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DigitJ5^Cn5\r VlT0O^ ikr^ bmfl M^tlrn Digitized by Google ■'^^4ii|lÄ^ Digitized by Google Digitized by Google Reisen durch Südamerika. Digitized by Google Digitized by Google r.A.BKUUKHAUS X.A. Digitized by Google Digitized by Google Reisen durch Südamerika. JuImihh Jakob ¥0« Tschudi« mif jaQfretc^en ?l6Bi(bniigett in ^oC^fc^ttift uttb rtl^o^rap^irUn Itarlen. Cri$ter Hantf. F. A. B r o c k h a u s. 1866. Digitized by V^OOQIC VI Reitens u. dgl. ungewohnte bittere Klagen führt; ein kranker Mann wird die Verhältnisse anders anschauen als der, den weder körper- liche Leiden noch nervöse Aufregungen beirren. Unter Ungunst der Witterung wird ein Landschaftsbild, eine Provinz ein unvor- theilhafteres Urtheil erfahren, als wenn freundlicher Sonnenschein den Reisenden auf seinen Wanderungen begleitet hätte. Ein un- bedeutender, oft sogar ganz zufälliger Umstand kann eine Härte oder Ungerechtigkeit des Urtheils begründen, während andererseits wiederum Kleinigkeiten, der Individualität schmeichelnde Situa- tionen ein überaus günstiges hervorrufen. Endlich wird jener, der schoQ eine lange Reihe von Jahren in einem Lande lebte, dasselbe ganz verschieden von demjenigen beurtheilen, der es nur für kurze Zeit besucht; ob aber richtiger, ist eine Frage, die ich für einen grossen Theil der Fälle entschieden verneinend zu be- antworten vollen Grund habe. Der Europäer, der längere Zeit z. B. in einem südamerikanischen Staate gelebt hat, wird schliess- lich an dessen Beurtheilung immer einen egoistischen Massstab legen; sie wird ganz anders ausfallen, wenn er in demselben sein Glück gemacht hat, oder dort in angendmien socialen Verhält- nissen als Kaufmann, als Grundbesitzer, als Künstler, als Di- plomat u. s. w. gelebt hat, als wenn er mit der Ungunst des Schicksais zu kämpfen gehabt hätte. Oft präoccupirt ihn eine ein- zige Widerwärtigkeit derart, dass ihm das Land oder die Menschen oder beide zugleich nur im duaikelsten Colorit erscheinen. Ich habe wiederholt beobachtet, dass sdir gebildete Europäer, die länger in transatjantischeii Ländern lebten, mit den bittersten Worten Ver- hältnisse dersdben tadelten, die im Vaterlande kein Haar besser sind, aber dort mit Stillschweigen hingenomm^ werden. Es war ihnen. von den heimischen Erinnerungen nur noch der angenehme Eindruck zurückgeblieben. Noch mehr. Ein langjähriger Aufent- halt in einem L^mde erschwert eine vorurtheilsfretö Anschauung und bdrrt das Urtheil durdi die Masse des zu bewältigenden Stoffes, der um so gewissenhafter abgewogen werden muss, je Digitized by LjOOQIC vn bedeuteHder er ist D;ßm in grossem Territorialkreisen sich bewe- genden Kosenden hingegen, der mit den verschiedensten Schichten der Bevölkerung in Berührung kommt, werden zwar eine Menge Einzelheiten entgehen, auch manche charakteristische Details, er wird aber doch, wenn er ein gesunder, ruhiger und gewissenhafter Beobachter ist, ein wahreres Bild des Landes und seiner Bewohner entwerfen. Mit vollem Rechte sagte einst ein bekannter deutscher Diplomat, dass er nach einem ein- oder zweijährigen Aufenthalte in England ein Werk über das Land hätte schreiben können, dass es ihm aber nach zehnjähriger Residenz daselbst nicht mehr mög- lich war. Erste und wichtigste Pflicht des Reisenden ist es, von mög- lichst unparteiischem Standpunkte und mit klarem Blicke die Verhältnisse zu prüfen, ehe er darüber aburtheilt. Sein Urtheil mag immerhin den Stempel individueller Anschauungsweise tragen, es wird aber doch ein ehrliches und daher auch ein mehr oder minder werthvolles sein, und es werden Flüchtigkeiten, notorische Unwahrheiten, aiTOgantes Absprechen über Land und Leute, vor- eilige und irrige Schlussfolgerungen von einem oder wenigen Bei- ; spielen auf das Ganze, wie sie leider so häufig in Reiseheschrei- bungen vorkommen, wenigstens nicht den Leser irreführen. Der Reisende soll billigerweise zwei Anforderungen entsprechen. Erstens soll er der Sprache des von ihm bereisten Landes mächtig sein. Kann er sich entweder blos mit Hülfe eines Dolmet- schers oder nur sehr unvollkommen mit den Eingeborenen verstän- digen, so entgehen ihm gewöhnlich die interessantesten Nationaleigen- thümlichkeiten und Tausende von Einzelheiten, die er bei freiem unmittelbarem Verkehr erfahren würde, abgesehen von den sich ihm darbietenden Schwierigkeiten, oft auch nur das Nothwendigste füi* die ersten Lebensbedürfnisse zu erhalten. Zweitens soll er überhaupt verstehen mit Menschen umzu- gehen. Ein festes, entschlossenes, aber ruhiges Auftreten, eine sehr grosse Portion Geduld und eine richtige Würdigung der Ver- Digitized by LjOOQIC vm hältnisse werden ihm über die sich ihm darbietenden Hindernisse hinüberhelfen, während ihn ein aufbrausendes, jähzorniges, unge- duldiges, daher au€h meistens ungerechtes Betragen, insbesondere gegen seine einheimische Bedienung und gegen die Eingeborenen, oft in die schlimmste. Lage versetzen. Eache ist bei Menschen auf einer niedrigen Culturstufe immer die erste und natürlichste Antwort auf eine ihnen angethane vermeintliche oder wiAliche Beleidigung. Es darf daher auch nicht auffallen, wenn aus solchen Veranlassungen z. B. einem Reisenden sein Reitthier sammt Zu- behör gestohlen, ein anderer von sonst ganz friedlichen Indianern tüchtig durchgeprügelt, ein dritter endlich gar todtgeschlagen wird. Ich kann noch einen wichtigen Punkt nicht unerwähnt lassen. Der Reisende ist angewiesen, bei den Eingeborenen Erkundigungen über das Land, seine Bewohner und deren Sitten u. dgl. einzu- ziehen. Nun geschieht es aber häufig, dass ihm diese, besonders halbgebildete Personen, absichtlich falsche Mittheilungen machen. Sie thun es gewöhnlich weit weniger aus böswilliger Ahsicht, als um sich wichtig zu machen und viel zu erzählen, sich gewisser- massen mit ihrem Wissen zu brüsten. Manche aber, und diese sind gerade die gefahrlichsten, machen absichtlich unrichtige An- gaben und zwar mit einer gewissen täuschenden Feinheit, um sich nachher im Kreise ihrer Freunde über den neugierigen aber an- geführten Fremden zu belustigen. Traurig genug ist es, dass sogar Europäer sich oft den Spass machen, Reisende auf solche Weise irrezuführen.*) Es ist mir der Fall vorgekommen, dass sich dn Südamerikaner mir gegenüber rühmte, einem meiner Vorgänger, der ebenfalls ein *) In Baron MüUer^s „Reisen in den Vereinigten Staaten, Canada und Mexico", I, 320, ist ein- solches Bubenstück erzählt. Ein deutscher Kaufmann aus Worms, Namens Becker, in Puebla ansässig, führte den TerdieustvoUen Reisenden und Naturforscher Herrn de Saussure aus Genf zu einem verfallenen Backofen in Cholula, zeigte ihm diesen als aztekisches Altertbum und verleitete dadurch den gelehrten Zoologen boshafterweise zu «inem Irrthum in seiner Reisebeschreibung. Digitized by LjOOQIC IX Reisewerk publkirte, eine Menge falscher Notizen in sein Tage- buch dictirt zu haben, nur weil dieser mehrere Reisebedürfnisse nicht bei ihm, sondern bei einem seiner Concurrenten gekauft hatte. Gregen die Folgen einer solchen gemeinen Handlungsweise kann - sich der Reisende vorzüglich durch contröürende Fragen bei ver- schiedenen Personen schützen. In neuerer Zeit ist hinsichtlich einiger südamerikanischer Länder, namentlich Brasiliens, eine Tendenzliteratur in doppelter Richtung ins Leben getreten: die dne, vorzüglich durch klingende Gründe bewogeij, ergeht sich in masslosen Lobhudeleien; die andere, aus ebenso unreinen Motiven, hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch schamloses, verächtliches Schmähen Land und Leute in den Eoth zu ziehen. Der leitende Grundsatz beider Richtungen ist absichtliche Entstellung; ihre publicistischen Erzeugnisse sind also gleich erbärmlich. Leider haben selbst in der eigentlichen Reise- literatur diese Tendenzen angefangen Wurzel zu schlagen, und es sind dadurch schon viele irrige Anschauungen auch in weitere Lesekreise gedrungen. Die über Brasilien handelnden Bände des vorliegenden Werks enthalten eine Schilderung meiner Reise durch einen Theil des Kaiserreichs in den Jahren 1857 und 1858. Ich habe derselben Beobachtungen und Erfahrungen beigefügt, die ich während meiner officiellen Stellung als ausserordentlicher Gesandter der schweize- rischen Eidgenossenschaft am Hofe Sr. Maj. des Kaisers Dom Pedro n. in den Jahren 1860 und 1861 zu sammeln Gelegenheit hatte. Ich bin mir bewusst, mich stets gewissenhaft bemüht zu haben, bei meinen Darstellungen einen möglichst vorurtheils- freien Standpunkt innezuhalten, und habe mein Augenmerk vor- züglich auf die socialen und politischen Verhältnisse der von mir bereisten Länder gerichtet. Die im Verlaufe des Werks mitge- theilten statistischen Angaben beruhen womöglich auf oflSciellen Daten, wo keine solchen vorhanden waren, habe ich stets getrachtet, . Auskunft von competenten Männern zu erhalten. Bei meinen Erkun^ Digitized by LjOOQIC digungen habe ich es nie an der nöthigen Vorsicht mangeln lassen und mit Gewissenhaftigkeit die erhaltenen Mittheilungen gesichtet. Mein Werk wird vier Bände umfassen; die beiden ersten sind einer Reise durch die Provinz Minas geraes gewidmet, der dritte beschäftigt sich vorzüglich mit meinem Besuche der hauptsächlich- sten deutschen Colonien in den Provinzen Espiritu Santo, Säo Paulo, Santa Catharina und Rio Grande do Sul, der vierte Band endlich enthält meine Reise von Buenos Ayres, quer durch Süd- amerika nach Cobija am Stillen Ocean, einen Besuch in Chile und die Bereisung des peru-bolivianischen Hochlandes. Die zahlreichen Abbildungen sind zum grössten Theil nach Originalskizzen oder Photographien in dem durch seiüe trefftidien Leistungen rühmlichst bekannten Atelier der Verlagshandlung sorg- faltig ausgeführt. Jakobshof, im Februar 1866. von Tschudi. Digitized by Google Inhaltsverzeichniss des ersten Bandes. V Seile Vorwort v Erstes Kapitel. Reise von Hamburg nach Rio de Janeiro. Abreise von Hamburg. — Southampton. — Ankunft im Tejo. — Quaran- täne. — Das Gelbe Fieber in Lissabon. — Stürmische Witterung. — Schraubendampfer. — DampfschiffVerbindung zwischen Europa und Brasilien. — Concurrirendö Dampferlinien. — Oesterreichische Dampferprojecte. — Die Royal British Mail-Steam-Ship-Company. — Die Compagnie des Services Maritimes des Messageries Imperiales. — Die Klipper der Compagnie des Chargeurs in Havre de Gräce. — Ein Maschinenunglück. — Bernambuco. — Die Stadt. — Einwoh- nerzahl. — Handelsbewegung. — Eisenbahn. — Olinda. — Rechts- schnle. — jangadas. — Bahia. — Die untere Stadt. — Cadeiras. — Die obere Stadt. — Bevölkerung. — Mortalität. — Handel. — Indu- strie. — Cigarren. — BaumwoUstoflFe. — Walfischfang. — Theater. — Neger. — Einhufer. — Reise nach Rio de Janeiro 1 Zweites Kapitel. Rio de Janeiro. Rio de Janeiro. — Die alte Stadt. — Strassen. — Plätze. — Kirchen. — Oeffentliche Gebäude. — Wasserleitung. — Monumente. — Statue von Dom Pedro I. — Gasthäuser. — Kaffeehäuser. — Die Markt- halle und ihre Producte. — Fleisch. — Temperaturverhältnisse. — Sanitätszustand. — Gelbes Fieber. — Cholera. — Spitäler. — Wohl- thätigkeitsai\stalten. — Gasbeleuchtung. — Omnibuslinien. — Wagen. — Postverwaltung. — Fremde Bevölkerung. — Portugiesen. — Han- del und Finanzlage Brasiliens. — Die Sklavenfrage. — Die einhei- mische Bevölkerung. — Die Constitution. — Stellung der farbigen Bevölkerung. — Der Senat.— Die Deputirten. — Wahlagitationen. — Ministerwechsel. — Adel. — Orden. — Militär. — Namenveränderun- gen. — Familienerziehung. *— Gesellschaftliches Leben. — Theater. — Volksunterricht — Höhere Unterrichts anstalte n. — Bibliotheken. • — Buchhandel. — E. und H. Lämmert. — Wissenschaftliche Ver- eine. — Historisch-geographisches Institut. — Die wissenschaftliche Ländererforschungscommission. — Literatur und Literaten. — Jour- nalistik. — Farbige Bevölkerung. — Die freigelassenen Sklaven. — Die freien Afrikaner. — Die Sklaven. — Capoeiras 54 Digitized by LjOOQIC xn Drittes Kapitel. Petropolis. Seite Bampffahrt auf der Bai. — Eisenbahn. — Weg über die Serra da Estrella. — Gründung der Colonie Petropolis. — Topographie der Colonle. — Der Ort Petropolis. — Der Boden der Colonie. — Klima. — BeY9lkerung. — Geistliche. — Collegien. — Gewerbeverein. — Um- gebung von Petropolis. — Zukunft. — Der Kaiser Dom Pedro 11. — Bemerkungen über Reiseausrüstungen und Art zu reisen 193 Viertes Kapitel. Reise von Petropolis nach Ouro-Preto. Abreise von Petropolis. — Antonio Luiz. — Wege. — Rumo da Lage. — Weg nach Parahyba.' — Aufenthalt daselbst. — Registro do Parahy- buna. — Mathias Barbosa. — Cidade de Parahybuna. — Juiz de Fora. — Haifeld. — Die Strasse Uniäo e Industria. — Deutsche Colonie Dom Pedro II. — Chapeo d'üvas. — Am Fusse der Serra da Man- tiqueira. — Termiten. — Eine unruhige Nacht. — Serra da Manti- queira. — Die Stadt Barbacena. — Dr.^Camillo Maria Ferreira Ar- mond. — Mascates. — Viehzucht. — Rezaquenho. — Brücken. — Engenho. — Klapperschlange. — Tropeiros. — Queluz. — Carreiras. — Serra de Ouro-Branco. — Rancheria. — Ankunft in Ouro-Preto. 230 Digitized by Google Verzeichniss der Holzschnitte nnd Karten des ersten Bandes. 1. Separat gedruckte Holzschnitte. ^ ^ Seite Titelbild. Das Fort Villegaignon 53 Der Morro do Castello 59 Die Kirche Nossa Senhora da Gloria * 62 Der kaiserliche Palast in Petropolis 206 2. In den Text gedruckte Holzschnitte. Initial D (Abreise) 1 Initial S (Der Päo de Azucar in der Bai von Rio de Janeiro — unten das brasilianische Wappen) 54 Der Palastplatz 57 Igreja do Carmo 61 Ein Theil der Wasserleitung • 65 Ein Neger am Marktplatze 73 Bananengruppe 75 Irrenhospital Dom Pedro*s II 92 Das Hospital der portugiesischen Hülfsgesellschaft 95 Erholung in der Chacara 101 Die Mulattin 175 Hausueger (Benguella) 183 Eine Negerin im Sonntagsputz 186 Kloster S. Antonio 192 Initial V (Am Wege über die Serra d'Estrella) 193 An der Ilha do Governador 195 Gebirge von Petropolis, vom Kastallanerberge bei Villa Thereza aus gesehen 198 Eine Strasse in Petropolis 203 Initial P (Die brasilianische Araucaria, Klapperschlange und Terpiiten- haufen) 230 Bruck^ über den Parahyba 243 Besitzung in Juiz de fora .' . . 259 Termitenhaufen 267 Hufeisen und Nagel 291 3. Karten. Karte der Eisenbahn zwischen Recife und dem Rio Säo Francisco ... 34 Karte der Eisenbahn von Bahia 48 Plan von Rio de Janeiro .' 59 Die Bai von Rio de Janeiro und die Eisenbahn nach Raiz da Serra . . 194 Plan von Petropolis mit den Coloniethälern 204 Digitized by LjOOQLC Digitized by LjOOQIC Erstes Kapitel. Reise tmi Hamburg nach Rio de Janeiro. as Dampfboot Elbe führte mich den 20. October 1857 in Ge- sellschaft zalilreicher anderer Passagiere von Hamburg an Bord des grossen eisernen, der Hamburg-Brasilianischen Dampf- schiffahrtsgesellschaft gehörigen Schraubendampfers Teutonia, der mit voller, reicher Ladung vor Glückstadt zur Abreise nach Brasilien bereit lag. Das Ueber- laden der Post und der Reisenden mit ihrem vielen Gepäck ging rasch von statten. Um 4 Uhr nachmittags Hessen wir Cuxhaven hinter uns und dampften, vom schönsten Wetter begleitet, in die trügerisch ruhige Nordsee. Schon am Abend des folgenden Tages wurden Wind und Meer ungünstig, und bald hatten wir mit schwerer See und Sturm zu kämpfen. Um Mitternacht bildeten sieb in unmittelbarer Nähe des Schiffs mehrere hohe Wasserhosen, und es bedurfte der voU- Tschudi, Reisen durch Südamerika. I. 1 Digitized by Google 2 sten Umsicht des erfahrenen und besonnenen Kapitäns L. Gode, um in diesem gefährlichen Fahrwasser den sehr bedrohten Dampfer sicher zu fuhren. Zuerst wurde stündlich, dann in immer kur- zem Zwischenräumen gestoppt und das Senkblei geworfen. Von 2 — 4 Uhr lag das Schiff still. Der folgende Tag war noch stür- mischer. Bei einbrechender Nacht in Sicht der englischen Küste wurde durch bengalische Feuer und einen Kanonenschuss ein Lootse gerufen; da aber keiner erschien, so entschloss sich der Kapitän, vor Spithead vor Anker zu gehen. Erst nachdem wir schon eine Stunde dort gelegen, langte ein Lootsenboot an. Sturm und hohe See hatten die Piloten in den sichern Hafen getrieben. Von den Schiffskapitänen wird verlangt, dass sie auch unter den günstigsten maritimen Verhältnissen beim Einlaufen in einen europäischen Hafen sich der Lootsen bedienen, es darf daher auch ihrerseits die gewiss nur gerechte Forderung gestellt werden, selbst bei dem rauhesten Wetter Pilotenboote auf See zu treffen. Sturm und wild bewegtes Meer dürfen den Lootsen nicht zu- rückschrecken; unter solchen Verhältnissen sind seine Dienste gerade am allerwichtigsten. Den 23. October bei Tagesanbruch wurden die Anker ge- lichtet und wir ftihren dicht an der lieblichen Insel Wight mit ihrem berühmten Osborn-House und ihren epheuumrankten Schlös- sern vorüber, langten um 9 Uhr vormittags in Southampton an und lagen nachmittags um 1 Uhr in den Docks. Da hier 900 Tonnen Kohlen, Lebensmittel, die Post, La- dungen und Passagiere von Frankreich und England einge- nommen wurden, so blieb mir hinreichend Zeit, die lebhafte Stadt von 38000 Einwohnern mit ihren so reinlichen, meistens zwei- stockigen Häusern mit schmalen, hübschen, gewöhnlich tief zurück- liegenden Thüren, defi grossen, oft auswendig vorspringenden, runden oder eckigen Fenstern von Spiegelglas im ersten Stocke, das rege Leben und Treiben der alljährlich um ein Beträchtliches sich vermehrenden Bevölkerung zu betrachten, einen Ausflug zu Wagen in die freundliche, in hoher Cultur stehende, mit zahl- losen Villen geschmückte Umgebung zu machen und die grossen Trockendocks, in denen Handelsschiffe des grössten Tonnengehalts Digitized by LjOOQIC mit aller Bequemlichkeit ausgebessert werden können, zu be- wundem. Sonntags den 25. October dampften wif in den Frühstunden den Solent hinunter bei den Needles vorüber, um spät abends d^i Atlantischen Ocean zu gewinnen und einen südlichen Curs ein- zuschlagen. Den 28. hatten wir die spanische Küste in Sicht und langten, mit Sturm und heftigen Dünungen aus Nordwest kämpfend, vor der Mündung des Tejo an, wo uns unverzüglich ein Lootse entgegenkam. Er war eine eigenthümliche Erscheinung, mit zerrissenen Kleidern, einer rothen Zipfelmütze, wachsgelbem Colo- rit, das die scharfinarkirten Gesichtszüge noch mdir hervorstechen machte und dem Manne eher den Ausdruck eines Banditen oder vagabundirenden Bettlers, als den eines Piloten verlieh. Kaum war er eine halbe Stunde an Bord, so zeigte er sich als ein echtes Band Portugals und fing an, trotz des strengen Verbotes des Kapitäns, bei den Passagieren um Trinkgelder zu betteln. Gegen 10 Uhr kam das Sanitätsboot an Bord und befahl, die gelbe Plagge am Fockmaste zu hissen. Das Schiff wurde in Quarantaine erklärt. Ein wenig gewissenhafter Correspondent eines vielgelesenen süddeutschen Blattes hatte nämlich einige Zeit vorher die Nachricht mitgetheilt, dass in Hamburg die Cholera mit verheerender Hef- tigkeit wüthe. Diese in hohem Grade übertriebene Notiz war in französische und von diesen in die Zeitungen der Halbinsel übergegangen und hatte die portugiesische Regierung veranlasst, alle aus Hamburg einlaufenden Schiffe mit Quarantaine zu be- legen. Obgleich bei unserer Abreise die Cholera dort nur in sehr wenigen, ungesunden Stadttheilen in so unbedeutendem Grade geherrscht hatte, dass die damalige Sterblichkeit die durch- schnittliche nur um ein paar Procent überstieg, so mussten wir, der noch nicht aufgehobenen KegierungSmassregel uns fügend, um 11 Uhr mitten im Tejo bei Belem^ dem schönen, aber immer noch unvollendeten Palacio da Junta gegenüber, vor Anker gehen. Einige Stunden später hohe ein Boot die für Lissabon bestimm- ten Passagiere ab und führte sie nach dem am linken Ufer des Flusses liegenden Lazarethe. Die Teutonia aber wurde von einer Anzahl ZoUwächter besetzt. Es waren durchschnittlich 1* Digitized by LjOOQIC schöne, freundliche Leute in einfacher, kleidsamer Uniform, nämlich dunkelbraunen Beinkleidern mit breiter schwarzer Borte, einer gleichfarbigen Rundjacke mit rothem Passepoil und einer gelben Nummer im rothen Felde am stehenden Kragen. Zwei Tage lang mussten wir hier liegen bleiben, ohne un- sern sehnlichen Wunsch befriedigen zu dürfen, die schone Haupt- stadt Lusitaniens zu besuchen, die, nur wenige Seemeilen ent- fernt^ morgens und abends in der wundervollsten Beleuchtung sich vor uns ausdehnte und in ihrer majestätischen Kühe nicht ahnen liess, welch schwerer Alp auf ihr laste. Seit fast einem Jahrhunderte wüthete dort zum ersten mal wieder das Gelbe Fieber in verderblicher Heftigkeit. Ein aus Brasihen eingelaufenes Schiff hatte es eingeschleppt. Die Effecten eines an Bord daran verstorbenen Matrosen waren im Hafen versteigert worden, und. alle Personen, die sie angekauft hatten oder sonst damit in Be- rührung gekonmien waren, erkrankten in wenigen Tagen an dieser furchtbaren Seuche. In den schmuzigen Quartieren und bei der untersten Klasse der Bevölkerung fand sie, anfangs von den Aerzten verkannt, die günstigsten Bedingungen zu einer erschreckend raschen Entwickelung. Angst und Schrecken hatten die Bevölkerung ^ergriff^n; wem es die Geldmittel und die Ge- schäfte erlaubten, war aus der Stadt geflohen, und in weniger als einer Woche hatten 25000 Menschen Lissabon verlassen. Die Kaufläden waren geschlossen, die Strassen entvölkert und nur von Zeit zu Zeit wurde ihre Todtenstille durch die mono- tonen Gebete einer um Hülfe und Gnade flehenden Procession unterbrochen. Mit wahrem Stolze erzählten uns unsere Zoll- wächter, wie ihr hochherziger König keinen Augenblick die so schwer heimgesuchte Residenz verlassen, sondern die überfüllten Spitäler besuche und überall Hülfe und Trost spende. Wenige Stunden vor unserer Abreise wurde die Quarantaine aufgehoben ; die Zeit erlaubte uns aber nicht mehr einen Besuch am Lande zu machen. Wir nmssten uns begnügen, in der Einschiffung unserer neuen Reisegefährten einige Abwechslung zu suchen. Wir erhielten hier 41 portugiesische Passagiere, die meisten für das Zwischendeck bestimmt, und waren in den ersten Tagen nicht Digitized by LjOOQIC ganz ohne Sorge, ob sich nicht unter dieser Zahl ein oder der andere Fiebercandidat befinde und uns die gefährliche Seuche mittheile. Glücklicherweise blieben wir von dieser an Bord der Schiffe doppelt furchtbaren Krankheit verschont. Wir verliessen Belem nachmittags den 31. October und be- fanden uns gegen Abend ausserhalb der Barre des Tejo auf offener See. In der Nacht vom 2. zum 3. November passirten wir Madeira, den künftigen Vormittag die Sal vages, in deren Nähe eine besonders starke Abweichung der Magnetnadel be- merkbar war. Gegen Mittag tauchte in nebelgrauer. Ferne der Pic von Teneriffa aus dem bewegten Ocean empor; am folgenden Morgen lag er weit hinter uns, unsern Blicken entschwunden, und wir fuhren an Ilha de '/erro, einer der Canarisc^n Inseln, in Sicht vorüber und erreichten noch am nämlichen - Tage den Nordost-Passat und mit ihm eine ruhigere See. Seit unserer Einfahrt in die Nordsee bis zu den Canarien 'hatten wir ununterbrochen sehr stürmisches Wetter und ein heftig bewegtes Meer gegen uns. *) Ein peinliches Rollen und Stam- pfen hinderte die Ruhe am Tage und den Schlaf des Nachts. Die Bewegungen eines Schraubendampfers sind unter übrigens gleichen Verhältnissen weit heftiger und unangenehmer als die eines Segelschiffes oder eines Räderdampfers. Der Grund davon liegt hauptsächlich in der Länge der Welle, die von der Ma- schine in der Mitte des Schiffes bis unter den Stern zur Schraube reicht. Der Widerstand, den diese im Wasser findet und der vorzüglich dem hintern Theile des Schiffes mitgetheilt wird, und das durch sie hervorgebrachte eigenthümliche Stöhnen und Zittern treffen demnach grade die Hauptkajüte und die an sie ange- bauten Cabinen am empfindlichsten. Bei heftigem Stampfen des Schiffes auf offener See hebt sich, wenn sich der Bug stark senkt, die Schraube aus dem Wasser, macht einige ^ Ich bemerke hiep nur beiläuiig, dass das vielfach als Specificum gegen die Seekrankheit angepriesene Chloroform in keinem einzigen der vielen von mir beobachteten Fälle den geringsten Nutzen geleistet hat. Im Gegentheile be- klagte sich die Mehrzahl der Seekranken, die Zuflucht dazu genommen hatten, über eine viel grossere Eingenommenheit des Kopfes. Digitized by Google Umdrehungen in der Luft und fallt, wenn der Bug seinerseits steigt, mit aller Gewalt in das Meer zurück. Dieser Bückschlag ist gewohnlich von einem so heftigen Stosse begleitet, dass man glaubt, er reisse das Schiff aus allen seinen Fugen. Da sich bei Schraubendampfern die vorwärts stossende Kraft hinten befindet und seitliche Stützpunkte, die Segelschiffe in ihren Segeln, gewöhnliche Dampfer in ihren Rädern haben, ganzUch fehlen, so ist auch das Rollen (d. h. die Bewegung von einer Seite zur andern) viel bedeutender, als bei Schiffen anderer Construction. Man hat versucht, dem ersten Uebelstande, der bei häufig wieder- holten heftigen Rücksdilägen leicht die Maschine gefährden kann, dadurch zu begegnen, dass man dieselbe statt in der Mitte des Schiffes weit nach hinten placirte und dadurch die Achse der Schraube beträchtlich verkürzte. Bei dieser Einrichtung kommen die meisten Kajüten vor die Maschine zu liegen und haben also die für den Reisenden angenehmste Lage. Als Vortheil der Schraubendampfer (Propellers) wird be-* sonders hervorgehoben der Gewinn von Raum für Waarenladun- gen und ein etwas geringerer Verbrauch an Brennmaterial. Ge- wohnlich haben sie nicht die Schnelligkeit der Räderdampfer. /Der grossere Theil der engUschen und franzosischen Postdampfer ist nach dem Rädersystem gebaut. In der Kriegsmarine findet dagegen die Schraube eine ausgedehnte Anwendung, besonders auch als Hülfskraft. Kriegsschiffe, die Stationen wechseln oder kreuzen und die bei ihren Fahrten nicht an einen möglichst kur- zen Termin gebunden sind, bringt die Hüjfsschraube bei Calmen und anhaltenden Gegenwinden über die Hindemisse hinweg, während sie sich bei günstigen Witterungsverhältnissen ausschliess- lich der Segel bedienen. Bei der Beschiessung von Festungen und bei Seeschlachten macht sie das Schiff den schnellen Ma- növern gehorsam und stellt es an Brauchbarkeit weit über Se- gelschiffe; zudem ist die Schraube den feindlichen Geschützen ein weniger leicht zu verletzender Punkt als die Räder der Rad- dampfer. Wenn es gilt Eis zu durchbrechen, so haben die Propeller« jedenfalls jeinen grossen Vortheil über alle andern Schiffe. Ist. Digitized by LjOOQIC die Eisdecke einigermassen stark, so arbeiten die Rader schwer und laufen Gefahr, Schaden an den Schaufeln zu nehmen, wäh- rend bei dem Propeller die Schraube in dem durch Bug und Rumpf klar gemachten Fahrwasser sich, ohne ein fremdes Hin- demiss überwinden zu müssen, gefahrlos dreht. Im Januar 1859 befand ich mich, von England kommend, an Bord eines kleinen Dampfers in Stade vor der zugefrorenen Elbe. Der alte sehr erfahrene Kapitän des John Bull wankte lange, ob er den Ver- such wagen dürfe, nach Hamburg zu fahren. Während er noch deliberirte, dampfte ein Propeller bergwärts an uns vorüber und flugs wurde in sein Fahrwasser gelenkt. Es war höchst interessant, zu sehen, wie der Schraubendampfer sich wie ein Keil in die Eisdecke hineintrieb und Weg bahnte ; die von ihm losgebroche- nen Eisstücke, die uns, die wir in kurzer Entfernung folgten, entgegentrieben, wurden von den Rädern unsers Dampfers er- fasst und zermalmt Das war aber ein Stöhnen, Zittern und Krachen des alten John Bull, dass einem ordentlich unheimlich zu Muthe wurde. Der Kapitän meinte, dass er ohne den weg- bahnenden Propeller die Eisdecke nicht hätte durchbrechen können. Seit der praktischen Anwendung der Propellers in ausge- dehntem Masse sind eine sehr grosse Zahl von Schraubenbrüchen verzeichnet, besonders bei Schiffen, die eine ihrer Tragfähigkeit entsprechende Maschine haben. Wie es scheint, wurden die Schrauben entweder zu schwach gegossen, oder ein Material dazu verwendet von nicht hinreichender Zähigkeit, den gewaltigen Widerstand auf die Dauer zu überwinden. Gewohnliches eng- lisches Gusseisen ist, wie die Erfahrung hinlänglich bewiesen hat, zu spröde, um die erforderliche Sicherheit zu gewähren. Nur die zähesten Legirungen in Eisen .oder Bronze werden im Stande sein, vollkommen seetüchtige, verlässliche Schrauben zu liefern. Dreiflügelige Schrauben, besonders wenn sie cannelirt sind, haben eine grössere Repidsivkraft als zweiflügelige; bei ihnen ist aber ein Flügelbruch noch gefährlicher, da bei der Schnelligkeit der Umdrehungen ein gebrochener Flügel gewöhnlich auch den Digitized by Google 8 folgenden mit sich reisst und durch den damit verbundenen hef- tigen Choc die Ma49chine oft schwer leidet. Eine regelmässige Dampferverbindung zwischen Europa und Brasilien ist noch ziemlich jungen Ursprunges. Im Jahre 1850 wurde sie durch die monatlich einmal von Southampton und am nämlichen Tage von Rio de Janeiro auslaufenden Dampfboote der Royal British Mail-Steam-Ship-Company eröffnet, und seit jener Zeit von der genannten Gesellschaft ohne Unterbrechung mit der grössten Regelmässigkeit unterhalten. Dieses scheinbar sehr gewinnbringende Unternehmen er- regte mächtig den Speculationsgeist europäischer Rheder und Kapitalisten. Sie glaubten in einer regelmässigen Dampferver- bindung zwischen Europa und dem fruchtbaren Brasilien eine sichere Quelle des lucrativsten Gewinnes zu finden und verwirk- lichten ohne eine umfassende Würdigung der gegebenen Ver- hältnisse ihre Projecte. So tauchten im Verlaufe von wenigen Jahren, neben der ersten, nicht weniger als sieben concurrirende Dampferlinien zwischen Europa und Brasilien auf: nämlich eine englische von Liverpool, zwei franzosische von HavredeGräce und Marseille ^), eine sardinische von Genua, eine portugiesische (Lu- zo-brasileira) von Oporto, eine belgische unter englischer Flagge von Antwerpen und eine deutsche von Hamburg aus. Es gab eine Zeit (1856), als sechs von diesen Dampferlinien zugleich in Thätigkeit waren! 2) Was ist aus diesen Dampferlinien geworden? Eine nach der andern ist vom Schauplatze verschwunden und nur die erste, ^) Das erste und zugleich auch das letzte Schiff dieser Linie erreichte nicht einmal Rio de Janeiro. Es wurde statt mit Wasser- mit Schwefeläther- dampf getrieben. Auf der Rhede von Bahia ging nachts ein Matrose mit of- fenem Lichte in den Raum, in welchem der Schwefeläther aufbewahrt wurde. Das Gemach war mit Aetherdämpfen angefüllt, die sich augenblicklich entzündeten. Das Feuer nahm so rasch überhand, dass eine Rettung des Schiffes nicht mög- lich war; es brannte bis auf den Spiegel ab; 18Ö7 sah ich noch seinen Rauch- fang über das Wasser emporragen. ^ Später tauchte eine Linie von Milford Haven auf, die mit englisch-por- tugiesischen Kapitalien gegründet wurde und den Namen Anglo-Luzo-Brasilian Royal Mail-Steam-Navigation führte und im October 1860 wieder einging. Digitized by LjOOQIC 9 die solide Royal British MaU-Steam-Ship-CompMiy ist geblieben und setzt nun seit 14 Jahren ihre Reisen ununterbrochen fort, und zwar mit solchem nautischen Glücke, dass während dieses Zeitraumes nur ein einziger einigermassen ernstlicher Unfall eins ihrer Schiffe betroffen hat. ^) Wechsellälle mannichfacher Art, administrative und technische Versehen, bei verschiedenen Linien falsche Berechnungen, san- guinische Ueberschätzung der Geldkräfte u. s. f. haben die Ge- sellschatten entweder gänzlich ruinirt, oder ihre Anlagekapitale ohne auch nur eine entfernte Aussicht auf Gewinn derart ge- schwächt, dass sie vor ihrer gänzlichen Erschöpfung die Fahrten klugerweise einstellten, wenn sie auch unter möglichst günstigen Auspicien die Concurrenz begonnen hatten. Die Unkosten sind bei allen langen Dampferlinien unverhält- nissmässig hoch. Sie beliefen sich z. B. bei jeder Rundreise der hamburg- brasilianischen Linie auf circa 10000 Pfd. St.^), eine Summe, die selbst unter exceptionell günstigen Combinationen von Fracht und Passagieren kaum gedeckt werden konnte. Da aber natürlich nicht bei jeder Reise nur die glücklichsten Ver- hältnisse eintraten, so war ein Rückschlag unvermeidlich. Nach kaum einjährigem Bestehen (December 1856 bis December 1857) gab die erschütternde Handelskrise von 1857 auch dieser Ge- sellschaft, deren schone Schiffe ohnehin wenig vom Seeglücke begünstigt waren ^), den Todesstoss. Diesen traurigen Erfahrungen gegenüber ist es geradezu un- begreiflich, dass in neuester Zeit von einem österreichischen Seemanne noch einer Dampferverbindung zwischen Triest und 1) Der Dampfer Tyne, Ki^itan Valier, fuhr im Januar 1857 an der Küste Englands bei St. Alban's Head bei bösem Wetter auf eine Sandbank. Das Schiff mit seiner Ladung, Passagieren und Mannschaft wurde gerettet und fährt noch heute auf der anglo-brasilianischen Linie. ^ Da aVif einer Rundreise die Schraube circa 4 Millionen Umdrehungen machte, so kam jede Umdrehung auf Yj Sgr. zu stehen. 3) Die beiden Schraubendampfer Petropolis und Tentonia der hamburg- brasilianischen Dampfschiffsgesellschaft erlitten in Einem Jahre zwei Schrauben- brüche und einen Wellenbruch. Sie waren auf den Schiffswerften des Herrn Caird in Glasgow gebaut worden. Digitized by Google 10 Brasilien das Wort geredet, sie sogar dringend anempfohlen wurde und dass sich, wahrscheinlich infolge dieser Befürwor- tung, in Wien eine transatlantische Dampfsdiiffahrtgesellschaft bildete. ^ Ich habe diese Frage in einem Aufsatze „Einige Betrach- tungen über österreichisch-brasilianische Dampfschiffahrtsprojecte" in der „Allgemeinen Zeitung" (Beilage Nr. 57 und 58 vom 27. und 28. Februar 1858) eingehend beleuchtet und nachgewiesen, dass die 60—70000 Säcke Kaffee*), die Triest jährlich aus Bra- k silien bezieht, und das Mehl, die Oliven, Glasperlen, Papier, und einige Droguen, die es hinschickt, wahrlich nicht Objecte sind, auf die sich die Hoffnungen für eine lucrative Dampferlinie stützen dürfen, dass insbesondere das triestiner Mehl, wenn es auf dem Markte von Rio de Janeiro trotz seiner Vortrefflich- keit in fortdauernde und erfolgreiche Concur^enz mit dem nord- amerikanischen und chilenischen treten wiU, keine Dampferfracht bezahlen kann; dass überhaupt die Dampfmühlen zu Triest, Stratzig und Fiume, d. h. die einzigen drei Etablissements, die *) In dem wiener Blatte „Presse" vom 14. Mai 1863 lesen wir Folgendes: „Projeet einer transatlantischen Dampfschiffgesellschaft in Wien. Dass ein Consortium, bestehend aus dem Fürsten CoUoredo, dem Baron Doblhoff, dem Baron Hohenbruck, dem Fürsten Jablonowsky und Herrn Merton, ein Memoire zur Gründung einer transatlantischen Dampfschiffgesellschaft der Regierung überreicht habe, ist von uns schon gemeldet worden. Die „General Correspondenz" meldet nun, dass dieses Projeet in den Kreisen der Regierung bereits Gegenstand der eingehendsten Erwägung geworden ist Wie unsere Leser wissen, wollen die Gründer eine Gesellschaft zum Betriebe einer regelmassigen Dampferver- bindung zwischen dem mitteUändisohen Meere und der Ostküste von Amerika, des- gleichen einer Schiffswerfte und zur Ausführung der triester Hafenbauten mit Docks bilden. Wir können hinzufügen, dass das Gesellschaftskapital aus zwan- zig MiUionen Gulden bestehen soU und dass die Gründer ausser der Ueber- lassung des neuen Lazarethes in Triest eine Subscription von jahrlich etwa 1% Millionen Gulden beanspruchen. Die Angelegenheit gelangt daher jeden- faUs als Vorlage an den Reichsrath." 2) In der „Austaria" (1858, Heft XLIIi; werden unter den Rückfrachten von Rio de Janeiro auch edle Metalle, Edelsteine, Vanille, Arrow-Root, Sassa- parilla, Chinarinde, Cochenille etc« aufgeführt, lauter Sachen, die zum Theil dort gar nicht existiren, sammt und sonders aber nie von Rio de Janeiro nach Triest expedirt worden sind. Solche Angaben zeugen jedenfalls zum wenigsten von sehr geringer Kenntniss der wichtigen Frage. Digitized by LjOOQIC 11 gegenwärtig für Brasilien arbeiten, nicht annähernd den Raum von monatlich ahgehenden Dampfern föllen würden. Die oster- reichische Industrie arbeitet bis jetzt noch in kaum nennens- werthem. Masse für Brasilien, und soUte sich auch in den näch- sten Decennien der Export von österreichischen Fabrikerzeugnissen nach dem südamerikanischen Kaiserreiche um das Sechsfache steigern, so kann man doch mit Zahlen nachweisen, dass sie selbst dann noch nicht eine volle Dampferladung ausmachen würden. Triest's geographische Lage, eine fiir den levantinischen Handel so überaus glückliche, ist für einen transatlantischen Dampferverkehr eine entschieden ungünstige. Eine längere See- reise, als von jedem der Häfen der West- und Nordküste Europas, von denen Dampferlinien nach Amerika entstanden sind, bedingt noth wendigerweise eine höhere Pracht und eine höhere Assecu- ranz. P^ Oesterreichs Handel liegt bisjetzt das Bedürfiiiss einer solchen Dampferlinie nicht vor; der deutsche Handel aber würde nach wie vor den ihm bequemem und langgewohnten Seeweg benutzen. Wenn nun aber das Consortium, das die österreichisch-bra- silianische Dampferlinie projectirt hat, darauf rechnen würde, durch Passagiere einen beträchtlichen Theil der enormen Aus- lagen zu decken, so dürfte es wol durch genaue Erkundigungen bei den schon bestehenden Linien gänzlich enttäuscht werden. Es gibt Monate, in denen die englischen und französischen Rio- dampfer ganz oder doch nahezu ganz mit Passagieren besetzt sind, aber es gibt auch Jahreszeiten (November bis Februar), in denen diese Dampf boote fast leer nach Europa zurückkehren, und es ist schon vorgekommen, dass englische Steamer in Rio de Janeiro nur 8—10 Passagiere für europäische Häfen aufge- nommen haben, die circa 4500 Gulden Ueberfahrtsgeld bezahlten. Jeder mit der Passagierfrequenz einigermassen Vertraute weiss, dass von Reisenden von ausserösterreichischen Staaten wol nur in seltenen Ausnahmefällen der eine oder der andere die Linie von Triest benutzen würde. Für die aus Südamerika kommenden Reisenden haben London und Paris eine viel zu grosse Attrac- Digitized by LjOOQIC 12 tion, als dass sie den Besuch dieser Weitstädte einer andern Route opfern würden, selbst dann nicht, wenn sie ihnen, obgleich in der Reisedauer im Nachtheil, Vortheile im Fahrpreise gewäh- ren würde. Eben so kläglich würde es mit der Einnahme der durch diese Dampfer beförderten Post aussehen; denn es würde ja vernünftigerweise keinem ausserösterreichischen Kaufmanne einfallen, seine Correspondenz nach Brasilien über Triest zu be- fördern, da er ja den 9. und 24. eines jeden Monats Gelegen- heit hat, .sie auf kürzerm Wege abzusenden. Ob endlich die k. k. österreichische Regierung in der Lage und ob es staatsökonomisch zweckmässig sein wird, eine so ge- ringe Aussicht auf Erfolg bietende transatlantische Dampf- schiffsgesellschaft mit jährlich IV2 Million zu Subventioniren, darüber werden zur gegebenen Zeit die Vertreter der Nation nüchtern und umsichtig berathen. Jedenfalls werden sie das ^'actum nicht unberücksichtigt lassen, dass Hamburg, die reiche Handelsstadt und der grösste Kaffeemarkt des europäischen Con- tinents, nicht im Stande war, eine Dampferlinie mit dem vor- züglich Kaffee producirenden Brasilien zu unterhalten. Sie wer- den wohl erwägen, ob die grossen verlangten Opfer auch nur einigermassen im richtigen Verhältnisse zu den möglicherweise zu erlangenden Vortheilen stehen werden. Ich kann nicht um- hin hier zu wiederholen, was ich schon in dem obenerwähnten Aufsatze sagte: „Wo zur Herstellung neuer Land- und Meer- strassen keine naturgemässen Motive vorliegen, wo mehr der Nachahmungstrieb als die politische und commercielle Nothwendig- keit sich schöpferisch gestalten will und also keine wirküch praktische Aufgabe löst, da vermögen wir selbst der Dampftraft keine- Wunder zuzumuthen. ^) ^) Von dem gründlichsten Kenner und gewissenhaftesten Beurtheiler der österreichisch-brasilianischen Handelsverhältnisse erhielt ich vor kurzem einen Brief aus Rio de Janeiro, in dem er mir hinsichtlich der projectirten Dampferver- bindung wortlich Folgendes schrieb: „Der in Ihren Reisebriefen von 1858 ent- haltene Commentar ist auch heute noch durch und durch massgebend. Ich wüsste auch kein Jota daran zu ändern, es sei denn, noch grellere und ab- schreckendere Farben zu gebrauchen, da sich seit jener Zeit alle und jegliche Digitized by LjOOQIC 13 Unter den concurrirenden Nationen für eine Dampferver- bindung mit Brasilien finden wir bis 1865 die Nordamerikaner nicht vertreten. Sicherlich weht das Sternenbanner in erster Reihe, wo irgend ein merkantiles Seeunternehmen auch nur einige Aussicht auf gewinnbringende llesultate darbietet, aber auf Post- dampfer nach Brasilien wurde es bisher noch nicht gehisst. Der kalt und genau berechnende Yankee weiss zu gut, dass 40Ö000 Sack Kaffee, die Mahagoni- und Farbeholzer, die rohe Baumwolle und das Gummi -Elasticum im Gesammtwerthe von circa 18 — 20 Millionen Dollars ebenso wenig als das Mehl, die Schinken, die Baumwollstoffe und die Ackergeräthe, die er nach Brasilien sen- det, eine theure Dampferfracht vertragen und. wenn in neuester Zeit dennoch ein solches kostspieliges Unternehmen ins Leben getreten ist, so geschah es weit mehr, um dem Post- und Per- sonenverkehr auf einer wirklich wichtigen Linie vielfach ver- langte Concessionen zu machen, als in der Hoffnung auf eine gewinnbringende Speculation. ') , Die Dampferverbindung zwischen Southampton und Brasi- lien ist nur ein Arm der ausgedehnten Dampferlinien der Royal British Mail -Steavp-Ship*- Company mit ihrem Sitze in London. Diese grossartige GesejUschaft unterhält nämlich eine regelmj^ssige Dämpfschiffahrt zwischen England und Mittel- und Südamerika. Die Hauptlinie ist zwischen Southampton und der kleinen Dä- nemark gehörigen Insel St. Thomas; von hier zweigt sich eine Linie ab, die die Rundreise nach den wichtigsten der Antillen bis nach Mexico macht; eine andere zieht sich, die Häfen Santa Martha und Carthagena in Neu-Granada berührend, durch das bei dem unglücklichen Plane in Betracht kommenden Verhältnisse nicht nur nicht gebessert, sondern im Gegentheile noch um hundert Procent verschlech- tert haben." 1) Soeben erfahre ich, dass im September 1865 endlich eine Dampfer- linie von New- York nach Rio de Janeiro und Buenos Aires ins Leben treten wird. Die Gesellschaft, die eine brasilianische Regierungssubvention von 200 Contos erhalten soll, fuhrt den Titel: United-States and Brazil Steam-Ship- Company. Seit Mai 1865 tanchte ebenfalls eine neue Linie von Liverpool via Falmouth nach Rio de Janeiro und den La Platastaaten auf, auch wurden wieder die Linien von Genua und Marseille in Anregung gebracht. Sie dürften wol das nämliche SoJiicksal haben als ihre Vorgängerinnen. fO'^. Digitized by LjOOQIC 14 Caraibiflche Meer bis nach Aspinwall an der Ostküste des Isth- mus von Panama; hier empfangt und gibt sie ab Posten und Passagiere für die Dampferlinien längs der ganzen Westküste Südamerikas (Ecuador, Peru, Bolivia, Chile) und für die ameri- kanische Linie liuigs der Westküste Mexicos bis Califomien. Die Verbindung zwischen England und der ganzen Westküste Südamerikas ist eine monatUch zweimalige. Die zweite Hauptlinie dieses maritimen Verbindungönetzes ist die brasilianische mit monatlich einmaligen Fahrten. Die Dampfer fahren je den 9. eines jeden Monates (oder wenn die- ser auf einen in England so heilig gehaltenen Sonntag fällt, den 10.) von Southampton ab, berühren Lissabon und St. Vicente, eine der Cap Verdischen Inseln, auf der die Cömpagnie grosse Kohlendepots besitzt, Pernambuco, Bahia und Rio de Janeiro. Von der Hauptstadt Brasiliens fuhrt ein kleiner, der nämlichen Gesellschaft gehöriger Dampfer die Post und Reisenden nach Montevideo und Buenos -Aires. Auf der Rückreise wird die nämliche Scale befolgt. Da die Reise von St. Thomas nach Southampton die längste ist, ohne dass Land berührt wird (je nach defn Dampfer dauert sie 12 — 18 Tage), so verwendet die Gesellschaft die neuen, besten und grossten Dampfboote auf dieser Route. Wenn sie eine Reihe von Jahren hier ihren Dienst gethan haben, so werden sie für die brasihanische Linie bestimmt, und wenn sie auf dieser so ziemlich invalide geworden sind, so müssen sie zur volligen Ausnutzung auf den antillischen \ind mexicanischen Linien und im Caraibischen Meere herumdampfen. Die Verpflegung auf den engUschen Dampfern hat von jeher eine sehr verschiedene Beurtheilung erfahren. Während sie ein Theil der Passagiere, besonders Süddeutsche und Franzosen, ge- radezu als schlecht darstellt, wird sie von der Mehrzahl der Reisenden gelobt. Auf den Linien, die ich benutzte, habe ich sie vortreflfhch gefunden, insbesondere auf dem ausgezeichneten Atrato zwischen St. Thomas und Southampton. In der Früh wird Thee und Kaffee verabreicht, um 9 Uhr gefrühstückt, um 12 Uhr ein reichlicher Lunch von kalten Speisen ßervirt, um 4 Digitized by LjOOQIC 15 Uhr zu Mittag gespeist und zwischen 8 und 9 Uhr abends Thee getrunken. Das Mittagsessen bestand auf dem Atrato jeden Tag aus 18 — 20 verschiedenen Fleisch- und 10 — 12 Mehlspeisen, Kuchen u, s. f. und Fruchten. Nach englischer Sitte werden alle Speisen eines Ganges gleichzeitig aufgetragen und jeder be- dient von der Schüssel, die vor ihm steht. Dass die Verpfle- gung weniger gut ist, wenn sich einige hundert Passagiere an Bord befinden und die Tafel zwei bis dreimal nacheinander ab- geräumt und frisch servirt werden muss, als wenn nur eine ge- ringe Anzahl Reisende zu bedienen ist , braucht . kaum erwähnt zu werden; ebenso dass b.ei anhaltend stürmischem Wetter die Küche etwas weniger gut bestellt ist, als bei günstigen Witte- rungsverhältnissen. Frisches Rind-, Hammel- und Schweinefleisch, Trut-, Perl- und gewohnliche Haushühner, Enten und Gänse erscheinen täglich auf der Tafel. In jedem anzulaufenden Hafen werden frische Gemüse und alle übrigen nothwendigen Provisio- nen in reichlicher Menge eingenommen. Die Getränke, beson- ders die Weine, sind auf allen Dampferlinien, die ich kenne, in der Regel mittelmässig. Sie sind auf den englischen Dampfern nicht im Fahrpreise einbegriflFen und müssen sehr theuer bezahlt werden. Vor dem Frühstück und in den Abendstunden wird von den Aufwärtem (Stewards) ganz erträgliche, oft sogar gute Musik gemacht. Bei der Aufnahme von Stewards wird immer solchen, die irgend ein Instrument mit Fertigkeit spielen, der Vorzug gegeben. Fast auf jedem Dampfer befindet sich ein lOavier, aber w^he den Passagieren, wenn unter den Mitreisen- den sich irgend ein eitler Stümper befindet; er kann die Uebri- gen zur Verzweiflung bringen. Es ist nicht in Abrede zu stellen, dass sich trotz des sehr gut organisirten Dienstes doch manche Uebelstände rügen liessen, aber um billig zu sein, darf man die Forderungen an Comfort nicht allzu hoch schrauben. Gerechten, nicht überspannten An- sprüchen genügen aber, mit seltenen Ausnahmen, die englischen Dampfer. Ich habe an Bord dieser Schiffe inrnier ein Gefühl von Digitized by LjOOQIC 16 Sicherheit gdiabt, wie auf keinem andern Dampfer. Der Ernst, die Ruhe und die Genauigkeit, mit der alle Manöver ausgeführt werden, sind ungemein wohlthuend. Der Reisende bemerkt es kaum, dass ein so schwerer, so viele Pünktlichkeit und ein so Y)racises Ineinandergreifen fordernder Dienst von mehr als hun^ dert Matrosen, Heizern, Maschinisten und Offizieren ausge- führt wird. Hier hört man nicht das polternde Lärmen, Schreien und Fluchen, wie an Bord der französischen Schiffe, und wenn nicht das Rütteln der Schraube, oder das Schlagen der Rader an den unermesslichen Ocean erinnern würden, so könnte man glauben, sich in einem Gasthofe ersten Ranges des Festlandes zu befinden. Die imponirende Ruhe, womit der See- dienst ausgeführt wird, dringt jedem unbefangenen Reisenden die Ueberzeugung auf, dass der Engländer der Herrscher zur See ist. Bis zum Jahre 1858 liefen die Schiffe dieser Linie auch auf Madeira und Teneriffa an. Die Gouverneure dieser Inseln mach- ten aber den Dampfern wegen der Quarantaine so grosse Schwie- rigkeiten, dass die Compagnie es aufgab, diese Punkte auch fer- nerhin zu berühren. Ende 1858 kam z. B. der Fall vor, dass einer der englischen Dampfer, der eine Anzahl Brustkranke, die auf Madeira Gesundheit oder doch wenigstens Linderung ihrer Leiden suchen wollten, an Bord hatte, dieselben dort gar nicht ausschiffen durfte. Die arg getäuschten Kranken mussten nun wider ihren Willen die Reise nach Brasilien machen. Trotz der rationellen Ausbeutung aller einschlägigen Ver- hältnisse würde es der Compagnie doch nicht möglich sein, diese Dampferlinie zu unterhalten, wenn die englische Regierung sie nicht contractlich, gegen die monatliche Beförderung der Post, mit 60000 Pfd. St. jährlich Subventioniren würde, und trotz dieser so namhaften Unterstützung machte sie nichts weniger als brillante Geschäfte, selbst nicht zu jener Zeit, als sie glück- lich alle Concurrenten überwunden hatte; noch viel weniger ist es gegenwärtig der Fall, da sie mit einem gewaltigen Rivalen zu kämpfen hat. Das französische Kaiserreich hat nämlich neben seinen eminen- Digitized by LjOOQIC 17 ten Anstrengungen zur Hebung der Kriegsmarine auch der Post- dampfschiffahrt seine vollste Aufmerksamkeit zugewendet und eine Summe von 4,700000 Franken jährlicher Subvention für ein ausgedehntes transatlantisches Postdampfemetz bestimmt. Die Compagnie des Services maritimes des messageries Im- periales, die schon seit mehrem Jahren den Postdienst im Mit* telmeere versah, wurde auch mit der neuen Linie betraut. . Diese wichtige und grossartige Gesellschaft besitzt eine Dampferflotte von 51 Schiffen von 120 — 500 Pferdekraft, darunter sind 26 Kader- und 25 Schraubendampfer. Den 26. Mai 1860 eroffiiete sie von Bordeaux aus die brasilianische Linie, wie die englische mit einer Portsetzung nach Montevideo und Buenos- Aires, ausserdem noch mit einer Seitenlinie von St. Vicente an den Senegal (Gorea), um die dortigen nicht unwichtigen franzö- sischen Besitzimgen in regelmässige monatliche Verbindung mit dem Mutterlande zu setzen. Sechs Postschiffe versehen den Dienst der transatlantischen Linie, vier grosse eiserne Kader- dampfer (Guienne, Navarre, Estremadure, Beam), jede zu 500 Pferdekraft, fahren zwischen Bordeaux und Kio de Janeiro. Der Kaderdampfer Saintonge zu 250 Pferdekraft zwischen der bra- silianischen Hauptstadt und Buenos- Aires und der Kaderdampfer Merovöe von 180 Pferdekraft zwischen St. Vicente und Gorea. Die grossen Dampfer sind sehr schon und zweckmässig einge- richtete, bequeme und schnelle Schiffe. Sie werden, wie alle Dampfer der Messagerie Imperiale, von kaiserlichen Marineoffizie- ren befehligt. Ich machte eine Keise von Kio de Janeiro nach Bordeaux am Bord des Beam^), fand aber meine Erwartungen in vielfacher Hinsicht getäuscht, vermisste insbesondere manche der Vorzüge, die ich oben bei den englischen Schiffen lobend hervorgehoben habe. ^) Der Dampfer Beam strandete den 27. Februar 1865 um 8^/4 Uhr auf einer Sandbank an der Küste von Ilheos bei Ponta dos Castelhanos, ungefähr 20 Meilen südlich vom Morro de S. Paulo am Eingang der Bai von Bahia. Passagiere und Post wurden gerettet, das Schiff aber mit dem grössten Theile der Ladung ging verloren. Fahrlässigkeit von Seite des Kapitäns und der übrigen Schiffsoffidere scheint Schuld an dem Unglück gewesen zu sein. Tschudi, Reisen durch Sadamerika. I. 2 Digitized by LjOOQIC 18 Die Reisegesellschaft ist in der Regel an Bord der englischen Postdampfer eine angenehmere; denn das gallische Kaiserreich, das das grösste Contingent zu den Passagieren der franzosi- soben Dampfer liefert, ist zwar in Brasilien stark vertreten, aber nicht gerade von Trägern der Civilisation, man müsste denn optimistisch genug sein, um Moden, Frisuren, Schacher u. s. w. eine hohe civilisatorische Bedeutung zuzuschreiben. Jedenfalls bil- den die elsasser Juden, die ganz Brasilien als Mascates (darüber später) durchziehen, eine nichts weniger als angenehme Reisege- sellschaft. Ich habe im Salon eines dieser Schiffe während der Ueberfahrt Scenen mit angesehen, die man sonst nur in den ge- meinsten Herbergen suchen würde. Glücklicherweise sind die Dampfer geräumig genug, sodass es ein Leichtes ist, solchen unsaubern Passagieren aus dem Wege zu gehen, und wenn einige gebildete Reisende an Bord sind, an denen es denn doch nie fehlt, so kann man noch manche Stunde angenehmer geselli- ger Unterhaltung gemessen. Die Verpflegung an Bord dieser Dampfer ist einfacher, als an Bord der englischen, aber ebenfalls gut. Die Speisen in viel geringerer Anzahl, als auf diesen, aber meistens vorzüg- lich zubereitet, werden eine nach der andern aufgetragen und von den Dienern herumgereicht. Ein leichter Rothwein ist im Passagierpreise inbegriffen und dies ist der einzige Preisvorzug der französischen Postdampfer vor den englischen. Hinsichtlich der Mahlzeiten gibt es auf den Schiffen beider concurrirenden Linien nur eine Klasse, dagegen ist ein bedeutender Preisunter- schied in den Cabinen, ob nämlich ein Platz in einer Cabine zu zwei Personen im Hinterdeck oder einer in einer Cabine zu vier Personen im Vorraum genommen wird. Auch ist der Preis för die Fahrt von Europa n^ch Brasilien ein verschiedener von dem auf der Rückreise, da in Brasilien die Lebensmittel um ein sehr Bedeutendes theurer sind, als in Europa. Sowol auf englischen als auf französischen Schiffen werden folgende Preise bezahlt: Von Bordeaux (resp. Southampton) nach Rio de Janeiro: eine Cabine für 1 Person 1500 Franken; ein Platz in einer Cabine Digitized by LjOOQIC 19 . zu 2 Personen 1125 Franken; ein Platz in einer Cabine zu 4 Per- sonen 875 Franken. Für die Rückreise von Rio de Janeiro nach Bordeaux (resp. Southampton) wird bezahlt: Für eine Cabine für 1 Person 1875 Franken; für einen Platz in einer Cabine zu 2 Per- sonen 1500 Franken; jRir einen Platz in einer Cabine zu 4 Per- sonen 1250 Franken; natürlich Beköstigung inbegriffen. Eigent- liche Zwisdiendeckpassagiere werden nicht aufgenommen. Die Tour von Rio de Janeiro nach Europa während der europäischen Sommermonate und in angenehmer Gesellschaft an Bord eines Postdampfers kann jedenfalls zu den genussreichsten Seereisen gezählt werden, denn in der Regel ist die See dann günstig und die Hitze bei der Abreise aus Brasilien nicht sehr drückend und, wenn man den nordlichen Wendekreis passirt hat, der Temperaturunterschied nicht so empfindlich wie während der Wintermonate. Der Abstand der Zwischenstationen ist nicht so gross, dass die Seereise, ehe wieder eine erreicht wird, beson- ders ermüdend würde. Nach dem Programm soUen die französischen Postdampfer die Reise von Bordeaux nach Rio de Janeiro und umgekehrt in je 24 Tagen und 11 Stunden zurücklegen; davon werden ge- nau 22 Tage auf die Seefahrt und 2 Tage 11 Stunden auf den Landaufenthalt in den verschiedenen Zwischenstationen gerechnet. Die trefflichen Dampfer haben fast ohne Ausnahme die Reise bisher in etwas kürzerer Zeit gemacht. Ich bin an Bord des Bearn schon nach 22 Tagen und 1 Stunde von Rio de Janeiro in Bordeaux angelangt (Abreise 25. October 4 Uhr abends, An- kunft 17. November 5 Uhr abends). Von Rio de Janeiro nach Bahia werden 3 Tage 6 Stunden Seefahrt gerechnet, der Landaufenthalt ist auf 19 Stunden be- stimmt; von hier nach Pernambuco soll die Reise nur 1 Tag 16 Stunden dauern und das Schiff dort 9 Stunden auf der Aussen- rhede vor Anker liegen. *) Von Pernambuco nach S. Vicente 1) In der „Revue des deux mondes^^ vom 1. Juli 1861 heisst es in einem sehr oberflächlichen Artikel eines gewissen Adolphe d' Assier betitelt; „La societe brasilienne^* : „Comme dans toutes les cites eloignees de leur centre po- litique les habitans de Pernambuco ont ete longtemps domines par une id^e fixe Digitized by LjOOQIC 20 ist die grosste Distanz zwischen je zwei Stationen und es sind zum Durchlaufen derselben 7 Tage bestimmt. Der Aufenthalt auf S. Vicente ist mit 18 Stunden bemessen. Auf S. Vicente, einer der Inseln des Archipels des Grünen Vorgebirges, wurde von der englischen Linie ein grosses Koh- lendepot errichtet, das auch von der franzosischen Dampfercom- pagnie benutzt wird. Diese kleine Insel liegt beinahe in der Mitte zwischen Pernambuco und Lissabon, nur 40 Seemeilen näher dem letztern Hafen, und eignet sich deshalb vortrefflich für die angegebene Bestimmung. Die Inselgruppe des Grünen Vorgebirges liegt zwischen 15 — ^IS^nördl. Br., circa 400 Seemeilen von der afrikanischen Küste entfernt, und besteht aus 9 bewohn- ten Inseln mit 19887 Feuerstellen und 89310 Einwohnern^) und einigen unbewohnten, höchstens von Fischern besuchten Eilanden. Die Inseln sind in 2 Comarcas eingetheilt, nämlich in die Comarca der Inseln im Winde (barlovento), und die der Inseln unter dem Winde (sotovento). Die erste Comarca zählt die Inseln: 1) Sad Antonio die nördlichste und zugleich auch die westlichste der Inseln 4857 Feuerst. 14643 Einw. 2) Sad Vicente etwas südlicher . . 236 „ 1141 „ 3) Sad Nicolas südwestlich davon 1434 „ 6372 „ 4) Bha do &al östlich von der vor- hergehenden 159 „ 894 „ 5) Boa vista im Süden .... 617 „ 2647 „ Die Ilha do sal ist wegen ihrer Salzausfiihr sehr wichtig. Ein grosser Theil von Brasilien consumirt ausschliesslich Salz dieser Insel. Die Comarca der Inseln unter dem Winde umfasst die Inseln: de se separer de la Metropole. Cette ville est en effet presque atissi distante de Rio de Janeiro que de Lisbonne.^^ Solches Zeug wagt ein leichtfertiger Tourist- den Lesern der „Revue des deux mondes'' zu bieten. Pernambuco liegt von Rio de Janeiro nur 1114 Seemeilen, von Lissabon aber 3106 Seemeilen entfernt. ^) Nach officiellen Angaben im ,,Boletim e Annans do conselho ultrama- rino." Die Zahlen sind für 1S60 gültig. Digitized by LjOOQIC 21 1) Santiago^ die grosste aller Cap Verdischen Inseln mit zwei nicht unbedeutenden Ortschaften, nämlich: Cidade da Praia .... 2887 Feuerst. 12709 Einw. Santa Catharina .... 5621 „ 28143 „ 2) iZAaiioJlfaio westlich von Santiago 425 „ 1863 „ 3) Uha do Fogo ostlich von Santiago 2276 „ 14341 „ 4) Uha brava im Osten der vorher- gehenden 1356 „ 6557 „ S. Vicente ist eine bergige, unfruchtbare Insel. Ich sah sie mit einigem Grün bekleidet, da es im Jahre 1861 dort mehrmals geregnet hatte; für gewöhnlich soll sie aus Mangel an atmosphä* rischen Niedersdilägen den traurigsten Anblick der Sterilität darbieten. Von Agricultur kann daselbst kaum die Rede sein; nur mit Mühe werden einige Gemüse und Früchte gezogen. Die Einwohner finden hauptsächlich ihren Verdienst und Lebensun- terhalt durch die Postdampfer und die Handelsschiffe, die für die Dampferlinien aus England Kohlen zuführen. Die Ankunft eines Dampfers aus Brasilien oder Europa ist daher immer eine Art Festtag für sie. Ihre Industrie beschränkt sich fast aus- schliesslich auf Flechten von schlechten Matten. Die Weiber beschäftigen sich mit Anfertigung von künstlichen Blumen. Unter den Reisenden gibt es immer einige Abnehmer fiir ihre geschmack- losen Kunstfertigkeiten. Der am Hafen liegende Ort S. Vicente scheint sehr ärm- lich zu sein. Ich konnte ihn leider nicht besuchen, da die aus Brasilien kommenden Dampfer in diesem Hafen, wegen des Fie- bers, immer in Quarantäne liegen müssen. Ein hübsches Bild, von . der See aus gesehen, bietet der Landsitz des englischen Consuls in ziemlicher Entfernung des Städtchens an der Berg- lehne. Nach dem Programm soll der Aufenthalt der französi- schen Postdampfer auf der Rhede von S. Vicente 18 Stunden dauern. Die Kapitäne suchen ihn durch Beschleunigung des Ein- nehmens der Kohlen so viel wie möglich abzukürzen. Für die Passagiere, die hier während dieses Geschäftes an Bord consig- nirt sind, ist daher der Aufenthalt äusserst peinlich, denn es gibt Digitized by LjOOQIC 22 kein Mittel, sich vor dem unerträglichen Kohlenstaube und dem betäubenden Lärme zu retten. Auf derRhede von S.Vicente erwartet die französischen Post- dampfer der kleine Räderdampfer Merovee, um Post und Passa- giere nach Senegambien aufzunehmen. Diese Verbindung ist für die französischen Niederlasungen am Senegal von grösster Wich- tigkeit. Die Insel Gorea, auf der sich der Haupthafen der fran- zösischen Colonien an der westafrikanischen Küste befindet, liegt etwas südlich vom Grünen Vorgebirge, 480 Seemeilen östlich von S. Vicente. Der Dampfer legt diese Entfernung in 2 Tagen 10 Stunden zurück. Von Gorea, dem afrikanischen Ausgangspunkte dieser Linie, werden die Posten dann weiter nach S. Louis am Senegal und den übrigen Hauptpunkten der Colonie befördert. Von S. Vicente bis Lissabon wird eine Fahrzeit von 6 Ta- gen 20 Stunden berechnet. Sobald man die Höhe von Madeira überschritten hat, beginnt sich schon der Einfluss europäischer Meere und Lüfte fühlbar zu machen. In den Monaten, in denen sich die Sonne auf der südlichen Hemisphäre befindet, vermin- dern sich dadurch die Annehmlichkeiten der Reise von Tag zu Tag, trotz der Hoffnung, das Ziel bald zu erreichen. In den Sommermonaten hingegen und bei ruhiger See ist diese Fahrt ausserordentlich angenehm und für Reisende, denen die Hitze der südlichem Regionen beschwerlich fällt, der genussreichste Ab- schnitt der ganzen Tour. Für Lissabon sind nur 13 Stunden Aufenthalt bestimmt, allerdings genug für die aus Brasilien kom- menden Reisenden, da die aus dem transatlantischen Kaiser- reiche einlaufenden Schiffe im Tejo des Gelben Fiebers wegen einer strengen Quarantäne unterworfen sind. Wohlhabende portugiesische Passagiere, die den äusserst lästigen und langen Laza- rethaufenthalt ihrer Reichshauptstadt gegenüber vermeiden wollen, reisen oft mit dem Dampfboote weiter nach Bordeaux und kehren einige Tage später mit dem nächstfolgenden wieder nach Lissabon zurück, wo sie ungehindert ausschiffen können. Die Fahrt von Lissabon nach Bordeaux ist auf 3 Tage 6 Stunden berechnet. Zur Flutzeit können die grossen Postdampfer die Gironde hinauf bis nach Bordeaux fahren. Sind sie nicht in diesem Falle, so Digitized by LjOOQIC 23 bleiben sie bis zum Eintritte der Flut in Paulignac liegen. Post und Passagiere werden aber unverzüglich auf einem kleinen Dampfer an den Ort ihrer Bestimmung befördert. Die Entfernung von Bordeaux nach Rio de Janeiro beträgt 5014 Seemeilen, von Rio de Janeiro nach Buenos Aires 1142 Seemeilen. Die ganze Linie misst also mit Einschluss des afri- kanischen Zweiges 6636 Seemeilen. Das folgende Schema versinnlicht die Entfernungen unter sich und mit dem Ausgangspunkte. CntferDung ia Seemeile». s 1 • j 1 i 1 s CO Bordeaux. 740 2300 3900 4280 5014 6038 6156 Us saboii. S. \ 1560 3160 3540 4274 5298 5416 icente. 1600 1980 2714 3738 3856 Periia mbuco» 380 1114 2138 2256 Bahia. 734 1758 1876 Rio de t 'aueiro. 1024 1142 Mon tevideo. 114 Noch ist einer regelmässigen Seeverbindung zwischen Europa und Rio de Janeiro zu erwähnen; sie wird von der Com- pagnie des Chargeurs in Havre de Gräce durch ausgezeich- nete Klipper unterhalten. Wenn Wind und Wetter es er- lauben, wird je den 1. und 15. eines jeden Monats eins dieser Schiffe von Havre und von Rio expedirt. Durch die grossartigen Portschritte der Schiffsbaukunst in der Neuzeit und durch kluge Benutzung der Wind- und Strömungskarten ist es diesen feinen Digitized by Google 24 t Seglern möglich, Durchschnittsreisen von 35 Tagen zwischen Havre und Rio de Janeiro zu machen. Einzelne dieser Schiffe haben die Strecke schon in 28 Tagen zurückgelegt. Beisen von 30 — 33 Tagen kommen öfter vor. Die Rückreise dauert immer einige Tage länger. Die Compagnie war eine Reihe von Jahren durch glückliche Fahrten sehr begünstigt. In neuerer Zeit hat sie wiederholt Seeu^iglücke getroffen. Ein paar ihrer Schiffe strandeten bei hef- tigen Stürmen in der Bai von Rio de Janeiro; andere erlitten auf der See schwere Havarien. Am beklagenswerthesten war der Verlust des Schiffes Carioca, das mit Mann und Maus (Ende 1859) zu Grunde ging, ohne dass je genau ermittelt werden konnte, wo das Unglück stattfand; wahrscheinlich an der fran- zösischen Küste in Sturm und Nebel. ' Sonderbarerweise wurde nichts als ein im Kanal von Bristol treibendes Bret mit dem Schiffsnamen aufgefunden. Ich habe eine Reise von Havre nach Rio de Janeiro auf einem Klipper (Petropolis) dieser Compagnie gemacht imd kann mich im Ganzen nur lobend über Behandlung und Verpflegimg an Bord aussprechen. Das allgemeine Urtheil unbefangener Rei- senden ist diesen Schiffen günstig. Eine gewisse Klasse von Passagieren, gerade unter den Franzosen am meisten vertreten, ist freilich mit nichts zufrieden und ihre Prätensionen sind um so grösser, je erbärmlicher sie zu Hause gelebt haben. Die fran- zösische Dampferlinie hat diesen Schiffen, die früher stets niit Passagieren voll besetzt waren, eine getährUche Concurrenz im Per- sonentransport gemacht, in der Waarenbeförderung hingegen nicht, und von Frankreich wenigstens gehen sie immer ganz beladen ab. Mehrere der eingegangenen Dampferlinien haben gehofft, durch massenhaften Transport von Auswanderern ihre Rechnung zu finden, sich aber in ihrer Speculation arg getauscht. Eines- theils sind die brasilianischen Verhaltnisse noch nicht der Art, dass grossartige Einwandentngen Schlag auf Schlag stattfinden könnten, andererseits ist aber wiederholt die Bemerkung gemacht worden, dass auf jenen von Europa kommenden Dampfern, die viele wenig zahlende Emigranten an Bord hatten, die Zahl der Digitized by LjOOQIC 25 hochzahlenden Kajütenpassagiere sich verminderte. Es ist leicht erklärlich, denn der Reisende, der unter mehrem concurriren- den Linien die Auswahl hat, wird nicht leicht in Gesellschaft von einigen hundert Auswanderern, von denen oft ein grosser Theil der Hefe des Volkes angehört und aus liederlichem . Ge- sindel, Taugenichtsen und entlassenen Zuchthaussträflingen be- steht, einschiffen. Unter der Leitung eines tüchtigen, energischen Kapitäns und bei einer sehr strenge aufrecht gehaltenen Schiffs- polizei ist eine solche Gesellschaft unter gewohnlichen Verhält- nissen weder wünschenswerth noch angenehm, aber immerhin noch erträglich; anders aber gestaltet es sich bei einem ernsten Unglücksfalle, was auch den auf See Unerfahrenen nicht ver- borgen bleiben kann. Augenblicklich losen sich dann die Bande der Ordnung; die brutale Uebermacht kennt kein anderes Gesetz, als das der schleunigsten Selbsterhaltung. Das Zwischendeck gewinnt die Oberhand und dadurch werden gewohnlich die noch möglichen Rettungsversuche, die bei einem geordneten Gange der Dinge von grossem Erfolge sein konnten, gänzlich paralysirt. Natürlich kommt dadurch der besonnene, ruhige und gebildete Reisende in die.misüchste Lage und muss mit an den traurigen Folgen leiden, die Unverstand und Roheit heraufbeschworen. Als grossen Uebelstand aller Dampferlinien mochte ich noch hervorheben, dass in der Regel zu wenig Rettungsboote an Bord sind. Selbst bei den grossen englischen und franzosischen Post- dampfem, die so oft mit Einschluss der Schiffsmannschaft gegen 400 Personen an Bord haben, fassen alle Boote an Bord kaum mehr als 200 Menschen. Eine trostlose Aussicht in jedem Falle, wo die Reisenden auf Rettungsboote angewiesen sind und in ihnen noch ihr Heil finden konnten. Allerdings ist die Placirung einer grossea Anzahl von Booten auf den Schiffen mit sehr bedeuten- den Schwierigkeiten verbunden; ich glaube aber, dass der rege Erfindimgsgeist sich mit diesem Gegenstande noch viel zu wenig befasst hat. Es werden in neuester Zeit so staunenswerthe Er- findungen gemacht, um massenhaft Menschenleben zu zerstören, wie viel ehrenvoller ist aber die Aufgabe, Erfindungen zu ma- chen, um möglichst viele Menschenleben zu retten. Digitized by Google 26 . Kfehren wir nach diesen Abschweifungen wieder zur Reise zurück. Den 7. November passirten wir die Inseln des Grünen Vorgebirges in der Hoffnung, 6 — 7 Tage später Pernambuco zu berühren. Die Hitze bei flauem Wiride war erstickend. Der Dampfer legte verhältnissmässig wenig Weg zurück, da bei Mangel an gehörigem Luftzuge die Feuer unter den Kesseln nicht lebhaft genug brannten. Das Fahrenheit'sche Thermometer zeigte im Maschinenräume 158^ (56^ R., 70^ C.) Es gibt kaum ein erschöpfenderes und härteres Geschäft, als das der Heizer grosser Dampfer in den Trop^ngegenden. Die Hitze erreicht am aufgehängten Thermometer zuweilen 72^; die Arbeiter müssen aber vor der Glut der aufgesperrten Oefen stehen und Kohlen einwerfen, haben also neben einem anstrengenden Geschäfte noch einen weit höhern Grad Hitze auszustehen. Halb besin- nungslos eilen sie oft aufs Deck, um nach frischer Luft zu schnappen, und es gehört nicht zu den Seltenheiten, dass sie, kaum oben angelangt, todt zusammenstürzen. Den verzehrenden Durst löschen sie gewöhnlich mit Haferschleim, es ist unter diesen Verhältnissen das zweckmässigste und gesündeste Getränk. In der Nacht vom 8. auf den 9. November (unter 9^ 18' nördl. Br.) um 1% Uhr wurden wir plötzlich durch rasch auf- einanderfolgende heftige, das ganze Schiff erschütternde Stösse und Mark und Bein durchdringende schrille Töne, die sich längs dex Schraubenwelle fortpflanzten, aus dem Schlafe aufgeweckt, und unmittelbar darauf stand das Schiff still. Die Welle war zwischen den beiden Cylindern gebrochen und nur das schleu- nigste Stoppen rettete das Schiff. Eine halbe Minute später, und die Teutonia hätte die schauerliche Liste eines President, Atlantic, Baltic, Central -America und so vieler anderer Dampfer um eine traurige Nummer vermehrt, und es wäre wohl nie zu eines Menschen Kunde gelangt, welchem Verhängnisse die Teutonia und ihre unglücklichen Passagiere erlagen. ^) Wir waren, die ^) Von Jahr zu Jahr mehren sich die Unglücke mit Dampfern. Der Grund davon liegt allerdings mit in der jährlich zunehmenden Zahl von Seedampf- booten, vorzüglich aber in der grössern Sorglosigkeit, mit" der gefahren wird. Nach genauen statistischen Ausweisen gingen im Jahre 1857- 104 Dampfer zu Grunde; 1S5S aber 113. Von diesen kamen 42 auf England, das freilich allein Digitized by LjOOQIC 27 Schiffsmannschaft mit inbegriffen, gegen 350 Personen an Bord. Die unverzüglich vorgenommene Peilung gab den Trost, dass der Rumpf nicht leck sei. Nachts um 12 Uhr hatte sich, wie schon öfter im Laufe des Tages, eine frische Boe erhoben. Während des Maschinen- bruches befand sich gerade Kapitän Gode auf dem Decke, um das nothwendige Einziehen einiger Segel zu überwachen, und traf nun mit echt seemännischer Kühe und Geistesgegenwart unver- züglich die nothwendigen Massregeln. Für die Passagiere war es eine lange und trübe Nacht. Je- des Unglück, insbesondere auf dem Meere nimmt bei Nacht för die Phantasie riesige Dimensionen an. Ein Blick auf den düstern, bewegten, unermessliohen Ocean erfüllt dann die Seele mit unaus- sprechlichem Grauen und einer schauerlichen Hoffnungslosigkeit, besonders in den Tropenmeeren, wo der von der Schiffskata- strophe Gerettete, dem es noch gelingt, sich an einem Stück Holze festzuklammern, doch eine sichere Beute der gefrässigen Haie wird. In solchen Momenten empfindet man durch und durch die Worte des Dichters: Spurlos ist der Ocean, Ueberall und nirgends Bahn. Kalt schlägt die Welle, kalt und leer Ans volle, warme Herz heran. Wohin du lugst — ein Strich — nicht mehr — Kalt, mein Junge, ist der Ocean! Einsam ist die See. Die Lage des Schiffes war eine bedenkliche. Anfangs war es den Ingenieuren nicht möglich, den ganzen Umfang des er- littenen Schadens zu übersehen und ein Urtheil über dessen Aus- besserung abzugeben. Wir befanden uns noch in einer fiir den See- mann möglichst ungünstigen Breite, in der Region der Calmen und der variablen Winde mit einem Schiffe von 3000 Tonnengehalt, dessen Takelage der einer Barke von 4 — 500 Tonnen entsprach ; einem Schiffe, das bei einer massigen Brise höchstens 3 englische mehr Meerdampfer besitzt, als alle jährigen seefahrenden Nationen zusammen; 22 auf Frankreich und 19 auf Nordamerika. Unter letztern sind aber die vielen auf den Flüssen der Vereinsstaaten zu Grunde gegangenen Dampfboote nicht inbegriffen. Digitized by Google 28 Meilen per Stunde segelte und dann oft bis 2 Meilen durch Abtrift verlor, dem die auf See nicht zu entfernende Schraube ein ferneres Hinderniss eines raschen Vorrückens war, das unter solchen Verhältnissen dem Steuer kaum gehorchte, überhaupt bei seiner Bemastung und Ladung äusserst schwer manovrirte. Obgleich wir erst 36 Stunden früher an den Cap Verdischen Inseln vor- übergedampft waren, so hätten wir, um dahin zurückzukehren, vielleicht eben so viele Tage gebraucht. Der nächste uns erreichbare Punkt, blos auf Segel ange- wiesen, waren die westindischen Inseln, wohin wir, die westliche Strömung benutzend, in etwa 28—30 Tagen halb als Wrack hätten eher hintreiben als hinsegeln können. Nach genauer Prüfung der Lebensmittel und im Vertrauen auf den Destillirapparat ent- schloss sich indessen der Kapitän den Versuch zu machen, den Südostpassat zu gewinnen und mit dessen Hülfe nach Südamerika zu gelangen. Wären wir früher einen mehr westlichen Curs gesteuert, so wäre dieser Versuch ein vergeblicher gewesen. Nachdem der Schaden genau erhoben und die Maschine so viel als nothig zerlegt war, gab der Oberingenieur Hoffnung, dieselbe insoweit wieder herzustellen, dass die Reise unter Be- nutzung eines Cylinders fortgesetzt werden könne. Um 7 Uhr wurde wieder geheizt und nach vielen vergeblichen Versuchen drehte sich die Schraube einmal und blieb wieder stehen; Ya Stunde später machte sie ly^ und wieder 1 Stunde später 5 Um- drehungen. Die Ueberwindung der todten Punkte bei der Wir- kung von nur einem Cylinder bot anfänglich grosse Schwierigkeiten. Mit ängstlicher Spannung harrten wir eines neuen Versuches. Um 1 Uhr uachts endlich setzte sich die Schraube wieder in Bewegung, anfangs schwer und kreischend, bald aber gewann sie einen regelmässigen Gang, der 48 Stunden anhielt. Dann musste die Maschine wieder zerlegt werden; 26 Stunden später rückten wir von neuem mit Dampfkraft vorwärts, passirten den 14. November die Linie, erreichten den Südostpassat unter 3^ 22' südl. Br. und warfen den 17. November auf der Aussenrhede von Pernambuco Anker. Die Barre von Pernambuco ist für grosse Dampfer nicht Digitized by LjOOQIC 29 immer gefahrlos zu passiren. Die europäischen Dampfpackete werfen daher ausserhalb derselben Anker. Bei sturmischem Wetter ist das Loschen mit einigen Schwierigkeiten und Gefahren ver- bunden. Kleine Dampfer remorquiren die Leuchterschiffe über die schäumende Barre; bei starkem Seegange ist das Ueberladen wegen der Gefahr eines harten Zusammenstossens der Schiffe fast unmöglich. Ein Theil der Passagiere der Teutonia wurde hier ausgeschifft, unter andern auch eine Frau, die von zwei Ma- trosen in das hoch auf- und abwogende Leuchterschiff geträgen wurde. Die Bootsleute reichten sich ihre drei kleinen Kinder zu. Als die arme Mutter sie so zwischen Himmel und Wasser von Hand zu Hand schweben sah, stürzte sie besinnungslos zusammen. Bald nach unserer Ankunft legte sich ein ausgezeichnet schöner, feiner dänischer Klipper an unsere Seite. Er hatte eine englische Brigg, die schwere Havarie gemacht hatte und sich kaum noch über Wasser halten konnte, im Schlepptau. Die Lage von Pemambuco ist eine höchst eigenthümliche. Wie ein Panzer erstreckt sich von Südsüdwest nach Nordnordost eine meilenlange Reihe von steilen Riffen zwischen der Stadt und dem offenen Meere. Nach ihnen hat sie auch ihren Namen Redfe (Riffe) erhalten. Oestlich von diesem Felsengürtel liegt der Anker- platz für grössere Schiffe (Ancoradouro dos grandes navios) mit 28 — 40 Fuss Tiefe. Am nördlichen Ende dieser Riffreihe steht ein Leuchtthurm, und unweit davon die kleine Festung Forte Picao oü do Mar. Zwischen dem Farol und einer etwas nördlicher ge- legenen Untiefe, dem Lameiräo, gerade dem auf einer schmalen Landzunge gegenüberliegenden Forte do Brum ist für kleinere Schiffe die Einfahrt in den Boqueirao oder Hafen von Pemambuco mit 16—18 Fuss Wasser. Die Stadt selbst zerfällt in drei fast parallel laufende, streng gesonderte Theile; der erste oder östlichste liegt auf der Süd- spitze einer langen, schmalen, sandigen Halbinsel, die nach Osten vom Ocean, nach Westen von Rio Biberebe begrenzt wird. Er heisst Sao Pedro Gongalvia oder Recife. Zwischen Recife und den Riffen ist der sdimale Hafen. Die Strassen dieses Stadt- theils sind schmal und gepflastert, die Häuser hoch. In der Digitized by Google 30 Hauptstrasse Rua da Cruz herrscht viel Leben und Bewegung. Am Nordende von Recife befindet sich das Marinearsenal. Eine auf steinernen Pfeilern ruhende lange Brücke verbindet Recife mit der östlich gelegenen Insel Santo Antonio^ dem zweiten oder mittlem Stadttheile. Im Norden wird diese Insel von den Wässern des Rio Biberebe, im Süden von denen des Rio Ca- paribe, der aus der Serra dos Cairiris velhos entspringt, und im Osten von der Salzflut bespült. S. Antonio ist der schönste Theil der Stadt, Die Strassen sind ziemlich breit, meistens mit Trottoirs, aber unregelmässig gebaut; er enthält viele hübsche Häuser, den Palast des Präsidenten, den erzbischöflichen Palast, das Spital, das Militärarsenal u. s. w., einen grossen Marktplatz, Spaziergänge und an seiner Südspitze eine kleine Festung, das Forte das cinco puntas. Johann Moritz, Graf von Nassau -Siegen, als Gouverneur der damaligen holländischen Besitzungen in Brasilien, liess auf dieser Insel zwei Paläste bauen: den einen am Nordende (der jetzige Gouvernementspalast) Vriiburg genannt, den andern Boa vista, am westlichen Ufer der Insel. Von Sao Antonio führt eine hölzerne Brücke zum dritten am meisten nach Westen gelegenen Stadttheile Boa vista auf dem Festlande. Seine Strassen sind sehr unregelmässig, un- gepflastert, bald sandig, bald sumpfig, die Häuser meist niedrig, fast jedes mit einem Garten oder einer Chacra, sogenannte Sitios. Manche von ihnen sind in geschmackvollem Stil ausgeführt. Die Vegetation der Gärten ist wundervoll. Viele europäische Kaufleute haben ihre Wohnungen in Boa vista. Die Bevölkerung der Stadt wird auf 80—100000 Einwohner angegeben. Es scheint mir, dass diese Zahlen einmal aufs Ge- rathewohl ausgesprochen , nun aber als feststehend angenom- men vnirden. Ich finde keine oflSciellen Anhaltspunkte da- für; es war mir auch nicht möglich, irgendwie genaue Anga-* ben darüber zu erhalten. Insoweit ich mich aus den Rechen- schaftsberichten des Präsidenten der Provinz unterrichten konnte, sind sie viel zu hoch gegriffen. Im Jahre 1810 werden für Re- cife nur 5391 Seelen angegeben; im Jahre 1843, 18000 Ein- Digitized by LjOOQIC 31 wohner, darunter ein Drittel Sklaven. Nach dem Präsidialbe- richte von 1859 zählte von den vier Kirchspielen, in die die Stadt getheilt ist, Santo Antonio 7255, Saö Jose 9058 Einwoh- ner. Die Seelenzahl von Sao Pedro GonQalves und Santissimo Sacramento de Boa vista ist nicht angefiihrt, hingegen die Zahl der Todten und Geburten eines jeden der vier Kirchspiele. Nach einer vergleichenden Berechnung, auf diese Angaben ge- stützt, würden auf Sao Pedro Gon9alves 5060, auf Boa vista 11136 Einwohner kommen, also für Ende 1858 eine Gesammt- bevölkerung von 32509 Individuen resultiren. Nehmen wir auch an, die Berechnung sei fiir S. Gongalves und Boa vista etwas zu niedrig ausgefallen und die Einwohnerzahl habe sich in den jüngst verflossenen Jahren in gewohnlicher Proportion vermehrt, so können wir doch fiir Pemambuco nicht mehr als 42 bis höchstens 45000 Seelen annehmen, also ungefähr die Hälfte der gewöhnlichen Angaben. Immerhin ist Pemambuco die drittgrösste Stadt des Kaiserreiches und steht hinsichtlich ihres schwunghaften Handels nur wenig hinter Bahia, der zweiten Stadt Brasiliens, zurück. In der nächsten Umgebung und im Hinterlande von Per- nambuco liegen eine grosse Anzahl reicher Plantagen mit einem starken Sklavenstande. Sie erzeugen auf ausgezeichnetem Boden vorzüglich Zuckerrohr und Baumwolle. In fi-ühern Jahren haben die reidien Plantagenbesitzer (Senhores de Ingenio) eine sehr wichtige Rolle in der Geschichte Brasiliens gespielt und sind fast von allen Reisebeschreibem als der Typus stolzer, übermü- thiger und eingebildeter Grossgrundbesitzer geschildert worden. Es ist allerdings wahr, dass in ganz Brasilien wol nirgends Geld- und Besitzstolz in dem Masse vorkommen wie in Per- nambuco , aber andererseits finden wir auch unter den ersten Familien der Provinz, unter der eigentlichen Pflanzeraristokratie Männer von hoher Intelligenz, gründlichem Wissen und ein- nehmendem und bescheidenem Wesen. Keine Stadt Brasiliens hat bei den verschiedenen Fremdeninvasionen der altern Zeit so viel gelitten wie Recife, und kein Theil der Bevölkerung des grossen Kaiserreichs hat mit solchem Heldenmuthe fiir seine Un-^ Digitized by Google 32 abhängigkeit gekämpft wie die Pernambucaner. Der Befreiungs- krieg Pemambjicos vom holländischen Joche (1630 — 1654) ist reich an erhebenden Zügen von patriotischer Hingebung und reiner Vaterlandsliebe. Auch in neuerer Zeit hat der alte Geist der Unabhängigkeit der Pernambucaner einigemal aufgelodert, aber die unzeitig zum Aus- bruch gekommene Flamme ist immer bald wieder gedämpft worden. Die Fazendeiros der Provinz Pernambuco scheinen im all- gemeinen ihre Interessen richtiger aufgefasst zu haben, als die meisten Landwirthe des übrigen Brasiliens, indem sie der vor- geschrittenen landwirthschaftlichen Technologie in neuerer Zeit eine besondere Aufmerksamkeit schenkten und durch Ankauf vorzüglicher Maschinen und Apparate endlich mit dem alten verschwenderischen Schlendrian brachen. Dieses gilt vorzüglich in Hinsicht der Verarbeitung des Zuckerrohrsaftes. Wie mir von verschiedenen Fazendeiros versichert wurde, hat sich durch Hülfe eines rationellen Verfahrens ihr Ertrag an Zucker von der nämlichen Quantität Rohres gegenwärtig im Verhältnisse zu früher um 28—32 Procent und der des Branntweins um 12 — 14 Pro- cent gesteigert. Pernambuco fiihrt fast ausschliessUch Producte des Zucker- rohres (nämlich Branntwein, weisses Zuckermehl und Mascovade) und Baumwolle aus. Im Quinquennium 18*7dr ~~ IS^Vei belief sich ' der durchschnittliche Export Pernambucos auf 12,415:814 Milreis ^) im Finanzjahre i8^V62 auf 12,339:859 Milreis, 75:955 Milreis weniger, als der Durchschnitt der frühern 5 Jahre. Von dieser Summe kamen auf Zuckerrohrbranntwein 174:618 Milreis, auf weisses Zuckermehl 3,917:276 Milreis (nämlich 1.279,518 Arrobas a 32 Pfund = 40,934576 Pfund zum Durchschnittspreise von 3064 Reis per Arroba), auf Moscavade 6,331:118 Milreis (näm- lich 3.103242 Arrobas = 99,303744 Pfund zum Durchschnitts- preise von 2040 Reis), also über 140 Millionen Pftind Zuc^r; 1) Ein Milreis oder 1000 Reis = 1 Fl. 13,7 Kr. Österreich. Wahr., 1 Fl. 19 Kr. süddeutsche Wahrung oder 22 Silbergroschen. Ein Conto de Reis ist 1000 Milreis. Zwei Punkte hinter einer Zahl bezeichnen die Zahl der Contos, die sie ausdruckt, z. B. 12:463 Milreis = 12 Contos und 463 Milreis. Digitized by LjOOQIC 33 . ferner auf Baumwolle 1.207:864 Milreis (nämlich 116.517 Arrobas = 3,728544 Pfund zum Durchschnittspreise von 10336 Reis per Arroba). Die Baumwolle ist von guter Qualität und erzielt auf dem europäischen Markte in der Regel sehr befriedigende Preise. ^) Der Import belief sich im nämlichen Jahr auf 17,340:843 Milreis. Die Ausfuhr blieb daher um beinahe 5 Millionen Milreis hinter der Einfuhr. Der bedeutendste Theil der Ausfuhrproducte geht nach England, Portugal, Frankreich, Nordamerika, den La Platastaaten und Chile ; bezüglich der Einfuhr hingegen reihen sich die seefahrenden Staaten gewöhnlich in folgender Ordnung: Eng- land, Vereinsstaaten, Portugal, Hansestädte, La Platastaaten, Spa- nien ,- Oesterreich u. 8. f. Die Hauptgegenstände der Einfuhr sind Manufacturwaaren, Stockfische, Eisen waaren, Weizenmehl, Weine, Trockenfleisch etc. Ln Jahre IS^Vea liefen 419 Schiffe mit einem Gehalt von 156169 Tonnen im Hafen von Pernam- buco ein und 416 Schiffe aus. Diese kurzen Notizen mögen genügen, einen Begriff von der Wichtigkeit Pernambucos als Handelsplatz zu geben. Ich kann hier die ausgezeichneten Ananas Abacaxias, die in Chacras von Periiambuco in grossem Maasstabe cultivirt und massenhaft nach Rio de Janeiro exportirt werden, nicht uner- wähnt lassen. Die Abacaxia ist eine köstliche Frucht und über- trifft die gewöhnliche Ananas weit an Zartheit und Aroma. Durcli die gegenwärtige rasche Dampf erverbindung ist es möglich, sie frisch nach Europa zu versenden. Ich habe mehrere in voll- kommen gutem Zustande selbst nach Oesterreich gebracht. Im Jahre 1855 wurde in Pernambuco der Grundstein zu einer Eisenbahn gelegt, welche die Provinzialhauptstadt mit dem reichen südwestlich gelegenen Thale des Rio Saö Francisco verbinden und einst oberhalb des berühmten Wasserfalls von Paulo Affonso den Rio Sao Francisco, da wo er wieder anfängt schiffbar zu werden, erreichen soll, um so das unermessliche, ^) In Liverpool halt die Baumwolle der brasilianischen Provinzen Per- nambuco, Ceara und Parahiba do Norte den Preiff der guten louisianischen ; die der Provinzen Maranhao und Para, lang und geschlagen, die der Mittelquali- täten von New-Orleans ; ebenso in det Regel die von Bahia und Maceio. Ttchudi, Reisen durch Südamerika. I. 3 Digitized by Google 34 fruchtbare, wenn auch jetzt noch ausserordentlich schwach be- völkerte Binnenland dem Welthandel zu eröflPnen. Vorderhand wurde eine 20 Legoas lange Strecke, nämlich von Recife bis zum Vereinigungspunkte der beiden Flüsse Pirangi und Una, in AngriflF genommen, und mit englischem Gelde *) und von eng- lischen Ingenieuren gebaut. Wie gewöhnlich bei derartigen Un- ternehmungen in Brasilien übernahm die Centralregierung eine Zinsengarantie von 5, die Provinzialregierung eine von 2 Procent. Mit 7 Procent garantirten Zinsen ist für solche Arbeiten eng- lisches Geld immer flüssig. Im März 1856 wurde der Bau be- gonnen und den 8. Februar 1858 die erste Section bis Villa do Cabo dem Verkehr übergeben. Auffallenderweise zieht sich diese Sek- tion beinahe parallel und in grosser Nähe der Küste durch fast unbevölkertes steriles Land, während sie, eine weit mehr westliche Kichtung verfolgend, fruchtbare Gegenden durchschnitten hätte. Die übrigen Sectionen wurden mit Eifer in Angriff genommen und ihrer Vollendung entgegengeführt. Wie es sich mit der Fortsetzung der Bahn von ihrem gegenwärtigen Endpunkte bis an den Rio Saö Francisco gestalten wird, ist eine Zukunftsfrage, und nach dem gewöhnlichen Gange brasilianischer Dinge dürfte man sich für lange, lange Zeit damit begnügen, überhaupt diese Strecke gebaut zu haben. In den ersten drei Jahren, d. h. vom 8. Februar 1858 bis 1. Februar 1861 behefen sich die Conser- vations- und Betriebskosten dieser Eisenbahn auf 461:791 Milreis, die Einnahmen aber nur auf 438:270 Milreis. Im Jahre 1862— 1863 (1. Februar bis 31. Januar) betrugen die Einnahmen 353:454 Milreis, die Ausgaben 331:065 Milreis, also die Ausgaben 93 Pro- cent der Einnahmen. Befördert wurden während dieses Jahres 119383 Passagiere. Das sind vorderhand schlechte Auspicien für das Unternehmen; übrigens erlauben diese Zahlen noch nicht einen Schluss für die Zukunft der Bahn zu ziehen. Ungefähr drei englische Meilen nordöstlich von Recife liegt dicht am Meeresufer die alte Hauptstadt der ehemaligen General- ^) Einem Kapitale von 1,200000 Pfd. Sterl. Digitized by LjOOQIC Digitized by LjOOQIC DigitizedbyCjOOQlC . 35 capitania Pernambuco, Olinda. Ihre stattlichen Kirchen und Klö- ster und ihre weissen Häuser auf einem mit Kokospalmen und andern üppig grünen Obstbäumen geschmückten Hügel bieten von der Seeseite einen reizenden Anblick und sie verdient den Na- men „Die Schöne" (O linda). Wahrscheinlich mit Allusion auf denselben verlieh ihr Graf Moritz von Nassau als Wappen ein im Spiegel sich betrachtendes Mädchen mit einem Rohre in der Hand. Olinda ist eine der ältesten Städte Brasiliens und wurde vom ersten Donatair der Capitania, Duarte Coelho Perreira 1535 gegründet*); 1630 von den Holländern geplündert und zum Theil niedergebrannt, erholte sie sich nie mehr vollständig. Der rasche Aufschwimg von Recife hinderte ihre Entwickelung noch mehr als das Kriegsunglück. Heute zählt die Stadt höchstens 7 — 8000 Einwohner. Ihr Inneres soll dem hübschen Aeussern nicht ent- sprechen und die steilen, unregelmässigen, schlecht gepflasterten Strassen und die vielen sehr vernachlässigten Gebäude einen traurigen Eindruck machen. Eine schmale sandige Landzunge, nach Osten vom Meere, nach Westen von einem Arme des Rio Bibiribe begrenzt, verbindet die beiden Schwesterstädte. Auf ihr liegen 2 kleine Forts, nämlich nördlich von Recife das Forte do Brum und noch etwas weiter nach Norden das Forte do Bu- raco. Da, wo sich die Landzunge gegen Olinda hin etwas er- weitert, steht das Kloster des heiligen Bento. Kaiser Dom Pedro I. gründete in Olinda eine Rechtsschule, die vor einigen Jahren nach Recife verlegt wurde. In Brasilien gibt es keine Universitäten, in denen die verschiedenen Facultäten vereint sind, wie in Deutschland, sondern nur Facultässchulen, nämlich zwei für die Rechte (Escolas de direito), die eine in Recife, die andere in Saö Paulo, und zwei für Medicin (Escolas de me- ^) Duarte Coelho Perreira soll, als er zum ersten mal den Platz sah, wo jetzt Olinda liegt, im Entzücken über diese schöne Lage ausgerufen haben: „0 linda situapaö para se fundar uma villa!" (0 schöne Lage um eine Stadt zu gründen!) und die ersten beiden Worte dieser Exclamation blieben dem von ihm gegründeten Orte als Name. Digitized by LjOOQIC 30 dicina) in Rio de Janeiro und Bahia. Die Theologie wird in verschiedenen Seminarien gelehrt; eine eigene unabhängige phi- losophische Facultät existirt nicht. Auf jeder Facultätschule kann der Studirende den Grad eines Baccalaureus und die Doc- • torwürde erlangen. Letztere nach fun^ährigen Studien, glücklich abgelegten Prüfungen und nach der Vertheidigung einer Anzahl Fachthesen. Es liegen mir solche juristische Thesen eines Docto- randen der ßechtsfacultät vonRecife vor; es sind je 3 von jedem Zweige der Jurisprudenz in folgender Ordnung: 1) Naturrecht (direito natural), 2) römisches Recht (direito romano), 3) öffent- liches Recht (direito publice), 4) constitutionelles Recht (direito constitucional), 5) Völkerrecht (direito internacional), 6) Diplo- matie (diplomacia), 7) Kirchenrecht (direito ecclesiastico), 8) Ci- vilrecht (direito civil), 9) Criminalrecht (direito criminal), 10) Han- delsrecht (direito commercial), 11) Seerecht (direito maritimo), 12) Theorie und Praxis der Processe, 13) juristische Hermeneu- tik (hermeneutica juridica), 14) Volkswirthschaft (economia na- cional)^ 15) Verwaltungsrecht (direito administrativo). Jedenfalls wäre es eine Riesenarbeit, bei einer Temperatur von 30^ R. so ein halb hundert Thesen durchzudisputiren. Wahrscheinlich wird, wie auch an deutschen Universitäten, nur eine be- schränkte Anzahl davon ausgewählt. Nach vollendeter Dispu- tation hält der Doctorand eine Rede, in der er dem Gesetze ge- mäss die Verleihung der Doctorwürde verlangt. Diese Reden weichen von den bei ähnlichen Gelegenheiten bei uns gebräuch- lichen sehr ab, und ich kann nicht umhin, den Schluss einer solchen hier mitzutheilen ; er dürfte manchem meiner Leser, der einst auch nach Examen, Reden und Disputationen den höch- sten akademischen Grad erreicht hat, von Interesse sein. Er lautet: „Schliesslich habe ich Ihnen noch zu sagen: „Als Student waren meine Pflichten als Schüler und Hin- gebung zu den Büchern immer mein Gesetz. „Als Baccalaureus der Rechte habe ich den geleisteten Eid gehalten. Digitized by LjOOQIC 37 „ Als Doctor der Rechte, meine erleuchteten Collegen, werde ich beweisen, dass ich meine neue Aufgabe nicht vergesse, und werde womöglich die Liebe zum Studium noch vermehren, um der geistigen Schwäche zu Hülfe zu kommen. Das sind die Creditbriefe, die meine fünf Lustra Eurem Vertrauen darbieten können, indem ich dem Verlangen, welches ich an Euch zu richten durch das Gesetz ermächtigt bin, nachkomme. Vorher aber schulde ich noch: ^, Meine Danksagung* gegen Gott, durch dessen Rathschluss und Güte ich an diesen Platz gekommen bin. „Die zärtlichsten Ausdrücke kindlicher Liebe meinen Aeltern, denen ich die Erziehung, die mich ehrt, danke. „Einen sehnsüchtigen Ruf an dem Grabe meiner Schwester und meiner Vorfahren, die in der ewigen Wohnung ruhen. „Was die Lebenden den Todten geben könneir — einen Gedanken — ein Gebet — eine Hoffnung des Wiedersehens in dem Gebiete des Ewigen .... „Einen Ausdruck der innigsten Liebe meiner Gattin und meinen Kindern. „Die Erklärung der herzlichsten Freundschaft denen, die mir durch die heiligen Bande des Blutes verbunden sind. „Ein gleiches Dankvotum denen, die mich mit ihrer Gegen- wart beehrt haben, von dem, der auf der höchsten Stufe der Gesellschaft steht, bis zu meinem geringsten Freunde. „Herren Doctoren! es bleibt mir nur noch übrig, Sie zu bitten, dass Sie mir in Gemässheit des Gesetzes den Grad eines Doctors der Rechte verleihen und mich vertrauensvoll in Ihr Gremium aufnehmen." Aehüliche sentimentale Ergüsse finden sich fast in jeder bei solcher Gelegenheit gehaltenen Rede. „Der Ausdruck der innig- sten Liebe für die Gattin und Kinder" fäUt dem deutschen Le- ser gewiss am meisten auf. Die brasilianischen Verhältnisse sind eben sehr verschieden von den upsern. Eine Menge der brasi- lianischen Studenten sind Familienväter und nehmen Weib und Kind mit an den Sitz der Schule, wo sie ihre Studien erst ab- Digitized by Google 38 solviren sollen. Frühe Heiratheii sind in Brasilien fast allgemein und durch die rasche physische Entwicklung der Südländer be- dingt. Ein akademischer Grad, besonders der eines Doctors der Rechte, ist immer der Gegenstand grosser Ambition, da er An- wartschaft auf eine ehrenvolle, oft auch sehr lucrative Carriere gibt, vorzüglich aber auch auf politischen Einfluss, das höchste Sehnsuchtsziel der meisten jungen Brasilianer der gebildeten Stände. Liebe, Familienverhältnisse oder Speculation bestimmen viele Jünglinge, die kaum das Gymnasium absolvirt haben, sich zu verheirathen; sie lassen sich dadurch aber von der Fort- setzung ihrer Studien nicht abhalten und machen ihr Quinquen- nium als Ehemänner durch. Obgleich Pernambuco nur 8^ südlich vom Aequator liegt (Fort Picaö 8« 3' 27" s. B., 37^ 12' 4" w. L., 2^ 28' 48'^ Zeit), so ist das Klima doch nicht so drückend heiss wie das von Rio de Janeiro. Die regelmässigen täglichen Seebrisen mildern dort die Tropenglut, während sie hier, schon an der Grenze des südlichen Wendekreises, in der tiefen Bai oft er- stickend heiss über der Stadt brütet. Die See in der Nähe von Pernambuco bietet dem Fremden durch die höchst originellen Fischerboote, die zu Hunderten nach allen Richtungen segeln, ein höchst eigenthümliches Schauspiel. Diese Boote, Jangadas oder Catamaran genannt, bestehen aus 6 circa 36 Fuss langen, massig dicken (10—12 Zoll starken), fest untereinander verbundenen Stämmen des sogenannten Cedro (seltener des Cajueiro), unter denen noch ein Balken gewisser- massen als Kiel befestigt ist. Auf diesem Flosse befinden sich ein oder zwei ungefähr 2 Fuss hohe Bänke, auf denen die Fischer (gewöhnlich 2—3) Platz nehmen. Das leichte, flossartige Fahr- zeug wird durch ein lateinisches Segel pfeilschnell fortbewegt. Es ist staunenswerth, wie weit hinaus aufs Meer, selbst bei hoher See und steifem Winde, sich diese kühnen Schifter wagen. Wir trafen mehrere schon bei 40 Sgemeilen vom Lande entfernt. Sie bleiben 8 — 10 Tage und selbst länger auf hohem Meere, und nehmen zu diesen Expeditionen nur einen Kochtopf, etwas Farinha, Digitized by LjOOQIC 39 ein Fass Wasser und ein Fässchen mit Salz zum Einsalzen der Fische mit sich. Das Löschen an Bord der Teutonia ging mit Hülfe eines halben Hundert kräftiger Neger rasch von statten und wir setzten den 18. October nachmittags 4 Uhr unsere Reise fort. Nach 52- stündiger Fahrt befanden wir uns dem Leuchthurme von Saö Antonio gegenüber und eine Stunde später lagen wir in der Bahia de todos 08 Santos vor Anker. Ein paar Kanonenschüsse und einige Raketen zeigten den deutschen Kaufleuten die so sehr ersehnte Ankunft der europäischen Post an und zerstreuten die ernsten Befürchtungen, die sie für die Teutonia gehegt hatten. In den Frühstunden des folgenden Morgens hatten wir den Genuss, bei erfrischender Kühle die herrliche Lage Bahias von Bord aus zu bewundern, bis uns der Hafenkapitän, das Zollamt und die Sanitätspolizei die Erlaubniss ertheilten,. ans Land zu rudern. Wie bitter ist die Enttäuschung für den, der noch wenige Minuten früher auf Deck des Schiffes versunken im wunderba- ren Anblick der Stadt gestanden und nun ihre Strassen selbst betritt! Welch ein Contrast vom Erhabenen zum hchmuzigen! Auf einer schmalen Uferfläche, eingeengt auf der einen Seite von den Gewässern der Bai, atif der andern von steilen Abhän- gen (Ladeiras) dehnt sich die sogenannte untere Stadt (Cidade baixa oder Praia) fast in der Richtung von Süd nach Nord aus. Sie ist die eigentliche Geschäftsstadt, der Sitz des Handels und der.Industrie. Hier haben die Kaufleute ihre Comptoirs und ihre Magazine, worunter die Stapellager für die Producte des Innern, die sogenaimten Trapiches von sehr beträchtlicher Ausdehnung, hier liegen die Hafenkapitanie, das Zollhaus, das Arsenal, die Werften, die Börse und die meisten Verkaufslokale; hier herrscht reges Leben und Bewegung. Die von der mit dem Ufer par- allel laufenden Hauptstrasse abgehenden Quergassen sind enge, schmuzig und belästigen den neuangekommenen Fremden durch ihre mephitischen Dünste. Man darf sich wahrlich nicht wun- dern, dass hier ein Hauptfieberherd Brasiliens ist. Die Häuser sind 3 — 4 Stock hoch, in ihrem Aeussern ziemlich vernach- Digitized by Google 40 lässigt und haben meistens sehr schmale Thüren und steile Trep- pen. Nur in der Rua nova do commercio stehen einzelne schöne und solid gebaute Wohnungen. Zwei Gebäude der untern Stadt verdienen, wenn auch nicht wegen ihres architektonischen Werthes, doch wegen besonderer Verhältnisse ihres Baues erwähnt zu werden, nämlich die Kirche N^ S*. da Conceigao da Praia und die Börse. Die erstere besteht aus Quadern, die in Lissabon behauen, numerirt und auf zwei Schiffen nach Bahia versandt wurden. Die brasilianischen Architekten brauchten nur nach dem Modelle Nummer an Nummer zu fügen, um die ziemlich grosse, aber nichts weniger als schöne Kirche aufzustellen. Zum Baue der Börse hingegen wurden die schönsten und köstlichsten Hölzer Brasiliens verwendet. Der Werth des Gebäudes besteht einzig und allein in diesem Umstände, denn von irgend einem Stile oder Architectur desselben ist keine Rede. Sie wird fast gar nicht benutzt. Die bahianer Kaufleute sollen, wie mir versichert wurde, diese kahlen Räume im allge- meinen gar nicht lieben, und auch keine Neigung verspüren, in denselben etwa Holzstudien zu machen, desto mehr aber in den nahe gelegenen Stores bei Porter, Ale und Champagner ihre Ge- schäfte abschliessen. Von der untern Stadt fuhrt eine Anzahl steiler Wege nach der obern (cidade alta). Einzelne dieser Ladeiras sind im Zick- zack fahrbar, die Mehrzahl aber nur für Fussgänger eingerichtet; eine der begangensten führt von der Nähe des Zollhauses nach dem Theaterplatz der obern Stadt und ist mit Backsteinen ge- pflastert. Das Erklimmen dieser Strassen ist besonders für den Europäer bei glühender Sonnenhitze eine schwierige Aufgabe. Die Geschäftsleute, die fast alle ihre Wohnungen in der obern Stadt haben, lassen sich daher beim Schlüsse der Comptoirstunden ihre Pferde herunterfuhren. Wer nicht Gelegenheit zum Reiten hat und auch nicht zu Fusse gehen will, kann sich der palanken- artigen Tragsessel, der sogenannten Cadeiras, bedienen. Sie be- stehen aus einer Art von Lehnstuhl, der von allen Seiten durch Vorhänge geschlossen werdep kann und an einer stark gekrümm- ten Stange befestigt ist. An dieser letztern wird der Sessel von Digitized by LjOOQIC 41 zwei starken Negern mit zienJicher Leichtigkeit den Berg hinauf- getragen. Um den Trägern die Last zu erleichtern, muss der in der Cadeira Sitzende hübsch ruhig die Mitte halten und die Füsse seitlich auf eigens dazu bestimmten Absätzen aufsetzen, sonst schwankt der Sessel und verhindert eine gleichförmige Bewegung der Träger. Diese Cadeiras ersetzen die Miethwagen (Drosch- ken, Fiaker, Cabs) anderer Städte und «sind an allen besuchten Plätzen und Strassen reihenweise aufgestellt. Viele von ihnen sehen aber so erbärmlich und schmuzig aus, dass man Anstoss nimmt, sich hineinzusetzen. In frühem Zeiten wurde mit Pri- vatcadeiras ein grosser Luxus getrieben und auqh heute noch sind manche davon sehr reich ausgestattet. Reitthiere und Equi- pagen haben sie aber schon stark verdrängt. Li Bahia sollen nur wenige Miethwagen sein, was durch die Terrainverhältnisse der Stadt leicht zu erklären ist. Ich hatte übrigens Gelegenheit, die Geschicklichkeit der dortigen Kutfeeher zu bewundern, als mich einer in einem mit 4 Pferden bespannten Wagen auf halsbrecherischem, steilem Wege im schärf- sten Trabe von der obern Stadt nach der untern führte. Die obere Stadt bietet ein von der untern ganz verschiede- nes Bild, die Häuser sind durchschnittlich niedriger, die Strassen breiter, aber auch einsamer und auf vielen von ihnen wie auch manchem öffentlichen Platze wächst üppiges Gras, das von Kühen, Pferden und Maulthieren abgeweidet wird. Hier be- findet sich der Palast des Gouverneurs, das Theater, Spitäler, eine Menge von Kirchen, Klöstern und zahlreiche, hübsch ge- baute Privatwohnungen, besonders in der Vorstadt Cerro da Victoria. Unter den öffentlichen Gebäuden ist keins von hervor- ragender architektonischer Bedeutung, keine der vielen Kirchen lenkt durch einen bemerkenswerthen Stil die Aufmerksamkeit auf sich. Die ehemalige Jesuitenkirche, gegenwärtig Kathedrale, besitzt indessen von allen Kirchen Brasiliens, die ich gesehen habe, die reichste und zugleich auch die geschmackvollste innere Ausschmückung und zeichnet sich dadurch sehr vortheilhaft vor so vielen Rivalinnen aus, die zwar auch reich, aber auf eine möglichst Digitized by LjOOQIC 42 geschmacklose, zuweilen fast lächerliche Weise geschmückt und verziert sind. Bahia ist der Sitz der obersten kirchlichen Behörde Bra- siliens, eines Erzbischofes , und diesem Umstände mag wol das rege kirchliche Leben, das von jeher in dieser Stadt herrschte, zugeschrieben werden; ebenso mag auch schon in altern Zeiten die Griindung der zahlreichen .Klöster und der Bau so vieler Kirchen vom bischöflichen Stuhle ausgegangen sein. Schon 1552 langte der erste Bischof Brasiliens, Pedro Fernandes Sardinha, in Bahia an. Trotz der grossen Menge von Kirchen, Klöstern und Kapellen, die weit das Bedürfniss der starken Bevölkerung übertreflFen, ist doch ihr Misverhältniss zur Einwohnerzahl nicht so bedeutend, wie in sehr vielen Städten des Innern des Landes. Bemerkenswerth fand ich einen hübsch gearbeiteten Brunnen von Marmor vor der Kirche N*. S*. da Piedade. Die schönste Zierde der obern Stadt ist der im Jahre 1814 von D. Marcos, de Noronha e Brito, Grafen dos Arcos, gegründete öffentliche Spaziergang (passeio publico), in dem im Februar 1815 ein Obe- lisk zur Erinnerung des Aufenthaltes des damaligen portugiesi- schen Kronprinzen, spätem Königs Joao VI, aufgestellt wurde. Von hier aus geniesst man das wundervollste Panorama auf die herrliche Bai mit ihrem üppigreichen Vegetationsgürtel, dem Re- concavo, der lieblichen Insel Itaparica, den kleinen mehr freundlich als drohend aussehenden Forts '), den leichten Barken, die mövenartig über die Wasserfläche hingleiten, dem regen Le- ben in dem mit zahlreichen Schiffen aller Nationen bedeckten Hafen. Die Gartenanlagen neben herrlichen Mangeira- Alleen sind sorgfältig imterhalten und gewähren dem neuangekomme- nen Europäer durch ihre wunderbare Blumenpracht einen wahren Hochgenuss. Ein alter Schiffskapitän, der die Ostküste Brasiliens vom Amazonas bis zum Rio de la Plata wie seine Tasche kennt, ^) Die Bai wird durch 7 kleine Forts vettheidigt, die wol sämmtlich einem ernsten Angriffe europäischer Kriegsschiffe einen kaum beachtenswerthen Widerstand entgegenzusetzen im Stande wären. Digitized by LjOOQIC 43- begleitete uns zum Passeio publice. Auf seine Erkundigung, mit welchem Schiffe wir gekommen seien, zeigten wir ihm die Teu- tonia mit der hamburger Flagge; nun richtete er die wirklich demüthigende Frage an uns, ob nicht Allemania die Hauptstadt von Hamburg sei? Der alte, praktische, aber ungebildete See- mann konnte nun einmal nicht begreifen, dass eine blosse Stadt Schiffe mit ihrer Flagge nach allen Weltgegenden aussende ; eine deutsche Flagge, meinte er, habe er noch nie gesehen, und wenn Hamburg zu Deutschland gehöre, so müsse auch Deutschland Schiffe besitzen, die mit deutscher Flagge fahren. Es wäre ein fruchtloses Unternehmen gewesen, dem guten Manne einen Vor- trag über deutsche Einheit zu halten; sein schhchter Seemanns- verstand hätte ihn doch nicht begriffen, wir suchten daher seinen Ideen eine andere Richtung zu geben. Bahia oder Sao Salvador^ wie die Stadt eigentlich heisst, wurde 1549 gegründet und war während der ersten Jahrhun- derte, nach der Einnahme Brasihens durch Portugal, gerade zur Zeit der grössten poUtischen Wechselfalle, Hauptstadt der C(t- lonie, bis sie endlich Rio de Janeiro weichen musste und nun den Rang als zweite Stadt des Kaiserreichs einnimmt. Sie führt den Titel die „getreue und tapfere" Stadt (leal e valorosa ci- dade de Bahia). Wie die Geschichte Pernambucos ist auch die Bahias reich an höchst interessanten und tragischen Episoden. Wer dieselbe überhaupt genauer kennen lernen will, dem kann das ausgezeich- • nete Werk von Handelmann nicht ^enug empfohlen werden. Es ist eine treffliche Arbeit, die deutschem Fleisse und deutscher Gelehrsamkeit zur hohen Ehre gereicht, i) Bahia soll weit über 100000 Einwohner zählen. So lauten wenigi^tens die gewöhnlichen Angaben. Ich glaube, sie sind für diese Stadt wie fiir Pernambuco zu hoch gegriffen. Vergebens habe ich in den Präsidialberichten über diese Provinz nach di- recten Nachrichten über deren Bevölkerungszahl gesucht, und habe nur im Relatorio des Präsidenten Senador Herculano ^) Geschichte von Brasilien, von Heinrich Uandelmanu (Berlin 1860). Digitized by Google •44 Ferreira Penna (1860) einen Anhaltspunkt gefunden, auf den sich meine Vermuthung stützt. Es ist nämlich ein Verzeichniss der vom 1. Januar bis 31. December 1859 in Bahia Verstorbenen. Ihre Zahl betrug 3130. Nehmen wir fiir diese Stadt, die unter durch- aus ungünstigen hygienischen Verhältnissen steht, eine Mor- talität von 4 Procent an, die gewiss der Wahrheit sehr nahe kommt, so haben wir eine Bevölkerung von 78280, bei einer Mortalität von 3 Procent eine von 101000 Seelen. Ich bemerke indessen ausdrücklich, dass die eben erwähnte officielle Angabe durchaus nicht hinreichend ist, mit Sicherheit einen Schluss auf die Bevölkerungszahl zu ziehen. Die mitgetheilte Todtentabelle ist aber geeignet, über die Rassen Verhältnisse einigen Aufschluss zu geben. Von den 3130 Verstorbenen (1691 Männer, 1439 Weiber) waren 2400 Brasilianer, 168 Fremde (estrangeiros) und 553 Afrikaner. Nach der Farbe: Weisse 877, Farbige (pardos) 966, Schwarze 1287 (nämlich 734 in Brasilien geborene und 553 importirte), freie Leute 2149, freigelassene Sklaven 278 und Sklaven 7u3. Die grösste Sterblichkeit (nämlich 26 Procent der Verstorbenen) fand bei Individuen zwischen 20—40 Jahren statt. Die Krankheiten, welche die meisten Opfer verlangten, waren die Lungenschwindsucht (533), die Dysenterie (155) und die Was- sersucht (149, wahrscheinlich meistens nur Folgekrankheit). Ich erinnere mich in einem sonst ausgezeichneten Werke über me- dicinische Geographie die Behauptung gelesen zu haben, dass die Lungentuberculose in Tropenländern gar nicht vorkomme. In Bahia sind in dem bezeichneten Jahre 17 Procent sämmtlicher Verstorbenen dieser fiirchtbaren Geisel erlegen. AeKnlich ist das Verhältniss in andern Städten des tropischen Südamerika. Bahia zählt viele Bildungsanstalten, sowol für den Volks- unterricht, wie auch für höhere Studien. Das Priesterseminarium und die medicinische Schule sind stark besucht. Die öffentliche Bibliothek zählte 18<)0 IGOOO Bände. Sehr werthvoUe Manuscripte verschi(Hleiier Klo.sterbibliotheken scheinen ganz verschwunden zu sein; wahrscheinlich haben sie den Weg nach Europa ge- funden. Ein äusserst spärliches und trauriges naturhistorisches Museum dient mehr als Beweis des oruten Willens, in dieser Digitized by LjOOQIC 45 t Richtung etwas zu thun , als von Sachkenntniss . und richtiger Auffassung der Aufgabe einer solchen Sammlung; es entbehrt eigentlich jedes wissenschaftlichen Werthes. Die Bahianer scheinen unter allen Brasilianern sich mit der grossten Vorliebe den wissenschaftlichen Fachstudien zu widmen. Die Provinz versieht einen grossen Theil des Kaiserreichs mit Geistlichen, Aerzten, vorzüglich aber mit Juristen. Letztere sind, weriigstens in Süd-Brasilien, nicht besonders beliebt und stehen, wol nicht ganz mit Unrecht, im Gerüche der Rabulisterei. Man erzählte mir, dass es in den südlichen Provinzen für eine be- schimpfende Redensart gehalten wird, jemand zu sagen: „Vosse he um Bahiano" und verstärkt „um Bahiano de Bahia" (ihr seid ein Bahianer von Bahia). Bahia ist übrigens das Vater- land einer Anzahl ausgezeichneter Staatsmänner, Gelehrten und Dichter. Bahia nimmt nicht nur hinsichtlich der Bevölkerung, sondern auch durch seinen Handel die zweite Stelle des Reiches ein. In dem Quinquennium von \8^%r — 18®76i exportirte der Platz im Durch- schnitt für 13.198:903 Milreis; im Finanzjahre 18«7öi für 16.791:101 Milreis und importirte direct aus überseeischen Ländern im nämlichen Quinquennium durchschnittlich für 18.076:768 Milreis; im Finanzjahre IS^Ve^ 17.385:0(X) Mikeis. Die Ausfuhrerzeugnisse der Provinz Bahia sind mannichfal- tiger als die der Provinz Pernambuco. Wie diese producirt sie Zucker und Branntwein, der grosstheils nach der afrikanischen Küste verschifft wird, jedoch nur eine kaum nennenswerthe Menge von Baumwolle, dagegen aber Kaffee i^d Taback. Von ersterm exportirte Bahia 18«V«2 198316 Arrobas ä 32 Pfund im Werthe von 1.126:176 Milreis; von Blättertaback 109514 Arrobas im Werthe von 4.398:895 Milreis. Das Hinterland bringt auf den Markt von Bahia zimi Exporte gesalzene und getrocknete Häute und Diamanten (18"/62 4532 Oitavas im Werthe von 1.356:900 Milreis). Es liefen 18^762 im Hafen von Bahia 356 Seeschiffe mit 166.566 Tonnen Gehalt ein und 375 mit 173.895 Tonnen Ge- halt aus. Trotz dieser günstigen Zahlenausweise sind doch die Han- Digitized by LjOOQIC I 46 delsverhältnisse in Bahia ziemlich faul. Noch ehe sich der Platz von der schweren Krisis 18*^/58 erholt hatte, traten in den näch- sten Jahren infolge ausserordentlicher Dürre im Innern der Provinz mehrere Missernten ein. Der Mangel an den ersten Lebensbedürf- nissen zwang viele Plantagenbesitzer, einen Theil ihrer Sklaven auf den Markt von Rio de Janeiro zu schicken, um mit dem erlosten Gelde Nahrungsmittel für die übrigen zu kaufen und hohe In- teressen für Kapitalien zu zahlen, die in frühern Jahren fast leichtsinnig aufgenonunen worden waren. Durch die Vermin- derung der Arbeitskräfte wurde natürlich auch die Productions- fahigkeit geschwächt, ohne dass Hoffnung vorhanden ist, diesem schwersten Schlage abhelfen zu können. Es ist nicht in Abrede zu stellen, dass in den meisten grossem Handelsplätzen der Ostküste Südamerikas eine gewisse Klasse von Kaufleuten, eine mangelhafte Gesetzgebung, die Nachsichtig- keit der Behörden und die grosse Entfernung der Commanditäre benutzend, mit dem gewissenlosesten Leichtsinne vorgeht. Es wird mit einem kaum nennenswerthen Baarvermögen ein Hand- lungshaus gegründet, es werden Verbindungen mit europäischen Producenten unter betrügerischen Vorspiegelungen angeknüpft und sie zu reichen Sendungen aufgemuntert, es wird ein grosses Haus gefuhrt, und so lange es nur einigermassen geht, auf diese Weise fortgelebt und geschwindelt, um sich dann, oft noch recht gaunermässi^ mit Vortheil, fallit zu erklären. Man be- hauptet, ob mit Recht kann ich nicht entscheiden, dass diese Immoralität auf dem Handelsplatze Bahia mehr als auf irgend einem andern Brasiliens ♦)rkomme. Wenn sich die Handelsverhältnisse Bahias nicht bald gründ- lich bessern, wozu vorerst noch wenig Aussicht vorhanden sein soll, so dürfte Pernambuco, das sich seit dem nordamerikanischen Kriege durch die Baumwollproduction der Provinz besonders gehoben hat, bald die zweite, Bahia aber die dritte Handelsstadt des Reiches werden. Unter den Exportgegenständen des Handelsplatzes Bahia figuriren auch einige Industrieartikel, die, wenn sie auch nur in sehr unbedeutendem Verhältnisse ihren Weg nach überseeischen Ländern Digitized by LjOOQIC 47 finden, doch immerhin für den Handel mit den übrigen Theilen des Reichs von Belang sind. In erster Reihe stehen die durch ganz Brasilien beliebten Cigarren (Charutos), die aus dem guten Taback den die Provinz reichlich producirt, verfertigt werden. Im Finanzjahre IS'^Veo wurden aus Bahia 46 Millionen Cigarren im Werthe von 553:941 Milreis ausgeführt. Production und Ausfuhr haben sich in den jüngst verflossenen Jahren noch beträchtlich ver- mehrt. Die bahianer Cigarre gehört nicht zu den besonders feinen Sorten; sie hat einen eigenthümlichen entschiedenen Geschmack, der nur ihr eigen ist. Man muss sich an denselben gewöhnen, um ihn angenehm zu finden. Die Cigarren haben im allgemei- nen ein gutes Aussehen, sind aber meistens etwas locker gedreht. Ihrer längern Conservirung, also dem so wichtigen Austrocknen und Altwerden, steht der Umstand hindernd entgegen, dass sie ofl schon nach wenigen Tagen von Insektenlarven durchlöchert werden. Wie mir scheint, begünstigt sie vorzüglich das Binde- mittel der Deckblätter. Hier mag ebenfalls der ausgezeichäete Rape Area preta er- wähnt werden, der auch in Europa bekannt und sehr geschätzt ist. Ervmrde zuerst von einem Schweizer, Namens Meuron ^) in Bahia fabricift und fand in Brasilien bald eine so günstige Auf- nahme, dass noch zwei Fabriken, eine in Pernambuco, die andere in Andarahy bei Rio de Janeiro, errichtet wurden, die alle, unter der nämlichen Firma und nach dem nämlichen Geheimnisse ar- beitend, glänzende Geschäfte machten. In allen drei Städten riefen diese Fabriken zahlreiche Concurrenten hervor, aber kei- nem von allen gelang es, ein Product von so vorzüglichem Aroma wie das des Meuron'schen Erzeugnisses herzustellen. Ein ferneres Industrieerzeugniss, das aber für den Export ^) Herr Auguste Meuron kehrte, nachdem er sich durch seine Fabriken ein grosses Vermögen erworben hatte, in seine Heimat, den Canton Neufchätel, zurück. Dieser wahrhaft edle und hochherzige Mann gründete und dotirte dort die berühmte Irrenanstalt zu Pr^fargier unweit Marin und St. Blaisc am untern Ende des Neuenburger Sees. Sie wurde im December 1849 eröffnet; 27^ Jahre später starb Herr Meuron, aber sein Andenken wird durch seine Schöpfung im unvergesslichen Andenken seiner Mitbürger fortleben. Digitized by Google 48 nicht die Bedeutung hat wie die Cigarren, sind grobe Baumwoll- gewebe. Im ersten Semester des Finanzjahres 18*%o wurden 434350 Ellen im Werthe von 92:772 Milreis ausgeführt. Ein kleiner Theil davon war Hand-, der grossere Maschinengespinnst. Die bedeutendste Baumwollspinnerei ist die von Todos os Santos in der Nähe der Stadt Valenpa, Sie erzeugt jährlich 30 — 40000 Stück StoflF a 23 Ellen, Zwirn zum Nähen, zu Netzen u. s. f. und beschäftigt fast 300 Arbeiter. Ein paar andere Maschinen- webereien in der unmittelbaren Nähe von . Bahia sind von ge- ringerer Bedeutung. In frühern Jahren wurde von Bahia aus ein sehr lucrati- ver Walfischfang betrieben und der Thran in den Siedehäusern (Arma9Öes), östlich vom Fort S. Antonio, ani Eingange der Bai ausgesotten. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist dieser Industrie- zweig gänzlich in Verfall gerathen. Es bildete sich zwar im März 1858 eine Gesellschaft unter dem Namen Companhia de Santo Antonio, um ihn wieder im grossartigen Maasstabe auf- zunehmen, und engagirte zu diesem Zwecke in Portugal 29 er- fahrene Personen. Alsbald nach dem Beginn der Operationen brachen aber zwischen ihnen und den Unternehmern solche Mis- helligkeiten aus, dass sich die Gesellschaft veranlasst sah, sich aufzulösen. Bahia besitzt, wie Pernambuco, eine Eisenbahn, die ebenfalls einst in ihrer Fortsetzung den Rio Sao Francisco erreichen und also auch in dieser Richtung eine Verbindung des reichen Innern der Provinzen Minas und Bahia mit der Küste bewerkstelligen soU. Die eigentlichen Arbeiten zu dieser Bahn wurden den 1. Sep- tember 1858 begonnen und die erste Section bis Aratu (8,41 eng- lische Meilen) den 28. Juni 1860 dem Verkehr übergeben, die zweite Section bis Feira velha (17,73 englische Meilen) wurde den 10. September 1860, die dritte bis Pitanga (8,22 englische Meilen) den 4. August, und die vierte bis in die Nähe von Alagoinhas (21,^3 englische Meilen) den 31. Januar 1863 eroff net. Die ganze Bahnstrecke von Bahia bis in die Nähe von S. Antonio das Alagoinhas beträgt also 56,ii englische Meilen oder 20 brasilianische Legoas. Vorderhand wird sie nicht Digitized by LjOOQIC /.' A . BroMuuuy ' Oeoqr arü^» 308 » 302 >» Digitized by LjOOQIC 88 Bei den Eingeborenen und den schon acclimatisirten Europäern ist der Verlauf der Krankheit in der Regel ein günstiger^ sehr gefahrlich dagegen bei den Neuangekommenen, sei es, dass sie aus Europa oder dem Norden Amerikas oder aus den kältern Ländern des südlichen Amerika, oder aus dem Innern Brasiliens anlsmgen. Am verheerendsten tritt jede Epidemie auf den Schiffen im Ha- fen auf und rafft am meisten nordländische Matrosen, Russen, Schweden, Dänen, Deutsche, Engländer weg, hält aber auch auf den schmuzigen italienischen und portugiesischen Schiffen eine reiche Todtenernte. Wälirend der letztem Epidemien war die Sterblichkeit eine bedeutend geringere als in den erstem, obgleich nach dem Urtheil der Aerzte ihre Intensität eine grossere war. Der Grund liegt wol darin, dass die Aerzte, auf die erlangten Erfahrungen gestutzt, eine grössere Sicherheit in der Behandlung der Krankheit ge- wonnen haben. Rio de Janeiro besitzt sowol unter den einhei- mischen als den europäischen dort niedergelassenen Aerzten sehr gebildete Männer, scharfe Beobachter, sichere Diagnostiker, geschickte Operateure und glückliche Praktiker, aber es ist auch unter dem dortigen ärztiüchen Stande (Einheimischen und Fremden) viele Ignoranz, Frechheit und Charlatanismus zu finden. Ich will hier nur beiläufig bemerken, und ohne weitere Fol- gerung zu ziehen, dass mir während der Epidemie von 1860 die täglich sorgfältig angestellten Beobachtungen des Schönbein'schen Ozonometers ein umgekehrtes Verhältniss zwischen dem Ozon- gehalt der Luft und der Intensität des Fiebers gezeigt haben ; je geringer nämlich jener war, desto intensiver war diese. Wäh- rend des Höhepunktes der Epidemie zeigte das Schönbein'sche Papier einen kaum merklichen Ozongehalt der Luft. *) Im Jahre 1856 besuchte auch die Cholera auf ihrer damaligen Weltwan- derung die brasilianische Hauptstadt und verursachte daselbst einen panischen Schrecken. Man hatte nämlich bald nach ihrem Auftreten erkannt, dass sie der einheimischen Bevölkerung weit ') „Der Ozongehalt der Luft im Verhältniss zum Krankenstande eines Ortes von Dr. J. J. v. Tschudi", in der ^, Wiener Medicinischen Wochenschrift", 1862, Nro., 49 S. 747. Digitized by LjOOQIC 89 gefahrlkher sei al& der fremden: beim Gelben Fieber war es umgekehrt und deshalb die Sanitätsmassregeln der Regierung verhältnissmässig beschränkt. Bei der Cholera hingegen wurden unverzüglich in vielen Strassen Ambulancen errichtet und alle mögliche vernünftige und unsinnige Verordnungen erlassen, durch die die Einwohner mehr geängstigt als beruhigt wurden. Die schwarze Bevölkerung bildete ein Hauptangriffsobject der Cholera. Bei ihr trat die Krankheit in der Regel sehr in- tensiv auf und endete meistentheils nach raschem Verlaufe todlich. Das berührte die sensible Seite der Brasilianer, ihre gewichtigsten Interessen waren gefährdet, ihr lebendes Kapital verminderte sich von Tag zu Tag. Ihre Aufregung wäre sicher- lich eine weit geringere gewesen, hätte die Cholera die Neger verschont, aber unter der übrigen Bevölkerung in noch weit heftigerm Grade gewüthet. Die Krankheit blieb nicht wie das Gelbe Fieber auf die Hauptstadt und einen schmalen Küstenstrich beschränkt; sie drang zum Entsetzen der Gutsbesitzer ins Innere vor und nistete sich auf den Pazendas ein, und hier, wo in der Regel keine Aerzte sind, sondern elende Curpfuscher als Heilkünstler figuri- ren, machte sie schreckliche Verheerungen. Mancher Fazendeiro hat binnen wenigen Tagen ein Sklavenkapital von 50 — 100000 Thaler mit Erde bedeckt. Glücklicherweise war die Epidemie von verhältnissmässig kurzer Dauer und kehrte seither nicht wieder. Noch zwei oder drei Choleraepidemien wie die von 1856 und der Nationalreichthum Brasiliens ist für unabsehbare Zeiten untergraben. * . Ich habe wiederholt in Reisebeschreibungen spöttelnde Be- merkungen über die schattenlosen Gartenanlagen um die Land- sitze der Brasilianer gelesen. Es ist nun allerdings ganz richtig, dass schattenreiche Bäume, schlanke Palmen, dichte Alleen, rie- senhafte Bambusgruppen und üppige Schlingpflanzen herrliche Zierden eines Parkes sind; aber die Erfahrung hat den Einge- borenen gelehrt, dass eine reiche Baumvegetation in der Nähe der Wohnimgen durchaus gesundheitsschädlich sei, abgesehen davon, dass sie die lästige Plage der menschenfeindlichen geflügelten Digitized by Google 90 Insekten ausserordentlich begünstigt. Will der Brasilianer Kühle gegen die drückende Tageshitze haben, so sucht er nicht ein schattiges Plätzchen seines Gartens auf, sondern zieht sich in seine Zimmer zurück, deren Fenster sorgfältig mit Jalousien verschlossen sind; will er der linden Abendluft froh werden, so setzt er sich nicht unter einen Baum des Parkes und trinkt dort Portwein oder Ale, sondern er lässt die Thüren seines Saales öflftien und schlürft in gedecktem Kaume behaglich seine Limonade oder seinen Thee. Der Europäer dagegen wählt sich gern eine Chacra mit Baumpartien, um sie so zu gemessen, wie er es in seiner Heimat gewohnt war, und zahlt sein Vergnügen sehr häufig mit einem todlichen Fieber. Die Gesundheitsverhältnisse fuhren mich zu den Humanitats- anstalten der Stadt, durch die sie wahrhaft gross dasteht, was auch die erklärtesten Gegner Brasiliens zugeben müssen. Das allgemeine Krankenhaus (Santa Casa da Misericordia) wurde um das Jahr 1545 gegründet und 30 Jahre später von dem berühmten Jesuiten Thaumaturgen Jose de Anchieta in besondere Protection genommen; 1605 ertheilte die Krone von Portugal der Anstalt dieselben Privilegien wie sie die Santa Casa da Misericordia in Lissabon genoss. Unbedeutend in seinen Anlan- gen, hat sie sich, besonders durch die Neubauten der letzten Jahr- zehnte, derart vergrössert, dass sie heute das schönste und grösste Spital des südamerikanischen Continents ist und selbst nur von sehr wenigen ähnlichen Anstalten der europäischen Weltstädte über- troffen wird. Die sogenannte neue Misericordia bietet mit ihrer 600 Fuss langen Fa^ade vom Hafen aus einen überraschend im- posanten Anblick; aber noch gewaltiger ist der Eindruck bei einem Besuche des Spitales selbst, indem erst da die immensen Räumlichkeiten in ihrer Totalität gewürdigt werden können. Wäh- rend der alte Theil des Hospitals noch an allen Mängeln leidet, die derartigen aus frühern Zeiten stammenden Gebäuden ankleben, sind bei der neuen, aber noch nicht ganz vollendeten Misericor- dia alle bewährten und zweckmässigen Einrichtungen angebracht, die von einer solchen Anstalt ersten Ranges verlangt werden können. Zweckentsprechende Eintheilung, Ventilation, Reinlich- Digitized by LjOOQIC 91 keit, Ordnung, innere Organisation und ärztlicher Dienst lassen kaum noch zu wünschen übrig. Das ganze Institut wurde zum grossem Theile durch milde Stiftungen hergestellt und wird auch jetzt noch vorzüglich durch solche unterhalten. Es hat ausser- dem noch eine bestimmte Revenue aus gewissen Zollgefällen ^), Lotterien und Grundbesitz. Im Jahre 1860 betrugen die Ein- nahmen 540 Contos de Reis, die Ausgaben 552 Contos (bei 1^4 Millionen Franken). Der tägliche Krankenstand wechselt von 800 — 1100 Individuen. Im Jahre IS^Veo (1- J^ü bis 30. Juni) wurden im Hospital 13622 Kranke behandelt, davon 10488 gesund entlassen, 2364 starben, darunter 223 in den ersten 24 Stunden nach ihrer Aufnahme. Diese letztern abgezogen, stellt sich die Sterblichkeit auf 15,3 Procent. Von den 13622 Kranken waren nur 1667 freie Ein- geborene, 10850 Fremde, 1105 Sklaven. Vom Jahre 1855—1860 hatte sich die im Hospital behandelte Zahl der Kranken um 70 Procent vermehrt. Es ist dabei hervorzuheben, dass die Zahl der aufgenommenen Eingeborenen sich so ziemlich gleich blieb, die der kranken Fremden sich aber um eine so hohe Procent- summe steigerte. Bemerkenswerth ist noch das Verhältniss der kranken Männer zu dem der Weiber, indem es sich durchschnitt- lich wie 7:1 herausstellte. Es ist leicht erklärlich, da die über- wiegende Mehrzahl der Kranken Fremde sind und das Verhältniss der einwandernden Männei: zu dem der Weiber fast die näm- liche Proportion 7:1 zeigt. Seit dem Jahre 1860 werden ebenso ausführliche als werthvolle Berichte über die innere Be- wegung der Misericordia (Relatorio dö gabinete Estadistico- ^) Die Beiträge, die den öffentlichen Wohlthätigkeitsanstalten von Hafen- iind Zolleinnahmen zufliessen, sind nach dem Reglamente der Donane art. 698 (Reglam. vom 30. Mai und 22. Juni 1836) folgende: Von jedem Kopf der Be- mannung eines jeden Schiffes, das aus der Barre de Rio de Janeiro nach den Häfen des Municipiums oder der Provinz Rio de Janeiro fährt, 200 Rei«; von denen, die nach andern Provinzen oder Ländern segeln, 640 Reis pr. Kopf; vom Rumpfe eines jeden Dreimasters oder Barkschiffes 6 Milreis ; eines Brigg-Schoo- ners 4 Milreis; einer Sumaca 2500 Reis; einer Lancha 1280 Reis. Ausserdem von jeder Pipa geistiger Getränke 1 Milreis; von jedem Dutzend Flaschen solcher Getränke 5 Reis. Digitized by Google 92 medico-üirurgico do hospital geral da Santa Gasa da Misericordia da Corte e enfermerias publicas), vom Director des statistischen Bureau des Hospitals Dr. Luis da Silva Brandäo veroflfentlicht. Der Krankenwärterdienst wird von Barmherzigen Schwestern, meistens Französinnen (auch Oesterreicherinnen ) versehen; es zeigen sich aber auqh hier die nämlichen Inconvenienzen, die in europäischen Spitälern, wo diese Ordensschwestern Kranken- dienste versehen, gerügt werden. In der Misericordia wird ebenfalls eine Polyklinik für arme Kranke abgehalten. In dem oben angegebenen Zeiträume (IS^Vao) wurde sie von 7500 Kranken besucht. IrreiihospitAl Dom Pedro's II. Unter der nämlichen Oberleitung, gewissermassen Depen- denzen der Misericordia, stehen: das Hospital Dom Pedro's IL, das Waisenhaus, das Findelhaus und das Begräbnissunternehmen. Das Spital Dom Pedro Segundo in der Bai von Botafogo an der Praia vermelha gelegen, ist ein prachtvolles und sehr zweckmässig eingerichtetes Irrenhaus. Es wurde durch Decret von 18. Juli Digitized by LjOOQIC 93 1841 gegründet und steht unter der speciellen Protection des Kaisers. Es befanden sich daselbst im Jahre 18**/6o 595 Irre, davon wurden geheilt entlassen 139, es starben 100. Das Sterb- lichkeitsverhältniss war 16,8 Procent. Das Waisenhaus (Recolhimento das Orphäos) stammt aus dem vorigen Jahrhundert (1739) und ist nur zur Au&ahme von Mädchen bestimmt. Zehn Barmherzige Schwestern versehen den innem Dienst und sind hier jedenfalls mehr an ihrem Platze als in der Misericordia. Das Institut besitzt einen eigenen Fonds zur Ausstattung der Mädchen, die sich aus demselben verheirathen. Das Findelhaus (Casa dos expostos) in der Rua dos Barbonos, ist ebenfalls ein altes (1738), aber höchst nothwendiges Institut. Bis in die neueste Zeit war es wegen der fast fabelhaften daselbst herrschenden Sterblichkeit beim Publikum übel berüchtigt. Im Jahre IS^VeoWurden 587 Findelkinder aufgenommen, von denen 177 todt auf der Drehscheibe geftinden wurden» Die Sterblich- keit betrug in diesem Jahre nur 17,5 Procent, während sie sienhändler u. dgl. Die elegante Rua d'Ouvidor ist vorzüglich von ihnen bevölkert und sie haben dort die elegantesten Verkauftgewölbe inne. Als der Prinz von Joinville bei Gelegenheit seiner Verlobung mit ^ner Schwester des Kaisers eines Abends die Rua d'Ouvidor beaudate, brachte einer seiner Begleiter als Antwort auf die von dem Prinzen gemachte Bemerkung, man glaube sich hier nach Frank- reich versetzt, die Franzosen dieser Strasse in eine so boshafte Be- ziehung zu den beiden französischen Kriegshäfen Rochefort und Toulon, dass die Franzosen dieses eleganten Quartiers, denen diese Aeusserung zu Ohren kam, fiir lange Jahre geschworene Feinde jenes Mannes wurden. Unter dem Handwerkerstande finden sich viek *) Es sind 20 — 21000 Franzosen in Rio de Janeiro. Digitized by Google 100 t'ranzosen als geschickte Arbeiter. Mehrere französische Han- delshäuser nehmen eine sehr ehrenvolle und einflussreiche Stelle im Exporthandel ein. Obgleich die Brasilianer franzosische Sprache und Literatur sehr bevorzugen , so lieben sie doch die Franzosen nicht , und zwar aus dem gleichen Grunde, aus dem diese auch in den übrigen Staaten Südamerikas nichts weniger als beliebt sind, weil sie sich nämlich in alles einmischen, überall das grosse Wort fuhren wollen, rücksichtslos und verletzend kritisiren und bei jeder Ge- legenheit als Glieder der „grande nation" eine eingebildete Superio- rität zur Schau tragen und die Eingeborenen fühjen lassen. Charakteristisch und ebenso klar als lange Auseinandersetzun- gen ist es, dass in Brasilien betrügerische Geschäfte negocios afrancesados genannt werden. Nach den Franzosen sind wol die Deutschen numerisch am' stärksten vertreten. Sie gehören grosstentheils dem Kaufmanns- stande, in geringer Menge dem Handwerkerstande an. Das Näm- liche gilt von den Schweizern. Es unterliegt keinem Zweifel, dass das germanische Element in Kio de Janeiro durch weit mehr Intelligenz und Bildung vertreten ist als das gallische, und dass es bei den Eingeborenen auch durchschnittlich in höherer Achtung steht als dieses. Die Deutschen haben ihre eigene, bescheidene protestantische Kirche (Rua dos invalidos), ihren Seelsorger und ein eigenesx Vereinslokal, die Germania, zur geselligen Unterhaltung, sogar eine deutsche Bierbrauerei, wo junge, unverheirathete Männer in untergeordneter Stellung einen wenn auch sehr geringen Ersatz für den Mangel an geselligem Verkehr in Familienkreisen finden. Für den Fremden ist das Fehlen eines eigentlichen gesellschaft- lichen Lebens eine der grössten Schattenseiten bei einem längern Aufenthalte in Rio de Janeiro. Der Kaufmann geht morgens um 8 oder 9 Uhr in die Stadt auf sein Comptoir, liegt den ganzen Tag, oft bei einer fast uner- träglichen Temperatur, seinen Geschäften ob und kehrt* abends 4 oder 5 Uhr nach seinem Landsitze zurück, wo er erst in den vorgerückten Abendstunden seine Hauptmahlzeit einnimmt. Hat Digitized by LjOOQIC 101 er Familie, so ruht er im Kreise der Seinen von den Tagesmüheij aus; steht er aber allein, so bietet ihm sein Garten mit der herr- Erholung iu der Chacara. liehen Blumenfiille, Musik oder Lektüre Erholung und Genuss, und nur sehr selten verlässt er abends noch seine trauliche Woh- nung, um einen Besuch zu machen. Bei der grossen, oft stun- denweiten Entfernung, die befreundete Familien trennt, bei de'n theuern Fahrgelegenheiten und dem in dem erschlaffenden Klima so natürlichen Bedürfniss nach Ruhe ist es daher leicht erklärlich, dass sich wenig gesellschaftliches Leben entwickeln kann. Der Zusatz zu einer Einladung: „Sie werden mich abends immer zu Hause treffen", ist selten in einer Stadt wörtlicher zu nehmen als in Rio de Janeiro. Das Klima übt in der Regel auf den Deutschen, überhaupt Digitized by Google 102 Ätif den Nordländer, bei langjährigem Aufenthalte in der brasi- lianischen Hauptstadt einen nachtheiligen Einfluss aus. Die blühende Gesichtsfarbe, die er aus Europa mitbrachte, weicht allmählich einem fahlen Teint ;? somatische Störungen, besonders der Unterleibsorgane, stellen sich fast unbemerkt ein und treten oft erst nach seiner Rückkehr in die Heimat entschieden und häufig alarmirend hervor^ Die schwülen, erstickenden, ruhelosen Sommer f eiben ihn auf; die kühle Jahreszeit, oft auch mit Perioden drücken- der Sitze, vermag ihm nicht zu ersetzen, was er während der heissen verloren hat* Er büsst alljähriich eine gewisse Quote von seinem mitgebrachten Kräftekapital ein 5 er verKert seine an- gebofiene Energie, seine körperliche und geistige Spannkraft. Die meisten trachten daher, so schnell als thunlich ein Land zu ver- lassen, in dem sie zwar bei einigem Glücke wichtige pecuniäre Vortheile erringen können, in der Regel aber ihre Gesundheit dabei aufs Spiel setzen. Wer von den Fremden es nur einiger- massen ermöglichen kann, kehrt nach eihem Aufenthalte von ein paar Jahren in Rio de Janeiro auf einige Zeit nach Europa zurück, um sich da aufzufrischen. Solche Erholungsreisen sind jedem, den seine Bestimmung für eine längere Epoche an Bra- silien fesselt, äusserst wohlthätig* Engländer haben sich ebenfalls in ziemlich grosser Anzahl in Rio de Janeiro niedergelassen und zwar auch grossentheils als Kauf- leute, Einige der grössern Handelshäuser gehören englischen Firmen. Die englische Kirche, oder besser Kapelle, in der Rua dos Barbanos, ist wie die deutsche sehr einfach und thurmlos. Sie wurde bald nach der Unabhängigkeitserklärung Brasiliens (1823) erbaut und ist, wenn ich nicht irre, das älteste protestan- tische Gotteshaus in einem rein katholischen Lande des südame- rikanischen Continents* Der reizend gelegene engUsche Kirchhof auf Gamboa ist zwar hauptsächlich für Engländer bestimmt, (nach Decret vom 3. August 1861 amschliesslicK)^ die Verwal- tung desselben ist aber so tolerant, auch Protestanten an- derer Länder dort eine Ruhestätte zu gönnen. *) Der anglo- ^) Im Jahre 1861 sind endlich den Protestanten anderer Nationen auch Digitized by LjOOQIC 103 brasilianische Conflict der neuesten Zeit, zum Theil hervorgerufen durch ein wenig „gentlemanlikes" Betragen des Geistlichen und zweier Offiziere eines britischen Kriegsschiffes, in dem bekannt- lich König Leopold I. als Schiedsrichter zu Gunsten Brasiliens urtheilte, begründete eine bedeutende Misstimmung der Brasilia- ner gegen die Engländer, die jedenfalls erst nach längerer Zeit sich vollständig legen wird. Schon in frühern Jahren hat das sehr gewaltthätige, wenn auch grösstentheils gerechtfertigte Vor- gehen der englischen Kriegsschiffe, bei Verfolgung von Sklaven- schiffen, gegen einzelne Hafenplätze der Küste eine heftige Er- bitterung hervorgerufen, die länger angedauert hätte, wenn Bra- silien nicht so oft englische Kapitalien brauchen und erhalten würde; freilich gegen Sicherstellung und hohe Zinsen. Spanier und Italiener nehmen, mit wenigen Ausnahmen, in Rio de Janeiro untergeordnete Stelleli ein. Der bekannte Hass der Portugiesen gegeh ihre Nachbarn auf der Pyrenäischen Halbinsel hat sich auf ihre amerikanischen Abkömmlinge nicht fortgepflanzt. Die gegenwärtigen Interessen der einstigen lusi- tanischen Colonie sind von denen des Mutterlandes zu verschieden, und es kann daher auch füglich keine gegründete Animosität zwi- schen Brasilianern und Spaniern bestehen. Die ItaUener sind auch in Brasiliens Hauptstadt, wie in der ganzen civüisirten Welt, durch Gipsfigurenhändler repräsentirt; wir finden sie aber auch als Gastwirthe, Kaffeesieder, Victualienhändler, Handlungs- diener u- s. f., auch, wiewol selten, als angesehene Kaufleute. NordameHkaner sind in Rio de Janeiro weniger zahlreich als die eben angeführten Nationen. Sie sind Kaufleute, Inge- nieure, Mechaniker, Leiter von technischen Etablissements, Bibel- einige wichtige Zugestandnisse gemacht worden. Es wurde ihnen nämlich gc- statret, auf dem akatholischen Kirchhofe, auf dem früher alle Nichtkatholiken, also auch Juden und Heiden (Chinesen) beerdigt wurden, einen eigenen Platz für Protestanten einzufrieden und daselbst eine Kapelle zu bauen, ferner die Gräber auf länger, als wie bisher blos auf fünf Jahre zu kaufen, und endlich die Kinderleichen mit schwarzem Bahrtuche bedeckt nach dem Kirchhof fuhren zu dürfen. In Brasilien ist für Kinderleichen ein rosafarbenes Bahrtuch ge- Inräuchlich. Digitized by LjOOQIC 104 colporteure u. 8. f. Das grosste Kaffeexporthans Rios ist die nordamerikanische Firma Maxwell & Comp. Sie verschifft jähr- lich zwischen 4 — 500000 Sack Kaffee nach den Vereinsstaaten; wohin, wenigstens bis zum Jahre 1861, immer circa die Hälfte des in Brasilien producirten Kaffees, nämlich über 1 Ya Millionen Sack (1857 880279 Sack ä 160 Pfand,, 1858 1,133609 Sack, 1859 1,150425 Sack) exportirt wurde. Russen, Schweden, Dänen, Belgier, Holländer, Griechen etc. befinden sich nur in geringer Anzahl in der brasilianischen Hauptstadt, aber jede dieser Nationen besitzt dort einen Consul, ebenso die südamerikanischen Republiken, obgleich sie nur ein geringes Contingent zur Bevölkerung Rios liefern, dagegen aber grosstentheils in sehr wichtigen Grenzverhältnissen zum Kaiser- reiche stehen. Die Chinesen, die man ziemlich häufig in den Strassen sieht, wurden theils durch die kaiserliche Regierung, theils durch Pri- vatspeculation versuchsweise als Arbeiter in Brasilien einge- fiihrt. Sie haben im Laufe der Jahre ihr Ueberfahrtsgeld ab- verdient und sieh als Speisewirthe, Fischverkäufer u. s. f. in der Hauptstadt niedergelassen. Wenden wir uns nun zu denjenigen Fremden, die sich noph vor vier Jahrzehnten die Herren des Landes nannten. Wie hoch sich die Zahl der in Rio de Janeiro ansässigen Portugiesen be- läuft, kann ich nicht genau angeben; exacte statistische Nach- weise der Bevölkerung der Stadt sind mir nicht bekannt, ich erkundigte mich vergebens danach; die mir mitgetheilten Data machen keinen Anspruch auf grosse Genauigkeit. Nach den- selben sollen zwischen 60—80000 Portugiesen in Rio leben. Ihre Zahl ist übrigens sehr wechselnd, denn einerseits kommen fast wöchentlich neue Zufuhren an, andererseits hält der 'Ifod unter ihnen eine reiche Ernte. Wir finden sie in allen möglichen so« cialen Stellungen vom zerlumpten Bettler bis zxlux Millionär, al^ Tagelöhner, Kärrner, Handwerker, Handlungsdiener, Krämer, Kaufleute, Fazendeiros, Rentiers, u. s. f. Ein grosser Theil von ihnen stammt von den Inseln (Azoren und Madeira), vielleicht ebenso viele als vom Festlande. Fast alle, die seit der 1*08- Digitized by LjOOQIC 105 tr^mung der Colonie vom Mutterlande nach Brasilien einwan- derten, hatten nur den Einen Zweck, hier sich ein Vermögen zu erwerben, und es ist auch vielen Tausenden gelungen. Der über- wiegend grossere .Theil von ihnen kommt, kaum mit dem Noth- dürftigsten bekleidet, auf den unreinen Schiffen ihres Vater- landes im Hafen an. Die Mehrzahl sind blutjunge Bürsch- chen, kaum den Knabenschuhen entwachsen, und nicht im Stande gewesen, das Ueberfahrtsgeld zu bezahlen; aber sie sind voll Muth und Unternehmungsgeist. Sobald ein Schiff mit solchen portugiesischen Emigranten im Hafen einläuft, so gehen ihre Landsleute an Bord, suchen sich unter denselben für ihre Zwecke die passendsten Individuen aus, zahlen dem Kapitän die Passage und fuhren die so ausgelosten Individuen ihrer neuen Bestim- mung entgegen, bald als Arbeiter auf Fazendas, bald aber für städtische Beschäftigungen. Sehr häufig^ ist es die eines Laden- dieners (Cacheiro), sie ist auch die von den jungen Ankömmlin- gen am meisten gesuchte. Haben sie in ihrer Heimat wie Schweine gelebt, so beginnt ihr neues Leben nicht viel besser, als das von Hunden. Dumpfe, schmuzige, mit ekelhaftem Ge- ruch angefüllte Lokale als Wohnimg, schlechte Nahrung und rücksichtslose, rohe Behandlung sind ihr Theil. Aber das ent- muthigt den jungen Lusitanier nicht. Hat er einmal die ersten Jahre überstanden, sein Ueberfahrtsgeld und die Auslagen für die ersten nothigen Bedürfnisse abverdient, so bessert sieh seine Stellung mehr imd mehr, besonders wenn er treu und geschickt befunden wird. Er ist in der Regel sparsam, oft geizig, weiss sein erspartes Geld auf irgend eine Weise reichlich gewinnbrin- gend zu machen und fängt, sobald es ihm nur einigemiassen möglich ist, für sich selbst tein Geschäft an. Viele von ihnen benutzen ihre Freistunden als Cacheiro sehr nützlich und lernen lesen, schreiben und rechnen. Durch Fleiss und Genügsamkeit erringen sie sich bald eine sorgenfi'eie Stellung, mit Glück dazu oft grosse Reichthümer. Ich kenne solche Portugiesen, die als armselige Cacheiros angefangen haben und heute im Besitze von Adelstiteln und ausgedehntem Grundbesitze sind und ihre Skla- ven zu Hunderten, ja zu Tausenden zählen; aber freilich wird Digitized by Google 106 hinter einer solchen Persönlichkeit, die trotz Add, Orden und Geld immer noch den Stempel eines rohen Parvenü an der Stirn trägt, der Deutsche keinen Aristokraten, der Engländer keinen Gentleman, der Franzose keinen Mann comme il faut, der Spanier keinen Caballero, höchstens der Portugiese eine Excellencia suchen. Auch bei der gebildeten Klasse der Brasi- lianer geniessen sie nur ein sehr geringes Ansehen. Mir ist be- kannt, wie ein brasilianischer Fazendeiro seine Tochter dem Sohne eines dieser portugiesischen Millionäre, der sein ungeheu- res Vermögen vorzüglich durch Sklavenspeculationen erworben hatte, verweigerte, „weil an dem Gelde seines Vaters zu viel Thränen und Blut kleben". Einmal im Besitze von Geld, geht das ganze Bestreben dieser Emporkömmlinge nach Besitz von Orden und Titeln, und beides können sie für klingende Münze in ihrem eigenen Mutterlande mit grosser Leichtigkeit erhalten. Es sind sogar fremden Consuln ia Rio de Janeiro von Lissabon aus Preiscourante von portugiesischen Orden und Adelstiteln zugesandt worden! Für sein Geld wird der Händler mit Seccos e molhados (Victualien) Commandeur, Baron, Vicomte. Charakteristisch ist folgende verbürgte Anekdote. Ein solcher Ritter des Carne secca wurde gegen Bezahlung einer gewissen Anzahl von Contos de reis vom portugiesischen Baron zum Visconde avancirt. Ein paar Tage später übergibt ihm sein Conimis irgend eine Rechnung zum Unterschreiben, und der neugebackene Visconde signirt Bisconde de E * , der Commis wirft einen Blick auf die Unterschrift und sagt: Ew. Excellenz werden erlauben, man schreibt Visconde nicht mit B, sondern mit V. Ganz entzümt entgegnete der Adelsträger: Ich habe Baron mit B geschrieben und werde Visconde auch mit B schreiben (die Portugiesen verwechseln in der Regel B und V). Der pfiffige Commis, um seinen Herrn in der Unterschrift nicht blosszustellen, entgegnete ganz bescheiden: In neuerer Zeit ist es aber Mode geworden, Bisconde mit V zu schreiben. Das wirkte. Ich kenne den Herrn Vicomte persönlich und gestehe, dass seine ganze Bildung seiner Orthographie vollkommen entspricht. Haben sich die Portugiesen ein Vermögen erworben, so Digitized by LjOOQIC 107 kehren sie in der Regel nach ihrem Vaterlande zurück. Diese Anhänglichkeit an die Heimat ist zwar sehr lobenswerth und fnr Portugal gewiss auch sehr gewinnbringend, für Brasilien aber durch den Abflnss ausserordentlicher Summen Geldes in staatsökonomischer Hinsicht sehr bedeutungsvoll und nachtheilig* Die Portugiesen sind wahre Blutsauger an Brasiliens Lebens- mark. Vor Unterdrückung des Sklavenhandels haben die Por- tugiesen mit Vorliebe diesen traurigen Handelszweig betrieben, und man darf behaupten, dass durch denselben die grössten Ver- mögen erworben wurden, dass aber dabei auch zu jedem Mittel, so niederträchtig und verächtlich es auch sein mochte, gegriffen wurde. Als, dank dem redlichen Willen des jetzigen Kaisers und der englischen Energie, dem verruchten Menschenhandel ein Ziel gesetzt wurde, blieben auf einmal enorme Kapitalien, die früher zwischen der afrikanischen Küste und Brasilien circulirt hatten, in letzterm Lande. Es trat eine Epoche des Geldüberflusses ein, wie ihn selten ein Land aufzuweisen hat. Man war in Ver- legenheit, wie diese Summen gewinnbringend angelegt werden könnten. Die Fazendeiros erhielten zu verhältnissmässig geringen Zinsen Geld in beliebiger Quantität, und sehr viele von ihnen büssen heute noch schwer den Leichtsinn, mit dem sie damals zu den ihnen gern gebotenen Kapitalien gegriffen haben. Spe- culative Köpfe organisirten die verschiedenartigsten Actienunter- nehmungen und es fehlte nicht an willigen Theilnehmern mit Geld; aber bald fanden die klugen Portugiesen, da sie ihr Lieblingsgeschäft nicht betreiben konnten, die Lage weit weni- ger behaglich als früher, und zogen sich einer nach dem andern in ihr Vaterland zurück. Mit ihnen verschwand ein grosser Theil der Kapitalien, nach und nach trat an die Stelle des Geld- überflusses nun Geldmangel und die neuen grossen Eisenbahn- unternehmungen sahen sich genöthigt, auf dem englischen Markte Kapitalien zu suchen. Die Portugiesen sind rührig und thätig und übertreffen daiin die Brasilianer, wenigstens der Hauptstadt. Beobachter^ Digitized by Google 108 die Portugal genau kennen, behaupten, dass sie in Brasilien weit arbeitsamer und unverdrossener sind als in ihrer Heimat. Aller- dings mögen sie dort traurige agrarische und commerzielle Ver- hältnisse entmuthigen, während sie hier tausendfache Gelegen- heit finden, sich eine günstige Zukunft zu gestalten. In frühem Zeiten genossen die portugiesischen Kaufleute auf dem Handelsplatze wegen der pünktlichen Erfüllung ihrer Zahlungsverbindlichkeiten und wegen ihrer Ehrlichkeit eines vor- trefflichen Rufes. Die europäischen Importhäuser verkauften ihnen Waaren für hohe Summen ohne schriftliche Verpflichtung gen, blos gegen ihr Wort, am bestimmten Tage zu zahlen, und nur selten hat es einer nicht pünktlich gelöst. Gegenwärtig lie- gen die Verhältnisse anders und weit ungünstiger und viele fremde Häuser setzen weit mehr Vertrauen in brasilianische als in por- tugiesische Firmen. Dieser Umschwung der Dinge liegt aber nicht etwa in einer Veränderung des Charakters der Portugiesen, sondern wurzelt tief in einem höchst ungesunden Zustande des ganzen brasilianischen Handels. Es ist hier nicht der Ort, auf dieses wichtige Thema ausfuhrlich einzugehen; aber ich will mir doch einige wenige Bemerkungen darüber erlauben. Brasilien importirt weit mehr, als es exportirt. Im Mittel von fünf Jahren IS^Vsr — 18^%i führte es an fremden Waaren im Werthe von 67,842:433 Milreis (über 185 Millionen Franken) ein (im Jahre IS^/ei für 58,222:834 Müreis), dagegen führte es in der nämlichen Epoche im Mittel 57,638:873 Milreis aus (im Jahre 18«76i für 57,845:011 Müreis), also 27-28 Millionen Franken mehr ein als aus.*) 1) Von 1831 — 1859 importirte Brasilien für 227,475:246 Milreis mehr, als es exportirte. Die Ausfuhr überstieg die Einfuhr in den Jahren 18 ^%g um 416:980 Müreis, 18*0/46 «m 1,436:582 Milreis, 184V48 »^ 10,576:156 Milreis (das günstigste Jahr); 18*749 ^^^ 4,720:134 Milreis, 18**755 um 5,868:874 Milreis, 18 ^%6 "™ 1,644:375 Milreis. Während 28 Jahren überstieg also der Export nur in sechs Jahren den Import, aber die Gesammtsumme zu Gunsten des Exports erreichte noch lange nicht die Höhe der Summe, um die in dem einzigen Jahre 18*758 die Einfuhr die Ausfuhr überstieg. Sie betrug nämlich in diesem Fi- nanzjahre 32,007:882 Milreis (130,207:607 Import und 96,199:725 Export). Dieses Jahr weist den höchsten Import aus, während 18*%7 den höchsten Export mit Digitized by LjOOQIC 109 Es importiFt ausser Manufacturen und einigem Rohmaterial (Eisen, Steinkohlen) auch noch eine grosse Menge der unent- behrlichsten Lebensmittel, als Fleisch (lufttrocknes), Fische (Stock- fische), Weizenmehl, Butter, Safe, Kartoffeln, Bohnen, Mais, Reis, ferner Weine (im Betrage von 10 — 12 Millionen Francs), Spi- rituosen u. s. w. Es besteht also ein auffallendes Misverhältniss zwischen Production und Consumtion. Selbst zu den Zeiten, als durch eine äusserst gesteigerte Kaffeeproduction und mehrere auf- einander folgende sehr günstige Ernten die Märkte Europas und der Vereinsstaaten mit brasilianischem Kaffee iiberfiillt waren, bestand doch meistens eine jährliche Bilanz gegen das Land. Damals war man aber doch noch geneigt, dem Handel Brasiliens ein rasches Auf- blühen und in nächster Zukunft eine grossartige Entwickelung zu prognosticiren, man vergass dabei aber die Hauptfactoren in Rechnimg zu bringen. Man verwechselte die wirkliche Produc- Üion^kraft des Landes mit der irrationellen forcirten Production^ der Bodenerschöpfung folgt; man vergass, dass Brasilien haupt- sächlich Kaffee ausfiihrt, dass bei Misernten oder bei andern dergleichen unvorhergesehenen Calamitäten ein gewaltiger Rück- schlag stattfinden müsse; man hoffte mit Sicherheit auf eine stete Vermehrung der Arbeitskräfte, man phantasirte von gross- artigen Colonisationen und einem steten Zuströmen kräftiger, arbeitstüchtiger Einwanderer, die bei den Fazendeiros auf Halb- pacht (parceria) arbeiten, oder sich als freie Ansiedler nieder- lassen würden; aber man bedachte nicht, dass Wortbrüchigkeit, flagrante Unehrlichkeit und Inhumanität von Seiten der Anreger des Parceriesystems und Mangel an Verständniss, planloses Her- umtappen und gänzlich verkehrte Massregeln von selten der lei- tenden Behörden den guten Willen und die grossen Opfer der Regierung fjir diese Zwecke paralysiren und einen bedeutenden Einwandererstrom nicht nur in Frage stellen, sondern geradezu hemmen würden. Man wiegte sich indessen in den schönsten 114,503:413 Milreis zeigte. Während dieser 28 Jahre variirte der mittlere jährliche Wechselcurs auf London zwischen 38 Vj — 2478 Pence für 1 Milreis. (Höchster Mittelcars 18 "/s« = 3872, niedrigster 184%g = 24V8.) Digitized by Google 110 aber trügerischen Hoffnungen^ und wenn damals der eine oder andere scharfsichtige Beobachter seine Bedenken über die allzu rosigen Aussichten zu äussern wagte, so war höchstens ein mit- leidiges Achselzucken über* seine^urzsichtigkeit die Antwort auf bescheidene Zweifel. Aber rasch hintereinander folgten sich die Enttäuschungen. Mit dem Jahre 1856 erschien die Cholera auf brasilianischem Boden und wüthete verheerend unter den Sklaven, der eigentlich producirenden Bevölkerung. In den nächsten Jahren schon be- gann eine intensive Agitation gegen die deutsche Einwanderung nach dem Kaiserreiche. Die unheilvolle Handelskrise von IS^Vös erschütterte schwer den Handel Brasiliens, wenn er ihn auch für den Augenblick weniger sichtlich traf, als die südlichen Nach- barrepubliken, doch gewiss ebenso nachhaltend und empfindlich; die mit grossen Privilegien ausgestattete Nationalbank gestaltete sich zu einer wahren Papierfabrik; Gold und Silber verschwan- den aus der Circulation, ersteres wurde mit 8 Proeent Prämie bezahlt; der Wechselcurs auf Europa, durch die beiden Faetoren Zahlungsverbindlichkeit für Import und Export, die Production, bestimmt, konnte sich jahrelang nur selten über Pari erheben. Ein neuer, äusserst complicirter Zolltarif trat mit dem Jahre 1860 ins Leben, gerade das Gegentheil von dem beinahe zur nämli- chen Zeit, auf richtige Principien gegründeten Eingangszoll Gross- britanniens, in welchem für eine grosse Zahl kleiner, wenig ein- bringender Artikel, die bei der Verzollung bedeutende Weitläu- figkeit verursachen, ohne weiteres ausgelassen, die übrigen aber in möglichst wenige Rubriken zusammengefasst und dadurch eine ausserordentliche Vereinfachung der Zollmanipulationen, Gewina an Zeit und Verminderung von Misverständnissen erzielt wur- den. Fast gleichzeitig mit dem neuen Zolltarif wurde eine Er- höhung des Exportzolles um 2 Procent decretirt und somit wie- der ein empfindlicher Schlag gegen den Nationalwohlstand ge- führt. In den massgebenden Kreisen fasste man nur die Ver- mehrung des Staatseinkommens ins Auge, scheint aber vergessen zu haben, dass der europäische Markt die Preise von Kaffee, Zucker u. s. f. bestimmt und nicht der brasilianische Producent, Digitized by LjOOQIC 111 daher es auch nicht von diesem abhängt, den vom Exporteur beim Ankauf in Anschlag gesetzten Ausfuhrzoll auszugleichen. Diesen Douanenmassregeln ') folgte der Erlass eines ebenso impraktischen als unklaren Stempelgesetzes, das den ganzen Han- delsstand wegen des grossen Zeitverlustes, den dessen stricte Er- füllung mit sich führte, in die grösste Aufregung brachte, wäh- rend er sowie ein grosser Theil der übrigen Bevölkerung ausser- dem durch Schlag auf Schlag sich folgende Decrete, deren Zweck Besteuerung^) oder eine fast unwürdige Fiscalisation war, mehr und mehr gegen ein Regierungssystem erbittert wurde, dessen Tendenz im stricten Gegensatze zu den wahren Culturfortschritten stand, deren man sich so gern rühmte. Der Urheber dieser vexirenden Massregeln, der damalige Mi- nisterpräsident und Leiter der Finanzangelegenheiten, ein Mann von unbestreitbar hohem Talente, verfolgte dabei consequent Zwecke, die dem grossem Publikum nicht bekannt geworden sind, und deren Analyse auch nicht hierher gehört, er rief aber dadurch die grosste Erbitterimg gegen die Regierung hervor. Es dürfte übrigens dem scharfen und beobachtenden Blicke dieses Staatsmannes bei seiner jüngsten Rundreise durch Europa nicht entgangen sein, dass ein System, wie er es in den Jahren seiner hohen Stellung befolgte, den Handel statt zu heben, nur untergraben kann. Es darf indessen hier nicht unerwähnt bleiben, dass er dem will- kürlichen Gebaren der Nationalbank Einhalt that und die 1) Sehr charakteristisch für diese Douanenmassregeln ist die folgende Notiz aus dem Diario de Rio de Janeiro vom 12. Juni 1861 : „Der Schrecken der Massregeln des Herrn Ferraz ist schon über den Ocean gedrungen. Der Kapitän der Barke Nova Tentadora, die den 9. dieses au« Porto einlief und gestern mit Löschen begann, erklärte in allem Ernste und in grösster Eile, dass ihm während der Ueberfahrt ein Gimpel von mehrern, die er zum Verkaufe mitbrachte, zu Grunde gegangen sei. Der Kapitän war besorgt, dass seine Declaration nicht umständlich genug sei und er einer Strafe verfallen werde. Die englischen Schiffe, welche in jüngster Zeit in unsern Hafen eingelaufen sind, haben aus ähnlichen Befürchtungen die Butter und ähnliche Artikel als „brennbare Gegenstände*' declarirt. Welch bewunderungs- würdige Verordnungen, welche den Handel zu solchen Kleinigkeitskrämereien (a semelhante miseria) nöthigt!** ^) Durch eine Immediateingabe an den Kaiser remonstrirte die Handels- kammer den 15. Februar 1861 gegen mehrere dieser Decrete. Digitized by Google 112 Befugniss ihrer Notenemission dahin beschränkte, dass dieselbe das Doppelte ihres disponiblen Kapitales nicht überschreiten dürfe, solange sie nicht im Stande sei, ihre Noten für Gold ein- zulösen; eine Bestimmung, die der brasilianischen Bank wie so mancher andern äusserst schwer zu erfüllen sein wird. Unterdessen hatte sich im Handelsstande allmählich ein bös- artiger Krebsschaden entwickelt. Die Kaufleute, die von den Importhäusern ihre Waaren beziehen, meistens Brasilianer und Portugiesen, konnten oder wollten den früher allgemein ange- nommenen dreimonatlichen Zahlungstermin nicht mehr einhalten; sie verlangten auf sechs Monate, auf ein Jahr, auf achtzehn Monate, in manchen Fällen sogar auf zwei Jahre Credit! Die Concurrenz und die Nothwendigkeit, Geschäfte zu machen, no- thigten die fremden Handelshäuser auf diese Forderungen einzu- gehen, nur einzelne sträubten sich aus allen Kräften gegen solche ihren Verkehr so schwer beeinträchtigende Bedingungen* Eine Anzahl Häuser versuchten es unter sich ein Concordat abzu- schliessen, um nur bis zu einem fixirten Termine zu creditiren, aber die Rivalität Hess sie nach kurzer Zeit diese Bestimmung wieder brechen und jeder handelte fernerhin auf seine eigene Faust, sich dem Wilkn des Käufers bestmöglich accommodirend. Nach ein-, oft zweijährigem Credit zahlt der Käufer sehr häufig noch nicht und macht seine Schuld auf noch länger zu einer verzins- lichen. Natürlich bedarf er aber längst, ehe der letzte Termin abgelaufen ist, wiederholt neue Waaren, die ihm wiederum unter ähnlichen Bedingungen verkauft und creditirt werden. So ent- steht das durchaus morsche Verhältniss, dass das Land zum allerwenigsten ly^ Jahre seines ganzen Consmas an ausländischen Importartikeln schuldet. Es ist leicht abzusehen, welch grosses Kisico der fremde Handel bei diesem faulen Systeme läuft, und wie bei diesen übermässig langen Zahlungsterminen irgend eine nicht vorauszusehende Eventualität seine ausstehenden Kapitalien aufs äusserste gefährden kann. Noch auflfallender gestaltet sich aber dieser Zustand, wenn wir bedenken, dass der brasilianische Producent seine Bodenerzeugnissse dem Exporteur omr gegen Digitized by LjOOQIC 113 baare Bezahlung verkauft, oft sogar Monate früher schon Vor- schüsse auf die abzuliefernde Ernte fordert und empfangt. Fügen wir zu all diesen Verhältnissen noch eine äussere Staats- schuld von mehr als 7 Millionen Pfd.St., eine innere von eben so hoheni Betrage, gegen 40000 Contos nicht gedecktes Papiergeld in Circulation, alljährlich sich vermehrende Auslagen für den Staats- haushalt, eine schwunghafte Einfuhr von falschem Papiergeld aus dem einstigen Mutterlande, steten Abfluss von Kapitalien nach Europa, besonders nach Portugal, keinen Zufluss fremder Kapitalien ausser zu hohem Zinsftisse, so haben wir ein annähernd treues Bild des Handels und der Finanzlage Brasiliens, aber wahrlich ein trauriges Bild. ^) Man hört häufig von sehr gründlichen Kennern der brasi- lianischen Handelsverhältnisse und scharfsinnigen Beiurtheilem der Zustände des Kaiserreiches die Befürchtung vor nahen, im- ausbleiblichen finanziellen Katastrophen und grossen Calamitäten, die den Ruin des Landes herbeiführen müssen ^ aussprechen. Es hegt fem von mir, den Ansichten jener Männer, die ungleich tiefer in die commerziellen Verhältnisse Brasiliens eingeweiht sind, als ich es bin, und die mit allen ihren Mysterien aufs genaueste vertraut sind, hier schroff entgegenzutreten; aber es möge mir vergönnt sein, einen vergleichenden Blick auf ähnliche Verhält- nisse europäischer Länder zu werfen. Wir finden unter diesen Staaten mit enormen Schuldenlasten, für deren Zinsdeckung ein Viertel der Gesammtstaatseinkünfbe in Anspruch genommen wird, während zwei Viertel dem Mihtärbutget anheimfallen, und man also nur noch mit einem Viertel den übrigen StaÄtsbedürfiiissen gerecht werden kann, mit zum Theil entwerthetem Papiergelde, mit einer aufs höchste gespannten Besteuerung, der gegenüber selbst die ') Die brasilianische Staatsschuld betrug am 31. December 1863 74,018000 Milreis; die Schuld der Provinz Rio de Janeiro 4,064500 Milreis. Im October 1863 schloss Brasilien mit Rothschild in London ein Anlehen ab von 3,300000 Pfd. St, 4 Vi Proc. Zinsen tragend, zum Preise von 88 Procent. Dasselbe ist bestimmt, die fällig werdenden, von 1824 und 1843 stammenden Bonds zu decken. Ausserdem wurden gleichzeitig in Rio de Janeiro Staatsschuldscheine (Apolices) im Betrage von 5550 Contos de Reis, 6 Procent tragend, ausgege- geben. Beide Finanzoperationen fanden in den Kammern lebhafte Opposition. Tschudi, Reisen durch Südamerika. I. ^ Digitized by LjOOQIC 114 intensivste Bodencultur kaum noch einen Vortheil erringen kann, mit gehemmter, schwungloser Industrie, mit dahinsiechendem Handel, selbst mit einem noch nicht hinlänglich consolidirten Verfassungsleben, und doch treten keine Katastrophen und Ca- lamitäten in dem Sinne ein, wie sie für Brasilien prognosticirt werden. Statt gewaltiger, erschütternder Krisen bemerken wir nur Lisen, die in stetem Wechsel allmählich vom Guten zum Schlechten, vom Schlechten zum Bessern führen. Wenn auch in den schlimmsten Fällen wirkliche finanzielle Katastrophen eintreten, wie infolge- der mehr geistreichen als klugen und ehrlichen Finanzoperationen Law's unter Ludwig XV., oder die Entwerthung der französischen Assignaten, oder der österreichische Bancozettelsturz, so waren das allerdings tief ein- schneidende, den Privat- und Nationalwohlstand auf lange Jahre zerrüttende Ereignisse, aber sie haben die Länder nicht ruinirt. Selbst das furchtbarste Ereigniss, das eine Nation treffen kann, ein jahrelang mit dem tiefsten Hasse und einer namenlosen Er- bitterung geführter Bürgerkrieg, während die Bodenproduction gehemmt, die Industrie fast unthätig, der Handel zum Theil pa- ralysirt ist und die Staatsschulden sich auf eine erschreckende Weise mehren, wird die Vereinsstaaten nicht ruiniren; sie wer- den nach errungenem Frieden ihre Weltstellung ebenso kräftig einnehmen wie früher. Sollen nun Verhältnisse, die andere Staaten nicht ruiniren, gerade für Brasilien den Untergang herbeifuhren? Ich kenne sehr genau die Antworten ' auf diese Frage; sie lassen sich in dem Einen Satze zusammenfassen: Brasilien ist in dem exceptio- nellen Falle, dass bei seinem reichen Boden sich seine Produc- tionskräfte aUjährlich mehr und mehr vermindern, folglich auch sein Ruin unausbleiblich. Ich lasse diesem Argument volle Gerechtigkeit widerfahren, erwidere aber, dass es jetzt noch in der Hand der Regierung liegt, diesem Unheil vorzubeugen. Das einzige Ereigniss, das Brasiliens Ruin herbeifuhren kann, ist eine Sklavenemancipation, wenn der Staat nicht hinreichend darauf vorbereitet ist. Es wird kaum Einem Brasilianer einfallen zu glauben, dass das Sklaven verhältniss, wie es seit Jahrhun- Digitized by LjOOQIC 115 derten bestanden hat, auch noch jahrhundertelang fortbestehen werde; aber vielleicht nur eine geringe Zahl von aufgeklärten Brasilianern sieht ein, dass der Zeitpunkt einer Aenderung mit ßiesenschritten herannaht. Auf welche Weise die Emancipation eintreten wird, ob durch Gewaltschritte der Neger, ob unter äussern! Drucke, ob durch eine freiwillige, vernünftige Gesetzge- bung, das sind Fragen der Zukunft ; so viel steht fest, dass Bra- silien undCuba keine Sklavenstaaten mehr bleiben können, nachdem einmal die Sklavenemancipation durch ganz Nordamerika zur vollen Wahrheit geworden ist. Es ist daher die hohe Aufgabe der brasilianischen Staatsmänner, diesen Punkt scharf ins Auge zu fassen und ihn - schon von jetzt an als eine Lebensfrage zu behandeln. *) Die Zahl der Sklaven in Brasilien beläuft sich auf circa 2V2 Millionen, also auf ein Drittel der Gesammtbevölkerung, die wir nach einem annäherungsweisen Census fiir 1862 auf circa 8 Millionen Seelen annehmen dürfen. Von diesen 2 Va Millionen Sklaven wird ein Viertel zum Hausdienste auf den Fazendas und in den Städten verwendet, ungefähr 500000 kommen auf Kinder, Greise, Invaliden, Kranke u. s. w., und etwas mehr als 1 Million auf arbeitstüchtige Individuen für die Bodencultur. Lifolge einer Emancipation werden von dieser letztern Summe vielleicht zwei Zehntel in ein freiwilliges Dienstverhältniss zu den Fazendeiros treten, die übrigen werden entweder ihre Scholle selbst nothdürftig bebauen, oder sie werden Vaga- bunden, Räuber oder Bettler, wenn nicht sehr umsichtige Re- gierungsmassregeln ein gewisses Servitutenverhältniss als Ueber- gangsstadium zu schaffen vermögen. Wenn also eine Sklaven- emancipation nicht die Agricultur, somit den Handel und folglich auch die Staatseinkünfte gänzlich untergraben soll, so hat die Regierung bis zu jenem Zeitpunkt dafiir zu sorgen, dass wenig- stens 6 — 800000 freie Arbeiter den Ausfall an schwarzen Ar- *) Dem Gesetzgebenden Körper von 1865 würden durch die Senatoren Silveira da Motta und Baron von Jequitinbonha einige dahin bezügliche Ge- setzvorschläge, die aber weder auf Klugheit noch auf Gerechtigkeit basiren, eingereicht. 8* Digitized by Google 116 beitskräften decken. Steht aber dieser Wendepunkt nicht viel- leicht näher, als die sorglose Menge es wähnt? und wird es der Regierung überhaupt möglich sein, eine solche Zahl Einwanderer dem Lände zuzuführen? Nach dem bisjetzt befolgten System, wie wir später sehen werden, gewiss nicht, daher kann ihr auch der Mahnruf Caveant Consules nicht laut und ernst genug wie- derholt werden. Was nützt der Bau von Eisenbahnen und Kunststrassen, für die Millionen fremden Geldes eingeführt und mit hohen Zinsen bezahlt werden, wenn das Land nur noch ein Minimum von KaflPee, Zucker, Baumwolle und Taback producirt? Ist nicht die Gefahr vorhanden, dass einst das Vieh auf den verlassenen Schienen das Gras abweidet wie in den verlassenen Strassen so mancher einst blühenden Stadt? Mit der ersten Bahmchiene in Brasilien hätte auch der Grund zu einem vernünftigen ßklaven- emandpationsgesetze und zu einem rationellen Einwand erungssystem gelegt werden sollen. Es gibt im Staatenleben wie im Privatleben gewisse Verhältnisse, die man sich scheut zu berühren, bis nicht die dringendste Nothwendigkeit es erheischt, und dann ist es fast immer zu spät, Schaden zu vermeiden. Diese Scheu herrscht in Brasilien vor der Frage der Sklavenemancipation, imd doch gibt es fiir das Land keine wichtigere. Ich wiederhole es, sie allein, unrichtig gelost, ist im Stande, den Staat zu Grunde zu richten, ihn einem Schicksale entgegenzufuhren, wie es heute auf Haiti lastet; ich meine nicht in politischer, sondern in staats- okonomischer Hinsicht. Die Geschichte kennt kein eclatanteres Beispiel eines ruinirten Landes als das dieser ehemaligen „Perle der Antillen". Eine richtig aufgefasste und klug durchgeführte Sklaven- emancipation wird sich für Brasilien zum grössten Glück gestal- ten, da dadurch nothgedrungen der immense grosstentheils un- benutzte Grossgrundbesitz, der heute nur zum Nachtheil des Staatshaushaltes besteht, allmählich in Cultur gezogen würde. Es steht in der Hand der brasilianischen Staatsmänner, diese Frage zum Segen, aber auch zum grössten Unglück des Landes zu lösen. Von diesen Betrachtungen wollen wir wieder zu den Por- Digitized by LjOOQIC 117 tugiesen Rio de Janeiros zurückkehren. Den Brasilianern ge- genüber zeichnen sie sich durch ein festes Zusammenhalten aus, unter sich sind sie aber in schroff gegenüberstehende Parteien getheilt und geben ihrer Zwistigkeit sehr oft im Inseratentheile der Tagespresse öffentlichen Ausdruck. Auffallenderweise haben sie, trotzdem sie in der Hauptstadt numerisch so sehr stark ver- treten sind, bis in die neueste Zeit kein eigenes journalistisches Organ gehabt, während die Franzosen eine Zeit lang deren zwei und selbst die Italiener eins besassen. Erst im Jahre 1861 began- nen sie mit einer Zeitung „O Lusitano", die wahrscheinlich auch nur von kurzem Bestände gewesen sein mag, da ihr Erscheinen nicht durch ein wahres Bedürfhiss, sondern durch die heftigsten Leidenschaften hervorgerufen wurde. Es bestand nämlich lange Jahre eine äusserst erbitterte Agitation der Portugiesen gegen ihren Generalconsul Baron Moreira, der von seinen Gegnern der abscheulichsten Spoliationen, des Betruges und anderer Verbre- chen beschuldigt, von seiner Regierung aber trotzdem decennien- lang auf seinem einträglichen Posten belassen wurde. Nachdem mehr als ein Jahr lang* fast täglich in den Blättern von Rio de Janeiro Angriffe gegen ihn, für die man in der deutschen Presse vergeblich nach Seitenstücken suchen würde, erschienen waren, gründeten seine Gegner den' „Lusitano", um ihrem Unwillen und ihrer Erbitterung im ausgedehntesten Masse Luft zu machen. Nachdem die Portugiesen vergeblich bei verschiedenen Ministe- rien um die Abberufung des Generalconsuls petirt hatten, wandten sie sich endlich an die Reichsvertretung ihres Vaterlandes, durch deren Vermittelung ihr Begehren erfüllt wurde. Wahrscheinlich ist mit der Entsetzimg des Barons Moreira auch der ,^Lusitano" zu Grabe gegangen. Die portugiesische Regierung scheint über- haupt nicht sehr glücklich in der Wahl ihrer Consularagenten zu sein, denn ähnliche Anschuldigungen, wie sie dem portugiesischen Generalconsul für Rio de Janeiro gemacht wurden, wiederholen sich in sehr vielen andern Städten Brasiliens. Die Portugiesen haben ein unbestreitbares Talent, sich in Brasilien Positionen zu gewinnen, und verstehen es auch, jede sich darbietende Gelegenheit vortrefflich zu benutzen. Es be- Digitized by LjOOQIC 118 steht z. B. eine über das Land weit verzweigte Gesellschaft, die den Zweck hat, überall wohlhabende Witwen aufzuspüren und alles daranzusetzen, sie an einen der ihrigen zu verheirathen. Diese Thatsache wurde mir von einem Portugiesen selbst mit^ getheilt, der sich auf diese Weise weich gebettet hatte und eben im Begriffe war, mit seiner Frau nach der Residenz zu reisen. Es herrscht eine gewiss sehr leicht zu begreifende Aversion der Brasilianer gegen die Portugiesen; ihr Charakter hat sich aber gegen früher bedeutend gemildert, und es . dürfte wol kaum noch zu so gefahrlichen Conflicten kommen, wie sie der gegen- seitige Nationalhass noch jahrelang nach der Unabhängigkeits- erklärung hervorgerufen hat. Man hört tausendmal die Brasilia- ner sagen : „Es ist unser Unglück, dass wir von den Portugiesen abstammen; hätte statt Portugal England oder Frankreich Brasilien erobert, so wären wir jetzt eine mächtige und weit vorgeschrittene Nation." Die Portugiesen ihrerseits sagen wieder: „Hätten wir nicht Dom Joäo VI. zum Könige gehabt, so wären wir nicht so tief gesunken." Die letzte Behauptung ist nun freilich nicht richtig, denn der Verfall Portugals datirt von weit früher als dem schwachen Könige Johann VI.; wenngleich unter ihm das Havs Braganza zu seiner tiefsten Erniedrigung herabgesun- ken ist, so hatte doch die portugiesische Nation unter Prinz Johannes' Regierung Epochen, in denen sie sich ihrer grossen Ver- gangenheit würdig zeigte. Die erste Behauptung ist aber durch- aus wahr. Hätte Holland oder Frankreich, die beide schon festen Fuss in Brasilien gefasst hatten, sich dort halten und die Portugiesen verdrängen können, so wäre Brasiliens Gegenwart gewiss eine weit glänzendere, als sie es wirklich ist. Die Brasilianer halten sich fiir höher und weiter vorgeschritten als die Portugiesen. Dieses etwas stark mit Eitelkeit gemischte Nationalgefiihl ist. indessen nicht ganz unbegründet. Diese Be- merkung fiihrt mich nun zu einer nähern Betrachtung der ein- heimischen Bevölkerung Rio de Janeiros, und ich werde bei dieser Gelegenheit auch einiges über brasilianische Verhältnisse im allgemeinen sagen. Digitized by LjOOQIC 119 Während fiir die meisten Volker eine Schilderung ihres Nationaltypus und der Grundzüge ihres Charakters so ziemlich möglich ist, so ist eine solche in Bezug auf die Brasilianer eine nicht zu lösende Aufgabe, denn eine seit Jahrhunderten an- dauernde Kassenmischung einer schon gemischten Rasse, wie es die Portugiesen sind, mit Indianern und Negern in allen nur denkbaren Kreuzungen, hat begreiflicherweise einen einheitlichen physischen Typus nicht entstehen lassen, und wo ein solcher fehlt, ist natürlich ein nationaler Charakter eines Volks auch nicht denkbar. Die brasilianische Nation ist eine Vereinigung von Menschen, di« blos durch eine bestimmte Regierungsform untereinander verbunden sind, nicht aber, wie die europäischen Nationen, ausser dieser auch noch durch gemeinsame Abstam- mung und, durch diese bedingt, einen in gewissen Grundzügen übereinstimmenden Charakter. Wir finden in vielen europaischen Ländern verschiedene sehr heterogene Nationalitäten unter einer Regierungsform ver- eint, aber jede dieser Nationen bildet für sich wieder ein abge- schlossenes Ganze mit eigener Abstammung, eigenem Charakter, eigener Sprache, eigener Geschichte, eigenen Bedürfnissen, in Brasilien hingegen sehen wir nur eine gemischte Abstammung über das ganze Land verbreitet. Allerdings haben die Bewoh- ner von Rio grande do Sul, die Paulistas, die Flununenses ^), die Mineiros, die Pernambucanos etc. einen Anstrich von Nationa- lität, der, auf gewissen Lokalverhältnissen fussend, hauptsächlich Sonderinteressen seinen .Ursprung verdankt, aber doch zuweilen scharf markirt hervortritt und die Ueberzeugung aufdrängt, dass nur die unheilvolle, so tief durchgreifende Rassenmischung einer gesunden, kräftigen Entwickelung der Nationalität hindernd ent- gegentritt. Bei den Völkern Europas herrscht die Nationalität vor, in Brasilien die Individualität; älmlich wie im euro- päischen Walde die Gattung vorherrscht und Bestände bildet. ^) So nennen sich die Bewohner von Rio de Janeiro vom lateinischen Flumen (der Fluss). Digitized by LjOOQIC 120 im brasilianischen Urwalde aber die Arten, zur bunten botanischen Musterkarte vereint. Ich habe diese Bemerkung für nöthig erachtet, um den Aiis- druck „Brasilianer", den ich in den folgenden Schilderungen oft gebrauchen werde, näher zu präcisiren. Ich verstehe nämlich darunter nicht die Gesammtheit der Nation, sondern den intelli- gentem Theil der Bevölkerung mit vorherrschend weisser Abstam- mung. Man kann mir allerdings den Vorwurf machen, dass eine solche Auffassung willkürlich und ungerecht sei, aber ich habe sie oben motivirt und kann unmöglich , indem ich vom geistigen, gesellschaftlichen und staatlichen Leben der Brasilianer spreche, den apathischen Indianer, den faulen Caboclo, den rohen freigelassenen Neger, den leichtfertigen Mulatten mit dem hoher civilisirten Eingeborenen, vorzüglich romanischer Abstammung, zusammenwerfen. Die Urtheile so vieler Reisender über Brasilien sind deshalb oft so sonderbar und unrichtig, weil sie das Unmögliche mög- lich machen und von einem Nationalcharakter, der nicht existirt, sprechen wollen. Brasilien ist behanntlich ein monarchisch-constitutioneller Staat, bis heute (1863) der einzige auf der westlichen Hemisphäre. Die Verfassiuig vom 23. December 1823 ist die möglichst freisinnige und in jeder Beziehung ein ausgezeichnetes Elaborat. Bei ihrer Festsetzung wurde den Ansichten und Maximen des berühmten Politikers Benjamin Conatant de Rebecqüe, wie er sie in seinem „Cours de politique constitutionnelle" niedergelegt hat, eine sehr grosse und tief einwirkende Beachtung geschenkt. Es ist die einzige Constitution, in der ausser der legislativen und executiven Gewalt auch noch die moderative, „der Schlüssel der ganzen politi- schen Organisation", wie sie die Verfassung nennt, vorkommt; sie ist in den Händen des Monarchen. Wir begegnen in der brasilia- nischen Constitution einer sehr glücklichen Vereinigung der Prin- cipien der Centralisation mit einer möglichst grossen Wahrung der Selbständigkeit der Provinzen und der Autonomie der Ge- meinden. Nach einem zehnjährigen Bestehen der Verfassung Digitized by LjOOQIC 121 wurden einige Abänderungen und Erweiterungen nöthig erachtet und dieselben in der Additionalacte vom 12. August 1834 nie- dergelegt. Trotz ihrer anerkannten Musterhaftigkeit ist sie, wie jedes Menschenwerk, noch mancher Verbesserung fähig. Eine Abän- derung der Grundgesetze kann aber, nach der Verfassung gelbst, nicht durch den gewöhnlichen Gesetzgebenden Körper, sondern nur durch einen eigens zu diesem Zwecke gewählten Reichsrath vorgenommen werden. Da aber mit der Wahl einer solchen constituirenden Versammlung immer grosse Schwierigkeiten ver- bunden sind, so sucht ein jedes Ministerium eine solche zu ver- meiden und man zieht es vor, durch erläuternde Decrete die nothwendigen Abänderungen zu treffen. So geschah es z. B. im Jahre 1860 mit dem sehr wichtigen §. 6, der sub I. sagt: „Brasilianische Bürger sind alle diejenigen, welche in Brasilien geboren sind, seien es Freigeborene oder Befreite, auch diejeni- gen, deren Vater ein Fremder ist." Seit langen Jahren hatte dieser Artikel bei den Fremden eine heftige Opposition und vielfache diplomatische Keclamationen hervorgerufen, indem die meisten ihre Nationalität auch fiir ihre in Brasilien geborenen Kinder gewahrt wissen wollten. Nach langen und heftigen Debatten wurde nun der Artikel vom Reichsrathe dahin abgeändert, dass die Kinder während der Minorennität der Nationalität des Vaters folgen, bei der Majorennität sich aber erklären sollen, ob sie bra- silianische Bürger werden wollen. Diese Bestimmung ist offen- bar weit mehr als eine Erläuterung eines Grundgesetzes, sie ist eine Abänderung, die ausser der Competenz des gewohnlichen. Gesetzgebenden Korpers lag; aber man glaubte ihr doch den Charakter einer blossen Ergänzung vindiciren zu dürfen, indem das grossjährige Kind eines Fremden, weun es brasilianischer Bürger sein will, es durch die blosse Erklärung ist, und nicht wie die andern, die das brasilianische Bürgerrecht erlangen wollen, um dasselbe nachsuchen müssen. Im letzten Paragraphen der Constitution (Artikel 179) sind die Garantien der bürgerlichen und politischen Rechte der bra- silianischen Bürger enthalten, und man kann nur jedem consti- Digkized by LjOOQIC 122 tutionellen Staate das ganze Mass dieser freisinnigen Bestim- mungen wünschen. Man hört sehr oft die Bemerkung, die brasilianische Ver- fassung sei zwar eine sehr schöne und eine sehr liberale, aber immerhin nur eine papierene. Es sind insbesondere Verletzun- gen gegen den eben erwähnten Schlussartikel, die den Grund zu diesem Tadel abgeben. Eine namenlos willkürliche Beamten- herrschaft, vorzüglich in den vom Centrum der Regierung ent- fernten Provinzen, macht die bürgerlichen und politischen Rechte der brasilianischen Bürger sehr illusorisch, und das Bestreben des Monarchen und der Regierung, wenn es bei dieser vorhanden ist, dieselben streng zu wahren, scheitert zu oft an dem Unverstände und dem bösen Willen ihrer zahllosen Organe. Eine durch un- tergeordnete Organe tagtäglich nach Belieben verletzte Constitu- tion ist aber weit schlimmer als ein absolutistisches Regiment, denn bei einem solchen gibt man sich doch wenigstens nicht dem Wahne hin, garantirt§ Freiheiten zu geniessen. In Einer Hinsicht ist aber die monarchische Constitution Brasiliens für einen sehr bedeutenden Theil der Bevölkerung weit mehr zur Wahrheit geworden als die republikanische Charte der Vereinsstaaten, nämlich in Bezug auf die Stellung der farbigen Bevölkerung im Staate* In Brasilien gibt es Freie und Sklaven; nur die erstem sind Staatsbürger und. als solche sollen sie auch alle Vortheile der constitutionellen Freiheit geniessen. Das Ge-. setz kennt ihnen gegenüber keinen Farben- oder Rassenunter- schied, ebenso w^nig die sociale Convenienz. Dem farbigen Bra- silianer steht^ben so gut wie dem von rein portugiesischer Abkimft der Weg zu allen Aemtern und Würden offen; der Eintritt in die besten Gesellschaften ist ihm nicht verschlossen, wenn er nur durch Stellung, Intelligenz oder Reichthum gesellschaftsfähig ist. Wir finden daher Brasilianer in allen Farbennuancen im Senate, in der Deputirtenkammer , im Richter- und Beamten- stande; als Advocaten, Aerzte, Professoren etc.; wir haben sie als Minister, als Staatsräthe, als Diplomaten gesehen, und wahr- lich sie zeichnen sich sehr häufig durch hohe Intelligenz aus. Digitized by LjOOQIC 123 Jedenfalls werden in Brasilien die Menschenrechte weit mehr gewahrt, als dies in den Vereinsstaaten der Fall ist. Es sind mir einige Beispiele von jungen Brasilianern bekannt, die, nicht zufrieden mit den constitutionellen Verhältnissen ihres Vaterlandes, fiir eine Verfassung mit womöglich noch grössern Freiheiten schwärmten und das Ideal staatlicher Institutionen im Republikanismus Nordamerikas zu finden glaubten und die Reise dorthin unternahmen. Unter diesen befand sich auch ein junger Mann, dem in seinem Vaterlande eine glänzende Carri^re eröffiiet war, denn er besass neben einer gründUchen wissenschaft- lichen Bildung einen scharfen Verstand, einen makellosen Cha- rakter und ein bedeutendes Vermögen, aber — eine dunkele Hautfarbe. Er kam in Washington an und stieg in einem der ersten Hotels ab. Den zweiten Tag nach seiner Ankunft for- derte ihn der Wirth mit trockenen Worten auf, den Gasthof zu verlassen. Auf die Frage des erstaunten Brasilianers nach dem Grunde dieser sonderbaren Zumuthung erklärte ihm der Wirth einfach: „Ihr Geld wäre mir angenehm, denn Sie scheinen gut zu bezahlen, aber Sie vertreiben mir meine Gäste, die nicht in einem Hotel bleiben wollen, in dem ein Mann von gemischtem Blute wohnt." Tiefgekränkt suchte der junge Mann ein anderes Hotel auf und musste endlich zufrieden sein, in einer elenden Herberge fiir farbige Leute Unterkunft zu finden. Ueberall sah er sich verachtet und zurückgestossen. Aus KaflFeehäusem wurde er weggewiesen, in die Omnibusse nicht aufgenommen. Nach Abfluss einer Woche war er wieder nach Brasilien unter Segel. Aehnliche Enttäuschungen trieben auch die übrigen Verfassungs- schwärmer bald an die heimischen Gestade zurück. Die Mitglieder des Senates oder der ersten Kammer des Reichsrathes ernennt der Kaiser aus Ternovorschlägen der Wähler. Ihre Stelle ist lebenslänglich. Obgleich der Natur der Institu- tion nach der Senat vorzüglich die Ansichten der Krone und der Regierung, wo diese miteinander übereinstimmen, vertreten sollte, so hat sich doch der bedeutendere Theil der Mitglieder dieser Körperschaft eine weit grössere Unabhängigkeit gewahrt, als dies in europäischen Herrenhäusern im allgemeinen der Fall Digitized by Google 124 ist. In den Debatten selbst verletzen sie aber wol zuweilen die Würde, die eine solche Versammlung sich selbst und dem Lande schuldig ist. Sagte doch selbst ein Senatsmitglied in öffentlicher Sitzung: „Was wir vor keinem im Privatgespräche sagen wür- den, das sagen wir auf der Tribüne auf eine Weise, die uns entehrt." i) Es dürfte auch in keinem constitutionellen Staate Europas eine erste Kammer zu finden sein, die mit weniger Eifer sich der Erfüllung ihrer Pflichten hingibt. Ich kenne Senatoren, die jahrelang ihren Sitz nie eingenommen haben und es trotz ihres lebenslänglichen Gehaltes vorziehen, auf ihren Fazendas in der Provinz zu bleiben, als in der Hauptstadt das Wohl des Vater- landes zu berathen. Selbst die in der Residenz anwesenden Mit- glieder finden es kaum der Mühe werth, die Sitzungen zu be- suchen oder längere Zeit den Verhandlungen beizuwohnen; da- her auch die so häufige Wiederholung der Formeln: „O Senhor Presidente declarou que nao podia haver sessao por falta de numero para formar casa" (der Präsident erklärt, dass wegen Mangel an Mitgliedern keine Sitzung stattfinden könne), oder „Verificandose nao haver casa o Presidente declarou a discussao adiadaa" (wegen Mangel an Mitgliedern vertagte der Präsident die Verhandlung). Von den 59 Senatsmitgliedern wohnen selten mehr als 30 bis höchstens 36 den Verhandlungen bei. Diese laxe Pflichterfüllung wurde im Senate selbst schon oft gerügt.*) Das „zweite Haus" oder die Deputirtenkammer ist eine besonders bunte Farben- und Rassenmusterkarte, aber auch der Sitz ausgezeichneter, intelligenter Männer und vieler feuriger Patrioten. ^) O quo nos nao podemos dizer de ninguem em conversapoes particulares dizemos na tribuna de uma maneira que nos desdoura. (Annaes - do Senado do Imperio do Brasil; primeiro anno da 11 Legislatura. Vol. I. p. 86). ^) Qnereis ver o indifPerentismo que lavra no paiz? Principiai pelo se- nado : com difficultade se abre as 11 horas: para haver casa e necessario in- firingir o regimento que manda que as 1072 se fa^a a chamada; achao-se presentes 30 Senadores apenas, e meia bora depois ja nao ha numero legal, OS negocios ficao adiados; o senado portanto, nao cumpre o sen dever e o que prova isto ? O indifPerentismo com que os Senadores do imperio (näo fallo de ninguem especialmente) olhao para os negocios publicos. (Aus einer Senats- rede vom 20. Mai 1861.) Digitized by LjOOQIC 125 Ich habe oft den Verhandlungen beider Häuser beigewohnt und mit grossem Genüsse die glühenden Reden, die da gehalten wur- den, verfolgt. Die Brasilianer haben ein hervorragendes orato- risches Talent und suchen es gern geltend zu machen. Viele Kammerredner brilliren durch Gründlichkeit, Schärfe der Argu- mentation, Geistesgegenwart bei unterbrechenden Aeusserungen der Mitglieder und Eleganz des Vortrages, ohne dramatische Effecte erzielen zu wollen. Die Stelle eines Deputirten im Reichsrathe ist für einen grossen Theil der gebildeten Brasilianer Gegenstand der grossten Ambition, und es bewerben sich um dieselbe in erster Reihe Rechtsgelehrte (Advocaten und Richter) und sie sind auch in beiden Kammern zahlreich vertreten. Selten wird ein Prätendent gewählt, der nicht schon als Deputirter eines Provinziallandtages Proben seiner parlamentarischen Fähigkeiten abgelegt und dort seine politische Richtung kundgegeben hat. Die Deputirten- wahlen, die unter gewohnlichen Verhältnissen alle vier Jahre vorgenommen werden müssen, führen immer zu den bittersten Parteikämpfen. Es wird bei ihnen ebenfalls der ganze Apparat von Corruption, der in manchen Ländern Europas bei der näm- lichen Gelegenheit so wohl bekannt ist, in Anwendung gebracht, nur sind sie in Brasilien sehr häufig von tragischen Ereignissen begleitet, indem dabei Mord und Todtschlag durchaus nicht zu den Seltenheiten gehören. Das durch und durch verwerfliche und unmoralische System der Regierung, Candidaten zur Wahl aufzustellen und sie mit allen nur möglichen erlaubten und gesetzwidrigen Mitteln zu unterstützen, um eine ministerielle Majorität zu erzielen, steht in Brasilien wie in Frankreich in voller Blüte. ^) Wie in gewissen andern Ländern kommt es auch hier vor, dass Beamte, die für ^) Während meiner Anwesenheit in Rio de Janeiro wurde vom Minister- präsidenten F. ein Beamter des Finanzministeriums als Präsident in eine be- nachbarte Provinz geschickt, um dort die Wahlen im ministerieHen Sinne zu leiten. „Setzen Sie unsere Candidaten durch, es ist gleichgültig, mit welchen Mitteln, und ob Sie sich dadurch verhasst machen ; nach den Wahlen kehren Sie nach der Hauptstadt in Ihre alte Stellung zurück"; so lautete die Instruc- Digitized by LjOOQIC 126 den Oppositionscandidaten stimmen, mit ihren Angehörigen ge- massregelt werden. In den entferntem Provinzen haben die Re- gierungsorgane ein weites, freies Feld fiir ihre Agitationen zu Gunsten der officiellen Regierungscandidaten, und sie sind auch in der Lage, den Gegencandidaten Schwierigkeiten in den Weg zu legen, von denen sich Abgeordnete europäischer Reichsrathe gar keinen BegriflF machen. Ich führe nur ein einziges Beispiel an. Der Präsident von Mattogrosso erhielt vom Ministerpräsidenten den Auftrag, die Wahl des liberalen Candidaten, Oberstlieute- nant Peixoto, zu hintertreiben ; es gelingt ihm zwar nicht, aber er kann doch den ministeriellen Gegencandidaten mit sehr zweifel- hafter Wahl durchsetzen, über deren Gültigkeit die Deputirten- kammer zu entscheiden hat. Allmonatlich geht von Säo Lou- renzo am Paraguay ein Dampfer nach Montevideo, der die Re- gierungsdepeschen, Posten, Passagiere etc. von Mattogrosso för Rio de Janeiro mitnimmt. Peixoto fährt in einem Canoe nach S. Lourenzo, der Präsident aber, von seinem Schützlinge beglei- tet, benutzt einen kleinen Regierungsdampfer, überholt den Kahn des Oberstlieutenants imd befiehlt, in S. Lourenzo angekommen, die unverzügliche Abfahrt des grossen Dampfers. Peixoto kommt natürlich zu spät an, um ihn zu benutzen, und ist nun genöthigt, eine Flussreise von 300 Meilen theils im Gano(>, theils in Fluss- barken zu machen, um endlich einen Dampfer zu seiner Weiter- reise nach Rio de Janeiro zu finden. Dort angekommen, wird durch ministerielle Intriguen seine Wal^l mit drei Stimmen Ma- jorität annuUirt,* und er hat nun die sehr grossen Unkosten und den mehrmonatlichen Zeitverlust ohne irgend eine Entschädigung zu tragen. Das Aufstellen von Regierungscandidaten hat in Brasilien tion des Ministers an den neuernannten Präsidenten. Dieser folgte den erhal- tenen Befehlen und erntete dabei den tiefsten Hass und Verachtung. „Wir haben gesehen, wie die erste Autorität der Provinz in den Schlammpfuhl hin- unterstieg, sich in demselben wälzte und durch die Unwürdigkeit ihres Be- nehmens das Ansehen der Regierung, deren Abgeordneter sie war, trübte"; so schrieb über ihn ein Paulista, der es wahrhaft redlich mit seinem Vater- lande meinte. Digitized by LjOOQIC 127 weit weniger Sinn, als in den sogenannten constitutionellen Staa- ten Europas, denn wenn ich recht unterrichtet bin, hat sich seit der Majorennität des jetzigen Kaisers noch kein einziges Ministe- rium während einer vierjährigen Legislatur am Ruder erhalten, wohl aber haben im Laufe einer solchen Periode schon sieben bis acht vollständige Ministerwechsel stattgefunden und zwar fast jedes Ministerium mit einer andern politischen Färbung. Die Oppo- sition gegen ein Ministerium basirt wol nirgends so sehr wie in Brasilien auf dem bekannten Otes-toi delä que je m'y mets. Das Ministerium Marquis d'Olinda z. B. wurde wegen der Frage der Bankreform gestürzt und das Ministerium vom 10. August 1859 ernannt. Kaum fühlte sich dieses einigermassen fest im Sattel, so brachte es die nämliche wichtige Frage vor den Gesetzgeben- den Korper, und der nämliche Mann, der von seinem Senator- sitze als erbitterter Gegner gegen die Reformfrage Gesprochen hatte, vertheidigte sie von seinem Ministerpräsidentenstuhle mit Geist und Geschick und setzte sie auch durch. Ist etwa Patrio- tismus der leitende Grundsatz einer solchen Politik? Die Ministercombinationen sind oft im höchsten Grade über- raschend, indem sie durch die Portefeuilles (pastas) Charaktere vereinen, von denen mit aller Bestimmtheit vorausgesagt werden kann, dass von ihrem einheitlichen, patriotischen Zusammenwirken zum Besten des Landes nicht das mindeste zu erwarten steht. Ich könnte in dieser Beziehung sonderbare Geschichtchen anfüh- rnn. Nicht ohne Ironie sagte daher der Visconde von d'Albu- querque bei Gelegenheit der Adressdebatte im Senate (1861): „Wer kann in Brasilien sagen, wann er Minister wird, mit wem er es wird und wann er wieder abzutreten hat? ^) Die häufigen Ministerwechsel sind im Centrum der Regie- rung weit weniger fühlbar als in den Provinzen, denn es herrscht das unglückliche System, dass jedes neue Ministerium in der 1) Quem e o que pode no Brazil dizer quando sera ministro, com quem o sera e quando sahira do Ministerio? Eine wahrhaft vernichtende Kritik über diese Ministerwechsel gab der geistreiche und gebildete, aber wenig rück- sichtsvolle Senator Dom Manoel de Assis Mascarenhas in der Senatssitzung vom 20. und 21. Mai 1861. Digitized by Google 128 Regel auch neue Präsidenten der Provinzen ernennt; es ist daher selten einem gegeben, die Bedürfnisse seines Verwaltungsbezirks gründlich kennen zu lernen. Ein jeder sucht sich nach seiner Weise oder seinen Neigungen in der Provinz nützlich zu machen, oder die ihm vom Ministerium ertheilten Instructionen zu er- füllen; aber ehe er eine anhaltende Wirksamkeit entwickeln kann, erhält er einen Nachfolger, der nur ausnahmsweise die von seinem Vorgänger eingeschlagene Bahn verfolgt. Ein jeder Mi- nisterwechsel zieht aber sehr häufig auch eine Menge von Per- sonälveränderungen durch alle Schichten der Beamtenwelt nach sich. Dieses verderbliche Verfahren hemmt natürlich die Entwick- lung des Landes, denn es ist als Staat noch sehr jung und hat deshalb eine consequente Administration nach festbestimmten Grundsätzen doppelt nöthig. *) Ein angesehener Brasilianer, mit dem ich mich während einer Seereise oft und lange über die Institutionen seines Vaterlandes unterhielt, sagte mir einmal in bitterm und ironischem Tone: „Wir brauchen eigentlich nur drei Minister, einen Finanzminister, der uns das nothige Geld her- schafft, einen Minister des Aeussern, der uns vor Complicationen mit dem Auslande bewahrt, und einen Minister des Innern, der es versteht, die besten Männer als Präsidenten der Provinzen zu ernennen, das übrige würde sich schon von selbst geben." Ausser den Rechtsgelehrten sitzen in der Deputirtenkanuner auch Gutsbesitzer, Geistliche, Aerzte, Kaufleute etc. Man liest so oft in den deutschen Zeitungen, die über brasilianische Ver- hältnisse schreiben, von den Negerbaronen*) als die massgebende ') Ein geistreicher brasilianischer Piiblicist sagt: „Schlechte Präsidenten und von sechs zu sechs Monaten ein anderes Ministerium, politische Richter, unwissende Beamte, Nepotismus, Gönnerschaft, Skandal, Immoralitat, Tyrannei, Misbräuche, Verzögerungen und Abhängigkeit in allen, selbst den geringsten GescEäften, das ist es, was die Provinzen von der Hauptstadt empfangen. Wenn bei ihnen nicht die Ueberzeugung herrschen würde, dass es selbst auf diese Weise besser ist, vereint und in Frieden zu leben, als getrennt und in Anar- chie, so weiss ich nicht, was noch die Einheit des Reiches zusammenhalten wurde" (D. Aurelio Candido Tavares Basto, Cartas do Solitario p. 141). ^ Dieser beliebte Ausdruck wurde zur Bezeichnung der brasilianischen Grossgrundbesitzer erfunden. Digitized.byLjOOQlC 129 Partei im Gesetzgebenden Korper Brasiliens und findet die ab- surdesten Folgerungen an diese Behauptung geknüpft. Sie be- weisen aber nur, dass die Schreiber dieser tendenziösen Entstel- lungen nicht im entferntesten eine richtige Anschauung von dem parlamentarischen Leben Brasiliens haben. Abgesehen da- von, dass die sogenannten Negerbarone factisch durchaus nicht die Majorität^) im Reichsrathe ausmachen, so scheiden sich die Parlamentsmitglieder durchaus nicht in Adels- und Besitzaristo- kraten oder Feudale, und in eine diesen entgegengesetzte Volks- partei, sondern sie gruppiren sich in Fractionen, die, von Grund- besitz, Geld, Kang und socialer Stellung gänzlich unabhängig, ihre politischen Principien vertreten. Wir finden daher unter den Depu- tirten der Opposition Grossgrundbesitzer mit Hunderten von Skla- ven, Männer von hoher Stellung und grossem Vermögen, und wiederum auf der äüssersten Rechten Volksvertreter, deren Intelligenz und Wissen ihr einziger Reichthum ist, bei jeder Partei und in jedem Stande aber Männer, die, gänzlich unabhän- gig, nach bestem Wissen und mit den redlichsten Willen nur das Wohl ihres Vaterlandes erstreben. Es wird so oft über Menschen und Verhältnisse mit der gewissenlosesten Leichtfertigkeit geurtheilt; geschieht es aus Un- kenntniss und Flüchtigkeit, so kann es allenfalls noch entschul- digt werden; sind aber solche Urtheile, wie wir sie besonders in der norddeutschen Presse über Brasilien so häufig lesen, nur durch unreine Motive dictirt und beruhen sie auf absichtlicher Entstellung von Thatsachen, so sind sie geradezu verächtlich. Brasilien besitzt keine Adelsaristokratie nach europäischen Begriffen, denn die vom Kaiser von Brasilien verliehenen Adels- titel sind nicht erblich; nur die Frau des Geadelten fiihrt den Titel ihres Mannes. Die Adelstitel sind Marquis (Marquez), Graf (Conde), Visconte (Visconde) und Baron (Baräo). Die Marquis und Grafen sowie ein Theil der Visconde (21) und die Barone (31) sind Reichsgrosse (Grandes do Imperio). Den *) 1862 waren unter den 122 Deputirten, die die Zweite Kammer zählt. 75 Doctoren der Rechte. Tschudi, Reisen durch Südamerika. I. ^ Digitized by Google 130 Märquistitel führten 1863 6, den Grafentitel 5, den Viscondetitel 24 und den Barontitel 110 Brasilianer. Es waren also damals in dem ganzen grossen Kaiserreich nicht mehr als 145 eingeboreue männliche Adelstitelträger, weit weniger als in irgend einem deutschen Duodezstaate, und doch wird immer und immer wie- der erzählt, dass der erste beste fiir eine gewisse Summe den Adelstitel in Brasilien kaufen könne. Es ist ganz richtig, dass in Brasilien derjenige, der eine sehr bedeutende Geldspende einer öffentlichen Anstalt (z.B. der Misericordia oder der Irrenanstalt) zufliessen lässt, dadurch ge- wissermassen Anspruch auf eine Titel- oder Ordensauszeichnung hat, es hängt aber immer von dem Monarchen ab, ob er den Spender einer solchen für würdig hält. In europäischen Ländern ist es genau ebenso. Der Usus in manchen cisatlantischen Staa- ten, demzufolge jeder, der gern ein buntes Bändchen im Knopf- loche hätte, in einer bogenlangen Eingabe an ein hohes Mi- nisterium seine Verdienste herzählen und dasselbe allerunter- thänigst um die Befiirwortung einer Decorationsverleihung bitten muss, ist viel unwürdiger. Eine vergleichende Analyse der Ver- dienste, fiir welche in Europa und för welche in Brasilien Or- den und Titel ausgetheilt werden, fällt wahrlich nicht zum Nach- theile des letztern Staates aus. Da, wie schon bemerkt, der Adel in Brasilien nur ein persönlicher ist, so entsteht dort wenigstens kein Adelsproletariat, wie in manchen europäischen Ländern, in denen Adelstitel massenhaft verliehen werden, und es eine gar klägliche Rolle spielt. Ist übrigens ein Brasilianer eitel und thö- richt genug, um fiir schweres Gold Titel und Orden zu pötiren, so finde ich es natürlich, dass dieses der Irrenanstalt Dom Pedro's II. zugute komme, denn es ist ja ganz in der Ordnung, dass Narren für ein Narrenhaus beisteuern.*) ^) Ich hatte zufallig Gelegenheit, Eimsicht in zwei an den Marquez de Abrantes als Vorsteher der öffentlichen Wohlthätigkeitsanstalten gerichtete Eingaben zu nehmen, in denen die Bittsteller sich anheischig machten, beträcht- liche (in den Bittgesuchen genannte) Summen zu zahlen, im Fall ihnen der Kaiser das Commandeurkreuz eines Ordens verleihen würde. Digitized by LjOOQIC 131 Der Kaiser von Brasilien verfiigt über sechs verschiedene Orden, von denen drei portugiesischen Ursprunges, drei aber rein brasilianische sind; nämlich 1) der Orden von S. Bento d'Avis (Ordern de S. Bento d'Avis), 1147 vom Konige D. Affonso Enriques gestiftet; er hat drei Klassen. Band grün mit gelbem Saum; 2) der Orden des heiligen Jacobus vom Schwert (Ordem de Santiago da Espada) 1170 ebenfalls vom Konige D. Affonso Enriques gestiftet; er hat drei Klassen. Band roth mit blauem Saume; 3) der Christusorden (Ordem de N. S. Jesus Christo), vom Konige Dinis 1319 gegründet; er hat drei Klassen. Band hochroth mit hellblauem Saum; 4} der Orden des Südlichen Kreuzes (Ordem Imperial do Cruzeiro), vom Kaiser D. Pedro I. zur Erinnerung an die Unabhängigkeitserklärung und Krönung den 1. December 1822 gestiftet ; er hat vier Klassen. Band him- melblau ; 5) der Orden D. Pedro I. (Ordem de Pedro Primeiro Fundador do Imperio do Brasil), D. Pedro I. gründete diesen Orden ziun Andenken der ' Anerkennung der Unabhängigkeit Brasiliens den 16. April 1826; verschiedene Verhältnisse bewo- gen ihn indessen, die Statuten vorerst nicht zu unterzeichnen, und später unterblieb es infolge der politischen Ereignisse und der dadurch bedingten Abreise des Kaisers von Brasilien gänzUch; 16 Jahre später liess D.Pedro 11. diesen Orden ins Leben treten; er hat drei Klassen. Band grün mit weissem Saum; 6) der Or- den der Kose (Imperial Ordem da Kosa), ebenfalls vom Kaiser D. Pedro I. gestiftet, und zwar bei Gelegenheit seiner Vermäh- lung mit seiner zweiten Gemahlin, der Prinzessin Amalie von Leuchtenberg, den 17. October 1829; er zählt sechs Ellassen. Band gewässert Rosa mit weissen Streifen und rosa Saum. Ausser diesen Orden hat Brasilien noch eine goldene und silberne Medaille für besondere der Menschheit geleistete Dienste (por servifos extraordinarios prestados ä humanidade), die den anderwärts eingeführten Rettungsmedaillen zu entsprechen schei- nen, und elf verschiedene Ehrenzeichen und Medaillen fiir krie- gerische Ereignisse (Feldzüge, Schlachten etc.) der Neuzeit, von 1811 an. Zum Glück für die finanzielle Lage des Kaiserreiches spielt Digitized by Google 132 das stehende Heer keine so hervorragende Rolle wie in den meisten europäischen Staaten. Im Finanzjahre 18®76i b^^^- spruchte das Kriegsministerium nicht ganz ein Fünftel des Ge- sammteinnahme-Budgets, freilich immerhin noch eine sehr grosse Last für ein stark verschuldetes Land, Es herrscht auch in grasilien, wie allgemein in den südamerikanischen Republiken, ein auffallendes, den Staatsseckel sehr beeinträchtigendes nume- risches Misverhältniss zwischen Offizieren und Soldaten. Im Jahre 1861 zählte die brasilianische Armee bei einem Bestände von 14—15000 Soldaten nicht weniger als 1798 Offiziere, Feld- ärzte und Geistliche inbegriffen; es kommt also auf je 7^7ioo Mann ein Offizier.*) Der überwiegend grossere Theil der Soldaten gehört der schwarzen und farbigen Bevölkerung an. Eine grosse Abneigung der Brasilianer gegen den Kriegsdienst (wie sie übrigens in sehr vielen Ländern herrscht) macht die Rekrutirung zu einer sehr schwierigen Aufgabe. Um sie durchzufiihren, wird sie ganz un- constitutionell, nach echt russischer Manier vorgenommen, indem die jungen Leute auf der Strasse zusammengefangen, im Innern nachts von Soldaten im Schlafe überfallen und, wie ich selbst gesehen, mit schweren Ketten beladen, zu den Depotstationen getrieben werden. Die patriotischen Reden im Reichsrathe, die enthusiastisch die Freiheiten und die Constitution des Vater- landes preisen, verlieren angesichts solcher Thatsachen jedenfalls sehr viel an Werth. Ob das dicke, dunkelblaue, grobe wollene Tuch, in das die 1) Beim Ausbruche des Krieges mit Paraguay 1865 bestand die brasilia- nische Armee aus: Infauterie 144 Compagnien 16104 Mann. Cavalerie 51 Schwadronen 3816 „ Artillerie 44 Compagnien, incl. 1 Regiment zu Pferde mit 6 Batterien und die Genietruppen zusammen 4718 „ Generalstab, Sanitatscorps, Geistlichkeit 533 „ Offizieraspiranten (alferes alumnos) . . 60 „ ~ 25231 Mann. Die kaiserliche Regierung beabsichtigte durch Freiwillige (voluntarios da petria) die Armee auf 60000 Mann zu bringen. Digitized by LjOOQIC 133 Soldaten gesteckt werden, gerade der zweckmässige Uniform-' Stoff für eine Gluthitze wie die von Rio de Janeiro sei, scheint man kaum ernstlich überlegt zu haben; es dürfte weit eher bei einer Temperatur von — 15*^ angezeigt sein. Es sind so viele höhere brasilianische Offiziere auf Commissionen in Europa ge- wesen, aber es ist zu vermuthen, dass sie sich daselbst nie mit der am meisten praktischen Truppenbekleidung beschäftigt haben, denn sonst hätte sicherlich die brasilianische Militärverwaltung in dieser Richtung die nöthigen Abänderungen getroffen. Eine gewisse den Brasihanern aller Schichten eigene Nach- lässigkeit, ein sorgloses Sichgehenlassen, das zum Theil durch das erschlaffende Klima bedingt ist, tritt beim Militär, wo Pünkt- lichkeit, Ordnung und reglementarische DiensterfüUung auf das strengste verlangt werden sollen, weit greller hervor als in den bürgerlichen Verhältnissen. Es kommt daher auch dem Fremden manches, was er bei dem brasilianischen Truppendienste zu be- obachten Gelegenheit hat, sonderbar vor, das die Eingeborenen gar nicht zu beachten scheinen. Macht es nicht einen komi- schen Eindruck, wenn man sieht, wie in der Stadt selbst eine hinter dem Offizier einherreitende Ordonnanz plötzlich mit der Linken eine Apfelsine aus der Tasche, mit der Rechten aber den Säbel zieht imd nun ganz gemüthlich mit der Mordwaffe die Frucht schält und sie isst? Die brasilianischen Truppen haben bei mehrern Gelegen- heiten Beweise ihrer Tapferkeit abgelegt. Es gibt ja überhaupt selten feige Truppen, wenn die Offiziere tapfer sind. Die Sol- daten sind sehr ausdauernd ,^ unverdrossen und dabei äusserst genügsam. Ihre Verpflegung ist weit leichter und einfacher als die europäischer Truppen. Eine Ergänzung des stehenden Heeres bilden die National- garden, deren Dienst durch das ganze Reich organisirt ist. Ich werde später noch Gelegenheit haben, darauf zurückzukommen. Die brasilianische Kriegsmarine zählte 1863 53 Kriegsschiffe, nämlich 15 aufgetakelte Segelschiffe, worunter 1 Fregatte, 5 Cor- vetten, 1 Briggbarke, 5 Schoonerbriggs, 1 Schooner und 1 Jacht (hiate); 24 Dampfer von 16—300 Pferdekraft; 6 in England Digitized by LjOOQIC 134 ^gebaute, ganz gleiche Dampfkanonenboote von 80 Pferdekraft (Ibicahy, Itajahy, Iguatemi, Ivahy, Araguari, Mearim) und 8 abgetakelte Schiffe (3 Dampfer und 5 Segler). Die Matrosen bestehen zum grössten Theil aus Vollblutindianem, die in den Provinzen Para und Alsa Amazonas zum Flottendienst gepresst werden und sich in der Regel schon nach kurzem Dienste sehr brauchbar erweisen. Viele der Offiziere haben in der fran- zosischen und englischen Kriegsmarine eine Anzahl Jahre ge- dient. Der Corvette Isabel, die vor einigen Jahren mehrere europäische Häfen besuchte, wurde von competenter Seite in jeder Hinsicht viel Lob gespendet. Bekanntlich ging das schone Schiff an der nordafrikanischen Küste zu Grunde, wobei die Bemannung den Tod fand. Ein eigener Unstern waltet über der brasilianischen Flotte; sie erleidet im tiefsten Frieden schwere Verluste. In zwei Jahren büsste sie fünf Kriegsschiffe ein, da- runter eine Corvette und drei Dampfer. Ehrenadmirale der brasilianischen Flotte sind der Graf von Aquila, Schwager, und der Herzog August von Sachsen-Koburg, Schwiegersohn des Kaisers, und wirklicher Viceadmiral Joaquim Marquez Lisboa, Baron von Tamdanare, ein durch und jjurch gebildeter Seemann. Das Marinearsenal ist das grossartigste Etablissement dieser Art in Südamerika und auf einem eines Kaiserreiches würdigen Fuös eingerichtet; man macht ihm aber den Vorwurf, dass dort in manchen administrativen Zweigen eine zu grosse Nachlässig- keit herrsche und bei umsichtiger und strenger Leitung dessel- ben viele Ersparnisse erzielt werden könnten. Mit ihm ist eine Schiffswerft verbunden, auf der mit grossem Aufwände von Zeit und Geld eher solide, als feine und schöne Schiffe zu fabelhaft hohem Preise gebaut werden. *) Vor ein paar Jahren wurde ein ganz in Granit ausgehauenes Trockendock auf der Schlan- ^) Nach officielleu Angaben vom Jahre 1862 beschäftigte die Schiflfs- werfte 590 Arbeiter, denen ein jährlicher Gehalt von 300000 Milreis ausbe- zahlt vv^urde. Trotz dieser so sehr grossen Geld- und Arbeitskräfte wurden doch im Verlaufe von 10 Jahren (1852— 1862) nur drei Schiffe gebaut, näm- lich der kleine Dampfer Ypiranga, * die Schoonerbrigg Tonelero und die Cor- vette Nicteroy (an der von 1857—1832 gearbeitet wurde!). Digitized by LjOOQIC 135 geninsel (Ilha das Cobras), dem Arsenal gegenüber, vollendet, dn Werk, auf das Rio de Janeiro stolz sein kann. Der Name des Mannes, der während der letzten Zeit meiner Anwesenheit in Brasilien mit dem Ministerium der Marine be- traut war, fahrt mich auf ein anderes Thema. Er heisst Jos^ Joaquim Ignacio und hat zwei Brüder, von denen der eine Bento Jose de Carvalhos, der andere Antonio Jose Victorino deBarros heisst, alle drei sind leibliche Brüder, nicht etwa Stiefgeschwister ; zwei von ihnen jRihren verschiedene Familiennamen, der dritte (der Marineminister) gar keinen, sondern nur drei Taufiiamen* Der Staatsrath und Geschwaderchef Miguel de Sousa Mello e Alvins und der Brigadier Francisco Cordeiro da Silva Torres sind ebenfalls leibliche Brüder. Ich konnte noch eine Menge solcher Beispiele anführen. In England finden wir auch Brü- der mit sehr verschiedenen Familiennamen, aber es sind nur die Träger von Adelstiteln, die, sobald sie einmal in den Besitz eines solchen gelangen, demselben den Familiennamen opfern, sehr häufig führen sie den aber noch neben dem Adelsprädi- cate fort. In Brasilien hingegen sucht man umsonst nach dem leitenden Grundsatze dieses abnormen Verhältnisses; . wenig- stens ist es mir trotz sorgfältiger Erkundigungen nicht gelungen, einen solchen in Erfahrung zu bringen, und es scheint, nach dem, was mir darüber mitgetheilt wurde, ganz gleichgültig zu sein, ob ein Knabe den Familiennamen seines Vaters, seiner Mutter oder irgend einer andern Person annimmt. Aber auch Aenderungen von Familiennamen, die schon jahrelang geführt wurden, werden mit einer in Europa ganz unbekannten Leichtigkeit und mit den geringsten Formalitäten vorgenommen. Es heisst z. B. einer Joäo Jose de Souza Guimaraes und hat irgendwelche Gründe, sich anders zu nennen, so zeigt er dem Publikum seine vorgenommene Namensänderung in den Zeitungen durch eine Anzeige ungefähr folgenden Inhalts an: Da es noch andere Per- sonen meines Namens gibt, so sehe ich mich veranlasst, tnich von heute an Joäo Jose Pereira Alves zu nennen.^) ^) Dieses Verhaltniss ist um so auffallender, als die Portugiesen nicht Digitized by LjOOQIC 136 Es ist leicht einzusehen, dass unter solchen Verhältnissen eine Anfertigung von Civilregistern mit sehr grossen Schwierig- keiten verbunden ist und dem Staate eine geregelte Controle nichts weniger als erleichtert wird. Bei einer bedeutenden Zu- nahme der Bevölkerung werden jedenfalls die Nachtheile dieses Verfahrens noch weit greller hervortreten. Wie viele Tausende von Namensänderungen müssten in Deutschland vorkommen, wenn alle Müller, Schulze, Meier etc. sich aus ähnlichen Moti- ven anders nennen wollten, und welche Consequenzen würde es nicht nach sich ziehen? Familiennamen sind ein hochwichtiger Factor im Staate, und bei den meisten europäischen Nationen sind die Glanzepochen ihrer Geschichte aufs innigste mit ge- wissen Familiennamen verknüpft, deren Träger, durch die Tra- dition und den Namen der Familie angespornt, sich in den Wis- senschaften und Künsten des Krieges und des Friedens hohen Ruhm erworben haben. Es dürfte wol fiir die Zukunft eines so jungen Landes wie Brasilien von grosser Wichtigkeit sein, ein Verhältniss, das mit den Institutionen eines wohlorganisirten Staates nicht leicht ver- träglich ist, abzuändern, ehe der Misbrauch tiefer einreisst. Bei der so gemischten Bevölkerung und der grossen Neigung zur Misachtung der Gesetze sind ernste Massregeln in dieser Rich- tung fast dringend geboten. Der Staat kann jedoch durch die Gesetze nicht alles thun, der Sinn für Familie muss in der Fa- blos Werth auf Familiennamen allein, sondern besonders auf eine grosse An- zabl derselben legen. Bekanntlich führt fast jeder Portugiese (und auch Bra- silianer) neben mehrern Taufnamen zum allerwenigsten zwei, gewöhnlich aber drei und noch mehr Familiennamen. Martinez de la Rosa, der geistreiche spanische Schriftsteller, sagt witzig, dass einem Portugiesen kein Grabstein gesetzt werden konnte, weil das Monument keinen Platz für alle Namen des Verstorbenen hatte. Als Beispiele des Namenreichthums der Portugiesen führe ich den Marquis de Lavradio, den bekannten ehemaligen Vicekönig von Bra- silien, an, der D. Luiz de Almeida Portugal Soares AlarcSo E^a Mello Silva Mascarenhas hiess. Ein anderer seiner Landsleute nannte sich Joäo Jose Vas Nunes Preto de Castilho Tudela Giraldes Barba de Ver e Meneses. Soweit hat es der neugebackene deutsche Adel denn doch noch nicht gebracht. Die mit Tauf- und Familiennamen überhäuften brasilianischen Pässe haben schon man- chen europäischen Polizeibeamten in stille Verzweiflung versetzt. Digitized by LjOOQIC 137 milie selbst geweckt werden. Aber wie steht es mit der Er- ziehung der Kinder in brasilianischen Familien? Ich will es ver- suchen, sie in wenigen Worten zu skizziren. Das neugeborene Kind wird unverzüglich einer Amme (Ama de leite) übergeben, in der Regel einer Sklavin (Negerin oder Mulattin). Höchst selten stillt eine Brasilianerin der bessern Stande ihre Kinder selbst j die Erfüllung dieser Mutterpflicht wird für gesundheitsschädliph gehalten. Hat die Familie keine eigene Sklavin zu diesem Zwecke und kann sie sich nicht etwa von einem befreundeten Fazendeiro eine verschaflfen, so findet sie doch leicht irgendwo eine zu miethen. . In den grössern Jour- nalen Rio de Janeiros sind fast taglich unter den zu vermiethenden Sklavinnen Ammen „mit vieler und guter Milch ^' angekündigt. Manche Sklavenbesitzer machen mit ihren Sklavinnen als Ammen brillante Geschäfte, denn sie wissen diese oft vier- bis fünfmal ununterbrochen als Säugammen zu verwenden, was ihnen natür- lich nur durch Betrug gelingen kann, indem sie das herange- wachsene Kind derselben durch ein kleines Negerkind ersetzen und so die betreflfenden Familien glauben machen, dass sie erst vor kurzem entbunden sei. Es liegt natürlich auch nicht im Interesse der Amme, die Täuschung aufzudecken, denn abgesehen von der harten Strafe, die sie in diesem Falle von ihrem Herrn zu erdidden hätte, geniesst sie als Amme, ein vortreffliches Le- ben, braucht wenig zu arbeiten und hat vollauf imd gut zu essen und zu trinken, Reize, denen Negerinnen nicht so leicht wider- stehen. Für eine Amme werden 50 — GOMilreis und noch mehr monatliche Miethe bezahlt, dem Besitzer derselben wirft also sein lebendes Kapital 30 — 40 Procent jährliche Zinsen ab. Ich übergehe den Einfluss, den eine solche Ammenmilch in hygienischer Beziehung auf den Säugling ausübt, ebenso die ge- sundheitsschädlichen, oft schändlichen und unmoralischen Mittel, deren sich diese Individuen bedienen, um des Nachts nicht durch das Weinen des Kindes im Schlafe gestört zu werden, und den Einfluss des Charakters der Amme auf das zu säugende Kind; über letztern Punkt habe ich mich schon an einem andern Orte Digitized by LjOOQIC 138 ausgesprochen*); ich will nur bemerken, dass das Stillen des weissen Kindes durch eine schwarze Amme eine ganz bestimmte nachhaltende Einwirkung auf die spätere geistige Entwickelung desselben hat. Sobald das Kind der Säugamme nicht mehr bedarf, wird es der Obhut eines Kindermädchens (Ama secca), gewohnlich einer jungen Sklavin von 16 — 20 Jat^ren anvertraut, unter deren unmittelbarer Leitung sich dessen beginnendes geistiges Leben entwickeln soll. Es wird grösser und erhält nun als Gespiele ein gleich altes, häufiger aber ein älteres Sklavenkind. Dieses muss alle Launen und .Leidenschaffsausbrüche des Herrenkin- des geduldig ertragen, es wird vollständig zu dessen Spielzeug, und im Kinde des Hauses ist der Keim zu Herrschsucht, Eigen- willen, Ungerechtigkeit, Stolz und einer Menge anderer Fehler gelegt. Die Kinder wachsen heran, bleiben Gespielen und Freunde. Der Negerjunge, Moleque*) des Hauses, und im steten Verkehre mit den übrigen Negern lernt von diesen alle dieser Rasse eigenen Schlechtigkeiten und Laster und wird darin nur zu oft ein trefflicher Lehrmeister seines weissen Gespielen. Von der ganzen Sklavenbedienung ist der Moleque am innigsten mit der Familie verbunden, er bildet gewissermassen ein Glied derselben; da er aber keine Erziehung, keinen Unterricht gemesst, zu kei- ner ernsten Arbeit angehalten wird, so gewinnt das Böse in ihm die Oberhand und nur herbe Züchtigungen können ihn noch einigermassen in Schranken halten; er ist verschmitzt, heuchle- risch, unverschämt, faul, ein Lügner und Dieb. Zum Dieb wird er gewöhnlich von den Vendeiros abgerichtet. Fast in einer jeden Strasse befinden sich nämlich eine oder mehrere Vendas, Kramladen, in denen die ersten Bedürfnisse: Holz, Lebensmittel, geistige Getränke etc. verkauft werden. Ihre Inhaber sind ge- wöhnlich Brasilianer oder Portugiesen. Die Concurrenz ist eine grosse und es sucht sich ein jeder auf seine Weise seine Lage zu verbessern. Der Moleque wird häufig in die Venda geschickt, ») Reise durch Peru. Bd. I, S. 178. *) Moleque werden die zu kleinern Dienstleistungen im Hause verwen- deten Negerjungen, Mucamas die Negermädchen genannt. Digitized by LjOOQIC 139 um irgendeine Kleinigkeit zu kaufen. Durch ein paar Schluck Syrup, ein hoher Genuss fiir den Negerjungen, sucht der Ven- deiro dessen Vertrauen zu gewinnen, fragt ihn, nach näherer Bekanntschaft, ob er ihm nicht irgendetwas aus dem Hause bringen könne, und verspricht ihm grössere Gaben von Syrup als Belohnung. Nun werden zuerst Kleinigkeiten nach der Venda gebracht, Cigarren, leere Weinflaschen u.dgl., dann werthvollere Ge- genstände. Der Moleque ist Hausdieb geworden und weiss bei dem Vertrauen, das er bei der Familie geniesst, durch seine Verschmitztheit gewöhnlich den Verdacht von sich ab auf Un- schuldige zu lenken. Bei den Töchtern des Hauses weiss er sich ebenfalls vielfach nützlich zu machen und ist trefflich als Postillon d'amour zu benutzen. Es wurde mir viel Nachtheiliges von dem Verhältnisse der Moleques zu diesen erzählt, da ich jedoch darüber keine thatsachlichen Anhaltepunkte habe, so will ich dasselbe auch nicht weiter berühren. Ich habe monatelang in einem Garten, meinen Fenstern ge- genüber, fast täglich die Tochter einer brasilianischen Familie beobachtet, ein Mädchen von 12 — 13 Jahren, gewöhnlich sehr zierlich in Weiss gekleidet, mit umfangreichster Crinoline; sie befand sich stets in Gesellschaft eines Moleque von 14 — 15 Jah- ren, der sehr häufig splitternackend mit dem eleganten Mädchen spielte. Der Moleque ist der böse Geist des Hauses. Ein brasilia- nischer Dichter, J. de Alencar, hat in einem trefflichen Schau- spiel „O demonio familiär '^ den verderblichen Einfluss des Mo- leque im häuslichen Leben mit meisterhaften Zügen geschildert. Es ist ein lebenswahres brasilianisches Familienbild. Wenn der Sohn eine öffentliche Schule oder ein Collegium als Externe besucht, so ist er in seinen freien Stunden doch stets in Gesellschaft des Moleque, und es ist daher ein wahres Glück für den Knaben, wenn er als Seminarist einem Collegium übergeben und so, aus dem älterlichen Hause entfernt, dem dämonischen Einflüsse des Moleque entzogen wird. Wenn der Jüngling sich später einem Fachstudium widmet, so erhält er gewöhnlich von seinen Aeltefn den nun ebenfalls gross gewordenen Moleque Digitized by Google 140 als Copeiro (Bediente); dieser dient ihm nun in etwas veränderter Richtung, besonders häufig als Kuppler, und nennt seinen Herrn noch immer, wie in den ersten Jahren seiner Jugend, Nhonho. So ist der junge Brasilianer von der Stunde seiner Geburt, bis er unabhängig in der Welt dasteht, in einem fast ununterbrochenen, innigen Contacte mit den Negern, der ent- schieden und im höchsten Grade nachtheilig auf sein geistiges, sittliches und physisches Leben einwirkt. Der so oft ange- feindete Satz, dass die Neger die brasilianische Jugend erziehen, entbehrt durchaus nicht jeglicher Begründung. Natürlich gibt es auch höchst ehrenvolle Ausnahmen von dieser Regel und viele Aeltern überwachen mit der gewissenhaftesten Sorgfalt die Erziehung ihrer Kinder. Mancher einsichtsvolle Vater erinnert sich dabei seiner eigenen Jugendzeit und sucht seinen Sohn den unglücklichen Folgen, die er an sich selbst erfahren hat, zu entziehen. In keinem Verhältnisse treten die Schatten- seiten der Sklaverei greller und einschneidender hervor, als in der erwähnten Kindererziehung. Es ist wahrlich keine schroffe und ungegründete Behauptung, dass, solange hierin nicht eine radicale Aenderung getroffen wird, die brasilianische Nation nie einen sittlichen Aufschwung nehmen und sich zu einem wahrhaft gebildeten Volke entwickeln kann. Bei dieser Gelegenheit muss ich noch einen Zug aus dem Leben der Brasilianer hervorheben, den ich immer mit Wohl- gefallen beobachtet habe. Es ist die grosste Ehrfurcht und die achtungsvollste Rücksicht der Kinder gegen ihre Aeltern, und hierin konnte das brasilianische Familienleben mancher Nation, die sich auf ihre Bildung sehr viel zugute thut, als Vorbild dienen. Nie wird ein junger Brasilianer in Gegenwart seiner Aeltern vorlaut oder unbescheiden sein, er wird sich nie einer Rücksichtslosigkeit irgendeiner Art gegen sie schuldig machen; es geht so weit, dass er, selbst schon verheirathet, in Anwesen- heit seiner Aeltern nie rauchen wird, ohne von ihnen dazu auf- gefordert zu werden. Im engem brasilianischen Familienkreise findet auch der Fremde viele Gemüthlichkeit und einen herzlichen, erheiternden Digitized by LjOOQIC 141 Umgang, das Gegentheil aber im Salonleben. Eine brasilianische Soiree ist in der Regel die fadeste Vereinigung, die man sich nur denken kann. Die Frau des Hauses sitzt mit einer oder zwei Damen auf dem Sofa und im Halbkreise auf der einen Seite die übrigen Damen, auf der andern die Herren. Erfrischun- gen, Thee, Backwerk und Zahnstocher werden von den Sklaven herumgereicht. Jeder spricht mit seinen Nachbarn halblaut und langweilt sich ein paar Stunden lang entsetzlich. Zuweilen wird dieser peinliche Zustand durch Musik und Gesang unterbrochen, und die Höflichkeit verlangt, dass man auch den mittelmässig- sten Productionen Aufmerksamkeit und Beifall spende. Privatbälle sind häufig imd es wird auf denselben oft ein sehr grosser Luxus entwickelt, vorzüglich durch Diamantgeschmeide, was im Lande der Diamanten leicht begreiflich ist. In verschiedenen Clubs werden öffentliche Bälle veranstaltet und öfters auch von der kaiserlichen Familie besucht. Das Casino fluminense, dem Passeio publice gegenüber, ist prachtvoll und hat wol in ganz Südamerika keinen ebenbürtigen Concurrenten. Seine luxuriöse Einrichtung scheint aber das Gesellschaftskapital gänzlich aufge- rieben zu haben. An Gelegenheit zum Theatergenusse fehlt es in Rio de Ja- neiro nicht. Das Theatro lyrico fluminense auf dem Campo de Santa Anna ist für Opern bestimmt, und hat sich schon öfter der Mitwirkung ausgezeichneter Kräfte (Italiener) zu erfreuen gehabt. Der Staat subventionirte es mit dem Reinertrag von 36 Staatslotterien hauptsächlich für den Bau eines neuen Hauses. Es bestand früher zur Heranbildung von Sängern eine Imperial Academia de Musica, die vor wenigen Jahren aufgehoben, dafür aber eine Opera lyrica nacional (1860) geschaffen wurde. Sie gibt ihre Vorstellungen ebenfalls im Theatro lyrico. Die Zu- kunft mag lehren, ob sie lebensfähig ist; Der grösste Theil der Sänger an dieser Oper sind Brasilianer; sie haben auch schon mit glücklichem Erfolge die Werke brasilianischer Componisten d«m Publikum vorgeführt. Eine Academia conservatora de Mu- sica zur musikalischen Bildung (sowol Gesang als Instrumental- Digitized by Google 142 musik) steht unmittelbar unter dem Ministerium des Innern und zahlt durchschnittlich 60 — 80 Schüler und Schülerinnen. Das grösste Theater für dramatische Vorstellungen ist das Theatro de S. Pedro d'Alcantara, ein geräumiges und schönes Haus, das nach einem dringend gebotenen Umbaue 1857 wieder (das Theater ist dreimal abgebrannt) eröffnet wurde. Es geniesst vom Staate eine beträchtliche Subvention. Die Kunstkritik und die Urtheile des gebildeten Publikums sind ihm nicht günstig gestimmt. Ein Deputirter erklärte in einer Kammerverhandlung bei Berathung des Finanzgesetzes, dass dieses Mustertheater (Theatro modelo) ein Muster von faulem und veraltetem Zeuge und schlechtem Geschmacke sei, ein Theater, in dem nicht einmal richtig portugiesich gesprochen werde, und eine der am besten redigirten Zeitungen in Kio de Janeiro nannte es ein Pandae- monium, in dem die Kunst und die Sprache die Schande der empörendsten Verachtimg erleiden.*) Dieses Urtheil erscheint doppelt scharf, wenn man weiss, dass in Rio de Janeiro durch kaiserliches Decret vom 19. Juli 1845 ein dramatisches Literaturtribunal unter dem Namen Con- servatorio dramatico brasileiro erichtet wurde, dessen Censur ein jedes auf irgendeinem Theater der Hauptstadt zur Auffuh- rung kommende Stück unterworfen werden muss. Dieses Cen- surtribunal besteht aus drei Präsidenten (einem Ehren-, einem Effectiv-, einem Vicepräsidenten), zwei Secretären und einem Se- cretäradjuncten, einem Kassir, einem Anwalt und elf Bäthen. Ich kenne zwar den Wortlaut des betreffenden Decretes ganz genau, aber ich gestehe offen, dass mir die leitenden Grundsätze des Tribunals sehr unklar sind, denn es kommen eine Menge von Stücken zur Aufführung, die allerdings weder grob noch fein gegen die Sittlichkeit Verstössen, wohl aber schwere Sünden ^) Quanto a enorme e iniquissima subvenc&o ao Theatro de S. Pedro d'Al- cantara o orador (o S*" deputato Landulpho) apenas repito 6 que esta na con- ciencia de todos. Protegerse com largas sommas, roubodas a fome de ujpa parte do Imperlo a Institui^äo de um pandaemonio artistico onde a arte e lin- goa soffrem a ignonimia do mais revoltante desprezo e alimentarse a corrup^So do gosto pclo espectaculo constante de ridiculas scenas. Digitized by LjOOQIC 143 gegen den guten Geschmack, ja gegen den gesunden Menschen- verstand und geradezu eine Beleidigung gegen das Publikum sind. Nach meiner Ansicht ist ein Theaterstück mit etwas laxer Moral, aber geistreich behandelt, weit weniger gefahrlich, als ein solches, in dem in schwülstigen Phrasen der höhere Blödsinn emphatisch declamirt wird. Von den 2 — 400 (!!) Stücken, die dem Conservatorio jährlich zurCensur unterbreitet werden, erhalten 90 — 95 Procent das Admittitur! In ihrem überwiegenden Theil stellen sie dem Tribunal ein gewaltiges Armuthszeugniss aus und beweisen, dass es eher aus Splitter- als aus Kunstricbtem zu- sammengesetzt ist. Das zweite Theater zu dramatischen Vorstellungen ist das Theatro Gymnasio dramatico da sociedade dramatica nacional (provisorisches Gebäude) ; das dritte das Theatro de S. Januario. In diesen beiden Schauspielhäusern vrird in der Regel weit besser gespielt als im Mustertheater S. Pedro d'Alcantara, was aber die Häuser selbst betrij0Pt, so stehen sie weit hinter diesem. Im Theater S** Theresa und S** Leopoldina in der Vorstadt Botafogo wird nicht regelmässig gespielt, sondern nur, wenn gerade ir- gendeine Compagnie hier ihre Rechnung zu finden glaubt. Ich befand mich eines Tages im Gespräche mit einigen Be- kannten in der Buchhandlung der Rua da Quitarda, als eine sehr elegant gekleidete, aber sehr verblühte Dame zu ims trat und uns auf äusserst ungezwungene Weise zu ihrem Benefize in einem Theater zweiten Ranges einlud. Ein witziger Brasilianer und, wie es sich später herausstellte, ein alter Bekannter der Benefiziantin, der längere Zeit in Europa gelebt hatte, sagte mir, nachdem sich diese entfernt hatte: „Da haben Sie wieder einen Unterschied zwischen Europa und Brasilien. In europäi- schen Hauptstädten werden die Schauspielerinnen zweiten Ran- ges gewohnlich Lustdirnen, bei uns aber werden öffentliche Mäd- chen, wenn sie altern, Schauspielerinnen". Da wir in den Theatern der Hauptstadt nicht, wie sie es s^in sollten, Bildungsanstalten des ästhetischen Sinnes und guten Geschmackes (etwa Damentoiletten ausgenommen) finden, so wollen wir uns nun die eigentlichen Bildungsanstalten näher Digitized by Google 144 betrachten und, mit den einfachsten beginnend, stufenweise zu den hohem fortschreiten. Von den Vernichtern Brasiliens wurde in der deutschen und franzosischen Presse dem transatlantischen Kaiserreiche wie- derholt der schwere Vorwurf gemacht, dass es den Volksunter- richt in hohem Grade vernachlässige und in seinen Leistun- gen für dieses hochwichtige Bildungsmittel weit hinter den euro- päischen Staaten zurückstehe. Da ich die feste Ueberzeugung habe, dass keiner von allen, die Brasilien diesen Vorwurf machen, sich je einlässlich mit dieser Frage beschäftigt, noch viel weniger je eine brasilianische Volksschule betreten hat, so glaube ich mich um so mehr berechtigt, hier über dieses Verhältniss mein Urtheil abgeben zu können, als ich auf meinen Reisen durch Brasilien dem Primärunterrichte grosse Aufmerksamkeit geschenkt habe, und so oft es mir nur möglich war, auch in den entfern- ten Provinzen des Innern des Landes die Volksschulen besuchte. Es sei mir aber auch vergönnt, bei meinen Bemerkungen einen vergleichenden Seitenblick auf den Volksunterricht jenes euro- päischen Staates zu werfen, der sich bei jeder Gelegenheit rühmt an der Spitze der Civilisation zu stehen, und dessen Monarch sich berufen glaubt, seine civilisatorische Mission nach den entferntesten Weltgegenden ausdehnen zu sollen, während es mit der Volksbildung im eigenen Lande doch so erbärmlich aus- sieht. ^) Ich halte mich für die Belege an eine treffliche Ab- handlung von Jules Simon „L'Instruction primaire et les bibliothe- ques populaires" (en France) in der Revue des deux Mondes, 15. September 1863. Unter den vielen schweren Sünden des portugiesischen Mut- terlandes gegen seine wichtigste Colonie war die Hemmung des Unterrichtes eine der folgenschwersten. Nicht zufrieden, die ^) Nous autres Fran^ais qui faisons magnifiquement les choses, qui pa- yons eomme on dit notre gloire au Mexique et en Cochinchine et qui renver- 8ons les maisons par centaines pour nous faire la capitale la plus moderne et la plus rectiligne du monde entier, nous ne donnons propositlonellement a nos ecoles la huitieme partie de ce que donne aux siennes la petite republique de Geneve. Jules Simon l. c. p. 350. Digitized by LjOOQIC 145 Volksbildung, statt zu fordern, auf eine rohe Weise zu unter- drücken, schlug es auch die höhere Bildung in schwere Fesseln. Nur den Söhnen der bessern Familien war es möglich, einigen Unterricht zu gemessen, der in Brasilien mit mangelhaften Gym- nasialstudien seinen Abschluss fand. Der nach hoherm Wissen strebende junge Mann war gezwungen, nach Portugal zu reisen und in Coimbra die Universität zu besuchen. Mit der Unab- hängigkeit Brasiliens wurde eine neue Bahn gebrochen. Der §. 22 des Artikels 1 79 der Constitution erklärt den Primärunter- richt unentgeltlich für alle brasilianischen Bürger und der fol- gende §. betrifft die Errichtung von Collegien und Universitäten. Durch Gesetz vom 15. October 1827 wurde die Errichtung von Elementarschulen in allen Städten, Flecken und grossem Dorfern angeordnet; durch Gesetz vom 11. October 1827 die beiden ju- ridischen Facultäten in Olinda und Säo Paulo errichtet und den 7. August und 14. October 1852 die beiden medicinischen Schulen in Bahia und Kio de Janeiro statuirt. Die politischen Bewegungen der beiden ersten Decennien der Existenz, des jungen Kaiserreichs waren der Entwickelung der Volksschulen nioht günstig, und es blieb erst dem jetzigen Monarchen vorbehalten, der Volksbildung die vollste Aufmerksam- keit zu schenken. In staunenswerther Progression vermehrten sich nun die Primärschulen vom Uruguay bis zum Amazoneostrome durch alle Provinzen des Reichs. Der ausgezeichnete eng- lische Naturforscher Bates, der elf Jahre lang den Amazo- nenstrom bereiste, sagt in seinem trefflichen Werke „The natu- ralist on the River Amazonas" (1863): „Es gibt in diesen entle- genen Gegenden kaum ein Dorf, das nicht seine Primärschule hätte und dessen Lehrer nicht den nämlichen Gehalt bezöge wie der Geistliche, niunlich circa 1800 Franken." Und das in der vom Centrum der Regierung entferntesten Provinz. Es ist nur der strengsten Wahrheit gemäss, wenn ich sage, dass kein ein- ziger europäischer Staat in so kwrzer Zeit so viel fax Volksschulen gethan hat wJe Brasilien. Vor einigen Jahren (6. Mai 1860) trat in Rio de Janeiro ein Verein unter dem Namen Academia pedagogica ins Leben, der es sich zur Aufgabe stellte, die Be- Ttehudi, ReiseQ durch Südamerika. I. 10 Digitized by LjOOQIC 146 dürfuisse des Primärunterrichts zu studiren, ein Beweis, dass eine rege Theilnahme an diesem so überaus wichtigen Gegen- stände auch über die Regierungskreise hinausreicht. Im Jahre 1857 hatte in Frankreich auf je fünf Kinder eins keinen Unterricht genossen. Jules Simon sagt, indem er dieses Factum anfuhrt: „11 faudrait que tout le monde süt ce chiffre par coeur. II y a eü France 879611 enfants, pres de 1 milHon d'enfants qui absolument n'apprennent ni a lire, ni ä ecrire." Nach seinen An- gaben konnten im Jahre 1860 von 306314 jungen Leuten, die auf der Kekrutenliste standen, 89878, also 29 Procent, weder lesen noch schreiben, und 9337 blos auf das nothdürftigste lesen. Unsere Autorität bemerkt dabei, dass, während die Schulstatistik nicht einmal den vierten Theil der Kinder als gänzlich ununterrichtet angibt, die Rekrutirung dagegen mehr als ein Drittel solcher ausweist. Und dieses Verhältniss finden wir in Frankreich, einem dicht bevölkerten Lande, in dem der Volksunterricht seit Jahr- hunderten durch Gesetze geregelt ist. In Brasilien, wo geschlos- sene Ortschaffeen selten imd in grossen Entfernungen auseinander- liegen, fast die Hälfte der Bevölkerung auf Landgütern oder einsamen, kleinen Besitzungen (sitios) wohnt und ein Schulbe- such den Kindern dieser abgeschieden wohnenden Familien ge- radezu unmöglich ist, entbehrt allerdings eine grössere Quote der Kinder des öffentlichen Unterrichts als in Frankreich; bei Berücksichtigung aller der angegebenen Umstände darf aber daraus der Regierung kein Vorwurf gemacht werden, denn sie thut für den Volksunterricht weit mehr als Frankreich. Während die französische Regierung auf je sechs Individuen ihrer Gesammtbevölkerung jährlich einen Franken für Elemen- tarunterricht ausgibt, so gibt Brasilien auf je 4,7 Personen seiner Staatsbürger einen Franken zum nämlichen Zwecke aus. Die Ge- halte seiner Volkslehrer variiren von 4—^600 Milreis (also von 1000-^1500 Franken); sie dürfen also bei ihrem Berufe nicht h'wngem. Indem Jules Simon von den elenden Gehalten der französischen Volkslehrer spricht, bemerkt er: „C'est une mau- vaise condition que d'avoir faim et d'avoir chez soi une femme et des enfants qui ont faim, pour faire la classe tous les jours Digitized by LjOOQIC 147 pendant six heures, et c'est un mauvais spectacle, un mauvais en- seignement pour les enfants et pour leurs parents, que de voir rinstituteur vetu de haillons." Und weiter unten: „Aujourd'- hui m^me, avec les 6 millions que donne T^tat et les 16 millions que rend la r^tribution scolaire, on compte encore par milliers les instituteurs communeaux qui peuvent envier la po- sition d'un bon valet de charrue.'^ Also trotz der Staatsbesoldung und der Einnahme des Schulgeldes beneiden noch Tausende von französischen Schullehrem das Loos eines Ackerknecbtes! Es ist aber wohl zu bemerken, in Brasilien ist, wie schon oben angefiihrt, der Volksunterricht unentgeltlich und der Staat trägt die ganze Ausgabe für denselben, während in Frankreich der Staat kaum mehr als ein Drittel der kärglichen Besoldung der Elementarlehrer bestreitet und beinahe zwei Drittel die Aeltem der schulbesuchenden Kinder tragen müssen. Welcher Staat leistet nun mehr, Brasilien oder das hochcivilisirte Frankreich? Es ist eine eigenthümliche Erscheinung in Brasilien, dass für die Stellen von Volksschullehrem bisjetzt noch eine so sehr geringe Concurrenz stattbat, dass immer eine beträchtliche An- zahl davon vacant sind, trotzdem die Regierung durch häufige Concurse und besondere Vergünstigungen ihr Möglichstes thut, diese Lücken auszuföllen. Ich bemerkte schon an einem andern Orte*), dass der Grund dieser auffallenden Erscheinung, der in Europa wol nicht vorkommt, weniger im Mangel an befähigten Individuen zu suchen sein dürfte, als in der Trägheit der be- fähigten Individuen und der ziemlich allgemeinen Abneigung, sich einer anstrengenden Beschäftigung zu widmen, vielleicht auch in der Unregelmässigkeit der Ausbezahlung der Besoldung, denn in den Provinzialkassen ist oft grosse und andauernde Ebbe. Diese Uebelstände werden ohne Zweifel durch eine grössere Ausbildung der Administration nach und nach verschwinden. Jede Provinz ist in eine gewisse Anzahl von Studienkreisen (Circulos litterarios) abgetheilt, von denen ein jeder unter einem ^) Die Provinz Minas geraes. Ergänzungsheft IX zu Petermann's Geogra- pMschen Mittheilungen. S. 24. 10* Digitized by Google 148 eigenen Studiendirector (director do circulo) steht. Jeder Kreis zerfallt wiederum in kleinere Bezirke (agencias de ensino), die ein Aufseher (fiscal) überwacht. Die Oberleitung fuhrt der Ge- neralstudiendirector (director geral da instruccäo publica) in der Provinzialhauptstadt. Diese Organisation ist zweckmässig, in- dem sie bei der grossen Territorialausdehnung eine Ueberwachung des Unterrichts sehr erleichtert; sie würde aber noch weit er- spriesslicher sein, wenn die Studiendirectoren in der Erfüllung ihrer Pflichten weniger lässig wären. Realschulen (Cadeiras do 2° grado) sind in allen grössern Ortschaften; ihre Organisation lässt noch manches zu wünschen übrig, da wichtige Lehrgegenstände gar nicht berücksichtigt werden, während auf den Gymnasien (Cadeiras da instruccäo secundaria v. intermedia) besonders in den Provinzialhaupt- städten die Unterrichtsgegenstände wieder zu sehr gehäuft sind. Das oflfentliche Gymnasium in Rio de Janeiro, o Imperial Collegio de Pedro Segundo , wurde den 2. December 1837 ge- gründet und den 25. März 1838 feierlich eröffiiet. Im Laufe der Zeit erkannte man, dass bei der grossen Ausdehnung der Stadt dieses Eine Gymnasium nicht genüge; es wurde daher die Errichtung eines zweiten mit Benutzung der nämlichen Lehr- kräfte für interne Schüler beschlossen, was durch Decret vom 24. October 1857 geschah. Diese beiden SchwestercoUegien ent- sprechen durchaus den Anforderungen der Pädagogik an eine derartige höhere Lehranstalt. Beide sind zahlreich besucht. Der Curs ist ein siebenjähriger und umfasst Religion, biblische Geschichte, portugiesische, griechische, lateinische, französische, englische, deutsche, italienische Sprache, Geographie, brasilia- nische Geschichte, Philosophie, Rhetorik, Aesthetik, Poesie, Naturgeschichte, Physik, Mathematik und Zeichnen, ferner Mu- sik, Tanz und gymnastische Uebungen. Die Preise sowol fiir die internen als externen Zöglinge sind durchaus den Verhältnissen angemessen. Eine grosse Anzahl von Privatinstituten, sowol für Kinder als für ältere Knaben und Mädchen, wovon ein grosser Theil von Europäern gegründet und geleitet sind, genügt mehr als Digitized by LjOOQIC 149 hinreichend fiir die Bedürfnisse der Hauptstadt. Ausserdem be- finden sich noch einige wirklich gute Privatinstitute für Knaben in Petropolis und Neufreiburg, wohin selbst von Rio de Janeiro häufig 2iöglinge gesendet werden. Ich habe schon im vorhergehenden Kapitel erwähnt, dass Brasilien keine Universitäten, sondern nur getrennte Facultäten in verschiedenen Städten besitzt. In Rio de Janeiro sind eine theologische und eine medicinische Facidtät. Die erstere hat ihren Sitz im erzbischöflichen Seminarium (Seminario episcopal de Säo Jose), das 1739 durch den Bischof D. Fr. Antonio de Guadeloupe gegründet wurde. Es ist auffallend, zugleich aber charakteristisch, dass an dieser theologischen Facultät Hebräisch gar nicht gelehrt wird und dass erst 123 Jahre nach ihrer Grün- dung (1862) eine Lehrkanzel für griechische Sprache und eine für Exegese errichtet wurde! Die Priesterseminarien sind der faulste Punkt des gesammten Erziehungswesens in Brasilien, da sie dem directen Einflüsse der Regierung entzogen und in den Händen eines Klerus sind, der in seiner überwiegenden Mehr- zahl keinen Anspruch auf Bildung, Aufklärung und Toleranz machen kann. Einen viel ehrenvollem Platz nimmt dagegen die medici- nische Facultät ein. Es wirken an ihr viele Männer von be- deutender wissenschaftlicher Befähigung, die zum Theil in Europa ihre Studien gemacht haben. Sie steht allerdings nicht auf der Höhe der medicinischen Facultäten an deutschen Universitäten und es sind besonders die wichtigen Zweige der Physiologie, der pathologischen Anatomie und Chemie so ziemlich vernach- lässigt. Es ist keine Initiative zu schwierigen, selbständigen For- schungen und Untersuchungen vorhanden und Mikroskop und Reagentien werden noch viel zu wenig gehandhabt. Zu bedauern ist es, dass die Professoren mit der deutschen Fachliteratur fast gar nicht vertraut sind und daher aus dieser unerschöpflichen Fundgrube keinen Nutzen ziehen können. Wie in den übrigen medicinischen Schulen Südamerikas ist hier der franzosische Ein- fluss der weitaus überwiegende. Die Facultät ist weniger besucht, als man es von der be- Digitized by Google 150 deutendsten medicinischen Schule des Reichs erwarten sollte; 1861 waren blos 100 Studenten der Medicin immatriculirt, von denen 10 doctorirten, und 31 Hörer der Pharmacie. Die Vorliebe für medicinische Studien ist in Brasilien im ganzen genommen sehr gering, und da die diplomirten Aerzte sich meistens in den Hauptstädten niederlassen, so ist in den Dorfern und Flecken ein entschiedener Mangel an ärztlichem Personal. Als Fachschulen erwähne ich noch die CentrcUkriegsschule (escola central), eine wohlorganisirte Militärakademie zur Her- anbildung von Offizieren, die Kriegsschule (escola militar) mit zweijährigem Curse für rein militärische Gegenstände; der Cursdes zweiten Jahres ist der Ausbildimg in den wissenschaftlichen Spe- cialwaffen bestimmt; die Marineschule (escola de marinha) mit dreijährigem Curse; die Handelsschule (Instituto commercial da Corte), unter dem Ministerium des Innern, in der die Erlernung der fremden Sprachen verhältnissmässig zu wenig berücksichtigt wird, und endlich die Akademie der bildenden Künste (Acade- mia Imperial das bellas Artes), gegründet 1824, aus der bis- jetzt freilich noch kein Künstler von Bedeutung hervorgegangen ist; sie besitzt eine Galerie von Gemälden und Sculpturwerken^ unter erstem einige werthvolle Stücke. Wir vermissen in Rio de Janeiro ein von der Regierung gegründetes polytechnisches Institut; es besteht zwar unter dem Präsidium des Staatsraths Eusebio Quiros ein Lyceo de artes e offidos^ aber trotz seiner 19 Professoren und 4 Adjuncten ist es nicht im Stande, ein wohlorganisirtes Polytechnicum zu er- setzen. Die Nationalbibliothek (Bibliotheca nacional e publica da Corte) in einem hübschen mid zweckmässigen Gebäude, dem Passeio publico gegenüber, steht unter der Direetion des Frei Camillo de Monserrate, eines sehr gebildeten und gelehrten fran- zösischen Benedi ctinermönchs ; sie zählt an 100000 Bändfe. Von der jährlichen Dotation von 10 — 12 Contos de Reis wird die Besoldung der Beamten und der Ankauf neuer Werke bestritten. Dem Publikum ist sie an allen Werktagen von morgens um 9 Uhr bis nachmittags um 2 Uhr geöffiiet. Alle höhern Fach- Digitized by LjOOQIC 151 schulen, wie die medicinische Facultat, die Kriegs- und Militär- schule, die Marineschule (8000 Bände und 1700 Karten), das hi- storisch-geographische Institut haben ihre eigene Bibliothek. Ebenso besitzen mehrere Leserereine nicht unbedeutende Bücher- sammlungen. Die älteste ist die des deutschen Vereins Germania (16. August 1820); die englische (1826) soll reich und gewählt sein; die portugiesische (1837) zählt 32 — 33000 Bände, ebenso stark ist die von einer einheimischen Lesegesellschafk 1847 ge- gründete Bibliotheca fluminense. An diese reiht sich noch eine öffentliche Leihbibliothek. Es ist jedenfalls ein ehrenvolles Zeichen fiir die Bestrebungen nach Büdung der Bevölkerung von Kio de Janeiro, dass im Jahre 1863 daselbst schon 15 Buchhandlungen etablirt w^en, während vor 30 Jahren der vierte Theil davon den Bedürfaissen der Hauptstadt genügte. Den hervorragendsten Platz unter ihnen nimmt die Buch- und Verlagshandlung von E. und H. Lmnmert ein. Dieses Etablissement ist von solchem Umfange und solcher Bedeutung, dass ich nicht umhin kann, einige Notizen darüber mitzutheilen ; sie dienen vielleicht dazu, denjenigen, die Brasilien nur von unwissenden Fazendeiros und schwer mishandelten Skla- ven bewohnt glauben, eine etwas bessere Meinung vom Kaiser- reiche beizubringen. Herr Eduard Lämmert gründete im Jahre 1827 in Rio de Janeiro eine Sortimentsbuchhandlung. Acht Jahre später folgte ihm sein Bruder Heinrich nach Brasilien und wurde bald Theil- nehmer am Geschäfte. 1838 errichteten die beiden Brüder eine Buchdruckerei und verbanden mit ihr ein Verlagsgeschäft, das sich ungemein rasch entwickelte. Die Druckerei befindet sich in der Rua dos invalidos neben der portugiesischen Kirche in einem zweckmässig eingerichteten, umfangreichen Gebäude. Ihr Personal besteht aus 50 — 60 Setzern und Druckern, die sechs Stanhopehandpressen und drei mit Dampf getriebene Druckma- schinen aus der bekannten Fabrik von König & Bauer beschäf- tigen. Sämmtliche Pressen drucken durchschniitlich pr. Tag 24000 Bogen oder jährlich beiläufig 7—8000 Kies Papier. Eine Stereotypengiesserei nach den neuesten Einrichtungen, Maschi- Digitized by Google 152 nen zum Schneiden von Spatien und Linien för mathematisdie Figuren, galvanoplastische Apparate, Satinir- und Glättpressen und eine Buchbinderei stehen mit der Druckerei in Verbindung. In der Buchbinderwerkstätte fertigen 60 Arbeiter monatlich 4 bis 5000 Einbände und 13 — 14000 Broschüren an. Im Besitze aller mechanischen Hülfsmittel neuester Erfindung gehen aus ihr Einbände hervor, die den Vergleich mit den vorzüglichsten europäischen Arbeiten nicht scheuen dürfen. Die Zahl der verschiedenen Verlagsartikel betrug 1862 über 340 grossere und kleinere Werke, darunter Ausgaben mit zahlreichen und schonen in Europa angefertigten Stahl- stichen, wie das „Museo pittoresco", 2 Bde. 4.; „Gabinete de leitura"; „Geschichte Napoleon's" u. s. w. Die Verleger Hessen mehrere deutsche Werke ins Portugiesische übersetzen, z. B. Bredow's Weltgeschichte, Werther's Leiden, Wieland's Oberen, die berühmten Jugendschriften von Christoph Schmid, eine Reise nach dem heiligen Lande, selbst den von der Kinderwelt so sehr verehrten Struwelpeter u. s. w. Eine Publication von anerkannter Wichtigkeit ist der all- jährlich erscheinende „Almanak administrative commercial e in- dustrial da Corte *) e da Provincia do Eio de Janeiro". Er erschien zuerst 1844 als ein unscheinbares Büchlein von 288 Seiten in 18. und ist seitdem zu einem Bande in gross 8. von mehr als 1500 Seiten und einer Auflage von 3000 Exemplaren angewach- sen. Das Supplement enthält ausser Auszügen aus den jährlichen Kammerberichten der Minister werthvoUe statistische Angaben , sowie die wichtigsten neuem Gesetze und Decrete. An diesen Almanach schliesst sich die Publication eines eigenthümlichen Ka- lenders (Folhinha) in Buchform, der in 50 verschiedenen Aus- gaben verbreitet wird. Das Kalenderbüchlein enthält ausser einer jovialen Einleitung, dem eigentlichen Kalender, den Post- cursen, einer Jahreschronik u. s. w. noch einen Anhang bald ernsten, bald heitern, bald belehrenden Inhalts, von dem der *) Rio de Janeiro wird gewöhnlich unter dem Ausdrucke Corte, wuserm Residenz entsprechend, bezeichnet. Digitized by Google 153 Kalender seinen Titel fuhrt (z. B. Folhinha historica brasileira, Folhinha de Justi^a, Folhinha geographica, Folhinha do chara- dista u, 8. f.). Dieser Kalender wusste den Weg durch das ganze Kaiser- reich und zu allen Schichten der Bevölkerung zu finden; ich bin ihm überall auf meinen ßeisen begegnet und in den ent- ferntesten Dörfern wird seiner jährlichen Ankunft mit eben dem Verlangen entgegengesehen, wie wir es in Erwartung wichtiger telegraphischer Depeschen kaum grosser haben. Als Beweis sei- ner überaus günstigen Aufnahme mag die Angabe dienen, dass die Auflage von 5000 Exemplaren des ersten Jahres (1839) auf 80000 gestiegen ist. Es sind diesem wirklich volksthümlichen Büchlein nur bessere Holzschnitte zu wünschen. Das Haus Lämmert ist das erste, welches den Buchhandel in Südamerika auf deutsche Weise betrieb und bis in die ent- ferntesten Provinzen des Eeichs Verbindungen anknüpfte. Im Jahre 18G0 versandte es auf Bestellung seiner Agenten in den Provinzen 285 CoUis im Werthe von mehr als 200000 Franken. Die täglichen Ausgaben des Etablissements beliefen sich durch- schnittlich über 1200 Franken. Keine südamerikanische Stadt kann ein ähnliches Unternehmen von solcher Bedeutung auf- weisen. Ich will nur noch bemerken, dass der Druck durchschnitt- lich sehr rein und fehlerfrei ist. Mit franzosischer Literatur ist die Buchhandlung B. L. Garnier in der Kua do Ouvidor reichlich versehen. Auffallend und für das geistige Leben von Rio de Janeiro charakteristisch ist die ausgesprochene Neigung zur Bildung von Vereinen. Ich ziehe natürlich die grosse Menge von Gesellschaf- ten und Compagnien mit rein pecuniären Zwecken, z. B. Dampf- schiffahrts-, Strassen und Kanalbau-, Gas-, Omnibus-, Strassen- reinigungs-, Wasserversorgungs-, Colonisations-Unternehmungen u. 8. w. nicht in Betracht; ebenso wenig die zahllosen religiösen Corporationen oder die Wohlthätigkeits- und Musik- Vereine und Clubs u. 8. f., sondern will nur jene mit wissenschaftlichen Ten- denzen erwähnen. Digitized by Google 154 In erster Reihe führe ich die Facultätsvereine an. Es sind: ein Juriatenverein (Instituto da Ordern dos avogados brasileiros), 1847 gegründet; ein Verein der Äerzte (Instituto medico bra- sileiro), 1858; zwei Apothekervereine (Instituto pharmaceutico brasileiro und Sociedade pharmaceutica brasileira), 1851; und ein homoopathiacher Verein (eseola homoeopathica), 1846. Vereine, deren Zweck literarische Ausbildung ist, sind: Die Acadenda philosophica, 1857; die Sociedade ensaios litterarios^ 1859; [Gyni' nado sdentifico litterario brasileiro^ 1848; Gremio litterario por- tuguez^ 1856; Retiro litterario portuguez^ 1859. Eine wichtigere Stelle nehmen die Vereine für Jugendbildung ein. Obenan steht die 1829 unter dem Namen Sociedade jovial e imtructiva ge- gründete Gesellschaft für Jugendunterricht, Imperial Sociedade amante da Instrucäo^ die 1832 eine Schule für arme Kinder und Waisen errichtete, in der seit ihrem Bestehen an 2000 arme Kinder Unterricht, Schuhe und zum Theil auch Kleider erhiel- ten. Ihr folgt die schon oben erwähnte Gesellschaft zur För- derung des Primärunterrichts, Academia pedagogica^ 1860, und endlich die polymathische Gesellschalt, Instituto polymathico brasileiroy 1860, mit dem Hauptzwecke: Entwickelung aller Zweige der Wissenschaften und pecuniäre Unterstützung armer studi- render Gesellschaftsmitglieder. Diesen Vereinen reihen sich noch eine Anzahl anderer an, z. B. die Gesellschaft zur Förderung der schönen Künste (So- ciedade propagadore das bellas artes)^ 1856, mit ihrem schon erwähnten Lyceo de artes e officios, und eine statistische Ge- sellschaft (Sociedade estatistica do Brasil), 1855; ferner die grossartige Gesellschaft zur Unterstützung der Nationalindustrie (Sociedade auxiliadora da industria nadonal) in sieben Sectio* nen (für Agricultur, Fabrikindustrie, Maschinen und Geräthe, freie Künste und Mechanik, Handel und Transportmittel, ange- wendete Geologie und technische Chemie und Verbesserung der Thierrassen), sie besitzt eine Maschinensammlung und wird Ton der Regierung, die sie mit 4 Contos de Reis jährlich unterstützt, in Fragen des Ackerbaues und der Industrie häufig consultirt; Digitized by LjOOQIC 155 und endlich noch eine Ackerbaugesellschaft (Imperial Institute fluminense de agricultura), 1860.^) Ein grosser Theil dieser Gesellschaften hat ihr eigenes Or- gan zur Veröffentlichung der Arbeiten ihrer Mitglieder. Aus den bei den Vereinen angegebenen Jahreszahlen ihrer Gründung geht hervor, dass die meisten derselben noch sehr jungen Ur- sprunges sind und aus dem letztverflossenen Decennium datiren. Sie geben aber auch den unwiderlegbaren Beweis der rührigen Entwicklung des wissenschaftlichen Lebens in der Kaiserstadt. Manche Gesellschaften haben, wie wir das überall finden, nur eine kurze Existenz; 1857 waren z, B. in Kio de Janeiro eine Gar- tenbaugesellschaft und ein Verein för Chemie und Physik, die ich drei Jahre später nicht mehr fand. Ebenso hatte in dieser Zeit eine andere Gesellschaft ihre Thätigkeit eingestellt, sie hatte sich eine drei&che Aufgabe vorgesetzt: Unterdrückung des Skla- venhandels, Beförderung der Colonisation und Civilisation der Indianer. Für erstere brauchte sie nicht mehr zu wirken, da ohne ihr Zuthun der Sklavenhandel aufgehört hatte, den beiden andern war sie nicht gewachsen. Ich vermisse in Rio de Janeiro einen naturwissenschaftli- chen Verein und kann nair dessen Mangel nur an dem sehr ge- ringen Interesse an Naturwissenschaften, das sich überall in Bra- silien, trotz der überschwenglichen Fülle an Stoff, den das Land dem Forscher bietet, so fühlbar zeigt, erklären. Von dem na- turhistorischen Museum möchte ich lieber schweigen, ich habe es nie ohne ein Gefühl des tiefsten Mismuthes betreten, denn für das, was es sein sollte und könnte, ist es erbärmlich. Die zoologische Abtheilung ist eine fast werthlose Rumpelkam- mer; die botanische soll vieles Gute enthalten und leidlich ge- ordnet sein. Das Werthvollste der mineralogischen Section, mit ^ Im Januar 1861 wurde eine neue landwirthschaftliche Gesellschaft unter dem Namen Circulo agricola de S&o Jose de Cacaria gegründet. Ihr Präsi- dent, der Conselheiro Antonio Pereira Barreta Pedroso, charakterisirte bei der Eröffnungsrede die Agriculturverhältnisse Brasiliens und die Aufgabe des Ver- eins in so ausgezeichneter Weise, dass ein jeder brasilianische Agriculturmi- nister den grössten Theil dieser Rede in sein Programm aufaehmen sollte. Digitized by LjOOQIC 156 Ausnahme* der Diamanten, wurde von Konig Johann VI. von Portugal nach Brasilien gebracht. In der ganzen Anordnung vermisst man Verständniss und Kenntniss der Fortschritte der wissenschaftlichen mineralogischen Systematik. Die ethnogra- phische Sammlung macht eine rühmliche Ausnahme; sie ist reich an Waffen, Kleidern, Industriegegenständen u. s. w. der India- nerstamme des Reichs und daher für Brasilien von Wichtigkeit. Den hervorragendsten Platz unter den Vereinen nimmt durch seine wissenschaftlichen Leistungen das von der kaiserli- chen Regierung mit jährlich 5 Contos de Reis dotirte historischr geographische Institut ein. Es wurde im Jahre 1838 auf An- regung des Marschalls Rayrrmnäo Jose da Cunha und des Kano- nikus Januario da Cunha Barbosa, gewissermassen als Zweig- verein der obenerwähnten Sociedade auxiliadora da industria nacional, gegründet, loste sich aber bald vom Stamme los, um sich selbständig und kräftig zu entwickeln. Das Institut steht unter der speciellen Protection des Kaisers, der regelmässig den Sitzungen beiwohnt, denselben mit dem grossten Interesse folgt und sich häufig an den Debatten betheiligt. Die Sitzun- gen werden immer Freitags von 14 zu 14 Tagen in einem Saale des kaiserlichen Palastes in der Stadt abgehalten. Das Institut veröffentlicht unter dem Titel „Revista trimensal do Institute historico geographico e ethnographico do Brasil" seine Sitzungs- berichte und die eingereichten Abhandlungen und Documente. Es sind bisjetzt einige und zwanzig Bände erschienen. Sie enthalten eine Anzahl äusserst wichtiger Documente zur Geschichte Brasiliens, einzelne tüchtige selbständige Memoiren, werthvoUe Biographien ausgezeichneter Brasilianer, aber auch manche hohle, in schwülstige Phrasen eingekleidete Schülerarbeit, auf die das Motto der Revista: „hoc facit, ut longos durent bene gesta per annos, et possint sera posteritate frui", eine bittere Ironie ist. Unter der Redaction des Conselheiro Candido Baptista d^Oli- veira^ eines Mitglieds des historisch-geographischen Instituts, er- scheint, aber unabhängig von diesem, seit 1857 in vierteljährli- chen Heften, eine Revue für Wissenschaften, Literatur und Künste (Revista Brasileira, Jornal de sciencias, lettras e artes), Digitized by LjOOQIC 167 die wegen der Gediegenheit des grossten Theils ihrer Artikel *) eine ehrenvolle Erwähnung verdient. Auf Anregung des historisch-geographischen Instituts ent- schloss man sich vor einer Keihe von Jahren (Lei Ifr. 884, von !• October 1856) einige weniger bekannte Provinzen des Keichs durch eine wissenschaftliche Commission erforsdien zu lassen, und verlangte vom Keichsrathe die nothigen Geldmittel, die die- ser in liberalster Weise bewilligte. Die Commission (Commis- säo scientifica oder exploradora) bestand aus fünf Sectionen, an deren Spitze folgende Männer standen: 1. Section für Zoologie Dr. Manoel Ferreira Lagos; 2. Section fiir Botanik Francisco Freire Allemao (der in wissenschaftlichen Kreisen Europas ehrenvoll bekannte Botaniker), Präsident der Commission; 3. Sec- tion fiir Geologie und Mineralogie Dr. Capanema; 4. Section fiir Astronomie Dr. Giacomo Raja Gabaglia; 5. Section für Eth- nographie der seither verstorbene Dichter Dr. Antonio Gon^alves Dias, zugleich auch Historiograph der Expedition.*) Es wurden die umfassendsten Vorbereitungen getroffen, aus Europa vorzügliche,^ sehr kostspielige astronomische und physi- kalische Instrumente, eine äusserst reiche naturhistorische Biblio- thek, Waffen, Keiserequisiten, eine fabelhafte Menge Chinin u.s. w. bezogen, und endlich die Beise mit Instructionen des Ministe- riums des Innern am 26. Januar 1859 nach der nordlichen Pro- vinz Cearä angetreten. Vage Gerüchte, die sich aber Jahrhun- ') Nur die mineralogisohen und zoologischen Artikel von B. sind schüler- haft und durchaus nicht auf der Höhe der Wissenschaft. ^ Die vollständige Zusammensetzung der Conunlssion war folgende: 1. Bo- iamk, Chef, Conselheiro Francisco Freire Allemäo, Adjunct Dr. Manoel Freire Allemäo. 2. Zoolog, Chef Manoel Ferreira Lagos, Adjuncte: Jo&o Pedro Villa- Real und Lucas Antonio Villa-Real, als Präparatoren femer Jäger, Handlanger. 3. Geologie, Chef Dr. Guilberme Schnch de Capanema, Adjunct Kapitän Joäo Martins da Silva Coutinho. 4. Astronomie und Geographie, Chef Giacomo Raja Gabaglia, Adjuncte die Flottenoffiziere: Joäo Soares Pinto Brasilio de Siqueira Barbedo, die Ingenieure Caetano de Brito de Sousa Gayoso, Francisco Carlos Lassance Cunha, der Hauptmann Antonio Aivares dos Santos Sousa und der Dr. Agostinho Victor de Boija Castro. 5. Ethnographie, Chef Dr. Antonio Gron^ves Dias, Adjunct Dr. Francisco de Assis Azevedo Guimar&es, ferner ein Zeichner, ein Metallarbeiter und sechs Soldaten (Handwerker) aus dem Ar- senal. Digitized by Google 158 derte hindurch erhalten hatten, von einem grossen Reichthume edler Metalle im Innern jener Provinz hatten bei der Wahl des ersten zu erforschenden Landestheiles an massgebender Stelle den Ausschlag gegeben. Man scheint im Publikum schnelle und eclatante Resultate der Expedition erwartet zu haben und wurde darin getäuscht. Schon nach Ablauf des ersten Jahres zeigte sich eine grosse Misstimmung gegen dieselbe, die immer mehr und mehr wuchs und in den Journalen der Provinz Ceara und in denen der Hauptstadt ein beredtes Echo fand. Man machte sie lacherlich, und das ist bei derartigen Unternehmungen immer eine sehr gefahrliche Angriffswaffe. Nachdem sich auch im Reichsrathe gewichtige Stimmen gegen die Fortsetzung der Ex- pedition erhoben hatten, wurde dieselbe durch Ministerialbefehl vom 10. Mai 1861 zurückberufen. Die wissenschaftliche Commission hat nach meiner Ansicht den Fehler (in den so viele ähnliche Unternehmen verfallen) be- gangen, vor dem Beginne der Reise zu sehr ins grosse Hom zu stossen, und dadurch sowol in Brasilien als in Europa die Erwartungen auf eine Weise zu spannen, dass jeder Unbefan- gene von vornherein sagen musste, sie können unmöglich erfiillt werden; daher auch nachträglich hüben und drüben viel Spott. Es ist indessen noch viel zu früh, über die Erfolge der Expedi- tion abzuurtheilen. Das kann erst geschehen, wenn einmal die wissenschaftlichen Errungenschaften veröffentlicht sind, und auch dann kann und darf das grosse Publikum nicht Richter sein. Ein jeder, der sich selbst mit wissenschaftlichen Arbeiten be- schäftigt hat, weiss, wie mühevoll diese sind, und wie oft die Re- sultate, obgleich von wahrem wissenschaftlichen Werthe, von der Menge gar nicht begriffen werden können. Die Commission scheint während ihrer Reise, trotzdem der Kaiser sich fiir dieselbe in hohem Grade interessirte, von der Regierung doch nicht die gehörige Unterstützung genossen zu haben. Eine Reihe von humoristischen Artikeln in einem der grössten Journale Rio de Janeiros (Diario 1861), von einem Diener eines Mitgliedes der Commission unterzeichnet (der Verfasser ist das betreffende Commissionsmitglied selbst), werfen, oft in beissender Digitized by LjOOQIC 159 Satire, eigeuthümliche Streiflichter auf die Commission und ent- halten wahrscheinlich weit mehr pikante und unumwundene Ge- ständnisse, als sie uns später der officielle Historigraph machen wird. Die Expedition hatte den Verlust eines grossen Theils der von dem talentvollen und eifrigen Chef der geologischen Section gesammelten mineralogischen Ausbeute zu beklagen, da der Kü- stenfahrer, auf dem sie verschifft war, an der Küste von Cearä zu Grunde ging. Es li^en mir bisjetzt nur ein paar Hefte von den Publi- cationen der Commission vor. Der rührige Botaniker Freire Allemäo hat mit werthvollen Untersuchungen den Reigen eröffnet. Das einleitende Heft, wahrscheinlich von Dias, enthält ausser den Instructionen und einer sehr gedrängten Uebersicht der Reise ein Resume der wissenschaftlichen Leistungen einer jeden Section. Aber auch diese Berichte, die zum Theil sehr dürftig ausgefallen sind, können noch nicht als Maasstab zur Beurthei- lung der Leistungen der Commission dienen. Es will mich übrigens bedünken, dass der Verfasser gleich in der Einleitung von den schweren Opfern, die die Mitglieder der Wissenschaft gebracht, von ihrer Opferwilligkeit, von ihr^i Leiden und Gefahren weit mehr gesprochen hat, als es imter Jüngern der Wissenschaft gebräuchlich ist; dass es ferner nicht ganz passend erscheint, wenn er schon in den einleitenden Worten auf diese Weise, wenn auch vergeblich. Mitleidskapital bei den Lesern machen will, und dass er als HistoriograjA und Theil- nehmer an der Expedition seine Collegen von vornherein allzu sehr lobt. Das Loben soll €3^ billigerweise unparteiischen Beurtheilem überlassen. Die Expedition hat von I8^%r — 18^ Ve^ (laut Bericht des Finanzministeriums von 1863) die Summe von 573 Contos de Reis, also über anderthalb Millionen Franken gekostet, wovon auf die Reisejahre 1859 — 61 über 1,200000 Franken kommea. Betrachten wir die grossen Leistungen anderer Reisendei» bei Mitteln, die im Vergleidie zu dieser Summe verschwindend klan sind, z. B. die dnes Humboldt und Bonplaud, Natterer, Spix Digitized by Google 160 und Martius, d'Orbigny, femer die eines Dr. Barth und anderer Afrikareisender, eines Dr. Antonio Raymundi in Peru, und noch einer sehr grossen Anzahl reisender Naturforscher, so sind wir jedenfalls berechtigt, unsere Erwartungen hinsichtlich der wis- senschaftlichen Errungenschaften der Expedition sehr hoch zu spannen, denn mit einer solchen enormen Sulmme lässt sich — selbst in Brasilien — schon Ausserordentliches in allen Disci- plinen der Naturwissenschaften leisten. Da wir nun schon einen flüchtigen Blick auf die Gelehrten- republik Brasiliens geworfen haben, so wollen wir noch etwas länger dabei verweilen. Es ist einigermassen auffallend, dass das heutige Brasilien nur einen einzigen Gelehrten in exacten Wis- senschaften aufzuweisen hat, dessen Name in Europa bei den Fachmännern gekannt ist und in Ansehen steht; es ist der schon mehrmals erwähnte Botaniker Conselheiro Francisco Freire Alle- mao. In keinem der übrigen Zweige der descriptiven Natur- wissenschaften, ebenso wenig in Chemie, Physik oder Astronomie hat sich irgend ein Brasilianer der Neuzeit durch Leistungen hervorgethan, die seinen Namen in der europäischen Gelehrten- welt eingebürgert hätten. Das Nämliche gilt für die medicinischen Wissenschaften. Der Name keines einzigen brasilianischen Arz- tes als Histolog, Physiolog, Patholog, Therapeutiker, Operateur oder Gynäkolog ist in ärztlichen Kreisen der Alten Welt ge- kannt. Es ist dadurch nicht gesagt, dass nicht unter den Ver- tretern gerade dieser Zweige der Wissenschaften sich sehr tüch- tige, sogar ausgezeichnete Männer befinden, sie haben es bisher aber noch nicht weiter als bis zum localen Buhme gebracht. Um in den descriptiven Naturwissenschaften mit Erfolg ar- beiten zu können, sind Hülfsmittel nöthig, wie sie in Brasilien, insbesondere für Zoologie, gar nicht existiren^ Grossartige Mu- seen und ebenso grossartige Bibliotheken sind dazu unumgäng- liche Erfordernisse. Es mag sich daher auch der Bearbeiter des zoologischen Theils der wissenschaftlichen Expedition sehr hüten, nicht an einer Klippe Schiffbruch zu leiden, die ausge- zeichnete Zoologen, denen die umfassendsten Hülfsmittel zu Gebote standen, nicht immer glücklich umschifft haben. Zur Digitized by LjOOQIC 161 Publication einer zoologischen Reiseausbeute genügt es nicht, ausser der Befähigung dazu auch noch einige der besten syste- matischen Werke, Reisebeschreibungen und Faunen zu besitzen und zu consultiren; man muss sich durch jahrelange Studien in die Fachliteratur hineinleben, und besonders aus den zahl- losen betrefltenden Zeitschriften, die in allen Landern und Spra- chen publicirt werden, mühsam das nothige Material zusam- mentragen und dabei stets reiche Museen consultiren können. Es ist erstaunlich, welche Massen zoologischer Gegenstände all- jährlich nach Europa gebracht und vorzüglich in Fachjournalen wissenschaftlich verwerthet werden; die Gefahr, Längstbekanntes für Neues zu beschreiben, mehrt sich daher von Jahr zu Jahr. Auch in den übrigen Wissenschaften sehen wir uns verge- bens nach berühmten Namen um, und ausser dem von Fr. Adolf von Varnhagen^ der als Historiograph auch weit über die Gren- zen seines Vaterlandes gekannt und geachtet ist, wüsste ich keinen zu nennen. Der Grund dieser auffallenden Erscheinung dürfte haupt- sachlich in einem Mangel an geistiger Unabhängigkeit zu suchen sein, der seinerseits aus einem blinden Nachbeten der franzosi- schen Schulautoritäten entstanden ist. Da Portugal in der Neuzeit keine Männer aufzuweisen hat, die mit europäischem Ruhme an dem Aufbau der Wissenschaften gearbeitet haben und sich also die brasilianischen Studenten nicht an Originalwerke ihrer Muttersprache anlehnen können, vorzügliche fachwissenschaftliche Werke französischer Gelehrten aber entweder ins Portugiesische übersetzt sind, oder doch in der stammverwandten Sprache von ihnen leicht gelesen werden können, so machen sie die franzö- sische Auffassung der Wissenschaften zu der ihrigen, ohne je- doch an ihrer fernem Entwickelung mitzuarbeiten. Diesen sehr bedeutenden Einfluss Frankreichs habe ich auch in den meisten übrigen Staaten Südamerikas beobachtet. Es beginnt übrigens auch in dieser Richtung sich allmählich ein Umschwxmg fühlbar zu machen, denn viele junge Südamerikaner werden gegenwärtig statt nach Frankreich, wie es früher fast ausschliesslich geschah, nun nach Deutschland zur Erziehung Tschudi, Reisen darch Südamerika. I. 11 Digitized by Google I 162 gesandt, und deutsche und englische Sprache gewinnen in den südamerikanischen CoUegien immer mehr und mehr an Boden. Ueberall aber, wo die geistige Unabhängigkeit gewahrt ist und sich nicht freiwillig in drückende Fesseln geschlagen hat, ent- wickelt sich das geistige Kapital in Brasilien auf eine Weise, der wir die vollste Anerkennung und Achtung nicht versagen können, so vorzüglich in der Literatur. Kein einziger Zweig irgendeiner Wissenschaft ist in Bra- silien zu einer eigenthümlichen unabhängigen Entwickelung ge-^ langt, es gibt dort keine Originalität der Wissenschaft, aber eine selbständige, durchaus originelle Literatur; eine Litera- tur, die, auf brasilianischem Boden vor zwei Jahrhunderten ent- sprossen, sich stetig und glänzend entfaltet hat. Brasilien zählt eine lange Reihe ausgezeichneter Namen als Dichter und Prosai- ker, berühmte Männer, so weit die portugiesische Sprache ge- sprochen und verstanden wird. Sie wären es in ungleich wei- tern Kreisen, wenn gelungene Uebersetzungen ihre Meisterwerke auch zum Gemeingut anderer Nationen machen würden. Wer von dem grossen deutschen Publikum würde den Dichter Mirza Schaffy kennen, wenn uns nicht Bodenstedt seine herrlichen Lieder übersetzt, wer Nal und Damajanti, wenn uns Rückert nicht das liebliche Gedicht in deutscher Sprache geschenkt hätte? In Deutschland ist die portugiesische Sprache in den gebil- deten Kreisen fast so unbekannt wie die persische und das Sanskrit, daher sind es auch die brasilianischen Werke der schonen Literatur,, so sehr eine grosse Zahl von ihnen die weiteste Verbreitung verdiente. Wohl aber ist die Geschichte der bra- silianischen Literatur in neuester Zeit durch ein vortreffliches Werk des berühmten Kenners der romanischen Sprachen, Herrn Dr. Ferdinand Wolf, Custos an der k. k. Hofbibliothek in Wien, jedem Gebildeten zugänglich geworden. Mochten" doch alle jene, die der brasilianischen Nation auch nicht das geringste Gute lassen, dieses W,erk eines Mannes lesen, der in seinem langen, ehrenvollen wissenschaftlichen Leben noch nie sein geläutertes Urtheil irgendeinem Sonderinteresse untergeordnet hat. Ich hätte gern der brasilianischen Literatur, mit der ich Digitized by LjOOQIC 163 mich jahrelang auf das einigste beschäftigte, einen eigenen Ab- schnitt gewidmet, wenn ich nicht dadurch die Grenzen, die ich mir bei dieser Skizze gezogen habe, weit überschreiten müsste. Ich verweise daher die Leser, die Interesse an dem Gegenstande nehmen, auf das treffliche Werk Wolfs, will aber doch wenig- stens die Namen der ausgezeichnetsten brasilianischen Literaten der Gegenwart hier nennen. Obenan steht Dr. Domingos Jos^ Gon^alves de Magalhaem (seit 1859 brasilianischer Ministerre- sident in Wien), der Gründer einer national -brasilianischen Dichterschule, ausgezeichnet als Lyriker und Dramatiker und vorzüglich berühmt durch sein indianisches Epgs „A confe- deracäo dos Tamoyos"; Manoel de Araujo Porto- Alegre, ein Dichter mit tiefem Sinne, einer feurigen Phantasie, vollendeter Sprache und vielseitiger Bildung; Antonio Gon^alves Dias, der bei einem mehrjährigen Aufenthalte in Frankreich und Deutsch- land sich dem Studium wissenschaftlicher Anstalten widmete, in seiner Heimat besonders durdi seine „Poesias americanas" bekannt und geschätzt; in Leipzig hat er auch ein kleines Wör- terbuch der Tupysprache herausgegeben; Joaquim Manoel de MacedOy sein episch-lyrisches Gedicht „A nebulosa" in sechs Gesängen ist meisterhaft in Hinsicht auf brillante, fliessende Verse und lebensvolle, wenn auch zuweilen zu üppige Tropen- bilder; seine Komödien gehören zu den besten, die über die Bühnen Rio de Janeiros gingen; er zeichnet sich auch als fruchtbarer Romanschriftsteller aus, und seine beiden Romane „Die Brünette" (A morenhinha) und „Der Blondin" (O mo^o louro) haben ihm die vollste Gunst des Publikums gewonnen; S. de Alencar^ dessen Komödien als treffliche Sittengemälde Rios, wenn auch nicht immer der Form nach vollendet, durch ihre Wahrheit und ihr frisches Colorit die grössten Erfolge erzielten; Joaquim Norherto de Souza Silva, einer der hervorragendsten Dichter Brasiliens, vielseitig, fruchtbar, geistreich, stets nach Vollkommenheit in der Form strebend, reich an herrlichen Ge- danken und oft gewaltig in seiner Sprache, im Umgange schlicht, bescheiden und liebenswürdig; Vamhagen habe ich schon oben n* Digitized by Google 164 erwähnt, seine Verdienste um die brasilianische Literatur siiad in mannichfacher Beziehung sehr bedeutend. Seit ein paar Jahren erscheint in Kio de Janeiro eine Revue unter dem Titel : „Revista populär", die schon nach kurzem Be- stehen die regste Theilnahme in weitesten Kreisen* för sich ge- wonnen hat. Sie zählt die besten literarischen Kräfte zu Mit- arbeitern und ihre ganze Tendenz berechtigt zu d^ Hoffnung, dass sie einen sehr wohlthätigen Einfluss auf den noch wen^ geläuterten Geschmack des grossen Publikums ausüben wird. Ich will diesen Abschnitt nicht verlassen, ohne noch einige Bemer- kungen über ^ie so sehr wichtige Tagespresse zu machen. Die Journalistik in Rio de Janeiro hat unbestreitbar eine den grossartigen Dimensionen der Hauptstadt, den ausgedehnten und wichtigen Handelsverhältnissen, dem Centralpunkte einer con- stitutionellen Monarchie mit freiester Presse und einem sieb immer mehr und mehr entwickelnden wissenschaftlichen Lieben entsprechende wichtige Stellung errungen. Eine grosse Zahl von politischen Tages- und Wochenblättern und, wie wir ge- sehen haben, belletristischer und fachwissenschaftlicher Jour- nale befriedigt in ausgedehntestem Masse die Bedürfnisse und das Verlangen nach Politik, Tagesneuigkeiten, Unterhaltung und Belehrung. Die erste Stelle unter den Tagesblättern nimmt sowol an Abonnentenzahl als an Grosse das „Jornal do commercio" ein. In letzterer Beziehung rivalisirt es mit den Riesenjournalen Eng- lands und Frankreichs. Um sich einen Begriff davon zu machen, genügt die Bemerkung, dass jede Seite 8 Spalten, eine vollstän- dige Spalte 281 Zeilen, also eine Seite 2248 Zeilen mit Perl- schrift gedruckt enthält. Das Papier ist stark und gut, der Druck so rein und correct als in irgendeinem Erzeugnisse der europäischen journalistischen Presse. Der Abonnementspreis beträgt für die Hauptstadt 24 Milreis jährlich; mit einem Poi*to- zuschlage von 4 Milreis wird es auf Hunderte von Meilen, bis in die entferntesten Provinzen versandt. Es erscheint täglich. Sonn- und Feiertage nicht ausgenommen. Das Jornal do commercio , Eigenthum der Nachkommen Digitized by LjOOQIC 165 eines naturalisirten Franzosen, war, solange die brasilianische Regierung kein eigenes Blatt hatte (bis 1862), ihr halbofBcielles Oi'gan und daher immer ministeriell, ohne eine ihm eigenthüm- liche unabhängige Politik zu verfolgen. Nur selten brachte es einen Leitartikel; es wurde grundsätzlich keine der ungemein wichtigen Fragen, die mit der Entwickelung des Kaiserreichs 80 innig verbunden sind, in diesem Blatte besprochen, und wenn zuweilen der Fall vorkam, dass in demselben doch die eine oder andere in Anregung gebracht wurde, so geschah es immer nur in Correspondenzartikeln aus den Provinzen, Man kann daher mit vollem Recht sagen, dass es seine wichtige, ich möchte sa- gen civilisatorische Aufgabe, die ihm durch seine Stellung ge- botene moralische Verpflichtung der Nation gegenüber nicht von fern erfüllt hat. Es war ein blosses Geldblatt, das aber mit bestem Erfolge seinen Zweck erreichte. Trotzdem es durch Grösse, Typenzahl und Geldertrag mit den ersten Journalen der Welt rivalisirte, stand es doch durch seine totale Bedeutungslosig- keit als historisches, politisches und volksbildendes Organ noch weit hinter den europäischen Blättern zweiten Ranges zurück. Ob es, seit die Regierung ein eigenes officielles Journal her- ausgeben lässt, sich zu einer ehrenvollem Stellung emporge- schwungen hat, kann ich nicht sagen, da ich es in den zwei jüngstverflossenen Jahren nur selten gelesen habe. Nach Ankunft der europäischen Dampfer ist das Blatt ausser- ordentlich reich an transatlantischen Neuigkeiten und publicirt mehrere Tage nacheinander die Mittheilungen seiner europäi- schen Correspondenten. Man vermisst dabei aber Gesinnungs- tuchtigkeit des Chefredacteurs. Ich habe z. B. in der nämlichen Nummer des Jornal do commercio einen Artikel gelesen, in dem der König Franz II. von Neapel als der edelste Monarch geschil- dert und die einzige wahre Stütze des europäischen Princips genannt wird, während auf der folgenden Seite ein anderer Artikel den Erfolgen Garibaldis in Sicilien entgegenjubelt und hoflPt, dass es dem Revolutionsführer bald gelingen möge, auch Neapel von dem Drucke der unausstehlichsten Tyrannei zu befreien! Da das Journal in mehrern europäischen Hauptstädten Correspon' Digitized by Google 166 denten von der entgegengesetztesten politischen Färbung hat, so kommt in dem Blatte unter der neuesten Politik ein solches Gremiseh zusammen, dass man oft glauben möchte, die Papier- körbe der verschiedensten europäischen Redactionen seien geleert und im Jomal do commercio abgedruckt worden. Es ist nicht in Abrede zu stellen, dass manche Correspondenten geistreich und angenehm schreiben und die politischen Zustände europäischer Länder (insbesondere Frankreichs) gut charakterisiren; meistens aber beschränken sie sich auf eine Revue aus europäischen Zei- tungen mit mehr oder minder pikanten Bemerkungen gewürzt, und ergehen sich gern in Stadtklatschereiei^ die bei der grossen Entfernung von sehr geringem Interesse sind. Mehrere Correspon- denzen haben unverkennbar einen specifisch- brasilianischen Le- gationsanstrich. Unter dem Titel „Gazetilha" ist eine Rubrik fiir Tagesneuig- keiten vom Hofe und der Stadt bestimmt; sie registrirt beson- ders gewissenhaft Diebstähle, die von der Polizei beigebrachten Gefangenen (meistens Neger imd Trunkenbolde) u. s. w., geiselt aber aber auch scharf und mit grosser Hartnäckigkeit viele Mis- bräuche, z. B. Postunordnungen, Strassenverunreinigungen, man- gelhafte Polizei u. s. f. Täglich werden auch die Witterungs- beobachtungen der Sternwarte mitgetheilt, an diese schliesst sich das Todtenverzeichnis^ an; es enthält Namen, Alter und Vater- land (aber nicht Stand) der Verstorbenen, nebst Bezeichnung der Krankheiten, denen sie erlegen sind. Vom December bis April begann jahrelang diese traurige Liste mit den Opfern des Gelben Fiebers. Nach der Gazetilha findet d&^ Mitgetheilte^ „Communicado^', seinen Platz. Diese Rubrik ist meistens kurz, aber beachtens- werth, denn man triflft; darin zuweilen ein Körnchen Wissen- schaft oder Patriotismus. Manche Artikel stehen in sehr naher Beziehung zu ministeriellen Bureaux, sie sind in der Regel mit gesperrter Schrift gedruckt. Den Commuhicados folgen die „Veröffentlichungen auf Ver- langen", Publicacoes a pedido^ ein Potpourri der verschiedenartig- sten Inserate, von denen ein Theil mit Namensunterschrift, die Digitized by LjOOQIC 167 Mehrzahl aber mit Pseudonamen versehen sind. Besonders letztere mithalten gewöhnlich Angriffe auf Behörden, Gesellschaften oder Private. Diese Rubrik ist ein unehrlicher Tummelplatz für alle Leidenschaften; ihr ist nichts heilig. In diesen Publicationen läuft ein jeder Gefahr, sein^ oder seiner Familie Ehre durch ir- gendeinen Schuft, der nicht die Stirn hat, offen aufzutreten, besudelt zu sehen. Es ist eine wahre Schmach, dass in dem grössten Journal der brasilianischen Hauptstadt diesem Mis- brauche schamlos Thor und Riegel geöffnet sind. Man wird vielleicht fragen, gibt es denn keine Gesetze, die demselben steuern, die dem ungerecht Verleumdeten zur Seite stehen und ihm Genugthuung verschaffen? Allerding« gibt es solche Gesetze, aber sie sind fast ganz wirkungslos. Der feige Verleumder kauft sich für eine grössere oder geringere Summe einen sogenannten Eisenkopf (testa de ferro), d. h. irgendein verworfenes Individuum, das die Ver- antwortung auf sich nimmt und nöthigenfalls noch eine hinrei- chende Anzahl erkaufter falscher Zeugen stellt. Der Verleumder entgeht also, wenn er nur Geld hat, jeder Verantwortung, er schiebt einen Dritten vor. Der Kläger findet daher nicht nur keine Genugthuung, sondern läuft sogar Gefahr, durch mein- eidige Zeugen die ungerechtesten Anschuldigungen gegen sich erhärtet zu sehen und bei einem theuern Processe noch sein Geld einzubüssen. Nur eine eiserne Handhabung der Gesetze unter loyaler Mitwirkung der Redacteure kann dieser Immoralität end- lich Einhalt thun. Den grössten Theil des Journals nehmen Ankündigungen aller Art ein; officielle Anzeigen, Mittheilungen von GeseDschaften und Vereinen, Schiffsanzeigen, Versteigerungen *), unzählige, zum *) In Bio de Janeiro finden taglich eine Anzahl theils gerichtlicher, vor- züglich aber freiwilliger Versteigerungen (leilaö) aller möglichen Gegenstände statt. Mit diesem Geschäfte sind 18 Versteigerer (Agentes matriculados de leiloes) betraut, die sich. in ihren Journalankundigungen zu überbieten suchen. Einer von ihnen, Namens Manoel de Oliveira e Sä, hat die Marotte, den Inhalt seiner Anzeigen gewöhnlich noch lateinisch zu recapituliren. Ich kann nicht omhin, einige Proben der Latinität dieses philologischen Versteigerers zu geben •. Opnlentae pictnrae optimis auctoribus factae proxime advenientibus istius urbis auctionandum. Digitized by Google 168 Theil illustrirte, kaufmännische Annoncen; einige Columnen sind mit Gegenstanden, die vermiethet, verkauft oder benöthigt werden (diese Anzeigen fangen mit den Worten an: aluga-^se, vende-se oder precisa-se), und in denen vorzuglich Sklaven die Hauptrolle spielen, und mit Theateranzeigen u. s* w. geföllt. Eine eigene Abtheilung des Journals fuhrt den Titel „Com- mercio". Sie behandelt mit grosser Ausführlichkeit die tägliche Bewegung des Handelsplatzes und des Hafens. Das Feuilleton dieses Blattes ist der schönen Literatur gewidmet. Früher hatten in demselben ausschliesslich Uebersetzungen franzosischer Romane die Herrschaft; in neuerer Zeit sind sie durch Original- arbeiten brasilianischer Schriftsteller etwas in den Hintergrund gedrängt worden. Das zweitgrosste Blatt ist der ^^Correio mercantil^^y redigirt von Dr. Francisco Octaviano de Almeida Rosa. Es hat eine ent- schieden liberale Tendenz, die es seit seinem 21jährigen Bestehen nie verleugnete. Treu seinem freisinnigen Programm hat es stets die Sklavereifirage auf eine Weise behandelt, die dem Re- dacteur in den Südstaaten Nordamerikas die schwersten Beleidi- gungen zugezogen, wenn nicht das Leben gekostet hätte. In Bra- silien hat es als entschiedene Gegner die streng conservative und die klerikale Partei, insbesondere letztere, weil es jedep ihrer üebergriffe unbarmherzig, gewohnlich aber erfolglos, geiselt Oc^ taviano ist ein vielseitig gebildeter^ hochbegabter Mann und rin feiner und geschickter Kedacteur. Seine Leitartikel sind meistens ganz ausgezeichnet, wenn auch oft von drastischer Schärfe, docl) in der Regel würdig gehalten.^) Dem Correio mercantil schliesst sich das „DtaWo do Rio de Janeiro ^^ mit einer noch ausgesprochenem liberalen Färbung an. Optimum forum admirabilis ornatis magnis gemmis primarlae qualitatis, horirii ex auro et argento facti, multa qüantitas argenti legis ab oper^. Optimis agriis propriis cum magna quantitate superiori aqua melioris loci proxime istius urbis, salutaris et visus melior est, poö plus ultra auctionandi. ^) Octaviano trat in neuester Zeit von der Redaction des „Correio" zu- rück. Er wurde 1865 als ausserordentlicher Gesandter nach den La-PJata- staaten geschickt und bald darauf vom Kaiser zum Minister des Aeussern er: nannt. Digitized by LjOOQIC 169 Sein Redacteur ist Dr. Joaquim Saldanha Marinho, wie Octaviano Advocat und Reichstagsabgeordneter fiir Rio de Janeiro* Sal- danha zeigt in seiner äussern Erscheinung, in seinen Reden und in seinem Blatte den Charakter eines unbeugsamen Volks- tribuns. Wehe den Ministern oder andern hohem Staatsbe- amten, die ihre Pflichten verletzen! Saldanha's Worte in den Kammern, seine Feder im Diario faUen wie Knutenhiebe auf die Schuldigen. Er ist der Racheengel des f erletzten Rechts. Der Ruf eines ehrlichen, geraden Mannes steht ihm zur Seite. Er vertritt seine politischen Ansichten aus tiefinniger üeberzeu- gung und lässt sich daher in seiner eingeschlagenen Bahn durch keine Rücksichten beirren. Nur in einem Lande mit den freisinnigsten Institutionen und dem vollsten Masse der Press- freiheit können Männer wie Saldanha freie Luft athmen; auf constitutionellem europäischen Boden würde ihr Liberalismus bald in sehr enge Schranken eingedämmt werden. Obgleich Correio mercantil und Diario do Rio de Janeiro an Abonnenten- und Typenzahl hinter dem Jornal do commercio zurückstehen, so überragt jedes von ihnen dieses weit an inne- rem Gehalte, Werth und Gesinnungstüchtigkeit. Die Einthei- lung dieser Blätter ist so ziemlich die nämliche, wie ich sie beim Jornal do commercio angegeben habe; auch sie haben ihre Rubrik „Publicacoes a pedido", die gar oft einer schmuzigenClöake gleicht. Ich habe mich immer gewundert, dass Männer wie Octaviano und Saldanha nicht das Unmoralische solcher Inserate einsehen und ihnen aus einem allen Gebildeten eigenen Schicklichkeitsgefiihl ihre Spalten verschliessen. Ich finde es z. ß. ganz in der Ord- nung, dass in einem grossen Blatte da, wo es die Pressgesetze gestatten, die Politik der Männer am Staatsrud'er in Leitartikeln der allerstr engsten Kritik unterworfen wird, dass unehrliche Handlungen, die sie sich etwa zu Schulden kommen lassen, un- nachsichtlich aufgedeckt und gebrandmarkt werden; aber es ist einer Redaction, die einen Begriff von Ehre und Anstand hat, unwürdig, wenn sie dieselben im Inseratentheile des Blattes durch erbärmliche Knittelverse und schmuzige Beleidigungen besu- Digitized by Google 170 dein lässt» Solche Angriffe sind den Schmeissfliegen unter den Journalen zu überlassen. Seit zwei Jahren lässt die Regierung ein officielles Journal unter dem Titel „Diario official do Imperio do Brasil" erschei- nen. Der Kedacteur ist nicht genannt. Es hat die nämliche Einrichtung und Tendenz Mae seine europäischen Schwestern, damit ist alles gesagt, was über dieses Blatt zu sagen ist. Mit dem 3. Januar 1863 trat ein äusserst zweckmässiges Journal, dessen Zweck es ist, Brasilien mit Europa in Beziehung zu bringen, ins Leben. Es fiihrt den Titel „Le Bresil", ist fran- zösisch geschrieben und erscheint nur viermal monatlich, nämheb nach Ankunft und vor Abgang der englischen und französischen Postdampfer. Für die mit Brasilien in Verbindung stehenden euro- päischen Handelsplätze ist dieses Journal sehr wichtig, indem es in allbekannter Sprache und in gedrängter Kürze die von einem Postdampfer zum nächsten vorgefallenen politischen Er- eignisse resumirt und über die Bewegungen im Handel und im Hafen ausfuhrlich berichtet. Ausser dem Eigenthümer des Blattes, Flavio Farnese, sind noch zwei Redacteure genannt; sie sind auch die eines andern Blattes „A actuaüdade". ^) Die Journale zweiten Ba.nges führe ich blos mit ihren Titeln an. Ich habe in Rio de Janeiro folgende gesehen: O Correio da Tarde, a Actualidade, a Regenerador (klerikal), o Imperio, o Echo da na^äo, o Archive municipal, o Paiz, a Mormotta, o Monarchista, a Sentinela do Povo, o Publicola, a Sonambula, o Entreacto, o Lusitano , PEcho du Bresil, \e Courrier de Bresil, zwei gehalt- und bedeutungslose französische Journale, Mojiitor Italianp. Ich weiss nicht, ob diese Liste vollständig ist. Die 22 hier angeführten Zeitungen genügen aber als Beleg für die grosse Entwickelung des journalistischen Lebens in Rio de Ja- neiro. Schliesslich muss ich noch eines trefflichen Blattes, der „Seinana illustrada" erwähnen. Es wurde von deutschen ^) Ihr Programm in der ersten Nummer des Blattes lautet: „Nous sommes liberauz sans restriction en politique et en commerce, en litterature et en re- ligion. Dans les questions que nous discuterons au Bresil, Tidee liberale do- minera toujpurs dans toute sa purete.'* Digitized by LjOOQIC 171 Künstlern, den Brüdern Fleiuss^ gegründet und fand beim Publi- kum der Hauptstadt rasch eine wohlverdiente, ausserordentlich günstige Au&ahme. Die zahlreichen Illuatrationen sind leicht mit Witz und Geschick gezeichnete Lithographien. Sie beziehen sich meistens auf politische Tagesfragen, Stadtneuigkeiten und bekannte Persönlichkeiten,, halten aber in der Caricatur stets ein taktvolles Mass. Der Text ist gut geschrieben und ver- räth sehr tüchtige einheimische Kräfte als Mitarbeiter. Zu- weilen findet in der Semana illustrada irgendeine Anekdote oder Geschichte aus den „Fliegenden Blättemi' einen Platz. Den Brasilianern sind diese Reproductionen unbekannt und haben daher für sie denselben Werth wie Originalarbeiten. Ich kenne aus keiner der übrigen südamerikanischen Hauptstädte ein ähn- liches humoristisches Blatt. Es bleibt mir nur noch übrig, von der letzten Blasse der Bevölkerung Kio de Janeiros, von der farbigen Bevölkerung zu sprechen. Ich scheide sie zu diesem Zwecke in vier Abtheilun- gen, nämlich in freie Farbige (gente de cor), freigelassene Neger (libertos), freie Afrikaner (africanos libres) und in Sklaven (cap- tivos). Die farbige Bevölkerung ist aus der Mischung der drei Haupt- rassen Weisse, Indianer und Neger hervorgegangen.*) Nach brasilianischer Nomenclatur heissen die Abkömmlinge von Weissen mit Indianern MamelucoSy von Weissen mit Negern Mulatosj von Indianern mit Negern Cafuzos^ von Indianern mit Cafiizos Xi- haroa. Diese Mischungen kreuzen sich unter den verschiedensten Verhaltnissen untereinander und mit den reinen Rassen. Das geübte Auge des Brasilianers findet auch da noch Mischungs- verhältnisse heraus, wo der europäische Anthropologe sie durch- aus nicht mehr zu bestimmen im Stande ist. Ein Mulatte, dessen Vater ein Weisser, dessen Mutter eine Negerin ist, unterscheidet sich für den Rassenkenner deutlich vom Mulatten, dessen Vater > ein Neger, die Mutter eine Weisse ist; das Nämliche gilt för ^) In neustfr Zeit sind auch noch die Mongolen, nämlich Chinesen, dazu- gekommen, aher in einem nur ^ehr schwachen Verhältnisse. Digitized by LjOOQIC 172 die Mamelucos und Cafuzos. Einer meiner brasilianischen Be- kannten, dessen Talent im Herausfinden von Rassenmischungen ich wiederholt anzustaunen Gelegenheit hatte, machte sich an- heischig, ohne zu fehlen, bis in die dritte Generation rückwärts die Abstammung irgendeines Farbigen angeben zu können; ja er behauptete, bei jedem Mulatten mit der grossten Sicherheit zu bestimmen, ob dessen Vater ein Portugiese oder ein anderer Europäer sei. Ich hatte leider nicht Gelegenheit, sein Talent in diesem speciellen Falle auf die Probe zu stellen^ aber nach den andern BeweisfKi, die er mir von der Richtigkeit seines Urthei- les gegeben hatte, zweifle ich kaum, dass er im Stande ist, seine Behauptung zu erfüllen. Die Farbigen, wenn wir unter diesen überhaupt die Indivi- duen gemiäphten Blutes verstehen, sind übrigens von den Voll- blut-Portugiesen oft kaum zu unterscheiden. Dies gilt vorzüglich von denen indianischer Mischung. Es ist wiederholt behauptet worden, dass neun Zehntel der Brasilianer gemischter Abstam- mung seien. Wenn auch diese Angabe zu hoch gegriffen ist, so ist doch nicht in Abrede zu stellen, dass nahezu vier Fünftel derselben dieser Kategorie einzureihen sind. Im ersten Jahrhunderte nach der Entdeckung Brasiliens war die Zahl der portugiesischen Frauen, die nach Brasilien übersiedelten, eine äusserst geringe, die Begiehung der Portu- giesen zu den Indianern aber sehr intim. Der Zuwachs der Be- völkerung Brasiliens bestand damals also, ausser aus den neuen Ankömmlingen vom Mutterlande her, hauptsächlich aus den Kindern der Portugiesen mit indianischen Weibern. Durch die Vermehrung der europäischen und gemischten Bevölkerung wur- den die Indianer allmählich mehr und mehr zurückgedrängt und die Rassenmischung in dieser Richtung verminderte sich etwas. Bald aber kam durch die Einführung der afrikanischen Sklaven ein neues, fruchtbares,; aber böses Element zu fernern Rassen- mischungen auf brasilianischen Boden und die Proportion der neugeborenen Kinder gemischter zu der rein europäischer Ab- stammung gestaltete sich allmählich wie 4:1. Diesee Verhältniss soll, wie mir Brasilianer, die ich in dieser Frage för durchaus Digitized by LjOOQIC 173 competent erachte, versicherten, auch noch heute das richtige sein. Sogenannte officielle Ausweise sind in dieser Beziehung durchaus nicht massgebend, denn es ist eine der schwachen Seiten der Brasilianer, sidi stets weisser zu machen, als sie es wirklich sind, und mancher prahlt mit seiner rein portugiesischen Abstammung, in dessen Adern Indianer-, oft auch Negerblut rollt. Sonderbar! als ob es weniger ehrenvoll wäre, von einem tapfern Indianervolk abzustammen als von Portugiesen! Die bra- silianischen Dichter besingen die Indianer in ihren schönsten Liedei:n, finden unter ihnen würdige Helden ihrer Epos und malen mit den feurigsten Bildern deren Edelsinn, Tapferkeit und eine Menge anderer Tugenden; aber ein jeder dieser Poeten wird sich auf das feierlichste gegen irgendein Abstanunungsverhält- niss zu ihren Idealen verwahren. ^) Wie hoch steht auch in dieser Beziehung der grosste Brasilianer, der unsterbliche Jose Boni- facio d'Andrade e Silva da, von dem Magalhäes singt: £ desse sabio Andrada que se ufana Co'os illustres irmäos de ter nas veias Sangue de Teb'ri^a e dos Tamojos. Ich habe oben gesagt, dass durch die Neger ein böses Ele- ment zur Eassenmischung nach Brasilien gebracht wurde. Die Erfahrung hat in allen Ländern, in denen Sklaverei bestand oder noch besteht, unwiderlegbar nachgewiesen, dass jede Rasse und Vermischung mit Negern einen bedeutenden Rückschritt macht. Man hat sogar behauptet, dass die gemischten Ab- kömmlinge von Negern noch weit unter diesen selbst stehen. Diese Angabe scheint mir nur zum Theil begründet zu sein. Es steht wol fest, dass die Kinder von Negern mit einer höher begabten Rasse an intellectuellen Fähigkeiten ihren schwarzen Aeltern im allgemeinen bedeutend überlegen sind, weniger in rein mechanischen Fertigkeiten ; der Charakter aber der Misch- linge ist durchschnittlich weit schlechter als der der Neger. Es gibt vielleicht auf der Welt keine verworfenere Menschenklasse als die Mischlinge von Negern und Indianern, die Caftizos oder *) Und von jenem weisen Andrada, der sich rühmt, mit seineu erlauchten Brüdern in den Venen Blut von Tebiri^a und Ton den Tamoyos zu haben. Digitized by Google 174 Zambos, wie sie im spanischen Südamerika genannt werden. Sie sind um so schlechter, je tiefer der Indianerstamm steht, dem der Vater oder die Mutter angehörte. Etwas besser sind die Mulatten. Es gibt unter ihnen sogar au^ezeichnete Männer von hoher geistiger Begabung, einem ausgedehnten Wissen und einer vielseitigen, gründlichen Bildung, Männer, die als Politiker, Schriftsteller, Künstler, oder Feldherren sich grossen Ruhm erworben haben. Es sind aber doch immer nur seltene Ausnahmen. Im aUgemeinen ist der. Mulatte äusserst sinnlich, leichtfertig, leichtsinnig, meist arbeitsscheu, dem. Spiele und Trünke ergeben, rachsüchtig, hinterlistig und verschlagen. Er ist zu allem zu gebrauchen, zu allem fähig und liefert auf die Anklagebank der Schwurgericjite, in die Gefängnisse und das Zuchthaus das grosste Contingent. Manche Reisende sprechen mit einem wahren Enthusiasmus von den Reizen und der Schönheit der Mulattinnen. Ich mei- nerseits gestehe unverhohlen, dass meine Begriffe von weiblicher Schönheit ganz andere sind und ich durchaus nicht den Lob- redner von Mulattinnenschonheiten machen kann. Ein schlan- ker Wuchs, üppigste Formen, verfiihrerische Bewegungen, ein feuriges Auge mögen wol Reize haben, sie allein aber machen noch nicht die Schönheit eines Weibes. aus. Auch im Gesichte der schönsten Mulattin ist keine Spur von edler Form zu ent- decken. Die Nase ist immer breit, die Lippen mehr oder We- niger wulstig aufgeworfen, der Blick ohne Geist, wohl aber feurig, sinnlich -herausfordernd, der Teint gelbbraun und die Hautausdünstung von specifisch ekelhaftem Geruch. Sie aUein ist schon hinreichend, jede Illusion recht gründlich zu zerstören. Unbegrenzte Eitelkeit und wollüstige Sinnlichkeit sind die Grundzüge des Charakters der Mulattenweiber. Sie lieben für ihre KJeider die schreiendsten Farben; Schmuckgegenstände sind ihre höchste Ambition. Sie sind glücklich, wenn an ihnen alles nur schimmert, flimmert und glänzt, die Zusammenstellung mag noch so geschmacklos sein. Nur den Turban, den sie oft tra- gen, wissen sie mit Grrazie zu Mdnden. Die Mulattinnen verbeirathen sich verhältnissmäsaig selten ; Digitized by LjOOQIC 175 es entspricht ihren Neigungen weit mehr, in wilder Ehe zu leben, um dadurch,die Möglichkeit zu haben, freier mit Männern wech- seln zu können. Ihrem zügellosen Leben kommt noch der Um- stand zu statten, dass sie, wie dies bei Bastarden so gewohnlich ist, sehr häufig unfruchtbar sind. Ein brasilianischer Statistiker versicherte mir, dass nach annäherungsweiser Schätzung drei Die Mulattin. Viertel der Maitressen und öffentlichen Mädchen der Hauptstadt aus Mulattinnen bestehen. In vorgerücktem Alter haben sie eine grosse Neigung zu starkem Fettansätze. ^ Einen Grad hoher als die Mulatten stehen die Mamelucoa (im spanischen Südamerika Mestijzos geheissen). Sie sind in Brasilien numerisch stark vertreten, besonders aber aus Gründen, Digitized by LjOOQIC 176 die ich schon oben angefiihrt habe, die Mischlinge von Mestizen. Da der Typus der Indianer vom europäischen nicht so sehr ab- weicht wie der des Negers, so ist schon der Nachkomme eines Portugiesen mit einer Mestizin für das an Rassenunterschiede wenig geübte Auge kaum noch vom reinen Portugiesen zu un- terscheiden. In Hinsicht auf den Charakter sind die Mamelucos den Mulatten vorzuziehen, trotzdem bei ihnen die Nationalfehler der Indianer scharf genug hervortreten. Indolenz, und Träg- heit herrschen bei ihnen vor, besonders unter Verhältnissen, in denen es ihnen an jeder geistigen Anregung fehlt. Die einheimischen Handwerker gehören der EHasse der far- bigen Bevölkerung an (Freie oder Sklaven); der weisse Brasi- lianer, in dessen Augen körperliche Arbeit entehrt und der es beinahe für eine Schande ansieht, wenn jemand nicht einiifial einen Sklaven besitzt, der ihn bedient, hält es tief unter seiner Würde, ein Handwerk zu lernen. Er zieht es vor, bei einem Kaufinann als Commis (Cacheiro) einzutreten und später ein selbständiges Geschäft zu etabliren, um bald darauf zu Grunde zu gehen, und so lange sich wieder zu etabliren und zu falliren, als er noch irgendein Handlungshaus findet, das ihm Waaren borgt. Ein weisser Familienvater sieht lieber seine Sohne als Faulenzer, Spieler und Taugenichtse, denn als Hand- werker. Handwerker können ja nur die tiefer stehenden Schwar- zen und höchstens Fremde sein. Dieser sinnlose Hochmuth ist eine wahre Calamität für das Reich , denn er vermehrt das weisse Proletariat und hindert den Stand der Handwerker, sich auf die hohe, wichtige und ehrenvolle Stufe zu schwingen, die er in Europa einnimmt, wo er eine mächtige Stütze eines jeden Staa- tes ist und in seinen Reihen treffliche Bürger und sichere Steuer- träger zählt. Trotzdem sich eine beträchtliche Anzahl Europäer als Handwerker in Brasilien niedergelasseü und zum grossen Theil auch wohlhabende Leute geworden sind, so genügten doch diese Beispiele nicht, die Abneigung der weissen Brasilianer zu überwinden, und es dürften unter tausend Lehrlingen auch heute kaum zwei bis drei weisse Brasilianer sein. Lieber im Nichtsthun, auf die elendeste Weise zu leben und mit Weib und Kind zu Digitized by LjOOQIC 177 darben, als durch ein Handwerk zum wohlhabenden Manne zu werden, das scheint die Maxime eines grossen Theiles der sich so sehr überschätzenden Brasilianer romanischer Abkunft zu sein. Diese erste Abtheilung der farbigen Bevölkerung hat volles Anrecht auf alle von der Constitution den brasilianischen Bür- gern verheissenen Vortheile. Die zweite der von mir angeführten Abtheilungen umschliesst die freigewordenen Sklaven (JJhertos), Sie werden frei, indem sie entweder ihrem Herrn den Schätzungspreis aus eigenem, verdientem Gdide selbst bezahlen, oder indem ihnen von ihrem Herrn die Freiheit geschenkt wird. Für eine gewisse Klasse von Negern ist es, wie wir bald sehen werden, nicht schwer, eine selbst hohe Summe Geldes, womit sie ihre Freiheit erkaufen können, zu verdienen. Wenn diese Loskaufungen dennoch verhältnissmässig selten vorkommen, so liegt der Grund vorzüglich darin, dass die Neger es nur aus- nahmsweise verstehen, einen richtigen Gebrauch von ihrem Gelde zu machen, und dasselbe weit lieber für Branntwein, Spiel, Ver- gnügungen, Lotterien u. s. f. ausgeben, als es zur Erlangung ihrer Freiheit zinsbringend anzulegen. Vor Aufhebung der Sklaveneinfuhr, als die Neger noch niedrig im Preise standen, kam es weit häufiger vor, dass Sklaven von ihren Herren die Freiheit geschenkt wurde, als gegenwärtig. Damals geschah es sehr oft, dass der Sklavenbesitzer das Kind irgendeiner bevorzugten Negerin, sei es aus persönlicher Nei- gung, sei es aus Rücksicht auf einen befreundeten Pathen, frei- taufen liess, oder dass dieser dem Besitzer für die Freiheit des Täuflings eine geringe Entschädigung bezahlte. Damals war es auch fast feststehende Regel, dass der wohlhabende Sklavenhalter in seinem Testamente einem oder mehrern Sklaven die Freiheit schenkte. Das kommt auch jetzt noch vor, wiewol weniger häufig als ehedem. Das Los der freigelassenen Neger ist selten ein rosiges. Der Freibrief begründet nur allzu oft recht eigentlich ihr Unglfick. TschuUi, Reisen durch Südamerika. \. 12 Digitized by Google 178 Mit den Schuhen ') kommen nicht auch die Subsistenzmittel, und der Neger, der als Sklave weder für seine Kleidung noch Nah- rung zu sorgen hatte, muss als Freier häufig am Hungertuche nagen. Nicht dass es ihm an Gelegenheit fehlen würde, hinrei- chenden, ja reichlichen Verdienst zu finden, aber, einmal seiner Fesseln entledigt, weiss er keinen vernünftigen Gebrauch von seiner Freiheit zu machen; er ist auch gleich zu stolz. Arbeite», die er als Sklave geleistet, auch als Freier zu verrichten. Er wird sehr leicht Faulenzer, Säufer, Dieb oder Bettler und re- currirt als solcher am häufigsten an seinen alten Herrn. Ein plötzlicher Uebergang von Sklaverei zur Freiheit ist für den Neger immer eine gefährliche Klippe und für jedes Land, in dem er im grossen stattfindet, eine wahre Calamität, oft sogar ein entschiedenes Nationalunglück. Obgleich die freigewordenen Sklaven nach Artikel 6 der Verfassung brasilianische Bürger sind, so befinden sie sich doch nicht im VoUgenusse der constitutionellen Vorrechte, denn nach Artikel 94 der Verfassung dürfen sie nicht Wahlmänner bei Deputirten- und Senatorenwahlen sein, können also selbst auch nicht in den Gesetzgebenden Körper gewählt werden. Vor wenigen Jahren ernannte der Kaiser aus einem Temo- vorschlage der Wähler einen Senator für eine der grössten Pro- vinzen des Reichs. Ein durch diese Ernennung tief verletzter Gegencandidat wollte den Beweis liefern, dass der Ernannte nach der Constitution nicht Senator sein könne, da er der unehe- liche Sohn eines katholischen Geistlichen mit einer Sklavin und blos ein Liberto sei. Genauere Nachforschungen stellten schliess- lich heraus, dass die Negerin schon vor der Geburt des heutigen Senators ihre Freiheit erlangt hatte. In die dritte Abtheilung der farbigen Bevölkerung habe ich die freien Afi'ikaner (Africanos libres), gesetzt. Wer mit den brasilianischen Verhältnissen nicht vertraut ist, wird diese Be- zeichnung nicht verstehen. Sie wird nämlich für diejenigen Neger *) Die Sklaven dürfen keine Schuhe tragen. Das erste, was sich daher ein Freigewordener anschafft, ist eine Fussbekleidung. Digitized by LjOOQIC 179 gebraucht, die nach Aufhebung des Sklavenhandels auf den von brasilianischen Kreuzern au%ebrachten Negerschiffen vorgefun-r den wurden. Es ist hier nicht der Ort, auf die englischen Bestrebun- gen zur Unterdrückung des Sklavenhandels, auf die bekannte Bill Aberdeen's von 1845, auf die unerhörte Pression Eng- lands und dessen rohe maritime Gewaltthatigkeiten gegen Brasilien, auf die Mission Lord Howard's an den brasiliani- schen Hof (1850 — 52) und auf seine und seines Nachfolgers (M' Southern) Bemühungen zur vollständigen Unterdrückung der Sklaveneinfuhr nach Brasilien einzugehen; ich will nur er- wähnen, dass im Jahre 1850 der eigentliche Sklavenhandel auf- gehoben wurde, und dass dei» Kaiser Dom Pedro ü. in seiner Thronrede beim Schluss der Kammern, am 14. September 1851, feierlich, erklärte, dass er mit den kräftigsten Mitteln den Skla- venhandel unterdrücken werde, und dass auch seit jener Zeit, dank dem ernsten kaiserlichen Willen und der Wachsamkeit der brasilianischen Flotte, die Sklaveneinfuhr nun gänzlich auf- , gehört tat. Während bis zum Jahre 1845 die Zahl der jährlich nach Brasilien importirten Sklaven zwis(;ihen 50 — 80000 betrug, kam sie in den ersten Jahren des vorigen Jahrzehnts auf 12 — 1500 pr. Jahr. Die Ueberwachung der brasilianischen Küste wurde indessen mit einer solchen Strenge fortgesetzt, dass es nach 1855 keinem Sklavenhändler mehr gelang, auch nur einen einzigen Neger unbehelligt nach Brasilien einzufuhren. Ein paar Versuche in neuerer Zeit (einer in der Provinz Bahia, ein Miderer in der Provinz Espiritu Santo) liefen för die Unternehmer so unglück- lich ab, dass seit ungefähr fünf Jahren kein einziges Negerschiff mehr gewagt hat, sich der brasilianischen Küste zu nähern. Man kann daher mit voller Wahrheit sagen, dass der Sklavenimport nach Brasilien gänzlich aufgehört hat. Die nach Aufhebung des Sklavenhandels von den brasiliani- schen Kreuzern auf den Negerschiffen vorgefundenen Schwarzen waren nach dem Gesetze frei, sobald sie den brasilianischen Boden betraten. Die kaiserliche Regierung. konnte ihnen allen unmög- lich die volle Freiheit geben, ohne sich ihrer anzunehmen; 12* Digitized by Google 180 was hätte sie diesen Unglücklichen genutzt in einem Lande, dessen Sitten und Sprache sie nicht kannten? Noch weniger hätte es genutzt, sie nach dem Orte ihrer Einschififiing, an die afrikanische Küste, zurückzubringen, sie wären ja dort den Skla- venhändlern unverzüglich wieder in die Hände gefallen und dann wahrscheinlich nach den südlichen Vereinsstaaten oder Cuba reexportirt worden. Zudem wären dem Lande sehr bedeutende Unkosten durch solche nutzlose Rücksendungen erwachsen. Die Regierung suchte daher nach andern Auswegen und be- schloss in erster Reihe, diese Neger an bekannte angesehene Fa- zendeiros gegen Kost, Kleidung und einen geringen Lohn zu vermiethen. Bestimmte Verordnungen wurden erlassen, um dieses Dienstverhältniss zu regeln und den freien Afrikanern den mög- lichsten Schutz zu gewähren. Diese Massregel war eine gänz- lich fehlgegriffene. Hunderte solcher freier Afrikaner wurden von Fazendeiros, oft mit Vorwissen bestochener gewissenloser Behörden, auf die raffinirteste Weise zu Sklaven gemacht. Fast ausnahmslos wurden sie aber den Sklaven gleich gehalten und ebenso hart wie diese behandelt. Dem bevollmächtigten Minister Englands, M' Southern, ge- lang es endlich 1854, die brasilianische Regierung dahin zu be- stimmen, dass alle diese freien Afrikaner nach 14jähriger Dienst- zeit de jure et de facto frei sein sollten, dass also das nämliche System befolgt werde, wie England selbst es auf seinen west- indischen Inseln eingeführt hatte. Da schon früher die brasilianische Regierung durch das Gesetz Nr. 581 vom 14. September 1850 den Grundsatz ausge- sprochen hatte, dass in keinem Falle mehr gekaperte Neger Privatleuten zum Dienst überlassen, sondern nur bei Regierungs- arbeiten verwendet werden sollen (seräo empregados em trabalho debaixo da tutela do Governo), bis und so lange sie nicht auf Regierungskosten nach irgendeinem passenden Punkte ausserhalb des Reiches gebracht werden, so wären diese freien Afrikaner in Brasilien in einer weit bessern Lage gewesen, als die englischen, die genöthigt sind, bei Pflanzern harte Contraete auf 14 Jahre Digitized by LjOOQIC 181 abzuschliessen, wenn die kaiserliche Regierung ehrlich und pflicht- gemäss vorgehen würde, i) Das Verhältniss der Africanos libres nimmt ein interessantes Blatt in der neuern Geschichte Brasiliens ein, muss aber jedem billig denkenden Brasi- lianer die Schamrothe ins Gesicht jagen. Der erste Vertrag zwischen England und Portugal über die allmähliche Abschaffung des Sklavenhandels datirt vom 19. Februar 1810, in welchem Por- tugal nur noch das Recht vorbehalten wurde, Sklaven einzig und allein in den portugiesischen Besitzungen an der afrikanischen Küste zu kaufen. Beim Wiener Congress wurde der zweite Vertrag zwischen diesen beiden Mächten abge- schlossen (15. Januar 1815), in dem den portugiesischen Schiffen der Sklavenhandel von irgendeinem Punkte der afrikanischen Küste nördlich vom Aequator streng- stens verboten wird. In einem Additionalvertrage vom 18. Juli 1817 werden fernere Bestimmungen zur Beschränkung des Sklavenhandels vereinbart und festgesetzt, dass gemischte Commissionen mit dem Sitze in England, Brasilien und an der afrikanischen Küste alle Fälle von aufgebrachten, einen unerlaubten Sklavenhandel treibenden Schiffen abnrtheilen sollen. In §. 7 wurde ferner bestimmt, dass alle Neger von solchen Schiffen der Regierung des Landes, in dem der Fall abgeurtheilt wurde, übergeben und von ihm als freie Ar- beiter verwendet werden sollen. Eine neue Convention vom 23. November 1826, zwischen England und Brasilien abgeschlossen, stellte fest, dass solche Neger in kürzester Frist wieder nach der afrikanischen Küste gebracht werden sollen. Diese Bestimmung wurde von der brasilianischen Regierung durch das Gesetz vom 7. November 1831 und das Decret^vom 12. April 1832 sanc- tionirt. Mit einer cynischen Heuchelei und einem wahren Jesuitismus erklärte die brasilianische Regierung im Aviso vom 29. October 1834, warum sie die vom Gesetze angeordnete Reexportation nicht ausgeführt habe und vorder- hand auch nicht ausführen werde, und bestimmte die Bedingungen, unler denen diese freien (!) Neger an Private, vorerst nur im Municipium Rio de Janeiro, übergeben werden, als schon ein Jahr später durch Aviso vom 19. October ] 835 verordnet wurde, dass sie auch Fazendeiros des Municipiums einer jeden Provinzialhauptstadt übergeben werden können. Ein Aviso vom 7. März 1836 eröffnete in der Staatskasse eine eigene Rubrik für die aus der Vermiethung dieser Neger einfiiessenden Gelder, und seit 1843 figurirten sie alljährlich im Budget unter den Staatseinnahmen ! Von den Fazendeiros, die freie Afrikaner von der Regierung übernahmen, wurde sehr häufig ein schändlicher Misbrauch mit diesen Unglücklichen getrieben und unzählige davon auf die niederträch- tigste Weise zu wirklichen Sklaven gemacht. Ein Aviso vom 15. September 1836 suchte zwar diesem Unwesen zu steuern, es blieb aber nach wie vor dasselbe. Als endlich England mit der Aufhebung des Sklavenhandels bittem Ernst machte, wurde von der brasilianischen Kammer durch Gesetz Nr. 581 vom 1. September 1850 von neuem die Reexportation der freien Afrikaner an die afrikanische Küste decretirt und zugleich bestimmt, dass dieselben unter keiner Bedingung mehr an Private übergeben werden dürfen. Wie ernst es der Regierung jedoch mit ihrer Gesetzesvorlage war, beweist das Decret vom Digitized by Google 182 Die Regierung verwendet die freien Afrikaner theils zum Strassenbau, theils in ihren öflPentlichen Anstalten sowol in der Hauptstadt als auch in entferntem Provinzen. Eine Anzahl dieser Schwarzen wurde z. B. in die Militärcolonie Itapura tief im Innern der Provinz Sao Paulo geschickt, wo sie theils als Strassen-, theils als Feldarbeiter ihre Verwendung finden. Sie erhalten Kleidung, Militärration und 100 Reis tägliche Löhnung (Weiber und Kinder unter 12 Jahren die Hälfte), ausserdem wird einem jeden ein Landlos als Eigenthum angewiesen, zu dessen Bearbeitung ihm wöchentlich zwei Werktage frei ge- währt sind. Nach sechsjähriger guter Aufführung werden diese Afirikaner vollständig emancipirt und erhalten ihren Freibrief. Es sind das, wenn stricte eingehalten, sicherlich keine drücken- den Bedingungen. Das Tagelohn dieser Neger ist zwar sehr gering, da sie aber bekleidet und beköstigt werden und Land- eigenthümer sind, so sind sie doch noch in einer viel günstigem Lage als Tausende von Colonisten, die selbst für Nahrung und Kleidung sorgen müssen. Die Regierung hat dem Finanzausweise von 18C3 zufolge in den Jahren 18^%7 — IS^Ve^ an Tagelöhnen für die freien Afri- kaner 22:629 Milreis (60000 Franken) beim Staatschat^e deponirt. Ob Miese Summe einst dazu benutzt werden wird, diese Neger nach Liberia oder irgend einem andern geeigneten Pimkt an der afrikanischen Küste zu transportiren, oder ob jedem ein Conto eröffnet ist und ihm sein Theilbetrag nach der Emancipation behändigt wird, weiss ich nicht, ebenso wenig, welche politische Stellung sie dann im Staate einnehmen werden ; vermuthlich die der Libertos, obgleich sie, rechtlich genommen, nie Sklaven waren. 20. December 1853, welches verordnet, dass aHe freien Afrikaner, die an Pri- vate überlassen wurden, nach 14jahrigem Dienste emancipirt werden sollen, wenn sie es verlangen, aber nur unter der Bedingung, dass sie nur an dem Orte wohnen dürfen, der ihnen von der Regierung bezei^net werde, und dass sie Dienste gegen einen bestimmten Lohn übernehmen müssen. Erst im Jahre 1865 wurde, dank dem Einflüsse und der warmen nn^ ern- sten Befürwortung einer wahrhaft freisinnigen Presse, die Emancipation der Africano libres zur Wahrheit Digitized by LjOOQIC 1-83 In einer officiellen Liste einer bedeutenden Anzahl Africanos libres fand ich folgende afrikanischen Nationen vertreten: Ben- Hausneger (Bengoella). guella, Angola, Quimguaguella, Quigaguella, Qui^aman, Mucongo, Congo, Mina (meist Mohammedaner), Muxicongo, Mnxiguinge, Muciimbe,.Cassange, Cabiuda, Chuatama, Kelimane, Anguiz, Co- congo, Libama. Endlich haben wir noch einen Blick auf die letzte Abthei- lung der farbigen Bevölkerung zu werfen. Sie umfasst die Sklaven (Captivos oder Escravos). Es kann natürlich nicht in meiner Absicht liegen, dieses Thema, das Stoff zu einem dick- leibigen Buche liefern könnte, hier einlässlich zu behandeln und dadurch schon längst Bekanntes wiederzugeben; ich will nur einzelne Züge hervorheben, die jedoch hinreichend das ganze Digitized by LjOOQIC 184 Wesen der Sklaverei charakterisireu. leb werde ohnehin noch später Gelegenheit haben, diesen Krebsschaden des socialen Zu- standes Brasiliens wiederholt zu berühren. Lichtfarbige Sklaven, also Mulatten und ihre Descendenten, sind in Brasilien weit seltener, als sie es, die numerischen Proportionen gewahrt, in den übrigen Staaten Südamerikas waren und es jetzt noch in den südlichen Vereinsstaaten, und auf Cuba sind. Sie verstehen es in der Regel weit besser als die Schwar- zen, sich den Launen und dem WilUen ihrer Herren zu acco- modiren, werden daher besonders als Haussklaven vorgezogen, und es wird ihnen als solchen auch eher die Freiheit geschenkt. Ich habe in Brasilien ein einziges mal eine ganz lichte, fast weisse Sklavin gesehen, und auch dieser war fiir ihre bevorstehende Verheirathung der Freibrief zugesichert. Ueber die Behandlung der Sklaven im allgemeinen in Bra- silien wird sehr verschieden geurtheilt. Von einigen Schrift- stellern wurde sie als ausserordentlich hart, von andern als mild geschildert. Ich halte es für fast unmöglich, ein Urtheil im allgemeinen darüber abzugeben. Die Behandlung hängt ja ganz von der Individualität des Herrn und seiner Sklavenaufseher so- wie der Sklaven selbst ab. In vielen Fazendas werden die Skla- ven reichücli genährt, gut gekleidet und mild behandelt; in an- dern dagegen werden sie elend und roh gehalten und un- menschlich gezüchtigt. Das Nämliche gilt für die Haussklaven. Am meisten mishandelt werden sie in der Regel von Portugiesen, Franzosen (besonders den Frauen) und von freien Mulatten. Die gebildete Klasse der Brasilianer ist durchschnittlich durchaus mild gegen die Sklaven. Unmenschlichkeit und Grausamkeit sind dem weissen Brasilianer fremd; daher überschreiten die Züchti- gungen der Neger bei diesen auch selten das Mass, das in man- chen europäischen Ländern selbst heute noch bei der Marine und dem stehenden Heere üblich ist. Es ist jedenfalls ein an- erkennenswerth schöner Nationalzug, dass dem Sklaven, fiir den selbst von einem Unbekannten eine Fürbitte eingelegt wird, ohne weiteres die Strafe erlassen wird. Wenn man hört, dass ein Brasilianer seine Sklaven schlecht halte, so kann man fast Digitized by LjOOQIC 185 mit Gewissheit annehmen, dass er entweder ein Farbiger ist, oder dass er sich bei erster Gelegenheit seiner rein portugiesi- schen Abstammung rühmen wird. Der brasilianische und portugiesische Sklavenhalter wird den fehlenden Sklaven nie in einem Ausbruche von Zorn mit Ohr- feigen, Fusstritten, Prügeln u. dgl. strafen. Für schwere Ver- gehen hat er die Peitsche (bacalhao), für leichtere die Pritsche (palmatoria) , mit der auf die flache Hand eine Anzahl Schläge applicirt werden. Es ist eine allgemeine Annahme, dass es sehr gefährlich sei, einem Neger Ohrfeigen zu geben, indem dieser stets den Kopf so zu drehen wisse, dass der Schlagende sich an den Zähnen, die ihm dieser fletschend entgegenhält, verletze, solche, wenn auch nur leichte Wunden, aber immer einen höchst bösartigen Charakter annehmen. . . . „Wenn ein Neger etwas recht und ordentlich macht, so ge- schieht es nur, weil er fehlt, denn seiner Natur nach muss er alles verkehrt und schlecht machen; man darf sich daher nicht wundern, wenn wir oft die Geduld verlieren und hart strafen lassen ", sagte mir einst ein alter Mann, der mehr als 70 Jahre lang stets von zahlreichen Sklaven umgeben war. Diese eigen- thümliche Ansicht überraschte mich und kam mir anfangs fast lächerlich vor; ich habe aber mit der Zeit vollkommen begriffen, dass man nach längerm Verkehr mit Negern diese Anschauungs- weise dennoch nicht ganz so irrig findet, als es auf den ersten Moment den Anschein hat. Sicherlich reisst auch dem sanftesten Gemüthe endlich die Geduld, wenn die dienstthuenden Neger tagtäglich, sei es aus Absicht, Leichtsinn, Bosheit, Trägheit oder Dummheit, selbst die einfachsten Dienstleistungen immer wieder verkehrt machen. Hausdienste werden in Rio de Janeiro mit seltenen Aus- nahmen von Sklaven verrichtet. Sie sind Köche, Kutscher, La- kaien, Bediente, Wäscherinnen, Näherinnen u. s. w. Ihre ekel- haft penetrante Hautausdünstung (catinga) macht sie fiir Dienst- leistungen im Innern der Gemächer den Fremden beinahe un- erträglich. Ueberdies sind sie nicht gerade Muster von Reinlich- Digitized by LjOOQIC 186 keit und nur die strengste Aufsieht kann sie an Reinlichkeit und Ordnung gewohnen. Eine Negerin im Sonntagsputz. Es wäre ebenso irrig als ungerecht, den Negern Fähigkeiten und Talente abzusprechen. Für mechanische Arbeiten zeigen sie viel Geschick; sie haben besonders einen ausgesprochenen Nach- ahmungstrieb, während ihnen rein schöpferische Talente mangeln. Als Handwerker 'sind sie oft sehr brauchbar, und als Maurer, Steinmetze, Zimmerleute, Tischler, Sattler u. s. w. zuweilen ausgezeichnet geschickt. Mancher Sklavenhalter gewinnt durch Vermiethung seiner Negerhandwerker bedeutende Summen Gel- des. Ich kannte einen Neger als Kellner auf einem Dampf- schiffe, der seine regelmässigen Fahrten zwischen Rio de Janeiro Digitized by LjOOQIC 187 und dem Hafen von Santos machte, und in seinen Mussestunden den Prolog zu einer Komödie geschrieben hatte, die viele gute Gedanken enthielt und jedenfalls von nicht gewohnlichen Fähig- keiten des Verfassers zeugte. Eine eigene Klasse bilden die sogenannten Negros de ganho. Es sind jene Sklaven, die ihren Herren eine gewisse tägliche Abgabe zahlen, dafür aber auf eigene Faust ihrem Verdienste nachgehen, und diesen auch, insbesondere als Lastträger, reichlich finden. Es wurde mir ein Portugiese genannt, der 200 solcher Sklaven besitzt. Sie erhalten von ihrem Herrn weiter nichts als jährlich zwei baumwollene Hemden, in denen die Nummer eines jeden eingenäht ist, und zwei solche Beinkleider. Sie müssen sich selbst verköstigen und per Kopf täglich ihrem Besitzer 4 Patacas (1280 Reis, circa 4 Franken) abliefern. Den Ueber- schuss ihres Verdienstes können sie für sich selbst behalten. Sie sind rottenweise abgetheilt und solidarisch füreinander haftbar. Entflieht einer von ihnen und wird er nicht mehr eingefangen, so müssen die übrigen täglich einen Mehrbetrag abliefern, bis der Werth des Entflohenen dem Herrn ersetzt ist Diese Skla- ven, meist sehr kräftige Individuen, sind hauptsächlich als Last- träger im Zollamte verwendet und verdienen in diesem Dienste viel Geld. Sechs Neger tragen z. B. ein Piano und erhalten je nach der Entfernung, wenn diese nicht zu weit ist, 12 — 20 Mil- reis Trägerlohn. In ein paar Stunden verdient also in diesem Falle ein jeder das Zwei- bis Dreifache seines täglichen Tributs. Sehr oft gewinnen sie in einem Tage sechs- bis achtmal mehr, als sie ihrem Herrn abzuliefern haben. Nur äusserst selten spart einer von ihnen den Gewinn zur nöthigen Summe för seine Los- kaufung zusammen; gewöhnlich wird er in den allersinnlichsten Vergnügungen wieder durchgebracht. Zu den Negros de ganho gehören auch die Quitandeiras, Skla- vinnen, die unter ähnlichen Bedingungen stehen, ihren Hauptver- dienst aber im Verkauf von Früchten und Backwerk (Doce) in den Strassen und auf öffentlichen Plätzen finden. Sie sind meistens jün- gere Negerinnen von der kräftigen Nation Mina und zeichnen sich "Digitized byLjOOQlC 188 durch ihre etwas phantastische Kleidung, ihr kokettes Wesen und ihren eigenthümlichen Gang aus, bei dem sie auf eine nur ihnen eigene Weise sich in die Hüften werfen. Der immer blosse Nacken und Schultern sind meistens von tadelloser Schön- heit und könnten Künstlern fast als unübertreffliche Modelle dienen. Die Bildseite der Medaille ist freilich weit weniger an- ziehend. Nach dem Kanonensignale, das ein Wachtschiff im Ha- fen im Winter um 8 Uhr, im Sommer um 9 Uhr abends lost, wird jeder Sklave auf der Strasse von der Polizei angehalten, und wenn er sich nicht durch eine schriftliche Erklärung vom nämlichen Tage, in der sein Name, der seines Herrn und der der Wohnung, und der Grrund, w^rum der Sklave ausgeschickt wurde, genau angegeben sind, legitimiren kann, sogleich gefäng- lich eingezogen. Der Zweck dieser Massregel ist hauptsächlich ein nächtliches Entweichen zu verhüten. Das Entweichen von Sklaven kommt in der Hauptstadt ver- hältnissmässig häufig vor. Es ist immer ein gefährliches Unter- nehmen, das dem Flüchtling, wenn er wieder eingefangen wird, sehr theuer zu stehen kommt. Zum Aufspüren entflohener Skla- ven entwickeln die Polizeiorgane immer eine weit grossere Thä- tigkeit als bei allen ihren übrigen Functionen, weil dem Ueber- bringer eines entflohenen Sklaven in der Regel eine bedeutende Belohnung verabfolgt wird. In den waldigen Umgebungen Rio de Janeiros und im Orgelgebirge sollen sich zwar flüchtige Skla- ven herumtreiben, förmliche Quilombos*) aber keine existiren. Ueber den Verkauf eines Sklaven wird immer ein gericht- licher Act aufgenommen. Der Staat bezieht von jedem Sklaven- verkaufe eine gewisse Abgabe. Sämmtliche Unkosten bei der Handänderung eines Sklaven belaufen sich auf ungefähr 70 Mil- reis, die der Käufer zu tragen hat. Ausserdem muss von jedem Sklaven jährlich noch eine gewisse Abgabe bezahlt werden. Im ^) Niederlassungen entflohener Neger in den Wäldern. Digitized by LjOOQIC 189 Jahre IS^/ei betrug die Sklaventaxe in Brasilien 322:101 Mil- reis, im Jahre IS^Ve« 276:251 Milreis. * In Rio de Janeiro existirt unter dem Namen Previdencia eine Lebensversicherung flir Sklaven. Sie ist auf ähnliche Prin- cipien gestützt wie die europäischen Versicherungsanstalten, nur dass der approximative Werth des Sklaven, also die Versicherungs- summe, durch eine eigens dazu bestimmte Commission von Fach- männern fixirt wird und Individuen unter 12 Jahren nicht ver- sichert werden können. Die einzuzahlende Prämie steigt auch mit dem Alter der Versicherten. Während von 12;— 40 Jahren 4 Procent des Werthes zu erlegen sind, so müssen von 55 — 60 Jahren 9 Procent, von 65 — 70 Jahren 21 Procent bezahlt werden. Charakteristisch ist der Artikel 4 der Statuten. Er heisst: „Die Gesellschaft ist nicht verantwortlich für Todesfalle infolge von Grausamkeiten oder Selbstmorden, wenn diese durch Ge- waltthat, barbarische Strafen oder Torturen von Seiten des Ver- sicherers bewirkt wurde." Die Compagnie unterhält auch ein Hospital in erster Reihe für versicherte kranke Sklaven, nimmt aber auch unversicherte und freie Personen zu den nämlichen Bedingungen wie die Misericordia auf. Es gibt Aerzte in Rio' de Janeiro, die oft brillante Geschäfte dadurch machen, dass sie kranke Neger kaufen, heilen und dann wieder verkaufen. Die Stellung der Sklaven im Staate ist begreiflicherweise eine durchaus abnorme. Von ihrem Verkauf verlangt der Fis- cus eine Abgabe wie bei Handänderungen von Immobilien; von ihrer Benutzung erhebt er eine Taxe wie von Gewerben; ihre Besitzer werden gerade so besteuert, als wären die Sklaven un- bewegliche Güter. Sie geniessen factisch durchaus keine einzige ^echtswohlthat. Von der ganzen Gesetzgebung existirt für sie nur der Criminalcodex. Was aber noch weit schlimmer ist, sie sind einem Privatstrafverfahren anheimgegeben, das von der einfachsten Züchtigung bis zum raffinirtesten Morde sich jeder behördlichen Controle zu entziehen weiss. Religion und Moral verdammen ein solches Verhältniss, und die Staatsklugkeit muss im aufrichtigsten Interesse der Nation dessen baldiges Ende wünschen. Digitized by Google 190 Ehe ich diesen Abschnitt schliesse, will ich noch des Ca^ poeiragem erwähnen, den ich noch in keinem über Brasilien han- delnden Werke besprochen finde. Ich werde daher hier Mit- theilen, was ich darüber von Polizeibeamten und andern wohl- unterrichteten Männern erfahren habe. Die Capoeiras^)^ deren scheussliches Treiben Capoeiragem genannt wird, sind entweder Mulatten, freie Neger oder Skla- ven und bilden einen Morderverein der eigenthümlichsten Art. Manche Anzeichen lassen vermuthen, dass ihre Verbindung nach gewissen ge]jjeimen, wenn auch höchst einfachen Statuten orga- nisirt und geleitet ist. Ich habe indessen darüber keine Ge- wissheit erlangen können. Die Gapoeiras fangen ihre Carri^re als Kopfboxer an. Sie rennen mit den Schädeln gegeneinander, weichen ab, greifen wieder an und kämpfen stossend oft so heftig, dass der eine oder andere todt auf dem Platze liegen bleibt. An Sonn- und Festtagen, am häufigsten aber bei grossen Processionen vereinigen sie sich, beginnen bei passender Gele- genheit mit Kopffechten, montiren sich dabei, bis sie in eine Art blinde, thierische Wuth gerathen und durchziehen dann wie Besessene die Strassen, um einen unbezwinglichen Mord- trieb zu befriedigen. Treffen sie dabei einen Sklaven, der schlecht bei ihnen angeschrieben steht, weil er entweder ihrer Verbindung nicht beitreten wollte, oder den sie als Verräther betrachten, so ist er unrettbar dem Tode geweiht. Es beginnt nun eine wü- thende, tolle Jagd. Der Bedrohte sucht zu entfliehen, die Ga- poeiras verfolgen ihn, verwunden ihn, jagen ihn wieder auf, ver- wunden ihn wieder, ohne ihm den Todesstoss zu geben, und treiben dieses grausame Spiel so lange fort, bis der Unglückliche, formlich zu Tode gehetzt, leblos zusammenstürzt. Kommt ihnei^ kein ihnen feindlicher Sklave vor, so morden sie den ersten besten, der ihnen gelegentlich in den Weg kommt, Farbiger oder Weisser, Brasilianer oder Fremder; morden müssen sie. Sie fuh- ') Capoeiro heisst im Portugiesischen eigentlich „ein Geflugeldieb*'. Digitized by LjGOQIC 191 ren weder Messer noch Dolche, sondern lange Nadeln und Pfrie- men, die sie dem Todgeweihten zwischen die Kippen stossen. Sind einige Opfer gefallen, so sind auch die Capoeiras spurlos verschwunden, und oft bedient ein solcher Morder wenige Mi- nuten, nachdem er sein scheusslibhes Verbrechen begangen hat, seinen Herrn mit der unschuldigsten Miene von der Welt, als hätte er den ganzen Tag das Haus nicht verlassen. Ich sah einst an einem schönen, mondhellen Sonntagabende an der Ecke der Rua de Santo Amaro sich eine Anzahl Neger versammeln, und bald waren sie unter Gelächter und Lärm im heftigsten Kopftampfe begriffen. Die Stosse waren so heftig, dass man weit weg das Anprallen der Schädel horte. Ich hielt es nicht fiir gerathen, bei diesem mir neuen Schauspiel lange zu verweilen, und eilte meine Wohnung zu erreichen. Am folgen- den Dienstage las ich in der Gazetilha des Jornal do commercio, dass zwei Tage früher die Capoeiras zwei Sklaven und einen Freien ermordet haben. Raub und Diebstahl wirft man den Capoeiras nicht vor. Den grossten Anstrengungen der Polizei ist es noch nicht ge- lungen, diese furchtbare Mörderbande auszurotten. Der Ca- poeiro, der als Mörder ergriffen wird, erleidet Todesstrafe ; wenn ihm kein Mord nachgewiesen werden kann, so erhält er die schärfsten körperlichen Züchtigungen, und mancher hat schon infolge davon den Geist aufgegeben. Selbst der Vermittlung der angesehensten Standespersonen gelingt es nur sehr selten, einen Lieblingssklaven von der so sehr verdienten Prügelstrafe zu befreien, denn gewöhnlich hat er sie nach summarischem Ver- fahren schon erhalten, ehe sein Besitzer in Kenntniss gesetzt wird, dass er sich in den Händen der Polizei befinde. Die Capoeiras sollen unverbesserlich sein, und selbst wie- derholt hart abgestraft der Verbindung dennoch nicht entsagen und das Kopffechten und nachfolgende Mordrennen gewisser- massen als Ehrensache betrachten. Der Capoeiragem scheint mit der Einfuhr von Sklaven ge- wisser afrikanischer Stämme auf brasilianischen Boden verpflanzt Digitized by Google 192 worden zu sein. Es erinnert lebhaft an den Todtenlauf auf meh- rern Sundainseln und es dürfte ihm ursprünglich eine religiöse Bedeutung zu Grunde gelegen haben. Kloster S. Antonio. Digitized by LjOOQIC Drittes XapiteL* Petropolis. on der Prainha, in der Nähe , des Marinearsenals, fährt täg- lich in der Frühe um 6 Uhr und nachmittags um 2 Uhr ein Dampft)oot ab, das die Ver- bindung zwischen der Reichs- hauptstadt und Petropolis un- terhält* Man gelangt durch eine lange Waarenhalle, an de- ren Eingang die Cassa, wo mati die Billets für das Dampfböot und die Eisenbahn löst, sich befindet, an den Einschiffungsplatz, der sich dadurch vor den meisten andern Einschiffungsplätzen in Rio de Janeiro vortheil- haft auszeichnet, dass man nicht Gefahr läuft, Hals und Beine zu brechen. In keiner Seestadt von ähnlichen Dimensionen ist für sicherey ich will nicht sagen bequeme Einschiffungsplätze we- niger gesorgt als in Rio, obgleich die Verhältnisse der Bai zu diesem Zweck im ganzen genommen sehr günstig sind. Die be- treffenden Behörden wollen oder wissen sie aber nicht zum Vor- theil des Publikums zu benutzen. Tschudi, Rcheu durch SiWlanierika. I. 13 Digitized by Google 194 Der Dampfer ist eine schwerfallige Barke. Auf dem Hin- terdeck, über das ein hölzernes Dach angebracht ist, befindet sich eine Damenkajüte und vor derselben mehrere Reihen hölzer- ner Bänke, als erster Platz. Der Vordertheil ist für die Passagiere zweiter Klasse und für die „Unbeschuhten" (pessoas descalzas), also Sklaven, bestimmt, deren Fahrpreis den dritten Theil von dem der Beschuhten auf dem nämlichen Platze beträgt. Sie theilen den sehr engen Kaum mit Säcken, Kisten, Koffern, Kör- ben, »Maulthieren und dem Steuermann. Das Steuerrad ist näm- lich nahe dem SchiflFsschnabel angebracht, damit der steuernde Matrose in der Fernsicht nicht beirrt wird. Gewohnlich sind zwei oder mehr schwer beladene Lanchas am Schlepptau des Dampfers befestigt; seine Bewegungen sind daher sehr langsam, oft kaum schneller als die eines gut be- mannten Walfischbootes. Der schwerfällige Gang der Barke gestattet aber in vollen Zügen die wunderbaren Reize der herr- lichen Bai mit den stets wechselnden Bildern ihrer Ufer, den zahlreichen, mit der üppigsten Vegetation bedeckten .Inseln und den bizarren Formen der aus dem Wasser hervorragenden Felsen zu gemessen. Wahrlich, die Bai von Rio de Janeiro geniesst mit vollstem Rechte den Ruhm, eines der schönsten Landschafts- bilder der Erde. Der Dampfer verfolgt von seinem Ausgangspunkte eine nördliche Richtung mit sehr geringen Abweichungen nach Osten. Bald nachdem er den Ankerplatz der Kriegsschiffe verlassen hat, fährt er an der kleinen Ilha da Enchada vorüber, steuert auf die Gouvemeursinsel zu und verfolgt längs deren Ostküste seinen Lauf zwischen zahlreichen kleinen Inseln hindurch. Die Ilha do Govemador j die bedeutendste der Inseln der Bai, von beinahe 20 Quadratlegoas Flächeninhalt, ist grössten- theils hügelig, besonders in ihren östlichen und südlichen Theilen. Im Innern derselben wird auf einigen Fazendas Ackerbau ge- trieben. Die Bevölkerung hat sich mehr an den Ufern nieder- gelassen und bewohnt einen fast um die ganze Insel reichenden Kranz von Häusern und Hütten. Hier sind 14 — 18 Kalkbren- Digitized by LjOOQIC Uli m jj^niiiiQ und die Eisenbalm •aadi RIO DE JAN 30». il* Cap umioMu t'.^l. BrvrJJtaua' Orogr. uHist. Anstttll . L'-i}tAiuito barrato (sehr gut, sehr schon, sehr wohl- feil), wenn auch die Waaren selbst entschieden das Gegentheil beweisen. Der Brasilianer, Abkomnaling von Weissen, ist fast durch ganz Brasilien entweder Landwirth, Kaufmann oder Beamter. Als Landwirth ist er thätig, unverdrossen und intelligent, hängt aber noch sehr an den althergebrachten Systemen. Er ahmt übrigens gern nach, wo er sieht, dass fremde Versuche günstige Resultate liefern, die Initiative wird er aber nicht leicht ergreifen. Es ist gewiss unrecht, wenn man den brasilianischen Landwirth im allgemeinen der Faulheit beschuldigt und behauptet, er bleibe lieber arm, als dass er trachte in eine behäbige Lage zu kommen, wenn er dieselbe durch Arbeit erringen müsse. Der kleine Land- wirth, der nur einige wenige Sklaven halten kann, geht mit seinen Söhnen und seinen Negern frühmorgens aufs Feld und arbeitet mit ihnen ohne Unterschied des Dienstverhältnisses und der Farbe, wie es auch der deutsche Bauer mit seinen Kindern und Dienst- boten thut. Kann er eine grössere Anzahl Sklaven halten imd vertheilt er sie auf verschiedene Theile seines Grundbesitzes zur Arbeit, so sieht er als Herr den Arbeitern nach, besucht sie ge- wöhnlich zu Pferde und wo er findet, dass es noththut, legt er selbst mit Hand an. Es ist eine mehr als naive Ansicht, die wir in manchen Wer- k^i über Brasilien lesen, dass man in diesem Lande als kleiner Grundbesitzer nur vier Wochen zu arbeiten brauche, um sich das ganze Jahr durch satt essen zu können. Selbst Landwirth, kann ich versichern, dass der kleine brasilianische Grundbesitzer, um seine Ernten zu erzielen, ebenso lange arbeiten und seine gana^e Aufmerksamkeit und Thätigkeit auf seine Felder richten muss wie der deutsche, dass er sich mit seinem Dienstpersonale ebenso sehr zu plagen genöthigt sieht wie dieser, ja, dass seine Ackerarbeit in jeder Beziehui^ eine viel Schwerte, mühevollere ist als unsere , weil er durch HAndearbeit eine Menge von land- wirthschaftUchen Verrichtungen ausführen muss, die wir durch Digitized by LjOOQIC 239 Zugkraft oder andere mechanische Hülfsmittel ungleich leichter und besser zu Stande bringen. Seine Ernten sind aber reicher, weil sein Boden durchschnittlich weit fruchtbarer ist. Wohl zu berücksichtigen ist ausserdem, dass partielle Misernten in Bra- silien ebenso häufig, ausgedehnte aber noch weit häufiger als in Europa sind. Bald verlängert sich die Regenzeit, sodass der Landwirth seine Rodungen entweder gar nicht oder nur höchst unvollkommen brennen kann, bald tritt sie sehr verspätet ein und die Saaten gehen aus Mangel an Feuchtigkeit zu Grunde, bald aber verfrüht sie sich und die noch nicht eingeheimste Ernte leidet grossen Schaden. Wolkenbrüche, Insectenfrass, Degene- ration und andere Eventualitäten stellen unzähligemal das Ernte- resultat in Frage und der brasilianische Landwirth kann, wie der deutsche, erst dann seine Ernte loben, wenn er sie sicher uater Dach und Fach hat. Er trachtet daher auch immer einen Ueberschuss auf das nächste Jahr zu haben, denn die Preise der Nahrungsmittel steigen bei Misernten mit rapider Schnellig- keit zu fabelhaiten Höhen, Wohlweislich hüten sich die Lobred- ner Brasiliens von Misernten zu sprechen und der europäische Auswanderer ist im höchsten Grade erstaunt, wenn er zur Ueber- zeugung gelangt, dass der so sehr gepriesene brasilianische Bo- den ihm auch die erhoffte Ernte versagt. Thatsache aber ist es, dass bei gleichem Aufwände von Arbeitskräften und unter gleich günstigen Witterungsverhältnissen der brasilianische Grundbe- sitzer von einem gleich grossen Flächenmasse eine weit grössere Ernte erzielt als der deutsche. Ich will keine Zahlenverhältnisse angeben, da sie leicht zu irrigen Schlüssen verleiten könnten. Dass aber bei dem Raubbau der Brasilianer, auf den ich noch ^äter zurückkommen werde, dieses günstige Verhältniss nach einer Reihe von Jahren aufhören muss, brauche ich kaum zu er- wähnen. Die traiirigen Folgen, die in Nordamerika einem sol- chen Aokerbausysteme gefolgt sind, werden auch in Brasilien nicht ausbleiben. Kaufmann ist der Brasilianer aus Neigung. Abkömmling der mit so viel Glück und Geschick handeltreibenden Portugiesen, ist ihm der Scbachertrieb angeboren. Da so viele Neuchristen Digitized by Google 240 (mit Gewalt getaufte Juden) in den ersten Jahrhunderten sich in Brasilien niederliessen und sich allmählich mit den übrigen Familien vermischten, so darf eine echt jüdische Rührigkeit des brasilianischen Krämers nicht auffallen. Er handelt mit allem und weiss überall seinen Vortheil zu finden. Er hat ein seltenes Talent, mit der grossten Redseligkeit auch die geringsten Eigen- schaften seiner zu verkaufenden Gegenstände anzupreisen, und steht sich bei seinem Handel ziemlich gut; nur ist in den Binnen- städten die Concurrenz meistens so gross, dass immer ein Theil der Kaufleute nach kurzer Existenz wieder zu Grunde geht. Der Kleinhandel erfordert wenig geistige und ebenso wenig körperliche Anstrengungen, und das ist ein Hauptgrund, warum er eine Lieblingsbeschäftigung der Brasilianer ist. Die Kram- laden bilden immer den Vereinigungspunkt des kannegiessernden Publikums, besonders in den Ortschaften des Innern, die noch nicht das Glück haben, ein Kaffeehaus zu besitzen. Kaum steigt ein Reisender in einer Hospedaria ab, so versammeln sich in der dazu gehörigen Loge binnen kurzem alle Notabilitäten des Orts, um zu erfahren, wer der Ankömmling sei, woher er komme, wo- hin er ziehet, und können sie es indirect nicht herausbringen, so lassen sie es auch an indiscreten, directen, inquisitorischen Fra- gen nicht fehlen. Als Beamter endlich kann der Brasilianer seine Eitelkeit und seine Neigung zum süssen Nichtsthun befriedigen. Es ist daher sein grosser Ehrgeiz, eine solche Stelle zu finden, die ihn halbwegs nährt und einen gewissen Nimbus um ihn verbreitet oder die ihm irgendeine, wenn auch noch so beschränkte Macht verleiht, die er dann zu Gunsten von Compadres und Amigos reichlich benutzt; nur darf man nicht verlangen, dass er sich sehr anstrenge, denn das entspricht nicht seiner Absicht beim Haschen nach einem Amte; auch dürfen sein Gewissen und sein Pflichtgefühl nicht etwa in CoUision mit klingenden Gründen kommen. Diese Bemerkungen gelten fiir den Brasilianer als kleiner Grundbesitzer, Krämer und Beamter untergeordneter Klassen. Sie zeigen aber auch, wie unmöglich es ist, mit wenigen Worten Digitized by LjOOQIC 241 den Charakter einer Nation zu benrtheilen und wie unrecht man thut, wenn man dabei alle Klassen der Bevölkerung zusammen^ wirft. Ich nenne den brasilianischen Landwirth thätig * und un- verdrossen, den Krämer unter Verhältnissen rührig, wenn es ihm gerade keine sehr grossen körperlichen Anstrengungen kostet, den Beamten durchschnittlich faul. Es wäre aber unrecht, dem Brasilianer im allgemeinen das Prädicat „sehr thätig", als auch ein entgegengesetztes zu geben. Handwerker sind, wie schon oben bemerkt, durch ganz Bra- silien fast ausschliesslich farbige Leute (gente de cor), Neger, Mestizen, Mulatten u. s. f. Sie sind oft fleissig und sehr ge- schickt, im ganzen aber indolent. Bei keiner Nation des roma- nischen Stammes finden wir eine so tief eingewurzelte Indolenz wie bei der portugiesischen. Sie ist durch das Sprichwort: „Wer etwas haben will, der gehe selbst; wer es nicht haben will, der schicke darum („Qem quer vay, quem näo quer mande") trefflich charakterisirt. In Rumo de Lage traf ich einen deutschen Tischler aus Köln; er war so betrunken, dass ich nicht mit ihm sprechen konnte. Der Besitzer der Venda versicherte mir, dass er ein sehr geschickter Arbeiter sei und sich sehr viel Geld verdienen könnte, wenn er nicht so sehr dem Branntwein ergeben wäre; er sei wöchentlich kaum zwei bis drei Tage arbeitsfähig. Der Weg fiihrte mich am folgenden Morgen zuerst über einen Bergrücken, an dessen nördlichem Fusse eine kleine Fa- zenda liegt. Von dieser verfolgt man die Thalsohle bis Riberäo^ eine Hospedaria, die in gutem Rufe steht. Gleich hinter dieser war der Weg mit dem aufgestauten Wasser des Flüsschens der- art bedeckt, dass es den Maulthieren bis über die Brust reichte ' und ein Theil der Ladungen ganz durchüässt wurde. Früher führte der Weg dicht bei der Fazenda do Govemo vorbei, de- ren Besitzer, Joaquim Antonio Perreira da Cunha, mir als ein liebenswürdiger und gescheiter Mann geschildert wurde; jetzt lässt man sie ungefähr eine halbe Legoa links liegen. Als ich auf meine weit zurückfolgenden Lastthiere wartete, hörte ich wol eine Viertelstunde lang einem .Vogel zu, der in Tschudi, Reisen durch Sudamerika. I. 16 Digitized by LjOOQIC 242 einem Gebüsche dicht neben mir die wohlbekannte Melodie pfiff, mit der unsere Kutscher ihre Pferde zur Verrichtung gewisser Bedürfnisse aufmuntern. Es war mir unmöglich, den sonderba- ren Sänger zu entdecken, wahrscheinlich gehörte er zur Familie der Fliegenfänger (Muscicapiden), die hier so stark vertreten i«t. Unweit von ihm kreischte auf einem hohen Baume ein ge- waltiger Geier in heisern Tönen seinen unheimlichen Morgen- gesang. Der Weg, meistens schlecht und nur selten auf festem Grunde, führt fortwährend bergauf, bergab, bald rechts, bald links in unbegreiflichen Windungen; nur einmal ändert sich die Scenerie, indem sich ein weites Thal mit Fernsicht nach dem Gebirge er- öffnet. Unzählige Tauben, Tanagriden, Anus, Vira bostas, Bem te vi's, Bussarde und Eidechsen belebten die Landschaft. Am Fusse eines niedern Bergrückens liegt ein ziemlich verfallenes Haus, das die Inschrift Hotel da Encruzilhada führt, weiter vom Wege ab ist die Fazenda S. Antonio mit einem kleinen Kirch- lein. Eine Viertellegoa davon entfernt reitet man neben der schönen Fazenda de Silva vorbei. In der Nähe davon traf ich eine freundlich grüssende dunkle Frau. Ich erwähne dieses sonst gleichgültigen Umstandes nur deshalb, weil sie seit meiner Ab- reise von Petropolis das erste weibliche Wesen war, dem ich begegnete. Gegen Mittag erreichte ich den Rio Parahyha da SuL Der schöne Strom, die neue Brücke und das kleine Städtchen bieten ein überaus freundliches Bild dar. Früher mussten die Reisen- den und die Ladungen der Tropas auf einer Fähre über den Strom gesetzt werden, was immer mit sehr erheblichem 2ieitver- luste verbunden war, denn es häuften sich zuweilen viele hundert Maulthiere an, die herüber oder hinüber gebracht werden sollten» Man entschloss sich daher zum Bau einer soliden steinernen Brüdte. Er wurde im Jahre 1836 begonnen, aber ohne rechte Anstrengung fortgeführt, sodass erst nach einer lai^gen Reihe von Jahren die Pfeiler das Wasserniveau erreichten. Dann man- gelte das Geld. Die Provinzialregierung wollte, dass die Cen- tralregierung den. Bau übernehme, diese weigerte sich und so Digitized by LjOOQIC 243 blieben die Arbeiten gänzlich ausgesetzt. Iiu Jalire 1850 waren die Pfeiler noch nicht vollendet und doch kosteten die Arbeiten damals schon eine halbe Million Franken (176:270503 Keis). Endlicli machte der durch viele verdienstliche Unternehmungen bekannte Banquier Baron von Maua mit der Regierung einen Con- tract und führte den Bau rasch zu Ende. Die schöne Briicke Brücke über den Paraliyba. ruht auf vier Wasser- und zwei Landpfeilern aus einem schwer zu behauenden Granit. Die Böschungen der Endpunkte bestehen aus polygonen Quadern, deren Zwischenräume mit kleinen Stein- chen ausgemauert sind. Die Spannung und das Gerippe sind von Eisen nach dem Dogdson'schen System, letzteres mit schiefen , Bohlen belegt. Ein hübsches gusseisernes Geländer ziert diese stattliche Brücke. Es wurden mehr als 6000 Centner Eisen, das aus England hierher gebracht wurde, zu ihrer Construction ver- wendet, daher sich auch die Bauunkosten sehr hoch beliefen. Sie erreichten die Summe von l^ Million Franken (577:270503 Reis). Wenige Tage vor meiner Ankunft, den 13. Deeember 16* Digitized by LjOOQIC 244 1857, war die Brücke eingeweiht und dem Verkehr übergeben worden. Das Brückengeld ist nicht bedeutend; ich zahlte fiir fünf Thiere 450 Reis, Der Hauptplatz von Parahyba bildet ein weites Viereck, seine südostliche Seite begrenzt der von West-Nord- West nach Ost-Süd-Ost laufende Strom; die südwestliche ist gegen die Brücke gerichtet und offen. Die nordwestliche besteht aus 9 — 10 Heu- sern in geringer Entfernung von dem erstem; etwas in den Platz hineingerückt steht das höchst einfache, kleine Kirchlein. Von ungefähr ebenso vielen Häusern ist die nordostliche Seite be- grenzt. An ihrem gegen den Fluss gerichteten Flügel traf ich zwei Herbergen nebeneinander, die eine trug die Aufschrift Hotel da Barreira, die andere Hotel universal; ich lenkte mein Maulthier zu letzterer, da sie mir in Petropolis als die bessere empfohlen worden war. Wie mag wol die schlechtere sein? fragte ich mich unwillkürlich am folgenden Morgen, denn wäh- rend der Nacht war durch die Decke des elenden Zimmers der Regen derart hereingeströmt, dass ich kein trockenes Plätzchen mehr fand, um mein Bett hinzurücken; zudem wurde ich durch ein Heer menschenfeindlicher Insecten ununterbrochen auf das qualvollste gepeinigt. Wahrlich,- das Hotel führte mit vollem Recht das Prädicat „universal"! Der Wirth, ein Italiener, na- mens Delvechio, der gewöhnlich die Provinzen Rio de Janeiro und Säo Paulo als Mascate bereiste, machte auch am nämlichen Tage, da der Hauseigenthümer sich weigerte, irgendeine Repa- ratur vorzunehmen, beim Subdelegado eine Eingabe mit der Bitte, eine Commission zu ernennen, um den Zustand des Hauses zu untersuchen, da seine Familie und seine Gäste fortwährend in der grössten Gefahr schwebten, unter dessen Trümmern begraben zu- werden. Und der Mann hatte nicht zu viel gesagt, denn die Wohnung war in der That dem Einstürze nahe. Die Wirth- schaft in diesem Hotel war eine echt brasilianisch-italienische. Sie braucht daher nicht näher charakterisirt zu werden. Abends versammelte sich hier eine Anzahl Fazendeiros der Umgegend zum Hazardspiel. Parahyba ist berüchtigt, dass dort viel und hoch gespielt werde. Digitized by LjOOQIC 245 Bei einbrechender Nacht hatte ich Gelegenheit, ein ebenso seltenes als interessantes Phänomen ^u beobachten.^) Es war ungefähr 8 Uhr, als ich mit einem Fazendeiro der Umgegend plaudernd unter der Hausthür stand. Ein paar hundert Schritt vor uns floss der Strom, dessen jenseitiges Ufer dicht bewaldet ist. Die* Luft war schwül (-f- 22^ R.), der Regen, der schon den ganzen Tag fast ununterbrochen angehalten hatte, dauerte noch fort. Plötzlich zog ein Licht, gerade uns gegenüber im Walde, unsere Aufmerksamkeit auf sich und mit dem Ausrufe: „he am baitatal"*), sprang der Fazendeiro in das Haus zurück und rief sämmtliche Bewohner zusammen. Die Lichterscheinung bildete einen intensiv rothgelben, runden Feuerkern oder eine Feuerkugel (nicht ein längliches, bläuliches Flämmchen, wie die Lrlichter gewohnlich geschildert werden) in der Farbe ähnlich einer entfernt brennenden Pechfackel. Dieser Feuerkern schwankte auf beschränktem Räume bald nach rechts, bald nach links, bald stieg er etwas in die Hohe, bald senkte er sich wieder. Plötz- lich erschienen rechts von ihm drei andere, aber schwächere und etwas weiter zurückstehende sternartige Lichter; sie näherten sich dem erstem, verschwanden für Momente, kamen dann links zum Vorschein und erloschen bald darauf gänzlich. Kaum eine Mi* nute später erschienen rechts zwei, links fünf, bald darauf ver- einigten sich alle auf der linken Seite des Centralkernes. Dann kamen sie hinter demselben nach rechts zum Vorschein; einige erloschen, andere tauchten wieder auf, sodass ich zugleich funfr zehn ausser dem Hauptkerne zählte, der am ruhigsten aber auch am glänzendsten blieb. Das ganze Spiel dauerte 18 — 20 Minu- ten; ich konnte es daher mit der grossten Ruhe beobachten. Während dieser Zeit standen auch sämmtliche Hausgenossen neben mir und äusserten sich auf die abenteuerlichste Weise über diese Erscheinung. Der Fazendeiro erzählte noch lange ^) „Beobachtungen über Irrlichter*', von J. J. v. Tschudi. Sitzungsberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien. XXIX. Bd., Nr. 9, S. 269. 1858. ^ Die Bedeutung dieser Worte habe ich nicht erfahren können. Es scheint ein Provinzialismus zu sein. Digitized by Google 246 schauerlich« Geschichten, wie ihn diese Lichter schon oft er- schreckt und verfolgt haben. Delvechio sagte mir, dass er sie seit einem Monate nun schon das vierte mal gesehen und zwar immer -so ziemlich zur nämlichen Stunde. An dem Orte, wo die Lichter erschienen, befindet sich im Walde ein schwer zugänglicher Sumpf. • Ich halte diese Erscheinung für sogenannte Irrlichter, Be- kanntlich spielen diese in Fabeln und Erzählungen der Ammen- stube eine bedeutende Rolle ; exacte Beobachtungen darüber sind aber so selten, dass manche Meteorologen ihr Vorkommen -gänz- lich in Zweifel ziehen. Der berühmte Astronom Bessel beobachtete auf dem Flüsschen Worpe im Herzogthum •Bremen Irrlichter als bläuliche Flämmchen, der Professor der Physik Knorr in Kiew erzählt von einem Irrlicht zwischen Schilfstauden, das eine 5 Zoll hohe und IV2 Zoll breite cylindrische Flamme, in der Mitte glanzlos und schwach gelblich, nach den Rändern zu vio- lett und ohne scharfe Begrenzung gegen den dunkeln Raum bildete. Die Spitze des Stockes, die Knorr längere Zeit mitten in die Flamme hielt, wurde nicht merklich erwärmt. Einige andere etwas weniger verlässliche Beobachtungen sprechen eben- falls von Irrlichtern als Flämmchen. Die von mir beobaichteten Lichter hatten durchaus keine Flammenform, sondern erschienen als runde, sternartige, röthlichgelbe Feuerkörper. Sie waren in der Entfernung circa 800 — 1000 Schritt von unserm Standpunkte. Ich bediente mich ^nes ausgezeichneten Nachtglases von Ducray- Chevallier zur Beobachtung dieser interessanten Erscheinung. Parahyba do Sul ist ein unbedeutendes und bedeutungsloses Städtchen. Hier ist kein Leben, keine Bewegung, kein Handel, keine Industrie. Ueberall herrscht apathische Indolenz; man begreift nicht, wovon die Leute leben und mit vollem Recht konnte der geistreiche Ribeyrolles sagen: „Parahyba ist seines Stromes nicht werth." Welche Entwicklung würde nicht in Europa eine Ortschaft in einer so fruchtbaren Gegend und an einem solchen Strome genommen haben, wie hier! Möglich, dass Pa- rahyba einen grossem Aufschwung nehmen wird, wenn einst die Wagen der Eisenbahn Dom Pedro II. dicht an seinen letzten Digitized by LjOOQIC 247 Häusern vorüberdampfen werden und dass es dann endlich ans dem dumpfen Zustande aufwacht, in den es seit so vielen Ge- nerationen versunken ist. Das Städtchen hat, so klein es ist, seine Druckerei und sein politisches Journal von sehr lokalem Interesse. Beim Durchlesen mehrerer ' Nummern fand ich als einzige bemerkenswerthe No- tiz, dass einige Tage früher, den 15. December 1857, ein gewisser Antonio Gomez aus Paty de Alferes begraben wurde, der das seltene Alter von 120 Jahren erreicht hatte. Im Jahre 1859 errichtete ein Preusse, Baron Pfuhl, hier ein Knabeninstitut, das aber aus Mangel an Theilnahrae nach kurzem Bestehen wieder einging. Meine in Petropolis so schlecht gearbeiteten Packsättel be- durften schon hier einiger bedeutender Reparaturen und neuer Füllung; obgleich dazu eine vierstündige Arbeit eines ordent- lichen Handwerkers vollkommen hingereicht hätte, so bedurfte der sonst unbeschäftigte Sattler in Parahyba anderthalb Tage, wahrscheinlich in der wohlmeinenden Absicht, die sehr hohe Rech- nung, die er mir dafür machte, zu rechtfertigen. Ich besuchte ibn wol zehnmal während dieser Zeit und fand ihn fast immer nait dem nämlichen Stück Leder auf den Knien, die Cigarrette ijoa Munde im eifrigen Gespräche mit einem ebenfalls faulenz^o- den Nachbar. Es blieb mir nichts übrig, als ihn jedesmal mit der grössten Höflichkeit zu ersuchen, die Arbeit zu beschleuni- gen, ein ungestümes Drängen würde unmittelbar eine gänzliche Weigerung, die Reparatur zu machen, zur Folge gehabt haben. Die brasilianischen Herren Handwerker sind sehr empfindlich. Mein hinkendes Maulthier wurde hier ebenfalls genau untersucht. Nach Entfernung des Eisens zeigte sich ein bedeutender Abscess, hervorgebracht durch ein altes Stück Nagel, der beim frischen Beschlagen in die Weichtheile des Hufes getrieben worden war. Die Wunde wurde gereinigt und das Eisen wieder aufgelegt. Natürlich blieb das Thier einige Tage lang unbrauchbar und folgte leer und stark hinkend der kleinen Karavane. Ich sah mich genöthigt, von hier aus meinen gänzlich un- Digitized by LjOOQIC 248 brauchbaren deutschen Camarada nach Petropolis zurückzu- senden, und miethete bis nach Juiz de fora einen Neger. '.* Den 1. Januar 1858 setzte ich unter heftigeüi Regen, der auch den ganzen Tag über anhielt, meine Reise fort. Eintönig durch dichte Capoeiravegetation, nur hin und wieder von einer Kaffeeplantage unterbrochen, zieht sich der Weg bergauf, bergab nach Parahybuna. Ungeßihr eine Legoa, ehe wir diesen Ort erreichten, führte die sogenannte neue Strasse, in der die Maul- thiere oft bis an den Bauch im Moraste waten mussten, dicht an einer steilen Lehmwand vorüber. Die Strasse selbst aber war durch die heftigen, schon so lange anhaltenden Regengüsse mehrere Klafter weit eingerissen, sodass zwischen dieser neuen Schlucht und der Wand ein kaum 2 Fuss breiter Pfad übrigblieb, der aber auch ganz unterfressen war. Ich ritt zuerst hinüber und sah mit wahrem Bangen die Lastthiere folgen, denn jeden Augen- blick stand zu befürchten, dass auch der letzte Rest des Weges in den Abgrund hinunterstürze. Bald näherten vdr uns wieder dem Rio Parahybima, der, vom Regen angeschwollen, wildschäumend durch sein enges Bett hinunterstürmend, einen herrlichen Anblick gewährte. Links er- hebt sich eine Felsenkuppe, gegen die der Weg von der Thal- sohle steil bergan fiihrt; ihr Kamm setzt sich in eine ein paar hun- dert Fuss hohe steile Felswand (pedra da Parahybuna) fort, an. deren Fuss sich der Weg hinzieht, um sich später rechts gegen das Zollhaus zu wenden. Nach der monotonen, jede Fernsicht beschränkenden Capoeiravegetation ist diese Felsenpartie ein wah- rer Augentrost. Hoch über der Wand zankten sich in necken- dem Fluge ein paar grosse Weihen und auf einem Felsenabsatze sass träumerisch eine Eule, wahrscheinlich die fast über die ganze Welt verbreitete Schleiereule. In Burmeister's Atlas zu seiner brasilianischen Reise ist diese wirklich schöne Landschaft sehr gelungen wiedergegeben. Der Rio Parahybuna »bildet hier die Grenze, zwischen den Provinzen Rio de Janeiro und Minas geraes; eine solid gebaute, aber schlecht erhaltene hölzerne Brücke verbindet die beiden Ufer und Provinzen. Nahe an der Brücke steÄt ein Mauthhaus Digitized by LjOOQIC 249 (Recebedoria), wo für die Thiere das Brückengeld erlegt wird. Der Reisende muss absteigen, seinen Namen angeben und erhält einen vom Schreiber (escriväo) ausgestellten und vom Admini- strator gegengezeichneten Mauthschein, auf dem die Taxen (Taxas itinerarias) verzeichnet sind. Für ein Reitthier, ein Lastthier und ein Stück Rindvieh wird je 1 Pataca (320 Reis) gezahlt. Je 180 Reis werden für eine gewisse Kategorie von Maulthie- ren, die auf dem Taxenschein für den Nichteingeweihten unver- standHch bezeichnet sind (Cabezas de gada muar da S* e da 6* excep^äo) entrichtet. Ein gewöhnlicher Wagen (carros excep- tuados) zahlt 2 Milreis. Unweit der Brücke liegt ein Wachthäus- chen, vor dem sich einige wenig reinlich aussehende Soldaten mit Kartenspiel unterhielten. Nachts wird die Brücke durch hölzerne Thore abgesperrt; sie schliessen indessen so schlecht, dass sich ein Fussgänger leicht zwischen den Flügeln durch- zwängen kann. Ich war der erste Reisende, der im Jahre 1858 auf diesem Wege aus der Provinz Rio de Janeiro nach Minas geraes zog. Hinter Parahybuna wird die Gegend etwas freier, die Thäler offener, aber auf grundlosem Boden zieht sich der Weg durch Schluchten und über Gebirgszüge nach Simao Perreira, einem ausgedehnten Kirchspiele von 3400 Einwohnern. Hier sah ich auf einem halb abgestorbenen Baume vier Affen, die ängstlich unter den wenigen grünen Blättern Schutz gegen den Regen suchten; auch bemerkte ich an diesem Wege zum ersten mal im Innern Scharen von grauköpfigen Urubus (Aasgeiern), die auf einem dick aufgeblähten crepirten Ochsen und an dem Aase ge- fallener Maulthiere ihre leckere Mahlzeit hielten. Die einbrechende Nacht nothigte mich 2 Legoas weiter in Mathias Barboaa halt zu machen. Ich hatte 8 brasilianische Legoas unter stetem strö- luenden Regen zurückgelegt, immerhin ein anstrengender Ritt auf einer langen Reise; denn bei jedem Schritte sanken die Maul- thiere in den verwitterten teigartigen Granit bis über die Knie, glitschten bergauf, bergab und konnten sich nur mit grosser Kraftanstrengung vorwärts arbeiten. Mein aus Oesterreich mit- genommener Diener, an solche Touren nicht gewöhnt und schon Digitized by Google 250 seit längerer Zeit aus der Uebnng des Reitens (er war früher Kürassier), konnte sich vor Müdigkeit nicht mehr auf dem Thiere halten, er versuchte zu Fusse zu gehen, aber seine Stiefeln ver- mochten nicht den zähen Koth zu überwinden, auch wollte sich seine Mula nach echter Eselsart nicht führen lassen, er musste sich dalier unter jämmerlichen Grimassen wieder entschhessen^ in den Sattel zu sitzen. Seit diesem Tage hat ihm Brasihen durchaus nicht mehr gefallen. Das Nachtquartier, das wir endlich mehr tappend als sehend erreichten, wäre leidlich genug gewesen, wenn nicht Ungeziefer aller Art, besonders aber die zudringlichen Barratas uns stun- denlang die Ruhe verscheucht hätten. Bei Simäo Perreira und Mathias Barbosa liegen zwei halb- verfallene Gebäude, an die sich ein trauriges Stück der brasi- lianischen Geschichte knüpft. Es sind nämlich die ehemaligen ZoUcontrolirungsämter (registros), in denen die Reisenden nach Gold- und Diamantencontrebande untersucht wurden. Wol selten hat in irgendeinem Lande ein Regierungsmonopol einen so demoralisirenden Einfluss ausgeübt und zu einer so schenss- liehen, willkürlichen Beamtenherrschaft geführt, als das der Dia- mantenwäschereien in Minas geraes, und dieses allein wäre wahr- lich schon hinreichend gewesen, um die Bevölkerung zum Ab- schütteln eines Joches zu treiben, mit dem* eine goldgierige^ blinde, durchaus despotische Regierung des Mutterlandes seinen Tochterstaat niederdrückte. Die Unabhängigkeit Brasiliens hat jenes Monopol vernichtet; die Registros wurden verlassen imd fallen in Ruinen und nur noch an der Grenze der Provinz, am Parahybuna, wird ein Einfuhrzoll für die aus der Nachbar- provinz importirten Waaren (meistens auf dem Markte von Rio de Janeiro gekaufte Manufacturen) und ein Exportzoll auf die aus der Provinz ausgefiihrten Ackerbau-, Viehzucht- und Indu- strieproducte erhoben. Fiir die Zollmanipulation ist diese Grenze bequem, denn der Flussübergang ist für Waaren fast nur über Brücken möglich und daher leicht zu überwachen. Dieser Grund hat auch die portugiesische Regierung bewogen, sie, statt viel natürlicher weiter Digitized by LjOOQIC 251 nach Norden ^ die Grenze Serra da Mantiqueira, hierher zu verlegen. Sie wurde bei der Regeneration auch aus demselben Grunde beibehalten. Ein Ritt von 2 Legoas brachte mich den nächstfolgenden Tag an den zwei schönen Fazendas Cafesal und Granil vorüber nach dem Städtchen Parahybuna^ bekannter unter dem Namen Juiz de fora, wo ich in einem miserablen EstaJagem (Herberge) Unterkommen fand. Mein erstes Geschäft war natürlich, mein vernageltes Maulthier von neuem untersuchen zu lassen. Der Schmied, der mir zu diesem Zwecke als sehr praktisch empfoh- len wurde, riss das Eisen wieder ab, schnitt mit einem gekrümm- ten scharfen Eisen, das er sich eigens dazu schmiedete, ein tiefes Loch bis zur lädirten Stelle, brannte die ganze Wunde mit Schiess- pulver aus, füllte das Loch mit geschmolzenem Talge und Werch aus und nagelte das Eisen wieder auf. Mit einer fast an Un- verschämtheit grenzenden Bestimmtheit versicherte er, dass das Thier nun vollständig geheilt sei und ich es schon am nächsten Tage ohne die geringste Sorge benutzen könne. Der Mann hatte recht; ich liess das Thier zwar noch ein paar Tage leer mit- laufen, es hat aber nie mehr gehinkt und blieb während der ganzen monatelangen Reise frisch und gesund. Nachmittags besuchte ich den deutschen Ingenieur Herrn Heinrich Wilhelm Ferdinand Haifeld. Eine halbe Stunde lang durch namenlosen Koth, oft bis über die Knöchel watend, ge- langte ich zur freundlichen Besitzung Halfeld's, den ich mit einem seiner Söhne eifrig mit Zeichnen von Karten beschäftigt fand. Halfeid hat nämlich auf Befehl der .kaiserlichen Regierung eine Exploration des Rio Säo Francisco von den Wasserfällen von Pirapora .bis an dessen Mündung in den Atlantischen Ocean ausgeführt. Die Untersuchungsreise hat ein Jahr und sieben Monate gedauert und war mit sehr grossen Mühen und Gefahren verbunden. Haifeld verlor viele seiner Begleiter und die ganze Expedition litt an gefährlichen Fiebern besonders im untern Stromgebiete. Um die Untersuchungen möglichst genau auszu- führen und zu controliren, machte Haifeld auch die äusserst be- schwerliche Bergfahrt auf dem Strome und legte so die 382 Digitized by LjOOQIC 252 Legoas lange Distanz zweimal zurück. Nach seiner Rückkehr begann er die Ausarbeitungen seiner Forschungen und zeichnete den ganzen angegebenen Verlauf des Rio Säp Francisco in 30 grossen Blättern mit einer ununterbrochenen Bezeichnung der Sondirungs- und Vermessungsresultate und Detailangaben über die geologische Formation, Vegetationscharakter etc.; ferner in 3 grossen Blättern eine gedrängte Generalkarte des Stromes, in 5 Karten ein Längenprofil des Strombettes, in 3 Blättern eine Detailkarte des Rio grande, eines bedeutenden Zuflusses des Rio Säo Francisco, auf 1 Blatt eine Specialkarte des Wasserfalles do Sobradinho, auf einem andern Blatte eine des berühmten Wasserfalles (Cachoeira) von Paulo Affonso, auf einem dritten eine der Barra des Rio Säo Francisco; ausserdem zwei landschaft- liche Ansichten der Cachoeira de Paulo Affonso. Als ich Haifeld besuchte, war er nach fiinfjähriger Arbeit der Vollendung seiner Karten nahe. Er beklagte sich bitter, dass er weder bei den Ministern, noch bei andern hochgestellten Brasilianern irgendeine Theilnahme für seine Arbeit finde, hob aber hervor, dass der Kaiser mit dem lebhaftesten Interesse die schon vollendeten Blätter mit ihm durchgesehen habe und den, Fortschritten des Unternehmens mit grosser Aufmerksamkeit folge. Ungeföhr ein Jahr später beschloss die kaiserliche Regierung, Halfeld's Arbeit zu veröffentlichen. Die Ausführung wurde dem ausgezeichneten deutschen Lithographen Herrn Eduard Eens- burg in Rio de Janeiro anvertraut, der die Karten meisterhaft auf Stein gravirte. Im Jahre 1860 war das Prachtwerk vollendet und 1862 liess die kaiserlich brasilianische Regierung durch ihre Legationen eine Anzahl Exemplare an europäische Bibliotheken vertheilen. Herr Haifeld besitzt eine reiche Mineraliensammlung vor- züglich aus der Provinz Minas geraes. Von hohem Interesse ist seine geologische Sammlung, die er in sieben Maulthierladungen von seiner Erforschungsreise des Rio Säo Francisco zurück- brachte. Abends spät kehrte ich befriedigt von meinem lehr- reichen Besuche nach Juiz de fora zurück, nachdem ich dank- bar das freundliche Anerbieten Halfeld's angenommen, mir ein Digitized by LjOOQIC 253 Maulthier und einen Neger mit einer Laterne zu geben, um mich trocken und sicher durch das Kothmeer in die Hospedaria zu bringen. Cidade de Parahybuna war 1858 ein ziemlich unbedeutender Ort und erst zwei Jahre früher zum Range einer Stadt erhoben wor- den. Es bestand fast nur aus einer langen, bei 20 Klafter breiten von zwei öfters unterbrochenen Reihen von Häusern, von denen einige von solider und guter Bauart, gebildeten Strasse. Ueber zwei durch das Städtchen fliessende Bäche fuhren hölzerne Brücken mit je zwei oder vier Palmen geziert. Die Kirche mit schmaler Front aber ziemlicher Tiefe steht auf einer Anhöhe und hat zwei Miniaturthürmchen. Am nördlichen Ende des Stadtchens liegen» einige neugebaute Häuser, Besitzungen der grossen Actienge- sellschaft Uniäo e Industria, die im Begriffe stand, eine gross- artige neue Strasse von Petropolis hierher zu bauen. Seit 1861 ist diese Strasse vollendet und nun steht Cidade da Parahybuna in einem neuen Gewände da. Juiz de fora ist eigentlich ein kleines Dörfchen am entge- gengesetzten Ufer des Rio da Parahybuna. Der Bau einer neuen Strasse bewog vor einigen Jahrzehnten einen Theil der Bewohner nach dem südlichen Ufer überzusiedeln, andere Hessen sich eben- falls dort nieder und so entstand allmählich das Städtchen Pa- rahybuna, das erst durch den ausgezeichneten Strassenbau der neuesten Zeit einen ausserordentlichen Aufschwung nahm. Es mag hier der Ort sein, einige Mittheilungen über die grösste und schönste Strasse Brasiliens zu machen. Im Jahre 1852 bildete sich eine Actiengesellschaft unter dem Namen Uniäo e Industria^ an deren Spitze sich ein Mineiro Mariano Procopio Ferreira Lage stellte. Ihre Aufgabe war es, die Provinzen Rio de Janeiro und Minas geraes durch eine grosse Kunst- und Handelsstrasse zu verbinden. Sie sollte, von Petro- polis ausgehend und sich dort an die sogenannte Serrastrasse anschliessend, in erster Linie nach Juiz de fora, von hier nach Barbacena und später nach der Provinzialhauptstadt Ouro Preto gebaut werden. Ein weitaussehendes, durch lange Jahrzehnte nicht realisirbares Project beabsichtigt diese Strasse von Ouro Digitized by Google 254 Preto über Sahara an den Rio Säo Francisco zu fuhren, diesen his zur Cachoeira do Paulo Affonso mit Dampfern zu hefahren, und von diesem Wasserfalle his zum Atlantischen Ocean einen Schienenweg zu hauen, somit die Reichshauptstadt mit der Pro- vinz Bahia, Provinz Minas geraes von Süd nach Nord durch- schneidend, zu verbinden. Nachdem die Gesellschaft Uniäo e Industria betrachtliche Subventionen theils von der Landesregierung, theils von den Pro- vinzialregierungen Rio de Janeiro und Minas geraes (besonders Zinsengarantien und andere wichtige Vortheile) erlangt hatte, wurden die Vorarbeiten in den Jahren 1853 — 1855 vorgenom- •men und nachdem noch mehrere contractliche Schwierigkeiten ge- hoben waren (z. B. das Provinzialgesetz Minas geraes bezüglich dieser Strasse setzte die Bedingung fest, dass dieselbe eine mög- lichst kurze Linie verfolgen solle, gestattete aber eine Steigung von 7 V2 Procent, während die Compagnie, immer einen möglichen spätem Schienenweg vor Augen behaltend, nur eine höchste Stei- gung von 3 Procent bestimmte und um diese nicht zu über- schreiten natürlich auch weitere Bogen zuliess) fand den 12. April 1856 die feierliche Inauguration der Arbeiten statt. Nach bei- nahe zwei Jahren (den 18. März 1858) wurde die fiinf Legoas lange erste Section der Strasse bis nach Pedro do Rio dem öf- fentlichen Verkehr übergeben, wiederum zwei Jahre später war die sehr schwierige etwas über zwei Legoas lange Strecke, die die Serra do Taquaril durchschneidet, bis Posse vollendet, und da auch unterdessen mit grossem Kräfteaufwand an der Strecke jenseit des Rio Parahyba gearbeitet worden war, konnte die ganze Strecke von Villa Theresa (Petropolis) nach Juiz de fora den 23. Juni 1861 feierlich eröffaet werden. Die Hauptrichtung der Strasse ist von Süden nach Norden. Von Petropolis an folgt sie dem Thale des Rio Piabanha bis zu dessen Vereinigung mit dem Rio Parahyba do Sul, setzt über diesen Strom und fiihrt in dem Thale des Rio Parahybuna bis nach Juiz de fora. Sie hat eine Länge von 114 Kilometer oder 24 Legoas bei einer durchschnittlichen Breite von 7 Meter; 6V4 Legoas oder bei 68 Kilometer kommen auf die Provinz Rio de Janeiro, 7% I^- Digitized by LjOOQIC 255 goas oder 46 Kilometer auf die Provinz Minas geraes. Sie ist durchaus vortrefflich macadamisirt und kann ohne Widerrede den besten Kunststrassen Europas an die Seite gesetzt werden. Von ihrem Ausgangspunkte im Westfälischen Quartier in Petropolis, am rechten Ufer des Piabanha, setzt die Strasse bei Retiro über eine 15 Meter lange hölzerne Brücke auf das linke Flussufer. In Correas ist die erste Station. Hier besitzt die GeseUschaft Stallungen für 600 Thiere und ein^ Wagenfabrik. Dem linken Ufer folgend überschreitet sie das Flüsschen Bom successo bei seiner Einmündung in den Piabanha auf einer eisernen Brücke von 15 Meter Spannung imd kehrt % Legoas weiter bei Olaria über eine eiserne Brücke von 40 Meter Span- nung auf das 'rechte Ufer. Nach einer fernem halben Legoa passirt sie das Flüsschen Santo Antonio über eine 15 Meter lange eiserne Brücke und setzt sich nach Pedro do Rio fort. Das Gefälle von Villa Theresa bis hierher, 5 Legoas Distanz, beträgt 200 Meter. In dieser zweiten Station befindet sich ein hübsches Haus für die Brückenadministration und die Beamten, Magazine für Stapelwaaren aus dem Innern und Rio de Janeiro, eiue Salzniederlage und Stallungen für 60 Maulthiere. Eine höl- zerne Brücke üoer den Piabanha verbindet die neue Strasse mit der sogeuannten alten Minasstrasse. Hinter Pedro do Rio wird das kleine Flüsschen Jacuba auf einer eisernen Brücke von 12 Meter Spannung überschritten und bald darauf durchschneidet die Strasse die Serra do Taquaril, um zur dritten Station Posse zu gelangen. Diese Section der Strasse war die schwierigste und kostspieligste, da der Gebirgs- zug Taquaril meist durch harte Felsen durchbrochen werden musste. In Posse besitzt die Compagnie ejbenfalls Häuser für die Beamten, grosse Magazine für Kaflfee und Salz, Stallungen fiir Postthiere und für 300 Maulthiere für die Lastwagen. Un- gefähr Ya Legoa hinter dieser Station führt eine eiserne Brücke von 34V2 Meters vrieder auf das linke Ufer der Piabanha und nach der vierten Station Jullioca. Bei Sant' Anna, 1 Legoa hinter dieser, gewinnt die Strasse über eine eiserne Brücke von 45 V^ Meter Spannung wieder das rechte Flussufer und führt zur Digitized by Google 256 fünften Station Luis Gama (Campo de Gama). Unweit dieses Punktes verlässt die Strasse den Fluss, der einen weiten west- lichen Bogen beschreibt, erreicht, einem Seitenthale folgend, der Fazenda des Luis Gomes gegenüber, wiederum das Hauptthal und setzt etwas weniger als Ya Legoa weiter zum letzten mal auf das linke Flussufer über eine Brücke von 72 Meter Lange, Hier trennt sie sich in der Richtung von Tres barras vom Rio Piabanha, um das südliche Ufer des Rio Parahyba do Sul zu gewinnen. Die Entfernung von Villa Theresa bis zum Rio Parahyba beträgt 71 Kilometer 552 Meter; der Höhenunterschied der beiden Pimkte 581 Meter. Die Brücke über den Parahyba liegt 302 Meter über dem Meeresniveau. Ligenieur' und Chef des Strassenbaues südlich vom Rio Parahyba war der Kapitän Antonio Maria de Oliveira Bulhoes^ Chefingenieur der Section nordlich von dem Parahyba Joseph Keller. Die eisernen Brücken sind nach dem Brunnel'schen System, sogenannte Bow Strings, solide, leicht und gefällig. Die von Keller gebaute eiserne Brücke über den Rio Para- hyba ruht auf zwei sehr starken Pfeilern von fast 2 Meter Dicke, sie hat 158 Meter Länge, 5^^ Meter Breite und erhebt sich ebenfalls o% Meter über den mittlem Wasserstand des Flusses. Zu ihrem Bau wurden 300 Tonnen Eisen, 12000 Ziegel und 78 kubische Meter Holz verwendet. Sie kostete über 400 Conto de Reis (circa 1,200000 Franken). Ungefähr % Legoa weiter liegt die sechste Station Entre Rioa unweit von Tres barras, dem Punkte, wo sich der Rio Piabanha von Süden und der Rio Pa- rahybuna von Norden in den Parahyba ergiessen. Zwischen dieser und der nächsten Station Serraria fuhrt die Strasse durch einen kleinen Tunnel bei der Fazenda Boa uniao vorbei und über einen kleinen Viaduet, Hinter der Station setzt sie auf einer steinernen Brücke über den Riberäo da Serraria, übersteigt eine Abzweigung der Serra das Abobras, den Collo das Laran- geiras (395 Meter über M.) und gelangt zur achten Station Pa- rahybunay wie schon oben bemerkt, Grenzstation zwischen den Provir&en Rio de Janeiro und Minas geraes. Sowol auf dieser Digitized by LjOOQIC 257 als auch auf der vorhergehenden Station hat die Compagnie weitläufige Gebäude aufführen lassen. Eine eiserne Brücke von 94 Meter Länge und 5V2 Meter Breite verbindet die beiden Ufer des Kio Parahybuna. Ihre Hohe über dem mittlem Wasser- stande beträgt 7 Meter. Mit fünf Bogen ruht sie auf den Pfei- lern einer alten Brücke, die im Jahre 1842 verbrannt wurde. Ihr Eisengewicht beträgt 60 Tonnen. Sie liegt 379 Meter über dem Meeresniveau. Längs des linken Ufers des Parahybuna fuhrt die Strasse nach der neunten Station Rancheria zum Kirch- spiele Simäo Perreira (S. Pedro de Alcantarä) gehörig und von hier etwa 2 Legoas weiter zur Station Duques und dann zur elften Station Mathias Barbosa. Hinter dieser Station setzt die Strasse über eine hölzerne Brücke über das Flüsschen Mathias, entfernt sich vom Parahybuna, der einen weiten Bogen beschreibt, bis zur Brücke do Zambo. Zwischen dieser Station und Juiz de fora musste mit vieler Mühe die Serra do Marmelo durch- brochen werden, um die möglichst gerade Linie zu gewinnen. Bei der zwölften Station Ponte Americana überschreitet die Strasse den Bio Parahybuna und fuhrt bis zur folgenden Station, ihrem Endpunkte, an dessen rechtem Ufer; die Brücke ist von Holz, hält 27 Meter Spannung, 6V2 Meter Breite und ist ebenfalls nach dem obenerwähnten Brunnel'schen Systeme construirt. Juiz de fora liegt 750 Meter über dem Meere und 144 Ki- lometer oder 24 Legoas vom kaiserlichen Palaste in Petropolis entfernt. Nirgends übersteigt die Steigung der Strasse 3 Procent und nirgends sind die Radien der Bogen, die sie beschreibt, weniger als 50 Meter. Südlich von dem Parahyba wurde zwölfmal die erwähnte höchste Steigimg nöthig. Die mittlere Steigung be- trägt 8 vom Tausend. Bis Retiro ist die Strasse 16 Meter breit, weiter nur noch 7. Das Macadam ist 5 Meter breit und 20 Centimeter dick, was für brasilianische Witterungsverhältnisse und wenn die Strasse stark befahren wird, wol etwas zu dünn sein dürfte. Die Unkosten dieses Strassenbaues haben sich ausserordent- lich hoch belaufen, sie beziflfern sich für jede Legoa (alle L^nkosten Tschudi, Reisen durch Südamerika. I. 17 Digitized by LjOOQIC 258 inbegriffen) auf weit mehr als 1 Million Franken (380000 Mil- reis). So die officiellen Angaben. Anderseits wird behauptet, dass das Unternehmen bis zur Eröffnung der Strasse 12000 Con- tos (bei 36 Millionen Franken) kostete. Im Voranschläge von 1853 wurde jede Legoa mit 160 — 240 Contos berechnet. Frei- lich haben sich seit jener Zeit die Arbeitslöhne fast um das Drei- fache erhöht. Ob diese Strasse je eine Rente abwerfen wird, ist mehr als zweifelhaft. In einem seiner letzten Rechenschaftsberichte erklärt Mariano Procopio Ferreira Lage den Actionären ziemlich un- umwunden, dass ihr Kapital verloren sei, sie mögen sich aber zufrieden stellen, da ein patriotisches Unternehmen zu Stande gekommen sei. Es fragt sich nur, ob die Actionäre so patrio- tisch gesinnt sind, um freudigen Herzens pro bono publico ihre Kapitalien zu opfern. Der Betrieb der Strasse, als Privilegium in den Händen der Compagnie, geschieht regelmässig luid ordnungsgemäss. Die Waa- ren, Kaffee und andere Landesproducte in südlicher Richtung, europäische Manufacturen, Salz u. s. f. als Importartikel, werden auf starkgebauten vierräderigen Wagen transportirt. Die Gesell- schaft besitzt zu diesem Zwecke 600 Maulthiere. Der ziemlich lebhafte. Personenverkehr wird mittels nach amerikanischem Systeme construirter Wagen bewerkstelligt. Sie haben ein zu grosses Obergewicht und sind daher dem Um- werfen leicht ausgesetzt, um so mehr, da die grösstentheils deut- schen und zwar nicht immer nüchternen Kutscher ausserordent- lich rasch fahren und die Maulthiere fast immer zum Galopp antreiben. Durchschnittlich wird 1 Kilometer in 5 Minuten oder 1 brasilianische Legoa in 30 Minuten gefahren. Die Strecke, die ich fünf Jahre früher auf elenden Wegen in 4V2 Tagen zu- rücklegte, freilich meistens in kleinen Tagereisen, da beim Be- ginne einer längern Reise die Thiere geschont werden müssen, wird jetzt auf einer trefflichen Kunststrasse in 12 Stunden mit aller Bequemlichkeit gefahren. 400 vortreffliche Maulthiere sind für den Personenverkehr bestimmt. In Juiz de fora hat die Gesellschaft Uniao e Industria Digitized by LjOOQIC 259 weitläufige Beamtenwohnungen, Stallungen, Sägemühlen, Mahl- mühlen, Ziegeleien. Wagenfabriken, Schmieden u. s. f. auffuhren lassen. Ferreira Lage besitzt hier als Privateigenthum einen prachtvollen Landsitz (Quinta)^ der rechts von dem Flüsschen Cascate, links von der Strasse begrenzt wird. Ein grosser Teich, eine Grotte, reizende Garten- und Parkanlagen, ein hübsches Landhaus mit Palmenalleen nach der Strasse und ein Hügel mit einem aus rohen Ziegeln im Renaissancestile ausgefiihrten Schlosse zieren diese mit feinem Geschmack angelegte Besitzung. Besitzung in Juiz de fora. Unweit der Station Juiz de fora beginnt die deutsche Colo- nie Pedro* s IL In der Absicht, wohlfeile Tagelöhner und Hand- werker für den Strassenbau zu erhalten, schickte Ferreira Lage im Jahre 1857 einen Agenten nach Deutschland, um Colonisten für eine neue Ansiedlung zu engagiren. Sie langten im folgen- den Jahre in Juiz de fora an. Hier aber waren trotz der im allgemeinen umsichtigen Leitung des grossartigen Unternehmens bei ihrer Ankunft noch lange nicht die nothigen Vorbereitungen zu ihrer Aufnahme getroffen und die Ankömmlinge mussten mit 17* Digitized by LjOOQIC 260 schweren Entbehrungen und grosser Noth kämpfen. Begreif- licherweise wurden sie mismuthig und unzufrieden, da auch die Acclimatisationskrankheiten sie im hohen Grade deprimirten. Eine wenig khige Direction verstand es weder das Vertrauen der Co- lonisten zu gewinnen, noch ihren begründeten Klagen gerecht zu werden. So kam es, dass der Zustand der Colonie im Jahre 1859 ein wahrhaft betrübender war. Die Direction der Colonie kam glücklicherweise, noch ehe e*s zu spät wurde, zur Einsicht, dass ein anderer Weg eingeschlagen werden müsse. Sie ersetzte den untauglichen Coloniedirector durch einen tähigern und schaflFte nach Kräften Abhülfe der gröbsten Gebrechen. Infolge dieser Massregeln fingen die Colonisationsverhältnisse an sich einiger- massen zu consolidiren ; die Ansiedler wurden zufriedener. Nur im Jahre 1861 wurde ein Theil der Colonisten durch unüberlegte Aufregungen von aussen zu Unordnungen, fast zur offenen Em- pörung aufgestachelt; aber auch diese Störungen legten sich und der Stand der Colonie kann gegenwärtig ein befriedigender ge- nannt werden. Allerdings fehlt es auch jetzt nicht an einzelnen Klagen über Willkürlichkeiten der Beamten, Nichtinnehalten ge- gebener Versprechen, überhaupt über Verhältnisse, über die ein jeder Fremde in Brasilien zu klagen Ursache hat; im ganzen genommen aber sind die Colonisten ziemlich zufrieden imd die Niederlassung nimmt einen geregelten Fortgang. Am Schlüsse des Jahres 1860 zählte die deutsche Colonie Pedro's ü. 1005 Seelen. Numerisch am stärksten vertreten sind dort Hessen und Tiroler, dann kommen Holsteiner, Preussen und Badenser. Zur nämlichen Zeit belief sich die Gesammf- schuld der Colonisten an die Compagnie für Keisevorschüsse von Deutschland bis auf die Colonie, für verkaufte Ländereien und deren Vermessungskosten, für empfangene Lebensmittel und Ef- fecten auf eine Totalsumme von 27080G Milreis (über 700000 Fran- ken), also an 280 Milreis (777 Franken zum Curse von 360 Keis per Frank) per Kopf. Abgezahlt hatten die Colonisten bis da- hin 32355 Milreis (89S76 Franken). Die noch zu tilgende Schul- denlast erreicht also eine beträchtliche Höhe, könnte aber in einigen Jahren getilgt werden, weiui nicht wegen immer neuer Vor- Digitized by Google 261 Schüsse die Abzahlungen nur sehr langsam von statten gingen. Die Colonie besitzt eine ziemlich gute deutsche Elementarschule und seit 1862 einen deutschen protestantischen Greistlichen , der, wie schon bemerkt, zugleich auch die Seel&orge für den prote- stantischen Theil der Bevölkerung in Petropolis versieht. Kehren wir wieder nach der Stadt Parahybuna und dem Estalagem mit der stolzen Inschrift „Hotel" zurück. Ich hatte Auftrag gegeben, mir einen Camarada bis nach Barbacena zu verschaflfen und traf abends bei meiner Kückkehr einen sol- chen, mit dem ich bald über den Preis einig wurde. Wir wollten mit Tagesanbruch abreisen, aber trotz alles Drängens wurde es 9 Uhr, ehe wir im Sattel sassen. Es war Sonntag und die Her- berge mit Gästen aus der Umgegend, die zum Gottesdienste nach der Stadt kamen, förmlich belagert, darunter eine grosse Anzahl Neugieriger, die mich nicht wenig belästigten. Hier wie auf der ganzen Reise fesselten besonders zwei Gegenstände die Aufmerk- samkeit meiner Wirthe und der in der Herberge befindlichen Eingeborenen, nämlich meine Meerschaum -Cigarrenspitze und die Doppelflinte meines Bedienten; unzähligemal wollte man mir diese Stücke abkaufen. Die Cigarrenspitze war ihnen neu, schien ihnen aber doch sehr zweckmässig. Die Flinte hatte ich einige Jahre früher aus dem Nachlasse eines Försters erstanden und da sie einmal in der Mitte geplatzt war, Hess ich die Läufe unter der schadhaften Stelle abnehmen, sodass sie nur noch eine Länge von circa 18 Zoll hatten. Dadurch wurde sie für die Jagd beinahe ganz unbrauchbar, war aber sehr bequem, um sie an dem Sattelknopfe anzuhängen und blieb gegen Strauchdiebe nöthigenfalls immerhin eine treffliche Waffe. Dies bestimmte mich auch sie meiner Ausrüstung beizufügen. Für diese Flinte nun, die keine 3 Thaler werth war, wurden mir an verschiede- nen Orten wiederholt fabelhafte Preise geboten. Ein Fazendeiro der Umgegend, der nach der Messe auf die Pacajagd zu. reiten beabsichtigte, war von diesem Flintenkrüppel so entzückt, dass er mir sogleich dagegen seinen sehr schönen lütticher Doppel- lauf anbot und mich ersuchte, nur zu bestimmen, wie viel er noch Digitized by Google 262 an Geld darauf zahlen solle. Ich konnte mich nicht entschliessen, einen Tausch einzugehen, der mir fast als Betrug erschien. Mehr als die Anerbietungen dieses Jägers interessirte mich seine Meute. Die Hunde waren ziemlich niedrig, aber verhält- nissmässig lang gestreckt, weiss, oder falb mit querabstehenden Ohren und ziemlich spitzem, bastardirtem Windspielkopfe. Ich habe früher nie diese eigentlich unschöne Hundespielart gesehen. Wie mir versichert wurde, soll sie bei der Jagd der Pacas (Coelogenys Paca, ein beinahe 2 Schuh langer Hufnager von vor- züglichem Wildpret) Ausgezeichnetes leisten. Ich habe mich später selbst von der Richtigkeit dieser Angabe überzeugt, in- dem ich öfter mit solchen Hunden die wohlschmeckende Paca jagte. Man bedient sich ihrer ganz wie unserer Bracken. Sie stossen das Wild auf und verfolgen es unter andauerndem, hef- tigem Geläute. Auch habe ich wiederholt bemerkt, dass diese . Hunde teine andere Fährte aufnahmen als ausschliesslich die der Paca. Sie haben also eine ziemlich beschränkte Verwendung. Einiges Interesse flösste mir auch meine Wirthin durch ihre Corpulenz ein^ Es war eine Mulattin von seltenem Körperum- fang. Ihre Tochter war ihr treues Ebenbild und dürfte ihrer Mutter in dieser Beziehung in spätem Jahren noch den Rang ablaufen. Das sechzehnjährige Mädchen wog sicherlich schon mehr als 2 ZoUcentner. Mulattinnen haben im allgemeinen grosse Neigung zu Fettansatz. Nachdem ich eine unverschämte Rech- nung bezahlt hatte, ritt ich ab. Weiter im Norden in Concei- 9äo do Matto dentro erzählte mir mein brasilianischer Gastfreund, dass er in der nämlichen Herberge einmal für ein Huhn, etwas schwarze Bohnen und Reis 14 Milreis (50 Franken) zahlen musste. Ich glaubte anfangs, ich sei nur als Fremder so ge- brandschatzt worden, ersah aber aus diesen Angaben, dass die dicke Wirthin unparteiisch genug bei ihren Prellereien keine nationalen Unterschiede berücksichtigt. Man kann in Minas von Ouro Preto siidwärts so ziemlich mit Sicherheit darauf zählen, dass man in allen Herbergen mit der Aufschrift Hotel meist weit theurere Rechnungen bezahlen Digitized by CjOOQIC 263 muss, als in denen mit den bescheidenem Titeln „estalagem, hospedaria oder casa de pasto". Wir ritten 2 Stunden lang auf einer vortrefflichen Strasse bis zu einer guten, solid gebauten hölzernen Brücke, die bei Bern- fico über den Rio Parahybuna auf dessen linkes Ufer übersetzt. Endlich zertheilte sich der dichte Nebel, der den ganzen Morgen die Landschaft mit einem fast undurchdringlichen Schleier be- deckt hatte. Wir trafen hier eine Reihe von vierzehn mit Mais und Parinha beladenen südwärts ziehenden Wagen. Jenseit der Brücke wird der AVeg steiler und schlechter, und führt wieder an einem einstigen Regist ro vorüber; links und rechts steht an dieser Stelle ein Gebäude, öde und verlassen, dem Zahne der Zeit anheimgegeben, der auch schon lebhaft zerstörend daran genagt hat. Vor dem Gebäude rechts steht in einem Mauer- raume ein halbverfaulter Barrierestock. Binnen kurzem wird auch dieses odiose Erinnerungszeichen der Vergangenheit ver- schwinden. Eine kleine Stunde weiter erblickt man die schöne Fazenda Miranda, deren Haus ungemein lieblich etwas seitwärts nach rechts vom Wege liegt. Es ist rosafarben angestrichen und bringt gerade deshalb eine sehr angenehme Abwechslung in das monotone Grün. Später reitet man an den freundlichen Gebäuden der ebenfalls rechts abliegenden Fazenda Estiva vorbei und gelangt bergan, bergab über kleine Hügelzüge nach Chapeo d^Uvas. Auf den Fazendas werden vorzüglich Mandioca, Mais, Reis und Bohnen gebaut. Kurz ehe man Chapeo d'Uvas erreicht, wird man durch die stolze Indaiäpalme (Attalea compta) auf das angenehmste über- rascht. Ihr Anblick entzückt jeden Fremden, der sie, von Rio de Janeiro nach Minas reisend, hier zum ersten mal erblickt. Sie steht theils in den Wäldern mit Capoeirabäumen untermischt, theils an Hügellehnen, oder in der Thalsohle vereinzelt und daher auch um so grossartiger, da ihre wundervollen Reize durch keine störende Umgebung beeinträchtigt werden. Sie ist eine der schön- sten Palmen, die ich kenne. Wahrhaft majestätisch steht sie da mit ihren starr aufgerichteten, nur an der Spitze wie Reiher- federn übergebogenen Blättern. Die einzelnen Blättchen, die den Digitized by Google 264 grossen Blattwedel bilden, sind breit, gerippt, einander gegen- überstehend, fast senkrecht auf- und abwärts gerichtet. Dicht am gemeinsamen Blattstiele lassen immer je zwei der eng an- einandergereihten Blättchen eine dreieckige Lücke zwischen sich, da jedes derselben an seiner Basis gegen den gemeinsamen Blatt- stiel zugespitzt ist. Der Wedel erhält dadurch längs des Blatt- stiels ein ungemein feines durchsichtiges Ansehen wie Filigranar- beit. ^) Die faustgrossen Nüsse bilden lange Trauben ; sie werden gegessen, schmecken aber nichts weniger als angenehm. Am Eingange des Dorfes liegt eine Herberge mit der Auf- schrift: „Casa de pasto — Hotel provincial", wo ich freundliche Aufnahme fand. In meinem Zimmer — wenn überhaupt die offenen Gelasse, in denen Betten für die Reisenden stehen, auf diesen Namen Anspruch machen dürfen — traf ich zum ersten mal seit meiner Abreise von Petropolis einen Tisch. Zwar ragte seine Höhe über, das gewöhnliche Mass hinaus, ich konnte aber immerhin stehend daran schreiben. Gewöhnlich findet man in den Herbergen nur in dem Esszimmer einen Tisch, in den Gemächern für die Reisenden nur Betten, aber immer so viele als nur Raum darin haben. Mein Wirth, von stark gefärbtem Blute, war ein sonderbarer Kauz, ziemlich unterrichtet und in- telligent. Mit Vorliebe sprach er, wie die meisten seiner Lands- leute, von Politik und den Verhältnissen seines Vaterlandes, die er mit klaren und offenen Augen ansah und sehr vernünftig be- urtheilte. Er versah in seinem Dorfe die ziemlich wichtige Stelle eines Friedensrichters. Vor einigen Jahren lernte er von einem in seiner Nähe wohnenden Franzosen Französisch, das er voll- kommen versteht und in dem er sich trotz einer sehr schlechten Aussprache wenigstens verständlich machen kann. Auch Latein lernte er noch als Familienvater. Chapeo d'Uvas ist ein trübseliger Ort und besteht aus an- derthalb Häuserreihen, die circa vierzig Wohnungen umfassen. ') Sonderbarerweise sagt Herr Burmeister (Reise nach Brasilien, S. 506), indem er von den nämlichen Exemplaren dieser Palme spricht: „Die Blättchen dieser Palme stehen so dicht, dass sie in der Nähe des gemeinsamen Stammes keine Lücke bilden." Digitized by LjOOQIC 265 Das Kirchspiel, zu dem das Dorf gehört, heisst Engenho do Matto und zählt in etwas über 300 Häusern gegen 3000 Einwohner. Auf dem sehr verwilderten Platze steht eine Kapelle, dicht an ihr wird eine neue Kirche mit zwei Thürmchen, ganz im Stile der von Juiz de forä, gebaut. Vor etwas mehr als zehn Jahren wurde ihr Bau begonnen, dann aber sistirt, nicht aus Mangel an Geld, wie es gewöhnlich geschieht, sondern wegen Meinungsdiflferenzen. Jetzt soll sie der reiche Besitzer von Miranda vollenden und zwar nach seinem Geschmack, aber auch auf seine Kosten. Der Miethzins fiir Wohnungen ist in Chapeo d'Uvas ausserordentlich billig und man kann fiir 4 Milreis pro Jahr ein ganzes Haus miethen, zuweilen es sogar umsonst bewohnen. Fast jeder der grössern Fazendeiros der Umgegend hat sich nämlich im Dorfe ein Haus gebaut, um sich, wenn er Sonntags mit seiner Familie zur Messe reitet, dort umzukleiden, ausserdem betritt er es das ganze Jahr nie. Diese Häuser sind natürlich auf das einfachste hergestellt, die meisten von aussen nicht einmal beworfen. Ich besuchte eins derselben und ergötzte mich an dem sehr origi- nellen Herde. Er bestand nämlich aus einem alten, mit Erde gefiillten Bette; ein paar Steine, auf die die Töpfe gestellt wurden, bildeten die Feuerstelle, der Rauch findet Spalten und Ritze genug, um ins Freie zu gelangen. Üer grösste Kaufmann des Ortes macht einen jährlichen Umsatz von 12 — 14 Contos de Reis. Von Jiier bis an den Fuss des Serra da Mantiqueira sind 6 Legoas. Der Weg, so ziemlich mit dem nämlichen Charakter wie bisher, führt zuerst bei der Fazenda de D* Maria, dann bei Pedro Alves, das links liegen bleibt, vorbei nach Joäo Gomes, einem armseligen Dörfchen mit wenigen, ziemlich schlechten Häusern.* Die Kirche ist tief aber unansehnlich und thurmlos; ungefähr 20 Schritt davon hängen die Glocken an einem "hölzer- nen Gerüste. Hinter diesem Arrayal passirt man einen Zufluss des Rio novo, der südlich von der Serra do Piau in östlicher Richtung dem Rio da Pomba zuströmt, über eine solide steinerne Brücke, etwas weiter nach Norden ein zweites Flüsschen und gelangt bergauf, bergab reitend an den Fuss des Gebirges. Digitized by LjOOQIC 266 In den wenigen regenfreien Stunden des Tages brannte die Sonne mit einer fast unerträglichen Heftigkeit. Die feuchte Hitze auf den dampfenden Maulthieren ist noch lästiger als ein heftiger Regen. An einigen Stellen hörte ich den Gesang eines Vogels, der dem Schlage unserer Wachteln täuschend ähnlich ist, nur etwas mehr gequetscht klingt. Die Tauben, die bisher immer zu Dutzenden auf dem Wege im Maulthiermist nach unverdauten Maiskörnern suchten, fingen an seltener zu werden, desto häufi- ger aber die Schweine, die sich scharenweise um jeden Rancho herumtrieben. Gewöhnlich begegnet man ihnen längs der Strasse, lange ehe man die Wohnungen, zu denen sie gehören, erreicht. Eine Stunde von Joäo Gomes treten die brasilianischen Fichten wieder auf. Viele wenig bemittelte Fazendeiros sind nicht in der Lage, gegen jeden, der sie um ein Unterkommen anspricht, Gast- freundschaft auszuüben, beherbergen aber Reisende und ge- ben ihnen und ihren Thieren gegen billige Entschädigung Nahrung. Der Fazendeiro, bei dem ich die Nacht zubringen wollte, gehörte zu dieser Zahl. Er war mir als ein roher, un- freundlicher Mann geschildert worden. Ich fand ihn auch treu der Schilderung. Er stand auf der Veranda, als ich vorritt und bedeutete mich kurz*, dass die Zimmer im Wohngebäude schon von Reisenden besetzt seien, wenn ich aber mit einem Cuarto im Hofe vorlieb nehmen wolle, habe er nichts dagegen. Rechts vom Eingangsthor war nämlich ein langes, niedriges Lehmgebäude in eine Anzahl Cuartos, d. h. Löcher ohne Fenster, ohne Dielen und ohne Decke abgetheilt. Da mir mein Camarada versicherte, dass der pasto '(Weideplatz fiir die Maulthiere) hier ausgezeich- net sei und ich stets dem Grundsätze folgte, dass bei einer lan- gen Reise die Weide für die Thiere immer der Bequemlichkeit des Reisenden vorangehen müsse, so blieb mir nichts übrig als mich zufrieden zu geben. Ich stieg ab und eine Negerin brachte den Schlüssel zu Cuarto Nro. 1, wol dem besten von allen. Ich trat ein und fand zwischen den vier Lehmwänden absolut nichts als ein namenlos ekelhaftes Nachtgeschirr und einen unerträg- lichen Gestank. Nachdem ersteres beseitigt war, wurde dieThür Digitized by LjOOQIC 267 oflfen gelassen, um womöglich auch letztern zu vermindern. Unter freiem Himmel konnte ich leider nicht schlafen, da es in län- gern oder kürzern Intervallen immer wieder heftig regnete. Nach einem frugalen Mahle in dem mit Reisenden dicht besetzten Speise- zimmer des Wohnhauses nahm ich meine Flinte und machte noch eine Excursion in den Wald gegen die Serra zu. Terroitenhaufen. Schon im Laufe des Tages hatten die ausserordentlich grossen Termitenhaufen neben dem Wege ilieine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Je weiter ich mich von der Strasse entfernte, desto zahlreicher und grösser wurden sie. Auf schwach bewaldeten Stellen und Waldblössen traf ich ganze Colonien dieser sonder- baren Beweise thierischen Fleisses zu vier, fünf, acht und mehr vereint, alle an Form und Grösse verschieden. Da steht ein zehn Fuss hoher, unregelmässig, kegelförmiger Bau auf einer Digitized by LjOOQIC 268 Basis von mehr als vier Schuh Durchmesser^), oflFenbar älter als das nebenanstehende kleine Bäumchen, das ihn theils überragt, theils bedeckt; seitlich hinter ihm erhebt sich ein anderer etwas niedrigerer, ähnlich in seinen Formen einem von den Wellen des Meeres angefressenen Riffe, und wieder etwas weiter ist, wie ein riesenhafter Lärchenschwamm auf kurzem Stiele, mit zahlrei- chen grossen und kleinen Höckern bedeckt, ein dritter aufgebaut, während im Vordergrunde mit Gräsern und Kräutern bewach- sen ein vierter seiner allmählichen Zerstörung entgegengeht, denn er scheint verlassen und seine frühem Bewohner haben schon wieder ein neues Gebäude zusammengekittet, zwar breit angelegt, aber noch niedrig und von unregelmässiger Gestalt; nicht weit von ihm sind ein paar riesige Kegel erst seit kurzem vollendet, denn ihre Oberfläche ist ziemlich glatt und zeigt noch keine verletzten oder ausgebesserten Stellen. Einige hundert Schritte davon wiederholt sich ein ähnliches Bild, aber mit mannichfach verschiedenen Formen ; so liegen diese Colonien längs des Fusses des Gebirges in lichtem oder dich- tem Capoeiras, neben der Strasse, auf cultivirten Feldern, oft dicht neben den menschlichen Wohnungen. Die Termitencolonien machen einen fast unheimlichen Ein- druck; man bemerkt an ihnen nichts von der ewig regen, emsigen, fast fröhlichen Thätigkeit eines Ameisenhaufens. Die felsenhart zu- sammengekitteten gelblichbraunen Baue stehen todt da und lassen keine Spur von dem Leben durchdringen, das tief in ihrem In- nern herrscht, nicht einmal durch eine äussere Oeffnung, die den Bewohnern als Aus- und Eingang dienen könnte, denn blos unterirdische Wege führen zu ihren Wohnungen. Nur wenn eine Verletzung an der äussern Decke des Baues stattfindet, wird dem Beobachter Gelegenheit geboten, die Thätigkeit der Termiten (Cupim) zu belauschen, denn dann beeilen sie sich, durch neue, meist kugelig aufgesetzte Lehmschichten den Schaden auszubessern. ^) Von 20 Fuss hohen Termitenhaufen bei einem Umfange von 50 — 100 Fuss zu sprechen, gehört wol zu den argen Uebertreibungen, wie sie manche Reisende lieben. Digitized by Google 269 Eine ziemlich grosse Höhle bildet das Centrum der Termiten- haufen, von ihr ans verlaufen nach allen Richtungen unzählige, unter sich communicirende , unregelmässige Gänge, deren innere* schwärzlichen Wandungen das Gerüste des Baues ausmachen. Dieses Gerüste, oder besser diese mit Rohren oder oft zu Kammern sich erweiternden, unregelmässig durcheinander gewimdenen Gängen durchzogene Wand hat je nach der Grösse des Baues eine Dicke von wenigen Zoll bis zu 2 Schuh. Sie ist mit einer Va — 1 Zoll dicken Lehmschicht überzogen, die bald ziemlich einförmig und glatt, meistens aber mit höckerigen Unebenheiten bedeckt ist; denn überall, wo durch den Einfluss der Witterung oder durch andere Eingriffe die äussere Decke so tief verletzt wird, dass ein- zelne Röhren blossliegen, werden die schadhaften Stellen von neuem überwölbt, immer aber höher, als sie vor der Verletzung waren. Auch die Vergrösserung des Baues geschieht meistens dadurch, dass die innern Röhren durch die Lehmwand getrieben werden und dann von oben nach unten ein neuer Höcker aufge- setzt wird. Sehr viele. Baue sind aber ganz glatt und regel- mässig und man bemerkt an ihnen nichts von dieser Art des Ausbaues. Die äussere Lehmdecke ist ausserordentlich fest. Mir ist es nie gelungen, mit einem guten Mineralienhammer Stücke da- von loszubrechen. Um die Richtigkeit der oft gelesenen Angabe, dass diese Decke für eine Flintenkugel undurchdringlich sei, selbst zu prüfen, schoss ich mit meiner trefflichen Büchse auf .40 Schritt Entfernung in die Mitte eines grossen Termitenbaues. Die Spitzkugel durchdrang zwar die Decke, blieb aber in der- selben stecken, ohne in die innern Räume zu gelangen. Sehr oft bauen die Termiten ihre Wohnungen auf Bäume, besonders gern in die gabelige Theilung der Aeste; sie haben hier aber nur einen massigen Umfang, höchstens mit einem Durch- messer von 8 — 14 Zoll. Von diesen kugeligen Bauen führen gewöhnlich ein oder mehrere mit Lehm überwölbte Gänge längs des Stammes in die Erde. - Am schädlichsten sind die lichtscheuen Termiten, wenn sie ihren Wohnsitz in der Nähe der menschlichen Wohnungen oder Digitized by Google 270 in diesen selbst aufschlagen, denn sie treiben von demselben ihre gedeckten Gänge zu allem Holzwerk und fressen es von innen aus. Ich habe mehrmals gesehen, wie sie Thür- und Fen- stöcke so total ausgehöhlt hatten, dass nur noch eine zwei Linien dicke Holzschicht übrig blieb und das so zerstörte Gerüst jeden Augenblick den Einsturz drohte. Sie höhlen in den Lehmwan- dungen der Häuser Gänge bis zum Gebälke des Dachstuhles und zerstören es von innen nach aussen. ^) Einer meiner Bekannten in Rio de Janeiro erzählte mir in vollem Aerger über die Cupim, die ihm seine Wohnung und Möbel beschädigt hatten, dass sie ihm sogar den Siegellack und die Pfropfe seiner Rheinwein- und Bordeauxflaschen im Keller gefressen haben. Sollte wirklich ein derartiger Angriff auf seinen Flaschenkeller stattgefunden haben, so dürfte er wol von viel höher organisirten , schwarzgefärbten Wesen ausgegangen sein. Bei einbrechender Nacht kehrte ich in die Fazenda zurück und machte in dem elenden Gemache mein Nachtlager zurecht. Nun zeigte sich ein neuer Uebelstand: im nebenanstossenden Cuarto brannte nämlich ein Feuer; sobald ich meine Thür schloss, war mein Gemach mit einem erstickenden Rauche angefüllt ; Hess ich sie offen, so wurde ich von einer Heerde hungeriger Schweine überfallen, die ich nur mit Mühe von meinem Lager fern halten konnte. Ich zog aber doch diesmal den Rauch den Schweinen vor und schloss die Thür. Trotz der bedeutenden Müdigkeit war indessen vorerst nicht ans Schlafen zu denken. Aus dem nebenanstossenden Cuarto drang ein grässliches Stöhnen, Win- seln und Jammern zu mir herüber. Ich war über dessen Ur- 1) Wie bedeutend die Zerstörungen der Termiten sind, davon gibt AUen's Indian Mail, 5. November 1863 und 7. April 1864 (vergl. Petermanri's Mitthei- lungen 1864, S. 310) ein schlagendes Beispiel. Auf der Insel St-Helena (wo sich die Termiten, durch Schiffe oder Waaren eingeführt, seit circa 20 Jahren eingebürgert haben), in der kleinen Stadt James -Town haben diese Ameisen sämmtliches Holzwerk der Gebäude vollständig zerstört. Der Schaden nur an Gebäuden wird auf mehr als 40000 Pfd. Strl.> geschätzt, ebenso hoch der an Möbeln und Waaren. Ausserdem werden die neu zu erbauenden Häuser das Doppelte der frühern kosten, da man zu Neubauten nur Steine und Eisen anzuwenden gezwungen ist. Digitized by LjOOQIC 271 Sprung nicht im Unklaren, denn mein Camarada hatte mir bei meiner Rückkunft erzählt, dass in dem Nachbargemache eine krummgeschlossene Negerin liege; der Aufseher habe eben noch Holz hineingetragen und die Stricke fester angezogen. Was nützten alle die traurigen Reflexionen, die die entsetzlichen Kla- getöne des unglücklichen Weibes in mir hervorriefen? Helfen konnte ich nicht. Der Fazendeiro hatte sieh schon längst schlafen gelegt imd ich konnte daher bei ihm nicht mehr ein Wort für die Gefangene einlegen (apadrinhar) und war nun gezwungen, den ununterbrochenen Ausdruck eines qualvollen Schmerzes an- zuhören. Wäre der Regen nicht in Strömen heruntergestürzt, ich wäre keine Minute länger in dem Gemache geblieben. End- lich siegte die Müdigkeit; aber nach kurzem Schlummer wurde ich durch ein unangenehmes Kratzen im Gesichte aufgeweckt und hörte rings um mich ein lebhaftes Rasseln. Bald war eine Wachskerze aus der bereit liegenden Satteltasche gezogen und angezündet. Das plötzliche Licht erschreckte für einen Augen- blick ein paar Dutzend riesenhafter Ratten, die sich das Gemach zu ihrem nächtlichen Tummelplatze ausgewählt hatten. Einige glotzten mich verdutzt an, andere rannten gegen das Licht, wie- der andere suchten sich in verschiedenen Richtungen zu verstecken und es gab einen Augenblick lang ein heilloses Durcheinander. Nur zu bald kamen diese Eindringlinge wieder zur Besinnimg und fanden es wahrscheinlich zweckmässiger, sich durch das schwache Licht nicht beirren zu lassen und in ihrem begonne- nen Zerstörungswerke fortzufahren. An zwei meiner Lederkoffer (canastras) hatten sie schon die Ecken angefressen und das Riemenzeug meines Sattels und Zaumes an verschiedenen Stellen angegriffen. Das war mir doch zu bunt und ich fühlte mich ver- anlasst die Offensive zu ergreifen. Ich rollte mein Bett zusam- men, setzte je zwei Koffer aufeinander, postirte mich, mit einer langen Hetzpeitsche versehen, auf das eine Paar derselben und wehrte nun die unverschämten Angriffe ab. Es war halb zwei Uhr. Natürlich musste auf den Schlaf Verzicht geleistet werden. Meine Vorkehrungen hatten zum Theil die gewünschte Wir- kung, die Koffer wurden wenigstens verschont. Zwar fehlte ea Digitized by Google 272 nicht an kecken Versuchen sich ihnen zu nähern, aber die Peitsche flösste doch meinen impertinenten Gegnern einigen Respect ein. Wenn ich die eine oder andere Ratte durch einen wohlgezielten Hieb traf, so schnaubte, pfauchte und pfiflF sie ganz empört, ja einzelne sprangen mit gesträubten Haaren nach der Peitsche. Einige verloren sich, während wieder andere mit wunderbarer Behendigkeit längs der • Dachbalken herunterrannten. Diese be- wegte Scene wurde fortwährend von dem herzzerreissenden Win- seln der gefesselten Sklavin begleitet. Nach zwei langen Stun- den gab ich meinem Camarada das verabredete Zeichen, die Thiere von der Weide zu holen. Mit Tagesanbruch sattelten wir auch und verliessen dieses traurige Nachtquartier. Nach anderthalbstündigem, zum Theil ziemlich steilem Berg- ansteigen erreichten wir den Kamm der Serra da Manqueira. In frühern Zeiten war der Uebergang über diesen Gebirgszug sehr verrufen, da kecke Wegelagerer und selbst ganze Räuber- banden ihn im hohen Grade unsicher ;aiachten. Sie fiihrt ihren Namen von den dort verübten Mordthaten. Man hat in der Nähe der ehemaligen alten Strasse viele Reste von menschlichen Skeleten und Sättel, deren Leder vermodert und durch deren hölzerne Gestelle schon Bäume durchgewachsen waren, gefunden. Auch in neuerer Zeit wurden auf dieser Strasse mehrmals Angriffe auf das Leben und die Sicherheit der Vorüberziehenden gemacht; im ganzen kann man aber den Weg jetzt einen durchaus sichern nennen. Das zweite Drittel der Strasse ist mit besonderer Sorg- falt angelegt, war aber, wie die ganze Strecke, schlecht unter- halten. Rechts vom Wege, ungefähr eine halbe Stunde, ehe man die Höhe erreicht, befindet sich eine Mauer aus Steinplatten, sie ist von zwei Röhren durchbrochen, die ihr klares Wasser in einen steinernen Trog ergiessen. Wäre es nur auch so frisch als es klar ist. Gegenüber sind ein paar Palmen angepflanzt und etwas höher ein zweiter aber einfacherer Brunnen angelegt. Auf der ganzen Strecke zwischen Juiz de fora und Barba- cena verkehren während der trockenen Jahreszeit Wagen, sowol für Passagiere als den Waarentransport. Auf dem Kamme des Gebirges empfing uns ein schneidender Digitized by LjOOQIC 273 kalter Wind, den aber ein herrlicher Rückblick auf einen grossen Theil der in den verflossenen Tagen durchreisten hügeligen Wald- gegend mit duftig blauen Gebirgen im Hintergrunde bald verges- sen machte. Die erste Strecke beim Hinuntersteigen der Serra ist nichts weniger als gut. Ich begegnete hier einigen mit Waaren beladenen Wagen; die armen zahlreich vorgespannten Maulthiere mussten sich furchtbar abquälen, um dieselben in grossen Pausen nur wenige Schritte weiter zu ziehen. Unfern davon belustigten sich einige Prachtexemplare vierbeiniger Esel; es waren Zuchthengste einer benachbarten Fazenda. Grosse Tropas von Maulthieren zogen vorüber; sie waren alle mit BaumwoUstoflfen beladen. Diese groben Stoffe werden in verschiedenen Municipien der Provinz, besonders auch in Pitangui aus einheimischer Baumwolle gewo- ben und in der Reichshauptstadt sowie in den Plantagen der Provinz Rio de Janeiro theils zu Segeln kleiner Barken, theils zu Sklavenkleidern und Kaffeesäcken gern gekauft. Die Maschinen zum Entkörnen der Baumwolle sind hier noch sehr primitiv und ähnlich den einfachen Kartoffelquetschen, wie sie auf vielen Gü- tern Deutschlands gebräuchlich sind und nur aus zwei hölzernen, gegeneinander sich drehenden glatten Walzen bestehen und durch eine Kurbel in Bewegung gesetzt werden. Bei den Entkörnungs- maschinen für den Gebrauch kleiner Familien haben diese Wal- zen nicht mehr als einen Zoll Durchmesser. Nachdem man vom Kamme der Serra etwa 1 Ya Stunden wenig steil herabgestiegen ist, gelangt man beim Rancho novo de Nascimiento auf eine sehr gut gebaute Strasse. An einem Graben neben einem kleinen Rancho bemerkte. ich eine wunder- schone Weide. Ich erwähne nur deshalb dieses unbedeutenden Umstandes, weil es auf den europäischen Reisenden einen unge- mein wohlthuenden Eindruck macht, wenn er plötzlich mitten unter der fremdartigen Tropenvegetation einer Baumform mit heimischem Charakter begegnet. Zwei Legoas hinter Rancho novo beginnt die Landschaft den Camposcharakter anzunehmen. Links vom Wege ist hü- geliges Weideland, rechts liegen noch Waldungen, in denen die Tschudi, Reisen durch Südamerika. I. 18 Digitized by Google 274 Araucaria durch zahlreiche, zum Theil sehr schöne Exemplare vertreten ist. Es gibt selten einen Waldbaum, der einen so wenig specifisch ausgebildeten Charakter trägt, wie die brasilianische Araucaria. Bald ist. der Baum von unten auf gleichförmig beastet, oft ist er pyramidenförmig, zuweilen candelaberartig, indem nur wenige nackte Aeste fast horizontal vom Stamme weg ragen, oder dieser ist astlos und nur am Gipfel von einer breiten Krone überwölbt; kurz, seine Formen wechseln auf das mannichfaltigste. Charakteristisch sind nur die nackten Aeste, die an ihrer Spitze die mit breiten, lanzettförmigen Nadeln besetzten Zweige tragen. Mit keinem europäischen Nadelholze hat die Araucaria so viele Aehnlichkeit als mit der österreichischen Schwarzföhre. Ein infolge von Unterwaschungen vor kurzem vom Wegab- hange heruntergestürzter Termitenhaufen machte den Weg fast unwegsam; auf den Trümmern wimmelte es von dessen obdach- losen Bewohnern, die emsig den Wiederaufbau begannen. Sie waren meistens blind, mit weisslicher Brust und breitem, grauem, ausserordentlich weichem Leibe. Die sehenden Termiten waren in geringer Anzahl, sie haben ebenfalls einen grauen Leib, aber einen grossen, gelbbraunen Kopf. Dicht neben dieser Ruine stand der Wurzelstock einer um- gehauenen Araucaria, aus dem sieben junge Exemplare, schon zu einer Höhe von vier Fuss angewachsen, ausgetrieben hatten. Ein Zwischenfall nöthigte mich, in einer Venda halt zu machen, da, wo in frühern Zeiten auch eine der lästigen Zoll- schranken stand (Registro velho). Mein freigehendes Maulthier hatte sich nämlich einer Truppe halbwilder Stuten einer nahelie- genden Fazenda angeschlossen und war mit ihnen in sausendem Galop querfeldein gestürmt. Ich konnte mich also thatsächlich überzeugen, dass der Schmied in Juiz de fora recht hatte, als er mir versicherte, dass durch seine Operation das Thier voll- ständig geheilt sei. Während mein Camarada hinter der wilden Jagd herkeuchte, wartete ich auf seine Rückkehr und liess ein eben losbrechendes Gewitter vorüberziehen. Im Walde, dem Häuschen gegenüber, gröhlte ein Brüllaffe in seinen gurgelnden Tönen, indem er höchst unruhig auf seinem Baume auf- und Digitized by LjOOQIC 275 niederkletterte. Sobald die ersten Tropfen fielen, versteckte er sich in das dichteste Laubwerk und verhielt sich nun mäuschen- still. Dieser Affe ist immer vor dem Ausbruche eines Ge- witters äusserst unruhig und vernachlässigt dann auch die ge- wohnte Vorsicht seinen Feinden gegenüber. Er scheint nur auf den Einen Punkt bedacht zu sein, nicht nass zu werden. Ich habe nie leichter Brüllaffen geschossen als in solchen Momenten. Einige andere Affengattungen (Lagothrix, Ateles, Callitrix) theilen diese Eigenthümlichkeit mit ihm. Nach mehrstündigem Warten erschien endlich der Cama- rada mit dem Maulthiere. Einige berittene Neger hatten ihm geholfen es einzufangen; er fand, dass fernere Schonung des Thie- res unnöthig sei und ritt es nun bis zu. nächsten Station. Nach einem halbstündigen Ritte erblickten wir von einem Bergrücken die Stadt Barbacena^ die bald -hinter wellenförmigem Terrain verschwand, und erst dann wieder sichtbar wird, wenn man ihre Hauptstrasse betritt. Am nördlichen Ende derselben fand ich ein sehr gutes Unterkommen bei einem alten freundlichen und ge- fälligen Römer; er hatte in frühern Jahren in Ouro-Preto einen Gasthof inne, aber wegen schlechter Geschäfte und des unfreund- lichen Klimas es vorgezogen hier sein Glück zu versuchen. Barbacena zählt zu den grössten Städten der Provinz Minas geraes, was nicht gerade viel heisst, denn sie hat nur 1000 Ein- wohner in circa 230 Häusern, die zwei unter rechtem Winkel sich treffende Strassen bilden. An ihrem Vereinigungspunkte steht die Hauptkirche, die Igreja da Nossa Senhora da Piedade, deren Vollendung in das Jahr 1755 fallt. Sie ist eine der bessern der Provinz, aber wie die meisten brasilianischen Kirchen ohne irgendeinen architektonischen Werth. Fast alle sind nach der nämlichen Schablone gebaut und zeigen eine schmale Front bei zienaUcher Tiefe, zwei Glockenthürme, die gewöhnlich ungefähr ebenso viel über die Kirche emporragen als diese hoch ist, also ziemlich niedrig sind. Die Frontverzierungen sind fast immer ohne Geschmack und ohne Kunst und beschränken sich auf Ron- dellen, einfache Gesimse u. dergl. Sobald eine Kirche vollendet ist, glaubt man genug gethan zu haben. Für die Erhaltung der- 18* Digitized by LjOOQIC 276 selben geschieht blutwenig. Auch die Hauptkirche von Barba- cena leidet unter diesem Systeme der Vernachlässigung. Die Thüren sind geschwärzt, der Bewurf der Aussenseite bröckelt ab, an den Glockenfenstern wuchern Gesträuche. Die Thurmuhr zeichnet sich durch die Langsamkeit aus, mit der sie die Stun- den schlägt, da zwischen je zwei Schlägen immer 30 Secundeij verstreichen. Neben der Plateforme vor der Kirche stehen zwei Weiden mit niedrigem, ziemlich dickem Stamme und wunder- voller Krone. Der Bau einer zweiten stattlichen Kirche, Igreja da boa morte, wurde im Jahre 1815 begonnen, ist aber bis heute noch nicht vollendet. Eine Kapelle in nicht besonders baulichem Zustande steht am Marktplatze, und eine etwas bessere, Capeila de N*. S*. do Rosario, befindet sich am nördlichen Ausgange der Stadt, dem Gasthofe gegenüber. Die Häuser sind im ganzen genommen hübsch und freundlich. Fast ein jedes hat auf seiner Rückseite einen Obst- und Gemüsegarten (Quintal). Das Stadt- haus hat durchaus nichts Ausgezeichnetes. Die ausserordentlich grosse Zahl von Kauf- und Kramladen lässt auf einen sehr bedeutenden Handelsverkehr schliessen und doch sind die Strassen ohne Leben und Bewegung. An Sonn- und Feiertagen, wenn die Landbevölkerung zur Stadt kommt, um ihre Einkäufe zu machen, mag sich das Verhältniss anders gestalten. Wichtig ist jedenfalls die Stadt als Stapelplatz für die Agricultur- und Industrieproducte des Innern und der euro- päischen tnportartikel aus Rio de Janeiro. Auch durch die neue Strasse der Compagnie Uniäo e Industria gewinnt sie von Jahr zu Jahr an Bedeutung. Die Stadt verdankt ihren Ursprung den Jesuiten. Das Quellengebiet des Rio novo war im vorigen Jahrhundert von den Purisindianern bewohnt. Die Jesuiten sammelten sie in einer AI- dea dicht am Flusse und gaben ihr den Namen Borda dos Cam- pos, dann bauten sie auf dem Rücken des Berges, an dessen Fusse sich der Rio dos Mortes hinzieht, die jetzige Hauptkirche. Um diese Kirche, Igreja nova, bildete sich bald ein rasch sich vergrössernder Ort, der im Jahre 1752 unter dem Namen Parochia Digitized by LjOOQIC 277 da Igreja nova zur Pfarrei erhoben wurde. Infolge einer Rund- reise des Visconde de Barbacena Luis Antonio Furtado de Men- doza durch Minas geraes erhielt der Ort, der sich des beson- dern Wohlgefallens des Gouverneurs zu erfreuen hatte, den Rang eines Marktfleckens (Villa) unter dem Namen Barbacena. Durch kaiserlichen Brief vom 17. März 1823 wurde ihr der Ehrentitel „edel und treu" (nobre e leal villa de Barbacena) verliehen. Ein Provinzialgesetz vom 9. März 1840 endlich gab ihr den Titel und Rang einer Stadt. Barbacena hat gute öffentliche Schulen, ein vorzüglich ein- gerichtetes Spital, mehrere tüchtige Aerzte und vier Apotheken. Das Klima ist vortrefflich und gehört zu den angenehmsten in Brasilien. Der Sommer ist nicht übermässig heiss und die Win- termonate sind kühl und erfrischend. Nach v. Eschwege liegt Barbacena 3530 Fuss über M. Die Stadt war am Abende belebter als am Tage. Bis Mit- ternacht zogen Scharen von Farbigen singend durch die vom vielen Regen mit schuhtiefem Kothe bedeckten Strassen. Sie begleiteten ihren wilden Gesang mit Handtrommeln und fahrten Tänze auf, die mich lebhaft an die Indianertänze erinnerten. Man sagte mir, dass diese Aufzüge zur Verherrlichung des Fe- stes der heiligen drei Könige veranstaltet werden. Am folgenden Tage gab ich meine Empfehlungsbriefe ab und erfreute mich überall der vortrefflichsten Aufnahme. Von ganz besonderm Interesse war mir dabei die Bekanntschaft eines aus- gezeichneten Mannes, des Dr. Camillo Maria Ferreira Armond. Dr. Camillo genoss seine Erziehung in Europa und studirte in Paris Medicin. Nach achtjähriger Abwesenheit in sein Vater- land zurückgekehrt, wurde er von den traurigen Zuständen, die er dort fand, aufs tiefste ergriffen und die Unmöglichkeit, zur Besserung derselben wesentlich beitragen zu können, machte ihn zum vollständigen Misanthropen. Er beschäftigte sich nun fast ausschliesslich mit Naturwissenschaften und sammelte ein Herbarium von mehr als 3000 Pflanzenspecies. Als in den vier- ziger Jahren die bekannte freisinnige Bewegung in Minas zum Ausbruche kam, schloss er sich derselben an und wurde, als sie Digitized by Google 278 durch Militärgewalt unterdrückt wurde, flüchtig. Während die- ser Zeit zerstörten die Würmer sein Herbarium. Nachdem durch kaiserlichen Gnadenact die Theilnehmer an der Revolution begnadigt worden waren, wählte Dr. Camillo Barbacena zu seinem Aufenthaltsorte und übte dort die ärztliche Praxis aus. Er war der angesehenste und gesuchteste Arzt der ganzen Gegend, konnte sich aber seiner Praxis nicht vollständig hingeben, da Privatverhältnisse und besonders der Besitz einer grossen Kaffeeplantage am Parahyba ihn anderweitig sehr in Anspruch nahmen. In letzter Zeit beschäftigte er sich mit der Leitung des Baues und der Einrichtung des Spitals, zu dessen Herstellung sein Oheim die nöthigen Fonds testamentarisch ver- macht hatte. Es ist mit den meisten Bequemlichkeiten versehen, die eine solche Anstalt bedarf, hat 150 Betten, aber hinreichend Raum , sie auf 200 zu vermehren. Die feierliche Eröffnung der Anstalt hatte zwei Tage vor meiner Ankunft stattgeftmden. Den Abend brachte ich im Familienkreise des Dr. Camillo zu. Er stellte mir seine vier Tochter vor, dLe sich je zwei und zwei am Klavier mit einer Fertigkeit und einer Präcision produ- cirten, die sowol ihrem Fleisse und Talente als auch dem Eifer ihres Meisters zu aller Ehre gereichten. Der Musiklehrer ist ein Deutscher Namens Nolte. In mehrern Familien hörte ich mit ungetheiltem Lobe über ihn urtheilen. Ich hatte meine Reise nach dem Innern mit manchen Vor- urtheilen, wie man sie so oft aus Reisebeschreibungen schöpft, ange- treten. Unter diese gehört auch die von mehrern Reisenden wiederholte Behauptung, dass die Brasilianerinnen von ihren Männern in der strengsten Clausur gehalten werden und es Fremden nie oder doch nur höchst selten vergönnt sei, die Frau des Hauses zu sehen. Ich war daher in Barbacena einigermassen überrascht, als ich überall, wo ich Empfehlungsbriefe abgab, von den betreffenden Herren auch ihren Damen vorgestellt wurde. Wie in Barbacena fand ich es mit äusserst seltenen Ausnahmen überall auf meinen Reisen in Mittel- und Südbrasilien und habe sehr viele angenehme Stunden im engern Kreise brasilianischer Familien in Städten, Dörfern und auf einsam liegenden Fazendas Digitized by LjOOQIC 279 verlebt. Ich möchte daher. wol der Vermuthung Raum geben, dass im allgemeinen die Schuld an den Reisenden selbst liegt, wenn sie im Innern des Landes bei brasilianischen Familien vom Verkehre mit den Frauen ausgeschlossen werden. Dr. Camillo erzählte mir, dass vor 40 Jahren sein Gross- vater Weizenmehl nach Rio de Janeiro ausgeführt habe; heute wird von Rio aus amerikanisches und österreichisches Weizen- mehl nach Barbacena eingeführt. Die Weizencultur wurde hier vorzüglich wegen des alljährlich wiederkehrenden, sehr zerstören- den Brandigwerdens des Getreides aufgegeben. Es wird nur noch in geringer Ausdehnung eine schwarze Varietät aus Nord- amerika gebaut, die an diesem Uebel nicht leidet; ihr Mehl ist aber von geringer Qualität. Flachs soll, ziemlich viel gebaut werden und ausgezeichnete Erträgnisse liefern. Auf den französischen Reisenden Castelneau war Dr. Camillo, wie die meisten gebildeten Brasilianer, die mit ihm in Berührung kamen, nicht gut zu sprechen. Aehnlich fand ich es auf der Westküste Südamerikas. Am meisten schienen ihn Castelneau's Angaben zu verdriessen, dass die Brasilianer selten lesen und schreiben können. Thatsache sei es, dass sogar der grösste Theil der freien farbigen Bevölkerung in Brasilien lese und schreibe, überhaupt der Elementarunterricht in Brasilien so gut wie mög- lich bestellt sei und sicherlich ein verhältnissmässig weit grösserer Procenttheil der brasilianischen Jugend die Schulen besuche, als dies in Frankreich der Fall sei. Darin hat Dr. Camillo auch vollkommen recht. Aus einer grossen "Zahl von Rechenschafts- berichten der Präsidenten der Provinzen habe ich die statistischen Angaben über den Schulbesuch zusammengestellt imd das Mittel der Schulfrequenz mit dem nach französischen officiellen An- gaben verglichen und es zu Gunsten Brasiliens gefunden.^) Unter den Fellen, die den Fussboden des Wohnzimmers zier- ten, fiel mir neben der Haut einer riesenhaften Fischotter (Ari- danha) ganz besonders die einer Unzenart auf, die sich durch einen starken schwarzen Rückenstreif und grosse lichte, von kleinen Vergl. S. 145— U9. Digitized by Google 280 schwarzen Fleckchen gebildete Kreise so sehr von der gewöhn- lichen Unze (pintada) unterscheidet, dass man versucht ist, sie als eine eigene Species zu betrachten. Das Fell stammte aus dem Sertao d'Oberava in der Provinz Matto grosso. Spät trennte ich mich von meinem freundlichen Wirthe. Einige Jahre nachher (März 1861) wurde er in den personlichen Adelstand erhoben und fuhrt nun den Titel Baräo de Prados. Ein wichtiges Geschäft hielt mich noch in Barbacena zurück. Meine petropolitanischen Packsättel waren nämlich dort so schlecht gearbeitet, dass, trotz der Reparatur in Parahyba, an ein Weiter- reisen mit denselben nicht zu denken war. Sie hatten meine Lastthiere schon vielfach gedrückt und gescheuert; eins von ihnen war infolge dessen schon dienstuntauglich gewprden. Ich war daher sehr froh, dass der alte Römer sie mir um den hal- ben Preis abkaufte. Für dieses Geld erhielt ich einen der grossen Packsättel (Cangalhas), wie sie die Tropeiros immer gebrauchen und die für lange Reisen die einzig zweckmässigen sind. Unter meinen Maulthieren besass ich ein sehr stattliches Lastthier, das sich aber während der zehntägigen Reise durchaus nicht bewährt hatte; es war mir daher sehr daran gelegen, es auf irgendeine Weise ohne grossen Verlust los zu werden. Glücklicherweise fand sich ein Tropeiro, der sich zu einem Tausche geneigt zeigte. Er Hess mir unter sechs seiner Thiere die Wahl. Da ich bemerkte, wie sehr ihm, durch das Aeussere verleitet, daran gelegen sei, in den Besitz meines Thieres zu gelangen, for- derte ich, dass er mir das auszuwählende Thier sammt dem Pack- sattel, an den es gewöhnt war, überlasse. Nach vielem Hin- und Her- reden willigte er ein; ich traf nach genauer Untersuchung die Wahl und hatte später alle Ursache zufrieden zu sein. Bei solchen Geschäften ist überall die grösste Vorsicht nöthig, ganz beson- ders aber mit Brasilianern. Gewöhnlich zieht der Fremde den kürzern. Wenige Tage später ging es mir auch so. Ein neuer Camarada bis Ouro-Preto war bald geftmden. Es war ein freier Neger, der sein eigenes Thier ritt. Ich bezahlte ihm 4 Patacas (1320 Reis, nicht ganz 4 Franken) den Tag. Ausser mir befand sich im Gasthause ein zweiter Reisender, Digitized by LjOOQIC 281 ein franzosischer Mascate, aus Pitangui, einem Städtchen im Norden der Provinz. Wie man früher in Deutschland fast in jedem Grasthofe Weinreisenden und andern Musterreitem begegnete, so trifft man im Innern Brasiliens in den Vendas, Herbergen, und auf Fazendas am häufigsten die Mascates. Der Mascate ist ein Hausirer, der mit Uhren, Bijouterie- gegenstanden, Broderien , und Luxusstoffen besonders für Damen- toilette von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, von Fazenda zu Fazenda zieht. Dieser Hausirhandel (Mäscateapäo) ist grössten- theils in den Händen von Franzosen, und zwar von elsasser Ju- den, vorzüglich der mit Uhren und Bijouterien. Sie beziehen ihre Waaren von Importhäusern in Rio de Janeiro mit Zahlungs- frist von 6 — 9 Monaten und verkaufen sie im Innern gegen baar, in der Provinz Rio de Janeiro aber, oder in den Rayons, die sie öfter besuchen, und bei sichern Zahlern ebenfalls gegen Termine. In frühern Jahren war dies Geschäft sehr lucrativ. Die Hau- sirer verlangten und erhielten enorme Preise für ihre Waaren. Eine übermässige Concurrenz sowol der Mascates selbst als auch der Importhäuser verschlechterte es indessen immer mehr und mehr, was besonders letztere durch Zahlungseinstellungen, Flüch- tigwerden der Schuldner u. s. f. sehr empfindlich fühlen. Es gibt allerdings unter den Mascates manchen rechtlichen und ehrenwerthen Mann, im Durchschnitt aber darf ihnen nicht gerade das Prädicat reeller Handelsleute ertheilt werden. Ich habe auf meinen Reisen unter ihnen solche getroffen, die fiiglich mit den kecksten imd abgefeimtesten Gaunern, die je Bekanntschaft mit der Zuchtpolizei gemacht haben, concurriren können. Ein Hauptvorwurf, der den Mascates gemacht wird, ist Be- trug mit Uhren und Bijouterie, indem sie, entweder auf Unkennt- niss der Käufer fussend oder ihr Vertrauen misbrauchend, ihnen falsches oder sehr niedrig karätiges Gold für gute Waare geben und sie theuer bezahlen lassen. Die so geschickte französische Industrie erleichtert ihnen meistens ihre Betrügereien. Misbrauch der Gastfreundschaft besonders durch unsittlichen Umgang mit Sklavinnen oder durch Intriguen mit Familienglie- dern wird ihnen ebenso oft vorgeworfen. Sie sind daher im Digitized by Google 282 ganzen sehr ungern gesehene Gäste in den Fazendas, aber mit echt jüdischer Unverschämtheit lassen sie sich dm*chaus nicht beirren, wenn ihnen auch barsch die Thür gewiesen wird, sie wissen, dass ihre Zudringlichkeit sie zuletzt doch öffnet. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Mascates mit eine Hauptursache der in neuerer Zeit einigermassen verminderten Gastfreunfdschaft der Mineiros sind, denn ein fremder Reisender, der mit leicht beladenen Maulthieren bei einer Fazenda vorreitet und um Aufnahme ersucht, wird gewohnlich für einen Hausirer gehalten. Einigemal begegnete es mir, dass ich von Fazendei- ros, deren Gastfreundschaft ich in Anspruch nehmen musste, zuerst mit schelen Blicken gefragt wurde, ob ich ein Mascate sei und mir erst nach Verneinung der Frage ein freimdliches Entgegenkommen zutheil wurde. Es ist leicht begreiflich, dass die Mascates häufig mit dea durch sie an ihrem Geldbeutel geschädigten oder in ihren Haus- rechten verletzten Fazendeiros in böse CoUision kommen und ihrer Rache verfallen, die sehr oft nur durch die Ermordung des Hausirers befriedigt wird. Die Zahl der alljährlich erschlagenen Mascates ist nidht ganz gering. Beraubung ist in den seltenern Fällen Motiv des Mordes. Ich muss hier bemerken, dass mein Tischgenosse im Gast- hause des alten Römers jedenfalls zu den honettesten seiner Klasse gehörte. Er war kein Jude, aber ein gebildeter, ernster Mann, der mir durch seine langjährigen Erfahrungen manchen nützlichen Wink in Betreff des Reisens. in diesej* Provinz geben konnte. Der junge Franzose, der in meinem ersten Nachtquartiere so ge- schickt Mäuse fing, bereiste für ihn den Süden der Provinz. Ein äusserst schlecht gepflasterter Weg fuhrt von Barbacena in das ;rordliche Thal und von diesem bergauf, bergab, besonders steil von der Thalsohle, in der die Fazenda Riberao liegt, ohne bedeutende Abwechslung bis zum Rancho von Resaquenhoy wo mich ein heftiger Regen nöthigte Nachtquartier zu nehmen. Eine Legoa hinter Barbacena wird der rothe zähe Lehm, der bisher, besonders wenn er von stetem Regen ganz durchweicht ist, ein so unangenehmer Begleiter des von Süden kommenden Reisenden Digitized by LjOOQIC 283 ist, durch einen weisslich- grauen Letten ersetzt, den ich auch anstehend beobachtete. Die Camposnatur tritt mehr in den Vor- dergrund. Ich traf zum ersten male hier den für diese Re- gion charakteristischen ^d- oder Campoap^cA^ (Picus campestrisX der mich lebhaft an den in seiner Lebensweise ihm so nahe ver- wandten FeUenapecht (Cercolaptes rupicola) der peruanischen Hochebenen erinnerte. Wald wechselt mit schönem Weideland; während der drei Legoas sah ich nur ein ganz kleines bebautes Feld; es war mit Kartoffeln und Mais bestellt, aber mitten drin zwei mächtige Termitenhaufen. Viehzucht, für die die klimatischen und Boden- verhältnisse sehr gunstig sind, wird hier in grossartigem Mass- stabe betrieben. Das Rindvieh von portugiesischer Abstammung hat sich durch den freien Weidegang vortrefflich entwickelt und ist nach seinem Korperbau dem des Mutterlandes weit vorzu- ziehen; es ist sehr gross, wohlgeformt, von feinen Knochen, falb oder gelb und weissscheckig. In seiner Kopflbildung ähnelt es sehr den ungarischen Pusztarindern. Das Auge ist lebhaft, feurig, die Hörner sind ausserordentlich stark entwickelt, bei den Ochsen * besonders an der Basis sehr dick und mit seltenen Ausnahmen nach vorn gerichtet. Von den drei Haupteigenschaften als Nutz- vieh besitzt es zwei. Es hat nämlich grosse Mastfähigkeit und gibt ausgezeichnetes Zugvieh ab. Als Milchvieh ist es aber desto schlechter, wie im allgemeinen Kühe, die ohne besondere Pflege jahraus jahrein auf naturliche Weiden angewiesen sind. Ich habe öfters in Fazendas gesehen, wie neumelkende Kühe höchstens einen halben Kürbistopf voll Milch (noch kein preussi- sches Quart) gaben; ich habe aber auch wiederholt Gelegenheit »gehabt mich zu überzeugen, dass die Kühe des nämhchen Schla- ges bei sorgfaltiger Behandlung und reichlicher Fütterung einen mehr als mittelmässigen Milchertrag lieferten. Von der Milch wird in den meisten Fazendas nur ausnahms- weise etwas Butter gemacht; der grösste Theil wird zur Berei- tung von fetten Käsen, den sogenannten Quejos de Minas, ver- arbeitet. Die Brasilianer schätzen dieselben sehr hoch und ziehen sie den europäischen vor. Sie essen sie gewöhnlich mit Rapadura Digitized by Google 284 (stark eingekochtem Zuckerrohrsaft, der in viereckige Kuchen geformt wird), oder mit Melado (Zuckerrohrsirup). Jung schmeckt dieser Käse topfenartig und fade; im allgemeinen ist er wenig schmackhaft, da er nicht hinreichend gesalzen wird; nur mit besonderer Sorgfalt bereitet und ganz durchgereift, kann er wohl- schmeckend genannt werden. Das Schlachtvieh wird in halbfettem Zustande auf den Markt von Kio de Janeiro getrieben. Dort kommt es aber durch die lange Reise bei drückender Hitze gänzlich ermattet, und da es auf dem langen Wege meistens nur spärliche und schlechte Weide findet, ausgehungert, gewöhnlich in erbärmlichem Zustande an und wird gleich zur Schlachtbank gefuhrt. Deshalb ist auch das Rindfleisch in der* Hauptstadt in der Regel sehr schlecht. Ganz ausgemästetes Vieh würde die Reisestrapazen nicht er- tragen. Bei einem rationellen Gebaren könnte sich der Wohlstand jener Gegenden, die ausschliesslich oder doch hauptsächlich auf Viehzucht angewiesen sind, ausserordentlich heben. Leider ist nicht die geringste Aussicht vorhanden, dass die Fazendeiros von ihrem bequemen Schlendrian abgehen werden. ' Kurz ehe ich Resäquenho erreichte, begegnete mir der Ku- rier, der je den fünften Tag von der Provinzialhauptstadt nach Rio de Janeiro abgeht. Ein uraltes, abgetriebenes Maulthier, das fast alle fünfzig Schritt zusammenstürzte, trug das Postfell- eisen. Hinter ihm ritt ein zerlumpter Mulatte, in der rechten Hand eine etwa zwei Klafter lange mit einer scharfen eisernen Spitze versehene Stange. Mit diesem Marterinstrument trieb er unaufhörlich den ermatteten Schimmel zum Trabe an, wäh- rend er sein Maulthier, ebenfalls eine Mula, die ihrem Lebens- ende nahe schien, die grossen Sporen in die Seite hieb, dass das Blut herunterrann. Tropeiros hatten den Rancho, in dem ich übernachten sollte, schon vor meiner Ankunft besetzt; ich erhielt aber doch noch ein elendes Lehmgemach zu meiner Verfügung. Es war hier eine ekelhafte Schweinewirthschaft und selbt ein genuesischer Gipsfigurenhändler, der sich zu mir an den Tisch setzte, fand, Digitized by LjOOQIC 286 dass die Unreinlichkeit denn doch zu gross sei. Auf seinem Bret, das er trotz glühender Sonnenstrahlen und tropischer Regen nach seiner Landessitte, tagtäglich auf dem Kopfe bis weit ins Innere der Provinz trug, figurirten zwar weder Tasso noch Dante, oder Petrarca, wohl aber Pio nono, Garibaldi und alle möglichen Heiligen. Er erzählte mir, dass er leichter zwanzig Heilige und ein halb Dutzend Garibaldis an den Mann bringe als einen Santo Padre, dass er indessen Ursache habe mit seinem Ge- schäfte zufrieden zu sein. Eine halbe Legoa hinter Resaquenho fährt der Weg über eine Brücke, die ein recht anschauliches Bild gab, auf welche unverantwortliche Weise in Brasilien sogar die bedeutendsten Hauptstrassen vernachlässigt werden. Diese Brücke war nämlich in einem so jämmerlichen Zustande, dass bei einer Breite von circa acht Fuss an manchen Stellen kaum noch fünf Zoll gesun- des Holz waren, auf das die Maulthiere hintreten konnten, ohne durchzubrechen. Bei Flussübergängen wird in Brasilien ein höchst eigenthümliches System beobachtet. Man baut eine hölzerne Brücke und benutzt dieselbe gewöhnlich, ohne sie irgendeiner Reparatur zu unterziehen, so lange, als noch ein Maulthier, wenn auch mit der grössten Gefahr, darübergehen kann. Ist sie end- lich ganz faul und unbrauchbar, so sucht ein Tropeiro eine Furt und treibt seine Thiere durch das Wasser; seinem Beispiele fol- gen andere. Am Ein- und Ausgange dieser Furt entstehen durch das Zusammenkneten des feuchten Bodens durch die Maul- thiertritte sogenannte Atoleiros oder Morastplätze. Mit der Zeit werden diese so tief, dass sie die Thiere ohne die höchste Ge- fahr gar nicht mehr passiren können. Ist in der Nähe keine zweite oder dritte Furt zu finden, so wird endlich wieder eine Brücke gebaut und der nämliche Turnus beginnt von neuem. Wenn aber der Fluss zu tief und zu reissend ist, als dass man eine Furt benutzen könnte, dann reparirt der Tropeiro mit seinen Treibern die Brücke nothdürftig; es genügt ihm natürlich, seine eigenen Thiere in Sicherheit hinüberzubringen, ein anderer mag sich ebenfalls um die seinigen bekümmern. Wehe aber dem einzelnen Reisenden, der keine Hülfe hat, um eine solche Brücken- Digitized by Google 286 reparatur vorzunehmen; er kommt in die peinlichste Verlegen- heit und büsst oft nutzlos mehrere Tage ein. Ein solcher pro- visorischer, elender Zustand dauert oft jahrelang, gewohnlich so lange, bis ein Deputirter, sei es zu seinem eigenen Vortheile, oder aus uneigennützigem Interesse ftir den Bezirk, den er ver- tritt, beim Provinziallandtage seine klagende Stimme erhebt, damit Geld zum Neubau der Brücke votirt wird. Bergan, bergab, bald durch bewaldete Thäler, bald über camposartige Höhen führt der Weg bei der hübschen Fazenda Garandahy und eine gute Legoa weiter bei Taipas mit seinen ärmlichen verfallenen Gebäuden vorbei nach dem Rancho de En- genhOy wo ich Quartier nahm. Bald hernach langte ein Herr fbit zwei Damen und vieler Dienerschaft an; ich konnte daher zu- frieden sein, vor dieser Gesellschaft Besitz von einem Nachtlager genommen zu haben, denn sonst wäre ich ohne Unterkunft ge- blieben. Bei einer Abendexcursion in der Umgegend fand ich zwei grosse Termitenbaue von schwarzen Ameisen bewohnt, sie hatten ziemlich oben zwei weite senkrechte Eingangsrohren; innen waren sie hohl. Ob diese Ameisen die Termiten aus ihrem Baue ver- triebeii, oder ob sie nur Besitz eines schon verlassenen Termi- tenhauses genommen, konnte ich nicht ermitteln, jedenfalls hatten «ie die von den Termiten gebauten Zellen und Gänge zerstört und das Material aus dem Baue getragen, um sich nach ihrer Art einzurichten. Die blühenden Sträucher fand ich hier überall mit Tausenden von Chauliognathus sellatus bedeckt. Es war gerade die Paa- rungszeit dieser Käfer. Ich sammelte nicht weniger als 22 auf- fallend verschiedene Varietäten, die meistens Form und Grosse der schwarzen Flecken auf den weichen, gelben Flügeldecken betrafen. Abends kam der Besitzer der Fazenda, Senhor Firmin, nach dem Rancho geritten, um sich die Gäste zu besehen. Er war sehr gesprächig und erzählte tnir viel von Ouro-Preto, das in seinen Augen eine der bedeutendsten Städte der Welt war. Das Gespräch kam auch auf ein altes gedrücktes Maulthier meiner Digitized by Google 287 kleinen Karavane; er bot mir ein Pferd zum Tausch an, der nach kurzer Besichtigung des betreffenden Thieres meinerseits auch angenommen wurde, da die Mula für mich gänzlich dienst- untauglich war. Ich glaube, wir hatten beide die Ueberzeugung, einer den andern übervortheilt, d. h. jeder einen guten Tausch gemacht zu haben. Gewiss hat Herr Firmin ebenso sehr Ur- sache gehabt mit meinem Maulthiere unzufrieden zu sein als ich mit seinem Pferde. Unweit der Fazenda Engenho hatten wir am folgenden Morgen wieder eine Brücke zu passiren, ein würdiges Seiten- stück* zu der oben beschriebenen. Sie ruhte zwar auf beiden Ufern, aber nur mit der Einen Seite, die andere war in den Fluss hinuntergestürzt, sodass die ganze Brücke eine Art Dach mit eittem Neigungswinkel von circa 40^ g^g^ii den Fluss bildete und nur mit Gefahr überschritten werden konnte. Interessanter als die Begegnung zweier Geistlichen in weissen Ponchos und glanzledernen Stiefeln, begleitet von einem zahl- reichen Tross Livreebedienten, denen in einiger Entfernung ein paar elegante Amazonen mit Reitknechten und Sklavinnen folgten, war mir eine gewaltige Klapperschlange, die hart am Wege auf einem niedrigen Termitenhaufen zusammengerollt lag. Ich hielt • mein Maulthier an, um mir in nächster Nähe diese gefährliche Schlange mit Müsse zu betrachten. Sie lag bewegungslos und unbekümmert um meine Gegenwart, den Kopf auf den dicken Leib zurückgebogen. Um das träge Thier aus seiner behaglichen Ruhe aufzuscheuchen, fiihrte ich mit meiner langen Hetzpeitsche einen Schlag gegen dasselbe. Blitzschnell rollte es sich auf, klap- perte mit kaum bemerkbarer Bewegung des Schwanzes, streckte den Kopf vor und machte Anstalt sich auf mich zu schnellen. Ich ritt sogleich einige Schritte vorwärts, um wenigstens mein Thier aus dem Bereiche der drohenden Schlange zu bringen und iiielt wieder an, um sie ferner zu beobachten. Sie mochte wol bemerkt haben, d^ss ein fernerer Versuch, sich zu rächen, nutz- los sein würde und blieb daher züngelnd und von Zeit zu Zeit klappernd auf ihrem Platze liegen. Kurz darauf erschien mein Neger Ignacio mit den Lastmaulthieren und erblickte nur we- Digitized by LjOOQIC 288 nige Schritte entfernt die Schlange. Mit einem Schrei des Ent- setzens, als wäre er schon langst von dem Thiere gebissen, machte er einen Sprung auf die Seite und schleuderte mit allen möglichen Projectilen, die er nur erwischen konnte, nach dem Erzfeinde. Bald verschwand auch die Schlange in dem dürren Steppengrase. Ich war beim Weiterreiten mitten in eine Tropa gerathen, von der ich mich nicht mehr los machen konnte, bis sie nach 9 Uhr beim Rancho im Thale des Riberäo do inferno halt machte. Es mag hier der Ort sein, eine kurze Schilderung des Tropeiro und seiner Thätigkeit zu geben. Ich habe dabei den Tropeiro von Minas geraes im Auge. Ich bin mit Tropeiros (oder Arrieros, wie sie im ehemaligen spanischen Südamerika genannt werden) in Brasilien, in den La-Platastaaten, in Chile, Bolivia u|^ Peru in vielfaltigste Beziehung gekommen, und hatte daher Ge- legenheit genug, ihr Leben und Treiben genau zu beobachten, und habe gefunden, dass in Hinsicht auf Ordnung in Packsätteln und Riemzeug, Zweckmässigkeit des Beiadens, Schonung und sorgfaltige Behandlung der Thiere unbedingt dem Tropeiro von Minas der erste Platz gebührt. Nur einmal sah ich eine Recua (Tropa) von Maulthieren, die 1858 zwischen den Bergwerken von Potosi und der Hafenstadt Cobija in Bolivien verkehrte, der selbst die beste Tropa von Minas ohne Widerrede die Palme abgetreten hätte. Keins der Thiere war unter 16 Faust hoch, keins hatte unter 500 spanische Thaler gekostet, manches aber weit mehr. Es war ein wahrer Genuss diese herrlichen Thiere, jedes mit 15 — 16 span. Arrobas (ä 25 Pfund, also bei 4 Cent- ner) beladen, daherziehen zu sehen. Sie waren eine grosse Aus- nahme von der Regel, der Stolz, die Leidenschaft und etwas Grossthuerei eines sehr reichen Mannes. Der Tropeiro bewerkstelligt mit seinen Maulthiertruppen den Waarenverkehr zwigchea den verschiedenen Landestheilen. Er bringt von den entferntesten Gegenden des Reiches die Er- zeugnisse des Bodens und der Industrie nach der Küste und führt von den Hafenstädten Gegenstände des täglichen Bedarfs und des Luxus zurück. Er ist der Vermittler des Handels und Digitized by LjOOQIC 289 des Geldverkehrs und spielt daher im Staatshaushalte eine nicht unbedeutende Rolle. Seine Ehrlichkeit und folglich das Ver- trauen, das er geniesst, ist das Grundkapital, mit dem er ar- beitet. In seltenen Fällen ist er ein wohlhabender oder gar rei- cher Mann. Ein kleines Besitzthum von ein paar Aeckern, die seiner Familie Nahrung und Weiden, die Futter für seine Thiere geben, nebst einigen Sklaven sind in der Regel sein ganzes Hab und Gut. Gefahren, Entbehrungen, Ungemach aller Art, Unglücks- falle mit seinen Thieren oder Sklaven sein tägliches Loos. Er übernimmt die Waaren gewöhnlich unter Garantie gegen Ver- luste und Beschädigungen und setzt dafür sein Betriebskapital ein. Bei den unzähligen Wechselfallen, denen seine Thiere mei- stens auf den el^idesten Strassen und schlechten Weiden, seine Waaren in den heftigen Regengüssen, in den Morästen und Sümpfen, seine Sklaven durch die vielen Strapazen in ungesun- den Gegenden, durch Fieber und andere Krankheiten ausgesetzt sind, ist es leicht erklärlich, dass der Gewinn einer mehrmonat- lichen Reise in der Regel ein sehr unbedeutender, sehr oft das Resultat derselben ein empfindlicher Verlust ist. Aber der Tro- peiro lässt sich durch solche Widerwärtigkeiten in seinem harten Berufe nicht abschrecken. Er hängt mit Leidenschaft, mit der ihm angeborenen Rührigkeit daran und kaum hat er sich und seine Thiere von den Beschwerden einer Reise erholt, so macht er sich bereit^ eine neue anzutreten; gewöhnlich contrahirt er während der einen schon wieder eine andere. Der Tropeiro ist meist indianischer Abstammung, wenn auch nicht ohne fremde Rassenbeimischung, • und vereinigt in sich alle jene Eigenschaften, die zu einem so mühevollen und bewegten Leben unumgänglich nothwendig sind: Muth, Entschlossenheit, Kraft, Gelenkigkeit, Geistesgegenwart, zähe Ausdauer und die grösste Genügsamkeit. Er hat von der Pike auf gedient, ent- weder ist er schon als Knabe, kaum den Kinderschuhen ent- wachsen, d«r Tropa seines Vaters gefolgt, und hat sich unter dessen rauher Leitung allmählich herangebildet, oder er ist bei einem andern Tropeiro als Junge eingestanden und hat bei die- sem die lange, harte Lehrzeit durchgemacht. Einmal selbständig Tschad!, Reisen duich Südamerika. 1. ^9 Digitized by LjOOQIC 290 und im Besitze einer Tropa, sind ihm seine Thiere sein höchstes Gut; er besorgt und pflegt sie, als wären sie Glieder seiner Fa- milie. Sie sind ihm lieb, nicht als Mittel um Geld zu verdie- nen, oder wegen des Werthes, den sie repräsentiren, sondern als seine treuen Gefährten, mit denen er taglich verkehrt, die Mühe und Beschwerde mit ihm theilen. Er gibt jedem seiner Thiere einen eigenen Namen, er kennt die guten und schlechten Eigenschaften eines jeden auf das genaueste und verwerthet sie zu seinem Vortheil; er weiss auf das Pfund, wie viel ein jedes tragen kann, ohne dessen Kräfte zu überspannen, welches er mit zerbrechlichen, oder solchen Waaren, die eine besondere Sorg- falt erheischen, beladen darf, welchem seiner Treiber er diese oder jene Thiere anvertrauen kann, wie er sie in kleine Truppen (lote) am zweckmässigsten zusammenstellen soll. Jedes Thier hat seinen bestimmten Packsattel und Riemzeug. Der brasilianische Packsattel (cangalhas) ist der einfachste und zweckmässigste , den ich kenne. Er besteht aus einem höl- zernen Bocke, dessen vordere und hintere Schenkel sich unter einem ziemlich weiten Winkel nach oben kreuzen. Die innere Seite des Bockes ist mit dünnen Kissen gepolstert, zwischen diesen und dem Holzgestelle befindet sich eine Lage langes, steifes Gras (capim), das nach Erforderniss aufgefüllt oder theilweise entfernt werden kann. Ueber dem Bocke ist eine trockene, un- gegerbte Ochsenhaut angebracht, die Haare nach aussen gekehrt. Dieser Packsattel wird nun mittels eines Bauchriemens lose auf das Thier geschnallt. Von ihm aus geht nach vorn ein breiter Brustriemen, nach hinten, ein Schwanzriemen, uüd gewohnlich mit demselben vereint ein breiter Riemen über den obern Theil der Hinterschenkel des Thieres. Jener verhindert beim Berg- ansteigen das Rückwärtsrutschen des Cangalha, dieser das Ent- gegengesetzte beim Berabgehen. Die Ladung, immer aus zwei gleichschweren Theilen bestehend, wird entweder in Bastnetze oder Körbe gethan, oder, wenn sie aus Kisten, Koffern etc. be- steht, mit Stricken zweckmässig geschnürt, aus diesen zwei Schlingen gebildet und dieselben an die kurzen Schenkel des Bockkreuzes gehängt. Die Ladung (carga) wird mit einer grossen Digitized by LjOOQIC 291 rohen, der Länge nadi zusammengelegten Ochsenhaut bedeckt und das Ganze mittels eines starken Lederriemens fest auf das Thier geschnallt. Dieser Riemen hat an einem Ende einen star- ken eisernen Haken, durch den das andere strickformig gedrehte Ende auf der linken Seite des Thieres, etwa auf die Höhe des untern Drittels des Packsattels, gezogen und dann mit einem Knebel fest angedreht wird, doch ohne den Thieren wehe zu thun, sodass sich die Ladung nicht rühren kann. Der Knebel bleibt am Stricke stecken, um nothigenfalls während des Mar- sches die gelockerten Eiemen wieder fester zu drehen. Ist die Carga an Form oder Grösse nicht sehr ungeschickt und das Thier gut beladen, so bleibt sie bei günstiger Witterung gewöhn- lich den ganzen Tag unverruckt. Wenn sich aber abwechselnd Hitze und Regen folgen, so werden die Riemen bald länger, bald kürzer, und dann ist öftere Nachhülfe nöthig. Die Tropas in Minas sind in kleine Abtheilungen (lotes) von je 8 Stück zusammengestellt; in den südlichen Provinzen bestehen solche Lotes oft aus 10 — 12 Thiereix. Jedes Lote steht unter der Aufsicht eines eigenen Treibers (tocador); er ist ent- weder Sklave des Tropeiro oder ein gedungener Knecht. Seine Kleidung beschränkt sich auf ein Hemd und Hosen aus groben Baumwollstoflfen; letztere sind durch einen Ledergürtel, in dem ein grosses Messer steckt, zusammengehalten. Bei heftigem Regen schützt er sich einigermassen durch ein langes, schmales Stück Baumwollstoff (baeta), das ihm des Nachts auch als Decke dient. Oft trägt er auch einen ledernen Schurz. Hufeisen und Nagel. Die Maulthiere in Minas sind wegen der steinigen Gebirgs- wege immer beschlagen; im Süden, wo die begrasten Campos 19* Digitized by Google 292 mehr vorherrschen, gehen sie gewohnlich ohne Hufeisen. Die Form des Hufeisens ist die maurische des Mittelalters. Es bil- det einen breiten länglichen Ring, der am hintern schmalen Ende zu einem hohen Stollen umgebogen ist. Den Griff oder vordem Stollen unserer europäischen Hufeisen ersetzen mit sehr grossen Köpfen versehene, stark über das Eisen hervorragende Hufnägel. Während der Reise gehen die Maulthiere reihenweise hin- tereinander und fast mit pünktlicher Genauigkeit tritt das folgende in die Fusstapfen des vorhergehenden; daher sind denn auch die Wege durch diesen Verkehr so gründlich ruinirt. Gewohn- lich nimmt ein jedes Maulthier eines Lotes während der ganzen Reise den nämlichen Platz in der Reihe ein. Nicht so in den Südprovinzen, dort gehen die Lotes statt in Reihen in Haufen, drängen sich, stossen mit den Ladungen gegeneinander und rich- ten dadurch an denselben oft beträchtlichen Schaden an. Die Lotes folgen sich in ziemlicher Entfernung, damit im Falle eines Aufenthaltes wegen einer in Unordnung gekommenen Ladung die Thiere sich nicht anhäufen und in Verwirrung kommen. Die Tropas machen sehr kurze Tagereisen ; sie legen 2, höch- stens 3 Legoas, je nach der Witterung und dem Zustande der Strassen, zurück, wozu sie 4 — 6 Stunden Zeit bedürfen. Das Sprichwort, wer langsam reist, reist weit, bewährt sich dabei vollkommen. Bei Reisen von 150 — 200 Legoas würden die Thiere auch längere Tagereisen nicht aushalten und auch auf kürzere Distan- zen bei solchen zu erschöpft ankommen. Bei dem befolgten Sy- steme treffen sie aber auch nach sehr weiten Reisen noch ver- hältnissmässig kräftig ein. Wenn die Tropa an dem zum Nachtquartier bestimmten Platze ankommt, so findet sie den Tropeiro oder Patron (Paträo), wie ihn seine Leute nennen, schon dort und die ersten Vorkeh- rungen fiir das Nachtlager getroffen. Gewöhnlich ist die Sta- tion ein sogenannter Rancho, d. h. ein grosser, leerer, vierecki- ger, auf einer Seite ganz offener Schuppen, vor welchem eine grosse Anzahl Pfähle, an die die Maulthiere festgebunden wer- den, eingerammt sind. Neben dem Rancho befindet sich in der Digitized by LjOOQIC 293 Regel, aber nicht immer eine Venda, ein Kramladen, in dem Mais, Branntwein, Eier, Speck, lufttrockenes Rindfleisch, schwarze Bohnen, Reis, Roscos (eine Art Brezeln), Taback u. dergl. Dinge verkauft werden. Reisende finden zuweilen in der Venda ein schlechtes Gemach mit Schlafstätten. Meistens ist ein Farbiger Inhaber einer solchen Venda. Nicht selten vertheilen sich je- doch die Tagereisen so, dass der Tropeiro mit seinen Ladungen unter fi-eiem Himmel zubringen muss. Sobald das erste Lote der Tropa den Rancho erreicht hat, werden die Thiere unverzüglich an die Pfahle gebunden und der Patron beginnt mit Hülfe des Tocadors die Ladung abzupacken und unter Dach zu tragen; dann werden die Packsättel gelüftet, ohne sie jedoch den gewöhnlich erhitzten Thieren abzunehmen. Diese Geschäfte sind in der Regel beendet, bis das zweite Lote anlangt. Jedes der folgenden wird um so rascher abgepackt, als sich mit ihnen auch mehr Treiber einfinden und alle thätig zusammen helfen müssen. Die Ladungen werden in der grössten Ordnung aneinandergereiht, sodass eine Verwechselung der La- sten für die dazu bestimmten Thiere nicht möglich ist. Sobald dies geschehen ist, sind die Thiere auch so weit abgekühlt, dass die Cangalhas abgenommen werden können. Bei diesem Ge- schäft wird nun der Rücken eines jeden Thieres aufs genaueste untersucht, ob nicht irgendeine Stelle gescheuert oder ge- drückt sei und in diesem Falle entweder von dem Patron selbst, oder dem erfahrensten der Treiber Abhülfe getroffen, indem je nach Erforderniss an den betreffenden Stellen des Sattels ent- weder Capim weggenommen, oder aufgefüllt, oder die Sattel- kissen geklopft und zusammengenäht u. s. w. werden ; dann wer- den, wenn die Witterung es erlaubt, die Sättel in die Sonne gelegt, um die schweissnassen Kissen zu trocknen und später in Reihen gegeneinander in den Rancho aufgestellt. Die Häute dienen zum Zudecken der Ladungen, da die Dächer der Ran- chos meistens so defect sind, dass der Regen von allen Seiten durch die Löcher hinunterströmt. Unterdessen sind die Thiere ungeduldig geworden, denn sie haben das Geräusch des Maises gehört, den die Treiber in die Digitized by LjOOQIC 294 Futtersäcke schütten, sie wiehern, scharren, stampfen und be- ruhigen sich erst, wenn jedem sein Futtersack (embomal) imige- hängt ist, und nun beginnt ein Zermalmen der harten Komer^ als wenn eine Schrotmühle in Bewegung gesetzt wäre. Sobald sie die Mahlzeit beendet haben, werden ihnen die Futtersäcke und die Halftern abgenommen; sogleich wälzen sie sich und su- chen dann Wasser auf; die Treiber folgen ihnen, um sie auf die Weide zu bringen. Diese ist entweder oflfenes Camposland, oder eingefriedetes, künstlich angelegtes Grasland (pasto fechado oder cercado) oder blos Capoeira, in der freilich das Futter sehr spärlich ist. Bei Benutzung von geschlossenen Weideplätzen muss der Tropeiro dem Inhaber der Venda, der gewöhnhch für diesen Fall Bevollmächtigter des Fazendeiro, auf dessen Besitzung die Weide liegt, Futtergeld zahlen. Einige Thiere bleiben gewöhnlich noch festgebunden. Es sind Marodeurs oder solche, an deren Hufbeschlag etwas fehlt. Ehe sie den übrigen folgen können, müssen die notiiwendigen Operationen mit ihnen vorgenommen werden. Hier wird einem eine ßückenwunde gebrannt, dort einem andern wildes Fleisch weggebeizt, wieder ein anderes wird gewaschen oder an einem kranken Fusse verbunden, überaE wird unter Anleitung des Pa- trons das zweckdienlichste Mittel gegen das Uebel angewendet, denn die Tropeiros sind ganz ausgezeichnete empirische Thier- ärzte. Nachdem diese Invaliden entlassen sind, werden die Be- schlagreparaturen vorgenommen, neue Eisen, die immer kalt an- gepasst werden,, aufgeschlagen, oder die alten abgefallenen und noch aufgefundenen aufgeheftet und fehlende Nägel ersetzt. Der Tropeiro führt stets eine Anzahl Hufeisen, eine hinreichende Menge Nägel und die zum Hufbeschlage nothwendigen Werk- stücke mit sich, nämlich einen kleinen Ambos und einen dicken Hammer, um die neuen S-formig gebogenen Hufnägel gerade zu schlagen und zu spitzen, das Hufmesser, die Zange und den Be- schlaghammer. Das Geschäft des Beschlagens verrichtet immer einer der altern Treiber; oft ist dabei die Hülfe aller seiner Kameraden nöthig, denn es gibt unter den Maulthieren viele, die Digitized by LjOOQIC 295 sich bei dieser Operation gar wild gebaren und nur durch List und Kraft zu bewältigen sind. Da die Tropas gewöhnlich früh aufbrechen, so langen sie bei den kurzen Tagereisen oft schon vor Mittag im Rancho an. Das Abladen, Kepariren der Sättel, Curiren und Beschlagen Er- fordert immer mehrere Stunden Arbeit des Patrons und der altern Tocadores. Der jüngste hat unterdessen im Rancho an einer aus ein paar Steinen bestehenden Feuerstelle die Vorberei- tungen zum Mittag- und Nachtessen, die nur eine Mahlzeit bil- den, gemacht, Wasser geholt, das Geschirr des Patrons ausge- packt und Kaflfee gekocht, von dem jeder Treiber nach vollen- deter Arbeit ein paar Schalen voll empfangt. Gegen Abend ist das Essen fertig. Es besteht wie beim Mineiro im allgemeinen aus lufttrockenem Fleische, Speck und schwarzen Bohnen mit Maismehl (farinha de milho), dazu wird statt des Brotes ein steifer Brei aus Wasser und Farinha (angu), seltener ein solcher (piräo) aus Mandiocamehl gegessen. Nach der Mahlzeit folgt wieder Kaffee. Sorgfältige Tropeiros, die grossen Werth auf ihre Thiere setzen und lange Reisen vorhaben, lassen sie abends noch einmal von der Weide zum Rancho treiben und geben ihnen noch eine halbe Ration Mais, besonders wenn die Nachtweide nicht beson- ders gut ist. Nachdem nach dem Nachtessen noch ein paar Stunden um die Feuerstelle verplaudert wurden, strecken sich die Gesellen ein jeder auf eine Ochsenhaut und decken sich mit ihren Wollfetzen zu. Der Patron setzt sich gewöhnlich mit dem Inhaber der Venda zu einem gemüthlichen Gespräche auf die Pudel, bringt aber die Nacht ebenfalls bei seinen Ladungen und seinen Treibern zu. Seine Matratze ist, wie die ihrige, eine Och- senhaut, seine Decke ein wollener Poncho, sein unzertrennlicher Begleiter. Noch ehe der Morgen graut, ruft der Patron seine Leute wach. Einige von ihnen gehen sogleich aus, um die Thiere zu sammeln, was in eingefriedeten Futterplätzen ein Leichtes ist, sehr schwer aber auf offener Weide, oder im Walde. Jede Tropa ist von einer sogenannten Madrinha geleitet, gewöhnlich Digitized by LjOOQIC 296 eine freigebende, zahme Stute mit einer Schelle am Halse. Die Maulthiere gewöhnen sich so sehr an die Glocke, dass sie sich selten weiter entfernen, als sie jene noch hören; wenn also der Treiber der Madrinha sicher ist, so folgen meistens auch die übrigen freiwillig, oft aber versteckt sich das eine oder andere oder hat zu weit weg gegrast, dann müssen die Treiber lange nachsuchen, oft springen auch junge mutiiwillige Thiere davon und machen ihnen viel zu schaffen. Währenddess haben andere Trei- ber wieder die Futtersäcke gefüllt und die Halfter in Bereit- schaft gelegt; der Junge hat Kaffee gekocht und schürt emsig das Feuer, um das Frühstück bald bereit zu halten. Den an- kommenden Thieren werden sogleich die Futtersäcke umgebun- den und den von der kühlen Morgenluft, dem starken Thau, oft auch vom Regen fröstelnden Treibern heisser Kaffee gereicht, den sie mit ganz besonderm. Wohlbehagen einschlürfen. Das Frühstück ist frugaler als das Nachtessen und besteht in ange- wärmten Bohnen und Speck vom vorigen Abend mit Augü, oder aus Minaskäse mit Kapadura, oder aus gebratenem Trockenfleich und aus Kaffee. Sobald die Thiere ihren Mais gefressen haben, sind auch die Treiber mit ihrem Frühstück fertig und beeilen sich nun, die Packsättel aufzulegen. Rasch ist diese Arbeit vollendet und es beginnt nun das Beladen des ersten Lotes. Behende tragen zwei Tocadores die eine Ladung ausmachenden beiden Stücke (fardos) zum bestimmten Thiere, dem die Augen mit einem Tuchlappen zugebunden sind, heben sie gleichzeitig auf, legen sie gegen die Cangalha und werfen die Schlingen über deren Kreuz; nun erst wird gerückt, gehoben und geschoben, bis die Last regelrecht liegt; dann wird die Rohhaut darübergeworfen, über diese der Riemen und durch ihn das Ganze mit dem Knebel festgeschnürt. Da sieht man oft sonderbare Lasten, die nur die grosse Erfahrung und Geschicklickeit des Tropeiro zu einer zweckmässigen La- dung vereinigen kann. Hier eine 3 — 4 Fuss hohe und 18 Zoll tiefe Kiste, mit pariser Damenhüten für Diamantina bestimmt, und als Gegengewicht die nämliche Schwere in Roheisen, oder ein Baumwollballen, von einer kleinen Tonne englischer Hufnägel Digitized by LjOOQIC 297 balancirt, und wieder ein mit leichten französischen Waaren ge- füllter Kasten von einem Fässchen portugiesischen Rothweins im Gegengewicht gehalten. Zuweilen besteht die Ladung nur aus einem einzigen grossen Stück, das mit vieler Kunst auf die Mitte des Packsattels befestigt werden muss. Solche Ladungen (es sind oft kleine Klaviere) werden immer viel theurer bezahlt, denn sie ruiniren die Maulthiere weit mehr als die andern. An der Spitze des ersten Lotes geht das Leitthier, gewohn- lich das schönste, kräftigste und erfahrenste der ganzen Tropa. Es ist nicht nur durch seine trefflichen Eigenschaften, sondern aucdi durch sein reiches Geschirr ausgezeichnet. Auf dem Kopfe tr^t es einen rothen oder bunten Panasch aus Baumwolle, auf dem Stirnriemen ein grosses silbernes Schild mit dem Namens- zuge des Patrons; an einem eigenthümlichen Gestelle sind eine Anzahl helltönender Glöcklein angebracht, die bei jeder Be- wegung des Kopfes lustig klingen; das ganze Leder des Kopf- zeuges, des Brustriemens und zuweilen auch des Hinterzeuges ist mit grossen oder kleinen, oft roh gravirten silbernen Zierathen bedeckt. Das Thier ist sich seines Werthes bewusst und daher stolz auf seinen Putz. Tropeiros versichern, dass das Leitthier, dem sein Schmuck und seine Glocken genommen werden, um sie einem andern zu geben ^ traurig und oft krank werde. Es ist dieselbe Erscheinung, die wir auf den Schweizeralpen so häufig bei den Leitkühen finden. Ist das erste Lote fertig beladen, so nimmt der Tocador das Leitthier bei der Halfter, führt es eine kurze Strecke auf den rechten Weg, lässt es los und geht nun hinter der kleinen Truppe her. Jedes der folgenden Lotes wird mit dem Rufe fora! (hinaus) vom Platze weggetrieben und folgt nun dem er- sten. Der letzten Truppe schliesst sich das Maulthier mit dem Kochgeschirr und dem Mundvorrath an; es steht unter der speciellen Aufsicht des jüngsten, den Küchendienst versehenden Burschen. Sobald die ganze Tropa in Marsch ist, folgt ihr der Patron, der bisher das Beladen ordnend, rathend, helfend und befehlend iiberwacht hat, im gestreckten Galop, überzeugt sich - im raschen Digitized by Google 298 Voruberreiten, ob alles in Ordnung sei und eilt dem Zuge vor- aus, um den Weg zu untersuchen. Findet er sumpfige Locher und Moräste (calderoes und atoleiros), die er mit einer Stange sondirt, so steckt er an den gefahrlichsten Stellen einen Baum- ast aufrecht hinein; ist irgendwo eine neue Picada eröffnet, um schlechte Wegstellen zu umgehen, so legt er einen Zweig quer über den Weg, der nicht begangen werden soll, haut allzu sehr überhängende Aeste mit seinem grossen, sdiweren Messer ab, entfernt alle Hindemisse soweit es ihm möglich ist und erwartet dann an dem bestimmten Bancho seine Truppe. Das Leitthier kennt genau die Bedeutung der vom Patron gemachten Zeichen und weicht ihnen sorgfaltig aus; seinem Bei- spiele folgen die übrigen Maulthiere. Unter dem steten Rufe diabo! o! diabo! (Teufel) muntern die Tocadores die Thiere an. Ist eins lässig, steht es still, oder will es sidi vom Wege ent- fernen, so lässt der Treiber einen ganz eigenthümlichen schrillen Pfiff ertönen, ruft das betreffende Thier beim Namen und schlagt da- bei mit einem Stocke auf das DeckfeU des lassen Maulthieres, oder wirft seinen Stecken mit grosser Geschicklichkeit nach ihm. Ist eine Ladung in Unordnung, so läuft er hin, verbindet dem Maul- thiere die Augen, ordnet die Last, während die übrigen vorbei- ziehen; sowie das Geschäft fertig und die Binde weggenommen ist, eilt daJ8 Thier in voUem Trabe, um seinen Platz in der Reihen- folge wieder einzunehmen. So geht es bei grossen Reisen tagaus tagein monatelang. Nur sehr heftige Regen können den Tropeiro nothigen, seiner Ladungen halber einen Rasttag zu machen. Nicht immer ist ihm vergönnt, das schützende Dach eines Randio.zu finden, er muss oft auf freiem Felde oder im Walde sein Nachtquartier aufschlagen und dann erfordert das ihm anvertraute Gut dop- pelte Vorsicht, um es vor Schaden zu schützen. Führt ihn der Weg in die Nähe seines Wohnortes und seiner Famihe, so macht er gern einen Abstecher, um sich und seinen Thieren eine mehr- tägige Erholung von den Beschwerden der Reise zu gönnen. Dies ist besonders bei den Tropeiros der Fall, die Ladungen von Rio de Janeiro nach Diamantina, Minas novas und noch weiter Digitized by LjOOQIC 299 nach Norden übernehmen. Sie sind meistens in den Municipien S** Barbara, Itabira und Sahara ansässig und können mit ge- ringen Umwegen ihr Heimwesen erreichen. Die meisten grossen Ghitsbesitzer haben ihre eigenen Maul- thiere, um ihre Produote auf den Markt, an einen Meereshafen, an die nächste Eisenbahnstation oder zu einem Depot an einer fahrbaren Strasse zu transportiren. Die Recuas stehen unter der Leitung eines Aufsehers (Capataz), der die Stelle des Tropeiro vertritt; die Tocadores sind Sklaven des Fazendeiro. Diese Tro- pas sind in der Regel weniger gut gehalten als jene der Tro- peiros, denn „des Herrn Auge, das die Thiere fett macht", fehlt. Das Maulthier ist für den Waarentransport sowie fiir den Reisenden in jenen Gegenden, in denen statt Strassen nur Saum- pfade sind, von unbezahlbarem Werthe. Seine Stärke, Ausdauer, Genügsamkeit, Klugheit und Sicherheit sind Eigenschaften, die ihm fiir diese Bestimmung einen grossen Vorzug vor dem weit edlern Pferde geben. Es ist eine durchaus nicht zu gewagte Behauptung, dass ohne das Maulthier die Culturstufe in einem grossen Theile Südamerikas eine weit niedrigere wäre, als sie es heute ist. Es ist mir immer aufgefallen, dass die sonst so praktischen und umsichtigen Engländer sich bei ihren Erforschungsexpeditionen von Central-Neuholland nicht der harten und genügsamen Maul- thiere statt der viel empfindlichem Pferde bedienten, da die meisten dieser Unternehmen gerade wegen der zu geringen Aus- dauer der Reit- und Lastthiere ein zu frühes Ende nehmen mussten. Wahrscheinlich ist nur eine zu geringe Bekanntschaft mit den trefflichen Eigenschaften der Maulthiere die Ursache dieser jedenfalls auflfallenden Erscheinung. Es ist freilich nicht in Abrede zu stellen, dass die vielen Untugenden dieser Thiere ihre Behandlung fiir Fremde, die an dieselbe nicht gewohnt sind, sehr erschweren und ausnehmend viel Geduld erfordern; aber sie treten vollkommen in den Hintergrund im Vergleich mit ihren ausserordenthchen Vortheilen bei langen und beschwerlichen Reisen. Kehren wir wieder zum Riberäo do Inferno zurück. Von Digitized by Google 300 der Thalsohle dieses Flüsschens fuhrt der Weg meistens steil bergan bergab nach Queluz. In geringer Entfernung dieses Ortes passirt man ein Flüsschen über eine gute Brücke. Hier überholte mich der von Rio de Janeiro kommende Kurier, er hatte das vordere Schellenthier mit dem Postfelleisen an das hintere, auf dem er ritt, gebunden und eilte im scharfen Trabe nach Norden. Von Engenho an nehmen alle Gewässer einen westlichen oder nordwestliohen Lauf; hier liegt das Quellengebiet des Rio Parapoeba. Zwischen Garandahy und Taipas streicht von Westen die Serra dos Vertentes und trennt dieses Quellengebiet von dem des Rio dos Mortes; Dort ist also die Wasserseheide der beiden grossen Stromgebiete des Rio de S. Francisco ^ von dem einer der beträchtlichen Zuflüsse der Parapoeba, und des Rio Grande, der mit dem Rio Paranahyba den Rio Paraguay^ in seinem spä- tem Verlaufe den Rio Parana, bildet. Kurz bevor man Queluz erreicht, geniesst man eine herrliche Aussicht auf die Serra de Ouro-Branco. Es war Mittag, als ich durch die lange Hauptstrasse dieses Fleckens ritt und ihn ohne Aufenthalt auf elend gepflastertem steilen Wege verliess. Wie so viele grössere Ortschaften des Innern der Provinz Minas verdankt auch Queluz seine Entstehung den Goldsuchern, die zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in Verbindung mit den Indianern der unfern gelegenen Aldea de Carijos den Ort grün- deten. Sie bauten eine N*. S*. da Concei^ao geweihte Kirche; einige solid gebaute Häuser mögen bald danach entstanden sein, als die Goldgruben eine noch ziemlich reiche Ausbeute gaben. Später wurden noch zwei kleinere Kirchen, N*. S*. do Carmo und S. Antonio geweiht, aufgeführt; 1709 wurde der Ort zum Kirchspiel, 1791 zum Flecken (Villa) erhoben. Die Villa selbst soll circa 1200, das ganze Kirchspiel 6000 Seelen zählen. Die Hauptkirche war gerade in Reparatur begriffen und weiss übertüncht, die Thürme aber noch in ihrem alten, verwitterten Kleide, was ganz abenteuerUch aussah. Kaum hatte ich die letzten Häuser von Queluz hinter mir, als ein fürchterliches Gewitter losbrach und mich nach einer Digitized by LjOOQIC 301 Stunde nöthigte, in einem Kastrancho vor den gewaltigen Regen- stromen Schutz zu suchen. Ein jämmerlich aussehender Soldat, in seinen zerrissenen Kleidern vor Kälte klappernd, hatte hier ebenfalls Obdach gesucht; er war Marodeur einer auf dem Marsche nach Norden befindlichen Truppenabtheilung, die ich später traf. Mein Camarada hatte^ eben der Ladung eines der Maulthiere den Riemen gelöst, um sie besser zu legen, als plötz- lich dicht neben uns ein blendender Blitzstrahl mit betäubendem Schlage niederfuhr. Die Thiere sprangen scheu und wild durch- einander; die nicht festgeschnürte Ladung wurde abgeworfen und getreten und ich hatte nebst manchem andern Verluste auch den eines meiner Aneroidbarometer zu bedauern. Da keine Aussicht vorhanden war, dass der Regen bald aufliören werde, ritten wir auf dem ungemein schlüpfrigen Wege weiter. Ich bemerkte viele Araucariagruppen, aber grösstentheils abgestorbene Stämme, die ein recht trauriges Aussehen bieten, und Löcher von Tatus (Gürtelthieren) in den Lehmwänden der Weg- einschnitte in ausserordentlicher Menge. Ich erinnere mich nur, sie noch einmal und zwar im Thale des Rio Pirahy in der Pro- vinz Rio de Janeiro so zahlreich gesehen zu haben. In Vargem trafen wir ein einladendes Haus, leider aber kein Unterkommen, denn es war kein Mais für die Thiere, kein Essen far die Reisenden zu erhalten, zudem war sowol das Haus als auch der Rancho voll von Soldaten, die hier Nachtquartier mach- ten. Es blieb uns nichts übrig, als noch eine halbe Stunde lang einen sehr steilen Berg anzusteigen, um im Dorfe Carreiraa de Ouro-Branco unser Glück zu versuchen. Nach zehnstündigem Ritte fanden wir hier bei einem freundlichen aber sehr neugieri- gen Manne ein erbärmlich schlechtes Quartier. Er woUte wissen, ob Reis, Mais, Bohnen, Bananen, Orangen u. s. f. auch in Ing- laterra wachsen, ob es dort Maulthiere und Pferde gebe, wie die , Häuser ausschauen, ob die Hauptstadt so gross wie Rio de Ja- neiro sei, kurz er wurde mir durch seine Neugierde und Ge- schwätzigkeit in hohem Grade lästig und als er am nächsten Morgen sein Thema fortsetzen wollte, trieb ich mit Hast zur Abreise. Digitized by Google 302 Den ganzen Tag begleitete uns ein durchdringend feiner Rer gen, der sich wiederholt zu heftigen Güssen steigerte. Nach an- derthalbstündigem Ritte erreichten wir das Arrayal do Ofuro^- Branco, Früher wurde hier ziemlich viel ausgezeichnet feines Gold von lichter Farbe (daher der Name Ouro branco, weisses Gold) gewonnen; gegenwärtig sind die Gruben ausgebaut und Armuth ist an die Stelle eines gewissen Wohlstandes, von dem noch einige ^te Häuser Zeugniss ablegen, getreten. Die Be- wohner widmen sich wenig dem Ackerbau und der Viehzucht, sie ziehen es vor, in den alten Bergwerken (lavras) nach äusserst spärlichem Goldgewinne zu suchen. Sie sind der Kropfkrankheit ziemlich stark unterworfen. Das Kirchspiel mit seinem Fihale Itatiaia zählt 1600 Einwohner. Ouro-Branco liegt am Fusse des gleichnamigen Gebirgszugs, dessen Hauptstreichen von Südsüdost nach Norden ist. Sie ist die Fortsetzung der Serra do Sapateiro, die wiederum die nord- liche Fortsetzung der Serra da Mantiqueira bildet. Von ihr aus streicht ein westlicher Ausläufer. Herr von Eschwege und nach ihm einige andere Reisende nannten diesen Gebirgszug Serra de „Dens te livre" (Gott bewahre dich). Dieser Name ist den Brasilianern gänzlich unbekannt und es wurde mir in Ouro- Preto von competenter Seite versichert, er sei nur eine Esch- wege'sche Erfindung. Interessant ist diese Serra in botanischer Beziehung durch ihren alpinen Charakter, in geologischer durch das erste Auftre- ten des Itacolumit, der weiter nach Norden das vorherrschende Gestein bildet. Gleichh inter Ouro-Branco begann ein neuer, sehr guter, zwi- schen abgebauten Lavras durchfiihreuder Weg. Bald aber niussten wir ihn verlassen und den alten einschlagen, da jener an einer Stelle überbrückt werden sollte; wir konnten erst wieder unmittelbar am Fusse der Serra bei der schönen Fazenda des Manoel d'Acosta in ihn einlenken. Während die alte Strasse im Zickzack steil zum Gebirgskamme emporsteigt, zieht sich die neue allmählich an der südlichen Gebirgslehne bergan, überschreitet den Kamm in einem Sattel und erreicht die Höhe der Serra auf der Nordseite Digitized by LjOOQIC 303 nach Westen streichend. In kurzer Entfernung vom Kamme be- merkt man rechts neben dem Wege eine eigenthümliche Felsen- kuppe mit unzähligen von Südwest nach Nordost streichenden Schichtenköpfen. Auffallend ist die spärliche Vegetation auf die- sen Hohen bei verhältnissmässig so unbeträchtlicher Elevation im Vergleich zu europäisdien Gebirgen. Baumvegetation beginnt erst ungefähr 200 Fuss unter dem Kamme in einer östlich lie- genden Schlucht. In hohem Grade überrascht den zum ersten mal von Süden kommenden europäischen Reisenden der Anblidc von mehrere Schuh hohen Pflanzen mit braunen, trockenen, in wenig Aeste getheilten Stämmchen; an jedem Aestchen stehen reihen- und kranzförmig ziemlich grosse, schmale, steife, spitze Blätter, aus deren Mitte eine grosse, blaue, lilienformige Blüte hervorragt. Es sind Baumlilien (Barbacenien und Vellosien). Die Brasilianer nennen sie Cannela d'Ema (Schienbein des Strausses). Wir hatten % Stunden gebraucht, um die Höhe des Ge- birgszugs zu erreichen. Stellenweise war auch der neue Weg in einem elenden Zustande, schmal, felsig und vom Wasser un- terfressen. Beim Hinunterreiten begegneten mir ein paar Rei- sende mit ihrem Gefolge. Einer von ihnen bat mich um Feuer und erzählte mir, dass er von Piamantina komme und die Wege im Norden im elendesten Zustande seien, besonders über die Serra de Cocaes. Gegen Mittag erreichten wir die rechts auf einer Anhöhe liegende Fazenda de D* Vicenza, dann ein gut überbrücktes Flüsschen, um den zweiten Gebirgszug zu über- steigen. Der Weg war hier noch schlechter .als über die erste Serra, stellenweise kaum zum Begehen; an mehrern Punkten waren Brustwehren gegen den Abgrund aufgeführt. Auf dieser Serra tritt der alpine Charakter noch schärfer hervor, die Ve- getation ist noch spärlicher als auf der ersten. Ringsum ist schroffes, kahles Gebirge, alle Schluchten sind von Bächen durchfurcht. Am Fusse dieses Höhenzuges angelangt, bleibt noch ein dritter, niedriger Kamm, die Serra de Itatiaia, zu über- schreiten. Diese sogenannte neue Strasse über die Serra ist theilweise Digitized by Google 304 gut, theilweise recht herzlich schlecht. Man bemerkt wol vielen guten Willen, dabei aber auch eine höchst mangelhafte Technik. An manchen Stellen ist sie von Schutt fiast unwegsam, an andern von den Gewässern ausgefressen; oft fiihrt sie als schmälster Saumpfad über schroffe Felsenplatten. Die Bauten zum Abflüsse der Gebirgsgewässer sind noch die lobenswerthest^i, auch sind alle Flüsschen überbrückt. Am Fusse der Serra beginnt eine breite, schöne Strasse, die gen Ouro-Preto fuhrt. Ich b^iutzte sie nur eine halbe Legoa lang bis zur Rancheria do Ouro-Preto^ wo ich halt machte. Ich hätte die Provinzialhauptstadt noch diesen Tag erreichen können, da aber die Thiere von einem sie- benstündigen Marsche, meistens über Gebirge, ermüdet waren, und wir von dem ununterbrochenen Regen keinen trockenen Fa- den mehr am Leibe hatten, so beschloss ich hier in einem Bancho zu bleiben, trotzdem der Empfang ein nichts weniger als freund- licher war. Die Besitzerin desselben, eine sehr dunkle und sehr dicke Mulattin, versprach mir nach langem Zureden, uns ein Nachtessen zu kochen. Als ich nach einer mehrstündigen Excursion in die Umgegend ermüdet und hungerig in den Rancho zurückkehrte und ein bescheidenes Mahl zu finden hoffite, hiess es „a Senhora da casa esta doente (die Herrin des Hauses ist leidend) und kann nicht kochen. Diese Nachricht war nie- derschlagend und ich seufzte: O quando faba, Pythagorae cognata simalque ^) Uncta satis pingui ponentur oluscula lardol Ein Extratrinkgeld als Opfer auf die schwarze Hand einer Sklavin niedergelegt, hatte endlich die glückliche Folge, dass uns ein paar Stunden später eine Schüssel voU schwarzer Bohnen und Angü vorgesetzt wurden. Nur mit vieler Mühe erhielten wir in der Früh schwarzen Kaffee und mit noch mehr Mühe Mais fiir die Thiere. Nirgends in ganz Brasilien habe ich eine so hartnäckig unfreundliche Behandlung erfahren wie hier. Bis eine Stunde hinter der Rancheria ist die Strasse ausge- ^) Wann wird wieder der Tisch Pytbagoras' Muhmen, die Bohnen, Glänzend vom Fette des Specks, mit anderm Gemüse mir bieten? Digitized by LjOOQIC 305 zeichnet gut, breit und fuhrt grösstentheils sanft bergab. Bei einer steinernen Brücke (ponte de Falcäo) in der Nähe der Fa- zenda de D* Felicidad bricht sie plötzlich ab, aber man bemerkt bedeutende Erdarbeiten für eine grosse neue Strasse über den Gebirgszug nach der Hauptstadt. Hier lenkten wir den alten Weg zur Ersteigung der Serra do Itacolumi ein. Auf ziemlich steilem Pfade war der Kämm in weniger als einer halben Stunde links von der Spitze des Itacolumi erreicht. Der Anblick auf den gegenüberliegenden Morro de ViDa rica war überrasdiend. Auf seinem ziemlich kahlen Gehänge erhebt sich eine stattliche Kirche (Igreja do Alto da Cruz de N*. S*. do Rosario), links neben ihr einzelne grosse weisse Häuser. Man fühlt, dass man sich in der Nähe einer grossem Stadt befindet. Kaum ist man einige himdert Schritt weiter hinuntergestiegen, so eröffnet sich nach links die Aussicht auf Ouro-Preto. Von hier aus hat man die beste Uebersicht über die Provinzialhauptstadt. Ihr AnbUck ist kein freundücher; der Charakter der Mineirostadt des vorigen Jahrhunderts ist in ihr zu scharf ausgeprägt. Wo irgendein glücklicher Goldgräber eine reiche Grube ausbeutete, baute er eine Kirche (meistens sind es Votivkirchen) und neben dieser gruppirten sich unregelmässig genug die Häuser, die erst später zu Strassen verbunden wurden. Die grosse Zahl von Kirchen gibt, von der Vogelperspective betrachtet, der Stadt zwar einen eigenthümlichen, aber keinen schönen Ausdruck. Der steile Weg ins Thal föhrt bei mehrern verlassenen Grubenmündungen vorbei. In einem Garten dicht am Wege bemerkte ich eine riesenhafte, prachtvoll gelbblühende Fackel- distel. In der Thalsohle angelangt hielt ich mein Thier auf der brücke über das Flüsschen Kiberäo de Ouro-Preto, das hier von Nordwest nach Südost fliessend die Hauptstadt von dem gegen- überliegenden Gebirge trennt, und betrachtete mir die nächsten Umgebungen genauer, während ich auf die weiter zurückfolgen- den Diener und Lastthiere. wartete. Die Brücke ist solid von Stein gebaut,' in der Mitte mit einer Rondelle. Auf der einen Seite steht ein länglicher Stein mit einem steinernen Kreuze und der halb verloschenen Inschrift: „Esta ponte foi feita para Tschudi, Reisen durch Südamerika. I. 20 Digitized by LjOOQIC 306 beneficio do publico e acabado em Janeiro 1810." Auf einer Sandbank in dem unbedeutenden Flüsschen hüpften eine grosse Menge Aasgeier (ürubus) herum und vor einem rothangestriche- nen Wachthäuschen vor der Brücke amusirten sich einige Sol- daten mit Kartenspiel. Sie gehörten zum Posten, der den dort gelegenen Pulverthurm zu bewachen hat. Er stand früher höher oben am Berge, wurde dann herunterverlegt, befindet sich aber immer noch in einer gefahrlichen Nähe der Stadt. Man hatte mir das Gasthaus neben der Kirche N*. S*. do Rosario im Stadttheile Kosario als das beste anempfohlen. Der Weg dahin führt durch die Stadt über möglichst schlecht ge- pflasterte Strassen hinan, hinab, oft so steil bergan, dass man an der Möglichkeit verzweifelt, beritten den Berg zu erklimmen, dann wieder so abschüssig bergab, dass man befiirchten muss, mit dem Thiere zu stürzen und den Hals zu brechen. Endlich langten wir vor einem gut aussehenden Hause neben der bezeich- neten Kirche an. Es war das „Hotel dos Amigos". Man wies mir mehrere Gemächer zur Auswahl an. Ich suchte das beste aus und es sei mir vergönnt, eine kurze Skizze dieses Frem- denzimmers zu geben. Ein schmuziges Gemach mit ekelhaftem FuBsboden, dessen weitgeöffiiete Fugen einen Blick in den da- runter liegenden Hof voll Unrath erlauben; Wände, von denen der grösste Theil des Kalkanwurfes heruntergefallen, der Rest aber vollgespuckt; die Decke von Strohmatten, theilweise über- tüncht, aber da, wo der Regen durchdringt, verfault und in Fetzen herunterhängend; dichte Spinnengewebe in allen Ecken; nur Ein Fenster, das überdies noch in eine Art Vorzimmer geht, daher das Gemach an trüben Tagen so finster, dass ich zum Schreiben Licht anzünden musste; eine kaum verschliessbare Thür; kein. Tisch, kein Stuhl (die ich beide erst nach vielem Zureden erhielt), aber zwei Betten mit ekelhaften Matratzen, in einem so trübse- ligen Zustande, dass, als ich das eine, um mehr Platz zu gewin- nen, hinaustragen liess, es beim Anfassen sogleich zusammen- brach; endlich Ungeziefer aller Art, das in Menge den Fussbo- den und die Wände bevölkerte: dies bildete zusammen das beste Fremdenzimmer des ersten Hotels der Hauptstadt .der Provinz Digitized by LjOOQIC 307 Minas geraes, im Jahre des Herrn Eintausend achthundert acht und fünfzig. Ich bin wahrlich genügsam auf Reisen und habe unzähligemal in den möglichst elenden Winkeln zufrieden mein Lager aufgeschlagen, aber ich gestehe, dass ich noch nie an einem Orte, an den man doch berechtigt ist, irgendwelche Ansprüche auf Ordnung und Reinlichkeit zu mächen, ein Quartier so tief unter meinen bescheidensten Erwartungen gefunden habe wie hier in Ouro-Preto. €niit be0 ecflen 6aniie9. Xylographie und Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Digitized by Google Zusätze und Berichtigungen. Zu Seite 13. Am 30. October 1865 traf der erste Pampfer „Havana" der nordamerikanisch-brasilianischen Linie nach einer Reise von 30% Tagen von Neiiyork in Kio de Janeiro ein, wodurch also die neue United States and Brazil Mail-Steam-Ship-Company factisch ins Leben getreten ist. Der Dampfer brachte aus Nordamerika weder Passagiere noch Gut, sondern nur aus den nördlichen Häfen des «Reichs und kehrte ebenfalls ohne Passagiere und Fracht nach Neuyork zurück. Eine schlechte Inauguration der Linie, auf die von brasilianischer Seite so unberechtigt grosse Hofifhungen gesetzt werden. Zu Seite 155. Die Ackerbaugesellschaft „Imperial Instituto Fluminense de Agricultura" hatte es sich zur Aufgabe gestellt, eine Musterlandwirthschafts- schule zu gründen und zu diesem Zweck von der Regierung eine jährliche Subvention von 12 Contos de Reis erhalten. Der botanische Garten wurde als Sitz dieser Schule bestimmt und als deren Director der Lehrer an einer Realschule in Wien, der weder theoretische noch praktische Kenntnisse der Landwirthschaft besass, berufen. Im Jahre 1865 (Aviso 25 de Agosto) sah sich der Agriculturminister veranlasst, der Gesellschaft die Subvention zu ent- ziehen, „da sie die Bedingungen, eine Musterlandwirthschaft zu gründen, nicht . erfüllt habe". Zu Seite 170. Seit 1865 erscheint in Rio de Janeiro auch ein grosseres englisches Journal: „The Anglo-Brasilian 'Times ; political, literary and com- mercial. Editor and Proprietor William ScuUy." Es scheint den Regierungs- kreisen nahe zu stehen. An mehrern Stellen, an denen ^ao oder nao steiht, z. B. 29, 30, 33, 35, 124 u. a. m., soll es heissen: Säo und näo. Sei te 113, Zeile 12 v. u., statt Militärbutget, lies : Militärbudget 124, 127, » 129, 151, 154, » 157, 272, 290, 293, 298, 21 V. o., St.: adiadaa, 1.: adiada 6 V. u., St.: achao-se, 1.: achäo-se 4 V. u., St.: ficao, 1.: ficSo 9 V. o., St.: delä, 1., de lä 12 V. u., St.: von d'Albuquerque, 1.: von Albuquerque 4 V. u., St.: die, 1.: der 8 V. u., St.: portugiesischen, 1.: protestantischen 14 V. o., St.: instrucäo, 1.: instrucpäo 11 V. u., St.: propagadore, 1.: propagadora 9 V. u., St.: Guilberme, 1.: Guilherme 14 V. o., St.: Manqueira, 1.: Mantiqueira 7 V. u., St.: des, 1.: der " ♦ 3 V. o., St.: Roscos, 1.: Roscas 18 V. o., St.: lassen, 1.: letzten .^: ^v Digitized by LjOOQIC jr m id er io ht Nl ise ts. be ie ler 1er «ah nt- cht Digitized by Google Digitized by Google igitized by Google Digitized by Google