kehlkopfs, in dem zweiten um einen Querschuß mit Verletzung des rechten Stimmbandes, in dem dritten um einen Schrägschuß durch den untersten Teil des Kehlkopfs mit partieller Schädigung des rechten N. accessorius Willisii und in dem vierten um eine Kehlkopfkontusion mit funktioneller Stimmstörung. Bemerkenswert ist, daß nur in dem dritten Falle eine Komplikation bestand und zwar die Lähmung des mittleren Astes des Nervus accessorius Willisii zum M. trapezius, der in der Austrittsgegend des Geschosses am Halse geschädigt worden war. 12) Ein traumatisches Hämatom im Mediastinum mit starker Verdrängung der Speise- und der Luftröhre, aber ohne Rekurrenslähmung, von 0. Körner. (Zeitschr. f. Ohrenheilk. u. f. d. Krankh. d. Luftwege. LXXIII. 1915. H. 1.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Etwa 5 Tage nach einer starken Thoraxkontusion durch stürzende Erdmassen im Schützengraben war ein Schluckhindernis aufgetreten, dessen Sitz in der Speiseröhre vermutet wurde. Man dachte an ein traumatisches Aortenaneurysma, * gab aber diese Annahme bald auf. Die Ösophagoskopie ergab, daß es sich um eine Verdrängung der Speiseröhre im oberen Abschnitte des Thorax nach rechts handelte, und der Einblick in die Luftröhre zeigte später eine Verlagerung der¬ selben nach vorn und rechts. Das Röntgenbild zeigte einen Schatten oberhalb des Herzschattens, den der schattengebende Speisebrei ebenso wie der Gummi¬ schlauch bogenförmig umwanderten. Die Kontusion hatte eine Blutung in das Mediastinum herbei geführt, das Hämatom saß im hinteren Mediastinalraum. Dabei wurden die Rami recurrentes beider Nervi vagi stark verdrängt, aber eine Kehl¬ kopflähmung ist nicht aufgetreten. 13) Beitrag zur Beurteilung und Behandlung der Sohußverletaungen peri¬ pherischer Nerven, von Hermann Oppenheim. (Therapie der Gegenwart. 1915. Juni.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Die Symptomatologie der peripherischen Nervenlähmung wird nach den Er¬ fahrungen des gegenwärtigen Krieges überaus häufig kompliziert und verwischt durch die Verknüpfung mit Lähmungszuständen bez Reiz- und Ausfallserschei¬ nungen, die nicht als die direkte Folge des lokalen Verletzungsprozesses im peri¬ pherischen Nerven angesehen werden können, sondern auf nicht-organische zentrale (zerebrale und wahrscheinlich auch spinale) Vorgänge zurückgeführt werden müssen. Verf. denkt dabei an alle die Zustände, welche als psychogen-hysterische, als Gewohnheitslähmung, als Akinesia amnestica, als Reilexlähmung gedeutet werden, Zustände, welche im Anschluß an Traumen bzw. starke zentripetale (sensible und sensorische) Erregungen auch außerhalb der Hysterie und ohne jede hysterische Begleiterscheinung Vorkommen können. Das Verhältnis der auf der materiellen Läsion beruhenden Erscheinungen zu dieser „dynamischen Akinesie“ ist ein überaus wechselndes. Verf. sah in einem Falle eine echte Lähmung mit Entartungsreak¬ tion neben einer Paralyse von dynamischem Charakter. Manchmal war nur eine Muskelgruppe oder nur ein Nerv von der dynamischen Akinesie betroffen, während ein anderer Nerv eine echte Lähmung aufwies. Bei der echten Lähmung bietet* Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 606 der Nachweis der Entartungsreaktion jlen Schlüssel zur Diagnose, denn im Bereich der dynamisch bedingten Bewegungsstörung ist die elektrische Erregbarkeit normal oder nur unbedeutend herabgesetzt. Daneben kann nur noch der Sitz der Störung einen Fingerzeig abgeben. Der Akinesia amnestica und der Reflexlähmung fehlt die Inkonstanz, die Ungesetzmäßigkeit usw. der hysterischen Lähmung. Schwierig ist oft die Beurteilung bei gleichzeitigem Bestehen von echter Lähmung und dynamischer Akinesie, wobei das Verhalten der elektrischen Erreg¬ barkeit das Urteil irreleiten kann, eine Frage, die für die Neurolyse oder Nerven¬ naht Beaohtung verdient. Eine große, noch vielfach ungeklärte Rolle spielen die myositischen Prozesse, mag es sich um direkte Muskelverletzungen, um ischämische Vorgänge oder para¬ lytische Kontrakturen handeln. An Muskelnarben und an Nervenverletzungen können sich entzündliche Veränderungen in der Muskulatur anschließen, die einer¬ seits zu Schwellung und Infiltration, andererseits zu Schrumpfung und Induration des Muskels führen können. Sie vermögen auch das Heilresultat insofern zu be¬ einflussen, als die Kontraktur ein dauerndes BewegungBhindernis bilden kann. Zum Schluß weist Verf. auf den ungünstigen Einflnß hin, den die Muskel¬ erschlaffung und Muskeldehnung auf die Funktion ausübt, und die daraus folgende Indikation, durch Lagerung und zweckmäßige Hilfsapparate (Gipshülsen usw.) möglichst frühzeitig der Überdehnung der Muskeln entgegenzuwirken. 14) Zur Frage der Sohußverletzungen der peripheren Nerven, von Mar¬ burg und Ranzi. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 23.) Ref.: Pilcz, Die Verff. überblicken ein Material von 48 operierten Fällen und fassen ihre Erfahrungen wie folgt zusammen: 1. Wenn nach einer Schuß Verletzung sich die motorischen und sensiblen Ausfallserscheinungen einer Nervenverletzung mit völligem Fehlen elektrischer Reaktion verbinden, dann ist nach der Wundheilung der sofortige Eingriff in¬ diziert. 2. Wenn bei einer Nervenverletzung mit motorischer und sensibler Ausfalls- erscheinüng die elektrische Reaktion, welcher Art immer, eine progressive Ver¬ schlechterung aufweist, dann ist der Eingriff gerechtfertigt. 3. Wenn bei einer Nervenverletzung mit motorischen und sensiblen Ausfalls¬ erscheinungen, die sich nicht bessern, die elektrische Entartungsreaktion durch mehrere Wochen stationär bleibt, dann ist der Fall zu operieren. Gegenindikationen sind: bestehende Eiterungen, derentwegen man am besten auch nach völliger Abheilung noch mehrere Wochen zu wartet, und zweitens Krampfzustände bestimmter Nervengebiete. Zahlreiche interessante Einzelheiten dieses Aufsatzes, die sich nicht zu kurzem Referate eignen, mögen im Originale nachgelesen werden. Für den Neurologen wie Chirurgen in gleichem Maße wichtig; besonders interessant muß ein Vergleich dieses Aufsatzes mit der Studie von Redlich ge¬ nannt werden, der in der Monatsschr. f. Psycb. u. Neurol. 1915. S, 333 zu dem¬ selben Thema auf Grund eigener Erfahrung und eingehender Berücksichtigung der Literatur Stellung nimmt (s. d. Centr. 1915. S. 496). 16) Operative Befunde bei Sohußverletzungen peripherer Nerven, von Fr. Voelcker. (Deutsche Zeitschrift f. Chirurgie. CXXXIII. 1916* H. 1.) Ref.: K. Boas. Die Indikationsstellung für operative Eingriffe an peripheren Nerven ist nicht leicht, vor allem, was den Zeitpunkt des operativen Vorgehens anbetrifft. Operiert man spät, so werden die unnötigen Operationen seltener, die Erfolge Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 607 aber auch umso zweifelhafter ausfallen. Jedenfalls ist es naeh den Erfahrungen des Yerf.’s verkehrt, eine Wartezeit von etwa 2 bis 3 Monaten verstreichen zu lassen. Einen direkt bald naoh der Operation einsetzenden greifbaren Erfolg erzielt man nur in den Fällen, in denen Schmerzen die hauptsächlichste Indikation zur Operation abgegeben haben, da schon 3 bis 4 Tage nach der Operation die quälenden Neuralgien mit Sicherheit verschwinden. Der wichtigste Befund ist die schwielige Degeneration des Schußkauals. Bei der Operation wurde stets ein Faszien- oder Fettmantel um den Nerv gehüllt. 16) Neurolyse des Plexus braohialis, von Hehler. (Deutsche Zeitschrift f. Chirurgie. CXXXUI. 1915. H. 3.) Ref.: E. Boas. In einem Falle, wo die Einschußstelle sich am Erbschem Punkte befand, woraus eine völlige schlaffe Lähmung resultiert war, führte Verf. erfolgreich die Loslösung des Plexus brachialis aus seinem Narbengewebe aus. Vert empfiehlt deshalb die Neurolyse des Plexus brachialis bei Schußver¬ letzungen im Bereiche des Plexus braohialis. 17) Der plastische Ersatz der Interossealmuskulatur der Hand duroh den Extensor digitorum communis, von Cornelius Müller. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 27. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel. Fall von Zerstörung der Interossealmuskulatur des kleinen Fingers und des Hypothenars. Gutes funktionelles Resultat durch den Ersatz durch den Extensor digitorum communis. 18) Beitrag zur Behandlung der Peroneuslähmung, von Kurt Fleisch¬ hauer. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 30.) Ref.: E. Tobias. Auch nach erfolgreicher Nervennaht kann die motorische Lähmung peripherer Nerven noch monatelang bestehen bleiben. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit alle Maßnahmen konservativer Behandlung gleichmäßig anzuwenden, gewisser¬ maßen unter dem Gesichtspunkte der Prophylaxe elektrischen Strom, passive Be¬ wegungen, Massage, Diathermie usw. zu applizieren. Das funktionelle Resultat kann dann immer noch durch Atrophie der Muskulatur, Kontrakturen usw. in Frage gestellt sein. Für die Peroneuslähmung empfiehlt Verf. folgende Vor¬ richtung: Über die Kappe eines gutsitzenden Schnürstiefels mit fester Sohle wird ein Lederriemen in einer Weise angenäht, daß ein Zug ausgeübt werden kann, der den Fuß dorsalwärts hebt, proniert und abduziert, damit die typische Gang¬ störung ausgeglichen wird. Alles Nähere ist angegeben und bildlich veran¬ schaulicht. 19) Über die Behandlung der Isohladiousneuralgie naoh Sohußverletzong mit Nervendehnung, von H. F. Brunzel. (Münch, med. Wochenschr. 1915. Nr. 26. Feldärztl. Beil) Ref.: Kurt Mendel. In 2 Fällen mit heftigen Ischiasschmerzen nach Ischiadicusverletzung tat die stumpfe Dehnung des Ischiadicus in Narkose gute Dienste: die Schmerzen waren sofort erheblich gebessert und bald ganz geschwunden. Die spätere Freilegung des Ischiadicus ergab im ersten Falle als Grundlage für die Schmerzen ein in den lateralen Teil des Ischiadious eingetriebenes, erbsengroßes Knochenstückchen, im zweiten Falle mehrere kleine Bleispritzer ebenfalls im lateralen Teil des Nerven; beide Male war der Nerv zugleich in starke Schwielen eingebettet, die gelöst wurden* ln einem dritten Falle bestand als Ursache der Schmerzen eine feste, mit der Unterlage verwachsene Narbe; Dehnung des Nerven, Freilegung des Ischiadicus, Neurolyse, Muskelplastik brachten Heilung. 20) Die Lagerungsbehandlung der Nervenverletzungen, von Leo Mayer. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 26.) Ref.: Kurt Mendel. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 608 Eine Nervenlähmung ist oft nur scheinbar, obwohl sie schon Uonate besteht. Sie beruht nicht auf einer Durchtrennung des Nerven, sondern auf unrichtiger Lagerung der Extremität (Überdehnung der Muskeln). Für die Nervenverletzung ist eine Schiene gerade so wichtig wie für eine Knochenverletzung, das betreffende Glied ist richtig zu lagern: bei Radialislähmung ist die Hand zu extendieren und zu supinieren, bei Axillarislähmung ist der Arm mindestens bis 90° zu abduzieren, bei Medianuslähmung sind Finger und Hand stark zu flektieren, bei Ulnaris¬ lähmung die Finger zu spreizen, in den proximalen Gelenken zu flektieren, in den beiden distalen Gelenken zu extendieren. Sind Flexoren und Extensoren ge¬ lähmt, wie bei einer Ischiadicus- oder bei gleichzeitiger Radialis- und Medianus¬ verletzung, dann benutzt man die Mittelstellung. Gewöhnlich erholen sich die Flexoren rascher als die Extensoren. Dementsprechend muß man die Lage ändern, sobald eine Muskelgruppe überwiegend kräftig wird. 21) Zur Mobilisation versteifter Finger- und Handgelenke bei Kriegs¬ verwundeten, von A. Laqueur. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 26.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Bei schmerzhaften Versteifungen und Kontrakturen .— besonders nach Schut*- verletzungen der Nerven — genügen oft einfache warme Handbäder und Fango¬ packungen nicht; man muß bei ihrer Anwendung eine bestimmte Lagerung vor¬ nehmen. Verf. hat für diese mit gutem Erfolge einen Apparat aus Holz mit verstellbarem Scharniergelenk angewandt, den sein Bademeister Flake konstruiert hat. Der Apparat kann rein als solcher angewandt Mobilisationsversuchen dienen, Beugungen und Streckungen, oder aber mit der Fangopackung zur Anwendung gelangen. Flake hat auch gegen Fingerversteifungen und Kontrakturen, ferner zur Korrektur von Radialislähmungen mit flanellgefütterten Schnallen versehene Kissen angegeben; sie sind aus Roßhaar mit Flanellüberzug hergestellt. Auch hat er gepolsterte Schienen angefertigt. 22) Der Krieg und die traumatischen Heurosen, von Prof. Förster. (Monatsschr. f. Psychiatrie u. Neurologie. XXXVIII. 1915. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Verf.’s Erfahrungen in einem Kriegslazarett sind andere als diejenigen Oppen¬ heims (8. d. Centr. 1915. S. 514). Neue Krankheitsformen sind durch den Krieg nicht entstanden. Bei den „traumatischen Neurosen 1 * im Kriege handelt es Bich um Depressionen, um von jeher willensschwache, leicht reizbare Menschen, um Degenerierte, Hysterische, um ausgesprochen vasomotorische Erscheinungen, Unregel¬ mäßigkeiten und Aussetzen des Pulses, um Epileptoide usw. Den sogen, trauma¬ tischen Neurosen liegt also kein einheitliches Material zugrunde, und bei genauer Untersuchung läßt sich bei allen diesen Patienten nachweisen, daß es Bich um schon früher neuropathisch veranlagte Individuen handelt, die auch vor dem Kriege nicht die volle Widerstandsfähigkeit des Gesunden besessen haben. Bei allen diesen Persönlichkeiten spielten die Begehrungsvorstellungen eine große Rollen am leichtesten ersichtlich und nachzuweisen war dies bei den Hysterischen; bei ihnen sah Verf. auch häufig die Charcotsche Grande hystörie mit Are de cercle, attitudes passionelles, die man im Frieden bei Männern fast nie sieht. Die Genese lag in Begehrungsvorstellungen und der Sucht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Bei den rein depressiven Formen der traumatischen Neurose fehlten oft Be¬ gehrungsvorstellungen; es waren im Gegenteil oft mehr oder minder ausgeprägte Versündigungsvorstellungen vorhanden. Durch die Verwundungen oder die Anstrengungen, Strapazen und Schrecken des Krieges bekommt ein nicht neuropathisch veranlagter Mensch keine „trauma¬ ische Neurose". Die Zahl der Patienten, die unter diese Kategorie fallen, ist Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 609 eine verhältnismäßig sehr geringe; die Friedensprozentzahlen werden auch hier im großen ganzen ihre Gültigkeit behalten. 23) Hy stero-somatische Krankheitsersoheinungen bei der Kriegshysterie, von Otto Binswanger. (Monatsschr. f. Psycb. u. Neurol. XXXVIII. 1915. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 17 Krankengeschichten mit scharf umrissenen hystero-somatischen Symptomen- komplexen. Soweit letztere in Frage kommen, zerfallen die Kriegshysterien 1. in Fälle mit konstitutioneller hysteropathiscber Veranlagung schon vor Ausbruch des Krieges und vor dem Einsetzen der ausgeprägten Kriegshysterie (3 Fälle nur) und 2. in Fälle, in denen mit Sicherheit jede konstitutionelle Erkrankung im obigen Sinne auszuschließen ist (11 Beobachtungen). In 3 Fällen war die Frage nach einer konstitutionellen Veranlagung unsicher. In den Fällen sub 1 begegnet man mehrfach der Tatsache, daß schon mit Beginn des Krieges ausschließlich unter dem Einfluß gemütlicher Spannungen und körperlicher Anstrengungen der krankhafte Zustand sich entwickelt hat. Im übrigen kommen als ursächliche und vorbereitende Momente in Betracht: der emotionelle Shock, die Commotio cerebri et mednllae spinalis, die toxischen Schädigungen durch Geschoßgase, unregelmäßige, zum Teil ungenügende Ernährung, Schlafentziehung, seelische Hochspannung. Die hystero-somatischen Krankheitsbilder entwickeln sich entweder unmittelbar im Anschluß an diese Schädigungen oder es liegen kürzer oder länger dauernde In- kubationsstadien vor bis zur Entwicklung des Krankheitsbildes. Tiefergreifende Bewußtseinsstörungen scheinen wenigstens für die zweite Kategorie von Fällen eine notwendige Vorbedingung für das Zustandekommen der hysterischen Erkran¬ kung zu sein. Eine Verschiedenartigkeit der hystero-somatischen Krankheitsbilder für die Fälle der ersten oder zweiten Kategorie ist nicht nachweisbar. Die Sym- ptomenbilder entsprechen den bislang bekannten Erfahrungen, die wir an ein¬ deutig ausgeprägten Fällen schwerer Hysterie — sowohl der konstitutionellen als auch der traumatischen — kennen gelernt haben. Wenn auch — insbesondere für die Fälle der zweiten Kategorie — die mannigfachsten ursächlichen Momente bei dem Zustandekommen der Erkrankung mitgewirkt haben, so muß doch für die Entstehung der spezifisch hysterischen Merkmale dem psychischen Faktor die Hauptrolle zugewiosen werden. Die psychischen Entstehungsbedingungen dieser Krankheitsfälle umfaßt überaus verwickelte Vorgänge, die durch die landläufigen anamnestischen Erhebungen oder durch Psychoanalyse nicht klargelegt werden können. Nur das eine scheint sicher zu sein: die hysterische Veränderung ist für die Fälle der zweiten Kategorie gebunden an psychische, mechanische oder toxische Schädigungen des Gehirns, die klinisch ihren Ausdruck in den Bewußt¬ seinsstörungen finden. Im weiteren kann der Vermutung Raum gegeben werden, daß für die besondere Art des hystero-somatischen Krankheitsbildes, vor allem für die regionäre Gestaltung motorischer, sensibler, angioneurotischer und sekretorischer Störungen äußere und innere Momente wirksam sind, die die Be¬ wußtseinsvorgänge, vor allem die Aufmerksamkeit auf bestimmte Körperteile im Augenblick des psychischen und mechanischen Insults hingelenkt haben. Und schließlich muß auch angenommen werden, daß akzidentelle, mit dem ursächlichen Faktor der hysterischen Erkrankung nur indirekt zusammenhängende somatische Erkrankungen für die besondere Gestaltung des hysterischen Krankheitsbildes ver¬ antwortlich zu machen sind. Therapeutisch kommen bei diesen Kriegshysterien in Betracht: die als Suggestiv¬ mittel wirkenden hydro- und elektrotherapeutischen Prozeduren, gymnastische Übungen und Beschäftigungstherapie. Auffallend hartnäckig sind die hysterischen Sprach- und Phonationsstörungen. In einzelnen Fällen von Kriegshysterie blieben die geheilten, zur Front zurückgekehrten Soldaten gesund, in anderen löste jede neue gemütliche Erschütterung nervöse Störungen aus. xxxiv. 39 Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 610 24) Zur Entstehung, Vorhersage und Behandlung nervöser und depressiver Zustandsbilder bei Kriegsteilnehmern, von Fritz Mohr. (Mediz. Klinik. 1915. Nr. 22.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Von nervösen und depressiven Zustandsbildern sehen wir bei Kriegsteilnehmern einerseits Fälle mit vorwiegender Beteiligung der körperlichen Sphäre wie großer Erschöpfung, abnormer Ermüdbarkeit, Schlaflosigkeit, Zittern, abnormer Erregbar¬ keit des Herzens, Herzklopfen, Parästhesi§n, Dermographismus, Kälteempfindungen in den Extremitäten, mit Schmerzen von abgelaufenen Wunden oder rheumatischen Erkrankungen usw., andererseits Fälle mit hauptsächlicher Beteiligung der psychi¬ schen Sphäre in Form von Gemütsverstimmung, psychomotorischer Hemmung, Angst, Beklemmung, Reizbarkeit, Lach- und Weinkrämpfen, Zwangsvorstellungen, Schreckhaftigkeit. Die körperlichen und psychischen Zustände hängen dabei oft aufs engste zusammen. Zeitlich sind die Krankheitsbilder entweder vor dem Auszug inB Feld oder im Felde selbst oder nach der Rückkehr aus dem Felde entstanden. Bei den letzteren beiden Formen ist die körperliche Erschöpfung oft von großer Wichtig¬ keit, bei der ersteren müssen wir meist nach psychischen Erklärungen suchen. Aber auch in den beiden anderen kommt dem psychischen Faktor eine ganz außer¬ ordentliche, oft überwiegende Beteiligung zu. Die Kriegserfahrungen weisen nun darauf hin, daß in der Neurosenforschung uns nur eine psychophysiologische Betrachtungsweise, nicht eine rein körperliche, fördern kann. Verf. bespricht von diesem Standpunkte aus die Entstehung ner¬ vöser Zustände. Die elementare Tatsache, daß jeder Mensch — so auch der Kriegsteilnehmer — Lust sucht und Unlust vermeidet* ist die Ursache davon, daß wir ganz automatisch bei furchtbaren Eindrücken, dauernder höchster geistiger Anspannung oder großen körperlichen Strapazen „uns in die Krankheit flüchten“. Der Wege dieser unbewußten Flucht gibt es viele, sie sind durch die einzelne Persönlichkeit, durch die Lage usw. gegeben, was Verf. des Näheren ausführt. Die Vorgänge können sich dabei unter der Schwelle des Bewußtseins abspielen und sich der bewußten Willenstätigkeit entziehen. Die Prognose nervöser und depressiver Krankheitsbilder ist bei einer schema¬ tischen, nur körperlichen Behandlung fast absolut schlecht, wenigstens so lange der Krieg dauert. Und wenn er beendet ist, droht der Kampf um die Ent¬ schädigung. Besser ist die Prognose, wo die körperliche Erschöpfung das Wesent¬ liche des KrankheitBbildes ausmacht, und wo sich die psychischen Komplikationen nicht hinzugesellen, ferner wo ein anderer starker Affekt wie Ehrgeiz, große Be¬ geisterung ubw. sich den krankmachenden Affekten entgegenstemmt und sie wirk¬ lich überwindet. Diese Falle sind aber Ausnahmen. Da nun durch die schlechte Prognose unserem Volkskörper Verluste drohen, die noch Jahrzehnte an ihm nagen können, entsteht die Frage, ob sich nicht die * Prognose bessern läßt. Diese Frage bejaht Verf.; er ist der Ansicht, daß dies durch eine die physische und psychische Seite berücksichtigende Behandlung sehr wohl erreichbar ist. Bisher war dieselbe fast ausschließlich körperlich, was nicht genügt für die psychischen Faktoren; der zweite und wichtigste Teil der Behandlung ist der psychische Teil. Verf. erwähnt nur die grundlegenden Ge¬ sichtspunkte derselben: Nicht alle Nervösen im Felde sind nach der Heimat zur Behandlung zu schicken, sehr zweckmäßig sind die Erholungsheime in der Etappe, wenn dort die richtige Behandlung einsetzt. Spezialanßtalten und Spezialbäder sind nicht selten verhängnisvoll. 25) Herzneurosen mit Hanthyperftsthesie, von Brasch (Nürnberg). (Münch. med. Wochensohr. 1915. Nr. 20. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel. Bei allen Fällen von Herzneurose fand Verf. eine hyperästhetische Zone über Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 611 dem Herzen, zuweilen war die Hyperästhesie sehr stark ausgesprochen. Die über* empfindlichen Hautpartien waren fünfmarkstück- bis handtellergroß und fielen wenigstens zum Teil mit der Herzdämpfung zusammen. Organische Herzfehler weisen solche hyperästhetisohen Zonen nicht auf. 26) Über Störungen der Herztätigkeit, von Erich Aschenheim. (Münch, med. Wochenschr. 1915. Nr. 20. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel. Unter den großen Anstrengungen des Krieges erlahmt bei einer gewissen Anzahl von Menschen die Regulation des Herzens und der Gefäße — also eine Neurose des autonom-sympathischen Nervengeflechtes —, und zwar tritt diese Er¬ schöpfung bei Menschen auf, bei denen sich in beständiger Wiederkehr mehr oder minder Zeichen einer nicht vollwertigen Körperbeschaffenheit finden: Lordose der Lendenwirbelsäule, geringe Behaarung, verhältnismäßig kleine Hoden, Ver¬ größerung der Schilddrüse, Schwellung des lymphatischen Apparates. (Minder¬ wertigkeit der endokrinen Drüsen?) 27) Erfahrungen über Epilepsie und Verwandtes lm Feldzüge, von K. Bon- hoeffer. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVIII, 1915. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Der weitere Verlauf des Krieges scheint die in den ersten Monaten gemachte Erfahrung zu bestätigen, daß die beiden Hauptgruppen der manisch-depressiven und der schizophrenen Erkrankungen im Kriege nicht häufiger sind, als ihrem Anteil in der Bevölkerung entspricht. Wahrscheinlich gilt dasselbe für die pro¬ gressive Paralyse. Ein unbestreitbarer Einfluß der Kriegserlebnisse ist bis jetzt nur ersichtlich in dem starken Hervortreten der auf dem Boden der psychopathi¬ schen Konstitution erwachsenen psychischen und nervösen Anomalien. Häufiger sah ferner Verf. eine den psychogenen hysterischen Zuständen verwandte Gruppe, die der pathologischen Schwindler; weiterhin scheint die konstitutionell depressive Veranlagung besonders unter den Offizieren mit der Steigerung der Verantwort¬ lichkeit stärkere depressive Reaktionen zu zeitigen. Betreffs der Epilepsie ist hervorzuheben, daß die Zahl der epileptischen In¬ dividuen verhältnismäßig groß ist; bis Anfang März waren es etwa 33 Fälle. Hiervon bestanden bei 20 die Anfälle schon vor dem Feldzuge. Bei ihnen ließen sich als auslösende Faktoren 5 mal starke anstrengende Märsche, 7 mal das Gefecht selbst feststellen; 2mal war es die Wirkung der Granatexplosionen aus nächster Nähe, die in einem Fall sofort einen Anfall auslöste, in einem andern trat 6 Stunden später der Anfall auf und wiederholte sich 4 Wochen später. Bei 3 Fällen trat der Anfall anschließend an Schußverletzungen im Gefecht auf. Bemerkenswert war die Häufigkeit psychischer Begleitsymptome (vielleicht ist hierbei dem Kriege eine besondere Bedeutung beizulegen): bei 13 Fällen ließen sich solche nachweisen; von den transitorischen Störungen waren besonders häufig Verstimmungen von depressiv-reizbarem Charakter neben eigentlichen Dämmer¬ zuständen und pathologischen Räuschen. Intellektuelle Defektzustände, Schwer¬ fälligkeit und Debilität fand sich bei mehreren. Bei 13 Fällen schien erst der Krieg die epileptischen Anfälle zum Ausbruch gebracht zu haben. Doch ist bei genauerem Zusehen deutlich, daß auch bei diesen scheinbar als „Feldzugsepilepsie“ sich darstellenden Erkrankungen sich pathologische Antezedentien zeigen: Enuresis, nächtliches Aufschrecken, anfalls¬ weise Kopfschmerzen, Alkoholintoleranz, Reizbarkeit, Schwindelanfälle usw. Bei einer Reihe von Fällen hält es Bchwer, die Art der Anfälle zu rubri¬ zieren; diese Individuen haben ein labiles Vasomotorium, werden im Anschluß an Emotionen leioht blaß und ohnmächtig, sind Psychopathen, nähern sich der Hysterie (psyohasthenische Anfälle). ?>9* Digitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 612 Schwere, von Jugend auf bestehende Epilepsie fand sich nur infolge von Verheimlichung der Anfälle oder von Versehen bei der Einstellung. Von diesen Fällen ist keiner bis ins Feld gelangt. Nur disponierte Individuen erkranken im Kriege an Epilepsie. Es hat sich kein sicherer Fall gefunden, bei dem ausschließlich die Kriegserlebnisse als Ursache der Epilepsie in Betracht gekommen wären. Dagegen ist die Zahl der Fälle nicht gering, bei denen von Reaktivepilepsie insofern gesprochen werden kann, als ausschließlich anschließend an distinkte Kriegsschädigungen Anfälle aufgetreten sind. Daraus ergibt sich eine im wesentlichen günstige prognostische Beurteilung dieser Fälle. 28) EnuresiB und ähnliche Blasenatörungen im Felde, von Fritz Böhme. (Münch, med. Woch. 1915. Nr. 21. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. bespricht die Enuresis im Felde, soweit sie ohne organische Blasen¬ erkrankungen vorkommt. Als Ursache derselben wurden durchwegs Aufenthalt in feuchten Schützengräben, anhaltende Durchnässung und Kälteeinwirkung auf Patrouillengängen, naßkalte Quartiere angegeben. Diese äußere Reize, insbesondere Kältereize, vermögen unter bestimmten Verhältnissen eine im Kindesalter vor¬ handen gewesene Enuresis wieder auszulösen; anämnestisch bestand mit relativ wenigen Ausnahmen EnuresiB in der Kindheit (Enuresisrezidiv). Schmerzhafte Empfindungen fehlten, der unwillkürliche Harnabgang kam dem Kranken oft erst durch die Durchtränkung der Unterkleider mit Urin zum Bewußtsein. Die Unter¬ suchung des Urogenitaltraktes stellte nichts Pathologisches fest, nur wurde meist die Palpation der Prostata per rectum als sehr schmerzhaft empfunden, es wurde auch oft ein starker Füllungszustand dieses Organs konstatiert, außerdem Sphinkter¬ krampf. Therapie: Vermeidung der in Frage kommenden äußeren Reize, Entfernung aus der bisherigen Umgebung, Lazarettaufnahme, Wärme, Ruhe, regelmäßige Er¬ nährung und Verdauung, Einschränkung der Flüssigkeitszufuhr (von 6 Uhr abends an keine Getränke mehr bei Enuresis nocturna!); später warme Sitzbäder, milde Hydrotherapie, Arzbergerapparat. 29) ForensiBCh-psyohiatrisohe Beobachtungen an Angehörigen des Feld¬ heeres, von Max Kastan. (Deutsche med. WochenBchr. 1915. Nr. 25.) Ref.: Kurt Mendel. Bei den Vergehen in der Armee und Marine tritt eine nicht zu verkennende Eintönigkeit hervor: Fahnenflucht, Entfernung von der Truppe, Gehorsamsverweige¬ rung, Achtungsverletzung. Von 50 in dieser Arbeit berücksichtigten Fällen waren vier früher vom Militär entlassen, und zwar zwei wegen geistiger Störung. Fünf haben sich in Trinker- heil- oder Irrenanstalten befunden, 15 waren vorbestraft (einer wegen Geistes¬ schwäche exkulpiert); die in Zivil begangenen Verbrechen waren fast durchweg andere als diejenigen, welche im Kriege begangen waren. Die sogen, einfachen Seelenstörungen machten einen ziemlich geringen Prozent¬ satz der Beobachteten aus. Die Manisch-Depressiven fehlten überhaupt, ebenso die Paralytiker. 8 Fälle gehörten zur Dementia praecox (bei zwei von ihnen Dia¬ gnose zweifelhaft), bei ihnen beeinflußten die Ereignisse des Tages zuweilen die Färbung der Wahnvorstellungen lebhaft. 9 Kranke waren imbezill, sie sind zum großen Teil der Entfernung von der Truppe bzw. der Fahnenflucht angekl>. Bei ihnen besteht dann die Unfähigkeit, aus eigener Initiative ihren Truppenteil wieder aufzufinden, und die Angst vor Bestrafung. Das Hauptkontingent stellten die Degenerativen und Psychopathen, es waren im ganzen 12. Alle Typen, von hoch intelligenten Affektmensohen bis zum ge- Digitized b) Google Original from UMIVERSITY OF MICHIGAN 613 meinen Verbrecher, waren vertreten. Fast alle hierher gehörigen Personen liefien es za Affektverbrechen kommen: Achtnngsverletzung, Gehorsamsverweigerung, Sachbeschädigung. Fast alle wiesen schon in ihrem Vorleben abnorme Züge auf; sie waren unzuverlässig, scheu, unstet, abenteuersüchtig, wechselten dauernd ihre Berufstätigkeit, waren vorbestraft, in Fürsorgeanstalten, Gefängnissen, Irren¬ anstalten oder waren hereditär belastet. Zwei Hysterische waren fahnenflüchtig, desgleichen drei von vier Epileptikern. Die Anklagen bei 12 Alkoholisten bezogen sich auf AchtungsVerletzung, Ge¬ horsamsverweigerung, Beleidigung, Diebstahl, Entfernung von der Truppe. Als Vorbeugungsmittel im Frieden ist zu verlangen, daß nicht nur die Irren¬ anstalten, sondern auch die Kliniken angewiesen werden, die Geisteskranken den militärischen Behörden anzuzeigen, ebenfalls muß die Anzeigepflicht der Hilfs¬ schulen eingefährt werden, und diese Anzeigepflicht ist auch auszudehnen auf die Amtsgerichte bei volljährigen Personen, die wegen Geisteskrankheit oder Geistes¬ schwäche entmündigt werden. 30) Lazarettbesohftftigung und Militfirnervenheilstätte, von R. Wollenberg. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 26.) Ref.: Kurt Mendel. Bei Kriegsnervenkranken mit funktionellen Störungen ist eine zweckmäßige Beschäftigung während ihres Lazarettaufenthaltes erforderlich als wesentlichster Heilfaktor. Diese Beschäftigung muß der Eigenart des Kranken angepaßt werden, Bie muß in Arbeit und auch in geeigneter Unterhaltung bestehen, muß nützlich sein, ohne Hast und ohne Übertreibung der Anforderungen getan werden, in die militärische Ordnung hineinpassen und soll keine unzulässige Konkurrenz für die Geschäftsleute der Zivilbevölkerung bedeuten. In Betracht kommen die verschie¬ densten Handarbeiten, kaufmännische Lehrkurse, Turnübungen und vor allem Feldarbeit; sehr empfehlenswert ist eine dem Lazarett anzugliedernde ländliche Kolonie. 31) Übungssohulen für ,,Gehirnkrüppel“, von Fritz Hartmann. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 23.) Ref.: Kurt Mendel. Lernen und Üben ist das vornehmste Heilmittel für das rüstige, strukturell meist nicht disseminiert oder diffus geschädigte, in seinen Leistungen erfahrungs¬ gemäß enorm restitutionsfähige Gehirn der Gehirn verletzten. Verf. hat eine Übungs¬ schule für Sprach kranke und andere Gehirn verletzte unter Mitarbeit eines Pädagogen an seine Klinik angegliedert und sehr günstige Resultate erzielt. Es soll so den sonst als minderwertig sicher sozial untergehenden hirnverletzten Kriegern (besonders der qualifizierten Berufsstellungen) die Wiederherstellung der durch eine lokalisierte Funktionsuntüchtigkeit des zentralen Nervenapparates un¬ möglich gewordenen oder die Erreichung einer neuen (dem unheilbaren Reste der Defekte angepaßten) Berufstätigkeit ermöglicht werden. 32) Die Erwerbsfürsorge für Kriegsinvalide in nnsern Heil- und Pflege¬ anstalten, von Max Fischer. (Psychiatr.-neurol. Wochenschr. XVI. Nr. 51 u. 52.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. empfiehlt, die in Irrenanstalten vorhandenen Beschäftigungseinrichtungen für die Zwecke der Erwerbsfürsorge der Kriegsinvaliden nutzbar zu machen. Die Kriegsinvaliden können sich hier wieder in ihrem seitherigen Handwerk und Beruf nach Möglichkeit einüben und die alte Fertigkeit zu erlangen suchen; sie haben aber auch eventuell die Gelegenheit, unter Anleitung der Werkmeister und Beamten in neuen Berufsarten angelernt und ausgebildet zu werden. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 614 Therapie. 33) Sonnenbäder nnd Nervensystem, von C. Römer. (Deutsche med. Wochen¬ schrift. 1915. Nr. 28.) Ref.: Kurt Mendel. 2 Fälle von Sonnenstich nach Sonnenbad. In beiden Fällen traten, nachdem die betreffenden mit unbedecktem Kopf und Nacken stundenlang in der strahlenden Sonne gelegen hatten, Kopfschmerzen und meningitische Symptome auf. Durch Spinalpunktion wurde in beiden Fällen der Beweis einer echten Meningitis serosa erbracht (vermehrter Liquordruck). Daher Vorsicht bei Sonnenbädern und indi¬ viduelle Dosierung, wenn die Besonnung als Kurmittel dienen soll! 34) Über Foligan, ein neuartiges Sedativum, von RosaFriedläfider. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 32.) Ref.: Kurt Mendel. Foligan enthält die wirksamen Bestandteile der Orangenblätter, es wird in Tablettenform gegeben, hat eine deutliche sedative Wirkung, trägt wesentlich zum Schwinden der nervösen Symptome bei und hat sich besonders bei Neurasthenikern bewährt; es wird gern genommen, ist unschädlich und wirkt gleichzeitig in ge¬ wissem Grade als Stomachikum. 35) Klinische Erfahrungen mit Diogenal, einem neuen Beruhigungsmittel, von M. Serejski. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 32.) Ref.: Kurt Mendel. Die sedative Wirkung des Diogenals ist durchaus die wesentlichere, die hyp¬ notische kommt erst in zweiter Linie in Frage. Diogen&l wirkt elektiv auf ge¬ wisse Gruppen von Kranken, am deutlichsten auf leicht erregbare Psychopathen und Hysterische und nicht sehr tiefgehende Depressionen. In den Fällen, wo die Erregung immer crescendo ging, war auch das Diogenal völlig machtlos. Das Diogenal ist da angezeigt, wo das Opium entweder vom Pat. absolut verweigert wird oder wo es kontraindiziert ist, wie z. B. bei nervösen Hyperämien des Ge¬ hirns, bei älteren Leuten und Kindern mit schwacher Herztätigkeit. Bei der Kombination Opium und Diogenal wirkt letzteres unterstützend. Dosis: 3mal täglich 0,5 bis 1,0 g in Form von Tabletten oder Pulvern, Suppositorien von 1,0 g. Keine Nebenerscheinungen, keine kumulierende Wirkung, keine Gewöhnung. IIL Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Ref.: K. Löwenstein (Berlin). Nachtrag zur Sitzung vom 14. Juni 1915 (vgl, d. Centr. 1915. S. 537). Herr Kutzinski demonstriert eine eigenartige Halbseitenlftsion nach Sohußverletzung. B. L., 32 Jahre alt, Verletzung im Oktober durch Infanteriegeschoß. Einschuß an der linken Seite des Unterkiefers. Die Kngel wurde ira November operativ entfernt. Zwischen den Asten des Plexus cervicalis an der vorderen Wirbelsäule liegend wurde das Geschoß gefunden. Die Nerven des Plexus selbst waren nicht verletzt. Wund verlauf normal. Aufnahmebefand (dorch Prof. Oassirer erhoben) zeigte eine völlig schlaffe Läh¬ mung des linken Armes. Linke Pupille und Lidspalte sind enger als rechte. Pat. schwitzt; nur rechts Pupillenreaktion. Bauchreflex fehlt links. Patellarreflexe gleich, Achiilesrefkx links stärker. Links Babinski, Parese des linken Beines. In der linken oberen Extremität, sowie in der linken oberen und unteren Schlüsselheingrube Störung der Schmerz* und Be- rührungsempfindung. Auf der rechten Seite Störung der Temperatur- und Sehmerzeraptindung bis zum Rippenbogen reichend. Lagegefühl beiderseits intakt. Zwerchfellbewegungen rechts stärker als links. Jetzt bietet Pat. folgende Symptome: Linker Cucullaris voll¬ kommen gelähmt und atrophisch, ebenso Supra- und Infraspinatus. In diesen Muskeln komplette Entartungsreaktion. Dieser Befund ist wohl als Operationsfolge aufzufassen. Die linke Schulter hängt. Delta und Serratus gut. Ellenbogenbewegungen gut. Schulter und Ellenbogengelenk sind nicht spastisch, Handgelenk und Finger stark spastisch. Finger Digitized by Gck igle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN 615 in Pfötehenstellung. Finger- und Handbewegungen nur in geringem Umfange möglich. Trizepsreflex rechts lebhaft, fehlt links, Radiusperiostreflex rechts lebhaft, fehlt links. Elektrisch in den Muskeln der linken oberen Extremitäten nirgends qualitative Veränderungen, außer in den oben genannten. Quantitativ besteht faradisch in den Extensoren der Hand Herabsetzung. Zwerchfell elektrisch beiderseits prompt. Untere Extremität: Unerhebliche Parese links, links Fußklonus angedeutet Patellarreflex links stärker als rechts. Achillesreflexe gleich, Babinski links unsicher. Bauchreflex rechts lebhaft, links schwach. Lidspalten und Pupillen links enger. Sensibilität: Herabsetzung für Berührung und Schmerz, sowie Temperatur in der¬ selben Weise wie bei der Aufnahme. Das Gebiet der ersten linken Dorsalis ist aus¬ gespart. Rechts Sensibilitätsstörung am Rumpf und am Bein in der Weise, daß kalt meist als warm empfunden wird, warm als lauwarm. Die Grenze für Hypalgesie ist unsicher und reicht nicht soweit, wie die für Temperaturstörung. Die letztere erstreckt sich bis zur 4. Rippe. Bewegungs- und Berührungsempfindung rechts gut. Blasen- und Mastdarm- störungen bestehen nicht. Kopfnerven o. B. Es handelt sich um eine kleine umschriebene Läsion, die, in der Höhe des 8. Zervikalsegmentes beginnend, sieh naoh oben bis in die obersten Partien des Halsmarkes erstreokt. Autoreferat. Diskussion: Herr Cassirer: Meine Diagnose lautete damals: Verletzung des Rückenmarkes, wahrscheinlich keine Verletzung des Plexus selbst. Zu Anfang be¬ stand übrigens eine totale Lähmung des Armes. Herr Oppenheim fragt, wie der elektrische Befund ist. Herr Kutzinski (Schlußwort): Am Arm fand sich nur eine Herabsetzung für den faradischen Strom. Sitzung vom 12. Juli 1915. 1. Herr Schuster: Demonstration eines Falles von spinaler Hemiplegie. Das Bild der spinalen Hemiplegie ist ein so seltenes und in manchen Punkten noch s) sehr der weiteren Erforschung bedürftiges, daß ich Ihr Interesse für einen derartigen Fall erbitten zu dürfen glaube. Der 32 jährige Unteroffizier erhielt am 8. November 1914 einen Gewehrschuß in die Gegend des linken Unterkieferwiokels. Die Kugel verließ den Körper rechts etwa 2 cm lateralwärts vom Proc. spinös, des 2. Halswirbels. Die allerersten Folgen waren angeb¬ lich eine totale Lähmung der linken Körperseite, eine partielle der rechten und eine Ge¬ fühllosigkeit der linken Körperseite. Die Lähmung der rechten Seite verschwand ganz, diejenige der linken Seite besserte sich. Der heutige Befund ist kurz gesagt folgender: Leichte Atrophien der linken Schultergegend, des linken Armes und der linken Hand. (Anscheinend sogen. Inaktivitätsatrophie.) Die linke Hand ist etwas kühler und leicht cyauotiscb. Linker Arm und linkes Bein zeigen deutliche Muskelsteifigkeiten nnd sind paretisch. Die Nacken- und Halsmuskeln lassen keine spastischen Symptome erkennen. Das Zwerchfellpbänomen ist links gut ausgeprägt. Die Sehnenrefiexc sind am linken Arm und am linken Bein gesteigert, es besteht Andeutung von Handklonus und ganz leichter Fußklonus. Kein sogen. Rotationsklonus. Kein Babinski. Die Bauchdeckenreflere sind links nur zum Teil vorhanden. Sehr merkwürdig ist nun, daß der linke Rekurrens ge¬ lähmt ist, ohne daß ein sonstiges Vagussymptom vorhanden wäre. Insbesondere ist die Sensibilität im Larynx normal (Prof. Finder). Sehr auffällig ist ferner das Verhalten der Sensibilität: Während nach Angabe des Patienten anfänglich eine starke „Gefühllosigkeit“ der linken Seite bestanden haben soll, war bei meiner ersten Untersuchung vor etwa 4 Wochen nur eine ganz leichte Hypästhcsie auf der linken Seite vorhanden; stärker war die Sensibilität damals nur herabgesetzt auf der linken Seite des Halses, des Nackens und auf dem linken Arm. Auch im Gesicht bestand vor 4 Wochen deutliche Hypästhcsie links. Weitere Erscheinungen im Gesicht (Fazialisstörungen oder dergl.) bestanden nicht. Rechts war das Gefühl nirgendwo herabgesetzt. Das Lagegefühl war im linken Fuß gestört. Bei einer 10 läge später vorgenommenen Untersuchung klagte Pat. über Parästhesien in der Unken Gesichtnseite. Die Untersuchung ergab eine Hyperästhesie der linken Gesichtsseite und eine Hyperästhesie des rechten Beines bis zur Nauelgegend; ob diese hei der ersten Untersuchung schon da war, kann ich leider nicht sagen Sonst w r ar der Sensibilitäts¬ befund der alte. Heute ist nun von der Hypästhcsie nur noch die Gegend C 5 bis C T links betroffen (also der linke Arm radial wärts), die übrigen Bezirke der linken Seite fühlen normal. Dagegen besteht eine deutliche Hyperästhesie in der Zone bis C 4 (linke Nacken* und Halsseite, linker Unterkiefer). Deutlich hyperästhetisch ist ferner das ganze rechte Bein bis zur Nabelgegend. Kalt und warm wird überall gut unterschieden, sowohl Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 616 rechts als links. Die Röntgenuntersuchung (Dr. Holst) ergab eine leichte Verletzung des rechten seitlichen Wirbeibogens des 2. Halswirbels. Bei weitem das interessanteste Symptom des demonstrierten Krankheitsbildes ist die linksseitige Rekurrenslähmung. Wie soll man sich ihr Zustandekommen bei einem in das mittlere Halsmark zu lokalisierenden Krankheitsprozeß vor¬ stellen? Der periphere Nerv kann selbstverständlich nicht verletzt sein. Es gibt zwei Möglichkeiten der Erklärung: Entweder ist die von Rothmann (auf Grund seiner Tierexperimente) gehegte Vermutung richtig, daß im oberen Halsmark irgendwelche motorische Zellen für die Kehlkopfinnervation liegen, oder aber es handelt sich um eine Fernwirkung vom Halsmark aus auf die medullären Kerne, wie wir eine solche auf den Fazialiskern gelegentlich bei Tumoren sehen. (Daß derartige Fern Wirkungen auf den Fazialis auch bei Schuß Verletzungen Vorkommen, sah ich neulich bei einer Schädigung des Halsmarkes, die gleichfalls die mittleren Segmente betraf, aber im Gegensatz zum vorliegenden Fall beiderseitig lokalisiert war.) Bei einer Fern Wirkung auf den Nucl. ambiguus oder auf den dorsalen Vaguskern könnte ja — wie Rothmann annimmt — das Solitärbündel eine Rolle spielen. Ich möchte mich auf Grund meines Falles nicht mit Bestimmtheit entscheiden, glaube jedoch, daß nach unseren gesamten Erfahrungen diejenige Auf¬ fassung die wahrscheinlichere ist, welche ebenso wie bei der Beteiligung des Fazialis, so auch bei derjenigen des Rekurrenskernes an eine Fernwirkung auf die medullären Gebilde denkt. Sehr auffällig und schwer zu erklären ist auch das Verhalten der Sensibilität. Da alle übrigen Symptome auf eine Affektion der linken Hälfte des Querschnittes hinweisen, so ist die Lokalisation der Hyp- ästhesie links sehr überraschend — wenigstens insofern wir von der Hypästhesie des linken Armes (die als intramedulläres Wurzelsymptom zu deuten ist) ab- sehen. Die Hyperästhesie im obersten Zervikalgebiet links ist ohne weiteres ver- ständlich. Auch die — jetzt zum großen Teil wieder verschwundene — Hyp¬ ästhesie auf der linken Rumpfseite und auf dem linken Bein läßt sich wohl erklären, wenn wir uns daran erinnern, daß die spinalen Nekrosen nach Schu߬ verletzungen häufig multipel und auf beiden Seiten des Querschnittes auftreten. Kaum zu erklären bleibt es nur, wieso die zweifellos erhebliche Schädigung der linken Hälfte des RückenmarksquerschnitteB nicht zu einer Hypästhesie der rechten Körperseite geführt hat. (Die einzige Sensibilitätsstörung der rechten Körperseite war bekanntlich eine Hyperästhesie des rechten Beines.) Möglicherweise ist die Schädigung des linken Seitenstranges auf die hinteren Teile des Stranges be¬ schränkt geblieben, so daß fast nur die Pyramidenbahn beeinträchtigt wurde. Was die Höhenlokalisation angeht, so habe ich mich vorhin schon für das mittlere Zervikalmark entschieden. Für diese Lokalisation spricht das Fehlen spastischer Symptome oberhalb der Armmuskulatur, das Freibleiben des Phrenicus und sowohl die Höhe der hyperästhetischen, als auch der hypästhetischen Zone links. Freilich dürfen wir nach unseren bisherigen Erfahrungen bei den Schußverletzungen des Rückenmarkes die Möglichkeit nicht außer acht lassen, daß mehrere kleine nekro¬ tische Herde in verschiedenen Höhen vorliegen, deren Folgeerscheinungen sich addieren. Hervorzuheben ist schließlich noch, daß der Schußkanal den 2. Zervikal¬ wirbel, also eine Querschnittshöhe betraf, welche mehrere Segmente über der von uns angenommenen Hauptläsion saß. Autoreferat. Diskussion: Herr Rothmann warnt davor, die Schußverletzungen zu so feinen Lokalisationsversuchen zu verwerten. Was die Rekurrenslähmung anbelangt, so sei zu bemerken, daß der Herd in diesem Fall tiefer säße, als das experimentell festgestellte Zentrum; außerdem muß natürlich auch mit einer Fernwirkung ge¬ rechnet werden. Herr Henneberg berichtet über einen Fall von Schußverletzung des Rücken¬ markes im mittleren Dorsalmark. Es bestand zunächst totale Paraplegie, sie Digitized by Gck igle Original fro-m UMIVERSITY OF MICHIGAN 617 bildete sioh rasch zurück bis auf hochgradige Schwäche des linken Beines, am linken Bein bestand auch beträchtliche Herabsetzung der Sensibilität. Es handelt sich in solchen und ähnlichen Fällen zweifellos um diffuse Veränderungen, die im Querschnitt so verteilt sind, daß auf der einen Seite die Pyramidengegend, auf der anderen Seite der Vorderseitenstrang besonders stark betroffen ist. Autoreferat. 2. Herr Kramer demonstriert einen Fall von Schuß Verletzung des N. suralis, in dem sich eine Sensibilitätsstörung, die in ihrer Ausbreitung fast genau dem in den Schematen für diesen Nervus angegebenen Bezirk entsprach, fand. Verletzt war der N. communicans tibialis. Daß nicht durch den N. communicans peronei ein Erhaltensein der Sensibilität bewirkt wurde, kann entweder daran liegen, daß dieser Nerv für die Sensibilität nicht so in Betracht kommt, wie der N. communicans tibialis, oder daß er mit verletzt war, was nach den Narben¬ verhältnissen möglich war. 3. Herr L. Borchardt demonstriert einen Fall von Schußverletzung des Medianus am Oberarm, bei dem die Mm. pronator teres und flexor carpi ra- dialis motorisch und elektrisch frei von Störungen waren. Der elektrische Befund spricht gegen eine teilweise Restitution, es dürfte sich also um eine Aussparung der für diese Muskeln in Betracht kommenden Fasern bei der Verletzung handeln. Diskussion: Herr Otto Maas: Bei einem heute von mir untersuchten Pat. habe ich etwas Ähnliches gesehen. — Nach einer Schußverletzung am Unter¬ schenkel besteht als einzige motorische Störung: Unfähigkeit die große Zehe aktiv dorsalwärts zu bewegen. Alle übrigen Muskeln der Zehen, sowie auch des Fußes wirken mit voller Kraft. Daß aber die Schädigung durch den Schuß sich nicht auf den einen Ast des Nervus peroneus beschränkt, geht daraus hervor, daß an der Dorsalseite des Fußes und der Zehen die Sensibilität leicht gestört ist, und daß außer in den Extensören der großen Zehe auch im Extensor digitorum brevis bei galvanischer Reizung träge Zuckung eintritt. Faradisch waren der Nervus peroneus und der tibialis bei gleicher Stromstärke wie auf der gesunden Seite erregbar. — Pat. gibt an, daß die Störung unmittelbar nach der im März 1915 erlittenen Verletzung eingetreten sei; die übrigen Zehen und den Fuß habe er stets in normaler Weise bewegen können. Autoreferat. Herr Oppenheim verweist auf seinen Beitrag zur Frage der partiellen Medianuslähmung und bringt zur Ergänzung eine ihm von Bruns-Hannover ge¬ machte schriftliche Mitteilung: „Als eine sehr gute Bestätigung in umgekehrter Form Ihrer letzten Mitteilungen über die Innervation des Daumenballens durch den Ulnaris kann ich Ihnen mitteilen, daß ich gerade heute einen Fall von Ul- narisläsion am Unterarm sab, wo der Daumenballen in toto atrophisch, elektrisch nicht erregbar und gelähmt war. Der Medianus war hier sicher nicht be¬ teiligt“. Autoreferat. (Schluß folgt.) Ärztlioher Verein in Hamburg. Sitzung vom 1. Juni 1915. Ref.: M. N o n n e (Hamburg). Herr Trömner: I. Eine Hfimatomyelie durch Naoken schräg schuß. Trotz röntgenologisch nicht sichtbarer Wirbel Verletzung Bewußtlosigkeit, dann schlaffe Extremitätenlähmung, die nach einigen Tagen sich auf die Arme zurückzog. 14 Tage nach der Verwundung bestand noch völlige Lähmung von Schulter und Armen mit Areflexie und (außer geringer Störung der Fingergelenkempfindung) erhaltener Sensibilität. Beine waren schlaff paretisch mit gesteigerten Sehnen¬ reflexen (Babinski, Oppenheim, Wadenphänomeo). Eine bis etwa zur Magengrube heraufreichende Hyperästhesie gegen Schmerz und Kälte erlaubte die untere Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 618 Grenze der Blutung am 8. Dorsalsegment anzunehmen, mit Beginn etwa beim 5. Zervikalsegment. Trotz dieser großen Ausdehnung über 12 Segmente ist Pat. jetzt nach 4 Monaten fast geheilt. Bei der Prognose solcher Blutungen hat jugend¬ liches Alter eine entscheidende Bedeutung. — II. Eine Reihe von psyohogenen und kortikalen Sensibilitfitsstorungen. Hysterische Störungen fand Vortr. bei etwa 1 / 0 seiner Fälle von Kriegs-Nerven verletzten und zwar bei Individuen, welche sonst keinerlei sogenannte Stigmata hatten. Artefakte waren auszuschließen, weil jene nur bei einem gewissen Bruchteil auftraten, obwohl alle Fälle nach genau derselben Methode untersucht wurden und weil bei positiver Vermutung eher desuggestive als suggestive Fragen gestellt wurden. Merkmale psychogener SenBi- bilitätsatörungen sind 1. die bekannten, seit 3 / 4 Jahrhundert immer wieder be¬ obachteten geometrischen Begrenzungen, die zweifellos gewissen motorischen Vor¬ stellungskomplexen entsprechen. Auf optische Komponenten weist auch die schärfere Begrenzung an der Vorderseite des Körpers hin. Es sind gewisse primitive Partialvorstellungen des Körpers, welche eventuell der Ausschaltung aus dem Be¬ wußtsein unterliegen. Auch die dabei meist beteiligten Empfindungen, Schmerz und Temperatur, sind primitive (Heads „protopathische Sensibilität“). Seltener und meist weniger stark sind Tastempfindungen beteiligt, frei sind meist die für Motilität und räumliche Orientierung unerläßliche Tiefensensibilität. Die Disso¬ ziation der Empfindungen ist weder Ausnahme noch Regel, sie kommt bei allen organischen und funktionellen Störungen vor. Absolute Anästhesie sind viel seltener als bloße Hypästhesie, charakteristisch aber sind weiterhin die Fluktua¬ tion der Grenzen (abhängig von Aufmerksamkeit und Ermüdung), die Verlang¬ samung der Reaktionen (der Antworten bei der Prüfung) und die häufige In¬ differenz des persönlichen Verhaltens. Die meisten Kranken wissen von ihren Hypästhesien nichts oder kümmern sich nicht darum. Die Entstehung solcher Störungen setzt besondere neuropathische Fixation gewisser Komplexhemmungen voraus, welche andeutungsweise und vorübergehend auch als physiologische Affekt¬ oder Vorstellungswirkungen auftreten können. Anlaß Bind entweder relativ leichte, aber schmerzhafte Verletzungen — hier bewirkt der Schmerz eine Art kompen¬ satorischer Oberflächenhemmung — oder lange dauernde Fixation in Verbänden oder, wie in den meisten meiner Fälle, organische Paresen, die dann von der psychogenen Komplexhemmung vollkommen überdeckt wurden. Daß der Schmerz tatsächlich die Anästhesie bewirken kann, zeigt Vortr. an einer hysterischen Luxationslähmung der Schulter, welche von der bekannten Schulterkappe umgeben ist. Wenn man durch Hochhebung des Oberarms den Schmerz erheblich ver¬ mehrt, so erweitert sich bei dem Kranken das analoge Gebiet um mehrere Finger breit. Besonders interessant sind die symmetrischen oder, wie man sagen könnte, Spiegelungsanästhesien; z. B. hat ein Kranker des Vortr. infolge von Saphenusverletzung (durch Oberschenkelschuß) eine organische Anästhesie an der Unterschenkelinnenseite und als hysterisches Pendant dazu einen hypästhetischen Wadenstrumpf um den anderen Unterschenkel. Ein anderer Kranker mit orga¬ nischer Lähmung einer Hand hatte eine hysterische Handschuhanästhesie an beiden Unterarmen. Besondere Schwierigkeiten erheben sich nun bei Differenzierung von psychogenen und kortikal-organischen Störungen der Hautempfindungen. Störungen der Tiefensensibilität, der Lokalisation und der Stereognosis sind ja häufigere Folgen der Läsion retrozentraler Hirnteile. Störungen der Hautempfindungen sollen nach verschiedenen Autoren im allgemeinen senkrecht zu den Grenzen radi- kulärer Störungen verlaufen, also an den Gliedern quer, am Rumpf längs ge¬ richtet. Ebenso verhalten sich aber auch hysterische Störungen. Vortr. zeigt zum Teil in natura, zum Teil im Bilde 5 Hirnschüsse der hinteren Scheitelgegend mit wahrscheinlicher Verletzung der hinteren Zentral- oder der Parietalwindung mit derartigen Sensibilitätsstörungen, welche nach Begrenzung uud sonstigen Merk- Digitized by vGougle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN 619 malen als hysterische gelten müssen. Da es sämtlich Verletzungen der retro- zentralen Windungen sind, so darf man annehmen, daß die organische Läsion dieser Gemeingefühlszentren Anlaß zur Entstehung der psychogenen Störung ge¬ geben hat, in ähnlicher Weise wie periphere Lähmungen Anlaß zu hysterischen Ueberlagerungen geben können, so daß also die hysterische Sensibilitätsstörung am kortikalparetischen Gliede eine Art indirektes Hirnsymptom sein könnte. Korti¬ kale Phänomene sind ja die hysterischen Störungen auf jeden Fall. Drei Scheitelschüsse mit Verletzung nur der vorderen Zentralwindung waren da¬ gegen frei von psychogenen Dysästhesien trotz ausgesprochener motorischer Herd¬ erscheinungen. Autoreferat. Sitzung vom 15. Juni 1915. Herr Nonne stellt eine 18jährige Zwergin vor (Höhe 90 cm). Der Knochen¬ bau ist durchaus proportioniert. Es besteht körperlicher und geistiger Infantilis- mus. Speziell sind die Genitalien unentwickelt; dementsprechend niemals Menstrua¬ tion. Eine Ätiologie läßt sich nicht nachweisen. Patientin kam mit normalem Körpergewicht (6 Pfd.) zur Welt. Der Nachlaß des Wachstums fiel den Eltern im 3. Lebensjahre auf. Kein Potus, keine Lues in der Aszendenz. Patientin selbst bietet auch nach yornahme aller neueren Untersuohungsmethoden keinen Anhalt für eine luetische Ätiologie. Die Röntgenuntersuchung der Knochen ergibt das Erhaltensein der Epiphysenfugen, Nichtverknöcherung des Kehlkopfes. Die Stimme ist kindlich. Zahnwechsel hat stattgehabt. Der geistige Habitus ent¬ spricht dem eines 7 jährigen Kindes. Nach Ausschluß einer rhachitischen, chondro- dystrophischen, chyreagenen Form des Zwergwuchses entscheidet sich Vortr. für das Vorliegen einer echten Nanosomie, und zwar der infantilen Form derselben (v. Hansemann). Es handelt sich offenbar um eine endokrine Störung. Irgend¬ welche Symptome seitens einer Störung der Funktion der Thyreoidea fehlen ebenso wie solche seitens der Nebenschilddrüsen, der Nebennieren, der Zirbeldrüse. Für die Annahme einer Erkrankung der Hypophyse spricht Glykosurie, sowie (Unter¬ suchung seitens des Herrn Dr. Kafka, Friedrichsberg) Abbau von Hypophyse nach Abderhalden. Die Sella turcica erscheint im Röntgenbild normal. Ein ab¬ normer Schatten in derselben ist nicht nachweisbar. Vortr. weist auf die Be¬ ziehungen der Hypophyse zum Skelettwachstum und zum Genitalismus hin (ex¬ perimentelle Erfahrungen von Cushing, Erfahrungen bei der Dystrophia adiposo- genitalis bei Kastraten, bei Akromegalie und bei Gravidität, ferner die Fälle von Zwergwuchs bei Fällen von Tumoren der Hypophyse und bei Fällen von Kopf¬ trauma) und kommt zum Schluß, daß im vorliegenden Falle die Ursache des echten Zwergwuchses in einer Hypofunktiori bzw. Dysfunktion der Hypophyse gelegen sein müsse. — Vortr. zeigt dann Diapositive eines zweiten Falles: Der 38 jährige Mann war bis zum 30. Jahre als Zwerg mit einer Liliputanertruppe herumgezogen. Die Genitalien waren gänzlich infantil geblieben. Die Stimme unentwickelt. Auch der psychische Habitus war ausgesprochen infantil. Im 30. Jahre begann ein längeres Wachstum der unteren Extremitäten. Auf die Abteilung von Vortr. kam Pat. wegen eines tuberkulösen Leidens der Lungen und des Perikards. Es fand sich psychischer und somatischer Infantilismus, kindlicher Habitus der Genitalien, röntgenologisch die Sella turcica stark ausgeweitet und in ihrer Mitte ein tiefer Schatten. Außerdem bestand Polyurie und Glykosurie. Die Diagnose wurde auf einen seit der Jugend bestehenden Tumor der Hypophyse gestellt. Pat. erlag seinem tuberkulösen Leiden. Bei der Sektion fand sich ein großes verkalktes Teratom (Prosektor Prof. Simmonds) der Hypophyse. Die Hoden fanden sich bei mikroskopischer Untersuchung auf dem Standpunkte eines neugeborenen Kindes. Dieser Fall reiht sich denen von Benda, Wood und Hutchinson und Hueter an. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 620 Sitzung am 6. Juli 1915. Herr Wey gandt: I. Pat. erlitt am 18. Dezember 1914 einen schweren Berufs¬ unfall, Indem ein eiserner Maschinenteil Sohftdel, Hirnteile und linkes Auge zertrümmerte. Die untere Hälfte des linken Stirnlappens entleerte sieb, der licke Augapfel mußte entfernt werden, ein riesiger Lappen der Kopfschwarte war bis auf das rechte Scheitelbein abgeschält. Dabei war die tiefe Wunde schwer ver¬ unreinigt, die ersten Tage bestand leicht febrile Temperatur, bis 38,5°. Pat. kam eine Stunde nach dem Unfall in das Krankenhaus und war zunächst bewußtlos und noch mehrere Wochen hindurch schwer benommen. Die rechte Pupille war anfänglich klein und starr, die Atmung röchelnd; Flüssigkeiten wurden aus der Schnabeltasse geschlürft. In deliriöser Weise zupfte Pat. am Verband. Nach zwei Tagen machte Pat. Abwehrbewegungen auf Nadelstiche, es waren Hornbaut- und Pupillenreflex festznstellen. Gelegentlich nannte er seinen Vornamen und gab die Zahl der ihm vorgehaltenen Finger richtig an. In der 3. Woche fiel Ab¬ magerung auf, es herrschte durchweg noch Benommenheit vor, abends ging die Temperatur oft auf 38°. Auch in der 5. Woche bestand Inkontinenz. Ganz langsam trat etwas Besserung ein, doch ohne Bestand, sinnvolle Antworten wechselten mit sinnlosen. Dazwischen setzte am Ende des 3. Monats ein Er¬ regungszustand mit sinnlosem Fortdrängen eiü. Die Wunden granulierten noch, und es war am Kreuzbein und an den Fersen starker Decubitus hinzugetreten. Zurzeit ist die Verletzungsstelle ausgeheilt, die Pupille reagiert, die Herztätigkeit ist beschleunigt. Arm- und Bauchrefiex sind normal, die Kreraasterreflexe fehlen, der rechte Kniereflex ist leicht erhöht, rechts besteht Achillessehnenklonus. P&t. ist noch schwer dement, dabei wechselt der Zustand, er wurde wohl wieder ruhiger, doch ist er an manchen Tagen klarer, an anderen verworrener. Seine Intelligenz ist wegen des fremden Dialekts schwer zu prüfen. Er ist im ganzen besonnen, doch völlig unorientiert. An den Unfall hat er keine Erinnerung. Vorgezeigte Gegenstände erkennt er richtig, auch Modelle, Bilder und Silhouetten. Die ihm vorgezeigte Atrappe einer Wurst bezeichnete er als Knackwurst, daun biß er kräftig hinein und war nur schwer davon abzuhalten, das abgebissene Stück herunterzuschlucken. Er hielt es für eine wohlschmeckende, richtige Wurst. Bei der Geschmacksprüfung bezeichnete er alle 4 Geschmacksqualitäten als „scharf*. Die Leistungen im Rechnen sind minimal, 3X4 bringt er fertig, aber kleine Additionen mißlingen. Dabei sucht er seinen Defekt etwas zu bemänteln, wie bei Senilen. Geübte Reihen, wie die Monatsnamen, nennt er vorwärts und mit einiger Mühe auch rückwärts, ebenso Zahlen. Man könnte daran denken, daß Rechen¬ leistungen, die einen Denkprozeß erfordern, wie Additionen, infolge der Vei- nichtung des von Möbius als Lokalisation der Rechenfähigkeit bezeichneten Hirnwindung, ausgeschlossen sind. Es ist begreiflich, daß der zunächst behandelnde Arzt, Herr Physikus Dr. Schmidt, noch etwa 4 Monate nach der Verletzung er¬ klärte, daß der Kranke unerwarteter- und wunderbarer weise am Leben blieb. Erstaunlich ist, daß dieser sich von dem allgemeinen körperlichen Verfall, 46,5 kg, und dem schweren Decubitus jetzt wieder erholt hat und das Bett verlassen kann. Aber auch in psychischer Hinsicht scheint eine Übung vikariierender Hirnpartien im Gange zu sein, wenn er auch früher offenbar schon psychisch nicht besonders hoch stand. Der gegenwärtige Zustand läßt trotz der außerordentlich schweren Hirnverletzung doch eine weitere Besserung, vielleicht sogar die Erlangung einer bescheidenen Arbeitsfähigkeit erwarten. II. Patient erlitt einen Unfall am 6. September 1912, indem er vom Bau¬ gerüst fiel und anscheinend nur eine Rippenquetschung davontrug. Am 8. No¬ vember 1912 ist er dann angeblich in selbstmörderischer Absicht von einem Balkon herabgesprungen, wobei er einen Oberarmbruch und geringe Kopf¬ verletzungen erlitt. Er wurde zunächst chirurgisch behandelt, zeigte aber sofort Digitized by Gö< igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 62 i psychische Störung schwerer Art, kam in neurologische Behandlung und am 17. Januar 1913 in die Irrenanstalt Friedrichsberg. Rein klinisch erinnerte das Bild sehr an eine Dementia praecox mit heftiger Erregung und Wahnideen, er nannte sich einen Märtyrer für die Geschichte, er müsse die ganze Zeit wach sein, er müsse 300 Jahre in der Hölle braten, sein Geist sei unvergänglich usw. Es bestanden Stereotypien der Bewegung, Maniriertheiten, Neigung zu Selbst¬ verletzungen, plötzliches Brüllen usw. Er war hochgradig hypalgetisch. Die Pupillen reagierten, die Kniereflexe waren lebhaft, zeitweise recbts stärker als links, auch Kniescheibenklonus war rechts auslösbar, doch ohne Babinski, Wasser¬ mann war negativ, die Sprache war mangelhaft artikuliert. Es war Schlund¬ sondenernährung notwendig. Das Gewicht fiel auf 45 kg. Unter leichter Tem¬ peratursteigerung trat b l / 2 Monate nach dem ersten Unfall der Tod ein. Die Pia war über der linken Hemisphäre blutig verfärbt, aber nicht getrübt. Die Dura war besonders in der mittleren Schädelgrube gelblich verfärbt, mit festen rost¬ braunen Auflagerungen, dabei mit der Schädelbasis verwachsen. Makroskopisch waren keine Herde sichtbar, auch keinerlei Atrophien. Histologisch fielen jedoch sofort zahlreiche Blutungen kleineren Umfanges auf, insbesondere in der Pia und in der Rinde. Die Pia ist an solchen Stellen mehrfach verdickt und gewuchert. Stellenweise findet sich herdförmiger Ausfall von Ganglienzellen, was auch als Restzustand früherer Hämorrhagien aufzufassen ist. Die Ganglienzellen zeigen vielfach ausgedehnte fettige Degeneration. Es fehlen aber irgendwelche Anzeichen einer entzündlichen Hirnerkrankung vollständig, vor allem Infiltrationen der Ge¬ fäße, Plasmazellen, Gliawucherungen. Nichts erinnert an den Befund bei Para¬ lyse, Arteriosklerose, Alkoholismus, auch Katatonie. Es muß deshalb doch eine Psychose auf Grund von Hirntrauma mit Blutungen angenommen werden. — In beiden Fällen ist der Zusammenhang zwischen Trauma und Psychose zweifellos, so sehr auch der Vortr. im allgemeinen mit der Annahme eines solchen Zusammen¬ hanges zurückhält. Im zweiten Fall ist auffallend, wie nach verhältnismäßig leichtem Unfall doch zahlreiche kleine Blutungen mit schweren Folgeerscheinungen auftreten. Die Verletzungen erinnern etwas an die experimentellen Hirnschädigungen, wie sie im Tierversuch von Jakob untersucht sind und auch in Friedrichsberg weiterhin bearbeitet wurden. Schwer zu bestimmen ist, ob die histologisch nach¬ weisbaren Läsionen verschiedenen Alters der Rückbildung durch die zwei ver¬ schiedenen Unfälle vom September und November verursacht sind. Der erste Fall bestätigt die auch bei Kriegsverletzungen des Hirns mehrfach beobachtete relativ günstige Prognose mancher zunächst als äußerst schwer und hoffnungslos erschei¬ nenden Fälle. * Autoreferat. Herr Trömner demonstriert: I. Einige verbesserte Instrumente für Sen- sibüitätsuntersuohungen. a) zur Prüfung von Kälte- und Wärmeempfindungen zwei Mfctallkesselchen für Füllung mit heißem Wasser oder Eis: kurze Metall¬ zylinder von 160 ccm Inhalt, unten in abgestumpfte Kegel endend, oben ver¬ schlossen durch einen zugleich als Handgriff dienendeu engeren Zylinder, welcher durch einfachen, dicht schließenden Bajonettverschluß aufgesetzt wird. Eis- und Heißwasserfüllung halten sich darin J /a bis 1 Stunde lang, zumal wenn man das Heiükesselchen noch durch einen kleinen gefütterten Überzug schützt. Vorteile gegen sonst gebrauchte solide Metallzylinder (Goldscheider) oder gar die meist gebrauchten Reagenzgläser sind Unzerbrechlichkeit, große Wärme- oder Kälte¬ kapazität, große Zeitersparnis bei den Untersuchungen, Gebrauchsfähigkeit in allen Lagen, Möglichkeit kleine und große Flächen zur Prüfung zu benutzen u.a. Noch größere Kältevorräte lassen sich natürlich schaffen durch Füllung mit Kälte¬ mischungen, z. B. Eis -f- Kochsalz, Eis -f- Chlorkalzium oder gar Eis + Ammonium nitricura. Noch größeren Wärmevorrat würde Füllung mit Natr. aoet. ergeben (Thermophorfüllung), b) ein Algesimeter: Ein Metallstab mit konischer Spitze, Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 622 der in einem kleinen fingerdicken Rohr auf Federn schwebt, deren Spannung sich von 0,1 bis 4 kg ablesen läßt. Durch allmählichen Druck bis zur Schmerzreaktion , läßt sich die Schmerzempfindlichkeit annähernd quantitativ bestimmen. Ein zum Teil ähnliches Instrument wurde von Buch angegeben. Die von Alrutz, Thun¬ berg und Auerbach benutzten Nadelalgesimeter sind zur Messung unpraktischer wegen der leicht anftretenden Hautblutungen, der immerhin zu beachtenden In* fektionsmöglichkeit und weil scharfe Nadeln zu leicht die Haut perforieren und dann die Schmerzempfindung sofort relativ absinkt. Exakter, aber auch etwas umständlicher sind die Nadelalgesimeter mit vorzuschraubender Spitze von Moczu- kowski, He88-Hamburg, Kulbin und Hösslin. c) Ein Prüfer der Gelenk¬ sensibilität (Arthrästhesiometer): Zwei durch ein Querblatt verbundene 4 cm lange Metalltuben, welche sioh vermöge eingepaßter Innentuben millimeterweise ver¬ längern lassen. Man gibt dem Kranken erst das eine und dann das andere, um 1 bis 2 mm verlängerte Ende zwischen Daumen und Fingerspitze und läßt ihn Gleichheit oder Differenz abschätzen. Da die Unterschiedsschwelle der Gelenk¬ sensibilität keine relative, sondern eine absolute ist (durchschnittlich 1 bis 2 mm), so gestaltet sich die Prüfung sicher und einfach. Die genannten Instrumente werden von Krauth-Hamburg verfertigt. — II. Eine Reihe von Mißbildungen, zum Teil mit Enuresis zusammenfallend. In dieser Beziehung verhält sich die Enuresis infantum (nocturna oder diurna) verschieden von der die Pubertät über¬ dauernden Enuresis tarda. Erstere ist, wie ich früher ausfährte, ein Reflex¬ infantilismus, d. h. Persistenz des automatischen bzw. autonomen (Meyer-Fröh¬ lich) Blasenentleerungsmodus so lange bis das Großhirn bewußt oder im Schlaf gelernt hat, ihn zu beherrschen, d. h. zu hemmen. Mit dieser Persistenz einer infantilen Reflexstufe können andere Entwicklungsanomalien neuropathischer oder dysplasischer Art einhergehen, brauchen es aber nicht. Peritz* Behauptung, daß die Enuresis infantum meist auf Entwicklungsstörungen im Sakralmark be¬ ruhe und sich oft durch Spina bifida dokumentiere, muß ich nach wie vor ab¬ lehnen. Röntgenaufnahmen von etwa 20 Kindern zwischen 8 und 12 Jahren haben keine Spur einer Rhachischisis ergeben. Auch die anderen von Fuchs angegebenen Merkmale von Myelodysplasie habe ich bei Kindern fast nie ge¬ funden . Degenerationszeichen, welche man manchmal findet, haben nur allgemeine Bedeutung. Sehr selten sind Greif- oder Affenfüße, welche ich bei zwei Ge¬ schwistern im Alter von 5 oder 10 Jahren gefunden habe und im Bilde zeige. Die Großzeh sitzt wie der Daumen der Hand etwas unterhalb der zweiten Zehe. Röntgenaufnahme (HäniBch) zeigt in der Großzeh drei statt zwei Phalangen. In weniger ausgesprochener Form kommt diese Fußbildung bei den tiefstehenden Negern australischer Inseln vor. Sie ist also in unserem Falle ausgesprochene Rückschlagbildung, d. h. Atavismus, aber keine Myelodysplasie. Ebenfalls Ent¬ wicklungsstörungen zeigen zwei erwachsene Enuretiker, Soldaten vom Barmbecker Lazarett, der eine mit deutlicher Andromastie, mit fühlbarer Drüsensubstanz in der rechten Mamma, ohne andere Zeichen von Feminismus, der andere mit Syn- daktylie am linken Fuß (zweite und dritte Zehe). Nur bei letzterem finden sich als Wirbelanomalie ein offenbleibender Sakralwirbel bis zum vierten, also keine eigentliche Spina bifida. — III. Einen Fall von bulbfirer Aplasie, der in dieser Form ein Unikum zu sein scheint. Ein 24jähriger junger Mann, neuropathisch belastet, der vom 15. bis 16. Jahr allmählich fast taub wurde. Der Befund von Dr. Nadoleczny-München spricht für labyrinthäre bzw. neurogene Taubheit. Außerdem findet sich Asymmetrie des Gesichts infolge geringer Hypoplasie der linken Unterkieferhälfte, Obrläppchendefekt, im Innern des rechten Auges eine fast das halbe Hintergrundsbild einnehmende, marmorweise, halbkugelige Masse, welche Prof. Deutschmann als Teratom deutete, als Produkt einer Keimzell¬ abschnürung, welche offenbar aus der Papille herauswuchs (bereits abgebildet in 623 Oertels Atlas seltener Augenhintergrundbefunde). Die geschwulstfreie Hälfte der Retina kann Finger in mittlerer Entfernung zählen. Trotzdem ist die Pupille dieses Auges völlig reaktionslos gegen Licht. Weiter bat Pat. Lähmung des linken Gaumenhebers, der linken Schlundwand, so daß bei Schluckbewegungen die Pharynxrückwand sich wie eine Eoulisse nach rechts schiebt, ferner Lähmung des linken Stimmbandes, Geschmacksstörung im rechten hinteren (also Glossopharyngeal) Gebiet der Zunge und endlich Defekt des linken Sternocleidomastoideus und Cucullaris. Da alle diese Störungen angeboren zu sein und jedenfalls schon in der Kindheit bestanden zu haben scheinen, obwohl sie bisher noch nicht syste¬ matisch beachtet wurden, so darf man sie größtenteils als angeborene Defekte auffassen. Die später ausgebildete Taubheit dürfte ebenfalls auf Grund ange¬ borener Schwäche entstanden sein. Es lägen also, abgesehen von den Störungen des rechten Auges, Aplasien im Bereich der linken 8., 9., 10. und 11. Hirn¬ nerven vor, die wohl kaum anders als auf angeborene Defekte der betreffenden Bulbärkerne bezogen werden können. Damit gewinnt die, z. B. von Lorenz ab¬ gelehnte, neurogene Entstehung derartiger Mißbildungen eine wichtige Stütze. Ob es sich hier um einen infantilen Kernschwund im Sinne von Möbius oder um reine Aplasie (Heubner, Zappert) handelt, dürfte schwer zu entscheiden sein. (Ausführliche Publikation des wichtigen Falles an anderer Stelle.) Autoreferat. Herr Kafka demonstriert: I. einen Kriegsteilnehmer, bei dem es sich um die Dififerentialdiagnose Psyohoneurose oder multiple Sklerose handelt. Beginn der Erkrankung nach starken psychischen Aufregungen mit Wein- und Lachkrämpfen, Angst, schweren Träumen, Mattigkeit, Sensibilitätsstörungen. Später im Kriegslazarett: Nystagmus, „manisch-depressives Verhalten“, Steigerung der Reflexe. Jetzt sehr gesteigerte Sehnenreflexe, Tremor, schwere Träume. Die Diagnose wurde trotz Fehlens von deutlichem Nystagmus, Intentionstremor, Augen¬ hintergrundsveränderungen auf Grund des an multiple Sklerose erinnernden psy¬ chischen Verhaltens (Depression mit einer gewissen Euphorie, Witzelsucht), ferner auf Grund der vollkommen fehlenden Suggestibilität, ferner der skandierenden Sprache und des Ausfalls der Abderhalden-Reaktion, die Gehirnabbau ergab, auf multiple Sklerose gestellt, hervorgerufen vor allem durch psychische Traumen; II. einen Verwundeten, der Ende April einen Gehirnsohuß mit besonderem Betrofiensein des linken Okzipitalhirns erhielt. Es bestehen neben einer Nerventaubheit psy¬ chische Ausfallserscheinungen, wie sie von Poppelreuter beschrieben worden sind: leichte Seelenblindheit, leichte apraktische Störungen, Schreib- und Lese¬ störungen. Es wird auf die Bedeutung des Nachweises solcher Ausfallserschei¬ nungen und der Behandlung ^fcrselben hiügewiesen. Autoreferat. Herr Römer demonstriert einige Kurven, welche zeigen sollen, in welcher Weise der Krieg auf die Zahl der Alkoholikeraufaahmen eingewirkt hat. Da die im Krankenhause St. Georg aufgenommenen Alkoholiker fast durchweg einem bestimmtem Stadtteil entstammen, so dürften die Kurven trotz der relativ kleinen Zahlen ein Spiegelbild der ganzen Stadt sein. — Die Zahl der wegen „Alkoholismus“ (Trunkenheit, Delir, tremens, Neuritis alc. usw.) pro Monat auf¬ genommenen Männer schwankte in den Jahren 1913 und 1914 zwischen 25 und 55, im ganzen wurden im Jahre 1913 456 Männer aufgenommen. Am niedrigsten waren in allen Jahren die Zahlen im April und November. Die ersten Monate des Jahres 1914 übertrafen die entsprechenden Monate des Vorjahres. Da brach der Krieg aus und so zeigte im August die Kurve einen steilen Abfall, der bis zum November anhielt, von da ab steigt die Kurve wieder an bis zum Februar, fallt dann etwas ab, um im Monat Juni, in welchem auch in anderen Jahren hohe Zahlen erreicht wurden, wieder anzusteigen. Dem Einwurf, daß das günstigere Ergebnis der Kriegszeit allein auf die Abwesenheit der waffenfähigen Mannschaft zurückzuführen sei, wird begegnet durch eine Kurve, welche nur Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 624 Männer über 40 Jahre in Betracht zieht Auch diese Kurve zeigt, daß im großen und ganzen die Zahl der Alkoholiker abgenommen hat Man könnte glauben, die Veränderung wäre durch seltener gewordene akute Trunkenheit hervorgerufec. Eine Kurve der Betrunkenen, welche Männer allen Alters umfaßt zeigt auch, daß im August die Zahl der wegen Trunkenheit aufgenommenen Männer sich stark vermindert hat Während im Juli 24 Betrunkene aufgenommen wurden, waren es im August nur 4 Männer. Ein Vergleich mit den Zahlen der älteren Männer aber zeigt, daß dieser Rückgang eo gut wie allein durch das Fehlen der jungen Männer eingetreten ist Die Zahlen der Männer über 40 Jahre sind nur un¬ bedeutend kleiner als in den Voijahren. In welcher Weise die Bestimmungen, betr. die Schließung der Schankwirtschaften, gewirkt, dürfte ebenfalls aus der Kurve der Betrunkenen hervorgehen: Im August war die Polizeistunde auf 11 Uhr festgesetzt: 4 Betrunkene; von September bis Januar auf 12 Uhr: langsames An¬ steigen der Kurve bis 13 Betrunkene. Von Februar ab waren die Wirtschaften bis 1 Uhr geöffnet: im März wurde die Zahl 19 erreicht Ist der Rückgang der Aufnahmen bezüglich der Betrunkenen nicht von Dauer gewesen, so zeigt sich ein erstaunlich gutes Resultat bei den wegen chronischen Alkoholismus aufgenommenen Männern. Unter diesen befinden sich seit September nur noch wenige junge Männer, aber auch die Zahl der Männer über 40 Jahre hat sich sehr stark ver¬ mindert : während durchschnittlich früher 20 bis 25 Personen aufgenommen wurden, sind es in den letzten Monaten nur 6 gewesen. Man wird nicht fehlgehen, wenn man diese Beobachtung auf die günstigere Arbeitsgelegenheit zurückführt, die auch für Männer über 40 Jahre im Kriege sich ergeben hat Autoreferat. Max Rothmann + In der Nacht zum 12. August starb er, plötzlich und unerwartet und in der Vollkraft seines Lebens und Schaffens. Tief erschüttert sende ich ihm den Abschiedsgruß nach, die Würdigung seiner wissen¬ schaftlichen Bedeutung späterem Nachrufe vorbereitend. Noch in dem letzten Hefte dieses Centralblatts konnte ich ihm danken für treue Freundesdienste, die er mir durch Übernahme der Redaktion während des ersten Kriegsj&hres leistete; und nun sind die weiten, leuchtenden Augen für immer geschlossen, nun ist die klar und ein¬ dringlich niederschreibende Feder, das scharfer^enktätigkeit gehorchende Messer der ersterbenden Hand entglitten. Voll von nie erlahmendem Fleiße, voll von Begeisterung und ehrlichem Streben diente er der Wissenschaft und der Wahrheit, er war ein gerader aufrechter Mann, ein verläßlicher Freund, ein ehrlicher Gegner, ein guter Arzt, weil er ein guter Mensch war. Seine Freunde, zu denen ich mich zählen durfte, trauern um ihn wie um einen Bruder, sie haben durch seinen Tod viel, sehr viel verloren. Sein Name bleibt aber für alle Zeiten weithin leuchtend ein¬ geschrieben auf den Ruhmesblättern, auf denen die Neurologie ihren Meistern in Dankbarkeit huldigt. Kurt Mendel Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel in Berlin W f Augsburgerstr. 43. Verlag von Veit ft Comp, in Leipzig. — Druck von Mstzqbb & Wittio in Leipzig. Digitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN Neurologisches Centralblatt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet von Profi E. MendeL Herausgegeben Ton Dr. Kurt Mendel. Vlerunddreißlgster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 18 Mark. Zn beziehen durch alle Bachhandlangen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Brutschen Reichs, sowie direkt von der Verlagsbuchhandlung. 1915. 1. September. Nr. 17. Inhalt I. Oriflinalmitteilung. Zerebellare Symptomenkomplexe nach Kriegsverletz¬ ungen, von Dr. Kurl Ldwenstein. II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Die Bolle des Krieges in der Ätiologie nervöser, insbesonders psychischer Störungen, von Moravcsik. 2, Beiträge zu den Kriegs¬ verletzungen und -erkrankungen des Nervensystems, von Donath. 3. Über Sensibilitäts- störungen von spino-segmentalera Typus bei Hirnrindenläsionen nach Schädelschußverletz¬ ungen, von Gersfmann. 4. Über Therapie und Prognose der Schädelschüsse, von Guleke. 6. Über Schädelverletzungen aus Leichtkrankenzugen und den Transport Schädelverletzter, von Canon. 6. Über Neurasthenie bei Kriegsteilnehmern, von Riebeth. 7. Zur Behandlung der nach Granatexplosionen auftretenden Neurosen, von Bittorf. 8. Über hysterische (psycho¬ gene) Funktionsstörungen des nervösen Ohrapparates im Kriege, von Zange. 9. Über Funktionelle Hörstörungen, von Szäsz. 10. Beitrag zur funktionellen Stirambandlähmung im Felde, von Böttger. 11. Fußstützmasehine für Peroneus-Tibialislähmungen, von Welty. — Multiple Skerose. 12. Über De- und Regenerationserscheinungen an Achsenzylindern bei der multiplen Sklerose, Von Doinikow. 13. Ein Beitrag zur Ätiologie der multiplen Sklerose, von Flaschen. 14. Der Formenreichtum der multiplen Sklerose, von Oppenheim. 15. Zur Pathologie der multiplen Sklerose, von Pulay. 16. Disseminated sclerosis: its fre- quency compared with other organic diseases; its etiology and pathogenesis; the differential diagnosis of the disease; its course and treatment.. A ciinical study of ninetyone cases, by Coliins and Baehr. 17. Beitrag zur Beziehung zwischen Neuritis retrobulbaris acuta und störungen. Es handelt sich um eine Kombination von Hysterie mit multipler Sklerose; dieser ist der Opticusbefund und die Pupillenstarre, jener die konzentrischen Gesichtsfeldeinengungen und der Sehschärfenbefund zuzuschreiben. Das Verhalten der Sehnenreflexe ist wohl organisch bedingt. 27) Zur Differentialdiagnose zwischen Hysterie und multipler Sklerose. von E Schürhoff. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. Der differentialdiagnostirch interessante Fall betraf eine 32jährige Frau, bei welcher auf Grund der erheblichen, stets gleichmäßigen Spasmen, der Sehnenreflex- ßteigerungen, des Bewegungstremors und vor allem des positiven Ausfalls des Babinski sehen Phänomens eine multiple Sklerose diagnostiziert wurde. Von anderer Seite war der Fall jedoch als Hysterie angesprochen worden. Die von den letzteren Gutachtern als Übertreibung erklärten Störungen stellten sich während der klinischen Beobachtung als wirklich krankhaft heraus. Mithin mußte die Diagnose „multiple Sklerose 14 aufrecht erhalten werden. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 651 28) Über Pseudosklerose, von R. Rauseh und P. Schilder. (Deutsche Zeit¬ schrift f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Hendel. Die Verff. berichten über zwei Schwestern mit Pseudosklerose. Die eine Patientin erkrankt in ihrem 26. Lebensjahr. Gegenwärtig besteht die Krankheit 17 Jahre. Symptomatologisch liegt vor: Pigmentierung der Hornhaut, Leber- insuffizienz (alimentäre Lävulosurie) und ein nervöses Leiden, welches sich im wesentlichen in rhythmischen Zitterbewegungon bei Intentionen und statischer Innervation, in Adiadochokinese, Hyperästhesie und in einer zerebralen Ataxie äußert. Die Sprache ist skandierend. Affektiv ist Pat. labil, intellektuell ein¬ geschränkt. Bei der Schwester setzt das Leiden im 33. Lebensjahre ein und be¬ steht seit reichlich 4 Monaten. Es besteht ein Hornh&utring und eine Leber¬ veränderung (Palpation, Lävulosurie). Es überwiegen im Krankheitsbild Schüttei- bewegungen. Adiadochokinese, etwas skandierende Sprache. Keine Hypertonien. Die Untersuchung dieser beiden Fälle führt die Verff. zu folgenden Resultaten: 1. Es gibt eine heredodegenerative Erkrankung, welche sich in gleichzeitiger Erkrankung der Leber und des Gehirns äußert. In einer Reihe von Fällen findet sich ein eigenartiger grünlichgelber Ring in der Peripherie der Cornea. 2. Die Wilsonschen Fälle stellen eine gut abgegrenzte Sondergruppe dieser Erkrankung dar. 3. Vermutlich handelt es sich in allen Fällen um eine Gesamtschädigung des Gehirns, doch ist der subkortikale motorische Apparat in besonders schwerer Weise betroffen. In den Wilsonschen Fällen dominiert die Erkrankung des Linsenkerns. 4. Ob die Hirnveränderung sekundär ist in bezug auf die Leberveränderung, ist derzeit noch nicht entschieden, aber doch wahrscheinlich. 5. Die nervöse Symptomatologie besteht in bestimmt charakterisierten Hyper¬ tonien, einem eigenartigen Schütteltremor, in Ataxie und Adiadochokinese. Psy¬ chische Störungen sind häufig. Die einzelnen Symptome haben eine selbständige Bedeutung und können nicht auseinander abgeleitet werden. 6. Die Adiadochokinese ist einer allmählich sich steigernden Herabsetzung der Innervationsfähigkeit gleichzusetzen. Die skandierende Sprache ist wesentlich durch sie bedingt. Das Symptom hat eine große allgemeine Bedeutung. 7. Für die Erklärung der nervösen Störungen ist die Schädigung des ge¬ samten subkortikalen motorischen Apparates in seiner Kompensationsfähigkeit mit heranzuzieheu. 8. Diagnostisch ist der eigenartige Hornhautrjng besonders zu beachten, da er bei anderen Krankheiten nicht beschrieben ist. Muskuläre Erkrankungen. 29) Ein Beitrag zur Muskelpathologie im Kindesalter, von N. Krasnogorsk i. (Jahrb. f. Kinderheilk. LXXIX. H. 3.) Ref.: Zappert (Wien). Durch eine sinnreiche Versuchsanordnung konnte sich Verf. Kurven über die Art der Muskelzuckung bei kleinen Kindern (M. quadriceps) verschaffen. Be¬ achtenswert sind die Latenzzeiten zwischen Reiz und Beginn der Zuckung, der Dauer und der Höhe der Zuckung. Es ergibt sich hierbei eine auffallende Ver¬ längerung der Latenzzeit und der Zuckungsdauer beim Frühgeborenen, hingegen kein wesentlicher Unterschied des Zuckungsablaufs beim ausgetrugenen Neugeborenen gegenüber dem späteren Kindesalter. Interessant ist die Tatsache, daß Tetanie, Hypertonie und Rachitis eine gleiche Zuckungsart aufweisen, nämlich verkürzte Latenzzeit, verlangsamtes Erreichen der Höhe der Zuckung, geringe Verzögerung der gesamten Kontraktionsdauer. Diese letztere Veränderung ist bei Tetanie ganz besonders stark ausgeprägt. Diese eigentümlichen Befunde bei Rachitis, Hyper- Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 652 tonie und Tetanie fuhrt Verf. auf Störungen des Nervensystems zurück, welches eine Disposition zur Irradiierung des Reizes besitzt. Diese Neigung der Säuglinge zur „paradoxen Irradiation der Reizung“ bedingt auch das rasche Eintreten von Krämpfen im Säuglingsalter. 30) Zur Kasuistik und Kritik der umschriebenen Muskelverknöcherung (Myositis ossificans circumscripta), von Georg Grub er. (Münch, med. Wochenschr. 1915. Nr. 12) Ref.: E. Tobiaß (Berlin). Verf. bespricht die Verknöcherungen im Bereiche von Muskelschüssen oder Muskelstichverletzungen. Das Trauma ist nicht der alleinige Grund zur Muskel¬ verknöcherung, anscheinend spielen dabei auch Faktoren des Kalksalzwechsels im Organismus eine Rolle. .31) Myositis ossiüoans traumatica. Ein kasuistischer Beitrag von Hermann Schöppler. (Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 40.) Ref.: Tobias. Verf. teilt einen Fall von Myositis traumatica ossificans mit, bei dem als unmittelbare Folge einer Ellenbogenluxation die Verknöcherung der umliegenden Muskulatur eintrat. Er nimmt an, daß es sich bei allen derartigen Fällen um Schädigungen in den Weichteilen, in denen sich der Prozeß abspielt, handelt; sie führen dazu, daß ein Teil dieses Gewebes zugrunde geht, so z. B. durch Blutungen, Zerreißungen von Muskelgewebe, Quetschungen von Periost, Knochenabsprengungen u. a. m. Auf Grund dieser Läsionen entwickelt sich ein junges, zellreiches Binde* gewebe, durch das der Verkalkungsprozeß seine Bedingungen findet. Das Kalk¬ material wird aus dem Kalkbestand des Skeletts bezogen, so daß es sich um ein Problem des Kalkstoffwechsels dabei handelt. Der Faktor der Disposition ist dabei aber nicht zu übersehen. 32) Die pseudohypertrophisohe Paralyse, von Guido Sala. (Arch. f. Psych. LV. 1915. H. 2.) Ref: Kurt Mendel. Mitteilung von 13 Fällen von Dystrophia musculorum progressiva. Bei 9 dieser Fälle waren die genauesten Forschungen auf Heredität verneinend; die hereditäre Anlage der Krankheit fehlte vollständig. Nur in 2 Fällen war eine familiäre Anlage nachzuweisem Das Leiden bevorzugte auch in Verf.’s Material deutlich das männliche Geschlecht. Die elektrische Reaktion der pseudohypertrophischen und atrophischen Muskeln wies beständig quantitative und qualitative Veränderungen verschiedenen Grades je nach der Zeitperiode der Krankheit auf. Immer hat man außer der einfachen Verminderung der Reizbarkeit andere Eigentümlichkeiten der Entartungsreaktion nach weisen können, und zwar: langsame, wurmförmige Zuckung, Annäherung in der Formel der polaren Reaktionen, Gleichheit in der Formel derselben (KSZ = AnSZ), Vorherrschen der Wirkung des positiven Pols (AnSZ > KSZ). Einige dieser Reaktionen kann man in einigen Muskeln schon in den ersten Stadien der Krankheit feststellen. Oft ist auch AnOZ > AnSZ, zuweilen besteht AnOTe. Den verschiedenen elektrischen Reaktionen entsprechen verschiedene Veränderungs- zustände der Muskeln. Des genaueren schildert Verf. die von ihm gefundenen histopathologischen Veränderungen in den durch Biopsie bei 7 Kranken entfernten Muskeln. Näheres s. im Original. Therapeutisch empfiehlt Verf. eine energische Strychninkur (Strychn. nitr. in Dosen von 2 bis 5 mg pro die subkutan für längere Zeit), Galvanisation (mit negativem Pol, Stromunterbrechung). 33) Zur Kasuistik der myopathisohen Muskelatrophien. Über einen Fall von Dystrophia musoularis progressiva (Erb), von Vormann. (Deutsche militärärztliche Zeitschr. 1915. Nr. 3 u. 4.) Ref.: K. Boas. Verf. teilt einen Fall von myopathischer Muskelatrophie bei einem Rekruten mit, welcher der jugendlichen Form zuzurecbnen war. Bestimmte Muskelgruppen Digitized b) Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 653 waren befallen. In den Rahmen des Krankheitsbildes paßt auch, daß ein Bruder des Pat. ebenfalls an myopathisoher Muskelatrophie litt. 34) Über Dystrophia mueonlorum progressiva und Unfall, von Dr. Gör res. (Monatsschr. f. Unfallheilk. 1915. Nr. 8.) Ref.: Kurt Mendel. Fall von Dystrophia musculorum progressiva. Das Leiden bestand als kon¬ genitale fehlerhafte Anlage bereits vor dem Unfall in nicht merklicher Form, wuchs aber dann durch das Trauma (Fall auf Gesäß) zu den deutlichen Erschei¬ nungen der Muskeldystrophie aus. 35) The spinal ohanges in pseudo-hypertrophio paralysis, by N. Bruce. (Edinb. med. Journ. XU. 1914. Nr. 1.) Ref.: W. Misch. Die pathologisch*anatomischen Befunde am Rückenmark bei einem Fall von paeudohypertrophischem Typus der Dystrophia musculorum progressiva werden be¬ schrieben: Die Nervenfasern der vorderen Wurzeln waren schmaler als gewöhnlich, einige erschienen atrophisch, das Bindegewebe war deutlich vermehrt. Die Vorder¬ hornzellen erschienen bei genauerer Untersuchung teilweise verkleinert und ge¬ schrumpft; nur selten fand sich Chromatolyse in den Zellen, die Nisslsehen Granula waren erhalten, es fand sich kein Pigment; die Zahl der Nervenzellen war um ein Viertel vermindert, die vorhandenen waren gut erhalten; sekundär fand sich eine leichte Vermehrung der Neuroglia. Diese Zellverminderung entsprach der Verminderung der Wurzelfasern, welch letztere bis zu den Muskeln verfolgt werden konnte, ohne daß sich in den Nervenscheiden irgendwelche entzündlichen Prozesse nachweisen ließen. Aus diesen minimalen zentralen Veränderungen im Verhältnis zu den Muskelveränderungen ist ohne weiteres zu entnehmen, daß die Muskel¬ veränderungen die primären, die Nerven Veränderungen die sekundären sind. 30) Sur un oas d'&trophie ohez un negre, par Austregesilo. (Nouv. Icon. de la Salpetriöre. 1913. Nr. 5.) Ref.: E. Bloch (Kattowitz). Ein 12jähriger Schwarzer, der über sein Vorleben, Heredität usw. keine An¬ gaben machen kann. Facies myopathica: Mund halb offen, Gesichtsausdruck stumpf. Die Pecto- rales sind atrophisch; Deltoideus ist nicht so sehr betroffen, er kann die Arme eine Zeitlang horizontal halten, ermüdet aber sehr leicht. Dagegen findet sich eine vollständige Atrophie der Rhomboidei, so daß es zu einem flügelförmigen Abstehen der Schulterblätter kommt. Die Wadenmuskulatur fühlt sich im Gegen¬ satz dazu hart und hypertrophisch an. Kompensatorisch Lordose mit Kyphose der Lumbalwirbelsäule. Elektrische Reaktion vermindert ohne Entartungsreaktion. Der Gang ist schleppend, er geht unter starker Hebung der Oberschenkelmusku¬ latur. Er benutzt zum Aufstehen und Hinlegen alle vier Extremitäten. Die Reflexe an Armen und Beinen sind sehr schwach, Prüfung der Sensibilität wegen des geistigen Zustandes — der im übrigen normal ist — des Pat. nicht anzu¬ stellen. Es handelt Bich um eine Atrophia muscularis progressiva. An den Waden ist eine Pseudohypertrophie, bedingt durch eine Proliferation des Bindegewebes. Wegen der Seltenheit der Erkrankung bei der schwarzen Rasse ist der Fall bemerkenswert. 37) Myopatby: with olinioal records of eigbt cases oomprising various type», by Th. J. Orbison. (Amer. Journ. of the med. Sciences. CXLVIII. 1914. Nr. 4.) Ref.: K. Boas. Verf. berichtet über 8 Fälle von Myopathie, die sämtlich verschiedenen klinischen Typen angehörten: Fall I und II betrafen Atrophie kombiniert mit pseudomuskulärer Hyper¬ trophie. Ersterer vertrat den Typus Werdtiig-Hoffmann, letzterer den Duchenne- schen Typus. Fall III war eine infantile Dystrophie. Fall IV betraf eine Myo- Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 654 pathie im erwachsenen Alter, die nach einem progressiven Stadium stationär ver¬ blieb. Fall V war eine progressive Atrophie des Schultergürtels, der Dorsal-, Thorakal- und Nackenmuskeln. Fall VI war eine progressive Atrophie, mit dem Trapezius beginnend. Fall VII betraf eine progressive neurotische muskuläre Atrophie und Fall VIII eine Myasthenie, besonders der extraokulären Muskeln. Besonders bemerkenswert war Fall IV, der eine farbige Person betraf. Die elektrischen Reaktionen in jedem Falle waren eine sehr verlangsamte Reaktion auf den unterbrochenen faradischen Strom in den affizierten Muskeln. Zwei der Fälle des Verf.’s betrafen Brüder. In den anderen Fällen dagegen fehlte das familiäre Vorkommen. In keinem Falle bestand Erblichkeit. Die elektrische Behandlung war zum mindesten iü einem Falle von wohltuender Wirkung. Außer in 2 Fällen (Nr. VI u. VII) konnte ein ätiologisches Moment nicht gefunden werden. 38) A oaso of dystonla musoulorum deformans, by C. C. Belong. (Journ. of nerv, and ment. dis. 1914. Nr. 3.) Ref.: Artur Stern. Ein bisher gesundes Mädchen russisch-jüdischer Abkunft, ohne hereditäre Momente wird im Alter von 7 Jahren von der Krankheit befallen. Man bemerkt zunächst Einwärtsdrehung des rechten Fußes mit zunehmender Torsion, Gang auf äußerem Fußrand. 2 Jahre später ähnliche Affektion des linken Beines. (3 monate¬ langer Gipsverband ohne Einfluß.) Weiterhin Deformität der Wirbelsäule, Ver¬ drehung des Rumpfes. Dann stellten sich unwillkürliche Bewegungen in den unteren Extremitäten, im Rumpf, rechten Arm, schließlich Hals und linken Arm ein. Gesicht frei. Es wurde „bilaterale Athetose“ diagnostiziert. Befund: Sitzt buckelig-gedreht mit rückwärts gebeugtem Nacken; linker Ellenbogen stark ge¬ beugt, Vorderarm halbproniert, Hyperextension der linken Hand, Finger stark zum Daumen gebeugt. Rechter Unterarm auch halbproniert, weniger als links. Rechtes Bein im Knie gebeugt, in Hüfte leicht auswärts rotiert. Schenkel links extendiert, Knie leicht gebeugt, Fuß in Hyperextension, Zehen gebeugt. Rechts Glutäalregion vorspringend. Geringe Lordose, ausgeprägte linkskonvexe Skoliose der Dorsalwirbelsäule. Die Lordose verschwindet im Sitzen, während die Kypho¬ skoliose wie ein KameelshÖcker vorspringt. Die unwillkürlichen Bewegungen sind im ruhigen Sitzen im ganzen wenig und wechselnd. Sie haben tonischen und klonisohen Charakter, affizieren alle Extremitäten, Hals und Rumpf, speziell aber die Beine. Charakteristisch ist der an Intensität wechselnde allgemeine tonische Spasmus, der zu einer starken Torsion der Extremitäten, des Rumpfes und Halses führt. Die klonischen Bewegungen haben teilweise mit der Chorea, teilweise mit dem Tic Ähnlichkeit. Die willkür¬ lichen Bewegungen sind zum Teil sehr erschwert. Die Spasmen werden am stärksten beim Versuch zu gehen oder zu stehen. Im Schlaf sistieren sie gänzlich. Der Gang ist bizarr und ähnelt dem eines Dromedars. Am meisten ist die linke Seite betroffen. Füße sind in Equinus- bzw. Equinovarusstellung. — Außer einer Abschwächung des Achillesphänomens sind die Reflexe normal. Übriges Nerven¬ system, innere Organe o. B. Wassermann negativ. Chloroanämie. — Intellekt erhalten. Keine Hysterie, normaler Gemütszustand. Kein suggestiver Einfluß auf das Leiden. Charakteristisch ist die fehlende Beteiligung der Gesichtsmuskulatur, die das Leiden u. a. von der bilateralen Athetose unterscheidet. 39) Ein Fall von Dystonia musoulorum deformans, von P. Biach. (Mitteil. d. Gesellsoh. f. innere Med. u. Kinderheilk. in Wien. XIII. 1914. H. 7. > Ref.: R. Ganter. 20jähriger Mann, seit 5 Jahren krank, schleppte den rechten Fuß nach. Seit 3 Jahren Schmerzen im rechten Fuß, hat daselbst ein drehendes Gefühl und Krampferscheinungen in den Zehen. Vor 2 Jahren stellten sich stechende Schmerzen Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 655 im Rücken längs der Wirbelsäule ein, seit über 1 Jahr krümmte sich der Rüoken. Beim Aufstehen fiel der Kopf nach rückwärts, die Halsmuskeln spannten sich, infolge dessen Erstickungsgefühl. Bei Bettruhe nichts wahrzunehmen, nur der rechte Fuß zeigt eine klumpfußähnliche Stellung, dabei Hypertonie im Bereich der Zehengelenke und des Sprunggelenkes, Muskelzuckungen. Beim Gehen fällt der Schwerpunkt nach hinten, so daß Pat. besser rückwärts als vorwärts geht. Beim Kriechen auf allen Vieren verschwinden Lordose und Spasmen. Es handelt sich hier um einen der seltenen Fälle der Ziehen-Oppenheim sehen Krankheit. Heilung aussichtslos. Der Sitz der Störung liegt wahrscheinlich in den Klein¬ hirnbahnen. 40) Über eine atypische Form familiärer Myopathie des Kindesalters, von Eugen Bibergeil. (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. XXII. H. 4 u. 5.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). Krankheitsgeschichten zweier Brüder, von denen der jüngere, ß^gjährige, —ein Zwilling, dessen anderer Teil vollkommen gesund ist — das Bild einer typischen Myatonie aufweist. Gegen die Auffassung der Muskelaffektion des älteren, b l j 2 jähr. Knaben als Myatonie sprechen: Das Einsetzen der Krankheitserscheinungen im Laufe des 2. Lebenshalbjahres, ausgesprochene fibrilläre Zuckungen, starke Muskel¬ atrophie, verschiedene Hypotonie beider Körperhälften, Familiarität des Leidens, schließlich auch das Fehlen der Pronationskontraktur in den Unterarmen und Händen (Pfaundler) bei dem Vorhandensein starker Kontrakturen in den unteren Extremitäten. Die Beteiligung des Hypoglossus und Facialis beim älteren Knaben, ferner die Beugekontrakturen an den Hüft« und Kniegelenken und die Thorax- und Wirbelsäulendeformität, die in geringerem Grade auch beim jüngeren Knaben vorhanden sind, gehören zwar nicht zu den gewöhnlichen Vorkommnissen bei der Myatonie, lassen sich jedoch mit dem Bilde derselben vereinigen. Im ganzen liegt bei dem älteren Knaben die Annahme einer Werdnig-Hoff- mannsehen Affektion nahe, wenn auch das elektrische Verhalten und die Neigung zur Besserung gegen sie spricht. Die Fälle legen den Verdacht nahe, ob nicht doch die Myatonie als eine klinisch eigenartige Form der Amyotrophie an¬ zusehen ist. 41) Myatonia congenita. Klinische Beobachtungen und Erfahrungen aus der Kinderklinik in Frankfurt a. M., von H. v. Mettenheimer, F. Götzky und F. Weihe. (Berlin, Springer, 1914.) Ref.: Zappert (Wien). I. 8monatiges Kind, kann Kopf, Arme, Beine nicht bewegen, nicht sitzen. Mit Pneumonie moribundus eingebracht. Die anatomische Untersuchung ergab frische Erkrankung der Ganglienzellen, sowie Atrophie und Ausfall von Vorder¬ hornzellen. Keine Entzündungserscheinungen; die Muskelfasern sind atrophisch, zum Teil hypertrophisch. II. ömonatiges Kind, von Geburt an gelähmt. Unkomplette schlaffe Lähmung der Körpermuskulatur (außer dem Gesicht). Fehlende Reflexe. Partielle Ent¬ artungsreaktion an den unteren Extremitäten. Starb an Pertussispneumonie. Anatomisch: Schwere degenerative Veränderungen an den Ganglienzellen des Rückenmarks ohne entzündliche Infiltrate oder Herderkrankungen. In beiden Fällen war klinisch Poliomyelitis in Betracht gezogen worden, die aber auf Grund der histologischen Befunde abzulehnen ist. 42) A caao of myatonia congenita (Oppenheim), by J. W. Courtney and H. B. Eaton. (Boston med. Joum. 1914, Nr. 4.) Ref.: W. Misch. Beschreibung eines typischen Falles von Myatonia congenita, der, bei der Geburt am stärksten ausgeprägt, sich mehr und mehr besserte. Zur Behandlung wird eine Stütze der atonischen Muskeln besonders empfohlen; es wurden Tonika, Massage, Elektrizität angewandt. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 656 • — 43) Zur Kenntnis der Myatonie congenita, von Carl v. Rad. (Festschr. zur Feier des BOjähr. Bestehens des Cnopfschen Kinderspitals. Nürnberg 1914.) Ref.: Kurt Mendel. Fall von Myatonia congenita. Auffallend war die innerhalb weniger Monate eintretende wesentliche Besserung unter Elektrisieren, Massage, Salzbädern; die Schwäche der Muskeln des Nackens, des Rückens und der Beine besserte sich so, daß das Kind den Kopf gerade halten, sitzen, stehen und gehen konnte. Die Hypotonie der Muskeln hat sich dagegen so gut wie gar nicht verändert, obwohl die Sehnenreflexe weit stärker wurden; anfangs waren letztere st^rk abgesohwächt. Die Mutter der Patientin gab an, daß sie während der Gravidität auffallend schwache und seltene Kindsbewegungen gefühlt habe. 44) A oase of myatonia, by C. C. Belong. (Journ. of nerv, and ment. dis. 1914. Nr. 4.) Ref.: Artur Stern. 5 jähr. Mädchen, ohne nervöse Heredität. Die mangelhafte Beweglichkeit der unteren Extremitäten wurde bald nach der Geburt bemerkt. Befund: Kypho¬ skoliose der Lumbal- und unteren Dorsalwirbelsäule, die im Liegen verschwindet. Beugekontraktur in den Kniegelenken, Hypotonie der Hüft- und Fußgelenke, so daß die Beine in phantastische Stellungen gebracht werden können. Allgemeine Hypotonie, von der die oberen Extremitäten weniger als die unteren betroffen sind. Die aktive Beweglichkeit ist überall erhalten, doch zum Teil sehr schwach. Die Fortbewegung geschieht durch Rollung des Körpers von einer Seite auf die andere. Die Schwäche in den Beinen sitzt hauptsächlich in den proximalen Ab¬ schnitten, während die Zehen z. B. leidlich bewegt werden. Keine fibrillären Zuckungen, keine örtlich begrenzte Atrophie; Bauch-, Kremaster-, Knie-, Achilles¬ reflexe fehlen, Reflexe der oberen Extremitäten vorhanden. Rachitis, Poliomyelitis ist auszuschließen. Auffallend ist die ungleichmäßige Verteilung der Schwäche und Hypotonie, die Bevorzugung der unteren Extremitäten, auch ist eine Seite mehr betroffen als die andere, die Hüftmuskeln stärker als die Zehen. 45) A oase of myatonia oongenita, by F. G. Purser. (Dubl. Journ. of med. Scienc. 1914. S. 241.) Ref.: W. Misch. Es wird ein Fall von Myatonia congenita beschrieben, der sich von der Mehrzahl der früher beschriebenen Fälle durch das Vorhandensein von Nystagmus und das gleichzeitige Auftreten von Rachitis unterscheidet. Die Kombination mit der letzteren Krankheit hatte eine allgemeine Schlaffheit zur Folge, wie man sie bei Myatonie allein nie beobachtet. Das Muskelleiden würde unmittelbar nach der Geburt bemerkt, lange bevor die Rachitis aufgetreten war. Unter der Be¬ handlung mit Eisen und Leberthran, Massage und galvanischem Strom wurde im Krankenhaus eine bedeutende allgemeine Besserung erzielt, nämlich eine bessere Haltung von Rumpf und Kopf, doch nicht der Extremitäten. 40) A oase of faoial hemiatrophy, byM. Neustädter. (Medio.Record. LXXXV. 1914. Nr. 16.) Ref.: W. Misch. Mitteilung eines Falles von Hemiatrophia faciei, bei dem die sehr seltene Erscheinung sehr hervortrat, daß Druckschmerzhaftigkeit der Trigeminusäste be¬ stand. Im späteren Alter trat eine Epilepsie auf. Mittels der Röntgenstrahlen ließen sich keine Veränderungen der Knochenstruktur feststellen, nur betrugen die Knochenmasse auf der hemiatrophischen Seite die Hälfte derer auf der ge¬ sunden Seite. Dies weist, da die Erkrankung mit dem 12. Lebensjahre eingesetzt hat, vielmehr auf eine Wachstumshemmung als auf eine Atrophie als Ätiologie hin. 47) Sur un oas d’hömtatrophie faoiale aveo eigne d’Argyll Robertson contralateral, par J.-W. Langelaan. (Revue neurolog. 1913 Nr. 21.) Ref.: Kurt Mendel. 11 jähr. Knabe. Keine Heredität. Vor 3 Jahren kurze Krankheit mit rheu- Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 657 matischen Sohinerzen in den Beinen; Pat. konnte einige Tage nicht gehen. Ob« jektiv: Deutliche Hemiatrophia faciei links (besonders in der Oberkiefergegend), rechts etwas enge Lidspalte, starke Mydriasis, reflektorische Pupillenstarre, leichter Nystagmus, leichte Insuffizienz der M. recti externi, Zuckungen in den Armen, Unsicherheit beim Stehen. Wassermann im Blut negativ. Verf. nimmt eine Läsion in Höhe des Nuoleus ruber an dort, wo die Okulo- motoriuskerne und der Nucleus parvicellularis das periependymäre Grau des Aquaeductus Sylvii berühren. Von diesen Stellen aus haben Karplus und Kreidl Pupillenbewegungen bei ihren Experimenten erhalten. Der vorliegende Fall und andere zeigen, daß die Ursache der Hemiatrophia faciei in Läsionen der zentralen Sympathikusbahnen, die im periependymären Grau des Aquaeductus Sylvii und des 4. Ventrikels liegen, bestehen kann. Diese Annahme schließt nicht die Möglichkeit einer Hemiatrophia faciei aus, die auf einer Affektion des Gangl. cervicale super, und seiner af- und efferenten Bahnen beruht. In diesen Fällen hat man es mit einer peripheren Lokalisation im gleichen System zu tun. Wahrscheinlich gibt es klinische Differenzen zwischen den zentralen und peripheren Läsionen; im vorliegenden Falle fehlten vasomoto¬ rische Störungen und eine Differenz in der BlutfÜlle beider Seiten, während bei den Fällen mit peripherer Lokalisation im Gangl. cervic. super, diese Störungen fast konstant beobachtet werden. 48) Über symmetrischen progressiven Fett sch wund im Kindesalter, von J. Husler. (Zeitschr. f. Kinderheilk. X. H. 2 bis 4.) Ref.: Zappert (Wien). Das bei zwei Knaben beobachtete Krankheitsbild besteht in einem progres¬ siven Schwund des Fettes im Gesicht (bei einem Kinde auch des Halses) bei völlig intakter Muskulatur und Knochenbeschaffenheit. Das Gesicht sieht wie skelettiert aus, während sonst der Körper wohlgebildet erscheint. Die Progredienz des Leidens ließ sich nicht einschränken. Für beiderseitige Hemiatrophia faciei hält Verf. die Krankheit nicht, sondern bringt sie eher in Zusammenhang mit A. Simons’ Lipodystrophie progressiva, welche ausschließlich erwachsene weibliche Individuen betrifft und außer der fortschreitenden Abmagerung des Gesichts einen Fettansatz am Gesäß und an den Oberschenkeln aufzuweisen pflegt. Die Ursache des Leidens ist unbekannt. 49) Unilateral hypertrophy, involving the entlre left side of the body, by P.Bassoe. (Worcest. State Hosp. Papers. XIII. 1913. S. 61.) Ref.: W.Misch. Beschreibung eines Falles von angeborener Hemihypei trophie der ganzen linken Körperseite unter gleichzeitiger Vergrößerung des rechten Fußes. Die Hauptbesch werden des 16 jährigen Knaben sind duroh die verschiedene Länge der beiden unteren Extremitäten bedingt. Gegen Akromegalie, an die die Vergrößerung der beiden Füße erinnert, spricht sowohl der Verlauf wie das Fehlen anderer Symptome und der negative Röntgenbefund an der Sella turcica. Daß keine Hypoplasie der rechten Seite vorliegt, dafür sprechen sowohl die Vergrößerung von Wange, Zahnfleisch und Zähnen auf der linken Seite, wie auch zahlreiche Nävi und Pigmentierungen der Haut der rechten Körperhälfte. Vielmehr liegt hier eine kongenitale Deformität, eine angeborene Hemihypertrophie, vor. 50) Angeborene Mnskelhyperplasle, von Ottorino Rossi. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII 1914. H. 6 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Fall von angeborener echter muskulärer Hyperplasie, ohne nervöse Störungen und ohne Veränderungen der Haut und der Knochen. Psychiatrie. — Dementia praecox. 51) Die Kritiken der Schizophrenien , von E. Bleuler. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXII. H. 1.) Ref.: Carl Grosz. Beantwortung der gegen die „Schizophrenie 44 seitens der Kritik (die Arbeit xxxiv. 42 Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 658 bezieht sich hauptsächlich auf Gruhles einschlägige Veröffentlichungen) gemachten Einwände. Ihre Wiedergabe erweist sich als im Rahmen eines kurzen Referates undurchführbar. 52) Die Ursaohe der Dementia praecox, von B. Ebbe). (Norsk Magazin for Lägevidevgkaben. 1915. Nr. 12.) Ref.: E. Boas. Nach Ansicht des Verf.’s stellt sich die Dementia praecox als eine Folge¬ erscheinung einer primären Anomalie des Thymus dar. Diese erklärt sowohl die klinischen Erscheinungen als auch die pathologisch-anatomischen Befunde bei der Dementia praecox. 63) Des voies d’invasion de la dömenoe preoooe , par Ren6 Masseion. (L’Encöphale. 1914. Nr. 4.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. gelangt zu folgenden Schlußsätzen: 1. Es gibt Fälle, in denen die Dementia praecox als ein primärer Prozeß erscheint mit bestimmter Symptomato¬ logie, bestimmtem Verlauf und Ausgang, entweder kontinuierlich fortschreitend oder in Schüben mit mehr minder langen Remissionen verlaufend. 2. In anderen Fällen erscheint die Dementia praecox als ein sekundärer Prozeß, welcher entweder einer gewissen Anzahl von Anfällen manisch-depressiven Irreseins oder Zuständen folgt, die am besten als „Hebephreno-Katatonie“ be¬ zeichnet werden; letztere gehören zu der Gruppe der toxi-infektiösen -Psychosen. Die Dementia praecox entsteht aus verschiedenartigen Ursachen, sie ist das Resultat vieler Momente, unter denen die Heredität, die geistige Minderwertig¬ keit, die verschiedensten Intoxikationen und Infektionen zu nennen sind, sie stellt also keine völlig abgeschlossene KrankheitBeinheit dar. 54) Über Syphilis in der Aszendenz von Dementia praeoox-Kranken, von Friedrich Meggendorfer. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LI. i914. H. 3 bis 6.) Ref.: Kurt Mendel. Bei 3 von 6 Fällen von Dementia praecox handelte es sich um Nachkommen von Tabikern und Paralytikern, beim vierten bot der Vater Pupillendifferenz und positiven Wassermann im Blut; bei "den beiden übrigen Fällen hatte der Vater bzw. die Mutter Syphilis gehabt. In keinem Falle gleichartige Heredität Lues bei den Eltern von Dementia praecox-Kranken ist ein viel häufigeres Vorkommnis, als bisher angenommen wurde. In den vom Verf. mitgeteilten Fällen von Dementia praecox mit Syphilis in der Ascendenz fällt auf der feminine Habitus der Männer, die Neigung zu im¬ pulsiven Handlungen, der langsame, aber progressive Verlauf und das lange, relativ gute äußere Komponiertbleiben der Kranken. 65) Zur Pathogenese der Dementia praeoox, von K. Moll weide. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXII. 1914. H. 4 u. 5.) Ref.: G. Stiefler. Verf. faßt seine Ausführungen dahin zusammen: Der Vergleich der Dementia praecox mit den heredofamiliären Nervenkrank¬ heiten läßt weitgehende Analogien der hereditären Verhältnisse sowie des all¬ gemeinen Verlaufßtypus erkennen, welche eine nahe Verwandtschaft dieser Krank- beitsformen vermuten lassen. E8 ist daher für jene Erkrankung die Annahme eines Aufbrauchprozesses auf Grund einer minderwertigen Anlage gewisser Partien des Zentralnervensystems am besten mit den Tatsachen in Einklang zu bringen. In demselben Sinne spricht der Nachweis häufig vorkommender psychischer Anomalien vor dem Ausbruoh der eigentlichen Erkrankung sowie die Bedeutung gewisser Gelegenheitsursachen. Die von F aus er gegebene Erklärung der mittels der Dialysiermethode ge¬ wonnenen Ergebnisse, nach welchen die Dementia praecox die Folge einer primären Dysfunktion .der Geschlechtsdrüsen darstellt, ist nicht die allein mögliche. Es besteht noch die weitere Möglichkeit, daß die Dysfunktion der Geschlechtsdrüsen bzw. anderer endokriner Organe ein sekundärer Vorgang nach primärer Erkrankung Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 659 der Gehirnrinde ist, sowie drittens die Möglichkeit, daß es sich bei den nach¬ gewiesenen Abbauprodukten der Ovarien um normale Sekrete handelt, welche in¬ folge der Erkrankung der Hirnrinde in derselben nicht mehr verwertet werden können und deshalb in vermehrter Menge im Blute zirkulieren. 60) Influenoe du milieu et du travail sur les Stereotypie», par R. Charon et P. Courbon. (Nouv. Iconogr.delaSalpetr. 1914. Nr. 2.) Ref.: EurtMendel. In dem Falle der VerfE ähnelte die stereotypische Haltung, die Pat. zum Schlafen einnahm, derjenigen des Fötus im Mutterleib. Die Veiff. erblicken hierin den Index einer dementieilen Regression, die auf die Zeit deB intra-uterinen Lebens zurückgeht, ein Wiederaufleben einer durch den Organismus im Augen¬ blick seiner Bildung angenommenen Gewohnheit. Es zeigte sich ferner im vorliegenden Falle der Einfluß, welchen Müßigkeit und Arbeit auf Eintreten und Verschwinden der Stereotypien ausübten. Letztere entstanden immer während einer üntätigkeitsperiode und schwanden beständig während der Beschäftigungsperioden. Die Arbeit ist ja auch das beete Heilmittel gegen die Demenz. 67) Ein Fall von Katatonie naoh Sonnenstich, von A. Repond. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVIII. 1915. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 16jähriger Arbeiter. Mutter aufregbar. Pat. war früher stets gesund und psychisch normal. Seit April 1913 war er bei seiner Arbeit den Sonnenstrahlen stark ausgesetzt, was er sehr unangenehm empfand. Nach einem besonders warmen Junitag mit außerordentlicher Sonnenstrahlungskraft klagte Pat. über Kopfschmerzen, Mattigkeit, Muskelschmerzen, Schwindel und Brennen in der Magengegend. Tem¬ peratur 38,9, Gesichtsröte, Injektion der Augen. Nachts Erbrechen, Schlaflosig¬ keit. Am nächsten Morgen starke Kopfschmerzen und Müdigkeit; gegen Abend plötzliche Veränderung: benommen, blödes Lachen, Pat. kaute an Knöpfen, sprang aus dem Bett, spielte wie ein kleines Kind, versuchte auf den Händen zu stehen und zu gehen, dann Vergiftungsideen, Nahrungsverweigerung, Angst vor der Sonne und vor Helligkeit, erschwerte Auffassung, grundloses Lachen, blöder Ge¬ sichtsausdruck, Stimmenhören. Die psychisohen Symptome nahmen immer mehr zu: Pat. wurde interesselos, verschlossen, mißtrauisch, hatte Gehörstäuschungen, Vergiftungsideen, schließlich Stupor mit beständiger Nahrungsverweigerung, Sinnes¬ täuschungen religiösen Inhalts, Negativismus, Echopr&xie, Mutacismus, Speichelfluß, Grimmassieren. Somatisch bis auf lebhafte Kniereflexe nichts Abnormes. Verf. glaubt an eine durch Sonnenstich hervorgerufene Katatonie, läßt aber die Frage offen, ob bei solchen traumatischen Katatonien eine Wesens- oder nur eine Symptomidentität mit den gewöhnlichen Katatonien besteht. 68) Über einen schizophrenen Prozeß im Gefolge einer hirndruokateigernden Erkrankung, von St. Rosental. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 3.) Ref.: G. Stiefler. Bei H. H., 28jährigem Fabrikarbeiter, neuropatbiscb nicht belastet, der in früheren Jahren angeblich verschiedene Infektionskrankheiten (Eryflpel, Gonarthritis, Pleuritis) durch- gemacht hatte, traten 1897 nervöse Erscheinungen auf, die in Beziehung zu einer chro¬ nischen Hirndrucksteigerung gestanden haben dürften, ohne daß sich eine Ursache dafür feststellen ließ: Anfangs Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindelgefühl, taumelnder Gang; Zunahme dieser Beschwerden, aber nicht gleichmäßig, sondern bei wechselnder In¬ tensität. Nach etwa 10 wöchiger Dauer plötzliche Verschlimmerung angeblich unter Auf¬ treten von Fieber und in anmittelbarem Anschlüsse hieran wurde Pat. plötzlich verwirrt, gab auf Anreden keine Antwort, sprach zusammenhanglos und führte verkehrte, unsinnige Handlungen aus. Dauer dieser geistig^u Störung nur wenige Tage mit vollkommener Zurück- bildung, während die nervösen Erscheinungen des Hirndruokes erst nach 2 Monaten allmäh¬ lich so weit abnahmen. daß der Kranke zwar wieder arbeitsfähig wurde, aber auch in der Folge, besonders bei körperlichen Anstrengungen, über Kopfsensationen zu klagen hatte und seine Umgebung bei ihm Vergeßlichkeit und Reizbarkeit feststellen konnte. Nach 7jähriger Pause, in welcher Pat. weder körperlich noch psychisch sonst Auffälliges darbot, im Jahre 1904, traten wieder, und zwar in viel stärkerer Weise als früher, allgemeine Hirndruck- 42* Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 660 Symptome (Kopfschmerz, Übelkeit, Schwindelgefühl, Puls Verlangsamung, Stauungspapille) auf, außerdem hochgradiges Taumeln mit Neigung nach rechts zu fallen, Nystagmus beim Blick nach rechts. Wahrscheinlichkeitsdiagnose eines Tumors des Kleinhirns (Wurm), eventuell eines Pseudoturaors (Nonne). Der geschilderte Zustand dauerte zuerst ein Jahr ohne Veränderung; dann (Herbst 1905) traten unter Zunahme der Beschwerden eigenartige Anfälle von Bewußtlosigkeit mit krampfartigen Zuckungen in den Extremitäten ein, die an¬ geblich manchmal */ f bis 2 Stunden dauerte, anfangs nur jede 1 bis 2 Wochen vorkamen, ira Laufe des folgenden Jahres wesentlich häufiger wurden, aber seit September 1906 aus¬ geblieben sind, während der übrige neurologische Befund unverändert bestehen blieb. Mit dem Sistieren der Anfälle trat im psychischen Verhalten des Pat. eine auffallende Veränderung ein. Er wurde mißtrauisch, äußerte plötzlich weitgehende Vergiftnngsideen und andere Wahnvorstellungen; so beschuldigte er seine Frau der ehelichen Untreue, war maßlos und unsinnig eifersüchtig, hatte Gehörstäuschungen, bedrohte Frau und Familie mit Totschlag. Nach dmonatiger Dauer dieses psychischen Verhaltens zeigte sich plötzlich eine Besserung der körperlichen Erscheinungen (Kopfschmerzen und Taumeln verschwinden) und ein Monat hindurch auch der psychischen, die aber dann in verstärktem Maße hervortraten, so daß er 1907 interniert werden mußte. Er zeigte nun manchmal ein mürrisches Wesen, meist aber eine alberne Vertraulichkeit, stumpfes Verhalten, eigentümliche verschrobene Redeweise mit verworrenen biblischen Sprüchen. Die körperlichen nervösen Erscheinnngen bildeten sich dauernd fast vollkommen zurück. Der weitere Verlauf der Psychose äußerte wohl einige leichtere Remissionen, Pat. befand sich aber dauernd unter dem Eiufluß seiner Beeinträeh- tigungswahnideen, die heftigen Erregungszustände wiederholten sich, das ausgesprochen verschrobene Wesen, die schwachsinnige und manirierte Färbung der Eifersüchte- und Ver¬ folgungsideen, ihre stereotype Wiederholung, Abhalten von verworrenen Predigten ließen den schizophrenen Charakter immer deutlicher erkennen; seit 1910 ist Pat. dauernd interniert. Bei Erörterung des Falles zunächst vom neurologischen Gesichtspunkte aus entscheidet Verf. nach gründlicher Besprechung der DifiPerentialdiagnose (Tumor, Pseudotumor, Hydrocephalus), daß bei H. eine organische intrakranielle Erkrankung mit Hirndrucksteigerung Vorgelegen hat, die mit aller Wahrscheinlichkeit als idiopathischer Hydrocephalus internus (mit stärkerer Ausprägung im rechten Seitenventrikel) anzuspreeben ist, wobei eine scharfe Trennung gegenüber einer Meningitis serosa nicht durchführbar erscheint. Was die psychische Seite des Falles betrifft, so entspricht der jetzige Zustand zweifellos einem schizophrenen Prozesse (Dementia praecox); schwierig hingegen ist der Versuch, den Beginn dieser psychischen Erkrankung klarzulegen. Verf. erörtert dann eingehend die Frage nach der Beziehung zwischen der Hirnerkrankung und dem schizophrenen Prozesse, wobei er zunächst die Annahme einer ganz zufälligen, gleichzeitigen Kombination in Rücksicht des Gesamtverlaufes der Erkrankung, namentlich des zweimaligen Hervortretens der psychischen Erscheinungen und zwar während der Schübe in einer hirndrucksteigernden Erkrankung entschieden ablehnt und später darauf hinweist, daß bei einer Anzahl der Fälle aus der klinisohen Dementia praecox-Gruppe histopathologische Hirnrindenbefunde erhoben wurden, die nach den Erfahrungen von Niss 1 und Alzheimer in kausale Beziehung zur Psychose zu bringen sind und die durchaus nicht histologisch gleichartig, sondern häufig weitgehend voneinander verschieden sind, wie überhaupt die eigentliche Grundlage und Entstebungsweise der Hirnveränderungen bei Dementia praecox bis heute nicht faßbar ist. Zweck der vorliegenden Arbeit ist, die zeitlichen Beziehungen zwischen der organischen Hirnsckädigung und dem schizophrenen Prozesse hervorzuheben und eine ähnliche Betrachtungsweise mancher chronischer Psychosen anzuregen, die im Gefolge von verschiedenartigsten Läsionen des Ge¬ hirns auftreten (toxische Hirnscbädigungen bestimmten Ursprungs, namentlich auf alkoholischer Grundlage). 59) A study of the braln in a case of oatatonio „Hirntod 44 , hy S. T. Orton. (Worcester State Hospital papers. 1912/13. 1913. S. 137.) Ref.: W. Misch« Bei einem Fall von katatonischem Hirntod werden die Ergebnisse der ein¬ gehenden anatomischen Untersuchung mitgeteilt. Der betreffende Fall begann ganz akut und kam innerhalb von 14 Tagen zum Exitus, ohne daß bei der Ob¬ duktion an den Visceralorganen makroskopisch oder mikroskopisch Veränderungen Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 661 gefunden wurden, die als Faktoren bei der Erkrankung oder als Todesursachen io Betracht kommen konnten* Obwohl die klinisohe Diagnose wegen der kurzen Dauer der Beobachtung und des Verhaltens des Patienten nicht durchaus sicher ist, ist der Fall wohl als katatonische Form der Dementia praecox aufzufassen. Mittels der Thionin- und der Bielschowsky-Methode ließen sich in den Gehirn¬ schnitten nur Veränderungen nachweisen, die wahrscheinlich zum größten Teil postmortal waren. Mittels der Herxheimer sehen Methode und der Färbung mit Osmiumsäure wufeffin beträchtliche Lipoidmengen in den Ganglienzellen, den Glia- zellen und den Leukocyten der perivaskulären Räume gefunden. Mit der Alz¬ heimer sehen Methode IV und VI ließen sich endlich verschieden granulierte amöboide Gliazellen nachweisen, die überall im Gehirn in den tieferen Rinden¬ schichten und besonders in der subkortikalen weißen Substanz weit ver breitet waren. 60) Alterazioni delle oeliule gangliari del bulbo in un oaso di demenza preoooe con morte improvvisa* per Alberto Rezza. (Riv. di Patol. nerv, e ment. XVIII. 1913. H. 7.) Ref.: G. Perus ini (Mailand). Im Hypoglos8U8- und im dorsalen Vaguskern konnte Verf. eine besondere Ganglienzellenveränderung nachweisen. Das Ganglienzellenzytoplasma wies nämlich große, gut abgegrenzte Vakuolen auf; im Inneren derselben und auf der sie um¬ grenzenden scharfen Konturlinie (Mannsche Färbung) lagen zahlreiche Granula, die mitunter angehäuft waren und Inkrustierungsbildern ähnlich aussahen. Mit andersartigen Färbungsmethoden ließ sioh eine wenig ausgeprägte retikuläre Struktur darstellen. Fettfarbstoffe nahmen die Granula nicht auf. Alles in allem entsprachen die mikrohistochemischen Reaktionen dieser Granula denjenigen, die wir bei dem Methylblaugrauula beobachten. Dem beschriebenen Befund mißt Verf. keinen spezifischen Wert bei; jedenfalls hebt er mit vollem Recht hervor, daß die histopathologische Untersuchung des Gehirns und ganz besonders der Oblongata bei den Fällen von sogen, plötzlichem Tod von Dementia praecox- Kranken erforderlich ist. Der Arbeit ist eine gute lithographische farbige Tafel beigefügt. 61) La söro-röaotion d’ Abderhalden dann la dömenoe preoooe, par A.Obregia etPitulesco. (Compt.rend. Soc. debiol. LXXVI. 1914. Nr. 1.) Ref.: W.Misch. Es wird über die Ergebnisse der Abderhalden sehen Reaktion bei 30 Fälleu von Dementia praecox, die nach Stadien bzw. Erkrankungsdauer Bowie nach Er¬ krankungsformen geordnet sind, berichtet. Aus den Untersuchungen gebt hervor, daß bei den frischen Fällen die positive Reaktion mit den Geschlechtsdrüsen vorherrscht, weniger häufig mit Thyreoidea und am seltensten mit Hirnrinde. Dagegen verhalten sich alte Fälle gerade umgekehrt: hier ist die Reaktion am häufigsten mit Hirnrinde, am seltensten mit Geschlechtsorganen positiv. Hinsicht¬ lich der Unterscheidung der verschiedenen klinischen Formen hat die Reaktion nichts Brauchbares ergeben; nur scheint die positive Reaktion mit Schilddrüse eine Beziehung zu den katatonischen Erscheinungen der Patienten zu haben. Die relative Konstanz der positiven Reaktion scheint für eine Persistenz der Dys¬ funktion des betreffenden Organs zu sprechen und insofern prognostisch bedeu¬ tungsvoll zu sein. Differentialdiagnostisch ist die Reaktion wenig brauchbar und nur als Hülfsmittel neben anderen klinischen Symptomen nützlich. 62) Le ooSffloient d'Ambard dans la dömenoe pröoooe, par A. Obregia, C.-J. Ureohia et A. Popeia. (Compt. rend. Soc. de biol. LXXVI. 1914. Nr. 1) Ref.: W. Misch. Aus den Untersuchungen an 50 Fällen geht hervor, daß in der Mehrzahl der Fälle (70°/ 0 ) von Dementia praecox die StickstoffiauBscheidung eine normale ist, während in 30°/ o der Fälle eine Stickstoffretention vorliegt. Unter den letzteren finden sich paranoide und katatonische Fälle, wobei die Katatoniker in einem Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 662 relativ höheren Prozentsatz vertreten sind. Es ließen sich keine Beziehungen zwischen dem Wert des Stickstoffkoeffizienten und dem Erregungs- oder Depres- sionszustand des Kranken finden. 63) Rioerohe eulla deviazione del complemento della deinen za preoooe, per G. Pellacani. (Riv. di patol. nerv, e ment. XIX. 1914. H. 3.) Ref.: G. Perusini (Mailand). Komglementablenkungsversuche, die bei 22 an Dementia praecox Leidenden vorgenommen wurden, fielen stets negativ aus. Zumeist wufte bloß das Blut- serum, bei einigen Patienten auch der Liquor untersucht. Als Antigen hat sich Verf. wäßriger oder alköholiscber Extrakte von Hoden, Schilddrüse, Hypophysis cerebri und Großhirnrinde bedient, die aus Leichen von typischen Dementia praecox-Kranken entnommen worden waren. Die Reaktionstechnik war die übliche, die man bei dem Wassermann sehen Verfahren anwendet. 64) Blutuntersuohungen bei einem tfall von Dementia praeoox mit perio¬ dischem Verlauf, von G. Kahlmeter. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psycb. XXIV. H. 4.) Ref.: Carl Grosz. Verf. teilt die Krankengeschichte eines Mannes mit, der, in der Jugend hoch- begabt, im 33. Lebensjahre an einem Verwirrtheitszustand mit hochgradiger moto¬ rischer und psychischer Erregung erkrankt, der bald mit vollkommen geordneten Zeiten abwecbselt. Dabei bestehen in den unruhigen Zeiten Stereotypien, Hallu¬ zinationen, werden unsinnige Handlungen verübt. Naoh einjähriger Remission der Krankheit fixieren sich die immer plötzlich einsetzenden Unruheperioden in 7- bis 8 tägigen Intervallen. Verf. läßt die Frage, ob Dementia praecox oder manisch- depressives Irresein vorliegt, offen. Serienweise vorgenommene Blutuntersuchungen lassen ihn zu folgenden Resultaten kommen: Während der Unruheperioden steigt die Zahl der weißen Blutkörperchen auf 9 bis 12000, dabei prozentische Zunahme der Neutrophilen. Während der Ruheperiode beträgt die Gesamtzahl der weißen 5 bis 8000, der Prozentsatz der Lymphozyten schwankt zwischen 30 und 45°/ 0 . Diese Ergebnisse stimmen mit den „Blutkrisen“ Lundvalls im wesentlichen überein, nur daß im beschriebenen Falle keine Eosinophilie beobachtet wurde. Auch Verf. kommt zum Schlüsse, daß diese Blutkrisen nicht nur durch die moto¬ rische Erregung, sondern vor allem auch durch für Dementia praeoox spezifische Toxine hervorgerufen seien. 65) Beitrag zur Kenntnis der Leukozytose bei der Dementia praecox, von Richard Zimmermann. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXII. H. S ) Ref.: Carl Grosz. Untersuchungen wurden an 60 Kranken aus der Praecox-Gruppe angeetellt: an frisch Erkrankten, an gebessert Entlassenen und an den langjährigen Anstalts¬ pfleglingen mit mehr oder minder hochgradiger Verblödung. Als Zählflüssigkeit wurde die Türksche benutzt, gefärbt wurden fast stets mehrere Präparate nach v. Millern und nach May-Grünwald. Bei Berücksichtigung aller hier in Be¬ tracht konmenden Fehlerquellen und physiologischen Schwankungen im normalen Blutbilde ließ sich konstatieren, daß im Verlauf einer Dementia praecox die Normalzahl der weißen Blutkörperchen nur selten angetroffen wird. (Verf. fand bei 96 Zählungen 41 mal Leukopenie, 46 mal Vermehrung der weißen Blutzellen.) Unter den Kranken, welche Normalzahlen, zwischen 7 bis 8000 Zellen aufwiesen, waren 2 / 3 tief verblödete Anstaltspfleglinge. Aber auch unter 15 Kranken, bei denen im Kubikmillimeter 10000 Zellen und darüber gezählt wurden, fanden sich nicht weniger als 11 Verblödete. Nicht ganz so unklar wie der quantitative Befund stellt sich das qualitative Blutbild dar, das auch im Gegensatz zum quan¬ titativen nur geringen Schwankungen ausgesetzt ist. Die Vermehrung der kleinen Lymphozyten ist im Verhältnis zu ihrem normalen Vorkommen nicht selten eine hochgradige. In */ 10 der Fälle beteiligten sich an der Leukozytose auoh die Digitized by Google Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 663 großen mononukleären Zellen und die Übergangszellen. Auffallend stark, ungefähr in % der Untersuchungen, fand sich eine manchmal ausgesprochene Eosinophilie. Diese Vermehrung der Lymphozyten, Mononukleären und Eosinophilen vollzieht '-eich auf Kosten der neutrophilen Zellen, deren Zahl in ungefähr 95°/ 0 der Fälle herabgesetzt angetroffen wird. Für die Prognose sind aber diese Befunde allein nicht verwertbar; Lymphozytose und Vermehrung der großen Monokularen findet sich bei den schwersten Verblödungeformen und bei Fällen, die wesentlich gut¬ artiger verlaufen, ein normaler Blutbefund, wenn man die Lymphozytose abrechnet, mitunter bei schwer dementen Kranken. 66) Über die Wirkung subkutaner Adrenallninjektionen auf den Blut¬ druck bei Dementia praecox, von Karl Neubürger. (Archiv f. Psych. LV. 1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Bei reichlich 80% aller untersuchten Katatoniker und Hebephrenen trat gar keine oder nur geringe Blutdrucksteigerung auf Adrenalin ein, während bei anderen Fällen dies Verhalten nur relativ Belten zu konstatieren war. Welche Störungen, vermutlich innersekretorischer Art, diese mangelhafte Erregbarkeit des sympathischen Nervensystems hervorrufen, darüber läßt sich noch nichts mit Sicherheit sagen.. 67) Eine Hypothese zur psychologischen Bedeutung der Verfolgungsidee, *r ■ von Josef B. Lang. (Psycholog. Abhandlungen [G. G. Jung]. Bd. I. Leipzig u. Wien, F. Deuticke, 1914.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. kommt zu folgenden vorläufigen Ergebnissen: „Der Dementia praecox- Kranke stellt in der Regel den Familientypus im Assoziationsexperiment am reinsten dar. Bekommt er Verfolgungsideen, so wurden jene Mitglieder der Familie zu Verfolgern gewählt, die nach ihm den Familientypus am reinsten repräsentieren (oder vom Kranken als Symbol für eine verdrängte endopsyohische Strebung ge¬ wählt wurden). Es scheint, daß das Geschlecht der zum Verfolger gewählten Person keine große Rolle spielt. Die Verfolger sind nur Objektivationen des Familientypus, gegen den sich die Verfolgungsideen richten. Im letzten Grunde richtet sioh die Verfolgungsidee gegen jenen Teil der eigenen Persönlichkeit des Kranken, welcher nooh allzu stark an den Familientypus gebunden ist. Die bio¬ logische Bedeutung des Verfolgungswahnes wäre nach dieser Hypothese der Ver¬ such des Kranken, sich von der allzu festen Bindung an den Familientypus (Kollektivitätsgefühl der Familie) zu befreien, ein Versuch (Verfolgungswahn als Heilungsversuch), der wohl deswegen mißlingt, weil der Befreiungskampf statt auf der Subjektstufe noch auf der Objekt-(Projektions-)stufe geführt wird.“ • 68) Über Pubertät und Psychopathie, von 0. Klieneberger. (Wiesbaden, Bergmann, 1914.) Ref.: W. Gorn. Verf. geht von der Tatsache aus, daß normalerweise in der Pubertätszeit mit den somatischen Symptomen der Reife die geistige Entwicklung einhergeht, charak¬ terisiert durch starke affektive Erregbarkeit und Affektlabilität. Das kongenital oder durch früher erworbene Hirnkrankheiten minderwertige Zentralnervensystem der Psychopathen zeigt diese Eigenschaften in der Pubertät in gesteigertem Maße. Hier tritt eine „verzögerte geistige Pnbertätsentwicklung“, häufig wirkliche „Pubertätskrisen 41 in Erscheinung. Im weiten Gebiet der Psychopathie gruppiert man zweckmäßig eine konstitutionelle neurast honisch-hypochondrische und eine depressiv hypochondrische Abart, neben denen man noch der Epilepsie zuneigende, duch Zornesausbrüche sich kennzeichnende epileptoid-degenerative und Fälle hysterisch psychopathischer Konstitution mit Affektschwankungen, Egozentrizität und übermäßig gesteigerter Einbildungskraft bis zur Pseudologia phantastica unterscheiden kann. Differentialdiagnostisch kommen in Betracht angeborene Ent- wicklnngsstörungen und Schwachsinnszustände, die jedoch Intelligenzdefekte auf¬ weisen, epileptoide Störungen, die der epileptoiden Form der Psychopathie mit Digitized by Go. igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 664 ihren bisweilen auftretenden „psychasthenischen“ und den dem Petit mal ähnlichen narkoleptischen Anfällen besonders nahe stehen, ferner zyklothymische Schwan¬ kungen und die leichten katatonen und heboidophrenen Formen der Dementia praecox in Betracht. Eine Pubertätsneurose oder -psychose gibt es nicht im engeren Sinne. Die Psychopathie zeigt dagegen im allgemeinen keinen progredienten Charakter. Oft tritt Besserung ein nach Abschluß der bei Psychopathen aber verzögerten und verlängerten Reifeentwicklung. Prophylaktische Behandlung zur Zeit der Pubertät ist bei Psychopathen besonders wichtig. Möglicherweise liegen, wie die Erscheinungen der normalen sexuellen Reife durch weitgehende Umwand¬ lungen im Stoffwechsel bedingt sind, auch den psychopathischen Störungen auto¬ toxische Vorgänge im Organismus zugrunde. Therapie. 69) Klinisohe Erfahrungen mit Phenoval, von Ernst Geyer. (Therapeut. Monatsh. 1915. Mai.) Ref.: E. Tobias (Berlin), Phenoval ist seiner Zusammensetzung nach ein antineuralgisches Hypnotikum, das nicht mehr antipyretisch wirkt, wohl aber die subjektiven Fieberbeschwerden lindert. Es ist völlig geschmacklos. Verf. gab Phenoval in Einzeldosen von 1 g, in Tagesdosen von 3 g, und zwar bei Agrypnie, Zephalalgie, Neurasthenie, Hysterie, bei klimakterischen Beschwerden, Angina pectoris und Migräne. Es versagte nur 4mal, \ind zwar in besonders schweren Fällen, wie bei einer hart¬ näckigen Neuralgie, langjähriger Migräne usw. Verf. gibt das Mittel z. B. 5 Tage hintereinander 3mal täglich lg und setzt es dann einige Tage aus. Nach seiner Ansicht ist es 1. ein Schlafmittel, das ebenso wie andere gute Brompräparate auch bei längerer Verabreichung nicht die geringste Gewöhnung zeitigt, das im Gegenteil die Disposition des Großhirns zu einem Schlafzustand ohne Hypnotika zu steigern vermag; 2. ein harmloses Mittel gegen den Kopfschmerz; 3. ein Mittel, das, systematisch bei nervösen und neurasthenischen Zuständen gegeben, diese Fälle äußerst günstig beeinflußt. III. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellsohaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Ref.: K. Löwenstein (Berlin). Sitzung vom 12. Juli 1915. (Schluß.) Herr K. Löwenstein: Zerebellare Symptomenkomplexe nach Kriegs¬ verletzungen (8. Originalmitteilung in dieser Nummer d. Centr.). Diskussion: Herr Schuster: Wenn der Herr Vortr. sich auch schon vor¬ sichtig ausgedrückt hat, so möchte ich meinerseits doch nochmals betonen, daß bei Verwertung der sekundären (ich meine der vom Kleinhirn beeinflußten) Reaktionen der B&r&nyschen Prüfung die größte Vorsicht geboten ist, wenn es sich um Patienten handelt, welche so offenkundige funktionelle und psychogene Symptome darbieten, wie die beiden ersten Patienten des Herrn Vortr. Ich halte die Möglichkeit durchaus für vorliegend, daß die Fallre&ktion und die Zeige¬ reaktion psychogen, bewußt oder unbewußt, gefälscht werden. Ebenso wie eine reflektorische Abwehrbewegung psychisch unterdrückt oder gefälscht werden kann, so muß man mit der Möglichkeit der Fälschung auch beim Bäranyschen Versuch rechnen, um so mehr, als es ja in dem Belieben des Patienten steht, die Fälschung des Reflexes vorzunehmen, bevor der normale Reflex auftritt. So kann ein Kranker, der (psychisch) dauernd nach rechts schwankt, jenes Schwanken auch bei Aus- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 665 Spülung des linken Ohres zeigen und intensiv betonen, noch ehe der normale Reflex mit der Abweichung nach links zur Geltung kommen kann, Selbstver¬ ständlich gilt das Gesagte nicht für den Nystagmus, Autoreferat. Herr Bonhoeffer: An dem organischen Kern der beiden von Herrn Löwen» stein gezeigten Fälle besteht, da sie echten Nystagmus haben, kein Zweifel. Hinsichtlich der Beeinflußbarkeit des B&ränyschen Versuches durch psychogene Faktoren sind die Bedenken des Herrn Schuster vielleicht niobt ganz ungerecht¬ fertigt. Das zerebellare Schwanken gehört auch nach meinen Beobachtungen zu den Symptomen, die sich gern bei psychopathischen Individuen vielleicht im Zu¬ sammenhang mit ihrer leiohten Darstellbarkeit hysterisch fixieren. Wogegen ich mich aber wenden möchte, ist die verklausulierte Art, in der der Vortr. bei den beiden erst demonstrierten Fällen den psychogenen Charakter der vorliegenden funktionellen Störung zugibt. Ich sehe bei den beiden erstgenannten Kranken, abgesehen von den besprochenen organischen Resten, nichts, was sich nicht aus dem bekannten hysterischen psyohogenen Mechanismus erklärte. Bei dem ersten Kranken würde es wohl nicht schwer sein, das ganze Bild einer hysterischen Pseudodemenz hervorzurufen. Ich halte es nicht für forderlich, in Fällen, wie es die gezeigten sind, an Stelle der doch wohl klarliegenden psychogenen Genese unklare Vorstellungen von molekulären organischen Veränderungen zu supponieren. Autoreferat. Herr Oppenheim: Der Angriff des Herrn Bonhoeffer richtet sich offenbar gegen mich und gegen die von mir vertretene Lehre. Es ist hier nicht der Ort, und es fehlt uns hier auch die Zeit, um die Frage so eingehend, wie sie es ver¬ dient, zu diskutieren. Aber wenn ich, der ich mich seit 30 Jahren mit ihr be¬ schäftige, eine Auffassung so beharrlich vertrete, so dürfte das auch die anderen zu einer gewissen Vorsicht mahnen. Und es ist doch ein wesentlicher Unter¬ schied, ob man hier rasch, auf den bloßen Eindruck hin, sein Urteil abgibt, oder ob es von mir, der ich gründlich zu untersuchen pflege, auf Grund einer monate¬ langen Beobachtung gewonnen worden ist. In dem ersten Falle hat Herr Löwen- stein ja selbst sofort erklärt, daß er hier neben den zerebellaren Symptomen, die doch nicht in Abrede gestellt werden können, eine psychogene hysterische Komponente annimmt. Und ich halte es nicht für berechtigt, zu supponieren, daß außerdem noch andere hysterische Symptome vorliegen, die uns entgangen oder nicht angeführt word&i sind. In dem zweiten Falle ist uns die Deutung viel schwerer geworden trotz wiederholter gründlichster Untersuchung. Es steht doch fest, daß derartige Zwangsrollungen und Zwangsabweichungen gerade bei Klein¬ hirnerkrankungen Vorkommen, und es muß doch jedem zu denken geben, daß das Symptom nun gerade bei einem Verletzten aufgetreten ist, der ausgesprochene Kleinhirnsymptome bietet. Ich bin trotzdem dazu gelangt, diesem Zeichen einen nicht-organischen Ursprung zuzuerkennen, weil es — im Gegensatz zu der weit¬ gehenden Restitutionsfahigkeit der traumatischen Zerebellarerkrankungen — hier ganz stabil und unbeeinflußbar ist, und weil der Patient noch eine Summe anderer Erscheinungen der allgemeinen Nervenschwäche bietet. Aber ich kann mich nun einmal nicht dazu bekehren, alles, was nicht organisch bedingt ist, hysterisch zu nennen. Eis gibt für mich noch andere Wege, als den der Vorstellung, auf welchen Verletzungen nicht-materiell bedingte Reiz- und Ausfallserscheinungen hervorbringen. Darüber Näheres zu sagen, werde ich in einer meine Erfahrungen zusammenfassenden Arbeit Gelegenheit finden. Autoreferat. Herr Bonhoeffer: Herr Oppenheim hat mich mißverstanden. Ich habe nicht davon gesprochen, daß Symptome kaschiert worden seien, sondern lediglich zur Betonung des hysterischen Charakters des erst demonstrierten Kranken gesagt, daß es wohl nicht schwer wäre, bei ihm eine hysterische Pseudodemenz zu er¬ zeugen; daß er sie noch nicht hatte, halte ich sogar für ein Verdienst der bis¬ herigen Untersuchung, da es gewiß besser ist, bei solchen Individuen die Zahl Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 666 der hysterischen Symptome nicht noch zu vermehren. Es scheint mir ein erbeb» liches praktisches Interesse vorzuliegen, — deshalb habe ich es für notwendig gehalten, zu diesem Punkt der Demonstration das Wort zu nehmen, — daß wir das, was uns die Unfallpathologie in den letzten Jahrzehnten über den Einfluß von Begehrungen und Wünschen in der Hysteriefrage gelehrt hat, in der jetzigen Zeit festhalten, und nicht die Vorstellungen von organischen Schädigungen bei diesen Fällen wieder aufleben lassen, die in früheren Jahren in der praktischen Beurteilung von Unfallrenten Schaden gestiftet haben. Daß ich nicht alles, was funktionell ist, für hysterisch halte, brauche ich wohl ebensowenig eu sagen, als daß nicht alles, was in der Pathologie psychogen ist, hysterisch ist. Autoreferat. Herr Löwenstein (Schlußwort): Ich glaubte, in meinen Ausführungen schon deutlich betont zu haben, daß ich einen wesentlichen Teil der jetzt bestehenden Erscheinungen bei den beiden ersten Patienten für funktioneller Natur halte. Daß aber diese funktionellen Störungen sioh erst im Anschluß an einen orga¬ nischen Krankheitsprozeß entwickelt haben, daß eben nicht nur funktionelle Krankheitsbilder vorliegen, das halte ich gerade für das Interessante. Gerade den Diskussionsbemerkungen der Herren Schuster und Bonhoeffer gegen* über möchte ich doch betonen, daß ich es nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch für von wesentlicher Bedeutung halte, ob außer funktionellen Stö¬ rungen organische Veränderungen vorliegen oder nicht. Die Frage, wie weit die funktionellen Störungen rein psychogen waren und wie weit nicht, hatte ich absichtlich nicht diskutiert. Herr Oppenheim hat sioh ja schon gegen Herrn Bonhoeffers Ansicht gewandt. Ich kann nur in Übereinstimmung damit sagen, daß ich vieles für psychogen entstanden halte, daß aber besonders bei dem zweiten Patienten auch genügend Erscheinungen vorhanden waren, die sich nicht als psychogen oder hysterisch deuten lassen. — Was die funktionelle Beeinflussung der B&r&nyschen Fallreaktionen anlangt, so ist ja die schließliche Auffassung des Herrn Schuster dieselbe wie die meine. Ich glaube aber nicht, daß die so elementar auftretende kalorische Fallreaktion so leicht zu unterdrücken und zu falschen ist, wie Herr Schuster meint. Von einer bewußten Fälschung kann Überhaupt kaum die Bede sein, da ja die Patienten über die Art der Reaktionen nicht unterrichtet waren. Ich halte eine solche Fälschung auch nur für sehr schwer ausführbar. Daß unbewußt in diesen Fällen das funktionelle Fallen von so intensivem Einfluß ist, daß es das kalorische Fallen kompensiert, nehme ich, wie oben auseinandergesetzt, ja selbst als möglich an, ich halte es aber jedenfalls für eine sehr auffallende Erscheinung. An der diagnostischen Bedeutung der B&r&nyschen Methode ändert das aber nichts, und wenn auch ihre Deutung durch derartige Erscheinungen komplizierter wird, so ist das doch kein Mangel -der Methode, sondern zeigt nur, daß die Beurteilung auch ihrer Ergebnisse nicht schematisch, sondern unter Bewertung aller in Frage kommenden Faktoren ge* schehen muß. Autoreferat. 6. Herr Liepmann: Gehirnbefunde bei Aphasleohen und Agnoetisohen. Vortr. demonstriert zunächst das Gehirn einer alten Frau, die bis wenige Wochen vor der Einlieferung in die Anstalt ihrer Umgebung nur durch eine Veränderung des Charakters (Reizbarkeit, Zanksucht) aufgefallen war. Dann Sprachstörung und Verfall. In der Anstalt: Leichte sensorische Aphasie mit völliger Alexie, rechtsseitiger Hemianopie, optisch-taktile Agnosie. Der Augenhintergrund konnte wegen Sträubens und Katarakt nicht gesehen werden. Diagnostiziert wurde: Herd in dem linken Schläfenlappen, sich in den Hinterhauptlappen erstreckend. Autopsie: Große Geschwulst, welohe von hinten das Mark des linken Hinterhaupts¬ und hinteren Scheitellappens einnimmt und nach vorn in das basale Mark des Schläfenlappens reicht, ohne bis an die Wernickesche Windung zu gelangen. Kleine Metastasen im Septum pelluoidum und im Balken, besonders im Splenium Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSm' OF MICHIGAN der rechten Seite, Sotiet ä'etslste HemisphSre Alsa wieder ii«t die Addition von Hn#8^5t}ge(ü OkÄipttft)her4 »Jt Spleftusraheträ Seelenbli«4heit bt-wirkt. Öas Sehvermögen :W»r 'trotz Katarakt aasteichssd. Di» eBitsörisobe Af&iftai* -j«ir Sftchbamhaff8Ör«tkpyrnptnsi3, — Fora»? beriebtet Vortn über «sscü fali so- Cen aiUte r re#t i t a i a r te r A phasi e, Eins Frao hatte Sß Jahre TOr tJer Einliefeiijßg io lfm?® 30. Jabte «rta«M Schlaganfail erlitten. Sie -vrar ikiäSig lauge Zeit «tuen®, die Sprache kehrte i* Laufe der Jahre wieder, *bw lnaagel- haiY. Jetat wurde sie «ater dea Zeiciiee der KorBakoffachen Psychose ii> die Anstalt vdijgelieleft.lo einem Kraokotohawse w«? vorher, Wie so oft, über der inhaltliche« Verwirrtheit die Sprachstörung übersehen worden. Die bei flüchtiger Betm&dung g»t »ichl so sehr aaffälUgs Spf«chfltftrtt«g erwies sich bei näherer Prüfung »ach sehr erheblich: Schlechte Artikulation, Erschweren der Wortfindung, DyegtäinnjatisiBU*, grobe Varnphasten, die aictt mH Zunahme der Aufgaben unter starker Perseveration : »ehr häuften, Unfähigkeit au büchstebierea, leichte Störung des Vmt&adjiMfe», starke Störung der Serienechnitte ergehen t-insn großen ulten Defekt m der 'Hohen Hemisphäre (rechte int«fetV Derselbe betrifft das nalere Fünftel roß boläeti Zentehlwindüngeh und des uamUtelbar anschließenden Teiles der Bars opemdAriS ¥0» w di« oWe SchläfenmpduDg unter TerBchöDtspg ihre* hinteren VierieiW das aber teilweise unißrminiieri S$* die g&nze lüHelrinde dnscMi*B!tdh der. Capsuln extrema und des ■ . • . K.Uu»tn;tsDS (s, Photographie;. Da* linke Vordere und mittlere Sprachgebiet h\ 3tr also sehr schwer and Teile des hinteren SprachgeMetea erheblich gelitten. Trotz dem- M die Kinanke weder wörUtvwm, ooch wort tanh geblieben. Wie bei jugeodltdhft»,. iödwdtli«a gewöhnlich, ist fcine erheb/jclje Restitution eingetv-o-n Trotz des lange»' Sfeiitwm* too 30 Jahren aber k&tm von eioer eioigerrmaß&n vollen ui^hi entfernt die Rede sein. E* rind »i-hr «cbwem Defekte in allen Sptwchfuuktioüen airrückgebliebeö. Ein ekdgertaa&m ausrei eben der Er¬ satz für die Verlö^nen Partien der linken Sprftchgegend ißt io 3 Jabiadhöten nicht emgetretsn: Aotorofer&tv mmM& Original frorn Go gle 668 Diskussion: Uerr Oppenheim richtet an den Vortr. die Frage nach der psychischen Beschaffenheit der Patientin — im Hinblick auf die Frage der Restitutionsfähigkeit und fragt, ob Alkoholismus vorlag. Herr Liepmann: Die Patientin bot die Erscheinungen eines leichten Korsa- koffs dar, die aber nicht derart waren, daß dadurch die Sprachstörung erklärt würde. Man könne allerdings die Möglichkeit nicht von der Hand weisen, daß der Alkoholmißbrauch bei der Patientin ungünstig auf die Restitution ge¬ wirkt hat. IV. Neurologische und psychiatrische Literatur vom 1. April bis 30. Juni 1916. (Die als Originale in diesem Centralblatt veröffentlichten Arbeiten sind hier nicht noch einmal angeführt.) !• Anatomie. Matti, Projektion der Gehirnzentren a. d. Schädeloberfläche ohne Kraniometer. Münch, med. Woch. Nr. 25. — Bregman, Neue Untersuch, z. Kenntnis d. Pyramidenbahn. Anat. Anzeiger. XLVIII. Nr. 3. — Wallenberg, Abnorme Bündel d. Fornix n. d. Pyramidenbahn b. Meerschweinchen. Ebenda. H. 5/6. — Keim, Das Nervensystem v. Astacus fluviatilis. Zeitschr. f. wissenschattl. Zool. CXI1I. H. 4. II. Physiologie. Rothmann, Hirnphysiol. i. Dienste d. Krieges. Berl. klin. Woch. Nr. 14. — Mills, Hirnmorphol. u. Hirnlokalisation, Jourp. of nerv, diseas. Juni. — Funk¬ häuser, The visual cortcx, its localization, histol. structuies and physiol. function. Journ. of exper. Medic. XXI. Nr. 6. — Lloyd, Morphol. and functions of tho corpus striatum. Jonrn. of nerv, diseas. Juni. — Pighini, La biochiwica del cervello. Turin, Rosenberg u. Lellier. III. Pathologische Anatomie. Robertson, Das Ganglioneuroblastom, ein bes. Typ. i. Syst. d. Neurome. Virch. Arch. CCXX. H. 2. — Derselbe, Fall v. Ganglioneurom a. Boden d. 8. Ventr. mit Einbeziehung d. Chiasraa opticum. Ebenda. Nr. 1. — Schmiacke, Glioblast. Sarkom d. Kleinhirns m. Metastasenbildung im Hirn u. Rückenm. Frankf. Zeit¬ schrift f. Pathol. XVI. H. 3. — Cowe, Der gliöse Anteil d. senilen Plaques. Zeitschr. f. d. ge«. Neurologie. XXIX. H. 1. — Blond), Fett i. d. Nervenzelle. Virchows Archiv. CCXX. H. 2. IY. Neurologie. Allgemeines : Muskens, Psychiatrie, Neurol. n. Neurochirurgie. Mon. f. Psych. Juni. — Dercum, Nerv, aud ment, diseases and the newer pathology, Journ. of nerv, diseases. Juni. — Redlich. Krieg u. Nervensystem. Mediz. Klinik. Nr. 17. — Löwy, M., Neurol. u. psychiatr. Mitteil. a. d. Kriege. Mon. f. Psych. Juni. — Saenger. Die durch den Krieg bedingten Folgezustände im Nerveusyst. Münch, med. Woch. Nr. 15/Itf. — Westphal n. Hübner, Nervöse u. psychische Erkrankungen^ im Kriege. Mediz. Klinik. Nr. 14/15. — Birnbaum, Kriegsneurosen u. -psychoseu (Sammelreferat). Zeitschr. f. d. ges. Nenrol. Ref. XI. Nr. 5. — Mohr, Entstehung, Vorhersage u. Bebandl. nervöser u. depres¬ siver Zustandsbilder b. Kriegsteilnehmern. Mediz. Klinik. Nr. 22. — Spitzig, Vagotonie neurosis. Cleve), med. Journ. April. — Timme, Viszeroptosis as part of a neurol. syndrome. Ebenda. Mai. — Blau, Nasale Reflexueurosen u. ihre Behandl. »Schmidts Jahrb. April. — Auerbach, Aufbrauchtbeorie u. Gesetz d. Lähmungstypou. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LIII. Nr. 6. — Meningen: Paal, Pachymeningitis u. Unfall. Mon. f. Unfallheilk. April. — Orbison, Angioma racemosa of the Pia with epileptoid convulsions of the Jacksoniau type. Jorn. of amer. med. Assoc. 8. Mai. — Schuster, Auat. u. Klinik d. Mening.serosa spinalis circumscripta. Mon. f. Psych. Juni. — Thiem, Tuberkul. Hirnhautentzünd, durch Quetschung eines tuberkul. Nebenhodens hervorgerufen. Mon. f. Unfallb. Juni. — Brockmann, Pseudo¬ meningitis b. tuberkulösen Kindern. Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXI. H. 5. — Ghon, Ein¬ sendung v. Untersuchungsmaterial z. Diagnose d. Meningitis Weicliselbaum. Prager med. Woch. Nr. 17. — Obö, Nachw. v. Meningokokken i. Liquor. Münch, med. Woch. Nr. 17. — Krüger, Fall v. Mening. eerebrospin. in. flecktyphusartigem Exanthem. Fortschr. d. prakt. Med. Nr. 7. — Kutschers, Genickstarre i. Pustertal. Wiener klin. Woch. Nr. 18. — Brach u. Fröhlich, Serotheiapie d. epidcm. Genickstarre. Ebenda. Nr. 20. — Fuchs-Reich, Kasuistik der Meniugitis purul. Mediz. Klinik. Nr. 21. — Leighton and Pringle, Recovery in two cases of Streptococeous Meningitis. Journ. of amer. med. Assoc. 19. Juni. — Wegtlin. Aktinomykotische, eitrige Meningitis. Corresp. f. Schweizer Ärzte. Nr. 1P. — Löw, Fall Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN v. Mening. typhosa serosa. Wiener klin. Wocb. 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Liquor cerebrospinalis. Wiener klin. Wochenschr. Nr. 18. — Gerstmann, Erkrankung der Cauda equina. Ebenda. Nr. 19. — Flexner, Simon and Amoss, Diffusion of the Poliomyel. virus. Journ. of exp. Medic. XXI. Nr. 5. — Langermann, Kinderlähmung i. Großherzogtum Hessen von 1909 bis 1914. Zeitschr. f. Hygiene. LXXX. H. 1. — Lovett, Treatment of infantile paralysis. Journ. of amer. med. Assoc. 26. Juni. — Veer, Liquor b. Pneumonie. Ebenda. 10. April. — Hall, Presence of arsenic in the spinal fluid. Ebenda. 24. April. — Multiple Sklerose: Gjessing, Augensympt. b. mult. Zerebrospinalsklerose. Norsk Mag. f. laegevid. Nr. 2. — Tarle, Bezieh, zw. Neuritis retro- bulb. acuta (Neuritis axialis acuta) und mult. Skier. Monatsbl. f. Augenheilk. April-Mai. — Tabes, Friedreichflehe Krankheit: Linow, Spontanfrakturen b. Tabes. Mon. f. Unfallheilk. Juni. — Reflexe: Pfister, Der Glutäaltonus, ein Pyramidenzeichen. Mediz. Klinik. Nr. 22. — Periphere Nervenlähmungen: Kleinschmid, Diphth.-Lähraung u. Diphth.-Antitoxin. Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXI. H. 4. — Hoffmann, Ein bei Rekurrens- paralyse beobachtetes Phänomen. Zeitschr. f. Laryngol. VII. H. 5. — Körner, Fazialis¬ lähmung infolge v. Erkrank, d. Ohrmuschel (Herpes, Perichondritis, Othämatom). Zeit- sehr. f. Ohrenneilk. LXX1I. Nr. 4. — Derselbe, Fazialislähmung infolge v. Operat. i. Mittelobr u. Schläfenbein. Ebenda. — Derselbe, Isolierte Lähmung d. Mundäste d. Fazialis infolge v. Schädigung d. Nervenstämme innerh. d. Schläfenbeins. Ebenda. — Derselbe, Stellung der Augenbrauen b. periph. Fazialislähmung. Ebenda. — Neuralgie, Migräne : Cadwalader, Inject, of alcool solut. of different strengths into peripher, nerves. A comparison of the results obtained. Journ. of amer. med. Assoc. 5. Juni. — Donath, Behandl. d. Tri¬ geminusneuralgien m. Alkoholinjekt. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXIX. H. 1 . — Schoppe, Operat. Ther. b. Ischias. (Sammelreferat.) Zentralbl. f. die Grenzgeb. d. Med. u. Chir. XIX. H. 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Vagotonie. Berl. klin. Woch. Nr. 20. — Schepelmann, Hypophysentumoren. Deutsche Zeitschr. f. Chir. CXXXIIL II. 4. — Weyer, Akromegalie u. Hypophysenzyste. Mon. f. Psych. April. — Kraus, W. M.^ Pilous cerebral adiposity: a new syndrorae. Amer. Journ. of med. Science. Mai. — Kahl« Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 670 moter, Hypophysäre Pseudotabes. Norsk Magaz. f. laegevid. Nr. 6. — Macy, Pituit. gland in gonorrheal arthritis. Medic. Record. 19. Juni. — C. Hart, Basedow. Mediz. Klinik. Nr. 14. — Hensel, Modern phases and treatment of Basedow disease. Med. Record. 8. Mai. — Schröder, H. S., Erfolge d, operat. Behänd!, d. Morb. Based. Therap. Monatsh. April. — Blair, Indicat. for operat. interference in goiter. Journ. of amer.-med. Assoc. 5. Juni. — Fuchs, Ergotismus o. Tetanie. Wiener klin. Woch. Nr. 19. — Fuchs u. Wasicky, Sekale- ätiologie d. Tetanie. Ebenda. Nr. 25. — Leppmann, Symmetr. Gangrän als Unfallsfolge. Ärztl. Sachverst.-Ztg. Nr. 8. — Koppang, Et tilfaelde av sklerodermi. Norsk Magaz. f. Laegevid, Juni. — Neurasthenie, Hysterie: Röper, Funkt. Neurosen b. Kriegsteil¬ nehmern. Deutsche militärärztl. Zeitschr. Mai. — Epilepsie: Benedikt, Die Epileptiker b. d. Musterung. Wiener klin. Woch. Nr. 22. — Watkins, Fall von Jacksonscher Epil. Medic. Record. 26. Juni. — Zimmermann, Beitr. z. Kenntnis d. epilept. Blutbildes. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 4/5. — Hebold, Tod infolge epilept Anfalls. Arch. f. Psych. LV. H. 3. — Löwy, J., Kasuistik d. Noktambulismus. Zentralbl. f. inn. Mediz. Nr. 20. — Williams, Treatment of epil. from metabolic disturb. in adolescence. Med. Record. 8. Mai. — Kellner, Wert der Flechsigschen Opium-Brorabebandl. b. d. Epil. Münch, med. Woch. Nr. 17. — Tetanus ; Blumenthal, F., Der Starrkrampf, seine Entstehung u. Behandlung. Berlin, Urban u. Schwarzenberg. — Aschoff u. Robertson, Über die „Fibrillentheorie“ u. a. Fragen d. Toxin- u. Antitoxinwanderung b. Tet Mediz. Klinik. 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Juni. — Digitized by Gck igle Original from UNIVERSSTY OF MICHIGAN 671 Bernhardt, Kriegsverletzungen d. peripli. Nerven. Berl. klin. Woch. Nr. 13/14. — Nonne, Dasselbe. Mediz. Klinik. Nr. 18. — Marburg u. Ranzl, Dasselbe. Wiener med. Woch. Nr. 23. — Reichmann, Dasselbe. Deutsche raed. Woch. Nr. 28. — Hehler, Neurolyse d. Plexus brach. Deutsche Zeitschr. f. Ckir. CXXX1II. H. 3. — Croissant, Radialislähmuug. Münch, med. Woch. Nr. 24. — Woods, Trauiuat. interruption of sciatic-nerves. Journ. of the amer. med. Assoc. 10. April. — Uhthoff, Trigeminusläsion d. Schußverl. Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. April/Mai. — Russeff, Lähmung d. Halssympath. m. Augenerscheiuungen b. Kriegsverletzten. Zeitschr. f. Augenheilk. Mai/Juni. — Heile u. Hozel, Erfahr, b. d. Behandl. i. Kriege ver¬ letzter periph. Nerven. Beitr. z. klin. Ckir. XCVI. H. 3. — Cassirer, Operat. Behandl. d. Kriegsverl. d. periph. Nerven. Deutsche med. Woch. Nr. 13. — Redlich, Dasselbe. Mon. f. Psycb. Juni. — Voelcker, Operat. Befunde b. Schuß verl. d. periph. Nerven. Deutsche Zeitschr. f. Chir, XXXI. Hl. — Mayer, L., Lagerungsbehandl. d. Nervenverl. Deutsche med. Woch. Nr. 25. — v. Hofmeister. Doppelte u. mehrfache Nervenpfropfung b. Schußverl. d. Nerven. Beitr. z. klin. Chir. XCVl. H. 3. — Steinthal, Verkürz, größerer Nervendefekte durch Tubularnaht. Ebenda. — Stoffel, Nervenmecbanik n. ihre Bedeutung f. d. Behandl. d. Nervenverl. Münch, med. Woch. Nr. 26. — Brunzel, Behandl. d. lschiadicusneuralgie nach Schußverl. mit Nervendehnung. Ebenda. — Familiäre Krankheiten: Lehn¬ dorff, Fall v. Mjotonia congenita. Fortschr. d. Mediz. Nr. 40/41. — Reitter, Neue Familie m. spastischer Spinalparalyse. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. L11I. H. 6. — Engelhard, Familie mit hereditärem Nystagmus. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 4/5. — Varia: Cheney, Gastric headaches.^Amer. Journ. of med. Science. Mai. — Alkin, Post- operat. nerv, and ment, disturb. Ebenda. — Dünner, Pupillenstarre bei Diabetes. Ther. d. 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Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 2/8. — Bloch, Wiederhol, d. Binet-Si mon sehen lntelljgenzprüfung a. denselben schwachsinnigen Kindern nach einem Jahre. Ebenda. H. 4/5. — A. Pick, Ver¬ hältnis zw. pathol. Vorstell, u. Assoziation. Mon. f. Psych. Mai. — Poppelrouter, Revision d. psychophysiol. Lehre v. d. elementaren Assoziat n. Reprod. Ebenda. — JOrger, Asso¬ ziationen d. Alkoholikern. Ebenda. April, Mai. VI. Psychiatrie. Allgemeines: Gaupp, Klassifikation i. d. Psychopathol. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. XXVIII. H. 2/3. — Moll, Psychopathol. Erfahr, v. westl. Kriegsschau¬ platz. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. Nr. 9. — Alt, Psych. Störungen im deutschen Heere u. ihre Behandl. Ebenda. Nr. 11. — Burr, Prevalence and prevention of insanity. Journ. of amer. med. Assoc. 10. April. — Enge, Bezieh, zw. körperl. Erkrank, u. Geistesstörungen. Mediz. Klinik. Nr. 25/26. — Borger, Trauma u. Psychose, in. bes. Berücksiebt, d, Unfall- begutacktung. Berlin, J. 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H. 4/5. — Kastan, Forensisch-psychiatrische Beobachtungen an Angehörigen d. Feldheers. Deutsche med. Woch. Nr. 25. — Therapie der Geisteskrankheiten: Jackson, Hydrotherapy in the treatment of mental diseases. Journ. of araer. med. Assoc. 15. Mai. VII. Therapie. Jungmann, „Funkt Therapie“ ra. bes. Berücksichtigung d. Kriegs- bescbädigtenbehandl. Mon. f. Unfallheilk. Juni. — Ollendorff, Valbroraid, brausendes Bai- drian-Brom-Salz. Fortschr. d. Mediz. Nr. 88/39. — Rose, Foligan-„Henning“, ein neues pflanzliches Sedativum. Münch, med. Woch. Nr. 20. — Mc 6uigan and Ross, Intraspin, adrainistr. of morphin. Journ. of amer. med. Ass. I. Mai. — Topp, Terpazid. Zentralbl. f. inn. Mediz. Nr. 23. — Hartmann, Übungsschule f. „Gehirnkrüppel“. Münch, med. Woch. Nr. 23. — Mayer, Orthopäd. Behandl. d. alten Hemiplegiker. Berl. klin. Woch. Nr. 23. — Kahane, Faradopalpation; Arsofaradisation. Wiener med. Woch Nr. 28. — Arnheim, Be¬ handlung v. Muskelatrophien nach Schußverl. m. d. „Myoroborator*. Fortschr. d. Mediz. Nr. 38/89. V. Mitteilung an den Herausgeber. Sehr geehrter Herr Kollegei Mit großem Interesse habe ich Ihr Referat der Asayamaschen Arbeit über Aphasie bei Japanern (d. Centr. 1915. Nr. 15) gelesen. Mein Interesse an der yon Ihnen referierten Arbeit ist deshalb so groß, weil durch die Arbeit des Japaners ein Postulat erfüllt wird und eine Schlußfolgerung bestätigt wird, welche ioh vor 6 Jahren in meiner Arbeit „Beitrag zur Kenntnis der Alexie und verwandter Störungen 44 (Mon. f. Psych. u. Neurol. XXV. 1909. Erg.-Heft) ausgesprochen hatte. Ich schrieb damals bei der Analyse des Lesevorgangs: „Es wäre interessant zu wissen, wie sich das klinische Bild bei Menschen gestaltet, welche eine Hiero- glyphensohrift schreiben, wenn sich ein Krankheitsherd etabliert hat, der bei uns Alexie erzeugt. Wenn unsere Auseinandersetzungen stimmen, so müssen die Hiero¬ glyphenleser viel besser gestellt sein aU wir. Denn die Hieroglyphen — Abbildungen — werden durch einen einzelnen Herd lange nicht so leicht assoziationslos oder assoziationsarm gemacht wie unsere Buchstaben oder Wort¬ bilder. 44 Die Asayamasche Publikation demonstriert nun aufs deutlichste die Richtig¬ keit meiner Vermutung und zeigt, daß die (unseren Schriftzeichen entsprechenden) Kanabuchstaben bei alektischen Störungen verloren gingen, während die chinesi¬ schen (Hieroglyphen) Lettern (bei dem gleichen Kranken) erhalten blieben. Auch bezüglich der Erklärung des beschriebenen Phänomens und verwandter anderer (erhaltene Fähigkeit des Zahlenlesens bei Alexie), sowie hinsichtlich der Möglichkeit des Lesens ohne Zuhilfenahme des akustischen Zentrums bestätigt die A8&yama8che Arbeit meine damaligen Ausführungen. Da der japanische Verfasser offenbar meine Arbeit aus dem Jahre 1909 nicht gekannt hat, so darf ich Sie, sehr geehrter Herr Kollege, vielleicht bitten, obiges in einem Nachtrag zu Ihrem Referat zum Abdruck bringen zu wollen. Mit kollegialer Hochachtung Ihr P. Schuster. Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel in Berlin W, Augsburgerstr. 43. Verlag von Vxit ft Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbs & Wittio in Leipzig. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICJtjIGACJ__j Nedrologisches Centralblatt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet von Prot E. MendeL Herausgegeben TOD Dr. Kurt Mendel. Vierunddrelßigster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle Buchhandlnngen des In» und Anslandes, die Postanstalten des Deutschen Beichs, sowie direkt von der Verlagsbuchhandlung. 1915. 16. September. Nr. 18. Inhalt L Original Mitteilungen. 1. Zum Andenken an Max Roth mann, von H. Oppen¬ heim. 2. Untersuchungen über Adrenalinmydriasis bei Geisteskranken und Gesunden, ron Dr. W. M^ran der Scheer. II. Referate. Reflexe. 1. Le temps de latence et la localisation des r&lexes, par Pidron. 2. Sur le temps de latence du reflexe plantaire, par Drabowltch. S. A new method of reflex elicitation, by Swift. 4. Le reflexe oculo-cardiaque dans le diagnostic de la nature des bradycardies, par Loeper et Mougeot. 5. Un syndröme syphilitique: aortite et abolition du reflexe oculo-cardiaque, par Loeper et Mougeot. 6 . Ein bemerkenswertes Reflexphänomen bei einem Aneurysma der Art. femoralis, von Wigdorowitsch. 7. Über die physiologische Pupillenunruhe und die Psychoreflexe der Pupille, von Förster u. Schlesinger. 8. Le reflexe de pröhension dans les affections organiques de Tencephale, par Janischewsky. 9. Klinische Studien über Synergiereflexe der unteren Extremitäten (reflexes de defense), von Kroll« 10. Einige Reflexuntersuchungen, die namentlich die Konstanz gewisser Reflexe betreffen, von WUrtzen. 11. Der Glutäalklonns — ein Pyramidenzeichen, von Pfister. 12. Wie man die Patellarreflexe untersuchen soll, von Heveroch. 13. Ein einfacher Handgriff zur Aus¬ lösung des Patellarreflexes, von Gerson. 14. Beitrag zur Kenntnis der Abdominal-, Kre¬ master- und Plantarreflexe, von Hedde. 15. Valore semeiologico dell’estensione continua dell’alluce, per Pastine. 16. Untersuchungen über die faradische Auslösung des normalen und des Babinskisehen Fußsohlenreflexes, von Tremmel. 17. Erklärung der Entstehungs¬ weise des Spasmus nutans beim Kinde mit Hilfe des Bedingungsreflexes, von Vas. 18. Rumi- nation im Säuglingsalter — Heilung durch Diphtherie, von Wanietschek. — Meningen. 19. Über Meningitis nach subkutanen Verletzungen des Schädels und der Wirbelsäule, von Markull. 20. Zur Bakteriologie und Prophylaxe der Meningitis epidemica, von Klinger und Fonrman. 21. Flecktyphusartiger Verlauf von Genickstarre, von Umber. 22. Zur Kasuistik der Meningitis purulenta, von Fuchs-Reich. 23. Ein Fall von Meningitis cerebrospinalis mit flecktyphusartigem Exanthem, von Krilger. 24. Lesions oculaires dans la meningite cörebro- spinale äpidömique, par Vinsonneau. 25. Zur pathologischen Anatomie der basalen Hirn- nerven bei der Meningitis Weichselbaum, von Agazzi. 26. Ein geheilter Fall von schwerer Meningitis cerebrospinalis mit einseitiger Erkrankung des inneren Ohres, von Dölger. 27. Ein einfaches Verfahren zur Erleichterung des Nachweises von Meningokokken in der Lumbalflüssigkeit, von Obi. 28. Prophylactic vaccination against epidemic meningitis, by Black. 29. Über die Serumtherapie der epidemischen Genickstarre, von Brach und Fröhlich. 30. Accidents following the subdural injection of the antimeningitic serum, by Flexner« 31. Parameningococous and its antiBerum, by Wollstein. 32. Proteusmeningitis and Proteus¬ sepsis bei einem Neugeborenen, von Goebel. 33. Über aktinomykotische eitrige Meningitis, von Wegelln. 34. Meningitis bei Diphtherie, von Reiche. 35. Ein Fall von Meningitis typhosa serosa, von Löw. 36. Die akute hämorrhagische Leptomeningoenzephalitis bei der Milzbrandinfektion des Menschen, von Fulci.,, 37. Drei Fälle von Malaria mit ungewöhnlich schweren Symptomen, von Ettinger. 38. Über rechtsseitige Otitis, kombiniert mit links¬ seitiger Meningitis, von Kutvlrt. 39. Die in den Jahren 1907 bis 1913 in der Breslauer Universitäts-Ohrenklinik beobachteten Fälle von otogener Meningitis, von Fleck« 40. Die otogene Spätmeningitis, von Alexander. 41. Deux cas de meningite otogene suppuree, par Coulet. 42. Zur Heilbarkeit der otogenen und traumatischen Meningitis, von Denker. 43. Des voies snivies par l’infection endocranienne, au cours des antrites suppurees de la face, par Sieur. 44. Les meningites ourliennes, par Roux. 45. Tuberkulöse Hirnhaut- xxxiv. 43 Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 674 entzünduog durch Quetschung eines tuberkulösen Nebenhodens hervorgerufen, von Thiem. 46. Über herdförmige Destruktionsprozesse im Großhirn und Veränderungen im Kleinhirn bei tuberkulöser Meningitis, von Sittig. 47. Untersuchung tuberkulös meningitischer Punk- tionsflüssigkeiten mit Hilfe der Ninhydrinreaktion, von Nobel. 48. The glycyl-tryptophan reaction in meningitis, by Major and Nobel. 49. Über eine seltene Form von Hirnhaut¬ tuberkulose, von v. Czirer. 50. Über das Vorkommen von Meningitis tuberculosa bei ander¬ weitiger Organtuberkulose, von Steinmeier. 51. Über zwei unter dem Bilde einer Hirn¬ geschwulst verlaufende Hirnhautentzündungen, nebst Bemerkungen zur Frage über die Entstehung und Ausbreitung der Meningitis tuberculosa, von Reichmann. 52. Ein Fall von tuberkulöser Meningitis mit bitemporal-hemianopischer Pupillenreaktion, von Sittig. 53. Forme clinique de möningite tuberculeuse döbutant par un syndröme de paralysie du nerf moteur oculaire commun, par Marie et Weill. 54. Über die Heilungsmöglichkeit der Meningitis tuberculosa, von v. Bökay. 55. Eine neue Behandlungsmethode der tuberkulösen Meningitis, von Bacigalupo. 56. Zur Entstehungsweise seröser Meningitiden bei tuberkulösen Kindern, von Finkeistein. 57. Zwei Fälle von Pseudomeningitis bei tuberkulösen Kindern, von Brockmann. 58. Les hemorrhagies möningees, par Barthölemy. 59. Pachymeningitis haemor- rhagica interna, par Tarassevitch. 60. Beitrag zur diffusen Meningealkarzinose, von Baranus. 61. Ein Fall von Geschwulstbildung in den weichen Häuten des Zentralnervensystems, von Olivecrona. 62. Ein Fall von Meningozele, eine seltene Komplikation des Keuchhustens, von Weigert. 63. Ein Fall von mehrfacher Meningozele, von Frank. — Hydrozephalus. 64. Zur Kasuistik des kongenitalen Hydrozephalus, von Motzfeldt. 65. 6 Monate altes Kind mit enormem Hydrozephalus, von Steinebach. 66. Ein seltener Fall von Hydrozephalus, von v. Blomberg. 67. Hydrozephalus nach intrakranieller Blutung, von v. Reuss. 68. Beiträge zur Pathologie und Therapie des chronischen Hydrocephalus internus, von v. Bökay. 69. Ein diagnostizierter und operativ (Trepanation und Balkcnstich) geheilter Fall von Hydrocephalus internus acquiBitus, von v. Sarbö. — Psychiatrie. Dementia praecox. 70. Früh- symptome der Dementia praecox, von Treiber. 71. Die körperlichen Frühsymptome der Dementia praecox, von Breiger. 72. Über Wesen und Bedeutung katatonischer Symptome, von Schneider. I. Originalmitteilungen. 1. Zum Andenken an Max Rothmann. Von H. Oppenheim. Wenn auch Ohr und Seele jetzt an schlimme Kunde gewöhnt sind, hat die Nachricht von dem fast plötzlichen Tode Rothmann’s doch für alle, die ihn kannten, etwas schmerzlich Überraschendes und für viele geradezu Erschütterndes gehabt. Es wird ans schwer, uns an den Gedanken zu gewöhnen, daß ein Mann, dessen äußere Erscheinung, dessen Wort und geistiges Wirken so von lebendiger Kraft zeugte, kaum auf der Höhe seiner Lebensbahn angelangt, vor dem ge¬ bieterischen Halt des Todes die Hände, die so viel Gutes geschaffen hatten, für immer sinken lassen mußte. Freilich hatten die, die ihn ans der Nähe beobachteten oder ihm auch nur in der Arena der wissenschaftlichen Diskussion begegneten, seit dem Beginn des Krieges eine Veränderung an ihm wahrgenommen. Es schien, als hätten die gewaltigen Ereignisse, die hohen, heiligen Forderungen der Zeit an ihm besonders mächtig gerüttelt. Auch der Soldatentod seines geliebten Sohnes wirkte nicht lähmend auf ihn, sondern schien ihn eher za einer gesteigerten Tatkraft und leidenschaftlichen Hingabe an die große Sache anzuspornen. Aber in den letzten Monaten wurde er ruhiger; der sonst so beredte Mann, den jede wissenschaftliche Frage znr Mitteilung der eigenen Anschauungen anregte, der mit solchem Naohdrnok und solchem Feuer seine Gedanken zum Ausdruck Digitized b) Google Original fro-m UNIVERSiTY OF MICHIGAN 675 brachte, war auffallend schweigsam — und es schien, als ob die seelischen Erschütterungen auch in das feste Gefüge seines Körpers eingegriffen hätten. Auf Krankheit, auf ein Yorübergehendes Brachliegen seiner ersprießlichen Tätig¬ keit waren wir gefaßt, aber nicht auf den unwiderruflichen Absohluß eines noch jungen Lebens. Max Rothmann ist am 26. April 1868 als Sohn eines noch lebenden, sehr angesehenen Berliner Arztes geboren. Seine Studienjahre verbrachte er in Berlin und in Freiburg. Nachdem er 1891 kurze Zeit unter Weigbbt ge¬ arbeitet hatte, trat er als Assistent in die von A. Fbaenkel geleitete Ab¬ teilung des Urbankrankenhauses und fand hier Gelegenheit, sich einige Jahre in der inneren Medizin auszubilden. In das Jahr 1894 fallt der Beginn seiner experimentellen Studien in Munks Laboratorium unter der Leitung dieses hervorragenden Forschers, der auf ihn den stärksten Einfluß ausgeübt hat Diese Tätigkeit, die bis 1907 und später au der Nervenklinik der Charitö fortgesetzt wurde, ist richtunggebend für das wissenschaftliche Denken und auch für den praktischen Beruf Rothmann’s geworden, denn es lag in der Natur der Sache, daß er auf dem Wege der Hirn- und Rückenmarksphysiologie zur Neurologie hinübergeleitet wurde. Gelegenheit zu den entsprechenden klinischen Beobachtungen fand er be¬ sonders in der von ihm im Jahre 1906 gegründeten Poliklinik. Mit der Habili¬ tation im Jahre 1899 begann seine Lehrtätigkeit; den Professortitel erhielt er 1910. In der akademischen Laufbahn sind ihm zwar die starken Erschütterungen erspart geblieben, aber das Leben ist ihm da, wie er mir gegenüber einmal äußerte, auch nicht leicht gemacht worden. Seit 1912 beschäftigte ihn die Idee der Schaffung einer Anthropoidenstation . auf Teneriffa. Unter der tatkräftigen Hilfe Waldeyeb’s kam es zur Aus¬ führung des Planes. Über die Ziele und Aufgaben dieses Institutes konnte Rothmann vor kurzem einen interessanten Bericht erstatten, der in den Ab¬ handlungen der K. Preuß. Akademie der Wissenschaften (Jahrgang 1915) er¬ schienen ist Von seinen wissenschaftlichen Leistungen können nur die wichtigeren hier angeführt werden. In die ersten Jahre seiner schriftstellerischen Tätigkeit (1893/94) fallen Abhandlungen, die verschiedenen Gebieten der Medizin an¬ gehören, aber das neurologische Interesse tritt schon in den Vordergrund. 1895 erschien die wertvolle Arbeit über die kombinierten Strangerkrankungen des Rückenmarks. Es folgten klinische und experimentelle Studien am Rücken¬ mark: über die Degeneration der Pyramidenbahnen, über Rückenmarksverände¬ rungen nach Abklemmung der Aorta, über die sekundäre Degeneration nach Ausschaltung des Sakralmarks, dann im Jahre 1900 Mitteilungen über den Stenson’sohen Versuch, über die Pyramidenkreuzung, die funktionelle Bedeutung der Py, das Monakow’sche Bündel. Das Jahr 1902 brachte Untersuchungen über die spinalen Atmungsbahnen, das Problem der Hemiplegie, die hohe Durchschneidung des Seitenstrangs beim Affen. Aus dem folgenden Zeitraum (1903—1906) sind hervorzuheben die Arbeiten über die spastische Spmalparalyse, 43* Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 676 die Anatomie and Physiologie des Vorderstrangs, experimentelle Läsionen am Zentralnervensystem des Affen, diagnostische Bedeutung der Haot- and Sehnen* reflexe usw. Dann folgten experimentelle und klinische Beobachtungen über die Leitang der Sensibilität im Rückenmark, über die transkortikale motorische Aphasie, eine tabesartige Erkrankung beim Affen, die Pyramidenbahn, die Er¬ gebnisse der Hörprüfung an dressierten Affen (1908), über Echinococcus der Wirbelsäule (1909, mit M. Bobohabdt), Myatonia congenita, Therapie cerebraler Lähmungen. Das Jahr 1910 ist besonders bedeutungsvoll durch die Mitteilungen und Demonstrationen, welche sich auf den Hund ohne Großhirn beziehen. Es war Rothmann gelungen, einen Hund, dem er beide Großhirnhemisphären exstirpiert hatte, mehrere Jahre am Leben zu erhalten und seine Funktionen sorgfältig zu studieren. In der Folgezeit (ab 1910/11) beschäftigte er sich eingehend mit der experimentellen Physiologie des Kleinhirns: „Zur Lokali¬ sation im Kleinhirn des Affen, Funktion der Rinde der Kleinhirnhemisphäre“, elektr. Erregbarkeit des Kleinhirns, über Kehlkopf und Kleinhirn usw. Das Interesse für diese Frage beschäftigte ihn auch noch in den nächsten Jahren, wenn auch manches andere klinische Gebiet dabei in Angriff genommen wurde, wie das besonders die schöne Abhandlung „über die Gegenwart und Zukunft der Rüokenmarkschirurgie“, die Beiträge zu dem Bäräny’schen Versuch und die von Rothmann selbst entdeckte Erscheinung der Richtungsablenkung bei Herderkrankungen des Großhirns zeigen. So bietet uns sein Leben eine Fülle von wissenschaftlicher Tätigkeit, deren bedeutungsvollster Teil zweifellos in den experimentellen Untersuchungen am zentralen Nervensystem der höheren Säugetiere besteht Hier hatte er sich die Methodik seines berühmten Lehrers Munk — auf den er bei jeder Gelegenheit mit dem Ausdruck höchster Verehrung hinwies — angeeignet, sie weiter aus*, gebildet und besonders auf die verschiedenen Rückenmarksbahnen angewandt In den ersten Jahren waren es die Pyramidenbahnen, die sein Interesse in Anspruch nahmen; er kam dabei zu der Überzeugung, daß den extra- pyramidalen Faserzügen eine große, bis da nicht genügend gewürdigte Bedeutung zukäme. Später hat ihn die Frage der Leitung der Sensibilität im Rückenmark zu experimentellen Forschungen angeregt. Durch seine mit besonderem Eifer und Beharrlichkeit durchgeführten Beobachtungen am großhirnlosen Hund hat sich Rothmann weit über die Kreise der Faohgenossen hinaus bekannt gemacht In den letzten Jahren war es das Kleinhirn und seine Bahn«), die Frage nach dem Wesen, der physiologischen Bedeutung dieses Gebildes, die ihn zu eingehenden Untersuchungen anregten, die — soweit ich zu beurteilen vermag — die volle Anerkennung der auf diesem Gebiet kompetenten Forscher gefunden haben. Aber Rothmann verband mit dem experimentellen das klinische Interesse, er war auch mit ganzer Seele Arzt, und so ist das experimentelle Studium für ihn niemals der Endzweck. Erst in der Übertragung der so gewonnenen Er¬ gebnisse auf den kranken Menschen findet er das erstrebenswerte und beglückende Ziel der physiologischen Forschung. So sehen wir ihn auf jedem Gebiet seiner Digitized by ■v Google Original frn-m UMIVERS1TY OFMICHIG/ Tätigkeit den Versuch machen, die experimentell festgestellten Tatsachen der Klinik zugute kommen zu lassen. Und es war fast stereotyp für die Vorträge und Diskussionen Rothmahh’b, daß er immer wieder eine Brücke zu schlagen verstand zwischen den am Tiergehirn nachgewiesenen Erscheinungen und der klinischen Beobachtung. Ich weiß nicht, ob alles das, was Rothmann ins Erdreich der Wissenschaft gepflanzt hat, aufgehen und oh alle Halme Früchte tragen werden. Aber das weiß ich, daß er ein von ernstem Streben erfüllter und für seine Wissenschaft begeisterter Forscher gewesen ist, und daß vieles von dem, was er geschaffen hat, einen bleibenden Wert für die medizinische Wissenschaft behalten wird. In den ärztlichen nnd wissenschaftlichen Gesellschaften Berlins war Rothkann eine bekannte, von .den meisten hochgeschätzte Persönlichkeit Seine Vorträge und Bemerkungen erhielten durch die innere Anteilnahme des ganzen Menschen etwas Packendes und Überzeugendes. Auch in der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte, der er als eifriges und tatkräftiges Mitglied angehörte, hat er eine anregende und befruchtende Tätigkeit entfaltet. Wir leben in einer Zeit, in der der Schmerz um den Verlust eines Einzelnen nicht laut und nicht nachhaltig sein darf — aber wenn der Tod eine für die Menschheit wertvolle Persönlichkeit nnd so in der Vollkraft ihres Schaffens weg¬ gerafft hat, soll, die Klage der Freunde und Fachgenossen nicht stumm verhallen. 2. Untersuchungen über Adrenalinmydriasis bei Geisteskranken und Gesunden. Von Dr. W. M. van der 8obeer, Meerenberg (Holland). Ein Artikel Schultz’s in der Monatsschrift f. Psychiatrie u. Neurologie (Bd. XXXVII, H. 4): „Beitrag zur somatisohen Symptomatik und Diagnostik der Dementia praecox“, erregte mein Interesse, da in ihm eine äußerst einfache Methode angegeben wird, bei der Dementia praecox eine Erscheinung nachzu¬ weisen, die bei den rein funktionellen Psychosen nicht vorkomme. Die Adrenalin- einträuflüng in den Konjunktivalsack des Auges sollte nämlich bei einer großen Zahl Schizophrener eine Veränderung der Pupillen weite hervorrufen. In un¬ gefähr 50°/ 0 der Fälle sah Schultz Mydriasis, in lö°/ 0 Miosis, in 15 % zweifel¬ hafte Reaktion. Diese Pupillenveränderung käme bei Normalen nie und bei rein funktio¬ nellen Psychosen fast nie vor, bei organischen Hirnerkrankungen, wie bei der Depientia paralytica, bei der Dementia senilis, bei der organischen Epilepsie, sei die Adrenalinmydriasis nioht selten. Schultz stützt seine Schlüsse auf die Untersuchung von 60 Fällen von Dementia praecox, 48 Fällen funktioneller Psyohosen und Neurosen, von 28 Fällen orga¬ nischer Himerkrankungen und 20 Normalen und ist der Meinung, „daß die einseitige Prüfung der Adrenalinmydriasis, unter Kontrolle der anderen Pupille Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN und in technisch einwandfreier Weise aasgeführt, eine einfache gefahrlose klinische Methode ist, die anscheinend praktisch von Interesse ist (( . Ich habe diese Untersuchungen fortgesetzt und kam zu anderen Schlüssen. Deshalb glaube ich mich berechtigt, sie mitzuteilen. Für die Literatur verweise ich auf Schultz, Biedl und Cords. Eigene Untersuchungen. Die Zahl meiner Versuchspersonen beträgt 283, zusammen habe ich 575mal auf Adrenalinmydriasis untersucht. Die Schlüsse aus meinen Untersuchungen habe ich aber aus einer viel kleineren Zahl gezogen, und zwar aus den Unter¬ suchungen bei 172 Menschen, bei denen ich im ganzen 397 Einträuflungen vornahm. Damit ich mich nicht fortwährend wiederhole, teile ich vorher mit, wie ich untersuchte und welche die Gründe waren, die mich dazu bestimmten, eine verhältnismäßig große Zahl von Untersuchungen außer Betracht zu lassen. Meine Methode war die, welche durch Cords 1 und später durch Schultz angegeben wurde. Jeder. Versuchsperson habe ich innerhalb ungefähr 5 Minuten 3mal zwei Tropfen einer l°/oo*8 en Lösung Suprareninum hydrochloricum syntheticum (Höchst) in ein Auge eingeträufelt. Nachher wurde das Auge 10 Minuten ge¬ schlossen und die Pupillenweite in Intervallen von 30 Minuten, während 2*/ a bis 4 Stunden, bestimmt, das eingeträufelte mit dem nicht eingeträufelten Auge vergleichend. Auch noch längere Zeit als 4 Stunden nach der Einträuflung habe ich bei zahlreichen Personen Pupillenunterschiede untersucht Die Methode läßt an Einfachheit nichts zu wünschen übrig, nur die regel¬ mäßige Kontrolle beansprucht sehr viel Zeit Der Untersuchung geht selbstredend eine genaue Bestimmung einer even¬ tuell bestehenden Pupillendifferenz voraus, die man am besten bei diffusem, nicht zu starkem Licht vornimmt, wobei man dafür sorgt, daß beide Pupillen gleich stark belichtet werden. Dabei stellte sich nun heraus, daß eine rich¬ tige Vergleichung nur dann stattfinden kann, wenn man sich hinter die Versuchspersonen stellt und diesen den Kopf hinten überbeugen läßt, sie nach oben blicken läßt, so daß man von oben, ohne durch die Lichtreflexe ge¬ stört zu werden und ohne daß man die Lichtquelle verdunkelt, den Unter¬ suchten ansieht Dabei ist es mir aufgefallen, wie viele Personen, sowohl Normale wie Kranke, ungleiche Pupillen haben. Die Differenz ist oft sehr gering, aber doch sehr deutlich. Von den 134 untersuchten normalen Personen fand ich 63 mit Pupillendifferenz, also in un¬ gefähr 40%, und bei Geisteskranken fand ich eine Zahl, die etwas größer war. Diese Zahl ist also bedeutend größer, als man allgemein annimmt. Ich muß gestehen, daß nicht jeder dieser Fälle von mir sofort als ein Fall mit un¬ gleichen Pupillen bei der, den Versuchen vorangehenden, einmaligen Kontrolle 1 Neurolog. Centralbl. 1911. Nr. 18. Digitized by Gck .gle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN erkannt ist. Erst während der wiederholten Kontrolle, dem Sachen nach Unterschieden, mehr aber noch durch die regelmäßige Einträuflung beider Augen an verschiedenen Zeiten, wurde mir der Unterschied deutlich, ln nicht wenigen Fällen, wo ich schon gleiche Pupillen angenommen hatte, fand ich dann nach Einträuflung das eine Mal Mydriasis vorgetäuscht, das andere Mal Miosis des anderen Auges. Die später durchgeführte genauere Kontrolle wies in fast all diesen Fällen eine geringe Anisokorie nach. Will man also seine Besultate verwerten, dann muß man verlangen, daß bei jeder Versuchsperson beide Augen auf Adrenalinmydriasis untersucht werden; erst wenn man für beide Augen dasselbe Resultat findet, darf man annehmen, daß ein Irrtum ausgeschlossen ist. Daß diese Kontrolle dringend notwendig ist, darauf muß ich bestimmten Nachdruck legen! Dies ist eine der Ursachen, die mich dazu bestimmt haben, einen großen Teil der Fälle von meinen Untersuchungen auszuschließen. Ja ich habe gemeint, alle Fälle mit Anisokorie außer Betracht lassen zu müssen. Wohl habe ich versucht, auch bei diesen Personen den Einfluß auf die Pupillenweite zu bestimmen und war in vielen Fällen davon vollkommen über¬ zeugt, speziell in den Fällen, wo die ursprünglich engere Pupille weiter wurde als die ursprünglich weitere. Um zwar zu bestimmen, ob z. B. die ursprünglich weitere Pupille weiter wurde oder ob die engere Pupille gar nicht reagierte, müßten Irrtümer und autosuggestive Einflüsse ausgeschlossen werden, wenn diesen Untersuchungen objektiver Wert zugeschrieben werden sollte. So wurde die Zahl der untersuchten Fälle auf 172 reduziert. Wenn beide Augen konstant mit einer deutlichen Mydriasis reagieren, spreche ich von positiver Reaktion, negativer, wenn in beiden Versuchen die Mydriasis ausbleibt, von paradoxer, wenn die Pupille enger wird (Schultz). Die Zahl der Fälle, wo es mir nicht möglich war, eine Pupillenreaktion festzustellen oder auszuschließen, war nicht gering. Diese nenne ich Fälle mit zweifelhafter Reaktion. Auch die Fälle mit wechselnder Reaktion habe ich zu dieser Gruppe ge¬ rechnet, wiewohl eigentlich diese Fälle nicht identisch sind. Schließlich war der Ausgangspunkt dieser Untersuchung, den praktischen Wert der Methode für die psychiatrische Untersuchungsmethodik zu bestimmen. Ich kam zu folgenden Resultaten: Von den im ganzen untersuchten 90 Fällen von Dementia praecox fielen 35 weg wegen ungleicher Pupillen. 6 konnten nur einmal untersucht werden und bleiben also auch außer Betracht Es blieben 48 Fälle übrig (36 Weiber und 12 Männer). Von diesen reagierten: positiv für beide Augen 15 *■ 31,0% negativ „ „ ., 18 = 37,5 % zweifelhaft .... 15 = 31,0%. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 680 Paradoxe Reaktion konnte ich in keinem einzigen Falle mit Bestimmtheit nachweisen. Bei den Männern fand ich 3 mit positiver, 6 mit negativer und 3 mit zweifelhafter Reaktion, während bei den 36 Weibern die Verteilung der Fälle folgende war: positiv 12, negativ 12, zweifelhaft 12. Die Zahl der negativen mänulichen Fälle war also relativ größer als die Zahl der negativen weiblichen Fälle; der Unterschied ist aber zu klein, um daraus etwas zu schließen. Was die Fälle mit positiver Reaktion anbelangt, so sei gesagt, daß hierunter einzelne Fälle waren mit ausgiebiger Reaktion, daß aber der größte Teil eine mittelmäßige Pupillenerweiterung zeigte. Die Erweiterung wurde erst */» bis 1 Stunde nach der Einträuflung deutlich. Eine Bemerkung muß noch gemacht werden: daß zwar der größte Teil der untersuchten Fälle zu den chronischen gehörte, aber auch ziemlich viele akute und subakute Fälle untersucht wurden. Einen deutlichen Unterschied zwischen diesen zwei Qruppen habe ich nicht entdecken können, ebensowenig wie einen Unterschied zwischen den verschiedenen Untergruppierungen, welche man für die Dementia praecox aufzustellen versucht hat. Genuine Epileptiker untersuchte ich ungefähr 16; von diesen fallen 6 weg aus denselben Gründen, die für die Dementia praecox gelten. Bei den 10 übrigen kam ich zu den folgenden Resultaten: positiv 4, negativ 3, zweifelhaft 3. Bei diesen Fällen waren keine organischen Abweichungen festzustellen. Die 2 Fälle vou organischer Epilepsie auf dem Boden der Hemiplegia spastica infantilis reagierten beide positiv, wovon einer sehr ausgiebig. Imbezille und Idioten untersuchte ich ungefähr 26. Von diesen fielen etwa 19 weg aus den schon genannten Ursachen. Von den übrigen 16 reagierten: positiv 9 m* 56,0 °/ 0 negativ 5 = 32,0 °/ 0 zweifelhaft 2 = 12,5 °/ 0 . Ich untersuchte 20 Fälle von manisch-depressivem Irreseiu, wozu ich bequemlichkeitshalber auch die Melancholien gerechnet habe, ohne hier¬ durch zu präjudizieren, daß ich diese Fälle als „einheitliche“ Gruppe auffasse. 10 Fälle mußte ich wieder aus den schon genannten Ursachen wegfallen lassen. Vou den übrigen fand ich: positiv 5, negativ 3, zweifelhaft 2. Von diesen 5 positiven Fällen gehörten 3 zu den sicheren Fällen von manisch-depressivem Irresein. 2 von diesen, welche die deutlichste Reaktion zeigten, wurden während einer manischen Phase untersucht, der 3. im sym- ptomenfreien Intervall. Bei einem der Fälle darf die Diagnose angezweifelt werden. Hier spielen degenerative Momente eine große Rolle. Einer der Fälle gehört zur Augstmelancholie. Zu den übrigen der untersuchten Fälle, deren geringe Zahl so wie so nicht berechtigen eine Folgerung zu ziehen, gehören noch 4 Fälle von Hysterie (2 Männer und 2 Weiber), welche alle deutlich positiv reagierten. Digitized by Gck igle Original frorn UNIVERSITY OF MICHIGAN 681 Wenn wir also die organische Epilepsie außer acht lassen, als unbedingt von organischem Ursprung, so finden wir.- Dementia pracox 48: positive Reaktion 15 = 31,0% negative „ 18 = 37,5 % zweifelhafte „ 15 = 31,0 % und von den übrigen untersuchten Psychosen: Positiv Negativ Zweifelhaft Total Genuine Epilepsie. 4 3 3 10 Imbezillitas und Idiotie. 9 5 2 16 Manisoh-depressives Irresein und Melancholie 5 3 2 10 Hysterie. 4 — — 4 22(55%) 11(27,5%) 7(5%) 40 Ein sehr großer Prozentsatz der positiven Fälle gehört der Gruppe der Imbezillen und Idioten und der der genuinen Epilepsie an, Krankheiten, welche jetzt wohl niemand mehr als von funktionellem Ursprung auffassen wird, und bei welchen eine organische Affektion des Zentralnervensystems in vielen Fällen angenommen werden darf. Aber auch bei denjenigen Psychosen, welche wir bis jetzt zu den unbedingt funktionellen Psychosen gerechnet haben, finde ich öfters eine deutliche Adrenalin* mydriasis. Nicht immer war diese ausgiebig, aber immerhin sehr deutlich. Ja zu¬ fällig zeigten die vier einzigen Fälle von Hysterie, die ich untersuchen konnte, alle eine deutliche Adrenalinmydriasis. Die relativ geringe Zahl der untersuchten Fälle schließt eine Vergleichung der Prozentzahlen der verschiedenen Gruppen aus, wohl aber berechtigen meine Resultate zu folgendem Schluß: Die Prüfung auf Adrenalinmydriasis hat für die Diagnose der Dementia praecox vorläufig keinen praktischen Wert. Um deshalb auch meinerseits festzustellen, ob es sich nicht bloß um zu¬ fällige Nebenbefunde handle, habe ich 134 somatisch und psychisch Gesunde, bei denen auch Augenerkrankungen ausgeschlossen werden konnten, auf eventuelle Adrenalinmydriasis untersucht — genau in derselben Weise, wie ich es bei meinen Kranken ausführte. Dabei konnte ich 53mal Größendifferenz der nicht dirokt belichteten Pupillen feststellen. Nur die Ergebnisse, welche ich bei 81 Normalpersonen fand, wobei ich im ganzen 183 Einträuflungen verrichtete, kann ich, um vergleichbare Resultate zu erhalten, also verwerten. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 682 Es ergab sich folgendes: Somatisch und psychisch Gesunde (81): Positiv für beide Augen 28 = 34,5 °/ 0 Paradox „ „ „ 3= 4,5 % Zweifelhaft. 20 = 24,5 % Negativ für beide Augen 30 = 37,0 %. Die Resultate verteilen sich im allgemeinen bei den beiden Geschlechtern ziemlich gleichmäßig. Die kleinere Anzahl männlicher Personen erklärt zur Genöge den Unter¬ schied in den Prozentzahlen. Gesunde Frauen (65): Positiv für beide Augen 22 = 34,0 °/ 0 Paradoi „ „ „3= 4,5 °/ 0 % Zweifelhaft.17 = 25,0% Negativ für' beide Augen 23 = 85,5 % Gesunde Männer (16): für beide Augen 6 = 37,5% Zweifelhaft . ”. . 3 = 18,5% Negativ für beide Augen 7 = 44,0 % Positiv Paradox Was die Fälle anbetrifft, welche deutlich auf die Einträufelung mit Adrenalin reagierten, zeigten die 3 Personen, bei denen eine paradoxe Reaktion stattfand, dieselbe sehr deutlich. Die Dauer der Verengerung war ungefähr 4 bis 5 Stunden. Von den 25 Personen, welche Adrenalinmydriasis zeigten, war die Reaktion in 10 Fällen schwach positiv, immerhin deutlich nachweisbar. Von den 15 stärker positiv reagierenden Fällen war einzelne Male die Erweiterung sehr ausgiebig. In den meisten Fällen wurde die Mydriasis erst nach einiger Zeit — 30 bis 60 Minuten — deutlich, in einigen Fällen noch später. Die Reaktionsdauer ist für die verschiedenen Personen außerordentlich verschieden. In einigen Fällen blieb die einmal festgestellte Differenz einen ganzen Tag besteben, andere dagegen zeigten schon nach 3 bis 4 Stunden keine Diffe¬ renz mehr. Obwohl die Reaktion für beide Augen positiv war, war zwischen den beiden Untersuchungen öfters ein ziemlich großer Unterschied, das eine Mal z. £. war sie stark positiv, das andere Mal nur angedeutet. Welche Einflüsse hier im Spiel sind, habe ich nicht feststellen können. Ein einziges-Mal war es mir, als ob die gleichzeitige Menstruation Einfluß auf die Stärke der Reaktion ausübte, Sicherheit hierüber habe ich jedoch nicht bekommen, und in den meisten Fällen war es mir nicht möglich, eine Ursache ausfindig zu machen (Ermüdung, Nacht- Digitized by Gck igle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAI wachen; am Morgen oder am Abend, vor und nach der Mahlzeit). Ebenso¬ wenig wie bei den Fällen, die wechselnd auf die Adrenalineinträufelung reagierten. Was die zweifelhaften Fälle anbetrifft, will ich bemerken, daß der größte Teil, meiner Meinung nach, eher zu den schwach-positiven als zu den negativen Fällen gehört Die Ergebnisse dieser Untersuchungen, wobei ich also in 34,5 % der Normal- fälle eine deutliche, wenn auch selten eine ausgiebige Adrenalinmydriasis fand, könnten erklären, daß Schultz in fast 50°/ o seiner Praecoxfälle eine positive Reaktion fand, wäre es nicht leicht, daß als allgemeine Regel angenommen wird, daß bei normalen Personen die Adrenalineinträuflung die Pupillenweite nicht beeinflußt, eine Annahme, die von vielen Untersuchem geteilt wird. Daß die meisten Untersucher bei Normalen andere Resultate erhielten als ich, wäre vielleicht auf ein verschiedenes Suprarenin zurückzuführen oder vielleicht darauf, daß die anderen Untersucher nicht während genügend langer Zeit nach der Einträuflung untersucht haben. Da ich dasselbe Präparat wie Schultz angewandt habe, kann nur die verschiedene Untersuchungsmethode den Unterschied erklären. Antoni 1 kommt betreffs der Reaktion normaler Menschen zu demselben Resultat wie ich; er sagt: „An einem sehr großen Kontrollmaterial von Geistes¬ kranken, somatisch Kranken, Gesunden, hat sich gezeigt, daß der landläufige Satz von dem normaliter refraktären Verhalten des Dilatators gegen die kon- junktivale Applikation des Adrenalins nicht allgemeine Geltung hat. Es ist etwas ganz gewöhnliches, daß sich die Pupille auf Adrenalineinträuflung, aller¬ dings nur schwach, aber doch vollkommen deutlich erweitert Das eigentümliche dabei, und was sicherlich daran schuld ist, daß diese Beobachtung nicht vorher gemacht wurde, ist, daß diese physiologische Erweiterung sehr langsam, erst 3 bis 5 Stunden nach der Einträuflung, erfolgt.“ Schultz, der die Beobachtung Antoni’s erwähnt, behauptet, zu diesen Untersuchungen keine Stellung nehmen zu können, da Antoni seine Methodik und sein Präparat nicht nennt Zwar spricht Antoni von einer l°/ 0 igen Adrenalinlösung, jedoch nennt er das von ihm eingeträufelte Quantum nicht, aber auch derart untersuchend, wie es Schultz getan hat, finden die ANTONi’schen Behauptungen durch meine Resultate Bestätigung. Nur fand ich oft schon innerhalb der ersten Stunde eine deutliche Adrenalin¬ mydriasis. Weshalb der eine reagiert, der andere aber nicht, entzieht sich meiner Beurteilung. Der Zustand des vegetativen Nervensystems wird hierauf von großem Einfluß sein. Meine Resultate sind: 1. Die Anisokorie kommt bei normalen Menschen viel öfter vor, als bisher angenommen wurde. Während die Prozentzahl der verschiedenen Untersucher zwischen 2,6 °/ 0 (Bach) und 24°/ 0 (Reichmann*) schwankt, fand ich in 40% 1 Adrenalin nnd Papille. Nenrolog. Centr&lbl. 1914. 8. 674. * Archiv f. Psych. LIII. Digitized b' Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 684 Papillendifferenz, die nicht immer sehr gleich deutlich war, aber bei wieder¬ holter genauer Untersuchung bei verschiedener, aber stets diffuser Beleuchtung sicher nachweisbar war. 2. Bei gesunden Menschen fandich in 34,5 °/ 0 der Fälle Adrenalinmydriasis [(Adrenalin = Suprareninum hydroohloricum syntheticum (Höchst)], Die Mydriasis ist meistens nicht sehr stark, aber deutlich, tritt nach und nach auf, oft erst nach ziemlich langer Zeit ( l / 2 > 1* 1V» Stunde). In einzelnen Fällen kommt Adrenalinmiosis vor. 3. Die Adrenalinmydriasis tritt bei verschiedenen Psychosen etwas häufiger auf als bei Normalen. Sie ist einzelne Male sehr stark und dauert lange, namentlich bei der Katatonie und bei der Epilepsie. 4. Der Adrenalinmydriasis kommt als differentielles Diagnostikum funktio¬ neller oder organischer Psychosen bislang keine praktische Bedeutung zu. II. Referate. Reflexe. 1) Le temps de latenoe et la looalisation des räfiexes, p&r H. Pieron. (Compt. rend. Soc. de biol. LXXYII. 1914. Nr. 21.) Ref.: W. Misch. Aus der Latenzzeit der Reflexe des Menschen lassen sich gewisse Schlüsse auf die Lokalisation derselben ziehen. So beträgt z. B. die Latenzzeit des Patellar- reflexes und des Achillessehnenreflexes gleichmäßig 40 biB 50 a (1 a = 0,001 Se¬ kunden); eine außerordentlich kurze Latenzzeit, die auf eine Lokalisation der Sehnenreflexe im Rückenmark hinweist. Dem gegenüber steht eine auffallend lange Latenzzeit der Hautreflexe (z. B. Latenzzeit des Plantarreflexes = 230 a), die auf die kortikale Lokalisation der Hautreflexe hinweist; nur der Babinskische Reflex macht davon eine Ausnahme. Obwohl diese Lokalisation der Hautreflexe mit den klinischen Beobachtungen im allgemeinen übereinstimmen würde, so steht dem doch eine Beobachtung Dejerines gegenüber von einem Fall von Zerstörung des 7. Zervikalsegments, bei dem die Hautreflexe, insbesondere der Plantarreflex, erhalten blieben. Es wäre also nicht ausgeschlossen, daß die Hautreflexe trotz ihrer langen Latenzzeit ihre Lokalisation im Rückenmark* hätten. Hiermit würde die Tatsache übereinstimmen, daß die sogen. Abwehrreflexe, deren medulläre Lokalisation ganz unzweifelhaft ist, ebenfalls eine außerordentlich lange Latenz¬ zeit besitzen. Es ist also nicht ausgeschlossen, daß die lange Latenzzeit dieser Reflexe durch ganz heterogene Ursachen bedingt ist, deren Feststellung ein neues Licht auf den Mechanismus des Reflexablaufs werfen würde. 2) Sur le temps de latenoe du röflexe plantalre, par W. Drabowitch. (Compt. rend. Soc. de biol. LXXVII. 1914. Nr. 21.) Ref.: W. Misch. Aus den zahlreichen Untersuchungen geht hervor, daß die Latenzzeit des Fußsohlenreflexes, bei Auslösung durch elektrische Reizung, durchschnittlich 29 /ioo Sekunden beträgt. Es ist also ein sehr langsamer Reflex, wenn man damit die Latenzzeit der Sehnenreflexe von 4 /ioo Sekunden und des Blinzelreflexes von 8 /ioo Sekunden vergleicht. 3) A new method of reflex elioitation, by W. B. Swift. (Journ. of the amer. med. A8SOC. LXI1I. 1914. Nr. 18.) Ref.: W. Misch. Es wird untersucht, wie sich die Sehnenreflexe während der Einwirkung einee schwachen faradisohen Stromes verhalten. Es ergibt sich, daß normale Reflexe Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSiTY OF MICHIGAN 685 in etwa der Hälfte der untersuchten Fälle unter diesen Umständen verstärkt werden, und daß insbesondere fehlende Reflexe zuweilen dnrch diese Methode hervorgerufen werden können, wenn alle anderen Methoden versagen. Besonders ist dies auf die Kniesehnen- und Achillessehnenreflexe anwendbar. Es sollte des¬ halb diese Methode der elektrischen Refiexverstärkuug unter die neurologischen Untersuchungsmethoden aufgenommen werden, denn sie kann von diagnostischer Bedeutung werden, wenn selbst der Jendr&ssiksche Handgriff versagt. 4) Le röfiexe ooulo- o»rdiaque dann le diagnoatie de la nature des brady- cardies, par M. Loeper et A. Mougeot. (Compt. rend. Soo. de Biol. LXXVI. 1914. S. 104.) Ref.: W. Misch. Die zentripetale Bahn des okulokardialen Reflexes scheint der Trigeminus, die zentrifugale der Vagus zu sein; sein Zentrum scheint da zu liegen, wo der Vagus bei seinem intrabulbären Verlaufe den sensiblen Trigeminuskern trifft. Durch medikamentöse Therapie läßt sich diese Rolle des Vagus zuweilen darstellen, wie sich z. B. bei drei Magenleidenden der Reflex durch Belladonna- und Atropin¬ wirkung zum Verschwinden bringen ließ. Neben der Pulsverlangsamung äußert sich der Reflex noch in einer Herabsetzung der Pulsamplitude und des arteriellen Druckablaufs, die auch als alleinige Symptome auftreten können. Eine Qefahr, bei der Auslösung des Reflexes eine partielle Dissoziation durch eine totale zu ersetzen, besteht bei der Geschwindigkeit des Reflexphänomens nicht. 6) Un syndröme syphilitique: aortlte et abolition du röflexe ooulo-oar- diaque, par M. Loeper et A. Mougeot. (Progräs mödic. 1914. Nr. 22.) Ref.: Kurt Mendel. In 7 von 10 Fällen mit syphilitischer Aortitis fanden die Verff. das Fehlen des okulokardialen Reflexes, d. h. der Pulsverlangsamung bei Kompression des Augenbulbus. Meist, doch nicht immer, besteht gleichzeitig das Argyll-Robertson- sche Zeichen. Das Syndrom: Fehlen des okulokardialen Reflexes und Aortitis hat ähnlichen Wert wie das von Babinski aufgestellte Syndrom: Aortitis und Argyll- Robertson. 6) Bin bemerkenswertes Reflexphänomen bei einem Aneurysma der Art. femoralis, von Dr. Wigdorowitsch. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 24.) Ref.: Kurt Mendel. Fall von Aneurysma der Art. femoralis. Drückt man die Art. femoralis unter dem Ligam. Pouparti des verwundeten Beines zusammen, so sinkt der Pols von 72 sofort auf 42 bis 45 Schläge in der Minute. Dasselbe Verfahren am gesunden Beine beeinflußt den Puls nicht. 7) Über die physiologische Pupillenunruhe und die Psyehoreflexe der Pupille, von E. Förster und Erich Schlesinger. (Monatsschr. f. Psyoh. u. Neurol. XXXVH. 1915. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel. Nach der Meinung einer Reihe von Autoren fehlt die Pupillenunruhe, die als eine Ausdrucksbewegung seelischer Vorgänge aufgefaßt wird, beim gesunden Menschen nie, wenn eine völlige Adaptation an das bei der Untersuchung benutzte Licht ein getreten ist; auf zugeföhrte sensorische, sensible oder rein psychische Reize reagiert die Pupille immer im Sinne einer Erweiterung. Die Verff. führten nun ihre Untersuchungen mit dem Peripupillometer (s. d. Centr. 1914. S. 863) aus, welcher eine Einrichtung besitzt, die gestattet, die Akkommodation des unter¬ suchten Auges auszuschließen. Sie fanden nun, daß nach genügender Adaptation für dunkel, bzw. für das zur ständigen Besichtigung der Papille erforderliche seitlich angebrachte Lämpchen von etwa 3 Meterkerzen Intensität die Pupillen- rinruhe stets fehlte, und daß auf sensible, sensorische und psychische Reize eine Erweiterung der Pupille nicht eintrat. Die physiologische Pupillenunruhe sowie die auf sensible, sensorische und psychische Reize erfolgende Pupillenerweiterung ist demnach nach Ansicht der Verff. eine Folge ständiger kleiner Schwankungen Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 686 der Akkommodation, eventuell auoh der Lichtintensität. Sie kommen dadurch zustande, daß der Pat. infolge beabsichtigter oder unkontrollierbarer Beize ver¬ anlaßt wird, momentan seine Akkommodationseinstellung zu ändern. Ihr Fehlen bei der Dementia praeoox (feumke) erklärt sich durch die geringe psychische Begsamkeit der Kranken, die sich durch unbedeutende äußere Reize wenig oder gar nicht ablenken lassen. 8) Le reflexe de prdhenBion dans les affeotions organiques de l’encephale, par A. Janischewsky. (Revue neurol. 1914. Nr. 10.) Ref.: Kurt Hendel. Verf. fand den Greifreflex — kräftiger Handschluß bei Berühren der Vola manus mit einem Gegenstand — in einem Falle von wahrscheinlich subkortikaler Läsion des Lobus frontalis. Da die Bahn zwischen Lobus frontalis und subkorti¬ kalen Kernen (subkortikal-thalamisches Bündel) lädiert war, konnte die Hirnrinde nicht mehr ihren hemmenden Einfluß ausüben auf die Reflextätigkeit der sub¬ kortikalen Zentren. In Fällen von kapsulärer Hemiplegie fand Verf. den Greif¬ reflex nicht. Der Greifreflex ist nachweisbar, wenn die Reflextätigkeit erhöht ist infolge Verminderung der Willkürtätigkeit der Hirnrinde, z. B. bei Paralysis agitans mit spastischer Form und bei organischen Hirnläsionen. Das Reflexzentrum findet sich in den großen subkortikalen Zentren, wahrscheinlich im Thalamus opticus. Der Greifreflex kann eine Läsion des Lobus frontalis oberhalb der subkortikalen Zentren anzeigen. 9) Klinische Studien über SynergierefLexe der unteren Extremitäten (re- flexes de döfense), von M. Kroll. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXVI. 1914. S. 438.) Ref.: W. Misch. Aus den Beobachtungen an neun mitgeteilten Fällen werden folgende Schlu߬ folgerungen gezogen: Die sogen. Abwehrreflexe oder besser Synergiereflexe der unteren Extremitäten hängen von einer organischen Läsion des zentralen Nerven¬ systems ab. Sie gestatten eine Orientierung in bezug auf die Höhenlokalisation des pathologischen Prozesses und im Zusammenhang mit den Sensibilitätsstörungen über die Ausdehnung desselben; außerdem geben sie eine gewisse Orientierung in bezug auf den Querschnitt: es darf wohl angenommen werden, daß sie dann auf- treten, wenn die Pyramidenbahn lädiert, jedoch nicht gänzlich zerstört ist und dabei auch die extrapyramidalen Bahnen (stärker?) affiziert sind. Die Teilnahme gewisser zentripetaler Bahnen ist auch anzunehmen. Die kontralateralen Reflexe sind nicht selten in den Fällen zu beobachten, wo Synergiereflexe hervorgerufen werden. Mitunter stehen sie an Intensität den homolateralen Synergiereflexen nicht nach, mitunter sind sie nur angedeutet. Fast stets tragen sie den Charakter einer Verlängerung der Extremität. 10) Einige Reflexuntersuohungen, die namentlich die Konstanz gewisser Reflexe betreffen, von C. H. Würtzen. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LIII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. untersuchte an 2000 Personen, bei denen ein organisches Nervenleiden nicht nachweisbar war, die folgenden Reflexe systematisch durch: Bizeps-, Trizeps-, Patellar-, Achilles-, Bauch-, Kremaster- und Plantarreflex. Bei funktionellen Neu¬ rosen konnte ein dauerndes Fehlen dieser Reflexe nie konstatiert werden. Bei allen Kindern waren sämtliche Reflexe ohne Ausnahme vorhanden und auch leb¬ hafter als bei Erwachsenen. Der Bizepsreflex fand sich bei allen untersuchten Personen, der Trizepsreflex fehlte nur bei einer Frau zwischen 70 und 79 Jahren, und zwar einseitig; die Armreflexe sind also sehr konstant, sie sind auch in der Regel leicht zu untersuchen. Der Patellarreflex erwies sich als absolut konstant. Der Achillesreflex fehlte in 7 Fällen (4 mal beiderseits, 3 mal einseitig) = 3,5 °/ oc * der Abdominalreflex bei 1,61% (oft wegen schlaffer Bauchdecken); immerhin hat das Fehlen des Bauchreflexes eine wesentliche Bedeutung, sofern die Bauchwand Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSSTY OF MICHIGAN 687 nicht in ausgeprägtem Grade verändert ist und sofern sich kein krankhafter Zu¬ stand der Leiborgane (Cholelithiasis usw.) nachweisen läßt Der Kremasterreflex fehlte bei 4 Individuen zwischen 50 und 70 Jahren (3mal beiderseits, lmal ein¬ seitig), einen stärkeren Zusammenhang mit dem Geschlechtsleben scheint er kaum zu haben, zumal er bei Kindern oft sehr lebhaft ist und bei Greisen nicht fehlt. Der Plantarreflex zeigte sich absolut konstant. 11) Der Glutäalklonus — ein Pyramidenseiohen, von H. Pfister. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 22.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Verf. hat in 4 Fällen von multipler Sklerose Glutäal- oder Gesäßklonus be¬ obachtet, den er wie folgt nachweist: Der Kranke liegt mit ausgestreckten Beinen flach auf dem Bauche. Man umfaßt nun mit der Hand, dicht an der Rückseite des Oberschenkels, von unten her die Hinterbacke und drängt sie mit kurzem, kräftigem Rucke nach oben bzw. nach oben upd etwas nach außen. Dann treten, wenn das Zeichen vorhanden und typisch ausgeprägt ist, dem Patellar- und Fuß- klonus nach Rhythmus analoge Zuckungen im Glutaeus maximus auf, die, wie bei den genannten Phänomenen, andauern, solange die Hand mit dem Druck auf den Muskel (mit der Zerrung seiner distalen Partie) nicht nachläßt. Bei den vier Fällen fand sich der Glutäalklonus zweimal doppelseitig, zweimal einseitig. Der Glutäalklonus ist, wenn ausgeprägt vorhanden, als Pyramidenzeichen auf- zufassen. 12) Wie man die Patellarreflexe untersuchen soll, von A. Heveroch. (Üasopis ceskych 16k. LIII. 1914. S. 1037.) Ref.: J. Stuohlik (Zürich), Verf. zeigt, daß die Patellarreflexe, die als objektives Symptom bei trauma¬ tischen Neurosen gelten, namentlich bei der üblichen Untersuchungsart ebenso wie andere Symptome sehr wenig Wert besitzen. Denn meistens gesellt sich zu dem eigentlichen Reflex eine „Reaktion aus Überraschung“, d. h. der Patient, der durch plötzlichen Schlag auf % die Sehne überrascht ist, zuckt mit dem ganzen Körper, was wohl sehr oft als „kolossal“ erhöhte Patellarreflexe beschrieben wird. Deshalb empfiehlt Verf., mit beiden Händen ganz unregelmäßig eine Zeitlang auf die eine oder die andere oder auf beide Sehnen gleichzeitig zu schlagen. In diesem Falle, auch dann, wenn der Pat. absichtlich das Bein in die Höhe wirft, ermüdet seine Aufmerksamkeit bald, und zum Schluß der Prüfung kommt tatsächlich nur das zum Vorschein, was eigentlich als Patellarreflex aufgefaßt werden kann. An einigen Fällen demonstriert Verf. die Wichtigkeit des empfohlenen Verfahrens. 13) Ein einfacher Handgriff zur Auslösung des Patellarreflexes, von Karl Gerson. (Therapie der Gegenwart. 1915. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel. Man setze sich an die rechte Seite des sitzenden Patienten, dessen Füße auf dem Boden aufruhen, führe den linken Unterarm unter den rechten Oberschenkel des Patienten und lege die linke Hand auf seinen linken Oberschenkel oberhalb des Knies. Alsdann ruht das rechte Bein des Pat freischwebend auf dem Unter¬ arme des Untersuchers. Man fordert nun den Pat. auf, das rechte Bein schlaff herunterhängen zu lassen, und kann am eigenen, das Bein tragenden Arme fühlen, ob Pat. noch die Beinmuskeln anspannt oder nicht. 14) Beitrag zur Kenntnis der Abdominal-, Kremaster- und Plantarreflexe, von Karl Hedde. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Bei 65 Fällen von multipler Sklerose waren nur in 9 Fällen = 13,8 °/ 0 die Bauchdeckenreflexe vorhanden, in einem dieser Fälle waren sie sogar gesteigert. In den übrigen 56 Fällen « 86,2°/ 0 fehlten die Bauohreflexe entweder vollständig (in 36 Fällen) oder teilweise. Bei 32 Fällen von multipler Sklerose fehlte einer oder beide Kremaster¬ reflexe in 11 Fällen ■■ 34,4°/ 0 , in allen diesen 11 Fällen fehlten gleichzeitig die Bauchreflexe. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 688 Bei 43 Fällen von multipler Sklerose fehlten nur in 3 Fällen = 7% neben den Bauchreflexen auch die Plantarrefiexe. Bei chronischem Alkoholismus kommt ziemlich konstant ein Fehlen der Bauch¬ deckenreflexe vor. Ferner untersuchte Verf. 120 Fälle der verschiedensten Nervenkrankheiten auf den Kremasterreflex und fand folgendes: in 38 Fällen waren die Kremaster¬ reflexe gestört, 12 mal fehlten sie beiderseits, 2 6 mal nur einseitig. Ein isoliertes Fehlen der Kremasterreflexe fand Verf. unter diesen 38 Fällen nur 7-mal; in den übrigen 31 Fällen waren die übrigen Hautreflexe nicht völlig intakt und zwar fehlten meist einige oder alle Bauchreflexe, zuweilen der eine oder beide Plantar¬ reflexe. Unter diesen 38 Fällen befanden sich 9 Apoplexien, in allen fehlte der Kremasterreflex auf der gelähmten Seite. Bei 10 Fällen war als einzige Ursache für das Fehlen der Kremasterreflexe chronischer Alkoholismus nachweisbar. In 4 Fällen von Tabes fehlte ein, in einem Falle beide Kremasterreflexe. In 2 Fällen fehlte der Reflex bei alten Leuten ohne organische Erkrankung. In einem Falle von hysterischer Armlähmung fehlte zuweilen einer der Kremasterreflexe, ohne daß die reflexogene Zone Sensibilitätsstörungen aufwies. In einem Falle von Neur¬ asthenie bei einem D£gener6 fehlten Kremaster- und Bauchreflexe, ohne daß eine organische Erkrankung bestand. 16) Valore semeiologico deirestensione oontinua delPalluoe, per C.Pastine. (Rivista di Patologia nervosa e mentale. XIX. 1914. H. 8.) Ref.: R. Ganter. In einer früheren Untersuchung hat Verf. den diagnostischen Wert der spon¬ tanen und anhaltenden Dorsalöexion der großen Zehe für verschiedene Nerven¬ krankheiten mit Affektion der Pyramidenbahn erörtert. Jetzt fand er dieses Zeichen auch in Fällen von fortgeschrittener Lungentuberkulose und führt sein Entstehen auf den Einfluß des tuberkulösen Giftes »vor allem auf die Nerven- zentren zurück. 16) Untersuchungen über die faradisohe Auslösung des normalen und des Babinskisohen Fußsohlenreflexes, von E. Tremmel. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. H. 4 u. 6.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). Verf. faßt die Resultate seiner Untersuchungen folgendermaßen zusammen: 1. Es gelingt mittels faradisoher Reizung der Fußsohle bei Individuen mit normalem Nervensystem und normaler Erregbarkeit der Sehnen- und Hautreflexe durchweg einen normal gerichteten Hautreflex auszulösen. 2. Dagegen tritt bei Individuen mit funktioneller Steigerung der Sehnen¬ reflexe und gleichzeitiger Abschwächung des Sohlenreflexes nicht selten einseitiges oder (etwas seltener) doppelseitiges Babinskiphänomen bei faradisoher Reizung auf^ häufig derart, daß bei der einen Stromrichtung Plantarflexion, bei wechselnder Stromrichtung Dorsalflexion der großen Zehe erfolgt. 3. Bei Individuen mit mangelhafter Entwicklung oder Unterbrechung der Pyramidenseitenbahnen waren die Resultate der faradischen Reflexprüfung ver¬ schiedenartig. Bei Säuglingen war nicht immer, wie zu erwarten, faradisches Babinskiphänomen bei beiden Stromrichtungen auszulösen. In den Fällen, in denen das Babinskiphänomen durch Streichen stets und besonders stark auszulösen war (z. B. bei multipler Sklerose, bei frischen Herderkrankungen des Gehirns), war durch faradische Reizung mit beiden Stromrichtungen der Babinskische Dorsal¬ reflex der großen Zehe auszulösen. Dagegen war in Fällen von schon lange be¬ stehender Unterbrechung der PyramidenBeitenbahn durchaus nicht regelmäßig faradisch Babinski auszulösen, meist fand sich nur bei „normaler“ Stromrichtang Dorsalflexion, bei Stromwendung jedoch Plantaiflexion der großen Zehe. Es hat daher nur jener faradisch ausgelöste Babinski eine Bedeutung, der bei jeder faradischen Stromrichtung auftritt — seine Erzielung in Fällen, in denen nach Streichen oder Stich der Plantarreflex fehlt, ist entschieden von praktischer Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 689 Bedeutung —, nicht aber der „Stromwechsel-Babinski“, der sich mehr bei funk¬ tionellen Neurosen findet. Verf. begründet, daß das Phänomen nicht der Effekt einer einfachen Muskel¬ reizung, sondern ein sensibler Reflex ist. Bei funktionellen Fällen ist er der Ausdruck einer natürlich ebenfalls rein funktionellen Störung in den der Reflex¬ hemmung dienenden Zentren und Bahnen. 17) Erklärung der Entstehungsweiae des Spasmus nutans beim Kinde mit Hilfe des Bedingungsreflexes, von J. Vas. (Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXII. H. 2.) Ref.: Zappert (Wien). Verf. erklärt das Zustandekommen des Spasmus nutans dadurch, daß das Kind — unabhängig davon, ob es sich in einer finsteren oder hellen Wohnung befindet — durch angestrengtes ständiges Kopfwenden nach einer Licht- oder Tonquelle (tickende Wanduhr) eine Muskelüberanstrengung erleidet, die als patho¬ logischer Bedingungsreflex schließlich die krampfhaften Bewegungen zur Folge hat. Die Ursache des Leidens liegt also in einer Ermüdung der köpf bewegen den Muskeln. 18) Bumination im Säuglingsalter — Heilung durch Diphtherie, von Wa- nietschek. (Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXII. H. 1.) Ref.: Zappert. Eine seit dem Säuglingsalter bestehende, bis zum 7. Lebensjahr erfolglos be¬ kämpfte Rumination verschwand nach einer postdiphtherischen Lähmung. Die Schwierigkeit des Schluckaktes hatte zweifellos das Kind veranlaßt, das Wieder¬ kehren der Speisen zu vermeiden und so eine Spontanheilung (des pathologischen Bedingungsreflexes. Ref.) bedingt. Meningen. 19) Über Meningitis nach subkutanen Verletzungen des Schädels und der Wirbelsäule, von F. Markul]. (Deutsche Zeitschr. f. Chir. CXXX. H. 1 u. 2.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). Verf. stellt zunächst 4 Fälle von Meningitis tuberculosa, 8 Fälle von Menin¬ gitis purulenta und 3 von Meningitis serosa, welche nach subkutaner Verletzung der Wirbelsäule bzw. des Schädels aufgetreten waren, aus der Literatur zusammen und gibt die Krankengeschichten im Auszug wieder. Im Anschluß hieran be¬ richtet er über zwei eigene Beobachtungen aus dem Stadtkrankenhause in Danzig. Im ersten Falle handelte es sich um eitrige Meningitis, welche 7 Tage nach Fall auf den Rücken aus einer Höhe von zwei Stockwerken entstanden war; auch im zweiten Falle trat 6 Tage nach Fall auf den Kopf (Schädelbruch) eine eitrige Meningitis auf; im Lumbalpunktat wurden Diplokokken und Pneumokokken ge¬ funden. Nachdem in beiden Fällen wiederholte Lumbalpunktion nur vorüber¬ gehende Besserung erzielt hatte, entschloß sich Barth zur Laminektoraie am 3. bis 4. Lendenwirbel, Inzision und Drainage der Dura; beide Fälle genasen, und solche Erfahrungen beweisen, daß die Laminektomie und Drainage des Subdural¬ raums selbst in hoffnungslosen Fällen, bei welchen wiederholte Lumbalpunktionen versagten, noch Heilung zu bringen vermag. 20) Zur Bakteriologie und Prophylaxe der Meningitis epidemica, von R. Klinger und F. Fourman. (Münchener med. Wochenschrift. 1915. Nr. 31.) Ref.: Kurt Mendel. Eine nach Ort und Zeit wechselnde Virulenz, eine meistens nur geringe Pathogenität des Meningococcus sowie die individuelle Disposition beeinflussen die Ausbreitung der Meningitis epidemica. In Zürich konnten die Verff. 11 an epi¬ demischer Genickstarre erkrankte, im Militärdienst befindliche Personen sowie zwei Zivilisten beobachten. Sie besprechen zunächst das serologische Verhalten der einzelnen Meningokokkenstämme, heben die schlechte Agglutinierbarkeit vieler der- XXXIV. 44 Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 690 selben hervor und zeigen, daß wir vorläufig kein dem Meningococcus allein zu¬ kommendes, stets vorhandenes Merkmal besitzen. Bei atypischen Stämmen kann häufig eine sichere Diagnose nicht gestellt werden. Dadurch ist der Wert der auf dem Meningokokkennachweis begründeten Isolierung der Kokkenträger sehr in Zweifel gestellt, und auch die Erfahrung hat uns ihren Nutzen keineswegs er¬ wiesen. Vielmehr ist die Feststellung und Isolierung aller Kokkenträger bei Auf¬ treten von Meningitis epidemica selbst innerhalb von Kasernen und anderen ge¬ schlossenen Anstalten praktisch undurchführbar und unnötig. Der Meningococcus wird sicher durch den Menschen, vermutlich sogar ausschließlich durch ihn, weiterverbreitet; es müssen somit Zwischenträger Vorkommen. Prophylaktisch ist aber im allgemeinen eine zwangsweise Isolierung der ganzen Umgebung des Erkrankten nicht erforderlich, sondern nur dann, wenn plötzlich in Kasernen, Krippen u. dergl. gehäufte und klinisch schwere Fälle auftreten, so daß eine momentane Virulenzsteigerung des Erregers angenommen werden muß. Sonst sind prophylaktisch anzuwenden: Verbesserung der allgemeinen hygienischen Verhältnisse, gute Ernährung, reichlicher Aufenthalt in freier Luft, Ortswechsel der Truppe, Entlastung der Soldaten hinsichtlich der von ihnen geforderten Arbeitsleistungen; denn größere physische Anforderungen unter ungünstigen äußeren Bedingungen schaffen eine erhöhte Disposition für die Meningitis epidemica; daher kommt sie bei Soldaten relativ häufiger vor als bei der gleichaltrigen Zivilbevölkerung. 21) Fleoktypbusartiger Verlauf von Genickstarre, von F. Umber. (Mediz. Klinik. 1915. Nr. 7.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Der klinische Befund war der folgende: plötzlich mit Schüttelfrost einsetzende Continua naoh eintägigen Prodromalerscheinungen, Pulsbeschleunigung, Status typhosu8, heftige Glieder- und Muskelschmerzen, katarrhalische Erscheinungen der Schleimhäute, Bronchitis, Milzschwellung, Roseolen und Petechien in typischer Ver¬ breitung. Die Diagnose wurde auf Flecktyphus gestellt, obwohl die Petechien schon am ersten und nicht erst am dritten Tag nach dem Schüttelfrost aufgetreten waren, und von einem besonderen Kenner des Flecktyphus als außer Zweifel stehend bestätigt. Die Obduktion ergab dann das überraschende Resultat, daß eine Leptomeningitis purulenta der Konvexität sowie seröse Meningitis spin&lis vorlag. In dem Abstrichpräparat fanden sich gramnegative, zum Teil intrazellulär gelegene Meningokokken; Blut, Spinalsaft sowie Milzsaft erwies sich dagegen völlig steril sowohl in aeroben wie anaeroben Kulturen verschiedenster Art. Somit lag zweifellos ein sporadischer Fall von Genickstarre vor. 22) Zur Kasuistik der Meningitis purulenta, von F. Fuchs-Reich. (Mediz. ‘Klinik. 1915. Nr. 21.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Der Fall, der geschildert wird, ließ zunächst an Flecktyphus denken und zwar berechtigten dazu die plötzliche, aus voller Gesundheit mit Schüttelfrost ein¬ setzende hohe Temperatur, Pulsbeschleunigung, Bronchitis, Milzschwellung, Be¬ nommenheit, Roseolen und Petechien (allerdings atypisch, weil am ersten anstatt am dritten Tag auftretend). Der weitere klinische Verlauf belehrte aber eines anderen. Nach 36 Stunden Patient entfiebert, benommen; nach 48 Stunden Exanthem abgeblaßt, ungleiche Reaktion der Pupillen, leichte Fazialisparese, Bauch "eingezogen und Nackenstarre angedeutet. Dies führte zu der Diagnose Meningitis mit unklarer Ätiologie; von der Lumbalpunktion mußte abgesehen werden. Die Obduktion ergab: Meningitis purulenta baseos et convexitatis. Die Ätiologie blieb unklar. Die Eröffnung des Mittelohrs beiderseits und der Stirnhöhle ergab keinen pathologischen Befund, auch das Siebbein war intakt. Verf. nimmt an, daß es sich um ein Eindringen der Infektionserreger auf dem Wege des Lymph- stroms von der Oberfläche des Respirationstraktus bei einer Influenza gehandelt habe, also um eine Influenza- oder Pneumokokkenmeningitis. □ igitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OFMICHl 691 23) Ein Fall von Meningitis cerebrospinalis mit fleoktyphusartigem Exan¬ them, von W. Krüger. (Repertorium der prakt. Medizin. XII. 1915. Nr. 7.) Ref.: K. Boas. Der Patient des Verf/s war bei der Aufnahme leicht benommen, fieberte (40 °C) und batte mehrmals diarrhoische Stühle. Nach 12 Stunden sistierten die Durchfälle, die Benommenheit hatte zugenommen. Jedoch konnte der Kranke seinen Namen und Wohnort angeben. Er berichtete ferner, daß er sich seit 2 Tagen unwohl fühle. Er klagt über heftige Kopfschmerzen. Temperatur 40,2°. Puls beschleunigt, über 120, klein, weioh, nicht ganz regelmäßig. An den inneren Organen nichts Krankhaftes nachweisbar. Papillenreaktion normal, Reflexerregbar¬ keit normal, mimische Muskulatur in Ordnung. Seit heute Morgen hat sich am Rumpf und an den Beinen ein lebhaft blaurotes Exanthem gebildet, das anfangs in Petechien, später Ekchymosen bis zu Dreimarkstückgröße mäßig reichlich sich au8breitete. Da in der weiteren Umgebung der Stadt in einem Gefangenenlager zahlreiche Fälle von Flecktyphus beobachtet waren, wurde bei den Patienten die Differentialdiagnose zwischen Flecktyphus oder septischem Darmkatarrb gestellt. Nach einer weiteren Stunde kam der Kranke Bchon ad exitum. Die Obduktion ergab pathologisch-anatomisch und bakteriologisch einwandfrei die Diagnose Meningitis cerebrospinalis. 24) Löaions ooulalres dans la möningite oörebro-spinale öpidemique, par Vinsonneau. (Arch. de l’ophthalmologie. XXXIV. 1914. Nr. 6.) Ref.: K. Boas. Im Beginn einer jeden Meningitis soll eine äugen ärztliche Untersuchung statt¬ finden. Während bei manchen Genickstarreepidemien nur geringe Veränderungen des Auges, wie Conjunctivitis, Keratitis, vorübergehende Störungen der äußeren und inneren Muskulatur, leichte Papillitis auftreten, kommen bei anderen schwere Erscheinungen wie Iridochorioiditis mit Atrophie des Augapfels sowie Neuroretinitis mit Blindheit vor. Die Konstatierung dieser Augensymptome von Anbeginn an muß zu einer Wiederholung der Punktionen und Seruminjektionen führen trotz negativen Resultats in den beiden mitgeteilten Fällen des Verf.’s. Die Veröffentlichung aller Fälle von Zerebrospinalmeningitis mit Augen¬ erscheinungen ist notwendig, um auf diese Weise zur Aufstellung typischer Krank¬ heitsbilder zu gelangen. 25) Zur pathologischen Anatomie der basalen Hirnnerven bei der Menin¬ gitis Weichselbaum, von Benedetto Agazzi. (Archiv f. Ohrenheilkunde. XCV. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 9 Fälle von Meningitis cerebrospinalis. In sieben derselben hatte der Nerv, opticus Veränderungen akuter eitriger Entzündung gezeigt, in einem Falle geringe Veränderungen einer subakuten Entzündung. Nur in einem Falle war der Op¬ ticus frei von entzündlichen Veränderungen. Der Nerv selbst war übrigens in allen Fällen frei, es waren immer nur seine Hüllen von dem entzündlichen Pro¬ zesse betroffen. Der Oculomotorius war nur in einem der Fälle frei von Ver¬ änderungen, sonst immer stark an dem Prozesse beteiligt. Auch der Trigeminus war fast regelmäßig mitbefallen. Der Fazialis war in 5 von den 9 Fällen nicht getroffen, der Acusticus zeigte in allen 9 Fällen entzündliche Veränderungen, und zwar beiderseitig. Der Acusticus ist nicht nur am häufigsten an dem entzünd¬ lichen Prozesse der Hirnhäute bei der Meningitis cerebrospinalis beteiligt, er zeigt auch die schwersten Veränderungen, insofern als der entzündliche Prozeß am öftesten den Nerven selbst durchsetzt und nicht nur seine Hüllen betrifft, wahr¬ scheinlich sowohl wegen seiner Lage als auch wegen seines anatomischen Baues. Im Fazialis kann sich der Entzündungsprozeß über das Ganglion geniculatum in den Fallopischen Kanal fortsetzen. Beim Trigeminus ist nicht selten auch das 44* Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 692 Ganglion Gasseri und oft sehr schwer am entzündlichen Prozesse beteiligt. In einem Falle konnte eine Beteiligung des N. IX nachgewiesen werden. In 8 von 9 Fällen war das parabypophysäre Gewebe beteiligt, die Hypophyse selbst war stets frei. 26) Ein geheilter Fall von schwerer Meningitis cerebrospinalis mit ein¬ seitiger Erkrankung des inneren Ohres, von Robert Dölger. (Deutsche med. Wochenschr. 1914. Nr. 31.) Ref.: Kurt Mendel. Hervorzuheben ist im vorliegenden Falle die günstige Beeinflussung der schwerenZerebrospinalmeningitis durch Antimeningokokkenserum (Kolle-Wasser¬ mann), die prompte Wirkung des Yatrens (Jodoxychinolinsulfosäure) auf die Meningokokken im Nasenrachenraum, die einseitige Beteiligung des inneren Ohres (N. cochlearis + N. vestibularis), die stärkere Erkrankung des N. vestibularis, der im allgemeinen teils aus phylogenetischen Gründen, teils wegen seiner dicken Beschaffenheit meist widerstandsfähiger als der N. cochlearis erscheint, schließlich die günstige Beeinflussung des Hörvermögens nach innerlicher Darreichung von Jodkalilösung. 27) Ein einfaches Verfahren zur Erleichterung des Nachweises von Meningo¬ kokken in der Dumbalflüssigkeit, von M. Obe. (Münchener med. Wochen¬ schrift. 1915. Nr. 18.) Ref.: Kurt Mendel. Einfaches Verfahren, das eventuell auch in Feldlazaretten angewandt werden kann: es werden l / i bis 1 ccm einer sterilen 10°/ 0 igen Traubenzuckerlösung 5ccm der Punktionsflüssigkeit zugesetzt, das Röhrchen wird während 10 bis 12 Stunden auf einer Temperatur von durchschnittlich 37° gehalten. Alsdann, meist schon nach 8 Stunden, fanden sich da, wo im frischen Präparate nur vereinzelte oder überhaupt keine sicheren Meningokokken nachgewiesen werden konnten, in jedem Gesichtsfelde Leukozyten, in denen Gram-negative Diplokokken eingeschlossen waren; manche Zellen waren damit geradezu überladen. 28) Prophylaotic vacoination against epidemio meningitis, ky J. H. Black. (Journ. of the amer. med. Assoc. LXILL 1914. Nr. 24.) Ref: W. Misch. Aus serologischen Untersuchungen mit der Methode der Komplement fixation geht hervor, daß die prophylaktische Vakzination gegen Meningitis epidemica in den meisten Fällen eine hochgradige Immunität bewirkt, die sich noch nach zwei Jahren nachweisen läßt. Bei einigen findet sich eine akute Erhöhung des Immun¬ körpergehalts am Ende des ersten Jahres nach der Impfung. Die Komplement¬ fixation von Meningitisrekonvaleszenten ist bei weitem nicht so hochwertig wie die bei Vakzinierten. Demnach scheint die prophylaktische Vakzination von größter Bedeutung zu sein. 29) Über die Serumtherapie der epidemisohen Genickstarre, von C. Brach und J. Fröhlich. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 20.) Ref.: Pilcz. Die Verff. behandelten 9 Fülle von typischer, auch durch wiederholte Lumbal¬ punktion sichergestellter epidemisoher Zerebrospinalmeningitis mittels intraduraler Injektionen von hochwertigem, frischem, körperwarmem Meningokokkenserum — Paltaufsches, im k. k. serotherapeutischen Institute von Pferden gewonnenes Serum. Die Injektionen wurden mehrmals, bis zu 7 mal, vorgenommen. Nur ein Fall, der erst nach 10 Tagen in sehr schwerem Zustande eingebracht worden war, und der mangels frischen Serums nicht injiziert werden konnte, gelangte ad exitum. Ein Fall wurde bisher therapeutisch nicht beeinflußt; die übrigen acht wurden restlos geheilt. Das Kernig sehe Symptom war am längsten nachzuweisen. Sorge t’iir Stuhl und gründliche Reinigung und Desinfektion des Nasen-Raohenraums. 30) Acoidents following the aubdural injeotion of the antimeningitic serum, by S. Flexner. (Studies from the Rockefeller Institute for medical Research. XIX. 1914. S. 1.) Ref.: K. Boas. Digitized b) Gougle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 693 Kramer hatte auf gewisse Gefahren hingewiesen, die die Injektion von Anti- menmgokokkenserum möglicherweise mit sich bringen könne. Verf. sucht diese Ansicht namentlich dadurch zu widerlegen, daß er die angeblich nach der Injek¬ tion auftretenden Schädigungen auf das Phenol bezieht, das man jedoch bequem ausschalten könne. Wenn derartige Erscheinungen überhaupt sich zeigen, dann liegen sie an dem erhöhten intrakraniellen Druck, nicht an dem Serum. Wenn man sich demgegenüber vorstellt, daß das Antimeningokokkenserum das einzige Mittel gegen die Meningitis cerebrospinalis darstellt, so kann man die geringen Nachteile der Injektion ohne weiteres mit in Kauf nehmen. Jedenfalls erscheint es dem Verf. gewagt, durch Tierexperimente allein das Antimeningo¬ kokkenserum in Mißkredit bringen zu wollen. 31) PArameningooooous and its antiserum, by M. Wöllstein. (Journ. of exper. Medic. XX. 1914. Nr. 3.) ßef.: W. Misch. Die Tatsache, daß manche Fälle von epidemischer Meningitis nicht durch Antimeningokokkenserum beeinflußt werden, läßt sich vielleicht darauf zurück* führen, daß es sich in diesen Fällen um eine Infektion mit Parameningokokken gehandelt hat. Letztere sind zwar kulturell von den Meningokokken nicht, zu unterscheiden, verhalten sich aber serologisch durchaus verschieden und sind auch nur durch ganz spezifisches Serum zu beeinflussen. Es wird daher vorgeschlagen, bei der Herstellung des gewöhnlichen polyvalenten Antimeningokokkenserums auch Kulturen von Parameningokokken mit zu verwenden. 32) Proteusmeningitis und Proteussepsla bei einem Neugeborenen, von Fritz Goebel. (Deutsches Archiv f. klin. Med. CXVI. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Eitrige Meningitis bei einem Neugeborenen. Als einziger Erreger konnte ein Proteus festgestellt werden. Durchaus fieberfreier Verlauf, ja sogar Neigung zu Untertemperaturen. Diagnostisch verwertbar war vielleicht der charakteristische Proteusgeruch des Patienten. Auffallend waren die Unterschiede zwischen Ven¬ trikel- und Lumbalpunktat in Farbe, spezifischem Gewicht und Fibringehalt. 33) Über aktinomykotische eitrige Meningitis, von C. Wegelin. (Corresp.- Blatt f. Schweizer Ärzte. 1915. Nr. 18.) Ref.: Kurt Mendel. Fall I. 18jähr. Mann erkrankt 7 Wochen vor seinem Tode an einer typischen Meningitis. Von den basalen Hirnnerven war der Abduzens betroffen, ferner be¬ stand eine Neuritis optica. Der Liquor enthielt vorwiegend multinukleäre Leuko¬ zyten, das Resultat der bakteriologischen Untersuchung war völlig negativ. Die Sektion ergab eine eitrige, nicht-tuberkulöse Meningitis, ferner eine frische Broncho¬ pneumonie und einen Abszeß im Oberlappen der rechten Lunge. Die Untersuchung von Schnittpräparaten der Meningen ergab drusenartige Gebilde, diejenige des Eiters des Lungenabszesses eine Aktinomykose. Es ist anzunehmen, daß der Lungenabszeß den primären Infektionsherd darstellt, und daß von hier aus die Metastasierung in die Meningen erfolgte, indem die Aktinomycesfäden auf dem Blutwege verschleppt wurden. Es bestand in diesem Falle auch* ein kleiner aktino- mykotischer Abszeß ira Lendenmark. Fall II. 36jähr. Frau. Den primären Herd bildet eine Aktinoroyces-Peri- ostitis des rechten Oberkiefers. Nach etwa 2 Jahren großer Abszeß in der rechten Wange, wahrscheinlich infolge Mischinfektion mit Streptokokken. Unterdessen hatte sich die Aktinomykose bereits nach der Schädelbasis ausgebreitet, und zwar über die rechte Orbita. Von hier aus drangen die Pilze offenbar längs des ersten Trigeminusastes durch die Fissura orbitalis superior in die mittlere Schädelgrube vor und erzeugten hier in der Gegend des rechten Ganglion Gasseri eine größere Gramilationsgeschwulst. Durch Übergreifen dieser Geschwulst auf den Sinus cavernosus kam es dann zur Protrusion des rechten Bulbus und zur Eiterung in der Sella turcica. Schließlich wurde in der Gegend des rechten Trigeminus die Digitized by Go igle Original frorri UNIVERSITY OF MICHIGAN 694 Innenfläche der Dura erreicht, worauf sich auch hier kleinere Granulations- geschwiilste entwickelten. Die größte derselben komprimierte die rechte Ponsseite und bewirkte eine linksseitige Hemiplegie. Die Ausbreitung des aktinomykotischen Prozesses erfolgte hauptsächlich auf dem Wege der perineuralen Lymphbahnen. Jodtherapie und Röntgenbestrahlung waren erfolglos geblieben. Schlußsätze: 1. Von manifesten oder latenten aktinomykotischen Herden aus kann sich eine hämatogene, metastatische Meningitis entwickeln, welche klinisch einen akuten Verlauf nimmt. Ebenso kann bei Aktinomykose des Oberkiefers, des Mittelohrs oder der Weichteile des Halses und Gesichts durch direkte Fortleitung des Prozesses in das Schädelinnere eine akute aktinomykotische Meningitis ent¬ stehen. Als Infektionsweg kommen hier hauptsächlich die perineuralen Lymph¬ bahnen der Hirnnerven in Betracht. 2. Das Exsudat dieser Meningitis ist fibrinös-eitriger Natur. Die Eiterung kann entweder durch den Aktinomyces allein oder durch eine Mischinfektion mit Bakterien bedingt sein. 3. Die aktinomykotische Meningitis ist hauptsächlich an der Basis des Ge¬ hirns und in den Häuten des Rückenmarks lokalisiert. 34) Meningitis bei Diphtherie, von F. Reiche. (Zeitschr. f. Kinderheilkunde. XI. H. 6 u. 6.) Ref.: Zappert (Wien). Verf. hat 8 Fälle von Meningitis im Verlaufe der Diphtherie beobachtet. Sechs davon endigten letal und ließen bei der Autopsie verschiedene bakterielle Ursachen der Hirnhautentzündung — Meningokokken, Streptokokken, Staphylokokken, Pneumokokken, Kolibazillen —, jedoch niemals den Diphtheriebazillus erkennen. In 2 Fällen bestanden schwere meningeale Krankheitsbilder, die mit Rücksicht auf den negativen bakteriologisohen Befund des Lumbalpunktates sowie auf die völlige Heilung als Meningitis serosa zu deuten waren. 36) Ein Fall von Meningitis typhosa serosa, von J. Löw. (Wiener klin. Wochenschr. 1916. Nr. 21.) Ref.: Pilcz (Wien). Infanterist, an Typhus erkrankt, naoh 25tägiger Fieberperiode und einigen fieberfreien Tagen rekonvaleszent entlassen, erkrankt nach etwa 3 Wochen per¬ akut an Kopfschmerzen, Temperatur steigt auf 40,0. Delirien, Nackenstarre, Kernig, Somnolenz, Bradykardie, Dermographismus. 6 Tage später Herpes labialis. Lumbalpunktion: Geringer Druck, erste Probe leicht hämorrhagisch tingiert, zweite ungefärbt, deutlich getrübt, enthielt wenig Lymphozyten und noch weniger poly¬ morphkernige Leukozyten. Zahlreiche Gram-negative Stäbchen. Kultur ergibt Typhusbazillen. Nach Punktion rasche Besserung, Heilung in wenigen Tagen. Verf. betont die Seltenheit der wirklichen Meningitis bei Typhus im Gegen¬ satz zum ,,Meningismus typhosus“; eine Besonderheit des Falles liegt auch im späten Auftreten der Meningitis bei einem fast geheilten Typhuskranken; zumeist fällt der Beginn noch in die Fieberperiode, bzw. in die 3. Woche. 36) Die akute hämorrhagische Leptomeningoenzephalitis bei der Milz¬ brandinfektion des Menschen, von Fr. Fulci. (Histolog. u. histopatholo*. Arbeiten über die Großhirnrinde. VI. 1913. H. 2.) Ref.: K. Boas. In einem Falle von Milzbrandinfektion, die wahrscheinlich am rechten Augenlid eines 12jährigen Mädchens begonnen und hierauf mit beträchtlichem Ödem der rechten Gesichtshälfte, der behaarten Haut und des Halses sich entwickelt hat, trat, wahrscheinlich infolge Verbreitung der Bazillen entlang den perivaskulären Lymphscheiden, eine sich klinisch durch ein plötzliches Auftreten von Hirn¬ symptomen manifestierende, akute Entzündung der weichen Hirnhäute und des intrazerebralen Gefäßsystems, von wesentlich infiltrativem Typus, mit schweren und verschiedenen regressiven Veränderungen der Nerven- und Gliaelemente auf In den anderen Organen zeigten sich ebenfalls verschiedene regressive Ver- Digitized by Gck igle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN 695 änderungen, namentlich im Myokard, in Leber, Nieren und Nebennieren, unter besonderer Reaktion der lymphatischen Organe (Lymphdrüse und Milz). 37) Drei Fälle von Malaria mit ungewöhnlich schweren Symptomen, von Ettinger. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 3.) Ref.: Pilcz (Wien). Von den mitgeteilten Krankheitsgeschichten dürfte eine wegen der differential- diagnostischen Schwierigkeiten gegenüber der Meningitis auch den Neurologen interessieren. 26jähriger Mann erkrankt akut unter heftigen Kopfschmerzen. Stat. praes.: Starke Benommenheit, Erbrechen, rasende Kopfschmerzen, Nackenstarre, Per¬ kussionsempfindlichkeit des Schädels, im Fundus hochgradige Gefäßerweiterung. Kein Kernig, übriger Nervenbefund normal. „Typhuszunge“, Milz nicht palpabel, Temperatur 37,4, Puls 66. Lumbalpunktion fördert vollkommen normalen Liquor zutage. Erst im Verlaufe der Beobachtung, während die meningealen Symptome un¬ verändert blieben, konnte aus dem Blutbilde, dessen Untersuchung zuerst auch negativ ausgefallen war, die sichere Diagnose auf Malaria gestellt werden. Heilung. 38) Über rechtsseitige Otitis, kombiniert mit linksseitiger Meningitis, von C. Kutvirt. (Öasopis öeskych. 16k. LIV. 1915. S. 197.) Ref.: J. Stuchlik. Verf. beschreibt einen sehr interessanten Fall, bei welchem sich nach rechts¬ seitiger Otitis purulenta allmählich eine tödlich verlaufende linksseitige Meningitis eingestellt hat. Die Diagnose war auch intra vitam klar. Aber eine Erklärung des Übergangs der Affektion vermag auch die Sektion nicht zu geben, da die rechte Seite vollkommen frei von meningitischen Veränderungen war. Der Über¬ gang durch die Sinus ist nicht anzunehmen, denn die Sinus waren rein und nicht thrombo3iert, wahrscheinlich hatte die Eiterung den äußerst seltenen Weg durch den Knochen eingeschlagen. Warum aber dabei auf diesem langen Wege die Hirnhäute der rechten Seite intakt blieben, vermag Verf. nicht zu erklären. 39) Die in den Jahren 1907 bis 1913 in der Breslauer Universitäts-Ohren¬ klinik beobachteten Fälle von otogener Meningitis, von J. Fleck. (Inaug.-Dissert. Breslau 1913.) Ref.: K. Boas. Insgesamt handelt es sich um 37 Fälle von otogener Meningitis. In 14 Fällen ging die Infektion von einem Hirnabszeß, und zwar 4mal vom Kleinhirn und 10mal vom Schläfenlappen aus, lmal geschah die Meningeninfektion durch eine Sinu9thrombose. In 6 Fällen war der Weg der Infektion nicht zu bestimmen. Es waren von chronischer Otitis entstanden 24 der Fälle, von akuter bzw. subakuter 13, und zwar verteilen sie sich auf die verschiedenen Altersstufen in folgendem Verhältnis: Ohreiterung Zahl der Fälle unter 40 Jahren I ® I chronisch 19 ' • über 40 Jahre I akut . . \ l chronisch 5 11 Krankengeschichten, darunter eine über einen Fall von seröser Meningitis auf otogener Basis, werden ausführlicher im Rahmen einer literarisch*kritischen Besprechung angeführt, wobei namentlich auf die Statistik anderer Kliniken ver¬ gleichend hingewiesen wird. 40) Die otogene Spätmeningitis, von Gustav Alexander. (Jahrb. f. Psych. XXXVI. S. 213.) Ref.: Pilcz (Wien). In dem Bestreben, die verschiedenen Formen der otogenen Meningitis klinisch voneinander zu sondern, gelangt Verf. zum Begriff der Spätmeningitis. Man hat von Spätmeningitis zu sprechen, wenn an einem Ohrenkranken nach einem an- Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 69(5 scheinend nicht gestörten Verlaufe einer entzündlichen Ohraffektion oder nach Ablauf einer otogenen Komplikation plötzlich die Erscheinungen einer Meningitis auftreten. Verf. führt eine Reihe hierhergehöriger, von ihm beobachteter klinischer Fälle an. Entspricht die Spätmeningitis dem Typus einer serösen Meningoenze¬ phalitis, so ist der Verlauf ein günstiger; die Fälle von eitriger Spätmeningitis verlaufen zumeist tödlich. Die hauptsächliche Prophylaxe der Spätmeningitis wird durch die frühzeitige Mastoidoperation dargestellt. 41) Deux oas de meningite otogene suppuräe, par G. Co ul et. (Revue heb- domad. de laryngol., d’otol. et de rhinol. 1914. Nr. 18.) Ref.: Kurt Mendel. 2 Fälle mit eitriger otogener Meningitis (durch zytologische Liquorunter¬ suchung bestätigt), geheilt durch Operation und wiederholte Lumbalpunktionen. 42) Zur Heilbarkeit der otogenen und traumatischen Meningitis, von Alfred Denker. (Zeitschr f. Ohrenheilk. LXX. 1914. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel. 4 Fälle von otogener, 1 Fall von traumatischer Meningitis. Die sich an eine chronische Mittelohreiterung anschließenden Meningitiden haben eine wesent¬ lich bessere Prognose als die im Gefolge einer akuten Otitis auftretenden. Die difFuse otogene Meningitis kann geheilt werden (Urotropin, radikale Ausräumung des primären Herdes, Lumbalpunktion usw.), trotzdem erscheint die Prognose eine sehr ernste, da die Heilungen nur ausnahmsweise stattfinden. 43) Des voies suivies par l’infeotion endocränienne, au oours des antrites suppurees de la faoe, par M. Sieur. (Bullet. Acad. de medec. LXX1. 1914 Nr. 7.) Ref.: W. Misch. Im Ansohluß an einen mitgeteilten Fall wird über den Weg, den die endokraniellen Infektionen im Verlauf von eitrigen Nasennebenhöhlenerkrankungen nehmen, berichtet. Während die Infektion auf dem Lymphwege noch sehr um* stritten ist, kommen als Infektionsweg von den Nebenhöhlen zu den Meningen und dem Gehirn hauptsächlich zwei Wege in Betracht: die Infektion per conti- nuitatem, die von allen Autoren anerkannt wird und als die häufigste gilt, und die Infektion auf dem Blutwege, die bisher allerdings nur für die venösen Bahnen nachgewiesen ist. Unter die letztere Gruppe ist auch der mitgeteilte Fall zu rechnen, bei dem, 2 Jahre nach einer durch Operation scheinbar geheilten Er¬ krankung der Stirn- und Keilbeinhöhlen, Symptome einer Meningitis auftr&ten; unter anderem fand sich beiderseitige Stauungspapille mit Hämorrhagieu. Die Keilheinhöhlen waren mit dickem Eiter erfüllt und große Partien der Keilbeine waren eitrig eingeschmolzen, so daß die nach Ausräumung des Eiters entstandene Höhle bis in die Sella turcica hineinreichte. Es ließ sich also mit Sicherheit annehmen, daß die Schmerzen, das Erbrechen und die Augensymptome des Pat. auf eine basale Pachymeningitis zurückzuführen sind. Da die Keilbeinhöhle gegen die Schädelhöhle abgeschlossen war, so ist anzunehmen, daß die Infektion hier auf dem Blutwege erfolgt ist. Aus anatomischen Untersuchungen ist auch hervor¬ gegangen, daß die Gefäßverbindungen zwischen der Sphenoidalschleimhaut und den basalen Hirnhäuten stets sehr entwickelt sind. 44) Les meningites ourliennes, par Georges-Claude Roux. (Gazette des höpit. 1914. Nr. 34.) Ref.: Kurt Mendel. Im Verlaufe des Mumps kommen meningeale Symptome vor, meist leichten Grades, zuweilen aber auch stärker unter dem klinischen Bilde einer Zerebro- spinalraeningitis auftretend. Sie zeigen geringe entzündliche Läsionen der Meningen, hauptsächlich an der Basis cerebri, an; diese Meningitis kann Folge der allgemeinen fieberhaften Infektion sein oder aber sie ist lokal durch Fort¬ leitung der Entzündung vom Pharynx aus bedingt; der Bazillus ist wahrscheinlich anfangs im Pharynx lokalisiert und erreicht von dort aus die Speicheldrüsen. Die meningealen Komplikationen des Mumps trüben nicht sonderlich die günstige Prognose dieses Leidens, da sie sehr gutartig sind. Digitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 46) Tuberkulöse Hirnhautentzündung durch Quetschung eines tuberkulösen Nebenhodens hervorgerufen, von Prof. C. Thiein. (Monatsschr. f. Unfall¬ heilkunde. 1916. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Gutachten. Quetschung des linken Hodens und Nebenhodens. Infolgedessen Aufflackern eines alten tuberkulösen Herdes im linken Nebenhoden. Operative Entfernung des linken Hodens und Nebenhodens. 7 Wochen später beginnt eine tuberkulöse Hirnhautentzündung, welcher der Pat. erliegt. Verf. nimmt an, daß von dem Nebenhodenherd aus massenhaft Tuberkelbazilien ins Blut gelangt sind, wodurch die tödlich verlaufene Meningitis verursacht wurde. Außerdem bestand noch eine Nierentuberkulose. 46) Über herdförmige Destruktionsprosesse im Großhirn und Verände¬ rungen im Kleinhirn bei tuberkulöser Meningitis, von 0. Sittig. (Zeit¬ schrift f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIII. H. 4 u. 6.) Ref.: G. Stiefler. Verf. faßt die Ergebnisse seiner Untersuchungen dahin zusammen: 1. Unter 11 Fällen von tuberkulöser Meningitis wurden in 5 kleine, etwa hirsekorngroße Lichtungsherde in der Hirnrinde gefunden, die durch regressive Veränderungen der Ganglienzellen (Schrumpfung und Ausfall) und regressive Ver¬ änderungen der Glia (Zellarmut, Kernpyknose) charakterisiert sind. 2. Diese Herde unterscheiden Bich in vieler Beziehung von typischen Er¬ weichungen und sind wohl auf Tozinwirkung zurückzu führen. 3. Die wichtigste Stütze für diese Annahme ist die, daß unsere Herde dem ersten Typus („Lähmungstypus“) jener Veränderungen vollkommen gleichen, die Lotmar durch intravenöse Injektion von Dysenterietozin an Kaninchen erzeugen konnte. 4. Der Prozeß ist histologisch auch dem spongiösen Rindenschwund (Fischer) analog. 5. Im Kleinhirn fanden sich Veränderungen, die wahrscheinlich lozischen Ursprung haben. Es ist recht wahrscheinlich, daß analoge Veränderungen tozi- scher Genese auch dem meningo-zerebellaren Symptomenkomplez (Foerster) zu¬ grunde liegen. 47) Untersuchung tuberkulös meningitisoher Funktionsflüssigkeiten mit Hilfe der Ninhydrinreaktion , von Edmund Nobel. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 29.) Ref.: Kurt Mendel. Bei der Differentialdiagnose der Meningitis tuberculosa hat sich die Probe mit Ninhydrin wertvoll erwiesen. Sie ist außerordentlich empfindlich und beruht auf einer leicht nachweisbaren Farbenreaktion; sie wird derart angestellt, daß zu l / 2 bis 1 ccm Liquor cerebrospinalis 0,1 ccm Ninhydrin in 1 °/ 0 iger Lösung ge¬ geben und etwa l / 2 Minute gekocht wird: Bei positivem Ausfall entsteht eine schöne blaue bis blauviolette Färbung. Der positive Ausfall der Reaktion hängt nur zum Teile mit dem Eiweißgehalt der Flüssigkeit zusammen. 48) The glyoyl-tryptophan reaotion in meningitis, by R. H. Major and E. Nobel. (Arch. of intern. Medic. XIV. 1914. Nr. 3.) Ref.: W. Misch. Die Glyzyl-Tryptophanreaktion des Liquors ist ein gutes diagnostisches Hilfs¬ mittel zur Feststellung von Meningitis. Bei Fällen, bei denen sich ein pepto- lytischer Indez höher als 1 feststellen ließ, wurde stets eine Meningitis gefunden; nur ein einziger Fall von tuberkulöser Meningitis hatte einen niedrigeren Indez. Es zeigte sich überhaupt, daß der peptolytische Indez während des Krankheits¬ verlaufs wechselte, und zwar zeigte sich mit dem Fortschreiten der Erkrankung eine Zunahme der peptolytischen Fähigkeiten des Liquors. Bei Fällen ohne Meningitis wurde niemals eine positive Reaktion beobachtet. 49) Über eine seltene Form von Hirnhauttuberkulose, von L. v. Czirer. (Centr. f. allg. Pathol. XXV. 1914. Nr. 4.) Ref.: Kurt Mendel. Fall von Meningitis tuberculosa mit tumorartiger narbiger Verdickung der Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 698 weichen Hirnhäute, die, durch produktive Entzündung hervorgerufen, als die Folge¬ erscheinung der eingedrungenen Tuberkelbazillen bezeichnet werden muß. Nur geringe Verkäsung, vielmehr faseriges, narbiges, hyaliniertes degeneriertes Binde¬ gewebe. 50) Über das Vorkommen von Meningitis tubercnlosa bei anderweitiger Organtuberkulose, von W. Steinmeier. (Virchows Archiv. CCXVI. 1914. H. 3.) Eef.: Kurt Mendel. Statistische Erhebungen am Sektionsmaterial des Allg. Krankenhauses Ham¬ burg-Eppendorf in den Jahren 1911 bis 1913 ergaben folgendes: I. Kinder unter 16 Jahren sind in 39,09 °/ 0 der Fälle beteiligt. Erwachsene über 15 Jahren sind in 5,63 °/ 0 der Fälle beteiligt. 2. Parallel mit der Häufigkeit der Tuberkuloseerkrankungen im Kindesalter geht die Häufigkeit der Meningitis tuberculosa. Dagegen nimmt bei Erwachsenen die Häufigkeit der Tuberkulose zu, die der Meningitis ab. 3. Vom männlichen Geschlecht sind erkrankt 5,25 °/ 0 der gesamten männ¬ lichen Tuberkulosen, vom weiblichen 6,42 °/ 0 der gesamten weiblichen Tuberkulöser. 4. In 44,69°/ 0 war die Meningitis tuberculosa eine Teilerscheinung einer generalisierten Tuberkulose. 5. Die Meningitis tuberculosa ist stets eine sekundäre Erkrankung bei ander¬ weitiger Organtuberkulose. 6. Die Kontaktinfektion der Meningen durch Solitärtuberkel ist selten. 7. In 7,57°/ 0 der Fälle ist die Meningitis tuberculosa kombiniert mit Uro¬ genitaltuberkulose. 8. Die Meningitis tuberoulosa trat stets als basale Form auf. 51) Über zwei unter dem Bilde einer Hirngesohwulst verlaufende Hirn¬ hautentzündungen, nebst Bemerkungen zur Frage über die Entstehung und Ausbreitung der Meningitis tuberoulosa, von V. Reich mann. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.s Kurt Mendel. Fall I. Bei einem 4jähr. Knaben entwickelte sich innerhalb weniger Tage eine totale Anakusie und Aphasie sowie eine Parese der Beine. Später totale Ophthalmoplegie beiderseits, Parese der Arme. Bewußtsein klar. Beiderseits Stauungspapille. Klinische Diagnose: Tuberkel am frontalen Ende der Brücke. Plötzlicher Kollaps, Exitus. Sektion: Frische und ältere tuberkulöse Meningitis der Basis, weit in die Medulla spinalis sich erstreckend. Die ältesten und schwersten Veränderungen zeigten die die Großhirnstiele umgebenden weichen Häute, die Großhirnstiele selbst waren erweicht. Sehr wahrscheinlich bestand die Meningitis in der Gegend der Großhirnstiele und dem Pons lange (mindestens 2 bis 3 Wochen) vor dem klinischen Ausbruch der Krankheit. Ihr Einsetzen fällt mit der Ausbreitung der Meningitis auf die Brücke und das verlängerte Mark zusammen. Die Ophthalmoplegie, die bulbären und spinalen Lähmungen und Para¬ paresen können die Folge sein 1. der Degeneration ihrer Kerne, 2. der Unter¬ brechung ihrer supranuklearen und 3. ihrer peripheren Bahn. Fall IT. Eine 36jähr. Frau erkrankt unter den Erscheinungen eines Klein- hirntumors. Sektion: trockene, nicht exsudative Konglomerattuberkulose der weichen Häute des Gehirns an der Basis. Konglomerattuberkulose des Gehirns und der Adergeflechte. Starke Ependymitis granularis; subchronischer Hydro- cephalus internus. Mäßige Abplattung der Hirnwindungen. In beiden Fällen fehlte jegliche charakteristische Erscheinung einer tuber¬ kulösen Meningitis, die Stauungspapille trat frühzeitig auf. Für beide Fälle kommt, da irgendwelche Tuberkel am Schädel nicht vorhanden waren, nur die hämatogene Ausbreitung der Tuberkulose in Betracht, obwohl sich der Ursprungs¬ herd in beiden nicht auffinden ließ. Digitized by Gck igle Original fro-m UMIVERS1TY 0FMJCH1GAN 699 62) Ein Fall von tuberkulöser Meningitis mit bitemporal-hemianopiseher Pupillenreaktion, von OttoSittig. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. H. 2.) Ref.: Bratz (Dalldorf). Es handelt sich in dem Falle des Verf.’s um eine tuberkulöse Meningitis mit einem besonderen Herdsymptom — bitemporal hemianopischer Pupillenreaktion. Im Chiasma fand sich kein Tuberkel, der dieses Symptom erklärt hätte, sondern nur eine besonders starke entzündliche Infiltration der Meningen, die besonders intensiv an der Stelle der Chiasmakreuzung war. Eine Degeneration in der Seh¬ bahn ließ sich mit der Weigert sehen Markscheidenfärbung nicht nach weisen. 53) Forme olinique de möningite tuberculeuse debutant par un syndröme de paralysie du nerf moteur ooulaire oommun, par R. Marie et R. Weill. (Journ. möd. de Paris. 1914. Nr. 29.) Ref.: K. Boas. Bei dem 4jähr. Patienten trat als erstes Symptom einer tuberkulösen.Menin¬ gitis eine Lähmung des Oculomotörius auf. Bei der Sektion des im übrigen typisch verlaufenen Falles fand sich eine starke Liquoransammlung und Granu¬ lationen im Gehirn. Der Lungenbefond ergab eine typische Tuberkulose. 54) Über die Heilungamögliohkeit der Meningitis tuberculosa, von Johann v. Bökay. (Jahrb. f. Kinderheilk. LXXX. H. 2.) Ref.: Zappert (Wien). Daß seltene Fälle tuberkulöser Meningitis heilen können, ist durch recht ver¬ läßliche Beobachtungen sichergestellt. Auch drei ausführlich mitgeteilte Fälle des Verf.’s scheinen dies zu bestätigen. Die Diagnose konnte — bei typischer klini¬ scher Symptomatologie — aus dem positiven Bazillenbefund des Punktates (Tier¬ experiment!) gestellt werden. Wahrscheinlich besteht bei solchen sicherlich sehr vereinzelten Fällen keine Miliartuberkulose, sondern eine bloß lokale Erkrankung der Hirnhäute und ein nur geringes Exsudat mit wenig tuberkulösen Eruptionen. Allerdings sind diese Heilungen nicht immer verläßlich, da bei einer ganzen Reihe der in der Literatur niedergelegten Fälle ein späteres letales Rezidiv pathologisch¬ anatomisch erst das Vorhandensein eines älteren, ausgeheilten Prozesses hatte er¬ kennen lassen. 65) Eine neue Behandlungsmethode der tuberkulösen Meningitis, von Juan Bacigalupo. (Münch, med. Wochenschr. 1915. Nr. 7.) Ref.: E. Tobias. Die neue Behandlungsmethode der tuberkulösen Meningitis, die Verf. empfiehlt, ist die intradurale Tuberkulinapplikation. Von 3 Fällen erzielte er 2 mal völlige Heilung nach 3 bzw. 2 Injektionen. Die Temperatur stieg nach diesen Injektionen nicht an, sondern fiel um etwa 1° ab, um dann durchwegs relativ niedrig zu bleiben. Die Dosierung ist die nämliche wie bei der Behandlung der Tuberkulose selbst. Weitere Prüfungen sind abzuwarten. 66) Zur Entstehungswelse seröser Meningitiden bei tuberkulösen Kindern, von H. Finkelstein. (Berliner klin. Wochenschrift. 1914. Nr. 25.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Der mitgeteilte, zum Exitus und zur Sektion gekommene Fall hat folgende Epikrise: Im Verlauf einer hochfieberhaften Lungenerkraukung wird die Tuber¬ kulose des Brustraums mobilisiert, und es erfolgt Verschleppung einiger Bazillen in das Gehirn dicht unter den Boden des linken Seiteuventrikels. Der hier ent¬ stehende Tuberkel löst eine lokale Entzündung des dicht überlagernden Ependyms aus und im Anschluß daran eine seröse Meningitis ventricularis. 57) Zwei Fälle von Pseudomeningitis bei tuberkulösen Kindern, von H. Brockmann. (Jahrb. f. Kinderheilk. LXXXI. H. 5.) Ref.: Zappert. Wie vorsichtig man bei der Diagnose einer „geheilten“ tuberkulösen Menin¬ gitis sein muß, beweisen die beiden mitgeteilten Fälle. Bei dem einen der Kinder ergab die einige Monate nach scheinbarer Heilung einer Meningitis erfolgte Autopsie einen Hirntuberkel ohne Überreste einer Meningitis. In dem zweiten Falle fand sich trotz klinischer Meningitiszeichen (auch Lymphozytose des Lumbalpunktates) Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 700 kein anatomisches Merkmal einer Meningitis. Beide Kinder hatten schwere Tuberkulose. 68) Los hemorrhagies mdningees, par B. Barthölemy. (Progies mödical. 1914. Nr. 19.) Bef.: Kurt Mendel. Ausführliche Abhandlung und Zusammenfassung unserer Kenntnisse über Ätiologie, Pathogenese, pathologische Anatomie und Klinik der meningealen Hirn- und Bückenmarksblutungen. 69) Pacbymeningitia baemorrhagioa interna, par Tarassevitch. (Travaux de la clin. psych. de PUnivers. imper. de Moscou 1914. Russisch.) Rel.: W. Gorn. Bei einem 43jährigen, nicht luetischen Alkoholiker tritt nach heftigem Kopf¬ schmerz akut Bewußtseinsverlust und linksseitige Hemiparese auf, die am nächsten Tag fast völlig schwindet, am Abend mit Kopfschmerz und Konvulsionen der linken Hand wiederkehrt und am nächsten Tag einem deliranten Zustand, moto¬ rischer Unruhe mit Halluzinationen, Platz macht, dem ein 2 Tage dauernder sopo¬ röser Zustand, später ein Stadium von Reizbarkeit und Gedächtnisschwäche folgt. Die Kopfschmerzen sind von Fieber bis 38,1 begleitet, der Pat. verlor 25 kg an Gewicht. Die Parietookzipitalgegend des Schädels ist klopfempfindlich, vorüber¬ gehend bestand eine Abduzensparese links. Die Pupillen reagieren normal, Neu¬ ritis optica und Netzhautblutungen. Gang schwankend. Quadrizeps- und Bein¬ muskulatur leicht atrophisch mit teilweiser Entartungsreaktion. Muskeln und Nervenstämme druckempfindlich. Patellar- und Achillessehnenreflexe fehlen. Kein Babinski. Blasenfunktion nicht gestört. Die Lumbalpunktion ergibt Drucksteigerung des Liquor, der blutig-bräunlich verfärbt ist, viele zerstörte Erythrozyten, Häma- toidinkristalle, wenig Leukozyten enthält. Diagnose: Pachymeningitis baemor* rbagica auf der Basis von chronischem Alkoholismus mit extrazerebraler Lokalisation (Fehlen des Babinski). Die Reflexanomalien erklären sich durch polyneuritisci e Prozesse. Charakteristisch für die pathogenetische Bewertung des chronischen Alkoholabusus sind die Beizerscheinungen und die in der Intensität wechselnden Paresesymptome. Die deliriösen und die polyneuritischen Symptome nähern das Krankheitsbild dem echten Delirium tremens, der Korsakoffsehen Psychose und der Polyneuritis und Polioencephalitis alcoholica. Therapeutisch bewährten sich die Venaescctio, diaphoretische Maßnahmen und die Lumbalpunktion. 60) Beitrag zur diffusen Meningealkarzinose, von E. Baranus. (Inaug.- Dissert. Würzburg 1914.) Bef.: K. Boas. Verf. berichtet über einen 39jährigen Patienten mit Carcinoma ventriculi und sekundären Krebsmetastasen in den Meningen. Vermutlich waren die Meta¬ stasen auf dem Wege der Lymphbahnen zustande gekommen. Vermutlich ist die Neubildung auf dem Wege der Nervenscheiden ins Rückenmark gelangt, und von hier aus ist dann die diffuse Infiltration der spinalen und zerebralen Häute erfolgt. Dafür sprechen die Kreuz- und Lendenschmerzen sowie die Beschwerden beim Wasserlassen zu Beginn der Krankheit. Als erregendes Moment war vielleicht eine Erkältung heranzuziehen. Die ganze Krankheitsdauer betrug nur 82 Tage. Der Primärtumor hatte hier wohl — wie in den meisten Fällen — schon lange vor der Ausbreitung in die Meningen bestanden und mehr oder minder große Metastasen im Körper gebildet. Symptomatologisch interessant waren die bei dem Patienten von Anfang an auftretenden „Stickanfälle u , die vermutlich nervöser Herkunft waren. Der Liquor floß bei der Hirnpunktion nur in mäßiger Menge, jedenfalls nicht unter starkem Druck ab. Eine Trübung bestand nicht. Eis bestand daher wdil keiue stärkere Ansammlung von Krebszellen im Liquor. Für die starken menin- gitifcchen Symptome und andere schwere Erscheinungen fanden sich bei der Sek¬ tion keine erklärende Anhaltspunkte. Die Störungen waren wohl auf Grund einer Digitized b) Gck .giß Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN GAN 1 mm. TOI lokalen und allgemeinen Reizung durch chemische oder mechanische Momente entstanden. Experimentelle Untersuchungen darüber, ob der Liquor cerebrospinalis von vornherein ein günstiger Nährboden für Tumorzellen ist und wie groß in dieser Beziehung die Unterschiede zwischen dem normalen Liquor cerebrospinalis und dem bei vorgeschrittener Karzinose bezüglich der Schnelligkeit und Intensität des Wachstums sind, liegen bisher nicht vor. 61) Ein Fall von Geschwulstbildung in den weiohen Häuten des Zentral¬ nervensystems, von H. Olivecrona. (Virchows Archiv. CCXVII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: K. Boas. Pathologisch-anatomischer Bericht über einen Fall von diffusem Endotheliom der weichen Gehirnhäute, die zu einer Metastasierung in der Leber und in den Nieren geführt hatte. 62) Ein Fall von Meningozele, eine seltene Komplikation des Keuch¬ hustens, von Richard Weigert. (Monatsschr. f. Kinderheilk. XIII. H. 3.) Ref.: Zappert (Wien). Bei einem 5monntigen Kinde entwickelte sich während einer Keuchhusten¬ erkrankung eine die mäßig große Stirnfontanelle allmählich ausfüllende fluktuierende und pulsierende, fast haselnußgroße Geschwulst. Ob dieselbe Gehirnteile enthielt, war nicht zu entscheiden. Sie machte keinerlei Beschwerden und wurde beim Wachsen des Kindes durch die verspätet eintretende Schädelverknöcherung bedeckt. 63) Ein Fall von mehrfacher Meningozele, von Paul Frank. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 32.) Ref.: Kürt Mendel. 23jähr. Unteroffizier. Schon als kleines Kind bemerkte er und seine Eltern, daß er am Kopf zwei Auswüchse hatte, die bisweilen hervortraten. Schwere Arbeit führte er später ungestört aus, nur beim Heben schwerer Lasten verspürte er Schmerzen am Kopf. Es findet sich 2 cm nach oben und vorn vom Ansatz des oberen Ohrmuschelrandes links ein kleinfingergroßer Defekt des Knochens, dem eine Vorwölbung der Haut von etwa Kirchgröße entspricht. Diese Vorwölbung tritt deutlicher hervor, wenn Pat sich zur Seite neigt und dabei preßt. Auf ihrer Höhe findet sich eine bläuliche Verfärbung. Die Schwellung läßt sich in das Schädelinnere beinahe vollkommen zurückdrücken, wobei Schmerzen auftreten. Eine leichte Pulsation ist bei vorsichtiger Betastung der leicht zusammendrückbaren Schwellung zu fühlen. Die zweite Öffnung findet sich am Hinterhaupt, nahe dem Winkel der Lambdanaht. Sie ist wesentlich größer und entspricht der Größe einer großen Daumenkuppe. Bückt sich Pat nach hinten, so tritt eine taubenei¬ große Schwellung an der der Schädelöffnung* entsprechenden Stelle ein, welche deutlich pulsiert. Auffällig ist, daß dieser mit zwei Meningozelen behaftete Patient schwere Arbeit, sowohl im bürgerlichen Beruf als auch beim Militär, fast unbehindert zu leisten vermag. _ Hydrozephalus. 64) Zur Kasuistik des kongenitalen Hydrozephalus, von K. Motz fei dt. (Frankfurter Zeitschr. f. Pathologie. XVI. 1915. H. 1.) Ref.: K. Boas. Bei einem 7 Monate alten Kinde, welchem im Alter von 16 Tagen eine Spina bifida sacralis operiert worden war, fand sich als Ausgangspunkt eines starken kongenitalen Hydrozephalus eine zirkumskripte Gliomatose des Kleinhirns mit Verschluß des Foramen Magendie. 65) 6 Monate altes Kind mit enormem Hydrozephalus, von Steinebach. (Mitteilungen der Gesellschaft f. innere Medizin u. Kinderheilkunde in Wien. XIII. 1914. H. 6.) Ref.: R. Ganter. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 702 Kein Verdacht auf Lues, acht gesunde Geschwister. Der Hydrozephalus ent¬ wickelte sich erst einige Zeit nach der Geburt. Der Kopfumfang betrug nach einem Monat 46, nach 6 Monaten 65,5 cm. Sehnenreflexe lebhaft, Muskelspasmen, Sehnerveneintritt leicht byperämisch und auf einer Seite etwas verwaschen. Sen¬ sibilität, Sinnesorgane o. B. Ein Teil der Assoziationsbahnen funktioniert, da das Kind je nach der Empfindung lacht oder weint. Der Fall ist darum merkwürdig, weil keine Lues vorliegt, und weil ein Teil der psychischen Funktionen trotz hochgradiger Gehirnatrophie zur Entwicklung gekommen ist. 66) Ein seltener Fall von Hydrozephalus, von v. Blomberg. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: G. Stiefler. Patientin C. K., geboren am 19. X. 1897, uneheliches Kind. Vater war starker Trinker, Mutter geistig gesund. Deren Vater war ebenfalls Trinker und litt in den letzten 5 Jahren an Paralysis agitans. Ein Oheim der C. K. war früher ein starker Trinker und litt später an paranoider Demenz. Die Geburt war sehr verzögert und wurde durch die Zange vollendet. Das neugeborene Kind zeigte bereits den eigenartig mißgestalteten Kopf; es konnte gegen Ende des ersten Jahres bereits laufen und sprechen. Aus dem linken Auge entleerte sich wenige Wochen nach der Geburt eine trübe, rahmige Flüssigkeit; das linke Auge blieb blind. Im Alter von 2 Jahren Gehirnpunktion ohne weitere Folgen. Epi¬ leptische Anfälle waren anfangs sehr selten, kamen später in periodischer Häufung vor, um dann später wieder seltener zu werden. 1912 machten sich bereits Er¬ scheinungen körperlichen und geistigen Rückschrittes bemerkbar, nachdem sie vorher die Idiotenschule mit mäßigem Erfolge besucht hatte. Am 2. XII. 1913 trat im Anschluß an einen epileptischen Insult Exitus ein. Menses waren im letzten Lebensjahre einigemal schwach aufgetreten; Beginü der Entwicklung von Behaarung in Achsel- und Schamgegend. Sehnenreflexe leicht auslösbar, Schmerz¬ empfindlichkeit normal, Bewegungsfähigkeit schwerfällig, ohne grobe Ausfalls¬ erscheinungen. Gehör, Geruch und Geschmack gut, hochgradige Kurzsichtigkeit Das Interessanteste ist wohl die Schädelgestalt, die leider im Referate nicht bild¬ lich gegeben werden kann und zweifellos ein Unikum darstellt: eigenartige Auf¬ treibungen der beiden Schläfenschuppen über den scheinbar nach unten verdrängten Ohrmuscheln, zwischen den Schläfenbeinen und den Seitenwandbeinen jederseits eine tiefe, der Naht entsprechende Furche. Zwischen den stark seitwärts auf¬ getriebenen Stirnhöckern die offengebliebene große Fontanelle; Hinterkopf auf¬ fallend platt. Augenschlitze schräg nach außen unten; hoher, steiler Gaumen; unregelmäßige gedrängte Zahnstellung. Kopfumfang in Höhe der Stirnbeinhöcker 42 cm, in Höhe der Schläfenbeinschuppenvorwölbungen 68 cm; die entsprechenden Querdurchmesser 16 bzw. 19,2 cm; Distanz der Ohreingänge 11 cm. Das Röntgen¬ bild ergab eigenartige Auftreibungen an den Daumenphalangen und Mißbildungen im Fußskelette; Schwimmhautbildung an den Zehen. Bei der Schädelautopsie wurde die von dem Großhirn wie von einem dünnen Mantel umschlossene große, wassergefÜllte Blase eröffnet, wobei sich 1150 cm Flüssigkeit entleerte, worauf das von den harten Hüllen getrennte Gehirn wie eine entleerte Gummiblase zusammenfiel. Zwischen den Schläfenlappen beiderseits und den Scheitelteil des Großhirns schob sich von außen eine bis 3 cm breite spongiöse Knochenspange ein, die vom Rande der Schläfenbeinschuppe und der Schuppe des Hinterhauptsbeins ausging. Vielfache Knoten oder perlformige Knochenauflagerungen im Schädelinnern. Die Gehirnoberfläche zeigt die durch die Knochenspangen beiderseits entstandenen tiefen Einschnitte. Im oberen Ab¬ schnitt des Schädels lag im Leben das Stirnhirn, in den weiten Ausbuchtungen der beiden Schläfenschuppen die beiden Säcke der Schläfenlappen. Auffallend ist der Windungsreichtum in den Hinterhauptslappen gegen die wesentlich einfacheren Verhältnisse der Stirnabschnitte, die durch die Flüssigkeit stark ausgedehnt waren. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 703 Das Gehirn wog ohne den flüssigen Inhalt 1250 g. Zahlreiche und gute Ab¬ bildungen illustrieren den wohl sehr seltenen Fall, dessen mikroskopische Bearbeitung durch Dr. Jacob (Hamburg-Friedrichsberg) in Aussicht gestellt ist. 67) Hydrozephalus naoh intrakranieller Blutung, von A. v. Reuss. (Mitteil, der Gesellschaft f. innere Medizin u. Kinderheilkunde in Wien. XIII. 1914. H. 6.) Ref.: R. Ganter. 2 Wochen altes Kind einer 22jähr. Erstgebärenden. Geburt hatte 52 Stunden gedauert. Am 1. Lebenstag Verdrehen der Augen, am 2. Tag tonische und schwache klonische Krampfanfälle, Drehen des Kopfes nach links, starke Zuckungen im Ge¬ sicht beim Beklopfen der Wangengegend, lebhafte Patellarreflexe, zeitweises Auf¬ schreien. Nach Lumbalpunktion unter hohem Druck ausfließender blutiger Liquor. Kopfumfang 38,5 cm, Nähte weit offen. Verf. faßt die Erscheinungen als be¬ ginnenden Hydrozephalus auf. Vielleicht wurde durch Ventrikelblutung die Ver¬ bindung des 4. Ventrikels mit dem Subarachnoidealraum verlegt oder es könnte (nach Beneke) infolge Überdehnung der Dura bei der seitlichen Kompression des Schädels während der Geburt eine Verengerung des Sinus rectus eingetreten sein, die eine Stauung der Vena magna Galeni bedingte. Vielleicht handelte es sich auch um Nachblutungen. 68) Beiträge zur Pathologie und Therapie des chronischen Hydrocephalus internus, von J. v. B6kay. (Jahrb. f. Kinderheilkunde. LXXXI. H. 1.) Ref.: Zappert (Wien). Der eine der beschriebenen Fälle bot eine durch die Sektion ermöglichte Bestätigung der durch das Strassburger sehe Transparenz verfahren diagnostizierten Ausdehnung der Flüssigkeitsansammlung innerhalb der Schädelhöhle. Der andere Fall betraf ein 6jähr. Mädchen, bei welchem seit seinem 5. Monat ein erworbener Hydrozephalus mit bisher 51 Lumbalpunktionen erfolgreich behandelt worden war. 69) Ein diagnostizierter und operativ (Trepanation und Balkenstioh) ge¬ heilter Fall von Hydrocephalus internus aoquisitus, von A. v. Sarbö. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIV. H. 4.) Ref.: Carl Grosz. Verf. teilt 2 Fälle von intra vitam diagnostiziertem Hydrocephalus internus acquisitus mit. Beide Fälle betreffen 6jährige Kinder. Der Beginn mit Krämpfen, die Unbeeinflußbarkeit durch die gewöhnliche Epilepsiemedikation, das Fehlen von Lokalsymptomen, vor allem aber das Schwanken der Krankheitserscheinungen (die plötzliche Verschlimmerung nach Krankheiten, die eine Behinderung des Liquor¬ abflusses herbeizuführen geeignet waren, die auffallende Besserung nach Lumbal¬ punktion oder Verabreichung eines Drastikums) ließen genuine Epilepsie und Hirntumor ausschließen und leiteten auf die richtige Diagnose. Im ersten Falle wurde mit bestem Erfolge die Trepanation am rechten Scheitelbein in der Mittel¬ linie und daran anschließend der Anton-Bramannsche Balkenstich gemacht. Die Symptome, die im Anschluß an die Operation vorübergehend auftraten (Kernig, Babinski, leichte Krämpfe in der linken oberen Extremität), erklärt Verf. durch eine Imbibition der subduralen Räume mit Liquorflüssigkeit (Meningitis serosa circumscripta). Pat. konnte am 31. Januar 1914 vollkommen geheilt vorgestellt werden. Psychiatrie. — Dementia praecox. 70) Frühsymptome der Dementia praecox, von Treiber. (Psych.-neurol. Wochenschr. XV. Nr. 9 u. 10.) Ref.: 0. Klieneberger (Göttingen). Nach den Untersuchungen des Verf.*s zeigen die Schizophrenen in weit größerer Häufigkeit, als bisher angenommen wurde, bereits vor der Pubertät Ab¬ weichungen von der Norm, die sie aus der Reihe ihrer Altersgenossen heraus- heben. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 704 71) Die körperlichen Frühsymptome der Dementia praecox, von E. Breiger. (Mediz. Klinik. 1915. Nr. 4/5.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. faßt seine Beobachtungen wie folgt zusammen: 1. Die Beobachtungen beziehen sich auf Kranke, welche sich im Frühstadium der Erkrankung befanden. 2. Die Diagnose ermöglichte in allen Fallen einzig und allein der charak¬ teristische psychische Defekt. 3. Die beobachteten körperlichen Symptome sind Begleiterscheinungen des jeweilig bestehenden psychischen Zustandes. Bei einer Lebhaftigkeit der asso¬ ziativen Tätigkeit und bei einer Reichhaltigkeit an Affekten und Vorstellungen waren auch auf körperlichem Gebiete gesteigerte Reaktionen wahrnehmbar. Das umgekehrte Verhalten war bei einer Armut des affektiven und intellektuellen Geschehens nachweisbar, 4. Eine Verringerung bzw. ein Fehlen der Psychoreflexe an den Pupillen scheint im Frühstadium der Erkrankung sehr selten beobachtet zu werden. Dann hat dieses Symptom differentialdiagnostische Bedeutung. 72) Über Wesen und Bedeutung katatonischer Symptome, von Kurt Schneider. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych, XXII. H. 4 u. 5.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). Übersicht über alle möglichen Krankheitsformen, bei denen katatone Sym¬ ptome Vorkommen können. Bei nicht schizophrenen Erkrankungen findet man Perseveration, sprachliche und motorische Stereotypien, Echoerscheinungen, Stupor und Katalepsie. Von negativistischen Erscheinungen findet sich stets passives Widerstreben, während aktiver Negativismus für die Diagnose einer schizophrenen Erkrankung bedeutend mehr Gewicht zu haben scheint. Feinere katatone Sym¬ ptome sind bei nicht schizophrenen Erkrankungen auffallend selten, fast nur, und auch da vereinzelt, in epileptischen Zuständen, zu beobachten. Kurze Übersicht über die verschiedenen Theorien zur Erklärung der k&ta- tonen Symptome. Verf. schließt sich der Anschauung an, daß das Primäre die Störung im Vorstellungsablauf ist. Darum neigen besonders Benommenheits- zastände zum Auftreten katatoner Symptome. Am wenigsten befriedigt die Er¬ klärung katatoner Symptome durch die Annahme eines eingeengten Bewußtseins bei der echten Katatonie, bei welcher der katatonische Symptomenkomplex mit den feinsten Symptomen der Psychopathologie dieser Psychose so untrennbar ver¬ knüpft ist. Dennoch vermag man heute etwas Besseres nicht zu geben. Als praktische Gesichtspunkte hebt Verf. hervor: Katatone Zustandsbilder können überall Vorkommen, wo Störungen des Vorstellungsablaufs auftreten. Man muß mit Stransky betonen, daß namentlich bei akuten Psychosen das Auftreten katatoner Symptome keineswegs die Diagnose der genuinen Katatonie rechtfertigt. Sollten sich die Erschöpfungßpsychosen behaupten, so wird man ihnen,, wie auch allen Dämmerzuständen, die Möglichkeit katatoner Zustandsbilder zubilligen müssen. Auf andere Symptome, namentlich das Verhalten der Affektivität, ist jedenfalls diagnostisch weit mehr Gewicht zu legen. Außerhalb dieser Zustände von Be¬ wußtseinstrübung wird — wenn wir die schweren Demenzen als differential- diagnostisch kaum gewichtig hier weglassen — das Auftreten katatoner Symptome die Diagnose Schizophrenie stets in höchstem Maße wahrscheinlich, machen. Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel in Berlin W, Augsburgerstr. 48. Verlag von Veit & Com. in Leipzig. — Druck von Metzgbb & Witttg in Leipzig. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN Neurologisches Centralblatt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet von Pro! E. MendeL Henuugegebat TOD Dr. Kurt MendeL Vierunddrei ßigster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie __ direkt von der Verlagsbuchhandlung. =j_ - 1. Oktober. Nr. 19. Inhalt I. Originalmitteilungen. 1. Ein Fall von Tabes dorsalis mit akut einsetzenden ungewöhnlichen Koordinationsstörungen am Kumpf, von 6. Bikeles. 2. Zur Benennung nervöser Zustände in Gutachten, von W. Clmbal. 3. Zum Streit über die traumatische Neu¬ rose, von Kurt Hildebrandt. II. Referate. Physiologie. 1. Das Sehen der Fische, von v. Tschermak. 2. Experi¬ mental subarachnoid injections of trypan blue, by Woolsey. 3. Über die Wirkung der im Liquor enthaltenen Toxine auf das Nervengewebe bei Kaninchen, von Mysllveiek. 4. Über eine Wirkung des Adrenalins auf das Gehirn, von Bass. 5. Über den Einfluß der Kühlung auf die Erregbarkeit der Großhirnrinde einerseits und der Kleinhirnrinde andrerseits, von Beck und Bikeles. 6. Über die automatische Tätigkeit des Atemzentrums bei den Säuge¬ tieren und dem Menschen, von Babäk. 7. Over den oorsprong van den N. vagus bij het konijn, van Stuurman. 8. Zur Frage der sekundären HörDahnen, von Kreidl. 9. Morpho¬ logische Veränderungen des gereizten Nerven, von StQbel. 10. Contribution experi¬ mentale ä l’etude de la dögönörescence retrograde, par Loewenthal. 11. Ein Beitrag zum Studium der Regeneration von Hautnerven, von Hacker. 12. Die Lehre von der tonischen Innervation, von v. Tschermak. 13. Meine „Kompressionsreaktion“, von Geigel. 14. Studien über den Kraftsinn, von v. Frey. 15. Über Variationen des Verhältnisses der Kraft beider Hände unter Einfluß von Arbeits- und Kuheperioden, von Kip. 16. Über die während des Tages auftretenden Veränderungen im Verhältnis der Kraft beider Hände, von Kip. 17. Über die Frage der qualitativen Verschiedenheiten in der Tätigkeit der Nervenfasern, von Babäk* 18. Das Verhalten des interstitiellen Bindegewebes beim untätigen Muskel, von Erben. 19. Beobachtungen an Hautflächen mit geschädigter Innervation, von v. Frey. 20. Note sur la branche descendante du nerf hypoglosse, par Kummer. — Pathologische Anatomie. 21. Postmortale Strukturveränderungen der Ganglienzelle, von Reisinger. 22. Der gliöse Anteil der senilen Plaques, von Cowe. 23. Die Rhabdomyome des Herzens bei tuberöser Hirnsklerose, von Ribbert. 24. Über eigenartige Schädeldefekte im Jugendalter, von SchOller. 25. Ober zwei Fälle von Arachnodaktylie, von Börger. — Kriegsbeobachtungen. 26. Be¬ obachtungen bei Schußverletzungen des Gehirns, von Stern. 27. Kriegschirurgische Er¬ fahrungen, von Hirsch und Meissl. 28. Zur Prognose der Schädelschüsse, von Engelhardt. 29. Über zweckmäßige Gesichtsfeld Verwertung bei der kompletten homonymen Rechts¬ hemianopsie, von Reitsch. 30. Organische Schädigungen des nervösen Ohrapparates im Kriege, von Zange. 81. Über das nächste und weitere Schicksal der Rückenmarksschu߬ verletzungen; ein theoretischer Vorschlag zur Beeinflussung desselben, von Spoerl. 32. Bei¬ träge zur Kenntnis der trophischen Störungen bei Schußverletzungen peripherer Nerven, von Steinberg. 33. Über Störung der Harnentleerung infolge Erkältung, von Stiefler und Volk. 34. Die moderne Elektromedizin in der Kriegstherapie, von Zanietowski. 35. Die An¬ siedlung von Kriegsbeschädigten. Beiträge zur Invalidenfürsorge, von Keup, Mayer und Wölbling. — Neurasthenie, Hysterie. 36. Über Neurastheniacordis, von Graul. 37. Hystero* neurasthenie oder chronische Appendicitis? Zugleich ein Beitrag zur Appendicitisfrage und ihrer Beziehung zur Oxyuris, von Rheindorf. 38. pber einen Fall von hysterischer Mono¬ plegie, von Berliner. 39. Torticollis neuriticus, von Simerka. 40. Die nasalen Reflexneurosen und ihre Behandlung, von Blau. 41. Zur Bedeutung der Hyperplasie des Tuberculum septi in der Pathologie und Therapie der nasalen Reflexneurosen, von Levinstein. 42. Hysterische Seh- und Hörstörungen bei Soldaten, von Kluge. 48. Über die Behandlung subjektiver Ohr- xxxiv. 45 Digitized by Gck igle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN 706 geräasche, von Arnheim. 44. Algunas consider&ciones ä propösito de la sordo-mudez histerica c5n motivo de un caso clinico, par Hernand6z. 45. Glönards disease. The cause of hysteria, neurasthenia and the visceral neuroses, by Lerch. 46. Über Kotstauung als Quelle nervöser Schmerzempfindung und ihre Bedeutung für die Erkennung somatischer Verhältnisse, für das Befinden von Neuropathen mit Wehgefühlen, von v. Pfungen. 47. Über nervöse Retentio urinae, von Cohn. 48. Beitrag zur Lehre der sexuellen Neurasthenie, von Wehner. 49. Sexuelle Hypochondrie und Skrupelsucht, von Hirschfeld. 50. Eine seltene Potenzstörung, von Flataii. 51. Die Dyspareunie des Weibes, von Rohleder. 52. Beitrag zur Lehre von der Errötungs¬ furcht (Ereuthophobie), von Bernhardt. 58. Über die sog. klimakterische Neurose, von Pelnif. 54. Eingebildete Gravidität, von Loechel. 55. .Beitrag zur Lehre von der senilen Hysterie, von Kleine. 56. Ein Beitrag zu den nervösen Äquivalenten im Säuglingsalter, von Wilhelm. 57. Die Neurosen der Kindheit, von Bur. 58. Über psychogene Magensekretionsanomalien im Kindesalter, von Wegener. 59. Über Dermographismus im Kindesalter, von Brinckmamn. 60. Klinische Studien über den Dermographismus, von Rezniöek. 61. Über Psychotherapie im Kindesalter, von Hamburger. 62. Psychotherapie in der Kinderheilkunde, von Gdtt. 68. Zur Kenntnis der Beeinflussung vegetativer Zentren durch die Hypnose, von Mohr. 64. Ein Beitrag zur Kenntnis der Dermatosen bei Hysterie, von Antonl. 65. Ein Fall von . sogen, hysterischer Dermatose, von Rasch. 66. Quelques nouvelles considerations sur les psycho-nevroses professionnelles, par William. 67. Ein ungewöhnlicher Fall von Selbst¬ beschädigung des Auges, von Carsten. 68. Zur Hysteriefrage, von Ralmann. 69. Beitrag zur Kasuistik der hysterischen SchlafzuBtände, von Prager. 70. Kasuistischer Beitrag zu Reflexstörungen im hysterischen Dämmerzustand, von v. Ehrenwall. 71. Muskelaktionsströme bei organischen und funktionellen Erkrankungen des Zentralnervensystems, von Misch und Lotz. 72. Abgrenzung und Begriff des neuropathischen Kindes, von Stier. 73. Über die Agrypnie der Neurastheniker und ihre Behandlung mit Hilfe der Franklinisation, von Koblfzek. 74. Schlafstörungen. Ein Nachwort und ein Vorschlag von Happich. — Epilepsie. 75. Über Wesen und Behandlung der sogenannten „genuinen** Epilepsie, von Bolton. 76. Epilepsy; a Theory of causation founded upon the clinical manifestations and the thera- neutic and pathological data, by Shaw. 77. Experimenteller Beitrag zur Kenntnis der Ge¬ hirn Vorgänge beim epileptischen Anfall, von Karplus. 78. Über die Dosierung der Absinth¬ essenz beim Hervorrufen von Anfällen experimenteller Epilepsie bei Hunden, von Ossipow. 79. Ist der Verlauf experimenteller Krämpfe durch Störung der inneren Sekretion zu modi¬ fizieren? von Fischer. 80. The pituitanr gland in epileptics, by Munton and Shaw. 81. Obser- vations on epilepsy chiefly from an X-ray standpoint, by Kennan, Johnston and Henningor. 82. Epilepsy, by Shanahan. 83. Über die hereditären Beziehungen zwischen Alkoholismus und Epilepsie, von Stuchlfk. 84. Napoleon Bonaparte als affektepileptischer Psychopath und seine Tentamina suicidii, von Haberkant. 85. Zur Frage der gehäuften kleinen Anfälle, von Engelhard. 86. Untersuchungen über die Veränderungen in der Häufigkeit der epileptischen Anfälle und deren Ursachen, von Ammann. 87. Beitrag zur Kenntnis des epileptischen Blutbildes, von Zimmermann. 88. Zur Hämatologie des epileptischen Anfalls, von Ldwy. 89. Die Bewertung der Befunde der Gesamtstickstoffausscheidung beim Epileptiker im Intervall. Bemerkung zur Arbeit gleichen Titels von W. Tintemann, von Alters. 90. Epi¬ lepsie und Schwangerschaft, von Meyer. 91. Über klinische Beziehungen zwischen Epilepsie und Schizophrenie, von Qiese. 92. Zur Narkolepsiefrage, von Redlich. 93. Zur Lehre von den epileptischen Dämmerzuständen, von DOtemeyer. 94. Epilessia e delitto. I caratteri speoifici della criminalitä epilettica. Con una introduzione del Prof. E. Morselli, per Masini. 95. Der Tod infolge epileptischen Anfalles, von Hebold. 96. Myoclonie et dpilepsie, par Austregesilo et Ayres. 97. Die heutige Behandlung der Epilepsie auf Grund der Erfahrungen in der Landesheilanstalt Uchtspringe, von Hoppe. 98. Zur modernen Epilepsiebehandlung, namentlich der idiopathischen, von Michälek. 99. Über die Wirkung des Sodobrols bei Epilepsie, von Schulhof. 100. Le sedobrol, par Ladame. 101. Versuche über die thera¬ peutische Beeinflußbarkeit psychisch stark alterierter Formen von Epilepsie mittels Sedobrol von Oberholzer. 102. Epilessia e trattamento bromieo-ipoclorurato, per Pellacani. 103. Der Wert der Flechsigschen Opium-Brombehandlung bei der Epilepsie, von Kellner. 104. Traite ment de l'epilepsie sans bromure, par Juarros. 105. Beitrag zur Therapie der Epilepsie, vor Barakov. 106. Luminalbehandlung bei Epilepsie, von Kutzinski. 107. Weiterer Beitrag zur Luminalbehandlung der Epilepsie, von Grabi. 108. Die Wirkung des Luminals bei epilep tischer Demenz, von Grzywo-Dybrowski. 109. Über den Einfluß einer wirksamen Epilepsie¬ behandlung auf die Psyche der Epileptiker, von Chrlstlnger. 110. Zur Behandlung der Epilepsie und verwandter nervöser Leiden, von Topp. 111. Experience with crotalin at the Oakbourne epileptic colony, by Yawger. 112. Über den Einfluß der Schutzimpfungen gegen Lyssa auf den Verlauf der Anfälle bei Epilepsie, von Nikitin. 118. Erfahrungen über die operative Behandlung der genuinen und traumatischen Epilepsie, von Wolspfennlng. 114. Tvrenty- flrst annual report of the managers and officers of the Craig Colony for Epileptics Sonye'a. Livingaton County, N. Y. — Psychiatrie. Dementia praecox. 115. Beitrage zur somatischen Symptomatik und Diagnostik der „Dementia praecox**, von Schultz. 116. Die Digitized by Go igle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN 707 Frühsyrnptome der Schizophrenie in ihren Beziehungen zur Kriminalität und Prostitution der Jugendlichen, von Stelzner. 117. Note on the incidence of Status lymphaticus in dementia praecox, by Emerson. 118. The clinical significance of katatonic Symptoms, by Devine. 119. Les crises des dements precoces, par Halberstadt et Legrand. 120. Zur Kenntnis symbolähnlicher Bildungen im Kähmen der Schizophrenie, von Schilder u. Weidner. 121. Les etats de loquacite dans la dömence precoce, par Quiraud. 122. La valeur du „symptöme des reponses absurdes“ en psychiatrie militaire, par Hesnard. 128. Über frühes Auftreten ▼on Dementia praecox mit Bemerkungen über Pfropfhebephrenie, von Weddige. 124. Über hysterische Psychosen und deren Differentialdiagnose gegenüber der Dementia praecox, von Naundorf!. 125. La demence precoce ä Evolution circulaire, par Halberstadt. 126. Ein durch seinen Verlauf und seine Spätgenesung beachtenswerter Fall von Katatonie, von Frommer. 127. Todesursachen schizophrener Frauen, von Schröder. 128. Over de behandeling van Dementia praecox, door Lemei. — Forensische Psychiatrie. 129. Die Mendelschen Vererbungsgesetze und ihre Bedeutung für die Kriminalistik, von Fehlinger. 130. Ver¬ gleichende Untersuchungen über die Tätowierung bei Normalen, Geisteskranken und Krimi¬ nellen, von Gotthold. 131. Psychiatrische Untersuchungen in der niederösterreichischen Zwangsarbeitsanstalt Korneuburg, von Bischof! und Lazar. 182. Ober Psychoanalyse in gerichtsärztlicher Beziehung, von Schultz. 133. Über Sittlichkeitsverbrechen, von Worthauer. I. Originalmitteilungen. [Aus der IL med. Klinik des Herrn Hofrates Prof. Ortkbr.] 1. Ein Fall von Tabes dorsalis mit akut einsetzenden ungewöhnlichen Koordinationsstörungen am Rumpf Von Q. Bikelea. . N. N., 40 Jahre alt, ist Vater von sechs gesunden Kindern. Voi; 20 Jahren trat beim Patienten auf den Lippen ein Ausschlag auf, welcher vom behandelnden Arzt als luetisohe Affektion diagnostiziert wurde, worauf eine Schmierkur und Jodtherapie eingeleitet wurde. Ein Ausschlag an der Hant wurde bei dem Patienten nicht beobachtet. Vor einigen Jahren litt Patient zeitweise an „krampfartigen“ Sohmerzen in der Blinddarmgegend, und zwar unabhängig von der Nahrungs¬ aufnahme. Seit 2 Jahren sollen zeitweilig geringfügige „reißende“ Schmerzen von kurzer Dauer oberhalb des linken Kniegelenkes vorhanden gewesen sein. Patient beachtete dieses aber nicht und konsultierte keinen Arzt Das gegenwärtige Leiden setzte ein — ohne jedwede vorausgegangene phy¬ sische Anstrengung — 18 Tage vor der am l.IV. 1915 erfolgten Aufnahme auf die Klinik mit krampfartigen Schmerzen in beiden Waden während des Gehens, so daß der Patient dann stehen bleiben mußte; in der Ruhe waren dagegen gar keine Beschwerden vorhanden. Patient verblieb zu Hause, und zwar zumeist zu Bett. Aber gerade zur Zeit, als die Wadenschmerzen bereits gelindert Bzw. ganz geschwunden waren, verschlimmerte sich im Laufe von 3 bis 4 Tagen das Geh¬ vermögen des Patienten bis zu dem bei der Aufnahme konstatierten Grade. Libido sezualis in den letzten Monaten gering; Potentia dagegen bis jetzt immer erhalten. Nie Urin- oder Mastdarmbeschwerden. Urinabgabe 3 bis 4 mal innerhalb 24 Stunden, angeblich seit Jugend. Status vom 2. IV. 1915: Pupillen entrundet, ungleich, und zwar rechte weiter als die linke. Auf Licht reagiert die rechte Pupille schwach (sehr träge), die linke kaum eine Spur; dagegen ist die Reaktion bei Akkommodation gut erhalten. Patellarsehnenreflexe 0. Aohillesreflexe 0. Tiefe Reflexe an oberen Extremitäten undeutlich. Hautreflexe abgesohwächt und kommen nur Bpurweise zum Vorschein. 45* Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 708 Tiefe Nadelstiche werden an der Sohle, besonders rechts, sehr häufig nicht wahrgenommen; Hypalgesie mäßigen Grades besteht an beiden unteren Extremi¬ täten überhaupt. An der Innenfläche der linken Oberextremität bedeutende Hypalgesie; sonst werden überall Nadelstiche gut erkannt. Finger-Nasenspitzenversuch bei geschlossenen Augen, besonders an linker oberer Extremität deutlich ataktisch. Hacken-Knieversuch von leioht ataktischem Charakter. Während aber bei der Untersuchung des Patienten zu Bett die atak¬ tischen Erscheinungen sehr mäßige bleiben, ist die Gangstörung eine sehr auf¬ fallende. Der Kumpf des Patienten schwankt nämlich beim Gehen höchstgradig seitlich, und zwar abwechselnd nach rechts und links immer nach der Eiohtung des jeweiligen Stützbeines. Dieses Schwanken des Rumpfes ist so exzessiv, daß Patient schon nach ein paar Schritten in seitlicher Richtung umzustürzen droht. Aufsetzen und Umwenden im Bett gelingt prompt. An den Extremitäten keine Spur von Parese. Hypotonie der Wadenmuskulatur; sonst nur mäßig ent¬ wickelte Muskulatur. Keine Druckempfindlichkeit, weder an Nerven noch an Muskeln. Gelenkssensibilität erhalten. Wassermann + (im Blute). Unter Einleitung einer antiluetischen Behandlung erfolgte rasche Besserung des Gehvermögens wie des Gesamtzustandes. Status vom 20. IV. 1915: Beim Finger-Nasenspitzenversuch wie bei dem Zusammenbringen der Zeigefinger bei geschlossenen Augen keine Spur von Ataxie mehr nachweisbar. Radialperiostreflex beiderseits deutlich. Die bedeutende Hyp¬ algesie an der Innenfläche der linken oberen Extremität fast nicht mehr nadi- weisbar. Hacken-Knieversuch sowie Beschreiben eines Halbkreises mit einem Bein ge¬ lingt gut. Hautreflexe (speziell Plantar- und Bauchdeckenreflexe) sind deutlicher als am 2. IV. Romberg negativ. Umdrehen bei geschlossenen Augen etwas ungeschickt. Stehen auf Fußspitzen möglich. Gehen bereits seit Tagen möglich, gegenwärtig geht Patient umher ohne Beschwerden, wobei bei langsamem Gang nur ein geringes, aber jedenfalls deutlich sichtbares seitliches Schwanken des Rumpfes nach rechts und links (immer nach der Richtung des Stützbeins) bemerkbar ist. Beim rascheren Gehen kommen die seitlichen Rumpfschwankungen noch intensiver zum Vorschein (doch geringer als selbst noch vor 2 Tagen), ohne aber das Gehen irgendwie zu behindern. In der nächsten Zeit hörten die seitlichen Rumpfschwankungen überhaupt au£ Patient vermag selbst nur auf Fersen gestützt zu stehen. Umdrehen bei ge¬ schlossenen Augen ohne jede Störung. Kurz nachher ließ sich noch reohts eine Spur vop Patellarsehnenreflex nach weisen. 1 Dieser Fall gehört zu den selteneren Fällen von Akutem Ausbruch der Krankheitserscheinung bei Tabes dorsalis, deren Vorkommen bereits von mehreren Seiten (Bbamwell, Fbenkel) hervorgehoben wurde. Dem Verständnisse werden derartige Fälle zugänglicher, wenn man mit Ebb 2 in der Tabes „einen noch aktiven Infektionsprozeß“ sieht. Beachtenswert scheint das Verhalten der * Hautreflexe bei solohen mit akut 1 Es ist aber die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß diese Spar zuvor nur übersehen wurde. Jedenfalls ist seitdem ein deutlicherer ReÜex nicht zum Vorschein gekommen. * Nenrolog. Centralbl. 1913, Vortrag. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 709 einsetzenden Störungen einhergehenden Tabesfällen. Während sonst die Haut* reflexe (im Gegensatz zu den tiefen Reflexen) bei Tabes lange deutlichst erhalten bleiben, waren in dem in Rede stehenden Fall auch die Hautreflexe bei der Aufnahme sehr abgeschwächt und nur spurweise vorhanden. Auch in einem Fall aus meiner Privatpraxis (den ich vor einigen Jahren beobachtete) mit akutem Beginn der Störungen wurde von mir vollständiges Fehlen sowohl der tiefen, als auch aller Hautreflexe konstatiert. Im Falle Bbamwell’s 1 ist ebenfalls an¬ gegeben, daß die Kremasterreflexe fehlten und die Bauohdeckenrefiexe schwach waren. Die Ursache der Abschwächung bzw. des Verschwindens auch der oberflächlichen Reflexe mag in einem akuten Befallenwerden einer sehr großen Anzahl von hinteren Wurzeln begründet sein. Das Hauptinteresse dieses Falles liegt jedoch in der Art der konstatierten akut eingesetzten und rasch wieder verschwundenen, hochgradigen Koordinations- Störung am Rumpf während des Gehens. Daß es eventuelle (seltenere) Tabes¬ fälle gibt, welche nur mäßige Ataxie in der Bettlage zeigen, bei denen trotzdem die Lokomotion in bedeutenderem Maße — bedeutender selbst als bei anderen Kranken — erschwert ist, hebt bereits Frenkel 1 * * hervor. Als deutliche Ataxie des Rumpfes in derartigen Fällen führt dieser Autor an: „schwankende, brüske Bewegungen nach allen Richtungen nach vorne, hinten und seitwärts“. Bei unserem Patienten erfolgten die höchstgradig schwankenden Bewegungen aus¬ schließlich nach der Seite, und zwar alternativ nach rechts und links je nach dem jeweiligen Stützbein. Ein ganz minimales — für das Auge kaum wahrnehmbares — seitliches Schwanken des Rumpfes beim Gehen, speziell beim raschen Gehen, ist eine normale physiologische Erscheinung und kann man deutliche Spuren eines der¬ artigen Schwankens des Rumpfes bei aufmerksamer Beobachtung an sich selbst empfinden . 8 Bei dem in Rede stehenden Patienten aber waren die Koordinations¬ störungen als ausschließlich seitliche Rumpfschwankungen 4 * * * so sehr exzessiv, daß derselbe schon nach ein paar Schritten nach der Seite umzustürzen drohte und infolgedessen gänzlich gehunfähig war. 1 Brit. med. Journal. 1902. 9 Die Ursache der Ataxie bei Tabes dorsalis. Neurolog. Centralbl. 1907. 8 Vgl. auch Lbwandowsxy, Handb. d. Nenrol. Allg. Teil. Bd. II. S. 883. 4 Nebst einem Versagen des M. glntaeos medins, woranf zuerst Frenkbl, dann anob Fobbster und Habnel hingewiesen haben, dürfte man hier ancb eine Hypotonie der langen Wirbelsäulestrecker für die Rumpfschwankung verantwortlich machen. Der Umstand, daß bei Atrophie der langen Wirbelsäulestrecker der Kranke nach vorne fällt, beweist für Fälle von bloßer Hypotonie nicht viel. Erwähnt sei hier, daß zur Zeit, als Patient bereits wieder gehen konnte — in der aber die Rumpfschwankungen noch immer sehr auffällig waren —, ich an ihm folgenden Versuch ausführte: ich ließ den Patienten auf einem Bein stehen und trug ihm dann auf, sich mit dem Rumpf seitlich nach außen vom Standbein hinüberzuneigen bis zur etwaigen Sturzgefahr; dieses Hinüberneigen — bei alleiniger Stütze im Standbein — gelang dem Patienten in normalem Ausmaß. Jedenfalls findet die physiologische Rumpf- Bchwankung schon bei mäßiger Hypotonie der langen Wirbelsänlestrecker keine rechtzeitige Hemmung und fällt, wie mir scheint, aus diesem Grunde bei Tabes dorsalis überhaupt nicht selten größer aus. Digitized by Google Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 710 2. Zur Benennung nervöser Zustände in Gutachten. Von W. Clmbal in Altona. Die nachfolgenden Zeilen gelten der Bekämpfung gewisser in der neuro¬ logischen Praxis noch vielfach gebräuchlicher Ansdrücke, die den Anforde¬ rungen der Krankengeschichte- und Gutachtentätigkeit ans vielen Gründen nicht entsprechen. Gemeint sind die Begriffe: traumatische Neurose, Hysterie, Neurasthenie, psychogen, deren besondere bedenkliche Bedeutung im einzelnen später erörtert werden wird. Ihr vollständiger Ersatz durch deutsche Ausdrücke, deren Gebrauch für die militärärztliche Zeugnisse und Krankengeschichten zu¬ dem Vorschrift ist, ist lange vor dem Feldzuge von einem Teil der Kollegen angestrebt und durchgeführt worden, begegnete vor kurzem aber in dieser und anderen Zeitschriften scharfem und mir nicht ganz verständlichem Widerspruch, so daß eine Klarlegung der vorliegenden Absichten zur Vermeidung von Mi߬ verständnissen notwendig erscheint. Mit dem Ausdruck „akuter nervöser Überreizung“ ist z. B. nur gesagt, daß Reizerscheinungen im Vordergründe stehen, und daß die Krankheit ohne nachweisbare angeborene Minderwertigkeit oder Nervenschwäche, mindestens aber in wesentlicher Unterscheidung von der an sich gesunden Gesamtkonstitution in scharf abgegrenzter Zeit akut entstanden ist Die gleiche Klarheit besitzen die Begriffe: nervöse Schwäche, akute nervöse Erschöpfung, angeborene nervöse, moralische, seelische Minderwertigkeit. Die Anwendung aller dieser Ausdrücke zwingt den Gutachter zu der bei der Untersuchung von Nervösen so notwendigen äußersten Sorgfalt, denn der Nachgutaohter oder Richter verlangt oder erwartet natürlich den Beweis der akuten Entstehung bzw. umgekehrt der langsamen Entwicklung des Leidens auf angeborener Grundlage. Umgekehrt entspringen die Ausdrücke: „traumatische Neurose, Renten¬ hysterie, traumatische Hysterie“, wie sich die Dinge einmal entwickelt haben, nicht hauptsächlich dem Wesen des Einzelfalles, sondern weit mehr dem sozialen Gesichtswinkel des Gutachters, wie jeder leicht nachweisen könnte, der das Diagnosenbuch irgend einer Abteilung auf die Häufigkeit einzelner Diagnosen statistisch zusammenstellen würde. Wer den Ausdruck „traumatische Neurose“ braucht, spricht damit die An¬ schauung aus, daß die langsame Weiterentwicklung eines angeborenen minder¬ wertigen nervösen Charakters im Anschluß an ein nur auslösendes, nicht ursäch¬ liches Ereignis den Minderwertigen zur Rentenentschädigung berechtigt Wer den Ausdruck „Rentenhysterie“ oder „Rentenneurose“ braucht, lehnt schon in der Benennung die vorstehend geschilderte Weltanschauung ab. Die beiderseitigen Schlagworte sind lediglich Verdeckungen dieser widerstrebenden sozialpolitischen Weltanschauungen, die damit ungebührlich die Stelle der rein sachlichen Erörterung der Krankheitsbilder in der wissenschaftlichen Diskussion eingenommen haben. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN 711 Die allein wichtigen Fragen sind doch die, wie die Einzelkrankheitsbilder gewertet werden sollen, wie die verschiedenen Bassen und Stämme Deutschlands auf die erlebten Schädigungen reagiert haben und wie der beste Weg ist, die akuten Schädigungen zu heilen, die angeboren Minderwertigen so rasch wie möglich abzusondern, um Schäden zu verhindern; von alledem ist aber in den Erörterungen noch kaum die Rede gewesen, weil der völlig undurchsichtige Schleier der fremdsprachlichen Decknamen mit ihren teils politischen, teils gefühlsbetonten, niemals aber sachlichen Umgrenzungen und Bedeutungen jede scharfe Fassung unmöglich macht Eine einigermaßen scharfe und allgemeinverständliche deutsche Benennung der Neurosen für die Bedürfnisse des Krieges und der Unfallsbegutachtung hat sich heute unter den in praktischer Tätigkeit stehenden Neurologen nach meiner Erfahrung längst herausgebildet und ist wohl nur deshalb nicht in die Literatur übergegangen, weil es einigermaßen schwierig sein wird, auch für das Bedürfnis des Lernenden die bequemen alten Einteilungsprinzipien zu beseitigen. Um zunächst mit dem besonders angegriffenen Begriff zu beginnen, so be¬ schränkt sich die „akute nervöse Überreizung“ einmal ganz streng auf akute Prozesse bei völlig nervengesund veranlagten und vollwertigen Persönlich¬ keiten und zweitens aqf Reizzustände. Sie hat zwar mit den OpPENHEm’schen Krankheitsbildern der traumatischen Neurosen die objektiv nachweisbaren physi¬ kalischen Reizzustände gemeinsam, die tonischen Muskelkrämpfe, das Muskel¬ wogen, die akute Gewichtsabnahme, die Labilität des Pulses, die Reizerschei¬ nungen bei Fuß-Augenschluß; dagegen grenzt sie sich von den chronischen Unfallnenrosen streng ab dadurch, daß es sich bei diesen um vielleicht akut entstandene, sich aber progredient weiterentwickelnde Prozesse handelt, deren Verlauf von der Art und von der Stärke der ursprünglichen Schädigung und im wesentlichen auch von der ärztlichen Behandlung völlig unabhängig sind. Die Mehrzahl der chronischen fortschreitenden Unfallneurosen, die ich in lOjähriger Gutachterpraxis zu vielen Hunderten gesehen habe, stand klinisch den Entwicklangspsychosen am nächsten, der chronischen endogenen Verrückt¬ heit, den verschrobenen Charakteren, den konstitutionell Verstimmten und den Pseudoquerulanten. Es wäre vollkommen irrig, zu behaupten, daß es sich bei den genannten psychotischen Erscheinungsformen der endogenen Nervosität um rein seelische Vorgänge handele. Sie sind vielmehr, genau so wie die Unfallneurosen, ver¬ bunden mit sehr hartnäckigen körperlichen und nervösen Reizerscheinungen und Funktionsstörungen. Wenn wir also gegen die Einheitlichkeit der Unfallneurosen und gegen den Krankheitsbegriff „traumatische Neurose“ protestieren und die rein akuten Reiz¬ oder Erschöpfungsreaktionen der seelisch Vollwertigen scharf getrennt wissen wollen von den endogenen, fortschreitenden Charakterveränderungen, so hat dieser Wunsch nicht nur praktische, sondern auch klinische Berechtigung. Die akute nervöse Erschöpfung, die ja von den meisten Neurasthenie genannt wird, obwohl sie mit dieser gar nichts zu tun hat, ist bei der nord- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 712 Digitized by deutschen Hasse, die hier mein Arbeitsgebiet bildet, ein so scharfes eindeutiges Krankheitsbild, daß es überhaupt kaum umgrenzt zu werden braucht Bei diesen Zuständen chronischer Schlafsucht, der Neigung zu Schwäche¬ anfällen, zu Temperatursteigerungen, zu fortwährenden Erkältungen und In¬ fektionskrankheiten, bei der dauernden Neigung zum Weinen, trotzdem ein ernsthafter und erfrischender Humor sie immer wieder über die Situation hebt, wird niemand auf den Gedanken kommen, das Krankheitsbild etwa als hyste¬ risches oder psychotisches aufzufassen. Daß mit der Erschöpfung Reizerscheinungen, Schmerzen und Muskelkrämpfe verbunden sein können, ist selbstverständlich. Wissen wir doch, selbst von den akuten Infektionskrankheiten und vom Wochenbett der völlig gesunden Frau her, daß der tief erschöpfte Muskel krampft und schmerzt Ob ein Nervensystem an einer akuten Erschöpfungsneurose oder an einer Überreizungsneurose erkrankt, kann zwar von der Art der Schädigung abhängen, im allgemeinen ist das Nervensystem auch des Gesündesten für die Reaktions¬ form familiär vorgebildet und findet verwandte Ausdrucksformen, nach den ver¬ schiedenartigsten Schädigungen. Bei etwas ausgedehnterer Gutachtertätigkeit kann man die Gleichartigkeit der Reaktionen nicht nur bei Brüdern, sondern auch bei weiteren Verwandten, meist sogar innerhalb bestimmter Rassetypen nachweisen. Die Individualität des Einzelnen macht sich im allgemeinen nur insoweit geltend, als ältere psy¬ chische und nervöse und körperliche Schädigungen in der Erschöpfung mit Vor¬ liebe zur Weiterentwicklung kommen und als der persönliche Heilungswille für die praktischen Folgerungen des Krankseins ja das Ausschlaggebende ist Die akute nervöse Überreizung und Erschöpfung haben also mit den Ent- wioklungsneurosen und den weiterentwickelten seelischen Minderwertigkeiten nicht das geringste zu tun. Wir wissen heute dooh wohl alle, daß bei den hohen moralischen Forderungen, die unser Heer an den Einzelnen stellt, niemand an der Front wirklieh ver¬ wendbar ist, der sich nicht opfern will. Insofern hat also das Heer mit seiner Verachtung der dauernd „nervös“ Versagenden zweifellos recht, und hier liegt letzten Endes der Widerstand begründet, den der praktische Gutachter gegen jede Rentenentschädigung aller nervösen Zustände hegt, die sich nachweisbar nach kleinen Anlässen überwiegend aus dem inneren Charakter des Betroffenen heraus entwickelte. Im weitesten Sinne mag man gern diese chronisch entwickelten, im Felde oder Frieden ohne ausreichende körperliche Schädigung entstandenen Krankheits¬ bilder mit irgend einem Worte zusammenfassen, wenn man sie nur von den akuten entschädigungsberechtigten Formen scharf genug trennt Die Neurasthenie im weitesten Sinne, wie sie in der Praxis des Nerven¬ arztes als wohlwollendes Deckwort für alle vom Arzt als krankhaft anerkanntes nervösen Zustände gebraucht wird, ist freilich ebenso unklar, und insofern ist es wohl richtig, wenn der Ersatz des Wortes „traumatische Neurose“ durch „traumatische Neurasthenie“ für eine zwecklose Wortspielerei gilt. Im ursprüng- Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 713 liohsten klinischen Sinne ist die Neurasthenie doch nur eine Teilerscheinung der allgemeinen körperlichen Unterwertigkeit (Asthenie) und sollte nur in diesem Sinne in der wissenschaftlichen Diskussion gebraucht werden, wenn wir uns überhaupt verständigen wollen. Daß dieses Krankheitsbild in diesem engen Sinne in den Erfahrungen dieses Feldzuges ebenfalls zu großer Bedeutung gelangen mußte, liegt auf der Hand. Kein Verständiger konnte von der ungedienten großstädtischen Kauf¬ mannschaft die gleichen kriegerischen Fähigkeiten voraussetzen wie von unseren prachtvoll widerstandsfähigen und abgehärteten Arbeitern und Landleuten. In einzelnen Fällen mögen der Sport und die Wanderbünde die ursprünglich mangelnde Widerstandskraft rechtzeitig entwickelt und gestählt haben. Wo auch das versäumt worden war, also bei den Asthenikern im engsten Sinne, habe ich es z. B. in hunderten von Fällen gesehen, daß die Kriegsverwendbarkeit durch längeren vorbereitenden Dienst bei den Armierungstruppen erreicht wurde. Es ist schon aus diesem einfachen Beispiel der gänzlich verschiedenartigen Be. handlung, einerseits der akuten nervösen Erschöpfung, andererseits der endogenen Neurasthenie ersichtlich, wie praktisch notwendig scharfe Umschreibungen für den Gutachter sind. Aus allen diesen Gründen rate ich auch den Ausdruck Neurasthenie, wenigstens bei dem Verkehr unter Fachkollegen, besser ganz zu ersetzen. Noch viel schlimmer ist es mit der Hysterie. Dem Laien ist das Wort Hysterie lediglich ein Schimpfwort und bedeutet eine Verbindung von Willens¬ schwäche bzw. von Willenssperrung den Pflichten gegenüber mit zielbewußter Willensenergie den Bechten gegenüber und einer besonderen Geschicklichkeit zu mehr oder weniger bewußter Vortäuschung von Krankheitsersoheinungen zwecks Erreichung egoistischer Ziele. Im Sprachgebrauch der Fachgenossen ist es je nach der Laune des Einzelnen ein ewig wechselndes unförmiges Gebilde, das einerseits Krampfleiden und Dämmerzustände mit etwas geringerer Bewußtseinstrübung umfaßt, andererseits die Beizzustände des asthenischen Herzens, das heute gebraucht wird für einen Dauerkrampf des Diopsoas nach einer Endometritis und morgen für geistigeSchwäche- zustände, die sich in mangelnder Entwicklung der Affekthemmungen äußern. Wer klinisch und gutachtlich unterscheiden will, muß dieses Wort aus seinem Sprachschätze verbannen, da hier nicht, wie bei der Neurasthenie, ein ursprünglich gut umschriebenes Krankheitsbild vorliegt. Es liegt auch nicht das geringste Bedürfnis vor, diese verallgemeinernde Begriffe in unserem Sprachschatz zu bewahren, da wir in den Angstneurosen, den Hemmungs-, Verdrängungs- und Verschrobenheitszuständen, den mehr oder weniger seelisch beeinflußbaren Krampfleiden, der Haltlosigkeit, den chronisoh entwickelten, periodischen und konstitutionellen Verstimmungen heiterer, mi߬ trauischer und schwermütiger Form, und der angeborenen nervösen Reizbarkeit ja völlig gangbare und viel schärfere Sprachbegriffe besitzen, mit denen wir be¬ stimmte umschriebene Vorstellungen verbinden können und im kleinen Kreise auch längst verbinden. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 714 Nur wenn mau die verallgemeinernden und irreführenden Fremdworte aus seinem Sprachschatz ausgeschaltet hat, kann man überhaupt erst an die Unter* suchung einzelner gesetzmäßiger Schädigungsformen herantreten. Ich will an einem Beispiel zu erklären suchen, was ich meine. Das Krankheitsbild der Hirnerschütterungsneurosen mit seinen Stö¬ rungen der Augenmuskelbewegung, des Gesichtsfelds, des Gehörfelds, des Gleich¬ gewichts usw. dürfte heute allgemein anerkannt sein. Ebenso anerkannt wie das Krankheitsbild der Hirnquetschung mit der spastischen Hemiparese. Nun sehen wir beide Krankheitsbilder sich in ganz eigenartiger Weise mit allgemeinen Beiz- und Erschöpfungszeichen kombinieren bei gewissen Granatverschüttungen, denen aber zum Krankheitsbild der Hirnquetsohung gewöhnlich der Babinski oder Fußklonus 1 fehlt. Es ist sofort ersichtlich, wie irreführend es sein muß, hier wegen eines fehlenden Pyramidensymptoms die organische Störung aus- zuschließen und wegen einzelner selbstverständlicher Reizzeichen eine Hysterie zu konstruieren, während das Symptombild bei etwas sorgfältiger Untersuchung aus seinen einzelnen Bestandteilen spielend verständlich würde. Aus allen diesen Gründen und Erfahrungen möchte ich auf meine ein¬ leitenden Bemerkungen zurückkommen, wonach mir nicht nur die traumatische Neurose, sondern überhaupt alle die genannten unscharfen und undeutschen Decknamen entbehrlich und schädlich erscheinen. Ich bin mit vielen Gutachtern und praktischen Nervenärzten wirklich der festen Überzeugung, daß die zahllosen Rentenpsychosen des vorvergangenen Jahrzehnts zum Teil auf die Aufstellung eines besonderen wissenschaftlich als rentenberechtigt anerkannten Krankheitsbildes zurückzufübren waren. Ebenso wie die Lehre von der unaufhaltsamen Verblödung der Dementia praecox und die mechanische Bettbehandlung der Riesenirrenanstalten zweifellos wesentlichen Anteil an dem artifiziellen Anstaltsstumpfsinn haben, den wir heute zum Beweis der klinischen Einheit der endogenen halluzinatorischen Erregungszustände als Dementia praecox verwertet sehen, während einige Jahrzehnte früher aus den gleichen klinischen Formen durch die Zellenbehandlung Katatonien wurden. Wer kann gerade heute wagen, die völlige Abhängigkeit des Leistungs¬ vermögens von großen führenden Vorstellungen zu leugnen? Deshalb scheint es mir aber besonders notwendig, für die Kriegsfolgen bei¬ zeiten die Erfahrung zu verwerten, daß schon einmal durch die Vorstellung von der Unheilbarkeit und der Rentenberechtigung der „traumatischen Neurose“ zahllose Arbeitskräfte der Volkskraft entzogen worden sind, welche erfahrungs¬ gemäß in einer höheren Stufe der Leistungsfähigkeit erhalten wurden, sobald die Gutachterpraxis sich zu schärferen Begriffen und Wertungen durch- gerungen hatte. 1 Auffallend häufig bei völlig einwandsfrei ausgeprägtem „Oppenheim“. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 715 . 3. Zum Streit über die traumatische Neurose. Von Dr. Kort Hildebrandt, znrzeit ordinierender Arzt un Reservelazarett I Saarbrücken. Man durfte hoffen, daß die strittige Lehre von der traumatische Neurose, die für die soziale Gesetzgebung so bedeutungsvoll ist, durch die Kriegserfahrung bald entschieden sein würde — statt dessen erfährt man mit Verwunderung, daß Oppenheim an seiner Lehre seit 25 Jahren nicht das Geringste zu ändern fand, während andere namhafte Neurologen den Begriff der traumatischen Neu¬ rose radikal ablehnen. Wann aber ist die Entscheidung dieser Frage zu er¬ warten, wenn nicht in diesem Kriege? Ich glaube daher, daß jede Mitteilung, die auf unbefangener Beobachtung beruht, heute von Wert sein kann. Die hiesige Nervenstation ist die einzige im Bezirke des XXI. Korps. Natürlich kommen nicht alle neurologischen und psychiatrischen Fälle hierher, aber doch gerade die schweren oder schwer zu beurteilenden Fälle kamen hier zusammen. Im ganzen habe ioh gegen 400 Fälle behandelt oder begutachtet, unter denen, da organische Verwundungen des Nervensystems nur ausnahms¬ weise dazugehören, die Neurosen und Psycboneurosen bei weitem überwiegen. Das Material gewährt also für die vorliegende Frage eine recht gute Übersicht. Wenn man die Menge der traumatischen Neurosen handgreiflich vor sich hat, so fragt man zuerst, wo denn die Gegner dieses Begriffes die Fälle unter¬ bringen. Dies geschieht nach zwei Gesichtspunkten, entweder war die Neurose schon latent vorhanden und wurde durch den Unfall nur ausgelöst, oder es handelt sich um Simulation, allenfalls rein durch Begehrungsvorstellungen er¬ zeugte Krankheit. Es ist ja selbstverständlich, daß bei Neuropathen der Krieg ein Anlaß sein kann, der die Neurose voll zur Erscheinung bringt. Ich schätze die Zahl, bei der deutlich neurotische Erscheinungen als vorausgehend angegeben wurden oder hereditäre „Belastung“ mit einiger Wahrscheinlichkeit erwiesen wurde, auf knapp die Hälfte der Fälle. Dabei habe ich mich für die Erblichkeit speziell interessiert nnd systematisch ausgefragt. Man darf aber nicht ohne weiteres annehmen, daß die Zahl der wirklich Disponierten erheblich größer sein müsse. Auch die Schädeldecke ist nicht bei allen Menschen gleioh stark; kann man darum die etwas schwächere als krankhafte Disposition zum Schädelbruch, der nur de3 auslösenden Kolbenschlages bedarf, bezeichnen? Ich will damit sagen, daß selbst bei etwas nervösen Individuen trotzdem das Trauma der echte krankmachende Vorgang sein kann. Noch vorsichtiger sollte man aber die erbliche Belastung heranziehen. Statistisch ist nacbgewiesen (Kohles, Diem), daß zwar Psycho¬ pathen häufig belastet sind, aber Gesunde gar nicht viel weniger häufig! Wenn man die Heredität nicht eingehend auf Grund der modernen Erblichkeitslehre untersucht, so hat die bloße Angabe „hereditäre Belastung 4 * einfach gar keine Bedeutung. Ob man trotzdem prinzipiell eine neurotische Disposition annimmt oder nicht, das ist mehr Sache des privaten Systems. Praktisch steht fest, daß Digitized by Go^ 'gle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 716 eine Neurose durch einen Unfall hervorgerufen werden kann bei einem Nerven¬ system, das bei Durchschnittsbelastung nie erkrankt sein würde. Gibt man dies zu, so sollte man den Begriff der traumatischen Neurose nicht weg¬ disputieren. Sehr kompliziert ist aber die zweite Möglichkeit, die Simulation und die „Begehrungsvorstellungen“. Allerdings hat sich heute die Anschauung dorch- gesetzt, daß reine Simulation selten ist Aber wichtig ist die Frage, wieweit ein nervöser Shock durch die Begehrungsvorstellungen zu einer Neurose ent. wickelt werden kann. (Rente! Befreiung vom Dienst!) Offenbar kann man diese Formen vpn der Simulation nicht immer klar trennen. Ich habe mehrere Fälle begutachtet, wo die bewußte Vortäuschung nicht zweifelhaft sein konnte; aber es waren Rekruten, die überhaupt nicht im Felde gewesen waren, oder es waren forensische Fälle, in denen keine traumatische Neurose simuliert wurde. Das entspricht der Auffassung Oppenheim’s, der bei seinen Patienten die Simulation ausschließt Trotzdem glaube ich, daß Oppen¬ heim iu seiner Tendenz, die Begehrungs Vorstellungen möglichst auszuschalten, andrerseits die mechanische Bntstehungsweise zu betonen, zu weit geht Er geht soweit, in den Detonationen eine physikalische, mechanische Ein¬ wirkung auf den Acusticus zu sehen, was doch, wenn diese Annahme eben ein ursächliches mechanisches Trauma begründen soll, nur heißen kann, daß durch den Acusticus hindurch die ganze Himmasse mechanisch erschüttert wird; dies widerspricht jeder physikalischen Vorstellung. Weiter nimmt Oppenheek an, daß eine funktionelle Lähmung sowohl zentral (psychogen) wie peripher durch Verletzung der peripheren Nerven ausgelöst werden kann. Dies ist eine empirische Frage, aber sehr seltsam ist die theoretische Begründung: Diese beiden Entstehungsarten seien gar nicht so verschieden, denn „auch in dem ersten Fall dringt die Erregung auf dem Wege zentripetaler Nerven (Acusticus, Opticus) in das Gehirn hinein“. Das ist doch eine starke Zumutung an unsere Gutgläubigkeit. Vom Acusticus mag man sich das allenfalls denken, denn jeder sehr laute Schall kanu Schrecken erregen. Daß aber der Anblick einer grauen¬ erregenden Katastrophe schon im Opticus (d. h. also nicht erst auf Grund der Vorstellungen und Gedankenverbindungen) eine stärkere Erschütterung bewirkt als ein sonniges Landschaftsbild, ist jedenfalls im Kreise der Naturwissenschaft eine umwälzende Theorie. Um die Unklarheit, der auch Oppenheim nicht entgeht, zu meiden, sollte man die psychogenen Wirkungen begrifflich immer streng in zwei Gruppen sondern: in die ideogeuen, bei denen die Vorstellungen entscheidend sind, und die eigentlich psychogenen, bei denen die Emotion selbst entscheidend ist. Wir schrecken bei einem Knall zusammen, ehe eine Vorstellung bewußt geworden ist Blässe und Zittern kann noch lange fortdauern, nachdem die Überlegung die „Grundlosigkeit“ des Erschreckens festgestellt hat Daun kommen drei Gruppen von traumatischen Ursachen in Betracht: die mechanischen, die psychogenen, die ideogenen. Offenbar leiten aber die ideogenen zur Simulation über, denn ideo- gene Ursachen sind besonders die Begebrungsvorstellungen. Digitized by Gck igle Original frum UNIVERSITY OF MICHIGAN 717 Ob es nun wirklich, wie Oppenheim annimmt, rein mechanische Ursachen gibt, ist schwer zu entscheiden. Man kann ja annehmen, daß jede mechanische Erschütterung eine psychische Wirkung hat und erst diese die Neurose bewirkt. Andernfalls müßte man geradezu bei Tiefnarkotisierten eine traumatische Neu¬ rose erzeugen können. Eine Gehirnerschütterung wird man sich bei ihnen leicht vorstellen, aber eine Neurose durch eine Detonation? Empirisch macht es aller¬ dings den Eindruck, als ob die Unfälle, in denen Schreck und mechanische Erschütterung Zusammenwirken, besonders verhängnisvoll sind. Ich habe als schwerwiegendste Ursache der Neurosen die Verschüttungen durch Granat- und Minenexplosionen gefunden. Doch habe ich ebenso schwere Neurosen, wenn auch weniger häufig, bei reiner Schreckwirkung gefunden, z. B. bei einem Soldaten, der aus einer brennenden Scheune, in der viele Kameraden umkamen, mit Mühe gerettet wurde. Theoretisch muß man sagen, daß die psychogene Wirkung sicher ist, während die mechanische — als unmittelbare Ursache — fraglich bleibt. Gegenüber diesem eigentlichen Affekt der traumatischen Neurose, Entsetzen und Schreck, kommt doch auoh eine ähnliche Wirkung längerdauernder Erregung vor, die naturgemäß zu den ideogenen Fällen überleitet Im Felde werden solche Neurosen nicht korrekt, aber doch ganz bezeichnend „chronischer Shock“ genannt. Bei ihm ist das Trauma gleichsam in fraktionierter Dosis gegeben. Ob es Zufall ist, daß ich unter dieser Gruppe drei untereinander sehr ähnliche Fälle in den ersten Kriegsmonaten aus dem Argonner Wald erhielt, vermag ich nicht zu sagen. Sie waren sehr deprimiert, sprachen sehr langsam, stotternd, schliefen schlecht, verlangten Einsamkeit und Ruhe. Dabei hatten sie selbst die Überzeugung, bald wieder ins Feld zu können. Sie machten einen durchaus nicht hysterischen, ich möchte sagen, einen organisch nervös erschöpften Eindruck. Die Heilung erfolgte langsam, aber stetig. Eine rein ideogene traumatische Neurose kann es nicht geben. Vorstellung ohne Affekt ist kein Trauma. Wenn aber die Neurose vorhanden ist, so können die einzelnen Symptome ideogen geformt werden. Und wenn auch nur der Keim der Neurose vorhanden ist, so kann sie ideogen entwickelt werden. Eine psychogene Neurose kann allmählich transformiert werden in eine ideogene. Dies liegt fest in der Natur begründet. Psychisches hat die Tendenz, Vor¬ stellungen aus sich zu entwickeln und dann wieder durch Vorstellungen sich leiten zu lassen. Mit Notwendigkeit überträgt sich dies auf psychogene Neurosen und ideogene Symptome. Daraus folgt wieder, daß es zwischen psychogener und ideogener Neurose und von da wieder zur simulierten keine scharfe Grenze gibt. Man muß annehmen, daß es von der schwersten traumatischen Neurose, ja wohl von der Gehirnerschütterung, bis zur reinen Simulation eine lange Stufenreihe gibt. Diese Vermischung möchte der Urheber der Lehre begreiflicherweise ab¬ lehnen, weswegen er entschieden die hysterischen Symptome unterschätzt. So findet er z. B. den nicht-hysterischen Charakter der Crampusneurose „be¬ sonders überzeugend“. Ich habe nun mehrere Fälle beobaohtet, die seiner Be- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 718 Schreibung der Crampusneurose genau entsprechen und die ich für echte schwere Neurosen hielt Und gerade bei diesen habe ich ausgesprochene hysterische Krämpfe gesehen. Ich gebe zu, daß ungünstige äußere Verhältnisse haupt¬ sächlich schuld waren. Bei dem Platzmangel wurden leichtere Fälle bald ver¬ legt, schwere häuften sich, das Personal mußte erst angelernt werden — kurz, es war kein Wunder, daß ich einmal geradezu gegen eine Epidemie von hyste¬ rischen Krampfanfällen zu kämpfen hatte. Daß aber die äußeren Umstände diese Wirkung hatten, beweist doch den hysterischen Charakter. Und es waren gerade die Crampusneurosen, die zuerst bei einem kleinen Zank oder bei einem militärisch-kräftigen Wort in Krämpfe verfielen. Daß diese Krämpfe aber wieder infizierend wirkten, d. h. doch ideogene Symptome hervorriefen, konnte ich ein¬ wandfrei beobachten. Auch nach meiner Auffassung haben die Vorstellungen, Rente zu erlangen, vom Dienst befreit zu werden, bei den „Kriegsneurosen“ (s. v. v.) eine geringe Rolle gespielt. Aber für die erwähnten Umstände nehme ich außer der psychi¬ schen Infektion noch eine andere ideogene Wirkung an, nämlich die Vorstellung, schwerkrank zu sein und einer ganz besonderen Rücksicht würdig zu sein. Nur so kann ich mir erklären, daß die kleinlichsten Anlässe oft zu so schweren Krampfanfällen führten. Das natürliche Interesse des Publikums für die Kriegs¬ patienten ist für solche Kranke nicht immer forderlich. Die psychischen Störungen, die oft mit den Neurosen verbunden sind, machten ebenfalls meist einen „psychogenen“, hysterischen Eindruck. Mehrmals hatten die Kranken allerdings anfangs eine so bizarre Haltung, daß auch an eine katatonische Störung gedacht werden konnte. In einem Falle bestand bei Crampusneurose eine so vollständige Taubheit, daß auch duroh überraschende laute Geräusche nie die geringste Reaktion zu erzielen war. Wie ich höre, hat der Patient in einem anderen Lazarett anläßlich einer Erregung Sprache und Gehör wiedergefunden. Das alles scheint mir dafür zu sprechen, daß eine Ab¬ grenzung der traumatischen Neurose von Hysterie nicht möglich ist Gewiß hat Oppenheim Recht, wenn er das Problem der Hysterie noch dunkel nennt, aber um so weniger Sinn haben doch diese Grenzstreitigkeiten. Was die Abgrenzung von Epilepsie und von organischen Krankheiten be¬ trifft, so will ich nur nebenher erwähnen, daß ich bei den traumatischen Neu¬ rosen nie Pupillenstarre und mehrmals leichte Zungenverletzungen beobachtet habe. Im Felde war mehrmals die Diagnose Epilepsie gestellt, einmal auch ein echter epileptischer Anfall genau beschrieben. Starke Temperatursteigerungen habe ich bei zwei Fällen mit Krämpfen und Benommenheit festgestellt. Bei einem Fall stieg die Temperatur tagelang über 42°. Bis 41° konnten im After kontrolliert werden, bei höherer Temperatur war Patient zu unruhig. Dabei blieb der Puls ruhig; die Atmung blieb zuweilen völlig stehen, so daß künst¬ liche Atmung gemacht wurde. Dieser Kranke hatte einen typisch hysterischen Charakter; er hatte schon vor dem Kriege einen leichten „Hitzschlag“ erlitten und war wegen nervöser Beschwerden vom Militär mit 15 °/ 0 Rente entlassen. Von der jetzigen, so ungleich schwereren Attacke wurde er fast geheilt und konnte Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 719 zu Fuß das Lazarett verlassen. Ich erwähne diesen mir unerklärlichen Fall, ohne irgendwelche Schlüsse daraus zu ziehen. Im Qegensatz zu diesem einfachen Auf hören der Atmung fand ich bei einer anderen Neurose minutenlanges Verharren auf der Höhe der krampfhaften In¬ spiration mit allen Zeichen der Angst In einem dritten Fall, Crampusneurose, löste der Versuch, den Patienten zu baden, einen Krampf aus, bei dem der Mund krampfhaft geschlossen war und auch die Nasenlöcher sioh durch Anlegen der Nasenflügel völlig schlossen. Diese Betrachtung gruppiert sich um zwei völlig verschiedene Gesichtspunkte. Für die aktuelle Frage scheint es mir richtig, daß bei der im Felde entstan¬ denen traumatischen Neurose die Simulation, wohl überhaupt die Begehrungs¬ vorstellungen eine geringe Rolle spielen. Darin hat Oppenheim so überzeugend Recht, daß ich nicht einmal an einen ernstlichen Widerspruch glaube. Zweitens handelt es sich um die soziale Frage, die auch nach dem Kriege dauernd wichtig bleiben wird und die jetzt entschieden werden sollte. Für sie kommt es darauf an, ob die traumatische Neurose wirklich so wenig mit ideogenen Symptomen zu tun hat, und ob es eine scharfe Grenze gegen die Simulation gibt. Der Streit wird besonders um „ideogen“ und „mechanische Erschütterung“ geben. Neurosen sind eigentlich psychische Störungen, sie gehören auf das engste zusammen mit den sogenannten „Haftpsychosen“. Wenn die einen dem Neurologen, die anderen dem Psychiater anheimfallen, so beruht das auf äußeren Gründen. Für die Wesenserkenntnis kann diese Trennung nur schädlich sein. Ich habe einige Jahre als Stationsarzt des „festen Hauses“ der Irrenanstalt Dalldorf «lie beste Gelegenheit gehabt, frische Haftpsychosen zu beobachten und, was kaum weniger wertvoll ist, frühere Journale und Gutachten über Kranke, die jahrelang, selbst jahrzehntelang zwischen Gefängnis, Irrenanstalt und Frei¬ heit zirkuliert hatten, epikritisch zu studieren. Dabei ist mir klar geworden, wie sehr man in den früheren Jahren die Neigung batte, Haftpsychosen als Paranoia und Dementia praecox aufzufassen. Ich selbst konnte mich anfangs unter dem Einfluß der KnAEPBLiN’schen Lehre, die in diesem Punkte einer Ergänzung bedurfte, dieser Neigung nicht entziehen. Auch in den Attesten der Gefängnis¬ ärzte fiel es mir auf, wie sie erst in den letzten Jahren wieder von der Vorliebe für jene unheilbaren Psychosen zurückkamen und vorübergehende Haftpsychosen diagnostizierten. Die Haftpsychosen sind uns hier aber wichtig, weil bei ihnen das mechanische Moment fortfällt und nur die psychogene und ideogene Ent¬ stehung in Betracht kommt. Als psychisches Trauma kann der Schreck über die Verhaftung, der Druck der Isolierhaft wirken; ideogen wirkt der Wunsch nach Freisprechung oder nach Unterbrechung der Strafhaft. — Reine Simulation habe ich nicht beobachtet, bewußte Täuschung bei Psychopathen und Schwach¬ sinnigen nicht selten, Übertreibung häufig. Hier kommt es darauf an, daß psychogene, ideogene und übertreibende Fälle nicht zu sondern sind, sondern in allen Vermischungen und Abstufungen Vorkommen. Besonders wichtig ist aber, daß diese Fälle nicht nur symptomatisch ineinander übergehen, sondern auch Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 720 der einzelne Fall alle drei „Phasen“ zeigen kann. Die echte, unbewußt ent¬ standene Psychose kann später durch die Begehrungsvorstellungen am Leben erhalten werden, bis schließlich die in der Krankheit erlernten Symptome simu- latorisch wiederholt werden. Das ist wohl sogar der gewöhnliche Verlauf der Haftpsychose. Ganz ähnlich verläuft häufig die traumatische Neurose, wie das Studium der Unfallsakten oft anschaulich beweist. Aber bei der Haftpsychose kann man den Ein wand nicht machen, es sei die mechanische Erschütterung, deren rein physikalische Folgen allmählich abheilten. Macht man sich die praktischen Konsequenzen klar, so wird man eine ge¬ wisse Tendenz gegen die traumatische Neurose begreiflich finden. Das Renten¬ gesetz verlockt zur Übertreibung, und die Lehre von traumatischer Neurose verführt dazu, die übertriebenen Beschwerden als traumatische Neurose aufzu¬ fassen. Es handelt sich nicht allein um die medizinische Frage, ob etwas an den Beschwerden echt ist. Auch die soziale Frage: Würde der Verunglückte sich wieder in die Arbeit hineinfinden, wenn er wüßte, daß er keine Aussicht auf Rente hätte, verdient Beachtung. Man muß zugeben, daß an dem Haß der Gesunden gegen den rentensüchtigen Hysteriker doch auch eben — etwas Gesundes ist. Es besteht hier ein Interessengegensatz des Einzelnen und der Ge¬ meinschaft, den man nicht spezialistisch, sondern nur mit dem Sinn für das große Ganze beurteilen darf. Darum sollte man auch die Mitarbeit von „National¬ ökonomen usw.“ nicht so schlechthin verdammen. Daß man sich in dieser Tendenz nicht zur Leugnung der traumatischen Neurose und zum Unrecht gegen die Neurotiker treiben lassen sollte, ist selbstverständlich. Gegenüber den im Kriege Erkrankten dürfte diese Gefahr wohl auch kaum bestehen. II. Referate. Physiologie. 1) Das Sehen der Fische, von A. ▼. Tsohermak. (Die Naturwissenschaften. 1915. H. 14.) Ref.: M. Roth mann. Bei dem Sehen der Fische im Wasser verliert die Hornhaut ihre entscheidende Rolle, und der Linse kommt die Hauptleistung zu. Die Färbung des Wassers erscheint in der Regel .grünlich-blau; die Fische Beben wie durch ein grünlich- blaueB Glas. Die Empfindlichkeit der Fische für Lichtreize ist eine recht er¬ hebliche. Auch die Adaptationsbreite des FiBchauges ist der des Menschen erst vergleichbar. Dagegen scheinen die Fische total farbenblind zu sein. Nach neuesten Experimenten sehen die Fische farbige Lichter nur in solcher Helligkeits- Verteilung wie die Menschen beim Farblossehen. Auch die Anpassung der Fisohe an den Wassergrund beweist durchaus nicht farbige Wahrnehmung der Fische. Das Fischauge besitzt Einrichtungen zum Sehen in weitem Umkreise. Die stark gekrümmte nnd dicke Fischlinse vermag nicht durch elastische Krümmungsänderung ihre Brechkraft zu erhöhen. Doch besteht auch am Auge des Knochenfisches eine beschränkte Einstellung auf die Entfernung des beleuchteten Objekts. Das Ziel einer maximalen Periskopie erreicht das Fisehauge durch Vorsteben der Angen am Kopfe und durch Orientierung der Augen naoh den Seiten hin. Der Digitizeit by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 721 - binokulare Gesichtsraum, der zweifellos existiert, ist stark eingeschränkt. Die Fische verwerten den zweiäugigen Gesichtsraum zu zweiäugigem Einfaohsehen und sogar zu stereoskopischem Sehen. Auch vermögen sie im Bereich des zweiäugigen Gesichtsraums Entfernungsunterschiede „wahrzunehmen“. Eigentümlich den Augen vieler Fischarten ist die starre Haltung trotz stark ausgebildeter Augenmuskeln, die hier in erster Linie einen Balancierapparat zur Herstellung einer bestimmten Grundstellung darstellen. Immerhin lassen Bich Seitenwendungen der Augen, vor allem in Verbindung mit bestimmten Kopfstellungen, auch bei den Fischen beob- achten. Divergensänderungen fehlen den Fiscbaugen vollständig. 2) Experimental snbaraehnoid injeotions of trypan blue, by W. C. Woolsey. (Journ. of nerv, and ment, disease. XLU. 1916. Nr. 7.) Bef.: W. Misch. Um festzustellen, ob medikamentöse Lösungen, die subkutan, intraarteriell oder intravenös und intralumbal injiziert werden, in gleicher Weise das Zentralnerven¬ system erreichen, werden hier in der angegebenen Weise Injektionen von Trypan- blau an verschiedenen Versuchtieren ausgeführt. Aus den Versuohsergebnissen werden für die Art der Salvarsanverabreichung bei zentralnervösen Erkrankungen folgende Schlüsse gezogen: Salvarsan erreicht das zentrale Nervengewebe sicherer und mit größerer Intensität bei subarachnoidaler als bei intravaskulärer oder subkutaner Injektion. Bei intraspinaler Verabreichung ist seine Einwirkung auf die Schädelhöhle geringer als auf das Bückenmark, so daß bei intrakraniellen Affektionen vielleicht eine direkte Injektion in den kraniellen Subarachnoidalraum durch eine Trepanationsöfihung nicht nur weniger gefahrvoll, sondern auch wirkungsvoller wäre. 8) Über die Wirkung der im Liquor enthaltenen Toxine auf das Nerven¬ gewebe bei Kaninchen, von Z. Mysliveäek. (Öasopis öeskych. 16k. LIH. 1914. S. 1209.) Bef.: J. Stuchlik. Verf. wollte feststellen, auf welche Art und Weise die im Liquor enthaltenen Toxine auf das Nervengewebe wirken können. Zu dem Zwecke injizierte er in die Schädelhöhle des Kaninchens 0,75 ccm Flüssigkeit, die gegebenenfalls Alkohol, Salvarsan, Staphylo- und Streptokokkentoxine enthalten hat. Zuerst beobachtete er entzündliche Veränderungen in Meningen und Arterienwänden, erst sekundär auch Hämorrhagien und malazische Veränderungen im Nervengewebe. Zu direkten Veränderungen kommt es nur in den Himhöhlen, wo man Ependymwucherungen und Erweichung der Wände beobachtet hat. Diffuse Veränderungen im Nerven- parenchym hat man nicht konstatiert, die Basalnerven blieben auch unverändert. Im Grunde gleichartige Veränderungen waren nach ihrer Lokalisation bei ver¬ schiedenen Agentien verschieden: so z. B. die Hämorrhagien nach Alkohol kamen t in der Hirnrinde, nach Salvarsan in der Medulla vor. Gegen Kokkentoxine iBt das Nervengewebe sehr widerstandsfähig. 4) Über eine Wirkung des Adrenalins auf das Gehirn, von A. Bass. (Zeit¬ schrift f. d. ges. NeuroL u. Psych. XXVI. 1914. S. 600.) Bef.: W. Misch. Bei Versuchen am Hund wurde beobachtet, daß subdurale oder intrazerebrale Injektionen von 8 bis 4ccm einer 1:600 Suprareninlösung (Merck) nach in Nar¬ kose ausgeführter Trepanation unmittelbar einen 2 bis 5 Stunden anhaltenden narkotischen Zustand zur Folge haben. Dabei sind die Sehnenreflexe und der Kornealreflex erhalten, die meist etwas verengten Pupillen reagieren prompt auf Liohteinfall; dagegen werden Sohmerzreize nicht empfunden, bzw. durch nachherige Adrenalinapplikation sistiert. Kleinere als die angegebenen Dosen bewirken nur einen somnolenten Zustand. Es ließ sich ferner eine starke Herabsetzung der Temperatur beobachten (bis auf 83,4°). Als Ursache der narkotischen Wirkung wird nicht eine Adrenalinwirkung auf die Gehirngefaße angenommen; vielmehr wird vermutet, daß es sich um eine direkte Einwirkung auf das nervöse Proto¬ plasma des Gehirns handelt. XXXIV. 46 Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 722 5) Über den Einfluß der Kühlung auf die Erregbarkeit der Großhirnrinde einerseits und der Kleinhirnrinde andrerseits, von A. Beck u. G.Bikeles. (Zentr&lbl f. Physiol. XXIX. 1914. H. 1.) Bef.: W. Misch. Aus den an Hunden ausgeführten Versuchen ergab sich, daß nach 3 Minuten langer Kühlung der psychomotorischen Region der Großhirnrinde eine deutliche Erniedrigung der Erregbarkeit derselben auftritt, daß dagegen bei den gleichen Kühlungsversuchen an der Kleinhirnrinde keine Spur einer Erregbarkeitserniedrigung zu beobachten ist. Diesee abweichende Verhalten der Klein* und Großhirnrinde wird damit erklärt, „daß man es beim Großhirn mit einer wirklichen Beizung der Rinde selbst zu tun bat, während bei Reizung des Zerebellum die er* haltene Muskelkontraktion der Ausdruck der Erregung der tiefer gelegenen Nuclei ist“. 6) Über die automatische Tätigkeit des Atemzentrums bei den Säugetieren und dem Menschen, von E. Babäk. (Biologickö Listy. III. 1914. S. 524.) Ref.: J. Stuchlik. Verf. unterscheidet eine primäre Automatie, ferner eine Regulierung der Atmung durch das Nervensystem und eine Regulierung durch das Blut. Die primäre Automatic läßt sich mit absoluter Sicherheit wohl nicht nach weisen, die Elimination mitwirkender Momente ist freilich enorm schwierig; aber — wie Verf. ausführlich diskutiert — hat die Ansicht, daß die Rhythmik der Atmung nicht peripher bedingt ist und nioht ein bloßer reflektorischer Vorgang, ihre Berechtigung. Die Nervenbahnen und andere innere Verhältnisse im Organismus ändern die primäre Automatic nur sekundär. Die Theorien über den Einfluß des Nervensystems sind genügend bekannt, die Blutregulierung, namentlich als Folge des Sauerstoffmangels bzw. Sauerstoff Überschusses, von vielen Autoren studiert, aber die ganze Frage ist noch weit von ihrer Lösung. 7) Over den oorsprong van den N. vagus bi) het konijn, van F. J. Stuurman. (Academisch Proefschrift Amsterdam 1913.) Ref.: W. Misch. Die ausführliche Arbeit enthält Untersuchungen über die Einteilung der Vagus* kerne des Kaninchens. Es wurden Durchschneidungen des Vagus an seinen ver¬ schiedenen Partien, sowie Durchschneidungen seiner Äste vorgenommen und dann die motorischen Ursprungsgebiete sowie die sensiblen Ganglien nach Weigert-Pal« und Marchi-, sowie zum Teil nach Nisslfärbung untersucht. Die Durchschneidungen wurden ausgeführt am Nervus vagus so zentral als möglich sowie zentral und peripher vom Rekurrensabgange, ferner am Rekurrens selbst, am Laryngeus superior und am N. depressor« Die Ergebnisse der histologischen Untersuchungen, die zum Teil nur die Untersuchungen anderer Autoren bestätigen, sind folgende: Der dorsale Vaguskern dient der motorischen und sekretorischen Innervation des Magen¬ darmkanals, nicht aber der des Herzens oder der Bronchien noch des Kehlkopfes; er gibt nur ungekreuzte Fasern ab. Seine Zellen unterscheiden sich in Form und Bau von denen des Nucl. ventralis und denen anderer quergestreifte Muskeln versorgender Fasern, was darauf hinweist, daß sie nicht quergestreifte, sondern glatte Muskelfasern versorgen bzw. sekretorische Funktionen haben. Diese Zellen lassen sich der Form nach in zwei besondere Arten teilen: eine kleinzellige Gruppe, die sich in kaudofrontaler Richtung ununterbrochen durch den ganzen Kern zieht, und einen größeren Zell typ, der vom Beginn des vierten Ventrikels bis zu dem frdhtalen Ende des Kernes den medialen Teil des Kernes einnimmt; vielleicht entsprechen diese beiden Zelltypen motorischen und sekretorischen Funk¬ tionen. Auch der Nucl. ventralis besteht aus zwei Teilen, die durch einen Zwischenraum deutlich geschieden sind und vom Verf. als Nucl. ambiguus inferior und superior bezeichnet werden. Der Nucl. ambiguus inf. besteht auB wenigen sehr großen und vereinzelt gelegenen Zellen, die der Innervation des Kehlkopfes durch den Rekurrens dienen; die Fasern desselben verlaufen ungekreuzt Zwischen Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 723 dem Naol. ambiguus inf. und Bup. finden sich einige Gruppen von Zellen, die nach Vagotonie intakt bleiben. Der Nucl. ambiguus sup. besteht aus Zellen, die kleiner und dichter als die des Nucl. ambig. inf. sind; ein Teil seiner Fasern ▼erläuft gekreuzt, und er versorgt auch noch den GlosBopharyngeus, und zwar mit seinem frontalen, dorsomedialen Teile. Der Nucl. ambiguus sup. dient der motorischen Versorgung der Rami pharyngei, laryngei sup. et med. und cardiaci, was allerdings nur per exclusionem angenommen werden kann. Was die sensiblen Fasern anbelangt, so entspringen auB dem Ggl. nodosum die sensiblen R. bronchiales und traoheales sowie ein Teil der Herzfasern, aus dem Ggl. jugulare der Rest der Herzfasern, die sensiblen Fasern des Hehlkopfes und des Hagendarmkanals. Eine Übersicht dieser Resultate wird in folgender Tabelle veranschaulicht: R. oesopb. et gastr. R. bronch. et tracb. N. recurrens R. cardiaci N. laryngeuB { ^ R. pharyngei mot. ] sekr. j aus dem Nucl. dorsalis. 8608. ? mot. ? sens. aus dem Ogi. nodosum. mot. tt ft Nucl. ambiguns inf. mot. ft tt Nncl. ambiguus sup. (?). sens. tt tt- Gangl. jugulare (?). mot. tt tt Nucl. ambiguus sup. sens. tt tt Ggl. jugulare (?). mot. tt tt Nucl. ambiguus sup. sens. ? 8) Zur Frage der sekundären Hörbahnen, von Alo» Er ei dl. (Monatsschr. t Ohrenheilk. u, Laryngo-Rhinologie. XLVIII. 1914. Nr.l.) Ref.: Max Senator. Aua seinen experimentellen Untersuchungen an 6 Hunden ergibt sich für Verf. vor allem die bemerkenswerte Erscheinung, daß bei allen 6 operierten Tieren deutliche Hörreaktioifen nachweisbar waren, obwohl bei ihnen die dorsalen ge¬ kreuzten Bahnen, bei 5 von ihnen auch noch sämtliche ventralen gekreuzten Bahnen, durchtrennt waren. Er konstatierte also in Übereinstimmung mit anderen Autoren, daß das Hörvermögen unverändert fortbesteht, wenn die ventralen Kreuzungen vollkommen durchschnitten sind, er konnte aber zeigen, daß auch nach totaler Spaltung der dorsalen Kreuzungen der sekundären Hörbahnen eine Änderung in bezug auf das Vorhandensein von Hörreaktionen nicht zu verzeichnen ist. Es können also sämtliche dorsalen und ventralen Bahnen in der Mittellinie durchtrennt sein, ohne daß sioh ein Unterschied im Verhalten solcher Tiere gegen¬ über Schallreizen im Vergleiche zu normalen Tieren erkennen läßt. Auch beim Affen muß nach weiteren Untersuchungen des Verf.*s bei kompletter Durchtrennung der sekundären gekreuzten Bahnen eine Leitung der Hörimpulse auf den gleich¬ seitigen ungekreuzten Bahnen bestehen. 9) Morphologische Veränderungen des gereizten Nerven, von H. Stübel. (Archiv f. d. ges. Physioi. CLV. 1914. H. 8. u. 9.) Ref.: W. Misch. Es werden neue Untersuchungen über die Struktur des Netzwerkes der Mark¬ scheide des gereizten Nerven bei Anwendung verschiedener Fixierungsflüssigkeiten mitgeteilt, woraus sich Schlüsse über die chemische Beschaffenheit desselben ziehen lassen. Zusammenfassend ergibt sich, daß in den Markscheiden des nicht fixierten Nerven bisher noch keine netz- oder wabenartige Struktur naohzuweisen war, daß dagegen durch Fixierung des Nerven eine Netzstruktur sichtbar wird, die je nach der Natur der Fixierungsflüssigkeit verschieden ist. Durch künstliche Verdauung ließ sich am frischen Nerven keine Netzstruktur hervorrufen. Die Netzstruktur der fixierten Markscheide widersteht der Trypsinverdauung. Eine • 46 * Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERS1TY OF MICHIGAN 724 Ninhydrinreaktion läßt sich in der Markscheide des nichtfixiertcn Nerven nicht beobachten; dagegen färbt sioh mit Ninhydrin am mit Alkohol fixierten Nerven das Netzwerk blan, am mit Sublimat fixierten rot. Es lassen sich aus diesen Beobachtungen die Schlösse ziehen, daß die Markscheidensubstans des frischen Nerven morphologisch homogen ist, daß aber bei der Fixierung Eiweißkörper der Marksoheide in Netzform niedergeschlagen werden. 10) Oontributlon experimentale & l’dtude de la ddgendresoenoe retrograde, par N. Loewenthal. (Nevraxe. XIV. 1913. S. 163.) Bet: W. Misch. Naoh einer ausführlichen Besprechung der Literatur Ober die retrograde Degeneration, aus der hervorgeht, daß die Chromolyse keine genügende Erklärung für die endgültige Degeneration der Nervenzelle h?t, beschreibt Verf. die Er¬ gebnisse seiner zahlreichen Tierversuche, aus denen er folgende Schlüsse zieht: Die Versuche mit gewaltsamer Extraktion von Nerven sind nicht eindeutig für das Studium der retrograden Degeneration, da sie zu Komplikationen traumati¬ schen Ursprungs, wenigstens bei den Bückenmarksnerven, Veranlassung geben. Die DurohsohDeidung eines Bückenmarksnerven unmittelbar außerhalb des Ganglions führt zu bedeutenden, frühzeitigen Veränderungen einer kleinen Anzahl von Ganglienzellen, die schon am zehnten Tage nach der Nervendurchschneidung deut¬ lich sichtbar sind, zu einer Zeit, in der die meisten Zellen nur Veränderungen in der Menge und der Verteilung der chromophilen Tnile aufweisen. Die Zell¬ veränderungen der wenigen, frühzeitig degenerierten Zellen lassen sich auf zwei hauptsächlichste Arten der Zelldegeneration zurückführen, die hyaline und die Körnchendegeneration. Der Zellkern weist chromatolytische Veränderungen auf; seine Form und die körnchenförmigen Farbkörper können lange bestehen bleiben. Nach Durchschneidung des IschiadicuB in der Höhe des Hüftgelenks lassen sich naoh 6 Wochen in vielen Zellen atrophische Veränderungen beobachten; immer aber sind gewisse Zellen ganz besonders betroffen. Zahlreiche Nervenfasern, deren Myelinsoheide und AohBenzylinder erhalten sind, sind auch in den Ganglien, die dem durchschnittenen Ischiadious entsprechen, noch vorhanden. Die Durch- schneidung des Isohiadicus ist von einer langsamen Veränderung des zentralen Nervenendes begleitet, die sich an der Myelinscheide mit der Marchi sehen Methode als diffuse, mit Osmium färbbare Körnchenbildung nachweisen läßt, während der Aohsenzylinder unverändert in den Fasern erhalten ist. Diese schwarzgefärbten Gebilde lassen sioh längs des ganzen zentralen Nervenendes, der hinteren Wurzeln und ihrer intramedullären Ausstrahlungen, also im hinteren Längsbündel, der grauen Substanz und des vorderen lateralen Bündels, verfolgen. Ähnliche ge¬ schwärzte Gebilde sind auch in den vorderen Wurzeln und längs ihrer Aus¬ strahlungen in die graue Substanz des Vorderhorns zu beobachten. Die Ver¬ änderungen des zentralen Endes des durchschnittenen Nerven sind als solohe nicht zu vergleichen mit der Degeneration, die im peripheren Ende des von seinem trophisohen Zentrum getrennten Nerven auftritt. 11) Ein Beitrag zum Studium der Regeneration von Hautnerven, von F. Hacker. (Zeitschr. f. Biol. LXV. 1914. H. 1 u. 2.) Bef.: W. Misoh. Infolge einer ganz peripheren chemisohen Alteration, die wahrscheinlich ein Hautnervenästchen betroffen hatte, war ein Empfindnngsausfall eingetreten, der sichere Zeiohen von Dissoziation erkennen ließ. Die Sinnespunkte an der Grenze des gelähmten Gebietes zeigten normale Schwellen. Erscheinungen von Hypästhesie waren nur nachweisbar, wenn auf das völlig gelähmte Gebiet Beize von soloher Stärke wirkten, daß sich ihre Wirkung auf die benachbarten normalen Fläehen ausbreiten konnte. Die Begeneration machte sich in der aohten Woche zuerst an der Grenze der gelähmten Stelle, und zwar für alle Empfindungsqualitäten za gleicher Zeit, bemerkbar. Die wieder erregbaren Sinnespunkte zeigten von An¬ fang an normale Sohwellen, waren aber in der Dichte zuerst bedeutend ver- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 725 mindert, um sechs Wochen nach dem Einsetzen der Regeneration den normalen Wert zu erreichen. 12) Die Lehre von der tonisohen Innervation, von A. v. Tschermak. (Wiener klin. Woohenschr. 1914. Nr. 13.) Ref.: U. Rothmann. Unter tonischer Innervation versteht Verf. eine dauernde Einflußnahme eines nervösen Gliedes auf ein anderes oder auf ein nichtnervösee Erfolgsorgan; man kann von Bedingungs- oder Zustandsinnervation sprechen. Der tonischen Inner¬ vation steht die vorübergehende oder alternative gegenüber. Am vegetativen Nervensystem findet sich die tonische Innervation an den Hohlmnskeln mit auto¬ matischer Rhythmik, so an den Lymphherzen der ungeschwänzten Batrachier, dann an den mesenterialen Lymphgefäßen. Auch für das Blntherz der Vertebraten nimmt Verf. einen nervösen Dauereinfluß an; er faßt die Herztätigkeit zwar als myogen begründet auf, jedoch in gewissen Richtungen als neurogen bzw. neuro- fixiert bedingt. Auch die gesamte glatte Muskulatur, vor allem jene der Hohl¬ organe, zeigt ähnliche tonische Innervation. Auch an den drüsigen Organen, so¬ wohl denen mit AusfÜhrungsgang als auch denen mit innerer Sekretion, spielt die tonische Innervation eine wichtige Rolle. Am Zentralnervensystem ist der neurogene Spannnngstonns der Skelettmuskeln, dann die tonische Einflußnahme auf die Reflexbögen zu erwähnen. Auch die reflektorischen Wirkungen des Lungenvagus und des N. depressor gehören hierher. Auch den inter- und intrakortikalen Ver- bindungssystemen kommt zum Teil eine tonische Rolle zu. Der bedingende Einfluß, den eine tonisch funktionierende Nervenzelle auf das Ansohlußgebilde ausübt, dürfte in einer Beeinflussung des Zustandes der Plasmakolloide bestehen. Verf. weist auf die Beziehungen der tonischen zur trophischen Innervation hin. Neben der tonischen Innervation besteht aber die weitgehende Automatic der Gewebe zu Recht. 13) Meine „Kompressionsreaktion“, von Richard Geigel. (Deutsche Zeitsehr. f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. hat vor 21 Jahren unter dem Namen „Kompressionsreaktion“ eine eigentümliche Änderung des normalen Zuokungsgesetzes am menschlichen Nerven beschrieben, die dann auftritt, wenn NerV und Gefäße komprimiert werden, und darin besteht, daß unter dem Einfluß der Kompression und, so lange sie anhält, eine Steigerung der Öffnungszuckungen erfolgt, am auffallendsten an der Kathode. Aus neu angestellten Versuchen ergab sich, daß die Steigerung der Öffnuhgs- zuckungen abhängig ist von der Höhe des Druckes, mit dem die Kompression ausgeübt wird. Das kann ebensogut vom Druck auf den Nerv als auf die Gefäße abhängig sein. Die bedeutendste Steigerung erfahren aber die Öffnungszuckungen, wenn der Druck der Manschette die Höhe des Blutdruokes erreicht. Die Über¬ erregbarkeit des Nerven gegen Öffnung des Stroms ist nicht durch Druck auf den Nerven, söndern durch Bchleohte Blutversorgung des Nerven hervorgerufen, gleichgültig ob es sich um arterielle Anämie oder venöse Hyperämie handelt. -14) Studien Aber den Kralteinn, von M. v. Frey. (Zeitschr. f. Biologie. LXIII. 1914. H. 3 u. 4.) Ref.: Kurt Mendel. Aus den Schlußfolgerungen sei folgendes hervorgehoben: Befestigt man Massen in verschiedenem Abstande von der Schulter auf dem versteiften und horizontal gehaltenen Arm, so werden nicht ihre Gewichte, sondern ihre Drehungsmomente wahrgenommen. Die Versuchsperson hält im allgemeinen nur solche Gewichte für gleich, die dasselbe Drehungsmoment in bezug auf das Schultergelenk besitzen. Bei raschen Bewegungen des Armes erscheinen Gewichte von gleichem Drehungsmoment, aber verschiedenem Abstand vom Gelenk nicht mehr gleich. Wahrscheinlich werden die Empfindung deB Kraftsinnes (oder Muskelsinnes) durch gewisse rezeptorische Nerven in den Muskeln und Sehnen, nicht duroh Nerven der Gelenke vermittelt. Diese Empfindungen sind für die Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 726 N Beurteilung von Gewichten ebenso bedeutungsvoll wie die Wahrnehmung des Bewegungserfolges. 15) Über Variationen des Verhältnisses der Kraft beider Hände unter Einfluß von Arbeite* und Buheperioden, von M. J. van Erp Taalman Kip. (Psychiatr. en Neurol. Bladen. 1914. Nr. 4 u. 5.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. berichtet über seine Untersuchungen über die dynamometrisch gemessene Druckkraft der beiden Hände bei Patienten mit funktionellen Neurosen. Aus den wiedergegebenen Kurven ist zu ersehen, daß das Verhältnis zwischen der Kraft der beiden Hände bei Kranken sich von dem bei Gesunden in verschiedenen Punkten unterscheidet, und daß speziell das Überwiegen der Kraft der linken Hand sich bei an Neurosen Leidenden mehr findet als bei Gesunden. Auf die angewandte Technik kann nicht näher eingegangen werden. Aus drei mitgeteilten Fällen geht hervor, daß während einer längeren Arbeitszeit das normale Über¬ gewicht der Kraft der rechten Hand verloren geht, dagegen die Kraft der linken Hand überwiegt, daß dann unter Einfluß einer Ruhezeit die Störung wieder aus¬ geglichen wird und die Kraft der rechten Hand wieder ihre normale über¬ herrschende Stellung einnimmt. Durch Übung wird das Überwiegen der Kraft der rechten, durch Ermüdung der linken Hand bei rechtshändigen Personen ge¬ fördert. Bei vielen Personen zeigt sich eine sehr deutliche Tagesschwankung. Die asymmetrische Beeinflussung der Kraft beider Hände durch Übung, Er¬ müdung usw. hat seinen Grund in der Ungleichheit beider Großhirnhemisphären. 16) Über die während des Tages äuftretenden Veränderungen im Ver¬ hältnis der Kraft beider Hände, von M. J. van Erp Taalman Kip. (Psychiatr. en Neurol. Bladen. 1914. Nr. 6.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Es gelang Verf. bei mehreren Personen, eine deutliche Tagesschwankung in bezug auf das Verhältnis der Kraft beider Hände nachzuweisen; bei während längerer Zeit ununterbrochen fortgesetzter Untersuchung ließ sich eine Tages- schwankung niemals vermissen. Die Richtung dieser Schwankung ist aber bei verschiedenen Personen nicht dieselbe, auch bei demselben Individuum äußert sich die Tagesschwankung zu verschiedenen Zeiten nicht immer auf dieselbe Weise. Einige Male wurde auch eine Umkehrung des Tagestypus festgestellt, so daß Zeiten, in welchen der Morgenwert am größten war, mit solchen, wo das umge¬ kehrte Verhalten eintrat, wechselten. Verf. läßt die Frage offen, ob der Unter¬ schied in bezug auf Morgen- bzw. Abenddisposition der Ausdruck einer Verschieden¬ heit der Anlage oder einfach die Folge während längerer Zeit geübter ver¬ schiedener Lebensgewohnheiten ist, hält aber die letztere Annahme für die meist wahrschei nliche. 17) Über die Frage der qualitativen Verschiedenheiten in der Tätigkeit der Nervenfasern, von E. Bah&k. (Biologiokö Listy« XXIL I. Teil: S. 169; II. Teil: S. 258.) Ref.: J. Stuchlik. Verf. stellt sich entschieden für die Ansicht über die qualitativen Verschieden¬ heiten der Fortgänge in Nervenfasern auf Reizung ein. Natürlich die Vor¬ stellungen über die Quantität dieser Differenzierungen können sehr verschieden sein; und wir haben vorläufig nur sehr wenige experimentelle oder überhaupt empirische Möglichkeiten, die Fortgänge im Nerven zu differenzieren. Deshalb verfügen wir nur über Theorien. Eines ist nur sicher, daß die Annahme von der Einheit aller Vorgänge durchaus widersinnig ist, denn schon die quantitativen Verschiedenheiten müssen eine Veränderung der Qualität zur Folge haben. Wir können uns die Nervenreizung als einen komplexen chemischen Vorgang vor¬ stellen, den man in seine Komponenten zersetzen kann. Schon in diesem Falle müßten die quantitativen Eigenschaften der Komponenten zur qualitativen Differenzierung der ganzen Tätigkeit führen. Verf. ist bestrebt, seine Ansichten 727 möglichst eingehend an konkreten Beispielen der Nervenphysiologie zu de¬ monstrieren. 18) Das Verhalten des interstitiellen Bindegewebes beim untätigen Muskel« von S. Erben. (Jahrb. f. Psych. u. Neur. XXXVI. Wagner v. Jauregg- Festschrift.) Re£: Kurt Mendel. Das wichtigste Ergebnis der Untersuchungen des Verf. besteht darin, daß das interstitielle Bindegewebe im untätigen Muskel sioh verschieden verhält, je nachdem letzterer gedehnt oder verkürzt gewesen. Der gedehnte Muskel läßt Hypertrophie der Zwischensubstanz vermissen, hier geht Atrophie der Muskel¬ fasern mit einer Verringerung der Zwischensubstanz Hand in Hand, während der auf das kürzeste eingestellte Muskel neben verschmälerten Mukeifasern eine Ver¬ mehrung des interstitiellen Bindegewebes aufweist. 19) Beobachtungen an Hautfläohen mit geeohädigter Innervation« von M. v. Frey. (Zeitschr. f. Biologie. LXIH. 1914. H. 8.) Ref.: K. Boas. Neben der Untersuchung experimentell gesetzter und in Verheilung begriffener Unterbrechungen afferenter Nerven ist das Studium von Fällen dauernd unvoll¬ ständiger Innervation wünschenswert. Es werden drei derartige Fälle angezogen, von denen zwei bereits mitgeteilt sind, der dritte hier beschrieben wird. Dieser letztere Fall betrifft Verf. selbst* und besteht in Ausfallserscheinungen im Gebiete des N. cutaneus femoris lateralis rechts und links. Die betroffenen Flächen sind sehr ausgedehnt. Es fehlt dort eine größere Zahl (etwa 90 °/ 0 ) der Nervenenden oder Sinnespunkte, doch ist dieser Ausfall nicht gleichmäßig über die Fläche verteilt. Neben Abschnitten, in denen gewisse Gattungen von Nerven oder auch alle vollständig fehlen, finden sich andere, deren Innervation nur wenig hinter der normalen zurücksteht. Im allgemeinen handelt es sich also um den streckenweise eingetretenen Verlust bestimmter Arten von Sinnesapparaten, bei Erhaltung gewisser anderer. Für den Zustand unvollständiger, auf gewisse Quali¬ täten sich beschränkender Empfindlichkeit von Hautstellen wird die Bezeichnung Merästhesie vorgeschlagen. Auf den Gebieten ohne Druckpunkte lassen sich Druckempfindungen nur durch solche Deformationen auslösen, welche auf die benachbarten normalen Ge¬ biete übergreifen. Deformationen durch Druck und Zug wirken dabei qualitativ gleich, Zug ist an nach außen gewölbten Hautstellen wirksamer als Druck. Ein tiefer Drucksinn im Sinne von Strümpell und Head ist nicht nachweisbar. Die noch vorhandenen Nervenenden zeigen bei Prüfung mit kleinflächigen Schwellenreizen normale Erregbarkeit. Dies gilt auch für die Enden der Schmerz¬ nerven. Für überschwellige, namentlich großflächige Reize, ist das gestörte Gebiet hyperalgetisch. Der scheinbare Widerspruch erklärt sich aus der trägeren Reaktionsweise des Schmerzsinnes und aus der übernormalen Neigung zur Summation zeitlich getrennter sowie zur gegenseitigen Verstärkung örtlich verschiedener Reize. Zu der oberflächlichen stechenden, beißenden oder brennenden Schmerz¬ empfindung gesellt sich sehr leicht die tiefe dumpfe. Sie kann auch für sich allein durch relativ schwache Reize ausgelöst werden, dort, wo die oberfläch¬ liche fehlt. Die auf dem gestörten Gebiete noch vorhandenen Sinnespunkte werden bei Erregung meist abnorm lokalisiert. Es findet eine Verlegung (Mißweisung) nach entfernten Stellen statt, oder der Ortswert ist für zwei und mehrere Punkte identisch (Kuppelung). E$ handelt sich um die von Head als Reference be¬ schriebene Erscheinung. Es werden verschiedene Annahmen zu ihrer Deutung erörtert. In methodischer Beziehung ergeben die Versuche, daß ohne geeichte Reize Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 728 und ohne Berücksichtigung der Beizflächen die Einsicht in die Natur einer rezeptorischen Störung unvollständig bleiben muß. 20) Note sur la brauche desoendante du nerf hypoglosse, par E. Kummer. (Revue medic. de la Suisse romande. 1915. Nr. 7.) Bef.: Kurt Uendel. In einem Falle von Fazialislähmung wurde zunächst die Fazialis-Accessoriäe- Pfropfung, dann, um die Funktion des letzteren wiederherzustellen, die Vereinigung des peripheren Endes des Accessorius mit dem zentralen des absteigenden Hypoglossnsastes ausgefuhrt Letzterer innerviert mitsamt Fasern aus den Zervikal¬ nerven den Storno -hyoideus, Storno -thyreoideus und Omohyoideus. Die Fazialia- Accessorius-Pfropfung brachte eine deutliche Besserung der Gesichtslähmung, die Naht zwischen Accessorius und absteigendem Hypoglossusaste gab hingegen ein weniger gutes Resultat; es blieb eine teilweise Lähmung des Sternocleido- mastoideus und der klavikulären Portion des Trapezius, deren Gründe entweder in einer Unvollkommenheit der Naht oder in dem Mißverhältnis im Kaliber des genähten Nerven oder aber vielleicht in der Ungeeignetheit des absteigenden Hypoglossusastes zur Nervenpfropfung zu suchen Bind. Diese letzte Eventualität studierte Verf. auf experimentellem Wege. Er kam hierbei zu folgenden Er¬ gebnissen: 1. Die Konstitution des absteigenden Hypoglossnsastes scheint die gleiche beim Hund und Menschen. 2. Die zu den Larynxhebern gehenden Nervenfasern verlaufen im Hypoglossus, ohne durch den absteigenden Ast durchzugehen. 8. Die Fasern des absteigenden Astes scheinen ausschließlich für die Larynx- herabziehenden Muskeln bestimmt zu sein. 4. Der absteigende Ast führt zentrifugale und zentripetale Fasern. 5. Die obere Partie desselben besteht einzig aus zentrifugalen, die mittlere Partie gewöhnlich aus zentrifugalen und zentripetalen Fasern, die untere gleich¬ falls, doch ist letztere zuweilen zusammengesetzt aus lediglich zentripetalen Fasern. 6. Die Faradisation der Durchschneidungsoberflächen des absteigenden Astes ist das sichere und einfache Mittel, um sich während der Operation — auch beim Menschen — zu vergewissern, in welcher Richtung die Nervenfasern ver- aufen. Pathologische Anatomie. 21) Postmortale Strukturveränderungen der Ganglienzelle, von Ludwig Reisinger. (Zoologischer Anzeiger. XLV. 1915. Nr. 18.) Ref: Kurt Mendel Verf. prüfte die Ganglienzellen des Gehirns eines Igels, der, anscheinend nach Verlassen des Winterquartiers eingegangen, gefunden wurde. Normalerweise heben sich nach Krausescher Färbung die Nisslschollen als dunkelblaue Granula vom violetten Plasma der Ganglienzelle deutlich ab. An den Zellen des Igel- gehims konnte nun aber Verf. keine Nisslkörper beobachten, was die Vermutung nahelegte, daß duroh Fäulnis verursachte Veränderungen der Ganglienzellen Platz gegriffen haben. Aus weiteren Versuchen folgert Verf. gleichfalls, daß postmor¬ tale Prozesse eine Auflösung der naoh Nissl als Schollen darstellbaren Substanzen der Nervenzelle verursachen. Diese Feststellung hat auch praktisch hygienische Bedeutung, da auf dem Wege der mikroskopischen Untersuchung die Möglichkeit gegeben ist, längere Zeit liegendes Gehirn vom menschlichen Genuß auszuschließen. 22) Der gllöae Anteil der senilen Plaques, von A. Cowe. (Zeitschr. f. cL ges. Neurol. u. Psych. XXIX. 1916. H. 1.) Ref.: W. Misch. Zur Darstellung der gliösen Anteile der senilen Plaques wurde die Kom¬ bination der Levaditischen Plaquefärbung mit der Merzbacherschen Gliafärbung am geeignetsten gefunden. Die auf diese Weise gewonnenen Präparate zeigen. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 729 daß Gliaelemente an dem Aufbau der senilen Plaques nicht beteiligt sind. Die in der Umgebung von senilen Plaques vorhandenen Ringe von Gliafasern können entweder echte Gliawuoherungen darstellen, oder sie kommen durch rein mecha¬ nisches Auseinanderdrängen bestehender Gliafasern zustande. 28) Die Rhabdomyome des Herzens bei tuberöser Hirnsklerose, von Hugo Ribberi. (Centralbl. f. patholog. Anatomie u. allgem. Patholog. XXVI. 1915. Nr. 9.) Ref.: K. Boas. • In dem Falle des Verf/s war die außerordentlich große Zahl der neben den Rhabdomyomen des Herzens mikroskopisch nachweisbaren Keime aus embryonaler Muskulatur sehr bemerkenswert. Wie Verf. ausfährt, handelt es sich hierbei nicht um liegen gebliebene Bezirke embryonaler Muskelbändelabschnitte, sondern um selbständige Sprossen, die gleichsam seitlich aus ihnen herauswachsen, dann aber als aus dem Zusammenhänge ausgeschaltete Elemente ihre normale Weiter¬ entwicklung einBtellten. Auch in den kleinsten Keinem fehlen Wachstums Vorgänge nicht völlig. 24) Über eigenartige Schädeldefekte Im Jugendalter, von R. Schüller. (Fortschritte a. d. Gebiete d. Röntgenstrahlen. XXIII. 1915. H. 1.) Ref.: K. Boas. Verf. berichtet über drei Fälle, in welchen ausgedehnte Schädeldefekte im Jugendalter schmerzlos und ohne Gehirnsymptome, also nahezu unbemerkt, in Er¬ scheinung traten, ohne daß dieselben auf eine der bisher bekannten Ursachen (Entwicklungsanomalien, Trauma, Druckatrophie, Entzündungen oder Neoplasmen) mit Sicherheit bezogen werden konnten. In einem Falle bestand gleichzeitig eine Dystrophia adiposo-genitalis, in einem anderen ein DiabeteB insipidus. In zwei Fällen wurde ein relativ rasches Zurückgehen der Schädeldefekte beobachtet. Mit Rücksicht auf das eigenartige Röntgenbild bezeichnet Verf. die von ihm be¬ schriebenen Sohädeldefekte als „Landkartenschädel“. 25) Über zwei Fälle von Arachnodaktylie, von Friedrich Börger* (Jahrb. f. Kinderheilk. XII. H. 2. u. 3.) Ref.: Zappert (Wien). Mit diesem Namen bezeichnet man eine angeborene Waohstumsanomalie, die sich durch abnorme Länge und Schmalheit der Extremitäten kennzeichnet. Die distalen Knoohen sind hierbei sowohl im Vergleiche zu jenen eines gleich großen Kindes, als auch im Verhältnis zur Gesamtlänge desselben Individuums zu lang. Außerdem bestanden in den beiden Fällen des Autors anderweitige Mißbildungen. Die Ätiologie dieses partiellen Riesenwuchses ist nicht klar; auch der Sektions¬ befund des eines Kindes ergab keinen charakteristischen Befund. Es handelt sich vielleicht um eine frühzeitige (intrauterine) Erschöpfung der endokrinen Drüsen. Kriegsbeobachtangen. 26) Beobachtungen bei Schußverletaungen des Gehirns, von Arthur Stern. (Deutsche med. Wochensohr. 1916. Nr. 36.) Ref.: Kurt Mendel. Ver£ fiel die Häufigkeit der Stauungspapille bzw. Neuritis optica bei den schwereren Hirnschußverletzungen auf, ohne daß sich späterhin etwa eine der häufigen Komplikationen, wie Hirnabszeß oder eitrige Meningitis, als Ursache herausstellte. Beispiel: Gewehrschuß an der linken hinteren Scheitelbeinpartie; Stauungspapille, Kopfschmerz, leichte Somnolenz, Erhöhung des Liquordrucks, HirnprolapB. Die Erscheinungen gingen teilweise spontan, teilweise unter einer Lumbalpunktion zurück. Wahrscheinlich handelt es sich in solchen Fällen um eine entzündliche seröse Meningitis bzw. Meningoenzephalitis, ausgelöst durch den lokalentzünd- liehen Prozeß an der Läsionsstelle des Schädels bzw. des Gehirns. Solche seröse Meningitis kann bei offener Schädelhöhle durch die Druckerhöhung im Schädel- Di gitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 730 innern einen Prolaps begünstigen bzw. unterhalten. Behandlung: Lumbal* punktion. Eine große Gefahr für die Schädelschußverletzungen stellt die latente Ent¬ wicklung von Spatabszessen des Gehirns dar; besonders in den Prolapsen hat man Abszeßherde gefunden. Für Hirnabszeß spricht eine Progredienz der klinisch¬ nervösen Ausfallssymptome und die Inkongruenz zwischen dem Sitz der örtlichen Läsion am Schädel und der Größe und Art der nervösen Ausfallserscheinungen. Fieber und Allgemeinsymptome braucht der latente Spätabszeß nicht hervorsu» rufen. Die Stauungspapille bei Hirnschüssen entscheidet zwischen Meningitis serosa und Himabszeß zugunsten des letzteren höchstens dann, wenn sie über Wochen hinaus eine Tendenz zur Rückbildung (auch nach Lumbalpunktion) nicht zeigt. Bei den Taogentialschüssen des Schädels sind die nervösen Symptome zumeist in Übereinstimmung mit dem Ort der Hirnläsion; sie sind meist im weitesten Maße rückbildungsfähig, zumal die andere Hirnhemisphäre kompensatorisch ein- tritt» Oder aber es deuten abgesehen von Herderscheinungen Symptome, wie basale Hirnnerven-, Augenmuskellähmungen, auf Knochenfissuren, speziell an der Schädelbasis, hin, was durch das Röntgenbild bestätigt wird. Drittens kann die örtliche Läsion am Schädel mit dem Grad der Nervensymptome nicht überein¬ stimmen; neben der örtlichen Läsion können in der Tiefe des Gehirns noch andere Prozesse (Blutungen und vor allem Abszesse) vorliegen, die eventuell ein chirur¬ gisches Eingreifen erheischen. Als Begleiterscheinungen der Schädelschußverletzungen sind schwere funktio¬ nelle Störungen häufig; sie sind unabhängig von der Schwere der Verletzung. Ausgesprochene Hysterie ist seltener. Vasomotorische Störungen und subfebrile Temperaturen kommen häufig vor. 27) Kriegsohirurgisohe Ernährungen, von M. Hirsch und Th. MeissL (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 33.) Ref.: Pilcz (Wien). Aus diesem vorwiegend für Chirurgen bemerkenswerten Aufsatze seien nur folgende auch für den Neurologen interessante Punkte hervorgehoben: Bei den Tetanusfällen erfolgte der Tod in der Regel unvermittelt durch Zwerchfellkrampf; so rauchte ein Patient unmittelbar vor dem Tode noch eine Zigarette. Während der eigentlichen Wintermonate kam kein Tetanusfall vor. Fast ebenso oft wie Trismus sind tonische Krämpfe in der befallenen Extremität Initialsymptom, auch heftige Kreuz- und Rückenschmerzen infolge von Muskel¬ krämpfen noch vor Trismus. Bezüglich Schädelschüsse sollen Tangentialschüsse unbedingt operativ an¬ gegangen werden, da oft ein Mißverhältnis zwischen anfänglich ganz gering¬ gradigen klinischen Erscheinungen und Operationsbefund — Depression der Tabula externa, Splitterung der Tabula interna, Gehirnverletzungen — besteht Durch¬ schüsse und Steckschüsse verlangen nur dann einen Eingriff, wenn Splitterung oder Depression nachweisbar ist Betreffs der Rückenmarksschüsse bemerken die Verff. u. a., daß sehr oft bei den Blasenstörungen Katheterismus nicht notwendig ist, da fast stets das Phänomen der „ausdrückbaren“ Blase vorliegt. 28) Zur Prognose der Sohftdelsohüsse, von Engelhardt. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 32. Feldärztl. Beilage.) Ref.: Kurt Mendel. In einem Falle von Jackson scher Epilepsie nach Hirnschuß wurde erfolgreich nach Trendelenburg mit Dauerkühlung der Hirnrinde behandelt, wenigstens was die Ausbreitung, nicht die Häufigkeit der Anfälle anlangt In einem anderen Falle trat eine Meningitis serosa nach ausgeheiltem Hirnabszeß auf; in diesem Falle war ein Einbruch des allerdings kleinen Abszesses in den Seitenventrikel erfolgt, ohne sofort zum Tode zu führen (was die Regel ist). Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 731 20) Über sweckmäßige Gesichtsfeld verwert ring bei der kompletten homo¬ nymen Beohtshemi&nopsie, von Heitsch. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 32.) Ref.: Kurt Mendel. Hemianopsien sind nach Kopfverletzungen nicht selten. Die Rechtshemianopsie bedeutet einen viel empfindlicheren Ausfall im Gesichtsfeld als die Linkshemi¬ anopsie, weil bei ersterer ein zusammenhängendes, fließendes Lesen ausgeschlossen ist; denn Rechtshemianopiker können nur Buchstaben an Buchstaben reihen, nur buchstabierend lesen, wie es Kinder tun, wenn sie lesen lernen. Erlernen die Rechtshemianopiker sich auf das linke Gesichtsfeld einzustellen, so ist damit viel gewonnen. Verschaffen wir dem Rechtshemianopiker die Möglichkeit, von rechts nach links zu lesen, so ist er nicht schlechter daran als der Linkshemianopische. Die Bedingungen hierzu sind aber erfüllt, wenn man Druckblatt oder Schriftstück auf den Kopf stellt und nun von unten nach oben liest. Hierdurch wird das rechte Gesichtsfeld zum Lesen entbehrlich. Mit einiger Übung kann auf diese Weise jeder Rechtshemianopiker gut lesen lernen. 30) Organische Schädigungen des nervösen Ohrapparates Im Kriege, von Johannes Zange. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 32. Feldärztl. Beilage.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. unterscheidet 1. Schallschädigungen durch den Gefecbtslärm (meist duroh Geschütz- und Maschinengewehrfeuer); 2. Schädigungen nach Granatkontusionen oder großen Explosionen (neben dem Schall spielen der Luftdruck und die mecha¬ nischen Erschütterungen, die auf das Labyrinth einwirken, eine große Rolle; meist ist neben der Schädigung der Schnecke eine solche des Vorhof bogengangsapparates vorhanden [Commotio labyrinthii]); 3. direkte Verletzungen und Erschütterungen des inneren Ohres; 4. Schädigungen des Ohrapparates bei Erschütterungen des Schädels nach Sturz, Schlag oder Prellschuß (mit oder ohne gleichzeitiger Schädel¬ basisfraktur). Jedenfalls ist bei jeder Schädelerschütterung, auch wenn keine Ohr- störungen angegeben werden, der Ohrapparat genau zu prüfen. 31) Über das nächste und weitere Schioksal der Büekenmarkssohuß- verletzungen; ein theoretischer Vorschlag zur Beeinflussung desselben, von Robert Spoerl. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 33. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. meint, daß es vielleicht bei Rückenmarksschüssen gelingt, nach Resek¬ tion des narbig veränderten Marks und entsprechender Mobilisation des Rücken¬ marks die getrennten Systemstränge in leitungsfahige Gegenüberstellung und An¬ einandernäherung zu bringen (indirekt durch Naht oder Raffung der Dura und Dehnung der hemmenden Wurzeln). Das zerstörte Markgebiet kommt ja in der Regel nicht als lebenswichtig an sich in Betracht; verhängnisvoll ist nur die Blockade der zentralen Leitung und der zerstörte Anschluß an dieselbe und da¬ mit an all die hirnwärts gelegenen Kerne, die für das Leben wichtige Zentralen darstellen und, dauernd ausgeschaltet, den sicheren Tod zur Folge haben. Gelingt es, diese Narbenblockade durch Resektion in der obigen Weise zu beseitigen, so können alle diese unterbrochenen sensiblen, nutritiven und motorischen Bahnen wieder frei werden. 32) Beiträge zur Kenntnis der trophlsohen Störungen bei Sohnßverletzungen peripherer Nerven, von Steinberg. (Wiener klin. Wochenschrift. 1915. Nr. 31.) Ref.: Pilcz (Wien). In 70 Fällen konnte Verf. bei 52, d. h. über 70°/ 0 , trophische, vasomoto¬ rische und sekretorische Störungen beobachten. Was erstere anbetrifft, so schildert Verf., abgesehen von den bekannten Muskelatrophien durch Inaktivität oder durch Ausfall des trophischen Zentrums, röntgenographisch nachweisbare Knochenatrophien, ferner die verschiedensten tro¬ phischen Störungen an der Haut, wie Hyperkeratose — relativ häufig bei Icbiadicus- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 732 lähmungen —> abnorme Vulnerabilität gegenüber höheren Temperaturen, abnorm rasches Wachstum der Nägel — häufiger als das Gegenteil, Onyoholysii, abnorme Quer- und Längsfurchung —, besonders bei Radialisaffektionen, ferner Hyper- tricbosis, viel seltener Hypotrichosis. Die Hypertrichosis wird besonders eingebend erörtert, am häufigsten bei Ulnarisläsion, am seltensten bei Ischiadicusverletsnng. Zu den vasomotorischen Störungen gehören ödem, subjektiv und objektiv wahrnehmbare Kälte und livide Verfärbung. Als Störung der Sekretion Hyper- und Hypo- bzw. Anhydrosis, entere un häufigsten, tritt unmittelbar oder ganz kurz nach Verletzung auf im Gegensatte zur spät sich entwickelnden Hypertrichose. Ausbreitung bzw. Intensität aller der beschriebenen Störungen läßt einen Parallelismus zur Intensität der motorischen oder sensiblen Lähmung nioht er¬ kennen. Auf Grund der Beobachtung muß die Existenz trophischer Nerven angenommen werden, deren Wirkungsweise ganz anders vorzustellen ist als die motorischer und sensibler Fasern. 33) Über Störung der Harnentleerung infolge?Erkältung v von G. Stiefler und R. Volk. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 34.) Re£: Pilcz. Die Verff. 'beobachteten 49 Fälle nervöser Blasenstörung infolge Erkältung. Die Fälle wurden klinisch genau untersucht, wobei speziell auf Messung der Blasenkapazität und Bestimmung der Faradosensibilität — nach den Unter¬ suchungen von v. Frankl-Hochwart und Zuckerkandl — geachtet wurde. Die Fälle verteilten sich wie folgt: 26 Pollakisurie, und zwar reine Pollakisurie 8, kombiniert mit falscher In¬ kontinenz, d. h. Impetuosität des Harndranges 14, und endlich Pollakisurie als Rezidiv 4 Fälle. Bei ersterer Gruppe normale Harnmenge und Kapazität, Farado* Sensibilität in 50 °/ 0 merklich erhöht, 2 mal normal, 2 mal deutlich abgeschwäcbt. Bei der zweiten Gruppe Harnmenge in etwa 2 /s vermehrt. Faradosensibilität, in 10 Fällen geprüft, 6 mal gesteigert, 3 mal herabgesetzt, lmal normal. Bei der dritten Gruppe war in 2 Fällen die erstmalige Erkrankung auch durch Erkaltung verursacht worden. 16 Enuresis, und zwar rein 2 mal, als Rezidiv 4 mal, kombiniert mit Polls* kisurie 6 mal und originäre und Spätenuresis 4 mal. Bei ersteren auffallend niedrige Werte der Faradosensibilität, bei den Fällen mit Pollakisurie Farado* Sensibilität 2 mal gering erhöbt, in zwei anderen stark herabgesetzt. Bei der letzten Gruppe relativ häufig Hypästhesie und niedrige, aber noch normale Werte. 7 Dysurie, und zwar rein 4 Fälle, symptomatologisch bei im übrigen wenig vorgeschrittener und symptomenarmer Tabes 3 mal. Eine tabellarische Zusammenstellung veranschaulicht Blasenkapazität und Faradosensibilität der Blase, des Blasenhalses und der vorderen Urethra ziffern¬ mäßig bei den einzelnen Fällen. Die Verff. betonen u. a. die relative Seltenheit derartiger Beobachtangen unter Friedensbedingungen und empfehlen als wichtige prophylaktische Maßregel entsprechende Versorgung der Soldaten mit warmer Wollwäsche. Ref. möchte nicht unerwähnt lassen, daß die Arbeit aus der damals ein¬ geschlossenen Festung Przemysl am 2. IIL d. J. mittels Fliegerpost abgesohickt worden ist. 34) Die moderne Elektromedizin in der Kriegstherapie, von Zanietowski- (Wiener klin. Wochenschr. 1916. Nr. 30 u. 31.) Ref.: Pilcz (Wien). Zu kurzem Referate nicht geeignet Verf. schildert hauptsächlichst theore¬ tische und praktische Seiten der modernen Elektrodiagnostik und -thermpie, wie Verf. dies in seinen früheren Studien — Kompendium der modernen Elektro- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 733 medizin (Berlin, Denticke, 1909 und a.a. 0.) — in selbständiger Weise mono¬ graphisch und in zahlreichen Vorträgen und Journalartikeln bearbeitet hat. 86) Die Ansledlung von Kriegsbeschädigten. Beiträge zur Invaliden¬ fürsorge, von Dr. Keup, Alfred Mayer und Paul Wölbling. (Schriften zur Förderung der inneren Kolonisation. Heft 18. Berlin, Deutsche Landbuch¬ handlung, 1915,) Ref.: Kurt Mendel. In den Aufsätzen der Verff. kommt zum Ausdruok, daß für eine große Zahl unsrer Kriegsinvaliden ländliche Umgebung und Wohnweise die besten Vor¬ bedingungen einer gedeihlichen Zukunft sind, daß aber der Gedanke der Invaliden- ansiedlung nur dann zu großzügiger Auswirkung gelangen kann, wenn es gelingt, ihm durch gesetzliche Bestimmungen Ausdruck und Basis zu verschaffen. Auch dafür, daß die Witwen der Kriegsteilnehmer landangesessen bleiben oder werden, müsse gesorgt werden; ihnen kann ebenso wie den Invaliden ein Teil ihrer Witwenbezüge als Kapital gegeben werden, und dieses Kapital dürfen sie, ge¬ wissermaßen als Mitgift, behalten, wenn sie sich entschließen, einen Mann aus der Landbevölkerung zu heiraten. Auch gegenüber unverwundeten Kriegern wird unter Umständen ein besonderes Entgegenkommen bei Ansiedlungswünschen an¬ gebracht sein (Keup). Die vom Lande stammenden Invaliden müssen auf das Land zurückkehren und nioht in die Städte ziehen. Wie im einzelnen die Invaliden- ansiedlung durchzuführen ist, wird des näheren gezeigt. An den Reichstag ist zur Frage der Invalidenansiedlung von den provinziellen Landgesellschaften am 7. Mai 1916 eine Eingabe eingereicht worden, in welcher gebeten wird, den Erwerb von ländliohen Grundstücken durch gesetzliche Ma߬ nahmen zu erleichtern; es sei notwendig, daß in Abänderung früherer Gesetze ein Teil der Invalidenrente bzw. des Witwengeldes als Kapital an die Berechtigten ausgezahlt werden kann, um sie so in den Stand zu setzen, die beim Erwerb eines Grundstückes erforderliche bare Anzahlung leisten zu können. Neurasthenie, Hysterie. 36) Ober Nenrasthenla oordis, von G. Graul. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 22.) Ref.: Kurt Mendel. Die idiopathischen Herzneurosen entstehen auf neuropathischer konstitutioneller Grundlage, vor allen Dingen auf dem Boden der neurasthenischen Krankheits¬ anlage. Die Neurasthenie cordis kann als eine funktionelle Minderwertigkeit des vegetativen Systems, d. h. des peripherischen (autonomen wie sympathischen) Hera¬ nervensystems in Erscheinung treten. Pulsarhythmien können auf rein nervöser Grundlage beruhen und sind durchaus nicht stets ein Symptom einer Myocarditis» Der Unterschied in der Pulsfrequenz im Stehen und Liegen ist bei Herzneurosen intensiver ausgesprochen als beim gesunden Herzen. Die Vermehrung der Frequenz ist dann wesentlich erhöht, sie dauert länger an, Arhythmien treten auf, die Re¬ spiration ist rascher, nicht selten nimmt die Dyspnoe asthmatischen Charakter an. Häufig sind bei Herzneurasthenie „Tropfenherz' 4 , Cor mobile, Schmerzpunkte im Bereich des Herzens, besonders unterhalb der Mamilla, Frequenzänderungen und Irregularitäten bei Druok daselbst, vasomotorische Störungen: Dermographie> Geeichtsröte und -blässe, kalte, livide Hände und Füße, Augenlidödeme, Neigung zum Schwitzen, Kopfschmerz, Schwindel, Schlaflosigkeit, Ohnmächten. Auskultatorisch sind bei nervösem Herz nicht selten akzidentelle systolische Geräusche, vorzugsweise an der Pulmonalis, nachweisbar, ferner Verstärkung des zweiten Pulmonaltones, Spaltung und Verdoppelung des zweiten Tones. Im zweiten Interkostalraum links ist zuweilen eine in ihrem Bestehen wechselnde Dämpfung festzustellen. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 734 Behandlung: Bekämpfung des neurasthenischen konstitutionellen Bodens (Allgemeinbehandlung, Hydrotherapie 9 Elektrizität, Hochfrequenz usw.), Sedativa (Brom, Valeriana, Valamin), bei erhöhtem Vagustonus Atropin, bei vermindertem Digitalis und Morphium. Überfüllungen des Magens, Meteorismus des Darmes, digestive Störungen sind durohaus zu vermeiden. 87) Hysteroneurasthenie oder chronische Appendioitii P Zugleich ein Beitrag zur Appendioitisfrage und ihrer Beziehung zur Oxyuris, von A. Rhein- dorf. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 26 u. 27.) Bef.: E. Tobias. Wenn auch bei Hysterischen und Nervösen allerhand Störungen Vorkommen, die eine Appendicitis vortäuschen können, so ist man teilweise mit der Diagnose Hysteroneurasthenie etwas zu schnell bei der Hand. Verf. bespricht vor allem die Beziehungen der Oxyuren zu allerhand krankhaften Störungen und Schmerzen in der Appendixgegend. Er fand bei Kindern in 50°/ 0 , bei Erwachsenen über 16 Jahre in 32°/ 0 Oxyuren im exstirpierten Processus vermiformis. Im Gegensatz zu Aschoff glaubt Verf., daß die Oxyuren träger, die an Appendicitissymptomen erkranken, an der Prozessusschleimhaut durch Oxyuris hervorgerufene Epithel¬ defekte haben, die Eiterungen zeigen, wenn bei der Operation Fieber vorhanden war, während die Defekte fast reaktionslos sind, wenn ohne Temperatursteigerung im Intervall operiert wurde. In Fällen, wo Verf. in den exstirpierten Wurm¬ fortsätzen vereinzelte Oxyuren auffand, fand er sehr oft in den Krankengeschichten ein „Ziehen 41 in der Blinddarmgegend angegeben und glaubt, daß oft Pseudo- appendicitis oder Hysteroneurasthenie in solchen Fällen auch post operationem diagnostiziert wird. Die Frage hat große diagnostische und therapeutische Bedeutung. 88) Über einen Fall von hysterischer Monoplegie, von M. Berliner. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 26.) Ref.: Pilcz (Wien). löjähr. Student, belanglose Anamnese. Vor 2 Jahren Schüttelfrost, rasch zunehmende Parese der rechten oberen Gliedmaße, Zyanose derselben. Pat. arbeitet unter Schmerzen eine Woche weiter, dann wurde Arm ganz gefühllos und ge¬ lähmt, und blieb dies, trotz aller Therapie, ein Jahr lang. Stak praes.: Korneal¬ und Rachenreflex herabgesetzt, schlaffe Lähmung der rechten oberen Extremität, an der aber ausgeprägte Flexibilitas cerea nachweisbar war; keinerlei Atrophien oder elektrische Erregbarkeitsveränderungen, Sensibilität normal. Therapie be¬ stand in Milieuveränderung, faradischen Pinselungen und hatte bald guten Erfolg. Verf. schließt, daß hysterische Symptome auch ohne Kenntnis und Berück¬ sichtigung des EntBtehungsmechanismus günstig beeinflußt werden können. 89) Torticollis neuritious, von Ö. Simerka. (Revue v neuropsychpathologii. XII. 1915.) Ref.: J. Stuchlik. Verf. gibt zuerst eine Einteilung der bisher beschriebenen Fälle des Torti¬ collis. Dann beschreibt er einen Fall, bei welchem sich die Schiefstellung des Kopfes plötzlich eingestellt hat. Der Muskel auf Druck nicht schmerzhaft, keine Anhaltspunkte für sonstige Möglichkeiten des Torticollis, nur beim Druck auf die Unterseite des Stemocleidomastoideus lebhafter Schmerz. Auf Aspirin und antineuralgisches Liniment Besserung, nach wenigen Tagen Verschwinden der Symptome. Es war da kein Krampf, keine Affektion der Wirbelsäule u. dgL, sondern es handelte sich um eine bestimmte Muskelsynergie, also eine bestimmte Haltung des Muskels, die infolge eines bestimmten Zweckes zustande kam. Aus der Tatsache, daß duroh den Druck auf den Nervus occipitalis minor und N. sub- cutaneus colli (also vom Plexus cervicalis) Schmerz hervorgerufen wurde, schließt Verf., es handle sich um Neuritis, und nennt also diese Haltung Torticollis neuriticus. Als Ursache der Neuritis ist die Angina, die die Pat. vor 14 Tagen durchgemacht hat, anzusehen. Die schiefe Lage ist gut zu begreifen, denn dadurch wird der er¬ krankte Nerv weniger gedehnt, was wohl zur Erleichterung dient. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 735 40) Die nasalen Beflezneurosen und ihre Behandlung, von Albert Blau. (Schmidts Jahrb. der ges. Medizin, Bonn, A. Marcus & E. Weber, 1915.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. bespricht zunächst das durch nasale Reize reflektorisch bedingte Asthma, welches also als eine nasale Reflexneurose anzusprechen ist. Ein therapeutisches Handeln in der Nase darf bei Asthma erst dann begonnen werden, wenn entweder wirklich pathologische Veränderungen auch sonst ein Eingreifen fordern oder wenn auf irgend andere Weise ein Zusammenhang sicher, zumindest sehr wahr* scbeinlich gemacht worden ist (Kokainversuoh, Auslösung eines Anfalles durch Sondenberührung usw.). Herzpalpitationen, Kardialgien, Tachykardien, Angina pectoris, Alpdrücken, Enuresis nocturna können gleichfalls bekanntlich als nasale Reflexneurosen auftreten und sind dann naBal zu behandeln, dergleichen einzelne Fälle von Basedowscher Krankheit, Epilepsie, Migräne, Trigeminusneuralgie. Verf. bespricht schließlich den nervösen Schnupfen, den Heuschnupfen und die Beziehungen der Nase zur Genitalsphäre (günstige Beeinflussung dysmenorrhöi- scher Beschwerden auf nasalem Wege). 41) Zur Bedeutung der Hyperplasie des Tuberoulum septi in der Patho¬ logie und Therapie der nasalen Beflezneurosen, von 0. Levinstein. (Zeitschr. f. Laryngologie, Rhinologie u. ihre Grenzgebiete. VII. 1914. H. 3.) Ref.: K. Boas. Verf. erörtert an Hand von 3 Fällen die Bedeutung der Hyperplasie des Tuberoulum bei von diesem ausgehender nasaler Reflexneurose. Nach der Er¬ fahrung des Verf.’s gibt es Fälle, die zwar von einem makroskopisch nicht ver¬ ändert erscheinenden, vor allem nicht hyperplastischen Tuberculum septi ihren Ursprung nehmen, aber im Laufe der Zeit zur Hyperplasie des letzteren führen. Diese wiederum führt ihrerseits zu einer Verschlimmerung der bestehenden Reflex¬ leiden und die Zunahme der Schwere der Reflexneurose wiederum zu einem weiteren Anwachsen der Hyperplasie. Als Behandlung empfiehlt Verf. die Galvanokaustik des Tuberculum septi. Dabei ist es gleichgültig, ob bereits die Hyperplasie des letzteren eingetreten ist oder nicht, da im letzteren Falle das Zustandekommen derselben auf das wirksamste bekämpft wird. Nach den Erfahrungen deB Verf.’s ist die Galvanokaustik ein geradezu ideales Verfahren zur Behandlung vom Tuberculum septi ausgehender nasaler Reflexneurosen. Zum mindesten gelingt es in einer großen Anzahl von Fällen, durch diesen einfachen Eingriff die Beschwerden des Patienten dauernd zu beseitigen und vor weiteren Folgezuständen zu bewahren. 42) Hysterisohe 8eh- und Hörstörungen bei Soldaten, von 0. Kluge. (Inaug.- Dissert. Berlin, 1914). Ref.: K. Boas. Innerhalb dreier Jahre wurden auf der Korpsnervenstation des Garnison¬ lazaretts I in Metz 293 Fälle von Hysteria virilis aufgenommen. Bei 10 Patienten (etwa 3,4°/ 0 ) standen Störungen des Gesichtssinnes im Vordergründe, in zwei Fällen handelt ob sich um hysterische Hörstörungen. An die ausführliche Mit¬ teilung der betreffenden Krankengeschichten schließt sich eine zusammenfassende Darstellung der Symptomatologie und Therapie der genannten Krankheitszustände. Zum Schluß wird die militärärztliche Begutachtung kurz erörtert. 48) Über die Behandlung subjektiver Ohrgeräusohe, von F. Arnheim. (Centralbl. £ innere Medizin. 1916. Nr. 7.) Ref.: K. Boas. Bei subjektiven Ohrgeräusohen nervöser Natur gibt Verf. „Otosklerol“, be¬ stehend aus Cimicifugin 6,66%, Brom 36,3%, Phosphorsäure 13,52% und Bah davon gute Erfolge. 44) Algunas oonsideraoiones 4 propösito de la sordo-mudez hlstdrloa oön motivo de un oaso ollnloo, par S. Hernandez. (Revista espanöla de Zaringologiä, Otologia y Rinologia. II. Nr. 7.) Ref.: K. Boas. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 736 Verf. berichtet im Anschluß an einige Fälle ans der Literatur über einen Fall von hysterischer Taubstummheit bei einer Frau. 45) Glenards disease. The oause of hysteria, neuraathenia and the visceral neuroses, by Otto Lerch. (New York med. Journal. 1914. 9. Dezember.) Bef.: K. Boas. An Hand von 2700 Fällen aus den letzten Jahren ist Verf. zu der Über¬ zeugung gelangt, daß die Enteroptose auf einer abnormen Form der Wirbelsäule beruht und daß die Hysterie, Neurasthenie und die viszeralen Neurosen durch Zirkulationsstörungen bei dieser konstitutionellen Anomalie verursacht werden. 25 einschlägige Beobachtungen, denen zum Teil kurze schematische Aufnahme¬ befunde beigegeben sind, dienen zur Illustrierung der Ausführungen des Verl’s. Verf. gibt ferner eine neue Perkussionsmethode an zur Diagnose der Entero¬ ptose und zeigt, daß der retrosternale mit Blut gefällte und in einer großen Anzahl von Fällen distendierte Thymusfettkörper die Ursache des Asthmas und von Wichtigkeit für die Hirnzirkulation ist, deren Störung zu Nervenstörungen führt. Die kleine Thymus der Fettleibigen und die große ausgebreitete Thymus des enteroptotischen Patienten sind ein Beweis für die Ansichten Wald eye rs und Ham mar s von den Thymusfunktionen bis ins hohe Alter hinein, ein Schluß, der sich auf mikroskopischen Befunden von ihnen äufbaut. Was die Behandlung anbetrifft, so ist die Regulierung des intraabdominellen Druckes das Wichtigste. Verf. empfieht zu diesem Behufe vor allöm die Bauch¬ atmung, die gelernt und geübt werden muß. Eine Bandage, wie die 1905 von dem Verf. angegebene, muß dazu ergänzend hinzutreten. Wegen der Zirkulations¬ störungen, die sich in einem heißen Klima stärker bemerkbar machen als unter dem toniBierenden kälteren Klima, empfiehlt Verf. vorübergehende Ruhe, etw* 1 bis 2 Stunden nach der Mahlzeit. Vollständige Bettruhe, wie sie u. a. von W. Mitchell gefordert wird, ist hingegen nicht notwendig nach Ansicht des Verf Empfehlenswert ist Aufenthalt in guter Luft, überhaupt soll der Patient wie ein Tuberkulöser oder dazu Disponierter behandelt werden. Im Hinblick auf die Magendarmstörungen macht sich die Innehaltung einer bestimmten Diät notwendig. Von Medikamenten kann man meist absehen. Zur Behandlung der Krämpfe dienen Abs foetida, Valeriana und Atropin. Bromide und andere Hypnotika sind bei Schlaflosigkeit, Abführmittel bei Obstipation anzuwenden. Daneben bediene man sich mit der nötigen Vorsicht, und erst wenn die genannten Mittel versagt haben, der Hydrotherapie, Elektrizität, Massage und Psychotherapie. Als Tonikum hat sich dem Verf. das Arsenik bestens bei chronischen Zuständen bewährt, welch« das Blut reinigt und reicher macht und die Abwehrkräfte des Organismus verstärkt Bei gelegentlichen okulistischen Symptomen schreite man zur Gläserverordnung. 46) Über Kotstauung als Quell* nervöser Schmerzempfindung und ihre Bedeutung für die Erkennung somatischer Verhältnisse, für das Be¬ finden von Neuropathen mit Wehgefühlen, von v. Pf ungern (Wiener med. Wochenschr. 1914. Nr. 38.) Ref.: R. Ganter. Verf. sieht die Ursache der verschiedensten nervösen Beschwerden in dsr Verstopfung. Er hat durch eine einfache Abführkur Heilung ersielt, wo andere Mittel wirkungslos geblieben waren. 47) Über nervöse Retentio urinae, von Dr. J. Cohn. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 9.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. spricht von den Fällen von Retentio urinae mit nervöser Ätiologie ohne anatomische Veränderung. Nervöse Harnretentionen kommen aber nicht so häufig vor, als man früher angenommen hat. Wichtig ist hier die Methode der Manometrie der Blase. Bei nervösen Harnverhaltungen weist die Manometrie einen geringen Blasendruck auf. Ferner erhebt man häufig den Befand der Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 737 Balkenblase, die nur dafür ein Zeieben ist, daß der Detrusormuskel eine größere Arbeit als normalerweise hat leisten müssen. Die Diagnose Betentio urinae ohne organische Ursache ist nur zu sichern durch den geringen intrayesikalen Druck, festgeetellt durch die tfanometrie. 48) Beitrag snr Lehre der sexuellen Neurasthenie, von G. Wehn er. (Inaug.- Dissertat. Kiel 1914.) Bef.: K. Boas. Verf. berichtet über 13 Fälle von sexueller Neurasthenie. Symptomatisch ist hervorzuheben, daß in einem Falle Lidflattern, in einem anderen Flattern der Hundmuskeln bestand. Belastung fand sich in 6 Fällen, von denen einer schwere DegenerationBzeichen aufwies. Ohne Belastung waren 5 Fälle. In einem Falle von Exhibitionismus, in dem übrigens 7 Jahre vor Begehung der Tat ein Schädel¬ trauma yorausgegangen war, nimmt Verf. ebenfalls Belastung an mit der Be¬ gründung, daß Exhibitionismus ohne Belastung selten yorkomme. 48) Sexuelle Hypochondrie und Skrupelsuoht, von Magnus Hirschfeld. (Zeitschr. f. Sexualwissenschaft. II. 1915. H. 4.) Bef.: Kurt Mendel. Die sexuelle Hypochondrie bedarf sowohl innerhalb der Hypochondrie als innerhalb der sexuellen Störungen besonderer Beachtung. Verf. bespricht die sexuellen Phobien (insbesondere die Syphilidophobie und Tripperhypochondrie), die Masturbationshypochondrie, die Pollutionshypochondrie, die Impotenzhypo- chondrie, bei welcher eine Aussprache des Arztes mit der Ehefrau des Erkrankten oft gut wirkt, die Hypochondrie der Verlobten, den Eifersüchte-, Beziehungs- und Verfolgungswahn der sexuellen Hypochonder. Eine der häufigsten Ursachen der Ehelosigkeit ist neben den sexuellen Perversionen die auf sexueller Hypochondrie und Skrupelsucht beruhende Unentschlossenheit. 50) Eine seltene Potenzstörung, yon Georg Flatau. (Deutsche med. Wochenschr. 1914. Nr. 13.) Bef.: Kurt Mendel Fall yon relativer „Ejakulationsimpotenz“: Erektion Yorhanden, Immissio möglich, doch niemals Ejakulation, obgleich die Erektion Dauer hat und starke Friktionen stattfinden. Bei Masturbation kommt es hingegen zu Samenerguß, ebenso bei libidinösen Träumen, die you Pollutionen begleitet sind. In solchen Fällen kann es sich um eine relative Schwäche des Ejakulätionszentrums handeln, oder aber es könnte im Anschluß an die Beizung ein krampfhafter Verschluß der Ausfährungswege eintreten, durch welchen der Eintritt des Spermas in die Harn¬ röhre und damit der Orgasmus verhindert wird. So wäre auch eine Erklärung gegeben, warum der eigentlich geringere Beiz bei der Masturbation und der unter einem veränderten psychischen Zustande erfolgende des erotischen Traumes die Ejakulation Zustandekommen lassen, die bei der Kohabitation ausbleibt. 51) Die Dyspareunie des Weibes, von H. Bohle der. (Archiv f. Frauenk. u. Eugenik. 1914. Nr. 2.) Bef.: Ph. Jolly. Die Dyspareunie des Weibes ist die trotz normalen Geschleohtstriebs mangelnde oder mangelhafte Wollustempfindung während des Koitus. Im Anfang der Ehe können das Ungeschick des Weibes, die Defloration und ein Zustand von schwachem Vaginismus einen dyspareunischen Zustand bei der jungen Frau hervorrufen, ferner kommen perverse Libido und Geschlechtskrankheiten bei der Frau ätiologisch in Betracht. Beim Mann sind es gewisse Impotenzformen und zwar besonders die mit Ejacolatio praecox einhergehenden Bildungsfehler des Penis und ebenfalls Perversionen der Libido. Von seiten beider Teile kann nicht passender Bau der Genitalien die Ursache bilden, ein wichtiges ätiologisches Moment ist ferner der Coitus interruptus. Als Folge der Dyspareunie treten nach Verf. bei der Frau 'Hypochondrie, Melancholie sowie Hysterie und Hysteroneurasthenie nicht Belten auf, ferner chronische Entzündung des Genitalschlauchs und Sterilität. Thera¬ peutisch empfiehlt Verf. Faradisation der Klitoris, Arrangement bei der Kohabi¬ tation, roborierende Diät, kohlensaure oder Sauerstoffbäder. XXXIV. 47 Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 738 62) Beitrag zur Lahre von der Errötungifuroht (Ereuthophobto), von M. Bernhardt. (Berlinerklin. Wochenschr. 1914. Nr. 80.) fief.: E. Tobias. Verf. teilt zwei Briefe von Patienten mit, die an krankhaftem Erröten litten, und diskutiert die Ursache des Leidens, das eine selbständige Krankheit sein kann, andererseits mit sexuellen Dispositionen in Verbindung gebracht wird, wie mit wüstem sexuellem Leben, Onanie usw. Wichtige ätiologische Momente sind auch Neurasthenie und Abstammung von nervösen Eltern. Alkoholgenuß läßt die aufBteigende Angst momentan oder für kurze Zeit in den Hintergrund treten. In den verschiedenen Mitteilungen über Ereuthophobie ist von Neigung zum Selbstmord und von Selbstmord wiederholt die Bede. Therapeutisch kommen Mittel in Frage, welche abnorme Erregungen des Nervensystems herabsetzen, sowie psychisohe Behandlung, eventuell hypnotische Einwirkung und eine die Kräftigung des Nervensystems im allgemeinen ins Auge fassende physikalische Therapie. 53) Über die sog. klimakterische Neurose, von J. Peln&f. (Obornik lekalsk^. XVI. 1915.) Bef.: J. Stuchlik. Verf. bezeichnet die traditionelle Diagnostik und Prognostik der klimakteri¬ schen Neurose als falsch. Er konnte sich bei seiner Praxis darüber wundern, wie pauschal man die Sache nimmt, die doch nicht so einfach sein kann. Um die Frage zu entscheiden, sammelte er seine 90 Fälle und zieht aus seinen Beob¬ achtungen ungefähr folgende Konsequenzen: Die Symptomatologie der genannten Störungen ist wohl genug beschrieben, die Prognostik aber schon stiefmütterlicher behandelt; im Gegensatz zur allgemeinen Ansicht erwiesen sich die Fälle des Autors in der Mehrheit als ernst, in mehr als der Hälfte konnte er die klimakterischen Beschwerden als Begleiterscheinungen ernsterer Erkrankungen der Zirkulation* organe ansehen, im Fünftel der Fälle mußte er die Prognose unsicher und ungünstig stellen, und nur etwa bei einem Viertel seiner Fälle fand er keine pathologischen Veränderungen, so daß er die Prognose gut stellen konnte. Was die Pathogenese betrifft, handelt es sich meist um vasomotorische Störungen, wohl infolge der auf¬ gehörten innersekretorischen Tätigkeit der Ovarien. Den Ersatz, den der Organismus durch andere Drüsen (Thymus, Thyreoidea, Hypophyse) leisten kann, genügt in den meisten Fällen nicht. 54) Eingebildete Gravidität, von K. LoecheL (Inaug.-Dissert, Kiel 1914.) Bef.: K. Boas. Verf. berichtet über drei interessante Fälle von eingebildeter Gravidität. Im ersten Falle gehörte auch der Koitus zur Wahnidee. Es handelte sieb um eine typische Paranoia mit Wahnideen betreffs der Schwangerschaft Der Fall ging in Heilung aus. Ebenso Fall II, gleichfalls eine Paranoia betreffend. Die Kranke glaubte an Wunder und war fest davon überzeugt, gravide zn sein. Im dritten Falle bildete sich die Patientin die Gravidität nach früher wirk¬ lich stattgehabtem Koitus ein. Eis bestand hier eine merkwürdige sexuelle Er¬ regbarkeit. Ätiologisch kämen in Betracht Lues, Potus, Haft, außerdem unehe¬ liche Abstammung und erhebliche moralische Defekte (Unzucht usw.). Im ganzen dürfte der Fall als eine schwere psychopathische Konstitution zu bewerten sein. Verf. führt dann einige Fälle an, in denen Hysterie eine Gravidität vor¬ täuschte. In anderen Fällen beschränkt sich die eingebildete Schwangerschaft darauf, unberechtigte Befürchtungen oder Hoffnungen auf Grund subjektiv oder objektiv wahrnehmbarer Symptome entstehen zu lassen. Im Affekt der Furcht genügt dann die leiseste Vorstellung der vermeintlichen Folgen, z. B. eines Fehl¬ trittes, um wirkliche Sensationen hervorzurufen, welche dann zu neuen Befürch¬ tungen Anlaß geben. Verf. führt einige solcher Fälle aus der Literatur an. Die Ursache eingebildeter Gravidität kann also eingebildeter Art sein, besonders wenn Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 739 große Uterus* und Adnextumoren mit ihren menstruellen Anomalien als Folge* ersoheinnngen dabei auftreten. In den beiden ersten, vom Verf. mitgeteilten Fällen beruhte die eingebildete Gravidität auf reinen Psychosen, indem niohts vorausgegangen ist, was irgendwie zur Annahme einer Gravidität hätte Anlaß geben können. Traum und Wunder spielten hier mit. Im dritten Fall hält Verf« eine degenerative Psychose für vor¬ liegend. Nach französischen Autoren, die auch therapeutisch auf Hypnose und Sug¬ gestionen einen großen Wert legen, spielt die Autosuggestion eine große Rolle. Die gesteigerte seelische Unruhe bringt neue leibliche Störungen hervor. Die Kranken befinden sich in einem Circulus vitiosus, -und wenn die Vernunft nicht das Wechselspiel seelischer und leiblicher Prozesse unterbricht, so entwickelt sich die dauernde, oft unheilbare Psychoneurose. Anders steht es mit den Fällen, wo wirkliche körperliche Leiden oder Ver¬ änderungen vorliegen. Hier braucht die Annahme der Frauen schwanger zu sein nicht auf psychischen Defekten zu beruhen. Diese letztgenannten Fälle werden ihre Heilung in erster Linie in der Be¬ seitigung der körperlichen Gebrechen finden, wobei dann die irrige Annahme einer Gravidität meistenteils von selbst verschwinden wird. In den übrigen Fällen ist eine Heilung nur von psychischen Heilmethoden zu erwarten. Aus einer Statistik von 51 Fällen von eingebildeter Gravidität aus der französischen, englischen und deutschen Literatur ergibt sich, daß die eingebildete Gravidität nicht nur in der Zeit des Klimakteriums auftritt. Die 51 Fälle fielen ins 15.—20. Lebensjahr * 6 mal 20.—25. 25.—30. „ 30.-35. „ 35.—40. 40.—45. 45.—50. „ 50.—60. 8 „ 10 , 4 , 10 3 r 1 65) Baitrag zur Lahre von dar aanllen Hysterie, von H. Kleine. (Inaug.- Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. Verf. berichtet über folgenden Fall: Eine 69jährige Frau ohne hereditäre Disposition oder andere ätiologische Erscheinungen zeigt anfänglich das Bild einer Magenaffektion: Appetitlosigkeit, schlechter Stuhlgang, Gefühl von Völle im Leib, keine freie Salzsäure. Auf neurologischem Gebiete: Auffallendes Zucken am ganzen Körper, Schluck¬ beschwerden, Anfälle von Kauen, Schlucken, Schmatzen und Schnattern, abnormes Gefühl, so daß sich Patientin angeblich für gravide hielt, ja sogar Wehen zu spüren glaubte. 4 Diagnose: Hysterie. Bei der Aufnahme zeigte Patientin Gehstörnngen, die ständig Zunahmen und besonders in Gegenwart des Arztes oder wenn Patientin sich beobachtet glaubte, intensiv auftraten, allgemeine Lähmungserscheinungen, universeller Schütteltremor und Sprachstörungen, teils Stottern von Satzteilen, Worten und Silben, teils Un¬ fähigkeit, vorgesprochene, einfache Worte nachzusprecben bei im übrigen fließender Sprache. Der Krankengeschichte geht eine resümierende Darstellung des Krankheits¬ bildes der senilen Hysterie voraus. 47 * Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 740 56) Bin Beitrag zu den nenröaen Äquivalenten Im Säuglingsalter, tob Margarete Wilhelm. (Deutsche med. Wochepschr. 1914. Nr. 30.) Bei: Kort Mendel. 8 Monate alter Säugling von sehr nervöser Mutter. Im Anschluß an eine Ernährungsstörung unstillbares, monatelang fortdauerndes und plötzlich mit dem Eintreten einer Nasendiphtherie aufhörendes Erbrechen. Nach Entfieberung wiederum Erbrechen. Dann Bronchopneumonie, Exitus. Autopsie: Pylorusmusku- latur nur etwas verdickt, keine Pylorusstenose, keine Veränderung der Magen¬ schleimhaut. Verf. nimmt an, daß bei dem neuropathischen Kinde, bei dem früher einmal eine von Erbrechen begleitete Ernährungsstörung bestanden hat, sich ein bedingter Reflex (Pawlow) herausgebildet hatte, der monatelang anhielt und erst dann ganz plötzlich erlosch, als eine schwere Erkrankung, die sozusagen als Hemmnis wirkte, eintrat. Mit dem Verschwinden der Krankheit stellte sich der Bedingungsreflex wieder ein, um bei erneutem Hinzutreten einer gleichartigen Hemmung wieder zu erlöschen. 67) Die Neurosen der Kindheit, von Cb. W. Bur. (Der Kinderarzt. XXIV. S. 193.) Bef.: K. Boas. Verf. erörtert in seiner Arbeit folgende drei Fragen: 1. Ist das Auftreten einer Neurose bei einem Kinde ein zufälliges Ereignis oder handelt es sich dabei um eine ganz bestimmte Veranlagung und um Kinder, die ganz besonders für Neurosen und Psychosen empfänglich sind? 2. Vorausgesetzt, es gäbe einen solchen Typus im Kindesalter, kann man für denselben in psychischer oder physischer Hinsicht irgend eine einigermaßen sichere Prognose hinsichtlich des Verlaufs stellen, und welche Bedeutung soll man hierbei den verschiedenen Neurosen und Psychosen beilegen? ' 3. Wenn für das spätere Leben eines ausgesprochen nervösen Kindes eine Neurose oder psychische Erkrankung zu erwarten ist, was kann in diesem Falle geschehen, um einem solchen Ausgang vorzubeugen? Die Beantwortung der einzelnen Fragen, die den Verf. znm Teil zu inter¬ essanten Ausführungen veranlassen, sind im Original nachzulesen. 68) Über psyohogene Magensekretlonsanomallen im Kindesalter, von Wil¬ helm Wegen er. (Archiv f. Kinderheilk. LXIII. H. 5 u. 6.) Ref.: Zappert. Bei größeren neuropathischen Kindern, welche über Appetitlosigkeit, manch¬ mal auch über Magenschmerzen klagen, fand sich recht häufig eine Verminderung der Salzsäure im Mageninhalt Die zu diagnostischen Zwecken ausgeführte Magen¬ ausheberung hatte meist auch einen psychisch-therapeutischen Erfolg, indem ohne andere Therapie als kleine Salzsäuregaben die Beschwerden rasch Bohwanden. 69) Über Dermographismus im Kindesalter, von Alex. Brinokmann. (Monats-* schrift f. Kinderheilk. XIII. H. 4.) Bef.: Zappert (Wien). Die Erscheinung des Dermographismus ist bei Kindern weit verbreitet So¬ wohl ganz gesunde als kranke Kinder zeigen das Entstehen einer linearen Haut¬ hyperämie nach kräftigem Streichen, ohne daß eine Beziehung zu bestimmten pathologischen Prozessen ausfindig gemacht werden könnte. Namentlich ist kein deutlicher Zusammenhang mit Neuropathie sowie mit exsudativer Diathese zu er¬ kennen; selbst Individuen mit ausgesprochener Neigung zu vasomotorischen Er¬ scheinungen sind nicht besonders zur Dermographie disponiert. Jedenfalls ist der diagnostische Wert des Dermographismus recht gering. 60) Klinische Studien über den Dermographismus, von Bezniöek. (Wiener klin. Woohenschr. 1914. Nr. 44.) Bet: Pilcs (Wien). Die Studien wurden angestellt an einem 36jährigen Menschen mit seit l l l t Jahren bestehender multipler Sklerose. Die mannigfach variierten, sehr genau angestellten und sorgfältig beschriebenen Versuche ergaben, daß der elevierte Dermographismus duroh Kälte und in ge- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 741 ringerem Grade durch Adrenalin hemmend beeinflußt werden kann, nicht aber durch Wärme, elektrische Reise, Atropin und Pituitrin. Der hemmende Einfluß des Adrenalins dürfte sich durch Wirkung auf glatte, vom Sympathicus inner- ▼ierte Muskulatur erklären, der der Kälte erstens gleichfalls durch Wirkung auf glatte Muskulatur, zweitens durch Hemmung des eigentümlichen Transsudations* ▼organgs der Kapillaren, der für das Zustandekommen des elevierten Dermo¬ graphismus von wesentlicher Bedeutung ist. 01) Über Psyohotheraple Im Kindesalter, von Hamburger. (Wiener med. Wochenschr. 1914. Nr. 24.) Bef.: Piloz (Wien). Verf., dessen Arbeiten über psychogene Erkrankungen des Kindesalters in diesem Centralblatte besprochen sind (1914, S. 833), seigt hier neuerdings an einer Reihe instruktiver Beispiele, wie ungemein häufig anscheinend organi¬ schen Affektionen eine funktionelle Genese innewohnt. Es sei beispielsweise er¬ wähnt, daß nach den Erfahrungen des Verf.’s 40 bis 50°/ 0 der Fälle chronischen Hustens bei Kindern nervöser Art sind, daß dem Keuohhuften, einer spezifischen Infektionskrankheit von etwa 4- bis 5 wöchentlicher Dauer, ein 2 bis 4 Monate dauerndes Stadium rein funktionellen Hustens nachfolgt usw. Bei Fällen kind¬ licher Epilepsie, Schlafstörung, Harnträufeln, PolJakurie usw. solle eine suggestive Therapie niemals vernachlässigt werden. Therapeutisch komme im Kindesalter die kathartiscbe Methode fast niemals in Anwendung, um so häufiger dagegen die Methode der Ablenkung, vor allem aber der Wachsuggestion, die in derartigen Fällen das wirksamste und der hyp¬ notischen Suggestion überlegen sei. Bezüglich des frühesten Vorkommens psychogener Erkrankungen im Kindes¬ alter teilt Verf. 2 Fälle von je 7 und 12 Monaten mit, deren Symptomatologie nach seiner Anschauung als psychogen aufzufassen wäre. 62) Psychotherapie in der Kinderheilkunde, von Theod. Gött. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 26.) Ref.: W. Alexander. Psychotherapie gibt es so lange, wie es Ärzte gibt. Das Neue an der modernen Psychotherapie ist das Bestreben, aus der instinktiven eine rationelle Psychotherapie zu machen, d. h. eine solche, die mit logischen Gründen gegen einen bekannten Krankheitsprozeß in Anwendung gebracht werden kann. Gerade in der Kinderheilkunde liegt ein ergiebiges Arbeite- und Forschungsgebiet für die Psychotherapie vor, weil gerade hier psychoneurotiBche und psychogene Symptome nach Häufigkeit und Wertigkeit eine bedeutsame Rolle spielen. Die psychotherapeutischen Methoden lassen sich in zwei große Gruppen einteilen: eine primitivere, die vom Arzt kein, tieferes Eindringen in die Persönlichkeit seines Patienten verlangt; und eine zweite, die dies in hohem Maße voraussetzt und damit ein weitgehendes Individualisieren erfordert. Zur ersten Gruppe gehört der Milieuwechsel und seine energischere Abart, die Isolierung; und die Beechäftigungs- bzw. Arbeitstherapie. Die Erfolge des Milieuwechsels bei Angstzuständen, Eß- Schwierigkeiten, Schlafstörungen usw. sind bekannt. Wichtig ist aber, daß das geheilte Kind langsam, aber nachdrücklich wieder in das tätige Leben hinüber¬ geleitet wird, was in der Klinik und im Sanatorium nicht möglich ist. Das ist mehr Sache des Heilpädagogen, durch angemessene Beschäftigung die Aufmerk¬ samkeit des Kindes zu fesseln. Andere psychotherapeutische Methoden beruhen auf der Suggestion, wobei es zunächst gleichgültig ist, ob der therapeutische Erfolg mehr durch logisches Überzeugen oder — unter Verzicht auf rationell Erfaßbares — duroh Beeinflussung der Affektivität der kranken Persönlichkeit erreicht wird. Bei beiden Wegen wirkt der Glaube an die Maoht und Kunst des Arztes, wofür die erhöhte Suggesti- bilität der Kinderspyehe besonders vorteilhaft ist. — Die Shock- oder Überrumpe- lungstherapie, die ja oft glänzende Resultate gibt, ist unsympathisch, weil Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 742: bei ihrem Versagen der Arzt für immer verspielt hat. Sie ist nor in ganz frischen Fällen indiziert, besonders also bei Aphonien, Astasien usw., die plötzlich entstanden sind. Andere Ärzte ziehen die Suggestio in refracta dosi vor. Beide Methoden werden besonders bei der Enuresis nocturna empfohlen; Erfolge und Mißerfolge dürften Bich hier die Wage halten. Übrigens ist eine Bacteriurie oder Myelodysplasie nicht als die Ursache, sondern höchstens als eine der Vorbedingungen für die Enuresis anzusehen. Auch die Hypnose ist hier zu empfehlen, die bei Kindern meist leicht gelingt; sogar Dubois benutzt sie hier. Schädliche Folgen hat Verf. nie gesehen, aber recht günstige Resultate. In der zweiten Gruppe ist die wertvollste Methode die Persuasion von Dubois, die die eigentliche Ursache aller neurotischen Erscheinungen in falschen Vorstellungen sieht und auf deren Beseitigung durch Erziehung zu logischem Denken basiert. Verf. teilt nicht ganz die theoretischen Voraussetzungen Dubois 7 ; er glaubt, daß auch in ihr nicht allein an die Logik, sondern ebensosehr an die Affektivität appelliert* wird. Jedenfalls sind die Resultate auch bei Kindern günstig. — Die Methoden von Breuer und Freud, die Psychoanalyse sowie die psychokathartische Methode, sind zu einseitig, besonders in der sexuellen Richtung» Sie sind noch im Entwicklungsstadium und als allgemein psychotherapeutische Methoden bei neurotischen Kindern noch nicht zu empfehlen. Für die Psychotherapie im Kindesalter gibt es keinen an sich richtigen oder falschen Weg. Welchen man im Einzelfall wählen soll, das hängt von der Eigenart des Kranken, ebenso aber von der Veranlagung des Arztes ab. 63) Zur Kenntnis der Beeinflussung vegetativer Zentren duroh die Hypnose, von R. Mohr. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr.40.) Ref.: E. Tobias. Bei der Frage naoh der Existenz eines psychogenen Fiebers ist auch folgende Fragestellung von Wichtigkeit: Wenn es richtig ist, daß bei der Hysterie rein psychogen Fieber entstehen kann, so muß es umgekehrt auch möglich sein, dieses Fieber durch Suggestiv Wirkung mit oder ohne Hypnose zum Verschwinden zu bringen. Ferner müßte es a priori auch möglich sein, bei einer dazu geeigneten Person durch entsprechende Suggestion einwandfrei Fieber zu erzeugen. Verf. teilt nun einen in verschiedener Hinsicht interessanten Fall mit. Es gelang nämlich bei einer Patientin, die mehr der Schizothymie als der Hysterie angehört, einwandfrei durch hypnotische Suggestion eine Reihe von vegetativen Zentren zu beeinflussen und zwar zunächst den Temperatursinn. Ein von einer früheren Influenza her zurückgebliebenes, rein zerebrales Fieber konnte durch hypnotische Suggestion zum dauernden Verschwinden gebracht und ebenso wieder hervorgerufen werden. Weiterhin beeinflußt wurde die Magensaftsekretion. Die vorher anazide Patientin bekam einen reichlich Salzsäure enthaltenden Magensaft; er hielt lange an, ohne daß die Hypnose wiederholt zu werden brauchte. Endlich gelang die Beeinflussung eines offenbar echt katarrhalischen Schnupfens durch Hypnose. 64) Ein Beitrag zur Kenntnie der Dermatosen bei Hysterie, von Antoni. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 27.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Es handelt sich in dem geschilderten Fall um einen einwandfreien klassischen Fall von Selbstbeschädigung bei einem hysterischen Individuum« Die Geschwüre machten zwar hei der Patientin anfangs einen syphilisähnlichen Eindruck, doch wiesen sie ganz besondere BegrenzungBformen auf, wie die geometrische An¬ ordnung einzelner Herde und vor allen Dingen die Abtropfungsform am Arm; dann waren einzelne Geschwüre bedeckt mit einer braunroten, lederartigen Schicht Weiterhin kamen sie unter Hebrascher Salbe im Okklusivverband sehr schnell zur Heilung. Dann traten neue Geschwüre wieder unter besonderen psychischen B» dingungen auf* wie z* als . die Kranke entlassen werden sollte. • Bemerkenswert war auch dar wechselnde Charakter der einzelnen Eruptionen T —bald Blasen; Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 743 bald tiefe Nekrosen, dann wieder akute Dermatiden. Für Hysterie sprach dann nicht nur ein hysterischer Anfall, sondern auch das ganze Benehmen der Patientin. Die Geschwüre sind im .Anschluß an eine Operation plötzlich entstanden und sitzen im Operationsfeld. 65) Ein Fall von sogenannter hysterischer Dermatose, von C.Basch. (Archiv f. Dermatol, u. Syphilis. CXXI. 1915. H. 1.) Ref.: K. Boas. Die Patientin des Verf.’s verstand es, durch Reiben mit ihrem sehr harten Daumen eine Dermatose bei sich hervorzurufen. 66) Quelques nouvelles oonsiderations sur les psyoho-növroees profession- nelles, par T. A. William. (Nouvelle Iconogr. de la Salpetr, 1914. Nr. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Bei den Beschäftigungsneurosen ist die wahre Ursache des Leidens nicht die Beschäftigung an sioh, sondern vielmehr ganz im allgemeinen ein Fehler der An¬ passung seitens des Neurotikers. Sie sind rein psychopathische Störungen und nur durch psychologische Untersuchungsmethoden diagnostizierbar; ihre einzige Behandlung ist die Psychotherapie. 67) Ein ungewöhnlicher Fall von Selbstbesoh&digung des Auges, von P. Carsten. (Wochenschr. f. Therapie u. Hygiene des Auges. XVII. 1914. Nr. 39.) Ref.: K. Boas. Verf. teilt einen Fall von hysterischer Selbstbeschädigung des Auges durch längere Zeit fortgesetzte Instillation von Bleiessig mit. Der 17jähr. Patientin war wegen einer harmlosen Konjunktivitis, die mit dem Eintritt der warmen Jahreszeit regelmäßig etwas ezazerbierte, u. a. Liqu. plumb. subacet. verordnet worden. Bei der erneuten Vorstellung fand sioh die Bindehaut mit Bleiessig imprägniert; die Instillationspipette zeigte an der Innenseite den charakteristischen grauweißen Niederschlag von Bleiessig. Damit war jedes Leugnen der Patientin hinfällig. Der objektive Befund ergab: Hypermetropischer Astigmatismus, Sehschärfe nach genauer Korrektion nur 1 j i der normalen ohne pathologischen Augenspiegel¬ befund; konzentrisch eingeengte Gesichtsfelder, Fehlen der Korneal- und Rachen¬ reflexe. Diagnose: hysterische Amblyopie. Verf. hat in der einschlägigen Literatur nur einen ähnlichen Fall von Wage¬ mann gefunden, in dem jedoch Bleiessig aus Versehen in die Konjunktive ein¬ geträufelt worden war. Er gibt daher den Rat, bei Verordnung von Bleiessig¬ instillationen mit größtmöglichster Vorsicht zu verfahren und sich lieber anderer ebensogut wirkender Ersatzmittel zu bedienen. 68) Zur Hysteriefrage, von E. Raimann. (Wiener klin. Woohenschr. 1914. Nr. 44.) Ref.: Pilcz (Wien). Gerade 10 Jahre sind seit dem Erscheinen der bekannten Monographie des Verf.’s über die hysterischen Geistesstörungen verstrichen, und Verf. nimmt nun zu den verschiedenen Ansichten über Wesen und Abgrenzung dieser Krankheit auf Grund neuestens geäußerter Anschauungen und seither gesammelter Erfahrungen Stellung. < Zu kurzem Referate nicht geeignet. Wer eich für die Hysteriefrage inter¬ essiert —. und welcher Psychiater oder Neurologe müßte dies nicht? — wird mit Nutzen und Vergnügen der scharfen Logik des Verf.’« folgen. Namentlich sei auf die polemischen Stellen hingewiesen, in denen sich Verf. mit der Frend sehen Lehre auseinandersetzt. 60) Beitrag sur Kasuistik, der hysterischen Sohla&uatände, VO n Lotte Prager. (Inaug.-Dissertat. Leipzig 1915.) Ref.: K. Boas. Als wichtigste Kriterien für die Diagnostik „hysterischer Schlaf instand“ er¬ geben sieh ans der voq der Verfasserin gesammelten Literatur folgende Kriterien: Hysterische Schlafeustinde befallen fast nur jüngere Personen aus meist be- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 744 lasteten Familien; Potus, Epilepsie, Hysterie wird in der Aszendenz angegeben. In der Mehrzahl der Fälle weisen die Patienten aneh sonst hysterische Stigmata auf: lokale An» oder Hyperästhesie, Krampfanfälle, hysterische Augensymptome. Das weibliche Geschlecht ist häufiger, jedoch nicht ausschließlich daran beteiligt. Als auslösendes Moment kommt meist Schreck, Überanstrengung ubw. in Betracht. Die Dauer und Häufigkeit der Anfälle ist verschieden; wir finden ganz kurze Schlafattaeken wie solche von jahrelangem Bestehen. In vielen Fällen tritt eine periodische Wiederkehr zu bestimmten Stunden, Tagen, Gelegenheiten in Erscheinung. Vor dem Schlaf treten meist Müdigkeit und Kopfschmerzen auf, die, allem Ankämpfen zum Trotz, in den Schlaf übergehen. Die Muskeln sind meist schlaff, doch kommen auch Spasmen einzelner Gruppen vor, so Trismus, Lidflattern, Naokensteife. Das Tast- und Schmerzempfinden ist in den meisten Fällen fast völlig auf¬ gehoben, Koraeal- und Konjunktivalrefiex können fehlen. Die Sehnenreflexe sind intakt, die Pupillen sind mittelweit und reagieren prompt, die Augen sind meist geschlossen. Puls und Hautfarbe sind normal, Temperatur leicht erhöht, Reepi- ration oberflächlich. Nur in den seltensten Fällen lassen die Patienten Urin und Stuhl, ins Bett, die Dejekte sind entweder zurückgehalten oder die Patienten erwachen zur Ver¬ richtung ihrer Notdurft. Die Ernährung ist herabgesetzt, die Patienten verschlafen die Mahlzeiten, müssen vielfach künstlich ernährt werden. So fällt zwar das Körpergewicht, je» doch nicht im Verhältnis zu der mangelhaften Ernährung, da der allgemeine Stoffwechsel und die Ausgaben des Körpers herabgesetzt sind. Weder akustische, noch mechanische, nooh thermische Reize vermögen die Patienten zu erwecken, wohl aber Druok auf vorher als hyperästhetisch erkannte Zonen. Im allgemeinen sind die Patienten nicht Bofort wach, es tritt noch ein kurzdauerndes Stadium des Halbbewußtseins ein. Nach dem Schlaf sind die Patienten müde, schlaff^ ab¬ gespannt. Im allgemeinen besteht für die Zeit des Schlafes völlige Amnesie, doch kommen Fälle mit ganz oder teilweise erhaltenem Bewußtsein und Gehör vor. Die Anfälle können nach jahrelangem Bestehen plötzlich spontan verschwinden und können zwar nicht direkt zum Tode führen, aber in ihrem Verlauf die Lebens¬ bedingungen so ungünstig gestalten, daß die Patienten einer dazutretenden Schäd¬ lichkeit leioht erliegen. Therapeutisch käme einzig die Hypnose in Betracht. Sie wirkt jedoch nur in den seltensten Fällen und auch da nur auf einzelne Symptome. Verfasserin berichtet dann über folgenden eigenen Fall: Bei einem nur mäßig belasteten Mädchen, das im übrigen weder psychisch noch körperlich irgendwelche hysterischen Stigmata aufweist, treten seit dem 7. Lebensjahre infolge eines psychischen Traumas in Abständen von einigen Wochen Schlafzustände auf. Sie dauern durchschnittlich mehrere Stunden, dabei treten stets choreatische Zuckungen an den Extremitäten auf. In einem solchen Zu¬ stande wurde das Mädchen von einem Verwandten geschlechtlich mißbraucht Mit der eintretenden Gravidität häufen sich die Schlafanfälle derartig, daß nur nooh kurze Wachintervalle blieben. Am normalen Ende der im übrigen ohne besondere Beschwerde verlaufenen Schwangerschaft kam es zu einer raschen Spontangeburt. Nach dieser sind die Anfälle seltener geworden und scheinen wieder auf den vor der Konzeption bestehenden Zustand zurüokzugehen. Verfasserin erörtert im Anschluß daran die Differentialdiagnose der hyste¬ rischen Schlafzustände gegenüber der Narkolepsie und der Epilepsie. Gegen die echte Narkolepsie unterscheiden sioh die Schlafanfälle hysterischer Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 745 Natur 1. durch die viel geringere Häufung wie die längere Dauer, 2. dadurch, daß ein narkoleptiecher Anfall jederzeit von außen beendigt werden kann, während die echten hysterischen „Schläfer“ auf keinen von der Außenwelt kommenden Beiz reagieren, und 3. durch das hei Narkolepsie in alten Fällen erhaltene Bewußt¬ sein, das im hysterischen Schlaf nur selten und höchstens teilweise erhalten ist. Als Unterscheidung gegen die Epilepsie hebt Verfasserin hervor: die prompte Pupillenreaktion, das Fehlen jeder Demenz auch bei jahrelangem Bestehen und die Tatsache, daß nur in den seltensten Fällen die Patienten Urin oder Kot in das Bett lassen, was bei den Epileptikern zu den charakteristischen. Vorkomm¬ nissen gehört. Auch finden wir keinerlei Verletzungen und Zungenbisse. Gegen beide, Epilepsie wie Narkolepsie, spricht schließlich noch in den meisten Fällen von hysterischem Schlaf, daß sich bei den Betroffenen irgend. welche hysterische Stigmata feststellen lassen, oder in der Anamnese oder im Ver¬ lauf sich ausgesprochene, hysterische Krampfanfälle einstellen. Zum Schluß erörtert Verfasserin, ob, wenn der vorliegende Fall zu foren¬ sischen Komplikationen geführt hätte, der Täter sich einer strafbaren Handlung schuldig gemacht hätte. Sie bejaht diese Frage und hält ein Sittlichkeitsverbrechen im Sinne des § 176, 2 StrGB. für vorliegend. 70) Kasuistischer Beitrag zu Beflexstörungen im hysterischen Dämmer¬ zustand, von J. v. Ehrenwall. (Zeitsehr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 3.) Bef.: G. Stiefler. Bei einem 34jährigen, neuropathisch veranlagten Bankbeamten traten nach einer schweren körperlichen Erkrankung in direktem Anschluß an ein psychisches Trauma zum erstenmal im 12. Lebensjahre ZuBtände von Bewußtlosigkeit auf, die ihrer ganzen Art nach als hysterische gedeutet werden können. Sistieren der Anfälle während der Pubertät, Wiederkehr im 22. Lebensjahre (bevorstehende Hochzeit). Lues, Alkohol, wie Erkrankung der inneren Organe, Epilepsie kommen nicht in Betracht. Nach schwerem psychischem Trauma tritt im Anschluß an einen hysterischen Anfall ein Dämmerzustand ein mit totaler Areflexie: Pupillen maximal erweitert, rund, r. = 1., auf Lichteinfall starr. Patellar- und Achilles- sehnenreflexe, ferner alle übrigen Schleimhaut-, Haut- und Periostreflexe fehlen, pathologische Beflexe nicht vorhanden, Puls 106, Atmungsfrequenz 25. Allmählich — nach 2 bis 3 Tagen — kehren alle Beflexe entsprechend der Aufhellung des Bewußtseins wieder zurück und sind teilweise sogar recht lebhaft. Verf. versucht das Zustandekommen der reflektorischen Starre, die zu der Mydriasis (reflektorische Erweiterung auf nervöse Beize nach Bumke) noch hinzu¬ kommt, im vorliegenden Falle so zu deuten: die vom Centrum ciliospinale aus¬ gehenden sympathischen Äste sind dem Ooulomotorius gegenüber recht schwach und können unter normalen Umständen nur in beschränktem Maße eine Verände¬ rung der Iris hervorrufen. Ist aber der Ooulomotorius in seiner Funktion ge¬ hemmt oder werden die dem unteren Halsmark entstammenden sympathischen Fasern durch Beiz der zerebralen Wege, des SympathicuB unterstützt, so vermögen erstere ganz zur Geltung zu kommen und jede Veränderung der bereits extrenf erweiterten Pupille zu hindern, mit anderen Worten starr zu machen. Diese An¬ nahme ist um so mehr berechtigt, als auch noch andere Erscheinungen (Puls¬ beschleunigung, profuser Schweißausbruch, Speichelfluß) für einen Beizzustand des sympathischen Nervensystems sprechen. Verf. erwähnt noch einen zweiten Fall, einen neuropathischen, hysteyisch-degenerativen Kranken, der im Anschlüsse an eine Venenpunktion, wobei er infolge Blutscbeu einen leichten Schwächeanfall erlitt, maximale Mydriasis und Starre der Papille für wenige Minuten aufwies. Auoh das Fehlen der Patellarreflexe ist rein funktionell, und ist vorliegender Fall ein weiterer Beleg dafür, daß das Kniephänomen vorübergehend durch eine Störung der zentripetalen Leitung aufgehoben werden kann. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 746 71) Muskelaktionsatröme bei organischen und funktionellen Erkrankungen des Zentralnervensystems, von Walter Misch u. Auguste Lots. (Monats¬ schrift f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 3.) ßef.: Br atz (Dalldorf). Mittels des Edelmann sehen Saitengalvanometers wurden die Aktionsströme, die bei der Willkürkonzentration und bei der Auslösung des Patellarreflexes vom Quadrizeps erhalten werden, von 8 Patienten aufgenommen. Zur Untersuchung kamen teils Fälle, die infolge einer zentralen Erkrankung eine Steigerung der in den peripheren Neuronen ablaufenden Vorgänge aufwiesen, teils Fälle mit funk? tionell gesteigerten Reflexen. Es handelte sich darum, zu untersuchen, ob sich Unterschiede zwischen dem Ablauf der Aktionsströme im hypertonischen und im normalen Muskel ergaben und ob die Aktionsströme, die den Patellarreflex be¬ gleiten, bei einer durch organische und durch funktionelle Ursache bedingten Steigerung voneinander wie vom normalen wesentlich abweichende Kurven geben. Bei diesen Untersuchungen, welche am physikalischen Institut und in der psychiatrischen Klinik zu Berlin angestellt wurden, stellte sich heraus, daß die bei organischen wie bei funktionellen Läsionen vorkommenden Veränderungen der motorischen Funktionen nicht von entsprechenden Veränderungen der Aktions- ströme der Muskeln begleitet sind. 72) Abgrensung und Begriff des neuropathisohen Kindes, von Ewald Stier. (Deutsche med. Wochenachr. 1915. Nr. 27.) Ref.: Kurt Mendel. Zusammenfassung: Als neuropathisch zu bezeichnen sind diejenigen Kinder, bei denen in intensiver oder gehäufter Form auf einer fehlerhaften Anlage be¬ ruhende Funktionsstörungen der phylogenetisch ältesten Teile des nervösen Appa¬ rates sich zeigen, die als Steigerung der reflektorischen Erregbarkeit des zentralen oder vegetativen Nervensystems angesprochen werden müssen. Die so entstehen¬ den Störungen manifestieren sioh entweder im Gebiet der Unbedingten Reflexe als erleichterte, verbreiterte oder abnorm intensive motorische Reaktionen auf leiohte bzw. mittelschwere Reize, oder als ein verfrühtes Auftreten von Unlast¬ gefühlen bei den gleichen Reizen, oder, im Gebiet der bedingten Reflexe, als ab¬ norm langes und intensives Festhalten sogenannter häßlicher Angewohnheiten (Daumenlutschen, Jactatio capitis nocturna). 73) Über die Agrypnie der Neurastheniker und ihre Behandlung mit Hilfe der Franklinisation, von J. Koblizek. (Revue v neuropsych-patho- logii. XI. 1914/15.) Ref.: J. Stuchlik. Verf. wandte Franklinisation in einigen Fällen der Agrypnie auf neurasthe- nischer Grundlage in Form von Duschen an und erzielte hübsche Resultate; in einigen Fällen (davon zwei in extenso publiziert) vollständige Heilung, in anderen wesentliche Besserung. Verf. ist der Meinung, daß es sich bei dieser Art der Therapie nicht nur um Suggestion, sondern um tatsächliche Wirkung der Elek¬ trizität handelt. 74) Sohlafstörungen. Ein Nachwort und ein Vorschlag von Carl Happich. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 34.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. knüpft an an das Referat über die Behandlung der Schlaflosigkeit auf dem Wiesbadener Kongreß für innere Medizin. Das Resultat war, man solle möglichst kausal behandeln, die psychische Komponente beim Entstehen der Schlaf¬ losigkeit nicht vernachlässigen und möglichst wenig Schlafmittel geben, jedenfalls nicht automatisch. Verf. faßt seine Erwägungen wie folgt zusammen: Die Störungen des Schlafes sind letzten Endes im Gehirn zu suohen, sie können dort zellulär oder vasomotorischer Natur sein oder auf einer Alteratioa der Beziehungen zwischen Hirnrindenzelle und Gefäßen beruhen. Zum Eintritt und zur Fortführung des Schlafes ist ein ganz besonderes Verhalten der Gehirn- gefäße nötig, dessen Bikhmg durch Impulse von den Hirnrindenaellen aus oder durch Erregung oder Alteration des Gefäßsystems selbst verhindert werden kann Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 747 Unsere Behandlung muß darauf hinzielen, einen Zustand von Reizlosigkeit psychisch und somatisch zu schaffen und so for allem das Gefäßsystem in die zum Schlaf¬ eintritt günstige Verfassung zu bringen, oder wir müssen die verlorengegangene Automatic wieder herstellen. Lesenswert sind die speziellen Ausführungen des Verf.’s über seine Er¬ fahrungen mit einzelnen Schlafmitteln. Epilepsie. 75) Über Wesen und Behandlung der sogenannten „genuinen“ Epilepsie, von G. C. Bolten. (Wiener klin« Wochenschr. 1914. Nr. 28.) Ref.: Pilcz. Auf Grund theoretischer Erwägungen, Literaturstudien und langjähriger eigener Untersuchungen glaubt Verf. folgende Thesen aufstellen zu dürfen: 1. Von den zahlreichen Fällen, die als „genuine“ Epilepsie imponieren, gehört ein großer Teil, weil sie auf sehr verschiedenen, primären Gehirnprozessen be¬ ruhen, zu der zerebralen, sekundären, symptomatischen Epilepsie und die kleinere Hälfte, etwa 35°/ 0 , zu der sogenannten genuinen, essentiellen oder idiopathischen Epilepsie. 2. Genuine Epilepsie ist auf rein klinische Gründe hin nicht zu unterscheiden von vielen Fällen zerebraler Epilepsie. 3. Genuine Epilepsie ist eine chronische Autointoxikation, hervorgerufen durch Hypofermentation des Tractus intestinalis und des intermediären Stoff¬ wechsels als Folge einer Hypofunktion der Schilddrüse und der Epithelkörperchen oder deren nervöser Elemente, d. h. des N. sympathicus. 4. Genuine Epilepsie ist vollkommen heilbar durch rektale Eingabe frischen Preßsaftes der insuffizienten Organe oder, besser gesagt, man kann durch diese Behandlung die Patienten ganz frei von Erscheinungen machen, wie Verf. in einer ganzen Reihe von Fällen gezeigt hat. 76) Epilepsy; a Tbeory of oausation founded upon the elinioal mani- festations and the therapeutio and pathologioal data, by J. J. M. Shaw. (Journ. of mental Science. LX. 1914. Nr. 250.) Ref.: W. Misch. Aus den klinischen Erscheinungen und den therapeutischen und pathologischen Ergebnissen kommt Verf. zu folgender Theorie über die Entstehung der Epilepsie: Die epileptischen Erscheinungen, der Krampfanfall und das Petit Mal, sind zurück¬ zuführen auf eine plötzliche Anämie der Hirnrinde, durch die eine Entladung der Rindenzellen verursacht wird. Diese Anämie entsteht durch eine plötzliche Stase und Anhäufung der Nukleoproteide koagulierenden Elemente des Blutes in den Rindenkapillaren. Eine außergewöhnliche Neigung zur Agglutination und eine verminderte Alkaleszenz des BluteB liegen bei der Epilepsie vor, so daß eine solche Stase jederzeit eintreten kann. Eine derartige plötzliche Agglutination kann entstehen, wenn die Nukleoproteide des Blutes durch Aufnahme von Nukleo- proteinen und Purinkörpern mit der Nahrung vermehrt sind, ferner zu Beginn des Schlafes und bei tieferem Schlafe. Die Veränderungen im Blut und Urin nach den Krampfanfällen zeigen an, daß ein rascher Zerfall der Nukleoproteide stattgefunden hat. Die postmortalen Befunde zeigen die außerordentliche Menge solcher Nukleoproteinanhäufungen in den Rindenkapillaren und außerordentliche biochemische Veränderungen in den Rindenzellen, die reich an Nuhleoproteiden sind. Die Verordnung von Alkali setzt die Neigung zur Koagulation herab, aber sie kann durch Erleichterung des Stoffwechsels die Anzahl der Krampfanfälle doch nur zeitweise berabsetzen. Die Bromide haben eine besondere Affinität zu den Nukleoprot einen und entfalten ihre Wirkung durch Einschränkung ihres raschen Abbaus; hierdurch tritt eine Verminderung der Ansäuerung durch die Harnsäure der perivaskulären Lymphbahnen und Kapillaren ein, so daß die polymorph- Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 748 kernigen Zellen and die ftbrigen, Nakleoproteide koagulierenden Elemente dee Blutes weniger leicht plötzlichen Veränderungen unterworfen sind. Der wesent¬ liche Defekt besteht in der chemischen Unbeständigkeit der Nukleoproteideelemente des Gehirns und Blutes, die vielleicht erblich ist und wahrscheinlich auf dem Fehlen eines bisher unbekannten regulierenden Hormons beruht. 77) Experimenteller Beitrag nr Kenntnis der Gehirnvorgänge beim epi¬ leptischen Anfall, von Earplus. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 20.) Ref.: Piloz (Wien). Verf. experimentierte an Hunden und Affen, indem er Rindenreizungen bei Tieren mit durchschnittenem Balken vornabm, teilweise in Kombination mit Heim¬ sektion des obersten Halsmarkes. Die sehr mühevollen, in der mannigfachsten Weise variierten Versuche, deren Technik genau geschildert wird, sind in extenso wiedergegeben; das Verletzungsresultat wurde überall durch Autopsie und sorg¬ fältigste histologische Untersuchung des Gehirnes kontrolliert und verifiziert. Indem bezüglich aller Einzelheiten der Verauohsanordnung und -ergebnisse auf das Original verwiesen werden muß, seien hier nur die Schlußfolgerungen angeführt, zu denen Verf. gelangte: Beim Hunde und beim Affen kann die Reizung eines umschriebenen Rinden¬ bezirkes mit schwachen elektrischen Strömen auoh nach vollkommener Längs- spaltung des Balkens zu allgemeinen epileptischen Konvulsionen führen. Dabei können sich die allgemeinen klonischen Zuckungen aus Nachzuckungen ohne jeden tonischen Krampf entwickeln, oder es können die Konvulsionen von einem toni¬ schen Krampf eingeleitet werden. Es führt in diesen Anfällen der Weg zur Er¬ regung der zweiten Hemisphäre über den Hirnstamm. Die Erregung des Hirn¬ stammes dürfte durch Rindenbaubenbahnen zustande kommen. Wenn ein lokaler Rindenreiz beim Menschen oder beim Tier zu einem allgemeinen epileptischen Anfall führt, so erreicht die Erregung wahrscheinlich auch bei unverletztem Balken die zweite Hemisphäre auf dem Umwege über den Hirnstamm. Auf welche Weise die Erregung des Hirnstamms zur Verallgemeinerung des Krampfes führt — vasomotorische Einflüsse? — und welche Teile des Hirnstamms dabei in Frage kommen — Oblongata, Hypothalamus? —, muß Gegenstand weiterer Unter¬ suchungen sein. 78) Über die Dosierung der AbBintheaienz beim Hervorrufen von Anfällen experimenteller Epilepsie bei Hunden, von W.P. Ossipow. (Monatssehr, f. Psych. u- Neurol. XXXV. 1914. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. suchte die Minimaldosis der Essence d’absinthe cultiräe festzustellen, welche für die Erzeugung des epileptischen Anfalls bei direkter Einverleibung ins Blut von Hunden nötig ist, ferner die maximale tolerante Dosis und schließlich die letale Dosis. Die Minimaldosis beträgt 0,03 bis 0,05 pro kg Gewicht des Tieres; die Dosis von 0,03 erzeugte Petit mal-Anfälle, keinen oder nur einen leichten typischen Krampfanfall. 0,06 biB 0,08 pro kg Gewicht erzeugt eine Serie von typischen, stürmischen, epileptischen Anfällen. Die Dosis von 0,12 pro kg Gewioht muß zu den zweifellos maximalen, gefährlichen Dosen gerechnet werden. Eine letale Dosis ist 0,13 pro kg Gewicht; sie erzeugt einen Status epilepticus und den Exitus. Die Essenoe d’absinthe cultivöe ist ein ausgezeichnetes, sicheres, sehr genau dosierbares Mittel zur Auslösung experimenteller Epilepsie. 79) Ist der Verlauf experimenteller Krämpfe duroh Störung der inneren Sekretion zu modifizieren ? von Johannes Fischer. (Sitzungsberichte der naturforschenden Gesellschaft zu Rostock. VI. 1914.) Ref.: Kurt Mendel. Auf Grund seiner Experimente bejaht Verf. obige Frage. Duroh Ausfall von Schilddrüse und Epithelkörperchen wird die krampfmachende Komponente der Amylnitritwirkung verstärkt, duroh Ausfall von Nebenniere dagegen vermindert. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 749 80) The pituitary gland in epilepfeles, by J. F. Munson and A. L. Shaw. (Areb. öf intern, Medic. XIV. 1914. Nr. 3.) Bef.: W. Misch. Die von Cusbing beobachteten Beziehungen zwischen Epilepsie und Ver¬ änderungen der Hypophyse werden an einem großen Material nachgeprüft. Aus den anatomischen Untersuchungen geht hervor, daß bei Epileptikern in der Hypo¬ physe keinerlei konstante Veränderungen gefunden werden, die nicht auch bei andersartigen Fällen beobaohtet wurden; eine Ausnahme bilden nur die sog. Bindegewebsinseln, doch ist ihre Bedeutung noch ganz unklar; wahrscheinlich stehen sie mit der Blutversorgung in Zusammenhang. Am charakteristischsten für Hypo¬ physenveränderungen scheinen die Verkleinerung der Drüse und eine gelegentliche Vergrößerung der Sella turcica zu sein; die oft ohne klinische Symptome auf¬ tretenden tumorartigen Hypophysenveränderungen sind noch nicht ihrer Bedeutung nach geklärt. Die klinische Untersuchung der Hypophysenfunktionen bezieht sich auf die Untersuchung des Blutdrucks und der Zuckertoleranz. Aus den Versuchen geht hervor, daß der Blutdruck bei den Epileptikern im allgemeinen von der normalen Höhe nicht abweieht und daß er auch durch Gaben von Hypophysen¬ substanz kaum beeinflußt wird. Glykosurie wurde nur in ganz seltenen Fällen bei Epileptikern beobachtet. Auch die Zuckertoleranz bei Zuführung größerer Zuckermengen ist kaum vermindert; denn selbst bei größeren Zuokergaben trat nur in einem kleinen Prozentsatz (durchschnittlich 1 / 7 ) der Fälle Glykosurie auf. Bei Darreichung von Hypopbysenextrakt zeigte sich eine Herabsetzung der Zucker¬ toleranz bei dem Durchschnitt der Fälle. Es wird daraus geschlossen, daß bei diesen Fällen eine Erhöhung der Assimilationsgrenze vorliegt; ob dies mit der Hypopbysentätigkeit zusammenhängt, läßt sich jetzt noch nicht übersehen. 81) Observations on epllepsy ohiafly from an X-ray stand polnt, by T. M. T. MoKennan, G. C. Johnston and C. H. Henninger. (Journ. of nerv, and ment, disease. XLL 1914. Nr. 8.). Bef.: W. Misch. Mittels Böntgenstrahlen wurden 95 Fälle von Epilepsie untersuoht. Bei 7 Fällen wurden Hypophysentumoren gefunden; bei 16 Fällen eine Knochen¬ verdickung der Proc. clinoidei oder in der vorderen Schädelgrube; bei 22 Fällen wurden diese beiden Veränderungen gemeinsam vorgefunden, und in 35 Fällen kam zu diesen beiden Veränderungen noch eine Verdickung des Sphenoidale hinzu; nur in 15 Fällen wurden keine Veränderungen naohgewiesen, bei diesen lag aber im allgemeinen symptomatische Epilepsie vor. Dabei traten die epileptischen Anfälle um so häufiger auf, je größer die Knochenveränderungen waren. Diese Knochenveränderungen finden sich nur bei den Fällen von sog. essentieller oder idiopathischer Epilepsie, während sie bei den Fällen von symptomatischer Epilepsie nie beobaohtet wurden. Bei den Fällen von idiopathischer Epilepsie findet sich ein Zustand von lokaler Akromegalie; diese kann nur bedingt sein durch venöse Stase, die nur durch den Druck innerhalb des kastenartigen Behälters, der die Hypophyse umschließt, verursacht sein kann. Durch den Druck verkümmert die Hypophyse, und die Folge ist eine Hypofunktion der Drüse. Es scheint also, als ob die idiopathische Epilepsie auf eine mechanische Läsion der Hypophyse zurückzuführen ist. Aus den Beobachtungen geht auoh, damit übereinstimmend, hervor, daß bei idiopathischer Epilepsie Zufuhr von Hypophysensubstans eine ausgezeichnete Wirkung hat. 82) Bpilepsy, by Wm. T. Shanahan, M. D. (Lecture delivered before Medical Staff of Craig Colony.) Bef.: Brats (Dalldorf). Verfi, der neue Chefarzt der Craig-Colony, legt seine Anschauungen über Pathologie und Therapie der Epilepsie dar. 83) Über die hereditären Bestehungen zwischen Alkoholismus und Epi¬ lepsie, von J. Stuohlik. (Correspond.-Blatt t Schweizer Ärzte. 1915. Nr. 3.) Bef.: Kurt Mendel. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 750 Von 12600 in der psychiatrischen Universitätsklinik zu Zürich in den Jahren 1870 bis 1913 aufgenommenen Kranken litten 341 12,7 °/ 0 an Epilepsie. Die statistische Verarbeitung der Krankengeschichten f&hrt den Verf. zu folgenden Schlußsätzen: 1. Unter den hereditär belastenden Krankheiten spielt die Epilepsie selbst keine große Bolle, denn nur 15,3°/ 0 sämtlich belasteter Patienten waren gleich¬ artig belastet, direkt gleichartig nur 6,4 °/ 0 , und von den sämtlichen untersuchten Patienten wiesen nur 9,5 °/o unter den Verwandten Epileptiker überhaupt auf, unter direkten Vorfahren nur 4,1 °/ 0 . 2. Die anderen belastenden Krankheiten — Hysterie, Dementia praecox, periodische Erkrankungen, Imbezillität, Idiotie, organische Geisteskrankheiten, allgemeine körperliche Leiden — stehen in ihrer Bedeutung der Epilepsie weit nach. 3. Bei starker Heredität scheinen die ersten Anfälle etwas früher aufzn- treten. 4. Unter den hereditär belastenden Krankheiten bei Epilepsie ist quantitativ der Alkoholismus in erster Beihe zu nennen, denn etwa 40°/ 0 aller belasteten Patienten hatten alkoholische Eltern und etwa 43 °/q hatten unter ihren direkten Vorfahren mindestens einen Alkoholiker. Fast 30 °/ 0 sämtlicher hereditär be¬ lastenden Momente macht der Alkoholismus aus. In 30°/ 0 der Epilepsien, bei welchen wir überhaupt etwas hereditär Belastendes finden, ist es allein der Alko¬ holismus, der hereditär in Betracht kommt. 5. 50°/ 0 aller Fälle, bei welchen die Eltern der Patienten alkoholisch waren, hatten ganz gesunde Vorfahren und Seitenverwandte; und in 58 °/ 0 solcher Fälle finden wir in der Verwandtschaft keine andere Krankheit als den Alkoholismus. 6. In den Familien der Epileptiker ohne alkoholische Erzeuger spielt der Alkoholismus nur eine unbeträchtliche Bolle. Umgekehrt ist der Alkoholismus der Erzeuger relativ um ein Vielfaches häufiger als der der Seitenverwandten. 7. Es ist äußerst wahrscheinlich, daß der Alkoholismus der Eltern von Epi¬ leptikern nicht eine bloße Ausdrucksform einer Familiendisposition ist, die sowohl Alkoholismus und Epilepsie erzeugt, sondern daß er eine wichtige Ursache der Epilepsie bildet. 84) N&polöon Bonaparte als affektepileptlsoher Psychopath und seine Tentamina suloidii, von Haberkant. (Prager med. Wochenschrift. 1914. Nr. 38.) Bef.: Pilcz (Wien). Der Titel' gibt zugleich den Inhalt an. Verf. sucht seine Ansicht zu stützen durch Literaturstudien bei Vierordt, Fournier u. a. und setzt sich auch mit Kanngiessers bekannten Studien auseinander. 86) Zur Frage der gehäuften kleinen Anfälle, von C. F. Engelhard. (Monats¬ schrift f. Psycb. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 3.) Bef.: Bratz (Dalldorf). Verf. hat die früher von dem jüngst verstorbenen Heilbronner veröffent¬ lichten Fälle der gehäuften kleinen Anfälle katamneBtisch verfolgt und bringt 9 Fälle au 8 der Utrecht er Klinik dazu. Das Tatsachenmaterial stellt Verf. sorgfältig dar. Er stellt folgende diffe- rentialdiagnostische Begeln auf, welche die Abtrennung der gutartigen Fälle mit kleinen Anfällen von der Epilepsie begründen: 1. Was die Häufigkeit betrifft, kann zwar die genuine Epilepsie in der Form von jahrelang täglich in großer Zahl sich wiederholenden ausschließlich kleiner: Anfällen auftreten, doch sind diese Fälle seltene Ausnahmen. 2. In bezug auf symptomatologische Unterschiede im Hinblick auf die An¬ fälle selbst darf nicht vergessen werden, daß gerade die gatartig verlaufenden Fälle in dieser Hinsicht sehr variieren. Die Bewußtseinsstörung wird vielfach vollkommen dem normalen Schlaf gleichend beschrieben. In anderen Fällen wird Difitized by Gck >gle Original fru-rn UNIVERSITY OF MICHIGAM 751 von Absenzen gesprochen, bei denen die Bewußtseinsstörung so tief sein kann, daß für den Anfall vollständige Amnesie besteht. Doch gilt dies letztere in einem bestimmten Fall nur für einzelne kleine Anfälle unter vielen anderen, für die keine Amnesie besteht. Die Bewußtseinsstörung bei epileptischem Petit mal kann auch sehr leicht sein, sogar ganz fehlen, andererseits glaubt Verf. bei einer großen Zahl von Fällen, bei denen für kleine Anfälle regelmäßig Amnesie bestand, auf Grund anderer Erscheinungen doch Epilepsie annehmen zu müssen. Die Bewußtseinsstörung kann bei. den gutartigen Fällen entweder als durch¬ aus schlafähnlich oder als Absenze isoliert, aber auch verbunden mit motorischen Ausfalls- oder Reizerscheinungen auftreten. Es kommt jedoch auch vor, daß die Bewußtseinsstörung und die motorischen „Hemmungs^erscheinungen in getrennten Anfällen auftreten. Drittens gibt es auch Fälle, bei denen die kleinen Anfälle nur motorisch, ohne begleitende oder daneben bestehende Bewußtseinsstörung sind. Wiederholt wird beobachtet, daß das Anfallsbild sich während des Verlaufs ver¬ ändert, besonders daß leichte motorische Erscheinungen den ursprünglichen reinen Absenzezustand komplizieren. Unwillkürlicher Urinabgang und Pupillenstarre wurden auch bei gutartigen Fällen während des Anfalls beobachtet, Zungenbiß bis jetzt allerdings nicht. Verf. weist besonders darauf hin, daß langdauernde Schlaganfälle zum Teil postparoxysmal, zum Teil intervallär von verschiedenen Autoren bei ihren gutartig verlaufenden Fällen konstatiert wurden; auch dieses Symptom beweist also nicht ohne weiteres die epileptische Genese des Kraukheits- bildes. 3. Die bei Epilepsie sehr gewöhnlichen nächtlichen Anfälle kommen bei der gutartigen Form auch vor. Kann jedooh mit Sicherheit festgestellt werden, daß die Anfälle während des Schlafes auftreten, ohne daß der Patient erwacht, so spricht dies für die epileptische Genese. 4. Ein plötzliches abruptes Ausbrechen der kleinen Anfälle in großer Zahl spricht im allgemeinen für die nibhtepileptische Natur der Krankheit In diesen Fällen kann-rein retrospektiv allerdings — die Differentialdiagnose gegenüber grob organisoh bedingten Zuständen Schwierigkeiten machen. Doch nimmt die Frequenz in fast allen Fällen der gutartigen Form später noch etwas zu, im Gegensatz zu der meist akut beginnenden organischen Form. Umgekehrt beweist ein schleichender Anfang nicht ohne weiteres Epilepsie. 5. müssen alle die Punkte in Betracht gezogen werden, die auf eine psychische Beeinflußbarkeit des Krankheitsbildes hinweisen können. 6. kann das Ausbleiben psychischer Veränderungen nach längerem Bestehen der Erkrankung schon an sich auf die gutartige Natur derselben hinweisen. Was die Pathogenese der gehäuften kleinen Anfälle anbetrifft, so will Vert. einen Teil der Hysterie zuweisen, einen anderen Teil als affektepileptische Anfälle bei psychopathischer Konstitution auffassen. Endlich bleiben noch wenige Fälle übrig, bei denen vorläufig das Fehlen von Erscheinungen von Suggestibilität und von psychopathisch-degenerativer Art eine nosologische Eingliederung noch nicht gestatten. Wir werden dem Verf. dankbar sein, wenn er gerade diese bisher noch un¬ klaren Fälle in der fruchtbringenden Art der vorliegenden Arbeit im Auge behält und unB nach einigen Jahren über den Verlauf und die dann sich etwa ergebende Auffassung berichtet. 86) Untersuchungen über die Veränderungen in der Häufigkeit der epi¬ leptischen An Alle und deren Ursachen, von B. Ammann. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIV. 1914. H. 5.) Bef.: G. Stiefler. Verf. sammelte zum Studium dieser Frage das Anfallsmaterial in der Züricher Anstalt und kommt durch eingehende Untersuchungen zu folgenden Ergebnissen: Die Häufigkeit der epileptischen Anfälle in Zürich läßt eine jährliche Periode Digitized b' Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 752 Digitized by erkennen t und zwar so, daß der Tiefpunkt der Kurve im Juni-Juli, ein Haupt- mazimum im November und ein Nebenmaximum im Februar liegt. Diese Wendepunkte der Kurve, einer im Sommer und der andere im Winter, teilt sie mit den Häufigkeitskurven der Schwängerungen (eheliche und uneheliche), der Verbrechen aller Art, der Selbstmorde, der Erkrankung an Geisteskrankheiten, der Aufnahme in Irrenanstalten, der transitorischen Geistesstörungen der Epi¬ leptiker, des Verlaufs der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses, der Muskel¬ kraft, sowie für das Körperwachstum der Kinder. Von meteorologischen Kurven verlaufen mit denselben Wendepunkten die¬ jenigen der Bewölkung, der nebligen, trüben und heiteren Tage. Das weist aof die Sonnenstrahlung hin. Die Luftelektrizität und der Erdmagnetismus verhalten sich genau wie die Anfallskurve, und für die erste wurde auch eine Abhängigkeit von der Strahligkeit gefunden. Die tägliche Periodik zeigt sioh in unserer Nachtkurve, mit ihren zwei Maxima abends 10 Uhr und morgens 4 Uhr. Das erste liegt zur Zeit der größten Schlaftiefe und kommt hauptsächlich den Anfällen mit motorischer Entladung zu. Das zweite fällt auf einen konstanten Wendepunkt im täglichen Gange der luft¬ elektrischen Elemente und beeinflußt stärker die Anfälle ohne motorisohe Ent¬ ladung. Aus dem täglichen und jährlichen Verlaufe der Anfallskurve läßt sich schließen, daß der Quotient aus positiver durch negative Luftladung ausschlag¬ gebend sein muß. Die Anfälle sind am Tage und bei Nacht von gleicher Zahl. Tagsüber über¬ wiegen die Schwindel, während der Nacht die Anfälle. Deshalb sind nachts die Anfälle schwerer als am Tage. Während eines synodischen Monats zeigen die Anfälle ein starkes und ein schwaches Minimum und Maximum. Die Kurve des Erdmagnetismus hat ebenfalls zwei Gipfel. Die psychischen Jabreskurven lassen im Sommer einen Höhepunkt der Affektivität und im Winter einen solchen des Intellektes erkennen. Zur Zeit der Wendepunkte der Anfallskurve (Anfallsmaximum und -minimum) erreichen die psychischen Äquivalente der Epileptiker je einen Tiefpunkt ihrer Häufigkeit Ebenso verhalten sich die Brandstiftungen. Der tägliche Gang der Körpertempe¬ ratur ist genau derselbe wie .derjenige der luftelektrischen Elemente. Eine eingehende Besprechung der Literatur bildet den Schluß der sehr lesens¬ werten Arbeit. 87) Beitrag zur Kenntnis des epileptischen Blutbildes, von &. Zimmer¬ mann. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psyoh. XXVII. 1916. H. 4 u. 5.) Bef.: W. Misch. Bei einer großen Mehrzahl von Epileptikern wurde eine Abweichung des Blutbildes von der Norm gefunden. Vor dem Anfall treten sehr häufig Ände¬ rungen in dem Verhältnis der weißen Blutzellen zueinander auf, und zugleich macht sich eine starke Vermehrung der weißen Blutzellen bemerkbar. Die Lympho¬ zyten vermehren sich wohl in jedem Fall, in vielen Fällen zeigen auch die Mono- nukleären eine Vermehrung. Die Eosinophilen zeigen dagegen die Neigung, aus dem Blutbild zu verschwinden. Im Anfall selbst kommt es zu einem mäßiges Rückgang der neutrophilen Leukozyten, die Steigerung der Lymphozyten hält an. Das Blutbild gleicht sich meist nach 1 bis 2 Tagen wieder aus. 88) Zur Hämatologie des epileptischen Anfalls, von J. Löwy. (CentralbLf. innere Medizin. 1914. Nr. 46.) Bef.: K. Boas. Verf. hat während des epileptischen Anfalls gewisse Veränderungen des Blut« gesehen. Dieselben bestehen in Form eines Wasseraustrittes aus der Blutbahn, einer Zunahme der festen Serumbestandteile und einer nicht durch den Wasser* verlust des Blutes bedingten, oft recht beträchtlichen Leukozytose. Gck igle Üri'ginal fram UNIVERSITY OF MICHIGAN GA N J 758 89) Die Bewertung der Befunde der Gesamtstiokstoffaussoheiduiig beim Epileptiker im Intervall. Bemerkung zur Arbeit gleichen Titele von W. Tintemann, von Rudolf Allere. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. H. 3.) Bef.: M. Pappenheim (Wien). Verf. sucht es gegenüber den Einwänden von Tintemann aus den Angaben der Literatur wahrscheinlich zu machen, daß die größeren Schwankungen der täg¬ lichen Stickstoffausfuhr bei Gesunden auf die Wirkung psychischer, d. h. in erster Linie affektiver Faktoren, in zweiter Linie auf Änderungen der Lebensweise und Uuskelanstrengungen, sowie Atemstörungen durch solche zurückzuführen seien. In den von ihm und Sacrist&n beschriebenen Epilepsiefällen fehlte der Einfluß muskulärer Anstrengungen und affektiver Momente. Ihre Störungen sind daher in der Tat als Störungen und nicht als normal-physiologische Erscheinungen auf¬ zufassen. Verf. hält es ferner für möglich, daß die Schwankungen in der Stiok- stoffausscheidung im Intervall (AIlers und Sacrist&n) und die lange dauernde Retention (Rhode) zwei Phasen oder Grade ein und desselben Stoffwechsel- vorgangs sind. 90) Epilepsie und Schwangerschaft, von Carl Meyer. (Archiv f. Psych. LV. 1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 4 Fälle. Im ersten Fall ist von Interesse das alleinige Auftreten der epi¬ leptischen Anfälle während der Schwangerschaften; der erste trat 3 Wochen nach der ersten Geburt auf, in der zweiten Schwangerschaft ist ein Anfall kurz vor der Geburt und ein Anfall 3 bis 4 Wochen nach der Geburt verzeichnet, ebenso in der dritten Gravidität, der erste Anfall in der vierten Schwangerschaft erfolgte wieder etwa 4 Wochen vor dem Partus, der letzte 26 Tage nachher. Im zweiten Falle trat der erste Anfall im 5. Monat der ersten Gravidität auf, der menstruelle Typus der Anfälle blieb auch nach der ersten Gravidität bestehen. Iin dritten Falle verschlimmerten die Schwangerschaften eine schon vorher vorhandene Epi¬ lepsie, es entstand schließlich ein 4 Wochen währender Verwirrtheitszustand. Im vierten Falle hatten die Schwangerschaften einen günstigen Einfluß auf die Epilepsie. 91) Uber klinische Beziehungen zwischen Epilepsie und Schizophrenie, von H. Giese. (Zeitsohr. f. d. ges. NeuroL u. Psych. XXVI. 1914. S. 22.) Ref.: W. Misch. Bei vielen Fällen von Schizophrenie finden sich in der Jugend, lange vor AuBbruch der Erkrankung, geistige und Charakteranomalien. Es fragt sich nun, ob diese psychischen Symptome mit dem späteren Ausbruch der Schizophrenie in irgend einem Zusammenhang stehen oder ob sie unabhängig davon sind. Bei den vom Verf. untersuchten 347 Fällen von Schizophrenie wurden bei 63,4 °/ 0 bereits im Kindesalter irgendwelche Anomalien auf psychisch-neurotischem Gebiet gefunden. Insbesondere finden sich häufig bei den schizophrenen Patienten epileptische Früh¬ symptome und Kombinationen mit Epilepsie. Es werden sechs hierhergehörige Fälle eingehend beschrieben und analysiert. Über das gegenseitige Verhältnis von Epilepsie und Schizophrenie in Kombinationsfällen werden folgende Grund¬ sätze aufgestellt: Nur solche Fälle können als Kombination angesprochen werden, in denen zuerst während eines längeren Zeitraumes die Epilepsie für sich be¬ standen hat; Fälle, in denen beide Krankheiten gleichzeitig eingesetzt haben oder die Epilepsie später als die Schizophrenie aufgetreten ist, können nur dann als Kombination in Betracht kommen, wenn sich die Epilepsie mit Sicherheit auf bestimmte exogene Momente zurückführen läßt. In allen übrigen Fällen muß die Epilepsie als Symptom der Schizophrenie angesehen werden^ z. B. auch in den Fällen von Spätepilepsie im Sinne Näckes. Handelt es sich demnach in der Regel anfangs immer um eine sukzessive Kombination, so kann, nachdem die Schizophrenie manifest geworden ist, das Bild der simultanen Kombination längere xxxiv. 48 Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 754 Zeit bestehen. Kommt es zu einem weitergehenden Zerfall der Persönlichkeit oder zu einer ausgesprochenen schizophrenen Demenz, so werden durch diese die psychisch-epileptischen Symptome in der Regel verdeckt. Dagegen können schizo¬ phrene Psychosen mit relativ günstigem Ausgang („katatonische Schübe“) nach ihrem Abklingen «das ursprüngliche Bild eines imbezill-epileptischen Zustandes nur wenig verändert wieder zum Vorschein kommen lassen, ln keinem der be¬ schriebenen Fälle wurde während des schizophrenen Stadiums der Inhalt der Psychose durch die vorangegangenen epileptischen Zustände beeinflußt. In allen Fällen stehen die kombinierten Krankheiten selbständig nebeneinander, eine all¬ mähliche Entwicklung der einen aus der anderen, ein Übergang also kann nirgends nacbgewiesen werden. Die Form der Schizophrenie in den beobachteten Fällen von Kombinationen ist ganz überwiegend die katatone, die Epilepsie dagegen tritt unter ganz verschiedenen Bildern auf, teils mit erheblicheren psychischen Ver¬ änderungen, teils ohne solche. 92) Zur Narkolepsiefrage, von Emil Redlich. (Monatsschr. f. Psych. u. Neuol. XXXVII. 1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Bei einem 19jähr. Patienten, Sohn eines Trinkers, sonst aber hereditär nicht belastet, der zunächst auch keine Zeichen einer besonderen psychopathischen Kon¬ stitution darbot, bestehen seit mehreren Monaten Anfälle, die man nach der Schilderung und nach der Beobachtung als Schlafänfälle bezeichnen muß. Ein¬ geleitet von Kopfschmerzen und einem Gefühl von Schläfrigkeit treten diese Zu¬ stände auf, in denen Pat. ganz den Eindruck eines Schlafenden macht; Kopf und Lider sinken herab, das Gesicht ist leicht kongestioniert, die Respiration flach. Pat. spricht auch von Traumzuständen, weil er, wie er behauptet, während dieser Zustände des öfteren träume. Er ist nur selten und dann nur vorübergehend imstande, das plötzlich auftauchende Schlafbedürfnis zu unterdrücken, wohl aber kann er meist durch Anrufen oder Rütteln geweckt werden, ist dann wie bei dem Erwecken aus dem natürlichen Schlaf kurze Zeit etwas schwer besinnlich, dann aber wieder ganz in Ordnung. Die Anfälle kommen mehrmals des Tag», während der Arbeit, auch auf der Straße beim Gehen, mit Vorliebe aber dann, wenn Pat. ohne Beschäftigung in ruhiger Umgebung sitzt, wo also die Bedingungen für den Schlaf überhaupt die günstigsten sind. Die Dauer der Schlafanfälle ist kurz, einige Minuten, unter den eben erwähnten günstigen Bedingungen auch länger, eine halbe, selbst mehrere Stunden. Pat macht trotz guten Nachtschlafes immer einen schläfrigen Eindruck und fühlt auch sich selbst immer schläfrig und müde. Gemütsbewegungen haben keinen Einfluß auf die Häufigkeit der Anfälle Beim Lachen hat Pat. das Gefühl, als müsse er zusammensinken, knickt dabei in den Knien ein, läßt auch gelegentlich einen Gegenstand, den er in der Hand hält, fallen. Epileptische oder sicher hysterische Symptome fehlen. Die Behandlung (Allgemeinbehandlung, Suggestion, schwarzer Kaffee, Koffein) blieb völlig erfolglos. Die Narkolepsie ist nach G öline au eine Neurose spezifischer Art. In der Tat gibt es, wenn au^h selten, Fälle von echter Narkolepsie, in denen ein aus¬ gesprochenes nervöses oder allgemeines Leiden, vor allem Epilepsie und Hysterie, fehlt. Klinisch lassen sich diese Fälle charakterisieren durch das gehäufte Auf¬ treten von kurzdauernden, dem natürlichen Schlafe vollständig gleichenden An¬ fällen bei sonst gesunden, höchstens leicht neuropathischen Individuen, meist im erwachsenen Alter. Charakteristisch ist ferner die lange Dauer des Leidens und die geringe therapeutische Beeinflußbarkeit Vielleicht stellt die Narkolepsie — wie auch Friedmann meint — lediglich ein Symptom der „Gehirnmüdigkeit 4 dar. Auch Verf.’s Fall zeigte ein pathologisch gesteigertes Schlafbedürfnis. 93) Zur Lehre von den epileptischen Dämmerzuständen, von H. Dütemeyer. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. Ausführlicher Bericht über einen Fall von wiederholt aufcretenden epilepti- Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 755 sehen Dämmerzuständen bei einem 29jährigen Patienten nebst anschließender zu¬ sammenfassender Besprechung des Krankheitsbildes. 94) Epilessia e delitto. I oaratteri specifioi della criminalitä epilettioa. Con una introdusione del Prof. E. Morselli, per M. U. Masini. (Genua, Societä editrice Oliveri & Co., 1914.) Ref.: G. Perusini (Mailand). Das etwa 200 Seiten starke, durch viele Abbildungen illustrierte Buch ent¬ hält ein Resümee der Anschauungen Lombrosos und seiner Vorgänger, sowie der modernen Behauptungen über das Wesen der Epilepsie. Außerdem teilt Verf. viele Krankengeschichten mit. Die Grundlehre Lombrosos findet in dieser Arbeit eine entschiedene Bestätigung; Verf. nimmt nämlich an, daß das Verbrechen aus der Epilepsie manchmal direkt, d. h. ohne irgend einen andersartigen exo- oder endogenen Einfluß, herstammt. Folglich sind die Beziehungen zwischen Epilepsie und Verbrechen ganz innig, wenn auch der Mechanismus derselben noch unbekannt ist. Zugunsten der Lombrososchen Annahme sollen u. a. auch die Ergebnisse Plauts bei Lues congenita sprechen. Die von Epileptikern begangenen Misse¬ taten weisen stets besondere Merkmale auf; manchmal sind diese Merkmale infolge von andersartigen Momenten (Alkoholismus usw.) verwischt, manchmal sind sie aber mit aller Evidenz zu erkennen. 95) Der Tod infolge epileptischen Anfalles, von Otto Hebold. (Archiv f. Psych. LV. 1915. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel. Bericht über 30 Fälle von Tod im epileptischen Anfall (vgl. d. Centr. 1914. S. 641). Bei Epileptikern ist der Tod nur selten eine innere Folge des Krampf¬ anfalles selbst. Als Ursache für den Tod bleibt in den wenigen Fällen, wo keine äußeren ursächlichen Umstände vorliegen, nur wie auch bei anderen plötzlichen Todesfällen ohne erkennbare Ursache die Annahme eines Herzschlages, eines Versagens der Herztätigkeit, übrig. Sonst kommen in der allergrößten Mehrzahl Unfälle während des Anfalls in Betracht. Verf. unterscheidet: I. Der plötzliche Tod wird 1. durch den Anfall an sich herbeigeführt (durch Herzschwäche, Herzriß, Hirnblutung). 2. Der Kranke stirbt infolge Sturzes an der im Anfall enthaltenen Verletzung sofort (Genickbruch, Wirbelbruch, seltener bei Schädelbruch). 3. Es tritt Erstickung durch die Lage ein, die vom Anfall selbst herbei¬ geführt wird (bei Bauchlage im Bett, Einklemmen zwischen Gegenständen, in Gesichtslage auf dem Boden). 4. Der Kranke erstickt durch Einatmen fremder Stoffe (von Speiseresten, von Wasser beim Baden oder Fall ins Wasser) oder verbrennt bei Fall ins Feuer. 5. Im Endzustand des Anfalles, dem Zustande der Bewußtseinsstörung, kann er Selbstmord begehen. II. Der Tod nach dem Anfall wird 6. durch den Anfall selbst durch Gehirnblutung (bei Arteriosklerose) oder durch Gehirngeschwulst herbeigeführt, 7. durch Sturz auf den Kopf im Anfall, der mit oder ohne Schädelbruch Gehirn- und Hirnhautblutungen verursacht, 8. durch Fall ins Feuer und heiße Flüssigkeiten (Verbrennen, Verbrühen), 9. durch Infektion der im Anfall erhaltenen Wunden (Tetanus traumaticus). 96) Myoelonie et Epilepsie, par A. Austregesilo et 0. Ayres. (Revue neurol. 1914. Nr. 13.) Ref.: Kurt Mendel. Die Myoklonie-Epilepsie (Unverricht) zeigt familiären Charakter. Meist bestehen in der Jugend epileptiforme Anfälle, und gegen das 12. bis 15. Jahr 48* Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 756 treten Anfälle von Myoklonie hinzu. Die Myoklonie kann fast kontinuierlich be¬ stehen, und zwischendurch treten epileptische Anfalle aut Die Gesicbtsmuskeln und die Sprache sind in dem einen der von den Verff. mitgeteilten Fälle von der Myoklonie mitbetroffen. In der Hälfte der Fälle erscheint die Epilepsie vor der Myoklonie. Die Patientin der Verff. hat starkes Hunger- und DurstgefähL Be¬ treffs der Pathogenese der Myoklonie gibt es die medulläre und die kortikale Theorie. Verff. sind für die letztere und führen die Argumente, die für die kor¬ tikale Theorie sprechen, an: die intellektuellen und gemütlichen Störungen der Myokloniker, den deutlichen Einfluß moralischer Ursachen auf die Wiederkehr und Verstärkung der Muskelspasmen, das Zusammenvorkommen der Myoklonie und Epilepsie, die Kombination von Myoklonie mit Athetose und Hemianästheeie kortikalen oder subkortikalen Ursprungs (Minkowski), das Überwiegen der klonischen Spasmen auf einer Körperseite und die zuweilen beobachtete Einseitig¬ keit der Myoklonie. Die Verff. besprechen noch die differential-diagnostisch in Betracht kommenden Krankheiten: die fibrilläre Chorea von Morvan, den Paramyoclonus multiplex Friedreich, die Chorea electrica Henoch-Bergeron, den Gesichtstic von Trous8eau, die Maladie des tics, die Brissaudsche und Dubinische Chorea, die Myokymie usw. Therapeutisch sind zu verwenden Brom, Chloralhydrat, Veronal usw. 97) Die heutige Behandlung der Epilepsie auf Grund der Erfahrungen in der Landesheilanstalt Uohtspringe, von Hoppe. (Allgem. Zeitsehr. f. Psych. LXXI.) Bef.: Zingerle (Graz). Die Beziehungen zwischen Epilepsie und harnsaurer Diathese sind noch un¬ klar. Jedenfalls ergab Atophanbehandlung keine Erfolge; es empfiehlt sich aber, stark nukleinhaltige Nahrungsmittel wie bei Gichtikern stark einzuschränken. Lues kommt ätiologisch öfters in Frage, als man allgemein annimmt. Eine antiluische Behandlung bei Epileptikern mit hereditärer Syphilis ist häufig äußerst wirksam. Epileptiker, die später Lues bekommen, erfahren dadurch oft eine Ver¬ schlechterung, die durch Salvarsan gebessert wird; dabei darf aber die Brom¬ behandlung nicht unterbrochen werden. Dagegen muß — wegen event Nieren- Schädigung — Luminal während der Salvarsanbehandlung vermieden werden. Wirksam ist auch kombinierte As-Hg-Behandlung, sowie Jodgebrauch, das bei organischer Veränderung des Zentralnervensystems überhaupt eines der wirksamsten antiepileptischen Mittel ist. Chirurgische Maßnahmen haben als frühzeitige Ein¬ griffe Erfolg bei traumatischer Epilepsie. Durch Tuberkulose werden epileptische Anfälle verschlechtert, wenn das Allgemeinbefinden leidet, das deshalb mit allen Mitteln gehoben werden muß. Andererseits aber treten die Anfälle oft während des Fiebers ganz auffallend zurück, um sich mit Beginn der Bekonv&leszens wieder einzustellen. Alle Störungen der Funktion innerer Organe können Anfalle provozieren. Jede neue Störung muß daher gründlichst behandelt werden. Die Brombehandlung verlangt genaue Würdigung sowohl der Eigenart, Wirkung und des Verhaltens des Medikamentes, welches verordnet wird, als anck der Eigenart des Kranken. Das Brom wirkt erst dann, wenn ein Viertel bis ein Drittel des Chlors im Blute durch äquivalente Brommengen ersetzt ist Dieses Verhältnis muß erhalten bleiben. Dazu muß der Salzgehalt der Nahrung ein gleichmäßiger sein. Dies ist wichtiger als eine Salzhungerkur, welche oft schwere Störungen zur Folge hat Bei einer Gesamtaufnahme von etwa 8 g Kochsalz genügen 3 bis 4 g Brom vollständig. Das Wirksame ist dabei nicht der Cl-M&ngel, sondern das Vorhandensein der Bromionen. Die Bromeiweißpräparate sind un¬ zuverlässig, günstig wirken Ureabromin und Kalmonal, welche vermöge ihrer Harnstoffkomponente schnell ausgeschieden werden und daher längere Zeit ver- Digitized by Gck >gle Original from UNIVERSSTY OF MICHiGAN 757 abreiobt werden können. Diogenal wirkt besonders 9 günstig auf nächtliche Ver¬ wirrtheitszustände und motorische Dnrube der Epileptiker. Luminal wirkt besonders auffällig auf die Schwindelanfälle und Petit mal, während die schweren Krämpfe wenig beeinflußt werden. Höhere Dosen sind wegen Nierenreizung verboten, und muß ständig während der Behandlung der Harn untersucht werden. Einläufe von 0,4 bis 0,6 Luminalnatr. eignen sich gut zur Bekämpfung des Stat. epilept., ebenso wie Amylen. Versagen beide, muß man zur Narkose schreiten; event. kann man intravenöse Injektion von 6 g Ureabromin in alkalischer Lösung ver¬ suchen. Näher zu untersuchen ist noch der Einfluß von Atropin und Belladonna¬ präparaten. Die Krot&linbehandlung geht von der Annahme aus, daß infolge der größeren Gerinnungsfähigkeit des Blutes der Epileptiker die Anfälle Folge von Gerinnungs¬ vorgängen seien, diese sollen durch die hämolytische Wirkung des Krotalins ver¬ hindert werden. Die Versuche in Uchtspringe geben, ebenso wie anderen Orts, keine Erfolge. Für mit Brom behandelte Epileptiker ist der Eintritt einer Pneumonie von größter Wichtigkeit. Durch diese geht die Salzausscheidung auf ein Minimum zurück, tritt aber sofort in verstärktem Grade mit Beginn der Lösung der Pneu¬ monie wieder ein. Gibt man also während der Pneumonie Brom in gewöhnlicher Weise, kann es zu tödlichen Vergiftungen kommen. Auch bei anderen Infektions¬ erkrankungen sind die Brommengen aus den gleichen Gründen einzuschränken. 08) Zur modernen Epilepsiebehandlung, namentlich der idiopathischen, von E. Michälek. (Revue v neuropsychopathologii. XL 1914. S. 17.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich). In seiner zusammenfassenden Studie bespricht Verf. die verschiedenen Arten von Brom-, Diät- und chirurgischer Behandlung der Epilepsie und schildert die geschichtliche Entwicklung sämtlicher Therapieformen. Als Resultat seiner Kritik empfiehlt Autor baldiges Beginnen mit Brombehandlung. Falls man den Gang der Krankheit intensiver beeinflussen will, muß man noch salzarme, bzw. salzlose Kost verschreiben. Milch- oder vegetabilische Diät allein, ohne Brom, beeinflußt die Anfälle nicht. 99) Über die Wirkung des Sedobrols bei Epilepsie, von Schulhof. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 21.) Ref.: Pilcz (Wien). Die Resultate, zu denen Verf. kam, lassen sich in drei Gruppen teilen: durchaus günstige Erfolge, günstiger Einfluß hinsichtlich der konvulsiven Attacken bei gleichzeitig verschlimmerndem Einflüsse bezüglich des psychischen Zustandes, endlich erfolglos behandelte Fälle. Von beiden ersteren Gruppen teilt Verf. an der Hand kurzer Krankheitsgeschichten einige Beispiele mit. Eis will Verf., der an dem Epileptikermateriale einer Irrenanstalt Beine Versuche anstellte, scheinen, daß das Sedobrol nur in jenen Fällen durchaus günstig wirkt, deren Anfälle ohne Benommenheits- oder Verwirrtheitszustände vor oder nachher einhergehen. 100) Le södobrol, par Ch. Lada me. (Annales möd.-psychol. LXXII. 1914. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. empfiehlt das Sedobrol als vereinfachte Toulouse -Richetsche Behand¬ lung bei Epilepsie. • 101) Versuche über die therapeutische Beeinflußbarkeit psychisch stark alterierter Formen von Epilepsie mittels Sedobrol, von E. Oberholzer. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u.Psych. XXVII. 1914. H. 1.) Ref.: W.Misch. Das Sedobrol wurde an den verschiedensten Formen von Epilepsie ein¬ gehend erprobt. Aus den Beobachtungen geht hervor, daß das Mittel bei jedem Fall von genuiner Epilepsie, ohne Rücksicht auf Alter, bisherige Krankheitsdauer, hereditäre Belastung und das Vorwiegen psychischer Alterationen, versucht zu werden verdient. Auch bei organischen Epilepsieformen lassen sich ausgezeichnete Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 758 Resultate erzielen. Am stärksten und ergiebigsten wirkt das Mittel, auch bei psychisch alterierten Formen, auf die großen Konvulsionen; läßt sich eine völlige Beseitigung derselben nicht erzielen, so führt die Behandlung doch zum mindesten eine Abschwächung und Milderung der Anfälle in dem Sinne herbei, daß die* selben nicht mehr serienweise und gehäuft, sondern vereinzelt in längeren Pansen auftreten. Auf die übrigen Formen der periodischen Erscheinungen ist die Wirkung des Mittels im allgemeinen um so kleiner, je geringer die motorische Komponente derselben ist, am geringsten ist die Beeinflussung der verschiedenen Formen des Petit mal. Gleichzeitig läßt sich bei den schweren, zum Teil dementen Fällen eine deutliche günstige Beeinflussung des psychischen Zustandes beobachten, wahrscheinlich jedoch nur bei den Fällen, bei denen die periodisch motorischen und die psychischen Erscheinungen in Zusammenhang miteinander stehen. Von den psychischen Erscheinungen werden die mit den Anfällen genetisch verbundenen Alterationen am stärksten beeinflußt, also die paroxysmalen Dämmerzustände, Delirien und Verstimmungen; dagegen ist die Wirkung auf die selbständigen psychischen Äquivalente etwas geringer. Auch nicht ausgesprochen periodisch auftretende Symptome werden zuweilen gebessert; so wurde mehrmals ein förm¬ liches Wiederaufleben, eine Herabsetzung der querulanten Nörgelsucht, der früheren Reizbarkeit und Empfindlichkeit, sowie raschere Beruhigung bei Verstimmungen und bei affizierenden Ereignissen beobachtet. Der Erfolg der Behandlung hängt im Einzelfalle davon ab, ob die Ans¬ schaltung der Anfälle ohne gleichzeitiges Auftreten von Stauungserscheinungen gelingt; allerdings ist dies in der Regel der Fall, selbst bei schweren Fällen. Die kaum vorhandene Gefahr des Bromismus kann durch Reduktion der Dosis und Kochsalzdarreichung leicht bekämpft werden. Die Bromtoleranz ist auch bei psychisch alterierten Formen beträchtlich, und der bei der Behandlung angewandte Salzentzug wird gut vertragen. Unter allen Umständen ist jedoch strenges Individualisieren geboten; am besten erreicht man durch einschleichende Behand¬ lung das Ziel, die Dosis bis zum Sistieren von Anfällen und Äquivalenten zu steigern, ohne daß vorher schwere Bromismus* oder Stauungserscheinungen auf¬ treten. Auoh in häuslicher Behandlung läßt sich die Behandlung durchführen, nachdem einmal die geeigneten Brom- und Chlorwerte festgestellt worden sind. 102) Epilessia © trattamento bromico-lpoolorurato, per Pellacani. (Riforma medica. XXX. 1914. Nr. 16.) Ref.: G. Perusini (Mailand). Verf. berichtet über die ausgezeichneten Resultate, die er bei 12 Epilep¬ tikern, die mittels der salzarmen Kost und des Sedobrols behandelt wurden, beobachtet hat 103) Der Wert der Flechsig scheu Opium - Brombehandlung bei der Epi¬ lepsie, von Dr/Kellner. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 17.) Ref.: Kurt Mendel. Der Kranke erhält im Verlaufe von 50 Tagen tägliche Opiumdosen, die, mit 0,05 Extr. opii 3 mal täglich beginnend, bis auf 3mal täglich 0,29 Extr. opii hinaufgehen. Dann Übergang zum Brom, Beginn mit morgenB 1, mittags und abends je 2 g, nach einer Woche 6 g, nach einer weiteren Woche 7 g, pro die. Verf. hat jetzt 250 Epileptiker mit der Opium-Brom-Kur behandelt und in 25° 0 der Fälle ein Aufhören der Anfälle und jahrelanges Fortbleiben derselben erzielt. 104) Traitement de l’epilepsie saus bromure, par Cesar Juarros. (Epilepsie. V. 1914. Fase. 3.) Ref.: Kurt Mendel. Brom oder Hygiene beeinflussen nicht die Epilepsie selbst, sondern nur den epileptischen Anfall, dessen Stärke und Häufigkeit vermindernd. Brom ist bei Epilepsie nicht zu geben, da leicht schädlich, hingegen ist Hygiene anzuwenden, da sie — im Gegensatz zu Brom — das Auftreten der Demenz hintanhält. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 759 105) Beitrag rar Therapie der Epilepsie, von Barakov. (Ljetopisi na lek. sjezd ▼ Blgaria. 1914; ref. in Lijeöniöki Vijesnik. 1914. S. 509.) Ref.: J. Stuchlik. Zuerst gibt Verf. eine kurze Übersicht der bisherigen Therapie bei Epi¬ lepsie und beschäftigt sich dann eingehend mit seiner eigenen Methode, mit der Borsäure-Epilepsiebehandlung. Er ordiniert am Beginn der Krankheit in wäßriger Lösung 2 g Borsäure pro die, morgens und abends je zu 1 g. Nach 2 Tagen gibt er 3 g pro die, nach weiteren 3 Tagen 4 1 /* g, am 15. Tage der Behand¬ lung erhöht er die Tagesdosen auf 5 g und verbleibt dabei noch 14 Tage. Andere Medikamente gibt er zugleich keine; salzarme Kost. Bei jüngeren Fällen erzielte er auf diese Art und Weise eine beträchtliche Besserung des Zustandes, Verminderung der Anfällezahl, event vollkommene Heilung; bei veralteten Epi- lektikern blieb diese Therapie erfolglos. Im ganzen will er in etwa 75°/ 0 seiner Fälle günstige Resultate beobachtet haben. 100) Lnminalbehandlung bei Epilepsie, von A. Kutzinski. (Monatsschrift f. Psych. u. Neurol. XXXVL 1914. H. 2.) Ref.: Bratz (Dalldorf). Die Behandlungsweisen der Epilepsie haben durch Einführung des Luminal wirklich, wie der sonst in diesem Punkte kühle Berichterstatter zugeben muß, eine Bereicherung, wenn auch noch kein Allheilmittel erfahren. Wie man Luminal im Einzelfalle mit anderen Mitteln zusammen anwendet, muß m. E. künftig noch durch Versuche klargestellt werden. Jedenfalls möchte ich auf die wohl gegrün¬ deten, auf der Bonhoefferschen Klinik gesammelten Erfahrungen des Verf.’s aufmerksam machen, der zu folgenden Ergebnissen kommt: 1. Luminal wirkt in Fällen von genuiner Epilepsie bei täglicher Verab¬ folgung und bei einer Dosis von 0,15 und 0,3 pro die, je nach der individuellen Reaktion schwankend, in der Weise, daß die Zahl der Anfälle schwindet oder auf ein Minimum sinkt; 2. in Fällen von infantiler Epilepsie soheint diese Wirkung weniger häufig zu sein; 3. schädliche, besonders kumulierende Nebenwirkungen sind trotz monate¬ langer Behandlung nicht beobachtet worden; 4. bei Aussetzen des Mittels treten die Anfälle sofort oder nach einem mehr¬ tägigen Intervall in alter Form wieder auf; 5. die psychischen Störungen der Epilepsie werden durch Luminal nicht be¬ einflußt. 107) Weiterer Beitrag rar Luminalbehandlung der Epijepaie, von H. Grabi. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 31.) Ref.: fl. Tobias (Berlin). Verf. berichtet zunächst über gute Erfolge, die in d^m Sanatorium Hoppe¬ garten in Fällen von Epilepsie mit regelmäßig fortgesetzten kleinen Dosen von 0,2 bis 0,3 Luminal pro die erzielt worden sind. Die Behandlungsdauer betrug meist 4 bis 5 Monate. Der Erfolg bestand in einer erheblichen Besserung in der Zahl und Stärke der Krampfanfälle und besonders im psychischen Befinden, ein vollkommenes Ausbleiben der Anfälle wurde nicht beobachtet. Bemerkenswert ist ein ausführlich geschilderter Einzelfall, der Fall eiaes Patienten, der vor 2 Jahren zuerst häufig und seit l 1 /, Jahren dauernd täglich 0,3 Luminal, morgens 0,1 und abends 0,2, erhalten hat. Das körperliche Befinden des Patienten, bei dem die epileptischen Anfälle seltener geworden sind, ist, trotzdem Patient an einer Nierenerkrankung leidet, recht gut gewesen und hat sich sogar gebessert; im Verhalten ist ein enormer Umschwung eingetreten, so daß der Kranke, der sich eine Last und anderen eine stete Beunruhigung war, jetzt ein ganz erträg¬ liches Leben zu führen imstande ist. 108) Die Wirkung des Lumlnals bei epileptfsoher Demenz, von W. Grzy wo- Dybrowski. (Mon. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 3.) Ref.: Bratz. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 760 Verf. kommt bei seinen Behandlung versuchen an Epileptikern zu folgendem Urteil über Lumin&l: Das Luminal übt eine große therapeutische Wirkung ans, indem die Zahl der epileptischen Anfälle, sogar bei Fällen von jahrzehntelanger Krankheitsdauer mit weit vorgeschrittener Demenz, abnimmt; auf den psychischen Zustand hat das Luminal in kleinen Gaben keine Wirkung. Besonders gut wirkt das Luminal bei angeborener oder erworbener Demenz mit epileptiformen Anfällen. Wie bisher können keine Kontraindikationen für die Luminaltherapie an¬ gegeben werden: Komplikationen traten, solange die Gabe nicht zu hoch war, nicht auf. 100) Über den Einfluß einer wirksamen Epilepsiebehandlung auf die Psyohe der Epileptiker, von Minna Ghristinger. („Epilepsia“. V. 1914. Fase. 4.) Ref.: Kurt Mendel. Auf eine Unterdrückung der Anfälle durch eine wirksame Epilepsiebehand¬ lung reagieren die komplizierten Epilepsien ungünstig, d. h. diejenigen Fälle, bei denen neben epileptischen Anfällen noch neurotische oder psychotische Symptome bestehen. Diese Erfahrungen erklären wahrscheinlich auch die Tatsache, daß in den Irrenanstalten, wohin gewöhnlich nur die schwersten Fälle gebracht werden, therapeutische Erfolge so schwer zu erzielen sind. In der weitaus größten Mehrzahl der Fälle übt die Unterdrückung der epi¬ leptischen Anfälle eine günstige Wirkung auf die psychische Konstitution der Kranken aus. Bei einer Anzahl von komplizierten Epilepsien ruft aber eine Unterdrückung der motorischen Entladung psychische Krankheitszustände entweder hervor oder sie verschlimmert schon vorhandene Symptome, während eine ge¬ eignete Regulierung der Anfälle eine relativ günstige psychische Verfassung be¬ wirken kann. 110) Zur Behandlung der Epilepsie und verwandter nervöser Leiden, von R. Topp. (Fortschr. d. Medizin. 1914/15. Nr. 34/35.) Ref.: K. Boas. Empfehlung des „Pulvis antiepilepticus Dr. Weil“, chemisch „Hämoglobin- Eisenalkalibromid“ von der Zusammensetzung: Hämoglobin 5% Aoid. album. 5 „ Fe 4 „ Kal. bromat. 26 „ Natr. bromat. 54 „ Enzianbitterstoffe 6 „ bei Epilepsie und verwandten nervösen Erkrankungen. — Einschlägige Kranken¬ geschichten werden mitgeteilt. Bei genuiner Epilepsie empfiehlt Verf. Spasraon Dr. Heinrich-München. Von Dr. Weils Nervenpulver gibt Verf. 3 bis 4 Pulver täglich oder er kombiniert es zu 1 bis 2 Pulvern mit 1 bis 2 Eßlöffeln Spasmosan pro die. 111) Experienoe wlth crotalin at the Oakbourne epileptto oolony, by N. S. Yawger. (Journ. of the amer. med. Asboo. LXIL 1914. Nr. 20.) Ref.: W. Misch. Das Resultat bei seohs mit Krotalin behandelten Fällen von idiopathischer Epilepsie war sehr ungünstig: bei zwei Patienten war die Behandlung ohne jeden Einfluß, zwei verschlimmerten sich unter der Behandlung; ein Fall wies so heftige toxische Symptome auf, daß die Behandlung abgebrochen werden mußte, und einer starb 2 1 / s Monate nach der Behandlung. 112) Über den Einfluß der Sohutzimpfungen gegen Lyasa auf den Verlauf der Anfälle bei Epilepsie, von M. Ni kitin. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 28.) Ref.: W. Alexander. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 761 Bei einer Patientin bestehen seit 11 Jahren häufige epileptische Anfalle, die anf Brom auf einen Anfall pro Woche zurückgehen. Nachdem die Kranke von einem tollen Hund gebissen und mit Schutzimpfung behandelt wurde, ist sie jetzt seit 22 Jahren anfallsfrei. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß der psychische Einfluß wirksam war, weil so etwas bei Epilepsie kaum vorkommt. Wenn man also nicht einen Zufall annehmen wollte, konnte man entweder das Lyssavirus oder die bei der Impfung eingeführte Emulsion des Kaninohenrückenmarks als wirk¬ sames Agens ansehen. Die Versuche des Verf.’s an Epileptikern mit Injektion von normalem Kaninchenrückenmark fielen vollkommen negativ aus. Die Impfungen mit Lyssavirus, wie es zur Tollwutimpfung verwandt wird, ergab bei 10 Fällen in mehr als der Hälfte der Beobachtungen eine starke Wirkung auf die Anfälle, und zwar eine viel mächtigere als die Brombehandlung. Der Effekt äußerte sich nicht sofort. Einem Stadium der Latenz, in dem die Frequenz der Anfälle sich nicht ändert, folgt ein Stadium gehäufter Anfalle. Ohne dies Stadium trat nie Besserung oder Heilung ein. Der Mechanismus der Beeinflussung ist ganz unklar. Zwei Umstände sind zu berücksichtigen: einmal, daß sich die Tatsachen immer mehr häufen, die auf eine Umänderung im Stoffwechsel bei der genuinen Epilepsie hinweisen; und zweitens, daß das Impfmaterial, das sich hier gegen die Epilepsie bewährt hat, bei einer anderen Erkrankung, der Hydrophobie, wirkt, die meistens den Charakter einer Krampfform hat und eine gewisse klinische Ähnlichkeit mit der Epilepsie aufweist. 113) Erfahrungen über die operative Behandlung der genuinen und trau- matisohen Epilepsie, von Weispfenning. (Beitr.z.klin.Chirurgie. XCII.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). Bericht über sämtliche von Kümmell im Krankenhaus Eppendorf in Ham¬ burg operierte Fälle. Von 31 Fällen genuiner Epilepsie wurden 3 geheilt, 5 ge¬ bessert, 13 blieben unbeeinflußt, 2 sind nach der Operation gestorben, 8 zu kurze ^eit beobachtet, bzw. nicht nachüntersucht. 33 mal wurde die Trepanation aus¬ geführt, dabei die Dura 26 mal exzidiert und 7 mal durch Faszien, Fett¬ lappen usw. ersetzt. Ferner wurden operiert 11 Fälle von traumatischer Epilepsie; von diesen 11 wurde nur 1 geheilt und 1 gebessert, ein Beweis, daß die Chancen bei der traumatischen Epilepsie keineswegs besser sind, wie bei der genuinen. In den beiden mit Erfolg operierten Fällen wurde eine Rindenexzision gemaoht. Die Dura wurde stets exzidiert und 3 mal durch Faszie, 1 mal durch einen Fettlappen ersetzt. Bei 3 traumatischen Hirnzysten bildete sich trotz Eröffnung und Ent¬ leerung die Zyste wieder, so daß eine zweite Trepanation erforderlich wurde. Alle diese unbeeinflußt gebliebenen Fälle bestanden schon seit einer langen Reihe von Jahren (16 Jahre und darüber). 114) Twenty-first annual report of the managers and offloers of the Oraig Oolony for Epileptics Sonyea, Livingston County, N. Y. (Albany J. B. Lyon Company, Printers, 1916.) Ref.: Bratz (Dalldorf). Der vorliegende 21. Jahresbericht der Craig Colony des Staates New York für Epileptische mag die Aufmerksamkeit' der Epileptologen auf dieses Institut leiten, welches in praktischer Fürsorge und wissenschaftlicher Arbeit den besten Epileptikeranstalten gleichwertig ist. Die Gesamtzahl der Patienten beträgt über 1400, und während bisher aus¬ gesprochen geisteskranke Epileptische von der Behandlung ausgeschlossen waren, werden neuerdings Häuser auch für solche hinzugebaut. In dem Bericht finden sich auch sorgfältige Sektionsberichte des patho¬ logischen Anatomen der Anstalt, Dr. Munson. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 762 Psychiatrie. — Dementia praecox. 115) Beiträge zur somatischen Symptomatik und Diagnostik der „Dementia praecox“, von J. H. Schultz. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXYIL 1915. H. 4.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. gelangt zu folgenden Ergebnissen: 1. In Übereinstimmung mit den Daten der experimentellen Pathologie und Physiologie findet sich Adrenalin-Mydriasis nicht selten bei organischen Hirn« affektionen. 2. Reine Fälle von Neurosen und „funktionellen“ Psychosen, außer Dementia praecox, zeigen keine Adrenalin-Mydriasis. 3. Bei Dementia praecox findet sich in etwa 50°/ o sehr deutliche, in etwa 15°/ 0 fragliche, etwa 15 °/ 0 negative Adrenalin-Mydriasis. Etwa 15°/ 0 zeigen auf Adrenalin Pupillenverengerung: „paradoxe Reaktion“, besonders bei vorher mäßig weiten Pupillen. 4. Es besteht keine eindeutige Beziehung der Adrenalin-Mydriasis zu sympto¬ matischen Bildern und zum Verlaufe der Dementia praecox; oft hält die Mydriasis auffallend lange (tagelang) an. 5. Die einseitige Prüfung auf Adrenalin-Mydriasis, unter Kontrolle der anderen Pupille und in technisch einwandfreier Weise ausgeführt, ist eine einfache, ge¬ fahrlose klinische Methode, die anscheinend praktisch von Interesse ist. 6. Das Blutserum Dementia praecox-Kranker zeigt im Laewen-Trendelen- burgschen Präparate auffallend niedrige Werte. 7. Der Liquor cerebrospinalis von organischen Hirnaffektionen und „funktio¬ nellen“ Psychosen (Dementia praecox, Manie) enthält unabhängig vom Eiweißgehalt erhebliche Mengen gefäßverengernder Substanzen im Laewen-Trendelenbnrg- schen Versuche (Hypophyse?). 8. Die neueren somatischen Befunde bei Dementia praecox weisen überein¬ stimmend dieser Krankheitsgruppe eine Sonderstellung gegenüber rein „funktio¬ nellen“ Psychosen an; zu einer einheitlichen Theorie genügen sie nicht. 9. Versuche zur Darstellung einer Cutireaktion bei Dementia praecox sind bisher erfolglos geblieben. 116) Die Frühsymptome der Sohizophrenie ln ihren Beziehungen zur Kriminalität und Prostitution der Jugendlichen, von Stelzner. (Allg. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). Die Schizophrenie drängt bereits in ihren Frühformen das jugendliche Weib, wie keine andere Erkrankung, in die Bahn der Prostitution. Bei der Kriminalität der Frühformen spielt weniger eine eigentliche Charakterveränderung, als ein in¬ folge Nachlassens von Hemmungen unverhülltes Hervortreten übler Anlagen die Hauptrolle. Daher richtet sich die Schwere der antisozialen Handlungen nach dem Grundcharakter des betreffenden Individuums, während die Art der schizo¬ phrenen Kriminalität von dem gegenwärtigen Zustandsbild, je nachdem intellek¬ tuelle Störungen, Affektkrisen usw. zur Geltung kommen, abhängig ist. Eine kurzdauernde psychiatrische Untersuchung jugendlich krimineller und mindeijähriger Prostituierter reicht selten aus, die ersten Anzeichen der Schizophrenie einwand¬ frei zu diagnostizieren; daher muß besonderes Gewicht auf das Feststellen gewisser Frühsymptome gelegt werden, die die Erkrankung wahrscheinlich machen und zu weiterer Beobachtung auffordern. Zu diesen Frübsymptomen gehören gewisse Er¬ scheinungen der Körperhaltung und Mimik, eigenartige Intelligenzstörungen, di« sich durch Ungleichmäßigkeit der Leistungen im Neben- und Nacheinander, Ver¬ langsamung der geistigen Prozesse und ihres sprachlichen Ausdruckes, Entgleisungen beim Reden und Schreiben usw., sowie durch affektive Störungen, wie plötzlichen, unmotivierten Stimmungswechsel, Affektlosigkeit, bypomanische oder depressive Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 763 Grundbilder usw. äußern. Anamnestisch wichtig ist das plötzliche Nachlassen der Arbeitslust und Arbeitsfähigkeit, sowie allgemein der intellektuellen und ethischen Leistungen. Die wichtigsten Behelfe zur Diagnose bilden die Akten, die lange LebensBtrecken besonders in Richtung der Erziehungs- und Strafurteile beleuchten. Verf. weist darauf hin, wie wichtig es ist, der Schizophrenie Verdächtige sofort einer Dauerbeobachtung zu unterziehen und speziell die Prostituierten, die bei Schizophrenie gegen alle Besserungsversuche refraktär sind, sofort psychiatri¬ scher Überwachung in geeigneten Anstalten zuzuführen, da sie vollkommen Schiff¬ bruch leiden. 117) Note on the Inoidenoe of Status lymphatious in dementia praecox, by H. Emerson. (Arch. of int. Medec. XIV. 1914. Nr. 6.) Ref.: W. Misch. Unter 208 beobachteten Fällen von Dementia praecox fanden sich 29,3 °/ 0 mit typischen Anzeichen des Status lymphaticuB, ein Prozentsatz, der höher ist als der bei chronischem Alkoholismus und chronischer Narkotikumvergiftung (22 °/ 0 ). 118) The olinioal signifloance of katatonio Symptome, by H. Devine. (Journ. of mental Science. 1914. April.) Ref.: W. Misch. Im Anschluß an die Mitteilung zweier Fälle geht Verf. auf das Vorkommen katatonischer Symptome bei verschiedenen Geisteskrankheiten ein. Aus seinen Beobachtungen schließt er, daß katatonische Erscheinungen bei einer großen Zahl von Geistesstörungen Vorkommen, und daß sie nicht unbedingt eine Verschlimmerung des Krankheitsverlaufs bedeuten. Akute Verwirrongszustände sind insofern von wichtiger prognostischer Bedeutung, als sie eine spätere Demenz anzeigen. Im ganzen ist in Betracht zu ziehen, daß eine Prognose nicht immer auf rein sympto- matologi8cher Basis zu stellen ist, daß vielmehr das Auftreten gewisser Symptome in weiten Grenzen von der ganzen Persönlichkeit abhängig ist, und daß ihre Bewertung stets mit Rücksicht auf die Reaktionsart und den psychischen Zustand des betreffenden Individuums zu geschehen hat. 119) Los orises des demente pröooces, par Halberstadt et Legrand. (Rev. de Psychiatrie. 1914. Nr. 4.) Ref.: Ph. Jolly (Halle a/S.). In dem mitgeteilten Fall handelt es sich um eine Patientin, die seit dem 16. Lebensjahre jährlich einige Monate an Anfällen litt, die nach der Schilderung einen hysteriformen Charakter tragen. Im Alter von 32 Jahren trat eine Psychose mit Verfolgungsideen, Angst usw. auf, die jetzt nach 18monatiger Beobachtung deutliche Tendenz zur Verblödung zeigt; die Anfälle werden seltener und weniger ausgesprochen. 120) Zar Kenntnis symbolähnlioher Bildungen im Rahmen der Schizo¬ phrenie, von P. Schilder und H. Weidner. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Paych. XXVI. 1914. S. 201.) Ref.: W. Misch. Auf Grund eines ausführlich beschriebenen Falles von Schizophrenie kommen die Verff. zu dem Schluß, daß die von Freud, Jung und Bleuler beschriebenen symbolähnlichen Bilder nicht immer konstruiert, sondern Tatsachen sind. Folgende Tatsachen werden aus der Analysierung dieses Falles zusammengestellt: Es gibt symbolähnliche Bilder im Rahmen der Schizophrenie. Symbolähnliche Bilder Bind solche, welche ihrer Struktur nach zu einem Zerfall in Symbol und Symbolisiertes tendieren. Es wurden Tatsachen gefunden, die zwanglos als psychische Zensur bezeichnet werden konnten. Sexuelle Vorstellungen scheinen jedenfalls besonders häufig syrabolähnliche Vorstellungen einzugehen. Die sogen. Verlegung nach oben war in diesem Falle zweifellos vorhanden. 121) Lea etats de loquacite dans la demence preooce, par Paul Guiraud. (Annales medico-peycholog. LXXII. 1914. Nr. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Die Dementia praecox führt meist zur Wortkargheit oder zum Mutismus. Es kommt aber auch zur Logorrhoe. Die Geschwätzigkeit dieser Kranken unter* Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 764 scheidet sich von derjenigen der Paralytiker und senil-Dementen. Der Dementis praecox-Kranke ist, ohne seinem Wort einen Sinn btfizumessen, durch den Klang der. Worte berauscht, er scheint ein Vergnügen am Sprechen zu empfinden, er hört sich gern reden. Der Paralytiker stößt hingegen stundenlang die gleichen Töne aus; der senil-Demente wiederholt unaufhörlich die gleichen bedeutungslosen Sätze. 122) La valeur du „Symptome des reponses absurdes“ en psyohlatrie milltaire, par A. Hesnard. (Arch. de möd. et de pharmacie navales. CL 1914. Nr. 6.) Ref.: K. Boas. Verf. macht auf die Wichtigkeit des Ganser sehen Symptoms für die foren¬ sische Militärpsychiatrie, besonders in Fällen von Dementia praecox, aufmerksam. Der Verf. macht besonders auf das isolierte Vorkommen des Ganserschen Symptoms als Frühsymptom einer Katatonie aufmerksam. Er spricht dabei von „syndröme de la fausse Simulation“. Ein derartiger Fall wird ausführlich mit¬ geteilt: scheinbar intakter geistiger Zustand, keine charakteristischen psycho¬ pathischen Merkmale, Gansersches Symptom mit manchmal richtigen, manchmal blödsinnigen Antworten, Unbeeinflußbarkeit durch die Umgebung und Negativismus. In diesem Fall war das syndröme de fausse Simulation das erste Anzeichen einer Dementia praecox. Von Simulation, an die in solchen Fällen oft gedacht werden könnte, kann gar keine Rede sein. 123) Über frühes Auftreten von Dementia praeoox mit Bemerkungen über Pfropfhebephrenie, von L. Weddige. (Inaug.-Dissert. Greifswald 1914.) Ref.: K. Boas. In dem Falle des Verf.’s — einen 12jährigen Jungen betreffend — handelte es sich nach der Entwicklung, der Beobachtung und dem Zustandsbild um eine typische Hebephrenie, die sich in die Kategorie der Pfropfhebephrenien einreiht Außerdem bot der Fall des Verfi’s noch das besondere Interesse, daß hier gleich¬ zeitig auch noch eine Dementia praecocissima (infantilis nach Heller. Ref.) vorlag. Endlich war noch der Umstand bemerkenswert, daß es sich um eine sehr frühzeitige Pubertätsentwicklung handelte. 124) Über hysterische Psychosen und deren Differentialdiagnose gegenüber der Dementia praecox, von E. Naundorff. (Inaug.-Dissert Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. Ein 28jähriger Untersuchungsgefangener bot sowohl katatonische als auch hysterische Symptome dar. An ersteren bestanden Negativismus, bizarres umi maniriertes Wesen, Stereotypien. An letzteren zeigte er „affektbetonte“ Vor¬ stellungskomplexe, totale Analgesie, „ärmelförmige“ und „hosenbeinförmige“ Hyp- ästhesie, Vorbeireden, unsinniges Antworten und einen gewissen Grad von „Pueri¬ lismus“ (Sträussler). In Würdigung all dieser Symptome gelangt Verf. zu der Diagnose einer hysterischen Situationspsychose (Stern), ohne daß jedoch eiue Katatonie völlig auszuschließen wäre. Der weitere Verlauf der Erkrankung be¬ stätigte die Diagnose und spricht für Sterns Ansicht, daß man die Diagnose „Situationspsychose“ auch dann stellen soll, wenn deutliche katatonische Symptome vorhanden sind und auf die Diagnose Dementia praecox hindeuten. 126) La dömenoe preoooe ä evolution ciroulaire, par M. Halberstadt. (Re?, de psychiatr. 1913. September.) Ref.: W. Misch. Im Gegensatz zu Urstein, der das manisch-depressive Irresein nicht als ein¬ heitliche Erkrankung, sondern als periodische Form der Dementia praecox auf* fassen will, betont Verf. die Art der manisch-depressiven Anfälle als charakte¬ ristischer für die Erkrankung als ihre Periodizität. Charakteristisch für diese Erkrankung sind die Syndrome von motorischen, Intelligenz- und Affektsymptomen. dagegen findet sich periodisches Auftreten von manischen und depressiven Zu¬ ständen nach Magnan auch bei Degenerierten. Bei den intermittierenden Formec Digitized by Go .gle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 765 der Dementia praecox andererseits, die Eraepelin in der zirkulären, periodischen nnd in der katatonischen Form unterscheidet, herrschen doch die für diese Er¬ krankung charakteristischen Symptome so vor, daß man höchstens zu den bekannten drei Hauptgruppen der Dementia praecox noch als vierte eine intermittierende Form hinzufügen, niemals aber dieselbe mit dem manisch-depressiven Irresein in Zu¬ sammenhang bringen könnte. Ein gemeinsames Auftreten von manisch-depressivem Irresein und Dementia praecox ist praktisch außerordentlich selten. 120) Ein durch seinen Verlauf und seine Sp&tgenesung beachtenswerter Fall von Katatonie, von K. Frommer. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. H. 1 u. 2.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). Krankheitsgeschichte eines 65jährigen Mannes, der bis ftum 62. Lebensjahre an einer Katatonie litt, in den letzten 3 Jahren aber keine katatonen Krankheits¬ erscheinungen mehr bietet, wohingegen in dieser Zeit arteriosklerotische Verände¬ rungen deutlich hervortraten. Einen Ende 1912 aufgetretenen, kurz dauernden ängst¬ lichen Verwirrtheitszustand mit Halluzinationen glaubt Verf. auf die Arteriosklerose beziehen zu müssen. Verf. spricht die durch die Arteriosklerose gesetzten Ver¬ änderungen in der Ernährung der einzelnen Organe sowie im Gesamtstoffwechsel als auslösendes Moment für die Spjitheilung an. 127) Todesursachen schizophrener Frauen, von M. Schröder. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: G. Stieflör. Von 2093 Frauen, die vom Juni 1889 bis zum 1. April 1913 in die Provinzial¬ heilanstalt zu Lauenburg in Pommern aufgenommen worden sind, sind bis zum August v. J. 606 gestorben, 200 hiervon litten sicher an Schizophrenie. Die häufigste Todesursache ist die Tuberkulose, die 67 °/ 0 bei allen schizophrenen Ver¬ storbenen beträgt. An den bisherigen geringen Erfolgen der Tuberkulosebekämpfung ist sicherlich die Schwierigkeit frühzeitiger Erkennung der Tuberkulose bei der Schizophrenie schuld, die darauf beruht, daß sich die Kranken gern der Beob¬ achtung entziehen und jeder körperlichen Untersuchung widerstreben. Regelmäßige Wägungen und Temperaturmessungen sind ein wichtiges Hilfsmittel zur früh¬ zeitigen Erkennung. Die Tuberkulose bietet bei Anstaltsaufenthalt fast durchweg sehr ungünstige Heilungsaussichten, und ist daher nach Möglichkeit die baldige Entlassung aus der Anstalt anzustreben. Nächst der Tuberkulose kommt bei den Schizophrenen als wesentliche und charakteristische Todesursache nur noch der Marasmus in Betracht, der als eine direkte Folge der Schizophrenie anzusehen ist, und zwar zeigen die katatonen Formen einen frühzeitigen Verfall, die hebephrenen und paranoiden Kranken ein später eintretendes und länger dauerndes Siechtum. 128) Over de behandoling van Dementia praecox, door N. J. Lern ei. (Ned. Tijdschr. v. Geneesk. II. 1914. Nr. 4.) Ref.: Taco Kuiper (Castricum). In diesem — nach seinem Tode erschienenen — Aufsatze wendet sich Verf. gegen die Auffassung, daß ein untätiges Verhalten bei dieser psychischen Er¬ krankung gerechtfertigt sei. 12 Fälle wurden mittels Schilddrüsenextrakts bzw. Schilddrüsentabletten von Borroughs, Wellcome Co. behandelt. Die Erfahrungen erstrecken sich über 6 Jahre. In 11 von diesen 12 Fällen wurde eine so weit¬ gehende Besserung erreicht, daß die Patienten (meistens Frauen) gänzlich imstande waren, in ihre Familie zurückzukehren und zu arbeiten. Verf. weist auf die Not¬ wendigkeit hin, die Therapie in den ersten Stadien der Krankheit einzuleiten und nicht wegen Mangels an schnellem Erfolge vorzeitig einzustellen. Ein Fall blieb während 5 Jahre geistig gesund, erlitt alsdann ein Rezidiv, heilte in 6 Monaten und blieb Seitdem während l*/ 4 Jahr in ausgezeichneter geistiger Gesundheit 3 Fälle sind jetzt 4 Jahre, 3 Fälle 3 Jahre, 4 Fälle ungefähr 2 Jahre als ge¬ heilt zu betrachten. Verf. sah von einer Steigerung der Pulsfrequenz bis 120 keinen Schaden. Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 766 Forensische Psychiatrie. 129) Die Mendelsohen Vererbungsgesetze und ihre Bedeutung für die Kriminalistik, von H. Fehl in ge r. (H. Gross’ Archiv f. Krimi nalan thro- pologie u. Kriminalistik, LXI. 1915. S. 180.) Ref.: K. Boas. Verf. gibt eine kurzgefaüte Darstellung der Mendelschen Vererbungsgesetze, wobei er besonders das Verhältnis der dominanten zu den rezessiven Merkmalen, die Spaltungsregeln sowie die selbständige Vererbung der einzelnen Merkmale erörtert. Verf. weist nun auf die Anwendung der Mendelschen Gesetze in der Krimi¬ nalistik hin. In dieser Beziehung kommt für Legitimationsfragen die Reinheit der rezessiven Merkmale in Betracht, ferner die Tatsache, daß sich nicht allein normale körperliche Merkmale nach den Mendelschen Gesetzen vererben, sondern ebenso körperliche und geistige Abnormitäten (im besonderen geistige Defekte, die am häufigsten Anlaß zu verbrecherischen Handlungen geben). Es gibt Familien, in denen verbrecherische Neigungen häufig Vorkommen, und andere, in denen diese selten sind. Für erstere kann man annehmen, daß diese die Dominante bedeutet, für letztere, daß sich die Abnormität rezessiv verhält und nur dann wieder äußert, wenn ein Nachkomme von beiden Eltern her die defekte Anlage erbt. Würde man wissen, welch abnorme Anlage sich rezessiv verhält, so könnte man möglicher¬ weise durch Verbot einer Heirat mit bestimmten Personen dem Wiederauftreten der Vererbung Vorbeugen. Sollte demnach in entarteten Familien die Kreuzung mit nicht entarteten Personen die Defekte zum Verschwinden bringen oder wenigstens seltener machen, so könnte man darin eine Äußerung der Dominanz¬ regel erblicken. In Familien mit häufigerem Auftreten einer verbrecherischen Neigung, wo sich also die Abnormität dominant verhält, kann man annehmen, daß die Belasteten neben ihren defekten noch normale Anlagen besitzen (Hetero- zygoten), sowie daß die Kreuzung vorwiegend mit normalen Personen stattfindet, so daß voraussichtlich nur die eine Hälfte der Nachkommen normal, die andere defekt veranlagt sein wird. Von letzteren wird dann auch wohl nur bei einem Teile die defekte Veranlagung von ihnen zum Vorschein kommen, was allerdings ein Eingreifen im Sinne der Eugenik erschwert Verf. stellt die Forderung auf, man solle möglichst viel Feststellungen von vorkommenden schweren geistigen und körperlichen Defekten in Verbrecher¬ familien mit größter Genauigkeit vornehmen, um weitere Grundlagen zu schaffen, auf denen zielbewußt der Vererbung von verbrecherischer Anlage vorgebeugt werden könne. 130) Vergleichende Untersuchungen über die Tätowierung bei Normalen, Geisteskranken und Kriminellen, von Karl Gotthold. (Sommers Klinik f. psychische u. nervöse Krankh. IX. 1914. H. 3.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. untersuchte 12 Normale, 47 Geisteskranke und 16 Kriminelle. Aus diesen Untersuchungen ergab sich folgendes: 1. Die Tatsache, daß man bei Geisteskranken und Kriminellen häufiger Täto¬ wierte findet, beruht weniger auf einer inneren Veranlagung, als auf äußeren Umständen (Gelegenheit, Nachahmung, Verführung). 2. Man muß infolgedessen mit der psychologischen, namentlich kriminal- psychologischen Wertung eines diesbezüglichen Befundes äußerst vorsichtig sein. 3. Gerechtfertigt ist höchstens der Schluß auf eine gewisse Eitelkeit, Reno- miersucht und rohsinnliche Veranlagung des Trägers, die sich jedoch bei Normalen sowohl wie bei Geisteskranken und Kriminellen in gleicher Weise vor findet. 4. Hinsichtlich der bevorzugten Muster finden sich bei Normalen, Geistes¬ kranken und Kriminellen keine tiefgreifenden Unterschiede. 5. Aus dem Vorhandensein vieler Tätowierungen auf dem Körper eines In- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 767 dividuums darf man einerseits auf eine gewisse Hypalgesie, andrerseits puf eine psychische Hemmungslosigkeit des Betreffenden schließen, wie sie namentlich charakteristisch ist für Schwachsinnige. 6. Tätowierungen bei Frauen verraten stets eine gewisse sittliche Yer- kommenheit. Haben die Tätowierungen somit keinen großen psychologischen Wert, so können sie doch unter Umständen dem Praktiker, namentlich dem Kriminalbeamten und auch dem Gericbtsarzt, bei der Identifizierung einer bestimmten Persönlichkeit dienlich sein, zumal das Entfernen von Tätowierungen sehr schwierig ist. Die Vorschläge der Zwangstätowierung von Verbrechern begegnet fast all¬ gemeiner Ablehnung. 131) Psychiatrische Untersuchungen in der niederösterreiohisohen Zwangs» arbeitsanstalt Korneuburg, von E. Bischoff und E. Lazar. (Jahrb. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. Wagner v. Jauregg-Festschrift.) Ref.: Kurt Mendel. Im ganzen wurden 224 Menschen untersucht, um die äußeren oder inneren Ursachen der Dissozialität, des sozialen Verfalles beim einzelnen Individuum klar¬ zulegen. Die Unfähigkeit, sich in ein soziales Getriebe einzufügen, geht in der Regel von einer besonderen psychischen oder physischen Eigenschaft des Indivi¬ duums, eventuell von äußeren Umständen aus; bei eventueller Konkurrenz mehrerer Momente tritt das eine oder das andere so deutlich hervor, daß man leicht nur eines als das primäre, alles andere als das sekundäre auffassen kann. Bei gleichen Ursachen und ähnlicher Veranlagung treten auch gewisse Regelmäßigkeiten in der Art des sozialen Verfalles, der Kriminalität und der Beeinflußbarkeit auf, die die Zusammenfassung zu bestimmten Gruppen rechtfertigen. Die Verff. unterscheiden: I. Körperliche Erkrankung (10°/ 0 ). Die Dissozialität dieser Gruppe und ihre Kriminalität ist lediglich sekundärer Natur; auch die Unverträglichkeit, die Schwierigkeit, sie in Anstalten zu disziplinieren, dürfte auf die so vielen körperlich Kranken eigentümliche Reizbarkeit zurückzuführen sein. II. Verwahrlosung (über 20°/ 0 ). In dieser Gruppe findet man viel verhaltenen Zorn, eine Auflehnung gegen die Gesellschaftsordnung, die sich aus ihrem Wesen, aus ihrer psychischen Beschaffenheit nicht erklären läßt. Möglicherweise handelt es sich vielfach um Reste von Kindheitsverstimmungen, die mit der unglücklichen Jugend, mit den Entbehrungen in der Kindheit, Mißhandlungen u. ähnl. im Zu¬ sammenhang stehen. Gerade bei diesen Menschen, hauptsächlich bei den jüngeren von ihnen, ließe sich sehr vieles psychotherapeutisch bessern. III. Neuropathische Konstitution. Als Wurzel der Dissozialität ist in dieser Gruppe die nervöse Erkrankung anzusehen, die sich hauptsächlich in einer starken Stimmungslabilität äußert. Diese führt zu Zornausbrüchen, zu Widersetzlichkeit, schließlich zur Arbeitslosigkeit und Kriminalität. IV. Stimmungsanomalien: Hyperthymie (keine Besserung Pur die Dauer; die Dissozialität kann periodisch zu verschiedenen Zeiten eintreten) und Depression (schwere Form von Verbrechern, keine Besserung wegen der außerordentlich schweren Beeinflußbarkeit und des Ungeeignetseins der heutigen Erziehungsanstalten für solche Kranke). V. Angeborener moralischer Defekt; zu dieser Gruppe gehören durchaus ver¬ hältnismäßig kleine Menschen mit gedrungenem Körperbau (? Ref.), außerordent¬ lich kräftigem Knochenbau, tadellosem Gebiß, sehr kräftiger, sehniger Muskulatur, fast vollkommener Unempfindlichkeit gegen Nadelstiche, verhältnismäßig schwach entwickelten Geschlechtsorganen. Dieser Gruppe von Menschen ist wohl auf keine * Weise beizukommen. VL Wandertrieb. Diese Gruppe ist vollkommen unverbesserlich. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 768 VII. Schwachsinnige. Der Beginn der Dissozialität geht in der Regel weit zurück, manchmal bis in die Kindheit; die Belastung ist fast immer eine schwere^ die Sexualität eine abnorme. Die Verwahrung in der Zwangsarbeitsanstalt ist völlig zweckmäßig. VIII. Psychosen. Beginn der Dissozialität meist sehr früh, Potatorinm viel¬ fach sehr stark entwickelt. Die Menschen dieser Gruppe sind in einer Zwange- arbeitsanstalt richtig untergebracht, ihnen ist mit einer geregelten Beschäftigung unter psychiatrischer Aufsicht am meisten gedient. 132) über Psychoanalyse in gerichtsärztlioher Beziehung, von J.H.Schnitz. (MonatsBchr. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 4.) Ref.: Bratz. Verf. gibt unter Beiziehung einer ungeheuren Literatur eine Darstellung der Psychanalyse vom gerichtsärztlichen Standpunkte und kommt zu dem Schlüsse, daß an und für sich nur indirekte Beziehungen der Psychanalyse zur gerichts¬ ärztlichen Tätigkeit bestehen. Die objektive Beurteilung der Psychanalyse wird die wertvollen Bestandteile der Psychokatharsis anerkennen und auch in manchen der Freudschen Mechanismen individualpsychologisch-heuristisch schätzbare Momente • bestehen lassen können, deren Anwendung eine bestimmte Konstitution zur Voraus¬ setzung hat. 133) Über Sittliohkeitsverbreohen, von Rechtsanwalt Dr. jor. Fritz Weri> hauer. (Zeitschr. f. Sexualwissenschaft. II. 1915. H. 1.) Ref.: K. Boas. Der bekannte Berliner Jurist formuliert seine Vorschläge in betreff der Behandlung der Sittlichkeitsverbrechen im künftigen Strafrecht in folgenden Leit¬ sätzen: 1. Bei der Betrachtung und Gesetzgebung der sogen. Sexualverbrechen muß die Voreingenommenheit ausgeschaltet werden, welche sich gegen die Auffassung des Geschlechtstriebes als einer rein körperlichen Funktion wendet. 2. Diese Delikte sind nur insoweit unter Strafe zu stellen, als sie einen straf¬ baren Eingriff in sonst geschützte Rechtssphären enthalten, nicht aber, weil dem Eingriff eine sexuelle Motivierung zugrunde liegt. 3. Die Eingriffe sind deshalb nur als Handlungen gegen Leib, Leben, Ehre des Verletzten oder gegen die öffentliche Ordnung und dergleichen zu bestrafen. 4. Der sexuelle Beweggrund kann, soweit es auf ihn ankommt, nur beim Strafmaß Berücksichtigung finden. 5. Auch die strafbare Betätigung, welche mittels Eingriffs in die Recht» Sphäre willenloser, willensschwacher, minderjähriger Personen oder durch An¬ wendung von Gewalt, Drohung, List erfolgt, darf nur zur Erhöhung des Straf¬ rahmens oder des Strafmaßes innerhalb des Strafrahmens führen. 6. Die Strafandrohung darf ein Ausnahmereoht gegen den homosexuellen Geschlechtstrieb gegenüber dem heterosexuellen Geschlechtstrieb nicht enthalten und namentlich nicht, soweit Mißbrauch des Dienst- und Abhängigkeitsverhältnisses in Frage kommt, die strafrechtliche Ahndung nur beim homosexuellen Verkehr und nicht beim heterosexuellen Verkehr in das Auge fassen. 7. Der besondere Abschnitt über Verbrechen gegen die Sittlichkeit ist des¬ halb zu streichen. Diejenigen strafbaren Handlungen, welche bisher darunter verstanden wurden und auf das Geschlechtsgebiet sich bezogen, Bind ohne Rück¬ sicht auf da9 letztere in die Tatbestände der strafbaren Handlungen, die sich gegen Leib, Ehre, öffentliche Ordnung und dergleichen richten, einzureihen, soweit eine Strafaktion für erforderlich gehalten wird. Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel in Berlin W, Augsburgerstr. 43. Verlag von Vxrr & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgkb & Wittiö in Leipzig. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN Neurologisches Centralblatt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet von Pro! E. MendeL Her&uBgegeben von Dp. Kurt MendeL V ierunddrei ßigster Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark« Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie direkt von der Verlagsbuchhandlung. 1915. 16- Oktober. Nr. 20. Inhalt. I. Originalmitteili/ngen. 1. Über die vermehrte Schweißabsonderung auf der gelähmten Seite (nach Pilokarpininjektion) bei kortikalen Läsionen, von G. Bikeles und Josef Gerstmann. 2. Versuche mit schweißtreibenden Mitteln bei einem Fall von kompletter spastischer Paraplegie infolge Karies des 9. Brustwirbelkörpers, von G. Bikeles und Josef Gerstmann. 3. Über das Nachbewegungsphänomen (Katatonusvefluch von Kohnstamm), von J. Csiky. II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Über die Indikationen zu den therapeuti¬ schen. speziell den chirurgischen Maßnahmen bei den Kriegsverletzungen des Nervensystems und über die Prognose dieser Verletzungen an sich und nach den verschiedenen Eingriffen, von Bruns. 2. Zwei Fälle von Lähmung des Halssympathicus mit Augenerscheinungen bei Kriegsverletzten, von Russeff. 3. Doppelseitige reflektorische Papillenstarre nach Schädel¬ trauraa durch Granateufernwirkung, von Bergl. 4. Über Granatkontusion (Gaupp), von Weber. 5. Über GranatexplosionsstöruDgen, von Mann. 6. Die Differentialdiagnose der Hysterie und psychopathischen Konstitution gegenüber der Hebephrenie im Felde, von Bon- höffer. — Tetanus. 7. Neuere Arbeiten über Tetanus, von Bresler. 8. Zur Lehre vom Wundstarrkrampf, von Happel. 9. Klinische Erfahrungen über Tetanus auf dem westlichen Kriegsschauplatz, von Klieneberger. 10. Klinische und therapeutische Erfahrungen über den Tetanus, von Prlbram. 11. Ein auf den linken Plexus lumbajis lokalisierter Fall von Tetanus, von Hammer. 12. Die intraneurale Injektion von Tetanusantitoxin bei lokalem Tetanus, von Meyer. 13. Beitrag zur Tetauusbehmdlung, von Liebold. 14. Zur Salvarsanbehandlung des Tetanus, von Rothfuchs. — Migräne, Neuralgie. 15. Über Cepbalalgie. Eine Mono- raphie von Hndtek. 16. Anaphylaktische Erscheinungen im Symptomenbilde der Hemi- ranie. Ein Fall von Heraicrania ophthalmica, von Rohrer. 17. Behandlung der Trige- ininusneuralgien mit Alkoholinjektionen, von Donath. 18. Beobachtung eines Falles mit Keratitis neuroparalytica infolge einer Alkoholinjektion in den N. maxillaris superior bei Gesichtsneuralgie, von Dutoit. 19. Die Heilung hartnäckiger Trigeminusneuralgien durch Injektion von Alkohol ins Ganglion Gasseri, von Hirschei. 20. The treatment of trifacial neuralgia by the injection of alcohol into the Gasserian ganglion, by Camp. 21. Die Dauer¬ erfolge der extrakraniellen chirurgischen Behandlung der Trigeminusneuralgie, von Kappel¬ meyer. 22. Das Wesen und die Grundlagen des Ohrenkopfschmerzes und seine Feststellung durch die ärztliche Untersuchung, von Linck. 23. Über Nacken- und Schulterschmerzen und ihre Beziehungen zu Affektionen der im kleinen Becken liegenden Organe, von Lapinsky. 24. Über Neuralgia brachialis und ein eigentümliches Symptom bei derselben, von Meyer. 25. Les nevralgies pel viennes d’origine genitale chez la fern me et lenr traitement, par Mac6 de Llpinay. 26. Sciatique radiculaire, par Dobrokhotow. 27. Epidurale Injektion, von Enderle. 28. Heilung der Neuralgie und Neuritis durch Bakterientoxine, von Döilken. 29. Über die Behandlung von Ischias mit Hochfrequenzströmen, von Koblizek. 30. Neuralgisan, ein schwefelhaltiger Hautcreme, von Rosenbaum. 31. Über Versuche, den Plexus lumbalis zu anästhesieren, von Schlesinger. 32. An attempt to determine the diagnostic iraportance of Heads zones of hyperalgesia, by Langstroth. — Periphere Nervenlähmung. 33. Über Nervenlähmungen bei Arthritis urica, von Kraus. 34. Lähmungen nach Typhus, von Zadek. 85. Über Fazialislähmung infolge von Erkrankungen der Ohrmuschel (Herpes, Perichondritis und Othäraatora), von Körner. 36. Über Fazialislähmung infolge von Operationen im Mittel¬ ohr und am Schläfenbein, von Körner. 37. Isolierte Lähmung der Mundäste des N. facialis XXXIV. 49 Difitized by Gougle Jahrgang. Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 770 infolge einer Schädigung des Nervenstammes innerhalb des Schläfenbeins, von KOrner. 38. Uber die Bedeutung des Neger sehen Symptoms für die Lokalisation der Fazialislähmung, von MoteJI. 39. Die Stellung der Augenbrauen bei der peripheren Fazialislähmung, von Ktfrner. 40. Verletzung des N. recurrens, von Hoffmann. 41. Überein bei Rekurrensparalyse zuweilen zu beobachtendes Phänomen, von Hoffmann. 42. Lesions congenitales ou obstetri- cales de l’äpaule ou du plexus brachial, par van Neck. 43. Über 2 Fälle von doppelseitiger Axillarislähmung mit gleichzeitigem Aneurysma auf luetischer Basis, von Tuczek. 44. Para lysis nervi axillaris, von Jedliika. 45. Kasuistische Mitteilung zur Lähmung des N. musculo- cutaneus, von Müller. 46. Atypische Schlaf- und Drucklähmungen, von Singer. 47. Weiteres über das Verhalten frisch regenerierter Nerven und über die Methode, den Erfolg einer Nervennaht frühzeitig zu beurteilen, von Hoffmann. — Neuritis, Landrysehe Paralyse, Herpes, Pellagra. 48. Experimentelle Polyneuritis, besonders bei Vögeln, im Vergleich zur Beriberi des Menschen, von Tasawa. 49. Zur Kenntnis der Polyneuritis syphilitica, von PlnCzower. 50. Ein Fall von Polyneuritis bei einem 10jährigen Knaben. Klinische Beob¬ achtungen und Erfahrungen aus der Kinderklinik in Frankfurt a. M., von v. Mettenheimer, Götzky u. Weihe. 51. Diphtherie paralysis, by Rolleston. 52. Ein Fall von Neuritis post- diphtherica. Kurze Mitteilung von Friedllnder. 53. Postdiphtheric paralysis: apparently cured by 60000 units of antitoxin, by Barton. 54. Beobachtungen zur Klinik und Therapie der Dysenterie, insbesondere der postdysenterischen und postulzerösen Polyneuritis, von MUUer-Deham. 55. Isolierte Neuritis vestibularis nach Typhusscliutzimpfung, von Hirsch. 56. Cervical ribs as a cause of brachial nearitis, by Hamilton. 57. Kasuistischer Beitrag zur pathologischen Anatomie der akuten aszendierenden Spinalparalyse (Landrysche Paralyse), von Langer. 58. Zur Kenntnis der benignen unausgereiften Neurome und multiplen Neuro¬ fibrome, von Freifeld. 59. Klinische Beobachtungen über Herpes zoster, von Vavrouch. 60. Herpes zoster und Herpes zoster gangraenosus nach Salvarsan, von öttinger. 61. Mental and nervous disorders ass^ciated with pellagra, by Singer. I. Originalmitteilungen. [Aus der III. medizinischen Abteilung des Prof. Dr. H. Schlesinger im k. k. Allgemeinen Krankenh&use in Wien.] 1. Über die vermehrte Schweißabsonderung auf der gelähmten Seite (nach Pilokarpininjektion) bei kortikalen Läsionen. Von G. Bikeles und Josef Gerstmann. Bekanntlich gibt es Fälle von Hemiplegie mit ausgesprochen vermehrter Schweißsekretion auf der gelähmten 8eite (Nothnagel, Chaecot, v. Lecbe. Sbeligmülleb u. a.). Die Schweißsekretion auf der paralytischen Seite ist manchmal eine so exzessive, daß man auch (Chbvaliek) von „Hemiplegies sudorales“ gesprochen hat. Pabhon und Goldstein 1 studierten bei Hemiplegien die Wirkung von Pilokarpininjektionen und konstatierten zumeist eine nach* folgende stärkere Transpiration auf der von der Hemiplegie betroffenen Seite. Uns interessierte besonders das Verhalten der Schweißabsonderung, speziell bezüglich der Pilokarpinwirkung, bei mehr weniger reinen Rindenläsionen, die von ausschließlich als kortikal anzusehenden Krankheitserscheinungen begleitet sind, dann wiederum deren Vergleich mit in die Tiefe greifenden Verletzungen, die sich klinisch dem gewöhnlichen Bild einer kapsulären Hemiplegie nähern. Zur Untersuchung kamen 11 Fälle von Schädelschußverletzungen, dann ein Fall mit gleichbedeutendem Trauma capitis; mit Ausnahme eines einzigen 1 Sur quelques troubles vaso-raoteurs dans l’hemiplegie. Koumaice mödicale. 1899. Nr. 3. Digitized by Go .gle Original from i JNIVERSSTY OF MIC HIGAN j 771 Falles von Läsion in der Nachbarschaft des Gyrus angularis, betraf die Ver¬ letzung bei allen anderen entweder die psychomotorische Region selbst oder deren Nähe. Sieben dieser Fälle (Gruppe 1) zeigten ausgesprochene Störungen für feinere Hantierungen mehr oder minder schweren Grades, mit oder ohne Sensibilitätsstörungen, eventuell auch eine geringere oder stärkere Parese, jedoch ohne irgend eine Spur spastischer Phänomene. Bei 5 Patienten (Gruppe II) wiederum bestanden ausgesprochene, jedoch nicht bei allen gleich stark ent¬ wickelte spastische Erscheinungen. Sowohl die Patienten der I. wie die der II. Gruppe zeigten im gewöhn¬ lichen Zustand keine auffallend vermehrte Schweißsekretion auf der gelähmten Seite, jedoch war ein mäßiger Unterschied mit unzweifelhaft stärkerer Sekretion auf der paretischen bzw. paralytischen Seite bei einer relativ beträchtlichen An¬ zahl (bei 3 Patienten der Gruppe I und bei 3 der Gruppe H) an manchen Körperregionen vorhanden. Bei den Fällen der I. Gruppe mit ausschließlich kortikalen Krankheits¬ erscheinungen zeigte sich (mit Ausnahme eines einzigen, nämlich des entsprechend dem Gyrus angularis lädierten Patienten) nach Pilokarpininjektion 1 in der Dosis vom 0,01 (bis 0,015) durchwegs ein ausgesprochener Unterschied in der Schweißabsonderung mit stärkerem Hervortreten derselben auf der paretischen Seite. Die Unterschiede in der Schweißabsonderung nach Pilokarpininjektionen in dieser Gruppe I betrafen vor allem (in 6 Fällen) die oberen Extremitäten; demnächst zeigte sich eine Differenz am Gesicht, namentlich an der Stirne (in 3 Fällen), weniger häufig am Kinn und Hals (2 andere Fälle); Unterschiede an den unteren Extremitäten wurden nur zweimal notiert; auch am Thorax kamen bei dieser Gruppe nur 2 mal Differenzen vor. Bei den 5 Fällen der Gruppe II mit spastischen Phänomenen erzielte man auch nach Injektion von 0,01 bis 0,02 Pilokarpin durchaus deutliche Unter¬ schiede mit stärkerer Schweißsekretion auf der paralytischen Seite. Diese betrafen auch in Gruppe II (in allen 5 Fällen) vor allem die oberen Extremitäten, und zwar Partien, auf deren stärkere Schweißabsonderung die spastische Haltung der Extremität keinen Einfluß hat (z. B. Dorsum manus); demnächst zeigten sich Unterschiede in der Schweißsekretion relativ häufig am Thorax (in 3 Fällen), an Stirn und unteren Extremitäten nur in je 2 Fällen, und zwar an den unteren Extremitäten bei Patienten, bei denen sohon vor der erfolgten Injektion ein derartiger Unterschied bereits konstatiert wurde. Aus obigem folgt, daß auch bei ausschließlich kortikalen Läsionen die schon zuvor vorhandene Tendenz zur stärkeren Schweißabsonderung auf der hemi* paretischen Seite nach Pilokarpineinspritzung in angegebener Dosis viel aus¬ gesprochener und evidenter wird und daß in dieser Beziehung rein kortikale 1 Alle Pilokarpininjektionen worden an der gesunden oberen Extremität ausgeführt, ln vereinzelten Fällen war nach Pilokarpininjektionen zunächst die Sckweittsekretion eine sehr profase und ohne Unterschied auf beiden Seiten. Erst mit Abnahme des Schwitzens zeigte eich ein — und zwar dann — sehr markanter Unterschied. 49 * Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 772 Veränderungen sich nicht wesentlich anders verhalten als solche, die tief in das Marklager hineingreifen. Bemerkenswert ist es, daß in beiden Gruppen die Differenz in der beiderseitigen Schweißabsonderung nach Injektion von Pilo¬ karpin besonders die oberen Extremitäten, am allerwenigsten die unteren Extremitäten betrifft Die Tatsache, daß auch bei oberflächlichen Rindenverletzungen in der psycho¬ motorischen Region Differenzen in der Schweißabsonderung namentlich unter mäßiger Pilokarpinwirkung sich zeigen und daß die vermehrte Schweißsekretion auf der paretischen Seite bei kortikalen Läsionen vor allem die obere Extremität und demnächst das Fazialisgebiet betrifft, weist darauf hin, das die psycho¬ motorische Region und wahrscheinlich speziell deren Gebiet für dio obere Extremität und Fazialis mit dem Sohweißzentrum in enger Verbindung bleibt Für eine derartige enge Beziehung der erwähnten Gebiete der psycho¬ motorischen Region zum Schweißzentrum scheinen auch einige bekannte klinisehe Fälle aus der Literatur zu sprechen. So der Fall von Pandi mit Krämpfen am linken Arm und linksseitiger Fazialislähmung nebst starkem Schwitzen der linken Gesichtshälfte nach einem Trauma, ferner der Fall von Senatob mit kortikaler Ataxie und Krämpfen im linken Arm samt auffallendem Schwitzen in demselben nach einem apoplektischen Insult 1 , schließlich der letzterem analoge Fall von Adamkievicz . 2 • Bei elektrischer Reizung der psychomotorischen Region bei Katzen und Füllen erhielten Beohtebew und Gbibojedow Schweißsekretion. 8 Bechtebew spricht auch von einem Schweißzentrum in der Großhirnrinde. Wenkebb 4 erhielt bei elektrischer Reizung der motorischen Region (besonders des Gyrus antecruciatus) bei Katzen nur mäßige Schweißabsonderung, stärker erfolgte die¬ selbe bei Reizung des medialen Anteiles der Basis des Frontallappens. Hingegen weisen die Versuche von Kabplüs und K beide 8 darauf hin, daß das eigentliche zerebrale Zentrum für Schweißsekretion in einer bestimmten Partie des Hypo¬ thalamus sich befinden dürfte, während Reizung der Hirnrinde nach Zerstörung dieser Partie ohne Effekt bleibt Eine eventuelle Annahme, daß das von Kabpecs und Ivkeide experimentell gefundene subkortikale Sympathicuszentrum im Hypo- 1 Die Autopsie hatte in diesem Falle einen Abszeß in der Rinde der korrespondieren¬ den Hemisphäre festgestellt * Zit. nach Bbchteebw. * Archiv f. Anat. n. Phys. 1905. S. 297. Phys. Abt. * Pflügers Archiv f. Physiologie. CXXV. s Gehirn and Syropathicns. Pflügers Archiv f. Physiologie. 1. Mitteilang: CXXIX; 2. Mitteilnng: CXXXV; 3. Mitteilung: CXLIIL — Kakplüs and Kbudl haben bei Katzen durch elektrische Reizung einer lateral vom Infundibulum hinter dem Tractos opticus ge¬ legenen Stelle an der Zwischenhirnbasis neben den bekannten typischen Symptomen einer Sympathicusreizang auch erhöhte Speichel- and Tränensekretion und profuse Schwei߬ absonderung an allen 4 Pfoten beobachtet. Diese Erscheinangen konnten aach mehrere Wochen nach Exstirpation der Großhirnrinde durch Reiznng der entsprechenden Gegend im Hypothalamus ausgelöst werden. Digitized b'j Google Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN thalamus auch als eigentliches zerebrales Schweißzentrum anzusehen sei, steht nicht im Widerspruch mit unserer obigen Schlußfolgerung bezüglich der psycho¬ motorischen Rinde, da wir für Arm- und Fazialisregion nur eine engere Be¬ ziehung zu Schweißnerven bzw. zum eigentlichen Schweißzentrum beanspruchten. Was etwaige vasomotorische Störungen anbetrifft, so wurde bei nur je zwei Patienten jeder Gruppe, also zusammen bei vier Fällen an den paretischen Ex¬ tremitäten ein Kühlersein von gewissen Abschnitten (Dorsum pedis, Yola et Dorsum manus, Vorderarm) konstatiert. Dermatographisch ließen sich unzweifel¬ hafte Unterschiede beider Körperhälften nicht feststellen, doch schien die Dermato- graphie bei einer gewissen Anzahl von Patienten beider Gruppen auf der ge¬ lähmten Seite bald deutlicher, bald länger andauernd (eventuell dauerte die nachfolgende anämische Dermatographie länger an). Endlich sei noch erwähnt, daß in je einem Falle jeder Gruppe das Gesicht nach der Pilokarpineinspritzung auf der gelähmten Seite sich mehr rötete. Sympathische Reizungs- wie Lähmungserscheinungen waren bei diesen Kranken überhaupt nicht vorhanden. [Ans der III. medizinischen Abteilung des Prof. Dr. H. Schlesinger im k k. Allgemeinen Erankenhanse in Wien.) 2. Versuche mit schweißtreibenden Mitteln bei einem Fall von kompletter spastischer Paraplegie infolge Karies des 9. Brustwirbelkörpers. Von G. Bikeles und Josef Gerstmann. Anläßlich unserer obigen Mitteilung bezüglich Schweißsekretion bei zerebralen Hemiplegien sei noch auf das Verhalten der Schweißabsonderung in einem Falle von kompletter spastischer Paraplegie der unteren Extremitäten spinalen Ur¬ sprunges aufmerksam gemacht. Der Status des betreffenden Patienten sei im folgenden kurz skizziert: Voll¬ ständige Lähmung beider unteren Extremitäten. Patellarsehnenreflexe beträchtlich gesteigert. Ausgesprochener Achillesklonus. Sehr deutlicher Babinski’scher Zehenreflex. Lebhafte Verkürzungsreflexe bei Berührung und beim Bestreichen der Fußsohle und des Fußrückens. Permanente spastische (zeitweise ganz extreme) Beugehaltung der Beine im Kniegelenk. Hypästhesie (an manchen Stellen auch Anästhesie) für alle Empfindungsqualitäten vorne bis zur Höhe des Nabels hinaufreichend, hinten bis zur Höhe des 12. Brustwirbeldornes. Er¬ schwerte Harnentleerung; zu Beginn Retentio urinae. Röntgenologisch nachweis¬ bare Konsumption des 9. Brustwirbelkörpers mit keilförmiger Deformierung desselben. Haut an Planta und Dorsum pedis pergamentartig trocken; auch alle übrigen Hautpartien an den unteren Extremitäten vollständig trocken, mit Ausnahme einer ganz winzigen, ungefähr dem Condylus internus entsprechenden, Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 774 etwas feuchten Stelle, an der die Unterschenkel häufig aneinandergepreßt ge¬ halten werden. Pergamentartige Trockenheit der Haut im Bereiche des Fußes hatten wir öfters Gelegenheit zu beobachten bei infolge Schußverletzung der Brustwirbel- säule komplett paraplegischen Patienten. Bei diesen Kranken aber fehlten auch fast immer infolge Malazie oder Arachnoiditis alle Reflexe an den unteren Ex¬ tremitäten und war die Lähmung eine schlaffe. Hingegen waren bei dem in Rede stehenden Patienten — wie erwähnt — die Reflexe bedeutend gesteigert und demnach der unterhalb der Kompressionsstelle befindliche distale Rücken¬ marksabschnitt funktionsfähig. Nichtsdestoweniger versagten schweißtreibende Maßnahmen in bezug auf die unteren Extremitäten gänzlich. Nach Injektion von 0,01, ja sogar von 0,02 Pilokarpin — und zwar am Oberschenkel — erfolgte starke Schweißsekretion am Gesicht, an der Stirn, in Axilla, an den Armen, am Thorax, spurweise auch am Abdomen, während die unteren Extremitäten trocken blieben. Ganz analog war das Resultat nach Verabreichung einer Tasse von heißem Lindenblütentee, mit Zusatz eines Teelöffels von Liquor ammonii acetici. Auch daraufhin trat sehr starke Schweißabsonderung am ganzen Oberkörper bis zur Nabelhöhe auf, während die unteren Extremitäten — insbesondere die Füße — dieselbe auffallende Trockenheit beibehielten wie vor der Anwendung dieses Mittels. Auch in einem zweiten Falle von kompletter spinaler Paraplegie der unteren Extremitäten infolge eitriger Osteomyelitis des 12. Brustwirbelkörpers zeitigte die Applikation von Pilokarpin und der anderen schweißtreibenden Mittel ein ganz identisches Ergebnis, d. b. es erfolgte starke Schweißabsonderung an Stirn, am Gesicht, in Axilla, am Thorax, an den oberen Extremitäten, sehr mäßig am Abdomen, während die unteren Extremitäten (speziell die Füße) völlig trocken blieben. Jedoch fehlten in letzterem Falle auch alle übrigen Reflexe an den unteren Extremitäten und die Lähmung war eine schlaffe. In dem Falle von Karies des 9. Dorsalwirbelkörpers hingegen steht das Ausbleiben auch der unzweifelhaft reflektorischen Schweißsekretion im Bereiche der unteren Extremitäten im Gegen¬ satz zu der beträchtlichen Steigerung aller übrigen Reflexe an denselben. Dieses Verhalten bleibt unaufgeklärt, gleichviel ob man die spinalen Schwei߬ zentren für die unteren Extremitäten proximalwärts oder distalwärts von der Kompressionsstelle lokalisieren wollte. Zur Erklärung desselben bleibt nur die Annahme übrig, daß der Sitz der spinalen Schweißzentren für die unteren Ex¬ tremitäten nicht der Höbe entspricht, in der die sudoralen Nerven das Rücken¬ mark verlassen, um durch die Rami communicantes zur Peripherie zu ziehen; somit müßte man in unserem Falle der Kompressionsstelle die Bedeutung einer Unterbrechung von Leitungsbahnen für die Schweißsekretion der unteren Ex¬ tremitäten beilegen. Es läßt sich aber auf Grund dieser Beobachtung gar nich. eruieren, ob die sudoralen Zentren für die unteren Extremitäten im Dorsalmark oder im oberen Lumbalmark sich befinden und ob demnach die betreffender Schweißbahnen im Rückenmark vom dorsalen Anteil desselben durch die Rom¬ pressionsstelle nach abwärts oder vom lnmbalen Anteil nach aufwärts zu dt* Digitized b) Google Original from UNIVERStTY OF MICHIGAN entsprechenden Rami communicantes albi ziehen. — Ohne diesbezüglich eine definitive Lösung zu bringen, wollen wir hier nur auf diese Frage die Auf¬ merksamkeit lenken. [Aas der II. medizinischen Klinik in Budapest (Prof. E. Jbndbässik). 3. Über das Nachbewegungs- phänoinen (Katatonusversuch von Kohnstamm). Von Dr. J. Csiky, I. Assistenten der Klinik, zurzeit Oberarzt im Heere. Das von Kohnstamm beschriebene merkwürdige Phänomen hat besonders theoretisches Interesse; Kohnstamm selbst, dann M. Rothmann haben in ver¬ schiedener Weise versucht dieses Phänomen zu erklären. Dasselbe gelingt leicht, wenn man mit dem gestreckten, gesenkten Arm neben sich an die Wand kräftig andrückt und diesen Druck eine ganze oder halbe Minute lang anhält, hernach sich ein wenig seitwärts wendet, so daß der nun entspannte Arm frei hängt. Es ist ein eigenartiges Gefühl, wenn man in diesem Moment — nach kurzer Latenzdauer — den, nach unserem Gelühl nicht innervierten Arm scheinbar spontan sich erheben sieht. Am objektivsten verfahrt man aber bei diesen Versuchen, wenn man die Versuchsperson von der kommenden Nach¬ bewegung nicht unterrichtet. Es ist leicht nachweisbar, daß dieses Phänomen nicht nur in dieser Weise am Arm, sondern auch an anderen Extremitäten, ebenso an Streck- wie Beugemuskeln gelingt, freilich sind nicht alle Versuchs¬ personen dazu gleich geeignet. Kohnstamm’s theoretische Folgerungen erscheinen mir nicht genügend be¬ gründet; dies kann aber sein großes Verdienst, dieses interessante Phänomen beschrieben zu haben, nicht schmälern. Die genaue Beobachtung widerspricht gleich der Annahme dieses Autors, daß „der Tetanus der angespannten Mus¬ kulatur die Willensinnervation überdauert“. Bei diesem Experiment handelt es sich nicht um eine Fortdauer der Muskelkontraktion, im Gegenteil, wenn man das Phänomen richtig beobachtet, bemerkt man sofort, daß, wenn die Willens¬ kontraktion aufhört, zunächst eine ganz auffallende Pause von einigen Sekunden anftritt und erst dann die nicht intendierte Bewegung erfolgt. Noch weniger trifft die weitere Behauptung dieses Autors zu, daß dieses Phänomen als Beweis dessen gelten könnte, daß eine besondere willenmäßige Hemmung nötig wäre, um eine Willkürbewegung zu beendigen. Schon die eben erwähnte Latenz, nebst dem subjektiven Gefühl, stellt es klar, daß die gewollte Bewegung dem Willensakte genau folgt, mit ihm beginnt und erlischt. M. Rothmann glaubt in seinem geistvollen Aufsatz annehmen zu müssen, daß diese „vom Willen losgelöste Nacbbewegung unterhalb der Großhirnrinde ihre Innervation findet“ und sucht auf diese Annahme hin die Lokalisation des Phänomens in den subkortikalen Zentren. Diese Annahme scheint mir auch Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSjTY OF MICHIGAN 776 nicht genügend begründet; denn eine solche Lokalisation kann einfach auf Grand des subjektiven Eindruckes nicht entschieden werden. Sehen wir doch die mannigfaltigsten Bewegungen vom Cortex aus ohne Willensvorstellnng ent¬ stehen. So im Jackson’schen Anfall, so bei kleineren Reizherden in der motori¬ schen Zone, bei denen der Patient gar nicht den Eindruck einer Willkürbewegung hat, im Gegenteil diese Bewegungen als fremde, selbsttätige Eigenbewegungen bekundet. Von den subkortikal entstehenden Bewegungen beim Menschen wissen wir auch allzu wenig Positives, um die Frage auf diese Art erledigen zu können. Ich kann auch dieses Phänomen bei geeigneter Versuchsanordnung ebenso an den Beuge- wie Streckmuskeln auslösen, aber selbst wenn man eine gewisse Differenz dieser beiden Muskelgruppen bei der Auslösung des Phänomens nachweisen könnte, müßte man noch andere Nebenumstände in Betracht zieheu, bevor man dieses Verhalten mit den Sherrington’schen, Bäräny’schen Versuchs¬ ergebnissen in Zusammenhang bringen könnte. Um aber näher in das Wesen dieses Nachbewegungsphänomens 1 blicken zu können, muß man zunächst den Verlauf der spontanen Kontraktion näher in Betracht ziehen. Wie bereits erwähnt, folgt auf die Erschlaffung der Willkür¬ kontraktion nicht sofort dieses Phänomen, während der ersten Sekunden bleibt das Glied ruhig erschlafft, und nur nach dieser Latenzperiode beginnt die spontane Kontraktion ganz allmählich, indem — beim Armversuch — der Arm sich langsam, in gleichmäßigem Tempo erhebt. Ich habe einige Versuche iu der Weise angestellt, daß die Versuchsperson neben einer Wand stand, au der der Erhebungswinkel der Armbewegung abgelesen werden konnte. Ein Metronom markierte die Sekunden, die ich still abzählte. Ich notierte auf diese Art die Zeitabschnitte, in der der Arm die aufgezeichneteu Winkel gerade passierte, und bekam auf diese Weise im Durchschnitt von mehreren Versuchen eine Kurve, die zuerst eine Latenz von 2 bis 6 Sekunden aufweist, dann kommt eine ziemlich rasch sich beschleunigende Erhebung, die bei der 8. bis 10. Sekunde allmählich sich verlangsamt, so daß der Arm einige Sekunden erhoben bleibt, dann bei der 12. bis 15. Sekunde beginnt ein ziemlich steiler Abfall, der sich aber bald auch verlangsamt und kaum bestimmbar abklingt. Mehrmals beobachtete ich, wie ein zu früh niedergelassener Arm von neuem sich zu erheben begann. Als ich eine Analogie zu diesem Verlauf suchte, kam ich auf die Idee, dieses Phönomen zunächst mit dem optischen Naohbild zu vergleichen. Auch diese Erscheinung entsteht nach einer kurzen Latenzperiode, auch sie ist im ersten Moment schwach, verstärkt sich ziemlich rasch, und dann verblaßt sie in gleichmäßigerem, rascherem Abklingen. Oft wiederholt sich dieses Spiel in ab¬ nehmender Intensität zwei- bis dreimal. Ich glaubte, daß das gleiche Ein¬ treten und der gleiche Verlauf des Nachbildes und dieser Nachbeweguug eine Analogie bedeuten, um so mehr, als beide als Ermüdungserscheinungen auftreten. Der Name „KatatonnBveisuch“ entspricht gar nicht diesem Phänomen, mit Katatonua hat es nichts gemein. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 777 Die Berechtigung zur Annahme einer solchen Analogie möchte ich noch mit einigen Worten bekräftigen. Nachbilder sind keine Grundeigenschaft der Nervenfunktion, sie treten nach anderen Sinnesreizen nicht auf. Dieser Umstand weist schon auf die peripherische Abstammung derselben, die anderen Neben¬ umstände auch. So in erster Reihe die Abhängigkeit des Nachbildes von der Blickrichtung; wäre der Entstehungsort des Nachbildes im Nervensystem, so würde das Nachbild von den späteren Bewegungen des Augapfels unabhängig sein. Als einen weiteren Beweis für die periphere Entstehung des Nachbild¬ reizes kann ich die folgende Beobachtung anführen: Läßt man das Nachbild bei geschlossenen Augenlidern entstehen, so erscheint das Bild bedeutend ver¬ kleinert. Wenn man hingegen das Nachbild auf einer weißen Fläche beobachtet, so hat das Nachbild nur dann die wirkliche Größe, wenn es in derselben Distanz reproduziert wird, in welcher das hervorrufende Bild betrachtet wurde; kommt man mit der weißen Fläche näher, so ist das Nachbild kleiner, entfernt man hingegen den Schirm, so vergrößert es sich. Es bleibt somit der Gesichts¬ winkel des Objektes gleich, das Nachbild entspricht der jeweiligen Sinusgröße. Dieser Umstand scheint auch auf eine periphere Lokalisation hinzuweisen, da eine bloße Halluzination kaum diese Abhängigkeit von der Projektionsfläche zeigen könnte. Diese Auffassung stimmt übrigens auch mit der allgemeinen Annahme in den Lehrbüchern. Es scheint also, daß das Nachbild eine spezielle Ermüdungserscheinung der Retinaelemente ist. Eine gleiche Ermüdung scheint bei den anderen Endapparaten der sensiblen Leitung nicht zu bestehen, hin¬ gegen müssen wir das Nachbewegungsphänomen als solche in den Muskeln deuten. Als ich diesen Ideengang verfolgte und so annehmeu mußte, daß die Kohnstamm’sche Nachbewegung ein Muskelpbänomen ist, gewann ich die Über¬ zeugung, daß mit Hilfe entsprechender Einrichtung dieses Phänomen auch durch faradische Reizung des Muskels ausgelöst werden könne: Nun erwähnt aber Kohnstamm in seinem Aufsatz, daß die willkürliche Muskelanspannung nicht durch faradische Muskelreizung ersetzt werden kann. Meine Versuche beweisen das Gegenteil: bei entsprechender Einrichtung gelingt es bei manchen Individuen ganz bestimmt, die Naohkontraktion ganz iu derselben Weise wie beim Grund¬ versuch auszulösen. Hierzu wähle man einen Muskel, der bloß einen motorischen Reizpunkt hat und, während man mit recht kräftigem Strom ungefähr eine Minute lang einen starken Tetanus hervorruft, trete man der betreffenden Be¬ wegung energisch entgegen, indem man das bewegte Glied fixiert. So gelingt der Versuch an den verschiedensten Muskeln. Als ich zu Beginn nur einen zweifelhaften Erfolg hatte, benutzte ich zur Feststellung der Nachkontraktion eine Methode, die ich dem Prinzip des Bäräny’schen Zeigeversuches nachgebildet habe. Der Untersuchte und der Uutersucher saßen sich gegenüber in der Di¬ stanz von einigen Metern, jeder hatte ein Auge zugebunden, der Untersuchte sah sich das freie Auge des Beobachters an und versuchte daun bei geschlossenen Augen mit der Hand auf das freie Auge des Beobachters zu zielen. Dieser kann auf diese Weise objektiv die Richtigkeit oder den Fehler der Zielbewegung Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 778 beurteilen. Dieses Zielen gelingt leicht und mit großer Präzision; wird aber, sei es im Sinne des Grundversuches, eine aktive Kontraktion einer Anzahl von Armmuskeln ausgeführt, oder aber der Pectoralis, der Deltoideus oder ein anderer Muskel des Arms stark faradisch tetanisiert, so kommt es während der Nach¬ bewegungszeit zu falschen Zielrichtungen. Das Fehlzeigen entsprach oft der Richtung der Muskelanstrengung, aber auch manchmal der entgegengesetzten Richtung. Eine Erklärung für dieses Verhalten kann darin gesucht werden, daß doch neben der gewollten Muskelaktion andere Muskeln mit gleicher Stärke in entgegengesetzter Richtung arbeiten müssen, sonst würde man das Gleich¬ gewicht verlieren. Es gelang aber auch am Brachioradialis, am Pectoralis major, am Deltoideus eine ganz erhebliche Nachkontraktion zu bekommen nach einem minutenlangen faradischen oder, mit meinem Apparat, sinusoidalen Tetanus, somit ist es be¬ wiesen, daß dieses Phänomen eine ausschließliche Muskelerscheinung darbietet. Wir kennen aber eine Art von Muskelkontraktion, die hier in Frage kommen kann; das ist die idiomusbuläre Kontraktion. Sie entsteht durch mecha¬ nische Einwirkung, besonders in ermüdeten Muskeln. Daß es sich hier wirklich um diese Erscheinung handelt, kann ich durch folgende, äußerst wirksame Ver¬ stärkung des Phänomens bekräftigen: man soll nämlich am Ende der Muskel¬ anstrengung einen Augenblick innehalten und dann mit einem Ruck noch eine kräftige Kontraktion gegen den Widerstand ausüben. Mit dieser Methode bann man schon nach 5 bis 10 Sekunden eine sehr ausgesprochene Nachwirkung be¬ kommen; ja wenn diese eben abgeklungen ist, genügt eine einmalige kräftige, wenn auch nur ganz kurzdauernde, Wiederholung der letzten Aktion, um die Nachkontraktion wieder eintreten zu lassen. Natürlich fallt diese schwächer aus, doch gelingt es oft, selbst zum dritten Male noch eine gut bemerkbare Nachwirkung auszulösen. Endlich habe ich auf diese Weise noch Versuche mit faradiacher Reizung angestellt, diese fielen auch in diesem Sinne aus: eine kurz¬ dauernde Unterbrechung des faradischen bzw. des wirksameren sinusoidalen Stromes im letzten Moment der Reizung ruft eine bedeutend lebhaftere Nach¬ wirkung hervor, als der einfache Tetanus. Das Nachbewegungspbänomen ist also eigentlich eine idiomuskuläre Kontraktion, die im ermüdeten Muskel auf die ganze Muskelmasse aus¬ gedehnt entsteht. II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1) Über die Indikationen su den therapeutischen, speziell den ehlrurgi- sohen Maßnahmen bei den Kriegaverletaungen des Nervenayatems und über die Prognose dieser Verletaungen an sich und naoh den ver- achiedenen Eingriffen, von L. Bruns. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 38.) Ref.: E. Tobias (Berlin). . Das Material des Verf.’s umfaßt von Kriegsverletzungen 687 Fälle, und zwar 376 Verletzungen der peripheren Nerven, 89 des Gehirns und Schädels, 37 des Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 779 Rückenmarks und der Wirbelsäule, etwa 32 Fälle von direkten, entzündlichen und ischämischen Verletzungen der Uuskeln und Sehnen; den Rest bilden neben einer größeren Anzahl von Tetanusfällen die großen Gruppen der Neurasthenie, Hysterie, einzelne Psychosen, einzelne multiple Neuritiden und einige diagnostisch zweifelhafte Fälle. Verf. bespricht zuerst die Verletzungen der peripheren Nerven und der Plexus. Am häufigsten waren Radialislähmungen (87 Fälle), recht häufig waren Verletzungen des Plexus brachialis, ferner Kombinationen, besonders von Medianus und Ulnaris. Am Beine überwogen Ischiadicusverletzungen mit 72 Fällen. Von Hirnnervenläsionen sah Verf. nur 19 Erkrankungen. Vom klinisch neurologischen Standpunkte ist die periphere Nervenverletzung am weitaus häufigsten so, daß eine Leitungsstörung auf dem ganzen Querschnitte des Nerven an der Stelle der Verletzung besteht und damit eine Lähmung aller derjenigen Muskeln, deren Nervenäste distal von der Verletzungsstelle abgehen; in den gelähmten Muskeln besteht komplette Entartungsreaktion und die Sensibilität ist im Nervengebiete mehr oder weniger gestört. Bei diesen Fällen können wir auf keine Weise durch die klinische Untersuchung feststellen, ob ein Nerv ganz durchtrennt bzw. nur noch durch eine harte, undurchdringliche Narbe in seinem Zusammenhänge erhalten ist oder ob eine leichtere Verletzung vorliegt, die nach einiger Zeit eine Spontan¬ heilung erwarten lassen würde. Verf. rät bei dieser Gruppe zur Operation, so¬ bald die Wunden geheilt, etwaige Knochenbrüche konsolidiert sind und jede Sepsis geschwunden ist. In einer zweiten Gruppe von peripheren Nervenverletzungen ist nur ein Teil der unterhalb des lädierten Abschnittes des Nervenkabels austretenden Muskel¬ nerven gelähmt. Es handelt sich also um eine partielle Läsion des Nervenquer- Schnittes. In diesen Fällen muß man mit operativen Eingriffen länger warten alB in der ersten Gruppe. In der dritten Gruppe zeigen die gelähmten Muskeln und Nerven nicht totale, sondern eine der Arten der partiellen Entartungsreaktionen. Es sind die Fälle, die nicht operativ, sondern mit elektrischen und Massagemaßnahmen zu be¬ handeln sind. Eine Indikation zur Neurolyse können auch Fälle bieten, bei denen neben Lähmungen außerordentlich heftige und andauernde und sonst kaum zu lindernde Schmerzen im Vordergründe des Krankheitsbildes stehen. Manchmal sieht man daneben auch noch schwere trophische Störungen, vor allem Blasenbildungen an Fingern und Zehen. In diesen Fällen handelt es sich um partielle Läsionen und oft um entzündliche Prozesse im Nerven. Verf. schließt daran eine Statistik seiner Resultate. Von Verletzungen des Rückenmarks, der Gauda equina und der Wirbelsäule bat Verf. bisher 37 Fälle gesehen. Die Prognose der partiellen Rückenmarks¬ verletzungen kann man einigermaßen günstig stellen, sie geben in Reserve¬ lazaretten nur selten Gelegenheit zu operativen Eingriffen. Andere Überlegungen spielen — wenigstens unter gewissen Voraussetzungen — bei totaler Aufhebung der Funktion eine Rolle; der Bastiansche Symptomenkomplex kann unter Umständen eine Operation sogar empfehlenswert machen (Goldstein u. a.). Zum Schluß bespricht Verf. die Kriegsverletzungen des Gehirns und Schädels, 89 Fälle. Er erörtert eingehend die sich dabei ergebenden diagnostischen Fragen und therapeutischen Gesichtspunkte; erfreulich ist die Schlußbemerkung: eine größere Zahl der Hirnverletzungen wird jedenfalls nioht zum arbeitsunfähigen Krüppel werden. 2) Zwei Fälle von Lähmung des Halssympathicus mit Augenersoheinungen bei Kriegsverletzten, von Russeff. (Zeitschrift f. Augenheilkunde. 1915. Mai/Juni.) Refi: K. Boas. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 760 Verf. teilt zwei einschlägige Beobachtungen mit: In Fall I lag eine Läsion des Plexus brachialis links an der Austrittsstelle vor, Horner scher Symptomenkomplex rechts, Lähmung des Halssympathicus and Rekurrenslähmung rechts. In Fall II handelt es sich um einen SchultergelenkschuB rechts ohne Folgen, Horner scher Sympt omenkomplex infolge von Druck und Reizung eines Hämatoms auf das Halsmark und vorübergehender Kompression und zirkumskripter Myelitis cervicalis und schließlich Läsion des Plexus brachialis an seiner Austrittsstelle. Zusammenfassend bemerkt Verf. folgendes: Der Horner sehe Symptomenkomplex zeigt sich bald als reizende, bald als lähmende Form, und zwar als Folge einer Kompression oder Läsion des Hals- sympathicus selbst oder seiner zentral gelegenen Bahn. Die Form hängt von der Dauer und Zeit der Einwirkung ab. Der Komplex braucht bei den traumatischen Läsionen des Plexus brachialis nicht immer vorhanden zu sein. Vielmehr steht er in enger Beziehung zur Stelle der Verletzung und hängt ferner davon ab, ob sich zirkumskripte Myelitis bildet oder nicht. Zwei Arten von Symptomen gibt es: frühzeitig oder später auftretende. 3) Doppelseitige reflektorische Pupillenstarre nach Sohädeltrauma durch OranatenfernWirkung, von Klemens Bergl. (Deutsche med. Wochenschrift 1915. Nr. 39.) Ref.: Kurt Mendel. Etwa 20 Schritt von dem Patienten explodierte eine Granate; Pat. wurde zwar von keinem Sprengstück direkt getroffen, aber durch den Gasdruck ungefähr 15 Schritt weit fortgeschleudert und blieb bewußtlos liegen. Den ersten Tag Erbrechen, Kopfschmerzen, Schwindel. Commotio cerebri, kein Schädelbruch. Im Lazarett Apathie, Schläfrigkeit, Pat. mußte die ersten Tage gefüttert werden. Pupillen ziemlich weit, gleich, rund; Reaktion auf Licht beiderseits fehlend, auch die konsensuelle Reaktion nicht auslösbar. Reaktion auf Konvergenz und Akkom¬ modation vorhanden, ausgiebig, vielleicht eine Spur verlangsamt. Augenbeweguugen frei. Geringer rotatorischer Nystagmus horizontalis. Konjunktivalreflexe schwach. Leichter Romberg. Sonst negativer Befund. Nach etwa 3 Wochen war die Pupillenreaktion wieder normal. Blut und Liquor wurden zwar nicht untersucht, doch war Lues auszuschließen. Verf. nimmt eine Blutung, Kontusion oder funktionelle Läsion im Bereiche des zentralen Reflexbogenteiles, im zentralen Höhlengrau des Aquaeductus Sylvii an. 4) Über Granatkontusion (Gaupp), von L. W. Weber. (Sach verst.-Zeitung. 1915. Nr. 16.) Ref.: K. Boas. Verf. teilt im allgemeinen Gaupps Anschauungen und bringt in Kürze sechs einschlägige Fälle bei. Es wird dann auf die Ähnlichkeit der Granatkontusion mit gewissen Formen der Unfallneurosen im Sinne Oppenheims hinge wiesen, worauf sich Verf. in einzelnen Punkten mit Oppenheim auseinandersetzt. Zum Schluß weist Verf. an Hand von 3 Fällen darauf hin, daß ganz ähnliche Bilder wie die typischen Granatkontusionen auch ohne diese spezifische Ätiologie hervor¬ gerufen werden können. In allen 3 Fällen lag eine psychopathische Prädispositon vor. Der Mangel an organischen Symptomen und der weitere Verlauf zeigten, daß es sich lediglich um eine funktionelle Neurose handelte. 5) Über Granatexplosionsstörungen, von Ludwig Mann. (Medizin. Klinik. 1915. Nr, 35.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Die Wirkung des Granatfeuers ist eine verschiedene, je nach der persönlichen Komponente oder der Mitwirkung anderer, wie Erschöpfung, Übermüdung und von vorau8gegangeneu Gemütsbewegungen. In 23 Fällen spielte nur zweimal der Alkohol eine sichere Rolle, Hysterie sechsmal. Am häufigsten waren Lähmungs¬ zustände, elfmal Lähmungen der Sprache, zweimal mit Taubheit, zwei Taubheit cd, dreimal körperliche Lähmungszustände. Die Erschütterung, Detonation und der Digitized by Go .gle Original fro-m UNIVERSfTY OF MICHIGAN 781 Luftdruck waren dabei als ursächliches Moment auszuschalten. Die psychische Entstehung war einwandfrei nachzuweisen. Verf. geht dann auf einzelne Krank¬ heitsbilder etwas näher ein und setzt auseinander, daß zweifellos bei der Ent¬ stehung ein Zustand der Erschöpfung eine wichtige Rolle spielt, und daß derselbe bisher in der Literatur viel zu wenig berücksichtigt wurde. Über den psycho¬ logischen Mechanismus kann man nur Vermutungen aussprechen. Zwei Erklärungen scheinen möglich: entweder die Entladung des hochgradigsten Affektes ist durch die Bewußtlosigkeit nicht mehr möglich, so daß die Symptome des „eingeklemmten“ Affektes nicht mehr zum Abreagieren kommen und fixiert bleiben, oder die Sperr¬ vorrichtungen, die normalerweise bestehen, versagen, „die Sicherung brennt durch“. Die Prognose ist im allgemeinen günstig. 6) Die Differentialdiagnose der Hysterie und psychopathischen Konstitu¬ tion gegenüber der Hebephrenie im Felde, von K. Bonhöffer. (Mediz. Klinik. 1915. Nr. 32.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Der Unterschied von Krieg und Frieden zeigt sich auf der psychiatrischen Klinik vor allem in dem Überwiegen der auf dem Boden der psychopathischen Konstitution erwachsenen krankhaften Zustände. Auf der Männerstation liegen im Kriege die hysterischen Astasien, Gangstörungen, Lähmungen, Sprach verloste, die hysterischen Krampfzustände und Tremorformen, die Delirien, Pseudodemenzen, die Psychopathen mit epileptoiden Zügen usw., besonders auch die hebephrenen Erkrankungen. Verf. bespricht die Differentialdiagnoae der Hysterie und psycho¬ pathischen Konstitution gegenüber der Hebephrenie. Für den Krieg bzw. das Feld ist es wichtig, die Kriterien kennen zu lernen, welche ohne längere Beobachtung die Diagnose ermöglichen, was oft schwierig ist. Fehldiagnosen schaffen unter Umständen schwer wieder gut zu machende Verhältnisse. Bei der Hebephrenie sehen wir das Kardinalsymptom in der Störung der Konsonanz des Vorstellungslebens mit den Gemüts- und Ausdrucksbewegungen, bei der hysterischen psychischen Störung läßt Bich das Krankheitsbild auf einen innerlich einheitlichen psychischen Prozeß zurückführen.... Verf. bespricht die großen Schwierigkeiten bei nicht typischen Fällen im einzelnen und charakterisiert die Haupttypen an Einzelfällen. Der springende Punkt der Differentialdiagnose ist im Verhalten der Affektreaktion und der damit im engsten Zusammenhänge stehenden geistigen Aktivität gelegen. Wichtig sind zur schnellen Sicherung der Diagnose objektive Maßstäbe für das Verhalten der Affektivität. Dabei kommt vor allem in Betracht die Messung des die psychische Bewegung begleitenden Pupillarspiels und die plethysmographischen Schwankungen bei zentripetalen und psychischen Reizen, Methoden, welche allerdings in der wichtigsten Zeit der be¬ ginnenden Erkrankung versagen. Tetanus. • 7) Neuere Arbeiten über Tetanus, von J. Bresler. (Halle a/S., Carl Mahr- hold, 1915. Preis 1,40 Mk.) Ref.: K. Boas. Zusammenstellung einer Reihe einschlägiger Arbeiten ohne persönliche Note. Zur Orientierung über die ganz besonders jetzt aktuelle Tetanusfrage im Felde empfehlenswert. 8) Zur Lehre vom Wundstarrkrampf, von Happel. (Münch, med. Wochen¬ schrift. 1915. Nr. 30. Feldärztl. Beil.) Ref.: Kurt Mendel. Patient erkrankte nach Schrapnellschuß-Oberschenkelverletzung an schwerem Tetanus, er genas davon, erkrankte aber nach mehreren Wochen (etwa 3 Monaten) an einer von einer kleinen noch offenen Stelle ausgehenden Wundrose und im Anschluß daran an einem schweren Tetanus, der zum Tode führte. Bei der Verwundung Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 782 waren eine vollständige Schrapnellkugel und etwa 50 kleine Splitter in den ver¬ letzten Oberschenkel mit eingedrungen und eingeheilt Verf. schließt aus seinem Falle: 1. Lebens* und entwicklungsfähige Tetanusbazillen können in den Körper einheilen und nach Monaten wieder zum Ausbruch des Tetanus Veranlassung geben. 2. Weder das Überstehen des Leidens noch auch die Behandlung mit großen, intradural verabfolgten Gaben von Serum schützen den Körper vor der Wieder¬ erkrankung, wenigstens nicht für längere Zeit 3. Zum Wiederausbruch des Tetanus bedarf es wahrscheinlich eines Anstoßes (im vorliegenden Falle gab diesen die Erkrankung an Wundrose ab). e) Klinische Erfahrungen über Tetanus auf dem westlichen Kriegsschau¬ platz, von Otto Klieneberger. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 32.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. berichtet über 31 von ihm beobachtete Tetanusfälle. Sie stammen aus fünf von sechs Lazaretten, die in Schulen, Fabriken, Kirchen, Privat¬ häusern usw. untergebracht waren, während in dem fast freigebliebenem sechsten Lazarett es sich um ein neugebautes, mit einem modernen Operationssaal ver¬ sehenes Krankenhaus handelte. Am häufigsten schloß sich der Tetanus den Granat- verletzungen an, die nicht nur die schwersten Wunden setzen, sondern auch un- gemein häufig septische Erscheinungen im Gefolge haben. Dnter den 31 Fällen konnte 7 mal die Art des Geschosses nicht mit Sicherheit ermittelt werden, in 18 Fällen wurden Granatverletzungen, 4mal eine Verwundung durch ein In¬ fanteriegeschoß, einmal eine Bajonettstichverletzung und einmal eine ziemlich aus¬ gedehnte Verbrennung zweiten Grades duroh einen Minenwerfer festgestellt. Auf die Erscheinungen und den Verlauf des Tetanus haben weder Art des Geschosses noch Art der Verletzungen Einfluß. Als erstes objektives Symptom wurde in der Regel Trismus festgestellt, dem oft Parästhesien, Kriebeln, noch häufiger Ziehen in den Kaumuskeln vorausgingen. Einmal bestand lokaler Tetanus, örtliche tonische Muskelanspannungen als erstes Symptom. Verf. beschreibt sodann den weiteren Verlauf. Wiederholt kam es, wie bei Epilepsie, zu Wangen- und Zungenbissen. Die Extremitätenmuskelkrämpfe waren mehr klonisch-tonischer, die der Rumpfmuskulatur mehr tonischer Natur. Die Krämpfe wechselten in bunter Mannigfaltigkeit. Ungemein häufig war eine langanhaltende tonische Anspannung der Bauchmuskulatur. Krämpfe der Inter- kostalmuskeln und des Zwerchfells zeitigten starke Zyanose und eine oft bedroh¬ liche Atemnot. Nicht selten waren Nackensteifigkeit sowie opisthotonische Er¬ scheinungen bis zu ausgeprägtem arc de cercle. Die regelmäßige Refiexsteigerung war sehr oft auf der Verletzungsseite stärker. Nicht selten waren starke Sali- vation, Schaum vor dem Mund, das Quinquaud sehe Phänomen, Schweißausbrüche, mäßige Pulsbeschleunigung. Stärkere Pulsbeschleunigung ohne gleichzeitigen, auf Komplikationen beruhenden Temperaturanstieg muß man als prognostisch ungünstig ansprechen. Die Inkubationsdauer schwankte zwischen 5 und 18 Tagen. Je kürzer die Inkubationsdauer, um so stürmischer verläuft im allgemeinen der Tetanus, um so schneller führt er zum Tode Von den 31 Fällen sind 26 gestorben. Die fünf, welche durohkamen, hatten die längste Inkubationszeit. Ein Kranker hatte eine Inkubationszeit von 18 Tagen und starb 12 Tage nach Feststellung des Tetanus; dieser Fall zeigte indessen besonders schwere Verletzungen und Komplikationen. Von 6 Fällen, in denen eine Amputation vorgenommen wurde, kam nur einer durch, der mit einer In¬ kubationszeit von 13 Tagen heilte. Die Amputation ist kein Prophylaktikum ebensowenig kann die prophylaktische Einspritzung von Tetanusantitoxin der Ausbruch des Tetanus mit Sicherheit verhindern. Von den 31 Kranken wäre: Digitized by Gck igle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN 783 drei prophylaktisch gespritzt worden. Bei zwei von diesen war nach 8 Tagen der Tetanus voll entwickelt, 2 Tage später erfolgte der Exitus. Die Behandlung erstreckt sich einmal auf die Wundbehandlung nach chirur¬ gischen Gesichtspunkten, sowie auf die eigentliche Tetanusbehandlunjg, bei der die symptomatische (Narkotika, Magnesiumsulfatlösung 25°/ 0 ) und die spezifische Be¬ handlung unterschieden werden müssen. Letztere besteht in der wiederholten Anwendung von Tetanusantitoxin (100 A.-E.) — subkutan und intramuskulär unzweckmäßig, dagegen intravenös und intralumbal im täglichen Wechsel zu empfehlen. Ferner hat Verf. den Kranken in Mengen von 20 bis 30 ccm Blut¬ serum, Blut und Liquor von geheilten Tetanuskranken intravenös und intralumbal gegeben und endlich auch mehrfach ihnen das eigene Blutserum, den eigenen Liquor intravenös injiziert. Die am intensivsten behandelten Kranken heilten. 10) Klinische und therapeutiaohe Erfahrungen über den Tetanus, von Bruno Oskar Pribram. (Berliner klin. Wochenschrift 1915. Nr. 33/35.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. kommt zu folgender Zusammenfassung: 1. Schlüsse aus einer Mortalitätsstatistik auf den Wert einer Therapie können beim Tetanus wegen der außerordentlichen Verschiedenheit des zur Beobachtung gelangenden Materials nur bei genauer klinischer Präzisierung des Einzelfalles gezogen werden. 2. Die Lokalisation der Krämpfe ist prognostisch von großer Bedeutung. Fälle mit Trismus, Opisthotonus und Krämpfen peripherer Muskelgruppen liefern relativ günstige Prognosen, vorausgesetzt, daß pulmonale und kardiale Kompli¬ kationen fehlen; ungünstig ist die Prognose, wenn Zwerchfell- und Glottiskrämpfe bestehen, auch wenn die übrige Muskulatur vollständig unbeteiligt ist. Die düstere Prognose resultiert aus dem Umstande, daß bei Bekämpfung dieser Krämpfe die üblichen Behandlungsmethoden versagen. 3. Ein sicheres Frühsymptom kommender Zwerchfellkrämpfe ist der epi- gastrische Schmerz, der auf einen schon sehr früh sich äußernden erhöhten Muskel¬ tonus des Diaphragmas zurückzufdhren ist. 4. Die alte Regel, daß die Stärke der Infektion immer in der Kürze der Inkubation ihren Ausdruck findet, hat namentlich für etwas längere Zwischenzeiten keine ausnahmslose Gültigkeit. Eine Erklärung ist dadurch gegeben, daß die wahre Inkubation erst vom Momente der Toxinproduktion der infizierenden Bazillen zu rechnen ist. Diese fällt aber nicht notgedrungen mit dem Momente der In¬ fektion zusammen. 5. Die Lokalisation der Krämpfe ist unabhängig vom Orte der Verletzung, unabhängig von der Intensität der Infektion. 6. Beim Tetanus fehlt regelmäßig das Fazialisphänomen, mag die Facies tetanica nooh so ausgeprägt sein; niemals nimmt die Hand eine Zwangsstellung ein, niemals gibt es isolierte Adduktorenkrämpfe. Diese drei Tatsachen dienen differentialdiagnoBtisch zur Unterscheidung von Krämpfen der Frühjahrstetanie, als welche sich zwei als Tetanus eingelieferte Fälle entpuppten. 7. Die häufigste Komplikation beim Tetanus ist die konfiuierende Lobulär¬ pneumonie, die abgesehen von der Erstickung bei den Zwerchfell-Glottiskrämpfen die meisten Todesopfer fordert. Angesichts dieser Tatsache wird die Möglichkeit einer spezifischen Pneumonie diskutiert. 8. Bei den unter Zwerclifellkrämpfen gestorbenen Patienten findet man ziemlich regelmäßig subpleurale Blutungen, oft auch subendo- und subepikardiale, Leber-, manchmal auch subkapsuläre Nieren- und Zwerchfellblutungen. Man findet ferner Stauungsleber und Stauungsnieren. Alle übrigen, die nicht unter Erschei¬ nungen von Zwerchfellkrämpfen zugrunde gegangen sind, haben normal gefüllte Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 784 oder blutarme Abdominalorgane. Erklärung findet diese Tatsache im Mechanismus der Zwerchfellkontraktion. 9. Bei auffallend vielen Tetanuskranken und fast allen Tet&nusgestorbenen wurden stark ^ausgeprägte Stigmata eines Status lympbaticus gefunden, so daß der Disposition für den Erankheitsverlauf und vielleicht auch für die Infektion über^ haupt eine gewisse Rolle zukommt. 10. In einem Falle wurde ein Tetanusrezidiv im Anschluß an eine septische Embolie beobachtet. 11. Die beste Art der Wundbehandlung besteht im radikalen Wegschneiden sämtlicher nekrotischer Gewebspartien, bis in das frische blutende Gewebe hinein, das den schlechtesten Nährboden liefert. Schorfbildende Antiseptika, auch der Paquelin, erscheinen nicht so zweckmäßig. 12. Für eine eventuelle Amputation soll man sich im allgemeinen nur von chirurgischen Prinzipien und sich von der Infektion allein keine Indikation stellen lassen. Man sieht Tetanus mit schwersten Phlegmonen ausbeilen, solche mit leichter Verletzung perniziös verlaufen, ebenso wie man nach stattgehabter Am¬ putation erst das Auftreten von letal verlaufendem Tetanus beobachten kann. 13. Die Ansicht, daß nur schwerste Verletzung mit Gewebszertrümmerang zu dieser Infektion Anlaß geben, läßt sich nicht aufrecht erhalten. In einem Falle waren Schweißrhagaden zwischen den Zehen die einzige nachweisbare Ver¬ letzung. Eine prophylaktische Immunisierung, die sich ausschließlich auf Granat¬ verletzungen beschränkt, dürfte daher kaum zum Ziele führen. 14. Bei der Narkose empfiehlt es sich, einerseits wegen der eminenten Gefahr der Pneumonie, andererseits wegen der nach Äther sehr oft einsetzenden Glottis¬ krämpfe jeden Äther zu vermeiden und nur reines Chloroform zu verwenden, dem nur ein symptomatischer Wert zukommt. 16. Von der Serumtherapie sieht man, vorausgesetzt, daß hohe Dosen zur Verwendung kommen, manchmal entschiedenen Nutzen; bevorzugt wird die täglich zu wiederholende perkutane intravenöse Injektion von 200 bis 300 A.-E. Am ersten Tage empfiehlt sich außerdem noch eine intradurale von 400 bis 600 A.-E. bei Oberkörpertieflagerung. 16. Die Krämpfe der peripheren Muskulatur kann man durch Chloralhydrat — bis zu 10 g täglich —, durch die subkutane Magnesiumsulfatinjektion — 6 bis 6 mal täglich 20 ccm einer 2b°/ 0 igen Lösung — und durch Injektionen von Luminalnatrium — 20°/ 0 ige Lösung — erfolgreich bekämpfen. Am vorteil¬ haftesten ist die Kombination der genannten Mittel, mit denen man sicher zum Ziele kommt. 17. Bei den Zwerchfell-Glottiskrämpfen versagen die genannten Mittel voll¬ ständig. 18. Nur solche Methoden haben bei Behandlung der Zwerchfell-Glottiskrämpfe Erfolg, die direkt den Atmungsmechanismus beeinflussen. Wir haben eine zwei¬ fache Aufgabe zu leisten: 1. eine Einschränkung der normalen Atmung hervorzurufen und 2. dieselbe im Bedarfsfälle durch die künstliche Respiration zu ersetzen und zu unterstützen. 19. Dieses Ziel kann man erreichen: a) durch doppelseitige Phrenikotomie kombiniert mit der Tracheotomie, b) durch die intradurale Magnesiumsulfatinjektion bei Oberkörpertief¬ lagerung, c) durch die graduelle Einschränkung der normalen Atmung durch hohe Morphiumdosen. 20. Morphium wurde in steigenden Dosen bis zu 0,3 g pro Tag angewandt. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 785 Normale Morphiumdoaen ohne deutliche Wirkung auf die Atmung haben ebenso* wenig Effekt wie Chloralhydrat, Luminal und subkutane Magnesiumsulfatinjektionen. 21. Durch die graduelle Einschränkung der normalen Atmung mittels hoher Dosen gelingt es mit Sicherheit, den Patienten absolut krampffrei zu erhalten« Die absolute Krampflosigkeit muß als Effekt der symptomatischen Therapie bei den Zwerchfell-Glottiskrämpfen unbedingt postuliert werden, da jeder Krampf den sofortigen Tod nach sich ziehen kann. 22. Wenn man zur künstlichen Respiration gerüstet ist, braucht man die hohen Morphiumdosen in keiner Weise zu fürchten. 23. Die künstliche Sauerstoffatmung leistet auch in Fällen, wo sie nicht un¬ bedingt erforderlich ist, ausgezeichnete Dienste. 11) Ein auf den linken Plexus lumbalis lokalisierter Fall von Tetanus, von Ulrich Hammer. (Münch, med. Wochenschr. 1916. Nr. 32. Feldärztl. Beilage.) Ref«: Kurt Mendel. Verletzung durch Fliegerbombe. Wunde am linken Oberschenkel mit stark zerquetschtem und beschmutztem Gewebe. Abends 70 Antitoxineinheiten eines amerikanischen Präparates. Am 8. Tage nach der Verletzung anfallsweise krampf¬ artige Schmerzen im linken Oberschenkel. Steigerung der Krämpfe: etwa alle 5 Minuten zieht sich die Muskulatur des linken Oberschenkels krampfartig und stark schmerzhaft zusammen. An anderen Körperteilen treten die Krämpfe nicht auf. Temperatur um 38°. Keine Schluckbeschwerden, kein Trismus, kein Risus sardonicus. Im Wundeiter Tetanusbazillen. Später leiohte Schluck¬ beschwerden. Schließlich völlige Heilung. Der Tetanus hatte sich im vorliegenden Falle auf die vom Plexus lumbalis innervierten Muskeln beschränkt. 12) Die intraneur&le Injektion von Tetanusantitoxin bei lokalem Tetanus, von Arthur W. Meyer. (Berliner klin. Wochenschr. 1915. Nr. 37.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. hatte in einem Reservelazarett als Chirurg Gelegenheit, sich von der Bösartigkeit des stets zuerst lokal auftretenden Tetanus bei Extremitäteninfektion zu überzeugen. Überall waren deutlich erst lokale Erscheinungen — leichtes Zucken und Krämpfe — vorhergegangen, auf die die Patienten den Arzt nicht aufmerksam machen, weil sie sie in selbstverständlichen Zusammenhang mit ihrer Wunde bringen. Verf. hat nun in diesen Fällen die Injektion von Antitoxin in den zentral erreichbaren Abschnitt der zur Extremität gehörigen Nervenstämme vorgenommen, wie es Hans H. Meyer und Ransom angegeben hatten. Der Aus¬ gang in Heilung in zwei Fällen erscheint Verf. um so bemerkenswerter, als die kurze Inkubationszeit bei beiden die Prognose hatte recht schlecht erscheinen lassen. Unter allen Umständen hat der Arzt auf jedes noch so leichte Zucken oder krampfartige Gefühl in dem verwundeten Gliede sofort zu achten, um recht¬ zeitig eingreifen zu können. In einem Nachtrag werden zwei weitere Fälle erwähnt; bei beiden ergab die Anamnese, daß vor Ausbruch des allgemeinen Tetanus deutlich lokaler Tetanus nur der betreffenden Extremität bestanden hatte. Sie waren vor Ausbruch des allgemeinen Tetanus nicht injiziert worden und kamen zum Exitus. 13) Beitrag zur Tetanusbehandlung, von Hans Lieb old. (Münch, med Wochen¬ schrift. 1915. Nr. 20. Feldärztl. Beilage.) Ref.: Kurt Mendel. Erfahrungen an 24 Tetanusfällen. Verf. empfiehlt das Magnes. sulfur., doch nicht in Konzentrationen über 16 °/ 0 hinaus, und zwar intravenös 2 bis 3 mal täglich 10 ccm, in Kombination mit kleinen Mengen Tetanusserum (200 bis 300 A.-E.) Mit krampf- und schmerzstillenden Mitteln und mit Schlafmitteln soll nicht gespart werden. Für ordentliche Diurese ist zu sorgen, lokal ist Sauer¬ stoff in erhöhtem Maße anzuwenden (Hydrogen, peroxyd., Ortizon). xxxiv. 50 Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 786 14) Zur Salvarsanbehandlung des Tetanus, von Bothfuchs. (Münch, med. Wochenschr. 1916. Nr. 29.) Bef.: Kurt Mendel. Verf, empfiehlt auf Grund weiterer Erfahrungen (vgl. d. Centr. 1915, S. 93) die Anwendung der Kombination von Salvafsan und Antitoxin bei Tetanus. Bei 14 Fällen 85°/ 0 Heilungen. Migräne, Neuralgie. • 16) Über Osphalalgie. Eine Monographie von J. Hn&tek. (Prag, M&j, 1914. [Böhmisch.]) Ref.: J. Stuohlik (Zürich). In seiner Monographie gibt Verfi ein vollständiges Bild zahlreicher Ursachen und Formen des Kopfschmerzes. Er teilt die Cephalalgien in folgende 9 Gruppen, je nach dem Vorkommen bei: 1. Blntkrankheiten und Störungen des Blutkreis* laufe; 2. funktionellen Hirnerkrankungen, Neurosen und Psychqsen; 3. organischen Hirn* und Hirnhäuteerkrankungen; 4. Trigeminus* und Cervicookzipitalneuralgie; 5. lokalen Veränderungen der Schädelknochen und Schädel weichteile; 6. Auto¬ intoxikationen, Stoffwechselkrankheiten, akuten und chronischen Infektionskrank¬ heiten; 7. exogenen Vergiftungen; 8. reflektorische und 9. habituelle Cephalalgie. — Jede Gruppe ist ausführlich besprochen und an reicher Kasuistik demonstriert. Die Arbeit des Verf.’s bedeutet nicht nar eine positive Bereicherung der tschechi¬ schen Literatur, sondern ist, als einheitliche Bearbeitung eines in so verschiedenen Lehrbüchern behandelten Themas, auch von allgemeiner Bedeutung. 16) Anaphylaktisohe Erscheinungen im Symptomenbllde der Hemikranie. Ein Fall von Hetniorania ophthalmioa, von F. Bohrer. (Mediz. Klinik. 1916. Nr. 31.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Verf. schildert die Krankengeschichte eines Arztes, der typische und atypische Anfälle von Hemicrania ophthalmica hat. Aus der Symptomatologie und dem Verlauf ergibt sich, daß das Flimmerskotom an einer kleinen Stelle des Gesichts¬ feldes beginnt, meist in der Nähe des Blickpunkts, und sich von hier, in allen Bichtungen einer Gesichtsfeldbälfte kontinuierlich weiterschreitend, nach der Peripherie auBbreitet. Es handelt sich um einen herdartig von einer bestimmten Stelle sich ausbreitenden Prozeß in einem zentral vom Chiasma gelegenen Teile des Sebapparats, und zwar spielt sich der Vorgang in der Bindenregion des Seh¬ apparats ab. Die Störung wird genau analysiert. Nach den Anfällen besteht vorübergehend eine lokale Anaphylaxie, eine übergroße Bereitschaft der zentralen Sehelemente, welche vom Anfall betroffen waren, zur Reaktion mit dem toxisohen Stoffe zu einer Zeit, wo er noch in zu geringer Quantität vorhanden ist, um einen vollständigen Anfall auszulösen. Man kann die Hemikranie als Krankheit auffassen, die aus dem Zusammenwirken einer Disposition des Organismus und einer toxischen Noxe entsteht und unter anaphylaktischen Erscheinungen verlänft. 17) Behandlung der Trigemlntuneuralgien mit Alkoholinjektionen, von J. Do¬ nath. (Zeitschr.f. d.ges.Neurol.u.Psych. XXIX. 1915. H. 1.) Ref.: W.Misch. Die Technik der Behandlung der Trigeminusneuralgien mit Alkoholinjektionen wird für die einzelnen Äste und Ganglien eingehend beschrieben. Die Behand¬ lung von 16 Patienten gab gute Erfolge: 11 wurden geheilt, 4 gebessert; Rezi¬ dive sind nicht häufiger als bei der blutigen Behandlung. Die Injektionen sollen zwei- bis dreimal in 5 bis 7 tägigen Intervallen ausgeführt werden. Eine blutige Resektion erübrigt sich damit in den meisten Fällen; sie kommt überhaupt nur noch bei ganz hartnäckigen, sehr hoch lokalisierten Neuralgien in Betracht, und es ist die Exstirpation des Ganglion Gasseri oder die von Dollinger angegebene Extraktion der TrigeminuBwurzeln unter dem Tentorium cerebelli schließlich der einzige chirurgische Eingriff, der bei den hartnäckigsten Neuralgien angewandt werden sollte. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 18) Beobachtung eines Falles mit Keratitis neuroparalytica infolge einer Alkoholinjektion in den N. maxillarls superior bei Oesiohtsneuralgie, von Datoit. (Zeitsohr. f. Augenhk. XXXII. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Steindorff. Neuralgie im Gebiete des N. maxill, sup. und des N. ophthalm. Zuerst Alkoholiqjektion in enteren, die Neuralgie wurde geheilt, 4 Tage nach der Ein« spritzung neutraler Substanzverlust und Anästhesie der Kornea. Unter Dionin Heilung in 16 Tagen, die Sensibilität der Kornea kehrte wieder. — Eine zweite Alkoholinjektion im Gebiete des N. ophthalmicus hatte nur vorübergehendes Lid- ödem im Gefolge und heilte die Neuralgie. Als Unache der Keratitis wird eine reine Sensibilitätsstörung im Gebiete des N. V. angenommen. 18) Die Heilung hartnäckiger Trigeminusneuralgien duroh Injektion von Alkohol ins Ganglion Gasseri, von Georg Hirschei. (Münch, med. Wochenschr. 1915. Nr. 1.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. berichtet über sieben von ihm injizierte Ganglionfalle, von welchen die enten über l ] / 2 Jahr, die letzten mehrere Monate zurückliegen. In allen war das Resultat ausgezeichnet, alle sind bisher rezidivfrei geblieben. Immer handelte es sich um erfolglos behandelte Neuralgien, meist von mehreren Trigeminusästen. Verf. hat sich bei seinem Vorgehen den Vorschriften von Härtel angeschlossen. In 2 von den 7 Fällen legten sich die Schmerzen nicht Bofort nach der Injektion, sondern waren anfangs nur gebessert; erat nach einigen Tagen trat völlige Sistie¬ rung der Anfälle ein, ohne daß die Injektion ein zweites Mal gemacht zu werden brauchte. Verf. meint, daß die Methode die Ganglionexstirpation überflüssig machen dürfte. Es ist nicht erwähnt, ob vor der Injektion von Alkohol ins Ganglion Gasseri periphere Alkoholinjektionen gemacht worden sind. 20) The treatment of trifaolal neuralgia by the Injection of aloohol lato the Gaaaerian gangllon, by C. D. Camp. (Medic. Record. LXXXV. 1914. Nr. 25.) Ref.: W. Misch. An der Hand von 3 Fällen wird gezeigt, daß Alkoholinjektionen in das Gangl. Gasseri die gleiche physiologische Wirkung auf die Sensibilität haben wie die Exstirpation des Ganglions. Es iBt in zahlreichen Fällen möglich, die Nadel zur Alkoholinjektion duroh das Foramen ovale in das Ganglion einzuführen. Der Erfolg ist ausgezeichnet, denn die neuralgischen Schmerzen werden kupiert, und es ist anzunehmen, daß diese Besserung eine anhaltende ist. 21) Dia Dauererfolge der extrakraniellen ohirurgisohen Behandlung der Trigeminusneuralgie, von E. Kappelmeyer. (Inaug.-Dissert. Erlangeu 1914.) Ref.: K. Boas. Der vorliegenden Arbeit liegen 17 Fälle von Trigeminusneuralgie mit 16 Katamnesen aus den Jahren 1904 bis 1913 zugrunde. Die Dauerresultate der chirurgischen Behandlung waren folgende: 4 Fälle waren rezidivfrei, wobei die Operation 4 Wochen bis 7 1 / a Jahre zurückliegt. In 12 Fällen bestanden Rezidive, deren Auftreten in die Zeit un¬ mittelbar nach der Operation bis 4 Jahre danach fällt. Was besonders in die Augen springt, ist der Umstand, daß der III. Ast mit 11 Erkrankungen an der Spitze steht, während der II. Ast nur in 6 und der I. Ast nur in 3 Fällen von der Neuralgie befallen wurde. Von den Operationsmethoden wurde 12 mal die Neurexairese angewandt, und zwar 3mal am I. Ast, wobei 1 Fall rezidivfrei blieb, 6 mal am III. Ast, darunter 1 mal Aufsucben des III. Astes an der Schädelbasis nach v. Mikulicz. Die Resektion (Neurektomie) wurde 5 mal ausgeführt, 1 mal am II. Ast, wo Bie bis jetzt nach 7 l / i Jahren eine Rezidivfreiheit zur Folge batte, und 4 mal am III. ABt, 1 mal wurde eine Kochsalzinjektion in den III. Ast, jedoch mit sehr wenig Erfolg gemacht. 50* Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 788 Digitized by Zarzeit sind wirklich rezidivfrei 25°/ 0 der Falle, wobei die Operation im Dorchsohnitt 2 X / S Jahre 4 Monate zurückliegt. Dabei hatte die Neurexairese in 20°/ o , die Resektion in ö°/ 0 der Fälle die Rezidivfreiheit zar Folge. Die schmerzfreie Periode überhaupt betrug im ganzen durchschnittlich 1 Jahr 3 Monate. Bei den Neuralgien des L Astes trat das Rezidiv durchschnittlich nach 1 Jahr 4 Monaten, bei denen des IL Astes nach 1 Jahr 10 Monaten und bei den Neur» algien des III. Astes nach 1 Jahr auf. Verf. bekennt, dafi auch die chirurgische Behandlung der Trigeminusneuralgie keinen Dauererfolg garantiert. War doch biB jetzt die längste schmerzfreie Periode 17 Jahre, die kürzeste nur 8 Tage. Bei einer durchschnittlichen, schmerzfreien Zeit von 3 Jahren 2 Monaten post operationem treffen auf 2290 Operierte ins¬ gesamt 28,2 °/o wirklich rezidivfreie Fälle. Die Zeit des Auftretens der Rezidive bei den einzelnen Ästen verteilt sich im Durchschnitt folgendermaßen: Rezidive des I. Astes nach 10 1 /* Monaten „ „ II. „ „ 2 Jahren 3 1 /, Monaten „ „ III. „ „ 1 Jahr 6 Monaten Trotz dieser wenig erfreulichen Resultate ist die chirurgische Behandlung der Trigeminusneuralgie noch immer der inneren Behandlung vorzuziehen, die Verf. für ebenso nutzlos wie gefährlich hält. 22) Das Wesen und die Grundlagen des Ohrenkopfsohmerzes und seine Feststellung duroh die ärztliche Untersuchung, von Linck. (Therapie der Gegenwart. 1915. Januar u. März.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. gibt einen Überblick, welche Erkrankungen im Ohrgebiet Kopfschmerzen zu verursachen vermögen, welche pathologisch-anatomischen und pathologisch- physiologischen Vorgänge dabei unmittelbar dem Kopfschmerz zugrunde liegen und welche diagnostischen Anhaltspunkte im einzelnen Falle die Aufmerksamkeit des allgemeinen Praktikers auf Ohrenerkrankungen als Kopfschmerzursache hin¬ lenken müssen und so eine exakte klinische Aufklärung und Behandlung der otogenen Kopfbeschwerden ermöglichen. Als wichtigste und häufigste Ursachen für Kopfschmerzen kommen von Ohr¬ erkrankungen die Mittelohrentzündungen in Betracht und zwar sowohl in ihren akuten wie in den subakuten und chronischen Erscheinungsformen. Bei der akuten unkomplizierten Mittelohrentzündung wird der Kopfschmerz klinisch meist durch die lokalen Schmerzen im Ohrgebiet verdeckt, bei ihnen wie bei den kom¬ plizierten akuten Mittelohreiterungen ist die Kopfschmerzursache leicht festzustellen. Bei den subakuten Ohreiterungen kann zuweilen die Aufklärung des otogenen Ursprunges der Kopfschmerzen selbst dem Spezialohrenarzt Schwierigkeiten be¬ reiten. Schon die Anamnese kann im Stich lassen, bei der immer nach zeit¬ weiligem eitrigem Ohrenausfluß die Frage zu richten ist. Oft bringt der Patient den Arzt direkt von der richtigen Fährte ab, indem ihm selbst ein Zusammen¬ hang mit der nach seiner Meinung längst erledigten Ohrenerkrankung ganz un¬ möglich erscheint. Auch die Untersuchung kann erhebliche Schwierigkeiten hietec. Von Wert ist dann oft der Webersche Versuch, der die Seite erkennen laßt, au: welcher die Ohraffektion angenommen werden muß, ferner die Röntgenphotogr&phie und das Abderhalden sehe Di alysi er verfahren. Verf. wendet sich dann zu den chronischen Mittelohreiterungen und ihrer klinisch-diagnostischen Erkennung und Bewertung als Kopfschmerzursache mni bespricht kurz zum Schluß die Säuglingsotitis. 23) Über Nacken- und Sohulterschmersen und ihre Beziehungen su Afftok tionen der im kleinen Becken liegenden Organe, von M. Lapin akj. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 5 u. 6.) Ref.: Kurt Mendel Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 789 Verf. beschreibt ein besonderes klinisches Bild, welches er als Dolores myalgicae bezeichnet, als einen vasotrophischen Prozeß anspricht und wie folgt schildert: einerseits werden Schmerzen und Parästhesien in Gestalt von Druck, Kompression, Hitzegefühl u. dgl. m. im Hinterkopf, Nacken und oberen Schultergebiet vermerkt, während andrerseits bei der objektiven Untersuchung Veränderungen verschiedener Gewebe der genannten Gebiete gefunden werden: die Haut ist dunkler als in der Norm, dicker und konsistenter; die vasomotorischen Reflexe erweisen sich im er« wähnten Gebiet alB sehr lebhaft und viel intensiver als in den benachbarten Be¬ reichen; die Hautsensibilität ist in der Regel unverändert, die Druckempfindlich* keit allerdings hochgradig erhöht; das Unterhautzellgewebe ist anfangs stark entwickelt, atrophiert aber in den späteren Stadien; die Muskeln sind verdickt und bis zu einem gewissen Grade gespannt, ihre Konsistenz ist anfangs vermehrt, später erweisen sich die Muskeln als in ihrem Umfange vermindert, während ihre Konsistenz stellenweise derartig zugenommen hat, daß man von einer binde¬ gewebigen oder schwieligen Degeneration sprechen kann; Muskeln, Sehnen und Aponeurosen in den erwähnten Gebieten sind druckempfindlich; sehr mäßig druck¬ empfindlich sind die Nn. occipitales major und minor; die Gefäße sind erweitert und mit Blut überfüllt; an den Knochen keine besonderen Veränderungen, nur in wenigen Fällen krepitieren und knistern die Halswirbel bei passiven Be¬ wegungen. Verf. glaubt nun, daß dieses besondere Leiden keine primäre Krankheit bildet, sondern mit einer Veränderung der Organe im kleinen Becken zusammen¬ hängt, daß die Gefäßerweiterung im Gebiete des Nackens und Schultergebiets sekundär als Reaktion oder als sympathische Erscheinung (Gleichgewichtsverlust des sympathischen Nervensystems) eintritt. Der Reiz, der auf irgendeine Weise in den sympathischen Bauchgeflechten entstanden ist, wird auf das Dorsalmark und zwar auf seine oberen Abschnitte übertragen, bewirkt hier eine Hemmung der Funktion der Vasomotoren des Halses und der Schultern, setzt ihren Tonus herab und führt infolgedessen im entsprechenden Gebiete eine Gefäßerweiterung herbei. 24) Über Nearalgla braohlalis und ein eigentümliches Symptom bei der¬ selben, von 0. B. Meyer. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 35.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. beschreibt 8 Fälle von Neuralgie brachialis und betont die Wichtig¬ keit der Röntgenuntersuchung derartiger Fälle. Er fand in 3 von 7 Fällen idio- pathisoher brachialer Neuralgie ein Symptom, das er als „Armschmerz bzw. Schulter- schmerz bei Rasierstellung des Kopfes“ bezeichnet. Der Schmerz tritt am stärksten auf, wenn gleichzeitig mit der Rückwärtsbeugung eine Seitwärtsbeugung des Kopfes nach der der Neuralgie entgegengesetzten Seite verbunden wird. Bei Arm6chmerzen anderer Herkunft wurde das Symptom nicht beobachtet Thera¬ peutisch hat sich Algocratine gut bewährt; auch kommt für hartnäckige schwere Armneuralgien die Injektionstherapie mit paravertebralen bzw. epiduralen In¬ jektionen an der Halswirbelsäule oder den peripheren Nerven in Frage. „Algocratine“ ist nach einem Nachtrag desselben Verf.’s (Berl. klin. Wocb. 1914. Nr. 37) folgende Mischung: 50 Phenazetin, 10 Koffein, 40 Pyramidon. Man soll also nicht das sehr teure französische Präparat verordnen, sondern die Mischung verschreiben. 25) Lee nevralgies pelviennes d’orgiue gönitale ohez la femme et leur traitement, pur Macö de Löpinay. (Journ. de m6d. de Paris 1914. Nr. 29.) Ref.: K. Boas. Verf. empfiehlt bei Pelvisneuralgien die Hydrotherapie neben den anderen Heilmethoden, besonders bei sonst intaktem Genitale. Bestehen Komplikationen von seiten des letzteren, so zielt die Hydrotherapie auch auf deren Beseitigung Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 790 ab. Bei besonders schweren Fällen soll die Radiotherapie ergänzend hinzntreten. Ist ein chirurgischer Eingriff vonnöten, so ist die Hydrotherapie als Vorbereitung dazn von großem Nutzen. 26) Solatique radiculaire, par M. Dobrokhotow. (Revue de mödecine. 1914. Nr.7.) Ref.: Kurt Mendel. Aus der Qruppe der Isohiasfälle kann man eine ganz besondere Form, die radikuläre Ischias, absondern. Die Symptomatologie und Ätiologie dieser Affeküon ist gut bestimmt. Besonders wichtig bezüglich der ersteren ist die Art der Ver¬ teilung der radikulären Sensibilität an den unteren Extremitäten. Verf. bringt die Krankengeschichten von 22 Fällen von radikulärer Ischias und knüpft daran folgende Bemerkungen: Die Art der Sensibilitätsstörungen scheidet die radikuläre Ischias ganz besonders von der Stammischias und der peripherischen Ischias ab. Diese Störungen bestehen in Verstärkung oder Abschwächung der objektiven Sensibilität. In den 22 Fällen wurde 10 mal Hyperästhesie, 7 mal Hypästhesie, 3 mal Anästhesie mit Hypästhesie und 2 mal Hypästhesie mit Hyperästhesie notiert Doppelseitig waren die Seosibilitätsstörungen in 6, einseitig in 16 Fällen. In allen Fällen mit Anästhesie waren Schmerz-, Berührungsgefühls¬ und Temperatursinn betroffen, in den Fällen mit Hypästhesie bestand meist eine Gefühlsherabsetzung für Schmerz und Berührungen, die Hyperästhesie be¬ traf gleichfalls stets Schmerz- und Berührungsgefühl, nicht den Temperatursinn. Was die Topographie der Sensibiltätsstörungen betrifft, so unterscheidet Verf. 3 verschiedene Formen: 1. die Störungen beginnen an den Lendenwirbeln und gehen bogenförmig zur äußeren oder hinteren Partie des Oberschenkels, um dort sich auszubreiten oder um auf die Vorderfläche des Beines und Fusses überzugehen; 2. die Störungen umfassen die ganze äußere Fläche des Beines; 3. sie beginnen am Perineum und ziehen spiralartig um das Bein von oben nach unten und von hinten nach vorn herum. Zur eraten Gruppe gehörten 15 Fälle, zur zweiten 6, zur dritten 1 Fall. Hauptsächlich befallen sind die Wurzeln S x und L 5 . Die Ver¬ teilung der Sensibilitätsstörungen nach dem Edingerschen Schema (dies entspricht der Gruppe 1) findet sich in den schwersten Fällen der radikulären Ischias und ist daher von prognostischer Bedeutung. Motilitätsstörungen wurden bei den 22 Fällen 6 mal notiert; nur einmal war eine zirkumskripte Atrophie und Muskellähmung festzustellen, in allen übrigen Fällen war die Schwäche und Abmagerung der Muskeln eine diffuse. Letztere kann sehr beträchtlich sein (bis zu ö und 7 cm Differenz). Die Schmerzen werden von den Kranken nicht immer entlang dem Verlaufe des Ischiadicus angegeben, sehr oft sind sie besonders an der Außenfläche des Beines und an den Zehen lokalisiert. Sie sind an sich sehr charakteristisch: selten kontinuierlich, häufiger krisenartig auftretend, stets sehr heftig, oft blitzartig von oben nach unten; sie nehmen zu beim Husten und Niesen. Die Valleixschen Druckpunkte Bind sehr oft nachweisbar bei der radikulären Ischias. Nur in 3 von 22 Fällen war eist gleichzeitige Skoliose und 1 mal eine Kyphoskoliose vorhanden. 13 mal bestanden Reflexstörungen; 11 mal am Patellar-, 7 mal am Achillesreflex. In allen Faller war das Laseguesche Zeichen positiv. , Die Therapie bestand in 12 bis 16 Mineralschlammbädern zu Saki, eines | Dorfe der Krim (der Schlamm ist dem Fangoschlamm fast identisch). Diese Bäder brachten meist Besserung. Die radikuläre Ischias ist eine überaus schwere und chronische Erkankuc^ 27) Epidurale Injektion, von Walter Enderle. (Deutsche med. Wochenschi 1915. Nr. 33.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. beschreibt die Technik der epiduralen Injektion, zu welcher er steri- physiologische Kochsalzlösung verwendet; er injiziert in Knieellenbogenlage bl* stark durchgedrücktem Kreuz 20 ccm durch den Hiatus sacralis. Nach der Ix Difitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF Mia 791 jektion absolute Rübe für 1 bis 2 Tage. 10 Fälle werden mitgeteilt. Nie Schädigung. Indiziert ist die Injektion bei alten, rezividierenden, den üblichen Behandlungs¬ methoden trotzenden Ischiasfällen, zu empfehlen und die Therapie der Wahl bei allen neuralgischen Anfällen im Bereich der unteren Extremitäten ohne Ver¬ nachlässigung der übrigen therapeutischen Hilfsmittel, ernstlich eines Versuches wert bei gastrischen Krisen, bei Enuresis der Kinder, überhaupt bei funktionellen Störungen des Urogenitalapparates. 28) Heilung der Neuralgie und Neuritis durch Bakterientoxine, von Döllken. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 46/47.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Vert fand, daß gewisse Bakterienprodukte eine energische Wirkung auf er¬ krankte periphere Nerven haben, und berichtet über seine diesbezüglichen Ver¬ suche mit Vakzinen aus abgetöteten Bakterien, mit autolysierten Vakzinen, Bakterienextrakten, mit Sekretionsprodukten der Bakterien (Toxinen), Sensibili¬ sierung von Bakterienpräparaten, Vakzineurin mit Mitteilungen der Dosierung. Er bespricht die Immunisierungsvorgänge, die Theorie der Resistenzerhöhung, die Aufaahmekapazität. Von mehr als 200 Neuralgiefällen hat sich bisher keiner als refraktär er¬ wiesen, wobei hysterische Schmerzen nicht in den Kreis der Untersuchungen ge¬ zogen wurden. Injiziert wird in die Streckmuskulatur des Oberarms, die Kanüle wird möglichst in Qewebslücken gebracht. In der Woche wird 3 mal injiziert, zuerst Vioo °^ er l Uo ocm > dann Vso» dann 1 l%o ccm (bei der bis Injektion), je 1 / l0 ccm bei der 7. bis 12. Injektion. Nebenerscheinungen sind größere Schlaf¬ müdigkeit abends, Besserung des Appetits und eine geringe Erleichterung der Darmtätigkeit. Des weiteren bespricht Verf. seine Erfahrungen bei Neuritiden. Die Wieder¬ herstellung der Funktionen läßt sich in geeigneten Fällen bei motorischen oder gemischten Nerven Schritt für Schritt verfolgen. Selbst bei Atrophie der zu¬ gehörigen Muskeln erfolgt auch noch nach Jahren Regeneration, wenn nicht komplette EaR. vorliegt. Die Ätiologie ist dabei von ganz untergeordneter Be¬ deutung. Verf. hat öl Fälle von Neuritis mit gutem Effekt behandelt, sehr viele aind allerdings mit Defekt geheilt. 7 waren durch Trauma, 9 durch Infektion, 6 durch Stoffwechselerkrankung, 8 durch Berufsschädlichkeiten entstanden, 14 hatten anbekannte Ätiologie. Zahlreiche kurze Krankengeschichten sind beigegeben. 20) Über die Behandlung von Ischias mit Hoohfrequenzströmen , von J. Kobliiek. (Rev. v neuropsychopath. XI. 1914. S. 296). Ref.: J. Stuchlik. Verf. behandelte einige Fälle von Ischias mit Arsonvalisation und erzielte sehr hübsche Resultate; er beschreibt sein eigenes Verfahren, bei welchem es hauptsächlich auf die Tadellosigkeit der Kondensatoren und die Funkenstelle des Apparates ankommt, und empfiehlt nur stärere Apparate anzuwenden. Wohl nicht jeder Fall von Ischias ist durch diese Methode zu heilen, aber doch ver¬ dient sie unter die therapeutischen Mittel gegen Ischias aufgenommen zu werden. 50) Neuralglsan, ein schwefelhaltiger Hautoreme, von Th. Rosenbaum. (Reichs-Medizinal Anzeiger. 1914. Nr. 15.) Ref.: Kurt Mendel. Neuralgisan wird 2 bis 3 mal täglich auf den erkrankten Körperstellen gründ¬ lich verrieben, bis es unter den Fingern verschwindet. Es bewährte sich be¬ sonders bei Neuralgien, Ischias und Neuritis, ganz speziell auch bei Armneuralgien. 51) Über Versuche, den Plexus lumbalis zu anästhesieren, von Arthur Schlesinger. (Centralbl. f. Chirurgie. 1915. Nr. 22.) Ref.: K. Boas. Verf. zeigt an Hand anatomischer Untersuchungen, daß es an dem Plexus lumbalis eine Stelle gibt, wo alle seine Fasern gemeinsam getroffen werden können. Man sticht 4 bis 6 cm lateral, etwas oberhalb des Dornfortsatzes des 5. Lenden¬ wirbels ein und gleitet dann mit der Nadel vorsichtig lateralwärts tastend in die Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 792 Tiefe. Verf, benutzt zu diesem, von ihm als „Paralumbalanästhesie“ bezeichnten Verfahren eine 1 bis 2°/ 0 ige Novokainlösung. Periphere Nervenlähmung. 82) An attempt to determine the diagnostio importanoe of Heads zones of hyperalgesia, by L. Langstroth. (Arch. of intern. Medio. XVI. 1915. Nr. 2.) Ref.: W. Misch. Es wurden 460 klinische Fälle auf Headsche Hyperalgesiezonen untersucht und dieselben bei Erkrankungen der Viszeralorgane häufig gefunden. Bei Lungen¬ erkrankungen wurde in 3°/ 0 der Fälle Hyperalgesie gefunden, bzw. in 13% von denen, die über Schmerzen klagten. Bei Erkrankungen des Herzens und der Aorta fand sich in 7% der Fälle Hyperalgesie, bzw. in 18 % der Fälle, die über Schmerzen klagten; bei Erkrankungen des Magens in 24 bzw. 37%, bei Erkrankungen der Leber und Gallenwege in 25 bzw. 58%, bei Intestinalerkran¬ kungen in 10 bzw. 22%, bei Nieren- und Uretererkrankungen in 45 bzw. 71% der Fälle. Im ganzen kommt Verf. zu dem Schluß, daß die große Zahl von Zonen, in deren Gebiet Hyperalgesie bei der Erkrankung eines jeden Organes nachgewiesen werden kann, und die Anzahl von Organen, die von jedem Rücken¬ markssegment versorgt werden, die Hyperalgesie praktisch bedeutungslos für die Diagnostik macht; eine einzige Ausnahme bilden wahrscheinlich die Erkrankungen der Niere, bei denen die Headsche Zone eine etwas charakteristische Form bat. 33) Über Nervenlähmungen bei Arthritis urloa, von V. Kraus. (Öaaopis (eskych 14k. L11I. 1914. S. 761.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich). Verf. neigt zu der Ansicht von Thomayer, der schon 1914 einige Fälle von polyartikulärer Arthritis urica, nach welcher sich Veränderungen in moto¬ rischer Sphäre eingestellt, publiziert hat. Es handelte sich (nach Thomayer) um eine Affektion peripherer Nerven, die eine Lähmung zugehöriger Muskeln zur Folge hatte. Trotzdem andere Autoren die Existenz solcher urarthritischen Lähmungen leugnen (Oppenheim), wurde auf der Thomayerschen Klinik die Frage weiter verfolgt, und Verf. veröffentlicht zwei neue Beobachtungen, die die Richtigkeit der oben erwähnten Beobachtung von Thomayer nur bestätigen. In einem Falle handelte es sich um Paralysis nervi radi&lis, im anderen um Par. n. peronei mit nachfolgender Irritation des N. ischiadicus. Ohne Galvani¬ sation verschwanden beide Lähmungen bald —. im Gegensätze zu peripheren Paralysen. Im zweiten Falle traten die Nervenerscheinungen erst nach vollstän¬ digem Verschwinden der Gelenkaffektion auf. 34) Lähmungen n&oh Typhus, von J. Zadek. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 35.) Ref.: Kurt Mendel. Im Verlauf des Typhus kommen peripherische Lähmungen vor; in der Re¬ konvaleszenz sind leichte sensible Schädigungen in Gestalt von vasomotorischen und trophischen Störungen, Anästhesien, Hyperästhesien usw.* meist umschriebener Bezirke häufig, ausgeprägte Neuritis ist schon seltener. Bei den Lähmungen handelt es sich um gemischt motorisch-sensible Paresen, seltener um rein moto¬ rische Lähmung einzelner oder mehrerer Nerven und Muskelgruppen. Prognose im allgemeinen günstig, abhängig von der quantitativen Ausbreitung und von dem Grade der Lähmungserscheinungen. Eigener Fall von partieller Peroneus- parese nach Typhus. Seltener Bind echte zerebrale Affektionen im Verlaufe und Gefolge des Typhus; relativ am häufigsten noch Meningitis, Hemi- und Paraplegien (apoplektiacbe Blutungen, Thrombose). Eigener Fall von Hemiplegie in der Typhusrekonvaleazenz bei einem Kinde, vielleicht beruhend auf mehr funktionellen Schädigungen (analog den urämischen Lähmungen). Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 793 85) Über Fazialislähmung infolge von Erkrankungen der Ohrmuschel (Herpes, Feriohondritis und Othämatom), von 0. Körner. (Zeitschr. f. Obrenheilk.u. f. d. Krankb. d. Luftwege, L£XII. 1916. H.4.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Von Erkrankungen der Ohrmuschel, die zu einer gleichseitigen Fazialis¬ lähmung führen, ist nur der Herpes zoster an der Ohrmuschel und in ihrer Nachbarschaft bekannt. Verf. Bebildert zwei Fälle von Fazialislähmung, von denen der eine im Anschluß an ein Othämatom, der andere an eine Perichondritis ent¬ standen ist. Eine Schädigung des Nerven durch den chirurgischen Eingriff oder durch Gefrieranästhesie kann als ausgeschlossen angesehen werden; auch andere Ursachen kamen nicht in Betracht, ebensowenig war an ein zufälliges Zusammen¬ treffen zweier Krankheiten zu denken. Die Fazialislähmung ist zweifellos die Folge dee Othämatoms bzw. der Perichondritis gewesen. Beim Herpes zoster oticus kann die Erkrankung von einem Nerven zu einem anderen übergreifen; so sieht man dabei eine Lähmung nicht nur des N. facialis, sondern auch des N. acusticus. Was die Perichondritis anbetrifft, so können die Toxine, die ein perichondritischer Abszeß liefert, die in dem erkrankten Gebiete verlaufenden Nervenfasern schädigen, der neuritische Prozeß durch die vorhandenen Anastomosen auf den n. fazialis übergreifen. In dem Falle des Othämatoms nimmt Verf. an, daß die toxinliefemde Wundinfektion zur Neuritis geführt hat, die dann durch die Anastomosen auf den N. fazialis fortgeschritten iBt. 36) Über Fazialislähmung infolge von Operationen im Mittelohr und am Schläfenbein, von 0. Körner. (Zeitschr. f. Ohrenheilk. u. f. d. Krankh. d. Luftwege. LXXII. 1916. H. 4.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Zur Feststellung der Frage, wie oft und wodurch operative Schädigungen des Fazialis Vorkommen, hat Verf. aus seiner Ro^ocker Ohren- und Kehlkopf¬ klinik die letzten 670 einfachen Aufmeißelungen des Antrum mastoideum und die im gleichen Zeitraum ausgefuhrten 339 Totalaufmeißelungen der Mittelohr¬ räume dnrehgesehen. Unter den 670 einfach Aufgemeißelten hatten 6 schon vor der Operation eine Fazialislähmung. Von den bleibenden 564 bekamen 3 nach, aber nicht infolge der Operation Fazialislähmung durch fortschreitende Tuberkulose des Schläfenbeins. Von den 339 Totalaufmeißelungen (Radikaloperationen) bei chronischen Fällen hatten 17 Fazialislähmung vor, 3 nach, aber nicht infolge der Operation. Von den 319 bleibenden bekamen 15 = 4,6°/ 0 infolge der Operation bzw. der Nach¬ behandlung Fazialislähmung, und zwar nur 3 * 0,9 °/ 0 während der Operation, 12 in der Nachbehandlung. Was die 3 Verletzungen des Nerven während der Operation anbetrifft, bo trat dieselbe nicht beim Meißeln, sondern beim Ausschaben von Granulationen oder Cholesteatommassen an der inneren oberen Paukenhöhlen¬ wand oder an der Antrumschwelle auf, wobei sich die Verletzung durch eine Zuckung in der gleichseitigen Gesichtshälfte verriet, während die Lähmung sogleich nach dem Erwachen aus der Narkose bemerkt wurde. Der Nerv war bereits vor der Operation bloßgelegt, wahrscheinlich auch krank. Die viel häufigeren Läh¬ mungen während der Nachbehandlung sind wohl auf zu feste Tamponade bzw. Sekretverhaltung hinter dem Tampon oder auf Atzungen mit Höllenstein oder Chromsäure zurückzuführen; sie kommen wahrscheinlich nur beim bloßliegenden Nerven vor. Wenn der Nerv nicht durch gemeißelt oder durebgerissen wurde, ist die Prognose der operativen und postoperativen Fazialislähmung gut. Die 16 er¬ wähnten Fälle sind sämtlich — allerdings nach sehr verschiedener Dauer — geheilt. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 794 37) Isolierte Lehmung der Mundäste des N. facialis infolge einer Schädigung des Nervenstammes innerhalb des Schläfenbeins, von 0. Korner. (Zeitschr. f. Ohrenheilk. u. f. d. Krankh. d. Luftwege. LXXII. 1915. H. 4.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Im allgemeinen lähmt eine Schädigung des Fazialisstammes das ganze Gebiet des Nerven, während eine supranukleäre Schädigung nur den unteren Teil außer Funktion setzt. Verf. schildert einen Fall, in dem die Fazialislähmung sich auf die Mundäste beschränkt, obwohl der Stamm geschädigt worden war. 38) Über die Bedeutung des Neger sehen Symptoms für die Lokalisation der Fazialislähmung, von M. Uotejl. (Öasopis öeskyehläk. LIII. 1914. S. 147.) Ref.: J. Stuchlik. Verf. macht darauf aufmerksam, daß die Beobachtungen eindeutig zu dem Resultate führen, daß das sogen. Negersche Symptom (Bulbusrotation nach oben bei peripherer Fazialislähmung) keinen Wert hat, diagnostisch nioht verwendbar und nur eine Belastung der Terminologie bedeutet. 39) Die Stellung der Augenbrauen bei der peripheren Fazialislähmung, von 0. Körner. (Zeitschr. f. Ohrenheilk. u. f. d. Krankh. d. Luftwege. L XXI I. 1915. H. 4.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. schildert zwei Fälle von peripherer (otogener) Fazialislähmung mit ungewöhnlicher Stellung der Augenbrauen: die Augenbraue der gelähmten Seite stand tief, die der nicht gelähmten hoch. Der Unterschied in der Höhe bei ge¬ rader Kopfhaltung betrug etwa 12 mm. Das Phänomen ist nur in der Neuro¬ logie des Auges von Wilbrand und Sänger erwähnt. Diese Autoren geben an, daß die Augenbrauen auf der nicht gelähmten Seite tiefer oder höher stehen können als auf der gelähmten, höher bei Leuten mit tiefen Stirnfalten, die den N. frontalis stark kontrahiert halten. Im umgekehrten Falle wird die Augen¬ braue durch den Tonus des ^f. orbicularis in ihrer Gesamtheit mehr nach der Lidspalte gezogen. 40) Verletzung des N. recurrens, von Rudolf Hoffmann. (Münchener med. Wochenschr. 1916. Nr. 1.) Ref.: Kurt Mendel. Verwundung durch Schrapnellkugel neben dem rechten Auge. Sofort nach der Verletzung Heiserkeit, Schluckbeschwerden, dann starke Kieferklemme. Kadaver¬ stellung der rechten Stimmlippe. Wenn Pat. den Kopf über die rechte Schulter drehte, wurde die Stimme schlechter; drehte er ihn über die linke, so besserte sich die Stimme bedeutend. Das Röntgenbild zeigt die Kugel an der Halswirbel¬ säule in Höhe des unteren Randes des Thyreoidknorpels. Also: Zerreißung des rechten N. recurrens. 41) Über ein bei Eekurrensparalyse zuweilen zu beobachtendes Phänomen, von Rudolf Hoffmann. (Zeitsohr. f. Laryngolie, Rhinologie u. ihre Grenz¬ gebiete. VII. 1915. H. 5.) Ref.: K. Boas. Zusammenfassung: 1. Bei manohen Fällen von Rekurrensparalyse besteht eine Differenz der Höhenstellung der Stimmlippen, die besonders bei der Intonation deutlich wird. 2. Sie beruht auf einer Insuffizienz des M. crico-thyreoideus derselben Seite. Die durch isolierte Kontraktur des Ring-Schildknorpels der entsprechenden Kehl¬ kopfseite hervorgerufene Höhenstellung der gelähmten Stimmlippe bedarf einer besonderen Darstellung. Ihre Korrektion erfolgt in umgekehrter Richtung wie bei der Tiefenstellung der paralytischen Stimmlippe. 3. Sie läßt sich mechanisch durch Herunterdrüoken des entsprechender hinteren Ringknorpelteiles, sowie durch forciertes Drehen und Senken des Kopfes nach der der Lähmungsseite entsprechenden Schulter ausgleichen. 4. In solchen Fällen wäre das Tragen einer geeigneten Pelotte zu empfehle? Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 795 und eventuell eine operative Annäherung des vorderen Bingknorpelteiles an den Schildknorpel zu versuchen. 42) Lösions oongönitales ou obstötrloales de l’öp&ule ou du plexus brachial, par van Neck. (Journ. med. de Bruxelles. 1914. Nr. 11.) Bef.: E. Boas. Verf. berichtet über 14 Fälle von angeborenen oder Geburtslähmungen der Schulter und des Plexus brachialis. In 3 Fällen handelte es sich um die typische Erb sehe Lähmung. 4 Fälle gehörten zum Typus der Geburtslähmungen. Zwei davon wurden einer Operation unterzogen. Es fanden sich Defekte im Bereich der 6. und 6. Zervikalwurzeln. In 2 Fällen beruhte die Geburtslähmung auf der von Lange beschriebenen Distorsion. In den letzten 5 Fällen endlich bestanden Epiphysenverletzungen am oberen Humerusende. Die Indikationen zu chirurgischen und orthopädischen Eingriffen werden vom Verf. im Anschluß an die geschilderten Fälle ausführlich erörtert. 43) Über 2 Fälle von doppelseitiger Axillarislähmung mit gleichzeitigem Aneurysma auf luetisoher Basis, von Karl Tuczek. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 36.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Verf. schildert 2 Fälle von doppelseitiger Neuritis mit sekundärer Lähmung des N. axillaris. In beiden lag die akute Erkrankung lange Jahre zurück. In dem einen Fall dachte man wegen der Doppelseitigkeit des Prozesses jahrelang an progressive Muskeldystrophie. Spezifische Therapie wurde nicht eingeleitet, da erst die Diagnose eines Aneurysma in beiden Fällen auf die richtige ätiologische Fährte leitete, zu einer Zeit, wo auf eine Heilung nicht mehr zu rechnen war. Beides waren luetische Späterkrankungen, degenerative Atrophien, 16 bzw. 10 Jahre nach der luetischen Infektion. 44) Paralysis nervi axillaris, von J. JedliSka. (Öasopis öeskyeh. 16k. LIII. 1914. S. 1310.) Bef.: J. Stuchlik. Verf. beschreibt eingehend eine isolierte traumatische Paralysis des N. axillaris. Bei demselben Pat., der vor 14 Jahren seine Erkrankung erlitten hat und damals durch Galvanisation zum Teil wieder arbeitsfähig gemacht wurde, bildete sich in dieser Zeit eine langsam fortschreitende Atrophie des M. deltoideus und M. teres minor und eine vollständige Paralysis des sensitiven N. cutaneus antibrachii. 46 ) Kasuistische Mitteilung zur Lähmung des N. musoulo-outaneus, von H. Müller. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 44.) Bef.: Pilcz (Wien). Fall I. Sljähr. Schmied wurde von einem Treibriemen an der Innenfläche des rechten Armes getroffen. Zunächst Unfähigkeit, den rechten Arm zu bewegen und vollständiger Sensibilitätsverlust. 3 Wochen später: Muskulatur, namentlich Bizeps, in Umfang verringert, mit leichter Herabsetzung der motorischen Kraft. Faradische Erregbarkeit des Bizeps stark vermindert. Galvanisch träge Zuckung. Mm. coraco-brachialis und brachialis int. unerregbar. Unterempfindlichkeit für alle Qualitäten an der radialen Hälfte der Beugeseite des rechten Unterarms, übergreifend auf Streifen an der Streckseite, entsprechend dem Hautaste des N. musc. cutan. Idiomuskuläre Wulstbildung am Bizeps. Fall II. 43jähr. Werkmann, Sturz auf die linke Schulter. Fixationsverband. 14 Tage später reißende Schmerzen im Unterarm und in der Hand, Brennen in der Palma. Kraft im linken Arme wurde immer geringer, ebenso in den Fingern. Stat. praes.: Atrophie der linken oberen Extremitäten mit Mitergriffensein der kleinen Handmuskeln. Vom Erbschen Punkt aus Mm.' deltoides und sup. long., nieht aber Biceps und Brachialis int. elektrisch erregbar. Nn. ulnaris und medianus elektrisch unerregbar, im Badialis Erregbarkeit herabgesetzt. Auf direkte Beizung im Bizeps träge Zuckung. Supin. long. normale Verhältnisse. Sensibilitätsherab¬ setzung entsprechend dem Gebiete des N. cutan. antibrachii lateralis, außerdem auch an der Hand, entsprechend dem Ulnargebiete. Böntgenologisch leichte Atrophie des linken Schultergelenks. Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 796 Betroffen sind also sensible und motorische Anteile der Nn. musculo-outan. und ulnaris, während der N. medianus nur im motorischen Anteile ergriffen ist. Bemerkenswert ist auch die Entwicklung neuritisoher Erscheinungen erst 14 Tage nach dem Trauma. 46) Atypische Sohlaf- und Druokl&hmungen, von Kurt Singer. (Monatschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. H. 3.) Bef.: Bratz (Dalldorf). Die Paralyse des N. radialis gilt als typische Form der sogenannten „Schlaf¬ lähmung“. Die beiden vom Verf. beobachteten Fälle kann man als Schlafdruckläbmung des N. peroneus ansprechen. Die Läsion kam jedenfalls da zustande, wo der N. peroneus oberflächlich lateral in der Kniekehle liegt und hier durch äußere Gewalt (Fußstütze bzw. Bankkante) an das Capitulum fibulae berangepreßt wird. Als Hilfsmomente kommen im ersten Fall außer dem äußeren Druck (27s Stunden lang) mehrere in Betracht: Alcoholismus chronicus, Schwächung durch die Kiefer¬ höhleneiterung und die Narkose. 47) Weiteres Aber das Verhalten frisch regenerierter Nerven und über die Methode, den Erfolg einer Nervennaht frühseitig zu beurteilen, von Paul Hoffmann. (Mediz. Klinik. 1915. Nr. 31.) Ref.: E. Tobias. Der „Klopfversuch“ des Verf’s besteht darin, daß man die auBwachsenden sensiblen Fasern des Nerven distal von der Nahtstelle reizt, wodurch man im positiven Fall eine Empfindung auslöst, die in das sensibel gelähmte Gebiet des unterbrochenen Nerven verlegt wird. Die weiteren Ausführungen betreffen: 1. Die Art des Klopfens, die der Perkussion ähneln soll. Der normale Nerv hat eine außerordentlich viel höhere Reizschwelle als der regenerierte, die auf¬ zuwendenden Reizstärken sind für den normalen Nerven sehr viel größer. 2. Die Art der hervorgerufenen Empfindung, die meist als Stechen be¬ zeichnet wird. 3. Falsche Anschlüsse der regenerierenden Nervenfasern, die für gewöhnlich beim Klopfversuche nicht mitspielen. 4. Die Kontrolle des Fortschreitens der Regeneration mit dem Nervenklopf- versuche. Die Grenze hängt von der Länge des regenerierten NervenstückB ab. Je länger das regenerierte Nervenstück wird, um so größer wird die Zone sein, in der durch das Klopfen die Empfindung hervorgerufen wird. 6. Die Bestimmung der Stelle der Verletzung des Nerven mit Hilfe des Versuchs. Neuritis, Landrysche Paralyse, Herpes, Pellagra. 48) Experimentelle Polyneuritis, besonders bei Vögeln, im Vergleich zur Beriberi des Mensohen, von R. Tasawa. (Zeitschr. f. experiment. Pathol. u. Therapie. XVII. 1914. H. 1.) Ref.: K. Boas. Die klinischen und anatomischen Befunde bei der Polyneuritis der Hühner und Tauben, welche bei der einseitigen Fütterung mit entschältem und poliertem Reis zu beobachten sind, sind ziemlich verschieden von denen bei der Beriberi des Menschen. Die Ähnlichkeit ist gegeben in den degenerativen Veränderungen der peripheren Nerven und Muskeln und den Lähmungserscheinungen. Füttert man Hühner mit poliertem Reis und einer geeigneten Nebenspeise wie Eigelb oder besser mit dem Rückstände von ausgekochtem Fisch, so erkranken die Tiere nur an Polyneuritis ohne andere Nebensymptome. Hühner erkranken auch an Polyneuritis, wenn man sie mit Rohrzucker, Salzen und Wasser ernährt. Verl hält den Mangel an Vitaminen nicht für die direkte Ursache der Beriberi. Der Reiskleiextrakt, der die Polyneuritis der Vögel heilt, ist bei der Beriberi des Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MIOJIGA*»- 797 Menschen in seiner Wirkung unsicher. Der Reisnährschaden der Säuglinge ist mit der Polyneuritis gallin&rum wahrscheinlich identisch. 49) Zur Kenntnis der Polyneuritia syphilitica, von A.Pinczower. (Dermatol. Centralbl. 1915, Nr. 3.) Ref.: K. Boas. In dem Falle des Verf.’s trat nach einer Neosalvarsaninjektion eine Poly¬ neuritis auf. Es trat rasche Heilung ein. • 50) Bin Fall von Polyneuritia bei einem lOj&hrigen Knaben. Klinische Beobachtungen und Erfahrungen aua der Kinderklinik in Frank¬ furt a. M., von H. v. Mettenheimer, F. Götzky u. F. Weihe. (Berlin, Springer, 1914.) Ref.: Zappert (Wien). Angeblich ohne vorangegangene Halsentzündung aufgetretene schwere All¬ gemeinerkrankung mit Parese der Muskeln, Schmerzhaftigkeit der Nervenstämme, fehlenden Reflexen, Dysarthrie, Dysphagie, Zyanose, Dyspnoe. Exitus bei Besserung der Extremitätenparesen unter Atemlähmung bei intaktem Bewußtsein. Die ver¬ mutete Diagnose einer akuten Poliomyelitis in der Form der Landryschen Para¬ lyse bestätigte sich nicht, da Rückenmark und Gehirn frei von entzündlicher Infiltration waren, hingegen die peripheren Nerven und Wurzeln sich erkrankt erwiesen. 51) Diphtherie paralyaia, by C. D. Roll es ton. (Archives of Pediatrics. XXX. 1914. Nr. 6.) Ref.: K. Boas. Verf., der bereits früher wiederholt über Diphtherielähmungen berichtet hat, nimmt zu dieser Frage erneut Stellung auf Grund eines Materials von 477 Läh¬ mungsfällen, die auf 2300 Diphtheriekranke entfallen. Was die Lokalisation der Lähmungen betrifft, so werden am häufigsten die Gaumen- und Augenmuskeln betroffen. Während diese meist schon in den ersten beiden Erankheitswochen auftreten, kommen Augenmuskellähmungen erst von der dritten, meist sogar erst der vierten Woche an vor, allgemeine Formen mit Beteiligung des Pharynx und des Zwerchfells erst von der vierten, zumeist sogar von der sechsten Woche an. Für die Prognose ist wesentlich das Lebensalter (je älter das Kind, um so bessere Prognose!) und möglichst frühzeitige Behandlung. Die Mortalität ist am höchsten in den Fällen von Herz- und Zwerchfell¬ lähmung. Verf. Bah hiervon 20 bzw. 5 Exitus. Bei früher Gaumensegellähmung (in den ersten zwei Wochen) beträgt die Mortalität durch häufig folgende Herz¬ lähmung 32,6°/ 0 , späterhin nur 1,5 ö / 0 . Hinsichtlich der Prophylaxe empfiehlt Verf frühzeitige Seruminjektionen, lange Bettruhe (in leichten Fällen bis zur dritten, in schweren sogar bis zur sechsten Krankheitswoche). Bei schweren Lähmungen gibt Verf. Adrenalin, bei Brechreiz Nährklystiere, die bei der im allgemeinen kurzen (nicht mehr als 14 Tage) Dauer der Lähmungen der Sondenfütterung wegen Aspirationsgefahr bei letzterer vorzuziehen sind, Strychnin- und Belladonnainjektionen, Elektrizität, Massage und aktive Bewegung bei Lähmungen der Extremitäten. 52) Ein Fall von Neuritis postdiphtherioa. Kurze Mitteilung von P. Fried¬ länder. (Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 33.) Ref.: E. Tobias. Verf. berichtet über eine Polyneuritis postdiphtherica, die er an sich selbst zu beobaohten Gelegenheit hatte. Ärztliche Selbstbeobachtungen sind besonders instruktiv — nicht nur für den Arzt, der in die bedauerliche Lage kommt, eine noch dazu so schwere Komplikation selbst durchzumachen. Die Lähmung hat außerordentlich hohe Grade angenommen. Auch auf die wenigen therapeutischen Hinweise sei kurz hingewiesen. 53) Postdiphtherlo paralysis: apparently oured by 60000 units of anti- toxln, by W. M. Barton. (New York med. Journal. 1914. 1 . Oktober.) Ref.: K. Boas. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 798 Verf. berichtet Ober einen Fall von postdiphtherisoher Lähmung. 3 Monate nach der Originalinjektion von 10000 Einheiten wurde injiziert, ohne daß dabei anaphylaktische Erscheinungen sich danach einstellten. Im ganzen wurden 60000 Einheiten injiziert zum Eostenpreise von 19 Dollars. 64) Beobachtungen sur Klinik und Therapie der Dysenterie, insbesonder« der postdysenterisohen und postulzerösen Polyneuritds, von Albert Müller-Deham. (Wiener med. Wochenschr. 1915. Nr. 16.) Bet: Pilca. Aus dieser Arbeit von vorwiegend internistischem Interesse sei, als für den Neurologen bemerkenswert, angeführt, daß nach den Erfahrungen des Vert’s Neu¬ ritiden zu den häufigsten Folgeerkrankungen der Dysenterie gehören. Er beob¬ achtete die verschiedensten Grade und Formen: hochgradige Muskelatrophien mit kompletter Entartungsreaktion, typische Ischiasformen, Polyneuritiden mit Druck- empfindlichkeit und Verdickungen im Verlaufe der Nervenstämme, Hauthyper¬ ästhesien und -anästhesien, Fälle ohne anatomischen Befund, aber mit Parästhesien, häufig Akroparästhesien, Fehlen der Reflexe, Gefäßkrämpfe, trophische Störungen an den Nägeln und der Haut. Die neuritischen Erscheinungen schwinden mit Heilung des dysenterischen Prozesses. Verf. hatte Neuritiden auoh in Fällen von ulzeröser Darmtuberkulose be¬ obachtet. 66) Isolierte Neuritis vestlbuleris naoh Typhussohutzimpfung, von Caesar Hirsch. (Deutsche med. WochenBchr. 1915. Nr. 34.) Bef.: Hurt MendeL 26 Stunden naoh der zweiten TypbusBchutzimpfung trat ziemlich akut heftigster Schwindel, starkes Erbrechen, hochgradige Pulsverlangsamung auf, ferner kalter Schweiß, Eingeschlafensein der Finger, Kopfsausen. Verf. nimmt auf Grund der Anamnese, der geklagten Beschwerden und des Befundes eine Dekompensation des Gleichgewichtsapparates, hervorgerufen durch eine Beizung beider Nn. vesti¬ buläres, an. 66) Oervloal ribs as a cause of brachial neuritls, by A. S. Hamilton. (Lanoet. 1914. 15. Juni.) Bef.: W. Misch. Es werden 8 Fälle von Halsrippe beschrieben. Eine Halsrippe kann ohne die geringsten Symptome vorhanden sein, und umgekehrt können die kleinsten Halsrippen die schwersten Symptome machen. In typischen Fällen sind die Sensibilität88törungen und Muskelatrophien So schwere, daß die Diagnose ohne Böntgenbild gestellt werden kann. Schwierigkeiten für die Diagnose entstehen nur, wenn die Halsrippe mit echter Syringomyelie einhergeht; in diesem Falle finden sich aber meist ausgedehntere Lähmungen und typische Sensibilitäts- störungen. Eine unkomplizierte größere Halsrippe macht eine langsam progres¬ sive Atrophie und Lähmung deB Abduzens, Opponens und Flexor brevis mit Sensibilitätsstörungen von irritativem und paralytischem Charakter, die nicht charakteristisch für Syringomyelie sind. In solchen Fällen kann durch Operation völlige Heilung erzielt werden, während natürlich bei Komplikation mit Syringo¬ myelie eine Operation zwecklos ist. Verf. rät noch, alle hartnäckigen Brachial¬ neuritiden mit Röntgenstrahlen zu untersuchen; es werden dann zahlreiche un- entdeckte Halsrippen gefunden werden. 67) Kasuistischer Beitrag zur pathologischen Anatomie der akuten assen- dierenden Spinalparalyse (LandryBche Paralyse), von Erich Langer. (Deutsche ZeitBchr. f. Nervenheilk. LI1I. 1914. H.ln. 2.) Bef.: Kurt Mendel. 54jähriger Alkoholist erkrankt plötzlich nach Erkältung unter Lähmungs- erscheinungen zuerst an den Beinen, dann an den Armen, denen Sensibilitäts- Störungen in Form von Hyperästhesien und Parästhesien und Ataxie vorausgegangen waren. Dann Schweratmigkeit, Asphyxie, Tod nach wenigen Krankheitstagen. Klinische Diagnose: LandryBche Paralyse. Die histologische Untersuchung ergab Digitizeit by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 799 an den Nerven keinerlei Veränderungen, hingegen am Rückenmark folgendes: a) weiße Substanz: sowohl die Pyramidenseitenstrangbahnen als auch die Hinter¬ stränge, besonders der Burdach sehe Strang, weisen in ihrem ganzen Verlauf Ver¬ änderungen auf, die allerdings nicht einer akuten Veränderung in ihnen ent¬ sprechen, sondern den Eindruck alter, lang einwirkender, chronischer Vorgänge in ihnen (Alkoholismus?) machen. Die Wurzeleintrittszone, die hinteren Wurzeln, sind nirgends, vor allem nicht im Lumbalteile, mitergriffen (also keine Tabes); b) graue Substanz: auch hier zeigen die Veränderungen einen durchaus chroni¬ schen Charakter. Es finden sich Schrumpfung und Abrundung der Ganglienzellen, Fehlen der Ganglienzellfortsätze, Schwund des Tigroids, Ausfüllung der Ganglien¬ zellen durch ein grün-gelbliches Pigment und durch dieses teilweise Beschränkung der Tigroidschollen auf kleine Randbezirke. Diesen für einen chronischen Prozeß sprechenden histologischen Feststellungen steht der klinische Erankheitsverlauf von nur wenigen Tagen gegenüber. Die Rückenmarksveränderungen führt Verf. auf den Alkoholgenuß oder eventuell auf eine Autointoxikation zurück, die akuten Erscheinungen auf die Erkältung, in deren Verlauf Toxine durch den Kreislauf in das Rüokenmark gelangten und so Sensibilitätsstörungen und Ataxie ver¬ ursachten. Verf. schließt: 1. Der Landryscheu Paralyse kann ein durch Degenerationsprozesse charak¬ terisiertes Stadium einer chronischen Intoxikation vorausgehen, während 2. zu ihrem schließlich stürmischen, meistens letalen Verlauf eine neue Schädigung durch Bakterien bzw. durch Toxine nötig ist. 3. Die Hitbeteiligung der peripheren Nerven kann vorhanden sein, ist aber nicht unbedingt notwendig. 4. Der Verlauf kann ein so schneller sein, daß akute Veränderungen morpho¬ logisch nur in ganz geringer Form nachweisbar zu sein brauchen. 58) Zur Kenntnis der benignen unausgereiften Neurome und multiplen Neurofibrome, von H. Freifeld. (Beiträge z. pathol. Anat. u. allg. Pathol. LX. 1915. H. 2.) Ref.: K. Boas. Die Verfasserin teilt insgesamt ö Fälle mit: In den beiden ersten Fällen lag eine benigne Form von unreifen Neuromen vor. Als Prototype dieser Tumoren sind bestimmte Neuroblastome anzusehen, welche zebraähnliche Partien (durch parallele Kernreihen erzeugt) und radiäre Anordnung um die Gefäße darbieten. Sie unterscheiden sich von den bis jetzt beschriebenen Neuroblastomen: 1. durch das Fehlen von zellreichen Partien mit den in den meisten Neuro¬ blastomen auftretenden Rosetten, 2. durch das benigne Wachstum, 3. durch das Auftreten in einem späteren Alter. Die drei zuletzt beschriebenen Fälle gehören zu den Neurofibromen. Außer den charakteristischen parallelen Kernreihen mit quer dazwischen verlaufenden Fasern, macht die Verfasserin auf die isoliert auftretenden Schlingen aufmerksam, welche in manchen Fällen dominieren. In diesen Schlingen sieht die Verfasserin eine Struktureinheit (analog den Rosetten bei den Neuroblastomen), welche als die hypertrophische Wiedergabe der embryonalen Neuroblastenrosette auf ihrer etwas späteren Entwicklungsstufe erscheint. In den spinalen Ganglien und in den Hirnnerven hat die Verfasserin ähnliche Rosetten wie in dem sympathischen Nervensystem gefunden. Das vermag nur die Tatsache zu erklären, daß in den zerebrospinalen Nerven Geschwülste neurogenen Ursprungs von der gleichen Struktur entstehen wie im Sympathicusgebiete. 50) Klinische Beobachtungen über Herpes zoster, von J. Vavrouch. (Revue v neuropsychopathologii. XI. 1914. S. 365.) Ref.: J. Stuchlik. In seiner statistischen Arbeit weist Verf. darauf hin, daß der Herpes zoster Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 800 am meisten im 7. Interkostalraum vorkommt, also daß die 7. Dorsalwurzel be¬ troffen ist. Warum gerade diese Gegend erkrankt, will Verf. dadurch erklärt haben, weil an der Innervation dieser Gegend auch Nerven anderer Gegend beteiligt sind (vom 5. bis zum 11. Nerven) und weil die größte Beweglichkeit der Wirbel¬ säule, also auch die größe Gefahr einer Läsion gerade in dieser Gegend gegeben ist und die verschiedensten Läsionen sich klinisch als Herpes zoster präsentieren. In den weitaus meisten Fällen ist die Erkrankung einseitig. 60) HerpeB zoster und Herpes zoster gangraenosus naoh Salvarsan, von öttinger. (Dermatolog. Wochenschr. XXI. 1914. H. 1.) Bef.: E. Boas. Verf. faßt die Ergebnisse seiner Beobachtungen in folgenden Schlußsätzen zusammen: 1. Herpes wie auch Herpes zoster kann als Nebenwirkung bei Anwendung des Salvarsans auftreten. 2. Der Herpes zoster entsteht direkt im Anschluß an eine S&lvarsaninfusion, kann aber auch geraume Zeit später auftreten. 3. Der Herpes zoster kann nach der ersten wie auch nach jeder erneuten Salvarsandarreichung entstehen; ist er einmal entstanden, so kann nach einer er¬ neuten Salvarsaninfusion ein neuer Zoster sich an einer anderen Körperpartie entwickeln. 4. Der Herpes entsteht unabhängig von der Dosis. 5. Die Applikationsart des Salvarsans iibt keinen Einfluß auf das Entstehen des Herpes zoster aus. 6. Der Herpes zoster nach Salvarsan tritt an verschiedenen Regionen des Körpers auf (z. B. Zoster ophthalmicus, thoracicus, glutaealis, in vereinzelten Fällen an der Hand und am Arm). 61) Mental and nervous disorders assooiated with pellagra, by H. D. Singer. (Arch. of intern. Medic. XV. 1915. Nr. 1.). Bef.: W. Hisch. In etwa 40°/ o aller Pellagrafälle kommen geistige Störungen vor. Diese Störungen werden um so häufiger, je öfter sich die Anfälle wiederholen. Kinder sind im allgemeinen davon ausgenommen; am häufigsten sind sie bei Männern von 21 bis 40 und bei Frauen zwischen 41 und 60 Jahren. Etwa 95°/ 0 der Geistesstörungen sind die direkte Folge der Pellagraintoxikation; infolgedessen ist au?h die Mortalität bei diesen Fällen bedeutend höher als bei Fällen ohne diese Störungen; doch geht die geistige Störung vollkommen zurück, wenn der Patient am Leben bleibt. Sie entspricht durchaus den ganz ähnlichen Storungen bei anderen somatischen Erkrankungen, bei denen sie als nicht „psychotisch“ oft beschrieben worden sind. Die übrigen 5°/ 0 sind Geistesstörungen, die primär durch die Persönlichkeit des befallenen Individuums bedingt sind. Mangelhafte Nervenorganisation, einschließlich unadäquater psychischer Anpassungsfähigkeit, scheinen mit zur PrädiBposition für Pellagra zu gehören. Dies scheint die be¬ friedigendste, wenn auch nur eine unvollständige, Erklärung für die außerordent¬ liche Häufigkeit von Pellagra bei Geisteskranken und die größere Häufigkeit von funktionellen Psychosen, Psychoneurosen und Nervenerkrankungen vom kongenital anomalen Typ unter den Pellagrakranken zu sein. Chronische Geisteskrankheit als unmittelbare Folge von Pellagraintoxikätion ist, wenn sie überhaupt vorkommt. äußerst selten; ebenso kommt eine chronische Nervenerkrankung infolge vor Pellagra so gut wie gar nicht vor. Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel in Berlin W, Augsburgerstr. 43. Verlag von Vzit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbb & Wittig in Leipzig. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSiTY OF MICHIGAN Reübologisches Centralbutt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begründet von Profi E. MendeL Herausgegeben von Dr. Kurt Mendel. Vlernnddreißigster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle Bnohhandlnngen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie direkt von der Verlagsbuchhandlung. 1915. 1. November. Nr. 21. Inhalt 1 . Originalmitteilungen. 1 . Über falsche Innervation (Innervationsentgleisung), von H. Oppenheim. 2. Über die reflektorischen kompensatorischen Augenbewegungen bei beiderseitiger Ausschaltung des N. vestibularis, von G. Bikeles und Erich Ruttin. 3. Die Neurosen nach Kriegsverletzungen, von H. Oppenheim. 4. Zerebellare Symptomen komplexe nach Kriegsverletzungen, von Julius Friedlönder. 5. Erwiderung auf vorstehende Mitteilung, von Kurt Löwenstein. II. Referate. Anatomie. 1. Die Hypophysis cerebri, von Stendell. — Physiologie. 2. La struttura della tiroide e le sue variazioni qualitative, per Buscalno. 3. Zur Frage der Innervation der Gl. thyreoidea, von Ossokin. 4. Experimentelle Beiträge zur Erzeugung von thyreotoxischen Symptomen. Ein Beitrag zum Basedowproblem, von Jakegoshi. 5. Das Kolloid der Schilddrüse und der Hypophyse des Menschen, von Kraus. 6 . The effect of thyroid exstirpation on the hypophysis cerebri in the rabbit, by Degener. 7. Age as a factor in the effects which follow thyreoidectomy and parathyreoidectomy in the sheep, by Simpson. 8. Bachitisme experimental chez de jeunes animaux issus de procreateurs ethyroidös, par Claude et Rouillard. 9. Dentition und Haarentwicklung unter dem Einfluß der inneren Sekretion, von Josefson. 10. Praktische Ergebnisse aus unseren heutigen Anschauungen über die endokrine Tätigkeit des Eierstocks, von Bucura. — Pathologische Anatomie. 11. Über Struma congenita und ihre Beziehungen zu Störungen der inneren Sekretion, von Staemmler. 12. Beiträge zur pathologischen Histologie der Schilddrüse, von Vogel. 13. Über substernale Kröpfe, von Wollt. 14. Die Basedowstruma, von Ribbert. — Basedowsche Krankheit. 15. Zur Theorie des Basedow, von Oswald. 16. Über die Basedowsche Krank¬ heit, von Hart. 17. Über Morbus Basedowii, von Ortner. 18. Basedow bei einem 9 Monate alten Kinde, von Klaus. 19. Bedeutung und Verbreitung der Thyreose im Heere, von Caro. 20. Ein Fall von Morbus Basedowii mit bulbären Symptomen, von LOwy. 21. MorbuB Basedowii und die Brustdrüsen, von Zienklewicz. 22. Über alimentäre Galaktosurie bei Morbus Basedowii, von Sz4l. 23. Über einen Fall von Zylinderzellenkarzinom der Schilddrüse bei Basedowscher Krankheit, von Lyon. 24. Basedow und Tuberkulose, von Schinzinger. 25. I disturbi mentali nel morbo di Basedow, per Massarotti. 26. Über das Vorkommen von verworrener Manie bei einer Kranken mit Schilddrüsenhypertrophie. Schneller Heil¬ erfolg durch Thyreoidektomie, von Parhon. 27. Schilddrüse und Jodmedikation, von Sutter. 28. Quinin and urea injections in hyperthyroidism, by Watson. 29. Über Reizwirkung bei Röntgenbehandlung von Struma und Basedowscher Krankheit, von Kienböck. 30. Kasuistischer Beitrag zur Behandlung der Basedowschen Krankheit mittels Röntgenbestrahlung, von Sielmann. 81. Zur physikalischen Therapie des Morbus Basedowii, von Barth-Wehrenalp. 82. Some clinical features of exophthalmic goiter, by Bumsted. 88 . Die Erfolge der opera¬ tiven Behandlung des Morbus Basedowii, von Schröder. 34. Die Resultate operativer Be¬ handlung Basedowscher Krankheit, von Merhaut. 35. Über Operationstod bei Thyreoiditis chronica, gleichzeitig ein Beitrag zu den Beziehungen zwischen Basedowscher Erkrankung und Thyreoiditis, von BrQnger. 36. Kasuistisches zur Frage therapeutischer Mißerfolge bei Morbus Basedowii, von v. Haberar. 37. Über Thymusoperationen und deren Folgen für den Organismus, von Klose. — Myxödem. 38. Beiträge zur Klinik infantiler Hypothyreose, von Korczynski. 39. Zur Diagnose der Hypothyreose. Teigige Infiltration der Mucosa des unteren Harntraktus als ein bis jetzt nicht beschriebenes Symptom, von Stern. 40. Scoliose xxxiv. 51 Digitized by Gck igle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN 802 et hypothyröoidie, par Qourdon et Dijonneau. 41. Die Beziehungen der Schilddrüseninauffixienz zu den nervösen Beschwerden und der spastischen Obstipation der Frauen, von Sefcrt. 42. Die Thyreoaplasie (kongenitales Myxödem) und ihre Therapie, von Scheinensky. 43. Kon- genitales Myxödem, von Peiina. 44. Ein Fall von angeborenem, familiärem Myxödem. Versuch einer Schilddrösenimplantation, von Worobiefl und PerimofT. 45. Über einen Fall von Sauglingsmyxödem, von Hochsinger. 46. Über den Einfluß von Jod, Jodkalium, Jodo- thyrin und jodfreiem Strumapräparat auf den Stickstoffwechsel, auf Temperatur, Pulsfrequenz und auf das Blutbild von Myxödem, von Frey. 47. Weitere Beiträge zur Ätiologie des Kropfes und des Kretinismus, von v. Aichbergen. 48. Nitrogen and sulphur metabolism in a cretin, by Greenwald. 49. Tödliche Menorrhagie in einem Falle von Thyreoaplasie mit Hauptzellenadenom der Hypophyse, von Schultze. 50. Kropf, Kretinismus und die Krank¬ heit von ChagaB, von Kraus, Rosenbusch und Maggio. 51. Zur Behandlung des endemischen Kretinismus, von Oswald. 52. Zur Lehre vom Infantilisrous, von von den Velden. 53. Der asthenische Infantilismus des Weibes in seinen Beziehungen zur Fortpflanzungstätigkeit und geistigen Betätigung, von v. Kemnitz. 54. Der asthenische Infantilismus des weiblichen Geschlechts und seine Bedeutung für die ärztliche Praxis, von Albrecht. 55. Fall af spleno- megali, anämi och infantdlisiu. Ett bidrag tili mjält-och blodsjukdomarnas Klenik, af WoHL — Hypophysenerkrankungen. 56. Hypophysentumoren, von Schepelmann. 57. Diseases of the pituitary gland and their effect on the shape of the sella turcica, by Feamsidos. 58. Pathological investigation of four cases of pituitary tumor, by Johnson. 59. Über das Vorkommen epileptischer und epileptiformer Anfälle bei Tumoren der Hypophysis cerebri und der Hypophysengegend, von Redlich. 60. Polydactylie et teratome hypophysaire, par Bertolotti. 61. Ein Fall von Äkromegalie mit Hypophysenzyste, von Meyer. 62. Ein Psammom im vorderen Chiasmawinkel, von Heinrichsdorff. 63. Ein Fall von sehr chronischer Akro¬ megalie ohne Augensymptome, von Wachtel. 64. Über einen Fall von Akromegalie und Splanchnomegalie, von Eltester und Schroeder. 65. Zur Kenntnis der Hypophysenstruktur bei Akromegalie, von Berghahn. 66. Über die Hypophysektomie, von Canestro. 67. Über Strahlentherapie bei Hypophysentumoren, von KQpferle u. v. Szily. 68. Beitrag zur Kenntnis der hypophyso-genitalen Dystrophie, von Mattirolo. 69. Ein Fall von Insufficientia poly- glandularis mit Sektionsbefund, von Geschelin. 70. Cerebral adipositas with hypertrichosis, a new syndröme, by Kraus. 71. Dystrophies gigantiques sans acromögalie, par A Mm. 72. Über einen mit Hypophysin-Höchst erfolgreich behandelten Fall von Diabetes insipidua, von Graul. 73. Über die Beeinflussung der Diurese durch Hypophysenextrakte, von v. Km- schegg und Schuster. — Forensische Psychiatrie. 74. Zur Psychologie der Brandstifter, von Schmid. 75. Die nosologische und kriminologische Bedeutung des Eltemkonfliktes der Jugendlichen, von Lazar. 76. Le fetichisme de la poupöe et le vol aux ötalages, par Vtachoa. 77. Die Transvestiten und das Recht (nebst bibliographischem und historischem Material), von Wilhelm. 78. Der Kindesmord und seine forensische Bedeutung, von Kürbitz. 79. Sta¬ tistisches über den Kinobesuch durch Kinder, von Hellwig. 80. Der Fall Wurm, von Elz- helz. 81. Über Einrichtungen für schwer-erziehbare Fürsorgezöglinge, von Schnitzer. I. Oiiginalmitteiltmgen. 1. Über falsche Innervation (Innervationsentgleisung). .Von H. Oppenheim. Man kann den Begriff „falsche Innervation“ weit and eng fassen. Falsche Innervation, d. h. eine nicht-physiologische, unzweckmäßige Verteilung der Innervationsimpalse beobachten wir bei der Ataxie, bei der Apraxie, bei der Asynergie nsw. Ich hatte hier eine andere Form im Auge, auf die ich schon in meinen ersten Arbeiten über die traumatischen Neurosen und besonders in den im Kriegsjahr erschienenen Abhandlungen bei der Schilderang der Akinesia amnestica hingewiesen habe. Ein umfangreicheres kasuistisches Beweismaterial wird meine im Laufe der nächsten Monate erscheinende Monographie Ober die Neurosen nach Kriegsverletzungen bringen. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 803 Iu vielen der Fälle, die durch das Symptom der Akinesia anmestica aus¬ gezeichnet sind, beobachten wir die, soviel ich sehe, von keinem der anderen Autoren genügend gewürdigte Erscheinung, daß der Verletze bei dem Versuch eine Muskelgruppe in Aktion zu setzen, die Bewegungsenergie auf andere Muskeln ablenkt, z. B. bei dem Versuch, die Hand zu drücken oder zur Faust zu schließen, die Adduktoren des Oberarms, den Trizeps, das Platysma und andere Muskeln mehr oder weniger beträchtlich kontrahiert Andermalen beschränkt sich diese Innervationsentgleisung auf die Antagonisten, die ein solches Plus von Iunervationsenergie erhalten, daß der Bewegungseffekt ein dem gewollten entgegengesetzter ist Die Erforschung und Klarstellung dieser Innervatiönsstörung ist daran ge¬ scheitert, daß ihr von der großen Mehrzahl der Autoren das Mißtrauen ent- gegengebracht wurde, welches den Symptomen der Hysterie gemeiniglich ent¬ gegengebracht wird und seinen stärksten Ausdruck in der Lehre von der Wesensverwandtschaft der Hysterie und Simulation findet Es war deshalb von großem Wert, daß uns der große Krieg Gelegenheit gab, die Erscheinung unter Verhältnissen zu studieren, die es gestatteten, das Moment der bewußten Vortäuschung und der ideogenen Grundlage auszuschalten. Über Beobachtungen dieser Art möchte ich hier einiges berichten. In einem Falle von schwerer Schuß Verletzung des linken N. radialis, in welchem die komplette Lähmung mit Entartungsreaktion verknüpft war, maohte ich die auffällige Wahrnehmung, daß der Kranke im Stadium der Restitution die Hand noch nicht strecken konnte (Fig. A), während er die passiv gestreckte sogar mit einiger Kraft in dieser Stellung erhalten konnte (Fig. B). Die genaue Betrachtung lehrte, daß er bei dem Versuch der aktiven Streckung die Beuger der Hand und Finger so gewaltsam kontrahierte, daß es zu einer Streck¬ bewegung überhaupt nicht kommen konnte. Alle seine Versuche, diese Ent¬ gleisung zu verhüten, waren fruchtlos, bis nach einigen Wochen die Besserung in ein neues Stadium getreten war: jetzt vermag er auch aktiv die gebeugte Hand ein wenig zu strecken. Ganz besonders oft bin ich nun dieser Erscheinung in den Fällen von Schußverletzung des N. accessorius begegnet Ein Beispiel habe ich sohon an¬ geführt 1 und will hier meine damaligen Ausführungen wiederholen: „Der Mann ist am 20. Sept in einem Hohlweg gestürzt, dabei ist es zu einer Verletzung ' der rechten Schulter und anscheinend zu einer Lähmung und Parese des rechten Cucullaris und Serratus gekommen. Auf den ersten Blick scheint diese noch zu bestehen. Das rechte Schulterblatt befindet sich in leichter Schaukelstelluug, und wenn ich den Patienten auffordere, den rechten Arm zu abduzieren, gelingt das nur bis zur Horizontalen, dabei fehlt jede Außendrehung der Scapula, im Gegenteil: der Innenrand wird durch die Rhomboidei stark an die Wirbelsäule herangezogen. Auch beim Erheben des Armes nach vorn erinnert die Stellung der Scapula an das Verhalten bei Serratuslähmung. Lasse ich nun aber den Arm abduzieren und bringe durch einen leichten Druck den unteren Winkel 1 Neurolog. Centralbl. 1915. Nr. 7/8. 8. 283. 51* Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN etwas nach außen, äo vermag jetzt der ftitiexit den Arru mit wlk K raft bis mj Vertikalen zu erheben. Ich kann mich sogar an seinem Ana v» hängen, ebne daß der Arm nacbpibk. Der Herratu.-. ist also vullümmtueu erhsü--- Original frcm. - ÖNIVERrSITY OF MfcEMfGAN i und reagiert auch auf de« elektrischen Strom. Patient hat auch selbst schon gelernt, den Kunstgriff äwzujauteeh.; er -bringt mit seinem linken Arm durch eine» leichten Zug am rechten: diesem aus neioer Zwsügsstellung heraus und kann ihn daun frei erheb««; : Meine. Deutung ist folgende- Ursprünglich best and eine Parese des rechten Uiicuiläris and Serrätus. Die Aßtagonisteu, besonders die Hhomböfidei, traten, m Aktion, aber diese schoß über ihr Ziel hinaus, ea kam so einer datier »den laßerratioBsstörnog derart, daß nun bei jedem AbdoktioasversBcti die Adduktoren der Scapula «io Über¬ gewicht erlangen' 5 (%. Fig. 0). Der Zustand hat sieh als sehr hartnäckig . «rwieseu. Die letzten Notizen im Jouraalbuch lauten so; „Die rechte Schulter stellt in toto etwas tiefer als die linke. Passte läßt aich der rechte : Arra icu ganzen leicht erheben. 'Wenn er aber selbst dha fersuch macht, den Arm zu abduziereu, wird die Scapula krampfhaft au die WühfiMnie hertuigezogen, und. der ganze Körper dreht sieb oju die vertikale Achse -«ach. .rechts, so daß das linke Bedü nach rpru und innen gebracht wird.- Die Muskeln sind dabei iwdtfUaD dßgespauiit, speziell die Rhorn* bokdei, aber auch der Semtus- aber däbei doch nicht iur Drehung der Scapula, weil die Koulfakboa der Shomboidei das Übergewicht bat. B« diesen Mauipsdationen es zu fehhafter 'Tachykardie (p. l-l-ri, Nft-'-h Btt» bringt-er d*ni .Ajrai jetzt zmailieh gut.“ < " . Diese Form der Junerwitionsstörung odor eine, r.erw'audte habe ich üun bei A,fezessoriasliiiimuog io einer Reihe'- von.. Fällen gesehen. Ich wiLi noch einen anföhreu ■ (Auszug aus dem Ämbulauteujouiual vom 16. Juni 1915): W-, t? Jahr, am it. November 19JA Sihußverletzung im Hucken out Sidtwhc.be tm Go gle 806 rechten Arm. Eine Narbe findet sich nach vorn von der Mitte des oberen Trapeziusrandes, eine größere über dem 4. Brustwirbeldornfortsatz. Rechtes Schulterblatt in Schaukelstellung. Erheben der Schulter auch rechts ziemlich kräftig. Die Abduktion des Oberarms gelingt nicht, erhebt man aber den Arm passiv, so kann er kräftig in dieser Stellung gehalten werden. Fixiert der Unter¬ suchende das rechte Schulterblatt, so gelingt die Erhebung des Armes gut. Bei der Adduktion der Schulterblätter an die Wirbelsäule bleibt das rechte etwas zurück, und der Innenrand hebt sich etwas vom Thorax ab. Im oberen rechten Trapezius fast komplette Entartungsreaktion, im mittleren und unteren erloschene Erregbarkeit 10. August Bei der Aufforderung, den rechten Arm zu abduzieren, gelingt es ihm häufig sofort und im vollen Maße. Andermalen geht es zögernd oder mißlingt zunächst und man siebt dann, wie falsch innerviert, d. h. das Schulterblatt adduziert wird unter krampfhafter Anspannung der Rhomboidei. Erst wenn er diesen Krampf überwunden hat, gelingt die Ele¬ vation des Armes in vollkommener Weise. Bald darauf trat vollkommene Funktionstüchtigkeit trotz Fortdauer der Trapeziuslähmung ein, nachdem dem Patienten schon von anderer Seite eine Nervenpfropfung empfohlen worden war. Meine weiteren Erfahrungen entsprechender Art beziehen sich auf Kriegs¬ verwundete mit Schußverletzung des Accessorius, bei denen die Abduktion des Armes nur bis zur Horizontalen gelingt (trotz erhaltenen Serratus). Die weitere Erhebung scheitert daran, daß der Levator anguli scapulae sich so stark an¬ spannt, daß der innere obere Winkel der Scapula nicht gesenkt und infolge¬ dessen die Drehung derselben nicht ausgeführt werden kann; es genügt aber, einen leichten Druck auf den inneren oberen Schulterblattwinkel in der Rich¬ tung nach abwärts auszuüben, um die Erhebung des Armes zu einer voll¬ kommenen zu machen. Es ist mir aufgefallen, wie unverhältnismäßig häufig auch gerade bei der Schuß Verletzung des N. accessorius sich in den distalen Abschnitten der Extre¬ mität die Akinesia amnestica entwickelte. Eine typische Form der Innervationsentgleisung — 0. Kalischeb schlug mir den Ausdruck „falsche Weichenstellung“ vor, der, soviel ich mich erinnere, auch schon von H. Liepmann bei der Apraxie gebraucht worden ist — hatte ich ferner Gelegenheit, an der Unterextremität zu beobachten. Einigemale handelte es sich um eine Schußverletzung des Ischiadicus mit Reizerscheinungen und Anästhesie im Gebiet des Tibialis. Während die elektrische Erregbarkeit sowohl im Tibialis wie im Peroneus eine normale war, waren. die Fußmuskeln scheinbar vollkommen gelähmt. Insonderheit gelang es dem Patienten nicht, eine Dorsalflexion des Fußes auszuführen. Bei dem mit aller Kraftaufbietung ausgeiührten Versuch, den Fuß zu strecken, stellte sich regelmäßig eine Kontraktion des Quadrizeps ein. Einer dieser Patienten vermochte dabei den passiv dorsalflektierten Fuß fest in dieser Stellung zu halten. Ganz dasselbe sah ich dann in einer Reihe von Fällen, in denen sich in- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 807 folge von Kriegsverletzungen, meist Granatexplosionen, eine nicht-organisch be¬ dingte Paraplegie oder Monoplegie des Beines entwickelt hatte. Unter diesen Verhältnissen betraf die Lähmung immer am stärksten und längsten die Fu߬ muskeln. Schließlich vermochten die Patienten mit großem Kraftaufwand den Fuß zu strecken, aber immer nur unter gleichzeitiger Kontraktion des Quadrizeps. Das ist etwas ganz Typisches. Nur bei zweien unserer Patienten wurde die Fußstreckung nicht auf diesem Wege, sondern dadurch bewerkstelligt, daß der Oberschenkel gebeugt wurde, so daß die Kontraktion des Tibialis anticus ähn lich wie bei Stbümpell’s Tibialisphänomen als Synkinesie erfolgte. Auf weitere Erfahrungen will ich hier nicht eingehen. Möchten auch diese Mitteilungen dazu beitragen, daß viele Kollegen, statt sich mit der so viel mi߬ brauchten Diagnose Hysterie zufrieden zu geben, in recht vorurteilsfreier Weise an die Analyse der so mannigfaltigen funktionellen Bewegungsstörungen heran¬ treten. [Ans der II. medizinischen Klinik in Wien (Vorstand: Hofrat Prof. Obtnbr).] 2. Über die reflektorischen kompensatorischen Angenbewegnngen bei beiderseitiger Ausschaltung des N. vestibularis. Von G. Bikeles und Doz. Erioh. Rüttln, Assistent der UniTersitäts-Ohrenklinik (Hofrat Ubbahtschitscb). Bekanntlich werden Kopfdrehungen sowohl beim Tier als auch beim Menschen reflektorisch durch Augenbewegungen in entgegengesetzter Richtung kompensiert. Webnickb empfahl als erster Kliniker, diesen Reflex zur Differential- diagnose zwischen peripherer oder Kernlähmung von Augenmuskeln einerseits und solchen nach zentralen (supemukleären) Läsionen andrerseits zu verwerten. Bielsohowskt \ der sich zur Diagnose von Augenmuskellähmungen dieses Reflexes bediente, faßte diesen Reflex als Vestibularisreflex, der auf dem Wege des hinteren Längsbündels zustande kommt, auf. 2 Breuer 8 konstatierte kom¬ pensatorische Augenbewegungen an seit längerer Zeit Erblindeten und zwar „hob sich der Blick“ bei Neigung des Kopfes nach vorne, hingegen „senkt sich der Blick“ bei Zurückbiegen des Kopfes. Am 7. VI. 1915 wurde in die Klinik Hofrat Ortner ein 18 jähriger Mann mit epidemischer Cerebrospinalmeningitis eingeliefert. Der Verlauf der Krank¬ heit war ein annähernd typischer, hier wollen wir nur die frühzeitig, in den ersten Tagen der Erkrankung eingesetzte Taubheit hervorheben. 1 Münchener med. Wochenscbr. 1908. * VgL auch Biblschowskt. Graefe-8aemiach* Handbach für Augenheilkunde. Nach¬ trag XL * Wiener med. Jahrb. 1874. Digitized by v Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 808 Die Ohruntersuchung am 10. VL 1915 ergab: Trommelfelle normal. Links: taub für Sprache und Stimmgabeln. Kalorische Reaktion negativ. Rinne anendlich negativ. Kopfknochenleitang sehr stark verkürzt Rechts: lante Sprache wird ad concham gehört Weber nach rechts. Rinne negativ. Kopfknochenleitung sehr stark verkürzt C„ o 4 nur bei sehr lautem Anschlag gehört. Kalorische Reaktion positiv sehr schwach. Spontaner Nystagmus rot Fast zweiten Grades nach rechts. Eine zweite otiatrische Untersuchung am 19. VIL 1915 ergab: f Trommelfelle beiderseits normal. Totale Taubheit für Sprache und Stimm¬ gabeln. Kalorische Reaktion beiderseits negativ. Drehreaktion beiderseits bei aufrechtem, vorgeneigtem und seitwärts geneigtem Kopf negativ. Zeigeversnch normal. ln Zeiträumen von etwa zwei Wochen wiederholte Untersuchungen ergeben bis heute stets dasselbe Resultat. Nach diesen Befunden handelt es sich um eine beiderseitige totale Labyrinth- ausschaltung, die sich jedenfalls im Zeiträume zwischen der ersten und zweit«! otiatrischen Untersuchung entwickelt hat (bei der ersten Untersuchung war zu¬ nächst nur das linke Labyrinth ausgeschaltet, das rechte aber nur schwer geschädigt). Trotz des Fehlens jeder Reaktion auf kalorische und Drehreize verhielten sich die kompensatorischen Augenbewegungen bei passiven oder aktiven Kopf¬ drehungen ganz so wie beim Gesunden. Die kompensatorisohen Augenbewegungen zeigten sich konstant, wenn man Patienten während der Kopfdrehung auf eine gegenüber befindliche Tafel oder auf das Fenster blicken ließ. Bei nicht fixiertem Blick wurden beim Patienten, wie bei Gesunden überhaupt, die kompensatorischen Augenbewegungen ziemlich häufig durch willkürliche Augenbewegungen ver¬ deckt, doch kamen auch da die kompensatorisohen Bewegungen häufig genug zum Vorschein. Der Umstand aber, daß ein regelmäßiges Erzielen kompensatorischer Augenbewegungen beim Menschen eine Fixierung des Blickes erheischt, läßt in allen dem unseren analogen Fällen mit vollständig erhaltener willkürlicher Motilität der Bulbi den Einwurf zu, daß es sich nicht um einen Reflex, sondern um eine durch die beabsichtigte Fixation verursachte gewollte Augenbewegung handle. Um diesen Einwurf zurückzuweisen, wurde von einem von uns (Boeklbs) am Patienten Versuche, welche die reflektorische Natur des Phänomens er¬ weisen dürften, angestellt. Zunächst wurde konstatiert, daß Patient bei Applikation der Anode am J Nacken und der Kathode an einem Ohre bei Stromschluß das Gefühl ein« Kopfdrehung (aber keine Spur einer tatsächlichen Drehung) nach einer be- stimmten Richtung hatte. Hierauf ließ man bei derselben Applikationsweise i der Elektroden den Patienten auf eine gegenüber befindliche Scheibe blicken und nahm sodann mit dem Kopfe des Patienten passive seitliche Drehungen vor. Nun schloß man den Strom bei einer solchen Wendung des Kopfes, be. der die vermeintliche (subjektiv empfundene) Drehung der tatsächlichen (pas»ir Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSSTY OF MICHIGAN 809 ausgeführten) entgegengesetzt war. Trotz des subjektiven Gefühls einer (bei 5 Mill.- Amp. und darüber) eventuell bedeutenden Kopfdrebung nach einer Seite (z. B. nach rechts) erlitt die kompensatorische Augenbewegung keinerlei Unterbrechung oder Änderung, sondern erfolgte ununterbrochen weiter in der früheren Richtung, die durch die faktische passive Eopfdrehung (z. B. nach links) bedingt war. Ein derartiges Verhalten, d. h. die Abhängigkeit der kompensatorischen Augen¬ bewegungen bei unserem Patienten einzig, von der faktischen, keineswegs aber von der subjektiv empfundenen Eopfdrehung dürfte sehr für den reflektorischen Charakter dieser Augenbewegungen und gegen die Annahme einer willkürlichen Innervation sprechen. Nebst der angeführten elektrischen Reizung wurde mit Erfolg der Versuch gemacht, beim Patienten, während er seine Augen geschlossen hielt — also in analogen Verhältnissen wie bei Blinden — die kompensatorischen Augen¬ bewegungen zu eruieren. Da ein Durchtasten der Eornea nicht gelang, wurde die im Vergleich zur Sklera bedeutendere Empfindlichkeit der Hornhaut auf leichten Druck zur Feststellung der während der Eopfdrehung statt¬ findenden kompensatorischen Augenbewegungen benützt Zu diesem Zwecke legte der Untersuchende, bevor der Patient die verlangte aktive Eopfdrehung ausführte, je einen Zeigefinger auf jeden Bulbus des Patienten auf. Wurde die Drehung um die Vertikalachse beabsichtigt, so wurden die Zeigefinger auf den lateralen Abschnitt jedes Bulbus aufgelegt. Sollte hingegen die Drehung um die Querachse vorgenommen werden, so wurde der Zeigefinger auf den einen Bulbus oben, auf den anderen unten aufgelegt. Während der Eopf¬ drehung (besonders gegen Schluß derselben) übte der aufgelegte Finger einen leichten Druck auf den direkt untergelagerten Abschnitt des entsprechenden Bulbus aus, wobei der ausgeübte Druck bei erfolgender kompensatorischer Augen¬ bewegung auf der einen Seite die Sklera, auf der anderen die Eornea traf. Zu verschiedenen Zeiten vorgenommene Versuche ergaben beim intelligenten Patienten, daß die Eornea eine solche Lageveränderung erfahren hatte, wie es einer der jeweiligen Eopfdrehuug entsprechenden kompensatorischen Augen¬ bewegung zukommt Dieses Zustandekommen von kompensatorischen Augen¬ bewegungen bei Eopfwendung auch bei geschlossenen Augen des Patienten spricht unbedingt für deren reflektorische Herkunft Nebstbei sei bemerkt, daß zur Kontrolle einige Male der Fingerdruck erst nach der vollbrachten Eopf¬ drehung — also in einer Phase, in der die durch eine kompensatorische Augen¬ bewegung verursachte extreme Position der Eornea bereits nicht existierte — ausgeübt wurde; in diesem Falle erklärte Patient präzis, daß beiderseits der Fingerdruck ohne größere Empfindlichkeit war. Das Endergebnis ist also, daß bei Fehlen jedes Reflexes auf kalorische und Drehreize beiderseits dennoch bei Kopfdrehung kompensatorische Augen¬ bewegungen erfolgten und zwar wie oben nachgewiesen reflektorisch. Als Er¬ klärung sind zwei Möglichkeiten vorhanden. Entweder kommt für Auflösung dieses Reflexes nebst den Labyrinthreizen auch die Gelenkssensibilität (soweit dieselbe wenigstens bei Eopfwendungen beteiligt ist) in Betraoht; oder Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 810 die reflektorischen kompensatorischen Angenbewegungen könnten vielleicht von einem anderen Teil des Labyrinths (etwa vom Otholitenapparat) ausgelöst werden. Letztere Annahme ist aber schon deshalb unwahrscheinlich, da gerade bei da infolge Mening. cerebro-spin. epid. auftretenden totalen Labyrinthaasschaltang der pathologisch-anatomische Befand in der Kegel eine Zerstörung des ganzen Labyrinths ergibt Zar Entscheidung, welche von diesen zwei Erklärungen wirklich zutrifft, wurde daher nachträglich noch folgender Versuch angestellt. Patient wurde auf den Drehstuhl mit leicht angebundenem Rumpf und Kopf hingesetzt. Auf die geschlossenen Bulbi des Patienten legte der Untersuchende je einen Finger (in der oben angeführten Weise), worauf Vierteldrehungen des Drehstuhles — welche im Effekt einer einzigen seitlichen Kopfdrehung gleich¬ kommen — nach rechts oder links vorgenommen wurden. Diese Versuche wurden innerhalb 2 Tage mehrfach wiederholt immer mit demselben negativen Resultat d. h. Patient negierte, irgendwo empfindlicher am Bulbai den Druck verspürt zu haben. Daraus folgt daß hei dieser Rollung unter Fixierung der Gelenke für Kopf und Rumpf kompensatorische Augenbewegungen beim Patienten ausbleiben. Demnach muß man die bei aktiven und passiven Kopfdrehungen beim Pat festgestellten, reflektorisch kompensatorischen Augen¬ bewegungen als nicht vestibulären Ursprungs, sondern als durch sensible Reize infolge Lageveränderungen in den entsprechenden Gelenken ausgelöst ansehen. 3. Die Neurosen nach Kriegsverletzungen. Von H. Oppenheim. Unter Hinweis auf meine später erscheinende Monographie über „die Neu¬ rosen nach Kriegsverletzungen“ möchte ich heute eine kurze Inhaltsangabe machen, einige Leitsätze herausgreifen und so eine Art von Präreferat der ver¬ schobenen Veröffentlichung vorausschicken. Die Arbeit bringt etwa 70 Krankengeschichten von Neurosen nach Kriegs¬ verletzungen, die ich in der Nervenstation des Reservelazarettes Kunstgewerbe¬ museum zu beobachten Gelegenheit hatte. Sie sind in folgende ö Gruppen gebracht: I. traumatische Hysterie, II. trau¬ matische Neurasthenie, III. traumatische Hysteroneurasthenie, IV. traumatische Neurose im engeren Sinne, V. Kombination von organischen Erkrankungen des Nervensystems mit Neurosen traumatischen Ursprungs. Ich zeige an dem Material, daß die Grenzen zwischen diesen Gruppen (I bis IV) zwar keine scharfen sind, indem es Fälle gibt, in denen es durchaus zweifelhaft bleibt, zu welcher dieser Unterformen sie gehören, daß aber im großen and ganzen diese Scheidung zu Recht besteht. Alle diese Gruppen umfaßt das weite Gebiet der traumatischen Neurosen. Pi* ! Bezeichnung traumatische Neurose im engeren Sinne möchte ioh reservieren für di« I Digitized Google Original frum UNIVERSITY OF MICHIGAK 811 Mischformen (Gmppe III) und besonders für die in Groppe IV zusammengefaßten Fälle. Sie zeichnen sich dadurch aus, daß hei ihnen Symptome hervortreten, die weder der Hysterie noch der Neurasthenie zuzurechnen sind, wie die Tics, die Crampi musoulorum und andere lokalisierte Muskelkrämpfe, gewisse Formen des Zitterns, die weder dem Bilde des ideogenen, emotionellen noch dem des Erschöpfungstremors entsprechen, Anfälle von Bewußtlosigkeit von nicht-hysteri¬ schem Charakter, das Graefe’sohe und Chvostek’sche Symptom und ganz be¬ sonders motorische Ausfallserscheinungen vom Charakter der „Akinesia am- nestica“ und „Reflexlähmung“. Die Lehre von der Akinesia amnestica, deren Beziehungen zur sog. Gewohnheitslähmung erörtert werden, halte ich für eine fest begründete. Interessante Formen von Akinesia und Dyskinesia amnestica können auch durch Sohußverletzungen peripherischer Nerven, be¬ sonders des N. accessorius hervorgerufen werden. Die Theorie der Reflexlähmung erfordert noch weitere Untersuchungen. — Das Hauptgewicht lege ich auf den Nachweis, daß die psychogene bzw. die ideogene Entstehung der Symptome, der „traumatischen Hysterie“ im Sinne Chabcot’b, die von der großen Mehr¬ zahl der deutschen Forscher angenommen worden ist, nur eine ganz bescheidene Rolle spielt Der Hauptfehler, der gemacht worden ist und noch gemacht wird, auch von einer Anzahl unserer hervorragenden Fachvertreter, ist der, daß das, was Folge der psychischen Erschütterung, des Affektshocks ist, als das Produkt der Vorstellung, als ideogen angesehen wird. Nur dadurch entsteht die „unglück¬ selige“ Verquickung der traumatischen Hysterie und traumatischen Neurose mit der Simulation. Denn die von vielen vertretene Auffassung, daß es zwischen Hysterie und Simulation keine scharfe Grenze gibt, sowie für die auch aus Nonne’s Mitteilungen überall hervorlugende Anschauung, daß die traumatische Neurose etwas Imaginäres ist, das einfach weggeblasen (durch eine hypnotische Sitzung beseitigt) werden kann, könnte nur insoweit Gültigkeit haben, als es sich um ideogene, d. h. in der Vorstellung wurzelnde Krankheitserscheinungen bandelt. Diese Annahme trifft für die große Mehrzahl der Beobachtungen, die ich im Kriege angestellt habe, nicht zu. Die Symptome und Krankheitsbilder, auf die sich meine Erfahrung bezieht, sind fast durchweg das Ergebnis der psychischen und physischen Erschütterung, außerdem spielen durch Reizzustände in der Peripherie ausgelöste reflektorische Vorgänge eine wichtige Rolle. Durch diese werden Veränderungen im zentralen Nervensystem hervor¬ gerufen, die nicht den Charakter pathologisch-anatomischer Prozesse haben, sondern in der Lockerung, Verlagerung der feinsten Gewebselemente, in der Sperrung von Bahnen, in der Entgleisung der Innervationsimpulse, in der Dia- schisis beruhen. In dieser Hinsicht berührt sich die von mir vor 25 Jahren auf¬ gestellte Erschütterungstheorie mit Vorstellungen, die in der alten Shocklehre von Goltz enthalten sind und auch in Monakow’b Hypothese von der Dia- scbisis 1 wiederkehren. Gewiß vermag die psychische Erschütterung allein viele 1 Sieh« besonders die Darstellung in v. Monakow, Die Lokalisation im Gehirn. Wies¬ baden 1914. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 812 von den Symptomen und Symptombildem hervorzubringen, auf die ich die Be¬ zeichnung „traumatische Neurose“ angewandt habe and die dann von Anderen auch unter dem Namen Sohreckneurose, Emotionsneurose geschildert worden sind. Aber selbst wenn der Nachweis gelänge, daß die seelische Erschütterung alles das zu erzeugen vermöchte, was als traumatische Neurose beschrieben worden ist, so wird damit keineswegs der Beweis geliefert, daß die mechanische Erschütterung in der Genese dieser Krankheitszustände keine Bolle spielt Es ist durchaus nicht von der Hand zu weisen, daß die seelisohe und körper¬ liche Erschütterung in gewisser Hinsicht gleichartige Wirkungen auf das zentrale Nervensystem ausüben und Krankheitszustände von demselben Charakter hervorzubringen vermögen. Es gibt Insulte, wie die starken Detonationen durch die schweren Artillerie- gesohütze, in denen diese beiden Faktoren überhaupt schon so verschmolzen sind, daß sie nicht voneinander zu trennen sind. In bezug auf die Einschätzung dieser beiden Faktoren hat sich unter den Autoren, die in neuerer Zeit zu der Frage Stellung genommen haben, soweit ich sehe, nur Bins wangeb 1 auf meine Seite gestellt, wenn er auch‘unter Über¬ dehnung des Begriffs an der Bezeichnung „traumatische Hysterie“ festhält und wenn er auch auffallender weise meinen Namen dabei nicht erwähnt. Für eine Reihe der von mir angeführten Symptome, besonders auch für die Temperatursteigerung, wird das entsprechende Beobachtungsmaterial vor¬ gelegt. Besonders eingehend wird das Wesen der Lähmungszustände erörtert, auf die ich die Bezeichnung der Akinesia amnestica und Reflexlähmung angewandt habe. Es bat sioh dabei die starke Bevorzugung der linken Seite herausgestellt (0. KalIscher). Ist schon diese Tatsache mit der Annahme der ideogenen Entstehung so gar nicht in Einklang zu bringen, so gilt das noch weniger für die von mir festgestellte Tatsache, daß am Bein so gut wie immer die Lähmung distalwärts zunimmt und am längsten in den Fußmuskeln persistiert. Ferner fand ich in der Mehrzahl dieser Fälle eine volle Harmonie zwischen dem Charakter der Gehstörung und der Lähmung, wie sie sich in der Rückenlage präsentiert. Wie soll das psychogenetisoh zu deuten sein? Die Reflexlähmung kann sich auf eine Muskelgruppe — z. B. Hüftbeuger bei Verletzung des Oberschenkels — beschränken. Die eigentümlichen Beziehungen der Schmerzen bei traumatischer Neuritis zu psychischen Vorgängen und Erregungen der Sinneszentren, auf die ich* zu- -- \ 1 Hystero somatische Krankheitserscbeinungen bei der Kriegshysterie. Monateschr. f. Psych. XXXVIII. H.lu.2. * Zur Kriegsneurologie. Berliner klin. Wochenschr. 1914. Nr. 48 u. Ober Kriegs¬ verletzungen des peripheren und zentralen Nervensystems. Zeitschr. f. ärztl. Fortbildung. 1915. Nr. 4. — Eine kasuistische Mitteilung Weygandt’b, sowie die Angaben von Mas>\ Foebbtbe n. a. folgten später. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN erst hingewiesen habe, werden eingehender und an der Hand der Kasuistik be¬ sprochen. Die Simulationsfrage wird unter Mitteilung von Beobachtungen erörtert. Das Schlußkapitel behandelt die Frage der Prognose und Therapie. [Aus dem Reserrelazarett III, Station Jose&heim, Frankfurt a. M.] (Chefarzt: Stabsarzt d. L. ton Wild.) 4. Zerebellare Symptomenkomplexe nach Kriegsverletzungen. Von Stabsarzt d. R. Julius Friedl&nder in Frankfurt a. M. Unter obigem Titel ist in Nr. 17 dieses Centralblattes eine Arbeit von Kubt Löwenstein (Berlin) erschienen, die mir ein persönliches Interesse geboten hat, da ich in dem darin beschriebenen Fall II, dem Ersatzreservisten E., einen wohlbekannten Patienten wiederfinde, den ich auf meiner Station vom 14. XII. 1914 bis 26.1V. 1915 beobachtet und behandelt, einem größeren Kreise von Kollegen beim V. kriegsmedizinischen Abend im hiesigen Städt. Krankenbause am 26.1. 1915 vorgestellt habe und der auf meine Veranlassung am 26. IV. 1915 in die Nervenstation des Reservelazarettes Kunstgewerbemuseum seiner Vater¬ stadt Berlin verlegt worden ist. Ich entnehme daraus die Veranlassung, mich an der lebhaften Diskussion, die sich auch an die Berliner Demonstration des Patienten durch Dr. L. in der Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬ heiten geknüpft hat, noch nachträglich mit einigen Bemerkungen zu beteiligen, um so mehr, als in L.’s Publikation eine „frühere Krankengeschichte“ nur mit zwei Zeilen erwähnt wird. In dieser „früheren Krankengeschichte“, unter der das von mir über E. geführte Journal zu verstehen ist, war ich ebenso wie bei meiner Demonstration auf Grund der Pathogenese des Falles und der drei Kardinalsymptome: hochgradiger statischer Ataxie mit Tendenz nach rechts zu fallen, heftigem Drehschwindel mit Erbrechen und spontanem Nystagmus nach rechts zu der Diagnose „traumatische Blutung in das Kleinhirn mit Beteiligung des Wurmes“ gelangt und habe im Hinblick auf die zwangsmäßige Neigung nach rechts, die E.'s Gang fast zu einer Manögebewegung gestaltet, noch spezieller eine Läsion des Crus cerebelli ad pontem auf der vom Kontusionsschuß ver¬ letzten Seite annehmen zu dürfen geglaubt Wenn ich damit eine strikte anatomische Diagnose vertrete, so beschäftigte mich doch natürlich auch ein¬ gehend die Frage, ob E.’s Krankheitsbild in seiner Gesamtheit organisch bedingt ist oder teilweise psychogener Provenienz sein könnte, um so mehr, als letztere Vermutung auch hier nach E.’s Vorstellung in der Diskussion aufgeworfen wurde. Von vornherein will es mir freilich nicht recht einleuchten, warum ich bei einer Affektion, der nach übereinstimmender Ansicht aller Beobachter ein pathologisch-anatomisches Substrat zugrunde liegt, auch mit funktionellen Sym¬ ptomen rechnen soll, warum ich, wo doch drei wohlausgebildete, für eine Klein- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 814 Digitized by hirnläsion typische Symptome vorliegen, nicht alle drei von ihr abhängig machen soll, warum ich zwei davon sozusagen für echt und eins für unecht halten soll? —, aber nachdem hierüber die Meinungen geteilt sind, kann' ich doch nicht umhin, dem Sinne nach hier zu wiederholen, was ich in meinem Kranken¬ blatt über E. ausgeführt habe: Das strittige Symptom ist — nachdem dem Zeigeversuch als „sekundärer“ Kleinhimreaktion allseitig kein entscheidender Wert beigelegt wurde — allein E.’s schwere, zwangsmäßige Gleichgewichts¬ störung. Gewiß unterscheidet diese sich von der reinen, landläufigen Zerebellar¬ ataxie, denn es kommt hier zu der mangelhaften Koordination, die in Verbindung mit dem Drehschwindel die „Demarche de l’ivresse“ erzeugt, als zweite Kom¬ ponente noch der unwiderstehliche Drang nach der reohten Seite hinzu. Aber ich ziehe darum nicht den Schluß, daß das Symptom, weil es bei E. von der gewöhnlichen Zerebellarataxie abweicht und über sie hinausgeht, funktioneller Natur sein müsse, ich meine vielmehr umgekehrt, daß gerade solche Zwangs¬ bewegungen, die wir ja zufolge von Beobachtungen an Tieren und Menschen mit dem Cerebellum in Zusammenhang bringen dürfen, mit Recht als klinische Zeichen von Organveränderungen daselbst anzusprechen sind. Überdies scheint auch die Alteration des Gleichgewichts bei E. während seiner hiesigen Lazarettzeit weit intensiver gewesen zu sein, als sie es jetzt in Berlin ist. Denn während es in der Berliner Krankengeschichte heißt, daß „im Sitzen keine Unsicherheit besteht“, war hier andauernd nicht nur im Stehen und Gehen, sondern auch im Sitzen eine komplette statische Kumpfataxie vorhanden: sobald E. frei hingesetzt wurde, geriet sein ganzer Oberkörper und Kopf in eine heftige oszillatorische Bewegung, wie wir sie ähnlich bei vorgeschrittener Paralysis agi- tans beobachten, dann allmählich in gröbere Schwankungen, und er fiel, wenn man ihn nicht festhielt, nach der Seite um, und dies ohne Ausnahme nach rechts. Im Bewußtsein dieser Haltlosigkeit hatte E. es sich zur Gewohnheit gemacht, stets auf seitwärts gedrehtem Stuhle zu sitzen, und ich habe bei der Abendvisite oft gesehen, wie er ganz besonders beim Essen, wo er keine Hand frei hatte, um sich festzuhalten, die Rückenlehne des Stuhles als Widerlager benutzte, um seine rechte Flanke dagegen anzustemmen. Obwohl ich nun für meine Person niemals den Eindruck hatte, als spiele bei E. ein psychischer Faktor in dem Sinne mit, daß sich durch Willkür oder Autosuggestion eine gewisse „Manier“ bei ihm fixiert haben könnte, habe ich, lediglich zur Sicherung meiner Diagnose, E., um alle Großhirneinflüsse bei ihm auszuschalten, einige Male hypnotisiert Der Erfolg war der, daß E. auch in der Hypnose, die wohl gelang, sobald er von dem ihn stützenden Militärkrankenwärter L. losgelassen wurde, mit der Präzision eines Automaten nach rechts vom Stuhle fieL Gleich¬ viel, welchen Wert man diesen Versuchen beimessen will, das eine scheinen sw mir doch zu beweisen, daß bei E. weder irgendwelche Intention, noch ein „phobisches Moment“, sondern nur ein effektiver Mangel an Körperbalance be¬ stimmend ist. Zieht man dies in Betracht, ohne auf das Wort Ataxie zu groben Wert zu legen, so wird man auch nicht sagen können, daß E. „jedes Bestreb« fehlt, seine Gehstörung in der üblichen Weise zu korrigieren“ —: wäre E. nur « UNIVERSITY OF MICHIGA^U Gck igle reis ataktisch, so würde er gewiß bestrebt sein, in der „üblichen Weise“, d. h. mit einem Stocke, seinem Gange aufzuhelfeu, aber er ist mehr als das, er ist nach rechts desequilibriert, und dieser Defekt kann nicht mit einem Stocke aus¬ geglichen, sondern nur durch ein besonderes Training kompensiert werden. In der Tat hat E. aus eigenem Antriebe in unserem Lazarett teils im Saale, den Bettreihen folgend, teils im Garten, von Baum zu Baum, methodische Geh- übuogen regelmäßig vorgenommen und sich dabei einer eigenen Technik bedient: er suchte nach einem bestimmten Punkte, z. B. einem Bettpfosten, zunäohst in schnellster Gangart hinzukommen, so schnell, daß er, wenn möglich, unterwegs nioht Zeit hatte, zu Falle zu kommen, legte denselben Weg allmählich in langsamerem Tempo zurück und stellte sich, wenn es ihm auf nähere Distanzen gelungen war, sukzessive immer etwas weitere Ziele. Aber er verfolgte dabei das Prinzip, niemals voll und direkt auf sein Ziel zu „halten“, sondern, indem er die force majeure, die ihn nach rechts abtrieb, mit in Anschlag brachte, gab er seinem Körper — wenn ich hier einen Billardausdruck brauchen darf — etwas „Linkseffet“, und brachte es vermittelst dieser Gegeneinstellung meist fertig, an die gewünschte Stelle zu gelangen. Man wird danach zugeben müssen, daß £. nicht nur ernsthaft bestrebt war, seine Gehstörung zu korrigieren, sondern daß er auch nicht zweckmäßiger dabei zu Werke gehen konnte. Im übrigen aber scheint mir die Energie, die E. bei dieser Selbstdressur entwickelte* wie¬ wohl er bei seinen Versuchen mehrmals schwer zu Boden stürzte, auch nach anderer Bichtung sehr bemerkenswert: ein psychogenes, in seinem Vorstellungs¬ leben eingewurzeltes Übel wäre von ihm wohl kaum aus eigener Initiative. so ausdauernd und so willenskräftig bekämpft worden, und wenn anders er ein konstitutioneller Neuropath oder Neurastheniker wäre, so hätte er wohl auch schwerlich so viel spontanen und zähen Eifer bei seinen Exerzitien aufgebracht. Wenn überhaupt E. Symptome von Nervenschwäche jetzt bietet, so haben sie, wie seine Anamnese ergibt, vor seiner Kriegsverletzung nioht bestanden, sind aber auch nicht unmittelbare Folgen dieser, sondern sekundären Ursprungs und erst im Verlaufe seiner Organerkrankung aufgetreten. Allerdings war er, auch hier, reizbar, verstimmt und schlaflos, nachdem er Wochen und Monate hori¬ zontal auf dem Bücken liegend unter ständigem Kopfschmerz und bei jeder Bewegung mit Schwindel und Erbrechen kämpfend verbracht hatte, — es kam hinzu, daß ihn, je länger sein Leiden sich hinzog, um so mehr die Sorge um seine Existenz drückte, zumal er sich wenige Monate vor der Mobilmachung verheiratet hatte. Auch die Aufregung mit ihren kardiovaskulären Begleit¬ erscheinungen, in die er zu geraten pflegt, wenn er „vormarschieren“ soll, mag Nervosität genannt werden — hier war davon nur wenig und fast nur gegen¬ über fremden Ärzten zu bemerken —, vorausgesetzt, daß man überhaupt ein solches „Lampenfieber“ schon in das Gebiet des Pathologischen hineinbeziehen will. Aber, wie dem auch sei, jedenfalls ist E.’s Kleinhirnläsion zuerst da¬ gewesen und erat später diese erworbene Neurasthenie, und ich kann mich darum mit einer Auffassung nicht befreunden, die E.’s Gleichgewichtsstörung als Ausfluß oder Teilerscheinung einer allgemeinen Neurose oder Nervenschwäche Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 816 zu betrachten geneigt ist Daß jenes Symptom nnr von funktioneller Art 9eiu soll, dafür wird endlich auch das Argument angeführt, daß es sich so sehr „stabil und unbeeinflnßbar“ erweist, während traumatische Zerebellarerkrankungen im allgemeinen weniger hartnäckig zu sein pflegen: auch hier wird derjenige, der E. in seinem ersten Krankheitsstadium durch 4 Monate beobachtet hat, nicht beistimmen können. Abgesehen davon, daß das konkomitierende Kopfweh und Erbrechen geschwunden, der Schwindel erheblich gemindert ist, besteht doch auch insofern eine unverkennbare Besserung, als die ataktische Unsicher* heit und Unbeherrschtheit des Körpers, die früher auch im Sitzen bestand, jetzt nur noch im Stehen und Gehen vorhanden ist und auoh dies in sehr ver¬ ringertem Maße, da E. hier in den ersten Monaten überhaupt nicht frei stehen konnte. Alles in allem kann ich daher keinen zwingenden Grund einsehen, warum E.’s Krankheitsbild aus „organischen und funktionellen Symptomen ge¬ mischt“ sein soll, — mir erscheint es einheitlich aus klinischen Anzeichen einer substanziellen Kleinhirnschädigung bestehend. Es ist ja freilich möglich, daß ich mich dabei im Irrtum befinde, aber den Vorwurf, der einem der Diskussions¬ redner gegenüber angedeutet wurde, daß er sein Urteil zu rasch und ohne ge¬ nügende Kenntnis des Falles abgegeben habe, wird man mir jedenfalls nicht machen können. 5. Erwiderung auf vorstehende Mitteilung. Von Dr. Kurt Löwensteln. Auf die obenstehende Mitteilung von J. Fbiedländeb erwidere ich in Kürze folgendes: loh bin abgesehen von der Mitteilung der anamnestisch sehr wich¬ tigen Daten des Schwindels nach Aufrichten und Erbrechen aus zwei Gründen nicht auf die mir bekannte, von J. Fbiedländeb geführte Krankengeschichte eingegangen: 1. ist in dieser Krankengeschichte die Frage einer funktionellen Komponente bei dem Krankheitsbilde des E. überhaupt nicht erörtert worden, ich wollte daher nicht einen früheren Beobachter zitieren, dessen Ansicht über diese mich an dem Krankheitsbilde am meisten interessierende Frage mir un¬ bekannt war, und dessen Anschauung falsch darzustellen ich daher Gefahr lief; 2. ging mir gerade aus dieser Krankengeschichte und dem weiteren Verlauf hervor, daß sich das Krankheitsbild im Laufe der Monate wesentlich geändert hatte. So schien mir ein Vergleich nicht am Platze, da die beiden Auffassungen eine verschiedene tatsächliche Unterlage hatten. — Und hierin scheint mir auch der sachlich wesentlichste Punkt zu liegen. Fbiedländeb’s Ansicht ist ja die, daß, soweit eine Nervenschwäche vorhanden ist, diese erst sekundären Ursprungs ist. Hierin sind wir völlig einer Meinung, denn auch ich nehme an, daß bei E. eine organische Affektion vorliegt, zu der sich dann funktionelle Erscheinungen hinzugesellt haben, ich habe auoh diesen organischen Kern für das Wesentliche gehalten, und so steht sogar meine Ansicht der FbiedlIndeb’s viel näher als die der meisten meiner Diskussionsredner, die die funktionellen Erscheinungen Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 817 gegenüber den organischen für das bei weitem Wesentlichere hielten. Diese Annahme eines organischen Kerns spricht aber durchaus nicht dagegen, wie Fbiedländeb meint, daß die jetzt bestehende Gleichgewichtsstörung wenigstens zum Teil ein Ausfluß oder die Teilerscheinung einer allgemeinen Neurose ist, natürlich einer Neurose, die infolge der Kriegsverletzung, also nach (Jen organi¬ schen Veränderungen, entstanden ist. Daß zwischen damals und heute ein Unterschied in den Symptomen besteht, halte ich für sehr wahrscheinlich. Ich nehme auch an, daß im Beginn die organischen Erscheinungen im Vordergründe gestanden haben. Friedländer nimmt ja allerdings an den meisten Stellen seiner Ausführungen — hier besteht ein Widerspruch innerhalb derselben, ins¬ besondere auch zu der oben erwähnten Bemerkung — an, daß damals keinerlei funktionelle Erscheinungen vorhanden waren, wenn sich auch ihm selbst und Diskussionsrednern in Frankfurt Zweifel bemerkbar machten. — Ich möchte aber noch zu einzelnen der Argumente Fetedländbb’s einige Bemerkungen machen. Daß bei einer organischen Erkrankung, insbesondere aber nach Traumen, außer organischen Symptomen noch funktionelle auftreten, ist doch eine so oft gesehene Erscheinung, daß ich im Gegensatz zu Friedländeb meine, daß un¬ bedingt damit gerechnet werden muß. Den Schluß aber, daß das fragliche Symptom des Fallens und Drängens nach der rechten Seite deswegen funktio¬ neller Natur ist, weil es von der gewöhnlichen zerebellaren Ataxie abweicht, habe ich nicht, wie Friedländer meint, gezogen, sondern ioh halte dieses Sym¬ ptom für funktionell, bzw. ich habe angenommen, daß dieses bestimmt von vornherein organische Fallsymptom sich in funktioneller Weise verändert hat, deswegen, weil, wie ich glaube, die Art des Fallens bei E. sich von den bei * Tieren und Menschen beobachteten Zwangsbewegungen, Rollbewegungen, Manege¬ bewegungen unterscheidet, und weil die Analyse dieses Symptoms nichtorganische Komponenten erkennen ließ. Hierzu verweise ich auf meine erste Darstellung. Auch die von Friedländeb erwähnten Paralysis agitans-ähnlichen oszillatorischen Bewegungen sind doch nicht mit Sicherheit als organisches Symptom zu deuten. Ferner meine ich aber auch, daß das Bestehenbleiben des Fallens in der Hypnose durchaus nichts gegen die funktionelle Natur des Symptoms sagt. Wie oft kommt es vor, daß funktionelle Erscheinungen auch durch tiefe, selbst oftmalige Hypnosen nicht zu beeinflussen sind! Und gerade die von Fbiedländer und mir beschriebene Art Training und das eigenartige Korrigieren der Störung, das doch von der üblichen Weise abweicht — E. rennt darauf los, um keine Zeit zu haben zu fallen; E. geht, um an sein Ziel zu gelangen, nach links vorbei, um seine Rechtsabweichung auszugleichen —, auch diese Erscheinungen kann ich nicht als mit Sicherheit organische anerkennen, sie scheinen mir eher zu zeigen, in welcher Weise bei E. die Störungen unter dem Einfluß seines Vor¬ stellungslebens stehen. Auch daß E. sein Übel energisch bekämpft hat, scheint mir durchaus nicht gegen die funktionelle Natur eines Teils seiner Symptome zu sprechen. — Wie weit also neben der organischen Grundlage schon während Friedländeb’s Beobachtung funktionelle Erscheinungen bestanden haben, das will ich durchaus unentschieden lassen. Anders liegt es für die Zeit meiner xxx IV. 52 Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 818 Beobachtung. Da waren jedenfalls wesentliche funktionelle Erscheinungen vor¬ handen, wie ich bei meiner Demonstration nachgewiesen zu haben glaube. Er¬ wähnen will ich nur noch folgendes. Der Mangel an Regression laßt doch unbedingt an eine nichtorganisohe Fixation denken. Sicher ist aber, daß auch rein nervöse Symptome, vorliegen, besonders das auch von dem Patienten selbst betonte phobische Moment, die Erregbarkeit, die Tachykardie und die übrigen, ja auch von Friedländeb selbst erwähnten Erscheinungen. Vor allem muß ich aber nochmals auf das eigenartige Verhalten der Fallreaktionen bei der Bäranyschen Prüfung, auf das Fbiedländeb gar nicht eingegangen ist, hinweisen. Das Ver¬ halten, das ich ja in meiner Publikation ausführlich mitgeteilt und besprochen habe, spricht durchaus für das Vorhandensein einer funktionellen Komponente bzw. eine Fixation des von vornherein organischen Fallsymptoms. Ich sehe darin, wie auch damals betont, eine besondere Unterstützung für die Aufklärung der uns beschäftigenden Frage sowohl bei diesem, wie bei entsprechenden Krankheitsbildern. II. Referate. Anatomie. • 1) Die Hypophysis cerebri, von W. Stendel 1. (Lehrbuch der vergl. mikrosk. Anatomie. 8. Teil. Jena, G. Fischer, 1914. 168 S. Pr. 8Mk.) Ref.: W. Misch. Da alles, was an der Hypophyse anatomisch zu beschreiben ist, in das Ge¬ biet der mikroskopischen Anatomie fällt, so ist dies die .vergleichende mikro¬ skopische Anatomie der Hypophyse behandelnde Werk als Monographie der Ana¬ tomie der Hypophyse überhaupt zu betrachten. Die einzelnen Abschnitte des Organs werden gesondert beschrieben, ohne daß dabei die funktionelle Bedeutung und das Zusammenarbeiten der einzelnen Teile außer acht gelassen wird. Das meiste Gewicht wird auf die vergleichende Behandlung des Stoffes gelegt und so bei den einzelnen Klassen der Vertebraten die Anatomie der einzelnen Hypo¬ physenlappen mit ihrer funktionellen Bedeutung dargelegt. In einem besonderen Abschnitt wird die Phylogenese der Hypophyse besonders besprochen, wobei Verf. auf die bereits an anderer Stelle von ihm betonte Ansicht eingeht, daß das bei den Tunikaten als Hypophyse betrachtete Orgah nicht als Homologon des bei den Vertebraten vorhandenen Organs zu betrachten ist; eine eigentliche Hypophyse findet sich erst bei den Vertebraten. Das von einem Zoologen geschriebene Buch, das durch viele klare Zeich¬ nungen und ein erschöpfendes Literaturverzeichnis ergänzt wird, ist in der Knapp¬ heit und Übersichtlichkeit seiner Darstellung, bei dem großen Interesse, das die innersekretorischen Probleme für die Neurologie haben, für den Neurologen, der dieses Gebiet von Grund auf beherrschen will, von größtem Interesse. Physiologie. 2) La struttura della tiroide e le sue varlasioni qualitative, per M. Bus- # caino. (Riv. di Patol. nerv, e ment. XIX. 1914. H. 7.) Ref.: R. Ganter. Aus den histologischen und chemischen Untersuchungen der Schilddrüsen voa 62 Individuen, die an verschiedenen Formen geistiger Erkrankung gelitten hatten, kommt Verf. zu folgenden Ergebnissen: 1. Es besteht keine Beziehung zwischen dem Vorkommen von chromophilen Digitized by Gck igle Original fram UNIVERSETY OF MICHIGAN 819 Kolloid and dem Geschlecht, Alter, Ernährungszustand des Kranken, auoh nicht in Hinsicht auf die verschiedenen Erkrankungen der inneren Organe. 2. Die sudanophilen epithelialen Granula nehmen zu mit dem Alter, ihr Vorkommen trifft im allgemeinen mit den Affektionen der Gefäße in verschiedenen Bezirken des Körpers zusammen. Doch sind sie im allgemeinen bei Individuen unter 35 Jahren nicht sehr zahlreich. 3. Die sudanophilen Kolloidhaufen vermehren sich mit der Zunahme der epithelialen Granula — ohne daß immer auch das Umgekehrte der Fall wäre —, zugleich bestehen Gefäßaffektionen in verschiedenen Gegenden des Körpers und eine mehr oder weniger große Fettdegeneration der Leber. Bei Individuen unter 35 Jahren ist ihre Menge geringer; doch kann sich die gleiche Erscheinung auoh bei Individuen über 35 Jahren finden, entsprechend der verminderten sekretori¬ schen Fähigkeit des Schilddrüsenepithels. Es besteht also hinsichtlich der epi¬ thelialen Granula und der Kolloidhaufen in bestimmten Grenzen eine gewisse Beziehung zwischen Alter und Menge der Granula und der Haufen. Pathologisch ist ein deutliches Mißverhältnis zwischen der Menge der epithelialen Granula und der Menge der sudanophilen Haufen. 4. Die Kalziumoxalatkristalle stehen in keiner Beziehung zu den übrigen Befunden in der Schilddrüse und den anderen Organen. Sie weisen auf Ver¬ änderungen im Kalzium- und Oxalsäurestoffwechsel hin und zeigen die aktive Beteiligung der Schilddrüse am Kalziumstoffwechsel. Sie wurden hauptsächlich in Fällen von Dementia praecox, dann auch bei Epilepsie und schließlich bei Amentla gefunden. 5. Die proteiformen Kristalle haben ebenfalls keine Beziehungen zu den übrigen Schilddrüsen- und Organbefunden. Nur fanden sich, wo sie vorkamen, meist zugleich auch chromophile Schollen (nicht aber umgekehrt). Sie haben eine besondere Bedeutung beim epileptischen Symptomenkomplex. Was nun das Vorkommen der Schilddrüsenbefunde bei den einzelnen psychi¬ schen Krankheitsgruppen betrifft, so ergab sich folgendes: In Fällen genuiner Epilepsie fanden sich regelmäßig Schollen chromophilen Kolloids, proteiforme Kristalle, schwarze protoplasmatische Granula, Kalziumoxalatkristalle. Es handelte sich also um einen richtigen Dysthyreoidismus, der in 2 Fällen nicht genuiner Epilepsie fehlte. Man kann also im allgemeinen behaupten, daß bei dem epi¬ leptischen Symptomenkomplex die Schilddrüse in einigen Fällen mit Dysfunktion &n dem Prozeß beteiligt ist, in anderen Fällen wieder nicht. In einigen wenigen Fällen von progressiver Paralyse lag eine verminderte sekretorische Fähigkeit der Schilddrüse vor, soweit die Bildung normalen Kolloids und bisweilen auch die der sudanophilen Haufen des Kolloids in Betracht kam. In fast allen Fällen (in 12 von 14) wies das Vorkommen von chromophilem Kolloid, das sich meist reichlicher fand als bei der genuinen Epilepsie, auf quali¬ tative Veränderungen der Schilddrüsenfunktion hin. Dazu zeigten sich dann noch in dem einen oder anderen Falle proteiforme Kristalle, Kalziumoxalatkristalle, kleinzellige Infiltration, sudanophiles Protoplasma in den Epithelzellen der spär¬ lichen Alveolen. Es handelte sich also in diesen Fällen um Dysthyreoidismus, der vorwiegend auf dem Vorhandensein von chromophilem Kolloid beruhte. Bei der Dementia senilis und arteriosclerotica fanden sich vor allem in der Schilddrüse die Zeichen der physiologischen Alters Veränderung: Verminderung des Volumens vieler Alveolen, bei anderen wieder Vergrößerung, Vermehrung der epithelialen Granula und der sudanophilen Granula. Nur in einigen Schilddrüsen waren Zeichen eines nicht normalen senilen Defektes zu erkennen, in anderen auch noch Zeichen, die auf das Fehlen von Granula und sudanophilen Haufen hinwiesen. Selten kamen proteiforme Kristalle in beträchtlicher Menge vor (nur bei der Dementia senilis). Nur in zwei Drittel der Fälle von Dementia senilis 52* Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 820 und arteriosclerotica also bestanden Zeichen von Dysthyreoidismus (cbromophilee Kolloid, bisweilen proteiforme Kristalle). In den Verwirrtheitszuständen (Amentia: 5 Fälle) wurden Schollen chromo- philen Kolloids nachgewiesen. Bei der Dementia praecox fanden sich häufig Kristalle von Kalziumoxalat. Unter 5 Fällen von Depression fand sich 3 mal reiner Hypothyreoidismus, daneben 4mal Dysthyreoidismus (chromophile Schollen), 3 mal auch ein Fehlen sudanophiler Haufen. In einem Fall von Dysthymia cyclica und 3 Fällen von Erregungszuständen waren keine Veränderungen aulzufinden. Ebensowenig auch in einem Fall von Dementia posthemiplegica. In einem Fall von chronischer Chorea fanden sich zahlreiche kleine Schollen chromophilen Kolloids. 3) Zur Frage der Innervation der GL thyreoidea, von N. Ossokin. (Zeit¬ schrift f. Biologie. LXIII. 1914. H. 10.) Bef.: Kurt Mendel Die vasomotorischen Fasern, und zwar sowohl Konstriktoren wie Dilatatoren, für die Schilddrüse sind hauptsächlich in den Kehlkopfnerven enthalten. Sie kommen aber auch mit anderen Ä9ten des N. vagosympathicus heran, und zwar mit dem N. pharyngeus sup. et infer. Durch Adrenalin ließ sich die überwiegende vasokonstriktorische Innervation der Schilddrüse durch den Sympathicus nachweisen. Während der Reizung der Schilddrüsennerven ist die Erregbarkeit des Vagus erhöht. Das durch Beizung der sekretorischen Schilddrüsennerven abgesonderte Sekret bat also auch eine Wirkung auf parasympathische (autonome) Endorgane. Diese Tatsache vermehrt die von anderen Autoren erbrachten Beweise für die sekretorische Innervation der Schilddrüse und für die Wirkungsweise ihres Sekrets, 4) Experimentelle Beiträge zur Erzeugung von thyreotoxischen Symptomen. Ein Beitrag zum Basedowproblem, von M. Jakegoshi. (Frankfurter Zeit¬ schrift f. Pathologie. XVI. 1915. H. 2.) Bef.: K. Boas. Es gelang dem Verf., durch Injektion von Paraffin und l°/ 0 iger Chlorkalium* lösung eine parenchymatöse und interstitielle Thyreoiditis zu erzeugen, die durch Erwärmung und Jodkaligaben nicht verändert wurde. Die experimentell erzeugte Thyreoiditis konnte ganz gleich wie die infektiöse Thyreoiditis bei Menschen thyreotoxische Symptome hervorrufen. Diese Symptome sind eine Folge der Hyperresorption eines qualitativ und quantitativ veränderten Bläscheninhaltee. Der einfache Druck auf nicht entzündlich veränderte Schilddrüsenfollikel kann keine thyreotoxischen Symptome hervorrufen. 6) Das Kolloid der Sohilddr&ae und der Hypophyse des Menschen, von E. J. Kraus. (Virchows Archiv f. pathol. Anat CCXVIII. 1914. H. 1 u. 2.) Bef.: K. Boas. Verf. untersuchte das Kolloid der Schilddrüse und der Hypophyse nach seinem Verhalten gegenüber einer polychromen Methylenblaufärbung und Differenzierung mit Tannin sowie Nachfärbung mit Säurefuchsin-Tanninlösung. Verf. fand in der Schilddrüse zwei Arten von Kolloid vor, das aber nur von einer einzigen Zellart, der fuchsinophilen Zelle, geschildert wird. Diese Zelle bildet zuerst ein junges schrumpfendes und schwach fucbsinophiles Kolloid, das sich in ein zäheres, stärker färbendes umwandelt. Die fuchsinophile Zelle kann in eine fucbsinophobe übergehen und bildet die zweite Kolloidart, das gerbnure- feete Kolloid. Bei der typischen Basedowstruma fand Verf. nur fuchsinophiles Kolloid, hin¬ gegen meist keine Spur von gerbsäurefestem und schließt auf eine Dysfunktion der Thyreoidea und in Anbetracht der häufigen Kombination mit Status thymo- lymphaticus auf eine Konstitutionsanomalie. Im Gegensatz zu den Basedowstrumen fand Verf. in den Kolloidstrumen nur Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAf 821 gerbsäurefestes Kolloid, während das fuchßinophile fehlte. Die Hauptaufgabe der entgiftenden Funktion hat das gerbsäurefeste Kolloid. In der Hypophyse konnte Verf. drei Arten von Kolloid nachweisen: das fuchsinophile, fuchsinophobe und das gerbsäurefeste. Während er das fuchsino- phile und das fuohsinophobe Kolloid als Degenerationsprodukt der Zellen ansieht, spricht er das gerbsäurefeste Kolloid pls ein aus der Tätigkeit der Zellen resul¬ tierendes Exkret an. • 0) The effect of thyroid exstirpation on the hypophysis oerebri in the rabbit, by L. M. Degener. (Quarterly Joum. of Physiolog. VI. 1913. S. 111.) Bef.: K. Boas. Verf. entfernte 12 jungen Meerschweinchen die Schilddrüse vollständig. Die¬ selben wurden 10 bis 179 Tage nach der Schilddrüsenentfernung getötet. Die Hypophysen wurden nach dem Tode gewogen und als schwerer befunden als die¬ jenigen der Kontrolliere. Die Zunahme des Gewiohtes ging parallel mit der Zeit, welche zwischen der Thyreoidektomie und der Tötung des Tieres vergangen war. Nach einem Zeitraum von 179 Tagen war die Hypophyse auf das Drei¬ fache ihres normalen Umfanges gewachsen. 7) Age &8 a faotor in the effeota whioh follow thyreoideotomy and para- thyreoideotomy in the sheep, by S. Simpson. (Quarterly Journ. of Physiolog. VI. 1913. S. 119.) Bef.: K. Boas. Die Entfernung der Schilddrüse mit den zugehörigen unteren Epithelkörperchen führte bei 13 erwachsenen Schafen und 13 Lämmern im Alter von 7 bis 8 Mon. keine nennenswerten Krankheitserscheinungen herbei. Dagegen zeigten 3 Lämmer, bei denen die Thyreoidektomie im Alter von unter 2 Monaten vollzogen wurde, typischen Kretinismus. Die vollständige Operation (Thyreoparathyreoidektomie) rief während der Beobachtungszeit (3 bis 4 Monate) nach der Operation keine Symptome hervor, bei vier jungen 6- bis 7 wöchigen Lämmern dagegen trat früh¬ zeitig eine akute tödliche Tetanie ein. Die Entfernung zweier äußerer Epithel¬ körperchen von den drei Kretins unter einem Jahre hatte nur leichte Symptome zur Folge. Das Alter ist daher auf die Wirkung der Thyreoidektomie und der Parathyreoidektomie beim Schafe von großer Wichtigkeit. 8) Raohitisme experimental ohez de jeunes animaux issus de prooröateuri ethyroidös, par H. Claude et J. Bouillard. (Compt. rend. Soc. de biol. LXXV. 1913. S. 640.) Bef.: W. Misch. Es werden die Nachkommen tbyreoidektomierter Kaninchen auf rachitische Veränderungen untersucht. Tatsächlich fanden sich keine Anomalitäten bei der Schwangerschaft und Laktation, aber bei den Jungen außer einer deutlichen all¬ gemeinen Entwicklungshemmung unzweifelhafte Zeichen von Bachitis, die besonders deutlich bei der histologischen Untersuchung hervortraten. Da andere Ursachen ausgeschlossen werden können, so sind diese Dystrophien als direkte oder indirekte Folgen der Schilddrüseninsuffizienz der Eltern anzusehen. Da auch klinische Befunde darauf hin weisen, so muß man der hereditären oder erworbenen Schild- drüseninsuffizienz eine gewisse Bedeutung bei der Pathogenese der Bachitis zu¬ sprechen. 9) Dentition und Haarentwicklun g unter dem Einfluß der inneren Sekre¬ tion. von Arnold Josefson. (Deutsches Archiv f. klin. Med. CXill. 1914.) Bef.: Kurt Mendel. Ebenso wie die Dentition (s. d. Centr. 1911. S. 834) steht auoh die Haar¬ entwicklung in bestimmter Beziehung zur inneren Sekretion. Fälle von abnormem Haarwuchs und gleichzeitigen Veränderungen der Zahnentwicklung sind als Folgen derselben gemeinsamen Störung innerhalb des endokrinen Drüsensystems auf¬ zufassen. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 822 10) Praktische Ergebnisse aus unseren heutigen Anschauungen Aber die endokrine Titigkelt des Bierstooks, von C. Bucura. (Jahrb. £ Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. S. 291.) Ref.: Pilcz (Wien). Aneh klassische Fälle von ovariellen „Ausfallserscheinungen“ reagieren ap¬ proximativ nur in 60°/ o auf Eieratockpräparate. Diese Mißerfolge dürften weniger auf Unrichtigkeit unserer theoretischen Annahme, als vielmehr der Hanptursache nach augenscheinlich in\ Präparat selbst beruhen. Das reine Hormon des Ovars kennen wir noch nicht. Doch aus den physio¬ logischen und anatomischen Kenntnissen lassen sich wichtige Anhaltspunkte gewinnen zur Beantwortung der Fragen, die bei der Herstellung und Verbesserung der Eierstockpräparate von Wichtigkeit sind. Die vielen Transplantationsversuche — die Experimente selbst, nicht immer aber auch die Schlüsse, welche die verschiedenen Autoren daraus ziehen zu dürfen glauben — lehren, daß sämtliche Folgen, die der Organismus durch Ausfall der Keimdrüsen erleidet, durch Einpflanzung von Eierstöcken beseitigt, bzw. verhütet werden können. Dieselben Resultate müßte man bei zweckmäßigen Präparaten auch durch die Organotherapie erreichen. Auch lehren Versuche, daß die Hormon¬ wirkung der Eierstöcke verschieden ist von der des Hodens, daß also nur durch Substanzen der gleichgeschlechtlichen Keimdrüse die Folgen der Kastration auf¬ gehoben werden können. Auoh scheint das Hormon nicht streng artspezifisch zu sein. Die Frage der Bildungsstätte des Eierstockhormons ist noch nicht gelöst Naoh der Anschauung des Verfs. stimmt es mit den bisherigen Tatsachen überein, dem Follikel die hauptsächlichste Hormonbildung zuzuschreiben, das corpus luteum nur als vom Eie befreiten innersekretorischen, zurückbleibenden Follikelanteil an¬ zusprechen, in der interstitiellen Drüse aber, sowie in den Schwangerschaft Produkten — Plazenta, Dezidua usw. — nur eine Art Ovarialhormonspeicherung zu erblicken. Die Hormonproduktion wäre demnach, von den periodischen Quantitäts¬ schwankungen abgesehen, im ganzen geschlechtsreifen Alter vorhanden, außer im Puerperium, während der Laktation und in der zweiten Hälfte der Schwanger¬ schaft; dies wären daher — neben dem jugendlichen Alter und dem Alter nach versiegter Geschlechtstätigkeit — Altersperioden, wo die Eierstöcke selbst nur unregelmäßig, ungenügend oder gar nicht Hormon produzieren, daher auch nicht oder weniger zur Eierstockhormongewinnung geeignet sind. Berücksichtigt man die Brunstverhältnisse der zur Ovaringewinnung in Betracht kommenden Tiere, so geht hervor, daß die Kuh zur Fabrikation von Eierstock¬ präparaten am ungeeignetsten und bei ihr bei Entnahme der Ovarien die größte Auslese und Vorsicht geboten ist: nur 1 1 / a bis ßjähr. Tiere, mit Ausschluß der über die 20. Woche trächtigen und aller puerperalen und melkenden und von Abmelk wirtschaften ins Schlachthaus gelangender Tiere. Besser sind die Yer- hältnisse beim Schaf, da hier meist nur intakte Tiere geschlachtet werden: auch hier nur 1 bis 6jähr. mit Ausschluß der in der zweiten Hälfte trächtigen und puerperalen. Das Schwein erscheint am geeignetsten: aber auch hier nur 1 bis 4jähr. Tiere, mit Ausschluß der über die Hälfte der Schwangerschaft trächtiges und puerperalen. Neben diesen Kautelen der Auswahl der Eierstöcke ist zweifellos von größter Bedeutung die Verwendung nur völlig lebensfrischen Materiales. Auch dieser Forderung dürften kaum alle Präparate entsprechen. Selbstverständlich is: auch das rein Technische des Verfahrens von großer Wichtigkeit und einer streng wissenschaftlichen Revision und Kontrolle bedürftig. Die Indikationsstellung für die Verabfolgung von Ovarialpräparaten klär: sich erst nach und nach. Klar ist sie beim natürlichen und künstlichen Klimak¬ terium; immerhin werden auch hier Eierstockpräparate zu wenig verordnet, uik gerade die prophylaktische Verabfolgung ist vielleicht von Wichtigkeit: denn in Klimakterium beobachtet man recht häufig hohen Blutdruck, der durch Ovan: Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 823 günstig beeinflußt wird; und man kann sich vorstellen, daß der andauernd hohe Blutdruok schließlich doch zu einer Gefäßsohädigung führen und einer Arterio¬ sklerose Vorschub leisten kann. Eine allgemeine Anzeige ist ferner alles, was auf A- oder Hypofunktion des Eierstockes zurückzuftihren ist, wie Amenorrhöe, seltene Menstruation. Doch auch hier ist Individualisierung nötig, und ist zu erwägen, ob ein Hervorrufen der menstruellen Blutung möglich, erwünscht und angezeigt ist, oder aber besser zu unterlassen wäre: Amenorrhöe bei Anämie,. bei partiellem Infantilismus des Uterus oder der Uterusschleimhaut usw. Eine ganz besondere Indikation bildet die sogen. Laktationsatrophie, die nicht selten gerade bei solchen Individuen angetroffen wird, die auch schon vor der Schwangerschaft eine aussetzende menstruelle Blutung hatten; sie führt, unberücksichtigt, nicht gar selten zu dauernder Amenorrhoe, zum vorzeitigen Klimax. Die typische Chlorose ist in ihrer Genese noch unklar; man tut also gut, hier eine eventuelle Eierstocktherapie nur von den speziellen Symptomen und von dem im Einzelfalle erhobenen Befund abhängig zu machen. Aussichtsreicher, hauptsächlich bei ver¬ besserten Eierstockpräparaten, scheint die Ovarintherapie bei der Fettsucht geni¬ talen Ursprungs. Auch bei Dysmenorrhöe wird Ovarin empfohlen; vielleicht wirkt es dadurch, daß es die Hyperämie und Gewebsauflockerung fördert. Ähnlich dürfte der Wert der Eierstocktherapie bei Hyperemesis zu bewerten sein. Weitere Indikationen sind die Craurosis vulvae und der Pruritus vulvae. Mehr als zweifel¬ haft ist der Wert des Ovarin bei wirklichen Psychosen. Nach der Auffassung des Verf.’s kann man von der Substitutionstherapie einen Erfolg nur bei Hypo¬ funktion oder Afunktion der Keimdrüsen erwarten, nicht aber bei Dysfunktion oder Hyperfunktion, worauf der bei einigen Psychosen erhobene positive Abder¬ halden wohl hindeuten mag. Jede andere Indikation der Verabfolgung von Eier- stookpräparaten als diejenige, die sichergestellte A- oder Hypofunktion des Ovars beheben soll, ist rein hypothetisch, fußt nur auf ganz vagen Vorstellungen und ist als ganz unsicherer, allerdings anscheinend ganz unschädlicher Versuch zu werten. Daß die Ovarintherapie bei wirklichen Geistesstörungen tatsächlich nur als em¬ pirischer Versuch zu werten ist, beweist der Umstand, daß auch das Gegenteil davon, die Kastration, als Heilversuch empfohlen wird. Bei den von den perio¬ dischen Menstruationsprozessen und Sekretionestörungen des Eierstockes abhängigen Gemütsstimmungsanomalien aber, die in starken Graden manchmal von Psychosen schwer zu trennen sind, bewährt sich die Ovarintherapie nach eigenen Erfahrungen häufig glänzend. Eine weitere Indikation wären der Infantilismus, Eunuchoidis¬ mus, der Status thymo-lymphaticus und die weibliche Sterilität. Die drei ersteren Anomalien sind beim Weibe schwer zu trennen, und eine wirklich kausale Therapie wäre nur beim Eunuchoidismus erfolgversprechend; vielleicht gelingt diese auch bei wirksameren Präparaten und zeitigem Einsetzen der Therapie. Die Sterilität aber hat auch viele andere Ursachen als nur die Hypofunktion des Ovars. Weiter kann man versuchen, auoh die mangelhafte Geschlechtsempfindung, die Dyspareunie, mit Ovarialpräparaten günstig zu beeinflussen, analog dem Vor¬ schlag des Verf/s, Milch brünstiger Kühe in Anwendung zu bringen. Schließlich sind als Anzeige auch mit genitalen Funktionen in Zusammenhang stehende Der¬ matosen zu erwähnen. Erfolg oft glänzend. Als Kontraindikation führt Verf. an: profuse Menses — unbedingt —, Tuber¬ kulose, Symptome von Eierstockhyperfunktion — Menstruatio praecox, Osteomalazie usw. — und die „Ausfallserscheinungen“ nach gynäkologischer Röntgentherapie bei Myomen und Metropathien, wo eine Eierstocktherapie der Röntgenbehandlung eventuell entgegengesetzt wäre. Über die Dosierung der Präparate läßt sich bei der heutigen Verschiedenheit der Fabrikate nichts Einheitliches sagen. Im allgemeinen kommt Verf. mit 1,6 bis 2,0 Trockensubstanz, bzw. subkutan mit 2 ccm pro die aus. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 824 Bringt man es dabin, daß nur Eierstöcke aus für die Hormonbildung günstigen Zeiten verarbeitet werden, dann dürften die Präparate auch gleichmäßiger tmd energischer wirken, und vielleicht genügt überhaupt diese sorgfältige Herstellung, um eine befriedigende Eierstockhormon Wirkung zu erzielen; denn es ist nicht ausgeschlossen, daß das wirksame, endokrine Eierstockprodukt gar kein einheit¬ licher chemischer, gar synthetisch herstellbarer Körper ist. Und wenn man auch einmal einen solchen rein darstellbaren, einheitlichen Körper haben wird, dann wäre es immerhin doch noch möglich, daß wir nicht im Besitze des wirklichen Eierstookhormon8 wären; wahrscheinlich hätten wir dann einen Körper vor ans, der, aus dem Eierstockhormon gewonnen, einen Teil desselben darstellen und eine bestimmte, umschriebene pharmakodynamisohe Wirkung des Hormons besitzen würde, sagen wir beispielsweise die hyperämisierende, der aber kaum je alles das ver¬ mögen wird, was das — nach des Verf.’s Meinung komplexe — Eierstockhormon vermag. Pathologische Anatomie. 11) Über Struma congenita und ihre Beziehungen zu Störungen der inneren Sekretion, von M. Staemmler. (Virchows Archiv f. patholog. Anatomie. CCXIX. 1915. S. 226.) Ref.: K. Boas. Verf. untersuchte in einer Reihe von Fällen das Verhalten der Schilddrüse, der Hypophyse und des Pankreas bei Struma congenita. Bezüglich der Schilddrüse meint er, daß dieselbe, die schon in früher Fötal¬ zeit eine gewisse Funktion besitzt, um die Zeit der Geburt ein Stadium erhöhter Tätigkeit durchmacht, um bald nach der Geburt wieder in ein ruhiges Geleise zu kommen. Ebenso geht mit der Hypophyse in den letzten Fötalmonaten eine Verände¬ rung vor sich. Ob nun die einzelnen Zellarten nur wechselnde Funktionszustande der Epithelien darstellen (Benda) (wobei den eosinophilen wohl die eigentliche Aktivität zukäme) oder ob die verschiedenen Zellen zwar aus gemeinsamen Grund¬ formen hervorgehen, nachher aber absolut verschiedene Gebilde darstellen (Erd¬ heim), jedenfalls stellt die Hypophyse mit chromophilen und chromopboben Zellen ein höher differenziertes Organ dar, dem wir auch eine stärkere, oder, was den Verf. wahrscheinlicher scheint, qualitativ komplexere Tätigkeit zuznschreibeo haben. Bei den zahlreichen Beziehungen zwischen Schilddrüse und Hypophyse ist es wohl kein Zufall, daß diese Umbildung zu gleioher Zeit mit der der Schild¬ drüse stattfindet. Es läßt sich also sagen: Es treten bei der Struma congenita auoh Veränderungen in den anderen Organen mit innerer Sekretion auf, die verschieden sind, je nachdem es sich um eine Überfunktion oder eine Unterfunktion der Söhilddrüse handelt. Gesteigerte Tätigkeit der Thyreoidea fand Verf. kombiniert mit HyperfonktioG von Hypophyse und Pankreas und umgekehrt; Unterfunktion der Söhilddrüse mit gesteigerter Tätigkeit derselben Organe, außerdem mit Unterfunktion der Thymus Damit stimmt auch das Tierexperiment überein, nach welchem ein ge¬ wisses gegensätzliches Verhältnis zwischen Schilddrüse und Hirnanh&ng zu be¬ stehen scheint, indem Ausfall der Funktion des einen Organs zu gesteigerter Tätigkeit des anderen führt, während Überschwemmung des Körpers mit dos Sekret der Hypophyse die Sohilddrüsentätigkeit hemmt. Ebenso deuten die Experimente wie die Erfahrungen beim Menschen W- einen Antagonismus zwischen Hypophysis und Schilddrüse hin. Bei UnterfunkticQ der Hypophyse entsteht durch Ausfall der Hemmung Hyperfunktion der Schild¬ drüse und bei herabgesetzter Schilddrüsentätigkeit durch entsprechendes Fehles I Digitized by Gougle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 825 der Hemmung Steigerung der Hypophysenfunktion mit Hypertrophie dieses Organs. Unterfunktion der Bauchspeicheldrüse war mit erhöhter Schilddrüsenfunktion verbunden und umgekehrt. Thymus und Schilddrüse scheinen, wie die sehr häufige Vergrößerung der Thymus bei Morbus Basedowii, also Hyperthyreoidismus, und ihre Atrophie beim Myxödem zeigen, in ihren Veränderungen etwa parallel zu gehen, so daß also wohl fordernde Beziehungen zwischen den genannten Organen bestehen. 12) Beiträge zur pathologischen Histologie der Schilddrüse, von H. Vogel. (Virchows Archiv. CCXVII. 1914. H. 1 u. 2.) Ref.s K. Boas. Verf. bestätigt u. a. die Angabe von Simmonds, daß lymphatische Herde bei Struma nodosa und bei Basedowscher Krankheit Vorkommen. 13) Über snbsternale Kröpfe, von Paul Wolff. (Inaug.-Dissert. Berlin 1914.) Ref.: K. Boas. Unter den 69 vom Verf. mitgeteilten Fällen von intrathorakalen Kröpfen waren: 66 benigne Strumen, 7 maligne „ 10 Morbus Basedowii. Geschlecht: 62 (89,85 °/ 0 ) Frauen, 7 (10,15 °/ 0 ) Männer. Von den 66 gutartigen Kröpfen Sind 5, von den malignen Strdmen 2 ge¬ storben. Das durchschnittliche Alter der Kropfkranken beträgt 38 Jahre. Die Operationen wurden in 62 Fällen in Lokalanästhesie, in 7 Fällen in Chloroform- oder Äthernarkose ausgeführt. Eine Tracheotomie wurde in 7 Fällen gemacht. 14) Die Basedowstruma, von H. Ribbert. (Virchows Archiv f. pathol. Anat. CC1X. 1915. H. 2 u. 3.) Ref.: K. Boas. Verf. faßt die bisher für Basedowstruma als typisch geltenden Veränderungen der Epithelien und des Bindegewebes als regressive Zustände auf. Die Epithelien werden durch trübe Schwellung höher bis zylindrisch, durch entstehenden Platz¬ mangel kommt es zu einer scheinbaren Mehrschichtigkeit und Faltung des Epithels. Papillei^bildung und auch Mehrschichtigkeit des Epithels kann durch teilweisen Schwund der Bindegewebssepten vorgetäuscht werden. In ganz seltenen Fällen kommt es zu ausgedehnter Nekrose des Epithels. Als Veranlassung zu den regressiven Umwandlungen nimmt Verf. eine mögliche, leicht chronisch wirkende Intoxikation an. Durch die regressiven Veränderungen der Zellen kommt es zu einer Ver¬ änderung der Sekretion und zu einer Änderung in der Zusammensetzung des Sekrets, durch dessen toxische Wirkung die Basedowsymptome ausgelöst werden. Die Zujfuhr des toxischen Sekrets zum Körper kann durch eine operative Ent¬ fernung des größeren Teiles der Struma herabgesetzt werden. Basedowsche Krankheit 16) Zur Theorie des Basedow, von Adolf Oswald. (Münchener med. Wochen¬ schrift. 1915. Nr. 27.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. verficht die neurogene Theorie des Basedow. Der Schilddrüse kommt wohl eine genetische Bedeutung bei der Basedowschen Krankheit zu, sie hat aber nicht den Umfang, den ihr Möbius zuerkennt. Ein wichtiger genetischer Faktor, und wohl der wichtigste, ist im Nervensystem zu suchen. Nicht alle Menschen antworten auf Überschwemmung ihres Kreislaufs mit Schilddrüsensekret mit den klinischen Symptomen des Hyperthyreoidismus; in gewissen Fällen genügen andrer- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 826 seits die geringsten Dosen, um thyreotoxische Erscheinungen auszulosen, und bei längerer oder kürzerer Dauer der Zufuhr resultiert eine ausgesprochene Hyper¬ thyreose. Manche Menschen (und Tiere) sind also für Schilddrüsensubstanz empfindlich und andere (bei Tieren kommt es wohl auf die Rasse an), dagegen refraktär. Damit also Schilddrüsensekret klinische Erscheinungen bewirkt, muß ein extratbyreoidal gelegene^ Moment hinzukommen, es muß eine Disposition ge¬ schaffen sein. Es sind eben lauter Menschen mit geschädigtem Nervensystem, welohe diese Basedowdisposition haben: „nervöse“ Individuen, impressionable Naturen, Neuropathen im weitesten Sinne des Wortes. Zu dieser schon vorhandenen Labilität des Nervensystems gesellt sich dann — als sekundäres Symptom, als Ausdruck vermehrter Ansprechbarkeit des Nervensystems, speziell des kardio¬ vaskulären Nervenapparates — die Struma hinzu. Das Jodthyreoglobulin besitzt die exquisite Eigenschaft, den Nerventonus zu erhöhen, insbesondere im viszeralen und zerebrospinalen Nervensystem, und fördert den Stoffwechsel. Andrerseits erfährt die Schilddrüse vom Nervensystem aus ihre Impulse. Somit erscheint sie als ein Organ, welches dem Nervensystem zur Verfügung steht zu dem Zwecke, gewissen Impulsen mehr Nachachtung zu verschaffen; sie ist physiologisch dem Nervensystem interpoliert, empfängt Reize von ihm, .und durch ihre Tätigkeit bildet sie einen Stoff, der seine Ansprechbarkeit fördert; sie spielt demnach die Rolle eines Transformators bei elektrischen Starkstromleitungen, eines Multipli¬ kators, der Ströme niederer in solche hoher Spannung umformt. Wird nun ein stärkerer Reiz die Schilddrüse treffen, oder, wie das bei Nervenlädierten der Fall ist, wird das Nervensystem auf die gewöhnlichen äußeren und inneren Reize intensiver ansprechen und dann in der Drüse einen stärkeren Effekt auslösen, so wird infolge vermehrter Dilatation der Blutgefäße, also ge¬ steigerter Durchblutung des Organs, mehr Sekret ausgeschwemmt werden. Das Nervensystem wird unter dessen Wirkung seinerseits stärker ansprechen, sein Tonus ist erhöht, und intensivere Reize treffen wiederum die Schilddrüse, So entsteht ein Circulus vitiosus: die Schilddrüse multipliziert die Reize, und die verstärkten Reize wirken wieder auf sie zurück. Der Circulus vitiosus wird unterbrochen durch die operative Reduktion der Sohilddrüse (daher der Erfolg der Operation), sowie durch die Ruhigstellung des Nervensystems durch interne Behandlung, die ja auch Erfolge erzielt. 16) Über die Basedowsche Krankheit, von C. Hart. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 14.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. unterscheidet drei große Formengruppen: 1. den reinen thyreogenen Morbus Basedowii. Derselbe beruht nicht auf einer pathologischen, hypoplastischen Konstitution, eine pathologische Thymus ist nicht nachweisbar, seine Ätiologie ist in bezug auf Bau und Funktion der Schild¬ drüse mannigfaltig. Die Thymus braucht dabei absolut keine Rolle zu spielen. 2. den reinen thymogenen Morbus Basedowii, der auf dem Boden einer pathologischen Konstitution entsteht, selten ist und besonders bösartigen Charakter zeigt. Die Thymus beherrscht hier allein das Krankheitsbild. Das Herz ist bei diesen Fällen besonders widerstandslos und versagt bei geringfügigem Anlaß. Schild¬ drüsenoperationen haben hier nicht den geringsten Erfolg, während die Resektion der Thymus mit einem Schlage alle Krankheitserscheinungen zum Schwinden bringen kann. 3. den thymo-thyreogenen Morbus Basedowii, die häufigste Form. Thymus und Thyreoidea wirken in gleicher Weise toxisch auf den Organismus ein und sind entsprechend an der Erzeugung der klinischen Erscheinungen beteiligt* Die Thymus ist das primär veränderte Organ und Stigma der abnormen Konstitution. Je nach der Größe der Beteiligung der beiden Organe ist jede Zwischenstufe bzw. das Überwiegen der speziellen betreffenden Organsymptome möglich. Die Digitized by Gck igle Original frcm UNIVERSITY OF MICHIGAfcL 827 besondere Gefährdung der Thymusträger ist in der Gesamtkonstitution des Orga¬ nismus zu erblicken; die Thymuswirkung ist dabei um so intensiver, je mehr der hypoplastische Charakter der Körperbeschaffenheit ausgesprochen ist. Je früher das Krankheitsbild deutlich wird, um so höher dürfte das konstitutionelle Moment im allgemeinen in seiner Pathogenese zu bewerten sein. Deshalb ist die reine thymogene Form besonders bei Jugendlichen zu erwarten, während die thymo- thyreogene Form in jedem Lebensalter jenseits der Pubertät Bedeutung besitzt. Zum Schluß geht Verf. auf die praktisch-therapeutische Bedeutung seiner Einteilung ein. Eine Thymusresektion ist nicht nur bei Basedowkranken zu empfehlen, sondern immer bei solchen zu operierenden Individuen angebracht, die Thymusträger von pathologischer Konstitution sind. Für die Basedowkrankheit selbst kommt nicht die reine Thymektomie, sondern die kombinierte Verkleinerung der Thymus und Schilddrüse in Betracht, ein Verfahren, das berufen scheint, den gefürchteten Thymustod bei der Basedowschen Krankheit aus der Welt zu schaffen. 17) Über Morbus Basedowii, von Ortner. (Wiener med. Wochenschrift. 1916. Nr. 1.) Bef.: Pilcz (Wien). Klinische Vorlesung, die aber auch dem Neurologen vom Fache yiel des Interessanten bringt. Nach Vorführung zweier Fälle mit mustergültig genauen Krankheitsgeschichten erörtert Verf. die Pathogenese und spricht sich für die Möglichkeit einer poly- glandulären Erkrankung aus (außer Thyreoidealdysfunktion Thymus, Nebenniere und Ovarium). Verf. sah unzweifelhafte Fälle von Basedow mit durch längere Zeit bestehen¬ der Bradykardie; er kennt Fälle familiären Auftretens von Basedow, Fälle mit kontinuierlichem, hohem Fieber bei akutem bzw. akut gewordenem Basedow. Es kommen akzidentelle diastolische Geräusche über der Aorta ohne Läsion des Klappenapparates vor. Die Lungentuberkulose kommt naoh den Erfahrungen des großen Klinikers beim Basedow, soweit es sich nicht um hochgradig entkräftete Kranke handelt, sehr selten vor und zeigt, wo sie dennoch besteht, einen be¬ merkenswert gutartigen Charakter. 18) Basedow bei einem 9 Monate alten Kinde, von Klaus. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 41.) Bef.: Pilcz (Wien). Bachitisches Kind, subnormale Temperaturen, Puls 144, Exophthalmus, Gräfe und Stell wag positiv, Struma vasculosa, Thymusdämpfung auffallend resistent Pirquetsche Beaktion positiv. Die Mutter will die Veränderungen erst seit 3 bis 4 Wochen beobachtet haben. Ein Jahr später Puls 120, Temperatur 37,2, keinerlei Basedowsymptome mehr. Auch Struma nicht nachweisbar. 19) Bedeutung und Verbreitung der Thyreose im Heere, von Dr. Caro. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 34.) Bef.: Kurt Mendel. Die Thyreose im Heere ist sehr häufig. Dabei braucht ein ausgesprochener Kropf gar nicht zu bestehen. Neben Tachykardie ist oft eine geringe Hyper¬ trophie vornehmlich des linken Ventrikels vorhanden, ferner eine Erschütterung der Tboraxwand sichtbar, der Puls ist von einem lebhaft stoßenden Charakter (Aktionspuls). Die Herztöne können rein sein, manchmal hört man zeitweise oder dauernd an Stelle des ersten Mitraltons ein systolisches Geräusch, meist vom Charakter akzidenteller Geräusche. Der zweite Aortenton ist manchmal leicht verstärkt Trotz der lebhaft gesteigerten Herztätigkeit ist der Blutdruck nament¬ lich in der Buhe nicht gesteigert. Wo eine Blutdrucksteigerung vorliegt, handelt es sich meist um eine Komplikation. In einigen Fällen fand sich eine deutliche Verschieblichkeit des Herzens bei Lage Wechsel, welche auch röntgenologisch nach¬ weisbar war. Sehr häufig stehen abdominelle Symptome im Vordergrund und Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 828 täuschen eine primäre Magendarmerkrankung vor. Unter 600 Kranken des Feat-- Laz. fand Verf. 66mal die Tbyreose als Hauptbefand, 420mal als Nebenbefand. Von den 66 Thyreosen als Hauptbefand zeigten 11 auch Magenerscheinungen, von den 420 Thyreesen als Nebenbefund zeigten 64 Fälle Magenerscheinungen« Ein Zusammenhang der Tbyreose mit nervösen Magenerscheinungen ist wahr¬ scheinlich. Die Disposition zur Erkrankung ist offenbar in einer angeborenen vasomotorischen Labilität zu suchen, die ihrerseits wieder die Folge einer zu großen Labilität des Gleichgewichtes der Organe mit innerer Sekretion genannt werden muß. Dabei kommt der Schilddrüse eine wesentliche, aber nicht aus¬ schließliche Bedeutung zu. Als Gelegenheitsursachen figurieren: nervöse, speziell psychische Einflüsse, körperliche Überanstrengungen, Infektionen, Tuberkulose. Für die Therapie ist die Erkennung der Tbyreose von Wichtigkeit. Jod ist zu meiden. (Ref. kann auf Grund eigener Erfahrung die Ausführungen des Verf.’s nur bestätigen: man findet, sobald man nur darauf achtet, sehr häufig Thyreosen bei Kriegsteilnehmern. Dieselben sind oft begleitet von vorzeitiger Arteriosklerose. In seiner mit Tobias gemeinschaftlich verfaßten Arbeit über die Basedowsche Krankheit beim Manne (s. d. Centr. 1913. Nr. 23) hat Ref. auf dieses häufige Zusammen Vorkommen von Basedow und Präsklerose sowie auf die allgemeine Häufigkeit des Basedow beim männlichen Geschlecht« aufmerksam gemacht). 20) Ein Fall von Morbus Basedowii mit bulb&ren Symptomen, von P. Löwy. (Mitteil. d. Gesellschaft f. innere Med. u. Kinderheilk. in Wien. XIII. 1914. H. 6.) Ref.: G. Ganter. 47 Jahre alte Frau mit Morbus Basedowii, merkwürdig wegen der Symptome von seiten des Nervensystems: Augenmuskellähmungen (äußere Okulomotoriusäste, Abduzens, weniger der Trochlearis), rechtsseitige Gaumensegelparese, Zungen¬ deviation nach links, Parese des rechten Beins, Fehlen des Achillessehnenreflexes rechts. Die Gleichzeitigkeit des Auftretens der Augenmuskellähmungen mit dem Exophthalmus und dem allgemeinen Schwächegefühl spricht dafür, daß auch diese Erscheinungen als durch die Basedowsche Krankheit veranlaßt aufzufassen sind. Verf. kommt nach Würdigung der differentialdiagnostischen Gesichtspunkte zu dem Schlüsse, daß der Sitz der Lähmung auf einer nukleären, d. h. bulbären Affektion beruht. Die Schädigung ist wohl auch durch die graue Substanz ins Rückenmark herabgestiegen, worauf die schlaffe Parese des rechten Beines und das Fehlen des Aohillessehnenreflexes zurückzuführen sind. Von der bulbär- paralytischen Gruppe der Basedowschen Krankheit sind in der Literatur etwas über 60 Fälle beschrieben, worunter etwa 40 Fälle mit Augenmuskellähmungen. Hinsichtlich der Ätiologie kommt nach Verf. die toxische Hormonwirkung der Schilddrüse in Betracht, die ebenso auf die Medulla oblongata wirkt wie andere Gifte. Fraglich ist, ob eine besondere Empfindlichkeit des Zentralnervensystems gegen das Gift vorliegt, oder ob es sich um eine spezielle Form der Dysthyreose handelt. 21) Morbus Basedowii und die Brustdrüsen, von Zienkiewicz. (Med. u krön, lekar. 1914. Nr. 16.) Ref.: K. Boas. Verf. sah bei einer 37jährigen Frau 2 Jahre nach der letzten (9.) Geburt während der Basedowschen Krankheit die Brustdrüsen spontan sezernieren. Mit der Besserung der Basedowschen Krankheit versiegte auch die Sekretion der Mammae. 22) Über alimentäre Galaktosurie bei Morbus Basedowii, von P. Sz61. (Wiener klin. WoohenBchr. 1914. Nr. 29.) Ref.: Pilcz (Wien). Bei Morbus Basedowii findet sich in 86,9 °/ 0 eine Galaktosurie, die in 78,1 °/ 0 eine Ausscheidung über 0,4 g erreicht und die oft zu sehr hohen Werten ansteigt. Die alimentäre Galaktosurie findet sich häufig gleichzeitig mit alimentärer Dextrosurie, es gibt aber auch solche Fälle, bei welchen nur Galaktosurie allein Digitized by Gck igle Original from UNIVERS1TY OF MICHIGAN 829 besteht, während wir umgekehrt keinen Fall mit Dextrosnrie ohne Galaktosurie beobachteten. Worauf die alimentäre Galaktosurie bei Morbus Basedowii beruht, läßt sich derzeit mit Sicherheit nicht entscheiden. Die Annahme, daß an ihrem Zustande¬ kommen die Leber beteiligt ist, hat bei der Bedeutung der Leber für den Kohle¬ hydratstoffwechsel, bei den Beziehungen der Leber zu den endokrinen Drüsen und bei der Bedeutung der Funktionsstörung dieser für die Pathogenese des Morbus Basedowii, sowie bei der Häufigkeit des Vorkommens alimentärer Galaktosurie bei Parenchymerkrankungen der Leber, vieles für sich. Zu ihrer Fixierung ist aber vor allem der Ausschluß der Beteiligung der Nieren erforderlich. Versucbstechnik, sowie die tabellarisch niedergelegten Einzel Untersuchungs¬ ergebnisse — 20 nicht nerven- oder leberkranke Patienten, 23 Fälle Basedow¬ kranker — mögen im Originale nachgelesen, sowie viele Einzelheiten von mehr internistischem, als speziell neurologischem Interesse. 23) Über einen Fall von Zylinderzellenkaninom der Schilddrüse bei Base¬ dowscher Krankheit, von E. Lyon. (Inaug.-Dissert Bonn 1914 u. Zeit¬ schrift f. Krebsforschung. XIV. 1914. H. 9.) Ref.: K. Boas. In einem Falle von Zylinderzellenkarzinom der Schilddrüse ohne echte Papillen¬ bildung bestanden gleichzeitig Basedowsymptome. Letztere waren nach Annahme de« Verf/s möglicherweise durch übermäßige Resorption von Kolloid aus den durch das wachsende Karzinom komprimierten Bläschen der normalen Schilddrüse hervorgerufen. 24) Basedow und Tuberkulose, von Schinzinger. (Beiträge sur Klinik der Tuberkulose. XXXIII. 1915. RI.) Ref.: K. Boas. Auf Grund eines Materials von 621 Fällen aus der Heilstätte Luisenheim (Baden) kommt Verf. zu dem Ergebnis, daß Basedowsche Krankheit bei Lungen¬ tuberkulose nicht häufiger vorkomme als bei anderen Erkrankungen. Es kommen jedoch bei Tuberkulösen, namentlich im ersten Stadium der Erkrankung, eine Anzahl der bei Basedowscher Krankheit gefundenen Symptome vor, wie Glotz¬ augen, Glanzaugen, Palpitationen, Tremor usw. Da jedoch andere typische Basedow¬ symptome fehlen, hält Verf. den Zusammenhang der genannten Erscheinungen mit der Basedowschen Krankheit für zweifelhaft. • 25) I disturbi mentali nel morbo di Basedow, per Vito Massarotti. (Roma 1914.) Ref.: W. Misch. An einer großen Zahl von Fällen werden in diesem Buohe die psychischen und nervösen Störungen der Basedowschen Krankheit illustriert und analysiert. Es können bei allen Basedowsyndromen nervöse Störungen beim Basedow Vorkommen, von ein¬ fachen Zuständen der Unruhe und der Untätigkeit bis zu echter Melancholie, leichten Erregungszuständen, Gesichts- und Gehörshalluzinationen usw. Nicht selten treten im Verlaufe des Basedow echte Psychosen auf, am häufigsten Melancholie und Manie, ferner Hysterie und Psycbasthenie, Degenerationspsychosen, akutes Delirium, selten dagegen findet man Dementia praecox, progressive Paralyse, Alkoholpsychosen, Epilepsie nnd niemals Dementia senilis. Die bei Basedow auftretende Melancholie und Manie haben nie einen typischen Verlauf; fast stets findet man bei der Manie einige Depressionssymptome und flüchtige hypochondrische Ideen, und bei der Melancholie allerhand Symptome der Erregung, Unruhe und einer bei der Melan¬ cholie ungewöhnlichen Impulsivität« Auch die manisch-depressiven Psychosen, die man bei Basedow beobachtet hat, sind durchaus atypisch und durcheinander ge¬ mengt. Trotzdem kann man nicht zugeben, daß die beim Basedow auftretenden Geistesstörungen besonderer Art sind, daß es, wie einige Autoren behaupten, eine eigentliche Basedowpsychose gibt. Vielmehr ähneln diese psychischen Störungen durchaus denen, die bei anderen schweren und erschöpfenden Erkrankungen (Tuberkulose, Herzkrankheiten, chronischer Dyspepsie usw.) Vorkommen, wie z. B. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 830 die Charakterveränderung, die Ruhelosigkeit, die Jähzornigkeit, die Unzufrieden¬ heit mit allen und mit allem, die bis zu Feindseligkeiten ausarten kann, ein gewisser Grad von Mutlosigkeit und von melancholischen Neigungen. Es ist daher auch nicht möglich, aus gewissen psychischen Symptomen, die einem Base¬ dow vorhergehen, vorauszusagen, daß diese Symptome zu einem Bpäter auftretenden Basedow gehören, denn es sind die allgemeinen neurasthenischen Störungen, die man im Beginne aller schweren Krankheiten zu sehen bekommt. Am häufigsten treten die affektiven Psychosenformen auf. Die Geistesstörungen können als ab¬ hängig von dem Basedowsyndrom aufgefaßt werden, aber im allgemeinen nicht als unmittelbarer Ausdruck der durch die Erkrankung hervorgerufenen Störungen. Vielmehr entstehen sie meist als psychogene Reaktionen auf die körperlichen Funktionsstörungen, wie z. B. durch die Unfähigkeit zur Arbeit infolge der Tachy¬ kardie oder als psychische Reaktion auf die allgemeine Körperschwäche, die durch die Thyreoidintoxikation entsteht, und die dadurch hervorgerufene Anämie, endlich auch als direkte toxische Reizwirkung, die die Veränderung der inneren Sekretion auf das Nervensystem ausübt. Nur selten treten diese Störungen bei nicht Prä¬ disponierten auf; im allgemeinen handelt es sich vielmehr um Personen mit ner¬ vöser oder psychischer Belastung, insbesondere auch um solche mit Tuberkulose- belastung. Die Basedowerkrankung selbst ist also nur eine auslÖBende Ursache der verschiedenen Basedowpsychosen, nicht die Ursache selbst der psychischen Störungen. Im allgemeinen handelt es sich um schwer belastete Personen, die zum Teil schon früher Geisteskrankheiten durchgemacht haben und bei denen das schwere, durch den Basedow gesetzte Trauma oder z. B. ein Typhus, die Schwäche ihres Nervensystems manifest werden läßt; selbst bei den affektpsychotischen Formen des Basedow, bei denen man noch am ehesten an eine direkte Beziehung zwischen der Erkrankung und der psychischen Störung glauben könnte, beobachtet man so oft, daß die Patienten vor dem Auftreten ihres Basedow an manischen oder depressiven Zuständen gelitten haben, daß man den Basedow nur als wieder auslösendes Agens eines latent vorhandenen Zustandes, nicht als direkte Ursache einer Geisteskrankheit auffassen kann. Als einzige direkte psychische Folge der schweren endokrinen Intoxikation ist das akute Delirium anzusehen, diese typische Intoxikationspsychose, die man in allen Fällen schwerer endo- oder exogener Intoxikation des Organismus beobachtet und die auch bei Intoxikation durch Schilddrüsenextrakt auftreten kann. Demnach lassen sich diagnostisch die einfachen psychischen Störungen nur in Verbindung mit den körperlichen Symptomen verwenden, sie haben keinerlei pathognomonische Bedeutung; andrerseits fallen die Begleitpsychosen des Basedow in das Gebiet der üblichen psychiatrischen Diagnostik. Die Prognose der ein¬ fachen psychischen Störungen ist von der des Basedow selbst unmittelbar abhängig; dagegen bleibt die der Begleitpsychosen von dem Verlaufe des Basedow unbeein¬ flußt: wenn auch die Ausheilung des Basedow begünstigend wirkt, so entwickeln sie sich doch gewöhnlich selbständig weiter, auch wenn der Basedow, der sie ausgelöst hat, geheilt ist. Nur das akute Intoxikationsdelirium ist eng mit dem Verlaufe des Basedow verknüpft und verschwindet häufig vollkommen nach vor¬ genommener Schilddrüsenexstirpation. Die Behandlung der psychischen Basedow¬ störungen, sowie der Begleitpsychosen geschieht nach den Normen der psychia¬ trischen Therapie, natürlich unter gleichzeitiger energischer Behandlung des Basedow selbst 20) Über das Vorkommen von verworrener Manie bei einer Kranken mit Sohilddrüsenhypertrophie. Sohneller Heilerfolg daroh Thyreoidektomie, von Parhon. (Wiener med. Wochenschr. 1915. Nr. 1.) Ref.: Pilcz (Wien). 22jährige Frau, Anamnese belanglos. Seit 2 Jahren, im Anschlüsse an Geburt, irrsinnig. Stat praes.: Struma, Tachykardie, fein welliger Tremor der Hände. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 831 Schilddrüse wurde mit Serum abgebaut; schwere, verworrene Manie, die* nur für 2 bis 3 Tage einmal während einer fieberhaften Affektion zuriicktrat. Mai Strum- ektomie. Schon nach wenigen Tagen deutliche Besserung, die bis Juni zur völligen Heilung führte. Prüfung auf Thyreoideaabbau bei Entlassung negativ. Verf. erwähnt noch kurz drei andere mit Strumektomie behandelte Fälle: eine Katatonie, unbeeinflußt, eine chronische Manie, leichte Besserung, eine Melan¬ cholie mit ausgesprochenen Basedowsymptomen, nach einigen Wochen Heilung. 27) Sohilddrflse und Jodmedikation, von A. Sutter. (Inaug.-Diesertat* JVei- burg L B. 1914.) Ref.: K. Boas. Das Jod wirkt verkleinernd auf die Struma diffusa parenchymatosa und die Struma nodosa ohne regressive Metamorphosen. Es können im Anschluß daran Störungen auftreten im Sinne der Thyreosen verschiedenster Intensitätsgrade, die oft sehr lange dauern können. Diese Störungen sind in ganz erhebliohem Maße abhängig von der Menge des zugefiihrten Jods. Unabhängig scheint jedoch die Jodwirkung zu sein von der Art und Verabreichungsform der Jodpräparate. Ob zwar durch Jodverabreichung bei Strumen thyreotoxische Symptome ausgelöst, bereits vorhandene aggraviert werden können, hält Verf. eine Jodtherapie des Kropfes trotzdem für angezeigt, da das Auftreten jener Erscheinungen in weitem Maße von der Menge des zugeführten Jodes abhängig ist. Zur erfolgreichen Jod¬ behandlung sind parenchymatöse und nodöse Strumen geeignet; als wenig geeignet erweisen sich dagegen Strumen mit regressiven Metamorphosen, die sich bei der Palpation als sehr hart erweisen. Vollends ganz ungeeignet für die Jodbehand¬ lung sind die vaskulösen Strumen. Bei der Therapie ist ein langsam tastendes Vorgehen einzuschlagen. Im Anfang soll man nicht mehr als 0,1 bis 0,2 g Joch natrium oder Jodkalium 1 bis 3 mal täglich geben, 28) Quinin and uraa injeotions in hyperthyroidism, by L. F. Watson. (Journ. of amer. med. Assoc. LXV. 1915. Nr. 13; vgl. d. Centr. 1914. S. 228.) Ref.: W. Misch. An 50 Fällen von Struma wurden mehr als 200 Injektionen von Chinin und Harnstoff mit nicht ungünstigem Erfolge ausgeführt. Diese Behandlung ist nur in Fällen von toxischem Struma zur Beseitigung der hyperthyreoiditischen Sym¬ ptome, nicht aber bei einfachem Kropf aus rein kosmetischen Gründen zu emp¬ fehlen. Die Injektion beseitigt außerdem-dann nicht die Symptome der vorge¬ schrittenen toxischen Struma, wenn schon das Nerven- und Gefäßsystem dauernd geschädigt wurden. Vor allem ist sorgfältige Auswahl der Fälle geboten. Zur Beseitigung aller Schmerzen bei der Injektion ist unbedingt Lokalanästhesie er¬ forderlich. Die Anwendung ist die, daß in die am meisten vorragenden Partien der Struma 1 bis 4 ccm einer 30 bis 50°/ 0 igen, sterilen Chinin-Harnstofflösung injiziert werden; diese Injektionen werden in Intervallen von 3 Tagen wiederholt; nach jeder Injektion ist steriles Wasser zu injizieren. Der Erfolg der Injektion hängt ab von der Menge des zerstörten Gewebes. Die Behandlungsmethode ist in geübten Händen absolut ungefährlich, aber es ist doch Behandlung in der Klinik zu empfehlen. Besonders geeignet sind Fälle von beginnendem Hyper- thyreoidismus, die für eine Operation noch nicht schwer genug sind, und chro¬ nische Fälle von toxischer Struma, die zur Operation noch zu schwach sind und durch die Injektionen für eine partielle Thyreoidektomie vorbereitet werden sollen. 29) Ober Beiz Wirkung bei Röntgenbehandlung von Struma und Basedow¬ scher Krankheit, von R. Kienböck. (Fortschr. a. d. Geb. d. Röntgenstrahlen. XXII. 1914. H. 5.) Ref.: K. Boas. Verf. bespricht die Erscheinungen, welche nach Röntgenbestrahlung der Schild¬ drüse auftreten (sogen. Reizerscheinungen, Symptome eines initialen prodromalen Exzitationsstadium8, Vorreoktionen). Bei der Behandlung einfacher Strumen treten in der ersten Zeit - wiederholt manche Beschwerden auf, wie lokale Schwellung, Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 832 allgemeine Unruhe, Herzklopfen, Pulsbeschleunigung usw. Es kommt zu den Allgemeinerscheinungen von Thyreoidismus. Sie beruhen auf einer Steigerung der Zelltätigkeit und inneren Sekretion. Diese Erscheinungen gehen meist nach einigen Stunden oder Tagen zurück, lange halten sie selten an. Man soll bei allen Strumen einen Versuch mit Röntgenbehandlung machen. Auch bei der Basedowschen Krankheit sieht man nach Röntgenbestrahlung, bald auftretend und rasch vorübergehend, eine Reizerscheinung, und zwar eine Verschlechterung, bedingt durch Steigerung der Zelltätigkeit und inneren Sekretion. Dann kommt es zur Besserung. Es können aber auch in schweren Fällen dauernde Verschlechterungen, sogar Exitus eintreten; Verf. warnt daher vor zu energischer Behandlung. Man soll die einzelnen Halsregionen etwa in 2tägigen Intervallen beliohten und dabei stets unter der Maximaldosis bleiben. Die nächsten Sitzungen erfolgen erst nach 1 bis 2 Wochen. Man soll keinen Fall von Basedowscher Krankheit operieren, ohne vorher einen energischen Versuch mit der Röntgenbehandlung unternommen zu haben. 30) Kasuistischer Beitrag zur Behandlung der Basedowschen Krankheit mittels Röntgenbestrahlung, von Richard Siel mann. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 40.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. berichtet über 21 Fälle von Morbus Basedowii, die er mit Röntgen- strahlen behandelt hat Er hat dabei nie eine Röntgendermatitis gesehen und die Fälle 6 Wochen bis 6 Monate in Behandlung gehabt. Von den 21 Fällen erforderte einer die Operation; ein zweiter besserte sich anfangs, um sich bald wieder zu verschlimmern. 4 Fälle Bind völlig geheilt, 7 bedeutend gebessert, 8 zeigen zeitweilige Besserung. Von Symptomen hielt sich am längsten der Exophthalmus. Auch nach Ausführung der Operation kann die Röntgenbehand¬ lung Nutzen stiften. 31) Zur physikalischen Therapie des Morbus Basedowii, von Barth- Wehrenalp. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 31.) Ref.: Pilcz(Wien). Kritischer Überblick über die verschiedensten Behandlungsmethoden. Ver£ empfiehlt zunächst Hydrotherapie, besonders Kälteeinwirkung und feuchte Ein¬ packungen, dann Diätetik, speziell Mastkur. 32) Some olinical features of exophthalmio golter, by C. V. R. Bumsted. (Med. Record. 1915. 20. März.) Ref.: K. Boas. Vor der chirurgischen Behandlung des Basedow soll erst eine 6 monatige gründliche interne Behandlung stattfinden. In bezug auf die Indikationen zum chirurgischen Eingriff steht Verf. auf dem allgemeinen Standpunkt. Vor der Operation soll man dem Patienten zwei volle Wochen lang Ruhe schenken. Basedowfälle sollen nur von chirurgischen Basedowspezialisten operiert werden, nicht von Allgemeinchirurgen. Liegen Störungen von seiten anderer innersekre¬ torischer Organe vor, so ist von der Operation abzusehen. Schließlich betont Verf. die Wichtigkeit einer sorgfältigen Nachbehandlung. 33) Die Erfolge der operativen Behandlung des Morbus Basedowii, von Hermann Schröder. (Therapeut. Monatsh. 1915. April.) Ref.: E. Tobias. Verf. gibt einen historischen Überblick über die Schicksale der operativen Therapie der Basedowschen Krankheit. Es handelt sich um ein Übersichtsreferat über allgemeine, dem Neurologen wohlbekannte Tatsachen, die auf den Endstand¬ punkt hinauslaufen, daß, solange nicht ein unblutiges Verfahren gefunden wird, welches zu demselben Ziele führt, die Chirurgie zu einer wesentlichen Mitwirkung an der Heilung des Basedow berufen ist. Das Verhältnis ihrer Erfolge zu den Erfolgen der konservativen Behandlung ist nach Klose 65:10. 34) Die Resultate operativer Behandlung Basedowsoher Krankheit, von K. Merhaut (V&stnikv. sjez. öes. lek. 1915. S. 530.) Ref.: J. Stuchlik. Des Verf.s Erfahrungen (die Statistik beigegeben) gehen dahin: 1. Es exi- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 833 stieren tatsächlich Fälle, die sich konservativ heilen lassen; aber eine beträchtliche Prozentzahl davon stirbt. 2 . Operative Therapie hat bessere Resultate, namentlich geringere Mortalität. Die Symptome verschwinden sehr bald, was namentlich von sozialer Bedeutung ist. 3. Die Nichterfolge sind der unrichtigen Indikation — akute und subakute Formen —, oder unrichtiger Ausführung der Operation zu* zuschreiben — ungenügendes Entfernen des Drüsenparenchyms u. dgl. 35) Über Operationstod bei Thyreoiditis ohronioa, gleichzeitig ein Beitrag zu den Beziehungen zwischen Basedowscher Erkrankung und Thyreoi¬ ditis, von H. Brünger. (Mitteil. a. d. Grenzgeb. d. Med. u. Chir. XXVIIL H. 2.) Ref.: Adler (Berlin-Pankow). Die Versuche, die Ursache bei plötzlichen Todesfällen während der Narkose festzustellen, ergaben in den meisten Fällen den sogen. Status hypoplasticus und in einer Reihe von Fällen den sogen. Status thymicus bzw. thymicolymphaticus. Was die Thyreoidea mit ihrem Einfluß auf die Herztätigkeit und.ihren Bezie¬ hungen zur Thymusdrüse anbetrifft, so ergab die Sektion in einem Falle von Operationstod, wo es sich um eine 35 Jahre alte Frau handelte, von der man in Erfahrung bringen konnte, daß Bie früher an Morbus Basedowii gelitten, eine alte, fast diffuse Thyreoiditis chronica, neben der sich in der Schilddrüse noch Reste von für die Basedowsche Krankheit typischen Veränderungen vorfanden. In einem zweiten Fall, wo eine ebenso alte Frau wegen Basedowscher Beschwerden zur Operation kam und der Exitus einige Stunden später erfolgte, lieferte die Obduktion ein ähnliches Bild. Auch hier ließ sich, und zwar in dem nicht ver¬ größerten, nicht entfernten linken Lappen der Schilddrüse eine Thyreoiditis chro¬ nica nachweisen. Die bei der Sektion in beiden Fällen festgestellten Schädigungen des Herzens dürften ursächlich mit den pathologischen Veränderungen in der Thyreoidea und dem Morbus Bassedowii in Zusammenhang stehen. Wirft man die Frage auf, ob die Krankheitsbilder der Thyreoiditis chronica und dem Morbus Basedowii in unseren beiden Fällen nur zufällig nebeneinander bestehen oder ob beide zueinander in kausalem Verhältnis stehen, so scheint man sowohl auf Grund der pathologisch-histologischen Veränderungen im mikroskopischen Präparat, als auch mit Rücksioht auf die Ätiologie und nicht zuletzt im Hinblick auf den bei beiden Krankheitsformen bekannten Einfluß auf die Herztätigkeit die Basedowsche Krankheit als eine Art chronischer Entzündung der Schilddrüse auffassen zu müssen. 38) Kazuistizeliea zur Frage therapeutischer Mißerfolge bei Morbus Base* dowii, von v. Haberer. (Wiener klin. Wochenschrift. 1915. Nr. 1 u. 2.) Ret: Pilcz (Wien) Verf. batte von Kombination der Strumektomie mit Thymusreduktion in 23 Fällen viel günstigere Erfolge gesehen als von der Strumektomie allein. Folgender Fall, der einen Mißerfolg bedeutet, ist interessant vom klinischen und pathologisch-anatomischen 'Standpunkte aus: 26jähr. Frau, seit 10 Jahren Struma, in der letzten Zeit Erregtheit, Durch¬ fälle, Schweiße, Herzklopfen, Amenorrhoe, Exophthalmus. Stat. praes.: Sehr grazil, Mammae unterentwickelt, spärliche Crines. Starke Unruhe, Stimmungslabilität, Tremor der Zunge und Hände, Protrusio der Bulbi, links mehr, Gräfe positiv, Struma, Herzverbreiterung, Puls 126, Röntgenbefund ergibt starken Thymus¬ schatten. Im Blute Gerinnungsverzögerung, Sahli 74°/ 0 , Färbeindex 0,7. Ober 5000000 rote, 7300 weiße Blutkörperchen, mit 63°/ 0 poly-, 4 °/ 0 mononukleären, 32 °/ 0 Lymphozyten, 1 °/ 0 eosinophilen Granulationen. Unter Schleich, nach 1 wöchiger Vorbehandlung mit Herztonicis, Strumektomie und ausgiebige Reduktion der auffallend blutreichen Thymus. Am Nachmittage nach der Operation war Patientin ruhig, erleichtert, Puls¬ frequenz bedeutend gesunken, Temperatur 37,6. Schon spätabends nervöse Un¬ ruhe. Auf Morphium gegen Morgeu zu ruhiger Schlaf, Patientin erwachte frisch xxxiv 53 Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 834 und ruhig, Puls 160, Temperatur 39,0. Gegen Mittag motorische Unruhe, Puls 200. Starke Zyanose, schwerste motorische Erregung, Puls steigt auf 226, Tem¬ peratur 39,3 unmittelbar vor dem Exitus. Obduktion: Status post strumectomiam, Thymus permagnus cum haemorrhagiis. Haemorrhagiae subendocardiales in cono aortico. Dilatatio cordis totius. Anaemia universales. Induratio lienis. Adenoma et degeneratio adiposa hepatis. Hypo- plasia uteri. Habitus infantilis. Erubescentia medullae femorum. Außerdem relative Enge der Brust- und Bauchaorta, angeborener Defekt des rechten Lungenmittellappens. Milz- und Herzblut steril. Die sehr genaue histologische Untersuchung ergab: Thymus, die trotz ope¬ rativer Reduktion noch immer 70 g schwer war, zeigte allgemeine Hyperplasie der Rinde und des Markes, wie dies nach Schridde nur bei kleinen Kindern in Basedowfällen vorzukommen scheint. Untersuchung der Thyreoidea ergab das Bild der Struma colloides „b&sedowi- ficata“ sec. Kocher, d. h. charakteristische Epithelwucberungen. Äußere Mark¬ ausbreitung der Nebennieren völlig geschwunden. Pankreas fällt durch Armut an Langerhanssehen Inseln auf. Ovarien weisen sehr spärliche Primärfollikel auf^ die fast durchwegs keine oder nur sehr geringgradige Entwicklung von Follikel¬ epithel um ihre Ovula zeigen. Es fand sich also Status hypoplasticus und Status thymicus, nicht lympha- ticus. Der Tod erfolgte infolge zu wenig ausgedehnter Thymusreduktion durch Thymusgiftwirkung auf das Herz. Typisch sind die auftretenden hohen Tempe¬ raturen. Im Anschlüsse daran publiziert Verf. die Krankheitsgeschiohte eines neuen, mit glücklichem Erfolge operierten Falles von Basedow, Strumektomie und Thymus¬ reduktion. Die Operation war außerordentlich erschwert duroh kolossale schwielige Schwarten zwischen Muskulatur und Kropfkapsel, infolge früherer 10 maliger Röntgenbestrahlung, die übrigens nicht den geringsten therapeutischen Effekt ge¬ habt hatte. Die histologische Untersuchung ergab wieder das typische Bild der Struma basedowificata; es zeigte sich also, daß die Röntgenbestrahlung wohl schwere oberflächliche Veränderungen gesetzt hatte, aber keine nennenswerte Tiefen¬ wirkung auszuüben imstande war. Die Thymus war durch Bestrahlung überhaupt ganz unbeeinflußt geblieben, wie auch die histologische Untersuchung zeigte. Es handelte sich um eine absolut lebenskräftige Thymus. Verf. wendet sich scharf gegen die Röntgentherapie des Basedow, empfiehlt ausschließlich Kombination von Strumektomie und Thymusreduktion und rät, im Falle, daß sich nach der Operation bedrohliche Erscheinungen zeigen sollten, ohne Zaudern die Wunde nochmals zu öffnen und eine weitere Reduktion der Thymus vorzunehmen. 87) Über Thymuaoperationen und deren Folgen für den Organismus, von Heinrich Klose. (Therapeut. Monatsh. 1915. Januar.) Ref.: E. Tobias. Nach neueren Untersuchungen wächst die Thymusdrüse bis zur Puberrät und verfällt erst nach dieser Zeit der physiologischen Altersinvolution. Reste bleiben bis ins hohe Alter hinein lebensfähig und funktionstüchtig. Man hält sie für ein lymphoepitheliales Organ und sieht die epitheliale Komponente als den Träger der spezifischen innersekretorischen Thymusfunktion an. Man nimmt an, daß die Thymusdrüse in der ersten Kindheit einen dominierenden Einfluß auf die Ent¬ wicklung des Skelettsystems auBÜbt. Durch Thymektomie kann man rachitizähnlicbe Skeletterkrankungen erzeugen. Häufig sind auch nervöse Störungen nach Thyuaek- tomie bei Tieren, so Intelligenzstörungen bis zu Verblödungen, Steigerung der elektrischen Erregbarkeit der peripheren Nerven und an den motorischen Rinden¬ feldern; Übertragung auf den Menschen ist noch nicht möglich. Digitized by Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 835 Verf. bespricht dann die mechanischen Störungen einer zu großen Thymus¬ drüse. Eine hyperplastische Thymusdrüse ist gewöhnlich mit Konstitutionsfehlern kombiniert. Sie dokumentieren sich klinisch in einem pastösen Habitus mit Haut¬ blässe, Anhäufung subkutanen wäßrigen Fettgewebes und Muskelschlaffheit; häufig bestehen Milztumor, Tonsillenhypertrophie usw. Sehr charakteristisch für „Dys- thymisation“ ist das Blutbild, sind Veränderungen des Skelettsystems, Herzschwäche. Die Thymusdrüse kann infolge von lordotiscber Biegung der Wirbelsäule, durch Stauung, durch Infektionskrankheiten akut anschwellen. Bekannt ist die Tracheo- stenosis thymica. Die Perkussion hat inkonstante Ergebnisse. Im Röntgenbild erzeugt die vergrößerte Thymusdrüse eine Verbreiterung des Mediastinalschattens besonders nach links. Zur Besprechung gelangen sodann die Indikationen zum chirurgischen Eingriff sowie die direkten Operationen an der hyperplastischen Thymusdrüse. In Frage kommt entweder die intra- oder subkapsuläre Exzision der Thymusdrüse oder die intrakapsuläre Enukleation eines ganzen Lappens oder eine Kombination beider Verfahren. Das Normal verfahren ist die intrakapsuläre Exzision mit Ektopexie oder Fixation der Kapsel an die Fascia sterni. Die Prognose der Operation ist günstig. Auch thymogene Oesophagusstenose ist mit Erfolg operiert worden. Un¬ bedingt notwendig ist die Operation bei Druckerscheinungen der hyperplastischen Thymusdrüse auf die großen Gefäße und die Vorhöfe. Sofortiges sachgemäßes Handeln erfordern Thymushämorrhagien bei Neugeborenen. Metastatische Ent¬ zündungen der Thymusdrüse mit Ausgang in Eiterung und Abszeßbildung werden nach akuten Infektionskrankheiten gesehen. Von besonderem Interesse ist dann die gleichzeitige Vergrößerung der Thymus- und der Schilddrüse. Vor allem wird dem Zusammentreffen von Thymushyperplasie und Morbus Basedowii in der Neuzeit eine größere und tiefergehende Aufmerk¬ samkeit geschenkt. Thymushyperplasie kommt beim Basedow in 75 bis 90°/ 0 der Fälle vor. Das Charakteristische der Basedow-Thymusdrüse ist ihre chemische Wirkung; es besteht eine Giftwirkung zweier einander wesensähnlicher Organe, die sich in ihrem schädlichen Einfluß steigern. Die Aufgabe, in der Basedow¬ diagnostik die Formen herauszufinden, in denen die Thymusdrüse eine führende Rolle spielt, ist bisher ungelöst geblieben. Thymusreduktion allein genügt nie. Die Thymusdrüse hat einen sicheren, wenn auch noch nicht analysierbaren Einfluß auf die Muskulatur, darum haben myasthenische Symptome gewissen Wert. Das Symptom der Vagotonie kann noch nicht recht verwandt werden. Wichtiger für die Wahrscheinlichkeit einer hyperplastischen Basedow-Thymusdrüse ist die Höhe der absoluten Basedowlymphozytose, besonders wenn sie sich mit relativ geringer Schilddrüsenvergrößerung und mit schweren Herzerscheinungen entwickelt Die Prüfung der von Abderhalden angegebenen Abwehrfermentreaktion hat ergeben, daß das Serum Basedowkranker meist Thymusgewebe abbaut. Bevor sichere Kriterien zur Verfügung stehen, ist es Pflicht, in jedem schweren Basedowfalle die Thymusdrüse mitanzugreifen. Verf. berichtet über die sehr günstigen Operationserfolge der Schilddrüsen- und Thymusexzision bei der Base¬ dowschen Krankheit. Die Technik ist nicht schwierig; immer genügt Lokal¬ anästhesie. Im erwachsenen Alter braucht man sich nicht vor der Totalexstirpation zu scheuen, die aber intrakapsulär erfolgen muß, da die Entfernung mit der Kapsel zu tödlichen Blutungen führen kann. Wichtig ist eine sorgfältige Vor¬ bereitung von mindestens 8 bis 14 Tagen. Endlich erwähnt Verf. das Vor¬ kommen von BasedowerBcheinungen und Myasthenie bei Thymustumoren. 53 * Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 836 Myxödem. 38) Beiträge zur Klinik infantiler Hypothyreose, von L. R. v. Korczynski. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 31/32.) Ref.: E. Tobias (Berlin). löjähr. Patientin von zwerghafter Gestalt mit unharmonischen Körperformen. Der lnfantilismuB des Skeletts findet weitere Prägung auch im Zurückbleiben der Knochenentwicklung. Die Knochennähte sind am Skelett ganz deutlich zu er¬ kennen. Die Gesichtszüge entbehren jeder Modellierung. Kein kretinoider Gesichts¬ ausdruck. Die geistige Entwicklung liegt ziemlich tief unter der Altersstufe. Auffallend ist das mißtrauische Benehmen, die Patientin verkriecht sich, es besteht Unkenntnis des einfachsten Rechnens, Vernachlässigung der Hautpflege, die Haut ist blad und trocken, das Fettgewebe ungleichmäßig verteilt, von Drüsengewebe besteht keine Spur, Schamhaare fehlen. Drei Backzähne sind gar nicht gewachsen. Die Schilddrüse ist als spärliches, schlaffes Gewebe zu tasten. Systolisches Geräusch über der Aorta. Hängebauch. Wassermann positiv. Bemerkenswert sind die Befunde der Blutuntersuchung. Die infantile Blutmischung spiegelt sich schon in der Leukozytenformel ab. Beachtenswert sind besonders ein starkes Zurück¬ gehen der neutrophilen Zellen und Überhandnehmen der mononukleären Leukozyten, relativ zahlreiche Knochenmarkzellen usw. Der Befund an der Aorta spricht im Verein mit dem positiven Wassermann für eine höchstwahrscheinlich syphilitische Aortenerkrankung. Es handelt sich um die Folgen des Schilddrüsenausfalls unter Mitbeteiligung von Hypophyse, Ovarien, des hämatopoeiischen Systems und des Zirkulationsapparats auf luetischer Basis. Die Behandlung mit Thyreoidpr¶ten und die antiluetische Therapie ergaben eine weitgehende Besserung, die erst bei Beginn der antiluetischen Kur manifest wurde. 88) Zur Diagnose der Hypothyreose. Teigige Infiltration der Muooia des unteren Harntraktus als ein bis jetat nioht beschriebenes Symptom. von Heinrich Stern. (Berliner klin. Woch. 1914. Nr. 9.) Ref.: E. Tobias. Es gibt nicht viele Fälle von Hypothyreodismus, in welchen Harnsymptome vermißt werden, wenn sie auch gewöhnlich von untergeordneter Bedeutung sind. Hypothyreose kann mit einfacher Polyurie, Strangurie und Tenesmus vergesellschaftet sein, oder es können diese Störungen gleichzeitig auftreten oder miteinander ab wechseln. Verf. hat in 4 Fällen von Hypothyreose mit Harnsymptomen zystoskopisch anatomische Veränderungen gefunden, welche augenscheinlich hypothyreogenen Ur¬ sprungs sind, und zwar genau die gleichen Veränderungen, wie sie bei Hypo¬ thyreose an den Schleimhäuten der Zunge, der Uvula und der Nase angetroffen werden, teigige Infiltrationen der Mucosa. Daß sie ausschließlich von dem hypo- thyreoidalen Zustand abhingen, ergab sich aus ihrer Abnahme und Zunahme, je nachdem durch Verabreichung von Scbilddrüsenpräparaten die anderen Symptome der Hypothyreose zurückgingen oder durch Unterbrechung der SchilddrÜBenther&pie wieder eine Verschlimmerung der Hypothyreose hervorgerufen wurde. Di© Harn- symptome verschwanden, wenn die örtliche Schleimhautinfiltration aufhörte. Die Veränderungen wurden in den unteren Abschnitten des Harntraktus gefunden. Jn Fällen von häufigem oder schmerzhaftem Harndrang soll man an einen hypothyreotischen Zustand denken mit Symptomen im unteren Harntraktns und die Zystoskopie des letzteren vornehmen. Möglicherweise handelt es sich d&hei um ein Frühsymptom. Enuresis der Kinder sowie der Erwachsenen kann auf Hypothyreose oder einem ähnlichen Zustand beruhen. Man soll darum in Fällen von anhaltendem Bettnässen die zystoskopische Untersuchung vornehmen. 40) Skoliose ethypothyröoidie, par Gourdon et Dijouneau. (Revue d’orthoped. 1914. Nr. 1.) Ref.: K. Boas. Die Verff. machen auf die Häufigkeit von Schilddrüsenerscheinungen bei Skolioaec Digitized by Gck igle Original fro-m UMIVERSITY OF MICHIGAN 837 aufmerksam. Die Schilddrüse besitzt trophiscbe Funktionen und regelt den Kalk- stoffwecbsel, weiterhin hat sie entgiftende Eigenschaften. Beweisend für den Zusammenhang zwischen Hypothyreoidie und Skoliose ist die günstige Wirkung von Schilddrüsenpräparaten. Diese haben in relativ kurzer Zeit eine Längenzunahme des Körpers zur Folge, ferner werden die Wirbelbiegungen flacher. Die Verff. geben den frischen SchilddrüsenBaft in Glyzerin. Nebenbei hat eine orthopädische Behandlung zu erfolgen. 41) Die Bestellungen der SohilddrAseninsufAsiens zu den nervösen Be¬ schwerden und der spastischen Obstipation der Frauen, von E. Sehrt. (Münch, med. Wochenschr. 1914. Nr. 8.) Ref.: 0. B. Meyer (Würzburg). Verf. hat in früheren Untersuchungen als Hauptursache hämorrhagischer Uetropathien mangelnde Funktion der Schilddrüse festgestellt Unter Jodothyrin- behandlung besserten sich die nervösen Beschwerden der Patientinnen, wie Kopf¬ schmerzen, Gliederschmerzen, Mattigkeit und Unlustgefühle. Eine 14tägige Blut¬ kontrolle ist vor der Verabreichung wegen der Gefahr des Jodbasedow erforderlich. Eine Reihe Eirankengeschichten werden mitgeteilt. In einigen Fällen von Hypo¬ thyreose wurde hochgradige, oft jahrelang bestehende Obstipation vollständig duroh Jodothyrin behoben, während andererseits bekanntlich bei Hyperthyreose (Basedow') Durchfälle häufig beobachtet werden. Der ganze nervöse Symptomenkomplex wird auf Autointoxikation infolge Schilddrüsenuntüchtigkeit bezogen. 42) Die Thyreoaplasie (kongenitales Myxödem) und ihre Therapie, von W. Schemensky. (Medizin. Klinik. 1914. Nr. 30.) Ref.: E. Tobias. Verf. berichtet über zwei Fälle von kongenitalem Myxödem mit den charakte¬ ristischen Symptomen des Zurückbleibens des Längenwachstums, der charakte¬ ristischen Fazies mit der wulstigen, aus dem Munde hervorhängenden Zunge und der eingedrückten Nasenwurzel, des aufgetriebenen Abdomen, der wie gedunsen erscheinenden Haut, mit den entsprechenden Angaben betreffs Entstehungszeit und bestehender Beschwerden wie Obstipation, Unfähigkeit zum Gehen und Sprechen, dem Röntgenbild und den Blutveränderungen. Die Thyreoidtherapie führte zu bemerkenswerten Resultaten. 43) Kongenitales Myxödem, von M. Peöina. (Öasopis öeskych, 16k. LUL 1916. S. 1336 ) Ref.: J. Stuchlik. Verf. bezeichnet Myxödem als eine kongenitale Erkrankung, die duroh Thy¬ reoideadefekt verursacht wird. Im intrauterinen Leben und während der Lak¬ tation wird die Funktion der Schilddrüse durch diejenige der mütterlichen Drüse ersetzt, ausgenommen Fälle, wo auch die Mutter thyreoideakrank ist. Die Ano¬ malien äußern sioh zuerst im Habitus, dann im Stoffwechsel (anormal hohe Assi¬ milationsgrenze für Zucker) und in der Neigung zum Fettwerden. Die Organo¬ therapie hat meistens ganz gute Resultate. 44) Ein Fall von angeborenem, familiärem Myxödem. Versuch einer Sohilddrüsenimplantation , von Worobieff und Perimoff. (Pediatria. V. H. 11 u. 12. Russisch.) Ref: K. Boas. In dem Falle der Verff. wurde eine Schilddrüsentransplantation in die Bauch¬ haut vorgenommen. Der Zustand blieb danach derselbe wie vor der früher ein¬ geleiteten Thyreoidinbehandlung. Die Schilddrüse wurde allmählich kleiner, was den Zustand des Kindes verschlimmerte, und verschwand nach 33 Tagen ganz, wonach der Zustand wieder der nämliche war wie vor der Thyreoidinkur. Diese wurde auch weiterhin fortgesetzt und batte eine Besserung im Befinden des Kindes znr Folge. Bemerkenswert war in dem Falle der Verff. sonst noch das familiäre und kongenitale Auftreten der Erkrankung. 46) Über einen Fall von 8äuglingsmyxödem 9 von Karl Hochsinger. (Monats- schr. f. Kinderheilk. XII. Nr. 9.) Ref.: Zappert (Wien). Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY 0F MICHIGAN 838 Bei dem angeboren myxödematösen Kinde war auf Grund des Fehlens einer tastbaren Schilddrüse die Diagnose auf Thyreoaplasie gestellt worden. Als das Kind mit 13 Monaten starb, fand sich eine normal große, ungewöhnlich derbe Sohilddrüse vor, die histologisch eine auffallende Bindegewebswucherung mit Schwund und Veränderung des Drüsengewebes erkennen ließ. Das Myxödem ist durch diese wahrscheinlich fötal bedingte Schilddrusenerkrankung vollauf erklärt; die Annahme einer Thyreoaplasie bei angeborenem Myxödem muß aber »auf Grund rein klinisoher Untersuchungen mit Vorsicht gestellt werden. 46) Über den Einfluß von Jod, Jodkalium, Jodothyrin und jodfreiem Strumaprftparat auf den Stiokatoffweohsel, auf Temperatur, Pulsfrequenz und auf das Blutbild von Myxödem, von Hans Frey. (Mitteil. a. das Gesichtsfeld erweiterte sich, die Pupillenreaktion kehrte wieder, links Fingerzählen in l , a m — Die Bestrahlungstechnik wird genau beschrieben. 68) Beitrag zur Kenntnis der bypophyso-genitalen Dystrophie, von G. Mat tirolo. (Riv. di Patol. nervosa. 1914. H. 9.) Ref.: G. Mingazzini. t Digitized by Gougle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 84ö Verf. teilt 3 Fälle von adiposo-genitaler Dystrophie mit: in zweien handelt es sich um Hypophysentumoren, welche das typische Syndrom hervorgerufen hatten; im dritten war die Genitalatrophie mit einem echten Diabetes insipidus und aus¬ geprägter Polydipsie vergesellschaftet; es fehlten die Symptome des Hirntumors, indem die Pathogenesis der Affektion dunkel bleibt. Die Wertung dieses dritten Falles muß in der Annahme einer alterierten inneren Sekretion gemacht werden. Die Hypophyse nämlich wäre primär verletzt (Sklerose? Zystischer Prozeß?) ohne Zunahme ihres Volums, aber so, daß sie eine geringere Funktion zeigt. Diesen Tatsachen sekundär wären die Symptome der Genitalatrophie und der sexuellen Regression —, Symptome, denen sich Zeichen der Drüsenentzündung (Polyurie, akromegaloide Symptome) zugesellen können. Der regressive Infantilismus, Typus Gandy, nähert sich klinisch den oben erwähnten Fällen, doch hat er als Ursache einen noch unbekannten Prozeß, der, wie man annimmt, die pluriglanduläre Sklerose sei, — von der man oft nicht weiß, ob sie von irgend einer Drüse oder von mehreren gleichzeitig ausgeht. Eine andere ähnliche Form ist der späte Eunuchoidismus von Falta, mit Charak¬ teren des pluriglandulären Syndroms: dieser jedoch kann bisweilen der Ausgangs¬ punkt für eine traumatische oder entzündliche orchitische Läsion sein. 09) Ein Fall von Insuffloientia polyglandnlaris mit Sektionsbefund, von Marie Geschelin. (Inaug.-Dissert. Berlin 1914.) Ref.: K. Boas. Beschreibung eines Falles von Hyposekretion der Hypophyse (stetig zuneh¬ mende hochgradige Fettleibigkeit, trophische Störung der Haut) bei einer 24jähr. Patientin, in welchem Verfasserin die Differentialdiagnose zwischen Dystrophia adiposO’genitalis und Insufficientia polyglandularis offen läßt. Die Sektion ergab das Vorliegen der letzteren auf Grund des Symptomenkomplexes: Kopfschmerz, Muskelschwäche, Trockenheit der Haut, anormale Behaarung, Atrophie der Geni¬ talien und Fettleibigkeit. Bemerkenswert war noch die Komplikation des Diabetes, worauf eine Erkrankung des Pankreas hindeutet. Die vorliegende Intelligenz¬ abnahme bezieht Verfasserin auf Störungen der Thyreoidea, die Pigmentation und Amenorrhoe auf solche der Nebennieren bzw. Ovarien. Endlich bestand bei der Patientin eine kyphotische Verkrümmung der Wirbelsäule. Bei der Sektion ergab sich eine deutlich ausgesprochene Osteoporose. Ätiologisch kam die neuropathische Konstitution der Patientin, vielleicht auch Lues (zweimaliges Auftreten von Augen¬ muskellähmungssymptomen) in Betracht. Wassermann negativ. Die Organo¬ therapie war ohne Erfolg. Eine antiluetische Kur wurde nicht eingeleitet. 70) Cerebral adipositas with hypertriohosis, a new eyndröme, by W. M. Kraus. (American. Journ. of medical Sciences. 1915. S. 737.) Ref,: K. Boas. Der von dem Verf. berichtete Fall von zerebraler Adipositas weicht insofern von dem gewöhnlichen Typus des Hypopituitarismus ab, als er Hyperhidrosis, Hypertrichosis und einen von der Norm abweichenden Blutbefund — Vermehrung der roten Blutkörperchen — zeigte im Gegensatz zu den sonst zu beobachtenden Erscheinungen bei Hypopituitarismus: Hypotrichosis, Hypohidrosis und Verminderung der roten Blutkörperchen. Im übrigen waren die sonstigen Symptome des gewöhnlichen Typus des Hypopituitarismus: Adipositas, hohe Toleranz gegen Kohlehydrate, Hypersomnie und Atrophie der Genitalien in dem vom Verf. berichteten Falle vorhanden. 71) Dystrophie« gigantiques sans aeromögalie, par M. Adda. (Nouveile Iconogr. de la Salpetr. 1914. Nr. 2.) Ref.: Kurt Mendel. 25 jähr. Mann mit Gigantismus ohne Akromegalie, auch keine Veränderungen der Sella turcica röntgenologisch nachweisbar. Wassermannreaktion positiv: es Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 846 kann sich aber nm eine akquirierte Syphilis handeln. Ätiologisch war nichts zu eruieren. 72) Über einen mit Hypophysin-Höohst erfolgreich behandelten Fall Ton Diabetes insipidus, von G. Graul. (Deutsche med. Wochen sehr. 1915. Nr. 37.) Ref.: Kurt Mendel. Dysfunktionen infolge Anomalien hormonaler Natur, die von der Hypophyse ausgehen, bedingen den idiopathischen Diabetes insipidus. Insbesondere beein¬ flussen die Pars intermedia und Pars posterior des Hirnanhangs die zentralen Zentren für die Hambereitung in den Nieren und hemmen die Diurese. Verf. behandelte einen Fall von Diabetes insipidus erfolgreich mit Hypophysin-Höchst (jeden 2. Tag injizierte er 1 ccm, d. h. den Inhalt einer Ampulle der in den Handel gebrachten sterilen l°/oo"Lösung eines Extraktes aus dem Infundibular- anteil der Hypophyse intramuskulär). Das Durstgefühl ließ nach, der Appetit und die Gesichtsfarbe besserten sich, das Müdigkeitsgefühl schwand, das Körper¬ gewicht stieg rasch an, die Urinmenge sank von 9500 auf 2000 ccm. 73) Über die Beeinflussung der Diurese durch Hypophysenextrakte, von Arturv.Konschegg und ErnestSchuster. (Deutschemed. Wochenschr. 1915. Nr. 37.) Ref.: Kurt Mendel. Aus Tierversuchen und auB Versuchen an Menschen ergibt sich, daß durch Injektionen von Extrakten aus Hypophyse eine ganz auffallende Einschränkuog der Diurese erfolgt. Der Diabetes insipidus idiopathicus hängt mit einer Funktions¬ störung der Hypophyse im Sinne einer Hypofunktion derselben zusammen. Da auoh nach längere Zeit hindurch fortgesetzten Injektionen von Hypophysenpräpa¬ raten Schädigungen irgendwelcher Art nicht beobachtet werden konnten, erscheint es zweckmäßig, diese Therapie bei allen Fällen von Diabetes insipidus anzuwenden. Forensische Psychiatrie. 74) Zur Psychologie der Brandstifter, von Hans Schmid. (Psychologische Abhandlungen. Bd. I. Leipzig u. Wien, Franz Deuticke, 1914.) Ref.: Kurt Mendel. In seiner auf Freud-Jungschen Bahnen wandelnden Arbeit unterscheidet Verf. zwei Typen von Brandstiftern: Bei dem einen ist das Delikt als eine ein* malige, durch sich nicht wiederholende Situationen (Pubertät, Menstruation, Heimat usw.) bedingte Regression aufzufassen. Rezidive sind bei diesen Fällen kaum zu fürchten. Eine geeignete, lang dauernde psychotherapeutische Behand¬ lung sollte diese unmöglich machen können. Der andere Typus von Brandstiftern ist charakterisiert durch ein so starkes Überwiegen der archaischen Reaktionen, daß Sublimierungen durch keinerlei Therapie erreioht werden können. Jede Libido* Stauung kann bei diesen wieder zu einer Brandstiftung führen. Vor diesen sich für immer zu schützen, und nicht nur für einige Jahre, wie es nach dem aktuellen Strafrecht allein möglich ist, scheint eine absolute Notwendigkeit zu sein. Diese Brandstifter werden immer wieder rückfällig. Die Erfahrung lehrt, daß Brand* Stiftungen auf andere ansteckend wirken können. Gerade in diesem Verbrechen scheint die Abschreckungstheorie bis zu einem gewissen Grade recht zu haben. 76) Die nosologische und kriminologisohe Bedeutung des Elternkonflilttee der Jugendlichen, von Erwin Lazar. (Zeitschr. f. Kinderheilkunde. XL H. 5 u. 6.) Ref.: Zappert (Wien). Freud, der zum ersten Male den Elternhaß vieler Jugendlicher eingehend studiert hat, sieht in versteckten und verdrängten erotischen Beziehungen der Kinder zu einem Elternteil die Quelle dieser Gefühle. Die psychische Analyse von fünf interessanten Fällen von Elternkonflikt geben dem Vert Gelegenheit, die Motive desselben zu studieren, wobei neurotische Veranlagung der Kinder, falsche Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 847 Erziehungsprinzipien der Eltern, sozialer Niedergang der Familie, uneheliche Ge¬ bart eine wichtige Rolle spielen. Auf eine Beantwortung der Frage nach dem Freudschen „Oedipuskomplex“ läßt sich Verf. nicht ein, aber er gibt ohne weiteres sexuelle Motive für den Elternkonflikt zu, die zum Teil in dem gefühlten Wider¬ spruch zwischen Liebe und Haß der Kinder gegenüber den Eltern, zum Teil in der Tatsache wurzeln, daß die im Pubertätsalter befindlichen Kinder in ihren Eltern naturgemäß ein Hindernis für ihre sexuelle Betätigung erblicken. 76) Le fötiehisme de la poupöe et le vol aus etalages, par J. Vinchon. (Journ. m6d. de Paria 1914. Nr. 10.) Ref.: K. Boas. Verf. berichtet über zwei Frauen,‘die aus fetischistischen Motiven Puppen- diebstähle in Waarenhäusern ausführten. In dem ersten Fall handelte es sich nach Ansicht des Verf.’s um echten Fetischismus, im zweiten mehr um Stoff¬ fetischismus. Die im einzelnen sehr angreifbaren Ansichten des Verf.’s wird Ref. im einzelnen in H. Gross’ Archiv diskutieren. 77) Die Transvestiten und das Reoht (nebst bibliographischem und histo¬ rischem Material), von E. Wilhelm. (Sexualprobleme. 1914. H. 6 u. 7.) Ref.: K. Boas. Verf. führt aus, daß das Tragen einer dem anderen Geschlecht zukommenden Tracht an und für sich strafbar ist. Grober Unfug liegt dann vor, wenn durch Transvestiten infolge ihrer Kleidung öffentliches Ärgernis erregt wird oder der öffentliche Anstand verletzt wird. Weiterhin bemerkt Verf., daß eine seinem Pseudogeschleoht zukommende amtliche Namensänderung im Standesregister nioht zulässig ist. Sodann verneint Verf. die Frage, ob Transvestiten das Recht zusteht, die dem Geschlecht, deren Kleidung sie tragen, vorbehaltenen öffentlichen Örtlich¬ keiten (Damenkupee) zu betreten. Was endlich die Frage der Zurechnungsfähigkeit der Transvestiten anbelangt, so ist der § 51 StrGB. im allgemeinen auf sie nicht anwendbar. Doch ist ein sachverständiges Gutachten einzufordern, auf Grund dessen eventuell der § 51 StrGB. Anwendung finden kann. Außer dem rein Juristischen ist die vorliegende Arbeit noch besonders inter¬ essant durch die erschöpfende Bibliographie, sowie durch historische Bemerkungen über einen Transvestiten aus dem 17. Jahrhundert, den Abb6 d’Entragues. 78) Der Kindesmord und seine forensische Bedeutung, von W. Kürbitz. (Archiv f. Kriminalanthropologie u. Kriminalistik. LX.) Ref.: E. Tobias. Die einzelnen Generationsphasen des Weibes sind geeignet, psychische Störungen zu setzen. In besonders hohem Maße gilt dies von dem Gebärakt. Wenngleich dem auch vornehmlich mehr oder weniger kranke Frauen (Epilep¬ tische, Hysterische, Psychopathen) ausgesetzt sind, so Bind doch andererseits auch anscheinend gesunde Personen keineswegs immer gegen eine Alteration des Nerven¬ systems in dieser Zeit gefeit. Forensisch von besonderem Interesse sind einmal schwere Erschöpfungs¬ zustände, eventuell mit Ohnmacht, durch die ein selbständiges, dem Neugeborenen zweckdienliches Handeln unmöglich wird, und ferner die Erregungs- und Ver¬ wirrtheitszustände im unmittelbaren Anschluß an den Geburtsakt. Diesen selbst muß man unbedingt als auslösendes Moment betrachten, sind doch die körper¬ lichen (enorme Muskelarbeit, Schwanken des Blutdruckes usw.) und seelischen Anstrengungen (große Schmerzen, Scham, Angst und Ratlosigkeit) ganz gewaltige. Eine mildere Beurteilung ist also analog § 217 StrGB. — falls dieser über¬ haupt in Frage kommt — durchaus gerechtfertigt, nur müßte sie auch auf ehe¬ liche Mütter Anwendung finden. Auch mehr oder weniger lange Zeit nach dem Partus können Morde an Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 848 Kindern begangen werden bei erheblicher Beeinträchtigung des seelischen Be¬ findens, ohne daß dem Laien immer der krankhafte Zustand auffallen müßte. Es ist deshalb durchaus angebracht, wenn bei allen Fällen von Elindesmord ein ärzt¬ licher Sachverständiger hinzugezogen wird, um die geistesgeaunden Täterinnen von den kranken zu scheiden. 79) Statistisches über den Kinobesuch durch Kinder, von A. Hellwig. (Zeitschr. f. Kinderforschung. XIX. 1914. S. 223.) Ref.: K. Boas. Verf, geißelt die auch von psychiatrischer Seite scharf bekämpfte zunehmende geistige Verseuchung unserer Schuljugend durch den Besuch von Kinematographen- theatern. Aus den interessanten statistischen Daten des Verf.’s hier nur einige: Von 47 Mädchen im Alter von 11 Jahren hatten nur zwei das Kinemato- graphentheater überhaupt noch nicht besucht. In Jena besuchten von 1050 Kindern in 5 Wochen 524 Kinder das Kine¬ matographen theater, in einer Woche 287 Kinder. Auffallen muß der starke Besuch der Kinematographentheater durch schwach¬ befähigte Kinder aus der Volksschule. Während der Durchschnitt in den Normal¬ klassen nur 8°/ 0 betrug, erreichte er in den Förderklassen mehr als 26°/ 0 . 80) Der Fall Wurm, von A. Elzholz. (Jahrb. f. Psycb. u. Neurol. XXXVL 1914. Wagner v. Jauregg-Festschrift) Ref.: Kurt Mendel. Gutachten über einen Fall von Pseudologia phantastioa im Rahmen einer Hysterie. Der Fall zeigt, welch tiefgreifende soziale Schäden solche Psychopathen, bevor sie als gesellschaftliche Parasiten erkannt werden, verursachen können. 81) Über Einrichtungen für schwer-erziehbare Fürsorgesöglinge, von H. Schnitzer. (Zeitschr. £ d. Erforschung u. Behandlung d. jngendL Schwach¬ sinns. VIII. 1916. H. 1.) I. Die Errichtung von Sonderanstalten oder Sonderabteilungen für schwer¬ erziehbare Fürsorgezöglinge krankhafter Beschaffenheit ist notwendig. Sie werden entweder als selbständige Anstalten oder im Anschluß an Ersiehungs- oder Schwach- sinnigenaDstalten eingerichtet. 2. Sondereinrichtungen sind nur für schulentlassene Fürsorgezöglinge not¬ wendig. 3. Der bauliche Charakter wie die innere Organisation haben neben den sichernden Maßnahmen zugleich psychiatrische und pädagogische Gesichtspunkte zu berücksichtigen. 4. An der Leitung haben in gleichem Maße der Psychiater und der Theologe oder Pädagoge teil. 6. Durch eine zweckmäßige Abstufung im Gewähren immer größerer Be¬ wegungsfreiheit ist auch für Schwererziehbare als Endziel und Übergang in die volle Freiheit Familienerziehung anzustreben. 6. Die Disziplin der Sonderanstalt hat bei Beobachtung erzieherischer Grund¬ sätze doch den Charakter der Krankenanstalt zu wahren. 7. Zur Gewinnung und Ausbildung eines geeigneten Erzieherpersonals sind die erforderlichen Maßnahmen zu treffen. 8. Ohne Rücksicht auf die Kostenfrage ist hierbei auf die äußere Sicher¬ stellung des Personals Bedacht zu geben. Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel in Berlin W, Augsburgerstr. 48. Verlag von V*rr & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzgbb & WiTTto in Leipzig. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN Neurologisches Centralblatt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. Begr&ndet von Prot R MendeL Herausgegeben TOD Dp. Kurt MendeL Vierunddrei ßigster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark, Zn beziehen durch alle Bachhandlangen des In- and Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Seichs, sowie direkt vo n der Verlagsbuchhandlung. 1915. 16. November. Nr. 22. Inhalt I. Originalmitteilungen. 1. Zur Topographie der Sensibilitätsstörungen am Rumpfe bei der zerebralen Hemianästhesie, von Prof. Dr. Emil Redlich. 2. Zur Kenntnis der tigrolytischen Ganglienzellschwellung, von Dr. F. J. Stuurman. II. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1. Über Schädelschüsse, von Maresch. 2. Er¬ folge und Mißerfolge bei der operativen Behandlung der Schädelschüsse, besonders der Durchschüsse, von Pribram. 3. Bemerkenswerte Fälle von Verwundung des Sehorgans, von Oloff. 4. Über Laminektomie bei Steckschüssen des Rückenmarks, von Perthes. 5. Kriegs¬ neurologische Erfahrungen, von Mayer. 6. Schußverletzungen peripherer Nerven, von Gratzl. 7. Schußverletzungen peripherer Nerven, von Grosse. 8. Über die Technik der Neurolyse, von Stoffel. 9. Über „rheumatische“ Affektionen im Felde und über TornisterdruckneuralgieD, von Strasser. 10. Über Gamaschenschmerzen, von Schüller. 11. Über sogen. „Blasenschwäche“ bei Soldaten, nach Beobachtungen in der Festung Przemysl. Aus dem Jahresbericht für 1914 des Festungsspitals, von Lipschütz. 12. Versuch einer Analyse der Miktionsauomalien nach Erkältungen, von Schwarz. 13. Soll man wieder „traumatische Neurose“ bei Kriegs- verlefczten diagnostizieren? von Nonne. 14. Kriegskasuistische Mitteilungen, von Schüller. 15. Die Anamnese der sogen. Kriegspsychoneurosen, von Laudenheimer. 16. Über Psychosen beim Kriegstyphus, voif Flusser. 17. Militär-psychiatrische Beobachtungen und Erfahrungen, von Weyert. 18. Sexualpathologisches aus dem europäischen Weltkriege 1914/15, von Boas. 19. Die diagnostisch-therapeutische Ausnutzung meiner Methode zur Funktionsprüfung der Gefäßnerven. II. Über schädliche Einflüsse der Heißlnftbehandlung von Verwundungen auf das Nervensystem und ihre Verhütung, von Weber. 20. Die diagnostisch-therapeutische Ausnutzung meiner Methode der Funktionsprtifung der Gefäßnerven. III. Die schädigende Wirkung von Operationen in Narkose and Lokalanästhesie auf das Zentralnervensystem und ihre Beseitigung, von Weber. 21. Kriegsbeschädigungen des Zentralnervensystems und soziale Fürsorge, von Riitershaus. — Paraiysis agitans. 22. Zur Pathologie und Patho¬ genese der Paralysis agitans, von Marburg. 23. Die Beziehungen der Blutdrüsen zur Patho¬ genese der Parkinsonschen Krankheit, von Schitftz. 24. Zur Frage der Beziehungen der Epithelkörperchen zur Paralysis agitans, von Blüwsteln. 25. Paralysis agitans und Trauma, von Decker. 26. ParkinsonBche Krankheit und Unfall, von Busch. 27. Klinischer Beitrag zur genuinen Paralysis agitans im jüngeren Alter, von Stiefler. 28. Über psychische Störungen im Verlaufe der Paralysis agitanfe, von Otzen. 29. Ein Fall von Paraiysis agitans und Tabes dorsalis, von Sandfort. 30. Paralysis agitans syndrome with syphilis of the nervous System, by Camp. 31. Su di una rara assoziazione morbosa. Morbo del Parkinson in un antico Basedowiano, per Cacclapuotl. 32. Paraiysis agitans und Myxödem, von Vet- lesen. 83. La nncleinothörapie dans la maladie de Parkinson, von Bula. 34. Über Er¬ fahrungen mit Pantopon-Scopolamin „Roche“ und Pantopon „Roche“ bei Paraiysis agitans, von Stiefler. — Forensische Psychiatrie. 35. Die forensische Bedeutung der Zwangs¬ vorstellungen, von Oppenheimer. 86. Über die Unterbringung geisteskranker Rechtsbrecher, von Heger« III. Neurologische und psychiatrische Literatur vom 1. Juli bis 80. September 1915. xxxiv. 54 Digitized by Gck igle Original fro-rn UNIVERSETY OF MICHIGAN 850 I. Originalmitteilungen. [Aus der Nervenheilanstalt „Maria Theresien*Schl5ssel“ in Wien.] 1. Zur Topographie der Sensibilitätsstörungen am Rumpfe bei der zerebralen Hemianästhesie. Von Prof. Dr. Emil Badlioh. Die zerebrale Hemianästhesie ist in den letzten Jahren Gegenstand zahl¬ reicher, wichtiger Untersuchungen gewesen, die sich vor allem mit der Frage der Lokalisation der zugrunde liegenden pathologischen Prozesse, der verschie» denen Beteiligung der einzelnen Qualitäten der Sensibilität, in der letzten Zeit vielfach auch mit dem interessanten Problem der sogen, „segmentalen“ Aus¬ breitung zerebraler Sensibilitätsstörungen an den Extremitäten befaßten. Demgegenüber ist das Verhalten der Sensibilität am Rumpfe bei diesen Fällen mancherorts ein wenig vernachlässigt worden und das, obwohl v. Müllbb 1 in seiner bekannten Arbeit schon vor 10 Jahren auf recht interessante Details aufmerksam gemacht hatte, v. Mülleb beschreibt hier mehrere Fälle von zerebraler Hemianästhesie, wobei er sich auch mit der Ausbreitung der Sensi¬ bilitätsstörungen am Rumpfe und Kopfe beschäftigt. Anfänglich kann nach seinen Untersuchungen hier die Hemianästhesie bis an die Mittellinie heran¬ reichen. Im Stadium der Restitution stellt sich zunächst in einem der Mittel¬ linie benachbarten, schmalen Gebiete die Sensibilität wieder her. Im weiteren Verlaufe kehrt allmählich die Sensibilität am ganzen Rumpfe und Kopfe zurück, dann an den proximalen Abschnitten der Extremitäten und zuletzt erst an deren distalen Partien. Frühzeitig pflegt auch die Schleimhaut des Mundes, der Nase und der Konjunktiven das Empfindungsvermögen'wieder zu erlangen. Auch die Verhältnisse bezüglich der einzelnen Tastsinnsqualitäten zeigen bei dieser Besserung eine gewisse Gesetzmäßigkeit, indem sich zunächst die Em¬ pfindung für Schmerz, dann für Berührung und zuletzt für Temperaturreize wiederherstellt Sakdbebo * gibt nach Untersuchung mehrerer Fälle zerebraler Sensibilitäts¬ störungen an, daß diese am Rumpfe meist am wenigsten ausgeprägt seien. Er hat z. B. am Rumpf niemals eine vollkommene Anästhesie für Pinselberährrmg finden können. Auch unter normalen Verhältnissen sei übrigens das Raum- unterscheidungsvermögen am Rumpfe schlechter als an den Extremitäten, wes¬ wegen dort auch das Lokalisationsvermögen schlechter entwickelt sei. Soviel ließe sich immerhin feststellen, daß die Grenze der Sensibilitätsstörung niemals die Mittellinie bildet, sondern hier ein allmählicher Übergang in die Zone normaler Sensibilität stattfindet. ' v. Müller, Über die Störungen der Sensibilität bei Erkrankungen des Gehirns. Volk- mann’s Sammlung klinischer Vorträge 1905. * Sanobebo, Über die Sensibilitätsstörungen bei der zerebralen Hemiplegie. Deutsch« Zeitschr. f. Nervenheilk. XXX. 1906. S. 149. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN Eine für ans verwertbare kasuistische Mitteilung bringt auch Stauvfen- Bane 1 (aus der Schule v. Mülleb’s); in seinem (zweiten) Falle war z. B. an* länglich die Tastempfindung im Gesichte links bis zur Nasolabialfalte und am übrigen Körper auf der ganzen linken Seite erloschen, spitz und stumpf wurden hier nicht unterschieden. Im weiteren Verlaufe besserte sioh die taktile Sensi* bilität. Im Gesichte wurden auch feinere Berührungen außer an der Schläfe und vor dem Ohre empfunden. Vom Halse und von der Schulter an nahm die Empfindung ab bis zur totalen Anästhesie an der Hand. AmRumpfe wurden außer in einem fingerbreiten Streifen links von der Mittel¬ linie nur ziemlich grobe Berührungen empfunden. Die Schmerzempfindung war im Gesicht außer an der Schläfe intakt, im Rumpfe außer an der Mamma etwas besser. In einem von Fbank 2 * genauer beschriebenen Falle lag eine traumatische Schädigung des Gehirns vor (betroffen sind nach dem Autor der Gyrus supra- marginalis und die hintere Zentralwindung). Am Stamme — aber nur an der Vorderseite in einer Ausdehnung von 4 Querfinger oberhalb des Nabels — findet sich eine Sensibilitätsstörung, die nach oben ein Stück über die Scheitel-Ohrkinnlinie entlang sich erstreckt. Am Rumpfe und im Gesichte sind die medialsten Partien an den beigegebenen Abbildungen frei von Sensibilitäts¬ störung. Auch ein Fall von Camp 9 ist traumatischer Genese. Es bestanden hier epileptische Anfalle, beginnend mit einer sensorischen Aura, dann linksseitige Hemiparese und Hemihypästhesie. Die für letztere beigebrachten Sensibilitäts¬ befunde zeigen, daß die der Mittellinie benachbarten Partien des Rumpfes für taktile Reize normal empfindlich sind, wobei die Grenze gegenüber der hyp- ästhetischen Partie eine recht komplizierte Linie darstellt, die einzelnen Sinnes¬ qualitäten auch ein verschieden breites Territorium an der Mittellinie frei lassen. Bei Dejebine 4 5 * findet sich die Angabe, daß bei der zerebralen Sensibilitäts¬ störung die mediale Partie des Rumpfes in einer Breite von 1 bis 2 cm ver¬ schont bleibt, v. Monakow 9 bringt drei Abbildungen von zerebralen Sensibilitäts¬ störungen mit gleichem Befunde, wobei die Grenze gegenüber der hypästhe- tischen Partie teils der Mittellinie parallel verläuft, teils einen nach außen konvexen Bogen bildet. Er erwähnt in bezug auf die Aussparung dieser medialen Partie außer die schon erwähnten Arbeiten noch Hobslet und Bebomabk. Vielleicht finden sich noch da oder dort in der Literatur einschlägige Mit¬ teilungen, jedenfalls aber läßt sich sagen, daß die hier geltenden Verhältnisse noch 1 St auffbnberg, Zwei Fälle von Hemianästhesie ohne Motilitätsstörung. Archiv f. Psyoh. XLV. 1908. S. 703. * Frank, Über die Repräsentation der Sensibilität in der Hirnrinde. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilk. XXXIX. 1910. S. 193. * Camp, Type and distribntion of scnsory distnrbance due to cerebral lesion. Journal of nerv, and ment dis. XXXVII. 1910. S. 17. 4 Dbjbrine, Sömiologie. 2. Aufl. S. 909. 5 v. Monakow, Die Lokalisation im Großhirn. Wiesbaden 1914. S. 288. 14 * Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 852 keineswegs allgemein bekannt sind; selbst bekannte Lehrbücher unseres Faches lassen Angaben darüber vermissen, und in den kasuistischen Mitteilungen über zerebrale Hemianästhesie begegnet man wiederholt unzweifelhaft schemati¬ sierenden Angaben und Abbildungen über die Ausbreitung der Sensibilitäts¬ störungen am Rumpfe. m Unter den zahlreichen Fällen von Schuß Verletzung des Gehirns, die ich in der letzten Zeit gesehen habe, finden sich fünf mit zerebraler Hemianästhesie; ich habe sie dazu benutzt, mich etwas genauer über die uns hier interessierende / Fig. 1. Fig. 2. Frage zu orientieren. In vier Fällen lagen Tangentialschüsse des Schädels mit ausgedehnter Verletzung des Knochens, hauptsächlich in der Scheitelgegend, wo sicherlich auch die Rinde in größerem Umfange affiziert war, vor. Bei einem Falle handelte es sich um einen Durchschuß des Schädels. In einzelnen Fällen bestand Hemiplegie und Hemianästhesie, in anderen überwogen die Sensibilitätsstörungen weitaus über die motorische Lähmung. Da keiner der Fälle zur Obduktion gekommen ist, lassen sich genauere Angaben über die Ausdehnung der Hirnläsion, eine etwaige Mitbeteiligune des Markes u. a. nicht machen. Daher sind die Fälle auch nicht für Frager; der Lokalisation verwertbar. Es ist übrigens zweifelhaft, ob in bezug auf die Difitized by Gck igle Original from UMIVERS1TY OFM1CHIS 853 uns hier interessierende Frage ein Unterschied zwischen einer durch Rinden¬ läsion oder Markaffektion bedingten Hemianästhesie besteht. In der Schilderung unserer Befunde beschränke ich mich ausschließlich auf das Verhalten der Sensibilität am Rumpfe und am Kopfe, bzw. im Gesichte; von allem anderen will ich als bekannt absehen. Es zeigt sich, daß in halbwegs frischen Fällen die Grenze der an* bzw. hypästhetischen Zone gegenüber der gesunden Körperhälfte im allgemeinen eine recht scharfe ist; sie entspricht nahezu vollständig der Mittellinie (s. Figg. 1, 2 u. 3), jedoch lassen Fig. 8 . Fig. 4. sich am Rumpfe sowohl wie am Kopfe (Gesicht nnd Rückseite des Kopfes) zwei oder mehrere Zonen nachweisen, in denen beinahe immer die Störung lateralwärts an Intensität zunimmt (s. Figg. 1 bis 4). Zunächst der Mittellinie findet sich die taktile, ebenso auch die Schmerzempfindung nur wenig alteriert. Diese medialste Partie ist relativ schmal, zwei höchstens drei Querfinger breit; ihre Grenze gegenüber der lateralen, stärker affizierten ist nur selten der Mittellinie parallel (s. z. B. Fig. 58 bei v. Monakow, wo freilich dieser Abschnitt schon vollständig frei ist). Häufiger verläuft die Grenze in einem lateralwärts konvexen Bogen, d. h. sie ist im Gesichte und am Nacken, sowie gegen die Leiste schmäler, entsprechend der mittleren Partie des Rumpfes, Digitized b' Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 854 etwa in der Nabelgegend, breiter (Figg. 7 u. 9 der MüLLKB’schen Arbeit and Fig. 2 oben sind Beispiele dafür). Die Grenzlinie kann aber auch einen komplizierten Verlauf nehmen (s. z. B. Fig. 1, dann bei Camp). Vorder- und Rückseite des Rumpfes zeigen übrigens beim selben Kranken nicht immer ein gleiches Ver¬ halten; auch für die einzelnen Tastsinnsqualitäten ist die Grenze eine verschiedene. Recht kompliziert ist auch der Übergang vom Rumpf auf den Hals, bzw. das Gesicht; unter anderem kann die medialste Partie des Gesichtes schon frei von Sensibilitätsstörungen sein, während das Gefühl am Rumpfe hier noch leicht gestört ist. Statt umständlicher Beschreibungen kann anf die beigegebenen Ab¬ bildungen verwiesen werden. Der laterale, also weitaus größere Abschnitt des Rumpfes ist stärker be¬ troffen, mitunter in gleichmäßiger Weise, wobei übrigens der Grad der Störung hier noch immer weniger intensiv ist als an den Extremitäten, speziell den distalen Abschnitten derselben 1 (v. Mülles, v. Monakow). Die beigegebenen Figg. 1 u. 2 bringen solche Beispiele. Oder aber — und das ist das häufigere — es lassen sich im lateralen Abschnitt noch zwei, selbst drei Zonen nach- weisen (v. Mülles Fig. 7 oder unsere Figg. 3 u. 4). Die Grenzen der einzelnen, quantitativ abgestuften Bezirke Sind in Frühfällen meist relativ scharfe und bis zu einem gewissen Grade konstante. Sie zeigen bei den verschiedenen Kranken Abweichungen, immerhin kommen einzelne Linien mit einer gewissen Vorliebe zum Vorscheine. Ich möchte da im Gesicht eine durch den lateralen Augen¬ winkel ziehende Linie, an der Vorderseite des Rumpfes eine der Mamillarlinie entsprechende oder nahe dieser verlaufende hervorheben. Da, wo mehrere Grenzlinien bestehen, können sie (selten) mehr minder parallel sein oder sie verlaufen gegen die obere und untere Rumpfgrenze zwiebelscbalenformig, diver¬ gieren gelegentlich auch. Auch hier kann ich auf v. Mülleb’s Fig. 7 oder unsere Figg. 3 u. 4 verweisen. Vorder- und Rückseite des Rumpfes zeigen meist ein verschiedenes Bild; bei letzterer ist das Verhalten gegen die Glutäalfalte nicht uninteressant. Ich habe schon, entsprechend den Angaben v. Mülleb’s erwähnt, daß für die einzelnen Qualitäten des Tastsinnes die Bilder sich verschieden gestalten können, obwohl ich nicht so weitgehende Differenzen gefunden habe als v. Mülles : die Schmerzempfindung zeigt mitunter bloß zwei Zonen am Rumpfe, während im gleichen Falle für taktile Reize drei nachweislich sein können. In einzelnen Fällen, die jetzt schon genügend lange in Beobachtung stehen, habe ich auch, wie dies v. Mülleb u. a. angeben, gesehen, daß die medialste Partie, die ursprünglich eine wenn auch leichte Störung aufwies, im weiteren Verlaufe wieder vollständig frei wurde (Fig. 4). Ein vollständiges Freiwerden de? Rumpfes habe ich in meinen Fällen bisher nur vereinzelt beobachtet; freilich sind bei keinem meiner Fälle mehr als 10 Monate seit der Verletzung verflossen. Wir sehen also, daß — wenigstens wenn wir Frühstadien heranziehen — die Sensibilitätsstörung am Rumpfe und im Gesicht bis an die Mittellinie 1 Nicht unerwähnt kann übrigens bleiben, daß in AnsnahmefäUen die Kranken be¬ haupten, in der lateralen Rumpfpartie besser zu fühlen als in der medialen. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN heranreicht; aber sie ist in einem der Mittellinie benachbarten, schmalen Gebiet relativ geringer, verliert sich hier auch im weiteren Verlauf wieder ganz, v. Monakow hat die mediale freie Partie am Kumpfe mit dem „überschüssigen Gesichtsfelde“ bei der bilateralen homonymen Hemianopsie verglichen. Zur Erklärung dieses überschüssigen Gesichtsfeldes sind bekanntlich verschiedene Momente herangezogen worden, unter anderem eine beiderseitige Hemisphären¬ innervation dieses wichtigsten Abschnittes der Sehsphäre. Dies auf die uns interessierenden Verhältnisse über tragen, würde also voraussetzen, daß für die sensible Innervation der medialsten Rumpfpartien gleichfalls beide Hemisphären in Betracht kommen. Wir haben weiter gesehen, daß sich in der lateralen Partie des Rumpfes meist noch weitere, nach der Intensität der sensiblen Störung abgestufte Zonen abgrenzen lassen. Dureh Untersuchungen an mir selbst und an anderen habe ich mich überzeugt, daß es sich hier nicht etwa um schon de norma vorkommende Differenzen handelt, daß bei Gesunden vielmehr die Sensibilität an den medialen und lateralen Rumpfpartien gleich scharf ist Die Sensibilitätsstörung am Rumpfe ist bei der zerebralen Hemianästhesie, wie wir gesehen haben, überhaupt schwächer als die an den Extremitäten und kann sich im weiteren Verlauf auch wieder vollständig verlieren, während sie an den Extremitäten noch deutlich ist Nun wissen wir, daß die Sensibilität am Rumpfe de norma schon viel weniger ausgebildet ist als an den Extremitäten, wie unter anderem die verschiedene Größe der Weber sehen Tastkreise da und dort zeigt. Das legt den Gedanken nahe, daß die Sensibilität des Rumpfes eine relativ schwache Vertretung im Kortex hat, eine schwächere als etwa die der Extremitäten, speziell der distalen Abschnitte der oberen Extremitäten. Das ist verständlich, wenn wir die verschiedenen Aufgaben, die der Sensibilität der Extremitäten gegenüber jener des Rumpfes und Kopfes, Organen, die relativ geschützt liegen, zukommen, vergleichen. Die Sensibilität des Rumpfes hat im wesentlichen nur primitive Funktionen zu leisten, die Abwehr gewisser Schäd¬ lichkeiten, die Auslösung von Reflexbewegungen usw., während die Sensibilität der distalen Extremitätenabschnitte bei der Abtastung, der Besitzergreifung der Umwelt u. a. von größter Bedeutung ist. Die Verschiedenheit in der In¬ tensität der kortikalen Ausfallserscheinungen entspräche also im wesentlichen der Verschiedenheit der normalen Ausbildung. 1 Mit dem Gesagten stimmt überein, daß bei Fällen von sensiblem Jackson nicht selten der Rumpf relativ frei bleibt. Auch sei erwähnt, daß z. B. Valken- bueg* in einem Falle, wo er die sensiblen Foci der Hirnrinde beim Menschen elektrisch reizte, keinen Punkt angibt, dessen Reizung sensible Empfindungen am Rumpfe ausgelöst hätte. Wie wir sonst bei zerebralen Prozessen einen unzweifelhaften Parallelismus 1 Damit ist freilich nicht erklärt, warum die lateralen Partien des Rumpfes soviel stärker betroffen sind als die medialen. 1 Valkbnbdro, Zur fokalen Lokalisation der Sensibilität in der Großhirnrinde des Menschen. Zeitechr. f. d. ges. Neurol. XXIV. 1914. S. 294. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 856 zwischen motorischer und sensibler Störung finden in dem Sinne, daß jene Körperpartien, die bei entsprechenden Hemisphärenläsionen der Sitz der schwersten Motilitätsstörung sind, auch bei der zerebralen Heinianästhesie am intensivsten ergriffen sind, sehen wir dies auch am Rumpfe, dessen Motilität bei der zere¬ bralen Hemiplegie freibleibt oder nnr wenig betroffen ist und der auch bei der zerebralen Hemianästhesie weniger ergriffen ist als die Extremitäten. Für ersteren Umstand zieht man die beiderseitige Hemisphäreniunervation, bzw. Innervation durch subkortikale motorische Zentren heran, v. Monakow 1 weist unter anderem auch darauf hin, daß nach experimentellen Untersuchungen die Rumpfmuskulatur hauptsächlich von subkortikalen Hirnteilen innerviert werde. „Wenn auch entsprechende Foci nicht ganz fehlen, so können sie doch nur rudimentär sein, bzw. sie müssen anders lokalisiert sein als die übrigen Foci.“ Kann dies auch für die sensible Innervation des Rumpfes gelten? Rbao und Holmes 2 nehmen z. B. an, daß für alle „affektiven“, mit einem Gefühlston verbundenen sensiblen Reize der Thalamus opticus die Endstation bilde, in der sie zum Bewußtsein kommen. Gerade diese relativ primitiven Funktionen sind es ja, die die Sensibilität des Rumpfes leistet. Aber unsere ganzen Kennt¬ nisse vom Bau und von der Funktion des Hirns weisen uns darauf hin, alles Bewußtsein iu die Großhirnrinde zu verlegen; daher stößt die Ansicht von Head und Holmes gewiß auf Schwierigkeiten. Jedenfalls aber zeigt sich, daß auch iu theoretischer Hinsicht das Studium der Sensibilitätsstörungen am Rumpfe weiteres Interesse verdient. Dazu vielleicht angeregt zu haben, erscheint mir der Hauptzweck der vorliegenden Mitteilung. 2. Zur Kenntnis der tigrolytischen Ganglienzellschwellung. Von Dr. F. J. Stuurman, Irrenanstalt „Meerenberg“ (Holland). In diesem Centr. 1915. Nr. 14 hat K. Schaffer einen Aufsatz über die „histologische Charakteristik der Ganglienzellschwellung“ veröffentlicht Der Autor fand nach experimenteller wie pathologischer Nerven-bzw. Wurzelschädigung eine Reaktionsform der Ganglienzelle, welche er als exogen-traumatische Ganglien¬ zellschwellung der endogen-krankhaften Ganglienzellschwellung, welche er bei der familiär-amaurotischen Idiotie fand, gegenüberstellt Die Kennzeichen beider Formen waren: I. ZellsohweUung duroh exogen- traumatischen Einfluß: 1. Zentrale Chromolyse. I II. ZellsohweUung durch endogen- l bedingten Einfluß entstehend: : 1. Peripherer Schwund der chromati- ! sehen Substanz. ‘ L. c. S. 207. 1 Hkad und Holmes, Sensory distarbances froui cerebral lesiona. Br&in. XXXIV. Ref. Neurolog. Centralbl. 1912. S. 965. Digitized by Go», igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 857 2. Chromolytisohe Zerstäubung. 2. I if* 3. Periphere Lagerung des Kerns. : 3. 4. Kern gedunsen und hell. 4. 5. Zellkörperschwellung, Dendriten frei, j 5. höchstens diffus geschwellt i| Fortschreitender Schwund der chro¬ matischen Substanz. Überwiegend zentrale Lagerung des Kerns. Kern gefärbt und kleiner. Nebst Zellkörpersohwellung noch lo- kal-ballonfönnige Dendritenblähung. Als Hauptunterschied haben wir also, daß die Erkrankung bei der ersten Form zentral, bei der zweiten peripher einsetzt „Ob sich hieraus (schreibt der Autor) nicht ein Verhältnis zwischen Kern und plasmatischer Nissl-Substanz er¬ geben dürfte, mag vorläufig dahingestellt sein; immerhin bleibt die interessante Tatsache bestehen, daß als das ultimum moriens bei exogen-traumatischer Neu¬ ronenverletzung die periphere chromatische Substanz erscheint, hingegen es bei endogener Neuronenerkrankung die zentralen, perinuklearen Nissl-Portionen sind.“ Ich meine nun, daß der Autor bei seiner Betrachtung zu viel Gewicht auf diesen Unterschied legt, weloher meines Erachtens nicht prinzipiell ist, sondern in seinen Fällen zufällig vorhanden war zufolge den bestimmten Stadien, in welchen die Zellerkrankungen sich befanden. Wenigstens bei der tigrolytischen Ganglienzellschwellung nach Nerven¬ durchschneidung fand ich dem Grade der Erkrankung gemäß sehr verschiedene Zustände. In meiner Dissertation 1 habe ich im letzten Abschnitte „Über Tigroid und Tigrolyse“ diese Befunde besprochen. Weil diese Dissertation in der holländischen Sprache erschienen und also selbstverständlich im Auslande wenig bemerkt worden ist, möchte ich meine Befunde betreffs des obengenannten Gegenstandes an dieser Stelle kurz mitteilen. Für meine Arbeit hatte ich bei verschiedenen jungen Kaninchen den Nervus vagus an verschiedenen Stellen reseziert, wie auch seine wichtigsten Aste. Die Nissl-Präparate des verlängerten Markes dieser Tiere zeigten tigrolytische Dege¬ neration in den ventralen und dorsalen Vaguskernen. Bei den Tieren mit Vagusdurchschneidung, bei welchen sowohl der ventrale, wie auch der dorsale Kern degeneriert war, ergab sich immer, daß der ventrale Kern viel weniger schwer affiziert war, als der dorsale Kern. Im letzteren waren oft zahlreiche Zellen ganz und gar verschwunden, während die übrigen sehr stark verändert waren mit fast vollständiger Tigrolyse und randständigem, geschrumpftem Kerne oder ohne sichtbaren Kern. Im ventralen Kerne hingegen waren gar keine Zellen verschwunden; einzelne zeigten die schwere Veränderung wie die Zellen des dorsalen Kerns, die meisten aber nur eine geringe Tigrolyse mit Anhäufung des Tigroids ringsum den noch zentral liegenden, etwas geschwollenen Kern. Daß wirklich dieser Zustand als eine leichtere Erkrankung als diejenige des dorsalen Kerns zu betrachten war, ergab sich aus der Vergleichung mit anderen Serien, bei welchen die Intensität der Erkrankung verschieden war. War z. B. 1 Ober den Ursprung des N. vagus beim Kaninchen. Amsterdam 1913. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN — 858 der dorsale Kern fast ganz uud gar verschwunden, so waren die Zellen des ven- traten Kerns im,Bta4ttt0:':^h^ker v 7ign»]j8d'' mit randständigem Kerne; waren hingegen pur wenigeZellen dös dorsaleii KetüB serschwünden, so wurden m reutrtÖea Kerne adssebiießlicK Zellen gefunden mit geringer Tigmlyse and An- hähfaog; des Tigrpids um die zentral gelegenen Kerne. Ich zog also den Schluß, daß die mit Zelte uud Kernsehweilung und Anhänfuhe des Tigroids riugs um den Kern anfäogt. Unter fortschreitender Tigrolyse, fif im§:z 2 äf Vu sEWjji;; ,.3Ä j&m •; V:. i'iv 4» • -v 'tcssy- :ä«sr |K iö{^ v;;‘ l 1 '-* \ .V^'V >4 '*« 4 i # £* 2 is. Zm Sm£&. :ä A \P "ö täsHp* $pii ipÄ c« - jlö *■. . I ” 9 1 ''S-’: ), ’ ■ V' ^ ISO _JL_ Tigfolytische Zehen des N, ambiguus inferior, wodurch der Zellkörper und später auch, der Kern diffus gefärbt wird, geht der Kern mit den Kesten des Tigroide penpherwärts; dann zeigt der Karn deutliche Schrumpfang und verschwindet; dis diffuse Färbung der Zelle nimmt wieder •ab (sogen, Achrbmatose), uud ein ‘formloser, bleicher „Schatten** ist das letzte, was wir von der Zeile sehen. Die hier wieder reproduzierte Fig. 14 meiner Dissertation zeigt die' yerMiiedmn Stadien der Zeiterkrankung. Es sind Zellen aus dem großzelligen kaudalen Abschnitt^de» ventralen Vaguskerns (K. ambiguus inferior). Die 'Numerierung der Zellen ist nicht übereinstimmend mit dem Gradt der Erkrankung.- "Vieiaiehr ist die .Reihenfolge- derart, daß Zelle 8. die leichtest erkrankte Zelle ist; - dann, folgen Zeile 2, l. 6> 5. 4, t 8, 10, indem Nr. 5» da» kernlose Eadsladiutu darsteilt . ' ■ . : . : Original ffom Go gle 859 Außer von der speziellen Empfindlichkeit der Zellart, wie aus obenstehendem folgt, zeigte sich die Intensität der Erkrankung abhängig von der Gewalt und der Stelle des Eingriffs, von der Überlebensdauer nach der Operation und vom Alter des Probetieres. Größere Gewalt, z. B. gewaltsames Zerreißen des Nerven, mehr zentrale Durchschneidungsstelle, längere Überlebenszeit (innerhalb 2 bis 8 Wochen) und jüngeres Alter geben schwerere und schnellere Erkrankung. Damals habe ich schon darauf hingewiesen, daß der oben beschriebene Be¬ fand nicht übereinstimmt mit der klassischen Beschreibung der tigrolytischen Degeneration (Nissl, Mabinesco, van Gehüohten). Neulich habe ich meine Präparate nochmals durchgesehen und kann nur meine früheren Beobachtungen bestätigen. Die tigrolytische Zelldegeneration fängt nicht zentral an, sondern im Anfangsstadium kommt es zur zentralen Anhäufung des Tigroids rings um den geschwollenen Kern, indem an derJPeripherie das Tigroid sich auflöst, und erst später geht der dann schrumpfende Kern peripherwärts mit den Besten des Tigroids. Ich möchte also warnen vor einer Gegenüberstellung verschiedener Dege¬ nerationstypen auf Grund von Unterschieden, welche man nur in einem be¬ stimmten Stadium antrifft. Keineswegs will ich die Wahrscheinlichkeit bestreiten, daß verschiedene Degenerationsformen bestehen, namentlich z. B. eine hereditär- degenerative, eine toxische (endogen oder exogen) und eine traumatische (bei Verwundung des eigenen Neurons; ob Läsion des sekundären Neurons tigrolytische Degeneration zur Folge hat, möchte ich noch bestätigt sehen). Vielleicht ist die frühzeitige Kernschrumpfung und -farbung bei der amaurotischen Idiotie ein wesentliches Merkmal zur Unterscheidung von der traumatischen Degeneration. 11. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1) Über Sohädelsohüsse, von M. Maresch. (Wiener klin. Woohenschr. 1915. Nr. 38.) Ref.: Pilcz (Wien). Fall I. Prellschuß 19. XII. Aufnahme 10 Tage später, benommen, Aphasie, rechtsseitige Hemiplegie. Nach Operation geringe Aufhellung des Bewußtseins, dann meningeale Symptome, Exitus am 2.1. Fall II. Steckschuß vor 5 Tagen. Sensorium getrübt, keine LähmungB- ersoheinungen. Fieber. Bei Operation entleert sioh reichlich Eiter. Exitus nach 3 Tagen unter meningitischen Erscheinungen. Fall III. Tangentialschuß am Vortage. Bewußtsein erhalten, leicht febril, keine Lähmungserscheinungen. Operation. Im Laufe der nächsten 4 Wochen m&ßiger Hirnprolaps, im übrigen Befinden zufriedenstellend. Fall IV. Steckschuß am Vortage. Keine Bewußtseins- oder Motilitäts¬ störungen, Austritt von Hirnmasse aus Sohußöffnung. Operation, bei welcher zahl¬ reiche Knochensplitter entfernt, .Geschoß jedoch nicht gefunden werden konnte. Heilung. Beobachtungsdauer 2 */ s Wochen. Fall V. Tangentialschuß mit sofortiger rechtsseitiger Lähmung und Aphasie, Sensorium getrübt. Operation an demselben Tage. Fieber. Beobachtungsdauer Digitizeü by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 860 nur 8 Tage; Sensorium völlig frei, normale Temperatur, Aphasie und Hemiplegie unverändert. Fall VI. Tangentialschuß am Vortage. Operation. Heilung. Fall VII. Tangentialschuß am 16. V., bewußtlos, rechtsseitig gelahmt, apha- sisch, fiebernd. Operation 3 Tage später. Schwinden der Aphasie und Besserung der Hemiplegie. Fall VIII. Prellschuß am 17. V., Aufnahme nach 6 Tagen, linksseitige Parese. Nach Operation Heilung der Lähmung. Fall IX. Steckschuß am 17. V., Aufnahme nach einer Woche, Sensorium getrübt, Fieber. Bei Operation entleert sich Eiter. Exitus nach einer Woche unter meningitischen Symptomen. Obduktion: Eitrige Meningitis und Hirnabszeß, in dem eine Schrapnellfüllkugel liegt. Fall X« Tangentialschuß am 25. V., Aufnahme 2 Tage später, benommen, Motilität ungestört. Fieber. Am Halse großer Abszeß. Operation. Heilung. Fall XI. Tangentialschuß am Vortage. Klagen über schlechtes Sehen. Puls¬ verlangsamung. Schußwunde am Hinterhaupte median. Operation. Besserung des Sehvermögens. Außerdem hatte Verf. noch einen Steck« und einen Durchschuß operiert, ohne den Exitus aufhalten zu können, drei Tangentialschüsse und einen Durchschuß durch Operation geheilt. Verf. schließt, daß jeder Schädelschuß unbedingt und sofort operiert werden muß, und daß der operierte Fall so spät wie möglich abtransportiert werden solL Zahlreiche andere Einzelheiten dieser Arbeit von vorwiegend chirurgischem Interesse mögen im Originale nachgelesen werden. 2) Erfolge und Mißerfolge bei der operativen Behandlung der Soh&del- sohüsse, besonders der Durchschüsse, von B. 0. Pribram. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 38.) Ref.: Pilcz (Wien). Fall I. Tangentialschuß vor etwa 2 Wochen. Somnolenz, kleiner, nekro¬ tischer Hirnprolaps, rechtsseitige spastische Parese mit Sprachstörung artikulato- rischer und aphasischer Art, Bauchdeckenreflex rechts fehlend. Operation, kein Eiter, Entfernung von Knochensplittern. Sofort Sprache normal, afebril, Lähmung geschwunden. Am 6. Tage plötzlich Somnolenz, totale Lähmung mit Aphasie, Fieber. Aus der Wunde entleeren sich stark hämorrhagische Himmassen. Exitus. Bei Obduktion kein Eiterherd, hämorrhagische Kolliquationsnekrose der lädierten Hemisphäre, diffuse Hirnschwellung. Fall II. Schädeldurchschuß von Hinterhauptschuppe zur rechten Stirnseite. Operation, wobei sich stark eitrig belegter Prolaps zeigt* Nach einigen Tagen schwerer Somnolenz und Fiebers fortschreitende Besserung, endlich Heilung. Fall III. Schädeldurchschuß von Hinterhaupt zu rechter Schläfe, Ausschuß sezernierend. Somnolenz, Bradykardie, Visus herabgesetzt. Nach einigen Tagen, ohne Operation, zunehmende Besserung, Visus wurde normal, Heilung. Fall IV. Schädeldurchschuß von hinten nach vorn rechts. Totale linksseitige Lähmung, Bradykardie, Somnolenz, Fieber. Bei Operation Eiter und Knochen¬ splitter. Darauf Temperatur 39°, Pat. fühlt sich wohler, Lähmung unverändert, Eitersekretion nimmt ab, Temperatur nimmt staffelförmig ab, Exitus, ohne menin- geale Symptome, in tiefer Somnolenz. Fall V. Durohuß von linker Stirn- zu linker Hinterhauptseite, starke Eiter¬ sekretion. Somnolenz wird geringer, Temperatur subfebril, Puls normal. Operation am 18. Tage nach Verletzung ergibt großen Okzipitalabszeß. Eröffnung, Drainage, Heilung. Fall VI. Ein- und Ausschuß nahe beieinander auf rechter Kopfseite. Hint- prolaps mit starker Eitersekretion. Fieber. Somnolenz. Schlaffe linksseitige Lähmung mit Hypästhesie. Operation 16 Tage nach Verletzung. Prolaps von Digitized by Gck igle Original from UMIVERS1TY OF MICHJJüLL* 861 Abszeßchen durchsetzt, Knochensplitter« Aus Tiefe entleert sich massenhaft Eiter. Auoh in der Folge entleeren sich noch immer Knochensplitter. Zunehmender Rückgang der Lähmungen, Zunahme der Reflexlebhaftigkeit. 3 Monate nach Operation Gang spastisch behindert. Fall VII. Schädeldurchschuß von links her, motorische Aphasie, völlige rechtsseitige Lähmung, Lesen und Leseverständnis erhalten. Nach Entfernung der Splitter verschwand sofort sowohl schlaffe Halbseitenlähmung wie Aphasie, die volle 18 Tage unverändert bestanden hatte. Intensität der Reflexe nahm zu. Es stellten sich allmählich stärkere Spasmen ein, sowie Tremores in rechtsseitigen Gliedmaßen. Verf. macht in den epikritischen Bemerkungen besonders auf diese das Ope¬ rationsresultat hinterher beeinträchtigenden Spätfolgen aufmerksam, denen ver¬ mutlich lokale Degeneration und Sklerosen als Splitterdruckfolge zugrunde liegen. Zahlreiche Einzelheiten mögen im Originale nachgelesen werden. 8) Bemerkenswerte Fälle von Verwundung des Sehorgans, von Prof. Ol off. (Deutsche med. Wochenschr. 1915. Nr. 39.) Ref.: Kurt Mendel. Den Neurologen interessiert Fall II: Gewehrschuß in Hinterkopf. Rechts neben der Protuberantia occipitalis externa eine kleine, mit den Knoohen ver¬ wachsene Narbe (Einschuß). Ausschußnarbe fehlt. Linke Pupille etwas weiter als rechte und leicht entrundet. Linksseitige homonyme Hemianopsie; sehr aus¬ gesprochene hemianopische Pupillenstarre: wurde Licht nur auf die rechten Netz¬ hauthälften geworfen, so blieb die Reaktion aus, dagegen machte sich die letztere sofort bemerkbar, sobald die linken Netzhauthälften isoliert belichtet wurden. Das Röntgenbild zeigt, daß das Geschoß über dem rechten Felsenbein mit der Spitze nach hinten gerichtet liegt. Trotz der Schwere der Gehirnverletzung bestanden Ausfallserscheinungen nur von seiten der Augen.* Diagnose: Verletzung des rechten Tractus opticus. 4) Über Laminektomie bei Steckschüssen des Rückenmarks, von G. Perthes. (Beitr. z. klin. Chir. XCVII. 1915. H. 1.) Ref.: K. Boas. Fälle von Rückenmarkslähmung mit Fehlen der Ausschußöflhung sprechen von vornherein für Steckschuß des Rückenmarks. Eine Deformation oder eine umschriebene Druckempfindlichkeit der Wirbelsäule ist zumeist nicht nachweisbar. Höchstens findet man Schmerzempfindung beim Druck auf die dem verletzten Wirbel entsprechende Rippe. Das Rückenmark kann auch unter der unverletzten Dura quergequetscht sein. Die Art des Geschosses ist für die Prognose von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Schrapnellgeschosse bewirkten jedesmal eine voll¬ ständige Zertrümmerung, Infanteriegeschosse dagegen nur eine unvollständige Rückenmarksquetschung bzw. funktionelle Lähmung des Rückenmarks. Bei den Rückenmarkssteckschüssen mit Symptomen von nur teil weiser Querschnittsläsion ist die tunlichst baldige Laminektomie unbedingt indiziert. 6) Krieganeurologisohe Erfahrungen, von C. Mayer. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 37.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Das Wesentlichste aus den Ausführungen sei hervorgehoben. Von peripheren Nervenverletzungen der oberen Extremität fand sich der Radialis am häufigsten geschädigt, teils allein, teils mit anderen Nerven. Wiederholt war er in den Knochen hineingeschlagen. Auch wenn es nicht zur Fraktur kommt, wird für den Nerven das Widerlager des Humerus an der UmschlagBStelle zu einer besonderen Q-efahr, Auch bei sicherer Kontinuitätsunterbrechung des Radialis kann Sensi- bilitätsstörung ganz fehlen, meist besteht nur eine leichte Hypästhesie. In einem Falle von Durchschuß oberhalb der Kniekehle fand sich Fehlen des Achillessehnenreflexes ohne sonstige motorische Ausfälle bei guter elektrischer Erregbarkeit im Tibialisgebiete; es bestand nur leichte Sensibilitätsstörung im Zehenbereicb. Für das Fehlen des Sehnenreflexes macht Verf. die Schädigung der Digitized by Go igle Original fro-m UMIVERSITY OF MICHIGAN 862 zentripetalen Nervenan teile verantwortlich, ln Fällen, wo Schmerzen oder Par- ästheaien sich hei auch nur beschränkten Bewegungen im Innervationsbereich ver¬ letzter Nerven einstellen, ist es gut, an die Möglichkeit eines Aneurysmas zu denken. Trophische Störungen wurden besonders im Bereich der Nägel und da vor allem im Medianusbereich, aber auch an den Zehen bei Ischiadioussohädigung -ge¬ sehen. Einzelne Fälle sind von besonderem Interesse, so Fälle von diffuser oder knotig umschriebener Neuritis, von „NeuritiB ascendenB“, „Neuritis migrans“ u.a.m. Die Differentialdiagnose hysterischer und organischer Störungen ist meist nicht schwer, kann aber gelegentlich Schwierigkeiten bereiten. Zur Feststellung des rein psychogenen Charakters hat sich Verf. gelegentlich die Ermüdung der psychogen innervierten Muskeln durch einen durch einige Zeit fortgesetzten mäßigen Gegenzug, also nicht durch jähe Überwältigung, bewährt. Oft genügt die Topographie der Störung oder aber im Zweifelsfalle der Nachweis des Schwankens bei wiederholter Prüfung. Die therapeutischen Anschauungen decken sioh im allgemeinen mit denen anderer Autoren, über den endgültigen Erfolg kann erst die weitere Zukunft Auf¬ schluß geben. 0) Sohußverletzungen peripherer Nerven, von Fr. Gratzl. (Inaug.-Dissert. München 1915.) Ref: E. Boas. Der Arbeit liegen insgesamt 15 von Gebele (München) operierte und von Spielmeyer (München) neurologisch und nach der Exzision histologisch unter¬ suchte Fälle von Schußverletzungen peripherischer Nerven zugrunde. In 9 Fällen war das Verfahren der Wahl die Nervennaht, in 6 Fällen die NeurolyBe. Mithin wurde in der Mehrzahl der Fälle die Vereinigung mittels der Nervenplastik vor¬ genommen, indem der allzu große Defekt durch Halbierung einer oder beider Nervenenden und Umschlagen gedeckt wurde. Die operativ erzielten Heilungs- erfolge werden insgesamt auf 11 = 73 °/ 0 veranschlagt. Die durch die Operation gewonnenen Erfahrungen scheinen nicht die Auf¬ fassung Stoffels zu bestätigen, daß es genau darauf ankommt, bei einer Nerven¬ naht streng darauf zu achten, daß die Schnittflächen der korrespondierenden Stümpfe der einzelnen Nervenbahnen miteinander in Kontakt treten, denn es wurden auch gute Erfolge der Nervenplastik erzielt. 7) Sohußverletzungen peripherer Nerven, von Grosse. (Bruns’ Beiträge z. klin. Chirurgie. XCVII. 1915. H. 3.) Bef.: K. Boas. Verf. berichtet über insgesamt 37 Fälle von Schuß Verletzungen peripherer NerveD. Die Ergebnisse der Nervennaht bzw. Neurolyse waren in 12 Fällen gute, in 7 Fällen war ein teilweiser Erfolg vorhanden, während dieser in 18 Fällen ausblieb. Bemerkenswert ist das Versagen des Verfahrens an den Nerven der unteren Extremität im Gegensatz zur oberen. 8) Über die Technik der Neurolyse, von A. Stoffel. (Deutsche med. Wochen¬ schrift. 1915. Nr. 42.) Bef.: Kurt Mendel. Die Technik der Neurolyse hat sich genau nach der anatomischen Struktur des Nerven und naoh dem pathologisch-anatomischen Befund zu richten. Liegt nur eine perineurale Narbe vor, so hat der Operateur mit ihrer Beseitigung seine Pflicht getan; handelt es sich aber — wie zumeist — um eine endoneurale Schwiele, so begeht er einen Fehler, wenn er sie stehen läßt; denn dieses endo¬ neurale Narbengewebe umklammert trotz der Beseitigung der perineuralen Narbe nach wie vor die einzelnen Nervenbahnen und schädigt sie weiter. Bei der mikro¬ skopischen Untersuchung würde man wohl bei allen Nervenquetschungen eine endoneurale Narbe nachweisen können. Dieses Narbengewebe, das die Interstitien zwischen den Nervenbahnen ausfüllt, den Nerv (naoh Entfernung der perineuralen Narbe) noch hart erscheinen läßt und Knirschen unter dem Messer hervorruft, Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 863 muß in sorgfältigster Weise exstirpiert werden. Von Zeit zu Zeit ist mit einer sterilisierten starken Lupe zu prüfen, wo noch Narbengewebe steht. Bei allen diesen Arbeiten ist die Kenntnis der Topographie des Nervenquerschnittes sehr wichtig. Man wird vor allen Dingen die motorischen Bahnen aus der Narben¬ masse exakt herausschälen und die sensiblen Bahnen erst in zweiter Linie be¬ rücksichtigen. Ist die Auslösung der einzelnen Bahnen beendet, dann werden die Nervenbahnen wieder zu einem Kabel zusammengelegt und das ganze wird um¬ scheidet, am besten mit in Formalin gehärteten Kalbsarterien oder -venen oder Kalbsperitoneum. Es kann Vorkommen, daß innerhalb desselben Nervenkabels teils die Neurolyse, teils die Nervennaht auszufuhren ist. Da ein Nerv sich ausgiebiger und schneller regeneriert, wenn er entspannt ist, so sind nach der Neurolyse die Nachbargelenke so zu stellen, daß der Nerv eine völlige Entspannung aufweist. Niemals ist eine Narbe am Nerven zu resezieren, ohne daß man den Ver¬ such gemacht hat, in das Innere der Narbe einzudringen. 9) Über „rheumatische“ Affekttönen im Felde und über Tomisterdruok- neuralgien, von Strasser. (Zeitschr. f. physikal. u. diätet Therapie. 1915. Oktober.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. bespricht zunächst die vielen „rheumatischen“ Affektionen, die im Feld¬ zuge zur Behandlung kommen. Besonders geht er auf eine Affektion ein, die anfangs häufig, jetzt fast niemals mehr beobachtet wird. Die Patienten klagen über Schmerzen am 7. bis 9. Dornfortsatz und seitlich in der langen Rücken¬ muskulatur, ferner etwa 2 cm nach außen von der Synchondrosis sacro-iliaca beiderseits und endlich längs des Darmbeinkammes bis zur Spina anterior superior. Objektiv sah man am 7. bis 9. Dornfortsatz meist eine dunkle, etwa kronengroße Hautverfärbung, seitlich davon Druckschmerzhaftigkeit, die besonders deutlich an den anderen angegebenen Partien war, dabei manchmal ausgesprochene Atrophie des M. glutaeus superior und medius mit Herabsetzung der Sensibilität an der Haut. Es handelt sich um Druckerscheinungen, und zwar Druckmyositiden, Druck¬ neuralgien und wohl auch Druckneuritiden. Die Ursache bilden die Tornister. Seitdem man vom beweglichen zum Stellungskampf übergegangen ist, wobei die Soldaten die Tornister ablegen konnten, hat Verf. die Affektion nicht mehr ge¬ sehen. Sie ist im übrigen nicht schwer und heilt ziemlich schnell. Der Ersatz von Tornistern durch Rucksäcke hat auch einen guten Einfluß gehabt. 10) Über Gamazohenzchinerzen, von A. Schüller. (Wiener med. Wochenschr. 1915. Nr. 35.) Ref.: Pilcz (Wien). Verf. konnte bei einer großen Zahl von Offizieren, welohe lange Zeit hin¬ durch die Strapazen des Feldzuges mitgemacht hatten, das Vorhandensein inten¬ siver, entlang den Schienenbeinen lokalisierter Schmerzen konstatieren. Die ob¬ jektive Untersuchung ergab zumeist keinerlei Symptome einer organischen Affektion. Als Ursache der charakteristischen Schmerzen ließ sich die mechanische und kalorische Schädigung der Untersohenkel durch das lange Tragen enganliegender Gamaschen — Leder-, seltener Wickelgamaschen —, welche für die Offiziere der österreichischen Fußtruppen vorgeschrieben sind, feststellen. 11) Über zogen. „Blasenaohwäohe“ bei Soldaten, naoh Beobachtungen ln der Festung Przemyzl. Aus dem Jahresbericht für 1914 des Festunga¬ spitais, von Lipschütz. (Wiener klin. Wochenschrift. 1915. Nr. 35; vgl. d. Centr. 1915. S. 732.) Ref.: Pilcz (Wien). Auslösende Ursache Erkältungsmoment, nur in vereinzelten Fällen neurotische Belastung oder Bettnässen in früherer Zeit oder in der Kindheit. Beginn mit Harndrang, häufiger Harnentleerung, manchmal auch kontinuierliches Harn¬ träufeln im weiteren Verlaufe. Harnmenge normale Werte. Objektiv sonst nega¬ tiver Befund. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 864 Verf. schätzt die Zahl der beobachteten Fälle auf etwa 600, trachtet den Zustand gegenüber Simulationstendenz abzugrenzen und gegenüber der Enuresis nocturna. Das als „Enuresis diurna et nocturna adolescentium“ zu charakterisierende Leiden ist heilbar oder mindestens im bedeutenden Grade besserungsfähig. Therapeutisch empfiehlt Verf. Bettruhe, Anwendung von Thermophoren. 12) Versuch einer Analyse der Miktionsanomalien naoh Erkältungen, von 0. Schwarz. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 39.) Ref.: Pilcz. Verf. achtete auf folgende Momente: Hypertonie des Sphinkters, sich äußernd durch Hindernis beim Katheterismus, Hypotonie — ausdrückbare Blase —, Detrusorfunktion, geprüft durch Manometerversucb, gleichzeitig auch Maßstab für Dehnungsempfindlichkeit der Blase, endlich Sensibilität der Blasenschleimhaut, geprüft durch Sondenuntersuchung, Spülungen mit warmer und kalter Flüssigkeit und Sondenelektrode. Bei Pollakisurie keine ausdrückbare Blase, Hypertension des Detrusoro. Zu¬ sammentreffen von Hypertonie mit Residualharn. Bei typischer Enurese außerordentliche Hyperästhesie der Blase für Deh¬ nungsreize. In einigen Fällen von Harnverhaltung kein Sphinkterspasmus; daher neben eventueller Detrusorparese Unvermögen zur Relaxation des Sphinkters. Detrusorhypertonie ist auf Erigensreizung, Retention auf Erigenslähmung zurückzuführen. In einigen Fällen ist die Annahme einer infektiösen peripheren Nervenaffektion höchst wahrscheinlich, in einem Falle bestand z. B. auch Rekurrenslähmung. Verf. erinnert an die Krankheitsgeschichte v. Pithas, der im Verlaufe von Poly¬ neuritis an schwerster dysurischer Pollakisurie erkrankte. Die eigenen Beobachtungen des Verfi’s ergaben zunächst Bestätigung der Befunde von Stiefler-Volk über das Auftreten von Miktionsanomalien naoh Er¬ kältungen. Für einzelne Fälle glaubt Verf. eine periphere, infektiöse Nerven¬ affektion als Ursache annehmen zu müssen, die durch Detrusorhypertonie Pollakisurie erzeugt, das anderemal Retention durch Aufhebung der aktiven Dilatationsfähig¬ keit des Sphinkters neben einer Parese des Detrusors. Die Krankheitsgeschichten einiger Fälle werden auszugsweise mitgeteilt. Kurven veranschaulichen Manometerbefunde bei normalen und pathologischen Fällen. 13) Soll man wieder „traumatische Neurose“ bei Kriegsverletzten dia¬ gnostizieren P von M. Nonne. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 31.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Verf. faßt seine Ausführungen wie folgt zusammen: 1. Es ist auffallend, wie verhältnismäßig selten bei unseren Soldaten nach schweren Körperverletzungen Symptome von Neurose auftreten. Die Neurosen, die wir sehen, stellen sich am häufigsten als lokale Hysterie, als allgemeine Hysterie, als Neurasthenie, als Erschöpfungsneurose und als Kombination dieser Neurosen dar. Die im Krieg erworbene Hysterie ist auffallend häufig mit vasomotorischen Erscheinungen verbunden. 2. Das aus hysterischen, neurasthenisohen und hypochondrischen Symptomen kombinierte, mit vasomotorischen Anomalien verbundene Krankheitsbild mit dem Namen „traumatische Neurose“ zu bezeichnen, ist objektiv nicht begründet, denr. dasselbe Bild kommt auch ohne Trauma vor. 3. Die häufigste Ursache der Neurosen naoh Trauma im Kriege sind Granat- explosionen. Der psychische Shock und die Luftdrnckwirkung sind die Ursache der nervösen Störungen, das erste Moment ist von größerer ursächlicher Wirkung als das zweite. Digitized by Gck igle Original fro-m - MICMI04U 865 4. Die Möglichkeit, durch geeignete suggestive Therapie in vielen Fallen plötzliche Heilung auch bei schweren und ganz schweren Komplexen zu erreichen, spricht gegen die Annahme, daß es sich bei diesen Fällen um anatomische Ver¬ änderungen irgendwelcher Art im Zentralnervensystem handelt. 5. Bei der akuten Entstehung des Krankheitsbildes spielen irgendwelche Be¬ gehrungsvorstellungen keine Rolle. Bei der Fixierung bzw. Überführung desselben zur Unbeeinflußbarkeit durch ärztliche Therapie spielen Begehrungsvorstellungen eine Rolle, und zwar in der durch den Krieg bedingten Modifikation. 6. Die Prognose der Neurose ist nicht nur bei nicht 'belasteten und kon¬ stitutionell vorher gesunden Personen gut, wenn bei Fehlen der Begehrungs¬ vorstellungen energisch suggestiv vorgegangen wird; die Hypnose erzielt auffallend häufig Heilung. Die Prognose ist auch dann gut, wenn die durch den Krieg be¬ dingten Begehrungsvorstellungen beseitigt sind, d. h. nach Entlassung aus dem Frontdienst oder nach Beendigung des Krieges. Darfiber, ob Rentenbegehrungs- vorstellungen die Neurose auch nach dem Kriege fixiren werden, müssen spätere Erfahrungen belehren. 7. Den ärztlichen Gutachtern soll die an sich günstige Prognose der im Krieg erworbenen Neurosen bei der Begutachtung und Entschädigungsfrage vor Augen stehen. Der Name „traumatisohe Neurose“ soll, weil mit ihm vielfach bei Ärzten und Laien der Begriff der Unheilbarkeit auch heute noch verknüpft ist, vermieden werden. 8. Das kann auch geschehen, weil auch der Krieg nicht gezeigt hat, daß es eine durch ein körperliches oder psychisches Trauma (oder beide zusammen) be¬ dingte charakteristische spezifische Neurose gibt. 14) Kriegskasuistische Mitteilungen, von A. Schüller. (Wiener klin. Wochen¬ schrift. 1915. Nr. 36. Beiblatt „Der Militärarzt“. Nr. 20.) Ref.: Pilcz (Wien). 24jähr. Offizier erleidet infolge von Granatexplosion einen schweren Nerven- shock nebst Kontusionen der Bauchorgane. Die an verschiedenen Spitälern ge¬ stellten Diagnosen „Erblindung des linken Auges, Beckenfraktur, Blutung im Rückenmarke, Lähmung des rechten Beines“ bewahrheiteten sich nicht. Die zu diesen Diagnosen führenden klinischen Erscheinungen entpuppten sich vielmehr als Symptome einer Neurose, die unter Suggestivtherapie soweit ausheilte, daß schließlich nur eine auf funktioneller Skoliose der Wirbelsäule beruhende Ver¬ kürzung des rechten Beines zurückblieb. Diese Skoliose, welohe die von Oppen* heim geschilderten Charaktere der hysterischen Skoliose an sich trug, erwies sich als sehr hartnäckig gegenüber jedem Behandlungsversuche. 15) Die Anamnese der sogen. Kriegspsyohonenrosen, von Dr. Lauden- heimer. (Münchener med. Wochenscbr. 1915. Nr. 38. Feldärztl. Beilage.) Ref.; Kurt Mendel. Die im Feldzug entstandenen psychischen und nervösen Störungen treffen vorwiegend Disponierte (erworbene oder angeborene Veranlagung). Verf. fand fast 90% Disponierte. Die größte Gruppe bilden die Ängstlich-Depressiven; kein einziger dieser Gruppe wurde wieder felddienstfähig, kein einziger war ver¬ wundet; sie sind meist schon in den ersten Wochen nach dem Ausrücken ins Feld zusammengebrochen. Dann kommen die Neurastheniker (bis auf einen waren alle schon vor dem Kriege nervenschwach), 60% gingen wieder geheilt ins Feld. Dann die Hysteroiden, darunter viele Unbelastete und viele schwer Verwundete, dann die Epileptoiden, bei denen das konstitutionelle Moment in keinem Falle zweifelhaft, das exogene in allen belanglos war, schließlich die Psychopathen, zum größeren Teile Offiziere, bei allen waren schon vor dem Krieg psychopathische Reaktionen nachzuweisen; bei den leichten Fällen (40%) stellte sich Felddienstfähigkeit wieder her. Betreffs der Zivilverhältnisse ergab sich, daß die unter primitiven Verhält- xxxiv. 55 Digitized by Original fro-m UNIVERSiTf OF MICHIGAN 866 niesen arbeitenden Berufe zu nervösen Erkrankungen im Kriege am wenigsten oder fast gar nicht disponiert sind, während die Gehirnarbeiter und Angehörige der oberen Stände am meisten dazu neigen. Die sehr seltenen Fälle, wo anscheinend bei Nichtdisponierten durch Kriegs¬ ereignisse psychoneurotische Störungen entstehen, äußern sich in bysteroiden Sym¬ ptomen und schließen sich vorwiegend an Granatexplosionen an. Epileptoide Konstitutionen, auch ohne epileptische Anfälle, sind, weil zu Konflikten mit der Disziplin neigend, im Felde bedenklich. 16) Über Psychosen beim Kriegstyphus, von Fluss er. (Wiener med. Wochen¬ schrift. 1915. Nr. 39.) Bef.: Pilcz (Wien). Während unter etwa 750 Dysenteriefälleu Verf. keinen Fall von Psychose sah, konnte er bei 24 von 750 Typhusfällen, d. h. in 3,2 °/ 0f Psychosen beob¬ achten, deren Krankheitsgeschichten kurz wiedergegeben werden. Ein Parallelismus zwischen Schwere der Typhusinfektion und Auftreten der Psychose schien. im allgemeinen nicht zu bestehen, immerhin war große Ent¬ kräftung, Abmagerung, schwere Muskeltremores, ausgesprochene Herzschwäche bei den später psychotisch gewordenen Fällen auffallend häufig. Prodromal- oder Initialdelirien hat Verf. nicht gesehen, Widal überall positiv, Prognose gut, Däner der Psychose gewöhnlich einige Wochen. Soweit Anamnese verläßlich, keine be¬ sondere Belastung. Fälle mit furibunden oder mussitierenden Delirien gewöhnlich mit Entfieberung auch psychisch frei, während gewisse isolierte Wahnideen auch noch Bekonvaleszenz überdauerten. In einem Falle kam es zu einem Typhusrezidm ohne Psycboserezidiv. Die Geistesstörung rezidivierte mit Typhus überhaupt nur in den Fällen, in denen schon die Ersterkrankung mit einer Psychose einber¬ gegangen war. In 10 Fällen war das Hauptsymptom Festhalten an .deliranten Erlebnissen mit Konfabulation, oft nur in Form einer einzelnen Wahnidee, einmal epilepti- former Erregungszustand, zwei Fälle von Verwirrtheit, ein Fall krankhafter Ver¬ stimmung, drei Fälle Stimmungswechsel mit mehr minder intensiven deliranten, motorisch erregten Zuständen, bei den übrigen Fällen eigentümliche „VerBtumpfung% zum Teil in der moralischen Sphäre, so daß es z. B. zu Diebstählen kam, einmal dabei paranoid gefärbte Konfabulation; in einem Falle entwickelte sich in der Bekonvaleszenz eine schwere multiple Sklerose. 17) Militftr-psyohiatrlsche Beobachtungen und Erfahrungen, von Stabsarzt Dr. Weyert (Samml. zwangt. Abhandl. a. d. Geb. der Nerven- u. Geistes- krankh. XI. H. 2/4. Halle, C. Marhold, 1915.) Bef.: Kurt Mendel. Verf. gibt einen Überblick über die Tätigkeit der Posener psychiatrischen Abteilung während der Zeit vom 1. Oktober 1911 bis 30. September 1912. Er berücksichtigt bei seinen Ausführungen 106 daselbst beobachtete Personen. Das Jugendirresein, die psychopathischen Konstitutionen und der angeborene Schwach¬ sinn machen den größten Teil der Zugänge aus. Das Streben der Militärverwaltung ist ein zweifaches: 1. Verhinderung der Einstellung von psychisch kranken oder defekten jungen Leuten in die Armee und 2. möglichst frühzeitige Erkennung aller geistig für den Heeresdienst nicht geeigneten Elemente. Bezüglich der einzelnen Psychosen bzw. Neurosen führt Verf. folgendes aus: a) Dementia praecox (23 Fälle). Die bei Soldaten beobachteten Fälle ver¬ laufen in ihrer Gesamtheit wesentlich günstiger als die im Zivilleben beobachteten. Bei 12 von den 23 Fällen konnte erbliche Belastung nachgewiesen werden. Bei 11 (d. h. bei annähernd 50°/ 0 ) konnte festgestellt werden, daß das Leiden bereits im Zivilleben begonnen hatte. Bei weiteren fr Fällen wurde ausdrücklich berichtet, daß sie in der Schule mäßig waren oder schlecht und schwer begriffen. Im ganzen gelang es, bei 74°/ 0 der Fälle von Dementia praecox, bereits vor bsv. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN — 867 bei, spätestens kurz nach dem Diensteintritt mehr oder weniger deutliche Er¬ scheinungen von Jugendirresein nachzuweisen, demnach war die frage der Dienst- bescbädigung zu verneinen, zumal auch eine Verschlimmerung des bereits vor¬ handenen Leidens durch den Heeresdienst nicht nachweisbar war. 12 von den 23 Fällen gehörten der Hebephrenie, acht der Katatonie, einer der paranoiden Form an, 2 Fälle waren eine Mischform von Hebephrenie und Katatonie. In differentialdiagnostischer Beziehung kam hauptsächlich die Imbezillität in Betracht. b) Angeborener Schwachsinn (20 Fälle). Bei 12 von 20 konnte eine erb¬ liche Belastung nachgewiesen werden. Verf. teilt aus praktischen Gesichtspunkten die Fälle ein in: 1. leichte Formen (Debilität), bei denen Zweifel an der Dienst¬ fähigkeit noch bestehen können; 2. Schwachsinn mäßigen Grades, d. u., doch strafrechtliche Verantwortlichkeit noch nicht ohne weiteres aufgehoben; 3. Schwach¬ sinn beträchtlichen Grades, d. u. und unzurechnungsfähig im Sinne des § 51. c) Epilepsie (11 Fälle). 7 von den 11 möglicherweise erblich belastet. Ein Fall gehört der traumatischen Epilepsie an, in 2 Fällen war der Zusammenhang zwischen Schädelunfall während der Schuljahre und der späteren Epilepsie zum mindesten wahrscheinlich. d) Psychopathische Konstitutionen (23 Fälle). Bei 13 erbliche Belastung nachweisbar. Eine auffallend hohe Zahl dieser Gruppe hatte in der Vorgeschichte Selbstmordversuche. Verf. unterscheidet: 1. die erblich degenerativen psycho¬ pathischen Konstitutionen im gewöhnlichen Sinne, 2. die epileptoiden Charaktere, 3. die Haltlosen, 4. die sexuell Perversen, 5. Degenerierte mit konstitutionellen Verstimmungszuständen, 6. die traumatisch*psychopathischen Konstitutionen. e) .Alkoholische Geistesstörungen (9 Fälle). Verf befürwortet- dringend, mehr als bisher jeden Soldaten, der in der Trunkenheit irgendwelche Ausschreitungen usw. begangen hat und festgenommen wurde, sofort dem Lazarett zu überweisen. Da¬ durch, daß jetzt fast jedes Lazarett eine sogen. Geisteskrankenzelle besitzt, ist dafür gesorgt, daß Selbstbeschädigungen des Mannes, vor allem aber auch Ent¬ weichungen verhindert werden können. Die Unterlagen, die wir auf diese Weise für unsere Gutachten erhielten, wären höchst bedeutungsvoll. f) Paranoia chronica. g) Endogene Nervosität und erworbene Neurasthenie (5 Fälle). h) Hysterie (4 Fälle). i) Organische Hirnerkrankungen (5 Fälle): Lues cerebri, Paralyse, Hirntumor. k) Depressives Irresein (2 Fälle). l) Amentia (1 Fall). m) Fürsorgeerziehung. Von 83 Patienten des Mannschaftsstandes hatten sich 12 a 14,4°/ 0 in Fürsorgeerziehung befunden: 6 Imbezille, 2 Epileptiker, 4 psycho¬ pathische Konstitutionen. n) Kriminalität Häufigste Straftat ist der Diebstahl, dann kommt Körper¬ verletzung, Unterschlagung, Betteln, Landstreichen. Unmittelbar der Anlaß zur psychiatrischen Beobachtung war an erster Stelle die unerlaubte Entfernung bzw. Fahnenflucht. 18) Sexualpathologiaohes ans dem europäischen Weltkriege 1914/15, von Kurt Boas. (Archiv f. Kriminalanthropologie u. Kriminalistik. LXIV. 1915. H. 1.) Autoreferat. Von der Anregung ausgehend, sexualpathologische Beiträge aus dem Felde zu senden, teilt Verf. zwei einschlägige Beobachtungen fremder Autoren in eigener Kommentierung mit. Der erste Fall betrifft einen Patienten Massar-Osmans, bei dem die Frage zu entscheiden war, ob ein nach der Kastration psychisch veränderter Soldat für die unerlaubte Entfernung von dem Truppenteil zur Verantwortung zu ziehen sei. Verf. geht zunächst auf die Rolle der Kastration in Friedens- und Kriege- 55 * Digitized b 1 * Google Original fro-m UNIVERSiTY OF-MIGHIGAN 868 leiten ein and gibt eine ausführliche Analyse der somatischen und psychischen Folgezustände der Kastration. Die letzteren faßt er unter der KoUektivbezeichnnog der „eunuchoiden psychopathischen Konstitution“ zusammen, die zwar anderen Formen der psychopathischen Konstitution nahe steht, ohne sich jedoch völlig mit diesen zu decken. . , Was die forensische Seite der Frage angeht, so steht Verf. auf dem Stand* punkt, die Kastraten in zivilrechtlioher Beziehung auf die Stufe eines unmündigen Kindes zu stellen. In strafrechtlicher Beziehung stehen ihnen in weitgehendstem Maße mildernde Umstünde zur Seite. In vielen Füllen wird direkt auf Frei« sprechung nach § 61 unseres Strafgesetzbuches zu erkennen sein. . Am besten stellt man Kastraten erst gar nicht in das Heer ein, um allen Weiterungen von vornherein aus dem Wege zu gehen. In zweiter Linie üußert sich Verf. zu den von Gau pp mitgeteilten Befunden von Riesenphallis in den Tornistern gefallener französischer Offiziere. Gaupp ist bereits bemüht gewesen, der Ursache der Mitnahme dieser recht schweren Gegenstände im Tornister nachzugehen, ohne zu einem bestimmten Resultate su gelangen. Verf. diskutiert die verschiedenen von Gaupp in Betracht gezogenen Erklärungsmöglichkeiten, ohne sie jedoch akzeptieren zu können. Verf. hält einen Phalluskult für vorliegend, wie er uns aus den Schilderungen der antiken Schrift¬ steller bekannt ist Entweder liegen dem Phalluskult homosexuelle Tendenzen (Ersatz für den durch den Krieg verlorengegangenen homosexuellen Verkehr) zu¬ grunde oder, was noch wahrscheinlicher ist, fetischistische Motive. Erst im Felde, abgeschnitten von jedem normal-geschlechtlichen Verkehr, lernt der Fetischist deo Phallus als solchen schützen. Er bringt ihm wie die Völker des Altertums eine Art göttlicher Verehrung dar. Repräsentiert er doch den Kern und das wesent¬ liche Merkmal der Männlichkeit. Daß der Phalluskult im Felde natürlich viel intensiver betrieben wird als zu Hause, liegt daran, daß das Risiko, die Geni¬ talien im Kriege zu verlieren, besonders ins Gewicht fällt, und daß der, der Phalluskult treibt, mit Inbrunst das bei sich getragene Symbol bei Tag und Nacht anfleht, ihn mit gesunden und heilen Geschlechtsorganen nach Hause kehren zu lassen. 19) Die diagnostisch- therapeutische Ausnutzung meiner Methode zur FunktionsprQfung der Qefäßnerven. II. Über schädliche Einflüsse der Heißluftbehandlung von Verwundungen auf das Nervensystem und ihre Verhütung, von Ernst Weber. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 22.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Bei den Untersuchungen des Verf.’s (vgl. d. Centr. 1916. S. 436) handelt es sich um Registrierung des Verhaltens der Gefäßnerven bei bestimmten Reizen. Die geeignetsten Probereize sind die Ausführung einer kurzen, kräftigen, lokali¬ sierten Muskelarbeit eines Fußes und in gewissen Fällen die Berührung der Haut mit Eis. In der ersten Untersuchungsreihe war die Gehirnerschütterung Gegen¬ stand der Erörterung, bei den neuen Untersuchungen handelt es sich um die Ein¬ wirkung von Temperaturreizen, die nur einen Teil des Körpers betreffen. Eine an die Wasserleitung angeschlossene Aluminium-Kopfschlange wurde auf den Kopf der untersuchten Person aufgestülpt und kaltes oder heißes Wasser durchgeleitet. Bei der Hälfte der Personen ergab sich eine starke Störung der ganzen GeflB- innervation des Körpers, wenn heißes Wasser durchlief; sobald kaltes Wasser aber an die Stelle des heißen trat, wurden die Gefäßreaktionen sofort wieder normal. Daraufhin stellte Verf. Untersuchungen mit der Heißluftbehandlung als Nach¬ behandlung von Verwundungen an; er untersuchte 25 Kranke, die unmittelbar vor der Heißluftbehandlung normale Blutgefäßreaktionen besaßen. Nach der Be¬ handlung war der allgemeine Innervationsmechanismus der Blutgefäße des Körper« nur bei einem einzigen Manne völlig normal geblieben, bei einem anderen war Digitized by Gck igle Original from UMIVERS1TY OF MIC - ’ mm* 669 er nur wenig gestört, bei allen übrigen war dine vollkommene Umkehrung der Gefäßreaktionen eingetreten. Diese schweren Störungen waren noch 2 bis 3 Stunden nach Beendigung der Heißluftbehandlung vorhanden, manchmal länger, bis sie sich spontan wieder zurückbildeten. Dem entsprachen Klagen über Mattigkeit, Beschwerden beim Treppensteigen, leichtes Schwitzen usw., die meist so lange dauerten, wie die Innervationsstörung der Gefäße anhielt. Von Bedeutung ist nun, daß dadurch, daß dieser schädliche Zustand wochenlang täglich herbeigeführt wird, eine gewisse Erschütterung des ganzen zentralen Nervensystems eintritt, was für die Kriegsverhältnisse nicht ohne Wichtigkeit ist. Verf. hat nun diese un¬ angenehme Nachwirkung schon durch lokale Kälteapplikationen von 8 bis 4 Min. beseitigen können, ohne daß es nötig war, das erhitzte Glied selbst abzukühlen; ein beliebiges anderes Glied konnte mit der Kälteapplikation bedacht werden. Dabei wurde eine etwa in der Zeit nach Beendigung der Heißluftprozedur in dem geheizten Gliede noch vorhandene lokale Gefäßerweiterung nicht vermindert. (Was an den Versuchen für den Therapeuten von Interesse ist, ist nicht der in der physikalischen Therapie — besonders durch Winternitz — altbekannte und längst geläufige „thermische Kontrast“, sondern die Möglichkeit der Konträst- erzielung durch Applikation der Kälte an einer anderen Stelle als an derjenigen, an der die Hitze eingewirkt hatte. D. Bef.) 20) Die diagnostisch-therapeutische Ausnutzung meiner Methode der Funk¬ tionsprüfung der Gefäßnerven. III. Die schädigende Wirkung von Operationen in Narkose und Lokalanästhesie auf das Zentralnerven¬ system und ihre Beseitigung, von Ernst Weber. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 36.) Bef.: E. Tobias (Berlin). Verf. hat im Festungslazarett Kiel mit seiner Methode die Wirkung von chirurgischen Operationen bei Lokalanästhesie oder Narkose auf das Zentralnerven¬ system in mehr als 50 Fällen untersucht Das Ergebnis war einheitlich. Es stellte sich heraus, daß zwei verschiedene Arten des schädlichen Einflusses der Operationen auf die Funktion der Gefaßnerven zu unterscheiden waren, die nicht unmittelbar miteinander Zusammenhängen und auch nicht gleichzeitig neben¬ einander zu bestehen brauchen. Es war dies neben der völligen Umkehrung der Funktion der Gefäßnerven bei bestimmten Beizen, besonders bei der Ausführung von lokalisierter Muskelarbeit, die dauernde Veränderung des Tonus sämtlicher äußerer Blutgefäße, die aus der Veränderung der Größe der einzelnen Volumpulse schon im Buhezustande hervorging, und zwar eine außerordentlich starke, dauernde Erweiterung oder Erschlaffung. Das meist vor der Operation gegebene Morphin spielt durchaus keine Rolle. Gewisse, zum Teil bedeutende Unterschiede zeigten sich regelmäßig, je nachdem die Operation in Allgemeinnarkose (gemischte Chloro¬ form-Äthernarkose) oder bei Lokalanästhesie oder bei Äthernarkose ausgeführt wurde. Nur solche Fälle wurden herangezogen, bei denen die Narkose mindestens J / a Stunde dauerte, , * , / v : ; * * • Im einzelnen ergeh sich, daß „die Störungen des vasomotorische» Inner¬ vationsmechanismus ersten Grades“, nämlich die dauernde Erschlaffung der äußeren Blutgefäße, sowohl nach Lokalanästhesie als auch nach Allgemeinnarkose aus¬ nahmslos eintrat, aber nach Lokalanästhesie nur X bis 2 Tage, nach Narkose 6 bis 7, meist 6 Tage andauerte. Als praktische Folge dieser Feststellung ergibt eich, daß die Kranken während der Dauer dieser Periode besonderer Ruhe be¬ dürfen, da die dauernde starke Erweiterung der äußeren Gefäße eine bedeutend stärkere Inanspruchnahme der Herztätigkeit bedingt. ■ » » Die „Störung des vasomotorischen Apparats zweiten Grades“, des umgekehrte Eintreten der vor der Operation normalen Reaktion der Gefäßnerven bei Muskel¬ arbeit, betraf überhaupt fast nur die Fälle, bei denen die Operation in Uhleroform- narkose ausgeführt worden war. Diese FjÜle zeigten die Störung noch 1 bis Digitized by Googk_ Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 870 6 Wooben nach der Operation; die Differenzen in der Dauer der Störung beweisen, daß hierbei die individuelle Widerstandsfähigkeit des Gefäßnervensystems eine besonders große Bolle spielt. Nach Lokalanästhesie ist die Gefaßreaktionsstörung nur in der Hälfte der Fälle und dann nur einen Tag vorhanden. Verf. hat sich mit diesen wertvollen Untersuchungen nicht begnügt, sondern ist wie in seinen beiden ersten Arbeiten weitergegangen zu therapeutischen Ver¬ suchen (auf denen ihm die praktische physikalische Therapie allerdings nicht immer folgen konnte). Er versuchte die Anwendung von Kältereizen nach Chloro¬ formnarkose bezüglich der Störungen zweiten Grades in Fällen, bei denen noch wochenlang nach Verlassen des Bettes durch den Kranken auffallende Muskel¬ schwäche, Ermattung beim Treppensteigen, übermäßig starkes Schwitzen bei leichten Anstrengungen und Kopfschmerz bestehen. Waren die Leute schon aufgestanden, so ließ er Wechseldnschen anwenden und beschreibt die Erzielung von Dauer¬ erfolgen. Bei noch bettlägerigen Kranken wurden Teilapplikationen von Kälte¬ reizen mit demselben Erfolg angewandt und zwar in Form von Eisbeuteln, die an verschiedenen Orten aufgelegt wurden. (Ref. möchte sich mit dem Referat be¬ gnügen, muß aber immer wieder betonen, daß die Erfahrungen des Verf.’s be¬ treffend die Allgemeinapplikationen mit den Erfahrungen der Friedenspraxis praktisch in Widerspruch stehen, und kann darum nicht eindringlich genug zur Vorsicht mahnen.) Den Schluß der Ausführungen bildet der Versuch, die wiedergegebenen Er¬ scheinungen zu erklären. Das Gefäßnervenzentrum ist ein ganz besonders empfind¬ licher Apparat, der auf schon geringe äußere Reize immer in geeigneter Weise reagiert Er ist gegen Gifte, die durchs Blut ins Gehirn gelangen, vorzugsweise empfindlich, darum zeigt die Untersuohungsmethode besonders die vasomotorischen Störungen ersten Grades an. Sie erlaubt auch einen Vergleich der verschiedenen Allgemeinnarkosen. 21) Kriegsbesobftdigungen des Zentralnervensystems und soziale Fürsorge, von Dr. Rittershaus. (Münchener med. Wocbenschr. 1915. Nr. 36. Feld¬ ärztliche Beilage.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. macht auf die Wichtigkeit einer möglichst genauen und fachgemäß er¬ hobenen Anamnese bei Kriegsbeschädigten des Zentralnervensystems aufmerksam, und zwar soll die Vorgeschichte möglichst bald nach der Verletzung aufgenommen werden. Sehr oft kann dann einwandfrei festgestellt werden, daß die Krankheit schon vor dem Krieg bestanden hat. Im übrigen bespricht Verf. kurz die von ihm beobachteten Nervenfälle und die betreffs der sozialen Fürsorge Kriegsverletzter gemachten Vorschläge. Paralysis agitans. 22) Zur Pathologie und Pathogenese der Paralysis agitans, von Marburg. (Jahrb. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. 1914. S. 405.) Ret: Pilcz. Auf Grund eigener Fälle und Literaturangaben gelangt Verf. zu folgendem Schlüsse: Die Paralysis agitans ist gleich dem Basedow und der Tetanie eine Hormon¬ toxikose, wobei die Nebenniere offenbar die größte Rolle spielt. Ihre Symptome weisen mit Entschiedenheit darauf hin, daß gewisse Systeme des zentralen Nerven¬ systems affiziert sind; am wesentlichsten jene des Bindearms in seinem Abschnitte vom roten Kern zur Rinde des Operculum — Tremor. Daneben aber auch andere« in erster Linie offenbar die hortiko-zerebellaren — Kraftlosigkeit, Verlangsamung gewisser Automatismen. Der Rigor dagegen ist myogen. 23) Die Beziehungen der Blutdrüsen zur Pathogenese der Parkinson sohen Krankheit, von Karl Schiötz. (Zeitsehr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIII. H. 1.) Ref.: M. Pappenheim (Wien). Digitized b' ■V Google Original fro-m UMIVERSITY OF MICHIG 871 Yerf. erwähnt einen 69jährigen Mann mit Paralysis agitans und einem — aller Wahrscheinlichkeit nach yaskularisierten — Kropf, und eine 62jährige Frau mit Basedow und einem grobschlägigen Tremor, der als Erscheinung einer Para¬ lysis agitans aufgefaßt wird. Yerf. führt eine Reihe von Beispielen aus der Literatur an, die die Beziehung zwischen Schilddrüse und Paralysis agitans dartun sollen. Er schließt sioh der Hypothese Lundborgs an, daß die Paralysis agitans auf einer Insuffizienz der Glandulae parathyreoideae beruhe. Außerdem verdienen — wie bei allen Stoff¬ wechselanomalien dieser Art — auch die anderen endokrinen Drüsen (speziell die Schilddrüse) unsere volle Aufmerksamkeit. 24) Zur Frage der Beziehungen der Epithelkörperchen zur Paralysis agi¬ tans, von Blüwstein. (Wiener klin. Rundschau. 1914. Nr. 27.) Ref.: Piloz. Verl hat die Epithelkörperchen von drei klinisch einwandfrei sicheren Fällen Parkinson scher Krankheit genau untersucht. Im ersten Falle (73jährige Frau) ganz normale Verhältnisse, im zweiten (66jähriger Mann) sehr geringe Zahl von Hauptzellen; ozyphile Zellen konnten nicht gefunden werden. Solche Befunde trifft man aber auch bei normalen Leuten dieses Alters, und Yerf. bemerkt außerdem, daß in diesem Falle nur zwei Epithel¬ körperchen untersucht werden konnten. Im dritten Falle endlich (60jähriger Patient) waren die Epithelkörperchen wieder makroskopisch und histologisch durchaus normal. Die Untersuchungen des Verl’s scheinen also nicht dafür zu sprechen, daß zwischen Epithelkörperchen und Paralysis agitans eine Beziehung in dem Sinne existiere, daß morphologische Veränderungen dieser Drüsen den Boden für die Genese der Parkinson sehen Krankheit abgeben. 25) Paralysis agitans und Trauma, von C. Decker. (Zeitschr. f. Versicherungs¬ medizin. YI. 1913. H. 12.) Ref.: K. Boas. Nach einer Übersicht über die einschlägige Literatur berichtet Verf. über einen selbst beobachteten und vier weitere Fälle von Paralysis agitans angeblich post trauma. In der eigenen Beobachtung des Verf .’s war der ätiologische Zu¬ sammenhang kaum zu bezweifeln. Von den übrigen Fällen erhielten zwei Fälle eine Rente — der eine davon 50 °/ 0 —, in den beiden anderen Fällen kam es zu einer Ablehnung der Rentenansprüohe auf Grund der eingeforderten Gutachten. In der Zusammenfassung betont Verf. die Seltenheit des ätiologischen Zusammen¬ hangs zwischen Unfall und Parkinson scher Krankheit. Speziell ist es nur sehr selten möglich, mit Sicherheit einen diesbezüglichen Zusammenhang zu erbringen. 26) Parkinsonsohe Krankheit und Unfall, von Paul Busob. (Inaug.-Dissert. Bonn 1914.) Re£: K. Boas. Aus der umfangreichen Zusammenstellung von 66 Fällen von posttraumatischer Paralysis agitans (davon sechs eigene Fälle) ergibt sioh, daß es sich zumeist um Verletzungen handelte, die mit ziemlich großer Gewalteinwirkung verknüpft waren. Es kamen vor: 11 mal Frakturen, 3 „ Luxation oder Torsion, 15 „ Kontusionen, 25 „ Stoß, Schlag oder Fall, 2 „ Verletzungen, 3 „ Durchnäseungen oder Erkältungen, 1 „ Druck auf einen Nerven, 1 „ Muskelzerrung, 1 „ elektrischer Schlag, 1 „ Splitterverletzung mit Phlegmone, 1 „ Kontusion + Fraktur, 1 „ Kontusion + Verbrennung, 1 „ Luxation -\- Nervenquetschung. Digitized by Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 872 Die Paralysis agitans trat zeitlich nach auf: in 6 Fällen sofort oder seitdem, „ 7 ,, bald oder allmählich, „ 7 „ nach einem oder mehreren Tagen, „ 6 bis nach einem Monat, „23 ., bis nach einem Jahre, „ 7 „ nooh später. Die längste Zwischenzeit zwischen Unfall und Erkrankung betrug 7 Jahre. In denjenigen Fällen, in welchen bis zum Erscheinen des ersten Zitterns mehrere Monate oder Jahre vergingen, bestanden vor seinem Auftreten meist andere Sym¬ ptome, wie Schmerzen, Steifigkeit usw. Der Unfall trat dem Alter nach ein: in 1 Fall im Alter von 20—30 Jahren „ 6 Fällen „ „ „ 30—40 „ i» 15 ,, ,, „ ,i 40—60 „ *» 24 „ ,, „ „ 50—60 „ „ 15 „ ,, ,, 60 ““70 ,, » 2 ,, „ ,, „ 70 80 „ 10 Fälle von 66 gehörten der paraplegischen Form an, 7 mal war das Zittern atypisch und 2 mal fehlte dasselbe ganz. Direkte Heredität bestand in einem Falle, indirekte in 2 Fällen. Frühere Verletzungen kamen vor in 2 Fällen, Über* Anstrengung lmal, Alkoholismus 3mal, langdauernde Gemütsbewegungen mit Alkoholismus und Syphilis lmal, Nervosität lmal. Alles in allem meint Verf., daß die große Häufigkeit der mechanischen Traumen bei Paralysis agitans bei der relativ geringen Häufigkeit der Erkrankung für einen ätiologischen Zusammenhang zwischen Unfall und Parkinson scher Krank¬ heit spricht. Unter den direkten Ursachen der Erkrankung steht er an erster Stelle und nur das psychische Trauma hat vielleicht eine ähnliche Bedeutung, während alle anderen direkten Ursachen nicht im entferntesten so häufig an¬ getroffen werden. 27) Klinischer Beitrag zur genuinen Paralysis agitans im jfingeren Alter. von Stiefler. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 11.) Bef.: Pilcz. 38jähriger Mann, belanglose Fremd- und Eigenanamnese. Mit 33 Jahren leichtes Zittern im linken Zeigefinger, allmählich die ganze Hand ergreifend. Dann Beteiligung der rechten Hand. Vor 2 Jahren begannen gleichzeitig beide Beine zu zittern, dann Bigor der Gliedmaßen. Nach Influenza schwere Ver¬ schlimmerung. Das Zittern ergriff den ganzen Körper und Kopf, Gehunfahigkeit, starke Schweiße, Speichelfluß, heftige Schmerzen, vom Naoken gegen Arme und Kopf, vom Kreuzbein gegen die Beine ausstrahlend. Stal praes.: Typische Tremores des Kopfes, der Lippen, Unterkiefers* Extremitäten und Bumpfes. Pillen¬ dreherbewegungen. Intention schwächt Zittern ab. Charakteristische. Körper¬ haltung. Nur auffallend, daß der Kopf stark nach rückwärts gehalten wird. Bigor. Maskenartiger Gesichtsausdruck. Stellwag positiv. Grobe Muskelkraft nicht herabgesetzt. Ausgesprochene Propulsion. Sprache langsam, verwaschen. Keine Atrophie der Zunge oder dergl. Schlingen erschwer! Geringe Salivation. Linksseitige inkomplette Bekurrenslähmung, linkes Stimmband etwas atrophisch. Sensibilität normal, Lasägue positiv. Sehnenreflexe leicht erhöht, elektrische Erregbarkeit nicht verändert. Abnorm feuohte Haut, lebhafte Dermographie. Wassermannreaktion negativ. Skopolamin verminderte Zittern und Rigor, blieb aber auf Schmerzen ohne Elinfluß. Pantopon-Skopolamin dagegen erzielte in jeder Hinsicht befriedigende Erfolge. Difitized by Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 878 28) Ober peyehlsohe Störungen Im Verlaufe der Paralysis agitan», von H. Otsen. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. An eine kurze Darstellung des Krankheitsbildes und der Literatur schließt sich die Mitteilung von 4 Fällen von Paralysis agitans. Während im ersten Falle keine psychischen Anomalien bestanden, waren die drei anderen Kranken infolge der dauernden Beschwerden mißmutig über ihre Lage, die Stimmung war gedrückt, ihr Wesen war weinerlich, da sie viel an ihr Leiden denken müssen. Im dritten und vierten Fall ging die Depression so weit, daß die Kranken äußerten, sie wollten sich das Leben nehmen. Zu einem Suizidversuch kam es jedoch bei keinem von ihnen. Für die Therapie wesentlich ist die Beseitigung des Tremors. Verf. empfiehlt protrahierte, lauwarme Bäder, kühle Abreibungen und Massage, von Medikamenten Skopolamin, hydrobromic. Seelische Erregungen sind zu vermeiden, am besten nimmt man eine Milieuveränderung vor. 28) Ein Fall von Paralysis agltans und Tabes dorsalls, von Felix Sand¬ fort. (Inaug.-Dissert. Erlangen 1913.) Ref.: K Boas. Verf. berichtet über einen 65jähr. Drechsler, der neben dem, deutlioh aus¬ geprägten Bild einer Tabes dorsal» noch eine typische Paralysis agitans zeigte. Für die Seltenheit dieser Kombination spricht der Umstand, daß erst ein Dutzend derartiger Beobachtungen aus der Literatur vorliegt. Bezüglich der Klassifikation dieser Fälle nimmt Verf. die Einteilung SeifferB (d. Centr. 1900. S. 1119) an. Verf. diskutiert zum Schluß den Zusammenhang beider Erkrankungen und ist der Meinung, daß vielleicht der der Paralysis agitans zugrunde liegende anatomische Prozeß unter Umständen auch einmal durch ungewöhnliche spinale Lokalisation die tabischen Erscheinungen hervorrufen kann. Die Paralysis agitans selbst spricht Verf. als eine zerebrale Erkrankung an. 80) Paralysis agitans syndrome with syphilis of the nervous System, by C. D.Camp. (Jour, of nerv, and ment, dis XLI. 1914. Nr. 8.) Ref.: W. Misch. Mitteilung eines Falles, der die typischen Symptome der Paralysis agitans aufwies und der doch der klinischen Untersuchung und dem Blut- und Liquor¬ befund nach eine Tabes zu sein schien. Das rasche Verschwinden der Paralysis agitans-Symptome auf die Salvarsanbehandlung hin ließ vermuten, daß die Sym¬ ptome wohl durch einen syphilitischen Prozeß bedingt waren. Es wurde darauf der Liquor von 10 anderen Fällen von Paralysis agitans untersucht! er bot aber durchaus normalen Befund; ein Teil dieser Fälle wurde mit Salvarsan behandelt, ohne daß jedoch eine merkliche Besserung eintrat. Eis kann also wohl das typische Parkinson-Syndrom durch eine Lues des Zentralnervensystems entstehen; aber die Lu es ist nicht die Ätiologie der Parkinson sehen Krankheit. Es läßt sich ferner der Schluß ziehen, daß die Läsionen des Zentralnervensystems, die ein Parkinson¬ sohes Syndrom hervorrufen, vermutlich eher irritativer als destruktiver Natur sind. 81) 8u di una rara asaoziazione morbosa. Morbo del Parkinson in an antiooBasedowiano, per G. B. Cacciapuoti. (Annali di Nevrologia. XXXI. 1913. H. 2 u. 3.) Ref.: G. Perusini (Mailand). Ein 44jähriger Patient bot seit etwa einem Jahre das Bild einer atypischen (hemiplegischen) Paralysis agitans. Seit etwa 6 Jahren bestand zugleich beim Pat. das Bild einer Basedowschen Krankheit. Verf. nimmt an, daß die Gehirn¬ läsion, die den Tremor auslöst, nicht in der motorischen Großhirnrinde, sondern in den sekundären motorischen Bahnen zu suchen ist. Wahrscheinlich handelt es sich um eine irritative Läsion, die die besondere Rigidität der Körperbewegungen erklärt, welche man bei diesen Kranken wahrnimmt. Verf. ist der Ansicht, daß es sich um ganz verschiedenartige, jedoch diffuse Läsionen handelt. Die Parkin- ßonsche Symptomatologie wird von keinem spezifischen Toxikum ausgelöst; der Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 874 Hyperthyreoidismus soll nämlich bloß direkt oder indirekt auf bestimmte Teile des Zentralnervensystems einwirken, deren Störung das Zittern usw. zur Folge hat 32) Paralysis agitans und Myxödem, von H. J. Vetlesen. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXVI. 1914. S. 462.) Ref.: W. Misch. Eis werden 3 Fälle von Kombination von Myxödem und Paralysis agitans und ein Fall von Kombination der Paralysis agitans mit einer regressiven Form von Struma beschrieben. Im Anschluß an die Zusammenstellung der Literatur über das Verhältnis zwischen Paralysis agitans und Nebenschilddrüsen werden dann folgende Schlußfolgerungen gezogen: Histologische, anatomische Untersuchungen der Parathyreoideae liegen noch nicht in genügender Menge vor und sind auch nicht hinreichend übereinstimmend, um daraus bestimmte Schlüsse zu ziehen. Es ist jedoch nichts im Wege dagegen, daß funktionell eine Insuffizienz vorhanden sein kann, selbst wenn die Drüsen, die zur Untersuchung kommen, Zeichen von Hypertrophie aufweisen — eine Arbeitshypertrophie, um eine chronische Insuffizienz zu kompensieren. Das gleichzeitige Vorkommen von Paralysis agitans und Myx¬ ödem (bzw. atrophierender Struma) ist nun bereits in so vielen Fällen beschrieben worden, daß demselben ein gewisses Gewicht als Zeichen einer wahrscheinlichen Mitbeteiligung der Parathyreoideae beigelegt werden muß. Eine günstige Wirkung der Opotherapie mit Parathyreoidsubstanz bei Paralysis agitans ist vor allen Dingen in einer bedeutenden Anzahl von Fällen von Berkley konstatiert worden, demnächst auoh in einzelnen oder nicht wenigen Fällen von Holm und in einem Fall vom Verf., während Roussys weniger günstige Fälle nicht notwendigerweise in negativer Richtung gedeutet zu werden brauchen. Experimentell ist es nacb- gewiesen worden (speziell von Tanberg), daß sich auf operativem Wege eine gewisse chronische Form parathyreoidaler Insuffizienz bei Tieren hervorbringen läßt, die in ihrem klinischen Bilde eine schlagende Ähnlichkeit mit der Paralysis agitans des Menschen zeigt. 33) La nuolöinotherapie dans la maladie de Parkinson, par I.-N. Bula. (Compt. rend. Soc. de biol. LXXVI. 1914. Nr. 11.) Ref.: W. Misch. Ausgehend von der Beobachtung, daß die Paralysis agitans durch fieberhafte Erkrankungen gebessert wird, sucht Verf. mit Fieber erregenden Mitteln, und zwar durch Injektionen von Nukleinen, Heilerfolge bei dieser Krankheit zu er» zielen. Eta geht auoh tatsächlich aus den Versuchen an 5 Patienten hervor, daß durch die Nukleinotherapie eine bedeutende Besserung der verschiedenen Symptome erreicht wird. Es werden frisch zubereitete 5°/ 0 ige Lösungen von Natrium- nukleinat (in physiologischer Kochsalzlösung) zur intravenösen Injektion, die der subkutanen vorzuziehen ist, empfohlen, und zwar in Dosen von 0,01, 0,02 bis 0,05, 0,10 g an jedem 3. Tage; nach jeder 5. Injektion ist eine Pause von 5 bis 10 Tagen einzuschalten, dann wird wieder mit der schwächsten Dosis begonnen. Erhält man mit diesen Dosen keine Fieberreaktiou, so kann man bis auf 0,36 bis 0,4 g steigen. 34) Über Erfahrungen mit Pantopon-Soopolamin „Roche“ und P&ntopon „Roche“ bei Paralysis agitans, von Georg Stiefle r. (Med. Klinik. 1914. Nr. 8.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. hat in 6 Fällen von Paralysis agitans mit sehr günstigem Erfolge die kombinierte Pantopon-Scopolaminbehandlung durchgefubrt: er gab zweimal wöchent¬ lich subkutane Injektionen von Pantopon-Scopolamin „Roche“ (eine Ampulle mit 1,1 ccm Inhalt pro ccm enthaltend 2 cg Pantopon und 4dmg Soopol. hydrobromic.) und an den übrigen Tagen 3 cg Pantopon. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 875 Forensische Psychiatrie. 35) Die forensische Bedeutung der Zwangsvorstellungen, von M. Oppen¬ heimer. (Inaug.-Dissert. Marburg 1914.) Ref.: K. Boas. Verf. erörtert die zivil- und strafrechtliche Bedeutung der Zwangsvorstellungen, wobei er der einzelnen Formen derselben gedenkt und an den bestehenden Rechts¬ verhältnissen Kritik übt. Er wünscht vor allem die Berücksichtigung der ver¬ minderten Zurechnungsfähigkeit im künftigen Strafgesetzbuch, wofür er folgende Bestimmungen vorschlägt: 1. Ist der Täter vermindert zurechnungsfähig, so kann das Gericht nach freiem Ermessen auf eine entsprechend geringere Strafe als allgemein vorgesehen, nsbesondere auch auf Verweis oder auf Straffreiheit erkennen. 2. Ist von dem vermindert zurechnungsfähigen Täter bestimmt zu erwarten, daß er auch in Zukunft in schwerer Weise gegen die Rechtsordnung verstoßen werde, so muß er bis zur Beseitigung dieser Gefahr in einer öffentlichen Anstalt untergebracht werden. Hier ist ein Verfahren zwecks Besserung bzw. Heilung des Untergebrachten einzuleiten. 30) Über die Unterbringung geisteskranker Rechtsbrecher, von Hegar. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. LXXI.) Ref.: Zingerle (Graz). Die Untersuchung bezieht sich auf die in den Landesanstalten des Groß- herzogtums Baden untergebrachten männlichen Kranken, welche sich gegen die Strafgesetze vergangen hatten. Die Zahl beträgt 24,9°/ 0 des Krankenstandes, ist seit dem Jahre 1908 um 5,2°/ 0 gestiegen. Diese Vermehrung ist bedingt durch die längere Zurückhaltung derartiger. Kranker und Vermehrung der Aufnahmen solcher antisozialer Elemente, für welche keine besonderen Anstalten vorhanden sind. Nach Einführung des neuen Strafgesetzbuches werden auch'die vermindert Zurechnungsfähigen den Irrenanstalten zufließen und wird voraussichtlich die Zahl der kriminellen und nicht kriminellen Kranken die gleiche werden. Trotz¬ dem wird nach Ansicht des Verf.’s der Bau von Sonderanstalten für kriminelle Geisteskranke nicht nötig sein. Diese stehen wegen ihrer enormen Kosten in keinem Verhältnisse zu den Vorteilen, es lassen sich durch eine richtige Ver¬ teilung auf die einzelnen Anstalten noch lange Zeit die durch die Kriminellen verursachten Schwierigkeiten überwinden. Die Arbeit gibt auch eine eingehende statistische Untersuchung über die persönlichen und sozialen Verhältnisse der internierten Kriminellen, die Form der Psychosen, Art der Delikte und die Notwendigkeit der besonderen Verwahrung. III. Neurologische und psychiatrische Literatur vom 1. Juli bis 30. September 1916. (Die als Originale in diesem Centralblatt veröffentlichten Arbeiten sind hier nicht noch einmal angeführt.) !• Anatomie. Holl, Vesals Anatomie d. Gehirns. Arch. f. Anat. u. Phys. Anat. Abt. H. 1 bis 3. — Bregman, Neue Unters, z. Kenntnis d. Pyramidenbahn. Die Oblongata- pyramide d. Elephanten. Anat. Anzeiger. XLVIII. H. 9. — Sattler, Markscheiden- entwicklung i. Tract. opticus, Chiasma u. N. opticus. Arcb. f. Ophthalmol. XC. IL Physiologie* Dandy, Extirpation of the pineal body. Journ. of exp. Medic. August. — McCord, Pineal gland in rel&tion to somatic, sexual and mental development. Journ. of amer. med. Assoc. 7. Angnst. Digitized by * Google Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 876 III. Pathologische Anatomie. Bielschowsky, Über Mikrogyrie. Journ. f. Psycho]. u. Neurol. XXII. H. 1/2. — Benda, Mikroskop.-pathol. Befände L Gehirn eines Fleck- tieberfalles. Zeitschr. f. ärztl. Fortbild. Nr. 15. — Basile, Histol. n. funkt. Veränderungen d. zentralen Hypophyse d. Menschen i. einem Falle v. Lymphosarkom d. Nasenrachens. Zeitschr. f. Laryngol. VII. H. 6. — Rados, Histol. Veränd. b. d. experiment, Stauungs¬ papille. Arch. f. Angenheilk. LXXIX. H. 4. — Berblinger. Anat Veränd. d. Extremitäten¬ nerven nach Verl, durch Nahschüsse. Centralbl. f. allg. Pathol. XXVI. Nr. 16. IV. Neurologie. Allgemeines: Mayer, C.. Kriegsneurol. Erfahrungen, Medizin. Klinik. Nr. 87. — CasamajOr, Nature of the neuroses. A contribution to the study of the neurotic personality. Medic. Record. 17. Juli. — Stier, Abgrenzung u. Begriff d. neuro- pathischen Kindes. Deutsche med. Woch. Nr. 27. — Fischer, Autonomous nerv. syst, and the gastro-enteric functions. Medic. Record. 17. Juli. — Hoff mann, P., Verhalten frisch regenerierter Nerven; Methode, den Erfolg einer Nervennaht frühzeitig zu beurteilen. Mediz. Klinik. Nr. 31. — Meningen: Frank, Fall v. mehrfacher Meningozele. Deutsche med. Woch. Nr. 32. — Lichtwitz, Einfl. einer b. einem Diabetiker i. einer Typhusrekonvaleszenz entstandenen Meningitis serosa acuta a. d. Stoffwechsel. Berl. klin. Woch. Nr. 88. — v. Podmaniczky, Diagnost. u. therapeut. Bedeut, d. Lumbalpunkt, b. submeningealen Blutungen traumatischer Ätiologie. Ebenda. Nr. 85. — Nobel, Unters, tuberkulös meningitischer Punktionsflüssigkeiten m. d. Ninhydrinreaktion. Münch, med. Woch. Nr. 29. — Frinkel, E„ Nachw. v. Meningokokken i. d. Lumballiüssigkeit. Deutsche med. Woch. Nr. 36. — Bittorf, Septische Meningokokkeninfekt. Deutsche med. Woch. Nr. 87. — Hochhaus, Abortive Formen a. Mening. cerebrospin. Ebenda. Nr. 40. — Klinger u. Fourman, Bakteriol. u. Prophylaxe d. Mening. epid. Münch, med. Woch. Nr. 31. — Petruschky, Vorbeugung d. epidera. Genickstarre. Ebenda. Nr. 38. — Kuräk, Behandl. d. Mening. cerebrospin. epidem. m. großen Serummengen. Mediz. Klinik. Nr. 38. — Scherber, Hauterschein, b. Mening. cerebrospin., m. bes. Berücksichtigung d. Herpes. Dermatol. 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Journ. of amer. med. Assoc. 10. Juli. — Hirntumor, Hirnabszess: Froehlicb. Fall v. multiplen Gliomen. Deutsche med. Woch. Nr. 82. — Gierllch, Papillom im 4. Ven¬ trikel. Ebenda. Nr. 30. — GrOndahl, Hypophysentumor, Diab. insip., Infantilismus oder Imbezillität. Norsk Magaz. f. laegediv. Sept. — Küpferle u. Szlly, Strahlenther. b. Hypo- pbysentumoren. Deutsche med. Woch. Nr. 31. — Arfom, Klin. u. pathol.-anat. Beitr. z. Studium d. Hirnechinococcus. Mon. f. Psych. Juli/Aug. — Büller, NachbehandL d. Hirn- abszesses, bes. d. Kleinhirnabszesses. Inang.-Dissert. Erlangen. — Goerdt, Fall ?. Heilung eines Schläfenlappenabszesses m. Durchbruch i. d. Seiten Ventrikel. Arch. f. Ohren-, Naaen- n. Kehlkopfheilk. XCVI1I. H. 2/3. — Schmiogelow, Translabyrinthäre Entfernung d. Acusticustumoren. Zeitschr. f. Ohrenheilk. LXXIII. H. 1. — Kleinhirn: Woodberg, Cerebellar symptomatol. Medic. Record. 4. Sept. — Götz, Kasuistik d. Encephalitis cere- helli. D. Zeitschr. f. Nervenheilk, LIV. 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Juni 1914 (J.-N. 21 C) betreffend Verantwortlichkeit des Irrenarztes für den Selbstmord eines Geisteskranken, von Bonhoeffer nnd Moeli. III. Aus den Gesellschaften. Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬ heiten, Sitzung vom 8. November 1915. — 40. Wanderversammlung stidwestdeutscher Neuro¬ logen und Irrenärzte am 29. und 30. Mai 1915 in Baden-Baden. xxxiv. 50 Digitized by Gck igle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN I. Originalmitteilungen. [Aas dem k. k. Garnisonsspitale Nr. 8 in Przemygl.] 1. Klinischer Beitrag zur Schädigung der peripheren Nerven bei den Erfrierungen infolge Durchnässung. Von. Dr. Georg 8tief ler, Nervenarzt in Linz a. D„ zurzeit im Felde. Zu deu Erkältungskrankheiten des Krieges als im weiteren Sinne zugehörig gehören bekanntlich auch die Erfrierungen; die sehr lehrreichen Erfahrungen aus den Balkankriegen 1912/13 über die „Erfrierungen ohne Frost“ (Dbbtbr, Goldammer, Kbonenfbls und Massaki, Ladenstein, Welckbb, Wieting- Pasoha u. a.) beschäftigten sich vorwiegend mit der Pathogenese und Therapie derselben und nehmen in erster Linie das Interesse des Chirurgen und Dermato¬ logen in Anspruch, daher in der neurologischen Literatur, soweit ich mich orien¬ tieren konnte, auf diesem Gebiete einschlägiges Material nicht vorliegt; dies gilt auch bezüglich der wenigen Beobachtungen aus dem gegenwärtigen Kriege (Bundschuh, Pbantbb, Pribbam, Reich, Riehl u. a.). Bei Riehl 1 finden wir einige kurze Bemerkungen über das Verhalten der Sensibilität bei Erfrie¬ rungen dritten Grades. Während meiner militärärztlichen Tätigkeit im Garni¬ sonsspitale zu Przemyäl vom Herbst 1914 bis Frühling 1915 gab mir die Unter¬ suchung zahlreicher Erfrierungsfälle, die ich gemeinsam mit Regimentsarzt Privatdozent Dr. Richabd Volk an dessen Abteilung für Haut- und Geschlechts¬ kranke machte, Gelegenheit, den Erscheinungen von seiten des Nervensystems besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Es handelte sich fast ausschließlich um Erfrierungen der Füße, als dessen Ursache aber nicht etwa Frost, strenge Kälte in Betracht kam, sondern länger andauernde Durchnässung und dadurch be¬ dingte Unterkühlung der Füße, da die Körperwärme infolge der durchnäßten Fußbekleidung nach außen abgeleitet wird und dadurch die Abkühlung der Füße weiter gefördert wird; anders bei der Frosterfrierung, wo die Wärme¬ regulierung infolge des den Fuß umgebenden Luftmantels zweifellos eine bessere ist, daher auch die Gewebsschädigung bei diesen Nässeerfrierungen meistens eine viel schwerere und ausgedehntere ist, als bei den typischen Frosterfrierungen. Die Durchnässung bildet sicherlich die Grundursache der Erfrierung; Unter¬ ernährung, Erschöpfung, Erkrankungen (Cholera, Ruhr, Darmkatarrh) können als fordernde Momente in Betracht kommen, ferner auch örtlich zirkulations¬ schädigende Wirkungen (Prädisposition, Mangel an Bewegung, unzweckmäßige Bekleidung). Volk 3 und ich sahen im Herbst 1914 gegen 60 Fälle solcher Durchnässungserfrierungen; die ersten Fälle kamen bereits Ende Sep- * Riehl, Bemerkungen über Erfrierung. Wiener klin. Wochenechr. 1915. Nr. 11. * Volk und Stibplbb, Über Erfrierungen. Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 5. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 883 tember vor, die Mehrzahl im Oktober. Mit Eintritt der trockenen, strengen Kälte, in der zweiten Novemberhälfte, kamen keine Fälle mehr in nnsere Beob¬ achtung; erst im Dezember, bei milder, feuchter Witterang, sahen wir wieder mehrere Fälle. Das klinisohe Bild dieser Erfrierungen ist ein angemein charakteristisches, in der Intensität abhängig vom Grade der Erfrierang; gemeinsam ist allen Fällen, auch den leichten, die ungewöhnlich lange Dauer der Erkrankung. In den leichten Fällen sehen wir nur die obersten Hautschichten verändert, eine leicht lividrote bis rosa Färbung, manchmal auch eine geringe Schwellung bzw. leichte Fältelung, Schilferigsein der Haut In schwereren Fällen ist die bläulich¬ rote Färbung dunkler, es kommt zur Entwicklung eines gewaltigen Odems, das an den Zehen beginnend auf die Füße fortschreitet, die sich dann polsterartig anfühlen, und häufig auch zur Blasenbildung. In den schweren Fällen mit den intensivst ausgebildeten Hauterscheinungen, der tiefblauen bis schwarzen Ver¬ färbung, starken Odemen, Herabsetzung der Temperatur kommt es im späteren Verlaufe zur Nekrose der Haut, Weichteile und auch der Knochen, die sich vom gesunden oder nur wenig geschädigten Gebiete durch eine Demarkationszone abgrenzt; Mumifizierung, spontane Enukleation ganzer Skeletteile, Entwicklung von Abszessen und Phlegmonen sieht man nicht so selten, schließlich auch Bilder schwerer Sepsis mit meist letalem Ausgang. Die Gewebsveränderungen bei der Erfrierung sind bekanntlich auf Alteration des Gefäßsystems zurückzuführen, auf Thrombenbildung in den kleinen Arterien (v. Recklinghausen, Kriege u. Hodara). Als Ursache peripherer sensibler Störungen mit Verlust bzw. Abschwächung des Empfindungsvermögens kennen wir nach Bernhardt mehr oder minder ausgedehnte, grobe traumatische Zerstörung der Haut mit Schädigung der Endi¬ gungen der sensiblen Nerven und der dazugehörigen spezifischen Organe, ferner abnorme Temperaturgrade, Kälte und Hitze, welche Empfindung herabsetzend wirken, wie die Versuche von Weber, Kulenburg, Nothnagel lehren. Bern¬ hardt verweist ferner auf die schweren sensiblen Ausfälle bei Durchnässung und damit Lockerung der Epidermis durch Wasser, auf die Einwirkung von Kälte auf die Gefäßlichtung, das Entstehen der Gefäßkrämpfe (Asphyxie locale) mit Gewebsvernichtung der meistbetroffenen Teile, auf die Raynaudsche Er¬ krankung und schließlich auf die Erythromelalgie (Lannois), wo wir Erschlaffung und Erweiterung der Gefäße, Ödeme, Schmerzen und Sensibilitätsstörungen finden. Weiterhin wären die refrigeratorischen Neuralgien und Lähmungen anzu¬ führen, als Ausdruck der Schädigung sensibler und motorischer Fasern durch Kältewirkung. Daß bei den Erfrierungen neben den durch die Gefäßalteration bedingten nervösen Störungen auch primäre Läsionen der peripheren Nerven, in erster Linie der peripheren sensiblen Haut- und Gefäßnervenendigungen, in Betracht kommen, glauben wir nach unseren eigenen Beobachtungen annehmen zu können. Zu Beginn der Erfrierung, bevor sich oft schon Erscheinungen von seiten der Haut zeigen, finden wir als regelmäßigen Befund Empfindungsstörungen in den 56* Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 884 befallenen Gebieten, Parästbesien von großer Intensität und verschiedenartiger Charakteristik, so Empfindungen von Brennen, Hitze, Kälte, Ameisenlaufen, Jucken, Steifigkeit, Hölzemsein; manche hatten das Gefühl, daß die Beine un¬ förmlich aufgesohwollen, andere wieder, daß ihnen die Füße abgestorben seien. Die Parästhesien waren am stärksten in den distalen Fußabschnitten, namentlich an den Zehen, ausgeprägt, pflanzen sich aber auch proximalwärts weit in das auch später gesund gebliebene Gebiet, oft bis zur Untersohenkelmitte hinauf fort. Sie waren im Beginne der Erfrierung, in den ersten Tagen und Wochen, am heftigsten; ihre Entwicklung zur Höhe beanspruchte manchmal nur Stunden, gewöhnlich war diese innerhalb einiger Tage erreicht. Manchmal wird der ganze Fußabschnitt, von den Zehenenden bis zur Sprunggelenkshöhe auf einmal er¬ griffen, und schwillt dann die Intensität gewöhnlich rasch an. In der Mehrzahl der Fälle beobachteten wir eine mehr allmähliche Ausbreitung, mit Beginn an den Zehen und konstantes, gelegentlich schubweises Fortschreiten proximalwärts. Daß die Parästhesien häufig -ungemein quälend sind, möge hervorgehoben sein; ihre Entstehung haben wir wohl auch bei der Erfrierung auf eine Mitbeteili- gung der sensiblen Haut- und Gefaßnervenendigungen zurückzuführen. In über ein Drittel der Fälle bestanden sehr heftige Schmerzen in den Füßen, welche von den Kranken als „brennend wie Feuer“, bohrend, stechend empfunden wurden, gewöhnlich in den Fußsohlen und den Zehen stärker als dorsal. Sie treten für gewöhnlich nicht im ersten Beginne der Erfrierung ein, sondern erst nach einigen Tagen und zeichnen sich durch besondere Hartnäckig¬ keit, schwere Beeinflussung durch Medikamente aus; am besten bewährte sich noch Pyramidon. Die Intensität der subjektiven sensiblen Reizerscheinungen steht durchaus nicht immer in entsprechendem Verhältnisse zum Grade der Erfrierung; so haben wir wiederholt in Fällen, wo makroskopisch kaum eine Gewebsveränderung zu erkennen war, über sehr lebhafte Parästhesien und Schmerzen klagen gehört, die in diesen Fällen wohl in erster Linie auf eine durch den Kältereiz direkt bedingte, primäre Erregung sensibler Nerven und Endapparate aufzufassen sind. Jene schweren Grade von Erfrierung mit tief¬ blauer Verfärbung der Haut, starker Schwellung der Weichteile zeigten meistens auch stärkere Schmerzen und sämtlich intensive Parästhesien. Das Vorhanden¬ sein von Parästhesien und Schmerzen in den bei der Untersuchung als anästhetisch sich erweisenden Partien, so vor allem im Gebiete schwerster Gewebszerstörung, in den bereits mortifizierten Gliedabschnitten (Anaesthesia dolorosa) haben wir uns nach dem Vorgänge der Projektion von in gesunden, bzw. noch empfindenden Nervenabschnitten erzeugten Reizzuständen in das periphere kranke Gebiet, nach voraufgegangener zentralwärts erfolgter Leitung, zu erklären. Von diesen Schmerzen und Parästhesien unterscheiden sich mehrere Fälle mit typischen Neuralgien, in Anfallen auftretenden reißenden, ziehenden Schmerzen, die vom Knie abwärts an der Außenfläche des Unterschenkels gegen den Fußrücken bzw. in die Wadenmuskeln und Sohle gegen die Zehen aus¬ strahlten und von den Kranken in die Tiefe der Muskulatur lokalisiert wurden: außerdem fand sich umschriebene Druckschmerzhaftigkeit unterhalb des Waden- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 885 beinköpfchens, in der Kniekehle, sowie an mehreren Stellen der Streck* und Beuge- muskeln am Unterschenkel; motorische wie sensible Ausfälle waren nicht nach¬ weisbar. Es handelt sich hierbei zweifellos um echte refrigeratorische Neuralgien, die auf eine primäre Schädigung des Nervenstammes durch die Kälte zurück- zuführen sind. Sie zeigen sämtlich eine sehr gute Prognose und unterscheiden sich dadurch von den durch den örtlichen Erfrierungsprozeß bedingten Par- ästhesien und Schmerzen; ein bis zwei Wochen nach der Spitalsaufnahme, bei gleichmäßiger Bettwärme und Verabreichung von Antirheumatika heilten sie vollkommen ab. In vier Fällen klagten Kranke über Anfälle von Krampfgefühl in den Wadenmuskeln, ohne daß es hierbei zur Auslösung eines wirklichen Muskel¬ krampfes kam; wir können sie vermutlich als sensible Reizzustände, durch die Erkältung ausgelöst, auffasseu, welche den motorischen Anteil des Reflexbogens nicht erreichten, sozusagen als sensible Crampi. Gehören die subjektiven sensiblen Reizerscheinungen als konstanter Befund zum nervösen Symptomenbilde der Erfrierung, so gilt dies nicht minder von den sensiblen Ausfallserscheinungen; ihre Intensität nimmt zunächst ent¬ sprechend den durch die Erfrierung gesetzten Gewebsschädigungen distalwärts zu und ist in den besonders schwer getroffenen distalen Fußabschnitten eine hohe, im neurotischen Gewebe eine maximale. Ihre Ausbreitung erstreckt sich nicht auf den anatomischen Verbreitungsbezirk eines oder mehrerer Hautnerven, sondern in Rücksicht des Ergriffenseins ganzer Gliedabschnitte auch auf den ganzen Umfang, die peripheren Komplexe sämtlicher daselbst liegenden sensiblen Nerven begreifend. Wir fanden ferner, daß die sensiblen Ausfälle in größerer Ausdehnung von höherer Intensität vorhanden waren, als wir nach der äußer¬ lich erkennbaren Gewebszerstörung erwarten konnten, deren Grenzen sie regel¬ mäßig proximalwärts überschritten und noch im als gesund erscheinenden Haut¬ gebiete nachzuweisen waren. Insbesondere die leichten Fälle bieten uns Beispiele dafür und weisen darauf hin, daß neben der durch die Gefäßalteration bedingten Gewebsschädigung, die in schweren Fällen allein imstande ist, ausgedehnte sensible Defekte zu erzeugen, die durch die Refrigeration gesetzte primäre Schädi¬ gung der sensiblen Nervenenden die Ursache des sensiblen Verlustes ist So haben wir in einer Reihe von Fällen mit Erfrierung der Füße, die äußerlich kaum Erscheinungen einer Erfrierung zeigten oder nur leichte Fältelungen, Schilferungen der Epidermis, in größerer Ausdehnung anästhetische Gebiete ge¬ funden, so an Füßen, Sohle, Zehen und distalstem Fußrücken (sandalenförmige Anästhesie); in Fällen mit schwereren Gewebsveränderungen an der distalen Fußbälfte fand sich nicht nur in diesem Abschnitte. Anästhesie, sondern noch höher hinauf, im Niveau des Sprunggelenkes mit einem annähernd zirkulären, hypästhetischen Saum abschließend (halbschuhförmige Anästhesie). In den schweren Fällen, wo die Demarkationszone noch höher lag, die horizontale Verbindungslinie der Malleolen proximalwärts, vorn gewöhnlich zungenförmig überschritt, erstreckte sich der anästhetische Bezirk über die Knöchelhöhe hinauf und wurde nach obenzu durch einen bis oft handbreiten hypästhetischen Ring Digitized by Google Original fro-m UNIVERSfTY OF MICHIGAN 886 abgegrenzt (schahförmige Anästhesie). Per Übergang vom Gesunden ins krankempfindende Gebiet war stets eine allmähliche, distalwärts zunehmende Hypästhesie. Mehrere Male ließen sich am Faßrücken hyperästhetische Zonen feststellen, die sich zwischen gesundem und hypästhetischem Gebiete ein* schoben oder als zerstreute Inseln in bereits sensibel abgeschwäohten Bezirken auftraten. Überempfindlichkeit in größerer Ausdehnung, etwa ganze Fußabschnitte betreffend, haben wir nie beobachtet Bei Berücksichtigung der sensiblen Quali¬ täten fand sich in nicht weniger als zehn Fällen im hypästhetischen Gebiete die Empfindung für Kälte wie für Wärme wesentlich stärker herabgesetzt als die Scbmerzempfindung; auch in den Fällen mit Vorgefundenen hyperästhetischen Feldern war eine entsprechende Überempfindlichkeit für kalt und warm nicht zu konstatieren. Obwohl der Kälte- wie Wärmesinn getrennte nervöse Endorgane haben, waren doch beide regelmäßig gleich schwer betroffen, was ebenso wie die wiederholt beobachtete schwere Schädigung der thermischen Sinnesqualitit auf die oberflächliche Lage ihrer Endstätten in der Haut zurückzuführen sein wird, während ja bei einem tiefer gehenden Reiz wie bei der Prüfung des Schmerz- und Drucksinnes auch die Sensibilität tiefer gelegener Teile in Frage kommt. Das Vorkommen partieller Empfindungsstörungen bei Erkrankung peripherer Nerven wird noch bestritten, zum mindesten stellen einwandfreie Be¬ obachtungen eine große Ausnahme dar. Als ein weiteres selteneres Vorkommnis bei Schädigung peripherer Nerven konnten wir mehrmals im hypästhetischen Ge¬ biete eine Verlangsamung der Empfindungsleitung feststellen, die das Temperatur- wie Schmerzgefühl gleichmäßig betraf, wodurch wir einen neuerlichen Beweis erbringen, daß Verspätung der Empfindung nicht nur bei zentralen bzw. medullären Prozessen zustande kommt, sondern auch bei peripheren Nervenerkrankungen, wie dies ja bei neuritischen Affektionen schon beobachtet ist (Bbbhhabdt, Bemas). Beim Versuche, die Indifferenzbreite der Temperaturempfindung aufzufinden, konstatierten wir im hypästhetischen Gebiete regelmäßig sehr niedrige Werte und fanden auch einige Male ein direkt paradoxes Verhalten. Bei Prüfung der Faradosensibilität und Bestimmung des Minimums von Schmerzempfindung beobachteten wir mit nur wenigen Ausnahmen, wo sich für die faradokut&ne Minimalempfindung höhere Werte ergaben, übereinstimmende Ergebnisse mh der Berührungs- bzw. Schmerzempfindung. Das Verhalten der tiefen Sen- siblität beobachteten wir bei Prüfung des Drucksinnes, der Lage- und Bewegungs¬ empfindung und des Vibrationsgefühls und fanden leichte bis sehr schwere Störungen, namentlich in dem schwerer befallenen Gebiete, so in den Zehen¬ gelenken und bei ausgedehnteren Erfrierungen auch im Sprunggelenke. Lu einen Falle von Handerfrierung (typische Gewehrgrifferfrierung) fand sich eine deut¬ liche Störung des stereognostischen Sinnes. Für die Schwere der sensiblen Storni? und ihre sicherlich morphologische nervöse Grundlage spricht auch die stet; gefundene Tatsache, daß selbst nach erfolgter Abheilung der Gewebsschädigoc? und nach Verschwinden der subjektiven sensiblen Erscheinungen noch schwer* Ausfälle des Empfindungsvermögens bestehen blieben, die Sensibilität ena ungewöhnlich spät zurückkehrte, wie wir dies gerade bei den leichten Erfrierung;: Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 887 in monatelanger Beobachtung gut überblicken konnten. So war in mehreren Fällen, die kaum einen positiven Erfrierungsbefund boten, nach mehr als sechs Monaten noch deutlich Hypästhesie in dem seinerzeit anästhetischen Gebiete nachzuweisen. Gegenüber den sensiblen Läsionen treten die motorischen Störungen entschieden in den Hintergrund. Den Übergang zu diesen bilden entsprechend ihrer Pathogenese, der vermutlichen reflektorischen Auslösung infolge der von Kälte¬ reiz getroffenen sensiblen Fasern, isolierte tonische Krämpft der Wadenmuskulatur, echte Crampi, die wir in mehreren Fällen von Erfrierung zu beobachten Gelegen¬ heit hatten; sie waren durchwegs von kurzem Bestände, denn sie verschwanden nach den ersten Tagen des Spitalsaufenthaltes. Bezüglich der motorischen Aus¬ fallserscheinungen können wir örtliche, durch die Gewebszerstörung bedingte, und echte Lähmungen, durch Schädigung einzelner Nervenstämme entstanden, unter¬ scheiden. Zu den ersteren gehören die bei schweren Erfrierungsfallen stets gefundenen motorischen Ausfälle, die auf direkte Zerstörung der Muskeln, Sehnen, Nerven durch die Durchfeuchtung, Schwellung, Nekrose der Weichteile zurüokzuführen sind, und andrerseits die Bewegungsstörungen, die durch Verlust der Empfindung gegeben sind, eine Behinderung und Unsicherheit in Ausführung der Bewegungen. Die zweite Gruppe stellen echte refrigeratorische Läh¬ mungen dar, deren Grundlage die Schädigung größerer Nervenstämme durch die Kälteeinwirkung, vermutlich Veränderungen neuritischen Charakters, bilden; sie wurden in drei Fällen von beiderseitiger Fußerfrierung mittleren Grades stets einseitig beobachtet. In zwei Fällen handelte es sich um eine linksseitige Peroneuslähmung (mit Druckpunkten, Hypästhesie, partieller Ent¬ artungsreaktion), im dritten Falle um eine rechtsseitige Parese im Peroneus- und Tibialisgebiete, mit sensibler Störung und einfacher quantitativer Herab¬ setzung der elektrischen Erregbarkeit; in allen drei Fällen bildeten sich die Läh¬ mungen nach 3—4 bzw. 2 Wochen vollkommen zurück. Wenn man auch heute, und gewiß mit Hecht, in der Beurteilung sogenannter rheumatischer Lähmungen vorsichtig und zurückhaltend geworden ist, so läßt sich doch das Vorkommen echter refrigeratorischer Lähmungen nicht bestreiten, und zwar gilt dies nicht nur für die Fazialis- und Augenmuskellähmungen, sondern auch für die viel selteneren Eitremitätennervenläbmungen, wobei die Erkältung nicht nur eine Hilfs- oder Gelegenheitsursache bildet, sondern das einzige auffindbare ätiologisobe Moment darstellt, wie dies in unseren drei Fällen angenommen werden muß. Bezüglich der Reflexe sei noch erwähnt, daß in sämtlichen Fällen von Erfrierungen die Fußsohlenreflexe fehlten und in einigen schwereren Fällen auch die Achillessehnenreflexe, als Folge der Ausschaltung der sensiblen Aufnahme¬ station für die Reflexe. Während der Wintermonate hatte ich wiederholt Gelegenheit, aucht echte Froeterfrierungen (gegen 30 Fälle) zu sehen; es handelte sich um durchwegs leichte Fälle, um Erfrierung einzelner oder mehrerer Zehen und einigemale auch der seitlichen Anteile der angrenzenden distalen Fußabschnitte. Im Gegensätze zu den Durchnässnngserfrierungen beschränkten sich hier die sensiblen Ausfälle Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 888 fast stets auf das Gebiet sichtbarer Gewebsschädigung, waren also im Umfange der Zehen und in mehr streifenförmigen Zonen des Fußrückens bzw. der Sohle zu finden, nie aber in Ausbreitung auf das ganze Fußgebiet in Ein¬ beziehung gesund erscheinender Abschnitte, wie wir dies auch bei den leichten Fällen der Erfrierungen ohne Frost feststellen konnten. Es erübrigt sich noch kurz auf die lUynaudsche Erkrankung hinzuweisen, zumal von einzelnen Ärzten, welche über Erfrierungen in den Balkankriegeu berichten, die Bezeichnungen symmetrische Gangrän gebraucht wird, worunter wir den Baynaudschen Symptomenkomplex verstehen, an den man ja tatsächlich bei flüchtiger Betrachtung der Erfrierungen erinnert wird. Und doch finden wir eine Reihe von unterscheidenden Merkmalen, ganz abgesehen von der Ätiologie der Baynaudschen Krankheit, welche bekanntlich als wichtigstes Moment die neuropathische Konstitution aufweist Nach Cassibeb, dem wir (in seinen vaso- motorisch-trophi8chen Neurosen) eine grundlegende Bearbeitung der Asphyiie locale verdanken, betreffen die vasomotorischen Erscheinungen hierbei in regel¬ losem Durcheinander bald diese, bald jene Abschnitte der erkrankten Gegend, die Schwellung ist eine häufige, aber keine konstante, die Gangrän ist charak¬ terisiert durch ihre geringe Ausdehnung — die Abstoßung einer Phalange gehört zu den Seltenheiten —, die Sensibilitätsstörungen sind fast stets gering¬ fügig, der Verlauf ist ein durchaus intermittierender; gemeinsam sind beiden die häufig enormen Schmerzen. 2. Zur traumatischen Neurose im Kriege. Von Dr. Bunnemann in Ballenstedt. Am 1. August 1914 erschien von mir in der Monatsschrift t. Psychiatric u. Neurologie ein Aufsatz unter der Überschrift: „Physikalische Anschauungs¬ weisen in neurologisch-psychiatrischer Literatur, ein Kapital zur Leib-Seelen- frage“(l). Es ist erklärlich, daß gerade in den Tagen des Kriegsausbruch« diese Arbeit die Aufmerksamkeit zuständiger Kreise zu fesseln nicht imstande war. Daher gibt mir eine Kontroverse, die über das Wesen der traumatischen Neurose schon seit langem besteht und im Anschluß an die Erfahrungen im Kriege wieder, rezent geworden ist, willkommene Veranlassung, auf meine oben bezeichnete Arbeit hinzuweisen, weil ich der Meinung bin, daß bei physikalischer Betrachtungsweise diese Kontroverse nicht zum Abschlüsse zu bringen ist Für jemand, der auf materialistischem Standpunkte steht, ist, wenn er in der auf¬ geworfenen Frage zu einer befriedigenden Lösung kommen will, nicht um eine Kritik seiner Grundanschauungen herumzukommen. In Nr. 11 dieses Centralblattes hat Oppenheim seinen Standpunkt zu: traumatischen Neurose, bezugnehmend auf frühere Arbeiten und Diskussion- äußerungen, genau formuliert. „Zu einem Verständnis,“ sagt er, „dieser udu anderer Phänomene gelangt man, wenn man bei der Deutung des Wesens de: traumatischen Neurose sich von dem ganz irrtümlich verallgemeinerten Begriff Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN der psychogenen Entstehung und Grundlage losmacht.“ Der psychogenen Theorie, die in der Überwertung eines einzelnen psychogenen Momentes den Begriff der Rentenhysterie gezeitigt batte, stellt Oppenheim seine Erechütterungs- tbeorie gegenüber, indem er fortfährt: „Damit komme ich zu einem der wich¬ tigsten Punkte meiner Ausführungen, zu der von mir schon seit langer Zeit aufgestellten Erschütterungstheorie, nach welcher sowohl das zentral, wie das peripher angreifende Trauma nicht anatomisch, aber doch physikalisch ent¬ stehende Veränderungen erzeugen kann. Mir schien es unzweifelhaft, daß die so feine Struktur des Nervengewebes direkt und indirekt geschädigt werden könne. Abseits von den materiellen Vorgängen der Blutung, Entzündung, Degeneration und Nekrose. Ich dachte dabei an feinere physikalische Vor¬ gänge usw. Den Einfluß dieser überstarken Impulse stelle ich mir so vor, daß sie eine Betriebsstörung in dem zentralen Innervationsmechanismus hervorrufen, mag es sich um die Herauslösung eines Gliedes aus der Kette, um eine Ver¬ lagerung feinster Elemente, um eine Sperrung von Bahnen, eine Zerreißung von Zusammenhängen, eine Diaschisis, kurz um einen Vorgang handeln, der auch dem Auge des Mikroskopikers entgehen würde, der aber auch keine Zerstörung irgend eines Nervengewebes darstellt, aber auf jeden Fall Leitungshindernisse für die motorischen Impulse schafft.“ Wir sehen, da sind zwei gegensätzliche Theorien, und mit ihnen ist die uralte Frage wieder aufgelebt: Ist das, was wir vor unseren Augen sich ent¬ wickeln sehen, sind die wahrnehmbaren Lebens- oder gar kosmischen Erschei¬ nungen einheitlich aus mechanischer oder psychischer Ursächlichkeit zu erklären? Diese Frage fällt zusammen mit derjenigen nach dem Verhältnis von Körper und Seele, mit der Leibseelenfrage. Ausgehend von, der Auffassung Oppen- heim’s ähnlichen, in der neurologisch-psychiatrischen Literatur niedergelegten Anschauungen habe ich der Leibseelenfrage in meiner zitierten Arbeit meine Aufmerksamkeit gewidmet und glaube sie einer befriedigenden Lösung entgegen¬ geführt zu haben. Ich erkenne an, daß man in dem Sinne, wie Oppenheim es mit Recht geißelt, die psychogene Theorie nicht übertreiben soll, daß man die traumatische Neurose einseitig von einem einzelnen psychogenen Momente, z. B. von der Rentenbegehrungsvorstellung abhängig erachtet, oder gar der körperlichen Theorie die große Menge der Arbeitsunlustigen zur Last legt, für die das deutsche Volk zu sorgen hat (Cimbal). Aber hat denn nicht auch die OppENHBiM’sche Theorie ihre Einseitigkeiten in sich? Wir wollen einmal ganz davon absehen, daß seine Theorie doch durch nichts zu beweisen ist. Niemand hat die physikalischen Dinge gesehen, die Verlagerungen und Zerreißungen kleinster Teile, es lassen sich aber auch keine sinnlioh nachweisbaren Folgeerscheinungen erkennen. Oppenheim schließt auf sie aus Krankbeitssymptomen, die* er sich nicht anders erklären kann, und zwar, wie ich mir schon einmal zu bemerken erlaubte, weil er ganz bestimmte Wege geht und auf ganz bestimmten Voraussetzungen und wissenschaftlichen Neigungen fußt. Zunächst möchte ich Oppenheim die Frage vorlegen, ob er unter physi- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 890 kalischen Vorgängen etwas anderes als materielle Veränderungen versteht? Man könnte darauf kommen, weil er diese physikalischen Veränderungen in Gegen* satz zu den Blutungen, Entzündungen und Degenerationen stellt und die letzteren Veränderungen als materielle Vorgänge bezeichnet. Ein Unterschied des Wesens besteht doch wohl zwischen beiden Gruppen nicht, sondern nur ein Größenunterschied. Beides sind doch wohl materielle oder strukturelle, in jedem Falle aber räumliche Veränderungen. Räumliche Vorgänge sind aber auch die Sinnesreize, die bei einem Unfall Auge und Ohr treffen und in ihrer sinn¬ gemäßen Umwertung die psychogene Wurzel des Leidens zu werden vermögen. Auch die äußeren Ursachen aller der posttraumatischen Sinneswahrnehmungen sind räumliche Vorgänge, die die Weiterentwicklung der geistigen Persönlichkeit bedingen können, so daß gegebenen Falles das Bild der Rentenhysterie erkennbar werden kann oder die ihr entsprechenden Vorstellungskomplexe bei der Erklärung des Krankheitsbildes sich nicht mehr ausschalten lassen. Vermag nun die Er¬ schütterung nicht auch als Sinnesreiz zu wirken und verkennen wir nicht am Ende, wenn wjr die Erschütterung und ihre Folgen vom rein mechanischen Standpunkte aus betrachten, unsere eigene Abstraktion, die darin besteht, daß wir an allen den Stellen, wo die Erschütterung der kleinsten Teile statt hat, von der sinngemäßen, der psychischen Seite absehen? Es gibt ja Fälle der Unfallneurose, wo die direkte Erschütterung so gering ist, daß man wohl an den kleinsten Teilen wesentliche Einwirkungen aus¬ schließen kann. Erst kürzlich hat Lähb einen solchen Fall beschrieben (2). Eine Frau hat auf einem Aborte gesessen, derselbe ist baufällig gewesen, die Frau hat gemerkt, daß er in sich zusammengebrochen ist, ist in Voraussicht der kommenden Dinge erschrocken und vornüber bewußtlos in die Knie ge¬ sunken. Hier stehen die psychischen Momente so sehr im Vordergründe, daß meiner Ansicht nach von der mechanischen Erschütterung kleinster Teilchen abgesehen werden kann und nur unter den räumlichen Vorgängen diejenigen in Frage kommen können, die wir Sinnesreize nennen. Daß dieselben Erschei¬ nungen auch auftreten, wenn keinerlei Erschütterung vorliegen kann, sondern nur nicht mechanisch erschütternde Sinnesreize Erlebnisse vermittelt haben, hat Nonne meiner Ansicht nach mit Recht betont. Wir wollen diese Fälle zunächst beiseite lassen und uns nur mit denjenigen befassen, wo eine stärkere Erschütterung stattgehabt hat und deshalb auch mit überstarken und über¬ raschen räumlichen Veränderungen kleinster Teilchen gerechnet werden kann. Ist es in solchen Fällen möglich, die Einwirkung der Erschütterung und ihr« eventuellen Folgen als rein mechanische aufzufassen und dieselbe an sich, ohne Rücksicht auf etwaige durch sie hervorrufbare psychische Eindrücke für das Krankheitsbild verantwortlich zu machen, oder ist sie nicht auch im Zusammen¬ hänge mit solchen inneren Prozessen, für dip die komplizierten Sinnesapparate keine vermittelnde Rolle spielen, als Sinnesreiz zu betrachten? In dieser Frage liegt das ganze Problem. Erschöpfende Behandlung desselben wird man in meiner zitierten Arbeit finden. Hier möchte ich nur sagen, daß sich keine räumlichen Veränderungen irgendwelcher Art an und für sich für irgendwelche Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 1 körperlichen, ja nicht einmal für irgendwelche kosmischen Geschehnisse ver¬ antwortlich machen lassen. Zwischen äußerer Begebenheit und den Symptomen der Krankheit steht der Mensch, steht das Problem des Lebens. Der mensch¬ liche Organismus ist aufzufassen als ein Zusammenschluß von Teilen, in dem jeder Teil nicht nur als eine materielle, räumlich aufgebaute, sondern auch als eine psychische Einheit anzusehen ist. Zwischen den Teilen aber besteht die¬ selbe objektiv-subjektive Röckbezöglichkeit, die den Menschen als übergeordnete Einheit mit seiner Umwelt verbindet, die also auch zwischen Mensch und äußerer erschfittemderUrsaohe besteht. Alle der Wahrnehmung zugänglichen Erscheinungen sind aus objektiv-subjektiver Röckbezöglichkeit zu verstehen, also sind auch die Resultate der Erschötterung nicht von einer möglichen seelischen Verarbeitung loezulösen. Wenn wir aber mit dieser objektiv-subjektiven Röckbezöglichkeit aller unserer Körperteile rechnen und ein einheitliches Krankheitsbild aufrecht erhalten wollen, zu dem sowohl Oppenheim’s traumatische Neurasthenie, als auch die Rentenhysterie seiner Gegner gehört, so können wir mit Bestimmtheit be¬ haupten: Einerlei, ob wir die zu deutenden Symptome unter das Bild der Hysterie oder der Neurasthenie unterzuordnen uns veranlaßt sehen, in jedem Falle liegt das Wesen der Erkrankung nicht auf der objektiven, sondern auf der subjektiven Seite. Es wird sicherlich keinerlei Widerspruch finden, wenn ioh behaupte, daß es weder die Sinnesreize beim Unfälle, noch diejenigen der posttraumatischen Zeit sind, welche an sich für die Entstehung, den Fortbestand und die Weiterentwick¬ lung der Krankheit verantwortlich gemacht werden können, sondern daß erst die Art der subjektiven Verarbeitung derselben för das Krankheitsbild ausschlag¬ gebend ist Wenn wir die soeben bezeichneten räumlichen Vorgänge, welche wir Sinnesreize nennen, in ihrem Zusammenhänge mit ideellen Prozessen gesondert ins Auge fassen und sie zu den dauernd wahrnehmbaren Krankheitssymptomen in Beziehung setzen, so ist klar, daß das Abweichende, för die Krankheits¬ symptome verantwortlich zu Machende, nicht auf der objektiven, sondern auf der subjektiven Seite zu suchen ist Es können dieselben Sinnesreize, so ungewöhn¬ lich sie an sich sein mögen, so und so viele Menschen treffen, aber nur einer oder nur wenige werden infolge einer schon vor dem Unfälle vorliegenden geistigen Disposition zur Entwicklung und zum Festhalten des bestimmten Krankheitsbildes neigen. In meiner Arbeit über psychogene Schmerzen habe ich gesagt (S. 25) (3): „Das Wesen der Nervosität als einer Krankheitsform, ihre vom Gewöhnlichen abweichende Grundlage, liegt nicht im Objektiven, sondern im Subjektiven, nicht in den Dingen, sondern in der Stellungnahme zu denselben, nicht in den Reizen an sich, sondern in der subjektiven Verarbeitung, welche sie finden. Den Umweltreizen, sowie den aus strukturellen Veränderungen und Stoffwechsel¬ vorgängen hervorgehenden Erregungsreizen ist a priori jeder in gleicher Weise ausgesetzt, jeder aber reagiert verschieden darauf, nicht nur in seiner bewußten Beurteilung, sondern auch in seinen unbewußten, instinktiven, automatischen und in seinen Organreaktionen.“ Wenn wir als psychogen diejenigen Erscheinungen bezeichnen, die durch Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 892 sinngemäße, psychische Verarbeitung irgendwelcher Sinnesreize entstanden sind, so wird man Hysterie als diejenige Erkrankung ansehen können, die durch überwertige subjektive Verarbeitung irgendwelcher Sinneswabrnehmungen ent¬ standen ist. Die Psychogenese der Hysterie ist ja wohl als allgemein anerkannt anzunehmen, man kann wohl sagen, daß bei den Fachgenossen hysterisch und psychogen nunmehr als synonyme Begriffe gelten. Wie steht es aber mit der Neurasthenie? Die neurasthenischen Beschwerden sind allem Anscheine nach von kleinsten materiellen Produkten des Körpers abhängig, von im Blute kreisen¬ den Ermüdungskörpern, Autotoxinen, Stoffwechsel- und Abbauprodukten. Kommen diese kleinsten Körper für das Zustandekommen neurasthenischer Beschwerden an sich in Frage oder in Beziehung zu einer seelischen, bei verschiedenen Personen verschiedenen Eindrucksfähigkeit, sind sie bei allen Personen in gleichem Maße vorhanden oder treten sie bei den einzelnen je nach ihrer funktionellen, d. h. seelischen Reaktionsfähigkeit auf Reize, die die Funktion zur Auslösung gelangen lassen, verschieden auf? ln meiner zuletzt zitierten Arbeit habe ich weiter (S. 27) gesagt: „Wir werden da von Neurasthenie sprechen, wo uns Er¬ scheinungen zur Wahrnehmung gelangen, in denen die gesteigerte Subjektivität untergeordneter Organreaktionen die wesentlichere Rolle spielt, von Hysterie aber dann, wenn die gesteigerte Subjektivität übergeordneter neenzephalischer Funktionen (des Denkens und Wünschens) in den Vordergrund tritt.“ Mit den soeben zitierten Worten ist meines Wissens zum ersten Male eine Definition der Nervosität und ihrer Unterformen gefunden, die der Aristotelischen Forderung entspricht, wonach jeder Begriff in eine Kategorie einzuordnen und gegen Glieder derselben Ordnung abzugrenzen ist. Die gemeinsame Basis, aus der sowohl Hysterie als auch Neurasthenie erwachsen, ist eine von vornherein vorhandene subjektive Überwertigkeit, das beide scheidende ist das räumliche Gebiet, das entwicklungsgeschichtlich dazu vorbereitet ist, verschiedene, subjektiv auseinander zu haltende Symptome zu zeitigen. Der Aristotelischen Forderung genügt nicht, um nur einen anderen Versuch, die Unterformen der Nervosität auf verschiedene Ursachen zurückzuführen, zu nennen, die KoHMSTAioi’sche Klassifizierung, wonach Hysterie auf einem Defekte des Gesundheitsgewissens, Neurasthenie aber auf neurodynamischen Störungen beruhen soll. Den neuro- dynamischen Störungen Kohmstamm’s entsprechen die physikalischen Verände¬ rungen Oppenheim’s. Wie aber sind Hysterie und Neurasthenie, so aufgefaßt, nebeneinander zu ordnen und einer gleichen Kategorie einzuordnen, wie läßt sich der gleiche Boden erweisen, aus dem beide erwachsen sind? Wollen wir die Einheit des Krankheitsbildes der Nervosität aufrecht erhalten, so müssen wir auch bei der Neurasthenie das für die Krankheit Charakteristische auf der subjektiven Seite suchen und annehmen, daß die Neurasthenie auf subjektiver Überwertigkeit verschiedener Organreaktionen beruht Wie verhält es sich nun im Verhältnis zu den Ermüdungskörpern, Auto- toxinen, Stoffwechsel- und Abbauprodukten der Neurasthenie mit den Oppk>- HBiM’schen Verlagerungen, Zerreißungen und Sperrungen, müssen wir sie an- nehmen, wie wir die neurasthenisohen Produkte anzunehmen geneigt sind, und Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN welche Bolle’ spielen sie gegebenen Falles in Hmsicht auf die Symptome der Erschöttemng8nenrose? Das, was meiner Ansicht nach für Oppenheim maßgeblich gewesen sein kann für die Annahme dieser ultramikroskopischen räumlichen Veränderungen, ist, daß die durch sie za erklärenden Symptome länger dauernder sind als die Sinneserregungsreize, die als räumliche Veränderung, als Veränderung der Struktur des durch sie getroffenen Organs sehr bald wieder abklingen. Haben wir nötig, zur Erklärung einer Persistenz der traumatisch-neurasthenischen Krankheitssymptome und ihrer Besistenz gegenüber Behandlungsmethoden mit den OppENHEiM’schen Veränderungen zu rechnen, oder können wir die Dauer der Symptome nicht auch anders erklären? Die Fixierung psychogener Symptome infolge bestimmter psychischer Modi¬ fikationen ist bekannt. Wir wissen, daß besondere Affektlagen geeignet sind, sowohl zur Fixierung, als auch zur Lösung psychogener Symptome beizutragen. Eine solche Affektlage ist der Schreck, der mehr oder weniger mit jedem Un¬ fälle verbunden ist. Der Schreck ist die akuteste Form der Angst, als einer besonderen negativen Wunschrichtung. Warum sollen wir nicht auch die Ein¬ wirkung der Erschütterung auf die kleinsten Nervenelemente, als im Gegensätze stehend zu einer übergeordneten SinneserreguDg, die durch die spezifischen Sinnesapparate dem Bewußtsein vermittelt wird, als Schreckwirkung ansehen, oder zu dem, was wir als geschlossene geistige Persönlichkeit Schreck nennen, in Analogie stellen und ihre lokale Verteilung und die entsprechende Verschieden¬ heit der Symptomatologie als von verschiedenen lokalen Erregbarkeitszuständen abhängig erachten. Diese kleinsten Partialerlebnisse werden ebenso auf die psy¬ chische Gesamtdisposition zurück wirken, wie durch die Sinnesorgane vermittelte Gesamterlebnisse. Wir werden in dem Falle nicht nur auf eine ideelle Über¬ erregbarkeit oder auf eine solche der psychischen Sensibilität und Sensitivität, oder schließlich besonderer extremer Wunschrichtungen die Symptome der Hysterie zurückführen, sondern auch auf eine abweichende seelische Beaktivität der motorischen Sphäre das Zittern, die Krampi, die Lähmung. Es wird uns dann auch durchaus erklärlich erscheinen, daß wir verschiedene graduelle Unter¬ schiede erkennen können, da wir sie im Einklang mit unserer neuen Auffassung und im Einklang mit Oppenheim als Ausdruck einer Hyper-, einer Hypo- und einer Aninnervation ansehen und dieselbe auf graduelle Unterschiede der seelischen Erregbarkeit auf den verschiedenen funktionellen Gebieten zurückführen können. Bei einer solchen Annahme, die uns die Aufrechterhaltung der Einheitlich¬ keit des Krankheitsbildes der Nervosität in kausaler Beziehung ermöglicht, haben wir also die OppENHEiM’schen dauernden physikalischen Veränderungen nicht nötig, um die Persistenz der Symptome zu erklären, da ja die Fixierung der Krankheits¬ symptome im Affekt in den primitiven Prozessen ebensogut möglich erscheinen muß, wie in den übergeordneten, durch die komplizierten Sinnesapparate vermittelten. Allein es lassen sich auch gegen die OppENHEiM’sche Theorie direkte Gegen- gründe anführen. Wenn in einem Eisenbahnzuge eine große Anzahl von Menschen denselben äußeren Bedingungen ausgesetzt ist und die Teilnehmer dieselbe Er- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 894 Bchütterung erleiden, so werden nicht alle von einer in ihren Symptomen gleich¬ mäßigen Erkrankung befallen, was die OpPENHsnc’sche Theorie erklären maß. Bei Annahme der physikalischen Ursachen der Krankheitssymptome bliebe nar der Schluß übrig, daß für die Verschiedenheit der Folgereaktionen eine ver¬ schiedene strukturelle Prädisposition verantwortlich zu machen sei. Es ist nar denkbar, daß unter sonst gleichen äußeren Bedingungen dann der eine die physikalischen Veränderungen aufzuweisen hat, der andere nioht, oder daß bei dem einen diese, bei dem anderen andere körperliche Veränderungen resultieren, wenn im einen Falle eine körperliche Prädisposition Vorgelegen hat, im anderen Falle nicht, und wenn das eine Mal diese, das andere Mal jene strukturell prädilek- tierte Stelle des Körpers von der Erschütterung besonders betroffen gewesen ist Für die Annahme einer solchen körperlichen Prädisposition ist nun keinerlei Anhalt zu finden. Wenn die höheren Altersklassen besonders zur Unfallneurose dispo¬ niert wären, so könnte man annehmen, daß das Alter eine strukturelle Neigung zu mechanischer Veränderlichkeit in sich trüge. Allein das entspricht nicht der Erfahrung, es werden alle Altersklassen gleicher Weise von der Unfallneurose betroffen. Das Alter bringt häufig eine körperliche Prädisposition mit sich, die in einer besonderen Brüchigkeit der üirngefäße besteht, und wir kennen Fälle, wo in Folge eines Unfalles eine Hirnblutung oder mehrere kleinere anf Grand der Brüchigkeit der Gefäße sioh nach weisen ließen. Aber gerade von solchen grobsinnlichen materiellen Veränderungen will Oppenheim absehen. Es sollen Veränderungen sein, die mit dem Mikroskop nicht nachweisbar sind. Worin soll aber dann die körperliche Prädisposition bestehen? An Stelle der körperlichen, strukturellen Prädisposition setze ich die seelische, aus der sich sowohl die vorzugsweise Bildung und Fixierung gewisser ideeller Komplexe und deren Maßgeblichkeit für Aufmerksamkeitsrichtung, Phantasie¬ tätigkeit, Empfindsamkeit und Wunsch* und Willeusrichtung, als auch eine ab¬ norme organische Reaktivität erklären läßt. Die Veränderungen Oppenheim’s sollen nicht bloß rasch vorübergehende Reizwirkungen sein, sie sollen aber auch nicht so lange dauern, daß sich in der Folge aus ihnen sichtbare, mikroskopisch nachweisbare Veränderungen entwickeln. Wie lange sollen sie nun dauern? Sollen sie solange bestehen, wie die Symptome der Krankheit? Dann ist nicht einzusehen, weshalb sich nioht nachweisbare Veränderungen aus ihnen entwickeln. Man denke nur an die mikroskopisch demonstrierbaren Abbauvorgänge Alzheimeh’s. Weiter vergegenwärtige man sioh, daß sie an sich, wenn sie so primitiv sind, wie sie geschildert werden, sich mit dem Entwicklungsprinzip in ihrer Dauer nicht vertragen. Entweder, sollte ich meinen, müssen sie in Folge natürlicher Weiterentwicklung sich gänz¬ lich wieder zurückbilden, wie die Sinnesreize, und zur Resorption gebraoht werden, wie die Stoffwechselprodukte, oder sie müssen sich zu nachweisbaren äußeren Veränderungen weiterentwickeln, in den Rückbildungsprozeß die Umgebung hineinziehen und dann äußerlich siohtbar zu machen sein. Ich sollte meinen, daß es eine durchaus berechtigte wissenschaftliche Forderung ist, daß der Naturwissenschaftler, der sich auf die Erfahrung stützt, Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN auf ein induktives vermöge unserer Sinnesapparate mögliches Erkennen, und auf andere Wege der Erkenntnis, der Deduktion und Spekulation bewußt ver¬ zichtet, nicht zur Annahme irgend welcher materieller, räumlicher, nur der äußeren Wahrnehmung zugänglicher Dinge schreiten sollte, wenn diese auf keine Weise äußerlich kenntlich zu machen sind. Ich glaube daher, daß aus meinen Überlegungen sich ergibt, daß man zur Erklärung der Symptome der traumatischen Neurose nicht nur nicht zu einer Annahme der OppENHEiM'schen physikalischen Folgen der Erschütterung gezwungen ist, sondern daß Gesichtspunkte gegen eine solche Annahme sich geltend machen lassen von zwingender Beweiskraft' Es bleibt noch eins zu erwägen, ob wir wirklich die direkten, nicht durch komplizierte Nervenapparate vermittelten seelischen Eindrücke der Er¬ schütterung kleinster Nervenelemente für das Zustandekommen der neurastheni- schen Symptome der traumatischen Neurose in Rechnung stellen müssen, oder ob wir nicht auch für sie die Ursächlichkeit in dem Gesamterlebnis sehen können ohne Rücksicht auf den mechanischen Vorgang der Erschütterung. Es wäre das leicht zu entscheiden, wenn wir uns einen Unfall konstruieren könnten, in dem die Wahrnehmung durch die Sinnesorgane sich ausschalten läßt Ich möohte an ein Experiment erinnern, das ich schon in einer anderen Arbeit (4, S. 363) herangezogen habe. Der Wiener Biologe Kammkrbb fand, als er eine Anzahl unserer schwarzgelben Feuersalamander auf eine gelbe Lehmunterlage brachte, eine andere auf einen schwarzen Moorboden, daß sich das Hautpigment der Tiere naoh der Bodenfarbe hin veränderte und daß dieselbe Veränderung an den unter diesen Lebensbedingungen geborenen Jungen im verstärkten Maße wahrgenommen werden konnte. Es handelte sich nun darum, ob die Verände¬ rung der Haut auf mechanischem Wege zustande kam, und als eine direkte Einwirkung des Lichtes auf die Haut aufgefaßt werden konnte. Kammbreb verfiel darauf, noch einmal eine gleiche Anzahl von Tieren von neuem den selben äußeren Lebensbedingungen auszusetzen und den Tieren die Augen zu blenden. Es ergab sich dann, daß die im anderen Falle beobachteten Haut¬ veränderungen vermißt wurden, nicht auftraten. Es war daraus klar, daß beim Zustandekommen des Symptomes keine direkten Einwirkungen eine Rolle ge¬ spielt haben konnten, sondern nur solche, welche durch die Sinnesorgane ver¬ mittelt waren. Dieses Experiment ist nun beim Menschen nicht zu machen, um in der Frage der traumatischen Neurose eine ähnliche Entscheidung zu treffen. Aber es lehrt uns doch das KAMMEBEB’sche Experiment, in welcher Richtung wir zu forschen haben. Oppenheim hat uns versprochen, sein reiches Material in Hinsicht auf die Frage nach der ursächlichen Abhängigkeit der neurastheniscben Symptome der traumatischen Neurose später noch zu sichten, vielleicht könnte dabei darauf Rücksicht genommen werden, ob und in welchem Verhältnis neurasthenische Symptome im Gegensatz zu hysterischen bei Neurosen sich nachweisen lassen, die durch ein seelisches Erlebnis hervorgerufen sind, das mit einer Erschütterung verbunden war, und bei solchen, die ohne mecha¬ nischen Insult sich herausgebildet hatten. Haben wir auch bei den Neurosen, Digitized by Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 896 die durch ein schreckhaftes Erlebnis entstanden sind ohne allgemeine Körper¬ erschütterung ebenfalls und ebensoviel neurasthenische Beschwerden als vor- liegend feststellen müssen, so ist daraus wohl der Schluß zu ziehen, daß für die spezielle Art der subjektiven Beschwerden eine direkte Erschütterung kleinster Nervenelemente anzunehmen nicht nötig ist, einerlei, ob wir die Wirkung der Erschütterung uns als eine mechanische oder als eine solche vorstellen, die erst in ihrer ideellen Beziehlichkeit richtig eingeschätzt wird. Soll die statistische Verwertung des Materiales fehlerlos sein, so fragt sich allerdings noch, ob wir sicher die Symptome, die wir als neurasthenische ansprechen, von den hysterischen unterscheiden können. Oppenheim sagt, daß die neurasthenischen Beschwerden in der Sympto¬ matologie der traumatischen Neurose des Krieges ein ausgedehntes Feld ein¬ nehmen. Er wird darunter die gewöhnlichen Symptome der reizbaren Schwäche, der leicht auftretenden Ermüdbarkeit, der verminderten Leistungsfähigkeit im allgemeinen und in der Funktion einzelner Organe verstehen. Dann führt er als Symptome schwerster Neurasthenie an die Insomuie, die Reizbarkeit und die Depression, die kardiovaskulären und sekretorischen Symptome. Zuletzt führt er Symptome an, die nicht mehr in das Symptomenbild der Neurasthenie, aber auch nicht in dasjenige der Hysterie oder in das der Kombination beider hinein¬ passen sollen. Die Blasenstörung, die Temperatursteigerung und der Gewichtsverlust passen allenfalls noch hinein, nicht aber der Tic, das Zittern und die Crampi musculorum. Ich kann nicht einsehen, weshalb der Kreis der Neurose unge¬ bührlich erweitert sein soll, wenn man auch sie mit umfaßt, zumal wenn man den von mir in ursächlicher Hinsicht eingenommenen einheitlichen Standpunkt an¬ erkennt Ich kann die Notwendigkeit, deshalb auf eine besondere Ursächlich¬ keit zu schließen, nicht anerkennen. Es gibt und kann nur zwei Formen geben, solche Symptome, in denen das Erlebnis als solches, insofern dabei nur die durch unsere komplizierten Sinnesapparate vermittelten Sinnesreize eine ursäch¬ liche Rolle gespielt haben, in Frage kommt, und solche, in denen diese Rolle allein den direkten Einwirkungen auf die primitiven Nervenelemente zufallt Als dritte Form kommt dann noch in Frage die Kombination beider. Ich bin nun der Meinung, daß sich aus der Symptomatologie sehr schwer in der Frage eine Entscheidung treffen läßt, welche der von mir soeben auf¬ gestellten Formen ursächlich vorliegt, weil mit keinem absoluten Parallelismus von äußeren Erscheinungen und innerer Ursächlichkeit gerechnet werden kann. Es ist jedenfalls sehr schwer, aus den äußeren Symptomen auf die Form innerer Ursächlichkeit einen Schluß zu ziehen. Eins der bekanntesten neurasthenischen Symptome ist jedenfalls die leichte Ermüdbarkeit auf irgendwelche Leistung hin, und doch gibt es Fälle, in denen dieses Symptom als rein psychogenes an¬ gesprochen werden muß. Es kam zu mir eine junge Dame im Alter von 25 Jahren. Sie gab an, daß sie früher sozusagen unerschöpflich in ihrer Leistungsfähigkeit gewesen sei. Eine Ermüdung habe sie eigentlich gar nicht gekannt, sie habe ohne Grenzen arbeiten, Touren machen, Tennis spielen und die Nächte durch tanzen können, ohne zu ermüden oder am anderen Tage durch irgend- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 897 welche Ermüdungsgefühle belästigt zu werden. Da sei im Anfänge des Krieges ihr Bruder, der Leutnant in einem Infanterieregiment gewesen sei, gefallen, und seitdem habe sie alle ihre Leistungsfähigkeit eingebüßt. Schon ein Weg von einer Viertelstunde könne sie totmüde machen. Sie sei dadurch sehr bedrückt und komme sich so vor, als ob sie von aller eigentlichen Lebensfreude für immer ausgeschlossen sei. Auf Befragen konnte ich weiter eruieren, daß sie dem Bruder sehr nahe gestanden habe, daß er sie, ehe er in den Krieg ge¬ gangen sei, beauftragt habe, im Falle, daß er fallen sollte, in seiner Garnison seine Sachen zu ordnen. Als er gefallen sei, sei sie in die Garnison gereist, innerlich tief getroffen, habe viel Schererei gehabt, viel herumlaufen müssen und sei, als sie des Abends mit dem Packen fertig gewesen sei, furchtbar müde gewesen. Dieses Müdigkeitsgefühl sei dann auf die kleinste Leistung hin immer wieder aufgetreten und habe ihre Lebensfreude allmählich immer mehr herab* gedrückt. Ich erklärte ihr nun, daß in dem Erlebnis, das der Tod ihres Bruders für sie bedeutet habe, ein seelisches Trauma zu sehen sei, das ihre Empfind¬ samkeit an dem Tage, wo die Nachricht sie traf, gegenüber den körperlichen Leistungen verändert habe, daß aber zugleich durch dieses Erlebnis in ihr eine seelische Disposition, eine besondere Affektlage geschaffen sei, die znr Fixierung gewisser Begleiterscheinungen des seelischen Traumas, hier des erhöhten Er¬ müdungsgefühles, geeignet gewesen sei. Eine dauernde körperliche Ursache für die verminderte Leistungsfähigkeit liege nicht vor, die Annahme einer solchen könne nur die Konzentration der Aufmerksamkeit auf die Ermüdungsgefühle, als die Zeichen einer vorausgesetzten und gefürchteten körperlichen, nicht reparablen Schädigung bedingen und dadurch einem selbsttätigen Abklingen der Affektion im Wege stehen. Wenn sie dieses verstanden hätte und zuversichtlich, im bewußten Bestreben, wieder ins innere Gleichgewicht zu kommen und sich zu einem prinzipiellen Optimismus durchzuringen, in den Tag hinein lebe, wenn sie an die Stelle einer ängstlichen körperlichen Betrachtungsweise eine zuversicht¬ liche Beobachtung ihrer seelischen Vorgänge setze, so werde ganz von selbst in kurzer Zeit das allerdings sehr unangenehme, aber unwesentliche Symptom be¬ seitigt sein. Schon am dritten Tage kam sie und berichtete, daß sie schon lange Wege ohne nachberiges Ermüdungsgefühl gegangen sei. Sie ist völlig frei nach kurzer Kurzeit von hier geechieden, und ich habe die Dauer ihres Wohl¬ befindens später brieflich von ihr bestätigt erhalten. Wir können den Fall als einen Fall von traumatischer Kriegsneurose ohne Erschütterung bezeichnen mit dem äußeren Anscheine nach neurasthenischen Beschwerden, die sich aber bei genauerem Zusehen als rein psychogene herausstellten. Dem psychogenen Ermüdungsgefühl entsprechend, sind uns Formen psychogener Blasenstörungen, psychogener Temperatursteigerungen bekannt, wie auch psychogenes Zittern, psychogene Crampi und psychogene Lähmungen. Es muß also eine genaue Exploration erst ergeben, wann die Mitwirkung übergeordneter komplizierter Sinnesapparate auszuschließen ist. Aus der Form der äußeren Erscheinung ist das nicht za ersehen, weil zwischen äußerer Erscheinung und innerer Ursächlichkeit ein absolater Parallelismus nicht besteht. In den allermeisten XXXIV. Digitized by Gck igle 57 Original frum UNIVERSETY OF MICHIGAN 898 Digitized by Fällen werden beide Wurzeln der Erkrankung vorhanden sein, es wird für den Betrachter je nach der Entwicklung seiner Mittel der Erkenntnis, je nach seinen wissenschaftlichen Voraussetzungen und Neigungen, aber auch je nach dem ein¬ zelnen Krankheitsfall und dem in ihm tatsächlich vorhandenen Prävalieren der einen oder der anderen Wurzel, die eine oder die andere Seite der Ursächlich¬ keit sich in den Vordergrund drängen. Es wird darum von vielen Faktoren abhängen, ob eine stichhaltige Verarbeitung irgendwelchen Tatsachenmatenales möglich ist, ob uns das OpPENHBm’sche Material über die oben gestellte Frage wird Aufschluß geben können. Ich bin der Meinung, daß ebenso, wie wir hei der gewöhnlichen Neurasthenie auf die Mitwirkung der Stoffwechselprodukte, Autotoxine, Abbauprodukte nicht werden verzichten wollen, wir auch mit direkten ErschütterungsWirkungen rechnen dürfen. Wir dürfen sie aber nicht als etwas mechanisch Wirksames ansehen und nicht an einen absoluten Paralleliamus glauben und nioht annehmen, daß diese direkten Folgen der Erschütterung dauernd sind und für die Dauer der Krank heitssymptome allein verantwortlich gemacht werden können. Immerhin muß ich gestehen, daß die Bildung dieser kleinsten Erschütterungsresultate auch so noch Hypothese ist, auch so noch ein Dogma bleibt, das ohne Glauben nicht bestehen kann. Die von mir nach der Ursächlichkeit der Krankheitssymptome aufgestellte Klassifikation der nervösen Unterformen möchte ich im Gegensatz zu anderen als eine monistische bezeichnen, weil sie auf Grund einer monistischen An¬ schauung gewonnen ist, wobei ich bitte, meinen Monismus nicht mit demjenigen Ostwaiid’s zu identifizieren, und nur in Anerkennung einer solchen angenommen werden kann, weil sie aber auch zugleich die einzige und erste ist, die in ur¬ sächlicher Beziehung die Einheitlichkeit des Krankheitsbildes der Nbrvosität wählt. Literatur. 1 . Monatsschr. f. Psych. n. Nearol. XXXVI. H. 2 . — 2. Lakhb, Ein Fall von Unfall¬ neurose. Allgem. Zeitscbr. f. Psych. — S. Monatsschr. f. Psych. o. Nenrol. XXXIU. H. i - 4. Ebenda. XXXIV. H. 4. 11. Referate. Kriegsbeobachtungen. 1) Zur.Diagnose und Therapie der Sohftdel- und Gehirnsohüsse, von P.Sick. (Münch, med. Woch. 1915. Nr. 40. Feldärztl. Beilage.) Bef.: Kurt Mendel Das Gehirn ist das höchstorganisierte Gewebe, dessen Begenerationsfähigkeit gleioh Null ist, so daß noch der zarteste Eingriff zerstörend wirkt. Daher ist besondere Zurückhaltung am Platze. Die Tangentialscbüsse sind zunächst nur zur Diagnose zu inzidiereu, um die Weichteil- und reinen Knoohenschüsse von Gehirn-Rinnen- und Segmentschüssen, die Mattschüsse von den explosiv wirkenden Nahschüssen sicher unterscheiden zu können. Bei sichtbarer Beschmutzung folgt Exzision der Weichteile und einer kleinen Bandzone des Knochendefekts bis zom Erscheinen unverletzter Dura; sonst nur Tamponade nach Reinigung mit HjO,: keine Naht. Bei schwerem und unsicherem Befund ist der Transport der Leicht- und Schwerverletzten bis zum mit Röntgen arbeitenden Chirurgen die kleinere Gefahr. Erst nach Röntgenkontrolle soll die endgültige Versorgung der schwerer. Hirnverletzungen vorgenommen werden. In den Grenzfällen, z. B. bei unvermutet Gck igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 890 schweren Impressionen, ist hierzu bei genauer Beobachtung noch Zeit mit dem Eintritt bestimmter klinischer Indikationen, d. h. der geringsten Verschlimmerung irgend eines der bekannten kleinen Alarmzeichen. Die einfache Fortdauer der Erscheinungen einer sohweren Gehirnkontusion ist dagegen ebensowenig ein Grund für den Eingriff, wie bei der mit Kontusionssymptomen vergesellschafteten Basis¬ fraktur unserer Friedensfälle, oder bei matten Steckschüssen mit kleiner Einschu߬ öffnung und tiefer Lage des Fremdkörpers. 2) Richtlinien in der Behandlung der Sohädeltangentialsohüsse , von Prof. Wilms. (Münch. med.Woch. 1915. Nr. 42. Feldärztl. Beilage.) Ref.: Kurt Mendel. Die Schädeltangentialschüsse verlangen eine ausgiebige Frühoperation. Die Punktion sollte zur Feststellung eines Hirnabszesses möglichst selten an* gewendet werden. Sie ist an sich eine gefährliche Manipulation; durch die An¬ wendung der Nadel können neue Infektionskeime und sekundäre Abszeßbildung in der Tiefe gesetzt werden. Abszesse müssen durch Inzision gesucht werden, und dazu eignen sich gerade die bei den Tangentialschüssen auftretenden Abszesse, die meist nur wenige Millimeter unter der Oberfläche liegen. Die Punktionsnadel ist nur erlaubt bei tief gelegenen Abszessen, wie sie bei Steckschüssen innerhalb des Gehirns zuweilen Vorkommen; hier ist die Inzision nicht möglich, und wir müssen die Gefahr der Punktion unter solchen schwierigen Verhältnissen in Kauf nehmen. Bei gefährlichem, d. h. durch Entzündung in der Tiefe bedingtem Prolaps muß Entlastung durch ausgedehnte Trepanation erfolgen. Spätstörungen werden durch langes Offenhalten des entzündlich veränderten Gehirnteiles vermieden (öftere Nachoperation). Verf. plädiert schließlich für häufigere kleine Chirurgenkongresse noch während des Krieges durch Zusammenkommen der in mehreren Armeekorps tätigen Chirurgen, damit so eine persönliche Aussprache erfolgen kann. 3) Über Sohußverletznngen der Hlmnerven, von Ausch. (Wiener klin. Wochenschr. 1915. Nr. 42.) Ref.: Pilcz (Wien). Fall I. Gewehrschuß, vom rechten Jochbogen, 3 cm nach außen vom Lidwinkel, bis äußeren Rand des linken Kopfnickers, drei Querfinger unter Ohrläppchen. Linke Lidspalte enger, links Enophthalmus, linke Pupille enger; Adrenalin- versüch links negativ, Schwitzversuoh erzeugt nur rechtsseitiges Schwitzen. Bei Brechakt bleibt linkes Auge trocken. Links, im vorderen Zungenanteile, wird nur sauer gut, salzig wenig empfunden, bitter und süß nicht; im hinteren Anteile süß und bitter deutlich, ebenso sauer, salzig als sauer empfunden. Linksseitige Hypoglossuslähmung mit entsprechender Atrophie. Isolierte periphere Lähmung des Trigeminus, Hypoglossus und Sympathicus derselben Seite, hervorgerufen durch ein Gewehrprojektil, vermutlich Verletzung des Ganglion oervicale supremum. Fall II. Gewehrschuß am rechten Unterkiefer, Ausschuß am linken Kopf¬ nicker, etwa in der Mitte. Linke Pupille enger, auf Adrenalin nicht reagierend, Schwitzen beiderseits ohne Störung, Ageusie links sowohl für den vorderen, wie den hinteren Abschnitt der Zunge. Links werden Nadelstiche nicht empfunden, während die rechte Zungen¬ hälfte deutlich lokalisiert. Sprache verwaschen, Zunge weicht nach links ab, ist diffus pilzförmig geschwollen, Furchung links stärker, mit fibrillären Zuckungen. Periphere Hypoglossuslähmung, Sympathicuslähmung und periphere Glosso- pharyngeuslähmung. 4) Über kontralaterale Alopezie naoh Kopfschüssen, von E. Klausner. (Dermatolog. Wochenschr. LXI. 1915. Nr. 43.) Ref.: K. Boas. Verf. macht für die von ihm beobachteten bzw. angeführten Fälle als Ursaohe des kontralateralen Haarausfalles naoh Sohädelsohußverletzungen die Röntgen- Btrahlen verantwortlich, 57* Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 900 Verf. nimmt dieselbe Ätiologie auch in den von Knack (Ebenda. Nr. 34) veröffentlichten Fällen an. 5) Über den zerebellaren Symptomenkomplex ln seiner Bedeutung für die Beurteilung von Schädel verletzten, von Kurt Goldstein. (Münchener med. Wochenschrift. 1915. Nr. 42. Feldärztl. Beilage.) Bef.: Kurt Mendel Der zerebellare Symptomenkomplex (s. auch d. Centr. 1915. S. 626) verdient besondere Beachtung, weil er leicht mit funktionell nervösen, hysterisch-neur- asthenischen Symptomenbildern verwechselt werden kann, da die subjektiven Be¬ schwerden oft außerordentlich ähnlich sind. Fall des Verf/s: 33jähr. Mann. Verwundung durch Granatsplitter und Ver¬ schüttung. Keine gröbere Schädel Verletzung. 10 Tage nach der Verletzung: etwas schläfriger Eindruck, langsame Sprache, leicht ermüdend, leicht erregbar, keinerlei Lähmung, keine Sensibilitätsstörung, kein Nystagmus, kein eigentlicher Romberg, Augengrund und Reflexe normal, Dermographie, labiler Puls, abnorme psychische Erreg- und Ermüdbarkeit, Wechsel der subjektiven Beschwerden, aus¬ gesprochenes Krankheitsgefühl. Pat. machte ganz den Eindruck eines funktionell- Nervenkranken. Die genaue Funktionsprüfung des Kleinhirns ergab aber: Neigung, beim Stehen mit geschlossenen Augen nach rechts zu fallen, beim Gehen mit geschlossenen Augen nach rechts abzuweichen, Vorbeizeigen nach rechts (Bär&ny), Adiadochokinesis rechts, Störung in der Schätzung von Gewichten auf der rechten Seite und ganz geringe Ataxie rechts. All dies deutet auf eine Schädigung des rechten Kleinhirns hin. Das Röntgenbild zeigte eine deutliche Fissur am Schädel¬ knochen; also wahrscheinlich als Folge derselben eine Blutung in der rechten Kleinhirnhälfte. Bei jedem Schädelverletzten sollte eine Funktionsprüfung des Kleinhirns vor¬ genommen werden, damit Fehldiagnosen (Hysterie, Neurasthenie) vermieden werden. Die wichtigsten Punkte, die für die Kleinhirndiagnose in der Praxis in Be¬ tracht kommen, sind: 1 Subjektive Störungen: Kopfschmerzen, besonders lokalisiert im Hinter¬ kopf, Störungen beim Bücken und bei Lagewechsel des Körpers, Unsicherheit beim Gehen, Gefühl einer gewissen Verlangsamung der Bewegungen, Neigung nach einer Seite zu fallen, Schwindel. Die einzelnen Störungen treten in verschiedenem Maße auf, je nachdem die Kleinhirnschädigung mehr die Hemisphären des Klein¬ hirns oder den Wurm oder schließlich tiefere Kleinhirnpartien betrifft. Objektive Symptome (gleichfalls abhängig von der Lokalisation der Schädigung): 1. Zerebellarer, breitbeiniger Gang mit dauerndem Schwanken des ganzen Körpers (Wurmsymptom); 2. abnorme Kopf- und Rumpfhaltung und all¬ gemeines Schwanken beim Stehen (Wurm); 3. Nystagmus (Schädigung tieferer Kerne oder dem Kleinhirn benachbarter Gebiete); 4. Ataxie (Hemisphärensymptom), für welche charakteristisch ist die Einseitigkeit, die Gleichseitigkeit mit dem Herd und das Betroffensein vorwiegend der Extremitäten; 5. leichte Schwäche und ge¬ wisse Schlaffheit in den Extremitäten; 6. Vorbeizeigen beim Bär äny sehen Zeige¬ versuch; 7. Adiadochokinesis (bei linksseitigen Affektionen prüfe man daraufhin immer auch die Zehenbewegungen, weil die linksseitigen Fingerbewegungen bei Rechtshändern schon normalerweise ungeschickter und langsamer als rechts erfolgen, was für die Zehenbewegungen nicht so gilt); 8. Störung in der Schätzung von Gewichten: mangelhafte Unterscheidung schwererer und leichterer Gewichte, Unter¬ oder seltener Überschätzung auf der kranken Seite; 9. Fehlen des Rückschlages bei der Widerstandspriifung. Ref. möchte auf Grund einer eigenen Beobachtung, die gleichfalls zunächst Hysterie vortäuschte, dann aber als zerebellarer Symptomenkomplex + Hysterie erkannt wurde, als 10. Punkt noch die Augengrundveränderung (Neuritis optica) hinzufügen. Auch erscheint es Ref. auffällig, wie oft gerade dieser zerebellare Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN - 901 Symptomenkomplex mit hysterischen Erscheinungen kompliziert ist, wodurch die Diagnosestellung sehr erschwert ist (Fall von Löwenstein-Friedländer, Gold- steins Fall, Fall des Bef., der später ausführlich veröffentlicht werden soll.) 6) SohußVerletzungen des Rückenmarks und der Wirbelsäule, von Paul Frangenheim. (Münchener med. Wocheschrift. 1915. Nr. 43. Feldärztl. Beil.) Bef.: Kurt Mendel. Den Ausführungen liegen 25 operierte Schußverletzungen des BückenmarkB sd der Wirbelsäule zugrunde, darunter 9 Todesfälle. Fast regelmäßig ist die Halswirbelsäule bei den Gesichtshalsschüssen verletzt. Es sind das meistens Steck¬ schüsse, deren Einschuß im Bereich des Gesichts gelegen ist. Die Darohschüsse und Steckschüsse des Nackens verletzen sehr häufig das Bückenmark. Es kommen hierbei alle Übergänge vor von der kompletten Lähmung aller Gliedmaßen bis zur leichten Rückenmarkserschütterung. Bückenmarksschüsse, die mit einer Lungen¬ verletzung einhergehen, empfiehlt Verf. von der Operation auszuschließen, wenn eine Lumbalpunktion klaren Liquor ergibt, die Wirbelkörper als Sitz des Ge¬ schosses erkannt wird und sonst keine Wirbelverletzung nachzuweisen ist. Der Blutung wird in der Pathologie und Klinik der Bückenmarksverletzungen offenbar eine zu große Bedeutung beigemessen. Bei den Schußverletzungen kommt sie kaum in Frage. Verf. sah einmal eine blutige Durchtränkung der Rückenmusku¬ latur bei einem langen Durchschuß des Rückens, im übrigen aber in keinem Falle ein extra- oder subdurales Hämatom, ein solches kam in keinem Falle als Ursache der Markschädigung in Frage. Die Markzertrümmerung sah Verf. nicht so häufig wie die Kompression und die Kontusion des Rückenmarks. Verf, ist für Früh¬ operation der Rückenmarksschüsse. 7) Gnnshot injuries of the spinal oord, by Derby. (Annals of Surgery. 1915. Nr. 6.) Bef.: K. Boas. Verf. berichtet über 5 Fälle von Bückenmarksschüssen bei englischen Soldaten. 4 mal lag das Geschoß im Bückenmarkskanal und lmal eingekeilt in den Zwischen- wirbelscheiben, nachdem es den Wirbelkanal durchschlagen hatte. Je 2 mal handelte es sich um Infanterie- bzw. Artillerie(Schrapnell-)geschos8e, 1 mal um ein Sprengstück. In 4 Fällen war die Dura zerrissen und das Mark zerquetscht, lmal handelte es sich um einen Bluterguß, der die Dura und das Rückenmark komprimierte. In allen Fällen bestand völlige Lähmung der Extremitäten, des MastdarmB und der Blase. In den 4 Fällen von Zerreißung der Dura und Zer¬ quetschung des Markes wurde keinerlei Besserung bis zur Zeit der Beobachtung durch die Aufdeckung des Wirbelkanals und die Entfernung des Gesohosses erreicht. In dem Falle von Kompression des Markes trat im Anschluß an die Operation Infektion und Exitus letalis ein. 8) Über Nervenverletzungen im Kriege, von K. Gaugele. (Zeitsohr. f. ortho¬ pädische Chirurgie. XXXV. 1915. H. 3.) Bef.: K. Boas. Am häufigsten war die linke Hand betroffen, und zwar meist der N. radialis, viel seltener bereits der N. ulnaris. Eine Medianuslähmung sah Verf. überhaupt nur 1- bis 2 mal. Verf. berichtet über 10 Fälle. In 5 von 9 Fällen brachte die Operation einen vollen Erfolg, so daß eine Restitutio ad integrum zu erwarten ist. In 2 Fällen von Ulnarislähmung ging die anfänglich sehr erhebliche Besserung nach einigen Wochen wieder verloren. In einem Falle trat eine geringe Besserung, in einem weiteren Falle eine Verschlechterung ein. In den beiden Fällen von Ulnarislähmung verschwand die Krallenstellung naoh der Operation, um bald nachher wieder in Erscheinung zu treten. Auoh in einem anderen operativ glänzend beeinflußten Falle drohte immer wieder eine leichte Kontrakturstellung einzutreten, was nur durch die fortwährende Übungs¬ therapie hintangehalten werden konnte. Digitized by Gougle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 902 Die Gefühlsempfindung kehrte stets vor der Beweglichkeit wieder. Die Technik des Verf.*s weicht nicht erheblich von der anderer Autoren ab. Sehr schwer war die Loslösung des Nerven zum Teil bei einfachen Verwachsungen. Bei totaler Durchtrennung befreite Verf. den Nerven nach der Vorschrift von Spitzy von allen Auflagerungen und Verwachsungen, bis die Nervensubstanz in der ganzen Ausdehnung auf dem Querschnitt bloßlag, und vereinigte die beiden Nervenenden durch Seidennähte des Perineuriums und zur besseren Fixation mit einer durch die Substanz geführten Längsnaht. Dazu verwende man nur ganz kleine runde Nadeln. ln 2 Fällen machte Verf. die aufsteigende Pfropfung, indem er den abgelösten Muskelast des Badialis, dessen zentrales Ende in den Verwachsungen nicht mehr zu finden war, in den Nervenstamm einpflanzte, und zwar derart, daß Verf. im Nerven einen kleinen Längsumschnitt machte, die Nervensubstanz des kurzen Astes an dieser Stelle hineindrängte und Perineurium mit Perineurium vernähte. Die Frage, wann operiert werden soll, beantwortet Verf. unbedenklich mit: sofort. Bei so¬ fortiger Naht sind die Nervenenden nicht narbig verändert. Man braucht kein Material an Nervensubstanz zu opfern und man findet die Nerven noch mehr in ihrer natürlichen Lage. Die Regenerationsvorgänge im Nerven treten viel sicherer und schneller ein. Eine baldige Degeneration der Muskeln ist weniger zu be¬ fürchten. Bei den Quetschungen und Kontusionen erscheint die frühzeitige Ope¬ ration besonders wertvoll, weil dann die Verwachsungen mit dem Perineurium noch leicht zu lösen sein dürften, und weil die strangulierende Wirkung der Ver¬ wachsungen sioher von weniger schädlichem Einflüsse sein wird, wenn sie nur kurze Zeit stattfindet Der Grundsatz, daß man sich bei Lähmungen, speziell bei der Kinderlähmung, abwartend verhalten soll, ob durch die Regeneration des Nerven nicht sowieso nooh eine Besserung eintreten wird, darf bei Verletzungen der Nerven auf keinen Fall Anwendung finden. Verf. hat von diesem Abwarten absolut keine Neigung zur Besserung gesehen. Zudem ist bei manchen Schußverletzungen eine natürliche Regeneration sowieso ziemlioh ausgeschlossen. Bei der Ungefährlichkeit der Ope¬ ration und der Unmöglichkeit, den Zustand durch die Operation zu verschlimmern, bekennt sich also Verf. als entschiedener Anhänger der Frühoperation. In Fällen, in denen die Lähmung eine sehr hochgradige ist, empfiehlt VerL, um den gesunden Nerven nicht zu schädigen, wenn das periphere Ende irgendwie verdächtig erscheint, die aufsteigende Pfropfung eines Teiles dieses peripheren Nerven in einen gesunden Nerven. Eventuell käme auch die umgekehrte Pfropfung eines Lappens vom gesunden Nerven in die periphere Partie des verletzten Nerven in Betracht. Am Beine empfiehlt Verf. die Kombination mit einer Sehnenoperation be¬ sonders da, wo Kontrakturen vorhanden sind. Letztere sind entweder durch ein¬ faches Redressement oder durch Verlängerung der Sehne zu lösen. Verf. empfiehlt weiterhin, die duroh die Verletzungen des Nerven in Über- Streckung geratenen Muskeln durch Verkürzung in erhöhte Spannung zu versetzen; z. B. bei einer Klumpfußlähmung die Peronei bzw. den Extensor communis, bei der Radialislähmung die Extensores carpi, vor allem den Extensor digitorum. Dadurch wird die Stellung des Gliedes von vornherein eine gute. Verf. wendet jetzt stets mit bestem Erfolge in Verbindung mit der Nervenoperation die Ver¬ kürzung der Fingerextensoren an. Im allgemeinen kann man annehmen, daß, wenn 10—14 Wochen naoh der Operation keine Besserung eingetreten ist, eine solche wohl auch nicht mehr zu erwarten sein wird. Bei vollkommener Durchtrennung des Nerven werden die Regenerationsvorgänge wohl nooh länger auf sich warten lassen. Die faradische Er¬ regbarkeit war in fast allen Fällen so gut wie normal, mitunter nur etwas versögsrt. Digitized by Gck igle Original frorn UNIVERSETY OF MICHIGAN 903 14 Tage nach der Operation läßt Verf. vorsichtig massieren und wendet passive Gymnastik an, nach 3 Wochen beginnt er mit ausgiebiger Massage, Zander- gymoastik und Elektrisieren. In Fällen von Radialislähmung bedient sich Verf. der Handgelenksmanschette, welche die Hand in leichter Überstreckung fixiert und dadurch einen wesentlich besseren Faustsohluß, überhaupt eine wesentlich bessere Ausnützung der Hand gestattet. 9) Nerve suture for bullet wounds, by B. A. Stoney and A. Meade. (Brit. med. Journ. 1915. 3. Juli.) Ref.: K. Boas. Die Funktion eines Nerven kann unterbrochen sein, ohne daß der Nerv selbst Schaden gelitten hat. Der Verlust der Funktion ist hier nur ein teilweiser, und der alte Zustand tritt nach 14 Tagen bis 3 Wochen wieder ein. Wenn ein Nerv teilweise oder ganz zerrissen ist, so besteht ein dauernder und ausgesprochener Verlust der Funktion, die aber beständig zunehmen kann. In diesen Fällen empfehlen die Verff., sich exspektativ zu verhalten. Diese Spontanregeneration tritt an den Schnittenden nach Entwicklung von dichtem fibrösem Gewebe in allen Fällen ein. Ist ein Nerv zerrissen, so ist der Erfolg der operativen Behandlung um so größer, je früher sie stattfindet. Ist die Wunde septisch infiziert, so soll man ihr* erst Zeit zur Heilung lassen. Selbst wenn monatelang nichts getan worden ist, werden in solchen Fällen noch ganz gute Resultate durch die Nerven- .uaht erzielt. Es ist also kein Fall von vornherein als hoffnungslos aufzugeben. 10) Anatomische Veränderungen der Extremitätennerven nach Verletzung durch Nahschüsse, von W. Berblinger. (Zentralbl. f. patholog. Anat. u. allg. Pathol. 1916. Nr. 16.) Ref.: K. Boas. Verf. untersuchte vier resezierte Narbenknötchen aus Extremitätennerven, die durch Nahschüsse verletzt worden waren. Die knotigen Verdickungen an der Stelle der Nervenverletzung bestanden zumeist aus derbem Bindegewebe. Bisweilen fand sich Einlagerung anderer Gewebsarten (Muskel- oder Knochengewebe). Im peripheren Ende der resezierten Nerven fand sich eine starke Entdifferenzierung (Fehlen oder scholliger Zerfall der Markscheiden, Wucherung der Schwann sehen Kerne; zwischen letzteren bereits homogene oder streifige Protoplasmamassen, „Bandfasern“). Am Übergang des zentralen Nervenendes in die Narbe trat Aufsplitterung der Fasern und Zerfall oder Verlust der Markscheiden ein. Im Narbengewebe lagen zahlreiche gewucherte Schwann sehe Kerne und Rundfasern. Dazwischen verliefen reichlich nackte regellose Achsenzylinder; stellenweise fehlten auch solche voll¬ ständig. Eine Faserverbindung zwischen zentralem und peripherem Ende scheint bei der durch Nahschüsse hervorgerufenen starken Zerstörung und reaktiven Binde- gewebsentwicklung nicht einzutreten. 11) Galalith zur Tubulisation der Nerven naoh Neurolysen und Nerven¬ nähten , von Siegmund Auerbach. (Münchener med. Wochenschr. 1915. Nr. 43.) Ref.: Kurt Mendel. Um den peripheren Nerven nach der Nervennaht gegen eine Wiederverwachsung mit der Umgebung zu schützen, kann man den Nerven mit Haut, Faszie oder Muskulatur aus der Umgebung übernähen (hierbei können aber infolge Schrumpfung des transplantierten Gewebes und Kompression des Nerven Neuralgien und Ver¬ zögerung der Leitungswiederherstellung eintreten), oder man isoliert die Lösungs- bzw. Nahtstelle von der Nachbarschaft mittels Tubulisation. Für letztere empfiehlt Verf. Röhrchen aus Galalith, einem Kaseinpräparat. 12) Zur Neuritis als Felderkrankung, von Stransky. (Wiener med. Wochen¬ schrift. 1915. Nr. 42.) Ref.: Pilcz (Wien). Verf. nimmt zunächst zu den Arbeiten von Mann, Nonne und Schüller Stellung. Die beiden erstgenannten Autoren denken an die Entstehung gewisser Neuritiden bei Feldzugsteilnehmern auf neurasthenischer Grundlage; Schüller hinwiederum beschreibt Fälle mit Schmerzen in den Unterschenkeln bei Offizieren, Digitized by Google Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 904 die Felddien8t mitmaohten, die, wie er annimmt, durch die schädigende Wirkung des Gamaschendruckes zustandekamen — „Gamaschenschmerz“ —, ohne sich über deren Natur näher auszulassen. Verf. meint, daß es sich auch in diesen letzteren Fällen um Neuritiden handeln könnte, und hält den Gamaschendruck und dessen Folgen für wichtige Hilfsmomente neben Kälte, Durchnässung und mechanischer Überinanspruchnahme (bzw. Aufbraucherhöhung), abgesehen natürlich von den Fällen infektiöser Her¬ kunft, während er der Neurasthenie als solcher keine erheblichere Rolle beimessen konnte. Verf. teilt dann aus seiner eigenen Felddiensterfahrung eine einen Arzt zum Gegenstände habende Beobachtung mit: Neuritis, fast ausschließlich im Cruralis- gebiete — vor allem linkerseits — und beleuchtet die Kombinationswirkung der von ihm beschuldigten Schädlichkeiten in der Pathogenese des Falles; da er praktisch als geheilt zu betrachten ist — nur geringe Residuärsymptome —, liegt wohl diskontinuierlicher Zerfall mit ReparationBtendenz vor. 13) Über Herper zoster nach Schußverletzung eines Nerven, von A. von Tschermak. (Archiv f. Dermat. u. Sypb. CXXII. 1916. H. 4.) Ref.: K. Boas. Nach einer Perforierung des Oberarms durch eine Gewehrkugel stellten sich sensible Störungen im N. ulnaris ein. Im Anschluß daran entstand am 109. Tage ein Exanthem zunächst am 6. Finger und später.am ulnaren Rande der Hand.. E8 waren erst rote Flecken, welche sich zu Blasen umwandelten, dann zu Borken eintrockneten und nach 3 Wochen unter Hinterlassung muldenförmiger Narben abfielen. Verf. erblickt in dem von ihm mitgeteilten Falle einen Beleg für die Theorie von Kreibich, nach der der Herpes zoster eine angioneurotische Hautentzündung darstellt. 14) Bin Fall von trophoneurotisoher Gangrän nach Schuß Verletzung, von Leszl£nyi. (Dermatolog. Wochenschr. 1914. Nr. 18.) Ref.: K. Boas. Verf. berichtet über einen Fall von trophisohen Störungen im linken Radialis- gebiete, bedingt durch den chronischen Reiz, welcher durch den Fremdkörper (das Geschoß) auf einen Hautest des Radialis ausgeübt wurde. Verf. erklärt die tro- phischen und sensiblen Störungen im Gebiete des Radialis und seiner Hautäste durch zentripetale Fortleitung des Reizes, sowie durch eine Art sympathischer Reizung der Störung im kontralateralen Verteilungsgebiete des Nerven. 15) Über Gamasohensohmerzen, von Kronfeld. (Wiener med. Woohenschr. 1916. Nr. 42.) Ref.: Pilcz (Wien). Verf. bestätigt die Beobachtungen von Schüller (vgl. d. Centr. 1916. S. 863). Völlig negativer, objektiver Befund, typische Schmerzen. In einigen Fällen auch impetiginöses Ekzem gerade an der Vorderfläche der Unterschenkel, nach oben und unten scharf begrenzt, den Gamaschenrändern entsprechend (s. auch Ref. 12 in dieser Nummer). Als zweckmäßigste Fußbekleidung empfiehlt Verf. die den Touristen längst bekannte Art: Schnürsohuhe, Wadenstutzen und Schneebinden. 16) Zur Kenntnis der Krlegsneurosen, von Otto Juliusburger. (Monatssohr, f. Psych. u. Neurol. XXXVIII. 1915. H. 6.) Ref.: Kurt Mendel. Fälle mit krankhaftem Untergrund des Seelenlebens und auch der körper» liehen Verfassung, bei denen der „psychophysische Komplex des Krieges als eine auslösende Energiesumme auf bereits vorhandene, in krankhafter Richtung dispo¬ nierte Energien eingewirkt hatte“ (! Ref.). Fall I. Angstpsychose oder Psyohasthenie mit unüberwindlicher Angst auch nur vor der Möglichkeit, in den Krieg ziehen zu müssen und mangelhaftem Ver¬ ständnis für das Dasein und die Maohtbehauptung des Vaterlandes. Fall II u. III: Transvestitismus. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN — 905 In allen 3 Fällen starkes Hervortreten der femininen Komponente« Der Mangel an Begeisterung zum Kriege, die völlige Kritiklosigkeit den groben Er¬ eignissen gegenüber, das Verlangen nach Frieden um jeden Preis ist im Zusammen¬ hänge mit dem verzerrten und überweichen Mitleid als der Ausdruck einer Ent¬ wicklungsstörung der höheren seelischen Betätigung anzusehen; der völlige Mangel der Fähigkeit, zur Idee des Staates zu kommen, kann als Atavismus, als Rück¬ schlag in die Zeit ausgelegt werden, wo allgemein noch der Begriff des Staates gar nioht oder nur keimartig vorhanden war. Die infantilen, femininen Züge findet man in der psychosomatischen Kon¬ stitution zahlreicher Fälle von Kriegsneurose, Psychasthenie wieder, und je mehr man den Blick hierauf eingestellt hat, um so leichter wird man diese Fälle unter¬ scheiden von den Fällen echter traumatischer Neurose, bei denen jene Entwiok- lungsstörung völlig fehlt. Individuen, bei denen die klinische Beobachtung die feminine Veranlagung in starker Ausprägung festgestellt hat, sind für den Heeresdienst untauglich. 17) Blindness after campaignin g, by W. H. H. Jessop. (Brit. med. Journ. 1914. 28. November.) Ref.: K. Boas. Verf. fand auffallend häufig hysterische Amaurose bei Soldaten, die von der Front kamen. Ein ophthalmoskopischer Befund war nicht zu erheben. Außer Ruhe wurde keine Therapie angewandt und vollständige Heilung erzielt. In zwei Fällen bestand nebenbei noch Blepharospasmus. Beide Fälle wurden geheilt. Alle Patienten standen im heftigsten Granatfeuer, und Verf. erblickt hierin auch die Ursache. In einem Fall hatte der betreffende Patient früher an dem Nystagmus der Bergleute gelitten. Er wurde im Feldzuge zu der Minenarbeit herangezogen und sein NyBtagmus begann von neuem aufzutreten. 18) Cases of nervous and mental shook observed in the base hospitals in Franoe, by W. A. Turner. (Brit. med. Journ. 1915. 15. May.) Ref.:K.Boas. Verf. unterscheidet drei Gruppen von nervösen und psychischen Störungen, die durch den Krieg hervorgerufen werden. Die erste betrifft einen bestimmten Typus von psychischem Shock, bei welchem die Symptome überwiegend psychi¬ schen Charakter bieten. Die zweite Gruppe wird dargestellt durch den spinalen Typus, welcher charakterisiert wird durch eine Beschränkung der Symptome auf die Extremitäten, besonders die unteren. In der dritten Gruppe betreffen die Erscheinungen namentlich die besonderen Sinnesqualitäten. Hierzu gehören die bemerkenswerten Fälle von Blindheit oder Amblyopie, Taubheit oder Taubstumm- heit Speziellere Symptome, wie Stottern oder zögernde Sprache, lokale Lähmungen und ticähnliche Bewegungen bilden die vierte Gruppe. Bei der schwereren Form dieser Klasse von Fällen verhält sich der Pat * gegenüber seiner Umgebung stumpf. Alle üblichen Methoden, um die Aufmerksamkeit des Pat auf den Unter- sucher zu lenken, Bchlagen hierbei fehl. Die tiefen Reflexe sind normal, die Plantarreaktion ist flexorisch. Der Pupillarreflex kann herabgesetzt oder erloschen sein. Der Urin kann gelassen werden. Ferner gibt es Fälle mit Verlust des Gedächtnisses oder transitorischer Amnesie. Vorübergehende Taubheit infolge von Explosionserscheinungen ist nichts Ungewöhnliches, während Blindheit oder Be¬ einträchtigung der Sehfunktion aus derselben Ursache selten ist ln manchen Fällen wurde eine Hemmung der Sprache beobachtet. Das hervorstechendste Sym¬ ptom des spinalen Shocks ist der Verlust der motorischen Kraft in den Extre¬ mitäten. Man beobachtet einen zeitigen Nervenniedergang („nervous bre&ckdown“) bei Gesunden infolge einer plötzlichen oder alarmierenden psychischen Ursache. Als Resultat eines solchen Shocks wird Pat nervös. Sein Schlaf ist unruhig und ist von Träumen begleitet Der Inhalt dieser Träume handelt von kriegerischen Bildern, von berstenden Granaten, Fliegerkampfepisoden und den mannigfaohen Schrecknissen des Schützengrabenkrieges. Digitized by Gck igle . UNIVERSITY OF MICHIGAN 906 19) Antithyreoidin und Hypophysin in der KriegsmediBin (Begriff der Dyshormonie), von 0. Kohnstamm. (Therapie d. Gegenwart. 1915. Nr. 9.) Ref.: K. Boas. Die Zeichen der Neurasthenie, insbesondere der KriegBneurasthenie, sind die der reizbaren Schwäche, schnellen Ermüdbarkeit und Ensohöpfbarkeit durch körper¬ liche und seelische Ansprüche, Pulsbeschleunigung, Herzschwäche, Blutdruck¬ steigerung usw. Verf. führt diese Erscheinungen auf Störungen der inneren Sekretion und Abweichungen des Hormonstoffwechsels (Dyshormonie) zurück. Man unterscheidet: Schilddrüsen-, Nebennieren-, Hypophysen-, genitale, pankreatische, hepatische und universelle Dyshormonie. Verf. behandelte eine Anzahl von Soldaten, deren Krankheitsbilder an die Basedow sehe Krankheit erinnerten, erfolgreich mit Antithyreoidin-Elarson oder Antithyreoidin allein. Die Tagesdosis betrug an- und absteigend bis zu 15 Tabletten bzw. 75 Tropfen. Bei Bronchialasthma wurden günstige Erfolge mit Hypophysin bzw. Hypo¬ physin-Suprarenin erzielt. Im Anschluß daran berichtet Verf. über einen Fall von ovarieller Dyshormonie, die durch Hypophysin günstig beeinflußt wurde. 20) Über asthenische Zustände bei 8oldaten, vonL. L. Sztanojevits. (Militär¬ medizin u. KriegswisBenschaft. H. 5. Wien 1914.) Ref.: K. Boas. Asthenische Zustände findet man hauptsächlich bei Leuten mit Konstitutions¬ anomalien. Hier sind sie wichtig angesichts der wenig deutlichen Symptome, welche diese Kranken in der Regel aufweisen. Sie kommen aber auch vor als Initialerscheinungen von schweren Erkrankungen im Bereich des Zentralnerven¬ systems, z. B. bei Tumoren des Stirnhirns. Der Astheniker erfordert daher di« aufmerksamste Beobachtung durch den Militärarzt. 21) Geisteskrankheiten and Krieg, von Resch. (Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie. LXXII.) Ref.: Zingerle (Graz). Die den Krieg begleitenden mannigfaltigen Schädlichkeiten bringen zweifellos eine Steigerung der Zahl der Geisteskranken mit sich, was sich, abgesehen von den Statistiken früherer Kriege, auch 'jetzt schon durch die vermehrte Zahl der Aufnahmen in die Anstalten äußert. Eine eigentliche Kriegspsychose gibt es nicht, es scheinen aber die Formen eine große Einförmigkeit des Verlaufes zu zeigen. Häufig sind hysterische Er¬ regungszustände, Neurasthenie, Unfallspsychosen, Epilepsie, Paralyse, Jugendirre¬ sein, Alkoholpsychosen und Erschöpfungspsychosen, die leichteren Formen haben eine gute Prognose, die der eigentlichen schwereren Störungen ist eine schlechte Verf. bespricht die im deutschen Heere vorgeschriebenen Maßnahmen zur Be¬ kämpfung der Geisteskrankheiten, die erste Behandlung im Felde, die weitere Versorgung der Kranken im Hinterlande, sowie die Regelung der Entschädigungs¬ ansprüche. Diese kann nur nach Kenntnis der ganzen Vorgeschichte erfolgen and hängt auch von der Art der Erkrankung ab. So wird man selten für alkoholische Störungen eine Dienstbeschädigung annehmen. Schon vorher Kranke, die keine Verschlimmerung erfahren haben, haben keinen Anspruch auf Entschädigung. 22) Psyohlatrisohss tum Kriege, von K. Bonhoeffer. (Zeitschr. t ärstl. Fort¬ bildung. 1916. Nr. 1.) Ref.: K. Boas. Der Krieg hat nicht das große Anwachsen der Psychosen gebracht, das die laienhafte Auffassung über die Ursachen der Geistesstörungen glaubt erwarten zu müssen. Es wurden beobachtet bei etwas über 150 Fällen: 63°/o psychopathische Konstitutionen, 16°/ 0 Alkoholismus, 10°/ 0 Dementia praecox, Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 907 9.3 °/ 0 Epilepsie, 5.3 °/ 0 progressive Paralyse, 2,6 °/ 0 symptomatische Psychosen, 2,6 °/ 0 organische Hirntraumen mit nervösen Folgeerscheinungen. Die große Zahl der psychopathischen Konstitutionen ist dahin aufzufassen, daß der Krieg die im Zivilleben oder Friedensdienst noch eben durchkommenden Minderwertigen aus dem Gleichgewichte bringt. Pathognomonisch für den Krieg sind sie aber nicht. Laut früheren Erfahrungen nehmen die Zahlen nach der Mobilmachung ab, um gegen Ende des Krieges und namentlich nach dem Kriege wieder in die Höhe zu gehen. 23) Krieg und Seelenleben, von Sommer. (Wiener med. Wochenschr. 1915. Nr. 39.) Ref.: Pilcz (Wien). Rektoratsrede, zu kurzem Referate nicht geeignet. Nur einige der wichtigeren Momente seien herausgehoben. Ausgesprochene Psychosen sah Yerf. im Gegensätze zu der verhältnismäßig großen Zahl von Kriegsneurasthenien eigentlich außerordentlich selten. Katatonien waren zumeist nur Neuerkrankungen bei schon vordem psychotisch gewesenen In¬ dividuen, immerhin beobachtete Verf. als Ersterkrankung auch schwere katatone Zustandsbilder, jedoch mit durchaus gutartigem Verlaufe, deren klinische Stellung gegenüber hysterischen Psychosen noch zu untersuchen wäre. Schwere Alkohol¬ psychosen im Felde sind sehr selten. Im großen erwies sich die psychische Widerstandsfähigkeit des deutschen Volkes über alles Erwarten groß. Die eigentliche Kriegspsychoneurose stellt sich dar als eine Verbindung von neurasthenischen und psychogenen Symptomen, Vereinigung von Ermüdung, Angst, Zwangsdenken und Festhalten von Vorstellungskomplexen schreckhafter Art. Hinsichtlich der Diensttauglichkeit sind nach Verf. Debile unbedingt von jeder Art Dienstverwendung fern zu halten, während die Neuropathen zwar als frontdienstuntauglich zu qualifizieren sind, jedoch im Hinterlande, in Kanzleien u. dgl. verwendet werden können. Aus den Ausführungen des zweiten Teiles: „Einfluß des Krieges auf das normale Seelenleben“ sei besonders auf die Erörterungen über „Kollektivpsyche“ und über die phantastische Gerüchtverbreitung hingewiesen. Der Krieg zeitigte im großen und ganzen mehr regenerative Erscheinungen im Seelenleben des deutschen Volkes. 24) Niohtohirurgiaohe Behandlung ln der Feldohirurgie, von H. Higier. (Warschauer Medycyna. 1914.) Autoreferat. Verf., als Konsultant in neurologischen Fällen eines großen Warschauer Militärlazarettes, unterwirft einer kritischen Analyse vom Standpunkte des Neuro¬ logen einzelne Vergehen seitens der Feldchirurgen in den ersten drei Eiriegsmonaten: 1. Eingreifende Operationen an schwer Verwundeten sollen nicht im Laufe der 24 ersten Spitalsstunden ausgeführt werden, insofern dazu keine dringenden speziellen Indikationen (Blutungen u. ähnl.) vorhanden sind. Es soll jedenfalls die Shockwirkung, die nervöse Erschütterung, die an stuporähnliche Attonität grenzende Niedergeschlagenheit, das quälende Hunger-Durstgefühl, die Ermüdung nach den Transportstrapazen, der erste ruhige Schlaf nach dem Einliefern von der Front möglichst abgewartet werden, zumal die Zerstörung der betreffenden Gewebe bzw. Organe und die nachfolgende Infektion schon stattgefunden haben. Die Operationsresultate am Gehirn sind bei ausgeruhten und psychisch nicht allzu deprimierten Patienten ceteris paribus günstiger. 2. Der Kranke soll außerhalb des Operationssaals, fern von den weißen Kitteln und Mützen, Messern und Scheren chloroformiert werden und halbnarkotisiert auf den Tisch gelangen auch zur schmerzhaften Reinigung der tiefen Wunden und Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 908 zur Zurechtlegung der gebrochenen Knochen, einschließlich des Schädels und der Wirbelsäule. Noch wünschenswerter ist leichte Morphinisation schon einige Stunden vor der Operation. 3. Gleichzeitiges Anlegen von Verbänden mehrerer schwer Verwundeter im gemeinsamen Verbandssaal ist inhuman. Es soll der leicht oder oberflächlich Verwundete nicht unnütz leiden beim Anblick der ekligen, schmutzigen, tiefen Wunden seines Kameraden. Als Präservativ sollten für sehr schmerzhafte Ver¬ bände, insofern sie ohne Narkose geschehen, spezielle Stunden gewählt werden. 4. Verbände sollen nioht bei „offenen Türen“ gemacht werden. Am Korridor, am Krankensaal, am Hof werden die Rekonvaleszenten des Lazarettes unnützerweise mehrere Stunden am Tage durch das Schreien, Jammern und Stöhnen bei Extrak¬ tion jedes Sequesters, bei Extension jeder gebrochenen Extremität usw. beunruhigt. Eine gut ausgebettete und stets abgeschlossene Doppeltür soll jede Verbands* abteilung sohmücken, womöglichst isoliert vom Stockwerke der Krankensäle. Die Psyche der Soldaten im Krankensale ist eine absolut andere als im Kampffelde. 5. Es sollte in der Feldchirurgie viel mehr die analgetische Behandlungs¬ methode in Betracht gezogen werden, als es bis jetzt geschieht. Speziell gilt das bei den in der Regel bagatellisierten, aber äußerst schmerzhaften, peripheren Nervenläsionen, möge die nachfolgende Neuritis traumatischer, infektiöser, refri- geratorischer Natur sein. Der Chirurg vergißt zuweilen, daß die intensiven Schmerzen nach der Operation in der Nachbehandlungsperiode keineswegs — auch nach der Nervennaht oder Neurolyse — sofort nachlassen. Auch bei günstigem Ausgang halten sie gelegentlich, trotzdem sie keine Gefahr nach sich ziehen, wochenlang an. Schmerzlindernde und schlafbringende Mittel sind dann aus¬ giebig zu reichen. Morphinisten entstehen während der Kriegszeit nur ausnahms¬ weise unter schweren Degenerierten und Psychopathen von minderwertiger psychi¬ scher Konstitution. 6. Die Nahrungsfrage in den Lazaretten soll womöglicbst nicht schematisch geregelt werden. Es muß individualisiert werden und trotz gewöhnlichen Zeit¬ mangels seitens des ärztlichen Personals — bei unerwartetem Überfluten des SpitaLe von Kranken — nicht dasselbe Menu und Speisequantum dem Gros der Ver¬ wundeten gereicht werden. Speziell sind in dieser Hinsicht die Pyämiker zu be¬ achten, die während des Temperaturabfalls falschen Appetit bekommen and später von schweren Digestionsstörungen geplagt werden. Solange der Fiebertypus nicht klargestellt ist, ist blande oder nicht allzu strenge Milchdiät indiziert. 7. Die schweren, an unheilbarer Blutvergiftung, an kompletter Paraplegie. Gefühllosigkeit, Dekubitus usw. Leidenden, insofern bei ihnen eine Operation un¬ ausführbar oder ohne Erfolg ausgefuhrt worden ist, sollen, da sie meist bei voller Besinnung sind, vom operationssüchtigen Arzte nicht ganz verlassen werden, auch wenn die Verordnung bis in die letzten Lebensstunden des hoffnungsvollen, am Gefühl der Hilflosigkeit und des Verlassenseins am meisten leidenden Patienten nur in der alltäglichen Verschreibung einer neuen fiktiven Mixtur bestehen sollte oder im täglichen Ausfragen über den Gesundheitszustand. Psychotherapie muß auch in der Feldchirurgie und bei langsam Absterbenden in breiten Grenzen ge¬ trieben werden. Es soll eben der Verwundete merken, daß in der Kriegszeit im Feldarzte neben dem Chirurgen mit scharfem Messer ein Meusch mit weichem Herzen steht. Sowohl der ruhige, besonnene, sich in sein Sohicksal ergebende wahrhafte Held, als der schwere Neurastheniker, der übermäßig hohe Ansprüche stellt, sind in den letzten Tagen ihres Lebens mit derselben Sanftmut und Wärme zu behandeln. Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 909 Chorea, Tic, 26) Über einen experimentell-toxigohen ohoreiformen Symptomenkomplex beim Tiere, von Alfred Fachs. (Jahrb. f. Psych. u. Neurol. XXXVI. S. 165.) Ref.: Pilcz (Wien.) Verf. hat salzsaures Guanidin Affen, Hunden und Katzen injiziert und gefunden, daß die von Putzeys und Swaen, Gergens und Baumann nach Injektion von Guanidinsalzen beobachteten Muskelzuckungen bei Hunden und Affen nicht so deutlich zu beobachten sind wie bei Katzen, am beeten verwendet man Katzen von 2 */s bis S Monaten zu diesen Experimenten. Hohe Dosen (etwa 0,5 g pro kg Tier) machen unter allgemeinen Krämpfen, Jaktationen rasch Exitus. Kleinere Dosen (etwa 0,1 g pro kg Tier) machen chronische Intoxikation, bei welchen besonders an den distalen Extremitätenteilen koordinierte, scheinbar willkürliche Bewegungen ganzer Muskelgruppen wahrzunehmen sind (spreizende Bewegungen der Zehen, Adduktions- und Abduktionsbewegungen, Rotationen in den Gelenken, Grimassieren, Kopfbewegungen), die man am besten der Chorea minor des Menschen vergleichen kann. Die Bewegungen zeigen keinen Rhythmus und werden bei psychischer Erre¬ gung deutlicher. Bei Abbruch der chronischen Intoxikation überdauert die chorei¬ forme Unruhe mehrere Tage den Abschluß des Versuchs. Bei chronischer Vergif¬ tung werden die Tiere schreckhaft und sehr erregbar; auf der Höhe der Erregung kann es zu epileptiformen Anfällen kommen. Äthernarkose ist leicht zu erzielen und führt bei geringer Narkosetiefe zum Aufhören der choreiformen Bewegungen. Neben den Erscheinungen von seiten des Zentralnervensystems macht die chronische Guanidinvergiftung Freßunlust und Steigerung der Diurese. Bei mikroskopischer Untersuchung ergeben sich neben Hyperämie von Leberund Niere multiple Blutungen im ganzen Zentralnervensystem. Die Tatsache, daß bei experimenteller SepsiB im Muskelßeisch von Kaninchen das dem Guanidin nahestehende Methylguanidin gefunden wurde, daß das dem Guanidin verwandte Kreatin de norma sich im Harne findet (es kann durch Oxydation aus Dimethylguanidin entstehen), läßt an die Möglichkeit denken, daß eine Stoffwechselstörung bei einem Kranken mit Gelenkrheumatismus zu einer Guanidin Vergiftung führen und auf diese Weise dieEnt- stehung der Choreasymptome bewirken könnte. Der Nachweis von Guanidin im Blut des Menschen ist zunächst mit den heutigen Methoden ausgeschlossen, weil dazu solche Mengen erforderlich sind, wie sie nicht leicht zu beschaffen. Bei der mit Guanidin nicht letal vergifteten Katze ist Guanidin mittels Froschmuskel- präparates im Serum nachweisbar. 26) Choröe et Syphilis, par Milian. (Bulletin de la Sociötä m£d. des hdpitaux de Paris. 1914. Nr. 8.) Ref.: K. Boas. In einzelnen Fällen von Chorea gelang es erst nach längerer Beobachtungs¬ zeit, eine hereditär* syphilitische Erkrankung auf Grund geringfügiger spezifischer Anzeichen festzustellen. Die Salvarsantherapie hat dabei keinen sonderlichen Erfolg. 27) Zur Symptomatologie und Therapie der Ohorea minor, von A. Lewe. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. Bericht über 4 Fälle von Chorea, sämtlich das weibliche Geschlecht betreffend. In 2 Fällen ging eine Infektion voraus. Fieberhafter Beginn war in keinem der Fälle festzustellen. In 2 Fällen handelte es sich um ein Chorearezidiv, wobei jedoch von einer chronischen intermittierenden Form nicht die Rede war. 28) Tonsilleotomy aa a therapeutio measure in the treatment of ohorea and endooarditis, by J. H. Young. (Boston med. and surg. Journ. 1915. 2. September.) Ref.: K. Boas. Verf. Bah in 11 von 21 Fällen nach Tonsillektomie eine Chorea auftreten. Die Tonsillektomie ist daher kein Schutz gegen Chorea und Endocarditis, wie von anderer Seite behauptet wird. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 910 29) A voioesign in ohorea, by W. B. Swift. (Amer. Journ. ofDiseas. of children, VII, S. 422 and XII, S. 279.) Ref.: W. Misch. Mittels des Kymographions wurde die Stimme von Choreakranken untersucht. Die Untersuchungen beziehen sich auf 20 Fälle, von denen über 500 Aufnahmen gemacht wurden. Es ergab sich eine deutliche, konstante Veränderung der Stimme während der choreatischen Bewegungen, und zwar eine Zunahme der Stimmhöhe und eine Steigerung der Intensität. Am häufigsten findet sich diese Veränderung bei der Aussprache der Vokale, am charakteristischsten ist sie in dem offenen, verlängerten Klang des „A“ zu beobachten. Etwas weniger deutlich äußert sie sich in der Aussprache der Konsonanten, sowie beim Flüstern und Pfeifen. Diese Stimmänderung ist so charakteristisch für Chorea, daß Verf. sie als Stimmensymptom unter die Symptome der Chorea aufzunehmen vorschlägt. Als Methode für die Demonstration des Symptomes eignet sich am besten die charakteristische Regi¬ strierung des „A“. SO) Verauohe über Aufmerksamkeitsstörnngen bei Chorea minor, von Gertrud Wenger. (Inaug.-Dissert. Berlin 1914.) Ref.: K. Boas. Verf. untersuchte 6 Fälle von Chorea minor im Kindesalter auf psychische Störungen und auf etwa vorhandene Störungen der Denktätigkeit, speziell der Aufmerksamkeit. Als Proben dienten das einfache Nachaprechen von 3 bis 8stelligen Zahlen, die Bourdonsohe Probe und eine Art Spiel. Es wurden aus dem bekannten Dominospiel eine Anzahl Steine herausgesucht und die Vertiefungen auf den einzelnen Steinen von den Kranken bei verbundenen Augen abtastend gezählt. Die betreffenden Krankengeschichten und der jeweilige Ausfall der Proben werden ausführlich mitgeteilt. Als Kontrollpersonen dienten acht gesunde Mädchen einer Privatschule. Dabei ergaben sich folgende Differenzen gegenüber den Choreatischen: Die Fälle von Chorea zeigten hinsichtlich der ersten Untersuchung (entsprechend dem mittleren Stadium der Krankheit) im Minimum 6,4, im Maximum 16,2 °/ 0 Fehler. Die Zeitdauer war relativ lang. Sie betrug 12,4 Minuten im Mittel. Die von Bourdon gefundenen Resultate wurden an Güte auch von den gesunden Schülerinnen nicht erreicht, vor allem in bezug auf das Arbeitsquantum. Die von Bourdon untersuchten Erwachsenen erreichten bei etwa gleicher Zeit und Fehlerzahl das doppelte Arbeitsquantum: 220 Streichungen in 4 Minuten gegen¬ über 110 im Mittel von 4,5 Minuten. Als Ursache der gefundenen Herabsetzung der Aufmerksamkeit muß man einen leichtesten Grad von Bewußtseinstrübung annehmen. Gröbere Symptome von Benommenheit waren nicht nachweisbar. 31) Chorea minor und Psychose, von C.-L. Heinrichs. (Inaug.-Dissert. Kiel 1916.) Ref.: K. Boas. Verf. berichtet nach einem kurzen Überblick über die einschlägige Literatur über zwei Fälle von Chorea und Psychose: Fall I betraf ein 17jähr. Mädchen mit Chorea minor gravis und epileptoiden Krämpfen. U. a. fanden sich Narben am Zungenrand. Dazu traten psychische Erscheinungen: Verwirrtheit, Negativismus, Apathie und Stupor. Eine intermittie¬ rende Pneumonie machte dem Leben der Pat. ein Ende. Die Sektion ergab eine Endokarditis auf infektiöser (welche Infektion?) Grundlage. Fall II betraf ein 18jähr. Mädchen mit Chorea minor und hysterischen Er¬ scheinungen (unmotivierte Äußerungen von Schmerzempfindungen bei der Leib¬ abtastung [Ovarie?], eigenartiges Verhalten in sexueller Beziehung). In psychischer Beziehung zeigte Pat. keine Störung der zeitlichen und örtlichen Orientierung, nahm an den Vorgängen in ihrer Umgebung teil und zeigte keine wesentlichen Hemmungserscheinungen. Auf Fragen gab Pat. ruckartig stoßweise Antworten, Digitized by Google Original from JMIVERSITY OF - 911 ohne im Sprachvermögen behindert za sein, wenn &ueh zeitweilig schnalzende und schmeckende Laute ausgestoßen wurden, und außerdem wurde Pat. von gewissen Vorstellungen und Halluzinationen beherrscht. Ebenso wie Fall I verlief auch dieser tödlich und zwar ebenfalls an interkurrenter Pneumonie. Auch hier ergab die Sektion eine Endokarditis auf infektiöser Grundlage. 32) Über Chorea minor mit Psychose, von Christian Kühl. (Inaug.-Dissert. Kiel 1915.) Ref.: E. Boas. Die psyohischen Störungen bei der 18jährigen mit Chorea minor behafteten Pat. waren durch eine weitgehende Hemmung charakterisiert. Der Zustand stand der stuporösen Form der Amentia am nächsten. Keine Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Die örtliche und zeitliche Orientierung blieb erhalten. Bemer¬ kenswert war mit Rücksicht auf den schweren Krankheitszustand die geringe Ausprägung des Krankheitsgefühles. Der Höhepunkt sowohl der somatischen als auch der psychischen Erscheinungen war von einer Temperatursteigerung begleitet. In therapeutischer Hinsicht war in dem Falle des Verf. f s der Umstand von Inter¬ esse, daß das gegebene Salvarsan nur von vorübergehender Wirkung begleitet war. 33) Zur Behandlung der Chorea minor, von C. Lehmann. (Allgem. med. Centralztg. 1914. Nr. 16.) Ref.: K. Boas. Gleich Röder sah Verf. in zwei (!) Fällen von Chorea minor eine günstige Beeinflussung des Leidens durch Episan Berendsdorf. Namentlich die Psyche zeigte sich auf das günstigste beeinflußt Verf. glaubt, daß „die Ausschaltung jeden psychischen Reizes die Stärke der Zuckungen und vielleicht auch die Dauer günstig beeinflussen“. Akne oder Magen-Darmstörungen traten selbst trotz monate¬ langer Medikation nicht in Erscheinung. Episan ist eine Bromverbindung, die mit Borax, Zinkoxyd und Baldriansäureamylester in Tablettenform von 1,075 g Gewicht hergestellt wird, deren jede ungefähr 0,5 g Bromsalz enthält. 34) Beitrag zur pathologischen Anatomie der Huntingtonsohen Chorea, von M. Dost. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXIX. 1915. BL 3 u. 4.) Ref.: W. Misch. In dem hier beschriebenen Fall von Huntington scher Chorea bei einer 34 jähr. Pat. fand sich ein ausgesprochen hypoplastisches Gehirn, das aber weder makro¬ skopisch noch mikroskopisch anderweitige Zeichen einer Entwicklungsstörung aufweist. Es fand sich ferner eine PaohymeningitiB hämorrhagica, die nicht auf das vorhergegangene Trauma (Fall auf den Hinterkopf) zurückgeführt wird, sondern für eine spontane Pachymeningitis auf Grund einer genauen mikroskopischen Analyse gehalten wird. Auch die Chorea selbst wird nicht mit dem Unfall in Zusammenhang gebracht. Auf die Chorea werden dagegen einige mikroskopische Befunde bezogen: eine Pigmentdegeneration der Pyramidenzellen, Wucherung der Gliazellen, geringe Vermehrung der Gliafasern, mäßige Lichtung der Tangential- und Supraradiärfasern und Anhäufung von Pigment in den Gefäßen. Bezüglich der Entstehungsursache der Erkrankung wird der abnormen Kleinheit des Gehirns eine gewisse Bedeutung beigemessen; es handelte sich hier offenbar nicht um einen Schrumpfungsprozeß, sondern um eine angeborene Hypoplasie. Es wird angenommen, daß es sich hier um eine angeborene Minderwertigkeit des Gehirnes handelt, die im Sinne der Edingerschen Aufbrauchtheorie möglicherweise ein Mißverhältnis zwischen Verbrauch und Ersatz zur Folge gehabt hat und die schwer arbeitende Pat. zur Erkrankung an der auch bei einer Schwester derselben beobachteten Chorea Huntington disponiert hat. 35) Zur Frage der Chorea Huntington, von Rudolf Greve. (Inaug.-Dissert. Rostock 1914.) Ref.: K. Boas. Verf. berichtet zunächst über einen Fall von Chorea chronica progressiva (Huntington) bei Mutter und Sohn, wobei es sich um gleichartige Vererbung handelte. Bemerkenswert war das Überspringen einer Generation. Auffallend war Digitized by Gougle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 912 Digitized by ferner der Beginn der Erkrankung in dem hohen Alter von 60 Jahren. Als ans- lösepde Momente kamen in Betracht: Blutsverwandtschaft und Lues (Anamnese, positive Wassermannsohe Reaktion, positive Nonne-Apeltsche Reaktion, geringe Lymphozytose im Liquor). Endlich kamen psychische Störungen vor: Erregungen, abwechselnd mit Depression, Weinerlichkeit, Ohnmachtsgefühl, Desorientiertheit, zeitweise Apathie und Nahrungsverweigerung, zunehmende Gedächtnisschwäche, Zeichen einer progressiven Demenz. Verf. berichtet dann über einen weiteren diagnostisch etwas schwierigen Fall, der ohne Heredität war und keine deutlichen Intelligenzdefekte zeigte, dabei aber zu differentialdiagnostisohen Erörterungen gegenüber der Athötose double, Diplegia spastica infantilis, Tic gönöral und Hysterie Veranlassung bot. 36) Zur Ätiologie der Chorea gravidarum, von H. Albrecht. (Zeitsohr. f. Geburtshilfe u. Gynäkolog. LXXVI. 1916. H. 3.) Ref.: K. Boas. Verf. macht auf gewisse Beziehungen der Chorea minor der Präpubertätazeit und den Drüsen mit innerer Sekretion aufmerksam. Des weiteren berichtet er über einen Fall von rezidivierender Chorea gravidarum, in welchem zum ersten Male durch die von A. Mayer für „Graviditätstoxikosen“ inaugurierte serotherapeutische Behandlung — intraglutäale Injektion von 20 ccm Schwangerenserum — eine sofortige prompte Heilung der choreatischen Erscheinungen erzielt wurde. 37) Über Ohoreapsyohosen in der Sohwangeraohaft, von C. Harpe. (Inaug.- Dissert. Kiel 1914.) Re£: K. Boas. Verf. teilt einen einschlägigen Fall bei einer 29jähr. Frau mit. Es handelte sich um eine typische Chorea gravidarum mit melancholischen Zuständen und Halluzinationen, der bereits am Ende der ersten Hälfte der Schwangerschaft ohne künstliche Unterbrechung zur Heilung gelangte. 38) De ia mort ohez les ohorelques pendant la grossesse, par G. Lepage. (Annales de Gynöcologie et d’obstätrique. XL.) Ref.: K. Boas. Trotz der im allgemeinen guten Prognose der Chorea gravidarum kommen doch Todesfälle infolge der Verschlechterung der choreatischen Symptome vor. Die Schwangerschaftsunterbrechung liefert zwar keine befriedigenden Resultate, soll aber doch als letztes Mittel versucht werden. Bis beute ist es nicht gelungen, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Chorea und Schwangerschaft beweisend darzutun. 39) Beitrag zur Lehre von der Chorea hysterlca, von G. Michels. (Inaug.- Dissert. Kiel 1915.) Ref.: K. Boas. Verf. berichtet über folgenden einschlägigen Fall: Bei dem 14jähr. Pat bestand eine deutliche Hyperästhesie. Während der Untersuchung traten in immer zunehmender Stärke völlig arhythmische Zuckungen auf. Die Extremitäten wurden blitzartig zur Seite geschleudert oder in den verschiedenen Gelenken flektiert und adduziert. Bei besonders ausgiebigen Zuckungen trat eine kurze ruckartige Er- schütterung des Rumpfes hinzu, der dann etwas emporgeschleudert wurde. Kopf frei, selten traten im Gesicht grimassierende Bewegungen auf. Die Zuckungen hatten meist nioht den Charakter der choreatisohen, ihre Stärke und Ausdehnung war sehr von der Aufmerksamkeit des Pat. abhängig. Pat. konnte sie für Sekunden unterdrücken, worauf sie dann mit besonderer Heftigkeit wieder auf- traten. Der Fall wurde geheilt. 40) Ein Beitrag zur Kasuistik des Tios, von J. Jedliöka. (Casopis ö«* k£ch 16kafuv. LIII. 1914. S. 643.) Ref.: J. Stuchlik. Verf. bespricht auf Grund einer. Reihe von Fällen die Ätiologie, Symptoma¬ tologie und Therapie des Tics und weist namentlich auf die Imitation als wich¬ tiges ätiologisches Moment hin. Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 913 41) Über erfolgreiche Behandlung des Tio convulsif daroh Ohlorkalzium, ▼od Rudolf Emmerich und Oskar Loew. (Münchener med. Wochenschr. 1914. Nr. 47.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Bei allen Krampfformen muß man an Störungen des Kalkstoffwechsels bzw. an eine Unterbilanz denken und sich über die Kalkein« und •ausfuhr Klarheit verschaffen. Die Verff. teilen zwei Fälle von Tic convulsif mit, bei denen Chlor¬ kalzium bei monatelanger Verabreichung eine evidente Heilwirkung entfaltete, und schließen daraus, daß man beim Tio an Anomalien des Kalkstoffwechsels zu denken berechtigt ist, zumal ja auch als begünstigendes Moment für die Entstehung der infantilen Form die Rachitis angesehen wird. Dem Tic convulsif liegt kein grob anatomisches Substrat zu Grunde, vielmehr sind es feinere Veränderungen im Kern der Rindenzellen bzw. in den kinästhetischen Zentren für die Halsmuskulatur, die sich in einem Zustand ererbter oder angeborener Labilität befinden und den Reizzustand unterhalten. Psychiatrie. 42) Statistisches sur Ätiologie der Nerven- und Geisteskrankheiten, von E. Redlich. (Wiener klin. Wochenschr. 1914. Nr. 44.) Ref.: Pilcz. Sehr beachtenswerte Studie, welche 6000 Fälle der Privatklientel nach Häufig¬ keit, Verteilung auf beide Geschlechter und anderen allgemein ätiologischen Ge¬ sichtspunkten mit den Erfahrungen der Klinik vergleicht. Zu kurzem Referate nicht geeignet. 43) Über die Bedeutung der Degeneratlonszeiohen, besonders der Ohr* mLßbildungen bei Geisteskranken, von P. Tischbein. (Inaug.-Dissert. Kiel 1915.) Ref.: K. Boas. Der 21jähr. Patient des Verf.’s wies neben einer Imbezillität, einer Gaumen¬ spalte, die von Geburt an vorhanden gewesen ist, und einer sehr undeutlichen Sprache eine Mißbildung des linken Ohres auf in Gestalt einer deutlichen Ent- wicklungsstörung, insofern an Stelle der normalen Ohrmuschel nur ein kleiner Hautwulst angedeutet war, und die nähere operative Untersuchung einen äußeren Gehörgang überhaupt nicht konstatieren konnte, so daß die gesamte Ohranlage der linken Seite als nur rudimentär zu bezeichnen war. Verf. geht näher auf die verschiedenen Formen der Degenerationsstigmata auf Grund der Literatur ein. Eine besondere Ähnlichkeit bestand in seinem Falle mit demjenigen von Kerr, in welchem beinahe die gleiche rudimentäre Anlage des einen Ohres vorhanden war, nur mit dem Unterschiede, daß in dem von dem Verf. mitgeteilten Falle überhaupt keine Andeutung eines Gehörganges vorhanden war und zugleich mit dem Hinzukommen der Gaumenspalte eine noch tiefere Stufe der Degeneration erreicht zu sein schien. Forensische Psychiatrie. 44) Obergutaohten der Kgl. wissenschaftlichen Deputation für das Modi* zinalwesen vom 17. Juni 1914 (J.-N. 21 C) betreffend Verantwortlich¬ keit des Irrenarztes für den Selbstmord eines Geisteskranken, von Bonhoeffer und C. Moeli. (Vierteljahrschr. f. gerichtl. Medizin u. öffentl. Sanitätswesen. XLIX. 1915. S. 177.) Ref.: K. Boas. Die gutachtlichen Äußerungen der beiden Verff. gipfeln in folgenden Schlu߬ sätzen: 1. daß es im Hinblick auf die besonderen Umstände des Falles, insbesondere den aus der Krankengeschichte ersichtlicl^pn Zustand der Frau Sp. nicht als Verstoß gegen die anerkannten Grundsätze der ärztlichen Wissenschaft anzusehen xxxiv. 58 Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 914 ist, daß Prof. Dr. S. am 15. November die Überführung in die offene Station an¬ geordnet hat, ohne für besondere Beaufsichtigung zu sorgen; 2. daß die Beschaffenheit der offenen Station, auch im Hinblick darauf daß sie im ersten Stock eingerichtet ist und besondere Anweisungen f&r die Bewachung nicht getroffen waren, den Anforderungen entspricht, welche an die Unterbringung von Kranken derart, wie sie der klinische Direktor — allerdings irrtümlich — bei der Frau Sp. als vorliegend erachten durfte, zu stellen sind. 111. Aus den Gesellschaften. Berliner Geselleoh&ft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Sitzung vom 8. November 1915. Ref.: K. Löwenstein (Berlin). 1. Herr Liepmann: Gedenkworte auf Max Bothmann. 2. Herr K. Löwenstein: Demonstration einer Lftsion der Nn. peronei und Reflexlähmung naoh Sohrapnellverletsung. (Erscheint als Original¬ mitteilung in diesem Centralblatte.) 3. Herr Henneberg: Über genuine Narkolepsie. (Krankenvorstellung.) Patient, ein 35jähriger Soldat, leidet seit 5 Jahren an Schlafanfällen, die mit unwiderstehlicher plötzlicher Müdigkeit einsetzen. Er schläft im Gehen und Stehen ein, Dauer des Schlafes etwa 1 / 4 Stunde. Der Zustand gleicht durohaus dem normalen Schlaf, durch Anstößen ist Pat. ziemlich leicht erweckbar. Bis zu 5 Anfälle am Tag. Beim Lachen fällt dem Pat. der Kopf nach vorn und der Unterkiefer herab, auch versagen die Kniee. Keine Anzeichen von Epilepsie oder Hysterie. Hereditäre Belastung: Vater leidet an Tabes, Bruder an Sclerosis multiplex. Pat. schlief vor dem Feinde auf Horchposten ein, kam zur Beobach¬ tung ins Lazarett. Es handelt sich um einen Fall von genuiner Narkolepsie, die von den narkoleptiformen Anfällen bei Hysterie, Epilepsie usw. zu unterscheiden ist. Sie stellt eine genügend charakterisierte, sehr seltene Neurose auf degene- rativer Grundlage dar. (Erscheint als Originalmitteilung in diesem Centralblatt) Autoreferat Diskussion: Herr Moeli fragt, wie sich die Pupillen im Schlaf verhalten. Herr Liepmann fragt, ob die Angaben, daß Pat. in solchen Zuständen über Gegenstände stolpert, objektiv kontrolliert sind. Herr Henneberg: Nicht diese, aber ähnliche Zustände sind objektiv be¬ obachtet. Herr Oppenheim: An der bemerkenswerten Beobachtung interessiert mich besonders die Angabe über die beim Lachen eintretende Erscheinung, welche den Eindruck eines rudimentären Anfalles macht. Es erinnert das an den von mir (Monatsschr. f. Psych. XI. 1902) beschriebenen „Lachschlag“ und deutet darauf hin, daß zerebrale Zirkulationsstörungen auch bei der Narkolepsie eine Rolle spielen. Autoreferat, Herr Bonhoeffer erwähnt zwei eigene entsprechende Fälle, bei denen es sich um tatsächliche echte Schlafzustände gehandelt hat. Herr Henneberg (Schlußwort): Polyurie besteht nicht, das Verhalten der Pupillen im Schlafanfall konnte noch nicht festgestellt werden. Eine BewuBtaeics- trübung tritt beim Lachen nicht ein. Autoreferat* 4. Herr Schuster: Kriegsneurologisohe Demonstrationen. Ich möchte Ihnen zuerst über 2 Fälle berichten, von denen der eine leider nicht xur Demonstration erschienen ist. Sie betreffen beide Kopfschüsse, welche den Kopf von der Stirn bis zum Hinterhaupt durchqueren. Beide Fälle zeigen einen gutartigen Verlauf. Be; dem ersten Pat. drang die Kugel am inneren Augenwinkel des linken Auges ein und kam hinten links in der Höhe des äußeren Genörganges, etwa 6 cm von der Mittellinie entfernt. Digitized by Go igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 915 wieder heraus. Nachdem die Nachbarschaftssymptome jetzt V t Jahr nach der Verwundung abgeklungen sind, zeigt sich, daß die Kugel auf ihrem Wege durch den Schädel den 5., 6., 7. und 8. Nerv der linken Seite geschädigt hat. Es besteht eine Sensibilitätsstörung der linken Gesichtsseite, eine (zur Abheilung mit Narbenbildung gelangte) Keratitis neuro- paralytica, eine schwere atrophische Lähmung des Temporalis und Masseter, Parese des linken Abducens (bei erhaltenem Ocnlomotorius), eine mit Geschmacksstorung einhergehende, alle drei Äste beteiligende Fazialislähmung, sowie starke Schwerhörigkeit. Im Bereiche der gelähmten Nerven besteht totale Entartungsreaktion. Der Opticus scheint geschont zu sein. Interessant sind die Kleinhirnsymptome. Von der allerersten Zeit an bestand eine sehr aus¬ geprägte, auch jetzt noch leicht vorhandene Neigung zum Fallen und.Abweichen beim Gehen nach rechts. Auffällig ist bei dieser Neigung zum Fallen nach rechts, daß bis vor einigen Wochen ein sogenanntes spontanes Linksabweichen der linken Hand bestand. Außerdem bestand ein geringes spontanes Abweichen der linken Hand nach unten. Trotz¬ dem zeigten sich beim Drehversuch normale Verhältnisse hinsichtlich des Nystagmus und des Abweichens der Hand. Anfänglich vorhanden gewesene psycüische Störungen — große Reizbarkeit und Erregbarkeit sind gleichfalls völlig zurückgegangen. Ich nehme an, daß die Kugel das Ganglion Gasseri zerstört hat und den 7. und 8. Nerv direkt an der Felsen¬ beinpyramide getroffen hat (Demonstration . — Bei dem zweiten Fall war der Einschuß unterhalb des äußeren Augenwinkels rechts erfolgt und der Ausschuß lag links, ungefähr an der gleichen Stelle wie beim ersten Kranken. Hier hatte die Kugel statt des 5. Nerven den 3. geschädigt und außer diesem, ebenso wie im ersten Fall, den 7. und 8. Alle Nerven waren links geschädigt. Es besteht heute — etwa 2 Monate nach der Verwundung — noch linksseitige Ptose, Unbeweglichkeit des linken Auges, Starre der linken Pupille, Fehlen des Hornhautrefleies bei erhaltener Berührungsempfindung, leichter Nystagmus beim Blick nach unten, linksseitige Lähmung des gesamten Fazialis und linksseitige Taubheit. Kein sogenanntes spontanes Abweichen der linken Hand beim Zeigeversuch. Von Kleinhirn¬ symptomen sind nur vorhanden: Klagen des Pat. über Schwindelgefühl besonders bei Kopl- bewegungen und der geringe Nystagmus. Auch ist der Gang noch etwas unsicher ohne aasgesprochene Falltendenz nach einer bestimmten Seite. Beim Dreh versuch tritt Nystagmus in normaler Weise auf. Zur Ausführung des Zeigeversuchs reichte die Reizung durch Drehung offenbar nicht aus. Eine kalorische Reizung wurde noch nicht ausgeführt. Eine Geschmacksstörung besteht nicht. In den letzten Tagen haben sich alle Symptome sehr gebessert. — Der letzte Fall, den ich Ihnen zeige, erscheint mir nicht so sehr bemerkens¬ wert durch die Natur seiner (funktionell bedingten) Störungen, als vielmehr durch die Art und Weise, wie diese Störungen zur Entwicklung gelangt sind. Der Pat. wurde am 13. August d. J., als eine Granate in seiner Nähe explodierte, bewußtlos und blieb mehrere Stunden so. Al6 er wieder erwachte, hatte er eine Reihe von Kopfbeschwerden, besonders Ohrensausen, Kriebeln in der Kopfhaut usw., zeigte jedoch keine Spur irgend einer Lähmung. Am 19. August, also 6 Tage nach dem Trauma, wurde er aus dem Lazarett, in welches man ihn hier gebracht hatte, entlassen. Auch jetzt war er frei von jeder Lähmung. Unter¬ wegs, in der Eisenbahn, traf er Landsleute, denen er Grüsse an seine Braut ausrichtete. Bei dieser Gelegenheit erregte sich Pat. offenbar stark. Als er nun aus dem Eisenbahnwagen aussteigen wollte, bemerkte er eine Schwäche des linken Armes und des linken Beines. Die Lähmungserscheinungen nahmen ziemlich schnell — aber nicht plötzlich — einen hoch¬ gradigen Charakter an. Als Pat. hier nach Berlin ins Lazarett kam, war das linke Bein völlig gelähmt, der linke Arm war leicht schwach. Bei meiner etwa vor 3 Wochen vor¬ genommenen ersten Untersuchung konstatierte ich Adynamie des linken Armes, völlige und absolute Lähmung des ganzen linken Beines und Fußes, so daß nicht ein einziger Muskel auch nur spurweise innerviert werden konnte. Beim Gehen hing das Bein wie ein totes Anhängsel am Körper. Es bestand eine linksseitige Hypästhesie mit totaler Anästhesie des linken Beines. Die totale Anästhesie setzte sich manschettenförmig gegen die Hyp- ästhesie des Rumples ab. Es bestand ferner Händezittern, völliges Fehlen der Lageem¬ pfindung am linken Bein und eine allgemeine Reflexsteigerung bei normalem — wenn auch schwachem — Sohlenreflex. Der Puls war stark erregbar. Es handelte sich somit, wenn wir uns an die gebräuchlicheTerminologie halten, um eine hysterischeLähmung. Es gelang mir durch Wachsuggestion usw., den Pat. so weit zu bessern, daß er heute nach 3 Wochen wieder normales Gefühl im Bein hat und ohne Stock leidlich gehen kann. Das Auffällige und in hohem Grade Bemerkenswerte an dem Falle ist nun, daß das wichtigste und den Kranken am meisten interessierende Symptom, nämlich die Lähmung des linken Beines, nicht etwa sofort und unmittelbar nach dem Trauma eintrat, sondern erst 6 Tage später ohne daß in der Zwischenzeit irgend etwas auf die bevorstehende Lähmung hingewiesen hätte. Bemerkenswert ist ferner, daß dem Eintritt der Lähmung eine unerhebliche gemüt¬ liche Alteration unmittelbar voranging. — Eine gleichartige Entwicklung eines schweren hl sterischen Symptomes sah ich in folgendem Fall, den ich in der Klinik des Geh. Silex untersuchte: Ein Kriegsfreiwilliger, der 1906 das linke Auge traumatisch verloren hatte, wurde bei einer Granatexplosion ganz leicht an der rechten Schläfe verwundet. Ganz 58* Difitized by Google Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN 916 allmählich verschlechterte sich nun auch die Sehkraft des bisher gesunden rechten Auges, besserte sich allerdings wieder, so daß Pat. wieder ins Feld rücken konnte* Ohne daß nun ein neues Trauma erfolgt wäre, verschlechterte sich abermals die Sehkraft des rechten Auges, bis schließlich e^n Zustand fast absoluter Blindheit resultierte. Die Untersuchung er^ab eine typische hysterische Blindheit mit allen Charakteren einer solchen. — Bei einem dntten — ganz ähnlichen — Fall, der Ende Januar durch einen leichten Schuß durch den Mund verletzt und gleichzeitig infolge Granatsprengwirkung von Steinen am Rücken getroffen worden war, hatten sich allgemeine nervöse Störungen eingestellt, Pat konnte aber gehen. Er war dauernd in Lazaretten gewesen. Im September, nachdem er hier auf dem Bahn¬ hof angekommen war, wollte er mit der Straßenbahn zu den Seinen fahren. Unterweg» wurde ihm plötzlich schlecht, er wurde angeblich bewußtlos und mußte hier abermals in ein Lazarett gebracht werden. Hier stellte ich eine allgemeine schwere Muskelsteifigkeit und besonders eine Lähmung und Steifigkeit der Beine nebst ausgeprägten hysterischen Symptomen fest. Unter entsprechender Suggestionsbehandlung wurde ziemlich schnell wieder Felddienstfähigkeit erreicht. — Zwei weitere Beobachtungen, in welchen sich schwere hysterische Symptome bei Kriegsteilnehmern plötzlich — scheinbar ohne irgend ein besonders vorausgegangenes Trauma — einstellte, gehören offenbar in die gleiche Gruppe von Fällen. (Ich sage „scheinbar“, weil ich glaube, daß auch in diesen Fällen irgend ein — vom Pat. subjektiv nicht richtig bewertetes — äußeres Ereignis eine ur¬ sächliche Rolle spielt.) In dem einen Fall waren bei einem bis dahin gesunden Menschen während des Nachmittagsschlafes im Quartier Krampfanfälle aufgetreten, welche sich schnell hintereinander wiederholten und das Bild der psendospastischen Parese mit Tremor hinterließen. In dem anderen Fall war ein bis dahin angeblich gesunder Landwehrmann, der eine Reihe schwerer Tage hinter sich hatte, plötzlich bewußtlos umgefallen und zeigte nachher ein eigentümliches Augenzittern, Kopfzittern, ticartige Gesichtszuckungen und andere funktionelle Störungen. M. H.! Der Ihnen zuletzt demonstrierte Fall sowie auch die übrigen Fälle, über die ich Ihnen soeben ganz kursorisch berichtet habe, zeigen, daß die Granat- explosion bzw. die übrigen mehr oder weniger erkennbaren Traumen, ebenso wie die sonstigen Emotionen und Anstrengungen des Krieges das Nervensystem der¬ gestalt labilisieren und sensibilisieren, daß monatelang ein Zustand enorm erhöhter Vulnerabilität besteht, der sich nicht auffällig kundzugeben braucht. Mit oder auch ohne das Hinzutreten einer weiteren Noxe kann dann plötzlich — quasi metatraumatisch — ein schwerer somatischer Symptomenkomplex einsetzen, welcher nach der herrschenden Terminologie als hysterisch anzusprechen ist. Es ist ohne weiteres ersichtlich, daß diese Fälle ein Streiflicht auf die jetzt wieder ventilierte Frage der Psychogenese der Neurosen nach Trauma werfen. Indem ich mir Vor¬ behalte, auf diese Frage an anderem Orte zurückzukommen, will ich nur betonen, daß mir auch diese Fälle für das* Vorwiegen der psychischen Genese zu sprechen scheinen. Allerdings darf man dann die Psychogenese nicht so eng umschreiben und nur auf die ideogene Entstehung begrenzen, wie dies neuerdings Oppen¬ heim tut. Autoreferat. Diskussion: Herr Oppenheim fragt, wie Vortr. das Vorbeizeigen im ersten Fall deutet. Herr Schuster: Eine vollbefriedigende Erklärung für das Spontanabweicheu der Hand nach links und die Falltendenz nach rechts kann ich nicht angetan, möglicherweise handelt es sich um eine Mischung von Lähmungs- und Reizsymptomen. Herr Löwenstein bemerkt, ohne in diesem Fall eine Entscheidung, ob es sich um Reiz- oder Lähmungserscheinungen handelt, treffen zu wollen, daß die Annahme einer Mischung von beiden Erscheinungen zur Erklärung des Symptomen- komplexes nicht nötig ist. Nach den bisherigen Anschauungen würden beide Symptome, als Ausfallserscheinungen aufgefaßt, übereinstimmend auf die linke Kleinbirnhälfte deuten, das Vorbeizeigen im linken Arm auf die linke Klein* , hirnhemisphäre und das spontane Fallen nach rechts auf die linke Wurmhälfte als Folge einer Läsion des dort lokalisierten Linksfallzentrums, die immer durch Störung des Gleichgewichts, das sich beide Fallzentren halten, ein Spontanfallen nach rechts erzeugt. Autoreferst 5. Herr Plessner: Über Trigeminuserkrankung infolge von Trichter* Difitized by Google Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 917 äthylenverglftung. M. H.l Ich möchte mir erlauben, Ihnen 4 Fälle vorzustellen, welche alle an derselben Grundkrankheit leiden und sich voneinander nur graduell unterscheiden. Zwei von diesen Patienten hat auch Herr Cassirer beobachtet, der meine Befunde wohl im wesentlichen bestätigen wird. Nach den verschiedenen direkten Kriegsverletzungen, die wir hier gesehen haben, stellen diese Fälle hier gewissermaßen nur mittelbare Kriegsverletzungen dar; die Krankheiten haben die Patienten nämlich bei der Fabrikation von Granatentzündern akquiriert. Die Fabrik, in welcher meine Patienten arbeiteten, verwandte zur Abspülung von Feilspänen und Schmieröl das Trichloräthylen. Dieses Produkt entsteht &ub dem Monoäthylenchlorid durch Behandlung mit alkoholischer Kalilauge. Eis entwickelt sich dann bei fraktio¬ nierter Destillation je nach der Höhe des Siedepunktes das Dichlorid, Trichlorid und Tetrachlorid. Bei 87° entsteht das Trichlorid, eine Flüssigkeit, die in den be¬ treffenden Fabriken in offenen Zinkkästen verwendet wurde, welche bei genügender Beobachtung der Unfallverhütungsvorschriften wohl besser hätten geschlossen bleiben müssen. An diesen arbeiteten die Patienten, und zwar alle vier immer nur einen halben bis einen ganzen Arbeitstag. Dies genügte, um die im folgenden zu schildernden Vergiftungserscheinungen hervorzurufen. Dieser erste Patient hier — bei den anderen verhält es sich im wesentlichen ähnlich — fühlte bereits währen4 der Arbeit ein starkes Brennen an den Augen und Händen, so daß er sehr häufig an die Wasserleitung laufen mußte, um Augen und Hände zu kühlen. Beim Heimwege von der Arbeitsstelle hatte er das Gefühl des Taumelns uud am anderen Tage heftiges Erbrechen. Unmittelbar an dieses schloß sich das Auftreten einer Empfindung völliger Vertaubung der Mund-, Wangen- und Nasenschleimhaut sowie der Gesichtshaut. Er versuchte noch weiter zu arbeiten, mußte aber bald einen Arzt aufsuchen und wurde mir von diesem zugeführt. Ich fand eine völlige Empfindungslähmung des sensiblen Trigeminus aller drei Äste auf beiden Seiten. Sie sehen, die Wangenschleimhaut, Kieferschleimhaut, Nasenschleimhaut sind völlig unempfindlich, ebenso auch die Hornhaut und endlich auch die Gesichtsbaut, soweit sie vom Trigeminus innerviert wird. Dagegen sind alle die Teile der Kopfhaut, die von spinalen Nerven versorgt werden, ebenso die kleine Vaguspartie völlig normal empfindlich. Die anästhetische Zone begrenzt sich scharf mit den Grenzen des Versorgungsgebietes des Trigeminus. Wie Sie sehen, fehlen sämtliche Schleim¬ hautreflexe, der Nasenreflex und auch der Hornhautreflex. Die Hornhaut ist völlig unempfindlich und es ist gewiß auffällig, daß trotz dieser völligen Anästhesie der Hornhaut auch nicht eine Spur von einer Keratitis neuroparalytica sich findet, obwohl die Affektion schon seit März besteht. Diese Beobachtung liefert wohl einen stringenten Beweis dafür, daß die Anästhesie der Hornhaut nicht die alleinige Ursache für eine Keratitis neuroparalytica darstellen kann. Es sind ferner bei den Patienten die vorderen zwei Drittel der Zunge völlig ohne jede Geschmacks¬ empfindung für süß, sauer und salzig, dagegen wird bitter unterschieden. Bei dem vierten Pat. ist diese Geschmackslähmung nur halbseitig, wie er überhaupt nur leichter erkrankt ist. Auch die Sensibilitätsstörung der Haut ist bei ihm nur eine partielle. Bei den drei ersten Patienten besteht eine vollkommene sekun¬ däre Anosmie. Bei dem vierten ist sie nur halbseitig und zwar auf der Seite der Geschmackslähmung. Trophische Störungen finden sich bei drei von den Patienten gar nicht, nur bei einem hier sehen Sie, daß ihm 14 Zähne ausgefallen sind. Schließlich sehen wir bei den Patienten noch einige Krankheitserscheinungen von Seiten des Opticus. Bei dem ersten hier fand sich eine ins Graue spielende Ver¬ färbung des Sehnerven, die weder eine Neuritis noch auch eine Atrophie war. Der Augenarzt bezeichnet den Befund als eine Ernährungsstörung. Bei dem zweiten fand sich eine ödematöse Verschwellung der Papille, bei dem dritten konnte ein objektiver Befund nicht erhoben werden. Er zeigte subjektiv eine Art Polychromatopsie und schilderte seine Beschwerden derart: es würden ihm alle Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 918 Farben „changeant“, d. b. bei Betrachtung eines und desselben farbigen Gegen¬ standes gingen die Farben nacheinander in verschiedene andere Farben über. Man wird vielleicht nicht fehl gehen, wenn man diese Erscheinungen nicht als Erkrankung des Opticus selbst auffaBt, sondern als eine durch Erkrankung der Nn. nervorum, diq vom Trigeminus stammen, bedingte Störung. Der 4. Fall hat keinerlei Augenerscheinungen gezeigt. Bei allen Fällen fehlt jede Beteiligung deB motorischen Trigeminus. Bei allen Fällen ist gleichmäßig jede Krankheits¬ erscheinung, sei es sensibler, sei es motorischer Natur, von Seiten der spinalen Nerven auszuschließen. Die Fälle bieten auch ein sozialmedizinisches Interesse insofern, als die Frage entsteht, ob die Affektion als ein Betriebsunfall zu deuten ist. Da sich die Vergiftung in einer zeitlich durchaus begrenzten Zeitspanne ab¬ gespielt hat und der Unfallbegriff keineswegs eine ausschließlich mechanische Schädigung verlangt, habe ich keine Bedenken getragen, in zwei bisher von der Berufsgenossenschaft erforderten Gutachten diese Erkrankung als Betriebsunfall zu bezeichnen. Autoreferat. Diskussion: Herr Cassirer hat einige dieser Patienten untersucht und be¬ stätigt den Befund in jeder Beziehung. Es ist mit diesen chemischen Körpern schon experimentiert worden, sie stehen dem Chloroform nahe. Bekannt ist eine Vergiftung mit Tetrachloräthan, die zum Bild der gelben Leberatrophie mit Exitus führen kann; über Trigeminusstörungen ist dabei nichts bekannt. In diesen vor- geatellten Fällen war an der Leber nichts nachweisbar. Der Fehler ,lag am Öffnen der die Flüssigkeit enthaltenden Kästen. Unter entsprechenden Vorsichtsmaßregeln wird der Stoff weiter benutzt. Herr Oppenheim hebt das große Interesse hervor, das diese Beobachtungen der Herren Plessner und Cassirer bieten, indem Bie eine elektive Giftwirkung, die sich auf den Trigeminus beschränkt, darstellen. Das ist etwas Neuartiges. Die Symptomatologie erinnert durchaus an die tabische Quintusaffektion. Diese Beobachtung möge auch die Anregung geben, die Beziehungen des Giftes zum Trigeminus für die Behandlung der Quintusneuralgie fruchtbar zu machen, d. h. zu versuchen, ob mit den kleinsten Dosen etwas gegen dieses Leiden auszu¬ richten sei. Autoreferat. Herr Jacobsohn fragt, ob eine direkte Einwirkung des Giftes stattgefunden hat, ob sich die Leute das Gesicht abgewaschen haben, und ob noch andere Leute in demselben Raum erkrankt sind. Herr Plessner (Schlußwort): Es sollen noch andere Leute erkrankt Bein, die er aber nicht untersucht hat. Soviel er weiß, hat eine Berührung des Ge¬ sichtes nicht stattgefunden, sondern es kommt nur die Einatmung in Frage. 6. Herr 0. Maas: Doppelseitige HypoglossusVerletzung. Der Patient, den Vortr. hier zeigt, wird von ihm auf der Abteilung von Herrn Kollegen Walter Pi neus im Lazarett Buch beobachtet. Er ist durch einen Gewehrschuß verletzt worden, der auf der linken Halsseite etwas unterhalb der Basis des Unterkiefers eindrang und auf der rechten Halsseite in gleicher Höhe ein wenig weiter nach hinten ausdrang. Abgesehen von leichter Sensibilitätsstörung in der rechten Unterkiefergegend und Verletzung des Unterkieferknochens, die aber den Pat. nicht hindert, den Mund weit zu öffnen, läßt sich folgendes feststellen: Die Zunge ist gewulstet, links mehr als rechts, wesentliches ffbrilläreB Zittern besteht nicht. Passive Bewegungen der Zunge sind frei. Liegt die Zunge im Mund, so be¬ schreibt sie einen nach rechts leicht konkaven Bogen. Streckt Pat. die Zunge vor, so weicht die Spitze ein wenig nach links ab. Pat. kann die Zunge nur etwa 1 mm vor die untere Zahnreihe vorstrecken, er ist nicht imstande, bei ge¬ öffnetem Mund die Zunge zu heben und die obere Zahnreihe zu berühren, seit¬ liche Zungenbewegungen kann er nur spurweise ausführen, zurückziehen kann er die Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 919 ^unge. Beim Schlucken von Flüssigem hat er keine Schwierigkeiten, Festes kann er nur schlucken, wenn er es ordentlich aufgeweicht hat. Zusammenhängendes Sprechen ist undeutlich, es hört sich an, als ob Pat. einen Kloß im Mund hätte. Von den einzelnen Lauten gelingen b, p, m, n, f, w fehlerlos, während d, t, g, k, x, r, 1, s, sch entweder garnicht oder nicht in normaler Weise gesprochen werden. Bei den Vokalen bat die Sprache nasalen Beiklang; a, o, u gelingen leidlich, e und besonders i mangelhaft Bei der elektrischen Prüfung gelang es nicht, den N. hypoglossus faradisch zu reizen, die faradische Erregbarkeit der Zungenmuskulatur war aber erhalten, galvanisch war beiderseits träge Zuckung deutlich nachweisbar. Die Sensibilität der Zunge für Berührung, Schmerz- und Temperaturreize war völlig normal, ebenso auch die Geschmacksempfindung. Im M. sterno-hyoideus war rechts das elektrische Verhalten normal, links sah ich keine Zuckung. Der Kehlkopf ist wohl etwas mehr abtastbar als normalerweise. Es handelt sich hier also um doppelseitige periphere Verletzung des N. hypo¬ glossus, die, soweit Vortr. feststellen konnte, nur äußerst selten beobachtet wird. Ein derartiger Fall wurde von Schüller beschrieben (Kriegschirurgische Skizzen 1871), sonst hat Vortr. keine analogen Beobachtungen in der Literatur gefunden. Autoreferat. Diskussion: Herr Oppenheim hat Bowohl diese Form der Glossoplegie als auch die rein muskuläre nach Schußverletzung am Boden der Mundhöhle beob¬ achtet. Die Symptomatologie ist dieselbe, nur fehlt dabei die Entartungsreaktion. Autoreferat. 40. Wanderversammlung südwestdeutsoher Neurologen und Irrenärzte am 29. und SO. Mal 1915 ln Baden-Baden. Ref.: Steiner (Straßburg i/E.). Vorsitzende: Herr Kraepelin (München), Herr Ho che (Freiburg); Schrift- iührer: Herr Hauptmann (Freiburg) und Herr Steiner (Straßburg). 1. Herr Hoche (Freiburg): Über Hysterie. Das Thema, über welches ich zu sprechen gedenke, wird auch von anderen Vortragenden heute hier behandelt werden; umsomehr hat der erste Redner die Pflicht, sich auf das Notwendigste zu beschränken. Die heutigen Vorträge Bind ja doch in erster Linie dazu bestimmt, eine Vorbereitung für die Diskussion zu bilden, die voraussichtlich mehr Übei- einstimmung in unseren tatsächlichen Beobachtungen ergeben wird, als dies a priori wahrscheinlich wäre. Wir erleben jetzt, wie alles in diesem Kriege sich • in riesenhaften Dimensionen abspielt, ein Experiment größten Stiles an unserer nervösen und psychischen Volksgesundheit. Wir Kliniker sehen eine sonst uner¬ hörte räumliche und zeitliche Zusammendrängung von Kasuistik, und jeder von uns hat sicherlich viele Hunderte von Fällen zu beobachten Gelegenheit gehabt. Besonders wertvoll bei diesen Beobachtungen ist, daß sie einstweilen ganz frei sind von den im Frieden mitspielenden Neben-Gesichtspunkten, die uns Ärzten die Beschäftigung mit allen nervösen Unfallsfolgen zu einer so wenig erfreulichen Aufgabe gemacht haben. Die Existenz der Unfallversicherungs-Gesetzgebung trübt nicht nur die nervösen und psychischen Krankheitsbilder, sie trübt auch durch alles, was damit zusammenhängt, das persönliche Verhältnis der Ärzte zu diesen Fällen. Nach dem Friedensschluß werden wir sehr viel weniger als jetzt in der Lage sein, von Entschädigungsansprüchen unbeeinflußte Fälle zu sehen. Es ist mit Sicherheit zu erwarten, daß sich dann der Gesamteindruck für die Ärzte wesentlich verschieben wird. Wenn erst die Millionen von Männern im erwerbs¬ tätigen Alter in der Erinnerung an alles das, was sie durchgemacht haben, zurück¬ strömen werden, wenn Hunderttausende in den ersten Zeiten, in denen die In- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 920 Digitized by dustrie nicht in dem gleichen Maße wie früher Arbeitskräfte braucht, Schwierig¬ keiten haben werden, ihre soziale frühere Lage wieder zu finden, dann werden wir im größten Umfange und auf einmal das zu sehen bekommen, was sich als Wirkung der Unfall-Gesetzgebung im Frieden langsam weiterschleppt. Wir können als Arzte schon jetzt an die maßgebenden Instanzen gar nicht dringend genüg die Mahnung richten, in der Schätzung des voraussichtlichen Bedarfes an Invaliden- pension nur die Maximalziffern als wahrscheinlich anzusetzen. In bezug auf Kriegs¬ wirkungen, die wir jetzt in nervöser und psychischer Hinsicht zu sehen bekommen, ist besonders auffallend, wie zahlreich Genesungen von funktioneller Nervositit eingetreten sind, wie genau in der von mir schon vor Jahren prophezeiten Weise die Luxussanatorien sich geleert haben, wie wir auch von neurasthenischen Indi¬ viduen, die im Frieden relativ unbrauchbar waren, überraschende Leistungen im Felde erleben. Es gibt eben zahlreiche Menschen, die im grauen Alltag mit ihren subjektiven Mißempfindungen nicht fertig werden und die von der im guten Sinne sensationellen Art ihres jetzigen Erlebens weit über die Linie ihrer sonstigen Leistungsfähigkeit hinaufgeboben werden. (Auf ärztlichem Gebiete sehen wir in gewisser Analogie ein Schwinden von Luxuserscheinungen in dem Zurücktreten der psychoanalytischen Literatur. Man muß ja wohl sagen, daß die augenblick¬ liche Zeit der Freud’schen Betrachtungsweise wenig günstig ist!) Überraschende Leistungen werden auch von einer bestimmten Sorte psychopathischer Persönlich¬ keiten vollbracht, die im normalen Laufe der Dinge durch ihre psychische Formel in .soziale Konflikte der verschiedensten Art getrieben werden, unter den abwechs¬ lungsreichen Verhältnissen des Krieges mit täglich und stündlich neuen Anregungen in die Lage kommen, auf Grund ihrer Begabung und Anregbarkeit und ihrer Freude am Abenteuer einzelne besonders gute Dinge zu vollbringen. Demgegen¬ über steht das Versagen vieler Nervöser. Eine wichtige Voraussetzung, um dis Leben im Felde ohne nervöse Schädigung aushalten zu können, ist zweifellos die Fähigkeit, auch unter schwierigen Umständen und zu jeder Zeit schlafen zu können. Nervöse Menschen, die nicht diese Fähigkeit besitzen oder im Laufe des Feldzuges verlieren, kommen natürlich sehr bald ins Defizit. (Eine eigen¬ tümliche Beobachtung möchte* ich hier kurz erwähnen: Ein hysterisch gewordener Offizier, der draußen an schweren Schlafstörungen litt, aber, sehr unzweckmäßiger¬ weise, im schwersten Granatfeuer von unwiderstehlicher Schlafsucht befallen wurde.) Unter den Entstehungsbedingungen nervöser Feldzugserkrankungen figuriert zunächst die innere Disposition, und die Frage wird zu lauten haben, ob man disponiert sein muß, um eine Kriegshysterie zu bekommen. Wenn man den Begriff der Disposition so weit faßt, daß sie dann schon gegeben ist, wenn irgendwo in da Aszendenz Nervenkrankheiten vorgekommen sind, dann werden wir zahlreiche Disponierte unter unseren Patienten finden; verlangt man aber, daß die psycho¬ pathische Disposition sich in bestimmten Zeichen bereits vorher kundgetan bst, so würden wir sagen müssen, daß diese Form der Disposition oder dieses Quantum derselben nicht notwendig ist. In bezug auf den Krieg müssen wir sicherlich sagen: jeder Feldzugsteilnehmer ist bei entsprechenden Erlebnissen „hysteriefähig**. Bei der Betrachtung der äußeren Faktoren würden wir vor den schädigenden auch gewisse schützende Einflüsse zu erwähnen haben. Wichtig ist sicherlich als Schutz in nervöser Beziehung das, was wir schlechthin als Gewöhnung be¬ zeichnen: die psychische Einstellung auf die neuen Maße des Erlebens, die schlie߬ lich auch das Ungeheure alltäglich werden läßt. Ich habe schon an anderer Stelle von der psychischen Sicherung gesprochen, die in unserer Organisation darin gegeben ist, daß alles, was von äußeren Eindrücken eine gewisse Grenze übersteige schießlich an uns abläuft, ohne uns entsprechend zu affizieren. Man könnte dabei, um einen Wernickeschen Ausdruck zu gebrauchen, von einer „nivellierenden Wirkung“ sprechen. Es wäre auch falsch, den Zustand der Feldzugsteilnebmer Gck igle Original fro-m UMIVERS1TY OF MICHIGAINT 921 als den einer dauernden Todesgefahr sich vorzustellen, ganz abgesehen davon, daß diesem Gesichtspunkte gegenüber die Mehrzahl, sei es mit religiöser, sei es mit philosophischer Betrachtung, ein für allemal einen bestimmten Standpunkt gewonnen hat, der nicht täglich von neuem eine Rolle spielt. Auch das Bewußtsein der Vielheit der in gleicher Lage sich Befindlichen ist eine seelische Erleichterung« Im gleichen Sinne wirkt sicherlich der befreiende Faktor der Lösung spannender Situationen und gespannter Stimmungen in Humor. Von den schädigenden Wir¬ kungen liegen die chronischen mehr außerhalb meines Themas. Akute Einwirkungen kann man nach meinen Beobachtungen in eine gewisse Skala bringen in dem Sinne, daß für das Nervensystem am wenigsten einschneidend die Eindrücke des gewöhnlichen Infanteriefeuers sind, an welches sich in steigender Linie Granat¬ feuer im Freien, Granatwirkung in geschlossenen Räumen mit der Gefahr des Eingeschlossen- und VerBchüttetwerdens, und endlich die Explosionen der Minen¬ gänge als schwerstes Ereignis anschließen. Die Wirkung dieser letzteren hat, wenn ich an die Zahl der hierher gehörigen identisch aussehenden Fälle denke, fast etwas Spezifisches. Abgesehen von der direkten, eventuell vorhandenen mecha¬ nischen Wirkung der Commotio cerebri hängt der Einfluß auf das Nervensystem sicherlich mit der ungeheuren Größe des akustischen Eindruckes, dann aber auch mit der Dauer und dem Grad der vorausgehenden Spannung zusammen. Wir alle kennen das Unbehagen, mit dem wir einem plötzlichen heftigen Sinneseindruck entgegensehen, auf den wir uns nioht im voraus einzustellen vermögen, und ich erinnere Sie nur daran, mit welcher Wirkung dies z. B. von Björnson in „Über unsere Kraft“ II. Teil verwertet wird in der Szene, in welcher die Versammlung auf die ihnen angemeldete Sprengung ihres Versammlungsraumes wartet, während der Zuschauer durch die eigene unangenehme Spannung auf die zu erwartende Detonation ein verschärftes Verständnis für den Seelenzustand der Personen des Stückes gewinnt. Ich bin geneigt anzunehmen, daß wir in dem hohen Grade der Spannung, in dem eventuell tagelang den Minensprengungen entgegengesehen wird, ein besonderes prädisponierendes Moment für die psychischen Folgen dieser Art von Einwirkung zu sehen haben. Bei der Zerlegung der Symptomenbilder, die wir nach allen diesen Einwirkungen zu sehen bekommen, müssen wir sicherlich an dem durch den Entwicklungsgang der Lehre von den traumatischen Neurosen etwas verwischten Unterschied von neurasthenischen und hysterischen Symptomen festhalten, trotz der häufigen Koinzidenz in demselben Individuum. Neurasthenische und hysterische Erscheinungen sind prinzipiell, nicht nur quantitativ voneinander verschieden, jene entstanden durch Vergiftung, Abnützung, meist von einer gewissen Dauerhaftigkeit des Bestandes, auch dem Normalen auf dem Wege der Einfühlung subjektiv verständlich; diese, hervorgegangen aus einem gestörten dynamischen Gleichgewicht in irgendwelchen zentralen Elementen, die entweder konstitutionell und dauernd oder erworbnermaßen und episodisch labil sind, ausgleichbar in jedem Moment, dem Verständnis des normalen Menschen im wesentlichen verschlossen. Die beherrschende Idee für die Entstehung der hysterischen Erscheinungen ist in der letzten Zeit die psychogene Entstehungsweise gewesen, teils in dem Sinne des Bestimmtseins durch entsprechende Vorstellungen, teils in dem weiteren Sinne der Auslösung auf affektivem Wege. Sicherlich haben wir uns die Entstehung der meisten Kriegsfälle von Hysterie auf einem dieser Wege vorzustellen. Namentlich Beben wir oft im Anschluß an bewußt angenommene äußere Einwirkungen lokalisierter Art entsprechende hysterische Erscheinungen auftreten, z. B. hysterische Ptosis nach Blendung durch Explosion, hysterische Abasie und Astasie nach Verschüttung mit Einklemmung der Beine usw. In diesen Fällen sehen wir häufig ein Latenz- stadium von Stunden oder Tagen zwischen Trauma und Entwicklung der hyste¬ rischen Symptome eingeschoben. Der theoretisch interessantere Teil der Kriegs¬ hysterie wird aber für mich repräsentiert durch solche Fälle, bei denen der Digitized by Go igle Original fro-rn UNIVERSITY OF MICHIGAN 922 Hergang der Diüge es wahrscheinlich macht, daß überhaupt irgend eine psychische Einwirkung als vermittelndes Zwischenglied nicht vorhanden gewesen ist, Fälle z. B., bei denen eine Granatexplosion unmittelbare Bewußtlosigkeit zur Folge hat (ohne chirurgische Verletzung natürlich), nach deren Verschwinden der Patient mit einer Reihe hysterischer Ausfallserscheinungen oder Reizerscheinungen erwacht, deren Charakter im weiteren Verlauf durch die restlose Ausgleichbarkeit bewiesen wird. Eine Analogie finden wir in den von mir früher auch an dieser Stelle erörterten hysterischen Erscheinungen nach elektrischen Entladungen (Blitzschlag und Starkstromleitungen), bei denen dieselben Gedankengänge Platz zu greifen haben. Der Umstand, daß die Erklärung dieses Zusammenhanges schwierig ist, sollte uns nicht veranlassen, der Frage durch Ignorieren aus dem Wege zu gehen, einer Frage, die bei näherer Betrachtung nicht so unlösbar erscheint. Der rätsel¬ hafte Entstehungspunkt aller hysterischen Erscheinungen muß, man mag im übrigen darüber denken wie man will, an der dem Bewußtsein entzogenen Stelle gesucht werden, an der die beiden untereinander nicht vergleichbaren Erscheinungsreihen des materiellen und psychischen Geschehens sich berühren. Es hat für mich nichts als Denkakt Unvollziehbares, daß die an diesem Punkte zu suchende hypothetische Störung so wohl von der psychischen Seite wie von der materiellen Seite her in Gang gesetzt werden kann. Ich möchte, um einem naheliegenden Mißverständnis im voraus zu begegnen, betonen, daß ich selbstverständlich nicht die triviale Tat¬ sache des Vorkommens hysterischer Symptome bei organischen Gehirnerkrankungen im Auge habe, und daß ich, wenn ich von der materiellen Seite spreche, dabei nicht Vorgänge im Auge habe, die eine gesteigerte mikroskopische Technik eines Tages demonstrieren könnte. In gleicher Weise wie bei den elektrischen Neu¬ rosen werden wir uns zunächst mit der Registrierung des Tatsächlichen zu begnügen haben; immerhin möchte ich die Fach genossen bitten, diesen Punkt nicht mit der Etikette der „überflüssigen Spekulation“ zu erledigen. Auf klinische Einzelheiten will ich im Augenblick nicht näher eingehen. Zum Schluß sei mir eine Bemerkung pro domo gestattet: Man hat vor Jahren meine Ansichten als zu optimistisch bezeichnet, als ich gegen die viel verbreitete Lehre von der Dekadenz unseres Volkes protestiert und mich zum Glauben an die Zukunft für die nervöse und psychische Durchschnittsgesundheit bekannt habe. Ich freue mich jetzt, daß die tatsächlichen Erfahrungeu wohl auch den Pessimisten zu Gemüte führen werden, wie sehr sie sich in ihren Schätzungen geirrt haben. 2. Herr R. Wollenberg (Straßburg): Über die Wirkungen der Qranat- ersohütterung. In den von chirurgischer Seite stammenden älteren Schilderungen der Folgezustände sogenannter „Granatkontusion“ wird nicht scharf genug unter¬ schieden zwischen Störungen organischer und funktioneller Art. Auoh in der Arbeit Harzbeckers aus neuester Zeit tritt diese Unterscheidung nicht deutlich hervor. Infolgedessen besteht die Gefahr, daß Untersucher mit geringerer prak¬ tischer Erfahrung, also wohl auch manche Truppen- und Feldärzte, den ganz über¬ wiegend psychogenen Charakter dieser Störungen verkennen und zu Unrecht organische Grundlagen annehmen. Ein Bedürfnis nach Klärung in dieser Hinsicht hat schon andere Autoren, wie Bonhoeffer und Gaupp, veranlaßt, sich mit dem Gegenstände zu beschäftigen, es hat auch zur Wahl dieses Themas in unserer Versammlung geführt. Meine Ausführungen stützen sich auf eine größere Zahl eigener Beobachtungen. Dabei habe ich natürlich, so gut es möglich war, die Fälle ausgeschaltet, in denen eine direkte Verletzung des Schädels oder seines Inhalts anzunehmen war. — Über das Tatsächliche des Vorgangs selbst sind wir meist nur auf die Angaben der Geschädigten angewiesen, bei deren Verwertung eine gewisse Vorsicht nicht überflüssig ist. Meist wird von Bewußtlosigkeit be¬ richtet, zuweilen von vorübergehenden Zuständen dämmerhafter Bewußtseinstrübung und psychischer Hemmung, in einigen Fällen auch von plötzlichen raptusartigen Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 923 unzweckmäßigen Handlungen. In körperlicher Beziehung sind die Angaben aus der ersten Zeit ziemlich dürftig und oft ganz negativ. Viel mannigfaltiger und umfassender sind die Störungen, welche später hervortreten. In den von mir verwerteten Fällen ist bemerkenswert die Häufigkeit, mit der über frühere Ge¬ sundheitsstörungen, sei es im Sinne angeborener psychopathischer Züge, sei es in dem erworbener nervöser Anomalien, berichtet wurde; zu den letzteren gehört auch die momentane psychisch-nervöse Einstellung durch Erschöpfung, Ent¬ behrungen und insbesondere durch aufregende Erlebnisse kurz vor dem Ereignis. Die Symptomatologie setzt sich zusammen auf körperlichem Gebiet aus Mißempfin¬ dungen und Schmerzen im Kopf, Kriebeln in den Gliedern, Sausen und Klingen in den Ohren, Gehörsstörungen, Schwindelgefühlen verschiedener Art und mit oder ohne Gleichgewichtsstörungen, vasomotorischen Erscheinungen, fein- oder grob¬ schlägigem Tremor, lokalisierten Muskelkrämpfen, Krampfanfällen von mehr oder weniger ausgesprochen hysterischem Typus, Lähmungen aller Art, Sprachverlust und anderweitigen Sprachstörungen, Sensibilitätsstörungen der verschiedensten Lokalisation uaw. Auf geistigem Gebiet bestehen Erregbarkeit, herabgesetzte Wider¬ standsfähigkeit gegenüber allen möglichen Reizen, Depressionszustände, Angst- anfalle, besonders des Nachts, „Gefechtsträumen“, erschwerte Konzentrations¬ fähigkeit, Gedächtnisschwäche usw. Zur Verständigung erscheint es nützlich, die Symptome in drei Gruppen zu ordnen, die sich rein äußerlich durch die Stich¬ worte „individuell“, „emotionell“ und „kommotionell“ kennzeichnen lassen. Als individuell bezeichne ich alleB, was an angeborenen oder erworbenen krankhaften Abweichungen innerhalb der psychisch-nervösen Sphäre in die betreffende Situation bereits mitgebracht worden ist und was dann richtunggebend im Sinne der be¬ sonderen hysterischen, neurasthenischen, epileptoiden, paranoiden usw. Reaktion gewirkt hat. Als emotionell alles, was auf Affektvorgängen beruht, was also im wesentlichen zusammenfallt mit hysterischen Vorgängen und im weiteren Sinne als psychogen bezeichnet werden kann. Als kommotionell alles, was auf mecha¬ nischer Schädigung (Erschütterung) beruht. In letzterer Beziehung denke ich nicht an unklare organische Vorgänge, sondern an zwar feine, aber sehr reale, objektive Veränderungen, wie sie von R. Müller bei artilleristischen Friedens¬ übungen am Trommelfell der Kanoniere und von anderen im Tierexperiment auch am inneren Ohr festgestellt worden sind. Daß die schweren Geschosse infolge der mit dem Knall und dem Luftdruck verbundenen gewaltigen Stoßwirkungen auch ohne äußere Verletzung schwere innere Schädigungen auch der nervösen Zentral¬ organe hervorrufen können, ist durch verschiedene Beobachtungen auch für den Menschen wohl einwandfrei festgestellt. Besonders häufig scheint es aber zu leichteren Kommotionswirkungen innerhalb des Gehörorgans zu kommen. Was die gegenseitigen Beziehungen der genannten drei Symptomengruppen im Krank¬ heitsbild betrifft, so kommt der individuellen Komponente nur eine prädisponie¬ rende Bedeutung zu, insofern sie für emotionelle Wirkungen den Boden ebnet, aber auch den kommotionellen zu besonderer Wirkung verhilft, z. B. bei be¬ stehenden konstitutionellen Anomalien, bei chronischem Alkoholismus, alter Syphilis, vorausgegangenen anderweitigen traumatischen Schädigungen, bei Arte¬ riosklerose usw. Die Feststellung des früheren Gesundheitszustandes ist deshalb von großer praktischer Wichtigkeit für die Beurteilung des einzelnen Falles. Im übrigen muß aber nochmals mit allem Nachdruck betont werden, daß in der Mehrzahl der hierher gehörenden Fälle das emotionelle Moment durchaus über das kommotionelle überwiegt, daß das Krankheitsbild also ein im wesentlichen psychogenes ist. Es gibt ganz rein emotionelle Fälle, die dann als typische Hysterien oder Hysteroneurasthenien erscheinen, sehr häufig ist aber ein mehr oder weniger deutliches kommotionell es Beiwerk vorhanden und zwar auch in Fäller, in denen man es nach dem Gesamtbilde nicht vermuten sollte. Das Gehörorgan Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 924 bildet offenbar ein besonders feines Reagens gegenüber solchen Schädlichkeiten. Ich war sehr überrascht, durch unseren otologischen Berater, Dr. Weil von der Straßburger Ohrenklinik, auch in scheinbar rein funktionellen Fällen einen Be¬ fund erhoben zu sehen, der auf eine Schädigung des Labyrinths schließen ließ. Diese leichten Kommotionserscheinungen sind für die Gesamtbeurteilung des Falles gewiß nicht gleichgültig. Es sollte deshalb in jedem entsprechenden Fall eine genaue Ohrenuntersuchung Yorgenommen, überhaupt aber mit allen Mitteln nach dem Bestehen organischer Nervenstörungen gesucht werden, auch wenn das Krankheitsbild als solches einen durchaus psychogenen Charakter trägt. Was die Entstehung dieser hysterischen oder psychogenen Störungen angeht, so erkennen wir in vielen von ihnen ohne weiteres bekannte körperliche Begleiterscheinungen der Angst und des Schreckens wieder. Bei vielen finden wir aber in unserer Erfahrung keinerlei Beziehung zwischen auslösender Ursache und körperlicher Störung. Wir müssen uns hier mit der Tatsache begnügen, daß Btarke seelische Erregungen sich für ihre Entladung ins Körperliche auch neue und ungebahnte Wege eröffnen können. Vollkommen unklar ist für uns vollends die Entstehung der hysterischen Dauerformen. Für gewisse Herzstörungen sind die Beobachtungen von Interesse, welche Ehrmann an mehreren Wehrmännern angestellt hat, während sie im Granatfeuer waren; er konstatierte sehr erhebliche PulssteigeruDg und Extra¬ systolen. Vielleicht handelt es sich bei manchen Krampf- und Ticformen nur um eine zufällige „Fixierung der letzten Bewegungen vor dem aufregenden Ereignis, in dem Sinne, daß die in einer Tätigkeit begriffenen Individuen in den durch diese bedingten Bewegungen und Stellungen durch den Schreck gewissermaßen „festgenagelt“ wurden. Dies konnte ich in verschiedenen Fällen durch genaues Nachforschen nach der bei der Granatexplosion gerade bestehenden Situation fest¬ stellen. Der Einfluß von Begehrungvorstellungen in einem Augenblick, in dem das übermächtige Gefühl der Lebensvernichtung das ganze Denken beherrschen muß, ist schwer zu verstehen. Anders liegt dies natürlich für die späteren Perioden, also die Zeit des Transports und der Lazarettbehandlung, wo auch imitatorische Einflüsse in Frage kommen. — Ebenso rätselhaft wie das Auftreten und Andauern dieser Störungen ist ihr in manchen Fällen zu beobachtendes plötz¬ liches Verschwinden. Hinsichtlich der Behandlung ist eine längerdauernde Zen¬ tralisierung dieser Kranken innerhalb eines Nervenlazaretts sicherlich nicht un¬ bedenklich. Es kommt vielmehr darauf an, sie dadurch indirekt zu beeinflussen, daß man sie in eine arbeitslustige Umgebung versetzt. In dem auf meine An¬ regung neuerdings eingerichteten ländlichen Lazarett sind manche dieser Kranken durch derartige mehr indirekte Einwirkungen recht günstig beeinflußt worden. Was endlich die Bezeichnung dieser Zustände betrifft, so ist nicht einzuaehen, warum immer noch das Wort „Granatkontusion“ bevorzugt wird, da es sich um Fälle handelt, in denen eine Kontusion gerade nicht stattgefunden hat. Ich empfehle, dieses Wort, welches ich für irreführend halte, durch die Bezeichnung „Granat¬ erschütterung“ zu ersetzen, wobei man sowohl an körperliche wie an seelische Erschütterung denken kann. 3. Herr Nonne (Hamburg): Soll man wieder „traumatische Neuros#“ diagnostizieren P (s. d. Centr. 1915. S. 864). 4. Herr Weygandt (Friedrichsberg-Hamburg): Kriegspsyohiatrisohe Be¬ gutachtungen. Über den Einfluß von psychischen und nervösen Störungen be¬ stehen eine Reihe von Bestimmungen, die hinsichtlich der Epilepsie bei ihrer Forderung einer Wiederholung von Krämpfen oder anderen Störungen etwas zu eng gefaßt erscheinen. Schwierigkeiten können daraus erwachsen, daß die moderne Diagnostik die Krankheitsbegriffe vielfach sehr weit ausgedehnt hat und bei Lues cerebri, manisch-depressivem Irresein, auch Dementia praecox, bei Debilität und glandulären Störungen, bei Epilepsie und Hysterie doch vielfach recht leichte Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 925 Fälle mit einbegreift, die zum Teil sehr wohl wenigstens noch als garnisondienst¬ fähig bezeichnet werden könnten. Die kriegspsychiatrischen Erfahrungen zeigen ziemliche Häufigkeit hysterischer Störungen und vor allem den durch die Kriegsstrapazen bedingten Ausbruch von Epilepsie bei früher Gesunden, aber auch bei solchen, die vor längeren Jahren epileptische Symptome gezeigt, sie aber längst anscheinend überwunden hatten. Die infolge von Shock und von Erschöpfung erkrankten Fälle sind prognostisch auch vielfach ganz günstig, so daß sie keineswegs als völlig dienstuntauglich abgeschrieben zu werden brauchen. Es ist deshalb angebracht, auch mit der Dienstuntauglicherklärung auf Grund psychischer Störungen vorsichtig zu sein und in vielen Fällen einen Versuch mit Garnisondienstfähigkeit oder wenigstens Garnisonverwen¬ dungsfähigkeit und -arbeitsfahigkeit zu machen. Der Begriff der Kriegs¬ dienstbeschädigung soll gewiß nicht engherzig angewandt werden. Auch bei Ver¬ schlimmerung eines vorherigen Leidens durch den Dienst muß er zur Geltung kommen. Streng theoretisch ist es vielfach schwierig, einen Fall psychischer Er¬ krankung, von Shock- und Erschöpfungswirkung abgesehen, ohne weiteres als ursächlich bedingt durch den Feldzug anzusehen. Aber auch wenn man sich für gewöhnlich selbst bei Paralyse ablehnend verhält, wie es nach den bisherigen experimentellen Prüfungen angebracht erscheint, wird man doch dazu neigen, den Kriegsstrapazen einen # auslösenden Einfluß bei luisch Disponierten beizumessen. Ebenso ist dies zu bejahen bei Manisch-depressiven, und selbst bei Dementia prae¬ cox möchte ich es nicht in Abrede stellen. Wie erwähnt, trifft ganz zweifellos nicht selten für Epilepsie eite derartige Ursache zu. Eine gewisse Zurückhaltung ist lediglich angebracht bei den Fällen einer sogenannten Mobilmachungspsychose, bei denen es sich manchmal lediglich um ein Manifestwerden einer früher schon vorhandenen Psychose, insbesondere einer katatonen oder paranoiden Form handelt. Manche Fälle sind außerordentlich schwer völlig klarzustellen. Wenn die dem Gutachter vorgelegte Frage nicht einen ursächlichen Nachweis mit Gewißheit oder auch nur Wahrscheinlichkeit verlangt, sondern lediglich nach einem Zusammen¬ hang fragt, dann wird man mit der Annahme der Kriegsbeschädigung sehr weit gehen können, was gewiß dem Volksempfinden unseren Kriegern gegenüber durch¬ aus entspricht. Ein Kapitel für sich stellt die traumatische Hysterie dar, die voraussichtlich erst nach dem Krieg häufiger hervortreten wird. Oppenheim möchte seine Theorie von einer Krankheit sui generis ohne den skeptischen Bei¬ geschmack der Rentensucht gerade auf die Erfahrungen an den Kriegern stützen. Ich halte diese Vergleichung der verwundeten und nervös erkrankten Soldaten mit den Rentenhysterikern zurzeit für hinkend und bin der Erwartung, daß nach dem Feldzug allerdings auch mit einer großen Anzahl von Ansprüchen zu rech¬ nen sein wird, die sich auf Kriegsbeschädigungen des Nervensystems stützen und den Verhältnissen der Unfallrentenhysterie sehr nahe kommen. Die nicht seltenen Begutachtungen auf Zurechnungsfähigkeit sprechen für die Gründlichkeit der kriegsgerichtlichen Untersuchungen. Fälle einer glatten Annahme der Unzurech¬ nungsfähigkeit waren bei unserem Material in der Minderheit. Diagnostisch kommt Epilepsie in mannigfacher Weise vor. Ferner Imbezillität in verschiedener Intensität. Seltener sind ausgesprochene Psychosen wie Paralyse und Dementia praecox. Hier und da handelt es sich um Hypomanie, um alkoholische Störungen, um Affekt- und Erschöpfungszustände. Vereinzelt ist nichts psychisch-Abnormes festzustellen. Gelegentlich ergibt die Serumforschung, auch nach Abderhalden, eine wertvolle Stütze, wenn auch die Schlüsse aus diesen Ergebnissen auf die psychische Wertigkeit und Zurechnungsfähigkeit großer Vorsicht bedürfen. 5. Herr L. Mann (Mannheim): Über Granatezplosionsstörungen (s. d. Centr. 1915. S. 780). 6. Herr Aschaffenburg (Cöln a/Rh.): Über das Zusammenvorkommen Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 926 organischer und niohtorganischer Nervenstörungen. Die außerordentliche Häufigkeit nervöser Erkrankungen psychogener Art wird verständlich, wenn man die ungeheuerlichen Anforderungen der Kriegsereignisse an das Nervensystem be¬ denkt. Nicht so sehr der Wunsch nach Rente, häufiger der Schrecken und die Erinnerung an das Erlebte, Schmerzen und die Furcht dauernder Schädigung rufen psychogene Symptome und Erkrankungen hervor; sehr oft auch bei Ge¬ sunden und Nichtbelasteten. Die „ideogene“ Natur ist nicht stets nachweisbar; aber wenn diese Bezeichnung für die Fälle festgehalten wird, bei denen die Um¬ wandlung einer Vorstellung in das Symptom ohne weiteres erkennbar ist (z. B. Blindheit infolge Fremdkörpers in der Cornea), so dürfen wir als „psychogen 41 alle die Symptome bezeichnen, deren Entstehung nicht auf organischer Grundlage beruht, und bei denen die Bedeutung der Psyche durch die Art der Symptome, deren Gruppierung und psychische Beeinflußbarkeit zu erkennen ist. Eine scharfe Tren¬ nung zwischen neurasthenischen und hysterischen Syndromen ist unmöglich. Der Neurastheniker zeigt mehr allgemeine Störungen, der Hysterische mehr greifbare lokalisierte, der Neurastheniker denkt mehr an das, was wird, der Hysterische an das, was ist. Aber diese Scheidung der Symptome ist nur selten durchzuführen, da sie sich durchkreuzen und mischen, und überflüssig, da beide Gruppen die gemeinsame Wurzel psychischer Genese haben. Bei den monosymptomatischen Formen (Lähmungen und Kontrakturen nach äußeren Verletzungen, Taubheit nach vorübergehender Vertaubung usw.) ist die Abhängigkeit des Symptoms von der Vorstellung der zu erwartenden Folgen ganz deutlich. Auch bei heftigen Schmer¬ zen, Kontrakturen, zentralen Lähmungen, die zuerst organisch bedingt, nach der Heilung bestehen bleiben. Schwieriger zu verstehen ist das Stottern oder gar die Stummheit bei plötzlicher Vertaubung nach Granatexplosion, Ataxie und Abasie ohne wirkliche Verletzung, Erblindung des unverletzten Auges, Muskel¬ zuckungen, grobschlägiges Zittern einzelner Körperteile oder des ganzen Körpers. Vielfach ist die Übertragung von einem Organ auf ein anderes oder die Fixierung einer schnell vorübergehenden Erscheinung als Ursache noch zu erkennen oder zu vermuten. Um eine ähnliche Fixierung handelt es sich wohl auch bei dem traumhaften Wiedererleben durchweg schreckhafter Kriegsszenen und bei den Angstzuständen, die, ohne dieses lebendige Wiederauftauchen von Einzelheiten, nur die früheren Affekte wiederspiegeln. Bei anderen, und zwar recht häufigen Symptomen, bei den Schwindelanfällen, Ohnmächten und Krampfanfällen, bei einem großen Teil der Schmerzen und Sensationen, den vasomotorischen Er¬ scheinungen und den Allgemeinstörungen der Stimmung, des Gedächtnisses, der Merkfähigkeit, des Schlafes, versagt unser Bestreben, die „Ideogenese 44 zu finden, und wir müssen uns mit der Feststellung der „Psychogenese 44 begnügen. Ein« besondere Schwierigkeit für die Beurteilung ist das Nebeneinanderbestehen und Vermischen psychogener Symptome mit organischen Veränderungen. Nur selten ist ohne weiteres aus der Stellung der Verwundung zu erkennen, daß die Folgen von der Verletzung unabhängig sind (z. B. völlige Lähmung der Hand und Finger nach Fliegerpfeildurchbohrung der Mittelhand ohne Knochenverletzung)i zuweilen auch aus der Art des Symptoms (Stummheit nach Vertaubung). Aber sehr schwierig wird die Diagnose, sobald mit der Möglichkeit größerer Ver¬ letzungen zu rechnen ist; und damit muß um so mehr gerechnet werden, je häufiger wir Fälle beobachten, in denen Bich bei Verletzungen unerwartete, wenn auch durch die mechanischen Vorgänge verständliche Veränderungen der nicht unmittelbar betroffenen Stellen finden. (Blutungen auf und unter der Dura. Nekrosen und Blutungen im Gehirn und Rückenmark nach Streifschüssen, Hinein¬ treiben von Knochensplittern der Lamina vitrea ins Gehirn ohne Schädelbmcb. Zerreißungen des Bulbus, Blutungen im Augenhintergrund ohne Verletzungen der Orbita.) Besonders häufig sind Anzeichen materieller Schädigungen ohne Ver- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 927 wundung oder unabhängig von ihr nach Granaterschütterung. Unter einer großen Anzahl genau untersuchter Fälle fehlten nur wenigemal körperliche Symptome und gerade unter diesen litten einige an hysterischen Anfällen oder.Lähmungen; nur einer war bis auf etwas Müdigkeit gesund. Unter den Symptomen waren besonders häufig oder wichtig: Veränderungen der Patellarreflexe, zentrale Schwer¬ hörigkeit eines oder beider Ohren, Veränderungen der Achillessehnenreflexe und der Bauchdeckenreflexe, Nystagmus, Augenmuskelstörungen, Abweichen der Zunge, Blutungen im Augenhintergrund. Nur ganz deutliche Abweichungen von der Norm oder solche Fälle wurden gezählt, in denen die Erscheinungen im Laufe der Beobachtung sioh veränderten, im Sinne einer Besserung oder Verschlim¬ merung. Nur bei Nystagmus begnügte ich mich mit Andeutungen, die oft erst %ach mehrmaligem Bücken auftraten, nachdem ich mich durch Untersuchung einer größeren Zahl am Vortage an den Extremitäten Verwundeter davon überzeugt hatte, daß bei ihnen kein Augenzittern nachzuweisen war. Nur vereinzelt unter den Fällen mit organischen Erscheinungen wurden im Röntgenbild Schädelver¬ letzungen (Impression, Fraktur) gefunden; auf der anderen Seite war durch die äußeren Umstände eine direkte Verletzung des Schädels oder des Rückgrates nicht selten mit voller Bestimmtheit auszuschließen, ebenso die Einwirkung stumpfer Gewalt (Erdmassen, Balken, Umschlägen), so daß wir wohl neben den mechanischen Gewalten auch den Luftdruck als Ursache organischer Veränderungen anerkennen müssen. Unter den psychischen Symptomen steht an Häufigkeit der Kopfschmerz obenan; häufig wurden Schwindel, Ohrensausen, aber auch Krämpfe, Stummheit, Stottern und Sprachveränderungen beobachtet. Ich nehme dabei Abstand, für die Gedächtnis- und Merkstörungen, die Schwerbesinnlichkeit, Reizbarkeit usw. Zahlen zu geben, da es hier nur auf die psychogenen Symptome ankommt. Wenn ich alle Fälle mit solchen psychischen Erscheinungen, die vielleicht als Folgen der angenommenen organischen Schädigungen gedeutet werden können, ausschalte, so bleiben etwa ?/ 3 aller Fälle, in denen sich nach Granatexplosionen unverkennbar psychogene Symptome in individuell sehr wechselnder Ausbreitung und Art entwickelt hatten, und unter diesen waren die psychogenen Symptome fast stets mit deutlichen organischen verbunden. Die Vermischung war zuweilen, sehr zum Schaden des Kranken, übersehen worden und mancher schwere Zustand als Über¬ treibung oder gar Simulation gedeutet worden. Das gleiche erleben wir auch sonst nach anderen Verletzungen alle Tage. Treten die lokalen Merkzeichen hinter den Allgemeinsymptomen zurück, so wird nicht nur die organische Komponente übersehen, sondern vielfach der ganze Zustand auch da als „nervös“ aufgefaßt, wo von psycho¬ gener Färbung überhaupt nichts zu sehen ist. Die Erfahrungen nach Granat¬ erschütterungen sind vielleicht deshalb besonders wichtig, weil sie uns lehren, daß wir auch dann mit der Möglichkeit organischer Veränderungen rechnen müssen, wenn die äußeren Umstände eine anatomische Läsion scheinbar geradezu ausschließen lassen. Bei dem Zusammentreffen organischer und psychogener Sym¬ ptome sind 3 Fälle möglich (grobe Verkennungen psychogener Sprachstörungen, Lähmungen, Übersehen von Schädelschüssen, Geschoßsplittern, Frakturen usw. können hier außer Betracht bleiben): 1. Die psychogenen Erscheinungen sind ohne Schwierigkeit als von der anatomischen Grundlage unabhängig zu erkennen. (Beispiele: Lähmungen der ganzen Hand nach peripherer Verletzung eines Arm¬ nerven, Stummheit nach Vertaubung, Kontrakturen ohne Lähmungen usw.). 2. Die psychogenen Erscheinungen überdecken die organischen, so daß diese übersehen werden können. (Beispiele: Neuralgien nach eingesprengten Geschoßteilchen, Lidkrämpfe und Trigemitousreizungen nach intraokularen Verletzungen, Schwindel- anfalle bei Labyrinthzerstörungen, Astasie-Abasie nach leichten, nur den Anstoß zu den Lähmungen gebenden Rückenmarksläsionen.) Dieses Übersehen kann die Behandlung in die falsche Richtung drängen, so daß rechtzeitiges Operieren ver- Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 928 säumt wird. Die lauge Dauer fixiert, da die eigentliche Ursache nicht beseitigt wird, die überdeckenden psychischen Symptome und züchtet künstlich Nerven- invaliden. Auch kann ein allzu frühes Indienststellen zu weiteren, nicht mehr zu beseitigenden organischen Schädigungen führen. Das Übersehen der organi¬ schen Grundlage könnte auch später zu ungerechter Beurteilung der Renten- ansprüche Anlaß geben. 3. Die organischen Erscheinungen überdecken die ner¬ vösen, so daß die organische Grundlage überschätzt wird. (Beispiele: Plexos- und Nervenverletzungen; Schädelschüsse mit psychogenen Krämpfen und Läh¬ mungen.) Von besonderer Wichtigkeit Bind die Schmerzen bei peripheren Nervenverletzungen. Sie sind sogar von chirurgischer Seite (Dilger und Meyer) geradezu als die Indikation zur Nervennaht, auch bei fehlender Lähmung, bezeichnet worden. Das Übersehen des psychogenen Anteils an dem Symptomenkomplex ver¬ anlaßt überflüssige Operationen (nicht nur Neurolysen, auch Trepanationen und Laminektomien), macht die Kranken ängstlich und erzeugt traumatische Neurosen oder verschlimmert die Neigung zu psychogenen Reaktionen. So wird man nicht energisch genug die Forderung aufstellen können, daß bei jedem Falle von Nervenerkrankung ganz gründlich neurologisch und psychisch untersucht werden muß, eingedenk der Häufigkeit einer Vermischung organischer und psychogener Symptome. Was wir aus dieser Vermischung noch weiter lernen können, beson¬ ders ob wir mit funktionell präformierten Tendenzen unseres Gehirns, organische Störungen ganz bestimmter, häufig wiederkehrender Art psychogen vorzutäuschen, rechnen dürfen, wird die Zukunft lehren. Sicher ist wohl jetzt schon, daß die Auffassung der traumatischen Neurose einer Neugestaltung bedarf, daß wir dem Wesen der traumatischen Demenz näher kommen und daß wir neue Gesichts¬ punkte für unser Verständnis der Gedächtnisausfälle und Merkstörungen nach Kopfverletzungen gewinnen werden. 7. Herr Laudenheimer (Alsbach): Die Anamnese der sogen. Kriegs- psyohoneurosen (s. d. Centr. 1915. S. 865). 8. Herr Wittermann-Winnental (zurzeit im Felde): Kriegspsyohiatrisohe Erfahrungen aus der Front. Nervöse und psychische Störungen werden im Kriege durch akute Ursachen, hauptsächlich bei Artilleriebeschießungen, oder durch den Einfluß chronischer Einwirkungen, wie Erschöpfung infolge der langen Kriegs¬ dauer, stete Alarmbereitschaft usw., ausgelöst. Erstere haben den Charakter von traumatischen oder Schreckneurosen und lassen sich durch psychogene Entstehungs- weise erklären; letztere zeigen mehr das Bild der Neurasthenie oder Psychasthenie. Allzugroße sentimentale Behandlung ist bei beiden Formen schädlich. Die chro¬ nisch entstandenen Erkrankungen führen infolge der stets vorhandenen Reizbar¬ keit leicht Zu Konflikten mit dem Militärstrafgesetzbuch, insbesondere wenn noch Alkohol mißbrauch hinzu tritt. Hinsichtlich des Alkohols ist zu bemerken, daß selbstverständlich äußerste Mäßigkeit angezeigt ist, daß aber doch der Alkohol in der Front nicht gänzlich ausgeschaltet werden kann, da durch ihn als Stim¬ mungsmittel allerlei Ekelgefühle wirksam bekämpft werden können; außerdem hat es der Kommandant in der Front ganz in der Hand, wieviel und welche alkoho¬ lischen Getränke gegeben werden dürfen. Die Fähigkeit zur Erholung in kurzer Zeit ist bei den Truppen eine große, nur müssen die dafür bestimmten Ruhe¬ zeiten auch tatsächlich der Ruhe gewidmet sein. (Schluß folgt.) Einsendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Kurt Mendel in Berlin W, Augsburgersfcr. 48. Verlag von Veit & Comp, in Leipzig. — Druck von Metzger & Wrme in Leipzig. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSITY OF MICHIGAN Neurologisches Centralbutt. Übersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten, Begründet von Pro! E. MendeL Herausgegeben TOD Dr. Kurt MendeL Yierunddrelßigster Jahrgang. Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis halbjährig 16 Mark. Zn beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs, sowie direkt von der Verlaesbuchhandluner. 1915. 16. Dezember. Nr. 24. Inhalt I. Originalmitteilung. Lipodystrophie progressiva, von Ernst Jolewicz. II. Referate. Vergiftungen. 1. The importance of functional activity in the etio- logy of nervous diseases, ^y Johnson. 2. La nevroglia nelle intossicazioni, per Pandolfi. 3. Im Mescalinrausch, von Serko. 4. Über Geistesstörungen bei Ergotismus, von Kolossow. 5. Anatomisch-experimentelle Forschungen über den Lathyrismus, von Fumarola u. Zanelli. 6. Polioenzephalomyelitis bei Botulismus, von Paulos. 7. Über einen Fall von Safrol- vergiftung, von Klisi u. Roth. 8 . Gewerbliche Nitrobenzol Vergiftung mit Korsakoff schein Syndrom und Ausgang in geistigen Schwäcbezustand, von Grafe u. Homburger. 9. Akute Benzinvergiftung mit nachfolgender spinaler Erkrankung, von Dorner. 10. A case of pro¬ bable encephalitis dne to the inhalation of the fames of gasoline, by Potte. 11 . Beitrag zur Kenntnis der nicht-gewerblichen chronischen Quecksilbervergiftung, von Friedmann. 12. Ein Fall von Kohlenoxydvergiftung, von Morawskl. 18. Symmetrische Euceph&lomalacie in den Linsenkernen nach Kohlenoxyavergiftung, von Kolliko. 14. Neuritis des Hörnerven nach Intoxikation mit Kohlenoxydgas, von Alt. 15. Über Encephalopathia saturnina, von Holtzmann. 16. Ophthalmoplegia interna, the result of lead poisoning, by Brose. 17. Zur Behandlung Bleikranker im galvanischen Zweizellenbad, von Schnitter. 18. Arsenic poisoning, by Reed. 19. Über Arsenikvergiftung. Ein kasuistischer Beitrag von Michaelis. 20. Über Morphinismus, von Moravcsik. 21. Beiträge zur Frage der Morphingewöhnung, von van Dongen* 22. rsychopolynövrite au cours d'une eure de dömorphinisation, par Marchand et Uste. 28. Über Morphiumentziehung und die in ihrem Verlauf vorkommenden Psychosen, von Deminick. 24. Lee troubles mentaux d’origine cocaYnique, par Vallon et Bessidre. 25. Hyp- notic drug poisoning, by Topper. 26. Über tödliche VeronalVergiftungen, von Huesmann. 27. Ein Veronaldelirium, von Schneider. 28. Über chronischen Veronalismus, von Glaser. 29. Bromofonnvergiftung, von Guth. 80. Klinischer Beitrag zur Brommethyl Vergiftung, Yon FlOret. 31. Beitrag zu den Sehstörungen durch Methylalkohol Vergiftung, von Uhthoff. — Alkoholismus. 82. Über die Forelsche Theorie von blastophthorischer Wirkung des Alkohols. Eugenisohe Beiträge II, von Stucblfk. 38. Alkohol nnd Kindersterblichkeit, von Kickh. 34. Alkohologene reflektorische Pupillenstarre, von Mayer. 35. Polyneuritis alcoholica mit einseitiger Zwerchfell- und Stimmbandlähmung, von Löffler. 36. Neue Untersuchungen über die Beeinflussung der Sinnesfunktionen durch geringe Alkoholmengen, von Lange u. Specht 37. Über Assoziationen bei Alkoholikern, von Jörger. 88. Zur Lehre von der Hallu« zinose der Trinker, von Froweln. 89. Über Verlaufsstörungen bei Delirium tremens, von Mysliveiek. 40. Statistische und klinische Mitteilungen über das Delirium tremens, von Claussen. 41. Über die Zerebrospinalflüssigkeit und über die Wirkung der Lumbalpunktion beim Delirium potatorum, von Steinebach. 42. Zur strafrechtlichen Beurteilung des alko¬ holischen Eifersuchtwahns, von Prasse. 43. Zweifacher Mord und mehrfache Körperverletzung im trunkenen Zustande, Verneinung einer vollen Berauschung nnd eines pathologischen Rauschzustandes. Verurteilung. Faknltätsgutachten, von v. Wagner. 44. Zur Behandlung des Delirium tremens mit Veronal, von von der Porten. 45. Autodönonciation recidivante chez une dipsomane, par Duprd et Savoureux. 46. Dölire post-onirique de possession chez un arabe, par Livet. — Psychiatrie. 47. Der Inhalt der Psychose. Akademischer Vor¬ trag, gehalten im Ratbause der Stadt Zürich am 16.1. 1908, von Jung. 48. Zum Begriffe „Psychose“, von Stuchlfk. 49. Moderne Diagnostik in Psychiatrie und Neurologie mit Hilfe von Liquor- und Blutuntersuchungen, von Neue. 50. 1. Über die Bedeutung der Abder¬ halden sehen Reaktion für Neuropsychopathologie, von Netouiek. II. Serologie in der Psy¬ chiatrie, von Stuchlfk« 51. Dialysierversuche mit der von Pregel vereinfachten und mooi- XXXIV. 59 Digitized by Gck igle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN 930 fizierten Methode von Abderhalden und die klinischen Befunde, von de Crinis. 62. Die Abwehrfennente Abderhaldens in der Psychiatrie, von Sioli. 53. Über den Nachweis m sogenannten Abwehrfermenten im Urin, von Kafka. 54. Per la conoscenza della patoloeia dell’apparecchio surrenale negli ammalati di mente, per Masinl e Vidoni. — Forensisohe Psychiatrie. 55. Die Rolle der Gefangenschaft in der Ätiologie der Geisteskrankheiten von Moravcsik. III. Aus den Gesellschaften. 40. Wanderversammlung s&dwestdeutscher Neurologen und Irrenärzte am 29. und 30. Mai 1915 in Baden-Baden. (Fortsetzung.) IV. Register 1915. _ L Originalmitteilung. Lipodystrophia progressiva. Von Dr. med. Ernst Jolowloz in Hellerau-Dresden, zurzeit im Felde. Seiner Seltenheit wegen scheint mir ein Fall der Mitteilang wert, den ich vor dem Kriege einige Monate lang za beobachten Gelegenheit hatte, and den ich im Mai 1915 einer Nachuntersachnng unterziehen konnte. Vielleicht kann dieser Fall zur Kenntnis der ätiologisch ganz ungeklärten Erkrankung beitragen. Auf die vorhandene Literatur des näheren einzngehen, ist mir von hier ans nioht möglich. Ich verweise auf die ausführlichen Publikationen von A. Simons 1 , der bis 1913 12 Fälle einschließlich der beiden von ihm beobachteten in der Literatur mit Wahrscheinlichkeit nachweisen konnte. Die Bezeichnung der Er¬ krankung stammt von Simons. Die unverheiratete Patientin ist im Jahre 1894 geboren, also jetzt 21 Jahre alt. Die Familienanamnese ergibt nach keiner Sichtung hin erbliohe Belastung; insbesondere sind ähnliche Erkrankungen, abnorme Fettsucht oder Magerkeit in der Familie nicht vorgekommen. Bis zum 8. Lebensjahre entwickelte sich Patientin in normaler Weise. Von Jugend auf soll eine Neigung zu Drüsenschwellungen am Hals bestanden haben. Seit dem 8. Lebensjahr wurde Patientin zuerst im Gesicht immer magerer. Die Magerkeit ging allmählich auf Brust und Arme über und hat langsam im Verlaufe einiger Jahre ihre jetzige Ausdehnung und ihren jetzigen Grad erreicht Gleichzeitig entwickelte sich in der Beckengegend und an den Oberschenkeln eine Btarke Fettansammlung. Diese war in der Pubertätszeit an den Hüften besonders stark. Seitdem war bei allen medikamentösen und diätetischen Kuren nur eine Zunahme des Fettgewebes in der Beckengegend zu erreichen. Über ihre psychische Entwicklung gibt Patientin an, daß sie als Kind sehr ausgelassen war und erst mit Beginn der Erkrankung ruhiger wurde. Mit 9 Jahren sei vorübergehend ein auffallender Stillstand der geistigen Entwicklung eingetreten. Seitdem sind Stimmungsschwankungen und sonstige psychische Erscheinungen pathologischer Natur kaum vorgekommen. Die intellektuelle Entwicklung nahm einen normalen Verlauf. 10 Jahre alt, wurde sie in Leipzig röntgenologisch untersucht. Es soll ein talergroßer schwarzer Fleck unter der 6. Rippe gefunden worden sein. Näheres über diese Untersuchung konnte ich nicht erfahren. Bald darauf bekam Patientin 1 Simons, Eine seltene Trophoneurose „Lipodystrophia progressiva**. Zeitschr. f. i ges. Nenrol. n. Psycb. V. 1911. S. 29 — Derselbe, Lipodystrophia progressiva. Ebenda 1913. H. 4. S. 377. Digitized by Gck igle Original from UNIVERSETY OF MICHIGAN 931 Gelbsucht. Vielleicht handelte .es sich um die Röntgendiagnose einer Gallen¬ blasenerkrankung. Die Menstruation begann mit 14 Jahren, war stets regelmäßig und ohne Beschwerden. 1910, also mit 16 Jahren, wurden plötzlich ohne nachweisbare Ursache die Fingerspitzen an beiden Händen weich. Die Zeichnung der Hautobe! fläche war verschwunden, die Haut sprang auf und nahm kein Fett an< Der Zustand dauerte trotz der verschiedensten Behandlung 2 Jahre und wurde angeblich erst besser, als Patientin längere Zeit jedes Arbeiten im Wasser vermied. Die Patientin kam im August 1913 in meine Beobachtung. Bevor ich auf V ' .-s' - -- - ' ' • '■ - / "■ • An der Vorderseite unterhalb der fnguicalfalte, an der Hinterseite etwa an den Cristae iliÄcae beginnt eine im Verhältnis zu dem Fettinaögfe! de« Ober* körpere enorme Fettana&mmlung, die am Gesäß und unmittelbar anierinklh der Trocb&ntem am stärksten ißt Das Fett läßt eiölt iödie relit* Hand nehmen und Äi^giebig auf der Onterlage bewegen* Drückt man eine solche, fettreiche Hautfeit©, so zeiöbnet sich unter der Baut das Fettgewebe in grSßefen Läppcbeo ab* Auch an den Oberschenkeln ist der Fettansatz reichlich. Bia tTatergchenkel - Hechts Linkt. MiU* <3r3 QiwÄm* . . V ;• <-.vV ’> 23/j cav 22.0 coj Obm-a DfiHsJ dfts C-Dttrarrnft 23)0 22,0 „ : Mitt* «es UatcraroH. . .■ . 20,0 „ 46,0 Oberucheiikel ins Schnitt > - 54,0 54,0 ,» Mitte dir* Öbt>re.':hf.ckel» 50,0 50.0 ,, Größter CrajttDJ* jä«s roimcheaktls 38,0 38,0 * Jitizea by Go Original fram UNIVERSITY OF Ml IGAN Umfang über den Trochanteren 97,0 cm Fwllenweite • v » . ^5,0 ,. Brustumfang in Mittelste)Jung . 79,0 „ Dis Muskulatur ist überall kräftig, ein Fankticn&ausf&U nirgends sc Soden. Die mechanische Erregbarkeit der fettarmen Muskeln ist deutlich erhöbt Bei leichtem Beklopfen bleiben Querwülate längere 55eifc bestehen. Die« Erhöhung ist jedoch nur soheinbar und offenakhÜich dadurch bedingt, daß infolge des ääB&S Fehlens der Fettschicht die Muskelfasern einer mechanischen Beizung teiobter zu- g&nglioh sind. . .. , ■, / • ...... /‘ '■ Die elektrische Erregbarkeit der Muskulatur bot keinerlei Abweichung von der 2Jora. firintgeuuntersucbucg der Knochen, Stoffwechselversuche und mikroskopische Untersruchoog deT Haat und der Muskeln konnten aus äußeren Grttodsn nicht vorgec&taöen werden, toilen aber gegebenenfalls nachgeholt werden. Der objektive Befand and das subjektive Befinden blieben bis auf die er- wähnten Zwischeoerkrankuogeoi völlig gleich. Kleine Differenzen iu den Maßen der unteren EatremilÄt ergaben sich aus dem jeweiligen Ernährungszustand, Jra 934 allgemeinen hatte Patientin keine Klagen; eie fühlte sich bis auf die Entstellung gesund und war kräftig genug, einem Kursus gymnastischer Übungen in vollem Umfang ohne Beschwerden zu folgen. Der Name „Lipodystropliia progressiva“ entspricht nicht ganz dem Krank- heitsverlaut Es handelt sich in allen veröffentlichten Fällen um eine nicht progrediente Erkrankung, die in unserem Falle schon in der Kindheit zum Still» stand gekommen ist. Das Größen Wachstum und die Entwicklung der inneren Organe erfährt durch die Erkrankung keinerlei Störung. In ihrem Verlauf ist die Erkrankung durchaus gutartig, da nicht bekannt ist, daß sie lebenswichtige Organe ergreift oder in lebensbedrobender Weise den Stoffwechsel beeinträchtigt. Wir haben es also mit einer isolierten trophischen Erkrankung des sub¬ kutanen Fettgewebes zu tun. Die merkwürdige Lokalisation macht es im höchsten Grade wahrscheinlich, daß der Sitz der Erkrankung nicht im Fettgewebe selbst zu suchen ist, sondern an einer zentralen Stelle. Mit Recht hält Simons eine Störung der Drüsen mit innerer Sekretion für wahrscheinlich. Auch bei dieser Annahme wäre die Verteilung des Fettgewebes sehr auffallend und bedürfte noch einer besonderen Erklärung. Über die Ätiologie der Erkrankung ist auch vermutungsweise kaum etwas zu sagen. Ohne eingehende Stoffwecbselversuche ist in dieser Richtung auch das urisohe Ekzem, da9 iu unserem Falle beobachtet wurde, nicht zu verwerten. Dieses, sowie die trophischen Störungen in der Haut der Finger sind lediglich als eine Bereicherung der Symptomatologie vorläufig zu registrieren. Ich werde gegebenenfalls über weitere Beobachtungen an der Patientin wieder berichten. II. Referate. Vergiftungen. 1) The importanoe of funotional aotlvity in the etiology of nervous diaeases. by W. Johnson. (Quart. Journ. of Medio. VII. 1914. Nr. 28.) Ref.: W.Misch! Es wird versucht, auf Grund der Edingerschen Aufbrauchtheorie an ver¬ schiedenen Intoxikations- und Infektionserkrankungen des Nervensystems die Be¬ deutung der funktionellen Tätigkeit für die Ätiologie bzw. Lokalisation derselben nachzuweisen. Es werden hierzu Fälle von Tabes dorsaliB, progressiver Paralyse, chronischem AlkohoÜBmus und chronischer Bleikrankheit, von diabetischer und diphtherischer Neuritis herangezogen. Aus den Beobachtungen zieht Verf. den Schluß, daß ein Gift, welches im Körper zirkuliert, Belbst wenn es für gewisse Organe eine selektive Affinität besitzt, dieselben nioht genügend zu schädigen braucht, um Symptome hervorzubringen. Vielmehr treten diese erst unter dem Einflaß eines zweiten Faktors, der funktionellen Tätigkeit, hervor, und wenn ein soloher nicht vorhanden ist, so wird sich in keinem Falle eine umschriebene Er¬ krankung herausbilden, wenn auch sein allgemeiner Kräftezustand sehr reduziert ist. So entwickeln sich nur bei einem kleinen Teile der Lueskranken Tabes¬ oder Paralysesymptome, und zwar erst lange Zeit nach der Infektion; diese In¬ kubationszeit, ebenso wie die Resistenz gegen antisyphilitische Behandlung sstst diese beiden Erkrankungen in scharfen Gegensatz zur Lues cerebrospinalis. Bei Digitizeü by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 935 Betrachtung der einzelnen Fälle ergibt sich eine auffallende Übereinstimmung zwischen den Symptomen eines Patienten und der Art seiner Tätigkeit; die ver¬ schiedenen Gifte machen die annähernd gleichen Erscheinungen. Zum Beispiel können das Lues-, Alkohol- und Bleigift hervorbringen: Tabes, Taboparalyse und Paralyse; Alkoholneuritis, Korsakofifsehe Psychose und alkoholische Demenz; Blei¬ neuritis, Bleidemenz und eine Kombination von beiden. Ferner verursachen so¬ wohl Alkohol wie Bleivergiftung eine Parese der Unterarmflexoren unter Verschonung des Supinator longus; oft sind andere vom Ulnaris und Medianus versorgte Muskeln befallen, und es ist ganz unmöglich, dies mit einer Selektion zu erklären, da bei verschiedenen Patienten verschiedene Muskeln befallen sind. Es ist demnach das Nervensystem in solchen Fällen von chronischer Toxämie als subnormal zu betrachten; nur so ist die Vielfältigkeit der Symptome bei Tabes oder Alkoho¬ lismus zu erklären. Es ist hier die Lebensweise und besondere Tätigkeitsform des einzelnen ein geradeso wichtiger Faktor für die Determination Beiner Sym¬ ptome, wie bei der Darwinschen Theorie ähnliohe Umstände für die Entstehung der Artcbaraktere maßgebend sind. Aus dem Gesagten ist für die Therapie zu folgern, daß bei gerade beginnender Erkrankung des Nervensystems durch Ruhe¬ stellung der gefährdeten Organe eine äußerst günstige Prophylaxe geschaffen werden kann. Unter diesen Umständen ist es von größter Bedeutung, eine frühe Diagnose von subnormaler, hereditärer Nervenbeschaffenheit, von Tabes dorsalis und mehreren Formen der toxisohen Neuritis zu stellen, damit der Patient seinen Lebensgewohnheiten entzogen werden kann, die, wenn er in ihnen verharrt, un¬ weigerlich zu schweren Symptomen führen würden. Von besonderem Interesse ist hier der Fall eines linkshändigen Malers, der gerade in den Nerven des linken Armes, die bei seiner besonderen Tätigkeit (der Pinselhaltung) in Tätigkeit traten, seine Bleineuritis bekam. 2) La nevrogli» nelle intoaaio&zioni, per Pandolfi. (Annali di Nevrologia. XXXI. 1913. H. 4.) Bef.: G. Perusini (Mailand). Schlußsätze: 1. Das pathologische (fibrilläre) Gliareticulum erscheint als das Ergebnis sowohl des in seiner histochemischen Zusammensetzung modifizierten schon vorhandenen Beticulums (das deshalb leicht auf die Farbstoffe reagiert), als auch als das Ergebnis von unter dem pathologischen Beiz neugebildeten Fasern. Auch ich glaube, daß das Fibrillennetz eine vom Protoplasma verschie¬ dene chemische Beschaffenheit hat, aber der Ansicht des Verf.’s nach hängt diese Umwandlung von der Tätigkeit der Gliazellenkerne ab: daher die enge Beziehung zwischen den Modifikationen der Gliakerne und der Entwicklung des Gliareticulums. 2. Hinsichtlich der wechselseitigen Beziehungen zwischen Nerven- und Gliaelementen vom pathologischen Gesichtspunkt konnte Verfc die Anwesenheit der letzteren im Innern der Nervenzellen konstatieren; sie waren meist in Vakuolen enthalten und in solcher Zahl vorhanden, daß sie zuweilen an die Stelle des Parenchyms der Nervenzelle traten. Diese intimen Beziehungen zwischen Glia- und Nerven- elementen gelangen je nach der Schwere des pathologischen Prozesses zu einer viel beträchtlicheren Entwicklung. 3. Es besteht eine enge Beziehung zwischen der gewucherten Glia und den Gefäßen, und gerade in der Nähe der letzteren ist eine der Stellen, wo die Glia eine größere und frühzeitigere Entwicklung nimmt; an dieser Glianeubildung beteiligen sich die aus den Gefäßen stammenden Elemente. Die Untersuchungen des Verf.’s bestätigen die von Golgi vertretene Ansicht hinsichtlich der direkten Verbindungen zwischen Gliaelementen und Ge¬ fäßwand mittels der sogen, (protoplasmatischen) GliafÜßchen, mitten unter welohen dünne Gliafasern verlaufen, die auf der Gefäßwand endigen, bisweilen längs der letzteren verlaufen und sie umgeben. 4. Auch Verf. ist der Ansicht dexjenigen Autoren, die eine auch mesenchymale Entstehung der pathologischen Glia be¬ haupten, indem sie jedoch anerkennen, daß sich nur beweiskräftige, nicht unwider- Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 936 legbare Argumente dafür anführen lassen, weshalb man den mesenchymalen Ursprung nicht mit absoluter Sicherheit behaupten könne. 6. Die Gliäelemente selbst sind Veränderungen sowohl des Protoplasmabestandteils, ab auch des Fasern* bestandteils und des Kernes unterworfen. Diese Veränderungen lassen sich ein¬ teilen in progressive, regressive und progressiv*regressive. Die progressiven Veränderungen Qberwiegen in den verschiedenen Intoxikationsstadien, hören aber bei ohronisch vergifteten Tieren fast völlig auf; bei letzteren erlangen die regressiven und die progressiv- regressiven Veränderungen eine beträchtlichere Entwicklung. 6. Man kann sowohl für die Fettkörnchenzellen, ab für die Stäbohenzellen auch eine gliöse Herkunft annehmen, da sich Übergangsformen verfolgen lassen, die eben die Beziehung zwischen den oben erwähnten Zellen und den Gliaelementen beweisen; Verf: glaubt jedoch, daß es sich um degenerative Gliaformen handelt, indem er andrerseits nicht auBschließt, daß in Beziehung zu den Adventitialelementen stehende Stäbchenzellen exbtieren und Fettkörnchenzellen, die in ähnlicher Weise in Beziehung zu Elementen vasalen Ursprungs stehen. 7. Die amöboiden Zellen hält Verf. für degenerative Formen der Gliazellen. 8. Der fibrilläre und der protoplasmatbche Gliabestandteil gehen einer ganzen Reihe von Veränderungen entgegen, doch widersteht die Gliafaser länger ab der protoplasmatische Glia¬ bestandteil der regressiven Degeneration. 9. Bei der Encephalitis saturnina sind die Veränderungen vorzugsweise in kleinen Herden angeordnet, die in der tiefen Schicht der grauen Substanzen verteilt sind, namentlich in der Schicht der großen und mittleren Pyramiden, wie v es auch andere, Autoren beschrieben haben. 3) Im Mesoalinransoh, von Serko. (Jahrb. f. Psychiatrie u. Neurologie. XXXIV. 1913. S. 355.) Ref.: Pilcz (Wien). Verf. berichtet ausführlich über Selbstbeobachtungen, angestellt bei Versnoben mit experimenteller Mescalinvergiftung, als Beiträge zu den Kn au ersehen ersten Mitteilungen. Dosb 0,15 bis 0,2 subkutan. Erste Erscheinungen etwa nach einer Stunde. Die Symptome bei einer und derselben Peroon zu verschiedenen Malen nicht gleiob. Das Wesentlichste der detaillierten Schilderung ist: Tiefe Zeitsinnstörung in Form enormer subjektiver Überschätzung der abgelaufenen Zeitstrecken, leichte dämmerhafte räumliche, nicht örtliche, Desorientierung im Sinne von Fremdheits¬ gefühl und Gefühl der Raumunendliohkeit, vorübergehende psychische und körper¬ liche Starre, vor allem aber massenhafte optische und haptbche Halluzinationen. Bei den optischen Sinnestäuschungen stets volle Kritik über Irrealität der Er¬ scheinungen; den Ausgang bildet enorme Farbenhyperästhesie der Retina, die Halluzinationen sind in ständigem Entstehen und Vergehen begriffen, wandeln ruhelos, wobei sich jede folgende Halluzination stets sozusagen organisch unmittel¬ bar aus der vorausgehenden entwickelt, sie treten immer in ihrem eigenen scheibenförmigen Gesichtsfeld stark verkleinert auf und ordnen sich in keiner Weise der wirklichen Umgebung ein. Beispiele für die haptischen Halluzinationen sind die Empfindung, daß eine Extremität Spiralenform annimmt, daß die Glied¬ maßen schrumpfen, wachsen, sich vom Körper loslösen usw. Verf. erinnert gewiß mit Recht daran, daß dergleichen wiederholt von Sohizophrenen geäußert wird. Von assoziativen Störungen beobachtete Verf einmal im Stadium decrementi den Typus der intrapsyohischen Ataxie im Sinne Stranskys. Nach jeder Vergiftung schwere Agrypnie mit reichlichen abklingenden hypna- * gogen und haptisohen Halluzinationen. Nach kurzem Sohlafe Wohlbefinden, außer¬ ordentliche Alkoholtoleranz. — Die vom Standpunkte der Praxis wie der Theorie gleich bemerkenswerten minutiös geschilderten Einzelheiten der Selbstbeobachtungen mögen im Originale nachgelesen werden. 4) Über Geistesstörungen bei Ergotismua, von G. Kolossow. (Russk. Wratsch. 1913.) Ref.: Krön (Moskau). Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 937 Eine spezifische Form der Psychosen bei Ergotismos gibt es niobt; in vielen Fällen handelt es sich bloß um vorübergehende Erregungszustände. 5) Anatomisch-experimentelle Forschungen über den Lathyrismus, von G. Fumarola and C. F. Zanelli. (Archiv f. Psychiatrie. Berlin 1914.) Ref.: G. Ilberg. Der Samen von Lathyras Sativns Linnei (Platterbse, spanisohe Linse, Wioke), nnd zwar der unversehrte Samen ruft, wie man seit Jahrhunderten weiß, eine Nervenkrankheit hervor, die besonders durch motorische Störungen gekennzeichnet ist, und zwar durch spastisohe Parese der Beine. Die Kranken stützen sich mit dem ganzen Gewicht ihres Körpers auf die Krücken, die Nackenmuskeln sind kontrahiert, die Brust ist nach vorn gedrängt, die Gesäßmuskeln sind stark ge¬ streckt und naoh hinten verlagert, so daß das Körperprofil den Eindruck eines Sattels macht. Die Füße stützen sich auf das Chopartsche Gelenk; die Ferse ist emporgehoben. Die Beine sind gespreizt und leicht gebeugt. Die mechanische Erregbarkeit der Muskeln ist gesteigert, ebenso sind die Sehnenreflexe der unteren Extremitäten erhöht, ln den ersten Stadien ist die Tätigkeit der Sphinkteren und das Sexualvermögen gestört Ungefähr 2 Jahre nach Beginn wird die Krank¬ heit chronisch. Das Leiden beginnt oft plötzlich mit Schwäche in den Beinen, Zittern und Wadenkrampf. Der Lathyrismus tritt epidemisch auf bei Mensch und Tieren. Verwechslungen mit Pellagra, Beri-Beri, Ergotismus und spastischer Spinal¬ paralyse kommen vor. Experimentaluntersuchungen verschiedener Forsoher ergaben, daß besonders Kaninchen, Ochsen, Schweine, Meerschweinchen und Pferde die Wirkung des Latbyrus empfinden. Die verschiedenen Reifegrade der Pflanze und die klimatischen Verhältnisse sind von Einfluß. Die Verff. haben nnn die Histopathologie des bei Kaninchen und Meer¬ schweinchen hervorgerufeoen Lathyrismus studiert; die Vergiftung wurde teils plötzlich, teils langsam hervorgerufen. Die Versuche werden mit ihren Resultaten im einzelnen mitgeteilt Die langsame Vergiftung hatte bei den Kaninchen eine spastische Paraparese mit vorwiegendem Spasmus und Steigerung der Sehnenreflexe mit Tremor zur Folge; „Lendenwirbelreflex“ wurde festgestellt. Meerschweinchen zeigten sich resistenter. Die mit modernen Methoden erhobenen histopathologiscben Befunde werden angeführt. Verändert waren insbesondere die Zellen des Hinter¬ horns im Lendenmark. 6) Polloenaephalomyelitis bei Botulismus, von E. A. Paulus. (Journ. f. Psychol.u.Neurol. 1915. H. 6 u. 6.u.Iuaug.-Dissert.Tübingen.) Ref.: W.Misch. Nach wochenlangem Genuß von Beblecht geräuchertem und offenbar ver¬ dorbenem Schweinefleisch erkrankten vier Personen in einer Familie ungefähr zu gleicher Zeit an gastrointestinalen und nervösen Erscheinungen, die bei zwei Kranken progressiv waren und innerhalb weniger Wochen bzw. Monate zum Tode führten, bei den beiden anderen sioh allmählich zurückbildeten, aber noch nach einem Jahr leichte Augenstörungen hinterließen. Von seiten des Verdauungs- traktus bestanden nur in der ersten Zeit ausgesprochene Erscheinungen, und zwar Übelkeit, Brechreiz, Appetitlosigkeit, Trockenheit des Mundes, Durstgefühl und hartnäckige Obstipation (Darmlähmung). Die Nervensymptome waren: Sehstörungen (Amblyopie, Akkommodationslähmung, Doppeltsehen), Nystagmus, im späteren Stadium fast vollständige Lähmung aller äußeren und inneren Augenmuskeln mit Blicklähmung, Ptosis, Mydriasis, absoluter Pupillenstarre; Dysphagie, Dysarthrie, doppelseitige Parese des Facialis, Hypoglossus und Glossopharyngeus, zerebellare Ataxie, schließlich allgemeine Lähmungsersoheinungen und Schwäche des Gesamt¬ körpers ohne deutliche Halbsoitensymptome. Es lag demnach das typisohe Bild des Botulismus vor, d. h. in der Hauptsaohe eine Verbindung von fast totaler Ophthalmoplegie mit akuter Bulbärlähmung. Die histopathologische Untersuchung der Zentralorgane des einen Falles ließ Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 938 zwei Arten von Veränderungen unterscheiden, wie sie bisher in dieser Vereinigung weder bei der alkoholischen Form der Polioencephalitis noch beim Botulismus beschrieben worden sind; nämlich einerseits miliare kapillare Blutungen in das zentrale Höhlengrau und in die graue Substanz des Rückenmarks, und andrerseits von diesen unabhängige, diffuse Degenerationsvorgänge am Nervenparenchym, namentlich an den Ganglienzellen des Zentralnervensystems ohne eigentlich ent* zündliohe Prozesse. Die Blutungen waren wie bei der alkoholischen Polioence- phalitis superior im wesentlichen in der Gegend der Augenmuskelkerne und anderer motorischer Hirnnervenkerne lokalisiert, erstreckten sich aber weit darüber hinaus einerseits in distalere Abschnitte des HirnBtammes, auf die gesamte Kern* region der Medulla oblongata, andrerseits proximalwärts auf die periventrikulären Teile des Zwischenhirns. Ganz ungewöhnlich ist hier die Ausdehnung des hämor¬ rhagischen Prozesses auf die graue Substanz des Rückenmarks, und zwar am stärksten auf die Vorderhörner der Halsanschwellung, in geringerem Grade auch auf einzelne Höhenabschnitte des Dorsal- und Lendenmarks. Es liegt also hier die Kombination einer sogen. Polioencephalitis superior und inferior mit einer akuten degenerativen hämorrhagischen Myelitis, d. h. eine Polioencephalomyelitis hämorrhagica, vor. Neben den vaskulären Störungen bestanden ausgebreitete primäre Parenchymdegenerationen, vorwiegend an den Ganglienzellen, die ver¬ schiedene Stadien der Zellentartung, besonders ausgeprägt körnig pigmentöse Degenerationen in einigen Kerngruppen des Hirnstammes wie Oculomotorioa, Abduzens aufweisen. Histopathologisch kommt diesen Befunden insofern eine Bedeutung zu, als sie alle echt entzündlichen Erscheinungen, sowohl infiltrative wie proliferative Vorgänge am GefäBbindeapparat vermissen läßt. In dieser Hinsicht bietet der Befund eine Bestätigung der sohon früher ausgesprochenen Anschauung, daß die hämorrhagischen Vorgänge bei der Polioencephalitis superior, gleichviel welcher Ätiologie sie sein mögen, also auch die der alkoholischen Form, nicht auf einem echten Entzündungsprozeß beruhen, Bondern die Folge primärer Schädigungen der Gefäß Wandungen durch das toxische Agens darstellen. In dem beschriebenen Falle handelt es sich also um eine primär degenerative Alteration verschiedener Gewebselemente einerseits der mesenchymalen Gefäßwandzellen, andrerseits der spezifischen ektodermalen Nervenzellenelemente auf Grund des allerdings bakterio¬ logisch nicht nachgewiesenen, aber klinisch sichergestellten Botulismusgiftes. 7) Über einen Fall von SafrolVergiftung , von J. Kläsi und 0. Roth. (Monatsschr. f. Psych. u. Neurol. XXXVIII. 1916. H. 4.) Ref.: Kurt MendeL Pat. trank aus einer Flasche, in der er Mineralwasser vermutete, mehrere Schlucke einer Flüssigkeit, die in Java als Hautreizmittel gebraucht wird, haupt¬ sächlich ein ätherisches öl, das Safrol enthält; daher der intensive anisähnliche Geruch der Flüssigkeit. 10 Minuten naoh Einnahme derselben traten die ersten psychotischen Erscheinungen auf. Die KrankheitserscheinnngeU dauerten genau so lange, als die Exepirationsluft noch den typischen Safrolgeruch aufwies. Sie ähnelten gewissen schizophrenen Zuständen und bestanden in Delirien mit Hallu¬ zinationen, Illusionen und Wahnideen, die größtenteils durch Parästhesien bedingt waren. Am Schlüsse des Delirs zeigte sich ein Depressionszustand, wohl als Folgeerscheinung der pathologischen Ermüdung. Die Vergiftungserscheinungen von seiten des peripheren Nervensystems betrafen in der Hauptsache die sensiblen Fasern und äußerten sich in Parästhesien wahrscheinlich neuritisoher Natur vor¬ wiegend von seiten der Hautsensibilität, des Geruchs und des Geschmacks. Die Einwirkung auf die motorischen Fasern war anscheinend eine ganz geringe; sie zeigte sich in Krämpfen, einem leichten Nystagmus und vielleicht in der vorüber¬ gehenden Abeohwäohung des Patellarreflexes. Zum Teil könnte es eich dabei allerdings um Erscheinungen mehr spinaler Natur handeln. Der überwiegende Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 939 Teil der toxischen Wirkung betraf jedoch fraglos den Sitz des Bewußtseins, also wahrscheinlich die Hirnrinde, und zwar in so hervorstechendem Maße, daß man direkt an einen spezifischen Tropismus erinnert wird. 8) Qewerbliohe Nitrobenzol vergiftun g mit Koraakoffaohem Syndrom und Ausgangin geistigen Sohwäohezustand, von E. Grafe und Aug. Homburger. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. XXV. 1914. H. 3.) Ref.: G. Stiefler. Die Verff. haben die ausführlich wiedergegebene Erankheitsgesohichte in ein akutes Stadium und weiteren chronischen Verlauf gegliedert, um den wesentlichen Gesichtspunkten der Intoxikation, des amnestischen Syndroms und ihren gegen¬ seitigen Beziehungen Rechnung zu tragen. Das Vergiftungsbild des akuten Stadiums war das gewohnte, wie es den Nitrobenzolvergiftungen und überhaupt im allgemeinen vielen Anilinvergiftungen zukommt: allgemeine Übelkeit, Erbrechen, akute Bewußtlosigkeit mit oder ohne deliranten Zügen, mit oder ohne motorischen Reizerscbeinungen, Zuckungen oder allgemeinen Konvulsionen, typischer Geruch des Entleerten, blauschwarze Hautfarbe. Ungewöhnlich war, daß chronische Ver¬ giftungserscheinungen den Boden für eine akute Vergiftung vorbereitet haben, die durch eine einmalige Abfüllung einer größeren Quantität (3200 Liter) allein wohl nicht bewirkt worden wäre. Das Auftreten akuter komatöser Zustände bei Anilinschädigung wird zweifellos in hohem Maße durch Alkoholgenuß gefördert, die Intensität der akuten Vergiftung ist aber im wesentlichen von der Konzen¬ tration des Nitrobenzols im Blute abhängig, wie auch im vorliegenden Falle Pat. schon seit Wochen leichtere Wirkungen tagsüber spürte, die sich auch in der Färbung des Mannes objektiv kenntlich machten. Das Wesen der Blutverände¬ rungen bei Nitrobenzolvergiftung ist, abgesehen von der Methämoglobinämie, noch nicht klargeBtellt. Der Ausgang dieses Falles in geistige Schwäche ist sicherlich nioht häufig, wenngleich, psychopathologisch betrachtet, das Vorkommen des Korea- kow sehen Komplexes bei Nitrobenzolvergiftung als einer exogenen und organischen Schädigung von vornherein nichts Befremdendes haben kann; der amnestische Symptomenkomplex tritt damit an die Seite anderer für exogene Ätiologien symptomatischer Störungen, der Infektionspsychosen, auch insofern, als er für In¬ toxikationen im allgemeinen, aber für keine im besonderen kennzeichnend ist, wie die Delirien den Infektionen überhaupt, aber keiner speziell zugehören (Bon ho eff er, Schröder). Für eine spätere Differenzierung des amnestischen Syndroms nach den ihm zugrunde liegenden Giften bestehen keine besseren Aussichten wie in Analogie der Delirien. Die chemischen Gifte, welche den Komplex verursachen, wirken anscheinend nioht in gleichem Sinne auf die nervösen Zentralorgane wie die spezifischen Nervengifte (Alkaloide), sondern außer auf direktem Wege auch auf Umwegen oder durch Zwischenprodukte ihrer Wirkung auf andere Organe, sie wirken also weder als reine Blut- bzw. Parenchymgifte, noch als reine Nerven¬ gifte. Verf. weist darauf im Zusammenhang hin, daß unter den übrigen Giften am häufigsten das CO, insbesondere bei Grubenkatastrophen, Merkschwächezustände herbeiführe, ein Gift, das im eigentlichen Sinne ein Blutgift ist. Der toxämische Charakter mancher dieser Vergiftungen läßt eine geringe Verschiedenheit der klinischen Bilder rücksichtlich der Gifte naheliegend erscheinen. 9) Akute Benzin Vergiftung mit nachfolgender spinaler Erkrankung, von G. Dorner. (DeutscheZeitschr.f.Nervenh. LIV. 1916. H. 1.) Ref.: KurtMendel. Pat. stieg in einen Petroleumbehälter, in den fälschlicherweise Rohbenzin gegossen war. Nach einigen Minuten Schwindel; Pat hatte keine Kräfte mehr, aus dem Behälter heraus zu klettern, er fiel ins Benzin, lag etwa 20 Minuten darin, bis er total bewußtlos herausgezogen werden konnte. Er blieb etwa 3 Tage bewußtlos, brach anfangs Benzin, erholte sich dann allmählich. Nach 3 Wochen arbeitete er wieder, fühlte sich aber immer schwach, besonders in den Beinen, später auch in den Armen, dann deutliche Ataxie und 1 Jahr nach dem Unfall Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 940 völlig arbeitsunfähig. Objektiv: Hände bläulich verfärbt, kühl, leichter Intentions- tremor, linke Papille etwas enger, beim Blick nach rechts leiohter Nystagmus. Sensibilität für Warm and Kalt ist an beiden Unterschenkeln, Fußrücken and Sohlen herabgesetzt. Gefühl für Wattebaosobberührangen ist an der Außenfläche der Hände leicht herabgesetzt, ebenso an den Füßen. Spitz und Stampf wird an Fußsohlen und Faßrüoken nicht deutlioh unterschieden, ebensowenig am Bücken des 2. und 3. Fingers der linken Hand und in einem kleinen Bezirk am Arm links. Schmerzempfindung ist nirgends sehr ausgesprochen. Beugen und Strecken des rechten Beines schwer, nicht mit großer Kraft, Beugen des linken Beines geht besser. Im rechten Beine deutliche Ataxie, geringe im rechten Arm. Stereo* gnostiBcher Sinn in den Händen leicht gestört, deutliche Adiadochokineeis rechts. Romberg stark positiv. Gang breitbeinig, stampfend, Geben ohne Stock kaum möglich. Elektrische Erregbarkeit überall normal. Radiusreflgx rechts nicht auslösbar, Bauchreflexe und Hodenreflexe fehlen, Kniereflex fehlt rechts, links ge¬ steigert, ebenso Achillesreflex, beiderseits positiver Babinski. Wassermann negativ. Das Krankheitsbild hat die meiste Ähnlichkeit mit dem einer multiplen Sklerose oder einer kombinierten Strangerkrankung. Erkrankt sind die Pyramiden¬ bahnen (Babinski +), die Kleinhirnseitenstrangbahnen (Adiadochokinesis, Muskel¬ schwäche ohne Atrophie), die Hinterstränge (Ataxie, Areflexie, Sensibilitäts¬ störungen). Ganz gleiche Krankheitsbilder sind bei schwerer Anämie, Pellagra und Kohlen¬ oxydvergiftung beschrieben. Die Beobachtung zeigt, daß das Benzin ein schweres Nervengift ist und gerade das Rohbenzin besonders gefährlich sein kann. 10) A oase of probable enoephalitle due to the Inhalation of the fumes of gasoline, by Gh. S. Potts. (Joorn of nerv, and ment, disease. XLIL 1915. Nr. 1.) Ref.: W. Misch. Es wird der Fall eines Mannes berichtet, dessen Beschäftigung es war, die Automobiltanks mit Gasolin zu füllen und der eines Tages bei der Arbeit be¬ wußtlos umgefallen war. Er blieb während mehrerer Stunden ohne Bewußtsein und verharrte dann während über 10 Tagen in einem stuporöeen Zustand, ln der folgenden Zeit klagte er über heftige Kopfschmerzen. Es fand sich eine rechtsseitige Ptosis und ein Abweichen des Bulbus nach unten und rechts. Am nächsten Tage wurde folgender Nervenstatus aufgenommen: Fast vollständige rechtsseitige Oculomotoriuslähmung; links fehlten ebenfalls alle Augenbewegungen außer der Innenrotation. Die linke Papille war enger als die rechte, welch letztere auf Licht nur schwach reagierte. Es fand sich ferner eine linksseitige Fazialislähmung vom zentralen Typus und eine leiohte Parese des linken Armee und Beins. Links fanden sich ferner die spastischen Reflexe, Dysmetrie, Adia- dochokinese, Asynergie in Arm und Bein. Der Gang war sehr unsicher, vom zerebellaren Typus, mit der Tendenz nach links abzuweichen; ebenso bestand beim Stehen die Tendenz naoh links zu fallen. Wassermann war negativ. Im Laufe des nächsten Vierteljahres besserten sioh die Symptome so weit, daß nur eine Verschlechterung der Funktionen des linken Ooulomotorius, eine Ataxie des linken Armes und eine leiohte Schwäche des linken Beines surückblieben, die aber auch im weiteren Verlaufe nicht verschwanden. Mit Rücksicht auf diese offenbar irreparablen Herdersoheinungen stellt Verf. die Diagnose auf eine durch Gasolinvergiftung hervorgerufene Encephalitis, und zwar eine Läsion in der Gegend des Aquaeductus Sylvii. 11) Beitrag zur Kenntnis der niaht-gewerbllohen chronischen Quecksilber¬ vergiftung, von M. Friedmann. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheil k. LLL 1914. H. 1 u. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. berichtet über 8 Fälle. Die Quelle der Vergiftung war eine Rohr- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN postanlage, welche die Depeschenfonnulare in den Morseraum im oberen Stock* werk zu befördern batte; eine automatische Vorrichtung läßt durch einfachen Druck den Betrieb ein* und ausschalten, und dies geschah elektrisch mit Hilfe zweier Queeksilberkontakte. Bei Stromschluß und «Öffnung entstand in den Queck* silbernipfen eine kleine Erschütterung; dadurch wurden sehr oft Tröpfchen des Metalls herausgesohleudert, und ferner bildeten sich bei der gleichen Gelegenheit kräftige blaue Funken, in welohen etwas von dem Metalle verdampft wurde. So gelangte dieses in den Luftraum des Zimmers, und der Boden des letzteren be¬ deckte sich allmählich mit Kügelchen des übergelaufenen Metalles. So blieb der Apparat vom Jahre 1903 bis 1909 stehen, trotzdem die Postassistenten in dieser Dienstabteilung mehrfach erkrankten. Die Fälle lassen sich in drei Gruppen ein* teilen: bei der ersten findet sich ein Zustand von schwerem erethismusartigem Nervenleiden, bei der zweiten ein kompliziertes nervöses Leiden, für welches auch andere Ursachen denkbar sind, bei der dritten bestehen nur vorübergehende und leichte, meist nicht nervöse Affektionen. Alle schwer Erkrankten waren durch* schnittlich 3 bis 6 Jahre lang unter dem Quecksilbereinflusse im gleichen Dienst¬ raume tätig. Als wichtige Symptome des Erethismus mercurialis sind besonders zu nennen der Tremor, die rheumatoiden Schmerzen, Parästhesien und Muskel- schwache (wahrscheinlich neuritischen Ursprungs). Dem Quecksilber kommt ebenso wie dem Blei, Arsenik und anderen Giften eine ausgesprochene kumulative Wirkung zu. Zuerst treten nervöse und Magen* Dannerscheinungen auf, erst später Mund*, Zahnfleisch- und Pharynxentzündungen, schließlich zuweilen Hauteruptionen. Die größte Gefahr liegt in der mehrjährigen kontinuierlichen Einwirkung deB Giftes. Ist erst einmal das ausgebildete Stadium des Erethismus da, dann hält es auch weiter an, auch wenn nun jeder toxische Einfluß definitiv wegfällt. 12) Bin Fall von Kohlenoxydvergiftung, von J. Morawski. (Deutsche Zeit¬ schrift f. Nervenheilk. LII. 1914. H. 1 u. 2.) Bef.: Kurt Mendel. Bei dem mitgeteilten Falle bestand 1. eine atrophische Lähmung der rechten Hand (als Rest einer früher durchgemaohten zerebralen Kinderlähmung), 2. Alco- holismns chronicus, 3. Störungen durch akute Kohlenoxydvergiftung: Neuritis ischiadica, Encephalitis mit Hemihypaesthesia dextra, Ungleichheit der Pupillen, Abweichen der Zunge; schließlich eine Poliomyelitis anterior in der Höbe von C 6 bis C 7 (wahrscheinlich durch Gefäßveränderungen hervorgerufen). Eine vorüber¬ gehende Psychose (mit Desorientierung in Ort und Zeit, lebhaften Halluzinationen und flüchtjgem Verfolgungswahn), die Pat durchmaohte, führt Verf. auf Alkoho¬ lismus und Inanition zurück. 13) Symmetrlsohe Enoephalomalaole ln den Linaenkernen nach Kohlen* oxydvergiftung , von A. Kolisko. (Beiträge f. gerichtl. Med. II. 1914.) Bef.: K. Boas. Verf. schließt aus seinen Untersuchungen, daß der Nachweis von symmetrischer Encephalomalacie in den Linaenkernen uns auoh in Fällen, in welohen der Tod erst naoh Tagen eintritt und deshalb Kohlenoxyd im Blut spektroskopisch nicht mehr nachweisbar ist, gestattet, die Diagnose der stattgehabten Vergiftung zn stellen. 14) Neuritis des Hörnerven naoh Intoxikation mit Kohlenoxydgas, von Alt. (Archiv f. Ohrenheilk. XCVL 1915. H. 3 u. 4.) Bef.: K. Boas. Der erste Patient des Verf.’s erkrankte an schwerer Kohlenoxydvergiftung mit nachfolgender längerer Bewußtseinsstörung. Als Symptome bot Pat danach eine dauernde multiple Neuritis und schwere Hörstörung beiderseits unter den Symptomen einer Schädigung des N. acusticus. In dem zweiten Falle traten ähnliohe Erscheinungen, jedoch leichteren Grades auf, die allmählich zur Norm zurückkehrten. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 942 Digitized by 15) Über Enoephalopathia »aturnina, von F. Holtzmann. (Zentralblatt f. Gewerbehygiene. 1916. Nr. 1.) Ref.: K. Boas. Oie meisten der bisher als Enoephalopathia saturnina beschriebenen Falle halten einer Kritik nicht stand, sind vielmehr als gewöhnliche Psychosen aufzn- fassen, die wohl auch einmal einen Bleiarbeiter befallen können, wobei znzugeben ist, daß dem Blei eine aggravierende Wirkung zukommen kann. Auf Grund von Tierversuchen sind bei fortgesetzter Bleiaufnahme schwere Veränderungen der nervösen Elemente und der Gehirngefäße anzunehmen. Solche dürften wohl auoh beim Menschen auftreten, scheinen jedoch außerordentlich selten zu sein. Eine weitere Klärung ist zu erstreben. 16) Ophthalmoplegia Interna, the result of lead polsoning, by L. D. Brose. (Arch. of ophthalmology. XL1V. 1916. S. 26.) Ref.: K. Boas. Verf. beschreibt einen Fall von Ophthalmoplegia interna nach Bleivergiftung bei einem Maler. Das Sehvermögen war auf beiden Augen auf l */ 60 herabgesetzt. Die Behandlung (Magnesiumsulfat und Jod) führte die normale Sehschärfe wieder herbei. 17) Zur Behandlung Bleikranker im galvanischen Zweizellenbad, von Schnitter. (Therapeut. Monatsh. 1916. Mai.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Nach Oliver soll der galvanische Strom des Zweizellenbades ein mächtiges Stimulans für die Bleiausscheidung durch die Haut und demzufolge bei der Blei¬ vergiftung indiziert sein. Oliver wurde durch die verblüffend rasche Beseitigung der motorischen Lähmung durch das elektrische Zweizellenbad zu Versuchen am bleikranken Menschen geführt. Bei einem Manne schwand angeblich ein intensiver Bleisaum nach drei Bädern vollständig. Die Nachprüfung durch Verf. brachte (wie zu erwarten; d. Ref.) „lediglich Enttäuschungen“. Den Befund von Blei im Wasser hält Verf. nicht für spezifisch für das Zweizellenbad. 18) Arsenio polsoning, by Alfred C. Reed. (New York med. Journ. 1915. Nr. 12.) Ref.: P. Meyer (Zürich). In China wird Arsenik häufig zu Selbstmordzwecken gebraucht: Eine 18jähr. Chinesin nahm eine einzige massive Dosis von unbekannter Größe. Es folgten bald heftiges Erbrechen, Diarrhoe und Leibschmerzen; dieser akute Anfall wurde Überständern Erst einige Wochen später — dies ist das Interessante dieses Falles — setzten die Zeichen einer alle Gliedmaßen befallenden multiplen Neuritis mit verschiedenen Hauteruptionen ein. — Bei einem 48jährigen Manne, der ebenfalls nur eine einzige große Dose genommen hatte, bestand neben multipler Neuritis in den Extremitäten vermindertes Seh- und Hörvermögen; Hautausschläge fehlten hier gänzlich. In beiden Fällen heftige Schmerzen, Anästhesien und Parästhesien 19) Über Arsenikvergiftung. Ein kasuistischer Beitrag von Paul Michaelis. (Medizin. Klinik. 1915. Nr. 29.) Ref.: E. Tobias (Berlin). In der Wohnungskolonie eines industriellen Werkes erkrankten plötzlich 36 Personen — Erwachsene sowie Kinder — innerhalb zweier Tage an Mageo- und Darmstörungen. Fünf von den Kindern erlagen der Krankheit Bei allen Speisen, die an dem verhängnisvollen Tage genossen wurden, war Mehl verwandt Die Nachforschungen ergaben, daß das Weizenmehl aus demselben Geschäfte be¬ zogen worden war, dessen Inhaber — bzw. die Familie desselben — an derselben Magendarmerkrankung plötzlich befallen war. Die chemische Untersuchung einer noch vorhandenen Stolle ergab nun einen enorm hohen Arsengehalt. Der patho¬ logisch-anatomische Sektionsbefund war wie meist bei akuter Arsenikvergiftung kein spezifischer. 20) Über Morphinismus, von E. E. Moravcsik. (Wiener med. Woebenschr. 1914. Nr. 43.) Ref.: Pilcz (Wien). Klinischer Vortrag. Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 943 21) Beiträge zur Frage der Morphingewöhnung, von K. van Don gen. (Pflügers Archiv f. d. gea. Phys. GLXII. 1915. H. 1 u. 2.) Ref.: K. Boas. Verf. fand, daß beim Hunde eine vollständige Gewöhnung des Atemzentrums und der Pupille nach langdauernder Morphinzufuhr eintritt. Die Reihenfolge, in welcher die Gewöhnung der verschiedenen Centra an das Morphin erfolgt, ist: Papille, Erbrechen, Kotentleerung, Narkose, Atmung. Der Magensphinkter gewöhnt sich nur unvollkommen, das Herz*Vaguszentrum überhaupt nicht an das Morphin. Die Gewöhnung dürfte außer auf gesteigerter Zerstörung auf einer „Gewebs- immunität“ beruhen, die von den verschiedenen Centris verschieden leicht erworben wird. Die Leichtigkeit der Gewöhnung geht nicht der Anspruchsfähigkeit auf Morphin parallel. Kaninchen lassen sich in bezug auf Narkose und Atmung nicht an Morphin gewöhnen. 22) Psyohopolynövrite au oours d’une oure de dömorphinisation, par L. Marchand et F. Usse. (L’Encöphale. 1913. Nr. 12.) Ref.: Kurt Mendel. Eine seit 14 Jahren morphiumsüchtige Patientin bietet während einer Ent¬ ziehungskur von der 3. Woche ab das typische Bild der Korsakoffschen Psychose, und zwar mehr als 2 Monate lang. Als Ursache der Erkrankung sieht Verf. eine organische Autointoxikation infolge zu schneller oder zu unregelmäßiger Reduktion des Giftes, an welches sich der Organismus seit Jahren gewöhnt hatte, an. 23) Über Morphiumentziehung und die in ihrem Verlauf vorkommenden Psychosen, von H. Dominick. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. Verf. berichtet über zwei Morphinistinnen, bei denen sich während einer • Entziehungskur psychische Erscheinungen geltend machten. Im ersten Falle entsprach das Krankheitsbild einer Hysterie auf psycho- pathologischer Grundlage. Im zweiten Falle lag eine echte Psychose vor. Nachdem Patientin die Morphiumentziehungskur anfangs tadellos vertragen hatte, trat etwa in der 8. bis 9. Woche ein Zustand von zunehmender Verstimmung und innerer Unruhe ein. Patientin wird schwer besinnlich, auffallend desorientiert und gerät in einen deliranten Zustand. Bereits nach etwa einer Woche kehrt das Bewußtsein wieder zur Norm zurück, der ganze Zustand der Patientin bessert sich, wenn auch die Stimmung eine Zeitlang noch sehr labil bleibt. Etwa nach weiteren 7 bis 8 Wochen trat eine erhebliche Besserung des Zustandes ein. 24) Lee troublee mentaux d’origine oooalnique, parCh.Vallon et R. Bessiere. (L’Encephale. 1914. Nr. 2 u. 3.) Ref.: Kurt Mendel. Die Verff. besprechen des genaueren den Cocainismus im allgemeinen, den Cocainrausch, den Gemütszustand beim chronischen Cocainismus, sowie die Cocain- psychosen. Näheres s. im Originale. 26) Hypnotio drug poisoning, by A. S. Tepper. (Med. Record. 1915. 24. Juli.) Ref.: P. Meyer (Zürich). Ein 7jähriger Knabe nahm beim „Doktorspielen“ auf einmal 2 l /*g Veronal zu sich. Etwa 7 Stunden später fand ihn der herbeigerufene Arzt in tiefem Koma mit schlechtem Puls und rascher Respiration. Die üblichen Stimulantien wurden mit Erfolg angewendet, so daß nach 5 Tagen das Bewußtsein wieder vollkommen klar war; ein bleibender Nachteil wurde nicht beobachtet. Einem 19jährigen Apothekergehilfen, dem man wegen akuter Balanitis die Zirkumzision gemacht hatte, wurde Camphora monobromata zur Verhütung von Erektionen verordnet. Von sich aus nahm er innerhalb 24 Stunden etwa 6 g zu sich. Die Folge war ein plötzliches Zusammenstürzen, ähnlich einem epilepti¬ schen Anfall, mit Zyanose, Dyspnoe, langsamem Puls und Konvulsionen. Dauer ■«/ Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 944 l % Digitized by des Anfalles 10 Minuten, worauf der Pat. klar wurde, so daß er nach seiner nahen Wohnung zu Fuß geben konnte. Dort wiederholte sieh der Anfall von Bewußtlosigkeit, jedoch in milderem Grad; in den folgenden 48 Stunden noch heftiges Kopfweh, Sohläfrigkeit; ein bleibender Nachteil trat nicht ein. 26) Über tödliohe VeronalVergiftungen, von F. Husemann. (Viertejjahrszchr. f. gerichtl. Med. u. öffentl. Sanitätswesen. 1915. H. 3.) Bef.: K. Boas. Mäßige Gaben von Veronal (etwa 1 bis 5 g) bewirken Hyperämie der Haut und dadurch leichte vorübergehende Erhöhungen der Körpertemperatur. Starke Herabsetzungen derselben sind immer ein Zeichen dafür, daß ungenügende Oxy¬ dation stattfindet. Gleichzeitig kann eine Wirkung auf das Gefäßsystem vor* handen sein. Starke Erhöhung der Temperatur dürfte wohl stets als Anzeichen beginnender Pneumonie aufzufassen sein. Demnach wäre primäre Kälte und sekundäres Fieber ein Zeichen schwerer Vergiftung. Der wesentlichste Befund in sämtlichen mikroskopisch untersuchten Organen, mit Ausnahme der Nieren, war eine hochgradige fettige Entartung der Parenchym¬ zellen neben allgemeiner Fettinfiltration der Gefäßkapillarendothelien. Sie ist der wesentliche Ausdruck für die durch die Veronalvergiftung gesetzte Vitalität der Zellen. Am prägnantesten dokumentiert sich dies am Herzen, an der Milz und am Zentralnervensystem. Der Befund ist wohl physiologisch dahin zu deuten, daß allgemein die Oxydationsvorgänge in den Zellen stark herabgesetzt sind, so daß das zugeführte Nahrungsfett in den Zellen nicht verbraucht werden kann. Betreffs der Therapie der Veronalvergiftung sagt Verf. folgendes: Magenausspülungen haben nur Zweck in den ersten 3 bis 4 Stunden. Spater sind sie nur von Schaden und können eventuell zu Schluckpneumonie führen. Ebenso warnt Verf. vor Abführmitteln und Infusionen von physiologischen Koch¬ salzlösungen. Es kommt vielmehr darauf an, dem Sinken des Blutdruckes ent¬ gegenzuarbeiten. Dies wird am besten durch Kampfer- und Ätherinjektionen, sowie geeignete Lagerung des Kranken, Kompression der Extremitäten, Wicke¬ lung, Sauerstoffatmung oder Koffeininjektionen erreioht. 27) Ein Veronaldelirium, von A. Schneider. (Allgem. Zeitschr. £ Psychiatrie. LXXII.) Bef.: Zingerle (Graz). 53jährige Frau nahm durch 6 l / t Wochen täglioh l 1 /, bis 2g Veronal; nach Entziehung des Mittels traten am 3. Tage delirante Erscheinungen auf, die rasch zu einem ausgebildeten Delirium, aber ohne Tremor und ohne Beechäftigungs- delirium führten. Am 5. Tage epileptischer Anfall, am 8. Tage Eintritt eines 36stündigen Schlafes, aus dem die Patientin geheilt erwachte. Für die Zeit des Deliriums bestand Amnesie. 28) Über chronischen Veronalismns, von 0. Glaser. (Wiener klin. Wochen¬ schrift 1914. Nr. 44.) Bef.: Pilcz (Wien). Naoh Anführung der in der Literatur seit Einführung des Veronals bisher publizierten 9 Fälle von chronischer Veronalvergiftung berichtet Verf. über einen interessanten Fall eigener Beobachtung: Ein 37jähr. ehemaliger Offizier, starker Baucher, erheblicher Trinker, nervös, leicht reizbar, nimmt zuerst als Schlafmittel, später zwecks Beseitigung von Zu¬ ständen nervöser Unruhe, Gereiztheit und Arbeitsunfähigkeit, auch tagsüber rasch ansteigend, täglioh 6 mal 0,5 =*3g Veronal. Bleibt 3 Jahre bis auf Stuhltrig» heit besohwerdefrei. Dann treten unvermittelt zuerst Ohrensausen, dann n- nehmende Mattigkeit, Schreib- und Lesestörungen, Schwäche der Gliedmaßen, Unsicherheit und Taumeln beim Gehen und schließlich Drehschwindel mit Neigung zum Bückwärtsfallen auf. Bei der Spitalsaufnahme bestanden: Apathie, Schwer¬ fälligkeit der motorischen Äußerungen, sohleppende Sprache, zittrige, ausfahrende, unleserliche Schrift, Störung der Auffassung, des Denk- und Merkvermögens, ge- Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 945 reizte, unfreundliche Stimmung. Somatisch bot er: lebhaften, feinschlägigen, hori¬ zontalen Nystagmus in seitlicher Endstellung beiderseits, gesteigerte Reflexe, fehlende Bauchdeckenreflexe, unsicheren, schleppenden, schwankenden Gang von zerebellar-ataktischem Typus mit steter Falltendenz naoh hinten. An der Stirn ein makulo-papulöses Exanthem. Stuhl angehalten, Harn etwas konzentriert mit reichlichem Veronalgehalt, vermehrter Phosphatausscheidung und viel Indikan; kein Hämatoporphyrin. Pupillen, Zirkulationsapparat, Temperatur, Fundus normal. Nach sofortiger Veronalentziehung, Bettruhe und energischer Ableitung auf Darm und Niere rasches Abklingen sämtlicher Erscheinungen. Harn am 5. Tage veronal- frei. Am 10. Tage ergab die Untersuchung noch kalorische Unerregbarkeit des VestibulariB beiderseits. Pat. wurde bei bestem Wohlbefinden entlassen. Verf. hebt im vorliegenden Falle besonders die Störung des Kleinhirns und Vestibularis hervor, verweist bei den früheren Fällen auf gleiche Störungen ver¬ ratende Symptome, die auch den chronischen Vergiftungen mit den übrigen Schlaf¬ mitteln der Harnstoffgruppe eigen sind. Nach zusammenfassenden Bemerkungen über Symptomatologie, Menge des Mittels, Dauer des Mißbrauches, Verlauf und ätiologische Momente gelangt Verf. auf Grund des vorliegenden Materials schließlich zu folgenden Schlußsätzen: 1. daß das Veronal bei fortgesetztem Gebrauch selbst an sich kleiner Einzel¬ dosen zu mehr oder minder schweren Intoxikationserscheinungen führen kann; 2. daß diese Erscheinungen vorwiegend das Zentralnervensystem und von diesem infolge einer besonderen, allen Schlafmitteln der Harnstoffgruppe eigenen Affinität das Kleinhirn und den Vestibularapparat betreffen; 3« daß Digestionstraktus und Vestibularapparat in der Regel verschont bleiben; 4. daß Euphorie uud leichte Angewöhnung den fortgesetzten Gebrauch, sowie die dem Mittel gleichfalls eigene, die Nieren- und Darmausscheidung hemmende Wirkung das Eintreten der Intoxikationserscheinungen wesentlich begünstigen und 5. daß uns der chronische Veronalmißbrauch vorwiegend bei Neuro- und Psychopathen als ein Symptom konstitutioneller Psychopathie, als Süchtigkeit ent¬ gegentritt. Auf Grund dieser Erfahrungen empfiehlt Verf. in Fällen, die eine längere Anwendung eines Schlafmittels bedürfen, durch Wechsel des Mittels, Einschaltung von Pausen, Kontrolle der Ausscheidungen, chronischen Intoxikationen vorzubeugen; insbesondere wenn die Behandlung einen Psycho- und Neuropathen betrifft, um so mehr, wenn bereits in einer anderen Richtung eine Süchtigkeit vorliegt oder bestanden hat. 29) Bromoformvergiftung, von Guth. (Prager med. Wochenschr. 1914. Nr. 9.) Ref.: Pilcz (Wien). 5jähriges Mädchen hatte von gegen Hustenanfälle verordnetem Bromoform etwa 6,0 getrunken. Sofort darnach Krampfanfälle, Bewußtlosigkeit, Areflexie, Pupillen miotisch, starr, oberflächliche Atmung, fliegender Puls. Nach Sauerstoff¬ inhalationen, künstlicher Atmung usw. erholte sich das Kind. Bemerkenswerter¬ weise wurden die Pupillen im Verlaufe der Rettungsaktion, nachdem sie schon einmal normale Weite und Reaktion gezeigt hatten, vorübergehend wieder miotisch und starr. Nach Besprechung der einschlägigen Literatur schließt Verf. wie folgt: Wenn man gegeneinanderhält: die unsichere, lediglich symptomatische Wirkung, wie sie anderen weniger gefährlichen Präparaten in mindestens gleicher Weise zukommt, gegen die Unmöglichkeit, sowohl eine zweckmäßige Verabreichungsform zu finden, als auch eine unschädliche Verabreichungsmenge — Maximaldosis — festzusetzen, dann wird man Koberts Wunsch gerechtfertigt finden, „das Bromoform über¬ haupt nicht mehr medikamentös anzuwenden“. XXXIV. 60 Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 946 30) Klinischer Beitrag sur Brommethylvergiftung, von Flor et (Zentralbl. f. Gewerbehygiene. 1916. Nr. 7.) Bef.: K. Boas. Das Brommethyl ist ein reines Nervengift, welches sohnell Lähmung der Sensibilität, der Motilität und des Bewußtseins, Seh- und Gleichgewichtsstörungen, Rauschzustand hervorruft. Die Symptome nehmen allmählich zu. Nach einigen Tagen kommt es zu schweren Einatmungszuständen mit Krämpfen, Delirien, Be¬ wußtlosigkeit, Atemstörungen usw. Noch nach Wochen bleiben meist Schädigungen des Nervensystems, Hysteroneurasthenie, Melancholie und allgemeine Schwäche zurück. Letzteres Stadium kann jahrelang dauern. Auch im Tierversuch erwies sich Brommethyl als sehr giftig. Die Versuchs¬ tiere gingen nach 16 bis 46minutiger Emährungsdauer bei 1 bis 8°/ 0 Brom¬ methylgehalt der Lnft unter den Erscheinungen der Respirationslähmung zugrunde. In therapeutischer Hinsicht empfiehlt Verf. symptomatische Behandlung mit Sauerstoffatmung und Morphin. Brommethylvergiftungen kommen besonders in chemischen Betrieben vor. Zur Vergiftung reichen schon ganz kleine Dosen hin. 31) Beitrag zu den Sehstörungen durch Methylalkoholvergiftung, von W. Uhthoff. (Klinische MonatsbL f. Augenheilk. LIV. 1915. Januar.) Bef.: Kurt MendeL Von 200 Männern, die versehentlich Methylalkohol statt Schnaps tranken, erkrankten etwa 50 an sohweren allgemeinen Intoxikationserscheinungen (Kopf¬ schmerz, Schwindel, Erbrechen usw.) und von diesen 60 starben 1-2. Zwei Ge¬ wohnheitstrinker blieben trotz erheblichen Genusses von Methylalkohol gesund. Hochgradigere Sehstörungen bzw. Erblindung traten bei diesen 38 überlebenden Kranken mit ausgesprochenen allgemeinen Vergiftungserscheinungen zweimal ( = 5°/ 0 ) ein, leichtere Sehstörungen mit relativen kleinen zentralen Farben¬ skotomen sechsmal (etwa 16 °/ 0 ), und subjektive vorübergehende Sehstörungen bei normalem ophthalmoskopischem Befund in fast allen übrigen Fällen. Eigentliche Augenmuskellähmungen wurden nicht beobachtet, nur einmal leichte Beschränkung der seitlichen Blicklähmung nach rechts und fünfmal deutliche nystagmusartige Zuckungen in den seitlichen Endstellungen. 2 Fälle mit Augenbefund werden des genaueren mitgeteilt. Alkoholismus. 32) Über die Forei sehe Theorie von blastophthorisoher Wirkung des Alkohols. Eugenische Beiträge II, von J. Stuchlik. (Revue v neuro- psychopathologii. XI. 1914. S. 292.) Autoreferat. Verf. diskutiert die Forelsche Ansicht über die blastophthorisohe Wirkung des Alkohols und kommt zum.Schluß, daß die akute Blastophthorie, wie sie Forei annimmt, sehr fraglicher Natur ist, weil sowohl theoretische Überlegung als auch praktische aus der Literatur gesammelte Beispiele nur für die chronische Ver¬ giftung sprechen; eine akute Wirkung ist nur auf dem chronischen Grund mög¬ lich. In diesem Sinne muß man die Gültigkeit der oben erwähnten Theorie reduzieren. 33) Alkohol und Kinder Sterblichkeit, von A. Kickh. (Internat Monateschr. z. Erforschung u. Bekämpfung der Trinksitten. XXIV. 1914. Nr. 9 u. 10.) Bef.: K. Boas. Verf. untersuchte 230 Familien eines salzburgischen Dorfes mit 805 Ein¬ wohnern, deren Gasthaus verbrauch an Bier 209 Liter pro Kopf im Jahr beträgt, in bezug auf deren Nachkommenschaft. Im ganzen gingen 676 männliche und 653 weibliche Kinder aus 208 Ehen hervor, 22 Ehen waren steril. Die Trinker¬ familien wiesen die größte Zahl unfruchtbarer Ehen auf, nämlich 14,29°/ 0 , ebenso die stärkste Säuglingssterblichkeit. Digitized by Gck gle Original from UNIVERSITY OF MICHlGAi 947 34) Alkohologene reflektorische Papillenstarre, von W. Mayer. (Journ. für Psychol. u. Neurol. XXI. 1915. H. 6/6.) Ref.: W. Misch. Bei einem seit mehreren Dezennien starken Alkoholiker, der mit einer schweren Polyneoritis erkrankte, wurde eine vollständige linksseitige und eine unvollständige rechtsseitige Papillenstarre festgestellt, ohne daß sich mit allen zur Verfügung stehenden Methoden eine Lues nachweisen ließ. Es handelte sich keineswegs um einen akuten Rausohzustand. Die Neuritis ging auf die Behandlung zurück, während sich der Pupillenhefand nicht änderte. Bei näherer Prüfung ließ sich jedoch die Pupillenst&rre auf eine Störung im peripheren, zentripetalen optischen Apparat zurückführen, indem sich ein Defekt des zentralen Farbensehens nach¬ weisen ließ, so daß höchstwahrscheinlich eine retrobulbäre neuritische Opticus- Schädigung vorlag. Die bei chronischem Alkoholismus vorkommende und schon früher beschriebene reflektorische Pupillenstarre ist also wahrscheinlich duroh Sehnervenschädigung bedingt, und um bei dieser Frage zu einem endgültigen Resultat zu kommen, muß bei solchen Fällen jede Lues und jede Schädigung des peripheren optischen Apparates ausgeschlossen werden, was bisher nur bei dem von Nonne mitgeteilten Fall geschehen ist. 36) Polyneuritis alooholioa mit einseitiger Zwerchfell- and Btlmmb&nd- lähmang, von Wilhelm Löffler. (Deutsche med. Wochenschrift. 1915. Nr. 44.) Ref.: Kurt Mendel. 29jähriger Hotelier. Starker Trinker und Raucher. Typische Polyneuritis alcoholica; dazu linksseitige Rekurrenslähmung mit abgerissener Sprache und rauher, etwas heiserer Stimme; außerdem geringe Verschieblichkeit der linksseitigen Lungengrenzen bei Zwerchfellhochstand, geringe Vorwölbung des linken Hypo- chondriums, beträchtlicher Zwerchfellhochstand links (durch Röntgendurchleuchtung erwiesen), geringe, paradoxe Verschiebung der linken Zwerchfellhälfte; also .links¬ seitige Zwerchfelllähmung. Druckempfindlichkeit des Phreuicus am Halse bestand nicht. Die elektrische Erregung des Nervs vom Halse aus gelang nicht, während der rechte Phrenicus normale Erregbarkeit zeigte. Die Phrenicuslähmung ging rasch zurück, die übrigen Lähmungen währten längere Zeit, gingen schließlich aber auch zurück. Auffallend ist im vorliegenden Falle die Beteiligung einer Anzahl Nerven der linken Körperhälfte, die mit ihrem Verlaufe am Halse (Supraklavikulargrube) alle auf kürzere oder längere Strecken nahe beisammenliegen (Plexus brachialis, Phrenicus, Recurrens). Der günstige Verlauf ist von besonderem Interesse, da im allgemeinen Poly¬ neuritis mit Beteiligung von Vagus und Phrenicus als prognostisch sehr ungünstig gelten, indem in solchen Fällen die Zwerohfelllähmung die unmittelbare Todes¬ ursache bilden kann. 36) Neue Untersuchungen über die Beeinflasaung der Sinnesfanktionen darob geringe Alkoholmengen, von Johannes Lange u. Wilhelm Specht. (Zeitschr. f. Pathopsychologie. III. 1915. H. 2.) Ref.: Kurt Mendel. Von den Resultaten der Verff. sei folgendes hervorgehoben: Die Unterschiedsschwelle und die Reizschwelle für Lichtreize werden durch den Alkohol beeinflußt, beide jedoch in entgegengesetzter Richtung: die Unter- schied8schwelle steigt, die Reizschwelle sinkt. Dabei besteht ein vollkommener synchronischer Verlauf beider Veränderungen und ein vollkommener Parallelismus bezüglich der Grade der Veränderungen von Unterschiedsschwelle und Reizschwelle. Zu demselben Zeitpunkt, wo die Unterschiedsschwelle zu steigen beginnt, senkt Bich die Reizschwelle, die tiefste Depression der Unterschiedsempfindlichkeit fällt mit dem Maximum der Reizempfindlichkeit zeitlich zusammen; verschwindet die Veränderung der Unterschiedsschwelle, so kehrt auch die Reizschwelle zu ihrer Norm zurück, und ist die Veränderung der Unterschiedsschwelle groß, so ist auch 60 * Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 948 die Veränderung der Reizschwelle groß. Dabei sind die Grade der Veränderung abhängig von der Alkoholdosis. Je kleiner die Alkoholmenge ist, desto geringer ist der Grad der Veränderung und desto schneller geht sie vorüber. Eine qualitative Verschiedenheit der Beeinflussung der Schwellen durch ver¬ schieden große Alkoholmengen besteht nicht. Außer von der Alkoholdosis ist der Grad der Veränderungen von Unter¬ schiedsschwelle und Reizschwelle abhängig von der verschiedenen Empfindlichkeit der einzelnen Individuen gegen den Alkohol. Dabei war jedoch auch bei den¬ jenigen Beobachtern, die an den Alkoholgenuß gewöhnt waren, selbst bei den kleinsten Gaben eine Beeinflussung der Schwellen mit Sicherheit nachweisbar. Sodann besteht eine Beziehung zwischen der Wirkung des Alkohols und der Schwierigkeit bzw. Feinheit der zu lösenden Aufgabe: je subtiler die Leistung ist, die gefordert wird, desto deutlicher tritt die Wirkung des Alkohols in Er¬ scheinung. Es besteht ein Parallelismus zwischen den objektiven Befunden des psycho¬ logischen Versuches und den erlebbaren subjektiven Veränderungen, die der Be¬ obachter im Alkoholrausch erleidet. Unterschieds- und Reizempfindlichkeit sind den Einflüssen der Übung und Ermüdung in hohem Grade zugänglich. Die Schwellern auf optischem Gebiete werden duroh den Alkohol in genau derselben Weise verändert wie auf akustischem Gebiet; die Beeinflussung von Unterschieds- und Reizempfindlichkeit durch den Alkohol ist nicht auf ein ein¬ zelnes Sinnesgebiet beschränkt, sie scheint vielmehr eine gesetzmäßige zu sein, die für alle Sinnesfunktionen gilt. Die Erklärung für diese Erscheinungen scheint den Verff. folgende zu sein: unter «Alkoholwirkung erhalten die Reize einen höheren Grad von Lebhaftigkeit, so daß nun auch Reize bemerkt werden, die unter normalen Bedingungen unter¬ schwellig bleiben. Zugleich müßte dann — das folgt aus dem Wesen der Leb¬ haftigkeit — gefordert werden, daß der Alkoholgenuß neben seiner lähmenden Wirkung auf die geistige Leistungsfähigkeit eine das Lebensgefühl steigernde, belebende Wirkung entfaltet, was in der Tat der Fall ist. 37) Über Assoziationen bei Alkoholikern, von J. B. Jörg er. (Monatsschr. t Psych. u. Neurol. XXXVII. 1915. H. 4 u. 5.) Ref.: Kurt Mendel. I. Die Storungen bei den Assoziationen der Alkoholiker lassen sich in zwei Gruppen zerlegen: 1. Eine Verlängerung der Reaktionszeit, eine Neigung zu Wiederholungen von Reizworten und Reaktionsworten, eine erhöhte Zahl innerer Assoziationen und eine entsprechend verringerte Zahl sprachlich-motorischer Assoziationen. 2. Eine Vermehrung sinnloser Reaktionen und Perseverationen, verminderter ReproduktionBfähigkeit, Neigung zu Reaktion in Satzform. Vermehrung von Klangassoziationen. II. Die unter 1. aufgezählten Ergebnisse zeigen sowohl in der einzelnen Assoziationsreihe, als in der Serie von Experimenten während der Erholung unter Abstinenz eine Zunahme oder zum mindesten die Tendenz, ausgesprochener zu werden. Die unter 2. aufgezählten Zeichen nehmen im Gegensatz dazu ab. UI. Die letzteren Ergebnisse mit der verlängerten Reaktionszeit gehen parallel den Resultaten Brunschweilers bei organischen Kranken. IV. Die sub 1 aufgezählten Ergebnisse lassen sich mit einer Auffassungs¬ störung am besten erklären. 38) Zur Lehre von der Halluzinose der Trinker, von 0. Frowein. (Inaug.- Dissert. Kiel 1914.) Ref.: K. Boas. An der Hand von 10 Krankheitsfällen wird eine ausführliche Besprechung des Krankheitsbildes der akuten Halluzinose der Trinker geboten, die im wesent- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 949 liohen nichts Neues bringt. Im Anschluß daran wird auch das Wesen der chro¬ nischen Alkoholhalluzinose an einem einschlägigen Falle erläutert. 39) Ober Verlaufsstörungen bei Delirium tremens, von Z. Mysliveöek. (öasopis ßesk^ch 16ka!uv. LIII. 1914. S. 1368.) Ref.: J. Stnchlik. Verf. betrachtet die Rezidive entweder sämtlicher oder einiger Erscheinungen des Delirium tremens als eine Verlaufsstörung. Daneben gibt es aber Fälle von sogen, protrahierten Delirien, bei welchen die langsam verschwindenden Symptome viele Tage andauern. Es können drei verschiedene Formen solcher protrahierten Delirien Vorkommen: 1. alle Symptome des Deliriums dauern an; in der Regel bessert sich die örtliche Orientierung am frühesten; 2. die Halluzinationen — meistens des Gehörs — überwiegen; 3. die ungenügende Korrektion des Deliriums dauert an. Einigemal konnte er beobachten, daß die gebliebenen Residuen Tendenz haben, sich zuent zu verstärken und erst dann zu verschwinden. Prognostisch sind die Fälle von protrahiertem Verlauf dadurch ungünstiger, daß sie auf eine Neigung zu chronischen alkoholischen Psychosen deuten. 40) Statistische und klinlsohe Mitteilungen über das Delirium tremens, von E. Glaussen. (Inaug.-Dissert. Kiel 1914.) Ref.:* K. Boas. Verf. ergänzt die früheren Untersuchungen Wassermeyers aus der Kieler Klinik betreffend die Jahre 1901 bis 1907 (Wassermeyer, Delirium tremens. Archiv f. Psyoh. XLIV) durch Mitteilung von 208 Delirium tremens-Fällen aus den letzten 5 Jahren, 1908 Mb 1912. Aus der fleißigen statistischen Zusammen¬ stellung können im Rahmen eines Referates hier nur einige Punkte berührt werden: 55°/ 0 der Fälle waren kompliziert. Von 84 Komplikationen (ohne Epilepsie) (a 21,4 °/o) standen stärkere Verletzungen, Quetschungen, Distorsionen an erster Stelle, an zweiter Stelle Pneumonie (fast jede 6. Komplikation war eine Pneumonie), an dritter Stelle folgen die Frakturen. Die übrigen äußeren Gelegenheitsursachen figurieren nur mit wenigen oder einem Falle. Komplikation mit Epilepsie fand Verf. in 33,6 °/ 0 , davon in 8 °/ 0 Ausbruch des Deliriums unmittelbar im Ansohlnß an den epileptischen Anfall. 41) Über die Zerebrospinalflüssigkeit und über die Wirkung der Lumbal¬ punktion beim Delirium potetorum, von Richard Steinebach. (Deutsche med. Wochensohr. 1915. Nr. 13.) Ref.: Kurt Mendel. Verf. berichtet zunächst über einen Fall von alkohologener reflektorischer Pupillenstarre (Nonne) mit negativem Ausfall der vier Reaktionen. In diesem Falle fand sich ferner eine Druckerhöhung des Liquor spinalis. Bald nach der Punktion legte sich die Erregung des Pat. und das Delirium verschwand. Die Pupillenstarre blieb konstant. Einen ganz ähnlichen Fall beobachtete Verf. drei Monate später. Bei vielen Fällen von Rausch fand Verl, wie Schottmüller und Sohumm (d. Centr. 1912. S. 1020), Alkohol im Liquor. Der Alkoholgehalt des Liquor ist abhängig von der zuletzt genossenen Menge geistiger Getränke und der seitdem verflossenen Zeit; für das Delirium selbst ist er bedeutungslos. Bei 18 von 52 Fällen von Delirium tremens führte Verl die Lumbalpunktion aus. In 14 dieser Fälle (= 78 °/ 0 ) bestand eine zum Teil recht erhebliche Druck¬ steigerung. Wahrscheinlich besteht der erhöhte Druck während der ganzen Dauer des Deliriums fort. Die Drucksteigerung ist auf das Delirium zu beziehen und nicht etwa eine Begleiterscheinung des gleichzeitig bestehenden chronischen Alko- holismuB, zumal bei letzterem Druoksteigerung nicht gefunden wird, auch bestand in einem daraufhin untersuchten Falle die Druokerhöhung des Liquors nur während des Deliriums und nahm nach Ablauf desselben schnell ab. Fast sämtliche Delirien, bei denen die Lumbalpunktion vorgenommen wurde, verliefen bedeutend milder und endeten in viel kürzerer Zeit ab sonst; die moto¬ rische Unruhe ließ nach der Lumbalpunktion schnell nach, Bettflucht und Be- Digitized by Gck igle Original fro-m UMIVERS1TY OF MICHIGAN 950 schäftigungsdrang verschwanden, und in den meisten Fällen trat ohne Hypnotika tiefer Schlaf ein. Durch die Lumbalpunktion wird die Dauer des Deliriums um 60°/ o und die Zeit der Unruhe um 75°/ 0 verkürzt. Durch diese Beseitigung der Unruhe mittels der Lumbalpunktion ist auch die Gefahr plötzlicher Herzschwäche ■ehr vermindert. Schlafmittel sind kaum nötig, höchstens mal Paraldehyd. Beim akuten AlkoholiBmus übt der Alkohol einen Beiz auf die Meningen aus, letztere antworten auf diesen Reiz mit gesteigerter Sekretion; daher die Druck¬ steigerung des Liquor. Beim Delirium wird aber die Vermehrung der Liquor¬ menge wahrscheinlich bedingt durch ein daB Delirium herbeiführendes besonderes Gift, welches die Meningen in Beizzustand versetzt. Die Pathogenese des Deliriums kann man sich hiernach auf folgende Weise vorstellen: Das im Körper entstehende und durch irgendwelche Umstände zurückbehaltene „Zwischengift“ wirkt auf die durch den chronischen Alkoholismus geschädigten Hirnhäute als krankhafter Beiz ein und ruft eine Steigerung der Sekretion, eventuell auch eine Hemmung der Resorption hervor; die weitere Folge ist eine Vermehrung der Liquormenge und Steigerung des Lumbaldruckes. Die günstige Wirkung der Lumbalpunktion ist zurückzuführen auf die Druck¬ entlastung, sowie besonders auf Beseitigung eines Teiles des Giftes oder Ver¬ minderung der Giftkonzentration im Liquor; der krankhafte Beiz läßt nach, und das Gleichgewicht zwischen Sekretion und Abfluß stellt sich wieder her. Deshalb empfiehlt es sich, soviel Liquor als möglich abzulassen und dann mit physiologischer Kochsalzlösung aufzufüllen, bis mindestens wieder normaler Druck vorhanden ist. 42) Zur strafrechtlichen Beurteilung des alkoholischen Btfereuohtwahns, von E. Prasse. (Inaug.-Dissert. Kiel 1915.) Ref.: K. Boas. Verf. berichtet über einen 52jähr. chronischen Alkoholiker, .der anfangs an typisohem Eifersuchtswahn litt. Kriminell wurde der Fall durch einen Revolver¬ anschlag auf seine Ehefrau. Auch sonst bot Pat. starke unsoziale Züge (Ver- —Setzung von eigenen und Sachen der Frau, um Bich Alkohol zu verschaffen, Be¬ drohung und Beschimpfung der Familienangehörigen) dar. Das ausführlich mit¬ geteilte Gutachten kommt zu dem Ergebnis, daß der Täter ein periodischer Trinker sei, daß er zwar bei der ersten Aufnahme an Eifersuchtswahn gelitten habe, daß davon aber bei der zweiten Aufnahme keine Spur mehr vorhanden sei. Infolge¬ dessen kann das Gutachten die Voraussetzungen des § 51 StrGB. nicht anerkennen, sondern hält bei dem Angeklagten nur eine verminderte Zurechnungsfähigkeit für vorliegend. 48) Zweifkeher Mord und mehrfache Körperverletzung im trunkenen Zustande, Verneinung einer vollen Berauschung und eines patho¬ logischen Rauschzustandes. Verurteilung. Fakultätsgutachten , von v. Wagner. (Wiener med. Wochenschr. 1914. Nr. 6 u. 7.) Bef.: Pilcz. Der Titel gibt das Wesentliche des Falles an. Die scharfsinnigen Beweis¬ führungen gegen die Annahme der vom Inkulpaten und von den Vorgutachtem behaupteten lückenlosen Amnesie müssen im Orginal nachgelesen werden. 44) Zur Behandlung des Delirium tremens mit Veronal, von Ernst von der Porten. (Deutsche med. Woohenschr. 1915. Nr. 2.) Bef.: Kurt MendeL Zur Behandlung des Delirium tremens sind sowohl das Scopolamin wie die Körper der Morphingruppe (Codein, Heroin, Dionin, Pantopon, Narcophin usw.) ungeeignet. Hingegen ist das Veronal sehr zu empfehlen, auch Medinal als Zäpfchen. Verf. verfährt wie folgt: gleich nach der Aufnahme in die Anstalt lg Veronal in warmem Tee, 1 oder 2 Stunden später das zweite Gramm; kommt man mit 2 g nicht aus, so gibt man vor Ablauf von 5 Stunden ein drittes Gramm. In ganz resistenten Fällen gibt Verf innerhalb der ersten 12 Stunden 4 g VeronaL Verf. hatte bei seinen 382 Deliranten 5,49 °/ 0 Todesfälle (s. auch Ref. 29 auf S. 99 d. Centr. 1915). Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY OF MICHIGAN 951 46) Autodönonoifttion räoidivante ch«z une dipsomane, par E. Duprfi et Le Savoureux. (Gazette des höpit. 1914. Nr. 27.) Bef.: Kurt Mendel. Dipsomanie bei einer Frau. Sie wird im dipsomanischen Anfall eingeliefert und erklärt, ihr Enkelkind in die Seine geworfen zu haben. 25 Jahre vorher — als Pat. 37 Jahre alt war — war Patientin auf der Polizei eingeliefert worden und gab damals an, ihre Tochter in den Kanal geworfen zu haben. Beide Male handelte es sich um Wahnideen mit Selbstbeschuldigung. Die Verff. be¬ zeichnen sie als „delirante Stereotypien“ mit episodischem Charakter von alko¬ holischem Ursprung. 46) Döllre post-onirique de possesaion ohez un arabe, par Louis Livet. (L/Encephale. 1914. Nr. 1.) Bef.: Kurt Mendel. Fall von Delirium hallucinatorium mit Verfolgungsideen bei einem Araber. Früher Malaria und Alkoholismus, welch letzterer besonders als ätiologischer Faktor der Psychose angesehen wird. Die Naturelemente spielten eine grofle Bolle in den Wahnideen des Erkrankten. Psychiatrie. • 47) Der Inhalt der Psychose. Akademischer Vortrag, gehalten im Batbause der Stadt Zürich am 16.1. 1908, von C. G. Jung. (Leipzig u. Wien, Franz Deuticke, 1914.) Bef.: Bratz (Dalldorf). Die vorliegende zweite Auflage der Jungschen Abhandlung über die Dementia praecox ist ein fast unveränderter Abdruck der ersten in diesem Centr. schon be¬ sprochenen Auflage. Ich wiederhole deshalb nicht hier noch einmal den Inhalt der psychoanalytischen Zergliederung, welcher Verf. das Seelenleben der Dementia praecox unterwirft. Dagegen sei aus der Einleitung die Grundanschauung des Verf.’s hervor¬ gehoben, nach welcher der ganze Krankheitsprozeß der Dementia praecox psycho¬ logisch bedingt ist, z. B. aus Jugenderlebnissen sich herleitet. Die etwaigen ana¬ tomischen Veränderungen im Dementia praecox-Gehirn sind nach Verf. sekundär, d. h. durch die krankhaften seelischen Prozesse hervorgerufen. „Die Entscheidung dieser schwierigen Frage“ — so etwa lauten die be¬ treffenden Ausführungen des Verf.’s — „hängt an dem allgemeinen Problem, ob der die bisherige Psychiatrie beherrschende Lehrsatz „Geisteskrankheiten sind Gehirnkrankheiten“ eine endgültige Wahrheit darstellt oder nicht. Wir wissen, daß dieser Lehrsatz zur völligen Unfruchtbarkeit führt, sobald wir ihm allgemeine Gültigkeit zuschreiben, denn wir kennen auch zweifellos psychogene (sogenannte „hysterische“) Geistesstörungen, die man mit Becht als funktionelle bezeichnet, im Gegensatz zu den organischen Erkrankungen, welche auf nachweisbaren anato¬ mischen Veränderungen beruhen. Als organische Erkrankungen sollte man eigent¬ lich bloß solche Störungen der Gehirnfunktion bezeichnen, wo die psychischen Symptome von einer unzweifelhaft primären organischen Substraterkrankung ab- hängen. Dieser letztere Fall ist nun gerade bei Dementia praecox nicht über allen Zweifel klar. Es sind zwar anatomische Befunde vorhanden, aber wir sind immer noch weit davon entfernt, die psychologischen Symptome davon ableiten zu können. Wir haben sogar positive Erfahrungen über den funktionellen Charakter der schizophrenen Anfangszustände wenigstens; ferner ist der organische Charakter der Paranoia und vieler paranoider Formen mehr als zweifelhaft. Unter diesen Umständen dürfte sioh die Frage lohnen, ob nicht auch sekundäre Zerfallserschei- nungen aus psychologisch gestörter Funktion hervorgehen können. Dieser Ge¬ danke ist nur für denjenigen unverständlich, der ein materialistisches Vorurteil in die wissenschaftliche Theoriebildung einschmuggelt. Diese Fragestellung beruht auch nicht auf einem zugrunde liegenden und ebenso willkürlichen Spiritualismus Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 952 sondern auf folgender einfacher Überlegung: Anstatt anzunehmen, daß eine here¬ ditäre Disposition oder eine Noxe direkt einen organischen Krankheitsproxeß ein¬ leite und dadurch eine sekundäre psychische Störung veranlasse, neigt Vert der Ansicht zu, daß auf Grundlage einer Disposition, deren Natur uns vorderhand noch unbekannt ist, eine unangepaßte psychologische Funktion entstehe, welche sich gegebenenfalls bis zur manifesten Geistesstörung entwickelt und sekundär organische Zerfallserscheinungen veranlaßt. Dieser Auffassung entspricht es, daß für die primäre Natur der organischen Störung keine Beweise vorliegen, wohl aber Beweise in Menge für die Existenz einer primären psychologischen Fehl¬ funktion, deren Geschichte bis in die Jugend der Patienten zurückzuverfolgen ist. Es stimmt mit dieser Auffassung sehr gut, daß die psychoanalytische Praxis Fälle kennt, wo Patienten an der Grenze der Dementia praecox noch zur Umkehr zum normalen Leben gebracht werden konnten.“ 48) Zum Begriffe „Psychose“, von J. Stuchlik. (Revue v neuropsychopatho- logii. XII. 1915. S. 185.) Autoreferat. Die heutige Auffassung der Psychosen, wie sie in den Lehrbüchern der Psychiatrie üblich ist, ist eine sehr oberflächliche Konvention. Denn für Psychosen werden solche Erkrankungen gehalten, bei welohen die psychischen Anomalien überwiegen. Ob diese Anomalien dabei eine Folge der Veränderungen im Gehirn oder ob sie bloß funktionell (ein Begriff älterer Psychiatrie, der die Unkenntnis der wahren Grundlage maskieren sollte) waren, blieb vollkommen gleich. Von der klaren Tatsache ausgehend, daß neben den organischen, d. h. den Körper be¬ treffenden Erscheinungen, auch ganz anders geartete psychische Eigenschaften be¬ stehen, daß also wie die ersteren so auch die letzteren eine Gestalt annehmen können, die wir nicht mehr als normal zu bezeichnen imstande sind, müssen wir den Begriff Psychose ganz anders fassen, d. h. die Psychosen in wirklichen Gegen¬ satz zu den Körpererkrankungen setzen. So gewinnen wir eine andere Definition der Psychose. Die Psychose wird uns dann eine Erkrankung der Seele (diese letztere mag man sich dabei vorstellen wie man will, oder braucht man sich überhaupt nicht vorzustellen, denn an der Tatsache, daß psychische Erscheinungen existieren, und daß es infolgedessen auch einen Komplex dieser Erscheinungen gibt, ändert jedwede Auffassung nichts) darstellen, eine Störung im Mechanismus psy¬ chischer Elemente und ihrer gegenseitigen Beziehungen. Im Gegensatz zu den somatischen Erkrankungen, die eine pathologische, durch Sektion nachweisbar« Veränderung des Körpers, d. i. seiner Organe, darstellen, ist die Psychose eine Äußerung des gestörten Gleichgewichts psychischer Elemente, möge sie sich schon nur psychisch, oder auch dabei somatisch, oder vielleicht nur somatisch äußern. Also nach dieser Auffassung wird die Mehrheit der Psychosen heutiger psychiatri¬ scher Lehrbücher keine Psychose sein, denn es sind reine somatische Erkrankungen mit vielleicht überwiegenden psychischen Merkmalen; an der anderen Seite haben wir aber bis heute fast keine Psychosen in meinem Sinne; nur zwei, abgesehen noch von der großen, bis jetzt undifferenzierten Gruppe der „Neurosen“, nämlich die Schizophrenie von Bleuler und die Ichtumsstörungen von Heveroch. Die Betrachtung der Rolle der Psychoanalyse, sowie eine gründlichere Darstellung der hier skizzierten Ideen wird für eine besondere, auch deutsch zu publizierende Arbeit Vorbehalten. 49) Moderne Diagnostik in Psychiatrie und Neurologie mit Hilf« von Liquor- und Blutuntersuohungen, von Heinrich Neue. (Mediz. Klinik. 1914. Nr. 29/30.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf. beginnt seine Ausführungen mit den Liquoruntersuchungen, und zwar mit der Bedeutung der Zerebrospinalflüssigkeit im allgemeinen. Er bespricht den Liquordruck, dann die Farbe des Liquors, sowie die Zellmengen und Zellart ei und ihre Bestimmung und Bedeutung. Von Wichtigkeit ist dann die Eiweiß- Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 953 Vermehrung der Lumbalflüssigkeit, die Phase I- Reaktion. Sie ist stets negativ bei Nervengesunden, Neurosen, funktionellen Psychosen, Alkoholismus, fast aus¬ nahmslos positiv bei progressiver Paralyse, Tabes und Lues cerebrospinalis; man findet sie nicht selten auch bei Erkrankungen niohtluischer Ätiologie wie bei multipler Sklerose, Hirn- und Bückenmarkstumoren, Hirnabszessen, Meningitis, Encephalomalacie. Sie ist meist da positiv, wo eine Pleozytose besteht, jedoch ohne Parallelismus bezüglich der Stärke. Was die Wassermannsche Reaktion an¬ betrifft, so ist für den Psychiater und Neurologen die Untersuchung des Blut¬ serums gegenüber der der Lumbalflüssigkeit von untergeordneter Bedeutung, da einzig und allein die Untersuchung der Lumbalflüssigkeit Aufschluß über syphi¬ litische oder nichtsyphilitische Ätiologie einer Erkrankung des Zentralnerven¬ systems gibt; nur in wenigen Ausnahmen findet man bei luischer Ätiologie nega¬ tive Liquorreaktion. Die Weil-Kafkasche Hämolysinreaktion hat differential¬ diagnostischen Wert, auch die Langesche Goldsolreaktion. In dem zweiten Teil seiner Ausführungen bespricht Verf. die Frage, was wir aus dem Blut für die psychiatrische und neurologische Diagnostik erfahren. Er erörtert dabei zunächst die Serodiagnostik nach Abderhalden und die Wasser¬ mann sehe Reaktion. Seine eigenen Anschauungen in bezug auf das Abderhalden- sehe Dialysierverfahren gehen dahin, daß dasselbe mit Wahrscheinlichkeit ein differentialdiagnostisches Kriterium für Dementia praecox auf der einen, manisch- depressives Irresein, Psychopathie, Imbezillität, Simulation auf der anderen Seite werden wird, daß der gleichzeitige Abbau von Gehirn und anderen Organ¬ substraten bei progressiver Paralyse differentialdiagnostische Wichtigkeit zu haben scheint gegenüber der Lues cerebri, bei der sich gewöhnlich nur Abwehrfermente gegen Gehirn feBtstellen lassen, daß vielleicht auch im Hinblick auf die Stellung der Prognose bei psychischen Erkrankungen insofern von einem Fortschritt ge¬ sprochen werden kann, als Fälle, in denen bei wiederholten Untersuchungen sich ständig ein Abbau von Gehirnsubstrat findet, prognostisch ungünstiger zu be¬ urteilen sind, als solche, in denen ein derartiger Abbau nicht statthat. Von besonderem Interesse ist dann die Zählung der weißen Blutkörperoben nach Krampfanfällen wie naoh epileptischen Paroxysmen; die Leukozytose naoh epileptischen Anfällen ist wichtig gegenüber der Abgrenzung von hysterischen, psychopathischen und simulierten Zuständen. Die postparoxysmale Leukozytose ist wohl eine Schutzmaßregel des Organismus gegen die Masse der Toxine des inneren Stoffwechsels, ein Versuch automatischer Selbstentgiftung. 50) I. Über die Bedeutung der Abderhalden sehen Reaktion für Neuro- psyohopathologie, von M. Netou&ek. (Revue v neuropsychopathologiL XI. 1914. S. 62.) — IL Serologie in der Psychiatrie, von J. Stuchlik. (Ebenda. S. 6.) Ref.: J. Stuchlik (Zürich). Erste Arbeit ist ein Sammelreferat. In der zweiten Arbeit behandelt Verf. die Möglichkeiten, Grenzen und gegenwärtige Methoden der Erforschung somati¬ scher Veränderungen bei Geisteskrankheiten und die Beziehungen dieser Ver¬ änderungen zu psychischen Symptomen. Neben der Abderhalden sehen Reaktion finden Besprechung die verschiedenen Modifikationen der Wassermann sehen Reaktion (in bezug auf ihre Anwendbarkeit in der Psychiatrie), die alte „Psychoreaktion (< von Much-Holzmann, die Weichhardt sehe Reaktion u. a. m. Vollständiges Literaturverzeichnis. 51) Dialysierversuohe mit der von Pregel vereinfachten und modifizierten Methode von Abderhalden und die klinischen Befunde , von M. de Grinis. (Fermentforschung. I. 1914. H. 1.) Ref.: K. Boas. Sämtliche Fälle von Dementia praecox bauten ausnahmslos Hodengewebe ab. Von 15 Abbauversuchen unter Verwendung von Hirnrinde waren bei Dementia praecox 14 Abbau versuche positiv. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 954 Digitized by Von 15 Kontrollfallen, also psyohisohen Erkrankungen, in denen klinisch sicher keine Dementia praecox festgestellt werden konnte, waren 13 Untersuchungen des SerumB auf Abbanfähigkeit gegen Hoden absolut negativ. Der eine Fall, der positiven Hodenabban zeigte, dürfte wobl auf Erscheinungen des Involutionsalters zuxüokzuf&hren sein. Bei Hirnrinde fand Verf.: von 63 Seren reagierten mit Hirnrinde 41 positiv und in allen positiven Fällen lagen die sicheren Zeichen einer organischen Er- krankung des Zentralnervensystems vor. In einem Fall von beginnender progressiver Paralyse wurde Hirnrinde ab¬ gebaut, was sehr selten der Fall ist. Bei d,er Sektion ergab sich progressive Paralyse, daneben zwei fast eigroße Gehirntumoren, die fast vollkommen erweicht waren. Damit erklärt sich der starke Abbau. Von 30 Leberuntersuchungen gaben 17 Abbauversuche positive Reaktion, von denen in 14 psychische Erkrankungen im Sinne von depressiv-melancholischen Zuständen feststellbar waren, und in 3 Fällen eine Lebererkrankung konstatiert werden konnte. Bei den 13 negativen Resultaten lag in keinem einzigen Falle eine psychische Erkrankung im Sinne eines depressiven melancholischen Zustandes oder eine organische Lebererkrankung vor. Von vier Untersuchungen des Abbaues von normaler Schilddrüse waren zwei positiv, in denen auch klinisch eine Erkrankung der Schilddrüse nachweisbar war. 52) Die Abwehrfermente Abderhaldens in der Psyohiatrie, von F. Sioli. (Archiv f. Psych. LV. 1914. H. 1.) Ref.: Kurt Mendel. Mit normalem Gehirn fiel die Reaktion in 14 von 16 Fällen negativ aoa nur in 2 Fällen, einem luetischen Alkoholiker und einem Presbyophrenen, positiv, der Presbyophrene reagierte außerdem gegen Paralytikergehirn, der luetische Alkoholiker gegen Katatonikergehirn. Mit senilem Gehirn reagierten von 10 Senilen nur 2 negativ, keiner der 2 Katatoniker und 2 Paralytiker reagierte gegen seniles Gehirn, ebenso nioht eis unklarer seniler Fall und ein luetischer alter Alkoholist Mit Paralytikergehirn reagierten 3 der 10 senilen Demenzen, der unklare senile Fall, einer der beiden Paralytiker. Mit Katatonikergehirn reagierte der alte luetische Alkoholist und ein Para- lytiker, keiner der senil Dementen. Die Befunde, die mit der Abderhalden sehen Methode erhoben sind, zeigen zwar bei allen Untersuchern wiederkehrende Unterschiede in der Reaktion bei manisch- depressivem Irresein und anderen Psychosen, sie sind jedoch noch nicht so ein¬ deutig, daß sie zur Diagnostik und Prognostik oder zur Grundlage von patho¬ genetischen Erörterungen heran gezogen werden können. 53) Über den Nachweis von sogenannten Abwehrfermenten im Urin, von V. Kafka. (Mediz. Klinik. 1914. Nr. 30.) Ref.: E. Tobias (Berlin). Verf.'hat 108 Harne von 99 Fällen (Normale und Kranke) auf proteolytisch? Fermente untersucht. Unter den Kranken waren Fälle von Dementia praecox manisch-depressivem Irresein, Paralyse, Epilepsie, Psychopathie, Idiotie, Lu« cerebri usw. Die Untersuchungen ergeben, daß man tatsächlich in der Lage ist, unter geeigneten Bedingungen im Urin spezifische und inaktivierbare proteolytische Fermente nachzuweisen. 64) Per la oonosoenza della patologia delPappareoohlo surrenale ne«li amm&lati di mente, per Masini e Vidoni. (Rivista sperimentale difre* niatria. XL. 1914. H. 3.) Ref.: R. Ganter. Die Verff. haben bei verschiedenen Formen von Geisteskrankheiten mikro> skopische Untersuchungen der Nebennieren angestellt. Sie fanden die Nebennieren Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 955 mehr oder weniger verändert: Atrophie oder Hyperplasie der Kortikalsubstanz, Vermehrung der lipoiden Bestandteile, Abnahme der Marksubstanz, Abnahme der chromaffinen Bestandteile, Vermehrung des Bindegewebes usw. Die Verff. lassen es dahingestellt, welche Beziehungen zwischen diesen Befunden der Nebennieren und der geistigen Erkrankung bestehen, desgleichen ob auch andere Organ¬ erkrankungen dabei eine Bolle spielen. Immerhin wollen die Verff. in ihren Be¬ funden eine Bestätigung der Hypothese sehen, wonach die Hypoplasie der Neben¬ nieren dazu beiträgt, die Widerstandskraft des Organismus gegen krankheits¬ erregende Ursachen zu sohwächen, und wonach ferner die Hypertrophie der Kortikalsubstanz gleichen Schritt hält mit der Involution der Nebennieren. Forensische Psychiatrie. 56) Dte Bolle der Gefangenschaft in der Ätiologie der Geisteskrankheiten, von E. E. Moravcsik. (Strafrechtliche Arbeiten. Budapest 1914.) Ref.: Hudovernig (Budapest). Verf. bespricht seine 20jähr. Erfahrungen, welche er als Gerichtspsychiater und Leiter der justiziellen Landesbeobachtungsabteilung sammelte. Nach einem literarischen Rückblick betont er, daß die Gefangenschaft viele solche psychische und physische Momente hervorbringt, welche geeignet sind, die Funktion des Nervensystems in ihrem Gleichgewichte zu stören. Verändertes Milieu, Ernährungs¬ verhältnisse, strenge Disziplin, verhinderte Wünsche, Begebungen und Pläne, moralische Rückwirkung der Straffolgen, Bewußtsein des Freiheitsverlustes, ge- brochene Hoffnungen und Besorgnisse können die allgemeine Ernährung, den Schlaf, das vasomotorische Gleichgewicht stören, Blutarmut, mangelnde Ernährung des Gehirns, funktionelle Störungen verursachen, namentlich bei bestehender Disposition, bei degenerierten Personen. Wenn jwir aber den Einfluß der Straf¬ haft auf den psychischen Zustand werten, dürfen wir nicht vergessen, daß das Zusammenwirken vieler schädlicher Momente seine kumulierte Wirkung betätigt. Solche können sein: Alkohol, Lues, Trauma, Epilepsie, Hysterie und Folgen eines unruhigen stürmischen Lebens. Bei den während der Detention geistig Erkrankten fand Verf. in 42,8°/ 0 erbliche Belastung, bei 48,5% Schädeltrauma, bei 22,8°/ 0 Syphilis, bei 35,7°/ 0 Alkoholmißbrauch; bei 15,5°/ 0 war geistige Schwäche mit Verminderung der moralischen Empfindung nachweisbar, körperliche und geistige Degenerationszsichen bei 62,8 °/ 0 . Von den Fällen bezogen sich 85,7 °/ 0 auf Männer, 14,3°/ 0 auf Weiber. Die überwiegende Zahl (72,7°/ 0 ) stand zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Ebenso stand die Mehrzahl wegen Verbrechens wider das Leben und wegen Körperverletzung (Mord, Totschlag, gefährliche Körper¬ verletzung, 45,7 °/ 0 ) oder wegen Diebstahls und Unterschlagung (30°/ 0 ) unter Untersuchung oder in Urteilsvollstreckung. Rückfällig waren 50°/ 0 . Bei 42,87 °/ 0 der Gefangenschaftspsychosen handelte es sich um eine Ver¬ schlimmerung einer bereits bestehenden Psychose (Dementia praecox, Dementia paralytica), und bei 16,99 °/ 0 entwickelten sich die psychotischen Erscheinungen auf dem Boden der Hysterie oder Epilepsie. Nur bei einer geringen Anzahl der Fälle war die ausschließlich während der Strafhaft entstandene psychische Er¬ krankung nachweisbar, und zwar in manisch-depressiver, halluzinatorischer und paranoischer Form; die zwei ersteren zumeist im Beginne der Strafhaft mit ziemlich günstigem Verlaufe, hingegen die letztere erst in einem späteren Stadium (z. B. bei einem wegen Mordes zu lebenslänglichem Zuohtbause verurteilten Manne erst im 8. Jahre der Haft). Namentlich erhalten durch die Gefangenschaft eine spezielle Färbung die paranoischen Erkrankungen, wobei die Kranken über un¬ gerechte Strafe klagen, und zwar entweder in dem Sinne, daß sie Bich als frei- Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 956 gesprochen betrachten, oder daß sie meinen, ihre Strafzeit wäre bereits abgelaufen, oder schließlich klagen sie darüber, daß sie die Strafe eines anderen abbüßen müssen. In Begleitung von Verfolgungs- und Vergiftungswahn und derartigen Sinnestäuschungen tritt ein hartnäckiger querulanter Zug in den Vordergrund, aber auch Größen- und religiöser Wahn kann Vorkommen. So behauptete ein Mann, die Wachen ermordeten allnächtlich einen Mann in der Nebenzelle, er höre dessen Wehgeschrei, sein Todesröcheln, ebenso aach die Stimmen der Wachen, daß sie nun auch bald mit ihm ein Ende machen wollten; man habe auch eine Hexe gegen ihn gehetzt, welche ihm unflätige Worte zurufe. Zumeist zeigen sich die Sinnestäuschungen auf akustischem Gebiet, diejenigen der anderen Sinnes¬ organe kommen seltener vor. Konfabulation und bei Hysterischen auch das Ganser sehe Symptom pflegen vorzukommen. Verf. erblickt in der Strafhaft bloß eine Gelegenheitsursache, welche die Psychose auf Grund einer angeborenen oder erworbenen Disposition zum Ara¬ bische bringt. III. Aus den Gesellschaften. 40. Wanderversammlung s&dwestdeutsoher Neurologen und Irrenirste am 29. und 30. Mal 1915 ln Baden-Baden. Ref.: Steiner (Straßbarg i/E.). (Fortsetzung.) Diskussion zu den vorausgegangenen Vorträgen: Herr Weil (Straßburg) trägt die Erfahrungen vor, die in der Straßburger Universitätsklinik für Ohren- und Kehlkopfkrankheiten bei Fraktionsprüfungen des Ohres bei einer Reihe von Soldaten mit Granaterschütterungen, darunter auch 21 Fällen des Herrn Wollenberg, gemacht wurden. Bei fast allen fand Bich bei intaktem Trommelfell eine mehr oder weniger starke Erkrankung des inneren Ohres, sowohl des Hör- wie auch des Gleiohgewichtsapparates. Er macht auf die pathologisch-anatomischen Befunde am Gortischen Organe, wie sie aus den experi¬ mentellen Untersuchungen Wittmaacks, Yoshiis u. a. nach Detonationen vorliegen, aufmerksam und glaubt, daß es sich im menschlichen Labyrinth nach Granat- ersohütterungen wohl um ähnliche Veränderungen handeln könne. Nicht immer sei es leicht zu sagen, inwieweit das Ohr und inwieweit das Zentralnervensystem bei der Granaterschütterung beteiligt sei; er empfiehlt daher, um der Lösung dieser Frage näher zu kommen, recht bald nach dem Trauma Fälle von Granat¬ erschütterungen auch otologisch und, falls solche Verletzte zur Autopsie kommen sollten, die Felsenbeine mikroskopisch untersuchen zu lassen. Herr Gaupp (Tübingen) stimmt den Ausführungen Nonnes durchaus zu und legt in Kürze die Gründe dar, die ihn veranlassen, bei den Wirkungen der Granat- ersohütterung den seelischen Faktor in die vorderste Linie zu stellen, wie er dies ja in seiner Abhandlung über die Granatkontusion bereits auf Grund umfang¬ reicher Erfahrung getan hat. Er erkennt dabei an, daß Kombinationen mit organischen Veränderungen namentlich von seiten des Ohrs, aber auch des Gehirns Vorkommen. In der Beurteilung der Lehre von der traumatischen Neurose steht er genau auf dem gleiohen Standpunkt wie Nonne. Mit Hocke sieht G. die Schwierigkeit, hysterische Krankheitsbilder nach Granaterschütt^rung als rein psychogen zu deuten, hauptsächlich darin, daß angeblioh häufig im Moment der Granatexplosion die Bewußtlosigkeit auftritt, so daß für eine psychische Wirkung solcher Vorkommnisse kaum Zeit vorhanden zu sein scheint. Allein es ist doch nicht zu vergessen, daß wir über den wirklichen zeitlichen Ablauf der Vorgänge Digitized by Gck igle □ rigiral fre UNIVERSITY OF MICHIGAN 957 infolge der häufigen nachträglichen Amnesie meist nichts Sicheres erfahren können und daß wir auch keine klare Vorstellung davon haben, wie rasch sich in solchen Momenten seelische Vorgänge abspielen können. Mag auch ferner bei der un¬ mittelbaren Wirkung der Granatexplosion auf das Nervensystem die physische Erschütterung durch Luftdruck usw. eine gewisse Bedeutung besitzen, so sind doch sicherlich für die Fortdauer und die weitere Ausgestaltung der psychogenen Krankheitsbilder die seelischen Faktoren ausschlaggebend. Dies beweisen die Erfolge der Therapie und vor allem die Wiederkehr ganz gleichartiger Zustände unter sicherlich rein seelischen Einwirkungen. Derartige Beispiele hat G. in seiner Schrift über die Granatkontusion gegeben, und seine seitherigen Erfahrungen bestätigen durchaus das dort Geschriebene. s Herr Weintraud (Wiesbaden) betont die verhängnisvolle Bolle, die unvor¬ sichtige und unzutreffende Äußerungen und Verordnungen am Krankenbett von Kriegskranken bei der Entstehung und Fixierung psychogener Beschwerden spielen. Wenn einem Kranken mit einem gut geheilten Lungenschuß von jedem Arzt, der die Narbe in der Aortengegend sieht, immer wieder gesagt wird: „Sie können ihrem Schöpfer danken, daß Sie überhaupt noch am Leben sind“, so wirkt der psychische Shock bei ihm ebenso verhängnisvoll wie die Erkenntnis der überstan¬ denen Gefahr beim Reiter in dem Gedicht „Der Reiter und der Bodensee“. Es kommt dazu, daß selbst der gebildete Laie von der psychogenen Entstehung von Be¬ schwerden noch gar nichts weiß und ohne Kenntnis eines solchen Zusammenhangs neurasthenische usw. Beschwerden keineswegs motiviert findet, wenn man sie ihm nur als „nervös“ bezeichnet. In vielen Fällen sind es ungerechtfertigte thera¬ peutische Maßnahmen, Warnung vor der geringsten Körperanstrengung bei einem Herzneurastheniker, wochenlange Ulcusdiät bei einer Hämorrhoidalblutung, die als „Magenverbluten “aufgefaßt wurde, usw., die zu Fixierung illegitimer Beschwerden führen. Es müßten deshalb wenigstens im Heimatgebiet alle Kranken möglichst frühzeitig von einem Facharzt gesehen werden können. Nur so wird das Optimum der Behandlung erreicht. Es gehört dazu eben auch das Vertrauen des Patienten zu seinem Arzt, das nicht gefördert wird, wenn unsichere Urteile und Ver¬ mutungen am Krankenbett geäußert und in die Krankengeschichten diktiert werden. Vielmehr entwickeln sich dadurch neurasthenische und hypochondrische Vorstellungen bei den Kranken, die später schwer zu beseitigen sind, wenn der Kranke in die Behandlung eines anderen Arztes kommt, der die Entstehung dieser Symptome bei ihm nicht mit erlebt hat. HerrSaenger (zu Wollenbergs Vortrag): Bei der Granaterschütterung wird viel von den Wirkungen des Luftdrucks, der giftigen Gase, der Erschütterung des Körpers gesprochen. Zu wenig wird in Rechnung gezogen, daß feinste Granat¬ splitter in den Körper eindringen können, ohne äußerlich sichtbare Spuren zu hinterlassen. S. führt einen Fall von einseitiger Erblindung eines Mannes infolge einer Granatexplosion an. Die Untersuchung ergab eine rechtsseitige Optikus¬ atrophie. Daraufhin wurde von Albers-Schönberg eine Röntgenaufnahme ge¬ macht, die zahlreiche feinste Granatsplitter in der rechten Orbita feststellte. Herr Saenger (zu Nonnes Vortrag) stimmt mit den Ausführungen des Vortr. überein. In bezug auf die Behandlung bevorzugt er die Wacbsuggestion, mit deren Anwendung er in einschlägigen Fällen Erfolge erzielt hat. Die Be¬ zeichnung „traumatische Kriegsneurose“ sollte man vermeiden. Herr Lilienstein (Bad Nauheim-Giessen): Zur Kritik des Begriffs der trau¬ matischen Neurose und mit Rücksicht auf die Pathogenese dieses Krankheitsbildes berichtet L. über die auffallende und überraschende Tatsaohe, daß bei Kriegsgefangenen seiner Beobachtung Nervenkrankheiten und besonders funktionelle Störungen fehlen. Auch die Erscheinungen der Granaterschütterung, wie sie von Wollenberg heute Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 958 dargestellt wurden, fehlen vollständig. Diese auffallende Tatsache läßt sieh kaum ausreichend erklären. In Betracht kommen als Schutz der Nervengesundheit: 1. das Gefühl der Sicherheit, die Tatsache, daß die Gefangenen den Aufregungen des Kampfes und der Lebensgefahr entzogen sind, 2. der Fortfall des Alkohols, 3. die sexuelle Abstinenz, 4. die Diät, 5. die streng durchgeführte Nachtruhe von 9 Uhr abends bis 6 Uhr morgens. Andrerseits fehlen natürlich schädigende emotionelle Momente nicht: Trennung von der Heimat, ungewohnte Umgebung usw. Herr Brodmann (Tübingen) möchte in Übereinstimmung mit Herrn Wollen¬ berg auf das kominotionelle Moment bei Granatexplosionen größeren Nachdruck legen, als es vielfach geschieht. Durch Fortsohleudern, Fall oder den gewaltigen Gasdruck allein kommen ErschütterungsWirkungen mit organischen Läsionen innerer Organe trotz intakter Körperoberfläche vor, wie wir von Brust- und Bauchkontusionen wissen. Schädigungen ähnlicher Art können sich auch am Gehirn (und Rückenmark) geltend machen. Herr Wollenberg: Hinsichtlich der traumatischen Neurose stehe ich auf dem Standpunkt von Herrn Nonne; ich sehe in ihr lediglich einen ätiologischen Begriff, einen Sonderf&ll anderer bekannter Krankheitsformen. Herr Gau pp ist auf meine Ausführungen hinsichtlich der Häufigkeit positiver Befunde am Gehör¬ organ nicht eingegaogen, pflichtet mir aber, wie ich sehe, bei. Herr Aschaffen¬ burg hat auf breiterer Grundlage ausgeführt, was ich mit Bezug auf das Gehör¬ organ gesagt habe. Hinsichtlich der tatsächlichen Feststellungen an diesem und ihrer Bewertung muß ich die Verantwortung natürlich unserem otologischen Be¬ rater überlassen. — Ich stehe auch durchaus auf dem Standpunkt, daß die uns hier beschäftigenden Krankheitsbilder im wesentlichen emotionell oder psychogen sind, meine aber, daß man doch in jedem Fall recht sorgfältig nach etwa gleich¬ zeitig vorhandenen organischen Veränderungen suchen sollte. — Die Zentralisierung einer größeren Anzahl von Nervenkranken ist nicht unbedenklich wegen der gegen¬ seitigen ungünstigen Beeinflussung. Wenn bei Kriegsgefangenen die erwähnten hysterischen und anderen psychischrnervösen Störungen von verschiedenen Beobach¬ tern vermißt worden sind, so ist dies wohl dadurch zu erklären, daß bei ihnen eben die innerlich erregenden Momente schon fortgefallen sind; solche Beobach¬ tungen beweisen aber nicht, daß nicht auch da früher nervöse Störungen bestanden haben. Herr Feldmann (Stuttgart, z. Zt. Breisach) hat unter vielen Kranken, die bisher sein Lazarett passiert haben, viele Nervenkranke gehabt, und zwar über¬ wiegen nach seiner Ansicht bei den aus dem Feld Eingelieferten die Herzneurosen — sie finden sich in außerordentlich hoher Zahl —, unter den aus der Festung Eingelieferten die Degenerierten, zu denen besonders die aus dem unausgebildeten Landsturm formierten Armierungskompagnien ein hohes Kontingent stellen. In den letzten Monaten mehren sich durch die schweren Artilleriekämpfe alle Arten von Neurosen, ebenso treten mehr leichte Depressionspsychosen auf. Bezüglich dieser Fälle scheint es dem Vortr. von Nachteil zu sein, wenn man solche Fälle in einzelnen Lazaretten anhäuft, da sie zweifellos einander ungünstig beeinflussen. Sie sind zunächst nicht felddienstfähig, auch nicht garnisondienstfähig, aber gerade für sie eignet sich besonders die von der Heeresverwaltung neuerdings eingeführte und sehr brauchbare Charakterisierung als- arbeitsverwendungsfähig. Die Leiter der Lazarette müssen hiervon einen möglichst weitgehenden Gebrauch machen und dafür sorgen, daß die neurasthenischen Individuen sobald wie möglich einer ihrer bürgerlichen Hantierung angenäherten Arbeit im Heeresdienst zugeführt werden. Herr Poppelreuter (Cöln) äußert sich kurz zur Prüfung der Arbeitsfähig¬ keit bei Neurosen. Herr Aschaffenburg: Ich bin wohl falsch verstanden worden. Nicht bei Luftdruck, sondern bei Streifschüssen, auch solchen ganz oberflächlicher Art, kann Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 959 es zur Absprengung von Knochensplittern kommen. Ich erkenne die Schwierig¬ keit an, bei Blutungen im Auge mit aller Bestimmtheit auszuschließen, daß nicht doch ein Klumpen Erde, ein Stück Holz oder ein feines Sandkörnchen das Auge getroffen haben kann, zumal die Erinnerung an die Vorgänge meist nicht klar ist oder ganz fehlt. Aber es sind dooh Fälle beobachtet worden, in denen kein Zweifel besteht, daß keine andere äußere Schädigung das Auge getroffen hat als der Luftdruck. Was für das Ohr als feststehende Tatsache anerkannt ist, kann doch auch für das Auge nicht gleichgültig sein. Ich sehe wirklich nicht ein, weshalb die mechanische Gewalt des Luftdrucks einer vorbeisausenden oder einer platzenden Granate, durch den die Umstehenden meterweit fortgesohleudert werden können, geringer eingeschätzt wird als die eines gegen das wohl meist geschlossene Auge fliegenden Erdklumpens. Ich lege übrigens nur deshalb Wert darauf, den Luftdruck unter die übrigen mechanischen Ursachen (Fall, Stoß, Schlag, Ver¬ schüttung) der Folgen der Granatezplosionen einzureihen, weil er oft die einzige Erklärung für die Entstehung einzelner Störungen ist. Den Nachweis solcher organischer Störungen aber, die nach meinen Beobachtungen bei Granaterschütte¬ rungen so überaus häufig Vorkommen, halte ich deshalb für überaus wichtig, weil manche klinischen Bilder ohne Annahme anatomischer Veränderungen nicht zu verstehen sind, und weil wir hoffen dürfen, durch derartige organische Merkzeichen eher hinter die Vorgänge zu kommen, auf denen die traumatische Demenz beruht. Wenn auch das Vorhandensein klinischer Zeichen organischer Veränderungen viele Kranke vor dem Verkennen ihrer Beschwerden als simulierter schützen kann, ao kommen wir natürlich dem Wesen der psychogenen Erscheinungen keinen Schritt näher. Die Granatfolgen sind nur ein leicht übersehbares Beispiel der vielen, bei denen sich, wie ich ausgeführt habe, psychisch-nervöse mit organisch- nervösen Symptomen verbinden und durchkreuzen. So verlockend es ist, von diesem Zusammenvorkommen aus theoretischen Erwägungen über innere Zusammen¬ hänge der Erscheinungen nachzugeben, so überwiegt für den Augenblick das praktische Interesse unserer Kranken, die empfindlichen Schaden leiden können, wenn über der Vordringlichkeit der einen Symptomenreihe die andere über¬ sehen wird. Herr Dinkler (Aachen) hebt die Abhängigkeit des nervösen Zustandsbildes von den schädigenden auslösenden Einflüssen während der verschiedenen Phasen des Feldzuges hervor; so ist ihm im Anfang, wo außer begreiflicher höchster Erregung an der Grenze größere Marschleistungen bei großer Hitze den ungeübten, durch den Druck des Tornisters beschwerten Soldaten ermüdet haben, ein eigen¬ artiges Krankheitsbild, große Dyspnoe bei dauernder Inspirationsstellung und ober¬ flächlichster Atmung mit Kollapserscheinungen, aufgefallen. Die Erklärung liegt wohl unter dem großen psychischen Druck relativ nabe; die BrustmuBkulatur, die Atemmuskeln sind überanstrengt, und so entwickelt sich ein eigentümlicher Krampf¬ zustand in den übermüdeten bzw. überreizten Gebieten des Nervensystems. Nach bämorrh, ihatbese 481/ Hughes i Tetanie n. Apj[»£ödr eit is 130; ! fi»Ih.nej * ”* 0 !2* . . Htusnmns« Schuß verletz, am perjph. Xerx^r« 432. JJ utiiw&l: *$ 07 « Hunt: ■♦33! ««77. Lhwcer: ♦»*?. H n*eimuHi: Veronad veri&tttiig . /■ H<Vi FtOgr. Femclnrinid :. ; 457; ' : ■ : • , “' : ,V HrdV'. *:m. infehl: Paradoxe Bis JJnf&UfcfpJge 48S; S ^ hi^r?ioll : *330. ' \'\:• : '- -:-y.; H^'M* > 1 1 • ; •« , ' ; ! liütm *Wp, 1 ; W&ritior<*j*iihtm* \ •; f V. ft, ^Gebtiiinrn Stfy V 1 1 vev i Rektion ; •.bfti • Kegm j 1 78. , l^Amuc^r In J&-; l?an 130, - \j Intern 160 u. HU. JrtbteniG *072 Jcicob«: ^ r ji00v JrtOöIwnhn, Leo: u 1 *. Nöf * veim*Ujoi LH. *ÄÖ& — Loiii^- (T3S). Jtie^uin : JiJYemlo Pandit? 20* J/lKfigosh»; ihytp&i inxwcifit; ^yTftplftftie 820. Jaki:4n *320 - A.: Saivfit^uii 104, *33;!'. Jakol»f.haJ: *334, «UmSKK.- *#j& .f;« rmehuMdcy: Qj\Ydteife% <>Mi. “k^^ör. *332, " •:’ ,;?,,v • /‘ v ’•' Jam*?*« J&udSohkO; <*877. JarftowJd; Ruttei markst-umnr 2*47 JVvlU&ka: A*.UIamliihmV 785.; Tkr 012, Ji-Porvm:'*335'.- J<--cr: ♦$*& John;; *33,! Jul Lunik: *B78, Jfnkim: *334. Jeniüng*? *5biL ^ 97t — Jentseh; Julius Robert. Mayer i KaÜski: *335. m. r ;-> •V ,, 'v I ; * ” fxiäw^ii *m. Josifthek i ^TatamiiRlM^^diftrig l RbPc« f Kc&ultfb Pevtft* »ebfe 402. *510. Hyp}ti{^re^kli'<0; } (W>, «ih^eopi Blindheit bei Soidafcea -Kämmerer; sf M7, : OOCb f iiatikijeif t * 3 ^. V Mm VIZL Köpfen: *331. "*332. fifritd! ShUföienkppm?kurtmg im Punktiun. Tatigk. u. Atta- Bno'kecMark .'1,74 ii Äin. ^iß m. | (175). (17BJ. Jphn^löh : *3H + He j nisphäreno:r*t*irpation RontgopRf«rahlctt. Kj/iP 74» 207. JmUv* (•%.? Nwensf.^tiou ^ine.n ; Gi'ivnaie.xpJ.oston 350. *320. 437 A .*i p i08 < -.>' *33 L . *i)i2, *nl I. Üugew5kn]. zemhr. ßrkr, ‘•^io^jfagx:.; I nanh- .Sohmpnoljverl. 456. profr,' ft3j&;' ! *5H. . *879. iVnlail 748. Jonft. do.: *33L ' ' ’ /. JoärJaäx *33 L KeohachL Tiimorcn im ParietWlappeu r $*■ d«ß Peld- 402. v n ..... * -r’A ’• * &»#>'* MW '**?& ■ ' js^wr^r Wfr :. •; ;;::l:KÄtr*; '*3H v . ^ ÄjsfMj%iat. bei AikoimKkern ; Klei>ibuyibrückönwi'nkel* ((< . ■.!/; : ' j goschwitlat, *3(H). Jonelsop.: Wrixgvochvnifet i/iikla!«, O,: *32».. • Ö^ibht^hallftziu, 383. .‘*Öü8.7 " >yy' y‘ / Öewtit• ÖA^fefttwickL u. \ I^Uermarm; *334. inastro, .Sekretlon 8^1, . K<4k*y: Joseph. *810. KeÜÄox' *G70, Jon^hiu; *50». Opium ^rom bei EpÜ v <58. Jnarros: EpilepBiebeJmndl. 758. "^8HO. juliusburger: Kjriegso'^urois&n*' Eeliogg; ^ rMrbiob «cl<»•- 001. j • KrauklJ. in Aumil:» 22. Jung:Inhalt der Plyclios^ »oL.' iveeiviut^Odaotil. Jungmaim: *072, ; - A ^ . v | { a, SiO, .Ky.iüp.. *50:t. 1; kiunpf: *878. ; ! Kprapn ^7 *333. /;. .% /t 11 ? - Mo Kbmian ■ *334. •. ■ ■ HUIkä: Saiyar^p i< öntftröns.traiüen tt. fipiiöpöie IG». 74». Goldsrjr^ktp>« 17L *335. ^ Kenrndy: *332. Tkanlo 41^ ‘1#W. *50»J i Kerl: SpitValObsu. rtHcfe 3«0o* •Hft ' '• ’ / • «atvar^an Ibis. H '335 Esyoh^n^uä^Ä Ä tniili j ApÄraltoie von Sklorosc- 023.. PoHoo' vd. 7:Te 8chuü dureb.v Okzipaasihim Ken: *330.. •. $23; • - .Kcnpi ’ Mn A bwebil0r(uP'I 'b^ehadlgttiji 7i3V Kviliane: ft < K iokii; Alkuhtd b. lyw^d^b^]^ 'Kri,;M^ii»e;.t!7Jj; 437. *300. licbk^it 040. FaitUiopUi.patibo J5H». *072. Kit näßt ? hYoudylit U' curvjc. K•■•‘ib.j :. Apüütlflu f»tW,li 307. H»i. *335. K'ionböch : fA-ontg:©i| heb and!. kd KÄkdrjtttst^r: >Sä«i^ jtm I>om. BasedrÄ 831. v * pira^o, ofe. *00», *877. Kindk? *331. Kalm her. X fSw » : ^l iving." *333, Go gle 972 Mc Kinnis: *334. Kip: Kraft beider Hände 720. Kirchmayr: *334. Kirschner: Schußverletz, der periph. Nerven 309. *511. Klages: *367. Klapp: Rückenmarksschüsse 313. *611. Kläsi: Safrolvergiftung 938. Klauder: *510. Erlaus: Basedow bei 9 Mon. altem Kinde 827. Klausner: Alopezie nach Kopf- schuß 899. Kleeblatt: *879. Kleijn, de: *508. *509. Klein, Th.: *330. — Wilh.: *331. Kleine: *333. Senile Hysterie 739. Kleinschmid: *669. Klemontz: Hirntumor 387. Me Klendree: *331. Kletstadt: *508. Klieneberger: Pubertät u. Psy¬ chopathie 663. Tetanus 782. *878. Kling: Keimträger bei Kinder- lähm. 525. *876. Klinger: Mening. epidem. 689. *876. Klinke: *333. Klose, H.: Thymusoperation 834- Kluge Psychiatr. Fortbil. dungskurse 683. Hyster. Seh- u. Hörstör, bei Soldaten 735. Klüpfel: *876. Knack: *879. Knapp: *508. Knippler: *510. Kobl&ek: Agrypnie 746. Ischias 791. Koch, R.: *332. *877. Kocher, Th.: Tetanusbehand¬ lung 93. *334. Koerner, 0.: Kriegsverletz, des Kehlkopfes 279 u. 280. Koffka: *879. Köhler, H.: *334. Kontaktinfektion des Te¬ tanus 402. Kohlmann: Halluzinose der Trinker 98. Kohn, H.: (135). Kohnstamm: Katatonusver¬ such 290. *879. Antithyreoidin u. Hypophy- sin in d. Kriegsmedizin906. Kolde: Chorea gravidarum 125. *334. Kolisko: Kohlenoxyd vergift. 941. Kollarits: Schätzung der ver¬ flossenen Zeit 559. *879. Kolossow: Ergotiemus 936. Kommerell: *335. König, H.: Progn. des Mor¬ phinismus 66. Konschegg, v.: Hypophysen - extr. u. Diurese 846. Koppang: *670. Korczynski, v.: *333. Poliomyelitis 528 u. 530. Infant. Hypothyreose 836. *877. Koritz: *330. Korner, O.: *511. Schußverletz, des Kehlkopfs 605. Traumat. Hämatom im Me- diast. 606. *669. Fazialislähm. inf. Ohr- muschelerkr. 793. Fazialislähm. inf. Mittelohr¬ oper. 793. Augenbrauen bei Fazialis- lähm. 794. Lähm, des Mundastes des Fazialis 794. Kors: Tod nach Salvarsan 162. Körte: *671. Koechewnikoff: Infant, famil. parasyphilit. Erkmngen 29. Köster, H.: *330. Kowarschik: *512. Elektrotherapie 532. Krambach: *671. Kramer: Akinet. Symptombild nach Stimhirnschuß 78. (78). (286). Alloästhesie bei subkorti¬ kalem Himherd 287. Partielle Nervenläsion bei Schußverletz. 446. (448). *509. (538). (540). Schußverl. des N. suralis 617. *879. Krasnogorski: Muskelpath. im Kindesalter 651. Kraus, E. J.: *331. Seitenventrikelgliom 391. Schilddrüse u. Hypophyse 820. — Fritz: Diathermie 531. — R.: Kretinismus 839. *877. — V.: Nervenlähm, bei Gicht 709 — W. M.: *669. Adipös, cerebr. 845. Krauss; *671. Kredel: *511. *876. Kreidl: Schmerzleitung im Rückenmark 174 u. 296. *331. Sekundäre Hörbahnen 723. Kreiss: Tetanie bei Schwan¬ geren 132. Kretschmer: *367. Kreuter: Tetanusbehandluniz 94. *334. Krinski: *332. Kroll: *332. *336. Synergiereflexe 686. Krön, H.: (135). Nervenkrankheiten 442. Gesichtslähm, in der Zahn- heilk. 443. — J.: Infant. Paralyse 29. Kronfeld: *333. *335. *512. Gamaschenschmerzen 904. Krueger: Muskelatrophie bei Tabes 537. (538). *877. Krüger: *671. — W.: *668. Meningitis cerebrospinalis 691. Kubitz: Leber bei Pseudoskier, u. Linsenkemdeueneration 475. Kühl: *509. Chorea u. Psychose 911. Kühn: Luminal bei Tetanus 94. *334. Kühns: Zahnärztl. Beh. in An¬ stalten 583. Kuiper: Japanische Tanzmau3 269. Kummant: Syphil. spin. Amyo- trophie des Schultergürtels 196. Kummer: Absteig. Ast des Hypoglossus 728. Kunz: *367. Künzel: *512. Küpferle: Strahlenther. bei Hypophysentumoren 844. *876. Kuräk: *876. Kürbitz: Kindesmord 847. Kurtzig: *336. Kutschera *668. Kropf u. Kretinismus 838. Küttner: *330. Operation bei Hirntumor 395. Kutvirt: Otitis u. Meningitis 695. Kutzinski: Stauungspapille bei Himschüssen 324. (326). (327). *330. *331. *334. Hirnabszeß 350. •Stauungspapille bei zerebr. Gefäßerkr. 489. Halbseitenläsion nach Schu߬ verletz. 537 u. 614. (615). Luminal bei Epil. 759. Kuznitzky: Malutn porforana nach Prellschuß der Wir¬ belsäule 604. Digitized by Gck 'gle Original fro-rn UNIVERSITY 0F MICHIGAN 973 Ijadamo: Scdobrol 534. Ladell: *368. Laehr: *878. Laffer: *368. Lafora: *508. dal Lago: Stirnhirntumor 386. Lahraeyer: Hirngeschwulst 381. Laignel-La vastine: Juvenile Paralyse 29. Gliom des Corpus callosum u. Parietallappens 388. Lambrecht: *511. Lancelotti: Kriminalität in Buenos Aires 364. Lang, J.: Vestibulär bahn u. mult. Skier. 647. Sinnesfunkt. u. Alkohol 947. — J. B.: Verfolgungsidee 663. Lange, Erich: Mal perforant 24. Langelaan: Hemiatr. faciei 656. Langer: *333. Kontagiosität der Poliomye¬ litis 524. Landrysche Paralyse 798. Langermann: *669. Langmcad: Chorea minor 127. Langstein: Krämpfe im Kindes¬ alter 128. Langstroth: Headsohe Zonen 792. *879. Lapinsky: *336. Nacken- u. Schulterschmerz 788. Laqueur: (135). Physikal. Ther. bei Kriegs¬ verletzten 407. Mobilisation versteifter Ge¬ lenke 608. Larochec Fixation von Giften am Nervensystem 102. *335. Laudenheimer: Anamnese der Kriegspsychoneurosen 865. u. 928. *880. Lauschner: Leichte Lues u. Paralyse 34. Läwen: *670. Lazar: *367. Zwangsarbeitsanstalt Kor- neuburg 767. Eltemkonflikte der Jugend¬ lichen 846. Lec£ne: Rückenmarkstumor 297. Lechnor: *366. Lederer: *333. Lee: *877. Leegaard: *509. Poliomyel. in Norwegen 526. Legrand: Anfälle bei Dem. pracc. 763. Lehmann, C.: Choreabehandl. 128. — \V.: *330. Lehndorff: *671. Leidler: Otogener Schläfen¬ lappenabszeß 351. Leighton: *668. Lemchen: *877. Lemei: Behandl. der Dem. praeo. 765. Lengfellner: *879. Lenz, G.: *330. Lenzmann: Syphil. Erkr. in¬ nerer Organe 194. Leonard: *333, Leopold: *330. Lepage: Chorea gravidarum 912. L6pinay, de: Beckenneuralgie 789. Leppmann, F.: *670. Lerch: Ursache der Hyst. u. Neurasth. 736. Leriche: Dehnung des Plex. sol. bei gastr. Krisen 26. *332. Leschke: Zwischenhim u. Fie¬ ber 274. Leszlenyi: Trophoneurotisohe Gangrän nach Schußver¬ letz. 904. Le^zynsky: *509. Lethaus: *332. Leva: Kriegsverletzungen des Rückenmarks 603. Levaditi: Treponema der Para¬ lyse 35. *368. Levinstein: Nasale Reflexneu¬ rosen 735. Lövy, L.: Meningitissyndrom bei Hirnblutung 481. Levy,.Marg.: *877. L6vy-Valensi: Gliom des Bal¬ kens u. 1. Schläfenlappens 388. Lewandowski: *334. — M.: Gehimschüsse 47. Rückenmarksverl. 47. Verletz, periph. Nerven 48. Hysterie48. (76). (136). *335. Lewe: Chorea minor 909. Lewinsohn: *510. Lewy, F. H.: *331. Verschluß der A. oerebelli post. inf. 361. Lhermitte: Chron, Chorea 124. *330. Liohtwitz: *876. Liebenthal: *367. Liebermann: *512. Liebold: *670. Tetanusbehandlung 785. Liepmann, H.: (76). (77). (78). (144). | I Liepmann, H.: Gedenkworte auf Bernhardt 443. (445). (448). (544). Leitungsaphasie 565. Lokalis. der Apraxie 572. Hirn bei Aphasischen . u. Agnostischen 666. (668). Gedenkworte auf Rothmann 914. (914). Liesegang! *329. Lieske: *880. Lifsohitz: *333. Lilienstein: (957). Linck: *511. Ohrenkopfschmerz 788. Lind: *671. Linow: *669. Lipschütz: Blasenschwäche bei Soldaten 863. Livet: Delir, bei einem Araber 951. Lloyd: *668. *878. Loeb, S.: *367. Loechel: Eingebildete Schwangerschaft 738. Loeper: Tabische Dyspepsie 26. Okulo-kard. Refl. bei Lues 193 u. 685. Okulo-kard. Refl. bei Brady¬ kardie 685. Loew: *334. Chlorkalzium bei Tio con- vulsif 913. Loewenthal, N.: Tractus an- tero-lateralis 270. Retrograde Degeneration 724. Loewy: *876. — Erna: Landrysche Paralyse u. Poliomyelitis 527. — Erwin: *331. Mult. Skier, u. Poliomyel. 649. Löffler: Polyneuritis aloohol. 947. Lomer: Schrift bei Paralyse 30. Schrift bei Chorea 126. *671. Long: *367. Longard: *335. Lotz: *329. Muskelaktionsströme 746. Lovett: *669. Löw: *668. Meningitis typhosa 694. Löwenstein, K.: Zerebellare Symptomenkomplexe nach Kriegsverletz. 626 u. 664 u. 816 (666). Läsion des N. peron. u. Reflexlähm. 914. (910). — P.: *509. Rückenmarks Verletzung mit Poliomyelitis 529. späterer Krückenlähmung Lowery: *333. 321.(325).(326).*330.’*367. | Löwy, J.: *334. *670. Digitized by Gck 'gle Original fro-m UNIVERSITY 0F MICHIGAN 974 Löwy, J., Blut beim epil. An¬ fall 762. *880. — Max: Tetanie u. Dysenterie 131. *333. Kriegsbeobacht. 494. *668. — P.: Basedow mit bulbären Symptomen 828. — R.: Neurotrope Wirkung des Salvarsans 165. *335. Loyez: Hämatomyelie 297. Lublinski: *669. Lucchesi: Versteif. der Wirbel¬ säule 308. Lukäcs: Amyotroph. Tabes 25. Lust: Ätiol. der Poliomyel. 523. Lydston: *509. Lyon: Karzinom der Schild- ^ drüse bei Basedow 829. Haas, 0.: Arthropathie bei Tabes 537. (537). (617). . Doppelseit. Hypoglossusver- letz. 918. Maass, S.: Narkotika u.Wasser- mann-Reakt. 172. Mack: *368. Maclachlan: Himpigmentation 468. Macy; *670. Madelung: Tetanus 158. *334. Maeder: *367. Maggio: Kretinismus 839. *877. Magnus: *509. Mahsfeld: *510. Maier, H. W.: Unfallkunde u. Psych. 105. — Max: Otitischer Himabszeß 352. Major: *330. Glyzyl-Tryptophanreaktion bei Mening. 697. Malaise, v.: *330. Hirntumor 378. Mandelbaum: *330. Mann, L. (Breslau): Polyneu¬ ritis u. nerv. Erschöpf, im Kriege 150. — (Mannheim): Granatexplo¬ sionsstörungen 780 u. 925. *879. Marburg: Behandl. von Hirn¬ schüssen 65. Angeb. Kleinhirnskierosel74. (175). Pathogenese der Par. agitans 176. Rückenmarksschüsse 184 u. 313. *332. *336. Kortikale Sensibilitätsstör. 470. *508. *511. Spätabszesse nach Schuß- vcrl. dos Hirns 548. Marburg: Schußverletz, der periph. Nerven 606. *671. Paral. agitans 870. Marchand: Morphiumentzie¬ hung 943. Marcus, H.: *368. Maresch: Schädelschüsse 859. *879. Marguliös: *329. Orbitogener Hirnabszeß 354. Margulis: Chron. Chorea 125. Syringomyelie 200. Amyotroph. Lateralsklerose 299. *331. Marie, A.: Treponema der Para¬ lyse 35. *368. — P.: Fußdeformation bei Tabes 25. Chron. Chorea 124. — R.: Tuberkul. Mening. 699. Marina: Die Relationen des Palaeencephalon 338. Marine: Tetanie bei Hunden 129. Marinesco: Sal varsanse rum 162. Marks: *331. Babinski sohes Kleinhirosyn- drom 360. Markull: *330. Meningitis 689. Maruyama: Gehirne xtr. bei Wassermann-Reakt. 188. Marx: *331. *878. Masarey: Adalin 534. Masini: Epilepsie u. Verbrechen 765. Nebennieren bei Geisteskr. 954. Massarotti: Psych. Stör, bei Basedow 829. Masseion: Dem. praec. 658. Masslow: *877. Mattauschek: *330. Himgeschwülste 380. Matti: *333. *668. Mattioli: *329. Mattirolo: Dystr. hypophyso- genit. 844. Maurel: Chorea minor 125. Mauss: Polyneur. u. Korsakoff nach Neosalvarsan 162. Rückenmarksgeschwulst 301. Mayer, Alfr.: Ansiedl, von Kriegsbeschädigten 733. — C.: Kriegsneurologie 861. *876. — F.: *512. Sedobrol 533. — Leo: örthopäd. Beh. bei Heimplegie 483. Lagerung bei Nerven verl. 607. *671. *672. — O.: Akute zerebr. Ataxie 487. Mayer, W.: *878. Alkohologene refl. Pupillen* starre 947. — Wilhelm: Traumat. Myelitis 436. *670. *672. Meade: Nervennaht 903. Medow: *367. Meggendorfer: Syph. u. Dem. praec. 658. Mehler: Neurolyse des Plex. brach. 607. *671. Meissl: Kriegschirurgie 730. Meissner: Morphinwirkxmg 68. Meitzer: Magnesiumsulfat bei Tetanus 401. *510. Melzer: *512. Mendel, Felix: Diathermie 532. — K.: Psychiatrisches u. Neu- rolog. aus dem Felde 2. Nekrolog auf M. Bernhardt 327. Nekrolog auf M. Rothmann 624. Mendl: Hirnblutung 482. Menzer: *333. Meredith: *877. Merhaut: Operat. bei Basedow 832. Mertens: *877. Messner: Angeb. Höhlenbild, im Rückenm. eines Kalbes 200 . Mettenheimer, v.: Blut bei Poliomyel. 527. Myatonia congen. 655. Polyneuritis 797. Metzner: *509. Meyer: *879. — Arthur W.: Tetanusanti¬ toxin 785. *878. — Carl: Epil. u. Schwanger¬ schaft 753. — E.: Paralyse u. Syphilis 31. Psychosen u. Neurosen währ. des Krieges *122. Laminektomie bei Schull- verl. 312. *367. Konzeptionsbeförderung n. Eheschließung 441. Krieg u. schon bestehende Psychosen 494. *510. *511. *512. — E. J.: *510. — Hugo: Akromegalie 843. *877. — K.: *332. — O. B.: *332. Neuralgia brach. 789. — Robert: Hellsehen 276. Michael: *332. Michaelis: Arsenikvergiftung 942. Michälek: Epilepsiebehandlung 757. Digitized b) Google Original fro-m UNIVERS1TY OF MICHIGAN 975 Miohels: Chorea hysterica 912. Middlemiss: *306. Milian: Chorea u. Syphilis 909. Miller: *877. Mills: *331. Kleinhirnlokalisat. 357. *668. Mingazzini: Schläfenlappen - tumoren 388. *508. *511. Aphasielehre 561. Motor. Spraohbahnen 563. Minnich: Trauma u. Paralyse 33. Misch, J.: Nervenkrankheiten 442. — W.: *329. Muskelaktionsströme 746. Mitamura: *509. Mitchell: *335. Muck: *670. Mühlbaum: Progn. bei Chor, gravid. 127. Mühlmann: Nervenpigment beim Papagei 271. Mühsam, H.: Tetanusbehandl. 21. *334. Müller: Anstalt Leipzig-Dösen 582. — C.: Plast. Ersatz der In- terossei 607. — E.: *512. — Eduard: Tetanusbehand¬ lung 94. *334. — H.: Lähm, des N. musculo- cutan. 795. — P.: *879. — W. B.: *879. Mochi: Asymbolie 573. Moeli: *512. Verantwortl. des Irrenarztes bei Selbstmord 913. (914). Moerchen: Tardive Homo¬ sexual. bei Tabes 28. Mohr: *336. *368. Nervöse Zustandsbilder bei Kriegsteilnehmern 610. * 668 . Hypnose u. vegetative Zen¬ tren 742. Moll: *671. Moll weide: Pathogenese der Dem. praec. 658. Monakow, v.: Pyramiden bahn u. Armregion 217. Monrad-Krohn: *669. Montgomery: *877. Moore: *877. Moraes, de: Liquor 199. Moravcsik: *334. Krieg u. nervös-psyoh. Stör. 037. Morphinismus 942. Gefangenschaft u. Geistes- krankh. 955. Morawski: *335. Kohlenoxyd vergift. 941. Moretti: Nukleinbeh. bei Paral. u. Dem. praec, 35. Morgenstern: *333. Morrow: *877. Morse: *331. Mosbacher: *336. Moschcowitz: *333. Motejl: Negersohes Symptom bei Fazialislähm. 794. Motte, de la: Forensische Fälle im Kriege 590. Motzfeldt: Kongenit. Hydro¬ zephalus 701. Mougeot: Okulo-kard. Refl. bei Lues 193 u. 685. Okulo-kard. Refl. bei Brady¬ kardie 685. — (Wien): Traumat. Plexus¬ lähm. 173. Müller-Deham: Postdysenter. Polyneuritis 798. Müller-Schürch: *368. Munroe: *335. *877. Munson: *334. Hypophyse u. Epilepsie 749. Münzer: *367. Psyche der Verwundeten 406. *511. Muralt, v.: Chron. Trional- Veronal vergift. 101. Murphy: *878. Muskens: Komplette Rücken¬ marksquerläsion durch Schußwunden 7. Konjugierte Deviation 467. * 668 . Myerson (lies Myerson stati Mycoson auf S. 199): E - weiß im Liquor 199. *367. Mygind: *508. Myrtelle: *329. MyBliveöek: Syringom, u. amyotr. Lateralskier. 200. Zentr. u. perivaskul. Gliose im Rüokenm. 201 Toxine im Liquor 721. Delir, tremens 949. Naffziger: *330. Nagel: Psych. Stör, bei mult. Skier. 649. Nakamura: *333. Natonek: *330. Naundorff: Hyster. Psychose oder Dem. praec. 764. Navwuch: Stimrunzeln bei Ta¬ bes 24. Mc Neal: *333. Poliomyelitis 523. Neck, van: Geburtslähm. 795. Nehl: *329. i Neisser: *670. NÖmeöek: Erinnerungsassozia¬ tionen 579. Netouäek: Hämatomyelie 298. Hemianopsie 474. AbderhaldenBche Reaktion 953. Netter: Mening. Form der Poliomyel. 529. Neuber: *335. Neubert: Behandl. der Folge¬ zustände von Hirn- erschütterung 435. Neubürger: *512. Adrenalin u. Dem. praec. 663. Neue: Biolog. Reakt. beisyphi- logenen Erkr. 170. *331. Liquor- u. Blutuntersuch. 952. Neuendorff: Retrograde Am¬ nesie 39. Neugebauer: *333. Neumann: Epistropheusfrak- tur 303. j — A.: *368. ! — H.: *336. — K. Th.: *368. — L.: *368. Neustädter: Hemiatr. faciei 656. *877. New: Gangl. Gasseri-Tumor 392. Newcomb: *335. *367. Newmark: Lumbalpunktion u. Rückenmarkstumor 297. *331. Nicoll: *670. Niessl v. Mayendorf: Choreat. Zuckung 124. *329. *508. Nieszytka: *367. Abderhalden-Methode 585. Nikitin: *331. *334. Schutzimpf, gegen Lyssa bei Epil. 760. Ninger: Tuberkul. des Gehirns 384. Nissl: *512. Nitzesku: *333. Nobel: *330. Ninhydrinreakt. bei tu ber¬ kul. Mening. 697. Glyzy 1 -T ryptophanreak tion bei Mening. 697. *876. Noeggerath: *878. Noehte: Rückenmarks verletz. 158. Streifschüsse an Schädel- kapsel 364. *511. Noguchi: *509. Nonne: Isolierte Radialislähm. 42. | Peroneusverl. 42 u. 317. Traumat. Aneurysma 42. I Medianusläsion 42. . Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY 0F MICHIGAN 976 Nonne: Verletz, des M. rect. femoris 43. Druck auf Parazentrallappen 44. Verl, der hinteren Zentral¬ windung 44. Verletz, der vord. Zentral¬ windung 45. Hysterie nach Überanstreng. 45. Grande hystörie 45 u. 317. v. Frankl-Hochwart 109. Alkohologene reflektor. Pu¬ pillenstarre 254. Krämpfe im Platysma 318. Krämpfe im Cuoullaris 318. Partielle Erkr. der Nerven 318. Ischiadicusverletz. 318. Pseudotumor cerebri 394. (408). Polyneuritis bei neurasthen. Kriegsteilnehmern 430. Kriegs verletz, der periph. Nerven 431. Tuberkul. von Hirn u. Rückenmark 489. (498). *510. Zwergwuchs 019. *669. *670. *671. Traumat. Neurose bei Kriegs¬ verletzten 864 u. 924. *878. (960). Novak: *331. Tumoren der Zirbeldrüsen¬ gegend 392. Nunno, de: Mikrokokkus des Maltafiebers 276. Niiremann: Tetanus 576. Nuzum: *877. Obe: *668. Nachweis v. Meningokokken in der Lumbalflüssigkeit 692. Oberholzer: *334. Sedobrol bei Epil. 757. Oberndorf: *880. Obemdörffer: Roths Termino¬ logie 204. Obersteiner: Endogener Faktor u. Pathogenese der Ner¬ venkrank h. gl 2t *308. Obregia: Harnstoff bei Para¬ lyse 39. Abderhalden sehe Reakt. bei Paral., Epil. u. period. Psych. 171. Abderhalden sehe Reakt. bei Dem. praec. 661. Stickstoff bei Dem. praec. 661. Oden: *508. Oeoonomakis: Mitteil, an den Herausgeber 80. Diagnose des Hirntumors 87. *511. Oehlecker: Geheilte Schädel¬ schüsse 410. Caudaequina - Verletz. 411. (503). Oettinger: *333. Oftedal: *669. Ogilvie: *335. *670. öhrwall: *508. Olivecrona: *330. Geschwulst in den weichen Häuten 701. Oliver: *336. *879. Olivero: *331. Oilendorff: *072. Oloff: Verwundung des Seh¬ organs 861. Omorokow: *368. Onodi: Zerebr. Komplik. nasa¬ len Urapr. 354. Oppenheim, H.: Kriegsneuro¬ logie 18. Krankendemonstr. z. Kriegs- neurol. 40 . Hemipleg. spin. 49 . Echte Reflexlähmung 5L (73). (75). (79). (107). (136). Therapie der syphil. Nerven- krankh. 192. (283). Verletz, des 1. Sympath. u. r. 5. u. 6. Zervikalnerv. 283. Parese des r. Cuoullaris u. Serratus 283. (286). Caudatumor 300. Brown-S£quardsche Lähm. 302. Kriegs verletz, des periph. u zentr. Nervensyst. 311. *329. *331. Krieg u. tranmat. Neurosen 363. Hypophysistumor 393. (445). (447). (448). *510. *511. Traumat. Neurose im Kriege 514. Mensch ohne Cauda equina 538. (539). Medianuslähmung 540. (540). (541). (544). Schuß verletz, peripher. Ner¬ ven 605. (615). (617). Formenreichtum der mult. Skier. 644. (665). (668). *670. Zum Andenken an M. Roth- inan n 074. Falsche Innervation 802. Neurosen nach Kriegs verletz. 810. *878. (914). (916). (918). (919). Oppenheim, R.: Tabisehe Dys¬ pepsie 26. Meningitisreakt. bei Hirn¬ blutung 481. Oppenheimer: Zwangsvorstei - lungen 875. Orbison: *336. Myopathie 653. *668. Orth: Hirnprolaps nach Schä¬ deldefekten 158. *511. Ortner: Basedow 827. Orton: Diagnose der Paralyse 31. Katatonischer Himtod 660. Ossipow: Experim. Epil. bei dlunden 748. Ossokin: Innervation der Schilddrüse 820. Oswald: *333. Nervensystem u. Stoff wech- selkrankh. 452 . Basedow 825. Behandl. des Kretinismus 839. öttinger: Herpes zoster nach Salvarsan 800. Otzen: *336. Psych. Stör, bei Paral. agi- tans 873. Paal: *668. Page: *509. Palmer: *669. *878. Pandolfi: Neuroglia bei Vergift. 935. Padski: Hemiplegiesymptome 482. Pape: Funktion. Stimmhand- lähm. 437. *511. Pappenheim: *330. *368. Leitungsaphasie 565. Parhon: *509. Verworrone Manie bei Schilddrüsenhypertrophie 830. Park: *334. Parker: *333. Pascal: Paranoide Form der Paralyse 30. Passini: Lumbalpunktion bei Chorea 126. *334. Pastine: Dauer-Babinski 688. Paulesco: *333. Paulus: *878. Botulismus 937. Pedaschenko: *329. Peet: *331. PeUacani: Komplemen tablen - kung bei Dem. praeo. 662, Salzarme Kost bei Epil. 758. Pelnäf: Klimakt. Neurose 738. Perelmann: Dipsomanie 102. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERS1TY 0F MICHIGAN 977 Pereyra: *333. Perimoff: Famil. Myxödem 837. Peritz: (75). (76). (108). Hiroschü88e mit Lagegefühls- stör., Astereogn. eto. 140. (144). Syph. der Wirbelsäule 194. Perthes: *670. Steckschüsse des Rücken¬ marks 861. Peöina: Köngen. Myxödem 837. Peters: *367. Erinnerungsassozi&tionen 579. Petery: *367. Petronio: Stauungspapille 382. Petrow: Trauma u. Paralyse 34. Petruschky: *876. Petterson: Keimträger bei Kinderlähm. 525. Petzsch: *368. Pfahl: *671. Pfeiffer: *511. Pfister: *669. Glutäalklonus 687. Pf ungen, v.: Kotstauung u. Schmerz 736. Philibert: Typhöse Spondylitis 307. Pick. A.: Pathol. des Bewußt- j seins vom eigenen Körper 257. *367. Stör, der Orientier, im Raum 474. *508. *510. *512. Amnestische Aphasie 569. Perseveration 570. *671. Pi£ron: Latenz u. Lokalis. der Reflexe 684. Piffl: Rhinogener Hirnabszeß 354. Pighini: Lipoide Abbaustoffe des Hirns bei Paralyse 36. * 668 . Pike: Nystagmus 361. *509. Pilcz, A.: Paralyse 32. *368. Pilotti: Meningoenoephal. der Pferde 277. Pilsbury: *335. Pinczower: Polyneur. syphil. 797. Piorkowski: *510. Piotrowski: Traumatische Neu¬ rose 591. Piquemal: Remission bei Tabo- paral. 28. Pitulesco: Abderhaldensche Reakt. bei Paral., Epil. u. period. Psych. 171. Abderhaldensche Reaktion bei Dem. praec. 661. Plahl: *671. Plate: Tabische Arthropathie 27. XXXIV. Plesaner: Trigeminuserkrank, nach Trichloräthylen 916. (918). Plummer: Ganglion Gasseri- Tumor 392. Podmaniczky, v.: *876. *877. Poggio, di: Hirntumor 392. Pöhlmann: *332. Polimanti: Nervensystem der Fische 278. *509. Pollock: *508. *669. *878. Popeia: Harnstoff bei Paralyse 39. Abderhaldensche Methode u. Tetanie 129. Stickstoff bei Dem. praec. 661. Poppelreuter: Psych. Ausfalls¬ erschein. nach Himverletz 399. *669. *671. Porak: Liquordruck 197. Port: Nervenpunktlehre 202. Porten, v. d.: Veronal bei Del. trem. 99 u. 950. *510. Posey: *669. Potter: *880. Potts: *329. *508. Gasolinvergift. 940. Pötzl: Nervöse Schwerhörig¬ keit 175. (176). Poyer: Automat. Schlaf 441. Prager: Hyster. Schlafzustände 743. Prasse: Alkoh. Eifersuchts¬ wahn 950. Preissner: Porges-Hermansche Syphilisreaktion 166. Pribram: Tetanus 123 u. 402 u. 783. *334. *670. Operafc. Behandl. der Schä¬ delschüsse 860. *878. *879. Pringle: *668. Przedpelska: Liquor bei älteren Heredosyphil. 189. Pulay: Mult. Sklerose 645. *877. Pürckhauer: Polyneuritis u. Korsakoff nach Neosal- varsan 162. Purser: Myatonie 656. Pussep: Hirngeschwulst 380. I Putnam: *368. Quensel: *330. *335. Posthemipleg. Pseudomyo¬ tonie 480. Quincke: Lumbalpunktion 196. *331. Quittner: *335. Babanus: *330. Rabens: *333. Rad, v.: Myatonie 656. Rados: *876. Raecke: *671. Raimann: Hysterie 743. Ramön y Cajal: Neurogiiafärbe- methode 82. Randolph: *509. Rangette: *879. Ranke: *329. Ranson: Vagus 271. Ranzi: Behandl. von Him- schüssen 65. Rückenmarksschüsse 313. *511. Spätabszesse nach Sohuß- verl. des Hirns 546 . Schußverl. der periph. Ner¬ ven 606. *671. Raoult: *332. Rasch: *330. *510. Hyster. Dermatose 743. Rausch: *329. Pseudosklerose 651. Rautier: Himtuberkülose 384. Ravaut: Lues nervosa 193. Raven: Syphilitikerfamilien 170. Read: *510. Rebizzi: Funktion der Stirn- lappen 465. Reckzeh: *368. Redlich, E.: Brown-S6quard mit Lähm, des Halssym- path. 147. (174). (176). Krieg u. Nervensystem 434. Operation bei Schußverletz, periph. Nerven 496. *511. *668. *671. Narkolepsie 754. Epilepsie bei Hypophysen- tum. 842. i Sensibilität am Rumpf bei zerebra’er Hemianästhesie 850 . Ätiol. der Nerven- u. Geistes- krankh. 913. Reed: *510. Arsenikvergiftung 942. Regnault: Diplomimik 573. Reichardt: Hirnschwellung 55 . Folgen psych. Vorgänge auf Körper u. Seele 106. Reiche: Medinal 69. — F.: *330. Mening. bei Diphtherie 694. Reich mann: *330. Schuß verletz, periph. Nerven 497. *671. Meningitis 698. Rein: Cystic. racem. fossae Sylvii 389. Reingruber: *510. Magnes. sulf. bei Tetanus 575. 62 Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 978 Reisinger: Postmort. Struktur« veränder. der Ganglien¬ zelle 728. Reiss: *368. Reitsch: Homonyme Rechts¬ hemianopsie 731. Reitter: *671. R&nond: Chorea u. Schild¬ drüse 127. Remsen: *331. Hirnzyste 394. Remser: *876. Renton: Himabszeß 350. Rentz; *330. Stauungspapille 490 (im Re¬ ferat 63 fälschlich statt Rentz der Name Uhthoff gedruckt!) Repond: Katatonie nach Son¬ nenstich 659. *880. Resch: *880. Geisteskrankheiten u. Krieg 906. Reusa, v.: Hydrozephalus nach intrakran. Blutung 703. Reynolds: Hirnabszeß 349. *877. Re2ni£ek: Dermographie 173 u. 740. Kriegsverl. periph. Nerven 175. Einseitige mult. Himnerven- verletz. 370. *511. Rezza: Bulbus bei Dem. praec. 661. Rhein: *330. *331. Tumor des Crus cerebri 390. Rheindorf: Hysteroneurasth. oder Appendizitis? 734. Rhese: Hörstörung u. Klein¬ hirnbrückenwinkeltumor 384. Ribbert: *509. Tuber. Hirnsklerose 729. Basedowstruma 825. Rice: *880. Richter: *512. Riebeth: Neurasth. bei Kriegs- teiln. 641. Riehl: Tetanusbehandlung 159. *510. Riggs: Salvarsanis. Serum bei juven. Paral. 190. *335. *878. Ringel: Balkenstich 493. Riquier: Sympath. der Schild¬ kröte 276. Ritter: Prophylaxe des Tetanus 403. *510. Rittershaus: Kriegsbeschädi¬ gung u. soz. Fürsorge 870. *879. Mac Robert: *510. Robertson: *668. Robertson, G. M.: Serum u. Liquor bei Paralyse 189. *510. — H. E.: Tetanus 577. *670. Roderburg: Halluzin. bei Para¬ lyse 30. Roemheld: Homolaterale He¬ miplegie nach Kopfverletz. 427. *670. Roger: *331. Rohde: Gedächtnisausfälle bei Paralyse 30. *335. Rohleder: Dyspareunie des Weibes 737. Rohmer: *333. Rohrer: Hemikranie 786. *877. Roick: *332. Roller: Untersuch, der Geistes¬ kranken 39. Rolleston: Diphther. Lähm. 797. Romeick: *335. Traum, motor. Aphasie 568. Römer: *508. Sonnenbäder 614. Krieg u. Alkoholismus 623. *880. Rönne: *877. Röper: Alkoholismus bei Frauen 95. Funktionelle Neurosen bei Kriegsteilnehmern 494. (505). *670. Rosanoff: *511. *880. Rose, E.: Foligan 589. *672. — F.: Kortikale Ataxie 473. — G.: *366. Rosenbaum: *332. Neuralgisan 791. Rosenberg, F.: Ätiol. der Polio- myel. 523. — J.: Familiendegener. u. Al¬ kohol 96. Rosenbloom: *331. *336. Rosenbusch: Kretinismus 839. *877. Rosenfeld, G.: *333. Rosenow: *669. Rosental: *367. Organische Verblödung mit Spannungszust. der Mus- kul. 477. Schizophrenie u. Hirndruck 659. Ross: *672. Rossi: *330. *336. Balkenerweichung 478. Muskelhyperplasie 657. Roth: *333. *671. *880. Safrolvergiftung 938. Rothfuchs: Tetanusbehandlung 93. *334. Salvarsan bei Tetanus 786. *878. Röthig: Vital-Scharlach VIII m. Rothmann: Meningocele am Stirnbein 69. Phrenicuslähmung 69. (70). (73). (77). (108). (136). (137). (138). (139). Greifversuch 139. (143). van Gehuchten f 144. Schußverletz, des obersten Brustmarks 153. Zum 60. Geburtstag von L. Edinger 210. (326). *329. *330. Himphysiol. im Dienste des Krieges 362. Katatonusversuch 421 u. 445. Nachbehandl. der Verletz, des zentr. u. periph. Ner- vensyst. 429. Zwangsbeweg, des Kindes- alters 444. (445). (446). Extremitätenregion der Großhirnrinde 465. Ausfallserschein, nach Affekt, des ZentralnervensyBt. 465. *511. (616). *668. *670. Rothstein: Chorea beim Hund 124. Roubinowitsch: Agenesie des Balkens 572. Rouillard: Liquordruck 197. Rachitis u. Thyreoidektomie 821. Roux: Mumps u. Meningitis 696. Roznowski, v.: Magnesium bei Tetanus 94. *334. *670. Rueck: *669. Ruediger, v.: Wund behänd!. in Kriegsspitälem 601. Rühl: *333. Rumpel: *670. Rumpf: Schuß Verletzung des Rückenmarks u. Hirns 315. *335. *511. Runge: Trinkerfürsorge 95. Salvarsan bei Paralyse 160. Ruoff: *512. Russeff: *671. Lähmung des Halssympath. 779. Russkich: Gehirnerweichung 473. Ruttin: Augenbewegung, u. X. vestibul. 807. Ryerson: *509. Rytina: *610. Sachs: *335. Sadger: Psychol. des Trinkers 94. *612. Digitized by Gougle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 979 Saenger: *839. Nervenleiden durch den Krieg 364. (507). *508. *668.(957). Saeves: *333. Sala: *611. Pseudohvpertroph. Paralyse 652. Sanders: *329. Sandfort: Paral. agit. u. Tabes 873. Sanguineti: *329. Santo: *670. Sarbö, v.: Nervenshock nach Explosionen 316. *511. Uydrocephalus intern. 703. Sattler: *875. Sauer, W.: Kleinhirn bahnen beim Menschen 356. Sauter: Verletz, periph. Nerven 432. Sau vage: Chorea u. Schild¬ drüse 127. Sauv6: Operat. bei gastr. Kri¬ sen 26. Savoureux: Sei bst beschul- digung bei Dipsomanie 951. Sa widowitsch: *330. Ernährung u. Hirn wachs tum 464. Sceleth: *670. Schabelitz: *512. Schacherl: Tuberkulin bei sy- philogenen Nervenkr. 169. *335. Schaefer, F.: Alkoholpsychosen 98. Schaffer: Zerebellare Pyramide 248 u. 358. *508. Ganglienzellschwellung 518. Schaller: Liquorstudien 198. Schanz: Wirbelsäulenerkrank. 303. Scharnke: Behandl. des Del. trem. 99. Schaumann: *877. Scheer, v. d.: *336. Adrenalinmydriasis bei Geisteskr. u. Gesunden 677. Schemensky: *333. Thyreoaplasie 837. Schenk: Tumoren der Dura mater spin. 297. Schepelmann: *669. Hypophysentumor 841. Scherber: *876. Schiftan: *880. Schilder: *329. *368. Pseudosklerose 651. Symbolähnl. Bildungen u. Schizophrenie 763. Schilling: *878. *879. Schinzinger: *333. Basedow u. Tuberkulose 829. Schiötz: Blutdrüsen u. Paral. agitans 870. Schleich: *367. Schlemm: Traumat. Tabes 24. Schlesinger, A.: Anästhes. des Plex. lumb. 791. — E.: Hemianopische Pupil¬ lenreaktion 383. *508. Pupillenunruhe u. Psycho- refl. der Pupille 685. — Hermann: (175). Dysenterische Polyneuritis 403. Zemingssympt. bei Erkr. der Cauda 450. Nagelabstoßung nach Schuß- verl. des Plex. brach. 496. *669. Schlicht: *880. Schloss: *510. Schloss: Unterricht für das Pflegepersonal an Anstal¬ ten 581. Ärzte u. Pflegepersonen in Anstalten 582. Schmid: Brandstifter 846. Schmidt, C.: Dial-Ciba 134. *368. — P.: *671. — (Bielefeld): Mekonal 589. *880. Schmiegelow: *876. Schmincke: *668. Schmitt, A.: Salvarsantodes- fälle 162. Schmücking: Starkstromver¬ letz. 103. Schnabel: *329. Balkenloses Gehirn 479. Schneider, A.: Veronaldelirium 944. — Kurt: Morphinpsychose 68. Behandl. des Del. trem. 99. *512. Katatonie che Symptome 704. — R.: Tetanus behandl. 159. Balkenerweichung 479. Schneller: *879. Schnitter: Zweizellenbad bei Bleikranken 942. Schnitzer: Einricht, für Für¬ sorgezöglinge 84& Schnitzler: Wärmeregul. u. Zwischenhirn 273. Schnizer: *367. Scholomowitsch: *367. Heredität u. phys. Entartung 585. Schönfeld, A.: Drüsige Bildun¬ gen in d. Hirnrinde 268. *329. *331. Schoonheid: *333. Schoppe: *669. Schöppler: *336. Schöppler: Myositis ossificans 652. Schott: Entmündig, wegen Trunksucht 95. *511. *877. Schottelius: *878. Schranke: *368. Schröder, Hermann: Operation bei Basedow 832. — H. S.: *670. — M.: Todesursachen schizo¬ phrener Frauen 765. — P.: Hirn bei perniz. Anämie 486. *511. Halluzinationen 586. *878. Schroeck: *508. Schroeder, K.: Markscheiden« schnellfärbemethode 270. *329. *333. *367. Akromegalie u. Splanchno- megalie 844. Sohrottenbach: Paralysebe- handl. 168. Schulhof: *511. *671. Sedobrol bei Epilepsie 757. Schüller: *330. Chirurg. Beh. des erhöhten Hirndrucks 493. Schädeldefekte im Jugend¬ alter 729. Gamaschenschmerz 863. Neurose nach Granatexplo¬ sion 865. Schultz, J. H. *368. Feindschaftsgefühle im Kriege 878. Bazillenträger in den An¬ stalten 585. *671. Dementia praecox 762. Psychoanalyse in gerichts- ärztl. Bezieh. 768. *880. Schultze, B. S.: *367. — W. H.: Thyreoaplasie mit Hypophysentumor 839. Schulz, B.: *671. Schum: Rückenmarksverletz. 313. *511. Schuppius: *367. Schürhoff: Hysterie oder mult. Skier. 650. Schuster, Ernest: Hypophysen- extr. u. Diurese 846. — H. 0.: *368. — P.: Kriegs verletz. 70. Rückenmarksblutung 71 u. 136. Crampusneurose 72. (73). (76). (109). Lähmung des N. glutaeus super. 321 u. 418. Mening. spin. cyst. ser. 321. (323). (445). (543). Spinale Hemiplegie 615. (664). *668. Aphasie bei Japanern 672. 62* Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 980 Sohuster, B.: Kriegsneurolog. Demonstrationen (Kopf¬ schuß, Hyste>rie)914. (916). — (Chemnitz):Traumat. Spät¬ apoplexie 104. Schütz: *510. Schwarz, E.: *335. *367. *880. — 0.: Miktionsanomalien nach Erkältung 864. Schwarzmann: *332. Secor: *669. Seegers: Kalmonal 134. *368. Seelert: Alkoholhalluzinose u. Gedankenlautwerden 98. *367. *368. Sehn: *367. Sehrt: Schilddrüseninsuffizienz u. Obatip. 837. ßeige: Typhuspsychosen im Felde 291. Selye: Schußverletz, dos Ge¬ hirns 601. Sepp: *332. Serejskis Diogenal 614. *880. Serko: Mescalinrausch 936. Sewall: *877. Seyler: *332. Shanahan: Epilepsie 749. Sharpe: *508. *669. Shaw: *334. Epilepsie 747. Hypophyse u. Epilepsie 749. *877. Sheldon: Markscheidenfärbung 269. Shere: *879. Sherrington: *332. Shuman: *330. Sicard: Operat. bei Tabes 26. Sick: Schädel- u. Hirnschiisse 898. Siebelt: Adalin 100. Siebert: Paralyse 34. Sielaff: Erweichungsherd oder Hirntumor 382. Sielmann: *333. Röntgenbestrahl. bei Based. 832. Siemon: Tetanusbehandl. 122. *334. Sieur: Endokran. Infektion von Nebenhöhlen aus 696. Siler: *333. Öimerka: Torticollis neuritieus 734. Simmonds: *329. *511. Simon: *334. *669. Simonelli: *508. Simons: (78). Simpson: Tractus cortico-spi- naiis 268. Thyreoidektomie 821. *877. Singer, H. D.: *509. Pellagra 800. Singer, Kurt: Chorea minor 128. *332. Kriegspsychose 405. *512. Atyp. Schlaf- u. Drucklähm. 796. Sioli: *367. I Abderhaldensohes Verfahren i 954. Sirota: *368. Sitting: *329. *330. *332. *367. Sensible Rindenzentren 470. Sensibil. u. mult. Sklerose 647. Mult. Skier, u. Syringom. 650. Tuberkul. Mening. 697. Tuberk. Mening. mit hemi- anop. Pupillenreakt. 699. *880. Skoog: *336. *876. Sluder: *508. Slyke: *510. Smith: *512. *670. *878. Socin: *608. Snowball: *876. Söderbergh: Innerv.der Bauch¬ muskeln 297. Sokolow: *511. Sokolowski: *878. Solieri: *335. Solowiejczyk: Stirnhöhlen¬ eiterung 355. Sommer: *879. Krieg u. Seelenleben 907. Sörensen: *876. Southard: *329. *330. *367. Thalamusläsion 474. Spanuth: TetanusbehandL 65. *334. Specht: Sinnesfunkt. u. Al¬ kohol 947. Spiecker: Friedreichsche Ataxie 29. Spiegel: *334. Spielmeyer: Nervennaht 281. Traumat. Epilepsie 315. *510. *511. Spiller: Akute Mvelitis 299. *331. *509. Spitzig: *668. Spitzy: R&dialislähmung 311. *5li. Spoerl: Rückenmarkes chuß- verl. 731. I Spolverini: *330. Staemmler: Leber bei Pseudo¬ skier. u. Linsenkerndege- ner. 475. *509. Struma congenita 824. Stahl: Chorea chroo. 126. Stähle: *509. *877. | Stamm: *332. I Famil. Irrenpflege 584. i Starlingcr: *367. Starlinger: Schutz u. Fürsorge für Geisteskr. 535. Starr: *609. Stearns: *511. Stein: Diebstahl bei Paralvse 30. — Albert E.: Diathermie bei Kriegsverletz. 406. — E.: Traumat. Spätpsychose oder Dem. arterioscler. 105. — J.: Phenoval 202. *368. Steinbach: *879. Steinberg: Troph. Stör, bei Schußverl. periph. Nerven 731. Steindl: *672. Steinebach: *510. Hydrozephalus 701. Lumbalpunktion bei Delir, trem. 949. Steinmeier:Tuberkul. Meningi¬ tis 698. Steinthal: Prognose der Ner¬ vennaht 433. *671. Stelzner: *611. Frühsympt. der Schizophre¬ nie u. Kriminalität 762. Stendell: Hypophyse 818. Stephenson: *609. Sterling: Wirbelsäulenosteome 304. Stern, Artur: Schußverletz, des Rückenmarks 550. Schußverl. des Hirns 729. *879. — Felix: *330. *368. — Heinrich: Hypothvreose 836. — Richard: Tabestherapie 25. Sternberg, W.: Übertreibungen der Abstinenz 97. Stertz: Leitungsaphasie 566. Motor. Aphasie 569. Stevens: *670. Stewart: *333. Stieda: Hirnchirurgie 396. Stiefler: Stör, der Hamentleer. inf. Erkält. 732. Paral. agit. im jüngeren Alter 872. Pantopon bei Par. agit. 874. Periphere Nerven bei Erfrie¬ rungen 882. Stier: Neuropath. Kind 746. *876. Stillman: *878. Stöcker, W.: *368. Stoffel: Behandl. verletzter Nerven 280. *330. *332. •611. *671. Technik der Neurolyse 862. Stokes: *510. *670. Stoner: *670. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY 0F MICHIGAN 981 Stoney: Nervennaht 903. ! Szily, v.: Strahlentherapie bei Treiber: *512. Stracker: *880. Hypophysentumoren 844. Frühsymptome der Dem. Stransky: (174). *368. *876. praeo. 703. Krankhafte Ideen 440. Szpanbock: *330. Tremmel: Farad. Auslösung des Psychiatrie u. Psychol. im Hemipleg. Lähm. 480. Sohlenreflexes 688. Kriege 600. *880. Sztanojevits: Asthen. Zustände Trendelenburg: Erwärmung u. Neuritis als Felderkrankung bei Soldaten 906. Zentralnervensystem 274. 903. Szüts, v.: *329. Ausgleich der Bewegungs- Strasser: Tomisterdruckneur- i stör, nach Rindenaus- algie 863. Strasser-Eppelbaum: Psychol. des Alkoholismus 94. *512. Straub: Magnesiumsulfat bei Tetanus 159 u. 402. *510. Strauss, H.: Arterioskler. u. urämische Zerebralstörun¬ gen 594. — J.: *335. *509. Strebei: Anosmie u. Enophth. traumat. 64. Selbsttrepan. der Natur beim Turmschädel 468! Streblow: *512. Diogenal 534. Stricker: *334. Strohmeyer: *334. Magnesium bei Tetanus 575. Strubeil: *331. Hypophysentumor 392. Strümpell: Keuchhustenenze¬ phalitis 487. *509. Strübel: Ver&nder. der gereiz¬ ten Nerven 723. Stuchlik, J.: Porenzephalie 469. *510. Alkohol u. Epilepsie 749. Blastophthorische Wirkung des Alkohol 946. Begriff „Psychose“ 962. Serologie in der Psych. 953. — S.: Porenzephalie 469. Stuchlik-Sirotow: *329. Stühmer: *335. Stuurman: Ursprung des Vagus 722. Tigrolytische Ganglienzell- Schwellung 856. Sutter: Schilddrüse u. Jod 831. Sutton: *367. Swanberg: *509. Swasev: *333. Taft: *331. Tamm: *334. Tanberg: Chron. Tetanie 132. Tarassevitch: Pachymeningitis haemorrh. 700. Tarle: Neuritis retrobulb. u. mult. Skier. 647. *669. Tasawa; Experim. Polyneuritis 796. Taylor: *509. *880. Teller: *334. Telling: *368. Tepper: *878. Arznei Vergiftung 943. Terentjew: *336. Tergast: *512. Verblödung mit Halbseiten- erschein. 573. Terni: *329. Tetzner: Vergift, durch nitrose Gase 67. Teutschländer: *331. *670. Thiem: *330. *331. *509. *668. Tuberkul. Hirnhautentzünd, nach Hodenquetschung 697. Thiemann: Resezierter u. ge¬ nähter Ischiadious 432. *670. Thierauch: *669. Thies: *669. Thomsen: *508. Thost: (506). Throckmorton: *332. Thumm: *512. Tietze: Laminektomie bei spon- dylit. Lähm. 306. Timme: *329. *508. *668. Tischbein: Degenerations¬ zeichen bei Geisteskranken 913. Swift: Stimme bei Chorea 126 ] Titius: Stottern 575. u. 910. *332. *670. j Tobias: Elektrotherapie 589. Sehnenreflexe u. faradischer *880. Strom 684. *878. Togami: *367. Synnot: *510. Tomasczewski: Spirochäte des Syring: Magnesiumsulfat bei] Paralytikerhims 31. Tetanus 121. *334. | Topp: *672. Schädelschüsse 426. *670. Epilepsiebehandlung 760. Szäsz: Funktion. Hörstör. 643. ; *880. *878. ; Traugott: Hirnerkr. durch Sz61: *333. Schwangerschaft 488. Aliment. Galaktosurie bei j Travaglino: Motor. Aphasie Basedow 828. 567. sohalt. 275. *329. Tresling: *511. Triebenstein: Tetanie u. Alters¬ star 132. Troell: *333. Trömner: Lokale traumatische Hysterie 415. Halsschuß 415. Brown-S^quard sehe Läh¬ mung 416. (501). Hämatomyelie 617. Sensibilitätsstörungen 618. Sensibilitätsuntersuchungen 621. Mißbildungen 622. Bulbäre Aplasie 622. Tschermak, v.: Wie die Tiere sehen 273. Sehen der Fische 720. Tonische Innervation 725. *879. Herpes zoster nach Schu߬ verletzung 904. Tschirjew: *332. Tuch: Diogenal 534. Tuczek: *332. Doppelseit. Axillarislahm. 795. Türkei: *368. Turner: Versteif. der Wirbel¬ säule 308. *367. Nervöse u. psych. Störungen durch den Krieg 905. Tuwim: *335. Tyrrell: *332. Uffenorde: *332. Uhlmann: Subakute Psych. nach Schädeltrauma 105. Uhthoff: Trigeminusläsion durch Schußverletz. 602. *669. *671. *879. Methylalkoholvergiftung 946. Umber: Flecktyphusartiger Verlauf von Genickstarre 690. Ungar: LuminalVergiftung 68. Unger, E. : Tetanusbehandlung 21. (286). *330. *334. Großhirntumor 493. — W.: Tetanus behandlung 121. *334. Difitized by Google Original fro-m UNIVERSITY 0F MICHIGAN 982 Urechia: Harnstoff bei Para¬ lyse 39. Harnstoff bei thyreopara- thyreodektom. Hunden 120 . Abderhaldensehe Methode bei Tetanie 129. Stickstoff bei Dem. praec. 661. Usener: Magnesiumsulfat bei Tetanus 121. *334. Usse: Morphiumentziehung 943. Vahram: Okulo-pupill. Refl. bei Lues 193. Vali: Luetische Erkrank, des Acusticus 196. Valkenburg,van: Sensibilität u. Großhirnrinde 469. Vallon: Cocainismus 943. Van^sek: Gastr. Krisen 26. Vas *332. Spasmus nutans 689. *877. Vavrouch: Herpes zoster 799. Vecchi: Kompression der Zere- brospinalachse der Kröte 273. Veer: *669. Velden, van den: Infantilismus 839. Vernes: Hyperalbuminose des Liquor bei Lues 169. Vetlesen: *336. Paral. agit. u. Myxödem 874. Vidoni: *367. Nebennieren bei Geisteskr. 954. Vinchon: Puppenfetischismus 847. Vinsonneau: Augen bei Me- ning. cerebrospin. 691. Viqueira: *879. Vix: Tabes-Paralysefrage 28. Voelcker: *334. Schußverl. periph. Nerven 606. *671. Vorkastner: Hereditäre Ataxie 22 . Vormann: *511. Dystr. musc. progr. 662. Voss: *367. Wortblindheit 570. Vulpius: Tuberkul. Entzünd, der Wirbelsäule 307. "Wachtel: Chronische Akro¬ megalie ohne Augensym¬ ptome 843. Wagner, v.: (175). (176). Mord im trunkenen Zustand 950. Wallenberg: Akute Herderkr. des verlang. Markes u. der Brücke 224. Abnorme Bündel beim Meer¬ schweinchen 463. *668. Walree, van: Hirnstamm eines Taubstummen 268. Walter: *335. *671. Walzer: *332. Wanietschek: Rumination im Säuglings<er 689. Warburg: Scapula scaphoidea 194. Warfield: *335. Wasicky: *670. Wasner: *880. Wasserfall: *878. Watkins: *670. Watson: Chinin u. Harnstoff bei Hyperthyreoid. 831. *877. Weber: *368. Behandl. der Erregungszu¬ stände 584. *880. — Emst: Behandl. der Folge- zust. von Hirnerschütte¬ rung 435. *670. *671. Heißluftbehandl. von Ver¬ wundungen 868. Operationen in Narkose u. Lokalanästhesie 869. — L. W.: *510. Vogel, H.: Patholog. Histol. der Schilddrüse 825. — K.: Organther. der post- operat. Tetanie 132. Voges: *330. Vogt, E.: *508. — O.: *508. Volk: *368. Stör, der Harnentleer, inf. Erkält. 732. Volp: Traumat. Lähm, des N. radialis 581. Völsch: Kombinierte Strang¬ erkrank. des Rückenmarks 300. *331. Granatkontusion 780. *878. *879. Wechselmann, W.: Salvarsan 161. Liquor im Frühstad, der Syph. 191. Weddige: Pfropfhebephrenie 764. 1 Wegelin: *668. j Aktinomykotische eitr. Me- ; ningitis 693. j Wegener: Abderhalden-Reak¬ tion 586. Psychogene Magonsekret ions- anomalie 740. Digitized by Gck igle Wehner: Sexuelle Neurasthenie 737. Weidman: *876. Weidner: *368. Symbolähnl. Bildungen u. Schizophrenie 763. Weigert, R.: *330. Meningozele bei Keuchhusten 701. Weigl: *880. Weihe: Blut bei Poliomyel. 527. Myatonie 655. Polyneuritis 797. Weil, E.: Meningeale Permea¬ bilität u. Paralyse 38. Weil (Straßburg): (956). Weiler, K.: Unfall u. Paralyse 34. *367. *368. *510. *512 Weill: Tuberkul. Mening. 699. Weinberg: Angioma racem. des Gehirns 389. Weinrich: *876. Weintraud: Tetanusbehand¬ lung 20. *334. (957). Weise: Tumoren des Scheitel¬ lappens 388. Weisenburg: Kleinhimlokalisa- tion 357. *510. Weispfenning: Operat. Be¬ handl. der Epil. 761. Welty: Fußstützmaschine 643. *880. Wendel: *331. Parietalhirngeschwülste 397. Wenderovic: *508. Wenger: Aufmerksamkeit bei Chorea 910. Werthauer: Sittlichkeitsver¬ brechen 768. Werther: Abortivheilungen u. Neurorezid. bei Syphilis- beh. 191. Westphal, A.: Nerv. u. p<*ycb. Erkrankungen im Kriege 404. *668. Wever: Zerebrale Luftembolie 484. Wexberg: Spättetanie 130. Weyer: *669. Weyert: Militär-psychiatr. Be¬ obachtungen 866. *880. Weygandt: Neurosen u. Psy¬ chosen im Felde 17. Kriegspsychosen 43. Salvarsan 164. (318). *335. *367. (499). Prosekturen in Anstalten 583. Schädelverletzung 620. Psychose nach Himtrauma 621. *880. Kriegspsychiatr. Becutach- tung 924. While: *335. White: *335. Original fro-m UNIVERSmf OFMICHtGAN 983 Wiohmann: Geheilter Tetanus 158. *334. Wiebrecht: Behandlung der postoperativen Tetanie 133. Wieg-Wickenthal, v.: *330. Hirntumor 381. *671. Wieland: *333. Wiener: *879. Wienert: *510. Wigdorowitsch: Reflexphäno¬ men bei Aneurysma der A. femor. 685. Wilbrand: *508. Wildman: *332. *880. Wile: *335. *510. Wilenkin: *332. Wilhelm, E.: Transvestitismus 847. — M. : *333. Nervöse Äquivalente im Säugling*alter 740. Willburger: *368. Willcutt: *878. William: Beschäftigungsneu¬ rosen 743. William*: *332. *333. *335. *336. *368. *512. *670. Wilms: Schädel tangential - schüsse 899. Wilson: Nystagmus 361. *509. *511. *878. Wintermute: *877. Wirgman: Angiom im Klein¬ hirn 389. Wissmann: Organanische u. funktionelle Erkrankung 650. Wite: *670. Wittenberg: *331. Wittermann: *880. Kriegspsychiatr. Erfahrun¬ gen 928. Wodarz: *876. Woerkom, van: Leberzirrhose u. Nervenkrankh. 476. Wohlwill: Sprachstör. nach Schußverletz. 46. (506). Wölbling: Ansiedlung von Kriegsbeschädigten 733. Wolf, T. H.: *332. — W.: *878. Wolfer: Fehlender Ausgleich der Sohädelmaße 464. Wolff, L.: Splenomegalie u. Infantilismus 841. — P.: Substernale Kröpfe 825. — S.: *330. Wölfflin: *509. Wolfner: *879. Woifsohn: Tetanus 64. *334. *879. Wolker: *332. Wollenberg, G. A.: Lähmungs¬ therapie 530. — R.: *329. *510. Militämervenheilstätte u. Lazarettbeschäftigung 613. Granaterschütterung 922. (958). (960). Wollstein: Parameningokokkus 693. Woltär: Gutartige Affektion im Kleinhimbrückenwinkel 359. Woodburg: *876. Woods: *671. Woolsey: Trypanblau-Injek¬ tionen 721. *876. Worobieff: Famil. Myxödem 837. Wrede: *336. Wree: *331. Wright: *669. Wulf: Hemiplegie bei Typhus 483. Wtirtzen: Konstanz gewisser Reflexe 686. ITaciger: *334. Yagita: N. petros. superf. ma- jor 277. Yawger: Crotalin bei Epil. 760. Young: Tonsillektomie u. Chorea 909. Zadek: *670. Lähmungen nach Typhu s 792. Zanelli: Lathyrismus 937. Zange: Abderhaldensches Ver¬ fahren bei intrakran. Kom¬ plik. 355. Hyster. Hörstör, im Kriege 642. Organ. Schädig, des nerv. Ohrappar. im Kriege 731. *878. *879. Zani: Neuritis optica 382. Zanietowski: Elektromedizin in der Kriegsther. 732. *880. Zapffe: *509. Zbyszewski: *329. Zesas: *333. *511. Ziehen: *366. *367. *511. Physiol. Psychol. 578. Zienkiewicz: Basedow u. Brust¬ drüsen 828. Zimmermann: Geburt bei Rückenmarkserkrank. 296. Leukozytose bei Dem. praec. 662. *670. Epil. Blutbild 752. Zingher: Poliomyelitis 523. Zipperlen: Poliomyelitis 529. Zondek: *670. Zsako: Augenkrisen 27. Insel 564. Zudd: *510. Zuelzer, G.: Tetanusbehand¬ lung 577. *670. Zwillinger: Stirnhöhlenent- zünd. 355. IV. Sachregister. (Die mit * bezeichneten Zahlen bedeuten: Literaturverzeichnis.) A bderhalden sehe Reaktion 586 (2). ?53 (2). 954. — bei Paral., Epil. u. period. Psych. 171. — u. Tetanie 129. — u. intiakran. Kom¬ plik. von Ohr-Nasenerkr. 355. — in der Psychiatrie 585. 586. — bei Dem. praec. 66L Abstinenz, Übertreibung dor- selb3n 97. Abwehrfermente im Urin 954. Abwehrreflexe 686. Accessoriuslähmung 366. Acusticus, luet. Erkr. 196. Acu8ticustumor, s. Kleinhirn- brüokenwinkelgeschwulst. Adfllin 534 (3). 589. — Vergift. 100. 133. 534. Adipositas, 3 . auch Dystroph, adiposo-genit. Adrenalin u. Gehirn 721. — 11 . Mydriasis bei Geisteskr. u. Gesunden 677. Agnosie 666. Agrammatismus 570. Agraphie 566. 571. Agyrie 468. Akinesie bei Stirnhirn verletz. 78. Akromegalie *333. *509. *669. *877. — Hypophysenstruk- tur 845. — mit Hypophysen- zyste 843. — Psammom 844. — ohne Augensymptome 843. — n. Splanchnomegalie Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY 0F MICHIGAN 984 844. — Strahlenther. 844. — Hypophysektomio 844. Aktinomykotische Meningitis 693. Alexie 568. 570. Alkohol u. Arbeit 95. — u. Sinnesfunkt. 947. — experi- ment. Vergift. 98. 100. Alkoholismus *335. *510. *670. *878. 946 bis 951. — Psy¬ chologie 94 (2). — bei einem Araber 951. — bei Frauen 96. — u. Familiendegener. 96. — u. Rindere terbi. 946. — Forelsche Theorie 946. — u. Krieg 623. — Pupillen¬ starre 254. 947. — Reflexe 97. — u. Epil. 749. — u. Neuritis 947. — Dessozia- tionen 948. — Eifersüchte - wahn 950. — Psychosen 98. 596. 951. — Halluzinose 98(2). 948. — u. Verbrechen 99. 950(2).— Selbstbeschul¬ digung 951.—Entmündigung 95. — Therapie 94. — der Alkoholpsychosen 596. — Ureabromin 97. 98. — Trin¬ kerfürsorge 95. 98. — Ab¬ stinenz 97. Alloästhesie 287. Alopezie nach Kopfschuß 899. Alzheimer sehe Krankheit, s. Presbyophrenie. Amaurose, s. Blindheit. Amaurotische Idiotie, s. Famil. amaurot. Idiotie. Amnesie, retrograde 39. Amnestische Aphasie, s. Apha¬ sie. Amyotonie,s. Myatoniacongen. Anämie, perniziöse u. Großhirn 486. Anatomie *329. *508. *668. *875. Angioneurot. ödem, 8. unter Ödem. Anidrosis, s. Schweißanomal. Ankylosierende Entzünd, d. Wirbelsäule, s. Spondylose rhizom. Anosmic, traumatische 64. Ansiedlung von Kriegsbeschä¬ digten 733. Anstalt, s. Irrenanstalten. Antithyreoidin im Krieg 906. Aphasie *330. *508. *669. *876. 560 bis 571. 666. — Vor¬ geschichte 560. — bei Ja¬ panern 561. 672. — nach Schuß vorletz. 46. 409. — u. psych. Stör. 571. — am¬ nestische 569(2). — mo¬ torische 563. 566. 567. — traumatische 568. — sub- kortikale 567. — transkorti- kalo 560. 568. 569. — sen- sorischeö69. — Leitungs- aphasie 56«. 566. Apoplexie, s. Hemiplegie, Hae- morrh. oer. Apraxie 572. 573. Arachnodaktylie 729. Armlähmung u. Schreiben mit Hilfe des Gebisses 498. Armregion 217. Arsenvergiftung 942 (2). Areofaradisation 589. Arteria cerebelli infer. post., Verschluß 236. 361 (2). Arteriosklerose u. Urämie 594. — u. Demenz 105. Arthropathie, s. auch unter Tabes. Assoziation, Prüfung bei Kin¬ dern 670. Astereognosie 140. Asthenie bei Soldaten 906. Asymbolie 573. Ataxie, kortikale 473. — zerebr. bei Infektionskr. 487. — zerebellare bei Keuchhusten 487. Atemzentrum 722. Athetose, doppels itige 444. Ätiologie u. funktion. Tätigkeit 934. Aufbrauchtheorie 467. Augenbewegungen u. N. Vesti¬ bül. 807. nsfalL>erv.cheinungen nach Affekt, des Zentralnervens. 465. Axillarislähmung 79o (2). Babinskischer Reflex, farad. Auslösung 688 — dauernder 688 . Balken, Arteri ,n desselben 266. — Erweichung 478. 479. — Geschwulst 386. 388. 389. — Balkenloses Gehirn 479. — Agenesie 572. Balkenstich 491. 493. Bäiäny scher Zeige versuch 137. Basedowsche Krankheit *333. *509. *670. *877. 820. 825 bis 834. — u. Militärdienst 437 (2). — im Hoere 827. — beim Kind 827. — Patho¬ genese 825. 826. 827. — Symptomatologie: bul- bäre Symptome 828. — Brustdrüsen 828. — aliment. Galaktosurie 828. — Karzin. der Schilddrüso 829. — u. Thyreoiditis 833. —u. Paral. agitans 873. — u. Tuber¬ kulose 829. — u. Jodmedik. l 831. — Psychisch© Stör. 829. — Manie 830. — Patholog. Anatomie. Struma 825. — Therapie 831 bis 834. — Innere Behandl. 832. — Chinin- u. Harnstoff-Injekt. 831. — Physik. Ther. 832. — Röntgen behandl. 831. 832. — chirurgische Behand¬ lung 203. 832(2). 833. — Thymusresektion 833. 834. Bauchmuskeln, Innervation derselben 297. Bauchreflexe 687. Bedingungsreflexe 689. 740. Benzin Vergiftung 939. Beri-Beri *333. *877. 796. Bernhardt f 288. 327. 443. Bernhardt sehe Krankheit, ?. Meralgia parae thet. Beschäftigungsneurose 743. Bewußtsein, Pathologie des¬ selben vom eigenen Körper 257. 287. Bizepslähmung 795. Blasenstörung durch Erkält. 732. 863. 864. Bleivergiftung 942 (3). Blindheit, hysterische bei Kriegsteilnehmern 905. Blut 952. — bei Dementia praecox 662. — bei Epi¬ lepsie 752(2). Blutdruok, halbseit. Steiger, nach Hirnschuß 140. — u. Adrenalininj. bei Dem. praec. 663. Bomasche Krankheit 277. Botulismus 937. Brandstifter 846. Brom 533. Brommethylverg. 946. Bromoformvergift. 945. Bronchotetanio 131. Brown-SAquard scher Sympto- menkomplex 302 (3). — nach Schußverletz. 147. 416. 537. 550. 614. Brücke, s. Pons. Bulbärparalvse *331. *509. •870. Bulbuserkrankungei., s. Me- dulla oblong. Cajalsehe Zellen in der Groß himrinde 174. Camphora monobrom.. Vergift. 943. Cauda equina, „Zcrrungssym- ptom“ 450. — Verletzung 15. 314.411. — Fehlen der Cauda 538. — Tumor 300. Cerebrospinalfliissigkeit, s. Li¬ quor cerebrospin. Chirurgie u. Neurologie 203. Chorea *334. *510. *878. 123 Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY 0F MICHIGAN 985 B- 1. & v S9 ’i- 7. 7* !7. 4*; et *? l'?x V en L’ h &ü 3;. hr V : #i J>E'r ra b 1 S? p --' !40. - ■ Mm, ffr 4a r j]r .vf II. . * V v\ bis 128. 909 bis 912. — Ex¬ perimentelles 909. — Ursache 124. — u. Syphilis 909. — Streptococcus 124. — u. Thyreoidea 127. — minor 125. — Diagn. n. Behänd!. 127. — u. Tonsillektomie 909. — Schrift 126. — Stimme 126 (2). 910. — Aufmeiksam- keitsstör. 910. — u. Psychose 127 (3). 910. 911. — Lumbal¬ punktion 126. — Behandl. 127. 128(3). — Episan 128. 911. — Salv&rsan 128. — chronica 123.124.125. 126. 127. 911(2). — gravida¬ rum 125. — Ätiol. 912. — Psychosen 912. — Prognose 127. 912. — hysterioa 912. Claudication intermittente, s. Intermitt. Hinken. Cocainverg. 943. Commotio corebri, s. Hirn¬ erschütterung. Corpus caliosum, s. Balken. Crampusneurose 72. Crotalin bei Epil. 760. Cucullaris, Krampf 318. — Lähmung 415. Cysticercus, s. Zystizerkus. Cytodiagnose, s. Liquor cere- brospin. Dämmerzustand, hyster. 745. — epil. 754. Degeneration, retrograde 724. — u. Alkoholismus 90. Dogenerationszeichen bei Geisteskranken 913. Delirium tremens 100. 949(3). — Behandl. 99 (3). 596. 949. 950. — Lumbalpunktion 949. — Veronal 99(2). 950. Deltoideuslähmung, Ersatz da¬ bei 283. Dementia praecox *308. *512. *671. *880.657 bis 663.951. — Pathogenese 668. — Ursache 658 ( 2). — Müdigkeit u. Ai- boit 659. — u. Syph. in der Aszendenz 658. —u. Sonnen¬ stich 659. — u. hyster. Psych. 764. — im Felde 781. I — u. Hirndrucksteigerung ] 659. - Bulbusveränder. 661. t — Abderhaldcnsche Feak- I tion 661. — Stickstoffaus¬ scheidung 661. — Komple- ■ mentablenkung 662. — Blut 662. — Leukozytose 662. — Stat. lvmphat. 763. — Adre¬ nalinin jekt. u. Blutdruck 663. — Adrenalinmydriasis 677. — Pf ropfbebephrenie 764. — Sumat. Sympt. 762. —Früh- j Symptome 703. 704. 762. — I Katatonische Sympt. 704. 763. — Zirkul. Form 764. — ; u. Epil. 753. — Verfolgung®- ; idee 663. — Anfälle 763. —’l Symbolähnl. Bilder 763. — ' Logorrhoe 763. — Vorbei¬ reden 764. — Kriminalität 762. — Nuklein behandl. 35. — Schilddrüsenextr. 765. — Todesursachen 765. Demenz u. Arteriosklerose 105. Depression u. Krieg 610. Dercumsche Krankheit, s. Adi¬ positas dolorosa. Dermatose bei Hysterie 742. 743. | Dermographie 173. — im Kindesalter 740. Deviation, konjug. 467. Diabetes insipidus u. Syphil. 193. — insipid. u. Hypo- physin 846 (2). Dial-Ciba 134. Diaschisis 466. Diathermie 531. 532. — bei Kriegsverletz. 406. Diogenal 534 (2). 614. Diphtherie u. Meningitis 694. — u. Lähmung 797 (3). Diplomimik 573. Dipsomanie 102. Doppelempfindungen 580. Drucklähmung 796. Drüsen mit innerer Sekretion, s. Blutdrüsen. Dupuytren sehe Kontraktur, s. Kontraktur. Dura mater, spinalis, Tumoren 297 (3). 299. Durohnässung, peiiph. Nerven dabei 882. Dysarthrie u. Linsenkern 475. Dysbasia angiosclerot., s. Inter raitt. Hinken. Dysbasia lordotioa progr., 8. Dystonia muso. deform. Dysenterie u. Polyneuritis 403. 798. Dyspareunie des Weibes 737. Dystonia muso. deforraans ♦336. 654(2). Dystrophia arliposo-genit. 844. 845(2). — muso. progr. *511. 652 (2). 653 (3). — u. Unfall 663. — Rückenmark dabei 653. Edinger. zum 60. Geburtstag 210 . Ehe u. Nervenkrankb. 203.441. Eierstook, endokrine Tätigkeit 822. Eifersuchtswahn, alkohol. 950. Elektrische Unfälle 103. 104. Digitized by Go igle Elektrodiagnostik 202. Elektrotherapie 202. 532. 589. — bei Kriegern 407. 732. Eltemkonflikt 846. Encephalitis *330. *508. — im Pons 478. — nach Salvarsan 162. — bei Keuohhusten 487. — nach Gasolinvergiftung 940. Enoephalomalaoie oder Hirn¬ geschwulst 382 (2). — nach Kohlenoxyd 941. Endogener Faktor u. Patho¬ genese der Nervenkrankh. 212 . Entartung bei Geisteskr. u. geistig Gesunden 585. Entlassung aus Irrenanstalt 582. Entmündigung wegen Trunk¬ sucht 95. Enuresis 622. — im Felde 612. Epidurale Injektion 790. Epilepsie *334. *510. *670. ♦878. 747 bis 761. — ex- perim bei Hunden 748. — exper. u. innere Sekr. 748. — im Kriege 611. — Wesen u. Behandl. 747. 749. — Patho¬ genese 747. — Abderhalden- sche Reakt. 171. — u. Hypo¬ physe 749 (2). 842. — u. Schwangersch. 753. — u. Myoklonie 755. — u. Alkohol 749. — u. Dem. praec. 753. — Hirn beim epil. Anf. 748. — Häufigk. der Anfälle 751. — Craig-Kolonie f. Epil. 761. — u. Kriminalität 755. — Pathogenese u. Ätiologie 747 (2). 749. — u. Heredo- syphilis 196. — u. Hirn¬ schußverletz. 315. — trauma¬ tische 315. 761. — Sym¬ ptomatologie: Gehäufte kleine Anfälle 750. — Blut 752 (2). — Stickstoffaus- soheidung 753. — Dämmer- zust. 754. — Prognose: Tod inf. epil. Anfalls 755. — Therapie 756 bis 761. — u. psych. Zust. 760. — Brom u. salzarme Kost 758. — Opium-Brom 758. — Sedo- brol 757(3). — Behandl. ohne Brom 758. — Borsäure 759. — Pulv. antiepil. 760. Spasmon 760. — Luminal 759 ( 3 ). _ Crotalin 760. — Schutzimpf, gegen Lyssa760. — Operation 761. Episan bei Chorea 128. Epistropheusfraktur 303. Epithelkörperchen, s. Gland. parathyr. u. Tetanie. Original fro-m UNIVERSITf OF MICHIGAN 986 Ereuthophobi?, s. Errötungs- furcht. Erfrierungen, periph. Nerven dabei 882. Ergotismus 936. Errötungsfurcht 738. Erschöpf uns u. Polvneuritis 150. Erythromelalgie 79. Familiäre amaurotische Idiotie *336. *879. Familiäre Krankheiten *336. *511. *671. *879. Faradopalpation 589. Färbemethode der Neuroglia 82. — der Nervenfasern u. -zellen 265. — der Mark¬ scheiden 269. 270. Fasciculus centroparietalis 217. Fazialislähmung in der Zahn¬ heilkunde 443. — inf. Ohr¬ muschelerkrank. 793. — inf. Mittelohroper. 793. — Lähm, des Mundastes 794. — Ne¬ ger sches Symptom 794. — Stellung der Augenbrauen 794. Feindschaftsgefühle im Kriege 373. Fetischismus 847. Fettschwund, progr. 657. Fieber u. Zwischenhirn 274. Fische. Nervensystem 278. — das Sehen derselben 720. Flocculus 356. Foligan 589. 614. Forensische Psychiatrie *368. *512. *672. *880. 766 bis 768. 846 bis 848. 875. 913. 955. — im Kriege 590. 612. Fomix beim Meerschweinchen 463. Frankl-Hochwart, v. f 48. 109. Franklinisation bei Schlaflosig¬ keit 746. Frau als Klientin 580. Freud sehe Lehre in gerichts- ärztl. Bezieh. 768. Friedreich sehe Krankheit *332. 22 (2). 29. — in Amerika 22. Frosch, Zentralnervensystem 277. Funktionelle Psychosen *367. *512. *671. *880. Fürsorgeerziehung 848. Fusionsvermögen 467. Fußsohlenreflex 687. — Latenz 684. — Auslösung 688. Oalaktosurie bei Basedow 828. Galalith 903. Gamaschenschmerzen 863. 904 ( 2 ) Ganglienzellen, postmortale Strukturveränder. 728. — Schwellung derselben 518. — tigrolyt. 856. Ganglion Gasseri, Geschwulst 391. 392. Gangrän, symmetr., s. Ray¬ naud sehe Krankh. Ganser sches Syndrom 764. Gasolinvergiftung 940. Gastrische Krisen, s. unter Tabes. Gebiß, Schreiben mit Hilfe des¬ selben bei Armlähm. 498. Geburtslähmung 795. Gedächtnis bei Paralyse 30. Gedankenlautwerden 98. Gedankenlesen 276. Gefängnispsychose 40. 955. Gefäßreflexe 201. Gehirn, s. Hirn. Gehuchten, van t 144« Genitalzentren nach Him¬ erschütterung 466. Gicht u. Nervenlähmung 792. Gifte, s. Vergiftungen. Gigantismus ohne Akromeg. 845. Glandula parthyreoidea, s. auch Tetanie, Spasraophilie 129(3). 131. 132(2). 133. — u. Paral. agit. 871. — Ex- stirp. 821. — pinealis, Ge¬ schwulst 392. — thyreoi- dea, Innervation 820. — Physiol. 818. — Kolloid 820. — Pathol. Anat. 819. 824. 825 (3). — Erzeug, von Thy¬ reoiditis 820. — u. Hypo¬ physe 821. — Exstirp. 821 (2). — u. Rachitis 821. — Karzinom bei Based. 829. — u. Jodmedik.831.—u. Chorea 127. — u. Paral. agit. 870. Glia, neue Färbemothode 82. — u. Intoxikation 935. Glutaealklonus 687. Goldsolreaktion 171. Granatexplosion u. Neurosen 642.780.922.925. 956 bis 960. Granatexplosionslähmung 73. 316(2). 865. Granatkontusion 425. 780. Greifreflex 686 . Grei {versuch 139. Greisenalter, s. Senium. Griechenland u. Deutschland 80. Großhirnrinde. Extremitäten - region 465. — Sensibilität 469. 470 ( 2 ). — Cajalsche Zellen 174. — Drüsige Bil¬ dungen 268. — u. Kühlung 722. — u. Erwärmung 274. — Exstirpation 267. 275. — Agyrie 468. Haarentwicklung u. innere Se¬ kretion 821. Haft u. Psychose 40. Halbseitenläsion, s. ßrown- Scquardscher Symptomen- komplex. Halluzinationen 580. — bei Paralyse 30. — bei Him- geschwulst 383. — bei Mor¬ phinismus 68 . — bei Trin¬ kern 98 (2). Halsrippen u. Brachialneuritis 198. Hämatomyelie 71. 297. 29S. 617. Hämorrhagie, zerebr., s. He¬ miplegie. Harnverhaltung bei Rüekcn- markssehüssen 428. — ner¬ vöse 736. Haß gegen Deutschland 157. Hantinnervation 727. Headsche Zonen *879. 792. Hebephrenie, s. Dementia prae¬ cox. Heer u. Psychosen 866 . Heißluftbehandl. von Ver¬ wundungen 868 . Hell sehen 276. Hemianästhesie, zerebr. 850. Hemianopsie 474. — Pupillen - reaktion 383. — Gesicht s- feldverwcrtung 731. Hemiatrophia faciei 656(2). — mit Argyll-Robertson 656. Hemihypertrophie des Körpers 657. Hemikranie. s. Migräne. Hemiplegie *330. *508. *660. ♦876. 480. — nach Kopf¬ verletzungen 427. — bei Typhus 483. — Ungewöhn!. Erschein. 482. — Reflexe bei Hornhautreizung u. Aug- apfelkompr. 483. — mit. fehlender Wahrnehmung der gelähmten Körperhälfte 287. — Sensibilitütsstör. 850. — Beteilig, der Mm. inter- costales 595. — o. Pseudo- mvotonie 480. — Schwei߬ absonderung 770. — spinale 49. 615. — orthopäd. Be handl. 483. Hemisphärenexstirpation 267. Hereditäre Ataxie, s. Fried- reichsche Krankh. Heredität 1x4 Geisteskr. u. geistig Gesunden 585. Herpes zoster *333. *669. 799. — nach Schußveiletzung 555. 904. — nach Salvarsan 800. Herzneurose 610. 611. 733- Heterotopie am Großhirn 468 Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY 0F MICHIGAN 987 Jö. •Ni. _ - (v; * - V • - H* •• . • * : ■?i F/r ^JlYi '. 97 j7;> > roetti' r. »;nr?r. v - Ptp.* - \rV'. 31. ei r - V: If5 y? ,vei Tabes 28. Hörbahn 384. — sekundäre 723. Hörstörungen u. Kriegsverletz. 122. 642. 643. 731. 735. 956. Hydrocephalus 701 bis 703. — Kongenitaler 701 ( 2 ). — chron. intern. 703 (2). — durch Schwangerschaft 488. — nach intrakran. Blutung 703. — Balkonstich 493. 703. Hydrotherapie bei Basedow 832. — bei Kriegsneurosen 406. 407, Hyperidrosis, s. Schwitzen. Hyperplasie der Muskeln 657. Hypertrophie, einseit. des Kör¬ pers 657. Hypnose 742. Hypoglossus, absteigender Ast 728. — doppelseitige Ver¬ letzung 918. Hypophysin 846 ( 2 ). — in der Kriegsmodizin 906. Hypophysis, s. auch Akrome¬ galie u. Dystr. adiposo-gen. Anatomie 818. — Kolloid 820. — u. Schilddrüse 821. — u. Epil. 749 (2). 842. — Hyposekretion 845 (2). — Geschwulst 392. 393 . 841 (2). 842(3). 843(3). — u. Kretinismus 839. — u. Epil. 842. — u. Polydaktylie 842. — Strahl enther. 844. — Hypophysektomie 844. Hypothyreoidismus 836 bis 838. — infantil 836. — u. Skoliose 836. — u. Obsti¬ pation 837. Hysterie *333. *510. *670. *878. 733 bis 746. 919. — Ursache 736. — im Krieg 317. 398. 408. 609. 642. 781. 905. 915. 919. 8. auch unter Krieg (Neurosen). — nach Überanstrengung 45. — u. Trauma 415. — u. organ. Nervönstör. 175. — oder mult. Sklerose 623. 650. — oder Appendioitis 734. — Blindheit bei Soldaten 905. — Hör- u. Sehstör. 735. — Taubstummheit 735. —Läh¬ mung 915. — Monoplegie 734. — hyster. Chorea 912. — Dermatose 742. 743. — u. eingebild. Schwanger¬ schaft 738. — senile 739. — Pseudolog. phant. 848. — Selbstbeschäd. des Auges 743. — Schlafzustände 743. — Dämmerzustand 745. — Psychosen 743. — u. Dem. praec. 764. — s. auch Freud - sehe Lehre. Ideen, krankhafte 440. Idiotie *367. *512. *880. Imbecillitas *367. *512. *671. *880. Impotenz, Behandlung 533. Infantilismus 839. — asthen. des Weibes 840(2). — 11 . Splenomeg. 841. Infektionspsvehosen *368. *512. *880. Innere Sekretion u. Haarent- wickl. 821. — u. Struma congen. 824. —Insuffic. 845. Innervation, tonische 725. — geschädigte an Hautflächen 727. — falsche 802. Innervationsentgleisung 802. Insel 564 (2). Insolation u. Psychose 106. Insufficiontia polyglandul. 845. Interossei, Ersatz derselben 607. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSITY OF MICHIGAN 988 Intoxikation, s. Vergiftung. Intoxikationspsychosen *368. *612. *880. 98. Invalidenfürsorge für Kriegs¬ beschädigte 733. Irrenanstalt 535. 5S1 bis 585. — Stellung der Anstalts¬ ärzte 583. — Fortbildungs¬ kurse 583. — Prosekturen 583. — Ärzte, Personal u. Kranke 582. — Zahnärztl. Beh. 583. — Frühe Ent¬ lassungen 582. — Unterricht für Personal 581. 582. — Weibliche Pflege 582. — Anstalt Leipzig-Dösen 582. — Bazillenträger 585. — Jugendpflege 583. — Be¬ händ 1. der Erregungszust. 684. Irrenfürsorge 535. Irrenpflege 535. — familiäre 584. Ischiadicus, Neuralgie nach Schußverletz. 607. — Läh¬ mung 318. — Wiederher¬ stellung der Leitungsfähigk. 432. Ischias *332. *509. *669. — radikul&re 790. — nach Schuß Verletzung 607. — u. Caudatumor 300. — epidur. Injektion 790. — Hoch¬ frequenz 791. — Neuralgisan 791. Jod u. Basedow 831. — u. Myxödem 838. Jugendfürsorge, s. Fürsorge¬ erziehung. Jugendirresein, a. Dementia praecox. Kalmonal 134(3). Kastration, s. Sterilisierung. Katastrophen u. psveh. Ei kr. 65. 106. Katatonie *368. *512. *671. *880. 704. 763. — u. Himtod 660. — u. Sonnenstich 659. — Spätgenesung 766. Katatonu s versuch 290. 421. 445. 775. Kehlkopfverletzungen 279.280. 605 (2). Keratitis neuroparalyt. 787. Keuchhusten u. Enzephalitis 487. — u. Meningocele 701. Kinder, neuropathische 746.— Neurosen 740 (3). — Base¬ dow 827. — Myxödem 837 (4). — Dermographie 740. — Psychotherapie 741 (2). — u. Kinobesuch 848. Kinderlähmung, spinale, s. Poliomyel. anter. — Kno¬ chen 529. Kindesmord 847. Kinobesuch durch Kinder 848. Kleinhirn *331. *509. *876. 356 bis 361. — Bahnen beim Menschen 356. — Kleinhirn¬ pyramide 248.358. —Lokali¬ sation 356. 357. — Rinde u. Kühlung 722. — Flocculus- funktion 356. — Syndrom 360. — u. Nystagmus 361. — angeb. Sklerose 174. — Ver¬ schluß der Art. oerebelli post, inf. 236. 361 (2). — Abszeß 352. — Geschwulst 390. — u. Kriegsverletzung 626. 664. 813. 816. 899. — bei tuber- kul. Mening. 697. Kleinhimbrücken winke! ge- sohwulst 282.359 (2). 360 (2). 384. 389. Kleinhimpyramide 248. 358. Klimakterium u. Neurose 738. Kohlenoxydvergiftung 41 (3), Kompressionsreaktion 725. Konst itutionskiankheiten u. Nervensystem 452. Kontraktur *332. Konträre Strebungen 580. Konzeptionsbeförderung u. Nerven- u. Geisteskr. 441. Kopfhautfalten u. Haarlinien 469. Kopfschmerzen 786. — Ohren¬ kopfschmerz 788. Korsakoffsche Psychose 95. 101. — u. Chorea 127. — Nitrobenzol vergift. 939. — u. Morphiumentziehung 943. — nach Neosalvarsan 162. j Kraft der Hände 726(2). I Kraftsinn 725. I Krampf *332. *877. — im Kin¬ desalter 128. —im Cucullaris 318. — im Platysma 318. Krankhafte Ideen 440. Kretinismus 838 (2). — Ätio¬ logie 838. — Stoffwechsel 838. — u. Hypophysen- geschw. 839. — u. Chagas- sche Krankh. 839. — en¬ demischer 839. Krieg *335. *510. *670. *878. — Granatexplosionen 73. 316 (2). 425. — Feindschafts- ; gefühle 373. — u. Seelen- I leben 157 (2). 406. 600. 907. I — u* Himphysiol. 362. — | n. Alkoholisraus 623. — | Sexuelle Fragen 407. 867. — | Lazarettbeschäftig. 613. — j I Erwerhsfiirsorge 613. 870. — i Ansiedlung 733. — Therapie j 778. —Psychiatr. u. Neu- rolog. 2. 12. 17, 18 (2), 41 bis 48. 49. 63. 69 bia 7a 107 bis 109. 157 bis 159. 279. 317. 364. 404. 411. 434(2). 437. 494. 600. 037. 905. 907. — Hirn verletz. 13. 41. 44. 45. 46. 47. 65. 69. 78. 107. 108. 109. 122 (2). 140. 158. 314. 315(2). 324. 364. 365. 370. 399. 409 (2). 410. 426(2). 427(2). 435. 436. 456. 495(2). 499. 602. 505. 606. 507. 546. 601 (2). 602(2). 603. 623. 639 (2). 640. 729. 730(2). 859. 860. 861. 898. 899 (4). 914. — u.' Otologie 122. 642. 643. 731. 735. 956. — VerJ. der zentr. Sohbahnen 495. — Pupillen¬ starre 780. — u. psych. Au» fallserschein 399. — Spät- abszesse 546. — Verwund, des Sehorgans 861. — He¬ mianopsie 731. 861. — Kon¬ trahier. Alopezie 899. — Kleinhimsy m ptome 626.664. 813. 816. 900. — Transport Schädelverletzter 641. — Übungsschulen für „Gehirn¬ krüppel“ 613. — Rücken¬ marksverletz. 7. 13. 15. 41. 47. 49. 63. 71. 78. 107. 108. 109. 114. 135. 136. 137. 147. 153. 158. 174. 184. 311. 312. 313(3). 314(2). 315. 321. 324. 365. 409. 410. 411. 416. 427. 428. 429 (2). 436(2). 499. 501. 502. 505. 506. 507. 537. 541. 543. 550. 601. 603. 604(3). 614. 615. 617. 639. 731. 861. 901 (2). — Verletz, der periph. Nerven 13. 42. 48. 51. 66. 69. 79. 107. 108. 109. 123. 134.135.175. 280 (2). 281(2). 283. 284.309 (2). 310.311(3). 317. 364. 409. 418. 429. 430 431. 432(4). 433(3). 446. 448. 496(2). 497. 498(2). 501. 502. 503. 505. 507. 540. 556. 601. 605. 606 (2). 607(5). 617. 639. 731. 861. 862(3). 901. 903(3). — Partielle Nervenlasion 446. — Ver¬ letz. des Hypoglossus 918. — Verletz, des Platysma 282. — Verletz, des Kehlkopfs 279. 280. 605(2). — Recurrens- lähm. 416. 794. — Verletz, des Sympath. 147. 283. 554. 779. — Verletz. de9 Cu- cullaris u. Serratus 283. — Verletz, dos Plex. brach. 406. 607. — Medianuslähmung 42. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY 0F MICHIGAN 989 540. 657. 617. — Radialis- lähm. 681. — Neuritis 903. — Herpes 555. 904. — Fu߬ stützmaschine 643. — Pero- neuslähm. 607. — Troph. Stör. 731. 904. — Verl, des N. suralis 617. — Lagerungs- behandi. 607. — Mobilis. ver¬ steifter Gelenke 608. — Bia- thermiebehandl. 406. —Neu- rolyse 862. — Neurosen 17. 45. 48. 72. 74. 122. 136. 317. 363. 365. 398. 408. 430. 437. 494. 499. 603. 505. 506. 514. 691. 608. 609. 610(2). 611. 618. 626. 639. 641. 642. 710. 715. 780. 810. 862. 864. 865(2) 888 . 904. 905(2). 906(2) 915. 919. 922. 924. 926. 928. 956 bis 960. — u. Polyneuritis 150. 430. — Blindheit 905. — Stimm¬ bandlähmung 643. — Ohr¬ apparat 122. 642. 643. 731. 735. — Kriegshysterie 609. 642. 781. — Herzneurosen 610. 611. — Thyreose 827. — Epilepsie 611. — Enu¬ resis 612. — Blasenstörung 732. 863. 864. — Hydro¬ therapie 406. 407. — Elek- trother. 732. — Antithy- reoidin u. Hypophysin 906. — Psychosen 17. 18. 43. 63.117. 122. 319. 399.404(2). 405. 411. 494(2). 500. 503. 504. 505. 590. 637. 865. 866 . 905. 906(2). 924. 928. — Pathogenese 117. — Hebe- phrenie 781. — Typhuspsy- chosen 291. 866 . — Foren¬ sische Falle 590. 612. 924. Kriminalität u. Vererbungs¬ gesetze 766. — in Buenos Aires 364. — u. Krieg 590. 612. 924. — u. Epil. 755. — u. Dem. praec. 762. — u. Täto¬ wierung 766. — u. Psych- analyse 768. — u. Sittlich¬ keit 768. — Unterbring, in Anst. 875. Krückenlähmung 321. Labyrinth, s. Vestibularappa- rat. Lagegefühlsstörung 140. Lähmungen, Typen ders. 467. Laminektomie bei spondylit. Lähmungen 306. — bei Schußverletz. 312. — s. auch unter Krieg (Rückenmarks- verl.). — u. Meningitis 313. Landrysehe Paralyse *333. — pathol. Anat. 798. — u. Poliomyel. anter. 527. 528. Lateralsklerose, amyotrophi- sehe 299. — u. Syringo¬ myelie 200. Lathyrismus 937. Lazarettbeschäftigung 613. Lebensfragen, ärztliche 207. Leberveränderungen u. Ner¬ venleiden 475. 476. Leibseelenfrag? 441. Leitungsaphasie 565. 566. Lepra *877. Lesestörung, s. Alexia. Linkshändigkeit bei Affen 573. Linsenkern, s. Nucleus lentioul. Lipodystrophie progr. 930. Liquor cerebrospinalis *331. *509. *669. *877. 952. — Druck 197. 199. — Serologie 197. 198. — Toxine in dem¬ selben 721.—Goldsolreaktion 171 198. — Neue Reaktion 198. —Lymphozytose 199. — Eiweißgehalt 199 (2). —nach Syphilis 169. 170(2). 190. 191. — Globulin 199. — bei älteren Heredosyphil. 189. — bei Hirnblutung 481. — bei Chorea 126. — nach Neo- salvarsan 166. Lobus frontalis, s. Stimhirn. — occipitalis, s. Hinter¬ hauptslappen. — parietal is, s. Scheitelhirn. — tempora- lis, 8. Schläfenlappen. Logorrhoe bei Dem. praec. 763. Lues cerebri, 8. Himsyphilis. Luetinreaktion 168. 169. Luftembolie, zerebr. 484. Lumbalpunktion 196. 197. — bei Chorea 126. — bei Del. trem. 949. Luminal, Vergiftung 68. — bei Tetanus 94 (2). — bei Epil. 759 (3). Magen, psychogene Erkr. 740. Magnesiumsulfat bei Tetanus, s. unter Tetanus. — bei Spasmophilie 132. Makropsie u. Hirngeschwulst 383. Mal perforant 24 (2). — naoh Prellschuß der Wirbelsäule 604. — Behandi. 24. Malaria, ungewöhnl. schwere Symptome 695. Maltafieber u. Nervensystem 276. Manie *368. — bei Schild- drüsenhypertr. 830. Manisch-depressives Irresein *367. *512. Markscheiden. Färbemethode 265. 269. 270. Mayer, Julius Robert 205. Medianuslähmung 540. 541. — durch Schuß 42. 540. 657. 617. Medinal 69. Medulla oblongata, s. auch Bul- bärparalyse. — akute Herd¬ erkrank. 224. — Aplasie 622. — bei Dem. praec. 661. Mekonal 589. Mendel-Bechterew scher Reflex, s. Fußrückenreflex. Mendelsches Vererbungsgesetz 766. Meningealblutung 700 (2). Meningealkarzinose 700. Meningealtumor 299. 381. 384. 700. 701. Meningen *330. *508. * 668 . *876. 689 bis 701. — bei Paralyse 38. — des Rücken¬ marks, Tumor 297 (3). 299. Meningitis *330. *508. * 668 . *876. 689 bis 700. — trau- mat. 696. — nach Schädol- verletzung 689. — bei Hirn¬ schußverletz. 426. — Me- ningeale Sympt. bei Hirn¬ blutung 481 ( 2 ). — u. Otitis 695 (3). 696 ( 2 ). — u. Neben¬ höhlen 696. — u. Mumps 696. — u. Diphtherie 694. — u. Typhus 694. — u. Milz¬ brand 694. — u. Malaria 695. — Proteusmeningitis 693. — Aktinomykot. Me- ning. 693. — cerebrospi¬ nalis: Bakteriol. u. Prophy¬ laxe 689. 692. — Meningo¬ kokkennachweis 692. — Pa¬ thol. Anat. 691. — Fleck¬ typhusart. Verlauf 690 (2). 691. — Augenläsionen 691. — Serumbehandl. 692 (3). 693. — Heilung 692. — spinalis serosa 174. 321. — serosa: bei tuberkul. Kindern 699. — tuber- culosa 697 (5). 698 (2). 699 ( 6 ). — Ninhydrinreakt. 697. — Glyzyl Tryptophanreakt. 697. — Kleinhirn 697. — bitempor.-heraianop. Pupil- lenreakt. 699. — Heilungs- mögl. 699. — Behandi. 699. Meningocele 701 (2). — am Stirnbein 69. Meningoencephalitis u. Milz¬ brand 694. — des Pferdes 277. Meningomyelitis 571. Mescalinraußch 936. Methylalkoholverg. 946. Migräne *332. *509. *669. *877. 186. Militärnervenheilstätte 613. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY 0F MICHIGAN 990 Milzbrand u. Meningitis 694. Mimik, doppelseitige 573. Mißbildungen 622. Mobilmachungspsychosen 404. 411. Mogigraphie, s. Schreibkrampf. Morphinismus 68 . 942. 943 (3). — Prognose 66 . — Thera¬ pie: Pantopon 69. Morphiumentziehung 943 (3). Morphin Wirkung 68 . Multiple Sklerose, s. Sklerose, multiple. Musculo-cutan., Lähm. 795. Musikalisches Leistungsver¬ mögen 572. Muskel, untätiger 727. Mu.kelaktionBatröme 746. Muskelatonie, s. Myatonie. Muskelatrophie *336. *511. *879. — spinale 571. 653 (2). — spin. u. Syph. 196. — bei Tabes 537. — TypusWerd- nig-Hoffmann 653. Muskeldystrophie, s. Dystroph. musc. progr. Muskel hyperplasie 657. Muskclhypertrophie 657. Muskelverknöcherung 652 (2). Muskel wogen 571. Muskelzuckungen 651. Myasthenie *331. *669. Myatonia congenita *336. 655 (3). 656(3). Myelitis 300. — akute 299. — funicularis 298. 300. — traumatische 436. Myohypertrophia kymoparaly- tica 346. Myoklonie 755. Myokymie 346. Myositis ossificans 652 (2). Myxödem *333. *510. *670. *877. 836 bis 838. *— kon- j genit. 837 (4). — faroil. 837. j — infant 836. — u. Skoliose i 836. — u. Paral. agit&ns 874. | — Blutbild u. Jod 838. Nachtwandeln, s. Noktambu¬ lismus. Nackenschmerz 788. Napoleon 750. Narkolepsie 743. 764. 914. Narkose u. Zentralnerven¬ system 869. Narkotika u. Wassermann sehe Reakt. 172. Nase u. Reflexneurosen 735(2.) Nebenniere bei Psychosen 954. Neger, Wasserm&nn-Reakt. bei geisteskr. 172. Neosalvarsan 159. 161. 162. 164.166. — u. Liquor cerebr. 166. Nervagenin 588. Nervenerregbarkeit u. Säure 188. Nervenfasern, Tätigkeit der¬ selben 726. Nervenkrankheiten u. Ehe 203. 441. — Pathogenese der¬ selben u. endog. Faktor 212. — Ätiologie 913. — n. Zahn¬ arzt 442. — an der Wiener Nervenklinik 558. Nervenlähmungen *332. *509. *669. *877. 792 bis 796. — psychogene 74. — u. Gicht 792. — u. Typhus 792. Nervenmassage 202 (2). Nervennaht 281. 284 . 796. 903 (2). — s. auch unter Krieg (Verletz, der periph. Nerven). Nervenpigment beim Papagei 271. Nervenregeneration, s. Regene¬ ration. Nervenreizung 723. 726. Nervensystem beim Frosch 277. — der Fische 278. — u. Maltafieber 273. — u. Stoff- welchsel- u. Konstitutions- krankh. 452. Nervus acustious, s. Acusticus. — axillaris, Lähm. 795 (2). — glutaeus super., Lähm. 321 u.418.— musculo-cutan., (Ahm. 795. — olfactorius, g. Olfactorius. — opticus, s. Opticus. — peroneus, s. Pero¬ neus. — petros. superf. major 277. — phrenicus, s. Phreni* cuslähm. — recurrens, s. Re- currenslähm. — suralis. Schußverletz. 617. —tibialis, s. Tibialisverl. — vestibula- ris. Ausschalt, desselben u. Augen beweg. 807. Neuralgie *332. *509. *669. *877. — 786 bis 791. — der Schulter u. des Nacken* 788. — des Arms 789. — im Becken 789. — Heilung durch Bakterientoxine 791. — Neuralgisan 791. Neuralgisan 791. Neurasthenie *333. *510. *670. *878. 733 bis 742. — Ursache 736 (2). — oder Appendic. 734. — des Herzens 610. 611. 733. — sexuelle 737 (2). — u. Klimakterium 738. — Schlaflosigkeit 746. Neuritis *332. *609. *669. *877. — als Felderkrankung 903. — u. Torticollis 734. — vostibularis 798. — brachia- lis 798. — Heilung durch | Bakterientoxine 791. — op¬ tica 382 (2). 383. 386. 490 — bei Hirnschüssen 324. — bei zerebr. GefäOerkrmnk. 489. — u. Hirnchirurgie 490. — r otrobulböris u. malt. Skier. 647. Neuritis multiplex 796. — u. Dysenterie 403. 798. — u. Alkohol 947. — syphil. 797. — u. Diphtherie 797 (3). — bei lOjähr. Knaben 797. — u. nerv. Erschöpf, im Kriege 150. 430. — u. Dysenterie im Kriege 403. — nach Neo¬ salvarsan 162. — des Hör¬ nerven nach Kohlenoxyd 941. Neurofibromatosis *333. 799. Neuroglia, s. Glia. Neurologie *329. *508. *668. *876. — u. Psychiatrie 438. Nourolyse 862. 903. Neurom 799. Neuropathie dos Kindes 74G. Neurorezidive, s. unter Sy¬ philis. Neurosen im Kriege, s. unter Krisg. — u. Trauma, s. unter Trauma. — im Säuglings¬ alter 740. — in Kindheit 740. Neurovakzin 791. Ninhydrinreaktion 463. 697. Nitrobenzol Vergiftung 939. Nitrose Gase 67. Nucleus lenticularis: Syndrom 461. 475 (3). Nukleininjektion bei Paral. u. Dem. praec. 35. — bei Para), agit&ns 874. Nystagmus *336. *671. — labyrinthärer 3G1. Oculokard. Reflex 685 (2). — bei Syphilis 193. Oculomotorius, Lähm, bei tu- berkul. Mening. 099. — zy¬ klische Lähmung 474. Ohrenkopfschmerz 788. Ohrgeräusche 735. Ohrmißbildungen bei Geistes¬ kranken 913. Ohrschwindel, s. Moniere sehe Krankheit. Okulo-kardialer Reflex 685 (2). — bei Syphilis 193. Ophthalmoplegie u. Migräne 786. — u. Bleivergiftung 942. Opium 68. Opticus, gliöses Gewebe 463. Orientierung im Raum, Störun¬ gen derselben 474. Ovarium 822. JPachvmeningitis haemorrh&g. 700(2). Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY 0F MICHIGAN 991 Palaeencephalon 338. Pantopon 69. — bei Paral. agitans 874. Papagei, Nervenpigment 271. Paraldebyd u. Wassermann- sche Reakt. 172. Paralysis agitans *336. *511. *879. 870 bis 874. — Patho¬ genese 176. 870 (2). — Blut¬ drüsen 870. — Epithelkör¬ perchen 871. — u. Trauma 871 (2). — im jüngeren Alter 872. — u. Basedow 873. — u. Myxödem 874. — u. Tabes 873. — u. Syph. des Nerven- syst. 873. — Psych. Stör. 873. — N u klein behänd1. 874. — Pantopon 874. Paralysis progressiva *368. *512. *671. *880. 29 bis 39. — Chemische Untersuch. 36. — Biolog. Betracht. 37. — Harnstoff 39. — Abderhal¬ den sehe Reakt. 171. — Se¬ rum u. Liquor 189. — Sym¬ ptomatologie: Gedächtnis 30. — Paranoide Form 30. — Halluzinationen 30. — Schrift 30. — Nierentätig¬ keit 39.—Ätiologie: Spiro¬ chäten 31. 35. — Syphilis 31. 32. 34(3). — Trauma 33. 34 (2). — juvenile 29.190. — infantile 29(4). — Patho¬ genese 36. 37. 38. — Me¬ iling. Permeabil. 38. — Pathol. Anatomie 29. 37 (2). — Rückenmark 37. — Wucherung des perivaskul. Bindegew. 37. — Diagnose 31. — u. Hypophysistumor 393. — Prognose: Remis¬ sion 28. — Forensisoh 30. — Therapie: Salvarsan 32. 160. 161. 162. 164. 168. 190. — Serumtherapie 35. — Nukleinbeh. 35. — Tuber¬ kulin 169. Paranoia *367. *512. *671. *880. Patellarreflexe, s. Sehnen¬ reflexe. Pathologische Anatomie *329. *508. *668. *876. Pellagra *333. *509. *669. *877. 800. Period. Psychosen, Abderhal¬ den sehe Reakt. 171. Periphere Nerven bei Er¬ frierungen infolge Durch - nässung 882. Peroneuslähmung durch Schuß 42. 317. 914. — u. Reflex¬ lähm. 914. — Fußstütz¬ maschine 643. — Korrektur derselben 47. — Behandlung 607. Perseveration 570. Petit mal 750. Phenoval 202. 664. Phrenicuslähmung 69. Physiologie *329. *508. * 668 . *875. Pigmentation des Hirns 468. Plaques, senile 728. Platysma myoides. Schußver¬ letz. 282. — Krampf 318. Plexus brachialis: Lähmung 173. 496. 607. 795. — Neur¬ algie 789. — Operation da¬ selbst 409. — chorioidei 274. — lumbalis: Anästhe¬ sierung 791.— solaris: Deh¬ nung bei gastr. Krisen 26. Pluriglandulärer Svmptomen- komplex, s. Blutdrüsen. Polioencephalomyelitis bei Bo¬ tulismus 937. Poliomyelitis anterior *331. *509. *669. *877. 522 bis 630. — u. mult. Sklerose 649. — akute: Kontagiosität 524. 529. — Keimträger 525. — Anstaltsendemie 525. — in Kattowitz 525. — in Steier¬ mark 525. — in Norwegen 526 (2). — in Amerika 527. — Geburtsablauf dabei 296. — Symptomatologie 528. — unter dem Bilde der Landry sehen Paralyse 527. 528. — meningit. Form 529. — abnorme motor. Reiz¬ erschein. 529. — Blut 527. — Knochen 529. — abortiver Fall 529. — Ätiologie 522 (2). 523 (2). 529. — Pathol. Anat. 527. — Therapie 630 (3). Polydaktylie u. Hypophysen- geschw. 842. Polyneuritis, s. Neuritis mult. Polyneuritische Psychose, s. Korsakoffsche Psychose. Pons, akute Herderkrank. 224. 225. — Encephalitis 478. Porencephalie 469. Poriomanie, s. Wandertrieb. Potenzstörung 737. Pottsche Krankheit 308. Presbyophrenie 467. Pseudobulbärparalyse *331. 461. 571. Pseudogibbus traumat. 104. Pseudohypertrophia musc., s. Dystroph, musc. Pseudologia phantast. 848. Pseudomeningitis 699. Pseudomyotonie u. Hemiplegie 480. Pseudosklerose 461. 475. 651. Pseudotabes pituitaria 393. Pseudotetanus 187. Pseudotumor des Hirns 394. Psychiatrie *367. *511. *671. *880. — u. Neurologie 438. — Vergleich. Rassenpsych. 438. Psychiatrische Vorträge 40. Psychoanalyse, s. Freud sehe Lehre. Psychogene Lähmung 74. Psychologie *366. *511. *671. *879. 578 (2). — der Tiere 272. 273. — im Kriege 157 (2). 373. 406. 600. Psychoneurose oder multiple Sklerose 623. Psychopathische Konstitution u. Verbrechen 208. — u. Pubertät 663. — im Felde 781. Psychosen 962. — Ätiologie 913. — Untersuchung 39. — u. körperl. Erkrank. 587. — Körperl. Zeichen 441. 585. — Degenerationszeichen 913. — Heredität 585. — u. Mobil¬ machung 404. 411. — u. Ge¬ fangenschaft 40.955.—u. Ehe 441. — im Kriege, s. unter Krieg. — nach großen Kata¬ strophen 65. 106. — nach Insolation 106. — nach Trauma 105 (5). — u. Mor- phiumentzielfung 943. — u. Cocain 943. — u. Himsyph. 195(2). — u. Typhus 291. — Adrenalinmydriasis 677. — u. Nebennieren 954. — Diagnostik 107. — Wei- chardtscho Reaktion 40. Psychotherapie 532. — im Kindesalter 741 ( 2 ). Ptosis 472. Pubertät u. Psychopathie 663. Pupillen, Psychoreflexe 685. Pupillenreaktion, hemianopi- sche 383. Pupillenstarre nach Schädel- , trauma 780. — bei Hemiatr. faciei 656. — alkohologene reflektorische 254. Pupillenunruhe 685. Pyramide, zerebellare 248. Pyramiden bahn 217. 268. — bei Meerschweinchen 463. — u. Glutäalklonus 687. Quecksilbervergiftung 940. Hadialislähmung 581.—durch Schuß 42. 280. — Hebe¬ apparat 311. Rassenpsychiatrie, verglei¬ chende 438. Digitized by Go igle Original fro-m UNIVERSITY 0F MICHIGAN 992 Raynaud scho Krankheit *333. *509. *877. Rechtshändigkeit bei Affen 573. Recklinghausonsche Krank¬ heit, s. Neurofibroraatosis. Recurrensläkmung 794 (2). — nach Halsschuß 415. Reflexe *332. *509. *669. 684 bis 689. — s. auch Babinski- scher Reflex, Knochenreflexe, Sohnenrefloxe, Achiilesreflex Fußrückenreflex, Oppen¬ heimscher Refl., Kremaster- refl., kontialater. Refl. usw. — Konstanz 686 . — Latenz u. lx>kalisation 684. — wäh¬ rend Einwirk, des farad. Stromes 684. — Abwehr¬ reflexe 686 . — bei Alkoholis- muB 97. — bei Aneurysma des A. femor. 686 . — okulo¬ kardialer Reflex 685 (2). — Greifreflex 686 . — Latenz dos Fußsohlenrefl. 684. Reflexepilepsie, s. Epilepsie. Reflexlähmung 51. 79. 914. Reflexneurosen, nasal 3 735(2). Regeneration am Gehirn 275. — der Nerven 796. — von Hautnerven 724. Rindenblindheit 570 (2). Roter Kern, s. Nuoleus ruber. Rothmann + 624. 674. Rückenmark *331. *509. *669. *876. — exßeriment. Kom¬ pression 273. — Schmerz¬ leitung darin 153. 174. 296. — Postmortale Veränder. der Nervenfasern 178. — bei Überdruck 296. Rückenmarksblutung, s. Hä- matomyelie. Rückenmarkschirurgie, s. unter Rückenmarksgesch wülste. Rückenmarkserschütterung 409. 416. Rückenmarksgeschwülste *331. *509. *669. *876. 297 (3). 300. — Chirurg. Behandl. 301. Rückonmarkshautgeschwülste 297 (3). 299. Rückenmarkskompression, s. auch Wirbelsäule. Rücken mark» Verletzung, siehe untei Krieg. — mit späterer Krückenlähmung 321. Rückschlagserscheinungcn 439. Rumination 689. Äafrolvergiftung 938. Sakralmark, Erweichung des¬ selben nach Schuß in dio BrustwirbeLsäule 541. Salvarsan, s. untrer Syphilis. — bei Chorea 128. — bei Te¬ tanus 786. — u. Horpes zoster 800. | Sanatogen bei Irren 105. Säure u. Nervenerregbarkeit I 188. Scapula soaphoidea 194. Schädel, Maße u. Funktions- stör. des Hirns 464. — Im- j pressionen bei Neugeborenen 464 (2). —Chirurgie im Felde 122. 410. 426. 427. 436. Schädelbruch, s. Trauma. Schädeldefekte im Jugendalter 729. Schätzung der verflossenen Zeit 559. I Scheitelbein, Streifschuß 41. Scheitelhirn, Schußverl. 41. 44. 45. Scheitellappen, Geschwulst 388. 397. — Verletzung 469. 470 (2). 473. —Symptomato¬ logie 469. 470 (2). 472. 473. Schilddrüse, s. Gland. thyreoid. Schlaf, automatischer 441. Schläfenlappen, Abszeß 351 (2). 352. 569. — Geschwulst 388. Schlaflähmung 796. Schlaflosigkeit 746. — der Neurastheniker 746. Schlafmittel 202. 535. 664. 746 (2). — Vergift, durch dieselben 100 . Schlafzustand, hyster. 743, 8 . auch Narkolepsie. Schmerz, Leitung im Rücken¬ mark 153. 174. Schreckneurosen 74 bis 77. Schreiben mit Hilfe des Ge¬ bisses 498. Schreibstörungen, s. Agraphie. — bei Paralyse 30. — bei Chorea 126. Schulterschmerz 788. Schußverletz. periph. Nerven 8 . unter Krieg. Schwachsinn, s. Imbecillität. Schwangerschaft u. Himerkr. 488. — tetanoide Symptome 132. — Chorea 125. 127. — u. Epil. 753. — eingebildete 738. Schweiß bei kortikalen Lä¬ sionen 770. — bei «past. Paraplegie 773. Schwerhörigkeit, nervöse 175. Schwinde] u. mult. Sklerose 647. Sedobrol 533. 534. 757 (3). Sehen der Tiere 273. Sehnenreüoxe, s. auch unter Reflexe. — Untersuch, der Patellarreflexe 687 (2). Selbstbeschädigung des Auges I 743. 1 Digitized by Gck igle Selbstmord u. Voran t wörtlich k. des Irrenarztes 913. Senile Plaqnes 728. Senium u. Hysterie 739. Sensibilität, Untersuchung der¬ selben 621. — u. Großhirn¬ rinde 469. 470(2). 639. — u. mult. Sklerose 647. Sensibilitätsstörungen, psycho¬ gene u. kortikale 618. — am Rumpf bei zerebr. Hemi- anästh. 850. Serodiagnostik 172(4). 953. — bei geisteskr. Negern 172. Serratu 8 lähmung 283. Sexualität u. Krieg 407. 867. Sexuelle Perversität *367. *512. Sinnestäuschungen, s. Hallu¬ zinationen. Sittlichkeitsverbrechen 768. Sklerodermie *333. *509. *670. Sklerose, multiple *331. *509. *669. *877. 643 bis 650. — Ätiologie 644. — bei Heeres- angehörigen 648. — Re- generat. an Achsenzylindern 643. — Formenreichtum 644. — Pathologie 645. — Diffe¬ rentialdiagnose 623. 647. — u. Neurit. retrobulbaris 647. — u. Vestibulär bahn 647. — Sensibilität 647. — Ps\*- chische Storungen 649(3). — u. Poliomyel. 649. — u. Syringomyelie 650. — u. funktion. Erkr. 650 (2). — oder Hysterie 650. — oder PSychoneurose 623. — Ver¬ lauf 647. — Behandlung 647. — tuberöse 729. Sonnenbäder 614. Sonnenstich u. Katatonie 659. Soziale Fürsorge für Kriegs¬ beschädigte 613. 733. 870. SpasmophiJie 128. — in Japan 130. — Magnesiumsulfat 132. Spasmus nutans 689. Spätapoplexie nach Trauma 104. Sphärotriohie 268. Spiegelschrift 571. Spina bifida 303. Spirochäten bei Paralyse 31.35. Spondylitis, tuberkul. 307. — typhöse 307. — Therapie 306. 307. Spondylosis rhizomelica 305(2). 306. 308(2). Sprache, s. auch Aphasie. Starkstromverletzung 103. Stauungspapille, s. Neuritis optica. Stereotypie 659. Stimm bandlä Innung, funktion. im Kriege 437. 643. Original fro-m UNIVERSITf 0F MICHIGAN 993 Stirnhirn, Funktion 465. — Abszeß 352. 353(2). 354(4). 355(3). — Geschwulst 385 (2). 386 (2). 387 (2). Stirnhimschüsse, s. unter Krieg. Stoffwechselkrankheiten and Nervensystem 452. Stottern 574. 575. 579. — u. y Nystagmus 574. rr« _ Struma congen. u. innere Se¬ ; kretion 824. —Ätiologie 838. — substernale 825. — bei i:u v Basedow 825. — Jodmedik. fcn / 831. — Röntgen behandl. 831. Ü2 — Chinin u. Harnstoff 831. fe: f . Strychnintetanus 274. iiü: */* 1 Suicidium, s. Selbstmord. i. ü Sympathicus *333. *509. *669. *877. — der Schildkröte 276. tora * — Lahm, des Halssymp. m. w- ^ nach Schußverl. 147. 283. 554. 779. 43 169. 170(2). 190. 191. — Spin. Schul teratr. 196. — 4?. - : Wirbelsäule 194. — Innere ?-j V ■ Organe 194. — okulokard. - Reflex 193. — u. Neur. mult. 797. — u. Diab. insip. 193. f-V — u. Dem. praec. 658. — u. _ 1 Chorea 909. — u. Paral. ^ - f- agitans 873. — Porges-Her- m an sehe Reaktion 166. — £ Hennan-Perutz sehe Reak- . tion 166. — Luetinreaktion 168. 1*69. — Neurorezidive tv. 191.— Abortivheilungenl91. — g, — Therapie 192 (2). — j ' ; 3 -, Tuberkulin 169. — Sal- varsan 159. 160(2). 161 (3). 162 (5). 163. 164 (2). | | . 165. — Autosalvr rsanbeh. | (Swif t-Ellis) 161. 162. 166. 167(2). 168. 190. — Ence¬ phalitis 162. — Todesfälle 162 (3). — bei Chorea 128. — bei Tetanus 93. 786. — bei Tabes 162, 163. 164. 4* Syringomyelie *332.*609. *877. 174. — beim Kalb 200. — Patholog. Anat. u. Patho¬ genese 200. — Pathogenese 201. — u. amyotr. Lateral- skler. 200. — u. mult. Skier. r. s 650. Tabes *332. *509. *669. *877. 24 bis 28. — u. Heeresdienst 436. 648 (im Referat 20). — XXXIV. u. Paral. agitans 873. — Symptomatologie: Stim- runzeln 24. — Gestörtes Ver¬ schiebungsgefühl 24. — Fu߬ deformität 25. — Arthro¬ pathien 537. —Lokal is. Mus¬ kelatrophien 537. — Amyo- troph. Tabes 25. — Augen¬ krisen 27 (2). — Gastrische Krisen 26 (5). — Dyspepsie 26. — Ungewohnt. Koor¬ dinationsstör. am Rumpf 707. — Arthropathie 27. 28. — Tardive Homosexual. 28. — Ätiologie: Trauma 24. — Syphilis 31. — Pathol. Anatomie 25. — Diagnose u. Hypophysistumor 393. — Therapie: individualisie¬ rende 25. — Sal varsan 162. 163. 164. — Dehn, des Plex. solar. 26. — Foerstersche Oper. 26. 204. — Frankesche Oper. 26 (2). Taboparalyse 28. Tanzmaus, Hirn derselben 269. Tastsinn 470. 471. 564. Tätowierung 766. Taubheit, hyster. 506. Taubstummheit, Hirnstamm 268. Tay-Sachs sehe Krankheit, s. Famil. amaur. Idiotie. Telephon-Unfall 103. Terminologie 204. Tetanie *333. *510. *670. *877. 128 bis 133. 186 bis 188. 415. 65!. — bei Hunden 129(3). — u. Nebenschilddrüse 129 (3). 131. — postoperative 132(2). 133. — Broncho- tetanie 131. — gastrisch. Urspr. 130. — bei abdomin. Affekt. 131. — bei Dünn- darmileus 131. — bei Dys¬ enterie 131. — im Kindes¬ alter 186. 187. — bei Schwantr. 132. — u. Alters¬ star 132.—u.Appendicitisl30. Tetanus *334. *510. *670. *878. 158. 399. 576. 601. 730. 781 bis 786. — Kontaktinfektion 402.— Toxinwanderung 577. — Symptomatologie 19. — Tetanus lateralis 403. — auf den Plex. lumb. lokalis. 785. — Prophylaxe 403. — The rapie 19.“ 20. 21(3). 64(4). 65. 93(4). 94(4). 121(3). 122. 123. 158(3). 159(31. 399. 401 (2). 782 bis 786. — Antitoxin 64(2). 65. 93(4). 94(2). 121. 158. 159. 279. 402. 575. 577.578.782bis 785. — intoxik. darnach 94. — Exanthem 578. — Magne¬ siumsulfat 20. 21. 64. 65. 93. 94. 121(2), 159. 401 (2). 402 (2). 575 (2). 577. —Chlor 159. — Salvarsan 93. 786. — Lumina] 94 (2). — Narkotika 121. — LuftbestrÖmung 158. — Lichtbehandlung 402. Thalamus opticus, Läsion 474. — u. Zwangslachen u. -wei¬ nen 485. Therapie *368 *512. *672. *880. — der Geisteskrankh. *368. *512. *672. *880. — Sanatogen 105. Thermanalgesie nach Rüoken- marksverletz. 153. Thomsensche Krankheit, s. Myotonie. Thymus, Operationen an der¬ selben 834. — Resektion bei Basedow 833. Thyreoidin bei Dem. praec. 765. Thyreoiditis u. Basedow 833. Thyreosen u. Militärdienst 437 (2). — im Heer 827. Tibialisverletzung 42. Tic *334. *510. 912. — con- vulsif, Behandl. mit ChJor- kalzium 913. Tic douloureux, s. Trigeminus¬ neuralgie. Tiere, denkende 276. Tierpsychologie, s. unter Psy¬ chologie. Tigrolyse 856. Tomisterdruckneuralgie 863. Torsionsspasmus, s. Dyston. musc. deform* Tortioollis neuriticus 734. Transvestitismus 847. Trapeziuskrampf 318. Trapeziuslähmung 283. Traum 579. — Deutung 442. — nach Hirntumorexstirp. 394. Trauma *335. *510. *670. *878.—8. auch unter Krieg.— elektrisches 103. 104. — am Telephon 103. — Sohwere Hirn Zertrümmerung 620. — Anosmi e u. Enophthalmu s 64. — u. Hirnblutung 103. 104. — u. paradoxe Hirn¬ embolie 483. — u. Hirn¬ abszeß 350 (2). — u. motor. Aphasie 568. — u. Tabes 24. — u. Paralyse 33. 34 (2). — u. Pseudogibbus 104. — u. Mu .keldystrophie 653. — u. Paral. agitans 871 (2). — u. Neurosen 105. 106 (2). 591. 710. 715. — s. auch unter Krieg (Neurosen). — u. Hysterie 415. — Psychosen 105 (5). 106. 620. 621. 63 Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY 0F MICHIGAN 994 Tremor, s. Zittern. Trepanation 395. — s. auch | unter HirngeschwuLt. I Trichloräthylenvergiftung 910. Trigeminus, Läsion durch Schuß Verletzung 602. — Er- I krankung durch Trichlor- | äthyien 916. | Trigeminusneuralgie *332. *509. — Aikoholinjektionen 786. I 787. — ins Gangl. Gassen | 787 (2). — Chirurg. Behandl. , 787. I Trional, Vergift. 101. | Trophi9che Stör, bei Schuß- i verl. periph. Nerven731. 904. , Trypanblau-Injektionen, sub- ( arachnoid. 721. Tuberkulose u. Nervensystem : 560. — des Hirns 384 (2). j 489. — des Rückenmarks 489. — u. Spondylitis 307. 308. — u. Basedow 829. Tuberöse Sklerose, s. unter I Sklerose. ! Turmschädel 468. i Typhus u. Meningitis 694. — : u. Spondylitis 307. — u. j Psychosen im Krieg 291. 866. j — u. Nervenlähm. 792. Ulnarislähmung 44S. | Unfall, s. Trauma. Urämie u. Arteriosklerose 594. I Ureabromin bei Alkoholent- i ziehnng 97. 98. , Urin, Abwehrfermente 954. Vagus 271. 722. — Kriegsver¬ letz. 280. 603. Vegetatives Nervensystem, s. | Sympathicus. I Ventrikel, Gliom 391 (2). — Papillom 391. Verbrechen u. Alkohol 99. — u. Psychopathie 208. Verbrecher, geisteekr., Unter¬ bring. derselben 875. — psyohopath. 208. Vererbung, s. Heredität. Vererbungsgesetze 766. Verfolgungsidee 663. Vergiftungen *334. *510. *670. ♦878. 934 bis 946. — u. Nervensystem 102. — u. Neuroglia 935. — Mescalin 936. — Ergotin 936. — La- thyrus 937. — Botulismus 937. — Safrol 938. — Nitro¬ benzol 939. — Benzin 939. — Gasolin 940. — Quecksilber 940. — Kohlenoxyd 941(3). — Blei 942(3). — Arsen 942(2). — Morphium 942. 943(3). — Cocain 943. — Veronal 943. 944 (3). — Camph. monobrom. 943. — 3romoform 945. — Brom¬ methyl 946. — Methyl¬ alkohol 946. — Alkohol s. unter Alkoholismus. —durch Trichloräthylen 916. —durch nitrose Gase 67. — durch Schlafmittel 100. — durch Luminal 68. — durch Trio¬ nal-Veronal 101. — durch Ad&lin 100. 133. — nach Tetanusserum 94. Veronal bei Del. trem. 99(2). 950. - Vorgift. 101. 943. 944 (3). Vertigo, s. Schwindel. Vestibularapp&rat 361. — u. mult. Sklerose 647. — Neu- rit. vestibul. 798. Vierhügel, s. Corpora quadrige- mina. Vital-Scharlach VITT. 265. Vor beizeigen, *. Zeigeversuch. Vorderseitenstrang 270. — Ver¬ letz. 153. Wahnideen bei Morphinismus 67. Wärmeregulation u. Großhirn 274. — u. Zwiachenhim 273. W assermann sehe Reaktion, s. auoh 'Serodiagnostik 172(4). — mit Hirnextr&kt ISS. — nach Paraldehyd 172. — u. Narkotika 172. Weichardtsche Reaktion bei Geisteskr. 40. Werdnig-Hoff mann sohe* Mu5- kelatrophie, s. unter Muskel - atrophie. Wilson sehe Krankheit, s. unter Nucleus lenticularis. Wirbelsäule *331. *509. *876. — Erkrank, derselben 303. — Verkrümmung 308. — Fraktur 303. 304. — Schu߬ verletz. 15. 114. 122. 312L 427. 541. 543. 550. 604. — Osteome 304. — Osteo¬ myelitis 305. — Syphilis 104. Wortblindheit, s. Rindenhlind- heit. Worttaubheit, s. Aphasie, sensor. Wortvorstellungen 561. Zehenreflex, s. Sohlen- u. Fuß- rtickenreflex. Zeige versuch 137. Zentral windungen465.—Schuß- Verletzung 46. — Geschwulst 387 (2). 389. 471 (2). Zerebellare Pyramide 248. Zerebellare Symptome nach Kriegsverletzungen 626. 664. 813. 816. 900. Zirbeldrüse s. GlancL pineaL Zittern bei Hirngeschwulst 382. Zunge, 8. Hypoglossus. Zwangsarbeitsanstalt Korneu- burg 767. Zwangsbewegungen dea Kin¬ desalters 444. Zwangslachen 485. Zwangsvorstellungen 875. Zwangsweinen 485. Zwergwuchs 619. Zwischenhim u. Wärmeregu¬ lation 273. — u. Fieber 274. Zystizerkus der Fossa Sytvü 389. Digitized by Gck igle Original fro-m UNIVERSETY 0F MICHIGAN V. 1 / j •*; iy $ä$ieh( der Lehtrnigen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologe j|^|f 'rterapie des einsölfte.ßiich der j3eisJiskr#pjiheiteti Mä& . _'[/fflWfe 1§1$ ,jh ' 1. >yr- v.v''<'•/.■: 8c?t{dw* von IfroE. B. KSv *■ ft«# »»***«&<• :ü:■ #*• :.» fc«*;:'.fw$ys |» «3r4k - RÄilSfttl: Mondelf ^ |Ä^®| . 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